Ist es möglich, dass einem der Typ aus dem Fernseher dermaßen den Verstand raubt, dass man an nichts anderes mehr denken kann? Ja, ist es. Das muss Lara am eigenen Leib erfahren. Nach langem, erbitterten Kampf gegen die Gefühle für ihn, einem vollkommen fremden, weit entfernten Schauspieler, gibt sie ihren inneren Widerstand auf und beschließt, ihn in Vancouver, dem Drehort der Serie, zu suchen. In drei verschiedenen Varianten mit unterschiedlichem Ausgang erlebt sie Dinge, die sie sich in Düsseldorf nicht hätte träumen lassen. Wird es ihr gelingen, ihn in der Riesenmetropole Kanadas zu finden? Wird sie auf jemand anderen treffen? Oder wird sie mit demselben Liebeskummer heimfliegen, mit dem sie nach Vancouver kam?

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Jutie Getzler

Jutie Getzler
Jutie Getzler lebt mit ihrem Mann, ihren Söhnen, einer Katze, einem Häschen und vielen Goldfischen in einem kleinen Vorort Dormagens zwischen den Großstädten Köln und Düsseldorf. Neben dem Schreiben, was sie am meisten interessiert, arbeitet sie als chemisch-technische Assistentin und zumeist in den Abendstunden als Yoga- & Pilates-Trainerin. Einer Eingebung zufolge begann sie im Sommer 2003 mit dem Schreiben. Völlig blauäugig hämmerte sie innerhalb eines halben Jahres über tausend Seiten einer fünfteiligen Geschichte in ihren Computer, die unaufhaltsam wuchs. Sie hatte keine Ahnung, wie sie aus diesem Wust an Text ein Buch zauberte. Es kostete sie elf Jahre und mehr als drei Startversuche, aus diesem Chaos-Manuskript ein vernünftiges Buch zu kreieren, vor allem ein „gut lesbares“ Buch. Drei der fünf Manuskripte erschienen im Juli 2016 als interaktiver Roman, der inzwischen auch drei kleine Ableger bekommen hat, die über das Jahr 2017 verteilt erschienen sind.

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Entschluss
Anfang August

Der Sommer zieht gnadenlos vorüber.
   Nachdenklich stehe ich am Fenster und blicke in den tristen Innenhof hinter dem Mehrfamilienhaus, in dem ich ein kleines Apartment bewohne. Ein typisch verregneter Sonntag in Düsseldorf. Ich habe das Gefühl, mein Leben rast an mir vorbei wie dieser Sommer. Mit meinen sechsundzwanzig Jahren gehöre ich zwar noch nicht zur besorgniserregenden Gruppe der hoffnungslosen Fälle, andere in meinem Alter sind jedoch längst verheiratet, haben teilweise schon Kinder. Wie meine Schwester beispielsweise, die nur ein Jahr älter ist als ich. Eine meiner Arbeitskolleginnen wird im Oktober heiraten. Wenn ich es mir recht überlege, kenne ich in meinem näheren Umkreis nicht einen Single außer meiner Wenigkeit. Dumm nur, dass in meinem Leben niemand in Sichtweite ist, der mich auch nur ansatzweise interessieren würde. Zumindest nicht in Düsseldorf.
   Bedrückt beginne ich den Tisch abzuräumen, stehe kurze Zeit später in meiner kleinen Küche, um das bisschen Geschirr abzuwaschen, das ein Single an einem einsamen Wochenende produziert. Mit einem tiefen Seufzer starre ich in das immer trüber werdende Abwaschwasser, sehe wie in einer endlosen Zeitschleife sein Gesicht vor mir. Ein perfekteres habe ich nie vorher gesehen.
   Seit einigen Monaten befinde ich mich in diesem erbarmungswürdigen Zustand realitätsferner Schwärmerei. Selbstverständlich zu jemandem, der kaum weiter entfernt sein könnte. Der schier unerreichbar zu sein scheint. Seit dieser Zeit bin ich nicht mehr ich selbst, fühle mich wie gefangen. Im Alltag funktioniere ich nur noch leidlich, bin mit meinen Gedanken meist woanders. Ich habe keine Ahnung, wie ich ihn aus meinem Kopf bekommen soll. Ich scheine in einem dichten Nebel aus Emotionen und Träumen festzustecken.
   Als ich im März zufällig die Pilotfolge dieser neuen US–Serie sah, war ich total geflasht. Sein verlorener Blick in die Kamera traf mich mitten ins Herz, löste unvorbereitet Gefühle in mir aus, die mir in dieser Intensität fremd waren. Es war wie eine innere Explosion, ein eigenartiger aufwühlender Moment. Ich fühlte mich sonderbar berauscht, die Hitze stieg mir ins Gesicht, mein Magen krampfte sich zusammen und in mir geschahen urplötzlich Dinge, die ich nicht erklären konnte. Neue, einzigartige, nie da gewesene Empfindungen.
   Sein Seriencharakter Mark fühlt sich allein, ist anders als alle anderen. Nicht von dieser Welt muss er seine übernatürlichen Fähigkeiten vor der Menschheit verbergen, was ihn mit jeder Folge einsamer werden lässt. Sein trauriger Blick trifft mich von Woche zu Woche mehr, zieht mich in seinen Bann, ich kann nicht sagen wie sehr.
   Vom ersten Moment an fühlte ich mit ihm, seine Einsamkeit gleicht meiner. Ich habe zwar viele Frösche geküsst, nur wurde aus keinem von ihnen der ersehnte Prinz.
   Blickt Mark vom Bildschirm aus in meine Augen, klopft mein Herz bis zum Hals. Höre ich seine samtweiche Stimme, macht sich eine Gänsehaut auf den Weg, und ich fange an zu träumen. Von einem Treffen mit ihm, von einem Leben mit ihm. Von der ganz großen Liebe.
   Seufzend stelle ich das trockene Geschirr an seinen Platz. Meine Gefühle für ihn können weder echt noch normal sein. Ich muss ihn vergessen. Sinnlose, schmerzhafte Zeitverschwendung, gegen die ich nichts tun kann. Ich habe es versucht. Was auch immer ich mir an selbst auferlegten Ablenkungsstrategien ausgedacht habe, nichts hatte bisher die Macht auf Dauer dagegen anzukommen. Trotz aller Bemühungen, realistisch zu bleiben, weiß ich tief in meinem Inneren, mein Herz will nur einen: Patrick Wellet. Ihn, den Hauptdarsteller meiner neuen Lieblings Serie SmartTown, die mittlerweile in den USA in ihre dritte Staffel geht. Patrick, in seiner ersten großen Rolle als Mark Quent.
   Ununterbrochen geistert er in meinem Kopf umher. Meine Besessenheit geht schon so weit, dass ich meinen diesjährigen Urlaub in Kanada verbringen möchte. Genau genommen in Vancouver, wo diese Serie produziert und gedreht wird und er aus diesem Grund momentan lebt.
   Immer wieder versuche ich, mir unser erstes Treffen auszumalen. Es ist total verrückt, in meiner Fantasie aber greifbar, fühlbar, absolut real. Meine Gedanken drehen sich nur noch um ihn. Gedanken, die in Wirklichkeit nichts anderes als Wunschträume sind. Hirngespinste. Hin und wieder quälen sie mich, meistens sind sie wundervoll.
   Noch nie in meinem Leben bin ich so verknallt gewesen, schon gar nicht in jemanden, der in einer komplett anderen Welt lebt als ich. Weit weg, mehr als zehn Flugstunden entfernt, auf einem anderen Kontinent. Der so unerreichbar ist, wie es eine Illusion nur sein kann. Es ist der Wahnsinn.
   Tief in Gedanken versunken sitze ich am Schreibtisch, starre auf mein Notebook und fixiere die Tastatur. Soll ich es wirklich tun? Seit Langem quält mich dieser Gedanke, die Feigheit hielt mich bisher zurück.
   Entschlossen tippe ich bei Google Vancouver Flug ein. Mein Rechner surrt, mein Herz klopft. Billigflüge. Richtig: Hin- und Rückflug, Düsseldorf – Vancouver.
   Ich warte. Mist, neunhundert Euro. Egal, es muss sein. Bevor mich wieder irgendwelche Zweifel packen, beeile ich mich, den günstigsten Flug zu ergattern. Endlich weiß ich, was zu tun ist. Egal, wie idiotisch mein Vorhaben sein mag.
   Sehnsüchtig bleibt mein Blick an seinem Foto an der Wand hängen. Er lächelt phänomenal überzeugend zu mir herunter. Seufzend lächle ich zurück, klicke dann kurzerhand auf Buchen. Er muss es ja wissen. Eine unangenehme Hitze kriecht in mir empor. Ich tippe zögerlich alle Daten ein, die da verlangt werden. Bin ich irre, vollkommen irregeworden? Vor Aufregung wird mir abwechselnd heiß und kalt. Noch einmal fixiere ich sein Foto, halte einen Moment inne, blicke ihm tief in die Augen und klicke energisch auf Enter.
   Jetzt oder nie!
   Wie versteinert starre ich auf den Bildschirm. Ich habe es getan, nicht zu fassen. Okay, ich bin irre, ganz offensichtlich.
   Sie erhalten Ihre Buchungsbestätigung innerhalb kurzer Zeit per E–Mail, lese ich mit angehaltenem Atem. Ich muss mich zwingen, ruhig zu bleiben. Instinktiv weiß ich, wie wichtig, vor allem richtig diese Reise für mich sein wird.
   Es gibt für jeden Menschen auf der großen weiten Welt die einzig wahre Liebe. Die Kunst ist nur, sie zu finden, die Suche danach niemals aufzugeben. Irgendwo wird es den Richtigen für mich geben. Ich glaube fest daran. Vermutlich habe ich ihn bisher nicht finden können, weil es ihn in Deutschland nicht gibt. Vielleicht in Kanada? In Vancouver?
   Es muss einen Grund für diese irrsinnig intensiven Gefühle der Nähe und Vertrautheit geben. Sie haben etwas zu bedeuten, ganz sicher. Ich muss zu ihm, ihn kennenlernen, im realen Leben – egal wie.
   Ich werde es tun, komme, was wolle. Was habe ich zu verlieren? Nichts, außer meinen Illusionen und Träumen. Was geschieht, soll geschehen. Ich glaube an Schicksal, Fügung und an Bestimmung. Sogar an Liebe auf den ersten Blick und an Zufälle. Trotz meiner Ängste und Bedenken, aller Zweifel, der Unvernunft und den Befürchtungen, ist er der Mann meiner Träume.
   Schlechter als in Düsseldorf kann es mir nirgendwo anders auf der Welt gehen. Schon gar nicht in Vancouver, davon bin ich überzeugt.

Startschuss
Anfang September

Endlich ist es soweit. Die letzten Tage waren nahezu unerträglich. Meine Aufregung steigerte sich von Minute zu Minute, den Inhalt meines Koffers habe ich dreimal umsortiert. Weder Familie noch Freunde ahnen etwas von den wirklichen Beweggründen, die mich nach Vancouver treiben. Keiner weiß von meinen Gefühlen für Patrick. Ich will mich nicht lächerlich machen, ich bin sechsundzwanzig, keine sechzehn. Eine einzige Freundin ist meine Vertraute, Biggi. Sie steht voll hinter mir und wird meine Wohnung hüten, solange ich weg bin. Selbst sie hat keine Ahnung, wie sehr ich in Patrick verschossen bin. Es ist zu peinlich.
   Warum es gerade Kanada sein muss, wollten einige Kollegen in den vergangenen Wochen wissen.
   Weil, nun ja, weil Kanada eines meiner Traumreiseziele ist, begründete ich dann meist stotternd meinen Entschluss. Ich habe etliche Reiseführer und Bücher über British Columbia im Nordwesten Kanadas verschlungen. Insbesondere die Seiten über Vancouver. Es soll dort einmalig schöne Landschaften geben. Flüsse, Wälder, Seen und in der Nähe die Rocky Mountains. Außerdem werden viele Serien und Filme in dieser Region gedreht. Vancouver wird das Klein–Hollywood Kanadas genannt. Letzteres behalte ich natürlich für mich. Ich möchte ihn sehen, ein einziges Mal. Es muss klappen, es muss. Irgendwie.
   Allein schon, um ihn mir endgültig aus dem Kopf zu schlagen, dieser Schwärmerei ein Ende zu setzen.
   Sicher, ich renne einem Traum hinterher, tief in meinem Inneren weiß ich das. Ich muss auf den Boden der Tatsachen zurückkehren, diese Sache ein und für allemal abschließen. Ich hoffe, nach meinem Urlaub dazu in der Lage zu sein.
   Seit Langem fühle ich mich eingeengt, als würde mir jemand den Brustkorb mit einem Gürtel zuschnüren, jeden Tag eine Spur enger. Ich möchte wieder durchatmen können, den Kopf freihaben, für mein wirkliches Leben, für die Realität.

Mit einer Umarmung und einem Kloß im Hals verabschiede ich mich von meiner Schwester, die mich zum Düsseldorfer Flughafen gebracht hat. Ich bin entsetzlich nervös, habe höllische Angst vor den Dingen, die in Vancouver auf mich zukommen. Ich wollte es so, es gibt kein Zurück mehr. Soeben werden meine Flugnummer und das dazugehörige Gate ausgerufen.
   Zaghaft marschiere ich los, geradewegs in Richtung Abenteuer. Nach etlichen Pass– und Gepäckkontrollen, diversen Fußwegen durch mir endlos erscheinende Gänge und reichlich Warterei erreiche ich endlich die Gangway. Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend gehe ich auf den Eingang des Flugzeugs zu, das mich meinem Traum ein Stückchen näher bringen wird.
   An der Bordtür empfangen mich freundliche Flugbegleiter, und nachdem ich meinen Fensterplatz ausfindig gemacht habe, beobachte ich, wie die letzten Gepäckstücke in den unersättlichen Bauch der Boeing eingeladen werden. Ob mein Koffer dabei ist?
   Elf Stunden Nichtstun liegen vor mir. Stunden, in denen ich mir ungebremst das Hirn zermartern und an ihn denken werde. Ich fühle mich ihm so nah, obwohl der Flieger noch lange nicht über den Wolken ist.
   Ob ich mich in Vancouver zurechtfinde? Reicht mein Englisch aus, um mich verständlich auszudrücken? Werde ich herausbekommen, in welcher Gegend er wohnt? Wird es mir gelingen, den aktuellen Drehort auszukundschaften? Der Hammer wäre, zufällig auf das Set zu stoßen, das an den unterschiedlichsten Punkten in und rund um Vancouver aufgebaut wird, wie ich aus dem Internet weiß. Die Studios zu finden, dürfte kein allzu großes Problem werden, hoffe ich. Das Allerwichtigste jedoch – werde ich Patrick überhaupt für einen Augenblick zu Gesicht bekommen?

Bereits kurz nach dem Start rutsche ich ungeduldig wie ein Kleinkind auf meinem Sitz hin und her, kaue an den Fingernägeln und meine Knie vibrieren in ruhelosem Takt. Wie wird es erst in Vancouver in mir aussehen, wenn ich schon jetzt vor Nervosität halb sterbe?
   Eine junge Familie einige Reihen vor mir zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Die Eltern der beiden Kleinen dürften ungefähr in meinem Alter sein. Sie machen einen glücklichen, zufriedenen Eindruck und kümmern sich liebevoll um die Kinder. Die junge Frau schmust mit dem kleinen Jungen, während der Mann dem Mädchen eine Geschichte vorliest. Seufzend beobachte ich die vier, und wünsche, irgendwo auf dieser Welt möge es auch für mich jemanden geben, mit dem ich glücklich werden kann.
   Ich krame mein Smartphone hervor, um Vokabeln zu lernen. Reine Ablenkungsstrategie, aber immens wichtig, um mein Ziel zu erreichen. Die Gedanken kehren zurück. Ob ich mit Patrick sprechen werde? Seinen Ostküstenslang verstehe? Ich habe dem Internet jede erdenkliche Information über ihn entlockt. Er stammt aus New York, lebt seit einigen Jahren in Los Angeles, wie die meisten Schauspieler. Während der Drehzeiten, etwa acht Monate im Jahr, wohnt er in Vancouver. Wenn ich bloß wüsste, wo. Leider ist das World Wide Web nicht allwissend, die wichtigsten Informationen bleiben im Verborgenen.
   Meine Lider werden schwer, die Vokabeln schwimmen häufiger davon. Schemenhaft nehme ich meinen Sitznachbarn wahr, einen netten, älteren Herrn mit schlohweißem Haar. Vorhin habe ich mich kurz mit ihm unterhalten.
   Eine Berührung an meiner Schulter lässt mich zusammenzucken. Eine freundliche Stewardess weist mich auf die leuchtenden Anschnallzeichen hin. Ich muss lange und tief geschlafen haben, stelle ich nach einem Blick auf die Uhr fest.

Der Flugkapitän meldet unsere Ankunft in einer Stunde und prompt spüre ich eine furchtbar kribblige Unruhe in mir. Mein Herz pocht wie vor einer wichtigen Prüfung. Ungehalten warte ich, bis der Flieger unten ist, bin eine der Ersten, die aufspringt, um ihr Handgepäck aus der Klappe zu zerren, als sich die Bordtüren öffnen.
   Nach einer weiteren mir endlos erscheinenden Stunde stehe ich endlich am Gepäckband. Mein Koffer plumpst glücklicherweise ziemlich zeitnah auf das Förderband und mein netter Sitznachbar aus dem Flugzeug hilft, ihn auf einen der Gepäckwagen zu hieven. Ich bedanke mich freundlich und gehe zügig in Richtung Ausgang davon.
   Im Moment sehne ich mich vor allem nach einem Hotelzimmer, in dem ich zur Ruhe kommen kann, bevor ich mich auf die Suche nach Patrick mache. Eine weitere Hürde, die bewältigt werden will, aber das Risiko war es mir wert. Ich habe lange hin und her überlegt, mich aber dagegen entschieden, vorab ein Hotelzimmer zu buchen. Was nützt es mir, am anderen Ende der Stadt zu wohnen, um später zu erfahren, dass die Studios in einer ganz anderen Ecke liegen. Aus diesem Grund ist es zwingend nötig, jemanden zu finden, der mir brauchbare Hinweise geben kann. Mit einem Mal verfluche ich meinen Mut und kann nur hoffen, die Leute in dieser Stadt können mit dem Begriff SmartTown oder Patrick Wellet etwas anfangen.

Entscheidungspunkt

Wird Lara ihren Traummann treffen? Ihn lieben oder hassen lernen? Oder wird er ihr am Ende sogar gleichgültig werden?
   Trifft sie auf jemand anderen, der ihr Herz höher schlagen lässt? Oder wird sie mit demselben Liebeskummer heimfliegen, mit dem sie nach Vancouver kam?
   Geht es ihr eventuell nach diesen zehn Tagen auf der Heimreise noch viel schlechter? Oder wird sie mit einem Glücksgefühl im Bauch heimfliegen?

Entscheide selbst: Was würdest du tun?

Einen Mietwagen nehmen, auf eigene Faust losziehen und versuchen, die Filmstudios und die Drehorte zu finden?

Dem Schicksal vertrauen, ins erstbeste Taxi steigen, in der Hoffnung, der Fahrer hat brauchbare Tipps über die Serie, die Darsteller oder die Drehorte?

Dem Zufall auf die Sprünge helfen, am Flughafen einen Taxifahrer wählen, der altersmäßig am besten passt und wenigstens aussieht, als könne er Serienjunkie sein? Kann doch eigentlich nicht schiefgehen, oder?

Lara & ?



Sonntag
Ankunft

Es wird nicht verkehrt sein, innerlich anzukommen und einige Zeit im Flughafengebäude totzuschlagen, bevor ich mich der unangenehmen Situation stelle, einen Taxifahrer um Hilfe zu bitten. Ich habe Schiss. Es ist komisch, allein in einer fremden Stadt am anderen Ende der Welt zu stehen und nicht zu wissen, wie es weitergeht. Kein Dach über dem Kopf, ohne einen Plan. Ich habe nicht den leisesten Hauch einer Ahnung, in welcher Ecke der Stadt Patrick sein könnte.
   Unbehagliche Gefühle steigen in mir hoch, und um sie in den Griff zu bekommen, steuere ich einen Zeitschriftenladen im Flughafengebäude an, der mich mit Sicherheit eine Zeit lang ablenken wird. Ich wuchte mein Gepäck von dem Wagen, der nicht durch die schmalen Gänge passt. Wie gut, dass der Koffer Rollen hat.
   In einem der Regale fällt mir die brandneue Sonderausgabe der SmartTown-Serienzeitschrift ins Auge. Es ist das vierte Heft dieser Art. Die ersten drei hatte ich vor nicht allzu langer Zeit im Internet bestellt, und per US Mail nach Deutschland einfliegen lassen. Beinah jeden Artikel habe ich mehrfach gelesen, besonders die Interviews mit Patrick kann ich fast auswendig.
   Ich bezahle das Heft, schlendere in Richtung Ausgang und lasse meinen Blick durchs Gebäude schweifen. Ob er bei seinen zahlreichen Trips nach Los Angeles denselben Gang entlang gegangen ist? Eventuell sogar in diesem Laden eine Zeitschrift oder ein Buch gekauft hat? Es ist ein irres Gefühl, ihn so nah zu wissen. Liest er überhaupt etwas anderes außer Drehbücher?
   Noch habe ich keinen blassen Schimmer, wohin mein Weg mich führt. Ich kann nicht in diesem Flughafengebäude campieren, soviel steht fest. Inzwischen spüre ich die Nervosität deutlicher und mir wird klar, ich muss irgendwen um Hilfe bitten.
   Die Rollen meines Koffers quietschen unter der Last, der Rucksack auf meinem Rücken scheint von Minute zu Minute schwerer zu werden. Ich trotte an einigen Schaltern vorbei, die damit werben, die Besten und Billigsten der hiesigen Autovermieter zu sein. Verdammt, ist der Rucksack schwer. Ich bleibe für einen Moment stehen, nehme ihn ab und blättere in der Zeitschrift. Was für eine Wohltat.
   Was ist das? Eine winzige Anzeige, die ans Ende eines Artikels gequetscht wurde, springt mir ins Auge.
   
Background performers
& bit part players for
TV production wanted.
Phone No. 0353260477


Ist das zu fassen? Eine sonderbare Hitze steigt schlagartig in mir hoch. Unter der Anzeige ist in kleinerer, kaum mehr lesbarer Schrift eine Adresse zu entziffern.

BB Studios, Beresford Street, Burnaby, BC

Da werden tatsächlich Komparsen und Statisten gesucht? Wie versteinert stehe ich mitten in dieser Halle und überfliege die Anzeige noch ein-, zweimal. Wie cool ist das denn? Mein Herz macht einen aufgeregten Hopser, das Blut in meinen Adern nimmt Fahrt auf.
   Morgen früh rufe ich dort an, beschließe ich, ohne lange nachzudenken. Heute, am Sonntag, wird es wenig Sinn machen. Es wäre der Hammer, wenn ich …
   Ich spüre meinen Puls bis zum Hals und verbiete mir, dieser absurden Idee weiterhin Aufmerksamkeit zu schenken. Es ist zu verrückt, trotzdem huscht ein Lächeln über mein Gesicht.
   Einer inneren Eingebung folgend steuere ich einen Mietwagenverleih an. Jetzt, wo ich ansatzweise weiß, in welche Gegend ich fahren muss, wird es nicht unpraktisch sein, in einer großen Stadt wie Vancouver ein Auto zu haben. Es gibt zwar den SkyTrain, aber ein begeisterter Fan von öffentlichen Verkehrsmitteln war ich noch nie.
   Mit einem Mal fühle ich so etwas wie Euphorie aufkommen, es läuft besser als erwartet. Mit Sicherheit finde ich in der Nähe der Beresford Street ein bezahlbares Hotel.
   Nach einer kleinen Diskussion mit einem freundlichen Herrn entscheide ich mich für einen silbergrauen Toyota Yaris mit Navigationsfunktion, der mich trotz einiger kleiner Irrfahrten letztlich in ein Hotel namens Lake City Inn nach Burnaby führt. Keine fünf Kilometer von den Studios entfernt, wie mir das Navi versichert.
   Problemlos checke ich dort ein und meine Bleibe für die kommenden zehn Tage gefällt mir ausgesprochen gut. Das Zimmer ist hell und freundlich eingerichtet. Vor allen Dingen sauber und bezahlbar. Vom ersten Moment an fühle ich mich wohl. Die Zimmer gruppieren sich wie eine kleine Reihenhaussiedlung um einen Pool, und da hier nicht viel los zu sein scheint, habe ich die wahnwitzige Hoffnung, ihn ganz für mich allein zu haben. Zufrieden beginne ich, meinen Koffer auszupacken, wobei ich einen meiner Lieblingssongs vor mich hinsumme. Die Sonne strahlt vom Himmel, und solange ich die Hoffnung auf ein positives Telefongespräch morgen früh habe, bin ich guter Dinge.
   Ich frage mich, wie es wäre, als Komparse die Dreharbeiten zu verfolgen. Ob Statisten an die Stars herankommen? Mit ihnen sprechen dürfen? Ein irrer Gedanke, der mich in Träumereien versinken lässt.
   Gegen Abend mache ich mich auf den Weg zu den BB Studios. Mithilfe von Google Maps erreiche ich nach einem halbstündigen Fußmarsch die Beresford Street ohne nennenswerte Komplikationen. Besonders hübsch ist diese Gegend nicht, stelle ich fest. Graue flache Betonklötze in karger, trostloser Umgebung. Ein umzäuntes Gelände, mittendrin schrottreife Autos, Trailer und allerlei Gerümpel. Alles in allem sieht es eher nach Gewerbegebiet als nach Filmproduktionsstätte aus.
   Ich überquere eine schmale Straße, biege nach rechts ab, und stehe vor der ersten großen Halle der SmartTown Studios. Wahnsinn. Obwohl keine Menschenseele zu sehen ist, fühle ich mich eigenartig berührt. Das Wissen, meinem Ziel so nah zu sein, lässt mich meinen Magen spüren. Morgens muss er in die Studios rein, abends wieder raus. Mit ein wenig Glück werde ich ihm begegnen.
   Ein viel zu kleines Schild an der riesengroßen Hallenwand verrät mir, dass ich richtig bin.
   Beresfordstreet Studios, lese ich in winziger Schrift. Links darüber das Symbol einer Filmklappe, kaum erkennbar, trotz allem unfassbar cool.
   Aufgeregt drehe ich mich zweimal um meine eigene Achse. Alles vergittert, ich komme nicht so nah an das Produktionsgebäude heran, wie ich es gern hätte. Egal, ich bin glücklich, superglücklich. Morgen, am Montag, habe ich bestimmt bessere Chancen. Heute ist hier tote Hose.
   Langsam wird es dunkel, ich sollte umkehren. Diese Gegend ist abgelegen und auf den vereinsamten Gehwegen ist mir bisher nur ein älteres Ehepaar begegnet. Nicht vergleichbar mit Vancouvers Innenstadt, wo vermutlich der Bär tobt, an einem Sonntagabend.
   Keine halbe Stunde später lasse ich mich völlig erledigt in die Kissen plumpsen. Ich habe mir mein frisches Hotelbett wirklich verdient, nach diesem langen, anstrengenden Tag.

Montag
Der erste Tag

Direkt nach dem Frühstück wähle ich die angegebene Telefonnummer unter der Anzeige. Mein Herz klopft vor Aufregung schneller.
   »Hallo?«, meldet sich eine jung klingende Frauenstimme.
   Ich räuspere mich. »Ja, hallo, ich – ähm – ich rufe wegen der Anzeige in der neuen SmartTown-Zeitschrift an. Es – es werden Komparsen und Nebendarsteller gesucht, nicht wahr? Ich – äh – ich wollte mich bewerben.« Wütend über mein lächerliches Gestammel bemerke ich, wie sich Schweißperlen auf meiner Stirn bilden.
   Im Hintergrund höre ich hallendes Gepolter, gepaart mit lauten Stimmen. Meine Gesprächspartnerin steht offenbar am Set, wird mir in Sekundenschnelle klar, was meine Aufregung nicht gerade mindert. Etwa neben Patrick?
   »Kein Problem. Ich notiere mir Namen und Telefonnummern. In etwa zwei Wochen rufen wir die Bewerber an, bis dahin musst du dich gedulden«, erklärt sie, und meiner Meinung nach klingt sie hektisch. Mir wird flau im Magen. Verdammt, ich hätte mir keine so großen Hoffnungen machen sollen.
   »Schade, bis dahin bin ich längst zu Hause in Deutschland.« Meine Enttäuschung lähmt meine Stimme, viel zu leise klinge ich.
   »Du kommst aus Deutschland? Ja, richtig – man hört es – netter Akzent«, sagt sie, und ich erwarte nicht weniger als eine einfühlsame, jedoch schonungslose Absage, in der sie mir mitteilen wird, dass nur Landsleute vorsprechen dürfen. Zu meinem Schweißausbruch gesellen sich weiche Knie, sodass ich mich mutlos aufs Bett sinken lasse.
   »Lass mich kurz nachdenken«, meint sie.
   Ich horche auf, sitze kerzengerade, erwartungsvolle Spannung lässt meinen Atem aussetzen. Sie klingt auf einmal mehr als interessiert, erkundigt sich nach meinem Alter und nach der Dauer meines Aufenthalts.
   »Bitte warte einen Moment«, höre ich sie sagen, nachdem ich ihre Fragen wahrheitsgemäß beantwortet habe.
   Sie ruft, lauter, brüllt regelrecht. Vermutlich durch eine riesige Halle, nach jemand, namens Ron. Die Hintergrundgeräusche sind störend. Schallendes Gelächter, metallene, aneinander krachende Gegenstände. Ich frage mich, was da los ist?
   Keine Minute später bekomme ich mit, wie sie irgendwem, bestimmt diesem Ron, von einer jungen Frau aus Deutschland erzählt und etwas von, »Sie wäre prima geeignet für …«, wispert. Sie redet rasend schnell auf ihn ein, und ich muss mir eingestehen, einen gewissen Nachholbedarf an Vokabeln zu haben.
   »Sie hat einen wirklich netten Akzent«, höre ich sie flüstern. Eine angenehme Männerstimme sagt etwas, was ich leider nicht verstehen kann.
   »Kannst du morgen Abend um acht zu einem Casting ins The St. Regis Hotel auf der Dunsmuir Street kommen?«, fragt sie zu meiner Überraschung.
   »Ja, natürlich.«
   »Gut, du wirst in der Halle erwartet. Frag nach Trish oder Ron, okay? Bis morgen dann, bye.« Ich kann mich gerade noch bedanken, da hat sie schon aufgelegt.
   Mit dem Handy in der Hand starre ich verdattert ins Nichts. Habe ich tatsächlich morgen einen Vorstellungstermin für eine Komparsenrolle in meiner Lieblingsserie SmartTown? Ist das ein Traum? Werde ich Patrick begegnen? Ich könnte brüllen vor Freude, kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Was sie mit »… genau das, was wir gerade suchen« meinte, ist mir allerdings schleierhaft. Ein weiterer Gesprächsfetzen, den ich mitbekam, als sie mit diesem Ron sprach. Ich fürchte, mir bleibt nichts anderes übrig, als bis morgen Abend abzuwarten, wenn es auch schwerfällt.
   Als ich später mit meinem Yaris unterwegs in Richtung Downtown bin, denke ich ununterbrochen darüber nach. Was spielt mein Akzent für eine Rolle? Komparsen haben sowieso nichts zu sagen, stehen meist nur dumm im Hintergrund herum, oder?
   Ich finde einen günstigen Parkplatz am Science World Center, mache mich auf den Weg durch Yaletown, einem Stadtteil Vancouvers. Ziellos laufe ich durch die Innenstadt, finde mich plötzlich auf der Dunsmuir Street wieder, was für ein Zufall. Nach einem kleinen Fußmarsch entdecke ich das St. Regis Hotel. Von außen nicht sonderlich ansprechend, finde ich. Auf dem Rückweg werde ich es mir genauer ansehen, jetzt steht mir der Sinn eher nach einer kleinen Shoppingeinheit, um endlich ein Gefühl von Urlaub zu bekommen.
   Nach einer echauffierenden mehrstündigen Tour durch die Innenstadt schmerzen meine Füße dermaßen, dass ich einen Stopp in einem der zahlreichen Starbucks einlege.
   Auf dem Rückweg zum Parkplatz sehe ich vor dem St. Regis Hotel auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Gruppe Fans auf der Lauer liegen. Na so was? Nach einem Blick auf die Uhr geselle ich mich zu ihnen. Es ist bald acht. Wo ist der Tag geblieben?
   Die zumeist weiblichen Fans scheinen nicht viel älter als sechzehn zu sein. Warum sind Mädels in diesem Alter so? Okay, ich schwärme auch für Patrick, nur ist es in meinem Fall anders. Mit sechsundzwanzig schwärmt man einfach auf anderem Niveau, als mit sechzehn.
   Bevor ich mir weiter den Kopf darüber zerbrechen kann, holt mich ein hysterisches Kreischen in die Realität zurück. Ein dunkler Wagen fährt vor, die Türen öffnen sich und ich erkenne Mick, Kerstin und Sami, die nacheinander aussteigen. Gespannt starre ich die drei an. Sami verkörpert in der Serie Marks munteren, meist gut gelaunten Klassenkameraden Piet. Kerstin spielt Laura, die weibliche Hauptrolle neben Patrick, Marks heimliche Liebe.
   Mick winkt lachend in unsere Richtung, löst damit eine Welle der Hysterie aus. Ich sehe ihn als Millionärssohn Alex in einer der Episoden vor mir. Seit einem mysteriösen Unfall in der Kindheit haarlos, spielt er sehr überzeugend Marks etwas älteren Freund, der im Laufe der Serienstaffeln wegen seiner teilweise recht hinterhältigen Versuche, hinter Marks Geheimnis zu kommen, mehr und mehr zu seinem Feind wird. Da Mark ihm einst das Leben rettete, hilft Alex oft mit Geld und guten Beziehungen, Probleme aus der Welt zu schaffen.
   Das Gekreische wird nicht weniger, ich fühle mich fehl am Platz, halte mir entnervt die Ohren zu. Kurzzeitig überlege ich zu gehen, aber die Neugier hält mich zurück. Ob Patrick noch kommt? Selbst aus dieser Entfernung wirkt Mick offen und sympathisch. Er sieht gut aus, sogar ohne Haare.
   Ein zweiter Wagen fährt vor. Mit verhaltenem Atem beobachte ich, wie sich die hintere Tür öffnet, und zwei lange Beine zum Vorschein kommen. Mein Herz klopft zum Zerspringen, ich starre regungslos in seine Richtung. Der Rest von Patrick folgt, er zieht sein schwarzes Basecap tiefer ins Gesicht und eilt in Richtung Drehtür davon. Binnen Sekunden verschwindet er in der Dunkelheit der Halle.
   Desillusioniert trete ich den Rückweg an, sehe hoffnungsvoll und mit einem tiefen Seufzer dem nächsten Tag entgegen. Man konnte nicht einmal seine Augen erkennen. Eigentlich nichts, außer seiner beachtlichen Körperlänge und einigen Strähnen seiner dunklen Haare, die unter der Kappe hervorlugten.
   Morgen um acht habe ich den Casting Termin mit Trish. Hoffentlich habe ich dann mehr Glück. Wird das Schicksal gnädig sein? Werde ich mit Patrick einen winzig kleinen Satz wechseln?

Dienstag
Der zweite Tag, sieben Uhr abends

Seit sage und schreibe drei Stunden schlage ich die Zeit vor dem Spiegel tot. Ich weiß mit meiner Zeit nichts Sinnvolleres anzufangen, als laufend neue und eigenartigere Gesichtsausdrücke zu proben. Total crazy. Bevor es dazu kam, habe ich mich stundenlang gestylt. Ich habe mir die allergrößte Mühe gegeben, sehe auch echt toll aus, wie ich finde. Viel zu viel Aufwand, fürchte ich. Nachher darf ich die zehnte von rechts, in der fünfzigsten Reihe von oben, des mit über fünfhundert Leuten besetzten Football Stadions sein. In dem dann vermutlich eine Szene von maximal zwei Minuten gedreht wird, von der am Ende eine Minute rausgeschnitten wird. Dafür mache ich mich so verrückt? Kopfschüttelnd trete ich den Rückzug an. Es reicht.
   Um viertel vor acht stehe ich mit einem nervösen Druckgefühl im Magen vor dem Hoteleingang, argwöhnisch beobachtet von einigen Fans, die auch heute wieder ihre Wartestellung auf der gegenüberliegenden Straßenseite eingenommen haben. Obwohl ich mega aufgeregt bin, ignoriere ich sie mit selbstbewusster Miene, steuere zielstrebig auf den Wachmann zu. Ich erkenne ihn wieder, er hatte gestern auch Dienst. Ob der Ärmste nicht mal abgelöst wird? Es kann doch nicht gesund sein, sich von morgens bis abends die Beine in den Bauch zu stehen. Bemüht, ihn nicht allzu mitfühlend anzulächeln, versuche ich, cool zu wirken. Er nickt mir freundlich zu, winkt mich wortlos durch. Puh, geschafft.
   Am Empfang der schicken Lobby frage ich nach Trish. Die Dame an der Rezeption scheint informiert und bittet mich, in der Sitzecke im hinteren Bereich der Halle einen Augenblick zu warten.
   Folgsam setze ich mich auf die vornehme dunkelbraune Ledercouch, nehme mit gemischten Gefühlen die Eingangstür ins Visier. Was mache ich, wenn Patrick hereinkommt? Habe ich den Mut ihn anzusprechen? Was könnte ich sagen? Je mehr ich darüber nachdenke, desto hibbeliger werde ich.
   Mitten in meine Überlegungen platzt eine junge Frau, die sich als Trish vorstellt und mir zur Begrüßung die Hand reicht. Sie setzt sich in einen der großen Ledersessel neben der Couch.
   »Schön, dass du gekommen bist. Ich bin unter anderem für die Besetzung und die Organisation verantwortlich. Wir haben telefoniert«, erklärt sie und lächelt nett.
   »Hi, ich bin Lara.« Ich erwidere ihr Lächeln, sie wird nicht viel älter sein als ich.
   »Sicher wunderst du dich, weshalb du allein wartest, nicht wahr?«
   Da hat sie allerdings recht. Ich habe in der Tat nicht mit einem Einzelcasting gerechnet.
   »Es ist so: Wir suchen nicht nur laufend Statisten, sondern hin und wieder auch Leute für kleinere Nebenrollen. Meist sind nur ein bis zwei Sätze zu sagen. Dafür lohnt es nicht, Schauspieler über eine Agentur zu suchen. Zu viel Aufwand und auf Dauer viel zu teuer, verstehst du?«
   Sie macht eine kurze Pause. Ich kann kaum abwarten, bis sie weiterspricht.
   »Rede ich zu schnell?«, fragt sie rücksichtsvoll.
   Ich schüttle den Kopf und sie scheint erleichtert.
   »Gut, unter anderem suchen wir eine Touristin aus Europa, am liebsten in blond. Eigentlich genau jemanden wie dich.« Sie mustert mich kurz.
   Ich bin nicht sicher, ob sie mein Erstaunen bemerkt, sie wirkt auf mich vollkommen überarbeitet. Ausdauernd nestelt sie am Griff ihrer Handtasche, was meine Annahme bestärkt.
   »Wir haben zurzeit einen anspruchsvollen Regisseur, weißt du …«, erklärt sie mit einem gequälten Grinsen.
   »… und der will am liebsten eine Touristin mit echtem Akzent.« Ich nicke.
   »Traust du dir das zu?«
   Aufmerksam fixiert sie mich, aber mir fällt vor Aufregung nichts Besseres ein, als mit den Schultern zu zucken. Eine bemerkenswert coole Geste, wenn man bedenkt, wie es in mir aussieht. »Worum geht es denn? Ich meine, was müsste ich tun oder sagen?«
   Gerade, als sie zu einer Antwort ansetzt, unterbricht uns ein junger Mann. Er kommt forsch auf mich zu, reicht mir mit den Worten »Hi, ich bin Ron. Bleib ruhig sitzen« die Hand und lässt sich gegenüber in den zweiten Sessel fallen. Er kratzt sich kurz am Kopf und grinst mich entschuldigend an.
   »Ron ist unter anderem die rechte Hand unseres Regisseurs«, erklärt Trish und wendet sich ihm zu. »Das ist Lara aus Deutschland. Du weißt, wir sprachen darüber.«
   Ron lächelt freundlich in meine Richtung, ich lächle zurück. Mir bleibt nicht verborgen, wie er mich mustert, während Trish zu weiteren Erklärungen ansetzt. Ich ertappe mich dabei, ihn nicht weniger neugierig zu beobachten. Sein Äußeres ist ansprechend, er wirkt außerordentlich sympathisch. Mit seinen dunkelblonden, strubbligen, kurzen Haaren, den strahlend hellgrünen Augen und seiner sportlichen Figur sieht selbst er wie ein Schauspieler aus. Er dürfte etwa in meinem Alter sein. Scheinbar sind alle Männer in dieser Stadt halbe Riesen, sofern es nicht gerade Asiaten sind, stelle ich beeindruckt fest. Ich mag große Männer.
   »Und, hast du es ihr schon gesagt?« Neugierig sieht er Trish an, die ungeduldig den Kopf schüttelt.
   »Ich war gerade dabei, als du uns unterbrochen hast«, meint sie in leicht vorwurfsvollem Tonfall.
   Ron verzieht das Gesicht zu einer verzweifelten Grimasse und grinst mitleidheischend in meine Richtung. »So ist sie immer zu mir, kannst du dir vorstellen, wie ich leide?«
   »Oh, das tut mir leid«, entgegne ich und lächle, bemüht, ihn mitfühlend anzusehen.
   Trish missachtet seine Klage völlig, holt tief Luft, um unbehelligt fortzufahren. »Also, in der Szene ist Mark gerade im Highspeed-Modus mitten in der Innenstadt hinter einem Dieb her, überrennt beinah eine Touristin mit einer Straßenkarte in der Hand, also dich. Er wird seine Verfolgungsjagd abbrechen, du nutzt den Zusammenprall und sein schlechtes Gewissen, um nach dem Weg zu fragen. Dadurch verliert er seinen eigentlichen Plan aus den Augen. Das ist alles.« Sie macht eine Pause, schaut mich erwartungsvoll an. »Meinst du, das schaffst du?«
   Fassungslos starre ich erst sie, danach Ron an und brauche einen Moment, um zu begreifen, was sie gesagt hat. Allmählich sickert es in mein Bewusstsein, mir wird komisch zumute. Ich soll mit Patrick eine Szene drehen? Das ist nicht möglich. Wie soll das funktionieren? Ich werde umkippen.
   Mit Sicherheit bin ich kreideweiß im Gesicht, kann kaum atmen und sehe mich kurzzeitig nicht in der Verfassung, ihr eine Antwort zu geben.
   »Hast du alles verstanden, oder hat sie zu schnell gesprochen?«, fragt Ron.
   »Ja –, nein –, natürlich habe ich es verstanden, aber …« Beunruhigt knibble ich an einem meiner Fingernägel.
   »Aber was?« Ron sieht mich nachsichtig an. Ich schlucke angestrengt, mein Hals ist wie zugeschnürt.
   »Ich soll mit Mark – ich meine mit Patrick – mit dem Schauspieler – dem echten – Patrick Wellet …?«, stottere ich leise, sehe abwechselnd Trish und Ron an.
   Sie werfen sich einen vergnügten Blick zu, lachen über meine Fassungslosigkeit, als sei es das Normalste von der Welt mit Patrick einen Satz zu wechseln. Mir ist unglaublich warm. Das geht doch nicht?
   »Ja, natürlich. Hast du etwa Angst vor ihm? Er ist zwar ziemlich groß, aber ansonsten relativ harmlos, glaub mir.« Ron grinst jungenhaft.
   Ich blicke Trish Hilfe suchend an.
   »Willst du es probieren? Du musst es nicht umsonst machen. Du bekommst zweihundert Dollar.«
   Ich schlucke, fürchte ich sehe aus, als habe ich einen Zombie gesehen. Wie gut, dass sie nicht weiß, dass ich fünfhundert Dollar zahlen würde, nur um einmal neben Patrick stehen zu dürfen. Nun will sie mir sogar Geld geben, damit ich zusätzlich noch mit ihm rede. Es ist unfassbar. Ich glaube, ich träume.
   »Alles in Ordnung?«
   Wie durch einen Nebel höre ich Rons besorgte Stimme. Ich nicke bloß, sehe ihn wild entschlossen an. »Ich mache es!«
   Er strahlt zufrieden. »Hervorragend, du bist perfekt für diesen Part.«
   Ich grinse ihn keck an, er ist mir unglaublich sympathisch. »Das wird sich erst noch herausstellen«, sage ich mit warnendem Unterton, doch er lacht unbekümmert.
   »Das ist keine große Sache, das wirst du locker hinbekommen.«
   Wahrscheinlich hätte er recht, wenn nicht Patrick neben mir stehen würde. Ich werde keinen Ton herausbekommen.
   Trish und Ron erklären mir in aller Ruhe die Einzelheiten. Donnerstag früh wird mich Ron von meinem Hotel abholen und zum Set mitnehmen. Dort werde ich gestylt und die Szene wird geprobt. Es wird nicht länger als zwei Stunden dauern, meint Trish. Mit klopfendem Herzen und zittrigen Knien höre ich zu, frage mich zwischenzeitlich, ob ich aus Versehen auf einem Glücksplaneten gelandet bin.
   Trish reicht mir ein Blatt Papier mit meinem Text. Ein Blick genügt und ich bin zuversichtlich, diesen kleinen Dialog in einer Minute im Kopf zu haben. Wirklich keine große Sache.
   Urplötzlich springt Ron auf und winkt wie ein Wilder.
   »Hey Patrick, bitte komm mal kurz. Ich möchte dir jemanden vorstellen«, ruft er quer durch die Hotelhalle.
   Ich zucke zusammen, bemerke sofort so was Ähnliches wie panische Herzrhythmusstörungen. Ängstlich und verkrampft blicke ich in die Richtung, in die Ron gewunken hat, und sehe einen genervt dreinblickenden, lustlos heranschlendernden Patrick. Mit völlig verdreckten Klamotten und tief ins Gesicht gezogener Kappe, als komme er frisch aus dem Kuhstall seiner Serien-Farm.
   »Kannst du mich nicht wenigstens im Hotel in Ruhe lassen?«, fragt er anstelle einer Begrüßung übellaunig.
   Ron grinst nur unbeeindruckt. »Du wirst eine halbe Minute deiner kostbaren Zeit erübrigen können, um eine neue Kollegin zu begrüßen, oder? Sie wird die Touristin spielen, du weißt schon. Sie ist auch tatsächlich eine – sie kommt aus Deutschland.«
   Patrick sieht mich mit ausdruckslosem Blick an, und ich erhebe mich wacklig von der Ledercouch. Meine Knie sind weich wie Watte. Eigentlich hätte ich sitzen bleiben können, selbst im Stehen fühle ich mich neben ihm klein wie ein Zwerg. »Hi.«
   Er reicht mir nicht einmal die Hand, sondern hebt sie nur lässig zum Gruß, sieht mich dabei kaum an. »Wie interessant«, sagt er, als gebe es für ihn nichts Uninteressanteres auf Erden. »Kollegin – ist wohl etwas hochgegriffen. Das wird ein eher kurzes Vergnügen, denke ich.« Sein Lächeln wirkt aufgesetzt, sein Tonfall überheblich. Er wendet sich Ron zu. »Ist sonst noch was? Vielleicht was Wichtiges?«
   Ron schüttelt den Kopf.
   »Na, dann bis morgen.« Patrick dreht sich auf dem Absatz um, würdigt mich keines Blickes mehr und schlendert in Richtung Fahrstuhl davon.
   Entgeistert starre ich ihm hinterher. Ich kann kaum zählen, wie oft und in wie vielen unterschiedlichen Varianten ich mir die Begegnung mit ihm ausgemalt habe. Eines kann ich mit Sicherheit sagen, so nicht. Nicht ein einziges Mal war unser erstes Zusammentreffen so – so abgrundtief niederschmetternd. Nein, derart grauenvoll hatte ich es mir nicht vorgestellt. Niemals in dieser Art und Weise, nicht in meinen allerschlimmsten Albträumen. Verdattert schaue ich Ron an. »Boah, hat der schlechte Laune.«
   »Ja, in letzter Zeit häufiger«, sagt Ron.
   Nachdenklich lasse ich mich auf die Couch sinken, fühle mich innerlich wie ausgehöhlt. Ein schreckliches Gefühl. »Er hat viel Stress, nicht wahr?«
   »Den macht er sich teilweise selbst. Er ist Perfektionist, weißt du? Alles muss zweihundertprozentig sein, ansonsten ist er unzufrieden«, erklärt Ron und lacht, als nehme er Patrick nicht ernst.
   Ich nicke wie in Trance, fürchte, meinen traurigen Blick nicht verbergen zu können.
   »Kannst du das bitte ausfüllen?« Trish reicht mir mehrere Formulare und einen Kugelschreiber.
   Freudlos, aber erleichtert, abgelenkt zu sein, lehne ich mich nach vorn, starre auf die Papiere, nicht fähig, mit dem Schreiben zu beginnen. Ich muss versichern, Stillschweigen über die Handlung der Folge zu bewahren. Mir ist mit einem Mal seltsam zumute. Als hätte mir jemand abrupt den Teppich unter den Füßen weggezogen und darunter ist nichts außer einem tiefen, dunklen Loch. Das Bild von meinem Traummann hat binnen Sekunden einen langen, hässlichen Riss bekommen. Ich fürchte, man sieht mir meine Enttäuschung an, weswegen ich mich tief über die Vordrucke beuge.
   Patrick sah super aus, die hellen Augen zu seinen dunklen gewellten Haaren. Sein markantes Gesicht, das Grübchen im Kinn. Seine stattliche Größe, alles war perfekt. Nur die Herzlichkeit in seinem Blick fehlte. Da war nichts, er war wie tot. Schlimmer noch, er wirkte arrogant.
   Ich bin nicht sonderlich konzentriert. In dem Fragebogen geht es um die üblichen personenbezogenen Angaben, wie Adresse, Kontoverbindung und Ähnlichem. Die Szene mit ihm wird kein Vergnügen, dämmert mir langsam. Ich unterschreibe lustlos und reiche Trish die Zettel.
   »Gut, das wäre geklärt. Hast du noch Fragen?« Sie überprüft kurz die Vollständigkeit meiner Angaben.
   Ich schüttle matt meinen Kopf. Der ist leer, absolut hohl. Ist Patrick immer so, wäre meine einzige Frage. Ich spüre einen unangenehmen Druck im Brustkorb, beiße mir auf die Lippen und schweige.
   »Okay, dann verabschiede ich mich, ich habe noch zu tun. Wir sehen uns Donnerstag, okay.« Trish steht auf, reicht mir die Hand.
   »Ich bleib noch, geh du ruhig. Ich unterhalte mich noch ein wenig mit Lara«, gibt Ron ihr zu verstehen.
   Sie nickt ihm dankbar zu und verschwindet eilig in die abendlich beleuchtete City.
   »Gut, was machen wir, hast du noch ein bisschen Zeit?« Ron lächelt mich vertraulich an. »Sollen wir noch irgendwo was trinken gehen? Ich kenne da ein nettes, kleines Lokal?«
   Ich nicke verhalten, mir geht es ziemlich mies. Eigentlich möchte ich lieber allein sein, bringe es aber nicht fertig, ihm eine Abfuhr zu erteilen. Er macht einen so fürsorglichen Eindruck.
   Gemeinsam verlassen wir das Hotel, gehen langsam die Dunsmuir Street entlang. Die Luft ist noch angenehm warm, die Sonne hat sich bemüht und den ganzen Tag vom blauen Himmel geknallt.
   »Was ist mit dir los? Hat es dir die Sprache verschlagen?« Ron schaut mich besorgt an.
   »Nichts. Ich – ich bin aufgeregt.« Was nur die halbe Wahrheit ist. Patrick wirkte kalt und unsympathisch, was mich mehr quält, als mir lieb ist. Um ehrlich zu sein, für ein riesen Chaos in mir sorgt.
   »Wegen Donnerstag?«, fragt er vorsichtig.
   Schweigend nicke ich ihm zu.
   »Ach was, ich bin doch da. Keine Sorge. Ich werde die Leitung dieser Szene übernehmen, Trish ist auch dabei, na – und Patrick, hast du eben auch kennengelernt. Glaub mir, das wird ganz easy.« Ron lächelt aufmunternd in meine Richtung. Er kann nicht ahnen, dass mir genau diese Tatsache so schwer im Magen liegt. Patrick kennengelernt zu haben, ist das Schlimmste des Tages.
   Ron öffnet die Tür zu einem gemütlichen kleinen Lokal, lässt mir den Vortritt. Es ist nicht besonders gut besucht. Wir finden sofort ein ruhiges Eckchen, in dem wir uns ungestört unterhalten können. Er bestellt sich ein Bier und ich meine obligatorische Cola light. Ich versuche Rons Erzählungen konzentriert zu folgen, aber hin und wieder schweifen meine Gedanken ab und ich sehe Patricks unfreundlichen Blick vor mir. Es tut weh. Ron berichtet von den schönsten Plätzen der Gegend, erwähnt, wie gern er durch die Ausläufer der Rocky Mountains wandert und fragt mich, ob ich Lust habe, ihn am kommenden Wochenende zu begleiten. Ich mustere ihn verwundert.
   »Ich meine – nur wenn du nichts Besseres vorhast.« Er lächelt nett.
   Natürlich habe ich nichts anderes vor. »Klar, warum nicht, gern.« Er ist richtig süß. Sein herzliches Lächeln, unerhört einnehmend. Seine hellgrünen Augen strahlen regelrecht. Oder sind sie grau, ich bin nicht sicher. Ich möchte ihn ungern zu intensiv anstarren, um dahinterzukommen.
   »Prima, ich überleg mir eine besonders schöne Route. Bist du fit? Ich meine, Wanderexpertin oder eher unsportliche Anfängerin?«
   Ich nippe an meiner Cola, denke kurz nach. »Weder – noch. Sagen wir, ich bin eine sportliche Wanderanfängerin.«
   Er lacht mich munter an und nimmt einen Schluck aus seinem Bierglas.
   »Kein Problem, da fällt mir schon was ein.«
   Ron ist ungeheuer witzig, bringt mich ständig zum Lachen. Ein kumpelhafter Typ, bei dem es sogar mir leicht fällt, locker draufloszuquatschen. Es macht Spaß, mit ihm zusammen zu sein, sodass die unangenehme Begegnung mit Patrick mehr und mehr in den Hintergrund gerät und ich immer seltener daran zurückdenke.
   Ron wird mir von Minute zu Minute sympathischer, erzählt eine Menge aus seinem Leben, und seine offene Art beeindruckt mich. Er bewohnt eine kleine Wohnung am Stadtrand von Vancouver, ist Single, neunundzwanzig und gehört seit der ersten Folge zum festen Stamm des Drehteams. Genauso lange kennt er die Schauspieler, aber ich vermeide es tunlichst, ihn über Patrick auszufragen. Es schmerzt zu sehr.
   Zu meiner Verwunderung erzählt Ron eine Menge über Mick, alias Alex, Patricks reichen Gegenspieler in der Serie. Mick muss ein total netter, unkomplizierter Typ sein, so wie Ron über ihn spricht. Die beiden scheinen befreundet zu sein, sind offenbar beste Kumpels.
   »Nimm es nicht persönlich, ich meine, weil Patrick vorhin nicht besonders freundlich war. Er hat sich verändert in den letzten Monaten. Weißt du, anfangs waren wir alle noch guter Dinge, dass er auf dem Teppich bleibt. In letzter Zeit haben ihn die Starallüren gepackt. Wenn er nicht gerade dreht, liest er Drehbücher oder lernt Texte. Er ist total ehrgeizig, irgendwie ständig beschäftigt. Er erlaubt sich keinen Fehltritt, wird mehr und mehr zum Profi.«
   Ich nicke, wundere mich, dass er Patrick noch einmal erwähnt, denn es scheint, er hat mit ihm nicht viel am Hut.
   »Er ist eher zurückgezogen, verbringt seine freie Zeit lieber mit seiner Frau als mit uns, auch am Set, verstehst du?«
   »Begleitet sie ihn ständig?«
   »Klar, meistens – warum nicht?« Ron lacht vergnügt, wirft dann mit bedauernder Miene einen Blick auf seine Uhr.
   »Darf ich dich zu deinem Auto begleiten? Ich muss zusehen, dass ich ans Schlafen komme. Morgen früh um sechs klingelt mein Wecker.«
   »Oh, sicher. Ich finde aber auch allein den Weg zum Parkplatz.«
   Er schüttelt entschieden den Kopf. »Nein, kommt nicht infrage, ich begleite dich.«
   Er duldet keine Widerrede, wird mir klar, und so gebe ich nach.
   »Kommst du morgen Abend auch?«, fragt er auf dem Rückweg hoffnungsvoll. Es ist kühl geworden, ich ziehe den Reißverschluss meiner Jacke zu. Wie gut, dass ich sie dabei habe. Langsam wird es ruhiger in der City. Auf den Gehwegen sind nicht mehr ganz so viele Leute unterwegs.
   »Was meinst du? Wohin soll ich kommen?«, frage ich irritiert. Ich weiß nicht, wovon er spricht.
   »Morgen Abend um acht ist das große Casting im Delta Burnaby Hotel & Conference Center auf der Dominion Street.«
   »Falls du es vergessen hast, ich bin heute schon gecastet worden«, witzle ich. »Außerdem erwähnte Trish am Telefon, die Bewerbungen werden zwei Wochen gesammelt?«
   Ron winkt ab. »Bei uns geht es Schlag auf Schlag, das ist wieder eine andere Sache. Für die Highschoolszenen brauchen wir Statisten ohne Ende«, erklärt er.
   Ich fürchte, er hat keine Ahnung, wie alt ich wirklich bin. »Hm, ich denke, aus dem Alter bin ich lange raus.«
   »Na und? Ein kleiner Zusatzverdienst. Zwar gibt’s nicht so viel wie für deine Touristenrolle, aber immerhin.«
   Er wirft mir einen beschwörenden Blick zu. Ich werde das Gefühl nicht los, er möchte mich unbedingt dabeihaben. Warum nicht? Ansonsten sitze ich abends sowieso im Hotel und lese. Nicht sehr spannend. »Also gut, wenn du meinst. Ich hab morgen Abend keine anderen Pläne.«
   Ron scheint zufrieden. »Prima, dann trag ich dich in die Liste ein.«
   Erfreut sieht er mir in die Augen und langsam beschleicht mich das Gefühl, er kümmert sich nicht nur aus beruflichen Gründen so rührend um mich.
   »Du solltest aber vor acht da sein, es wird ein riesen Gedränge vor dem Hotel geben. Wenn man dich nicht durchlassen will, sag, du hast ein Date mit Ron, okay?« Er zwinkert unmissverständlich und ich grinse nur.
   Mein kleiner Wagen steht mittlerweile ziemlich vereinsamt auf dem großen Parkplatz.
   Kurz bevor Ron geht, dreht er sich noch einmal zu mir um. »Übrigens, dein Akzent ist wirklich ganz bezaubernd, unser Regisseur wird sich freuen.«
   Ich lächle ihn dankbar an, und bevor er in der Dunkelheit verschwindet, winkt er mir noch kurz zu. Ein echt netter Kerl. Keine Stunde später falle ich todmüde ins Bett, schaffe es nicht einmal, über die unerfreuliche Begegnung mit Patrick nachzudenken.

Mittwoch
Der dritte Tag

Gegen zehn Uhr wache ich auf und das Gestern erscheint mir absolut unwirklich, geradezu weit entfernt. Habe ich geträumt? Das Gespräch mit Trish und Ron, meine Statistenrolle, die Begegnung mit Patrick in der Hotelhalle und der Abend mit Ron in dem kleinen Lokal. Ist das zu fassen? Patrick war gestern bestimmt nur mies drauf, ist normalerweise weder überheblich noch arrogant. Es könnte doch sein, dass er Ärger mit seiner Frau hat? Oder einen schlechten Tag hatte? Ich kann und will die Hoffnung nicht aufgeben. Er stellt Mark dermaßen überzeugend dar, sieht Laura, seine Serienliebe, in einer Art an, die einem eine Gänsehaut über den Rücken jagt. Jemand der so sympathisch auf dem Bildschirm rüberkommt, kann im wahren Leben kein Ekel sein. Unmöglich. Das gibt es nicht. Ein so guter Schauspieler kann er wahrhaftig nicht sein.

Nach dem Frühstück mache ich mich auf nach Vancouver City. In dieser Stadt tobt das Leben. Wie Ameisen hetzen die Menschen durch die Straßen. Ich lasse mich von dem Stress nicht beeindrucken und schlendere auf einen großen Platz zu. Ob das der morgige Drehort ist? Trish erwähnte etwas in der Richtung. Ein merkwürdiges Ziehen in der Magengegend verbietet mir, weiter darüber nachzudenken. Meine Güte, was habe ich mir da wieder eingebrockt? Ich werde mich total lächerlich machen. Nicht nur das. Mit Sicherheit werden mehr Zuschauer vor Ort sein, als ich verkrafte. Hoffentlich vergesse ich meinen Text nicht, wenn ich erst neben Patrick stehe. Allein der Gedanke lässt meinen Magen einen Looping nach dem anderen drehen. Mir wird leicht übel vor Angst.
   Ich versuche, meine Aufregung zu verdrängen, indem ich in einer der zahlreichen unterirdischen Malls von einem Geschäft zum nächsten bummle, dabei ein sexy Oberteil und eine toll geschnittene Jeans, die einen knackigen Hintern zaubert, erstehe. Zufrieden mit meiner Beute mache ich mich auf den Rückweg zum Hotel, um dort mit meinem Schönheitsprogramm zu beginnen.

Ich fühle mich wohl in dem neuen Outfit, bin trotzdem tierisch nervös, als ich um halb acht auf das Hotel in der Dominion Street zugehe, was mir Ron beschrieben hatte. Schon aus der Ferne erkenne ich einen Pulk junger Leute vor dem Hoteleingang. Beherzt drängle ich mich durch die Menge, bis nach vorn.
   »Ron erwartet mich«, sage ich mit fester Stimme zum Portier, der mich anstandslos durchlässt. Einige der Wartenden beschweren sich, aber ich drehe mich nicht mehr um. Mitten in der Halle sehe ich Ron stehen, der wie hypnotisiert auf sein Handy starrt.
   »Hey, du siehst aus, als hättest du erfahren, dass deine Lieblingsschokolade ausverkauft ist«, rufe ich ihm gut gelaunt zu.
   Erfreut, mich zu sehen, kommt er auf mich zu, seinen verzweifelten Gesichtsausdruck kann er jedoch nicht vor mir verbergen.
   »Was ist los?«
   »Gut, dass du da bist.« Er lächelt mich an. »Dich schickt der Himmel. Gerade hat Trish angerufen. Sie hat Probleme mit ihrem Auto und wird nicht rechtzeitig hier sein. Kannst du für sie einspringen?«
   »Ich? Kommt darauf an, was muss ich tun?«
   »Komm, ich erklär es dir schnell. Ist nicht schwer.« Ron nimmt entschlossen meine Hand. Jeder Widerspruch ist zwecklos, wie mir scheint. Überrumpelt stolpere ich hinter ihm her in einen großen Konferenzsaal.
   Auf langen, dicht aneinandergereihten Tischen stapeln sich bergeweise Aktenordner. Daneben liegt eine Sofortbildkamera bereit. In einer Ecke des Raums entdecke ich einen Scheinwerfer. Ron drückt mich auf einen Stuhl hinter einem der Tische.
   »Sieh her, du übernimmst meinen Part und ich den von Trish.«
   Ich bin ganz Ohr.
   Er nimmt einige Papiere von einem der Stapel und hält sie mir unter die Nase. »Hier sind die Leute in alphabetischer Reihenfolge aufgelistet, die angerufen haben. Du fragst nach dem jeweiligen Namen, machst einen Haken dahinter, und lässt dir den Ausweis zeigen. Alle, die nicht volljährig sind, können direkt wieder gehen, okay?«
   Ich nicke zaghaft, bemüht nichts zu vergessen.
   »Gut, jeder bekommt ein solches Formular und du erklärst, dass sie mit den fertig ausgefüllten Zetteln zu mir kommen sollen. Eventuell musst du ein bisschen helfen. Hier liegen massig Kugelschreiber.« Er deutet auf eine Kiste am Boden.
   »Ich prüfe, ob alles komplett und leserlich ausgefüllt ist, und mache von jedem ein Foto.« Er sieht mich forschend an. »Das war’s, alles klar?«
   Ich grinse. »Hört sich nicht besonders kompliziert an.«
   »Prima.« Er lächelt erleichtert.
   »Macht man so was heutzutage nicht online?«
   »Nein, da kann jeder irgendwelche Fotos schicken, Ausweise fälschen und so weiter.«
   Ich werfe ihm einen erstaunten Blick zu, frage aber nicht weiter nach.
   »Gut, lass uns anfangen.« Er gibt dem Portier ein Zeichen, damit er die ersten zehn reinlässt.
   »Wenn dir jemand besonders gut gefällt, machst du zusätzlich noch ein Kreuz dahinter, okay?«, flüstert Ron mir augenzwinkernd zu.
   »Geht’s hier nach Schönheit?«, frage ich.
   Er nickt lachend und verdreht die Augen übermütig. »Klar, je schöner, desto besser.«
   Ich gebe mich mit dieser Erklärung zufrieden und setze mich aufrecht hin. »Alles klar, kein Problem.«

In Zehnerblöcken schleusen wir die zumeist Jugendlichen durch. Viele haben Probleme mit dem Fragebogen und sind für meine Unterstützung dankbar. Einige sind traurig, weil sie nicht volljährig sind und keine Einverständniserklärung der Eltern vorzeigen können. Andere haben ihren Ausweis vergessen und sind enttäuscht, weil ohne Ausweis gar nichts geht. Zwischendurch streikt Rons Kamera, glücklicherweise nur wegen Batteriemangel, was schnell behoben ist.
   Offenbar von Gewissensbissen geplagt ruft Trish zwischendurch an und fragt, ob sie gebraucht wird und mit dem Taxi nachkommen soll. Ron lehnt dankend ab und erklärt, er habe eine passable Hilfe gefunden.
   Die nächsten zwei Stunden sind wir gut beschäftigt und lassen uns gegen halb elf erschöpft auf die Couch in der Eingangshalle fallen. Wo ist die Zeit geblieben?
   »Das hast du super gemacht, du hast mich gerettet.« Ron blickt mich dankbar an.
   »Was kriege ich dafür«, frage ich scherzhaft.
   Er überlegt kurz und lächelt dann zuckersüß. »Wie wär’s mit einem Küsschen?«
   Grinsend halte ich ihm meine Wange hin, woraufhin er einen zarten Kuss draufdrückt.
   »Ups, sorry, störe ich?«, hören wir Trishs erstaunte Stimme hinter uns.
   »Unsinn. Ich habe nur meine Dankbarkeit ausgedrückt, weil Lara für dich eingesprungen ist. Du hast mich ja mal wieder versetzt.« Ron blickt sie gespielt vorwurfsvoll an.
   »Tatsächlich? Seid ihr schon fertig?« Trish zieht erstaunt die Augenbrauen hoch.
   »Klar, du kommst gerade rechtzeitig, die letzten sind vor fünf Minuten gegangen«, antwortet er mit spöttischem Unterton und reicht ihr die ausgefüllten Fragebögen, inklusive der angeklammerten Fotos. Schön ordentlich nach Alphabet sortiert und tadellos aufeinandergelegt.
   »Wow, ich bin absolut baff.« Sie blättert den Stapel durch und strahlt uns an. »Da kann ich ja wieder gehen, ich muss dringend zu meinem Vater. Er soll nachsehen, was mit meinem Auto los ist. Die alte Kiste will nicht mehr anspringen. Ich habe mir den Wagen von einer Freundin ausgeliehen.«
   Mitfühlend sehe ich sie an.
   »Ja ja, geh nur. Aber ich – ähm – wir haben was gut bei dir«, meint Ron und zwinkert mir zu.
   Trish lächelt in meine Richtung und bedankt sich für den Einsatz. »Okay, ich hau ab. Ich denke, ihr zwei seid sowieso lieber allein.« Sie mustert mich und Ron im Wechsel, ihr Blick spricht Bände. »Schönen Abend noch, ihr zwei«, verabschiedet sie sich, und ist genauso schnell verschwunden, wie sie auftauchte.
   Ich zwinkere Ron belustigt zu, um der Situation Normalität zurückzugeben. Der leicht verklärte Blick, mit dem er mich ansieht, lässt mich zweifeln. Hat Trish ihn auf eine Idee gebracht?
   »Übrigens, wo ist das Foto von mir? Ich habe zwar meinen Namen auf der Liste entdeckt, habe ein Häkchen und sogar ein Kreuzchen dahintergesetzt, aber du hast noch kein Foto von mir gemacht«, erinnere ich ihn schmunzelnd.
   »Oh, sicher. Entschuldige. Das müssen wir schnell nachholen.« Lachend steht er auf und richtet die Kamera auf mich. Ich setze mich in Position und lächle übertrieben. Er drückt ab und nach einer Weile kommt surrend ein Foto aus dem Schlitz. Ron schüttelt es zum Trocknen durch die Luft.
   »Wow, ein tolles Bild«, meint er anerkennend.
   »Zeig her.« Lachend reiße ich es ihm aus den Händen. Dafür, dass es ein Foto aus einer Sofortbildkamera ist, ist es nicht schlecht. Dieser Fotoapparat muss teuer gewesen sein.
   »Ich weiß nicht, mein Lächeln wirkt unnatürlich.«
   Ron nimmt mir das Foto vorsichtig aus der Hand und betrachtet es gewissenhaft. »Nein, ich finde, du siehst toll darauf aus, aber kein Problem, wir machen noch eins.« Er steht entschlossen auf, kommt auf mich zu, dreht meinen Kopf leicht zur Seite, neigt ihn ein wenig nach unten, drapiert meine Haare auf meiner Schulter und sieht mich an. »Perfekt!«, sagt er zufrieden.
   Ich muss über ihn lahen. Er drückt schnell auf den Auslöser und das Ergebnis dieses nervenaufreibenden Fotoshootings ist phänomenal. Ich möchte das Foto am liebsten selbst behalten, aber Ron gibt es nicht her.
   »Dir sollte man wirklich eine größere Rolle geben«, meint er leise und betrachtet bewundernd das Bild.
   »Bestimmt bin ich total unbegabt und mache morgen alles falsch.« Seine direkte Art macht mich nervös. »Außerdem fliege ich am Mittwoch zurück nach Deutschland.«
   Er mustert mich durchdringend, und ich senke meinen Blick. »Ja, schade – echt schade.« Gedankenverloren räumt er die restlichen Utensilien in große Curver Boxen und stapelt alles übereinander. Er wuchtet die Kisten hoch. »Komm, lass uns gehen, ich muss den Kram rüber ins St. Regis bringen.«
   Hilfsbereit nehme ich ihm eine der kleineren Kisten ab.

Lara & ??



Sonntag
Ankunft

»Miss, ich fürchte, Sie werden in dieser Stadt kein freies Hotelzimmer mehr bekommen. Sie haben sich einen überaus ungünstigen Zeitpunkt ausgesucht. In Vancouver ist im Moment der Teufel los. Ein Kongress und eine Messe, verstehen Sie. Zusätzlich tritt in Kürze eine bekannte Band auf, eine Attraktion für junge Leute. Die Karten sind seit Wochen ausverkauft.«
   Ich glaube, nicht richtig zu hören, starre den Fahrer des Taxis entsetzt an. Er war der Erste in der Haltebucht am Flughafen, machte einen so versierten, netten Eindruck auf mich.
   »Versuchen Sie ihr Glück, ich warte, kein Problem.« Er wirkt aufrichtig, doch insgeheim hoffe ich, er liegt falsch mit seiner Annahme.
   Wortlos folge ich seinem Vorschlag, gehe auf die riesige Glastür des ersten Hotels, mitten in Downtown Vancouver, zu. Alles belegt, keine Chance.
   Geduldig fährt er mich von einem Hotel zum nächsten, es sind nicht wenige. An diversen Hotelrezeptionen höre ich jedes Mal den gleichen Satz. »Tut uns leid, Miss. Alles ausgebucht, die Stadt ist voll. Nichts zu machen.«
   Was für ein Albtraum. So hatte ich mir meine Ankunft in Vancouver nicht vorgestellt. Ein Zimmer zu reservieren, war mir ehrlich gesagt nie in den Sinn gekommen. Ich muss zugeben, auf das Wunder der Allwissenheit all jener Taxifahrer gehofft zu haben, die in dieser Stadt arbeiten. Ein Trugschluss, wie ich erfahren musste, kurz nachdem ich in den Wagen des erstbesten Taxifahrers gestiegen war.
   Er wusste nichts, rein gar nichts. Weder SmartTown noch Patrick Wellet waren ihm ein Begriff. Zu allem Überfluss hat er bislang nie ein Set, geschweige denn Schauspieler in dieser Gegend gesehen. Unbegreiflich. Wenn jemand, der in dieser Stadt lebt, zwangsläufig als Taxifahrer viel herumkommt, zudem tagtäglich auf etliche Menschen trifft, nicht einmal irgendwelche Dreharbeiten zu Gesicht bekommt, wie bitte schön soll es mir in lächerlichen zehn Tagen gelingen?
   Ich spüre leichte Panik aufsteigen, hätte eventuell doch nach einem jüngeren Taxifahrer Ausschau halten sollen. Zu spät.
   Vancouver ist riesig. Langsam begreife ich es. Patrick zu treffen, wäre wie ein Sechser im Lotto, inklusive Zusatzzahl. Aussichtslos, absolut unmöglich.

Mittlerweile kommt es mir vor, als sind wir seit Stunden unterwegs, jedenfalls fühle ich mich ausgelaugt und müde. Meine gesamten Hoffnungen, Träume und Vorstellungen wirbeln von einer Minute zur nächsten wie ein chaotischer Trümmerhaufen in meinem Kopf umher, sorgen dafür, dass mein Magen schmerzt und mir vor Enttäuschung übel wird.
   »Was nun?«, frage ich mutlos, werfe einen verunsicherten Blick in Richtung Fahrer.
   Charles, inzwischen haben wir einander vorgestellt, lächelt mich im Rückspiegel zuversichtlich an. »Nicht verzweifeln, Miss Lara. Ich habe eine letzte Idee. Meiner Schwester gehört eine hübsche kleine B&B Pension, etwas außerhalb gelegen, mitten im Wald sozusagen. Dort ist meistens etwas frei. Sollen wir es versuchen?«
   Mir ist inzwischen alles egal. Er wirkt optimistisch, überaus motiviert und trotz meiner Bedenken bin ich froh, einen so netten Taxifahrer erwischt zu haben.
   Ich nicke nur, denke missmutig an die hohe Taxirechnung, die mich erwartet. Wie auch an die nächsten zehn Tage, weit ab vom Schuss, in irgendeinem Wald, einsam und verlassen. Ich fühle mich schrecklich, könnte auf der Stelle losheulen. Allzu lange werde ich die Tränen nicht mehr zurückhalten können, das ist sicher.

Wir lassen die Stadt weit hinter uns, überqueren winzige Flüsse, bewältigen schmale Uferstraßen. Es geht hinaus aufs Land, an riesigen Feldern vorbei, durch kleine Baumgruppen hindurch. Hüglige, gewundene Straßen bergauf, bis in einen großen Wald hinein.
   Eigentlich wollte ich in Downtown von einem Hotel zum nächsten ziehen, versuchen, herauszufinden, wo ich Patrick finden kann. In jedem Geschäft, an sämtlichen Tankstellen nachfragen, ob jemand das Drehteam gesehen hat, oder zufällig weiß, wo die Studios sind. All das ist innerhalb kürzester Zeit unrealisierbar geworden, wird mir schmerzlich bewusst. Ich werde nichts erreichen, weder Patrick noch sonst jemanden von der Crew zu Gesicht bekommen. Mich beschleicht das ungute Gefühl, dieser Urlaub ist für mich so gut wie gelaufen. Was für ein Desaster.
   Mit der Gewissheit, zehn Tage in diesem verlassenen Wald, in der einsamen Pension zu hocken, und nichts anderes tun können, als spazieren zu gehen, fühle ich mich innerlich wie tot. Das darf nicht wahr sein. Es kann nicht sein.

Der Wagen überquert mit knirschenden Reifen einen Kiesparkplatz, hält im nächsten Moment an. Missmutig steige ich aus, stehe auf einem beachtlichen Grundstück vor einem gemütlich wirkenden Haus im ländlichen Stil. Unter anderen Voraussetzungen könnte ich mich, umgeben von dieser prachtvollen grünen Waldlandschaft, bestimmt wohlfühlen.
   »So, da wären wir, gefällt es Ihnen?«
   Verhalten sehe ich mich um. »Ja, sehr nett«, bringe ich höflich zum Ausdruck und lächle Charles bemüht an. Für meinen Geschmack zu viel Natur, alles in allem ruhig, grün, still und einsam. Vor allem langweilig, absolut grottenlangweilig.
   Frustriert sehe ich mich um, selbst der beginnende Sonnenuntergang, der sich in atemberaubenden Goldtönen hinter dem Blattwerk der Bäume bemerkbar macht, kann meine Laune nicht bessern. In der Mitte des Grundstücks erinnert ein uralter Brunnen an die Kulisse eines Märchenfilms.
   Beladen mit meinem Gepäck, steuert Charles die solide Eingangstür an, was mich veranlasst meinen Frust für einen Augenblick zu vergessen und ihm zögerlich zu folgen. Eine freundliche Frau mittleren Alters öffnet, begrüßt ihn dermaßen überschwänglich, als wäre er jahrelang verschollen gewesen. Schmunzelnd beobachte ich die Szene. Sie hat ein wirklich liebenswürdiges Wesen, ist mir auf Anhieb sympathisch. Er stellt uns einander vor, woraufhin sie mich beinah ebenso herzlich begrüßt. Seine Schwester, Caroline, lächelt mitfühlend, als er ihr meine ausweglose Situation erklärt.
   »Ja, ich weiß, in der Stadt ist gerade die Hölle los. Selbst bei mir sind nur noch zwei Einzelzimmer frei, wovon eines ab morgen für einen unserer Stammgäste reserviert ist. Da haben Sie aber noch Glück im Unglück, Miss.«
   Ich atme erleichtert auf. Charles scheint beruhigt, was er mit einem zufriedenen Grinsen in meine Richtung kundtut. Während Caroline ein Schwätzchen mit ihrem Bruder hält und die Formalitäten erledigt, schaue ich mich ein wenig um. Der schmale Flur, liebevoll dekoriert mit Kränzen und Kornährengestecken, wirkt durch die helle Wandfarbe verhältnismäßig freundlich. An einer der Türen entdecke ich ein Schild: Frühstückszimmer.
   Die Tür steht einen Spalt offen, vorsichtig luge ich hinein. Niemand da. Helle Holzmöbel, dazu passende urige Stühle an Vierer-, vereinzelt an Zweiertischen, geben dem naturnah eingerichteten Raum eine wohnliche Note.
   Caroline winkt mich zu sich, übereicht mir einen Zimmerschlüssel. »Wir gehen gleich zusammen hoch«, sagt sie.
   Bruder und Schwester verabschieden sich voneinander, als würden sie sich die kommenden Jahre nicht wiedersehen. Um meine Taxirechnung zu begleichen, begleite ich Charles hinaus.
   »Bleibt alles in der Familie«, meint er augenzwinkernd, »außerdem hatte ich meine Schwester länger nicht gesehen, wissen Sie.« Ehe ich mich versehe, steigt er in sein Taxi und fährt winkend vom Hof.
   Verblüfft starre ich dem Wagen hinterher, der so nach und nach aus meinem Blickfeld verschwindet. Was für ein unglaublich netter Zeitgenosse.
   Meine Wirtin erwartet mich, um mir mein Zimmer zu zeigen. Frühstückszeit ist von acht bis elf, erfahre ich auf dem Weg ins zweite Obergeschoss. Das Zimmer, mit Blick auf den Wald, macht einen einfachen, aber gemütlichen Eindruck. Ich erwähne meine Dankbarkeit ihrem Bruder gegenüber, woraufhin Carolin herzlich lacht. Auf diese Weise hat er ihr schon den einen oder anderen neuen Gast ins Haus gebracht, verrät sie. Einige ihrer langjährigen treusten Stammgäste hat sie ihm zu verdanken.
   »Ruh dich erst mal ordentlich aus, Mädel. Morgen sieht die Welt mit Sicherheit ein bisschen freundlicher aus«, empfiehlt sie mütterlich. Ich bemerke, wie müde und kaputt ich nach diesem anstrengenden Tag bin.
   Im Laufe des Abends schleichen sich sehnsüchtige Gedanken an Patrick in mein Bewusstsein. Schwerfällig packe ich meinen Koffer aus, wenigstens die nötigsten Sachen, ehe ich mich todmüde ins Bett schleppe. Ich frage mich, wie es weitergehen wird, denke mit Grausen an die folgenden Tage und bereue nicht zum ersten Mal, nach Vancouver gekommen zu sein. Zuallererst werde ich morgen eine Autovermietung ausfindig machen. Es kann nicht sein, dass ich die nächsten zehn Tage hier oben festsitzen soll. Fest entschlossen drehe ich mich um, ziehe die Decke bis zu den Ohren hoch und stelle mir Patricks Lächeln vor.

Montag
Erster Tag

Das Erste, was ich an diesem Morgen wahrnehme, ist das Rauschen der Bäume im Wind. Ein schönes Geräusch, daran könnte ich mich gewöhnen. Ich habe prima geschlafen, was bei dieser himmlischen Ruhe kein Wunder ist.
   Mein nächster Gedanke gehört Patrick. Wo mag er sein? Was macht er gerade? Zu wissen, wo sich das Set oder die Studios befinden, wäre das Größte. Ein Auto zu haben, zweifellos unübertroffen.
   Es ist kurz nach zehn. Ich beeile mich, um nicht als Letzte beim Frühstück zu erscheinen. Der Frühstücksraum ist beinah menschenleer, bis auf zwei ältere Damen, die sich angeregt mit der Wirtin unterhalten. Als Caroline mich bemerkt, kommt sie freundlich lächelnd auf mich zu.
   »Na Mädel, hast aber ordentlich lange geschlafen, nicht wahr?«
   Ihre mütterliche Art amüsiert mich.
   Sie deutet auf einen Stuhl an einem der Zweiertische, und nachdem ich sitze, fragt sie mich gründlich aus, was ich gern mag. Es ist ein bisschen wie bei einem Verhör, und als sie in Richtung Küche davon eilt, kommt mir die böse Vorahnung, dass ich in den nächsten Tagen einige Kilos zulegen werde. Wie befürchtet erweist sie sich als überaus fürsorglicher Typ, bei dem niemand den Raum verlässt, ohne nicht ordentlich satt zu sein.

Als ich eine Stunde später die Treppe zu meinem Zimmer hochsteige, fühle ich mich dermaßen voll, dass es notwendig sein wird, ab morgen regelmäßig vor dem Frühstück im Wald zu joggen. Ich bin stolz auf meinen Körper, möchte meine gute Figur auf keinen Fall gefährden. Zum Glück habe ich Sportsachen dabei, mit Stadtbummel oder Sightseeing Tour wird es hier oben im Wald ohnehin nichts werden. Nicht ohne Auto.
   In meinem Zimmer krame ich Geld und die nötigsten Papiere zusammen, und stehe keine zehn Minuten später unschlüssig auf dem großen Platz vor dem Haus mit dem Brunnen in der Mitte. Sehr idyllisch.
   Der Parkplatz liegt genauso vereinsamt da wie die restliche Umgebung, stelle ich mit dem beunruhigenden Gefühl der Hoffnungslosigkeit fest. Ich beschließe, meinen ersten Spaziergang hinter mich zu bringen, dem mit Sicherheit noch neunhundertneunundneunzig weitere folgen werden. Ist Charles gestern Abend an irgendeiner Ortschaft, an Geschäften, eventuell an einer Autovermietung vorbeigekommen? Ich erinnere mich, zu dieser Zeit viel zu sehr in Selbstmitleid versunken gewesen zu sein und demzufolge nicht richtig aufgepasst zu haben.
   Widerwillig setze ich mich in Bewegung, schlendere lustlos die Straße entlang. Es gibt nur die eine, und die muss ja irgendwo hinführen.
   Nach einer zweistündigen Wanderung durch wunderschönes, friedliches, immergrünes »Niemandsland« mit einigen vereinzelt stehenden Häusern, gebe ich entnervt auf und kehre um. Ich konnte mich noch nie für stundenlange Spaziergänge begeistern, obendrein schmerzt mein Rücken. Sobald ich diesen abscheulichen Rückweg hinter mich gebracht habe, werde ich mich bei meiner Pensionswirtin nach einem Autoverleih erkundigen. Bestimmt kann man sich online ein Auto mieten und herbringen lassen. Es muss eine Möglichkeit geben. Ohne fahrbaren Untersatz ist man hier oben total aufgeschmissen, der Einsamkeit sozusagen ausgeliefert. Warum ist mir dieser Einfall nicht vorher gekommen?
   Schnaufend stampfe ich bergauf, nach jedem Meter verzweifle ich mehr. Plötzlich rast ein dunkler Jeep vorbei, der mich zusammenzucken lässt. Seit mehr als drei Stunden habe ich weder Menschen noch Autos zu Gesicht bekommen. Allein diese Tatsache gibt mir das Gefühl, am Ende der Welt zu sein.
   Ich fühle mich mit einem Mal furchtbar einsam, muss an Patrick denken, sehe seine leuchtenden Augen, seinen schönen Mund vor mir. Seufzend stelle ich mir vor, wie es wäre, ihn zu küssen. Mit großer Wahrscheinlichkeit wundervoll bei diesen vollen Lippen, die bestimmt weich und zart sind.
   Tief versunken in meinem Tagtraum überstehe ich den Rest des langweiligen Rückweges schneller als erwartet. Nach insgesamt vier Stunden sinnlosem, anstrengendem Fußmarsch sehe ich den Kiesparkplatz der Pension vor mir liegen, und atme erleichtert auf.
   Na so was, ist das nicht derselbe dunkle Jeep, der vorhin an mir vorbeigefahren war? Es wird der Gast des letzten freien Zimmers sein, nehme ich an.
   Gemächlich gehe ich auf den Jeep zu, drücke meine Nase gegen eine der getönten Scheiben, blinzle neugierig hinein. Ein cooler Wagen, der gehört keinem Rentner, soviel steht fest. Langsam gehe ich ein Fenster weiter, starre auf das Armaturenbrett. Wow, dieses Auto könnte mir auch gefallen. Lange schon träume ich von einem flotten Jeep dieser Art.
   »Irgendwas nicht in Ordnung mit dem Wagen?«
   Ich zucke zusammen, richte mich hektisch auf. Ich glaube, jeder, der es längere Zeit in dieser Einöde aushalten muss, erschrickt bei dem kleinsten Geräusch. Offensichtlich bin ich nach nur einem halben Tag in dieser Stille nicht mehr belastbar.
   Peinlich berührt drehe ich mich um, blicke in zwei wunderschöne braune Augen, die in einem perfekten Gesicht stecken, das zu einem ausgesprochen gut aussehenden Typ gehört, der mindestens einen Kopf größer ist als ich. Schlank, und wie mir auf den ersten Blick scheint, ziemlich gut gebaut ist er obendrein. Er lächelt. Und wie er mich anlächelt. Wow, dieses Lächeln erinnert mich an jemanden.
   Seine dunkelbraunen kurzen Haare stehen wie die Borsten eines Malerpinsels ab.
   Ich kann nicht aufhören mein Gegenüber anzustarren, bin vollkommen fasziniert von dem, was ich sehe.
   »Alles in Ordnung?«, fragt er geduldig, beobachtet mich amüsiert. Seine warme, ruhige Stimme jagt mir einen Schauder über den Rücken. Mir wird bewusst, wie befremdlich mein Verhalten für ihn sein muss, und ich senke meinen Blick.
   »Ich – ähm – ich habe mir nur den Wagen näher angesehen. Weil – also – der ist schon schick. Hätte ich auch gern, so einen, besonders an diesem verlassenen Ort.« Ich hasse mich für dieses alberne Gestammel. Verzweifelt verdrehe ich meine Augen, er lacht mich an. Sein Lachen ist nicht weniger umwerfend.
   »Ich verstehe. Etwas einsam hier oben, nicht wahr? Ich komme gerade deshalb gern her«, bekennt er offen, lächelt dermaßen charmant, dass meine Knie weich werden.
   Er öffnet den Kofferraum des Jeeps, hebt eine übergroße Reisetasche heraus. »Ist nicht meiner, leider nur gemietet, aber mir gefällt der Wagen auch«, sagt er, und lässt den Kofferraumdeckel schwungvoll ins Schloss schnappen. »Bist du zum ersten Mal hier?«, möchte er wissen, lächelt wieder so nett.
   »Ja, und nicht freiwillig, das kannst du mir glauben«, antworte ich geistesgegenwärtig, starre kurzzeitig auf den märchenhaften Brunnen. Mir kommt das Märchen vom Froschkönig in den Sinn, keine Ahnung wieso.
   Während wir in Richtung Eingangstür gehen, erzähle ich von meinem gestrigen Pech, und weil er so vergnügt über mein Missgeschick lacht, erscheint es sogar mir mit einem Mal nicht mehr so tragisch und ich lache mit.
   »Vor einiger Zeit wollte ich meinem Bruder einen Spontanbesuch abstatten, da ist mir das Gleiche passiert. Alle Hotels waren damals ausgebucht, ganz eindeutig hat mich wohl derselbe mysteriöse Taxifahrer in diese abgeschiedene Pension gebracht.« Vergnügt zwinkert er mir zu, mir wird warm. »Weißt du, ein weiterer Vorteil, hier gibt es mit Sicherheit das beste Frühstück von ganz Vancouver«, ereifert er sich, dass seine dunklen Augen begeistert funkeln.
   »Seitdem niste ich mich einzig und allein aus diesem Grund in dieser Pension ein, wenn ich meinen Bruder in Vancouver besuche«, gibt er unumwunden zu.
   Angesichts meiner Wampe kann ich das bestätigen. Noch immer bin ich Papp satt. »Du hast Familie in Vancouver?«
   »Nur meinen Bruder mit Frau. Er arbeitet vorübergehend hier, weißt du. Genau genommen kommen wir aus der Umgebung von New York. Und du? Woher kommst du?« Interessiert mustert er mich.
   »Ich bin aus Deutschland, wollte aber eigentlich – nun – ich hätte lieber zentraler – irgendwo in Downtown gewohnt, weißt du.« Missmutig verziehe ich mein Gesicht.
   »Das wollen alle, die zum ersten Mal nach Vancouver kommen. Aber glaube mir, nachher willst du hier nicht mehr weg. So ging es mir jedenfalls beim ersten Mal. Ich genieße die Ruhe hier oben. In New York ist es laut und hektisch, kannst du dir sicher denken.«
   Nachdenklich nicke ich ihm zu. Ich kann es mir vorstellen, wollte dort nicht wohnen. In der Beziehung bin ich eher ein Landei.
   »Unten in Downtown ist es nicht viel besser.«
   »Warum wohnst du nicht bei deinem Bruder?« Ich beiße mir auf die Lippe, ärgere mich sofort über meine offenkundige Neugier. Das geht mich absolut nichts an.
   »Zu eng, ist nur ein Zweiraumapartment, verstehst du«, erklärt er ungewöhnlich locker.
   Sein Lächeln ist unglaublich. Ich muss mich zusammenreißen, ihn nicht ununterbrochen anzustarren.
   Caroline, unsere mütterliche Wirtin, kommt auf uns zu, lacht schon von Weitem.
   »Ihr zwei habt euch schon bekannt gemacht, das ist schön. Ihr seid die Küken im Haus. Mein Plan war, euch ab morgen an einen gemeinsamen Tisch zu platzieren, wenn es euch recht ist?«
   Sein Blick streift mich kurz, blöderweise habe ich das Gefühl, rot zu werden.
   »Klar, kein Problem«, höre ich ihn sagen.
   Mit einem bekräftigenden Nicken signalisiere auch ich meine Zustimmung, lächle ihn scheu von der Seite an.
   Caroline scheint zufrieden, überreicht ihm einen Schlüssel.
   »Dein Stammzimmer, wie immer«, bemerkt sie augenzwinkernd.
   Er bedankt sich höflich, und sie verschwindet hinter einer der zahlreichen Türen auf diesem Gang.
   »Ich bin ein Gewohnheitsmensch«, erwähnt er wie beiläufig und lächelt wieder so, dass man meint, Patrick lächle einen vom Bildschirm an.
   Er schultert seine Tasche, und wir steigen gemeinsam die Treppe zur zweiten Etage hinauf. Mir ist eigenartig zumute. Urplötzlich fühle ich mich wohl an diesem Ort, in dieser Pension, mitten in dem einsamen Wald.
   Die Suche nach einem Autoverleih, die mir noch vor einer Stunde als unumgänglich, beinah überlebenswichtig erschien, ist in diesem Moment unbedeutend geworden. Er bleibt stehen, zeigt auf eine Tür. »Hier ist es, Nummer vier.«
   »Witzig, ich hab die sechs, direkt da drüben«, sage ich. Unsere Zimmer liegen schräg gegenüber.
   »Okay, da wir ab morgen gemeinsam frühstücken, nun noch Zimmernachbarn sind, sollte ich mich endlich vorstellen. Ich bin Louis, nenn mich Lou, okay.«
   Mit einem warmen Lächeln auf dem Gesicht streckt er mir seine Hand entgegen. Seinen Händen nach zu urteilen ist er kein Handwerker. Seine Haut ist weich, sein Händedruck weder zu sachte noch zu fest. Vielleicht Banker, Anwalt oder Arzt?
   »Hi Lou, ich bin Lara.« Bemüht, meine Unsicherheit zu verbergen, versuche ich, vergnügt zu grinsen.
   »Schön dich kennenzulernen, Lara. Übrigens, ein wirklich schöner Name.« Er zieht die Augenbrauen begeistert hoch, zwinkert mir zu.
   Innerlich aufgewühlt blicke ich ihm in die Augen, fühle mich mit einem Mal wie berauscht. Mein derzeitiger Zustand irritiert mich. Was ist nur mit mir los?
   Wir stehen einfach da, unfähig etwas zu sagen, sehen uns an und halten uns an der Hand. Ich werde langsam nervös, spüre ein Kribbeln. Er räuspert sich, lässt meine Hand vorsichtig los. Diese Stille, verdammt, wie unangenehm. Ich sollte etwas sagen, überlege krampfhaft, aber mein Kopf ist völlig leer. Mir fällt nichts Sinnvolles ein. Ihm scheint es ähnlich zu gehen, er wirkt ebenso verlegen.
   »Wo wolltest du …?«
   »Wann …?«
   Wir brechen zeitgleich unser Schweigen, lachen gleichzeitig darüber, was meine Anspannung ein wenig lindert.
   »Du zuerst.« Er lächelt zuvorkommend, sodass niedliche Mimikfalten in seinen Augenwinkeln sichtbar werden.
   »Okay, wann – also – um wie viel Uhr frühstückst du morgens normalerweise?«
   Er denkt kurz nach. »Eh, sagen wir um halb zehn?«
   »Okay. Jetzt du«, erinnere ich ihn und lächle.
   »Ja, also, ich habe mich gefragt, wo du vorhin hinwolltest, als du da die Straße entlangspaziert bist. Ich meine – ich kann dich gern fahren, wenn du irgendetwas brauchst.«
   Wow, damit habe ich nicht gerechnet. Sichtlich beeindruckt bedanke ich mich für sein nettes Angebot, verspreche, in Kürze darauf zurückzukommen.
   »Okay, dann sehen wir uns morgen früh?« War das nun eine Frage oder eine Feststellung? Ich bin mir nicht sicher. Er blickt mir in die Augen, lächelt, ich kann nicht anders als in seinen Augen zu versinken. Mein Herz klopft auf einmal dermaßen heftig, es wirft mich völlig aus der Bahn.
   »Ja, bis dann«, sage ich, ärgere mich im selben Augenblick darüber. Irgendwie klang es enttäuscht. Ich würde gern weiter mit ihm quatschen, es ist erst später Nachmittag. Er wird müde vom Flug sein, und schlafen wollen. Ich stecke den Schlüssel ins Schloss meiner Zimmertür.
   »Hey Lara!« Abrupt drehe ich mich zu ihm um.
   »Ja?«
   »Ich für meinen Teil bin echt froh, dass es dich auch hierher in die Wildnis verschlagen hat«, sagt Lou leise, gähnt im Anschluss herzzerreißend. Verzeihend grinst er mich an. »Ich bin müde, leg mich jetzt hin.«
   Ich grinse zurück, wünsche ihm einen erholsamen Schlaf. Hat er gespürt, dass ich mich noch nicht von ihm verabschieden wollte? Wie peinlich. Ich denke, er freut sich wirklich, dass ich hier bin. Es ist bestimmt doof, mit Mitte zwanzig ausschließlich Senioren um sich zu haben.
   Wie alt mag er sein?

Ich schalte den Fernseher ein, es ist verdammt still in diesem Zimmer. Mein Magen knurrt, glücklicherweise finde ich noch einen Apfel und einen Müsliriegel in meiner Tasche. Caroline bietet zwar abends eine warme Mahlzeit an, die extra zu zahlen ist, ich habe aber keine große Lust, runterzugehen.
   Mit einem Buch mache ich es mir im Bett gemütlich, komme jedoch nicht wirklich zum Lesen. Meine Gedanken schweifen ständig ab. Ich habe Lou vor einer Stunde kennengelernt, es fühlte sich irrsinnig vertraut an, wie eigenartig. Ich freue mich schon auf das Frühstück mit ihm, nehme mir allerdings fest vor, vorher im Wald zu joggen. Warum habe ich ihn nicht gefragt, ob er …?
   Nein, ich kenne ihn kaum. Das wäre ja schon beinah Belästigung. Ein schönes, wenn auch merkwürdiges Gefühl zu wissen, dass er gegenüber ist, nur durch zwei Wände und einen schmalen Flur von mir getrennt. Er ist nah, greifbar, er gefällt mir wahnsinnig gut. Zum ersten Mal seit Monaten denke ich nicht nur und ausschließlich an Patrick. Mindestens genauso oft geistert Lou bis kurz vorm Einschlafen in meinem Kopf umher.

Dienstag
Zweiter Tag

Acht Uhr, der Wecker klingelt nervtötend. Murrend drehe ich mich um, bringe ihn mit einem gezielten Schlag zum Schweigen. Ich muss verrückt sein, mir im Urlaub so etwas anzutun. Die Gedanken an Carolines reichhaltiges Frühstück und an Lou im Zimmer gegenüber treiben mich aus dem warmen gemütlichen Bett. Verschlafen schlüpfe ich in meine Joggingklamotten, werfe einen schnellen Blick aus dem Fenster. Es ist trocken, die Sonne strahlt vom blauen Himmel. Hervorragend.
   Ich nehme mir nicht einmal die Zeit, die Schnürsenkel meiner Laufschuhe zuzubinden, husche eilig aus dem Zimmer. Leise schließe ich die Tür hinter mir, schleiche an Lous Zimmer vorbei. Die Holzdielen knarren unter meinen Sohlen, verdammt.
   Wie er wohl im Schlaf aussehen mag? Mit einem verzückten Lächeln auf dem Gesicht, laufe ich die Treppe herunter, schnüre vor dem Haus die Schuhe zu. Ich fühle mich gut, voller Tatendrang und Lust auf diesen Tag. So habe ich mich seit Langem nicht gefühlt.
   Mir ist schleierhaft, wieso mein erster Gedanke an diesem Morgen nicht Patrick, sondern Lou galt. Mit seinem Lächeln vor meinem geistigen Auge jogge ich den Waldweg entlang. Die Luft riecht nach feuchtem Moos.
   An der Gabelung wähle ich den breitesten Weg durch das Gehölz. Mit guter Waldluft in der Nase und weichem Waldboden unter den Füßen werde ich allmählich wacher. Ich sollte mir die Strecke einprägen, damit ich später nicht verloren im Wald umherirre. Wäre ungeschickt, sich am ersten Tag zu verlaufen, ohne Brotkrumen dabeizuhaben. Wieso kommen mir ständig Märchen in den Sinn?
   Es tut gut, durch die morgendliche Frische zu laufen. Ich atme tief ein, versuche, all die unerfreulichen Gedanken zu verdrängen, die mir nicht zum ersten Mal durch den Kopf schwirren. Bin ich sein Typ? Mit Sicherheit hat er eine Freundin, so toll, wie er aussieht. Was für ein schrecklicher Gedanke.
   Mit einem Mal höre ich Stimmen, gedämpft, weit entfernt, die nach und nach lauter werden. In regelmäßigen Abständen sehe ich mich um, aber weder hinter noch vor oder neben mir ist irgendwer zu sehen. Eigenartig. Die Stimmen nähern sich, dringen klarer zu mir durch. Männer, es sind lachende Männerstimmen, eindeutig.
   Verängstigt bleibe ich stehen, drehe mich zweimal um meine eigene Achse, lausche angestrengt. Noch immer ist weit und breit niemand zu sehen. Bestimmt Waldarbeiter, rede ich mir beruhigend zu. Mein Versuch, durch die dicht stehenden Bäume zu linsen, um etwas zu erkennen, scheitert kläglich. Gerade als ich weiterlaufen will, entdecke ich schemenhaft eine tiefer gelegene, lichtdurchflutete Waldschneise. Ich muss bergauf gelaufen sein, ohne es zu registrieren. Neugierig folge ich dem Weg ein Stückchen, entdecke zufälligerweise in einer Biegung eine gut geeignete Stelle, um durch die Bäume zu spähen. So gelingt es mir, der Sache mit den rätselhaften Stimmen auf den Grund zu gehen.
   Verwundert beobachte ich, wie dort unten Zelte aufgebaut werden. Soweit ich sehen kann, auch Tische und Stühle. Ich erkenne sogar einen Klappstuhl mit der Aufschrift REGIE. Starr vor Spannung beobachte ich die Arbeiter, sehe wie Scheinwerfer und Kameras aus einem Trailer geräumt werden. Das kann nicht wahr sein. Habe ich das Set einer Filmcrew entdeckt? Ausgerechnet ich, gerade heute? Das ist der Hammer. Sollte es sich um SmartTown handeln, kippe ich wie ein gefällter Baum um, allerdings wäre das ein Zufall zu viel. Meiner Meinung nach zu weit hergeholt, unmöglich.
   Vancouver wird als das kanadische Hollywood bezeichnet, das weiß ich wohl. In der Gegend werden etliche amerikanische Serien und Filme gedreht, da wird es sich nicht ausgerechnet um meine Lieblingsserie handeln. Die Twilight-Saga soll in Vancouvers Wäldern entstanden sein, was mich nur noch neugieriger macht. Hier oben in der Einöde, mitten im Wald, das Set einer Filmcrew zu entdecken, ist cool. Was ein glücklicher Zufall. Wer rechnet denn damit?
   Wie gebannt sehe ich den Männern zu, aber wie mir scheint, kommen die interessanten Leute erst später.
   Mein Magen knurrt, Lou kommt mir in den Sinn und ich werfe einen hektischen Blick auf meine Uhr. Mist, kurz vor neun, ich muss noch duschen. Auf keinen Fall will ich zu spät zum Frühstück kommen. Es wird besser sein, später wieder herzukommen. Vermutlich gibt es bis dahin mehr zu sehen. Momentan finden nur irgendwelche langweiligen Vorbereitungen statt.
   Überstürzt sprinte ich los, erreiche zehn Minuten später schnaufend und völlig verschwitzt die Pension. Zwei Stufen auf einmal nehmend, hetze ich die Treppe hinauf, verlangsame mein Tempo, und schließe möglichst geräuschlos meine Tür auf. Einen Moment lang halte ich inne, lausche, ob sich im gegenüberliegenden Zimmer etwas tut. Nichts. Lou wird doch nicht verschlafen? Ob ich bei ihm klopfen soll, bevor ich runter gehe? Nein, das wäre dreist.
   Letzten Endes muss ich mich sputen, um rechtzeitig fertig zu werden. Die Zeit reicht gerade noch, um meine langen Haare flink und kopfüber einigermaßen trocken zu föhnen. Mit einer wilden Löwenmähne auf dem Kopf und einem eigenartigen Druckgefühl in der Magengegend, erscheine ich beinah pünktlich im Frühstücksraum, sehe Lou schon dort sitzen. Obwohl ich total aufgeregt bin, freue ich mich wie wahnsinnig, ihn wiederzusehen. Er blickt auf, lächelt erfreut, als er mich bemerkt.
   »Hey, guten Morgen, Shakira. Hast du gut geschlafen?« Spaßig blinzelt er mich an.
   »Danke ja. Bis auf die Tatsache, dass mein Kopfkissen heute Nacht explodiert sein muss, habe ich sehr gut geschlafen.«
   »Nicht schlecht, gefällt mir«, meint er und mustert beeindruckt meine Mähne.
   Irgendwie scheint er heute noch besser auszusehen als gestern Nachmittag. Er ist ganz und gar nicht weniger interessant und gut aussehend als Patrick, stelle ich mit rasendem Puls fest. »Und du, wie hast du geschlafen?«
   »Ich habe den New Yorker Straßenlärm etwas vermisst«, gibt er mit einem schelmischen Grinsen zu. »Aber glücklicherweise gab es ja nebenan eine Explosion.«
   Wir lachen schallend, als Caroline eine große Kanne Tee an unseren Tisch bringt. An seinen trockenen Humor könnte ich mich gewöhnen. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht wünscht sie uns weiterhin viel Spaß.
   »Du bist kein Kaffeetrinker«, frage ich überrascht, »wie praktisch.« Lou schüttelt widerstrebend den Kopf.
   »Nee, wenn, dann am liebsten süßen Milchkaffee.«
   Ich rühre in meiner Tasse. »Ja, ich auch. Das passt dann ja.« Ich schlucke krampfhaft. Wie blöd so etwas zu sagen. Natürlich passt es, im Moment passt einfach alles. Er hat eine eigenartige Wirkung auf mich. Seine angenehme, gleichmütige Art gefällt mir, beruhigt mich, verwirrt mich gleichzeitig. Ich möchte ihn immerzu nur ansehen. Seine braunen Augen, sein hübsches Gesicht, eigentlich alles an ihm lässt mein Herz höher schlagen.
   Langsam leert sich das Frühstückszimmer, die anderen Gäste, zumeist ältere Leute, verlassen nach und nach den Raum. Wir bleiben zurück, und ich genieße es, mit ihm allein zu sein. Endlich können wir so laut lachen, wie wir wollen.
   »Übrigens, ich bin echt froh, dass du in der Stadt kein Zimmer gefunden hast.«
   »Das ist aber nicht nett von dir«, entgegne ich mit gespielter Empörung, sehe ihn schmollend an. »So sitze ich hier oben im Wald fest, langweile mich, erlebe vor allen Dingen nichts Aufregendes.«
   »Aber – wir hätten uns nicht kennengelernt«, stellt er mit sanfter Stimme fest, sieht mich mit einem Blick an, der eine Art Gefühlsexplosion in mir auslöst.
   Ich glaube, so hat mich bisher niemand angesehen. Die eben noch so heitere Atmosphäre ist in diesem Augenblick wie weggeblasen. Mir wird abwechselnd heiß und kalt, und außer einem gemurmelten »Ja, da hast du allerdings recht« bekomme ich keinen Ton heraus. Ich spüre mein Herz und meinen Magen immer deutlicher. Es fühlt sich an, als wären tausend Schmetterlinge in mir unterwegs, die wild flatternd versuchen, alles auf den Kopf zu stellen.
   Gibt es so etwas wirklich? Habe ich mich verknallt? Ich kenne ihn doch überhaupt nicht. Der Gefühlssturm in mir legt meine Gedanken lahm. Für einen Moment starre ich sprachlos ins Nichts, um seinem Blick zu entkommen. Ich bin mir beinah sicher, mich Hals über Kopf in ihn verliebt zu haben. War ich nicht noch vor ein paar Tagen fest davon überzeugt, niemandem wird es gelingen, Patrick aus meinem Herzen zu verbannen. Wie kann es sein, dass er es innerhalb weniger Stunden schafft? Sein liebevoller Blick bringt mich vollends aus dem Gleichgewicht, ich starre auf das Tischtuch.
   »Was hast du heute vor?«, fragt er behutsam.
   »Ich wollte eigentlich nach einem Autoverleih suchen, damit ich endlich was anderes unternehmen kann, als im Wald umherzuirren.«
   »Wozu? Ich hab eins. Wir können zusammen losziehen, wenn du Lust hast. Es wäre jedenfalls toll, wenn du – ähm – wenn wir gemeinsam …«, stammelt er verlegen.
   Ich finde ihn umwerfend. Hat er etwa Angst, ich empfinde es als aufdringlich, und erteile ihm eine Abfuhr? In mir tobt ein Orkan, ich bemühe mich, überrascht auszusehen. Unentschlossen zucke ich mit den Achseln. Genau das wollte ich hören, aber er muss es ja nicht sofort mitkriegen. »Gut – warum nicht?« Ich muss mich zusammenreißen, mein Temperament zu zügeln, ihm nicht um den Hals zu fallen, oder johlend und grölend vor Freude durch den Saal zu hüpfen. »Ich meine – ich dachte, du bist in Vancouver, um deinen Bruder zu besuchen?«, sage ich kontrolliert.
   Lou strahlt mich erleichtert an. »Ach der – der muss um diese Zeit sowieso arbeiten. Ich werde ihn gegen Abend anrufen, dann sehen wir weiter«, meint er lässig, und befördert meinen Einwand mit einer wegwerfenden Handbewegung ins Nirwana.
   »Okay, prima. Dann ernenne ich dich hiermit zu meinem Chauffeur und meinem privaten Reiseführer. Schließlich warst du schon oft hier und kannst mir bestimmt die schönsten und interessantesten Plätze der Region zeigen, nicht wahr?«
   Er scheint zufrieden, grinst mit jungenhaftem Charme. »Gern, es wird mir eine Freude sein, Miss Lara«, sagt er, verbeugt sich galant, sodass wir wieder lachen müssen.
   Caroline kommt lächelnd auf uns zu, fragt rücksichtsvoll, ob sie unseren Tisch abräumen darf.
   »Ja natürlich, übrigens, das Frühstück war ganz hervorragend, wie immer«, lobt Lou und sie strahlt ihn dankbar an.
   Unauffällig beobachte ich ihn, bewundere seine freundliche charmante Art. Er wickelt bestimmt jedes weibliche Wesen im Null-Komma-Nix um den Finger, kann sich vor Verehrerinnen vermutlich kaum retten. Ich versuche, diese selbstquälerischen Gedanken mit aller Macht zu verdrängen.
   Wir verlassen den Frühstücksraum, steigen nebeneinander die Treppe hinauf. Was, wenn er eine Freundin hat, vielleicht verlobt ist? Einen Ring trägt er jedenfalls nicht. Weder am rechten noch am linken Ringfinger. Wie alt mag er sein? Ich hätte so viele Fragen.
   Wieso sollte er sich auch gerade in jemanden aus Deutschland verlieben? Eine solche Beziehung hat auf Dauer keine Zukunft. Es wird genug Mädels geben, die sich nach ihm verzehren.
   »So nachdenklich?« Lou sieht mich lächelnd an, und kurzzeitig halte ich meine Gedanken für unglaublich weit hergeholt.
   »Was möchtest du machen, was interessiert dich?« Du, einfach nur du! Ich muss innerlich über meinen Gedanken schmunzeln.
   »Magst du Tiere?«
   Ich nicke.
   »Okay, ich hab eine Idee. Lass dich überraschen.«
   Ich verkneife mir, ihn auszufragen. Es ist mir ehrlich gesagt völlig schnuppe, solange ich mit ihm zusammen sein kann. »Wo es dir gefällt, wird es mir auch gefallen.«
   Er lächelt besonnen, und ich freue mich wie Blöde auf den Tag mit ihm.
   »In einer Viertelstunde klopfe ich an deine Tür, okay? Ich muss noch schnell telefonieren.«
   Unsere Wege trennen sich, er verschwindet in seinem Zimmer.
   Ich binde meine Mähne locker zu einem Pferdeschwanz zusammen, benutze ausnahmsweise einen Lippenstift, nachdem ich meine Zähne ausgesprochen gründlich geputzt habe. Ich will toll aussehen, wenn er gleich vor meiner Tür steht. Wen muss er so dringend anrufen? Seinen Bruder? Seine Freundin?
   Verdammt, dieser Gedanke geht mir nicht aus dem Kopf, schmerzt regelrecht. Ich schiebe ihn weit von mir, stopfe das Nötigste wie Geld, Handy und eine Flasche Wasser in meinen Rucksack, als es klopft. Wie aus heiterem Himmel spüre ich wieder diese verrückten Schmetterlinge wild in mir herumschwirren. Hat es mich schon so erwischt?
   Hastig öffne ich die Tür, Lou lächelt mich unternehmungslustig an.
   »Bist du so weit?«
   Anstelle einer Antwort drücke ich ihm meinen Rucksack in die Hand und ziehe die Zimmertür hinter mir ins Schloss.
   »Hey, ich bin dein Chauffeur, nicht dein Packesel.« Er lacht.
   Die Situation bereitet mir Kopfzerbrechen. Warum fühle ich mich so ungewöhnlich frei und unbelastet, sobald er in meiner Nähe ist? Empfindungen, die ich nicht kenne, mich eventuell nicht erinnere, sie jemals kennengelernt zu haben?
   »Weißt du, ich hatte meiner Ma versprochen, anzurufen, habe es gestern Abend völlig vergessen«, gesteht er auf dem Weg nach unten.
   Ich versuche, mir meine Erleichterung nicht anmerken zu lassen. »Mütter machen sich ständig Sorgen, nicht wahr?«
   »Hast du Geschwister?«
   Voll konzentriert nehme ich die Treppenstufen ins Visier, um nicht danebenzutreten. In diesem Treppenhaus ist es etwas finster. »Ja, eine Schwester. Sie ist verheiratet, hat einen kleinen Sohn«, antworte ich.
   »Cool, ich habe auch zwei ältere Schwestern – verheiratet – ähm – wie mein Bruder. Irgendwie sind bei uns in der Familie alle verheiratet – außer mir.« Er wirkt nachdenklich, und ich frage mich, was er mir damit sagen will.
   Ich hatte beschlossen es ruhig angehen zu lassen, ihn nicht auszufragen, aber mit seiner Anmerkung drängt es sich geradezu auf. »Bist du nicht ein bisschen zu jung?«
   Er reagiert eigenartig betroffen. »Ähm, ich bin vierundzwanzig, war lange Zeit verlobt.«
   Verblüfft sehe ich zu ihm auf, er ist nicht gerade klein. Sein Alter ist keine große Überraschung, dass er verlobt war, dafür umso mehr. »Was ist passiert?«
   Er räuspert sich, unangenehm berührt, wie unschwer zu erkennen ist. Allerdings sagt mir mein Bauchgefühl, er hat insgeheim gehofft, dass ich genau danach frage. Mir scheint, er ist nicht richtig darüber hinweg.
   »Ich – also, ich habe mich vor einiger Zeit von meiner Verlobten getrennt. Wir … Es hat nicht gepasst, weißt du. Leider habe ich es zu spät bemerkt. Sie war halt nicht die Richtige.« Er beobachtet mich von der Seite, als hätte er Angst vor meiner Reaktion.
   »Ach, wirklich? Das tut mir leid.« Ich bemühe mich, unbeteiligt zu klingen, obwohl mich seine Äußerung total neugierig macht.
   »Und du?« Gespannt beäugt er mich.
   »Ich bin sechsundzwanzig, war bisher weder verlobt noch verheiratet.« Ich schmunzele. »Bin ungewollter Single.« Mir ist bewusst, seine nächste Frage mit beantwortet zu haben. Somit wäre diese Sache geklärt, was ihm zu gefallen scheint.
   Zufrieden lächelnd öffnet er die Beifahrertür des schwarzen Jeeps, lässt mich einsteigen. Ich wundere mich nicht zum ersten Mal über seine guten Manieren.

Er fährt die Straße hinunter, die ich gestern vier Stunden entlang marschiert bin, um einen Autoverleih zu finden. Ich erzähle von dieser Tortur, meiner Verzweiflung, weil ich außer ein paar Häusern weit und breit nichts Entsprechendes entdecken konnte.
   »Hier oben gibt es nicht viel anderes«, bemerkt Lou, »aber ehrlich, ich finde es toll. Ich möchte später auf dem Land leben, am besten auf einem alten Bauernhof, mit ausreichend Platz für Tiere. Dort eine Tierarztpraxis eröffnen, hoffentlich genug verdienen und glücklich und zufrieden vor mich hinleben.«
   »Wirklich?« Die Gedankenvielfalt, mit der er seine Zukunftsvision beschreibt, beeindruckt mich, verrät mir, dass er sich häufig damit beschäftigt. Der Klang seiner Stimme, die Art und Weise, wie er seinen Traum schildert, lösen angenehme Gefühle in mir aus. Mir gefällt seine Vorstellung, ich fühle mich durchaus angesprochen. Mein Interesse an ihm steigt noch mehr. »Hm, hört sich unverschämt gut an – würde mir auch gefallen. Vorausgesetzt, man hat ein Auto zur Verfügung.« Ich zwinkere ihm zu.
   »Dein Ernst?« Ungläubig lacht er in meine Richtung.
   »Ja, klar – wieso nicht? Als Kind habe ich davon geträumt, Tierärztin zu werden. Tiere kann ich nie genug um mich haben, auf einem Bauernhof zu leben, wäre der Burner.«
   Lou mustert mich, als habe er ein Gespenst gesehen, schüttelt argwöhnisch seinen Kopf, was ich nicht auf mir sitzen lassen kann. Ich begreife sein offensichtliches Erstaunen nicht.
   »Wieso glaubst du mir nicht? Okay, ich wollte wenigstens Tierpflegerin werden, aber meine Mutter redete es mir erfolgreich aus. Als ich älter wurde, habe ich mir in den Kopf gesetzt, einen Bauern zu heiraten, damit ich aus der Stadt rauskomme. Weder das eine noch das andere hat bisher funktioniert. Langsam gebe ich die Hoffnung auf, jemals in einem Haus auf dem Land zu wohnen.« Ich fürchte, er glaubt mir noch immer nicht. »Ich lüge nicht!«
   Er räuspert sich kurz, wirft mir einen skeptischen Blick zu. »Meiner Verlobten war genau das ein Graus. In dieser Beziehung hat sie mich nie verstanden. Sie ist der totale Stadtmensch, Partys, High Society, Jetset, Promis, Highlife, verstehst du?« Der Klang seiner Stimme verrät Schmerz und verletzte Gefühle. Zu gern wüsste ich, was seine Ex ihm angetan hat, wage aber nicht zu fragen.
   »Weißt du, für mich sind das oberflächliche, nichtssagende Dinge«, fügt er nach einer Weile hinzu.
   »Da sind wir einer Meinung«, sage ich.
   Er scheint angenehm überrascht zu sein.
   »Obwohl ich bei dem ein oder anderen Star zu gern wüsste, wie er im wirklichen Leben ist.« Patrick kommt mir in den Sinn, und ich blicke lächelnd aus dem Autofenster.
   »Hm, wozu? Sind Menschen wie du und ich«, nuschelt Lou argwöhnisch, runzelt seine Stirn leicht, wie ich mit einem Seitenblick feststelle.
   Ich denke, ich sollte das Gespräch in eine andere Richtung lenken. Dieses Thema scheint ihm Magenschmerzen zu bereiten. »Bist du Tierarzt?«
   »Noch nicht, leider. Ich studiere Tiermedizin, bin fast fertig, muss zusammenschreiben und für die Prüfungen lernen. Hatte in letzter Zeit eine schlechte Phase, komme nicht recht voran, mir fehlt der nötige Drive, weißt du. Ich war einige Male kurz davor, alles hinzuschmeißen, aufzugeben, um dasselbe zu tun wie mein Bruder.«
   Ich ärgere mich, offenbar habe ich ein weiteres Problemthema seines Lebens erwischt. »Warum das?«
   »Er verdient eine Menge Geld, ohne je studiert zu haben und ich – ich liege meinen Eltern noch auf der Tasche.« Es scheint ihn zu belasten, er wirkt bedrückt.
   »Wie alt ist dein Bruder?«
   »Drei Jahre älter als ich.«
   Einen Moment lang starre ich nachdenklich aus dem Fenster, beobachte eine riesige Krähe, die versucht, in einem Erdklumpen auf dem Feld etwas Essbares zu finden. Er scheint nicht glücklich mit seinem Leben zu sein. »In drei Jahre wirst du genauso weit sein wie er, warte ab.«
   »Danke, du machst mir Mut.« Lou zwinkert mir zu, wir lächeln uns einvernehmlich an.
   Langsam lassen wir die ländliche Gegend hinter uns, die ersten Wolkenkratzer von Downtown sind in der Ferne erkennbar.
   »Wie oft warst du in Vancouver?«
   »Dreimal, mir gefällt es hier, meine Eltern bezahlen mir netterweise den Flug und die Unterkunft. Sie sind froh, wenn einer aus der Familie Neuigkeiten von meinem Bruder berichten kann. Ich meine, wie es ihm geht, was er so treibt. Meine Eltern können nicht oft herkommen, sie haben nicht die Zeit, wie ich als Student. Weißt du, meine Ma hätte ihre Kinder am liebsten ständig um sich, zumindest ganz in ihrer Nähe.« Er lächelt milde.
   »Verstehst du dich gut mit deinem Bruder?«
   »Ja, supergut. Ich war geschockt, als er nach L.A. ging. Weißt du, er ist nicht nur mein Bruder, sondern mein bester Kumpel. Wir haben meist viel Spaß miteinander.«
   Ich kann ihm gerade nicht folgen. »Wieso Los Angeles? Ich denke, ihr kommt aus New York?« Verständnislos und auf der Suche nach dem Zusammenhang sehe ich ihn an.
   »Zuerst ist er des Jobs wegen nach L.A. gezogen, hat dort ein Haus, hier lebt er nur vorübergehend, verstehst du?«
   Langsam blicke ich nicht mehr durch, ziehe verwundert meine Augenbrauen hoch. »In Vancouver hat er eine Wohnung, in Los Angeles ein Haus? Der muss ja richtig Kohle haben.«
   Lou lacht über mein erstauntes Gesicht. »Millionär ist er nicht, noch nicht. Die Wohnung in Vancouver ist gemietet.«
   Ich nicke, gebe mich damit zufrieden. Was interessiert mich auch sein Bruder? Er interessiert mich. Und wie! Ich beobachte ihn von der Seite. Er hat wunderschöne lange, dunkle Wimpern, ein sehr reizvolles Profil. Und erst sein wunderschöner Mund – hach – er ist einfach nur schnucklig.
   Unerwartet schaut er zu mir herüber, wie ertappt senke ich meinen Blick. Mein kompletter Rumpf besteht aus einem riesigen, sagenhaften Knäuel an Gefühl – für ihn. Mir ist nicht klar, wie mir das passieren konnte. »Wann sind wir da?« Ruhelos klopfe ich auf meine Knie.
   »Noch fünf Minuten«, antwortet er mit einem sanften Lächeln.
   Er hält auf einem großen Parkplatz, ich springe ungeduldig aus dem Wagen. Stanley Park, lese ich auf einem Schild, sehe mich neugierig um. Rechter Hand entdecke ich den Jachthafen, dahinter ragen einige von Vancouvers Wolkenkratzern in die Höhe. Wir steuern auf ein Tor zu.
   »Ist das ein Zoo?«, frage ich quirlig.
   »Richtig.« Lächelnd bestätigt er meine Vermutung. »So was ähnliches. British Columbias tierische Unterwasserwelt sozusagen. Riesige Aquarien, unter anderem mit meinen speziellen Freunden, die ich jedes Mal besuche, wenn ich in Vancouver bin.«
   Ich staune nicht schlecht. »Wow«, rufe ich begeistert, »woher wusstest du, dass ich total auf so was stehe?«
   Lou schenkt mir einen innigen Blick. »Ich wusste es nicht, habe es gehofft. Ich wollte dir einige von Vancouvers Attraktionen zeigen. Du hast gesagt, wo es mir gefällt, wird es dir auch gefallen. Und voilà, da sind wir.« Er grinst selbstzufrieden, steuert auf den Eingang des Aquariums zu und zahlt für uns den Eintritt.
   »Lass mich raten, deine Freunde sind zwei dicke Flusspferde?«
   Sein verstörter Blick bringt mich zum Lachen. »Okay, einen Versuch hast du noch«, fordert er schmunzelnd.
   Übermütig grinse ich ihn an. »Na gut, meinst du Delfine?«
   »Ganz schön clever.«
   Wir schlendern an den Becken vorbei. Es ist eine faszinierend andere Welt. Ich bin schwer beeindruckt, und Lou freut sich über meine augenscheinliche Begeisterung.
   »Eine hervorragende Idee, ich könnte Stunden in diesem Aquarium verbringen«, raune ich ihm zu, bemerke völlig unvorbereitet, wie seine Hand vorsichtig nach meiner tastet, sie behutsam umschließt. Mein Herz macht einen Hüpfer vor Freude, und ich fühle urplötzlich eine Gluthitze in mir hochsteigen.
   »Komm, ich zeig dir meine zwei Freunde«, schlägt Lou mit gedämpfter Stimme vor, hält meine Hand warm in seiner.
   Wir gehen nebeneinander, miteinander, Hand in Hand. Er weiß genau, wohin er gehen muss, während ich wie in Trance neben ihm her schwebe. Unglaublich prickelnd, wunderbar angenehm ist es, mit ihm an diesen meerwassergefüllten Becken vorbei zu schlendern. Ich spüre einen warmen Schauder durch meinen gesamten Körper kriechen. Die verrückten Schmetterlinge versuchen, meinen gesamten Innenraum einzunehmen.
   Verdammt, ich hab mich total in ihn verknallt.
   Die Delfine begrüßen uns an der Scheibe. Es scheint, als lächeln sie uns an. Lou zieht mich auf eine Bank, wo wir beobachten, wie seine Freunde ihre Bahnen durch das Becken ziehen. Wir sind uns einig, Delfine sollten nicht in Gefangenschaft gehalten werden, es sei denn, sie sind krank oder verletzt. Ich genieße die Zeit, unsere Gespräche sind lustig, unkompliziert, locker und es macht großen Spaß, mit ihm zu reden. Unentwegt hält er meine Hand, ich spüre seine Nähe, nicht nur äußerlich, auch innerlich. Er macht kein Geheimnis daraus, wie sehr er mich mag. Zeitweise fühle ich mich, wie in einem nicht enden wollenden Traum gefangen.
   »Hast du auch solchen Hunger?«, flüstert Lou, als wir später auf der nächsten Bank vor dem Becken der weißen Belugawale sitzen. In diesem Augenblick knurrt mein Magen unüberhörbar. Damit hat sich die Antwort erübrigt. Wo ist die Zeit geblieben?
   Lachend steht er auf und zieht mich mit den Worten »Komm, ich kenne ein gutes Restaurant in der Nähe, ich lade dich ein« überaus schwungvoll von der Bank hoch, sodass ich gegen seine Brust pralle.
   Für einen Augenblick hält er mich im Arm, und ich schaue verdattert zu ihm auf. Ich bemerke das sanfte Lächeln seiner Mundwinkel, spüre seine Wärme und seinen Atem. Er ist mir so nah, mein Herz klopft wie Blöde.
   »Nein, quatsch, du hast den Eintritt bezahlt, nun bin ich an der Reihe. Ich lade dich ein, keine Widerrede«, entgegne ich, um meine Aufregung zu überspielen. Irgendwie muss ich mich auf andere Gedanken bringen, wir haben uns gestern erst kennengelernt. Nichtsdestotrotz scheint alles klar zu sein, geradezu unvermeidbar, absolut sicher, ich fühle es.
   »Wenn es dich glücklich macht.« Er lächelt gönnerhaft, und wir verlassen das Aquarium durch einen Seitenausgang.

Nach einem kurzen Fußweg erreichen wir ein passables Restaurant. Lou hält die Tür gentlemenlike auf, und ich entscheide mich für einen ruhigen, geschützten Platz in einer Ecke. Ich studiere die Speisekarte ausgiebig, ohne mich wirklich darauf konzentrieren zu können. Seine braunen Augen machen mich wahnsinnig. Lou erzählt einiges von der Entstehungsgeschichte des Stanley Parks. Der Park ist in etwa so groß wie der Central Park in New York. Mit dem Unterschied, dass die New Yorker kaum andere Grünflächen zur Erholung haben, und man die vielfältige und schöne Landschaft rund um Vancouver absolut nicht mit der New Yorks vergleichen kann.
   »Weißt du, in Vancouver ist es landschaftlich tausend Mal schöner«, meint er begeistert.
   Ich spüre instinktiv sein unterdrücktes Fernweh. Ich kenne das Gefühl, es geht mir in Düsseldorf genauso. »Möchtest du manchmal wegziehen aus New York?«
   Er seufzt, lächelt mich überrascht an. Es kommt mir vor, als hätte ich in seine Seele geschaut, wäre hinter seine geheimsten Gedanken, Wünsche und Sehnsüchte gestoßen.
   »Ja, allerdings. Ich habe mir oft schon überlegt, ob es für mich nicht besser wäre, mein Studium woanders zu beenden. Ich fühle mich eingeengt, teilweise abgelenkt. Immer die gleichen Gesichter, die gleichen Fragen, dieselbe Gegend, derselbe Trott. Meinen Eltern zuliebe verdränge ich diese Gedanken, so gut es geht. Es ist für sie schon schwer genug, dass mein Bruder so weit weg ist. Vielleicht werde ich meinen Plan in die Tat umsetzen, wenn er an die Ostküste zurückkehrt, was er ursprünglich vorhat.« Lou sieht mich an, als würde er es anzweifeln.
   »Wie lange muss er in dieser Gegend arbeiten?« Er zuckt die Achseln, gesteht, dass nicht einmal sein Bruder Genaueres wüsste.
   »Aber du kannst doch nicht aus reiner Rücksichtnahme dein eigenes Leben, deine Träume außer Acht lassen.« Ich mustere ihn besorgt.
   »Ich bin einfach zu gutmütig«, bemerkt er mit einem gequälten Lächeln.
   Nachdenklich stochere ich in meinem Essen herum, die hektischen Schmetterlinge nehmen mir den Appetit. Ob es möglich ist, an der Universität in Düsseldorf als Auslandsstudent Tiermedizin zu studieren? Dieser Gedanke ist absurd. Er wäre kaum irgendwo anders weiter von seiner Familie entfernt, als bei mir in Deutschland. Trotzdem lässt mich die Vorstellung nicht los. Es würde mir gefallen, wenn er mit mir nach Deutschland gehen würde, um für immer mit mir – bei mir …
   Mit offenen Augen träume ich vor mich hin.
   »Hey, dein Essen wird kalt, wovon träumst du?« Lou stupst mich lachend an. Ich fühle mich ertappt, lächle verlegen. Von nun an sollte ich mich besser mit der Nahrungsaufnahme beschäftigen, was mir mein Magen mit Sicherheit danken wird.
   Er beobachtet mich, unsere Blicke treffen sich, ich habe weder die Kraft noch den Wunsch, auszuweichen. Wir sehen uns in die Augen, stillschweigend, und für einen Moment scheint die Zeit stehen zu bleiben. Ich versinke in seinen Augen, fühle mich wunderbar geborgen, wie in eine dunkelbraune Plüschdecke eingehüllt.
   »Lara, du gefällst mir«, gesteht er mit weicher Stimme und lächelt sanft.
   Sein Gesichtsausdruck spricht Bände, sagt mehr als tausend Worte und ich schlucke tief berührt. Eine Gänsehaut macht sich auf den Weg, kriecht langsam bis in den letzten Winkel meines Körpers.
   »Ich – ähm – ich bin froh, dass wir uns in der Pension über den Weg gelaufen sind. Ja wirklich, ich bin gern mit dir zusammen«, flüstere ich beinah, die Hitze steigt in mein Gesicht. Mein Herz überschlägt sich fast, die Empfindungen für ihn nehmen mir fast den Atem. Hilfe, ich brauche dringend eine Abkühlung.
   Ich stehe abrupt auf, stammle etwas von Toilette und verschwinde blitzartig hinter der Tür mit der Aufschrift Women. Innerlich aufgewühlt starre ich in den Spiegel, kühle meinen Puls unter eiskaltem Leitungswasser, und wünsche mir in diesem Moment nur eins: Dass er sich genauso in mich verliebt hat, wie ich mich in ihn. Er bringt mich völlig durcheinander.
   »Geht’s dir nicht gut?«, fragt Lou mit besorgter Miene, als ich zurückkomme.
   »Alles gut.«
   »Wie lange bleibst du eigentlich, ich meine – wann geht dein Rückflug?« Beinah wehmütig zieht er die Stirn in Falten.
   »Nächsten Mittwoch, und deiner?« Nicht weniger beunruhigt warte ich auf seine Antwort.
   »Mist, dann muss ich es drei Tage ohne dich aushalten. Ich fliege erst am Sonntag zurück. Ich werde dich vermissen.«
   Unglückselig betrachtet er mich, ich könnte ihn abknutschen. Er ist so süß. »Das dauert noch ganze acht Tage.« Ich bemühe mich, ihn aufmunternd anzulächeln, obwohl es mir schwerfällt, meine Magenschmerzen zu ignorieren. Verliebtheit schmerzt regelrecht, stelle ich fest. Wenn es dieses Mal auch wunderschön ist. Mich beschleicht das Gefühl, ihm geht es ähnlich.
   »Warst du die ersten beiden Male allein in Vancouver?«
   »Nein, das erste Mal war meine Ex dabei. Beim zweiten Mal habe ich mit voller Absicht Einsamkeit und Ruhe gesucht. Mein Bruder hatte damals noch mehr Zeit.« Ich frage mich, was seine Ex-Verlobte für ein Mensch ist, und wie sie jemanden wie ihn so verletzen konnte?
   Es fällt mir schwer, meine Neugierde zu unterdrücken, aber er wird von sich aus darüber sprechen, wenn er so weit ist. Lou bedankt sich schmunzelnd für die Einladung, nachdem ich gezahlt habe.
   »Lass uns gehen, okay?«

Wir schlendern am Ufer des Jachthafens entlang. Lou nimmt meine Hand, als wäre zwischen uns alles sonnenklar. Als wäre es das Normalste der Welt. Ich genieße es still und heimlich, gehe nicht weiter darauf ein. Ihm wird genauso klar sein, dass zwischen uns etwas passiert ist. Ich spüre es deutlich.
   Einige Radfahrer und Inline Skater überholen uns.
   »Skates oder Fahrräder wären nicht schlecht – ähm – ich bin kein so begeisterter Spaziergänger, weißt du.« Sehnsüchtig schaue ich den rollenden Beschleunigern hinterher.
   »Da drüben kann man so was ausleihen.« Lou zeigt auf die gegenüberliegende Straßenseite.
   »Oh, prima, wollen wir?«
   Unternehmungslustig blinzle ich ihn an, doch er zögert und rauft sich unschlüssig die fast schwarzen Haare. »Ach, ich weiß nicht. Ich fürchte, ich mach mich lächerlich auf diesen Dingern.« Verzweifelt zieht er seine dichten Augenbrauen zusammen, sodass auf seiner Stirn kleine Falten entstehen. Seine Unsicherheit macht ihn nur noch attraktiver.
   »Ach komm, das ist reine Übungssache. Ich pass auch auf dich auf.« Damit gelingt es mir, ihn zu ermutigen und letztlich zu überzeugen.
   »Na gut, aber du rettest mich, wenn ich aus Versehen ins Meer rolle, okay?« Ich verspreche es, und nach einer nervenaufreibenden Suche nach den passenden Inlinern können wir endlich rollend die Gegend erkunden. Besonders beeindrucken mich die eigens für Inline Skates angelegten Wege, abgetrennt von den Radlern und Fußgängern.
   Lou macht eine unerwartet gute Figur auf diesen Dingern, fährt besser als zuvor angedroht, sodass ich ihn anfangs nur ein paar Mal unterstützen muss.
   »Bitte, gib mir deine Hand, Lara. Dann fühle ich mich sicherer«, verlangt er nach einer seiner Stolperattacken flehend, und ich komme seiner Bitte nur allzu gern nach.
   Gemächlich rollern wir die Seawall Promenade entlang, bis zum Brockton Point. Der Blick über das Burrard Inlet in Richtung North Vancouver ist imposant. Das Meer liegt ruhig vor uns, glitzert an einigen Stellen wie hellblaue Diamanten. Das Ufer ist steinig, mit großen dunklen Felsbrocken übersät. Lou kennt sich gut aus, und ich bin stolz einen eigenen und zudem so gut aussehenden Fremdenführer zu haben.
   Wir kommen an einem Strand vorbei, der English Bay, wie Lou erklärt. Große Baumstämme schützen die Sonnenhungrigen vor Wind und neugierigen Blicken.
   »Wie wäre es, wenn wir morgen einen Strandtag einplanen? Wer weiß, wie lange das gute Wetter noch anhält«, schlägt Lou vor. Ich habe nichts dagegen.
   Es geht einen ziemlich steilen Abhang hinunter, der eine Abkürzung sein soll. Ich bekomme ein solches Tempo drauf, dass ich ängstlich um Hilfe schreie. Lou wirft sich heldenhaft in meine Bahn, und wir landen unversehrt auf einer angrenzenden Wiese.
   Halb auf ihm liegend, muss ich zuerst meine Beine, mitsamt Inlinern sortieren.
   »Danke, du bist ein Held, du hast mir das Leben gerettet«, keuche ich dankbar, mein Gesicht direkt über seinem.
   »Was bekomme ich dafür?«, fragt er mit leiser Stimme und einem fast unwiderstehlichen Gesichtsausdruck.
   Ich rapple mich hastig auf, zucke die Achseln und klopfe den Dreck von meiner Hose. Mir ist vor Aufregung leicht übel, mein Herz springt mir gleich aus der Brust.
   »Was möchtest du denn haben?« Wie gern würde ich ihn küssen, aber ich wünsche mir, dass er den Anfang macht. Außerdem spüre ich einen sanften Rückzug, den seine Ex in mir, und wohl auch in ihm, auszulösen scheint. Irgendetwas ist da nicht in Ordnung. Ich habe leider keine Ahnung, was genau es ist. Noch immer beschäftige ich mich mit meiner Hose, vermeide es, ihm in die Augen zu sehen. Er scheint meine Unentschlossenheit zu spüren.
   »Was ich mir wünsche? Das kann ich dir sagen. Ich wünsche mir – auf der Stelle diese Dinger loszuwerden«, echauffiert er sich und rappelt sich hoch. »Unter anderem.« Bedeutungsvoll grinst er mich an, und klopft sich auch den Staub von seiner Hose.
   »Gut, dann fahren wir eben zurück.«
   Nach einer guten halben Stunde erreichen wir den Jachthafen, setzen uns auf eine Bank und jeder von uns wählt eine Jacht, von der wir träumen können, solange das nötige Kleingeld nicht vorhanden ist.
   »Sag mal, tun dir die Füße nicht weh?«, fragt Lou, und seine sanfte Aufforderung ist mir Befehl. Belustigt ziehe ich ihn von der Bank hoch, und schiebe ihn vorwärts.
   Er freut sich, die Inliner loszuwerden und seine schmerzenden Füße von der Enge befreien zu können.
   »Wir haben gerade einen kleinen Zipfel des Parks geschafft«, erwähnt Lou, während er sich stöhnend die Schuhe anzieht.
   Sogar mir reicht es für heute. Nun kann ich mir vorstellen, wie riesig dieser Park sein muss.
   In der nahe gelegenen City legen wir in einem der zahlreichen Starbucks-Cafés die nächste Pause ein und gönnen uns einen süßen Milchkaffee. Es ist beinah neunzehn Uhr, die Stunden mit ihm waren die besten seit langer Zeit. Lou ruft seinen Bruder auf dem Handy an und an der Art des Gesprächs erkenne ich, wie gut die beiden miteinander können. Sie scherzen und ziehen sich gegenseitig auf. Er hat bisher nicht ein einziges Mal den Namen seines Bruders erwähnt, fällt mir gerade auf.
   »Ich hatte es befürchtet, er muss noch arbeiten«, teilt er mir nach dem Telefonat mit. »Aber gegen acht kann ich vorbeikommen.«
   »Es ist schon spät. Was in aller Welt hat dein Bruder für einen eigenartigen Job?« Entgeistert sehe ich ihn an, doch er lacht nur und winkt ab.
   »Einen maximal zeitaufwendigen und arbeitsintensiven, in irgendeinem Wald in der Nähe.«
   Irritiert mustere ich ihn. »Ist dein Bruder Waldarbeiter? Ich meine, Holzfäller, Förster, oder so was in der Art?«
   Lou lacht nun noch mehr, scheint meine Vermutung ungemein witzig zu finden und nickt nach seinem Lachanfall schmunzelnd. »Ja genau, so was ähnliches.«
   Ich beäuge ihn, doch er nimmt nur meine Hand und zieht mich behutsam von meinem Sitzplatz hoch.
   »Komm, wir müssen fahren, es wird sonst knapp. Du bist doch nicht böse, wenn ich direkt umkehren muss, oder?« Sorgenvoll mustert er mich, wirft sich seine Jacke über die Schultern. Die Abendstunden im September sind schon recht kühl.
   »Nein, wieso sollte ich? Du bist nicht verpflichtet, vierundzwanzig Stunden am Tag meinen Privatanimateur zu mimen, dich ausschließlich um mich zu kümmern. Der Tag war wunderschön, und ich bin dankbar, dass du mich überhaupt mitgenommen hast«, sage ich bescheiden, und er tippt liebevoll auf meine Nase.
   »Schön, dass es dir gefallen hat. Wie wäre es, wenn wir das bis nächsten Mittwoch beibehalten? Gern auch länger« Seine Stimme klingt weich, er sieht mich vielsagend an und seine gefühlvolle Art lässt mich verstummen. Schon wieder spüre ich dieses Durcheinander in mir.
   »Morgen gehen wir an den Strand, okay«, erinnert er mich mit einem unternehmungslustigen Funkeln in den Augen.
   »Ja, auf jeden Fall. Dann können wir den Muskelkater in unseren Beinen auskurieren«, gebe ich fröhlich zurück.

Auf der Rückfahrt linst Lou einige Male besorgt zu mir herüber. »Was machst du heute Abend noch?«, fragt er.
   Da er offensichtlich ein schlechtes Gewissen hat, versuche ich, ihn zu besänftigen. »Hör mal, ich bin es gewohnt, allein zu sein. Vielleicht mache ich noch einen kleinen Abendspaziergang oder lese ein bisschen. Ich komm klar, sei unbesorgt.«
   Er grinst zufrieden, und zum ersten Mal fällt mir auf, dass die Strecke zur Waldpension keineswegs so viel Zeit in Anspruch nimmt, wie es mir an meinem ersten Abend vorkam. Erstaunlich, wie die Gewohnheit Dinge verändert.
   Auf dem Parkplatz vor unserer Pension lässt Lou den Motor laufen, macht keinerlei Anstalten auszusteigen.
   »Musst du sofort wieder los?«
   Er schaut auf die Uhr. »Ja, leider, es wird sonst zu spät, sorry.«
   »Meinetwegen hast du nun die doppelte Strecke zu fahren, tut mir leid.« Ich zeige mich ehrlich betroffen, ziehe zerknirscht die Augenbrauen zusammen.
   »Ach was, das macht überhaupt nichts. Es macht Spaß, mit diesem Wagen zu fahren.« Er zwinkert mir zu.
   »Das glaub ich dir gern, darf ich morgen auch mal?« Gewitzt grinse ich ihn an.
   »Klar, kein Problem«, meint er, und ich präge mir sein wundervolles Lächeln ein, um den Rest des Abends davon träumen zu können.
   »Danke, ich wünsche dir viel Spaß bei deinem Bruder. Grüße die zwei von mir, unbekannterweise, okay?«
   Ich steige aus, gehe auf das Haus zu. Kurz vor der Eingangstür drehe ich mich zu ihm um, bemerke seinen sehnsüchtigen Blick, mit dem er mir nachgeschaut hat. Kurzerhand werfe ich ihm ein Luftküsschen zu, und sehe ihn lächelnd davonfahren. Er ist phänomenal.

In meinem Zimmer lasse ich mich aufs Bett fallen, strecke alle viere von mir. Ich fühle mich wohl und geborgen, mit ihm in meinem Herzen. An Patrick habe ich heute kaum denken müssen, wird mir klar. Endlich bin ich ihn los. Es ist ein vollkommen anderes Gefühl, von Lou träumen zu können. Er ist nah, kein Fremder, er ist es. Ja, er ist der Richtige.
   Mit der Vorfreude auf morgen mache ich es mir in meinem Zimmer gemütlich. Immer wieder denke ich über ihn nach, wundere mich, wieso sein Bruder als Waldarbeiter so gutes Geld verdient. Lou sein Studium beinah aufgeben wollte, um das Gleiche wie sein Bruder zu tun. Merkwürdig. Irgendwo in meinen Büchern habe ich gelesen, dass die Holzindustrie in British Columbia einer der wichtigsten Versorgungszweige ist.
   Noch immer spüre ich seine liebevolle und rührende Art, mit der er sich vergewisserte, ob ich den Rest des Abends ohne ihn ganz sicher nicht einsam sein werde. Ordnet er sein eigenes Wohlergehen dem anderer unter? Mir scheint, er ist ein selbstloser, ziemlich aufopferungsvoller Charakter. Hat seine Ex ihn ausgenutzt? Ihn betrogen?
   Ich sehe sein Lächeln, seine schön geschwungenen Lippen und seine ebenmäßig weißen perfekten Zähne vor mir und bereue mit einem Mal, ihn vorhin auf der Wiese zum Dank nicht geküsst zu haben.
   Ich weiß, er wollte es, eigentlich wollte ich es auch. Nur geht das mit uns eigenartigerweise zu schnell. Irgendwie scheint die Sache klar und unkompliziert zu sein, er wird es auch bemerkt haben. Es ist, als würden wir uns ewig kennen. Warum, weiß ich selbst nicht genau. Die Gedanken an Patrick sind so gut wie verschwunden, vergraben unter all den Gefühlen für Lou, die von Tag zu Tag intensiver werden. Ich freue mich wie bescheuert auf morgen früh.
   Noch einmal lasse ich diesen tollen Tag Revue passieren, sehe Lou vor mir, bis meine Augen schwerer werden.

Lara & ???



Sonntag
Ankunft

Erwartungsvoll verlasse ich Vancouvers hochmodernes Flughafengebäude und atme erstmals kanadische Luft ein. Linker Hand, inmitten einer breiten, stark befahrenen Straße, entdecke ich eine einladende Ruheinsel mit zwei Bänken. Daneben zwei in den Himmel ragende Totempfähle. Ein indianisches Erbe Vancouvers, und für mich im Moment der einzige Anhaltspunkt, tatsächlich in Kanada zu sein.
   Ich laufe geradewegs auf ein hässliches Gebäude zu, das sich als finstere graue Tiefgarage entpuppt, die genauso in Deutschland stehen könnte.
   Bevor ich mich näher an den Halteplatz der Taxen heranpirsche, schicke ich ein Stoßgebet in den Himmel. Irgendwer dort oben möge mir den Taxifahrer herunterschicken, der sich auskennt, mir im besten Fall helfen kann, Patrick zu finden und mein lückenhaftes Wissen bezüglich der Drehorte aufzupeppen. Taxifahrer und Friseure sind die am besten informierten Leute, das weiß jeder.
   Mein Blick bleibt an den Männern hängen, die in Gruppen vor ihren Wagen stehen, sich unterhalten und mich nicht einmal bemerken.
   Mist, das Durchschnittsalter liegt bei fünfzig, wie mir scheint. Ich brauche jemanden in meinem Alter, einen, der Serienjunkie sein könnte. Wenn ich Glück habe, kann er mich meinem Traum noch ein Stückchen näher bringen. In Vancouver bin ich ja nun schon. Was ein sagenhaftes Gefühl. Irgendwo in dieser Gegend ist Patrick.
   Ich zerre an dem Kofferwagen, der andauernd umzukippen droht. Plötzlich fällt mein Blick auf einen, der lässig an der Beifahrertür seines Taxis lehnt, gelangweilt ein Stück Papier zerknüllt, es auseinanderfaltet, um es erneut zu zerknüllen.
   Das ist er, genau der Richtige. Er passt nicht in die Riege der anderen, zumeist eher betagten Taxifahrer. Regelrecht begeistert von meiner Entdeckung, steuere ich schnurstracks auf ihn zu.
   »So beschäftigt?«, frage ich, bemüht cool zu klingen. Aufgeschreckt blickt er hoch, lächelt mich an.
   »Nicht wirklich. Brauchst du ein Taxi?« Er zögert, wirft einen bedeutungsvollen Blick an den Anfang der Taxischlange und zwinkert mir zu. »Eigentlich müsstest du vorn den ersten Wagen nehmen, aber …« Er sieht sich verstohlen um, grinst zuckersüß. »Egal.« Mit einer wegwerfenden Handbewegung scheint er den Gedanken loswerden zu wollen.
   »Genau, ich will sowieso mit dir fahren.« Der unbeabsichtigt trotzige Klang meiner Bemerkung ist mir unangenehm. Verdammt, was denkt er von mir?
   Er grinst von einem Ohr zum anderen, mustert mich erstaunt, nahezu überrumpelt. »Okay, ganz wie Sie wünschen, junge Dame. Kein Problem.«
   Schwungvoll hievt er mein Gepäck in den Kofferraum, was ich anerkennend registriere. Aus eigener leidvoller Erfahrung weiß ich, dass dieser Koffer alles andere als leicht ist. Währenddessen mustere ich ihn unauffällig.
   Er ist jung, obendrein recht attraktiv. Durch seine etwas dunklere Hautnuance sieht er ein wenig indianisch aus. Ich hoffe, er kennt SmartTown und kann mir nützliche Tipps über die Drehorte oder das Setting geben. Er wird nicht viel älter sein als ich, schätze ich, just in dem Augenblick, als er die hintere Autotür für mich öffnet.
   »Ich möchte lieber vorn sitzen, wenn es nicht stört«, mache ich ihm höflich, aber entschieden, klar.
   »Ganz wie Sie wünschen, Miss«, wiederholt er seinen vorherigen Satz, schüttelt amüsiert den Kopf. Er deutet mit einladender Handbewegung auf das Wageninnere und ein zuversichtliches Lächeln huscht über sein Gesicht.
   Ich grinse ihn übermütig an, bedanke mich und steige ein.
   Als wir an der Taxireihe vorbeirauschen, beobachte ich im Seitenspiegel die erstaunten, teilweise verärgerten Blicke der Fahrer, die vor ihm an der Reihe gewesen wären, und nun das Nachsehen haben.
   »Ich hoffe, die sind nicht sauer.«
   »Sei unbesorgt, sie werden es überleben.« Er dreht sich kurz in meine Richtung. »Ich mag Leute, die wissen, was sie wollen. Mir scheint, du bist so jemand?«
   »Kann sein.«
   »Warum hast du dir mein Taxi ausgesucht?« Er mustert mich erwartungsvoll, während wir vor der roten Ampel einer großen Kreuzung warten.
   »Du hast so gelangweilt dagestanden – ähm – und es ist nötig für …«
   »Sorry, wohin willst du eigentlich? Hast du eine Adresse?«, unterbricht er mich, da die Ampel auf Grün umspringt, er aber vergessen hat nach meinem Ziel zu fragen.
   Mein Herz klopft heftig vor Aufregung. Es ist an der Zeit, meine Karten offen auf den Tisch zu legen.
   »Wollte ich dir gerade erklären. Deswegen musste es dein Taxi sein. Die Wahrheit ist …« Ich spüre eine wachsende Verunsicherung in mir, wage kaum ihn anzusehen. Mir ist mit einem Mal so heiß. »Ich habe keine Ahnung. Ich hatte die Hoffnung, du kannst mir weiterhelfen. Du bist in meinem Alter, da dachte ich …«
   Er zieht verwundert die Augenbrauen hoch, wie ich mit einem kurzen Seitenblick feststelle. Bevor hinter ihm ein Hupkonzert losgeht, fährt er geradeaus über die Kreuzung. Was soll er auch anderes tun?
   »Um ehrlich zu sein, ich bin nicht zufällig in Vancouver. Ich suche den Hauptdarsteller meiner Lieblingsserie. Kennst du die Serie SmartTown? Sie wird in Vancouver gedreht – irgendwo. Leider weiß ich nicht wo.« Ich knete meine Hände im Schoß. Die Sache ist mir ungeheuer peinlich. Wie blöd sich das für ihn anhören muss.
   Er starrt geradeaus auf die Fahrbahn und schweigt.
   »Und als ich dich da stehen sah, dachte ich, du kennst die Serie vielleicht. Ich habe gehofft, du weißt, wo die Studios sind, kennst eventuell einige der Drehorte, oder so?«
   Noch immer sagt er kein Wort, staunt mich nur von der Seite an. Mir bleibt nicht verborgen, wie es in seinem Kopf arbeitet, sich seine Stirn leicht kräuselt.
   »Sein Name ist Patrick Wellet. Hast du von ihm gehört? Weißt du, wo ich ihn finden kann?« Meine Hoffnung schwindet schon, während ich es ausspreche.
   Er wirkt vollkommen überfordert, seine Augenbrauen ziehen sich zusammen und er blickt missmutig drein. »Sehe ich etwa aus wie ein Serienjunkie?«
   Mein Herz klopft zum Zerspringen, mir ist unbehaglich zumute.
   Bedauernd schüttelt er seinen Kopf und sein Gesichtsausdruck verrät, dass er tatsächlich niemals zuvor von der Serie, geschweige denn von Patrick, gehört hat.
   »Sorry.« Vor Entsetzen rutscht mir beinah das Herz in die Hose. Damit hatte ich nicht gerechnet.
   »Zu schade, du warst der Jüngste von all diesen Taxifahrern. Für mich sah es aus, als würdest du …«, erkläre ich stockend, verstumme aber, denn er wirft mir einen verunsicherten Blick zu.
   »Tut mir echt leid, aber ich bevorzuge Filme, weiß du? Mit Serien kann ich nicht allzu viel anfangen.«
   »Was ein Pech.« Vermutlich wirke ich wie ein unentschlossenes Häufchen Elend. So ein verdammter Mist. Ich stiere aus dem Fenster, seufze aus tiefstem Herzen.
   Meine offenkundige Verzweiflung scheint ihn nicht kalt zu lassen, jedenfalls sieht er mich mit einem Mal mitfühlend an.
   »Hm, was mach ich nun mit dir?« Er grinst schelmisch, ringt mir damit ein Lächeln ab. »Wir finden eine Lösung, versprochen. Du bist ganz schön verknallt in ihn, nicht wahr?«
   Seine Direktheit lässt mir die Röte ins Gesicht schießen, und ich senke verlegen meinen Blick.
   »Okay, ich hab eine Idee. Das ist in der Tat ein komplizierter Fall, den ich in dieser Art noch nie erlebt habe.« Kurzerhand hält er in einer Einbuchtung am Straßenrand und schaltet das Taxameter aus. Er zwinkert mir aufmunternd zu.
   »Das wird ein interessanter Tag«, meint er übermütig und dreht das Autoradio so leise, dass man kaum noch etwas verstehen kann. »Also gut, zuerst probieren wir es auf diesem Weg.« Er greift entschlossen nach einem Funkgerät, wie es in Taxen meist zu finden ist. »Hi, ihr da draußen. Hier spricht Tim, Taxi Nummer 2604. Vielleicht könnt ihr helfen? Ich habe einen Fahrgast mit großem Liebeskummer und benötige dringend Informationen über eine Serie namens SmartTown. Hat jemand Hinweise, beispielsweise, wo in Vancouver diese Serie gedreht wird? Hat irgendwer die Schauspieler je gesehen? Ich brauche Anhaltspunkte, jede Kleinigkeit zählt. Bitte so schnell wie möglich.«
   Wäre mir die Sache nicht so unglaublich unangenehm, hätte ich wohl ebensolchen Spaß, wie Tim augenscheinlich gerade hat. »Und nun?«, frage ich leise.
   »Warten wir!«, entgegnet er und grinst.
   Die Situation erscheint mir wie in einem Albtraum. Wie oft habe ich versucht mir vorzustellen, in Vancouver am Flughafen einen Taxifahrer zu bitten, mich in die Gegend zu fahren, in der sich Patrick aufhält oder die Dreharbeiten stattfinden. In meinen illusorisch, naiven Tagträumen wusste selbstverständlich jeder in Vancouver Bescheid über die Serie. Wie auch über den Hauptdarsteller. Nie habe ich mir träumen lassen, dass mir so was Dämliches passiert.
   Vancouver ist wirklich kein Dorf, in dem sich jeder kennt, sondern eine riesige Großstadt. Ich hätte mich besser informieren müssen. In meinen Träumen ist selten etwas schiefgegangen, womit wieder einmal bestätigt wäre, dass Träume nicht viel mit der Realität zu tun haben.
   Tim blickt mich prüfend an, lächelt, als wolle er herausfinden, was ich denke. Mir scheint, wir sind ungefähr im gleichen Alter, er wirkt supersympathisch und umgänglich. Außerdem hat er ein absolut nettes Lächeln.
   »Ähm, du bist recht jung für einen Taxifahrer. Jedenfalls sahen die anderen bedeutend älter aus.«
   »Ja, ist nur ein Nebenjob, ich bin Student. Das Taxi gehört meinem Dad. Wenn ich in der vorlesungsfreien Zeit keinen Unikram zu erledigen habe, unterstütze ich ihn. Ich übernehme meist die Fahrten tagsüber und er die Nachtschicht. Es macht Spaß, vor allem trifft man interessante Leute. Manchmal ziemlich eigenartige Gesellen, ab und zu aber äußerst nette«, er zwinkert mir zu, »wie dich zum Beispiel.«
   Mir ist nicht ganz klar, ob er mich nun als eigenartig oder nett bezeichnet, trotzdem lächle ich ihn dankbar an.
   Eine Frauenstimme ertönt aus dem Funkgerät. Hoffentlich die erste Reaktion auf seine Durchsage. Er dreht ein wenig am Lautstärkeregler.
   »Hi Tim, ich bin’s, Claudia. Ich bin gerade an einer Tankstelle in North Vancouver und habe deinen Hilferuf gehört. Ich werde fragen, ob irgendwer etwas weiß. Aber zuerst brauche ich den Namen von diesem Herzensbrecher, über den wir hier sprechen.«
   Tim greift zum Funkgerät und grinst mich an. »Hi Claudia. Danke für den Rückruf. Sein Name ist Patrick Wellet. Er ist der Hauptdarsteller von dieser Serie, ähm – SmartTown.«
   »Okay, ich werde mich erkundigen. Ich melde mich später, bye – Sweety«, hören wir sie nach einem kurzen Knistern in der Leitung sagen.
   Hoffnungsvoll lächelt Sweety mich an, aber mir ist die Angelegenheit nach wie vor abgrundtief peinlich und ich starre für einen Moment auf meine Knie.
   »Ach, komm schon. Jeder kennt so was wie Liebeskummer, ist doch normal, muss dir nicht unangenehm sein.«
   Überrascht sehe ich ihn an, er lächelt so unverschämt nett. »Du auch?«
   Er lacht fröhlich, schüttelt den Kopf. »Nein, nicht dass ich wüsste. Aber glaub mir, ich kenne das auch.«
   Er macht einen offenen, zugänglichen Eindruck auf mich. Irgendwie scheinen wir auf einer Wellenlänge zu sein, ich spüre es. Dankbar lächle ich ihn an. »Was studierst du eigentlich?«
   »Garten- und Landschaftsbau.«
   »Wow, klingt interessant. Mir scheint, du bist ein ganz Schlauer, oder?«
   Er grinst jungenhaft. »Mag sein? Seit ich ein kleiner Junge bin, träume ich davon, Gärten und Parks zu gestalten.«
   Ich seufze leise vor mich hin. Etwas in dieser Richtung würde mir mehr Spaß machen, als mein schnöder Bürojob.
   Eine tiefe wohlklingende Männerstimme, die mit Sicherheit zu einem älteren Mann gehört, meldet sich aus der Funkanlage. »Hi 2604, hier spricht Taxi Nummer 4682. Meine Tochter ist riesiger Fan dieser Serie. Vielleicht weiß sie etwas. Ich kann in einer halben Stunde nachfragen. Ist das okay?«
   Tim bedankt sich über Funk, wendet sich dann wieder mir zu.
   »Woher kommst du? Aus Deutschland? Schweden, Dänemark?« Er fixiert meine blonden Haare, lächelt unglaublich lieb und stellt nebenbei das Radio aus.
   »Gut geraten, ich bin aus Deutschland.« Die Angelegenheit ist zu komisch. Wir sitzen in seinem Taxi am Straßenrand und unterhalten uns, als wäre es das Normalste von der Welt. »Warum hilfst du mir überhaupt«, frage ich neugierig. »Ich meine, du könntest mich auch einfach rausschmeißen.«
   »Ich kann es nicht ertragen, wenn jemand so verzweifelt ist. Da muss ich einfach helfen. Zumal ich nicht häufig von einem so netten Mädel um Hilfe gebeten werde.«
   Mit einem Schmunzeln bedanke ich mich für das verkappte Kompliment, versuche, einen verzeihenden Augenaufschlag hinzubekommen. Langsam wird mir bewusst, was für ein netter Typ er ist. »Ich fürchte nur, es ist ein echt schlechtes Geschäft, mich als Fahrgast zu haben.« Mein Blick fällt auf das Taxameter. Es rührt sich nicht, steht noch immer auf gerade mal sechs Dollar. Er lacht vergnügt, mustert mich intensiv.
   »Unsinn, das ist kein Problem. Wirklich nicht, ich werde deswegen nicht verhungern.« Seine braunen Augen blicken mich sanft an. Es ist seltsam, ich fühle mich gut aufgehoben in seinem Wagen.
   »Was machst du in Deutschland? Ich meine, wenn du nicht gerade um die Welt jettest, um den Mann deiner Träume zu finden?« Er zwinkert ausgelassen.
   »Nichts Aufregendes. Jeden Tag denselben langweiligen Kram. Arbeiten, schlafen, essen – und am nächsten Tag wieder von vorn.« Seufzend zucke ich mit den Achseln, ziehe eine verzweifelte Grimasse. Er lacht über meine offenkundige Tristesse.
   »Klingt in der Tat ziemlich langweilig. Was arbeitest du?«
   Glücklicherweise werden wir von einer erneuten Durchsage unterbrochen. »Hi Tim, ich bin’s noch mal. Dieser mysteriöse Schauspieler wurde öfter in Lower Lonsdale gesehen. Mir scheint, er wohnt irgendwo in der Nähe. Das ist es für den Moment, viel Glück. Grüße deinen Dad von mir, okay.«
   Tim bedankt sich überschwänglich bei Claudia, und an der Art, wie er mit ihr spricht, bin ich mir sicher, er kennt sie näher. »Bist du fürs Erste zufrieden mit dieser Information?«
   Strahlend nicke ich ihm zu, während er den Motor anlässt.
   »Dann lass uns rüber nach North Vancouver fahren«, meint er unternehmungslustig. »Ich kenne da ein günstiges, ordentliches Hotel. Vielleicht gefällt es dir. Okay?«
   Ich zeige mich einverstanden und lehne mich erleichtert in den bequemen Sitz zurück.
   »Wie lange bleibst du?«
   »Zehn Tage, angespannte Finanzlage, wenn du verstehst.« Ich seufze leicht und Tim nickt grinsend.
   Auf der Fahrt nach North Vancouver erreicht uns die Nachricht von dem Taxifahrer, dessen Tochter Serienfan ist. Auch er gibt uns den Tipp, es auf der anderen Seite der Stadt zu versuchen. Ich bin überrascht, so wenige Reaktionen auf unsere Anfrage erhalten zu haben. Vermutlich werden in Vancouver Serien über Serien gedreht, sodass die meisten Leute den Überblick verloren haben, oder keine Notiz davon nehmen.
   »Hm, darf ich dich etwas Persönliches fragen?«
   Ich drehe mich zu Tim, unsere Blicke treffen sich kurz. Meine Güte, ich glaube, ich habe noch nie solch tiefbraune Augen gesehen. Sie schimmern wie schwarze Edelsteine. Sein erstaunlich warmer Blick berührt mich.
   »Was ist eigentlich so besonders an diesem Typ – ähm – diesem Patrick?«, fragt er mit neugierigem Augenaufschlag.
   Ich spüre die Röte ins Gesicht schießen. Wie kann ich mir das bloß abgewöhnen? »Wenn du nächste Woche eine Folge SmartTown ansiehst, wirst du es verstehen.«
   »Das denke ich eher nicht. Ich stehe mehr auf Frauen, weißt du?«, entgegnet er mit leichtem Spott in der Stimme. »Aber ich werde es mir definitiv das nächste Mal ansehen, versprochen. Du hast mich echt neugierig gemacht.«
   Wir lachen uns an. Er ist wirklich witzig, irgendwie total cool, finde ich.
   Tim ist äußerst redselig, daher beinhaltet die Fahrt eine kleine private Stadtführung. Er nennt die Namen der Stadtteile, die wir auf unserem Weg durchqueren. Erklärt, was es dort Besonderes zu entdecken gibt, und ob es sich lohnt, eine Tour dorthin zu machen. Es scheint ungewöhnlich viele Asiaten in Vancouver zu geben, stelle ich fest, als wir durch die belebte Innenstadt fahren.
   Rechter Hand lassen wir einen riesigen Park an uns vorüberziehen, steuern auf eine Brücke zu, die über einen breiten Wasserarm führt. Tim berichtet von Vancouvers Sehenswürdigkeiten, erzählt von der Entstehung der Brücke und wird mir von Minute zu Minute vertrauter.
   In der Ferne sind Berge zu erkennen. Das Ende einer Bergkette der Rocky Mountains, erklärt er. Die Fahrt ist ausgesprochen abwechslungsreich, ich genieße die unterschiedlichen Eindrücke und Tim bemerkt meine Begeisterung.
   »Gefällt es dir?«
   »Traumhaft schön. Die Landschaft ist gigantisch, ich bin beeindruckt.«
   Er grinst mich zufrieden an. Langsam fühle ich mich wie angekommen, was ich ihm zu verdanken habe.
   »Wir sind gleich da«, meint er nach einer Weile mit ungewöhnlich leiser Stimme.
   Ich starre wie gebannt aus dem Fenster, um nichts Interessantes zu verpassen. Die Sonne beginnt, den Horizont in ein warmes orangerotes Licht einzufärben. Hoffentlich bleibt das Wetter stabil.
   Es dauert nicht lange und das Taxi hält vor einem Hotel, das direkt einen guten Eindruck auf mich macht. Es liegt westlich des Nordendes der Lions Gate Bridge, zu beiden Seiten des Marine Drive. Ich habe gut aufgepasst, schließlich muss ich ab morgen allein herfinden.
   »Okay, da sind wir!«
   Park Royal, lese ich über dem Eingang. Tim schaltet den Motor aus, macht aber keinerlei Anstalten auszusteigen, um mein Gepäck aus dem Kofferraum zu holen. Er sitzt einfach nur da, und blickt mich stumm an.
   »Wie viel bekommst du?«, frage ich, bemerke erst jetzt, dass er vorhin vergessen hat, das Taxameter wieder einzuschalten. Er antwortet nicht, wirkt etwas leblos und winkt nur ab.
   »Gibt’s ein Problem?« Beunruhigt stupse ich ihn an. Er lächelt, sein Blick scheint mich geradezu zu durchbohren.
   »Hey, was ist los mit dir?«, will ich wissen und spüre schon wieder die Hitze in meinem Gesicht. Er ist auf der Fahrt beinah so etwas wie ein Kumpel für mich geworden.
   »Was wirst du sagen, wenn du ihn endlich gefunden hast?« Er scheint sich tatsächlich Gedanken über mich und mein Vorhaben zu machen.
   »Das weiß ich noch nicht. Kommt auf die Situation an, denke ich.« Noch immer mustert er mich durchdringend. »Interessiert dich das wirklich?«
   »Noch mehr interessiert mich im Moment dein Name«, gibt er schmunzelnd zu.
   Seine Stimme klingt angenehm männlich. Sein Blick ist irritierend, ich fummle an meiner Jacke.
   Lieber Himmel, seit über einer Stunde sitzen wir gemeinsam in seinem Taxi, unterhalten uns über Gott und die Welt, und er kennt nicht einmal meinen Namen. Wie peinlich. »Oh, entschuldige. Das hab ich total vergessen.« Lachend strecke ich ihm meine Hand entgegen. »Ich bin Lara, schön dich kennenzulernen.«
   Er blickt mir in die Augen, lächelt sanftmütig. »Hi Lara, ich freu mich auch. Lange nicht mehr einen so netten Fahrgast gehabt, gern wieder.« Sein lieber Blick, sein warmer, weicher Händedruck verwirren mich nun vollends.
   Er lässt meine Hand nicht los, bis ich ihn darauf aufmerksam mache. Es scheint ihm unangenehm zu sein, er wirkt mit einem Mal ziemlich verlegen und entschuldigt sich grinsend.
   »Okay, dann!«
   Er steigt hastig aus, öffnet die Heckklappe, wuchtet meinen Koffer heraus, knallt den Kofferraum schwungvoll zu und schickt sich an, mitsamt meinem Gepäck auf die Eingangstür des Hotels zuzugehen. Ich renne hinter ihm her.
   »Hey Tim, warte. Ich muss noch bezahlen – bitte – warte doch.« Er dreht sich augenzwinkernd zu mir um.
   »Du bist das mieseste Geschäft des Tages, erinnerst du dich?« Erstaunt nicke ich ihm zu, versuche ihn dennoch zu überreden. Er stellt sich stur, grinst nur amüsiert.
   »Und du bist der freundlichste, hilfsbereiteste Taxifahrer, den ich je kennengelernt habe, weißt du das?« Ich kann kaum mit ihm Schritt halten, hetze bemüht neben ihm her.
   Schweigend betritt er die Hotelhalle, dicht gefolgt von mir. Auf seine Nachfrage hin versichert man ihm in der Lobby, dass genügend Zimmer frei sind. Beruhigt dreht er sich zu mir um.
   »Lara, wann immer du ein Taxi brauchst, inklusive eines netten, entgegenkommenden Taxifahrers …« Er verdreht seine Augen, zwinkert mit einem gewinnenden Lächeln. »Oder falls du irgendwelche Probleme hast oder nur jemanden zum Reden brauchst, ruf mich an, jederzeit, okay?« Etwas wehmütig bleibt sein Blick an mir hängen.
   Er drückt mir seine Visitenkarte in die Hand und ich starre ihn sprachlos an. Noch nie habe ich einen fürsorglicheren Taxifahrer erlebt. »Oh, okay – ähm – ich wollte eigentlich für eine Woche einen Wagen mieten. Aber danke für das nette Angebot, ich werde bestimmt darauf zurückkommen.« Ich lächle ihn an, halte seine Karte fest in der Hand.
   »Prima. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder. Ach, und Lara. Ich wünsche dir viel Glück und vor allem Erfolg bei der Suche nach deinem Traummann, diesem Schauspieler«, sagt er leise, und mich erstaunt der traurige Klang seiner Stimme.
   Verdutzt starre ich ihm hinterher, als er sich rasch umdreht und eilig aus meinem Blickfeld verschwindet. Nachdenklich drehe ich seine Karte in meinen Händen hin und her.

Nach einigen Formalitäten an der Rezeption bekomme ich meinen Zimmerschlüssel ausgehändigt und sehe mich schließlich in dem gemütlichen Hotelzimmer um, meinem Zuhause der nächsten neun Tage. Tim hat einen guten Riecher bewiesen, dieses Hotel ist sauber und vor allem erschwinglich.
   Plötzlich fühle ich die Müdigkeit in allen Gliedern, reibe meine brennenden Augen. Seit mehr als fünfzehn Stunden bin ich auf den Beinen. Im Flugzeug konnte ich kaum schlafen, weil neben mir ein unangenehmer Typ saß, der sich unglaublich breitgemacht hat.
   Die Ereignisse der letzten Stunden geistern mir durch den Kopf und ich hole Tims Karte aus meiner Hosentasche. Zum ersten Mal lese ich seinen kompletten Namen: Timothy Evans. Ein schöner Name. Er hat mir tatsächlich seine private Festnetz- und Handynummer gegeben.
   Lächelnd schüttle ich den Kopf über ihn, beginne verträumt meinen Koffer auszupacken. Ich sehe Patrick vor mir, arbeite in Gedanken einen Dialog aus, der hoffentlich zu gegebener Zeit Verwendung finden wird, wenn ich erst vor ihm stehe. Hin und wieder schleichen sich Gedanken an diesen untypischen, überaus interessanten Taxifahrer namens Tim in mein Hirn.
   Er sah gut aus, vor allem sein Lächeln war bemerkenswert. Sein volles dunkles, fast schwarzes Haar umrahmte lockig sein Gesicht. Er hatte ein Grübchen im Kinn, und seine betont kräftigen dunklen Augenbrauen ließen seine fast schwarzen Augen besonders intensiv leuchten. Dazu war er groß, schlank und ziemlich gut gebaut, soweit ich das in der kurzen Zeit beurteilen konnte. Eigentlich genau der Typ Mann, der Frauen ohne Ende in der Warteschleife stehen hat.
   Mit einem Mal spüre ich den berühmten Zeitzonenkater namens Jetlag. Müde wühle ich mich in das fremde Bett und gähne herzhaft. Mein letzter Gedanke gilt Patrick. Morgen kann die Suche nach ihm endlich beginnen.

Montag
Erster Tag

Voller Zuversicht starte ich in den neuen Tag. Auch wenn Tim keine Ahnung von SmartTown hat, und nur wenige der mit Sicherheit unzähligen Taxifahrer in dieser Stadt winzige Anhaltspunkte hatten, glaube ich, dass es nicht aussichtslos ist, Patrick zu finden. So schnell gebe ich nicht auf.
   Gleich nach dem wenig gehaltvollen Frühstück erkundige ich mich an der Rezeption nach einer günstigen Autovermietung und erhalte netterweise einen brauchbaren Tipp mitsamt Adresse. Mein Weg führt mich auf die andere Seite der Bucht nach Downtown Vancouver. Leider dauert es eine Weile, im zähen Vormittagsverkehr die Lions Gate Bridge zu überqueren. Der Bus ist rappelvoll und ich bin froh, einen Sitzplatz ergattert zu haben. Wie gebannt starre ich in die vorbeifahrenden Autos, in der Hoffnung, Patrick in einem der Wagen zu entdecken. Vollkommen aussichtslos, er wird längst am heutigen Drehort sein. Was würde ich geben, um zu erfahren, wo der ist.
   Vorbeifahrende Taxen bleiben vor meinen neugierigen Blicken ebenso wenig verschont. Ich muss zugeben, Tim hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Er hatte etwas Einzigartiges an sich, eine faszinierende, anziehende Wirkung. Ich habe mich in seinem Taxi ausgesprochen wohlgefühlt, obwohl ich mich nie dafür begeistern konnte, mit einer wildfremden Person Zeit in einem Auto zu verbringen. Ich mag Small Talk nicht besonders, rede weder gern übers Wetter noch über Politik.
   Die Situation gestern in Tims Taxi war eine vollkommen andere, und bis auf den einen unangenehmen Moment, in dem ich den Grund meiner Reise preisgeben musste, habe ich mich an seiner Seite gut aufgehoben gefühlt. Wir hatten keinerlei Schwierigkeiten, Gesprächsthemen zu finden. Er gefällt mir, das lässt sich nicht verleugnen. Er wirkte leicht deprimiert, als er ging. Es war eigenartig. Vielleicht sollte ich ihn anrufen? Aber wozu? Ein weiterer Stressfaktor in meinem Leben. Zuerst sollte ich die Sache mit Patrick abschließen und ihn ausfindig machen.

Nach einer knappen halben Stunde hält der Bus hinter der Brücke. Zunächst irre ich verloren durch die Straßen von Downtown. Vancouvers Innenstadt ist riesig, hoffnungslos überlaufen und dementsprechend hektisch. Meterhohe Wolkenkratzer, endlos lange Straßen und ich mittendrin. Null Plan, wo ich eigentlich hin muss. Mit offenen Augen träume ich davon, der SmartTown-Crew über den Weg zu laufen. Wäre das geil!
   Dank Google Maps entdecke ich in einer der Seitenstraßen den Autoverleih und nach einer guten Stunde bin ich stolze Besitzerin eines knallroten zweitürigen Kleinwagens. Wenigstens für eine Woche. Das Abenteuer »rent a car« hat mich den halben Tag gekostet.
   Anfangs fahre ich viel zu langsam durch die überfüllten Straßen, doch nach wenigen Stunden ist mir das Auto, inklusive des Automatikgetriebes, vertraut und ich gewöhne mich an die etwas anderen Verkehrsgepflogenheiten.
   Ich stelle den Wagen auf einem riesigen Parkplatz ab und verbringe einige Zeit im Stanley Park, einem bewaldeten Stück Natur direkt am Fuß der Lions Gate Bridge.
   Danach treibt es mich zu einem ausgedehnten Stadtbummel zurück in die nahegelegene City mit anschließendem Essen in einem chinesischen Restaurant.
   Jedem Verkäufer, Kellner und Kioskbesitzer halte ich Patricks Foto unter die Nase, in der Hoffnung, jemand kennt ihn, hat ihn irgendwo gesehen. Leider habe ich Pech. Es ist frustrierend.
   Nach diesem relativ erfolglosen ersten Urlaubstag besorge ich mir in einem kleinen Supermarkt viel zu viel ungesunden Proviant, wie Kekse, Schokolade, Cola und Bonbons, um mir die einsamen Abendstunden zu versüßen.
   Ich werfe alles lieblos in den Kofferraum und mache mich auf den Rückweg zum Hotel. Es wird langsam dunkel und der Sonnenuntergang verlangt mir einiges an Konzentration ab. Fahren und staunen zugleich ist nicht einfach.

Freitag
Fünfter Tag

Ein sonniger, warmer Tag, das Wetter könnte nicht besser sein. Nachdenklich starre ich über das Wasser der English Bay und frage mich, wie es weitergehen soll. Wo steckt die SmartTown-Crew? Ich konnte das Set bisher nirgends entdecken. Meine Erkundungstouren waren wenig erfolgreich. In den letzten vier Tagen habe ich alles Erdenkliche getan, um Patrick zu finden. Ich sprach Leute an, die etwas hätten wissen können, über das Set, über die Crew, über ihn. Die Abende waren einsam, und um dieser Tatsache zu entfliehen und meinem Traum, Patrick zu treffen, näherzukommen, durchstöberte ich allabendlich das Internet nach Informationen. Vergebens, das Glück war nicht auf meiner Seite. Ich konnte nichts herausfinden, was ich nicht ohnehin schon wusste.
   Am Dienstag, an einer Tankstelle in North Vancouver, streckte ich einem freundlichen Kassierer Patricks Foto entgegen und er zuckte die Achseln. Eine Geste, die ich nicht zum ersten Mal sah, in den letzten Tagen.
   »Kennen Sie die Serie SmartTown? Wissen sie etwas darüber? Haben Sie diesen Mann jemals gesehen?«
   »Ich weiß nur, dass die Serie in den Beresford Studios in Burnaby gedreht wird. Meine Cousine ist Fan, wissen Sie.«
   Ich sah ihn mit großen Augen an. Endlich ein Hoffnungsschimmer am Horizont.
   »Tatsächlich? Wie komme ich dahin?« Er erklärte mir den Weg und mein Navi tat das Übrige, sodass ich keine Stunde später vor den Studios auf der Beresford Street stand.
   Ein aufregender Augenblick. Es war jedes Mal ein aufwühlendes Erlebnis an den Studios entlangzuspazieren, auch die darauffolgenden Abende, obwohl in dieser Straße absolut tote Hose war. Allein das Wissen, dass er in einer dieser Hallen steckt, tagtäglich dort arbeitet, ließ mein Herz höher schlagen.
   Es war meist ruhig und einsam in dieser Gegend. Keine Menschenseele weit und breit. Ab und zu kam jemand aus der Einfahrt des SmartTown-Produktionsgebäudes, verschwand aber recht schnell in irgendeinem Auto und fuhr davon.
   Ich habe Patrick nicht ein einziges Mal gesehen, nicht einmal einen der anderen Schauspieler. Leider kam ich nicht nah genug an die Studios heran. Ein Wachhund, in Form eines muskulösen, breitschultrigen Wachmanns, saß an einem Tisch vor der Studioeingangstür, der sich zwar einige Male nett mit mir unterhielt, mich meinem Ziel aber kein Stück näher brachte. Keine Chance, wirklich jammerschade.

Lustlos schlendere ich durch die Straßen der Innenstadt, halte Ausschau nach mir bekannten Gesichtern. Erkenne ich ehemalige SmartTown-Drehorte in Downtowns Straßen wieder, mache ich Fotos von den Gebäuden. Als Fan erkennt man die Stellen wieder, an denen gedreht wurde. Alles nur winzige Appetithäppchen, das große Menü lässt auf sich warten. Inzwischen fühle ich mich matt und erschöpft. Es scheint aussichtslos, mir fehlt jeglicher Optimismus und ich sehe meine Zeit dahinschwinden. Die Stadt ist einfach viel zu groß, unmöglich, hier jemanden zu finden. Selbst ortskundige Paparazzi oder Privatdetektive dürften damit ihre Schwierigkeiten haben.
   Immer öfter kämpfe ich mit mir, überlege Tim anzurufen. Ich fühle mich einsam, möchte mich manches Mal an seiner Schulter ausweinen, obwohl ich ihn kaum kenne. Es erscheint mir nicht fair, ich bin wegen Patrick hier. Tim ist mir fremder, als es Patrick jemals sein könnte. All das ist so deprimierend, dass ich meinen Tränen immer öfter freien Lauf lasse.
   Bevor es dunkel wird, mache ich mich auf den Weg nach Lower Lonsdale, in der Hoffnung, Patrick zu begegnen. Ich möchte ihn nur kurz sehen, einige Sätze mit ihm wechseln. Warum ist es mir nicht vergönnt?
   Im Schritttempo ziehe ich meine Kreise in dieser ruhigen Wohngegend. Jeden Abend bin ich hier gewesen, kenne mich inzwischen bestens gut aus. Ich mag die schönen Häuser, genieße die Ruhe auf meiner Tour. Könnte ich Patrick treffen, wäre es perfekt.
   Mein Blick fällt auf einen großen, dunkelhaarigen Mann, der mit langen Schritten in einer Seitenstraße zu verschwinden droht. Das könnte er sein. Hektisch trete ich aufs Gaspedal, brause mit quietschenden Reifen um die Kurve, rase viel zu schnell am Objekt meiner Begierde vorbei, drehe mich um und – bang – krache in ein parkendes Fahrzeug.
   Nach der ersten Schrecksekunde erkenne ich im Rückspiegel den Typ, der nicht Patrick ist. Sogar weit davon entfernt ist, jemals auch nur annähernd ein Patrick zu werden. Er starrt mit offenem Mund in meine Richtung, zieht ein Handy aus der Jackentasche. Starr vor Schreck höre ich meinem Herzschlag zu, rühre mich nicht vom Fleck. Wie konnte ich nur?
   Ein Polizeiwagen hält neben mir, ich frage mich, wo der so schnell herkommt? Offenbar hat der junge Mann die Polizei verständigt. Plötzlich wimmelt es von Schaulustigen in dieser Straße. Mein kleines rotes Auto ist nur noch halb so lang wie vorher, der parkende Wagen sieht nicht viel besser aus. Verwirrt versuche ich, die Fragen der Beamten zu beantworten, nehme wie durch einen Nebel wahr, was geschieht. Ich bin geschockt. Mir ist schwindlig geworden, erzähle ich dem freundlichen Beamten. Glücklicherweise stecken alle erforderlichen Papiere des Leihwagens im Handschuhfach. Offenbar sehen mir die Polizisten meinen Schockzustand an, fragen mich immer wieder, ob es mir gut geht. Ich möchte all das hinter mich bringen, zurück in mein Hotelzimmer.
   Nach einigen Minuten holt ein Abschleppwagen den vollkommen zerbeulten roten Wagen ab, ein Wunder, das mir nichts passiert ist. Nicht einen Kratzer habe ich abbekommen, dafür fühlen sich meine Knie watteweich an.
   Einer der netten Polizisten fährt mich zurück ins Hotel. Er lässt sich an der Rezeption die Durchwahl meines Zimmers geben. Alles Weitere wird die Polizei regeln, erklärt er, und sollte es Schwierigkeiten bezüglich der Autoversicherung geben, wird man sich bei mir melden. Ich lächle ihn dankbar an und er verabschiedet sich.

»Das ist für Sie abgegeben worden, Miss«, sagt der Hotelangestellte, reicht mir über den Tresen einen verschlossenen Briefumschlag.
   Lara, steht in schöner Handschrift drauf. Kaum dass ich in meinem Zimmer bin, reiße ich den Umschlag auf.

Lara, ich war hier, du aber nicht. Bitte ruf mich an, ich habe etwas herausgefunden. Warum meldest du dich nicht? Tim

Wie in Trance lasse ich mich auf mein Bett fallen und breche in Tränen aus. Ich fühle mich entsetzlich. Meine Knie zittern, ich kann mit dem Schluchzen nicht aufhören. Mit einem Mal bin ich sicher, diese Reise umsonst gemacht zu haben. Die letzten Tage werden mit Sicherheit genauso erfolglos ablaufen wie die bisherigen. Obendrein ohne Mietwagen, den ich ursprünglich bis Montag gemietet hatte.
   Schniefend wische ich meine Tränen am Ärmel ab, ziehe die Nase geräuschvoll hoch. Ich nehme Tims Visitenkarte in die Hand und starre eine Weile drauf. Soll ich ihn anrufen? Jetzt? Ich werde total verheult klingen, wie peinlich. Ich warte besser bis morgen damit.

Samstag
Sechster Tag

Der Wecker zeigt elf. Mein Nacken schmerzt, mir fehlt jede erdenkliche Lust, aufzustehen. Vier Tage bleiben mir, bisher habe ich nichts, rein gar nichts erreicht.
   Der Autounfall gestern hat mir den Rest gegeben. Ich fühle mich absolut elend und antriebsarm. An einem neuen Mietwagen habe ich keinerlei Interesse mehr. Wozu auch? Auf der Beresford Street herumzulungern, war bisher wenig Erfolg versprechend. Was sollte sich in den letzten Urlaubstagen daran ändern?
   Tim kommt mir in den Sinn. Bei unserem Abschied am Sonntag sagte er, ich soll ihn anrufen, wenn ich jemanden zum Reden brauche. Ich wünschte, ich hätte ihn zum Reden hier, gerade jetzt. Ich fühle mich furchtbar einsam. Seufzend starre ich auf seine Karte. Ich werde es tun, ich rufe ihn an.
   Mein Herz klopft aufgeregt, als ich die Nummer wähle. Weder auf seinem Handy noch unter seiner privaten Telefonnummer erreiche ich jemanden. Was ein Pech.
   Enttäuscht beschließe ich, Park Royal, ein Einkaufszentrum, nicht weit entfernt, zu inspizieren. Es wird mich ablenken, hoffentlich auf andere Gedanken bringen. Ich brauche Menschen um mich. Der Autounfall sitzt mir noch in den Knochen, und ein bisschen Abwechslung kann nicht schaden.
   Park Royal ist gut zu Fuß erreichbar, eine wichtige Nebensache, wenn man ohne Auto auskommen muss, wie in meinem Fall. In Ermangelung dessen halte ich meinen gestrigen Ausrutscher wieder einmal für überflüssiger, als es ein Kropf nur sein kann. Wie doof kann man sein?
   Nach einer halben Stunde schlendere ich in der Mall an zahllosen Shops vorbei, wühle mich ziellos und ohne große Energie durch Klamottenständer und Grabbeltische. Ich brauche nichts, habe nicht einmal Lust, etwas anzuprobieren, geschweige denn zu kaufen. Ein besorgniserregender Zustand, ein wirklich schlechtes Zeichen, denn shoppen ist normalerweise eins meiner liebsten Hobbys.
   Meine Ausdauer lässt auch zu wünschen übrig, weswegen ich mich nach einiger Zeit demotiviert auf eine der einladenden Bänke fallen lasse, die in dieser Passage alle paar Meter um geschmackvoll hergerichtete Blumenarrangements herum aufgestellt sind. Zum Ausruhen nach einer anstrengenden Shoppingtour ungemein praktisch.
   Mit dem ersten Eis des heutigen Tages in der Hand beobachte ich das Treiben der Menschen. Ganz schön voll an einem Samstagvormittag.
   Wie von einem Magneten angezogen, bleibt mein Blick an zwei Personen hängen, die gegenüber vor dem Schaufenster eines Umstandsmodengeschäftes stehen.
   Regungslos starre ich hinüber und glaube, meinen Augen nicht zu trauen. Die Leute strömen rechts und links an dem Paar vorbei. Ich dagegen halte wie ein Adler den Fokus auf sie gerichtet. Eine bildhübsche junge Frau zieht meine gesamte Aufmerksamkeit auf sich. Ihr Begleiter zeigt auf ein Kleid, das einem Elefanten passen könnte, sagt grinsend etwas zu ihr. Lachend und mit einem sanften Stoß in seine Rippengegend, gibt sie ihm zu verstehen, dass sie offenbar nicht seiner Meinung ist.
   Mein Eis läuft derweil als flüssiger Brei an meiner Hand herunter und tropft auf den Fußboden. Wie versteinert beobachte ich, wie er ihre Hand nimmt und sie vorsichtig in Richtung Obststand hinter sich herzieht. Er bleibt stehen, nimmt eine Wassermelone in beide Hände und hält diese auf Höhe ihres Bauches neben sie. Man sieht seinem Gesicht an, dass er großen Spaß hat.
   Sie spielt mit, schlägt voller Empörung mit einer Salatgurke nach ihm. Bis hierher ist zu spüren, wie glücklich sie sind. Er nimmt sie behutsam in den Arm und drückt sie liebevoll an sich.
   Das Eis klatscht neben mir auf den Boden, ich kann nicht reagieren. Ich fühle mich wie in einer zweiten Dimension gefangen, wie auf einem anderen Planeten ausgesetzt, es ist zu viel für mich. Meine Augen sind trocken, ich blinzle kurz, stiere weiter nach drüben.
   Patrick wirkt unglaublich zufrieden und wahnsinnig verliebt in seine Aimy.
   Obwohl ich sitze, fühlen sich meine Knie weich an, zittern sogar leicht. Ich habe das Gefühl, ein riesiges schwarzes Loch tut sich unter mir auf. Ich falle, weiter, tiefer, bis ins Bodenlose. In meiner Einbildung schlage ich unten auf. Plötzlich, mit dem Aufschlag, werden meine Gedanken klarer. Als hebe sich ein dichter schwerer Vorhang, sehe ich die Realität vor mir. Aus irgendeinem Grund kann ich mich nicht vom Fleck rühren. Was auch nicht nötig ist, denn Patrick und Aimy kommen fröhlich lachend geradewegs auf mich zu. Er trägt ein Baseball-Cape, tief in die Stirn gezogen, wie auf vielen der offiziellen Fotos, die man im Internet finden kann. Seine welligen Haare kringeln an den Seiten ein wenig hervor. Sie hat ihre langen, dunklen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Wie immer. Ich kenne kein öffentliches Foto, auf dem sie eine andere Frisur trägt.
   Niemand außer mir scheint Notiz von den beiden zu nehmen. Unerkannt geht er seines Weges, kein Mensch hält ihn auf, spricht ihn an, oder fragt nach einem Autogramm.
   Verständlich, dass er in dieser Region lebt. Eine ruhigere Gegend, unweit von Downtown, hat Vancouver nicht zu bieten.
   Ich spüre eine unangenehme Hitze im Gesicht, habe das Gefühl, innerlich zu verglühen, als er mit Aimy an der Hand, direkt an der Bank, an mir, vorbeischlendert.
   Die beiden sind vorbei, ich bleibe wie gelähmt zurück und drehe mich schwerfällig um. Mein Blick folgt ihnen, sie lachen sich an, sind Lichtjahre von mir entfernt. So fühlt es sich zumindest an.
   Ich hätte aufspringen, ihn ansprechen können, so nah war er. Hätte ihn anrempeln können. Um ein Autogramm bitten. Nichts von alledem konnte ich.
   Nicht einen winzig kleinen Blick hat er für mich übrig gehabt. Hat nicht einmal bemerkt, wie fasziniert ich ihn angestarrt habe, um wenigstens kurz seine Augen unter der Kappe zu erspähen.
   Nie wieder werde ich ihm so nah sein, es ist vorbei. Alles ist aus, das war’s.
   Apathisch stehe ich auf, meine Beine sind weich wie Honig, meine Füße fühlen sich schwer an, wie am Boden festgeklebt.
   Nach einer Weile kann ich mich einigermaßen normal fortbewegen und gehe, langsam, wie in Trance, weiter – immer geradeaus.
   Ich verlasse das Gebäude, durch denselben Ausgang wie Patrick und Aimy, keine zwei Minuten vor mir. Ich werde schneller, rase die Hauptstraße entlang. Es scheint, als laufe ich vor irgendetwas davon. Vor der Wahrheit? Der Realität?

Seit zwei Jahren ist er mit ihr verheiratet, als ob ich es nicht wusste. Sechs Monate lebt er mit mir in meinem Kopf. Es ist verrückt. So was Blödes, absolut hirnrissig. Was habe ich mir bloß dabei gedacht?
   Er schien glücklich zu sein, kein Wunder, allem Anschein nach ist sie schwanger. Ich hatte keine Ahnung. Woher auch? Über ihn wird selten berichtet. Er ist nicht berühmt genug. Vermutlich hat die Presse es noch nicht herausgefunden, und außer den nächsten Angehörigen weiß es vermutlich niemand.
   Ich fühle mich wahnsinnig kindisch. Wie konnte ich nur so dumm sein?
   Er ist ein Fremder – natürlich – er ist mir mit einem Mal so fremd. Sein Zuhause in meinem Kopf ist zerstört. Unwiderruflich eingestürzt. Es tut regelrecht weh, dieser Tatsache ins Auge blicken zu müssen. Die Nähe, die ich monatelang spürte, wenn ich an ihn dachte, ist augenblicklich verschwunden. Da ist nichts mehr, verflogen all die schönen Gefühle.

Tief in Gedanken versunken laufe ich die Straße entlang, schüttle den Kopf über mich. Wie alt bin ich eigentlich, sechsundzwanzig oder sechzehn?
   Ein lautes, schrilles Hupen lässt mich zusammenzucken. Mit quietschenden Reifen bremst ein Wagen knapp vor mir, der Fahrer regt sich fürchterlich auf.
   Wie festgenagelt stehe ich mitten auf der Fahrbahn, obwohl die Fußgängerampel längst rot zeigt. Ich setze mich eilig in Bewegung, stehe anschließend atemlos und verwirrt auf dem Bürgersteig der gegenüberliegenden Straßenseite.
   Der Wind bläst in meine Haare, sie fliegen in mein Gesicht und ich versuche, mich zu sortieren. Innerlich wie auch äußerlich. Ich will nach Hause. Am liebsten zurück nach Deutschland. Was soll ich noch hier? So deprimiert habe ich mich lange nicht gefühlt. Das, was mir in den letzten Monaten wichtig war, meine Energie und meinen Antrieb ausgemacht hat, ist mit dieser Aktion, mit dieser kurzen Begegnung verschwunden. Einfach so, zerplatzt wie eine Seifenblase. Selten zuvor habe ich mich so leer gefühlt.

Ein Taxi hält neben mir. Der Fahrer öffnet das Fenster und ich blicke in Tims dunkelbraune Augen.
   »Hey, was ist los? Was war das da eben, bist du lebensmüde?« Er scheint beunruhigt und sieht mich genauso an.
   »Nein, ich denke –, es – es war so was wie ein Tagtraum«, stottere ich irritiert, denke dabei eher an einen Albtraum. Wo kommt er so plötzlich her? Bemüht mir meine momentane Stimmung nicht anmerken zu lassen, grinse ich ihn an.
   »Hm, ich glaube, die Mitte der Fahrbahn ist nicht der beste Ort für Träumereien. Meinst du nicht auch?«
   Ich nicke, lächle gequält. Er wirkt tatsächlich besorgt.
   »Brauchst du vielleicht ein Taxi?« Zwinkernd deutet er auf den Platz neben sich. Sein Blick, sein Lächeln, allein seine Anwesenheit bewirkt eine sofortige Besserung meiner aufgewühlten Gemütslage. Ich muss über sein Angebot lachen.
   »Komm, steig ein. Ist in jedem Fall sicherer für dich.« Er öffnet von innen die Beifahrertür. »Mir scheint, du bist ganz schön durch den Wind heute? Ist irgendwas passiert«, fragt er forschend, nachdem wir eine Weile unterwegs sind.
   Wieder sehe ich Aimy und Patrick vor mir. In meiner Vorstellung geht Patrick ganz dicht an mir vorbei. Warum habe ich nichts getan? Nachdenklich schaue ich aus dem Fenster und schweige.
   »Sag, was ist los?«, drängelt Tim beharrlich, als könne er in die Tiefen meiner Gedankenwelt vordringen.
   »Ich habe ihn gesehen, in dieser Mall. Zusammen mit seiner Frau«, antworte ich zögernd.
   »Wirklich?« Es scheint ihn zu überraschen.
   Gerade wird mir bewusst, dass er der einzige Mensch ist, mit dem ich ernsthaft über Patrick reden kann.
   »Wow!«, sagt er, doch ich bin mir keineswegs sicher, ob es wirklich so wow ist, ihn getroffen zu haben.
   »Hm, das wollte ich dir sagen. Tut mir echt leid für dich. Ja, er ist verheiratet. Hast du meine Nachricht bekommen?« Tim wirft mir einen bedauernden Blick zu.
   »Das ist nichts Neues, aber seine Frau ist schwanger. Das wusste ich nicht.«
   Verblüfft sieht er mich an. Man kann regelrecht sehen, wie es in seinem Hirn arbeitet. Er runzelt die Stirn, bremst abrupt vor einer roten Ampel.
   »Du fliegst seinetwegen bis nach Vancouver, obwohl du weißt, dass er verheiratet ist? Das glaub ich jetzt nicht.« Er klingt genauso fassungslos, wie er mich gerade ansieht.
   Ich senke meinen Blick, starre auf meine Hände und komme mir naiv wie ein Schulmädchen vor.
   Tim schweigt eine Weile, mir wird klar, wie absurd sich das alles für ihn anhören muss. Dass er mich nicht direkt in der nächstbesten Irrenanstalt abliefert, ist ein Wunder.
   »Nun gut. Dann verstehe ich nicht, warum dich ihre Schwangerschaft so schockiert.« Er zieht die Augenbrauen erstaunt hoch.
   »Sie wirkten so glücklich miteinander«, flüstere ich, und fummle nervös an der Lüftung herum. Mir ist tierisch heiß.
   »Hervorragend, vor allem überaus vorteilhaft, wenn man dabei ist, eine Familie zu gründen«, entgegnet er mit beißendem Humor.
   Er hat recht, absolut. Für eine kleine Ewigkeit blicke ich aus dem Fenster. Es hilft, jemandem davon zu erzählen. Wenn er mich auch nicht verstehen kann, was ich ehrlich gesagt selbst kaum noch schaffe.
   Wir sind nicht mehr weit vom Parkplatz meines Hotels entfernt.
   Tim räuspert sich, wirft mir einen verstohlenen Seitenblick zu. »Lara, bitte versteh mich nicht falsch, aber du musst ihn vergessen.« Mein Dauerschweigen scheint bei ihm ein schlechtes Gewissen auszulösen. Beinah flehend wirken seine Worte auf mich. Und wieder hat er recht. »Ich will dir nur helfen, ich seh doch, wie du leidest.«
   Das halbe Jahr Patrick-Mania hat offensichtlich seine Spuren hinterlassen.
   »Okay, du hast noch drei Tage, stimmt’s?« Er klingt entschlossen, als hätte er einen Plan.
   Verwundert drehe ich mich zu ihm. Er scheint noch genau zu wissen, was ich ihm auf unserer ersten Fahrt, am Tag meiner Ankunft, erzählt habe. Sogar den Tag meiner Abreise hat er sich gemerkt.
   »Ich werde dir helfen, ihn zu vergessen.«
   Sein Angebot ist einmalig, dermaßen süß, dass ich laut loslachen muss. Wie bitte schön will er das anstellen? Gehirnwäsche?
   Er biegt auf den Hotelparkplatz ein, hält nahe dem Eingang und lässt den Motor laufen. »Was hast du noch vor?«
   Unentschlossen sehe ich ihn an, habe mir darüber ehrlich gesagt noch keine Gedanken gemacht. Nicht einmal über meine letzten drei Tage, mir ist alles egal.
   »Ich habe Hunger, lass uns was essen gehen, okay? Ich lade dich ein«, schlägt er vor, lächelt mich dabei gewinnend an.
   Ich freue mich über seinen Vorschlag, ich wäre gerade wirklich nicht gern allein. »Okay, super Idee. Aber was ist mit deinem Job? Mit Daddys Taxi?« Seine Anwesenheit tut richtig gut, ich merke, wie ich langsam munterer werde. Er ist wie ein Aphrodisiakum. »Feierabend, Freizeit«, meint er, »verrate es meinem Dad nicht, okay? Nebenbei bemerkt, wir haben neulich bereits festgestellt, dass man mit dir ein mieses Geschäft macht.« Er zwinkert mir zu, bringt mich wieder zum Lachen. Es fühlt sich an, als wäre er die letzte Woche nicht weg gewesen, als ob er stets in meiner Nähe war. Ein unerklärliches Gefühl.
   »Ich bin gleich zurück, wartest du hier?«
   Mir ist warm in dieser Jeans. Schnell laufe ich hoch in mein Zimmer, um mich umzuziehen. Endlich kann ich meinen Lieblingsrock und eins der neuen Oberteile einweihen, die ich bei meinen etlichen Shoppingtouren erstanden habe. Dazu die Schuhe mit den Absätzen, so wirke ich größer und schlanker.
   Die Sonne strahlt vom blitzeblauen Himmel, für September ist es tagsüber angenehm warm.
   Mit einem Mal spüre ich so etwas wie Lebensfreude in mir, ein fast vergessenes Gefühl. Ich hübsche mich ein wenig auf. Puder, Wimperntusche, Lippenstift und fühle mich schon deutlich besser, geradezu euphorisch. Tim ist wie ein Vertrauter für mich, ich habe das Gefühl, ihn ewig zu kennen.
   »Wow, toll siehst du aus«, meint er anerkennend, als ich zu ihm in den Wagen steige. Wir lächeln uns einvernehmlich an und die schrecklichen Stunden, die hinter mir liegen, sind für den Moment vergessen.
   »Hast du Höhenangst?«, fragt er nach einer Weile, und fährt in Richtung Brücke um die Kurve.
   Verwundert sehe ich ihn an, schüttle den Kopf. »Nein, das wäre mir neu.«
   »Gut. Was hast du in den letzten Tagen gemacht? Hast du irgendwas Aufregendes erlebt?« Tim blinzelt neugierig in meine Richtung.
   Ich erzähle von einigen meiner Unternehmungen, von den hauptsächlich unspektakulären Erlebnissen und den wenigen aufregenden Ereignissen der letzten Tage. Ausführlicher berichte ich von den Beresford Studios und meinem gestrigen Autounfall. Vor allem wie mies ich mich danach gefühlt habe.
   »Warum hast du mich nicht angerufen?«, fragt er mit sorgenvollem Unterton.
   »Oh, das habe ich. Heute Morgen, nur hatte ich kein Glück. Dein Handy sagte, du bist momentan nicht erreichbar und ich soll es später versuchen.« Ich werfe ihm einen leicht vorwurfsvollen Blick zu.
   »Verdammt, der Akku. Ich glaube, der ist hin«, flucht er mit flüchtigem Seitenblick auf sein Smartphone, das in der Mittelkonsole liegt.
   »Egal, wir haben uns glücklicherweise wiedergetroffen.«
   Es scheint ihm zu gefallen, er lächelt überaus zufrieden in meine Richtung.
   Verwunderlich, in einer riesigen Stadt wie Vancouver zufälligerweise aufeinanderzutreffen. Was soll’s. Patrick und Aimy getroffen zu haben, war auch nichts weiter als ein merkwürdiger Zufall.
   Am Ende der Brücke lenkt Tim den Wagen mitten in die Innenstadt. Ich dachte eher an etwas wie McDonalds, frage mich langsam, wohin er will. Er scheint etwas anderes im Sinn zu haben, biegt in die West Hastings Street ein, und findet kurz darauf einen freien Parkplatz. Glück muss man haben oder den richtigen Riecher. Oder beides. Vielleicht reicht es auch, sich gut auszukennen.
   Er steigt aus, läuft um den Wagen herum, um galant die Tür zu öffnen, und mir mit einem verschmitzten Grinsen und einer vornehmen Verbeugung aus dem Sitz zu helfen. Ich muss über ihn lachen. Er gibt sich wirklich Mühe.
   Wie selbstverständlich greift er nach meiner Hand, um mich auf die gegenüberliegende Straßenseite zu führen. Vermutlich hat er Angst, ein weiteres Auto könnte es auf mich abgesehen haben, und versuchen, mich heute doch noch zu überfahren.
   Er steuert auf ein vornehm wirkendes Hotel zu. Mir wird ein wenig mulmig zumute, das Ding hat mindestens vier Sterne.
   »Du, das ist ein Hotel. Ich glaube kaum, dass wir ein Zimmer brauchen«, gebe ich flüsternd zu bedenken, als wir die noble Hotelhalle betreten, in der Tim auf den Aufzug zusteuert.
   »Netter Scherz. Warte ab und verdirb dir nicht die Überraschung«, meint er amüsiert. Kurze Zeit später setzt er freiwillig zu einer Erklärung an, er scheint meine Skepsis zu bemerken. »Auf dem Dach ist eine Bar, namens VISTAS. Ein einzigartiges, sich drehendes Restaurant mit einem Panoramafenster, für einen atemberaubenden Rundumblick über Downtown. Es braucht etwa eine Stunde, um sich einmal um die eigene Achse zu drehen. Es wird dir gefallen, glaub mir.« Er drückt auf den obersten Knopf, der Fahrstuhl setzt sich in Bewegung. »Von oben kannst du Vancouvers Schönheiten am besten bestaunen«, meint Tim.
   Der Aufzug rast dermaßen schnell aufwärts, dass mir ein bisschen schwindlig wird. Für den Bruchteil einer Sekunde schließe ich meine Augen, spüre Tims Hände, die behutsam nach meinen greifen. Wir stehen dicht voreinander. Ich blicke zu ihm auf, bemerke das leichte Schmunzeln auf seinem Gesicht. Er ist beinah zwei Köpfe größer als ich, stelle ich beeindruckt fest.
   »Alles okay?«, fragt er mit leiser Stimme.
   Liegt es an der rasanten Fahrt mit diesem Aufzug in schwindelerregende Höhen oder an ihm, dass sich meine Knie komisch anfühlen? »Mir ist ein bisschen schwummrig.« Verlegen lächle ich ihn an. Seine Hände sind warm und irgendwie ist es schade, dass wir schon oben sind.
   Surrend öffnet sich die Tür. Vor uns, ein Ambiente, das mir ehrlich gesagt ein wenig zu gehoben erscheint. Edle, dunkle Holzmöbel, feine Tischdecken, Weingläser und Kerzen auf den Tischen.
   Tim lässt sich davon nicht abschrecken, steuert zielstrebig einen der besten Tische an, direkt an der riesigen Panoramascheibe.
   Er hat keineswegs übertrieben. Der Blick ist gigantisch. Die Berge von North Shore, der Hafen Coal Harbour, selbst die Bäume des Stanley Parks sind prima zu erkennen. Das gute Wetter trägt seinen Teil dazu bei. Wie winzige Miniaturausgaben hetzen die Menschen durch die Straßen. Die Autos wirken von hier oben wie Spielzeug.
   »Wenn man Glück hat, kann man an klaren Tagen bis nach Vancouver Island sehen«, berichtet Tim gerade, als uns ein Kellner die Speisekarte überreicht.
   Die Preise erschrecken mich, passen zu der noblen Einrichtung, aber da ich ihm den Spaß nicht verderben will, entscheide ich mich für einen Salat-Teller, der meines Erachtens sündhaft teuer ist.
   Ich genieße Tims Gesellschaft, bekomme eine informative und gut verständliche Stadtrundumsicht gratis. »Es ist super, einen Einheimischen als Reiseführer zu haben«, stelle ich schmunzelnd fest, und er grinst mich belustigt an. Zum ersten Mal fühle ich mich rundherum wohl in Vancouver.
   Während des Essens berichtet Tim von seinem Studium, erzählt lustige Geschichten aus der Uni, womit er mich ständig zum Lachen bringt. Er ist achtundzwanzig, wird bald mit seinem Studium fertig sein und träumt von einer eigenen Gartenbau Firma, wie ich erfahre. Er hat eine Menge Zukunftspläne.
   »Es gibt nicht viele Touristen, die so gut Englisch sprechen wie du. Wie kommt’s?«, fragt Tim gespannt.
   »Hm, ist wohl der einzig positive Nebeneffekt, den meine alberne Schwärmerei hat, fürchte ich. Ich habe mir jede SmartTown-Episode im Original angesehen, dabei lernt man eine Menge.«
   Erstaunt zieht er die Augenbrauen hoch, und ich beobachte ihn eine Weile. Er ist eigenartig vertraut. Ich fühle mich gut aufgehoben in seiner Nähe, bemerke kaum, wie die Zeit vergeht. Einmal hat sich das VISTAS mit Sicherheit schon um die eigene Achse gedreht. Er lächelt mich mit seinen wahnsinnig dunklen Augen beinah liebevoll an.
   »Was ist mit dir? Erzähl mir mehr über dich. Was machst du in Deutschland?«, fragt er interessiert.
   Im ersten Moment weiß ich nichts zu sagen, er weiß doch schon alles. Ich bin unglücklich verliebt und völlig durchgeknallt. »Ich bin sechsundzwanzig, fühle mich in letzter Zeit aber eher wie eine vierzehnjährige.«
   Er macht große Augen, sieht mich verständnislos an.
   »Ich frage mich wirklich, was du über mich denkst.« Zweifelnd blicke ich ihn an und sehe zum ersten Mal, was ich offenbar die ganze Zeit nicht wahrnehmen konnte. Oder wollte ich es nicht sehen? Mein Blick muss verschleiert gewesen sein. Er ist unglaublich attraktiv. Seine dunklen Haare ragen fast bis auf seine Schultern hinab, ringeln sich an den Enden und glänzen beinah tiefschwarz. Sein dunkler Teint, sein markantes Gesicht erinnert an einen Winnetou-Film. Seine Augen, fast schwarz, glänzen wie ein See im Abendschein. Sein Blick, sein Wesen, seine ganze Art wirkt lieb und warmherzig auf mich. Um den Hals trägt er ein schwarzes Lederband mit einem silbernen Anhänger. Ein Buchstabe oder ein Zeichen, das mir nichts sagt. »Vermutlich, dass ich absolut verrückt bin.«
   Er sieht mich nun noch erstaunter an. »Blödsinn. Warum sollte ich?« Kopfschüttelnd mustert er mich. »Wie kommst du auf so was Absurdes?«
   Ich starre in die flackernde Flamme der Kerze, seufze in mich hinein. »Ich verfolge einen verheirateten Mann, beinah bis zum anderen Ende der Welt. Wie ein hoffnungslos verknallter Teenager. Ich bin verrückt nach einem Schauspieler, der bald Vater wird.«
   Er nickt, lächelt amüsiert. »Ja, da hast du recht. Das ist aber alles, was ein bisschen komisch und besorgniserregend an dir ist. Noch lange kein Grund zur Panik. Ich glaube, du bist eine sensible Person, was ich sehr mag.« Er räuspert sich zaghaft, blickt mir ein wenig beschämt in die Augen. »Und unglaublich hübsch noch dazu.«
   Irritiert starre ich ihn an, weiß nicht recht, was ich darauf erwidern soll. Mit einem sanften Lächeln auf den Lippen beobachtet er mich.
   »Wie auch immer. Eines Tages wirst du aufwachen und feststellen, dass er verschwunden ist. Dein Herz und deine Gedanken werden frei sein, da bin ich sicher. Nach einiger Zeit wirst du in der Lage sein, dich neu zu verlieben. Es dauert vielleicht eine Weile, aber es wird so kommen. Glaub mir.«
   Ich bin regelrecht baff, angesichts seines kleinen visionären Vortrages. Wie schön er das gesagt hat. »Und wann wird das sein?«, frage ich zweifelnd, beäuge ihn wenig optimistisch.
   Mit einem schelmischen Grinsen auf dem Gesicht beugt er sich über die Tischplatte in meine Richtung. »Ich weiß es nicht. Aber wenn es soweit ist, versprich mir, mich sofort anzurufen, okay?«
   Und wieder bringt er mich zum Lachen.
   »Übrigens, ich habe inzwischen deine Serie angesehen. Es war wirklich das erste Mal. Okay, ich muss zugeben, der Typ hat was, sieht ganz gut aus. Ein bisschen kann ich es verstehen«, erklärt er, und ich bedanke mich mit einem Lächeln.

Der Salat war gut, vor allem teuer, den Ausblick bezahlt man offenbar mit. Tim hat kein Problem damit. Sogar sein Trinkgeld fällt bemerkenswert großzügig aus. Nach wie vor bin ich ein äußerst schlechter Deal für ihn. Erst zahle ich keine der Taxifahrten, nun lasse ich mich zu allem Überfluss noch zum Essen ausführen. Er tut mir schon ein bisschen leid.
   Die Fahrt mit dem Aufzug nach unten ist viel angenehmer als in die entgegengesetzte Richtung. Dieses Mal wird mir nicht schwindlig. Jammerschade. Ich muss zugeben, es hat mir gefallen, mit ihm Händchen zu halten.
   Gemeinsam spazieren wir durch die Straßen, lassen die West Hastings hinter uns, und biegen in die Waterfront Street ein. Weiter durch Gastown, einem Stadtteil Vancouvers, dann nach links auf den Hafen zu.
   Tim fragt mich aus, über mein Leben, meinen Job und über Deutschland, als wir am Wasser entlangschlendern. Er scheint an allem interessiert zu sein. Ich erfahre einiges über seine Familie, die seit Generationen in British Columbia lebt. Seine Vorfahren stammen von den Indianern ab, und als hätte ich es nicht geahnt, ist das Zeichen seines Kettenanhängers indianisch und symbolisiert Freiheit.
   Wir springen von einem Thema zum nächsten, ganz wie von selbst, irgendwie scheint die Chemie zwischen uns zu stimmen. Unterwegs bekomme ich von ihm, einem echten Ureinwohner sozusagen, massig viele Insiderinformationen rund um Vancouver anvertraut. Sogar über die Schattenseiten seiner Heimat lässt er sich aus, und zwischendurch frage ich mich, ob er eine Freundin hat. Mit einem Mal rückt er von selbst mit der Sprache heraus.
   »So schön Vancouver auch ist, es ist verdammt schwierig, eine Frau zu finden, die nicht asiatischer Herkunft ist. Ich mag blonde Frauen und die sind wirklich rar in dieser Stadt.« Wenig unauffällig fixiert er meine blonden Haare, was ich belustigt zur Kenntnis nehme.
   Wir lehnen an einer der Brüstungen, direkt an der Uferpromenade des Hafens am Canada Place, um den Seabus auf seiner Wasserstraße zu beobachten. Was für eine wuchtige Fähre, die drüben in der Nähe der Park Royal Mall anlegt, in der ich vorhin Patrick und Aimy … Schnell verdränge ich diesen Gedanken.
   Riesige Kreuzfahrtschiffe quälen sich zurück ins offene Meer. Manchmal frage ich mich, warum Schiffe dieser Größe nicht einfach absaufen.
   Der Abend bricht herein, mich fröstelt es ein wenig. Tim und ich haben drei Stunden im VISTAS verbracht. Schöne Stunden, am liebsten möchte ich die Zeit zurückdrehen.
   »Hm, ich verstehe. Jetzt wird mir alles klar. Du fährst mit dem Taxi deines Vaters durch die Stadt, in der Hoffnung, eine Blondine zu treffen, stimmt’s?«
   Er reagiert kaum, starrt anstatt einer Antwort verträumt über das Wasser.
   »Was machst du, wenn du eines Tages eine findest, die dir gefällt? Würdest du Vancouver verlassen, um in ihre Heimat zu ziehen? Nach Schweden, Deutschland oder Dänemark?«, frage ich und mustere ihn neugierig.
   Er zuckt mit den Schultern, dreht sich zu mir um. »Ich denke schon. Wenn ich das Gefühl habe, es passt, warum nicht?«
   Mit dieser Antwort habe ich nicht gerechnet.
   Er kommt näher, blickt mich sanft an. »Und du? Würdest du Deutschland für den Richtigen, den Mann deiner Träume, aufgeben?«
   Ich sehe zu ihm auf, er ist nicht gerade klein geraten. Mein Herz klopft gewaltig. Er steht so dicht vor mir, dass ich sein Rasierwasser riechen kann. Es duftet gut. »Ja, natürlich. Es gibt für mich keinen Grund, in Deutschland zu bleiben. Ich würde nicht lange überlegen.«
   Erstaunt zieht er die Augenbrauen hoch. »Wirklich?«
   Ich spüre seine Verunsicherung. Er wendet sich von mir ab, tritt einen Schritt zurück, geht um das Geländer herum, und stützt sich mit den Unterarmen darauf.
   Mit gerunzelter Stirn sieht er mich an. »Klar. Nur glaube ich, sein Name muss Patrick sein.«
   Es sticht, die Wunde ist noch lange nicht verheilt, ich merke es deutlich. Genauso wie ich spüre, dass sich Tim für mich zu interessieren scheint, und offenbar darunter leidet, dass ich einen anderen im Kopf habe. Ich habe das Gefühl, ihn aufmuntern zu müssen. »Tim, das war der beste Tag bisher, ich bin dir echt dankbar.«
   Er lächelt mich vorsichtig an. »Der Tag ist noch lange nicht vorbei.«
   Ich merke, wie sehr er mit sich ringt, mir etwas sagen möchte, es aber irgendwie nicht herausbringt.
   »Was hast du noch vor?« Ich möchte nicht, dass der Tag so endet. Es ihm womöglich nachher schlecht geht, obwohl er mich aufheitern wollte.
   »Lass uns ins Kino gehen. Es ist nicht weit, direkt hier um die Ecke. Hast du Lust?«
   Seine Idee ist hervorragend, zumal es langsam kühl wird, und der Gedanke, mich in einem Kinosaal aufwärmen zu können, gefällt mir.

In wenigen Minuten sind wir im CN IMAX Theatre at Canada Place, einem Kino mit halbrunder verglaster Front. Ein bombastischer Bau. Wir sind spät dran, die Vorstellung hat schon begonnen. An diesem Samstagabend scheint halb Vancouver die gleiche Idee gehabt zu haben. Das Kino ist gut besucht. Wir entdecken in der Mitte zwei freie Plätze, müssen uns an den Leuten vorbeidrängeln. Wie unangenehm, ich hasse es, zu spät zu kommen.
   Glücklicherweise laufen noch einige der lästigen Werbetrailer, die Tim als vollkommen überflüssig und nervig bezeichnet. Der Film, eine typische US–Komödie, sorgt für eine aufgekratzte Stimmung in diesem Kinosaal. Ich verfolge hoch konzentriert die Dialoge, mir fehlen die englischen Untertitel. Warum müssen die so schnell reden? Gegen Ende des Films bemerke ich, wie Tims Hand behutsam nach meiner tastet, und auf ihr liegen bleibt. Ich versuche, seinen Blick zu deuten, er lächelt mich an. Seine weißen Zähne funkeln in der Dunkelheit wie Perlen. Ich lächle zurück, lasse meine Hand, wo sie ist und genieße seine vorsichtige Berührung.
   Die Dialoge sind mir egal, ich starre auf seine Finger, die meinen Handrücken zart streicheln. Ein Kribbeln durchströmt mich, eigenartige Gefühle für ihn steigen in mir auf, die mich etwas unvorbereitet erwischen.
   Wir bleiben sitzen, solange der Abspann des Films läuft, und warten geduldig, bis sich der Saal ein wenig leert.
   »Hat dir der Film gefallen? Hast du alles verstanden?« Tim zwinkert mir zu, hält meine Hand warm in seiner. Ich nicke, halte es für überflüssig, ihm die Wahrheit zu sagen. Ich habe den Faden verloren, fühle mich innerlich aufgewühlt und mir ist warm.

Nachdem sich das Kino bis zur Hälfte geleert hat, stehen wir auf und gehen auf die Treppe zu. Vor mir trödelt ein Paar, sodass ich nicht recht vorankomme. Ich lasse meinen Blick durch den Saal schweifen, sehe aus den Augenwinkeln etwas, was mich zur Salzsäule erstarren lässt. Ein flüchtiger Blick nach oben, der schlagartig für ein heilloses Durcheinander in mir sorgt. Ein winziger Augenblick, der ein solch unbeschreibliches Chaos in mir auslöst, dass ich abrupt stehen bleibe und Tim, der direkt hinter mir geht, unsanft gegen meinen Rücken prallt. Das darf nicht wahr sein. Das kann nicht sein.
   »Hey – was hast du?«, fragt er, aber ich bekomme keinen Ton heraus.
   Ich starre Patrick und Aimy an, die langsam die Treppe herunterkommen.
   Tim folgt meinem Blick, durchschaut die Situation sofort. Was mich noch mehr überrascht, er reagiert unglaublich schnell. Er drängelt sich an mir vorbei, geht auf Patrick zu und bleibt mit den Worten »Hey Kumpel, echt cool, deine Show. Wann sehen wir dich endlich auf der großen Leinwand?« vor ihm stehen. Er grinst Patrick ohne jede Scheu an, und deutet auf die riesige Kinoleinwand.
   Mein Brustkorb schmerzt, mit verhaltenem Atem starre ich Tim an, der ungeheuer nüchtern und souverän wirkt.
   Patrick, scheinbar immer nachsichtig und geduldig mit seinen Fans, lächelt freundlich, bleibt vor ihm stehen. »Irgendwann in naher Zukunft – vielleicht – wir werden sehen«, entgegnet er genügsam.
   Beim Klang seiner Stimme sehe ich Mark vor mir. Allein der Gedanke jagt mir eine Gänsehaut über den Rücken. Ich stiere von einem zum anderen, kann kaum klar denken.
   Aimy steht in einiger Entfernung hinter Patrick und schaut teilnahmslos in der Gegend herum. Einige der restlichen Kinobesucher quetschen sich an uns vorbei, schenken uns vieren aber erstaunlicherweise herzlich wenig Beachtung.
   Patrick scheint es nicht besonders eilig zu haben, stelle ich fassungslos fest. Eher habe ich das Gefühl, er findet es nicht einmal lästig, von Tim angequatscht worden zu sein. Erst jetzt bemerke ich, in welch erstaunlicher Geschwindigkeit Tim reden kann, ich verstehe so gut wie kein Wort von dem, was die beiden zu bequatschen haben. Unfassbar, als ob sie sich Jahre kennen würden.
   Ich sehe ein weißes Stück Papier langsam in Richtung Boden flattern. Es kam eindeutig aus Aimys Jackentasche. Vorsichtig bücke ich mich, werfe einen raschen Blick drauf. Ein Ultraschallfoto. »Ich glaube, du hast was verloren?« Ich blicke Aimy an, die mich daraufhin neugierig beäugt. »Nein, was ist das?«
   »Ein Babyfoto, deins?«
   Sie nickt lachend, greift nach dem Papierschnipsel. »Es ist erst ein kleiner Punkt«, meint sie zögernd, und ich meine eine leichte Röte in ihrem Gesicht zu entdecken.
   »Glückwunsch. Wann ist es so weit?« Ich zeige auf ihren Bauch, woraufhin sie schützend ihre Hände darübergleiten lässt und mich scheu anlächelt.
   »Anfang Juni, dauert noch ewig«, gibt sie lachend zu.
   »Wünscht ihr euch einen Jungen oder ein Mädchen?«
   Sie zuckt die Achseln, steckt das Bild zurück in ihre Tasche. »Egal, aber er hätte lieber einen Jungen«, bemerkt sie mit einem Seitenblick auf Patrick.
   Verständnisvoll lächle ich sie an, kann das Gespräch leider nicht fortsetzen, weil Tim nach meiner Hand greift und mich an seine Seite zieht. Beinah Auge in Auge mit Patrick. Da der über einen Meter neunzig groß ist, schaue ich ihm geradewegs vor die Brust. Was ich ehrlich gesagt momentan vorziehe, da ich es nicht wage, ihm in die Augen zu sehen.
   Ich fühle mich unvorbereitet, schrecklich verkrampft. Mein Herz fängt an, wie wild zu klopfen.
   »Darf ich dir Lara vorstellen? Sie ist aus Deutschland, ein riesiger SmartTown-Fan.«
   Meine Güte, als ob ihn das interessiert. Er will endlich mit seiner Frau nach Hause, denke ich panisch, werfe Tim einen ungehaltenen Blick zu.
   »Wirklich? Welche Staffel läuft gerade in Deutschland?«, fragt Patrick interessiert.
   Ob ich will oder nicht, ich muss ihn ansehen, sollte vor allem schleunigst seine Frage beantworten. Ich schlucke, fühle mich fast einer Ohnmacht nahe und blicke zu ihm auf. In diese Augen, die mich Dutzende Male vom Bildschirm heraus ansahen. Die mich zum Träumen brachten, wie keine anderen zuvor. Ich sehe seinen wundervollen Mund, starre auf diese unglaublichen Lippen, die mich in meinen Träumen unzählige Male geküsst hatten. Mir wird schwindlig, mein Herz klopft wie Blöde. »Ähm – wir sind in der Mitte der dritten Staffel – glaube ich – kann sein.« Mein Kopf ist leer. Vakuum, absolut inhaltsloser und gedankenfreier Hohlraum, mir fällt weiter nichts ein. Keine Frage, kein Satz, kein lockerer Spruch. Rein gar nichts. Meine Knie sind weich wie Pudding.
   Was noch viel schlimmer ist, ich fühle nichts. Jedenfalls nicht das, was ich glaubte und hoffte zu fühlen, wenn ich ihm gegenüberstehe. Ich spüre weder die Sicherheit noch die Nähe, die mein Herz erwärmte, sobald ich ihn kurz sah. Zu Hause auf meinem Bildschirm oder im Geiste. Ich fühle mich dermaßen unwohl, dass es einer leichten Panik gleicht. Ich finde keinen Zugang zu ihm, und es irritiert mich. Offenbar haben wir keinen Draht zueinander, keinerlei Emotionen, zumindest keine Schönen. Es fühlt sich kalt und nichtssagend an.
   Patrick lächelt, ich blicke an ihm vorbei. Diese unglaubliche Anspannung in mir, die unangenehme Unsicherheit, lassen mich an Flucht denken. Ich will weg hier.
   Tim scheint es zu spüren, sieht mich verdattert an.
   Patrick nimmt seine Frau an die Hand und räuspert sich. »War schön, euch kennengelernt zu haben, Leute. Noch einen schönen Abend, man sieht sich.« Patrick klopft Tim freundschaftlich auf die Schulter.
   »Sicher, wenn ihr ein Taxi braucht, ruft mich an, okay?«, bittet Tim stockend und reicht Patrick eine seiner Karten.
   Aimy lächelt zum Abschied in meine Richtung, und bei ihr fällt es mir nur halb so schwer, direkt in ihre rehbraunen Augen zu schauen. Patrick wünscht mir weiterhin eine schöne Zeit in Vancouver und verschwindet mit Aimy an der Seite in Richtung Ausgang. Tim schaut derweil abwesend hinter ihnen her.
   »Warum in aller Welt hast du nichts gesagt?«, fragt er aufgebracht.
   »Ich – ich konnte nicht. Ich war wie gelähmt. Mir fiel nichts Passendes ein.« Ich bin entsetzlich enttäuscht von mir, von dieser verpatzten zweiten Begegnung. Vor allem von dem fehlenden Gefühl für Patrick. All das auf einmal. Er sah so unsagbar gut aus, wirkte aber auf mich kalt und leblos. Er war zu glatt.
   »Ich hab das für dich getan, weißt du. Damit du mit ihm reden kannst. Normalerweise hätte ich ihn niemals angequatscht.«
   Traurig sehe ich Tim an.
   »Und du kriegst keinen Ton raus, ich fass es nicht.«
   Betrübt zucke ich die Achseln und folge ihm nach draußen.

Schweigend gehen wir durch die dunkle Nacht, spärlich beleuchtete Straßen entlang, in Richtung Parkplatz. Es ist kühl geworden und ich friere. Von der inneren Kälte, die Patrick in mir ausgelöst hat, ganz zu schweigen. Was war das? Es war eigenartig.
   »Ja ich weiß, ich bin echt dämlich. Erst hast du ihn fast zu Tode gequatscht, dann hast du mich aus meinem Gespräch mit Aimy herausgerissen, und zu guter Letzt hast du mich genötigt, mit ihm zu reden. Das war wohl zu viel für mich. Es tut mir leid, mein Kopf war leer wie ein Ballon. Worüber habt ihr bloß so lange geredet?«
   Tim lacht und erzählt haarklein, worum es in dem Gespräch ging. Nichts als Belanglosigkeiten. Patrick hatte auch wirklich nicht viel Gelegenheit, etwas beizusteuern, Tim hat ihn buchstäblich mit Fragen bombardiert. Er schaffte es gerade, so knapp wie möglich zu antworten. Ob die Dreharbeiten Spaß machen. Wie die Actionszenen hergestellt werden. Ob momentan im Studio oder außerhalb gedreht wird, und so weiter und so fort.
   Wir gehen die Granville Street entlang, ich fühle mich elend. »Es ist unfassbar, dass ich ihn an ein und demselben Tag zweimal treffe. Als ob jemand seine Hände im Spiel hat.« Ich spüre, wie mich die Müdigkeit überfällt, als hätte ich einen Marathon hinter mir. Mein Kopf dröhnt, und ich kann mich nicht erinnern, mich nach einer dreistündigen schriftlichen Prüfung, jemals so überanstrengt gefühlt zu haben. Ich freue mich auf mein Bett. »Ob das was zu bedeuten hat?«
   Tim geht dicht neben mir, legt seinen Arm vorsichtig um meine Hüften. Es ist nicht unangenehm, und in diesem Moment kommen mir die unschönen Gefühle in den Sinn, die mich überfielen, als ich Patrick gegenüberstand. Zu Hause in Deutschland, in meinen Träumen und Gedanken, war er mir weitaus vertrauter und näher als in diesem Kinosaal. Ich verstehe die Welt nicht mehr.
   »Vielleicht kannst du schneller über ihn hinwegkommen, wenn du ihn so oft wie möglich triffst? Irgendwer da oben möchte dir offenbar dabei helfen?«, höre ich Tims sanfte Stimme an meinem Ohr.
   Ich folge seiner Andeutung, schaue in den Himmel. Unzählige Sterne funkeln über unseren Köpfen. Ich glaube, ich habe nie zuvor so viele Sterne am Himmel stehen sehen.
   »Schön, nicht wahr?«
   Ich spüre seine Wärme an meiner Seite, während die andere völlig auskühlt. »Ich bin total durcheinander, weißt du. Es war eigenartig, Patrick war mir so fremd.«
   Tim lächelt sanft, zwinkert mir zu. »Er ist fremd.«
   Ich muss gestehen, ich bin neidisch auf ihn. So unverkrampft, wie er auf Patrick zugehen konnte. Ich wäre gern ein bisschen wie er. »Es war beeindruckend, wie locker du dich mit ihm unterhalten hast. Das war echt cool. Du warst so offen und kumpelhaft, als ob du ihn ewig kennst. Du hast ihn behandelt wie einen ganz normalen Typen.«
   Tim lacht leise, drückt mich leicht an sich. »Für mich ist er das auch. Ein gewöhnlicher und durchschnittlicher Typ. Er hat das Recht, genauso behandelt zu werden wie du und ich. Meinst du nicht?«
   Seine Einstellung regt mich zum Nachdenken an. »Er steht in der Öffentlichkeit, ist ein bekannter Schauspieler, ein Serienheld. Das halte ich nicht für normal. Die Leute identifizieren sich damit, wollen auch so sein, bewundern ihn.«
   Tim wirft mir einen erstaunten Blick zu. »Es ist ein Beruf wie jeder andere. Es ist sein Job, er verdient damit Geld, das ist alles. Seine Rolle hat nichts mit dem echten Patrick zu tun. Mit dem Menschen, der dahinter steckt. Es ist ein Scheinbild, eine Illusion. Der einzige Unterschied zu anderen Berufen ist: Er ist im Fernsehen zu sehen, fast jeder erkennt ihn, er hat total wenig Freizeit, kaum Privatleben und ist mit Sicherheit völlig überbezahlt.« Tim grinst spitzfindig und ich blicke ihn matt an.
   »Ja, wahrscheinlich hast du recht. Ich bin müde und mir ist kalt.«
   »Okay, es ist spät. Ich fahre dich zum Hotel zurück.«
   Im Auto schließe ich meine Augen, muss mich mächtig anstrengen, nicht einzuschlafen. Dieser ungewöhnliche Tag voller merkwürdiger Zufälle beschäftigt mich. Selbst Tim ist ungewöhnlich still. Irgendwann höre ich Kies unter den Autoreifen knirschen, der mich an den Hotelparkplatz erinnert. Ich schrecke hoch, muss doch kurz eingenickt sein.
   »Hey, Schlafmütze.« Tim blinzelt mich liebevoll an, während ich gähnend meine Augen reibe.
   »Tut mir leid. Ist so gemütlich in deinem Wagen und der Motor brummte so einschläfernd.« Ein wenig zerknirscht grinse ich ihn an.
   »Ist schon okay. Das war ein harter Tag für dich, ich sehe es ein«, meint er schmunzelnd.
   Er stellt den Motor ab, legt seine Hände in den Schoß und sieht mich an. Genau wie an unserem ersten Tag im Taxi, als er nach meinem Namen fragte. »Was machst du morgen? Sehen wir uns?«
   »Klar, wenn du Zeit hast, gern. Musst du nicht arbeiten? Dein Dad wird sauer sein. Ich ruiniere ihm das komplette Geschäft, wenn du mich ständig gratis hin und her kutschierst.«
   Tim schüttelt unbesorgt den Kopf. »Quatsch, mach dir keine Sorgen, du ruinierst weder mich noch meinen Dad. Das ist wirklich kein Ding. Das Geld, das ich in meiner Schicht verdiene, gehört mir. Das hat mit meinem Dad nichts zu tun.« Ich mustere ihn, kann im Schein der spärlichen Beleuchtung sein Lachen erkennen.
   »Weißt du, er ist oft neidisch und versteht nicht, warum ich viel mehr Trinkgeld bekomme als er.«
   »Was ist dein Geheimnis?«
   Er zwinkert, setzt sein charmantestes Lächeln auf. »Schau, ich bin ein zuvorkommender und wirklich anständiger Kerl. Das merken Frauen besonders schnell. Glaubst du nicht?« Übertrieben klopft er sich auf die Schulter.
   »Natürlich, ich verstehe. Dachte schon, ich bin jemand Besonderes für dich, und darum kümmerst du dich so fürsorglich um mich. Was ein Pech«, bemerke ich mit leicht spöttischem Unterton und blinzle ihn frech an.
   Er lacht über meine Bemerkung. »Okay, wir sehen uns morgen?«
   Ich öffne die Autotür einen Spaltbreit.
   »Wir können in die Berge fahren, wenn du Lust hast. Ich hole dich gegen zehn ab.«
   Erstaunt drehe ich mich zu ihm um. »So früh? Morgen ist Sonntag.«
   Er grinst, hält mich kurz an der Hand zurück. »Okay, um elf.« Mit seinem plüschigsten Blick sieht er mich an. »Und Lara, bitte, versprich mir, nie mehr mitten auf der Straße zu träumen, okay? Denk nicht so viel über Patrick nach. Das ist es nicht wert.«
   Seine Bitte ist so süß. Ich steige aus, beuge mich zu ihm in den Fahrerraum hinab. »Okay, ich versuche es. Versprochen. Danke für den tollen Tag. Schlaf gut.« Ich schließe die Autotür, gehe in Richtung Hoteleingang davon.
   »Lara, warte«, höre ich ihn plötzlich hinter mir.
   Erstaunt drehe ich mich zu ihm um, spüre eine leichte Nervosität aufsteigen. Er bleibt dicht vor mir stehen, druckst ein wenig herum und scharrt nervös mit einem Fuß im Kies. »Ähm, da ist noch etwas, was ich dir sagen wollte«, beginnt er und mein Herz klopft mit einem Mal heftiger als gewöhnlich.
   »Der Tag mit dir war wunderschön. Lara, du bist jemand ganz Besonderes für mich. Ich wollte nur, dass du das weißt, okay?«
   Ich schlucke, und angesichts seiner romantischen Ader fällt mir kein flotter Spruch ein.
   »Schlaf gut, du Hübsche.« Er drückt mir ein hastiges Küsschen in den Haaransatz und verschwindet in der Dunkelheit.
   Wie versteinert stehe ich da, starre ihm hinterher und in mir bleibt ein beunruhigendes Gefühl zurück. Verdammt, er hat sich in mich verliebt. Ohne sich noch einmal umzudrehen, läuft er zu seinem Taxi. Ich beobachte, wie er einsteigt und davonbraust.

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