Alles nur wegen ihrer Höhenangst. Deshalb trank sie auf der Berghütte zu viel Alkohol, deshalb erinnert sie sich nicht an die Nacht … und deshalb ist sie jetzt schwanger! Dabei hatte Max Benthin, der nette Typ aus der Wandergruppe, geschworen, es wäre nichts passiert. Wutentbrannt macht Fenna dem Münchener Unternehmer vor versammeltem Aufsichtsrat eine peinliche Szene – er war sowieso zu charmant, um echt zu sein – dann läuft sie davon. Doch Max weiß, was er will, nämlich genau diesen kratzbürstigen Sturkopf. Er spürt sie in einem abgelegenen Fischerdorf auf und muss es mit einer nach wie vor wütenden Schwangeren, kauzigen Küstenbewohnern und einem Kontrahenten aufnehmen. Dabei wird seine bayerische Gelassenheit auf eine äußerst harte Probe gestellt.

E-Book: 2,99 €

ePub: 978-9963-53-451-7
Kindle: 978-9963-53-452-4
pdf: 978-9963-53-450-0

Zeichen: 589.426

Printausgabe: 13,99 €

ISBN: 978-9963-53-449-4

Seiten: 350

Kaufen bei:  Amazon iTunes Thalia Weltbild

Annette Schmitz

Annette Schmitz
Annette Schmitz hat ihre Wurzeln in Bremen, der Hansestadt mit dem maritimen Flair. Sie ging als Krankenschwester nach Afrika, studierte Biologie und begann, als Ausgleich zu wissenschaftlichen Texten Unterhaltungsromane zu schreiben. Ihre bisherigen „Forschungsergebnisse Mensch“ stellt sie in heiteren, spannenden und zugleich berührenden Liebesromanen dar. Um ihren Protagonistinnen ein Happy End zu sichern, bewaffnet sie sie mit Charme, Schlagfertigkeit oder einfach Authentizität. „Gefährlich verliebt – Bin mal kurz die Welt retten“ (2014), „Liebevolle Rache – Eine Gleichung mit zwei Unbekannten“ (2015),  „Diese eine Liebe - Wellentänzer" (2016)“, „Kribbeln im Bauch - Gut verdrängt ist halb vergessen“ (2016), „Jetzt Mal Hand aufs Herz“ (2017).

Autorenseite

Leseprobe

Laden Sie sich gern unsere XXL-Leseprobe im gewünschten Format (pdf, ePub oder Kindle (mobi)) herunter.

pdf-Datei mobi-Datei ePub-Datei

... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

Das war’s. Ich hatte meinen Fehler endgültig begriffen. Zu hoch. Zu anstrengend. Die wippenden Rucksäcke der anderen verschwanden um die nächste Wegbiegung.
   Erleichtert nahm ich mein Gepäck vom Rücken, setzte mich auf den Waldboden und betrachtete den Himmel. Ein paar weiße Wolken setzten Tupfen in den strahlend blauen bayrischen Himmel. Ich schloss die Augen und genoss die Ruhe.
   Um fünf Uhr waren Arne und ich aufgestanden, und das an einem Samstag. Die Fahrt von München hierher hatte fast drei Stunden gedauert, ich hatte nicht gefrühstückt und war müde. Als ich unten auf dem Parkplatz vor dem Berg gestanden und hochgesehen hatte, wäre ich am liebsten in eines der Cafés gegangen und hätte in Ruhe einen Cappuccino getrunken.
   Stattdessen war ich hinter der hoch motivierten Wandergruppe hergetrottet, zuerst auf leicht ansteigenden, unbequemen Waldwegen, immer höher und höher, bis die Bäume weniger, die Wege schmaler und die Felsen links und rechts steiler wurden.
   Etwas kitzelte an meinem Nacken und rutschte den Rücken hinunter. Nein, es krabbelte. Nach oben. Angeekelt sprang ich auf und versuchte mit nach hinten verbogenen Armen das, was immer es war, zu erwischen. Das Ding rutschte noch tiefer und beendete seine Abfahrt am Bund meiner Jeans. Eine wahrscheinlich in keiner Relation zur Gefahr stehende Panik erfasste mich. Ich hatte mich gegen die Gebirgskälte ordentlich eingepackt. Zuerst riss ich mir die Jacke herunter, zerrte Pullover und T-Shirt aus der Hose, und schüttelte alles aus. Ein riesiger neongrüner Käfer, ein wirklich dicker Brocken, knallte mit dem Rücken auf den Waldboden. Obwohl ich bestimmt einhundertsiebzig Mal größer war als er, also durchaus im Vorteil, klopfte mein Herz wie wild. Seine Beine strampelten in der Luft, dann schaffte er es, sich umzudrehen.
   »Hey!«
   Erschrocken sah ich hoch.
   Mit schnellen Schritten kam dieser riesige Lockenkopf auf mich zugelaufen. Seinen Namen hatte ich vergessen, irgendetwas typisch Bayerisches. Sepp? Gustel? Vorhin auf dem Parkplatz hatte er seinen dunklen BMW neben unserem Golf geparkt und uns beim Aussteigen freundlich zugewinkt. Seine Begleiterin hatte mir nicht gefallen. Mit mürrischem Gesicht hatte sie mich kurz angebunden begrüßt und dann mit einer Frau aus der Wandergruppe getuschelt.
   Vielleicht stand der Käfer noch unter Schock, denn er schlug ein paar sinnlose Haken ein. Wenn der Lockenkopf jetzt noch einen Schritt machte, würde er ihn zermalmen und es nicht mal merken. »Stopp! Nicht drauftreten.«
   Abrupt blieb er stehen und sah suchend nach unten. Endlich hatte das traumatisierte Insekt das sichere Unterholz erreicht und verschwand auf Nimmerwiedersehen.
   Der Blick des Bayers fiel auf meine heraushängende Kleidung. »Ist was passiert?«
   »Der Käfer und ich hatten eine kleine Auseinandersetzung. Aber ich habe gewonnen.« Ich stopfte alles zurück in die Hose und hockte mich wieder auf den Boden.
   »Warum bist du nicht weitergegangen?«
   »Wegen meiner Höhenangst.«
   »Hier, auf diesem Weg?«
   Ich zuckte die Schultern. »Ja, die ist ganz schlimm. Und wenn ich da hinaufgucke«, ich hob das Kinn Richtung Bergspitze, »weiß ich ganz genau, dass ich das nicht schaffen werde. Das ist echt nur was für richtige Bergsteiger.«
   Er sah mich belustigt an. »Darf ich, oder sind da noch mehr Käfer?«
   »Moment.« Ich suchte den Platz ab. »Bitte.«
   Er hob sich den schweren Rucksack vom Rücken, setzte sich neben mich und zog seine langen Beine an. Er war professionell angezogen, das Etikett seiner Outdoorjacke deutete diskret auf den teuren Markennamen hin, die riesigen, klobigen Wanderstiefel sahen gut eingelaufen aus. Ich kam mir in meiner No-Name-Jacke und den trendigen Turnschuhen ziemlich fehl am Platz vor. »Eigentlich ist diese Tour für Kinder ab acht Jahre ausgewiesen, also genau richtig für Anfänger.«
   Ich sah in seine Augen. Sie hatten ein schönes, warmes Braun. »Kinder haben auch mehr Glück als Verstand.«
   »Du hättest Bescheid sagen müssen, dass du zurückbleibst. Du kannst doch nicht einfach verschwinden.« Er war vielleicht zehn Jahre älter als ich, aber deswegen brauchte er mir noch lange nicht so väterlich streng zu kommen.
   »Ich wollte mich nur ein paar Minuten ausruhen. Du kannst ruhig wieder losgehen, ich komme nach, wenn ich … mich nicht mehr schwindlig fühle.« Und wieder Lust hatte, zu wandern. Also nie.
   Er zog den Reißverschluss seiner Jacke hinunter. Es war warm geworden auf diesem windstillen Wanderweg. »Dann ruhen wir uns halt a bissel aus.«
   Das fand ich gut. A bissel ausruhen.
   »Wir werden die anderen schon einholen.« Er zog ein Handy aus seiner Innentasche, wählte eine Nummer und lauschte sekundenlang in das Gerät. Schließlich ließ er es sinken. »Kein Empfang.«
   »Oder sie sind abgestürzt.«
   »Hier stürzt niemand ab«, sagte er schmunzelnd. »Hast du ein Handy?«
   Ich kramte in meinem Rucksack. »Wo habe ich es denn? Ach, stimmt ja, es ist bei Arne im Rucksack. Aber ich habe das Ladegerät.« Hilfsbereit hielt ich es ihm entgegen. »Vielleicht kann uns das noch nützlich werden.«
   »Wer weiß.« Er richtete sich auf und hielt mir die Hand entgegen. »Wollen wir weiter?«
   »Ich habe gerade beschlossen, umzudrehen und irgendwo unten zu warten.«
   »A geh. Wer wird denn gleich aufgeben? Der Rest ist wirklich nicht schlimm, das kriegst du hin. Die anderen sind auch keine Profis.«
   »Im richtigen Moment aufzugeben ist ein Zeichen von Reife.«
   »Wer sagt das?«
   »Ich und Konfuzius. Wir sind da einer Meinung. Ich gehe da wirklich nicht hoch.«
   Er betrachtete mich nachdenklich. »Es gibt noch eine andere Möglichkeit«, sagte er schließlich. »Wir gehen zurück und fahren mit der Seilbahn. Oben ist es dann nur noch ein Katzensprung bis zur Hütte. Was meinst du?«
   »Ich bin noch nie Seilbahn gefahren.«
   »Dann wird’s aber Zeit.« Wieder hielt er mir aufmunternd die Hand entgegen.
   »Das wird nicht gut ausgehen.«
   Er zog mich mit Schwung hoch. »Das wird sogar sehr gut ausgehen.«
   Mit seinen langen Beinen legte er ein schnelles Tempo vor, ich brauchte bestimmt doppelt so viele Schritte. Es war ja schön, dass er sich Gedanken um mich gemacht hatte und umgedreht war. Aber wahrscheinlich konnte er nicht anders und wäre für jeden umgedreht. Ganz klar, was für ein Typ er war: verantwortungsbewusst, freundlich, erwachsen eben. Und ganz nett anzusehen. Also eigentlich eine perfekte Kombination. Für Frauen, die auf so was standen. Ich bevorzugte Männer, die nicht so groß, so vernünftig und schon gar nicht so bevormundend waren. Also mehr waren wie ich.
   »Warum bist du umgedreht?« Hoffentlich hörte er mein Keuchen und ging etwas langsamer.
   Tatsächlich verlangsamte er sein Tempo. »Ich dachte, du hast dir vielleicht eine Blase gelaufen oder bist umgeknickt. Bei den Schuhen.«
   »Was ist mit meinen Schuhen?«
   »Sie sind nicht unbedingt zum Wandern geeignet.«
   »Ich kann super darin laufen.«
   »Na dann.«
   Jetzt ließ ich mir extra Zeit. »Und hast du den anderen auch gesagt, dass du umdrehst? Nein? Das war aber nicht in Ordnung«, ahmte ich ihn nach.
   Ich sah ihn lächeln. »Ich konnte ja nicht ahnen, dass du nicht zum Weitergehen zu bewegen bist.«
   »Ich brauche eine Pause.«
   »Schon wieder? Wir sind doch gleich da.«
   »Dann kannst du auch noch mal deine Freundin anrufen. Die macht sich sicher Sorgen um dich.« Und Spaß verstand die bestimmt nicht, so wie sie vorhin rumgemault hatte.
   »Also gut.« Erneut zog er das Handy heraus, hielt es in alle Himmelsrichtungen, doch es gab noch immer keinen Empfang. Er tippte eine Nachricht ein. »Vielleicht geht die SMS durch. Oder wird wenigstens verschickt, sobald wir Empfang haben.«
   Was er wohl schrieb? Muss die Verrückte mit der Bahn nach oben bringen? Oder: Langweile mich gerade zu Tode mit dieser nervtötenden Zicke? Oder: Verzeih mir, dass ich letzte Nacht zu schnell war? Neugierig versuchte ich, einen Blick auf das Display zu werfen, doch er war schnell.
   »Willst du deinem Freund auch eine Nachricht schicken?«
   »Arne ist nicht mein Freund.« Auf was für Gedanken er kam. »Er ist mein Bruder.«
   »Hätte ich mir denken können. Ihr seht euch ähnlich.«
   War der Mann blind? »Chinesen sehen sich ähnlich. Oder Amseln. Aber doch nicht mein Bruder und ich. Wir sehen total verschieden aus.«
   Wir standen vor einer Wegkreuzung, ich blieb atemlos stehen.
   »Da lang.« Er deutete nach rechts und schon war er mir wieder ein paar Schritte voraus. Während ich ihm mit müden Beinen folgte, stellte ich mir Arne und mich nebeneinander vor. Das Einzige, was wir gemeinsam hatten, waren die helle Haarfarbe und blaue Augen. Das war’s.
   »Ich habe deinen Namen vorhin nicht richtig verstanden. Emma oder so ähnlich?«
   Ich trat nach einem auf dem Weg liegenden Tannenzapfen, er schoss ins Gebüsch. »Ich heiße Fenna.«
   »Fenna.« Er sah sich nach dem Rascheln um. »Klingt hübsch. Woher kommt er?«
   »Aus dem Norden. Genau wie ich. Deinen habe ich auch nicht behalten.« Die meisten Namen, die man mir beim Vorstellen sagte, vergaß ich im nächsten Moment. Meine Schwester sagte einmal, ich würde mir keine Mühe geben, die Namen zu speichern. Weil mir die Menschen nicht wichtig wären. Sie sagte ständig so unangenehme Sachen.
   »Im Gegensatz zu deinem ist meiner ziemlich langweilig. Ich heiße Max.«
   Der Name passte. Als ich klein war, hatte ich ein Kaninchen, das Max geheißen hatte. Ein schwarzes weiches Tier, es war toll, es zu streicheln. Wenn ich darüber nachdachte, wusste ich überhaupt nicht, was aus ihm geworden war. Irgendwann war ich nach Hause gekommen und es war weg.
   Endlich erreichten wir die Seilbahnstation. »Wir müssen uns beeilen, sie fährt gleich los.«
   Während er die Fahrkarten besorgte, betrachtete ich die Gondel und das Stahlseil, das in wenigen Minuten die Verantwortung für mein Leben tragen würde. Die dünne Schnur kam in weiten Schlaufen von der Spitze des Berges wie aus dem Nichts. Dieser Berg war wirklich verdammt hoch.
   Die Gondel wartete mit offener Schiebetür. Noch war sie leer, weil die Absperrung die ungeduldig wartenden Gipfelstürmer zurückhielt. Ich zählte durch. Zwei, sechs, zwölf. Nein, doch nicht. Elf. Max kam mit den Tickets zurück.
   »Mit uns sind wir dreizehn!«
   »Schön, dann haben wir genug Platz und können viel von der Aussicht genießen. Es ist noch früh, die meisten Touristen wandern hoch und fahren mit der Gondel wieder runter.«
   »Wandern nennst du das? Wohl eher Klettern. Oder, wie sagt ihr, kraxeln? Wie dekliniert man das? Ich kraxelte, du kraxeltest, ihr kraxeltet?« Ich verbog mir die Zunge und lachte. »Ich bin gekraxelt, ich werde gekraxelt sein.«
   Max lächelte gutmütig. »Wie sagt ihr denn im Norden, wenn ihr kraxelt? Hüpfen?«
   Ich zählte die Wartenden noch einmal durch. »Dreizehn.«
   Er sah mich mit bemühtem Ernst an. »Ist das wirklich ein Problem?« Ich nickte heftig, in solchen Fällen musste man jedes Zeichen des Schicksals ernst nehmen.
   »Dann bist du die Nummer zwölf und ich die dreizehn. Wie findest du das?«
   Ziemlich blöd fand ich das, aber er wandte sich kurzerhand um.
   »Ah, es geht los.«
   Unschlüssig blieb ich stehen und überlegte, ob ich mich nicht lieber verstecken sollte, als mein Leben dieser obskuren Konstruktion aus Stahlseilen anzuvertrauen.
   Warum hatten es alle so eilig, hineinzukommen? Ich beobachtete, wie sich ein Vater in die Gondel drängelte und die beiden Sitze neben dem ergatterten Fensterplatz durch einen Rucksack und ein schreiendes Kind sicherte. Die dazugehörige Mutter hatte einen zusammengeklappten Buggy unterm Arm und hielt ein älteres Kind an der Hand. Das Kind riss stärker, die Mutter wäre fast gefallen, der Buggy krachte gegen die Tür. Ob die Gondel die vielen Menschen überhaupt würde tragen können, bei all den unterschiedlichen Körperproportionen und vielen Gepäckstücken? Dazu kam noch, dass zu meinem Entsetzen eine Seniorengruppe spät, aber zielstrebig, auf das Stationshäuschen zugestolpert kam. Ein älterer Herr mit Seppelhut schwang wie zur Drohung seinen Spazierstock über dem Kopf und brüllte, wir sollten ja noch nicht losfahren.
   Meine Füße wollten einfach nicht weitergehen, da war nichts zu machen. Ich sah Max hinterher, der in die Gondel stieg. Wahrscheinlich glaubte er, ich würde direkt hinter ihm sein. Leider sah er sich nach mir um und winkte. Ich winkte zurück. Wiedersehen, war nett, dich kennengelernt zu haben.
   Er verstand das falsch und trat wieder aus der Kabine. »Du bist ja ein richtiger kleiner Feigling«, sagte er neckend. »Die Seilbahn ist völlig sicher. Viel sicherer als Autofahren. Viel mehr Menschen sterben bei Autounfällen als bei Seilbahnabstürzen. Das musst du zugeben.«
   »Aber die fallen nicht so tief, wenn sie sterben.«
   »Na komm.« Er lächelte und nahm meine Hand. »Oh, die ist ja ganz kalt.« Er zog mich hinter sich her, bis ich in der Gondel stand.
   Die Seniorengruppe drängelte sich nach uns hinein. Warum nahmen die nicht die nächste Gondel? Hatten die kein Verantwortungsgefühl? Ein paar Jahre Leben hatten die doch auch noch vor sich. Wenigstens waren wir nicht mehr dreizehn.
   Als ein grimmig aussehender Tattergreis mit vielen Leberflecken im Gesicht mich mit seinem Rucksack anrempelte, fiel ich nach vorn gegen meinen Bayer. Eine weißhaarige Frau mit streng riechender Dauerwelle sah sich um. »Mariechen?«
   Mariechen stand hinter Max’ Rücken.
   »Ich bin hier, Traudel. Da haben wir noch mal Glück gehabt, was?« Ihre schrille Stimme ließ Max zusammenzucken.
   Ich bekam den Wanderstock des unhöflichen Tattergreises in die Rippen. Zu allem Unglück gab es einen Ruck, die Gondel setzte sich in Bewegung. Ich brauchte auf einmal ganz dringend eine Toilette. Sicher würde ich es nicht bis oben schaffen.
   »Schau einfach nicht raus, okay? Sieh mich an«, sagte Max beruhigend. »Hey, du hast ja Sommersprossen. Ein Mädchen ohne Sommersprossen ist wie ein Himmel ohne Sterne. Hat mal jemand gesagt.«
   »Ich kenne alle Sprüche über Sommersprossen. Den hat mir ein Lehrer mit Mundgeruch ins Ohr geflüstert.«
   »Und was ist mit: Sommersprossen sind auch nur Gesichtspunkte?«
   Ich musste lachen. »Den kannte ich noch nicht.«
   »Ein wirklich schöner Tag heut, gell?« Max gab sich alle Mühe, mich abzulenken. »Ich hab gehört, wir sollen einen sehr heißen Sommer bekommen.«
   Ich ließ den Kopf auf die Brust vor mir sinken, meine Finger krallten sich in den Stoff seiner Jacke, meine Knie schlotterten. Langsam wurde die Gondel nach oben gezogen und es war, als ob ich die Kraftanstrengung, die Spannung, die dahinter saß, körperlich spüren konnte. In regelmäßigen Abständen hüpften wir über die Träger, an denen die Drahtseile befestigt waren. Das Summen und kurze Hüpfen ließen mich jedes Mal zusammenzucken. Als wir mit einem letzten heftigen Hopser die Gipfelstation erreicht hatten, machte mein Herz einen ganz ähnlichen, erleichterten Sprung.
   »Na also, wir haben es geschafft. Du kannst jetzt meinen Kragen loslassen, langsam bekomme ich keine Luft mehr.«
   Es fiel mir nicht leicht, die drängelnden Menschen vorbeizulassen, am liebsten wäre ich als Erste hinausgelaufen, aber Max ließ alle vor. Ziemlich zum Schluss verließen wir das grässliche, schwankende Ungeheuer, und ich verdrängte den Gedanken, dass ich irgendwie auch wieder runterkommen musste.
   Max breitete die Arme aus, als wollte er die ganze Welt umarmen. »Was für eine Luft, was für eine Aussicht. Das hab ich gebraucht.« Er ließ mich stehen und ging zur Aussichtsplattform, wo sich andere bereits um die besten Plätze am Geländer drängelten.
   Max’ schlanke, große Gestalt hob sich deutlich von ihnen ab. Ich sah schaudernd zu, wie er sich nach vorn lehnte und die Aussicht genoss. Die zwei zappelnden Kinder aus der Gondel wurden von ihren seltsamen Eltern aufs Geländer gesetzt und deuteten aufgeregt auf irgendetwas weit weg. Mir graute schon beim Zusehen.
   Max drehte sich um. »Komm, das musst du sehen.«
   Ich blieb einen halben Meter vor dem Geländer stehen, streckte den Hals, den Abgrund dahinter vorsichtig abschätzend. Bevor mir die Knie nachgaben, sah ich schnell wieder hoch. Natürlich war die Aussicht atemberaubend. Dank der klaren Luft hatte man einen kilometerweiten Blick. Links und rechts gab es andere Berge, manche schienen sogar noch höher zu sein. Ihre Hänge glitzerten geheimnisvoll unter den Sonnenstrahlen. Unten sah ich den Schatten einer einzigen Wolke ziehen, sie wirkte wie ein riesiges UFO. Doch wenige Zentimeter entfernt ging es abwärts in eine erschreckende Tiefe.
   »Ist das nicht herrlich?« Max blickte genießerisch in die Ferne und bot mir einen guten Blick auf sein Profil. Seine Unterlippe sprang etwas hervor, was seinem Gesicht einen eigenwilligen Ausdruck verlieh. Die große und etwas gebogene Nase störte das ansonsten gut aussehende Gesicht. Aber nicht wesentlich. Mit seinen dunklen Locken hatte er etwas Südländisches, doch sein Dialekt, die Art, wie er die Worte betonte, machte ihn zu genau dem, was er war, einen Bayern.
   »Ich hätte nie hier hochkommen dürfen, ich habe das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen«, sagte ich mühsam.
   »Aber dir kann doch nichts passieren.«
   »Du hast ja keine Ahnung, wie ich mich fühle. Wovor hast du Angst? Fahrstühle, Zahnärzte, Spinnen?«
   »Mein Zahnarzt ist ein Freund von mir. Wir sind zusammen zur Schule gegangen und spielen einmal die Woche Squash. Wenn er mir auf den Nerv bohren würde, würde ich ihm dafür beim nächsten Spiel den Schläger um die Ohren hauen.« Er legte einen Arm um mich. Ich fand das nicht unangenehm. »Du hast es doch schon bis hierher geschafft. Ich finde das toll, ehrlich. Der Weg zur Hütte ist überhaupt nicht schlimm, du wirst sehen.« Er machte eine kurze Pause. »Und jetzt weiß ich, was dir bestimmt helfen wird. Ein schönes, kühles Bier.«
   Alkohol? Das war so eine Sache mit dem Alkohol.
   Er sah mir meine Zweifel wohl an. »I hab wenigstens oanen Durscht.«
   Wir setzten uns auf der Terrasse des Restaurants gegenüber, bestellten eine Kleinigkeit zu essen und prosteten uns bald darauf mit einem schäumenden Bier zu. Max hatte recht, mit dem Alkohol im Kopf konnte ich hier oben viel besser atmen. »Mein Kopf ist ganz leicht.«
   »Wirklich? Gut.«
   »Und meine Beine fühlen sich an wie Gummi.«
   Er schmunzelte. »Du trinkst wohl nicht oft Bier?«
   »Ich trinke nicht oft bayrisches Bier.« Ich beugte mich vor. »Und du hast wirklich vor nichts Angst?« Das beschäftigte mich. Gab es wirklich Menschen, die keine Angst hatten? Ich konnte es nicht glauben. Irgendeine Achillesferse hatte schließlich jeder, und mein Gegenüber war auch nicht perfekt. Niemals.
   Seine Stirn verzog sich nachdenklich. »Na ja, ich habe eine Abneigung gegen Spritzen.«
   »Also Angst vor Spritzen.«
   »Keine Angst. Ich mag sie einfach nicht.«
   Ich lehnte mich zurück und betrachtete ihn mitleidig. Armer Mann, schrecklich, wenn man so eine Angst vor Spritzen hatte. Da war mir meine Höhenangst lieber. Kein Vergleich.
   Mit der Zeit strömten immer mehr Touristen in die Bergstation. Wir rückten zur Seite, als sich eine Gruppe von Bergsteigern zu uns an den Tisch setzen wollte. Während sie auf ihre Biere warteten, unterhielten sie sich angeregt über den fantastischen Aufstieg. Wahrscheinlich bedauerte es Max inzwischen, mit mir hier herumzusitzen.
   Voller Bewunderung sah ich der Kellnerin zu, wie sie, vier, fünf Bierkrüge auf einmal stemmend, zwischen den Bänken herumlief. Ich fragte mich, wie man sich in einem derart engen Dirndl so flink bewegen konnte, abgesehen davon hatte ich noch nie ein solch ausladendes Dekolleté gesehen.
   Als wir aufbrechen wollten, gelang es Max sofort, die gestresste Serviererin auf sich aufmerksam zu machen und die Rechnung zu verlangen. Ich wollte selbst bezahlen, doch er ließ mich nicht zu Wort kommen. Ich schluckte meinen Protest hinunter, denn ich hing wie gebannt an der Kellnerin. Sie verstaute das Geld in ihrem ausgebeulten Portemonnaie, das sie aus einer Tasche unter ihrem Busen hervorgezerrt hatte, strich eine blond gefärbte Haarsträhne in den Verbund zurück und beugte sich vor, um das Geschirr einzusammeln. Ich hielt die Luft an. Gleich würde alles herausplatzen.
   »Pfüat Eahna.« Der Supergau blieb aus, die Kellnerin rauschte voll beladen an uns vorbei.
   Wir setzten unseren Weg fort. »Bist du schon oft hier heraufgeklettert?«
   Er nickte. »Ich komme aus München, wir waren früher an vielen Wochenenden unterwegs. Entweder hier oder auf denen da.« Er zeigte auf die angrenzenden Berge.
   »Dann kannst du bestimmt auch Skilaufen.« Gleich darauf kam ich mir ziemlich dumm vor. Wahrscheinlich hätte ich genauso gut fragen können, ob er katholisch war.
   »Geht so.«
   Der Weg, auf dem wir nun gingen, war verhältnismäßig breit. Die Abhänge lagen weit genug entfernt, zum Teil hinter höher gelegenen Felsen. Ich versuchte, sie zu ignorieren. Der Alkohol hatte seine Wirkung verloren, doch meine Angst hatte erträgliche Ausmaße angenommen.
   Nach einer knappen halben Stunde schlug Max vor, eine Pause zu machen. »Wir haben genug Zeit.«
   Wir setzten uns an einen schattigen Felsvorsprung und er begann, in seinem Rucksack rumzukramen.
   »Was schleppst du da bloß alles mit?«
   »Da sind die Sachen von Sandra und mir drin. Was man halt braucht.«
   Sandra hieß sie also. Ich sah über seine Schulter in das dunkle Chaos seines Rucksacks. Er packte ein Fernglas aus, ein dünnes Bestimmungsbuch Alpenblumen und ein dickeres Was fliegt denn da? Dann kamen zwei Äpfel zum Vorschein, eine Flasche Sonnenmilch. »Willst du?« Er reichte sie mir, ohne aufzusehen. Eine Karte, eine Thermosflasche, ein Päckchen Verbandszeug. Er kramte weiter, sein Kopf war schon fast im Rucksack verschwunden. »Ah.« Er richtete sich auf. In seiner Hand hielt er eine teuer aussehende Kamera. »Die hab ich gesucht.« Zufrieden nahm er sie aus der Schutztasche, stand auf und stellte, mit mir als Ziel, konzentriert den Zoom ein. Doch er ließ sie wieder sinken. »Das Licht stimmt irgendwie noch nicht.«
   »Oder das Motiv.« Ich lachte, als er mich schon wieder anvisierte.
   »Das ist genau richtig.« Diesmal hörte ich das Klick.
   »Wahrscheinlich bin ich hier das einzige Motiv weit und breit.« Über uns kreiste ein großer Vogel gemächlich seine Runden. Ich nahm das Fernglas. »Schau doch mal, was das da für ein Vogel ist!« Ich zeigte in den Himmel.
   »Das ist ein Steinadler«, sagte er nach einer Weile, eine leichte Aufregung schwang in seiner Stimme mit. »Die sind selten geworden. Ich hab schon lange keinen mehr gesehen. Da ist noch einer!« Er hielt sich eine Hand schützend vor die Augen und deutete mit der anderen in die Ferne. »Wahrscheinlich haben sie irgendwo da hinten ihr Nest.« Er kniete sich neben mich und nahm mir das Buch aus der Hand, in dem ich nach dem Steinadler gesucht hatte. Schnell hatte er die richtige Seite gefunden und hielt mir das Bild eines imposanten, stolzen Vogels hin. »Schau, so sieht er aus. Sie sind ziemlich groß, ein ausgewachsener Steinadler könnte ein Lamm schlagen. Sie waren fast ausgestorben. Es gibt einige reiche Spinner, die viel Geld für ein Adlerei zahlen würden. Denen ist es völlig egal, ob ein Vogel ausstirbt, im Gegenteil, je seltener ein Vogel, desto wertvoller die Eier, und damit ihre Sammlung. Zum Glück gibt es Naturschützer, die die Nester während der Brutzeit rund um die Uhr bewachen.«
   Ich betrachtete eine Weile die stolz blickenden Augen des Adlers. »Warum hast du die Bücher mit? Du erkennst doch jeden Vogel hier oben.«
   »Die Bücher gehören Sandra, sie interessiert sich für Vögel. Eigentlich für alles, was mit Natur zu tun hat. Sie ist Naturwissenschaftlerin, Chemikerin.«
   Passte zu ihr. Unten im Tal hatte sie ein Gesicht wie hochkonzentrierte Salzsäure gemacht. »Und was trägt Sandra?«, fragte ich in Anbetracht des bunten Chaos um uns herum.
   Er nahm die Kamera auf und betrachtete mich damit. »Wahrscheinlich das Gleiche, was du in deinem kleinen Beutelchen trägst.« Er drückte ab.
   Es war tatsächlich mein Bruder, der den großen Rucksack trug, in den wir die meisten Dinge fürs Wochenende gepackt hatten. Wir hatten nur den einen großen Rucksack und dieses Beutelchen, aber ganz sicher schleppten wir keine Bibliothek mit. Dafür hätte sich Arne niemals hergegeben. Im Gegenteil, heute früh, unten am Berg, hatte er mir mitgeteilt, dass wir uns mit dem Tragen abwechseln würden. Wahrscheinlich dachte er inzwischen, ich wollte mich davor drücken und hätte mich deswegen abgesetzt.
   Max setzte sich neben mich, verschränkte die Hände hinterm Kopf und lehnte sich gegen seinen Rucksack. Es wurde still. Aus der Ferne hörte ich noch die Stimmen einiger Wanderer, die vor wenigen Minuten an uns vorbeigegangen waren, dann verklangen auch sie. Die Ruhe wurde nur durch seinen leisen, gleichmäßigen Atem unterbrochen. Ich sah auf sein entspanntes Gesicht. Er schlief mir hier doch nicht wirklich ein? Unwillig nahm ich mir das Bestimmungsbuch über Alpenpflanzen vor. Nachdem ich es einmal lustlos durchgeblättert hatte, warf ich es gereizt zu seinem halb geöffneten Rucksack. Es flog nur wenige Zentimeter an seinem Kopf vorbei und ich hoffte, er würde aufwachen, aber er regte sich nicht. Er lächelte sogar etwas im Schlaf.
   Die Minuten vergingen und ich dachte an den Moment vor zwei Tagen, als Arne, natürlich wieder auf den letzten Drücker, von der Einladung erzählt hatte. Auf den Berg, für ein Wochenende, mit wichtigen Leuten. »Wird dir bestimmt gefallen, Fenna, die sind total nett.«
   »Kennst du die Leute?«
   »Klar. Dieser Norbert ist dabei.«
   »Norbert? Der Jurist, den du so langweilig findest und mit dem du unbedingt mal segeln möchtest?«
   »Genau, der Mitglied in diesem echt exklusiven Segelverein ist, in den man nur über Beziehungen reinkommt.«
   »Und wer noch?«
   »Ein paar andere wichtige Leute. Sollen nett sein.«
   Die Kraft der Sonne ließ nach, fröstelnd schlang ich die Arme um mich.
   Endlich rührte sich auch mein verschlafener Begleiter. »Wird’s kalt?« Er fuhr sich durch die Locken, dann sah er auf seine Armbanduhr. »Herrschaftszeiten! Tut mir leid, ich bin gestern spät ins Bett gekommen. Lass uns aufbrechen, es ist nicht mehr weit.« Er sammelte sein Gepäck ein und stopfte alles wahllos in den Rucksack.
   »Werden die anderen schon da sein?«
   »Glaub ich nicht.« Er schnürte den Deckel zu. »Wie ich die kenne, haben die zwischendurch ordentlich Pausen gemacht.«
   »Brotzeit.«
   »Genau.«
   »Deine arme Freundin. Die hatte dann ja nichts zu essen.«
   Er drehte den Kopf in meine Richtung. »Was du dir für Sorgen um meine Freundin machst. Das geht schon in Ordnung. Sandra ist nicht zum ersten Mal hier oben und ich glaub, die anderen würden ihr auch was abgeben.«
   Die Hütte, ein massives zweigeschossiges Holzhaus, lag im Schatten eines Felsens. In dem dunklen Wirtsraum roch es nach Holzfeuer, Pfeifenrauch und Essen. An den Fenstern hingen weiß-blau karierte Gardinen, über der Theke schwebte ein ausgestopfter riesiger Vogel. Ein Steinadler? Seine dunklen Augen fixierten mich und schienen mir überallhin zu folgen. Etwa ein halbes Dutzend Hörner von irgendwelchen armen Berggämsen, Ziegen oder Steinböcken hingen an den Holzwänden. Eine Familie saß an einem der drei rustikalen Tische und aß etwas gut Riechendes. An einem anderen Tisch hockten zwei ältere Männer. Zu Füßen des einen lag ein Hund, den Kopf auf die Pfoten gelegt.
   »Servus beinand!« Gut gelaunt ging Max auf sie zu.
   »Pfiad di Maxl! I hab noch gar ned mit eich grechnet.« Der Wirt erhob sich und mit ihm der Hund.
   Schwanzwedelnd kam das Tier auf Max zugetrottet, seine Pfoten kratzten auf den Holzdielen.
   Max klopfte ihm kameradschaftlich das Fell. »Ja Susi, freust dich, mich zu sehen, gell? Hast mich gleich erkannt, braves Mädchen.«
   »I dacht, ihr seid a Grupp. Komma de andern aa no?« Der Wirt warf mir einen prüfenden Blick zu. Er hatte ein rundes rötliches Gesicht und graue Haare, die sich neckisch im Nacken kringelten.
   »Wir sind nur die Vorhut. Sind mit der Seilbahn gekommen.«
   »Wos?« Der Wirt lachte. »Warum jetzt des?«
   »Mein Gast ist das Bergsteigen nicht gewöhnt.« Max zwinkerte mir verschwörerisch zu.
   »Ah, kommt wohl ned von hia? A Preiß?«
   Ich kam mir wie eine Ausländerin vor und fühlte mich ein wenig diskriminiert.
   »Fenna, das ist Hubert, der Wirt dieser Hütte. Den kenn ich schon eine Ewigkeit, was, Hubert?«
   »Seid er ois gloaa Bub mit seina Familie hia raufgekraxelt is.«
   »Lang ist’s her. Setzen wir uns dorthin?« Max deutete auf den Tisch gleich neben der Tür.
   Ich folgte ihm, doch plötzlich blieb ich stehen. Was war das? Der Boden hatte unter meinen Füßen nachgegeben. Vorsichtig, um ganz sicher zu sein, ging ich einen Schritt zurück. Wirklich. Es war unglaublich. »Die Hütte wackelt!«
   Max stellte den Rucksack ab. »Was?«
   »Sie schwankt. Komm her, stell dich hierher!« Ich zerrte aufgeregt an seiner Jacke, bis er auf der ominösen Stelle stand. »Und jetzt mach einen Schritt vorwärts.« Gespannt beobachtete ich, wie er folgsam einen Schritt vor und wieder zurück machte.
   »Da schwankt nix!« Er verbiss sich ein Lachen. Ungeduldig schob ich ihn beiseite und probierte es selbst noch mal. Max, die Familie und Hubert sahen mich skeptisch an, nur der Hund hatte seine Ohren aufgestellt und starrte auf einen unsichtbaren Punkt zu meinen Füßen. Verwirrt setzte ich mich.
   »Das liegt wohl an deiner Höhenangst.« Max’ Blick war mitfühlend. »Diese Hütte ist an die hundert Jahre alt. Glaub mir, bevor die schwankt, fällt eher der Berg in sich zusammen.« Er sah aus dem Fenster. »Schad, dass du das nicht genießen kannst. War das mit deiner Höhenangst immer schon so arg?«
   Ich überlegte. »Ich hatte schon als Kind Höhenangst, aber es scheint immer schlimmer zu werden. Jemand wie du kann das natürlich nicht nachvollziehen.«
   »Wie ich?« Er blickte mich mit gespielter Empörung an. »Hältst du mich für so unsensibel?«
   Ich zuckte die Achseln. Höhenangst war ein ernstes Problem und Leute wie ich sollten nicht auf einen Berg gehen, das war mir inzwischen klar. »Jedenfalls bist du schuld, wenn ich hier oben durchdrehe. Du hast mich überredet, hochzufahren.«
   »Was sollte ich denn machen? Ich konnte dich doch nicht deinem Schicksal überlassen. Du kennst dich hier nicht aus und warst ganz allein.«
   »Und da dachtest du, du musst dich um mich kümmern?« Sein sanftes Lächeln reizte mich. »Niemand muss sich um mich kümmern.«
   »Ewig konntest du nicht auf dem Boden hocken. Du hättest dich verlaufen oder verletzt, wärst verhungert oder von gefährlichen Tieren angefallen worden.«
   »Käfern und so.«
   »Die sind nicht zu unterschätzen.«
   »Dann hast du also mein Leben gerettet.«
   »Keinen Dank, ich hab das gern gemacht.«
   Einem Mann wie ihm war ich noch nie begegnet. Er hatte so eine besondere Art, mich anzusehen, mir zu kontern und sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Das war aufregend – und gleichzeitig nervend. Beinahe konnte man denken, er flirtete mit mir. Nein, er hatte eine Freundin.
   »Was machst du beruflich?«, fragte er nach einer Weile.
   »Ich studiere.« Das hörte sich besser an als orientierungslose Herumtreiberin. Er schwieg abwartend. »Jura.« Das war sogar die Wahrheit.
   »A geh, jetzt nimmst mich auf den Arm.«
   »Wieso?«
   »Tut mir leid, aber Jura ist ein bisschen trocken. Du wirkst auf mich viel zu impulsiv.«
   »Kennst du dich mit Jura aus? Bist du Anwalt?«
   Diese Vermutung schien er komisch zu finden. »Gott bewahre.«
   »Ich habe nach zwei Semestern abgebrochen und dann mit Kunstgeschichte angefangen. Aber nicht«, fügte ich schnell hinzu, »weil ich zu impulsiv bin. Eigentlich bin ich ein sehr beherrschter Mensch …«
   In diesem Moment hörten wir laute Stimmen vor der Tür.
   Max lehnte sich vor. »Sie sind da.«
   Zuerst polterte dieser kniebundhosentragende, dickbauchige Mann herein, der mir heute Morgen beinahe die Hand zerquetscht hatte. Er sah sich um, entdeckte uns und begann, breit zu grinsen. »Da sind ja unsere zwei Verschollenen. Trinken Bier und sehen ganz lebendig aus.« Er ließ sich neben mir auf die Bank plumpsen und breitete besitzergreifend die Arme aus. »Bin ich froh, es geschafft zu haben. Ich werd zu alt für diese elende Kraxelei, die letzten Meter hab ich nur in Aussicht auf ein kühles Weizen durchgehalten.«
   Auch die anderen traten nun nach und nach ein. Ich wartete auf meinen Bruder und wappnete mich schon mal gegen seine Vorwürfe. Bestimmt war er sauer, weil er die ganze Zeit den Rucksack tragen musste.
   »Wir haben heut zehn kleine Negerlein gespielt.« Der Kniebundhosentragende lachte heiser. »Erst verschwindet ihr zwei, dann die Sandra und schließlich noch dieser junge Mann. Da waren von den zehn nur noch sechs übrig.«
   Ich löste den Blick von der Tür. Arne war verschwunden? Oje, er war doch nicht abgestürzt? Unbehaglich überlegte ich, was zu tun war. Bei aller Liebe, aber suchen konnte ich ihn nicht gehen. Ich wollte Max um Rat fragen, doch der wurde gerade von einer schmalgesichtigen Frau attackiert. Es war die, mit der sich Sandra unten am Berg ein Stück abgesondert und getuschelt hatte. »Wie konntest du nur verschwinden, Max? Hast du sie noch alle?«, fragte sie beißend.
   Ihr Begleiter war ein gut aussehender Typ. Das Paar sah aus wie Barbie und Ken. In der erfolgreichen Geschichte der Barbie war sie allerdings zuerst da, er wurde erst später dazukreiert, als eine Art Zeitvertreib. Nette Schöpfungsgeschichte. Vielleicht die einzig wahre.
   Ken grinste schadenfroh, als er Max auf die Schulter klopfte. »Böser Fehler, Max. Du hättest Sandras Gesicht sehen sollen.«
   Seine Freundin warf mir einen feindseligen Blick zu. Dann war Max wieder dran. »Du bist ein Idiot. Ausgerechnet jetzt, wo Sandra eh … musste das sein?«
   Er blieb bewundernswert ruhig. »Tut mir leid, Susanne, das war so nicht geplant. Ich hab versucht, euch Bescheid zu geben, aber wir hatten kein Netz. Ich klär das mit Sandra, keine Sorge.«
   »Na toll. Für sie ist das Wochenende gelaufen.«
   »Das war’s vorher schon«, brummte er. Er wandte sich an Ken. »Warum musste sie denn auch noch umdrehen? Sie hätte sich doch denken können, dass wir nachkommen.«
   Sein Freund zuckte die Schultern. »Das haben wir ihr auch gesagt, aber sie war wild entschlossen. Und ziemlich sauer.«
   »Was ist mit Arne?«, schaltete ich mich leise ein.
   Ken betrachtete mich aufmerksam. »Der war auch ganz besorgt und ist Sandra hinterher.«
   Die Frau der Kniebundhose kam frisch gestylt von der Toilette, sie roch nach frischer Seife. Ihr Äußeres war ein bisschen farblos, aber sie hatte ein angenehm friedliches Lächeln. »Schön, dass es euch gut geht.« Sie nickte mir freundlich zu. »Wir haben uns Sorgen gemacht. Was ist denn passiert?«
   Bevor Max antworten konnte, kamen die letzten Gruppenmitglieder, Norbert und seine Freundin Vera, ein wirklich unentspannt wirkendes Paar. Vera war noch sehr jung, sie wirkte unsicher und nervös. Der ernst aussehende Norbert nahm seine Brille ab und rieb sich mit Daumen und Zeigefinger die Augen. Er hatte ergrautes Haar, das nicht zu seinem faltenlosen Gesicht passen wollte.
   Als alle saßen, begann Max unseren Tag zu beschreiben. Wie er bemerkt hätte, dass ich nicht mehr bei der Gruppe war und nach mir sehen wollte. Er schilderte meine Höhenangst, der Grund für das ganze Durcheinander und die einzig sinnvolle Lösung, die Seilbahn zu nehmen. Ich hatte das Gefühl, einen ganz anderen Tag erlebt zu haben. Nach Max’ Bericht entstand eine kleine Pause.
   »Ach herrje, du Arme«, sagte die Frau der Kniebundhose. »Ich kann das mit deiner Angst gut verstehen. Ich sterbe auch jedes Mal tausend Tode, wenn ich in einen Fahrstuhl steige.«
   Susanne musterte mich kühl. »Und warum kommst du damit ins Gebirge?«
   »Ich wusste nicht, dass es so schlimm ist. Bis mich diese erste Steigung einfach geschafft hat.« Ich seufzte und bis auf Susanne und Max zogen alle mitleidige Gesichter. »Ich hab’s versucht, aber es ging nicht.« Zugegeben, ich hatte es nicht wirklich versucht, sondern mich lieber in die Sonne gesetzt und ausgeruht. Aber im Grunde war das sehr vorausschauend gewesen. Ganz hoch wäre ich nie gekommen.
   »Niemand macht dir einen Vorwurf, Kindchen«, sagte die Kniebundhose beschwichtigend. »Ah, die Getränke. Was ist das denn, ein Pils? Tobias, ist das dein Ernst? Kein Weizen?«
   Ken alias Tobias grinste. »Ich fang langsam an, sonst halte ich den Abend nicht durch.«
   Mein Nachbar nahm den Arm hinter meinem Rücken hervor, prostete uns allen der Reihe nach zu, und sein rundes Gesicht strahlte. »Hätt’ ich auch machen sollen. Mit der Seilbahn hoch und sich hier oben einen schönen Tag machen.«
   Seine Frau klopfte ihm in vertraulicher Geste auf den kräftigen Bauch. »Dir kann Bewegung nicht schaden, Franz. Und es war doch ein schöner Aufstieg.«
   »Stimmt. Wir haben ein Steinadlerpärchen gesehen.« Er lehnte sich zurück, wie zufällig rutschte seine Hand an meinem Rücken nach unten.
   Ich fuhr auf, rutschte vor, bis ich fast von der Bank fiel.
   Max’ Blick wanderte kurz von Franz zu mir. »Wir haben sie auch gesehen«, sagte er, mein Problem ignorierend.
   Es begann ein Gespräch über die bedauernswerte Situation von Steinadlern, das von den Eindrücken der Bergsteiger über ihren Aufstieg abgelöst wurde. Norbert fand, man hätte durchaus den schwierigen Weg über diesen oder jenen Pass nehmen können, um sich weiterzuentwickeln. Er warf seiner verhuschten Freundin einen vielsagenden Blick zu. Inzwischen war ich sicher, dass Arne in gewohnter Selbstüberschätzung den Schwierigkeitsgrad dieser Klettertour gründlich missverstanden hatte. So sportlich er auch aussah, er hätte es wahrscheinlich auch nicht geschafft. Also ergab mein verursachtes Chaos doch noch etwas Gutes.
   Susanne stichelte weiter. »Solltest du nicht noch mal versuchen, sie anzurufen? Hier gibt’s Empfang, Max, da bin ich ganz sicher.«
   »Danke für den Hinweis.« Ein bisschen gereizt nahm er seine Jacke und ging nach draußen. Ich konnte durchs Fenster sehen, wie er diesmal durchgekommen zu sein schien. Während er in den Apparat lauschte, knetete er seinen Nacken. Plötzlich hielt er inne, eine Hand schwang heftig nach vorn, als ob er seinem unsichtbaren Gegenüber etwas klarmachen wollte. Ein paar Minuten später kam er zum Fenster und winkte mich heraus. Froh, der Hand meines Nachbarn entkommen zu können, quetschte ich mich von der Bank.
   »Möchtest du deinen Bruder noch sprechen?«, fragte Max, als ich neben ihm stand. Offensichtlich hatte er sich geärgert, seine Stimme klang kühl.
   Ich nickte und nahm das Handy. »Hallo, Arne.«
   »Fenna! Ich bin echt sauer.« Ich sah Max nach, der mich allein ließ. »Dich einfach abzuseilen, nicht zu fassen. Weißt du, was ich mir für Sorgen gemacht habe?«
   Ich musste lachen.
   »Das ist nicht komisch!«
   »Ich hätte nie gedacht, dass du umdrehst und nach mir suchst.«
   »Es blieb mir ja nichts anderes übrig.« Mein Bruder hatte seine normale Stimmlage wiedergefunden. »Ich habe gar nicht mitbekommen, dass du nicht mehr da warst. Gerade fing ich an, nett mit dem Dicken ins Gespräch zu kommen, als dieser Sandra auffiel, dass ihr Freund nicht mehr da war. Die war vielleicht angepisst. Ist auch sofort umgedreht. Ich fand das ja übertrieben, aber dann musste ich natürlich auch was unternehmen. Wie hätte ich sonst dagestanden? Kann denen ja nicht sagen, dass du ständig dumme Sachen machst.«
   »Und wo seid ihr jetzt?«
   »In einem Hotel gleich neben dem Parkplatz, nicht sehr aufregend.«
   »Wie ist diese Sandra denn so?«
   Einen Moment lang herrschte Schweigen. »Keine Ahnung. Sie hat beschissene Laune und nach dem Gespräch mit ihrem Freund scheint es noch schlimmer geworden zu sein. Sie weiß noch nicht, wie viel Glück sie hat, mit mir den Abend verbringen zu dürfen. Im Moment steht sie am Fenster und sieht zu euch rauf. Ich wette, am liebsten würde sie den Berg in die Luft sprengen.«
   »Das passt. Hier wackelt ständig alles. Wie konntest du mich nur auf so eine Tour mitnehmen?«
   »Ach ja, deine Höhenangst. Bist du deswegen einfach verschwunden?«
   »Ich bin nicht einfach verschwunden. Ich musste mich ausruhen und niemanden hat es gekümmert. Bis auf Max.«
   »Max?« Ich konnte ihn förmlich grinsen sehen. »Lass die Finger von ihm, er hat eine Freundin. Und die ist nicht ohne. Ist schon komisch, dass du mit deiner Höhenangst da oben sitzt und ich hier unten.« Er machte eine Pause. »Tu mir einen Gefallen, Fenna, sei nett zu den Leuten. Ich weiß, du kannst das. Lull sie mit deinem Charme ein und mach ein bisschen Reklame für die Agentur.«
   Er fragte noch, wie ich morgen wieder runterkommen würde.
   »Betrunken. Ich ertrage diese Höhe nur mit Alkohol im Blut.«
   »Alkohol? Sei vorsichtig, du verträgst nichts.«

Die Runde war in bester Stimmung. Hubert hatte angefangen, fürs Abendessen aufzudecken, die Familie unterhielt sich inzwischen mit einem Würfelspiel. Ein junges Globetrotterpaar betrat das Gasthaus und wandte sich an den gemächlich zwischen Küche und Tisch trottenden Hubert.
   Während er den Wanderern zuhörte, hob er den Kopf und blickte angestrengt zur Decke. Schließlich schweiften seine kleinen Augen über uns hinweg. »Max, seids ihr jetzt voizälig?«
   »Sind wir, Hubert.«
   Das Paar setzte sich daraufhin an den Nachbartisch. Eine kleine, rundliche Frau mit bescheidenem Gesicht trat an unseren Tisch, stellte eine riesige Schüssel mit dampfenden Knödeln vor uns und wurde als Marie, die Frau von Hubert, vorgestellt.
   Während des Essens war meine Höhenangst noch einmal Thema. »Man kann eine Verhaltenstherapie gegen Akrophobie machen«, erklärte Norbert ernst. »Eine Konfrontationstherapie, man muss sich mit seiner Phobie auseinandersetzen.«
   Mir wurde bei dem Gedanken mulmig, mich extra in Situationen zu begeben, die irgendetwas mit Abhängen zu tun hatten. Nun beichteten alle bis auf Susanne und Norbert ihre persönlichen Phobien. Vera hatte Angst vor Spinnen, Tobias gestand, er würde ungern vor vielen Menschen sprechen und Max erzählte noch einmal von seiner Abneigung gegen Spritzen.
   Franz, mein lüsterner Nachbar, machte ein gequältes Gesicht. »Ich hab Angst vor meinem Steuerberater. Wenn er mir mit diesem vorwurfsvollen Gesicht erklärt, mit meinen Belegen nichts anfangen zu können und mir ausmalt, was ich bei einer Prüfung alles zu befürchten habe. Wirklich, ich kann tagelang vor einem Termin nicht schlafen.«
   »Wie könnte dann wohl deine Konfrontationstherapie aussehen?«, überlegte Max. Er hatte gerade sehr entschieden erklärt, niemals eine Therapie gegen seine Spritzenangst zu machen. »Eine Nacht im Büro deines Steuerberaters? Mit Kartons voller Belege?«
   Franz schob den leeren Teller von sich. »Sei nicht so grausam, Max. Eine Therapie macht nur Sinn, wenn man sie überlebt.«
   Nach dem Essen ging man dazu über, kleine klare Schnäpse zu sich zu nehmen. Einen Hüttenzauber nannten sie das. Ich schloss daraus, dass alle schon diesen Hüttenzauber kennengelernt hatten.
   »Was machst denn du?« Franz warf einen entrüsteten Blick auf mein Glas. »Nicht nippen! Den musst du weghauen, in einem Rutsch.«
   »Ich vertrag nicht viel Alkohol.«
   Die Gruppe schwieg entsetzt.
   Max sah mich lächelnd an. »Bei Fenna hat schon nach einem Bier der Berg gewackelt.«
   Mein Nachbar zog mich an sich. »Kindchen, hier oben trinkt man das Zeug, damit man nachts nicht friert. Mach dir keine Sorgen, da ist kaum was drin.« Die anderen lachten. Er fuhr fort, mich einzuquetschen. »Und ich schwöre, beim dritten Zauber hört das Wackeln auf.«
   Vielleicht war er nicht verkehrt, wenn man sich erst mal an seine laute Art gewöhnt hatte. Ich konnte mir vorstellen, dass er den einen oder anderen mit dieser naiv wirkenden Fröhlichkeit schon getäuscht hatte. Wahrscheinlich alles Taktik, erlernt in irgendwelchen Managerseminaren.
   »Woher kommt der Name Fenna?«, fragte Irene.
   »Es ist ein friesischer Name.« Ich musste mich auf meine Worte konzentrieren. Die Wirkung dieser Hüttenzauber setzte spät, aber heftig, ein. »Meine Mutter hatte eine Vorliebe für ausgefallene Namen. Wir haben alle so einen bekommen. Mein Bruder heißt Arne, meine Schwester Ebba, unser Hund Friedemann und ich, na ja, Fenna.«
   »Ein hübscher Name.«
   Entsetzt sah ich, wie Franz schon wieder nachschenkte, wahrscheinlich wollte er mich abfüllen. Ich warf Max einen hilflosen Blick zu, doch er hob nur prostend sein Glas.
   Es stellte sich heraus, dass Tobias Zahnarzt war. Freund, Zahnarzt? Ich brauchte ein bisschen, bis ich geschaltet hatte. »Wusstest du, dass eine wissenschaftliche Studie mal eine enge Kollel… äh, Korrelation zwischen Zahnärzten und Squash herausgefunden hat? Nicht Tennis oder Volleyball, das sind Sportarten für Mediziner und Lehrer. Zahnärzte stehen total auf Squash, weil sie dabei ihre angestaute Wut abbauen können. Die sind ja wegen des ablehnenden Verhaltens ihrer Patienten oft sehr frustriert.«
   Tobias starrte mich an. »Unglaublich! Ich spiele tatsächlich Squash.«
   »Echt? Da kann man mal sehen, wie zutreffend solche Studien sind.«
   »Woher kommt denn die Studie?« Max hatte die begeisterte Reaktion seines Freundes wortlos verfolgt.
   »Aus Amerika. Wichtige Studie.«
   »Dann müsste ich eigentlich auch Zahnarzt sein. Ich spiele auch Squash.«
   »Und, bist du Zahnarzt?«
   »Nein, bin ich nicht.«
   Ich zuckte die Schultern. »Ich glaube, es hieß, hm, achtzig Prozent der Zahnärzte würden Squash spielen. Ziemlich hoher Prozentsatz. Was machst du denn beru…?«
   »Ist das nicht ein Wahnsinn?« Tobias war ganz aus dem Häuschen und boxte Susanne in die Seite.
   »Aua.« Sie zuckte getroffen zusammen. »Spinnst du? Im Grunde sagt das nur, dass alle Zahnärzte einen Knall haben. Was ich bestätigen kann.«
   Ich versuchte es erneut. »Was arbeitest …«
   Diesmal wurde ich von Franz unterbrochen. »Was sagt die Studie denn über Fernsehproduzenten?«
   Ich blinzelte. Es fiel mir schwer, mich noch zu konzentrieren. Wenn Franz ein Fernsehproduzent war, dann war das Interesse meines Bruders an diesem Mann durchaus nachvollziehbar. »Ich kann mich nicht erinnern. Ich glaube, ich hab zu viel getrunken.« Ich schob das leere Glas von mir.
   Franz machte ein enttäuschtes Gesicht. »Schade. Solche Studien finde ich immer sehr interessant.«
   »Unsere Tochter studiert Psychologie«, erklärte Irene. »Sie kommt auch oft mit irgendwelchen neuen Erkenntnissen an. Leider gibt es so wenig Berufsaussichten für Psychologen.«
   »Besser Psychologe und arbeitslos als Schauspieler und arbeitslos«, brummte Franz. »Die Psychologen können sich wenigstens noch selbst trösten. Unsere Tochter hatte nämlich vor, Schauspielerin zu werden. Zum Glück hat sie einen kleinen Sprachfehler, deswegen wurde sie in der Schauspielschule nicht angenommen. Daniel, unser Sohn, hat leider keinen Sprachfehler. Er hat in ein paar Daily Soaps Nebenrollen gespielt. Als ihm das nicht reichte und er größere Rollen wollte, hat man ihn rausgesetzt. Ersatz gibt’s genug und ehrlich gesagt sieht er nicht gerade aus wie Brad Pitt.« Er grinste übers ganze Gesicht. »Er ist halt mein Sohn und hat andere Talente. Ich wünschte, wir hätten ein Kind, das etwas weniger hochtrabende Pläne verfolgt. Wie ist es mit dir, Fenna?«
   Ich hatte ihm nur mit Mühe folgen können. »Willst du mich adoptieren?«
   Die anderen lachten schon wieder. Ich begann, die Dinge um mich herum verschwommen wahrzunehmen.
   »Du bist richtig, Fenna. Lass uns anstoßen!« Franz hielt mir mein gefülltes Glas entgegen. »Weißt du eigentlich, wie das Jodeln erfunden wurde? Einem Chinesen fiel das Radio in eine Schlucht. Sagt er zu seinem Kumpel: Hol du de Ladio?«
   Ich begann zu kichern. Tobias gähnte demonstrativ, der Witz hätte so einen Bart. Franz sah mich erfreut an und griff zur Flasche. Ich wünschte, er würde den anderen auch ein bisschen Aufmerksamkeit schenken. Die kleine Vera wurde nicht halb so abgefüllt wie ich. Als Franz’ Hand auf meinem Oberschenkel landete und seine andere schon wieder mein Glas nachfüllte, schaltete sich endlich Max ein.
   »Ich glaub, sie hat genug. Lass gut sein, Franz. Sie sieht aus, als ob sie gleich von der Bank kippt.«
   Franz protestierte. »Geh. Grad wo’s gemütlich wird. Sei kein Spielverderber. Nur noch den einen. Auf dein Wohl Fenna, ich freu mich, dass du uns Gesellschaft leistest.«
   »Ich frag den Hubert jetzt nach den Zimmern.« Max erhob sich. »Lass sie endlich mit dem Schnaps in Ruh.«
   Franz hielt mir den Hüttenzauber noch immer unter die Nase. Ich nahm das Glas und kippte das Zeug weg. Viel schlechter konnte es mir danach auch nicht gehen.
   Als Max wieder auftauchte, winkte er mich zu sich. Ich stand auf. Diesmal war es eindeutig nicht der Berg, der schwankte. Ich hielt mich am Tisch fest, versuchte, mich zu sammeln, trat Franz auf die Füße und fiel beinahe in Max, der am Tischende wartete.
   Er nahm meinen Arm und half mir die steile Treppe nach oben. Ich hörte, wie mir die Gruppe eine gute Nacht hinterherrief.
   »Ich kann allein gehen«, sagte ich würdevoll und versuchte, mich aus seinem Griff zu befreien. »So betrunken bin ich nicht.«
   Er lächelte schweigend.
   »Hör auf, so zu lächeln.«
   Wir waren oben angekommen. »Ach, wir haben deine Tasche vergessen.« Er stellte mich gegen eine Wand und wartete.
   Ich kniff die Augen zusammen. »Was ist?«
   »Ich will nur sichergehen, dass du stehen bleibst.«
   »Natürlich bleibe ich stehen.« Als ich etwas nach rechts abdriftete, reagierte er schnell und stellte mich gerade. Seine Hand blieb auf meinem Arm liegen. »Tobias, kannst du uns Fennas Tasche raufbringen?«, rief er nach unten.
   Warum die Mühe, dachte ich träge. In dem kleinen Beutel war nichts, was ich jetzt brauchen konnte. Waschzeug und Schlafanzug waren bei Arne. Na ja, den Schlafanzug konnte meinetwegen Max’ Freundin anziehen. Ich sah hoch in Max Gesicht. Seltsam, es schwankte. Verdammter Berg, hier schwankte einfach alles. »Nicht lächeln!«
   »Tut mir leid.«
   Tobias kam mit meiner Tasche die Treppe hochgelaufen. Er warf mir einen belustigten Blick zu. »Ist wahrscheinlich besser, wenn du sie direkt ins Bett bringst.«
   Max nahm Tasche und mich und ging den Gang weiter. Wir betraten ein Zimmer. Es war dunkel, roch muffig und wurde beinahe vollständig von einem Bett ausgefüllt. Ich steuerte darauf zu und ließ mich hineinplumpsen. Alles drehte sich wie in einem Karussell.
   Max war an der Tür stehen geblieben. »Meinst du, du kommst zurecht?«
   Mir war schon wieder nach Kichern. »Na klar.«
   Er wirkte unschlüssig. »Das Badezimmer ist genau gegenüber.«
   »Okay.«
   »Also dann, gute Nacht.«
   »Nacht.« Ich hob ein Bein und winkte mit dem Fuß.

Ich hatte einen wunderbaren Traum und mochte mich weder bewegen noch die Augen öffnen. Bis ich einsehen musste, den Traum nicht mehr einfangen zu können. Als die Geräusche um mich herum zunahmen, wagte ich einen Blick in die viel zu helle morgendliche Welt.
   »Guten Morgen.« Max saß angezogen auf der Bettkante und sah mich lächelnd an. »Na, endlich aufgewacht? Es gibt gleich Frühstück.«
   Ich schloss die Augen, versuchte, mich zu konzentrieren. Max war in meinem Zimmer, saß an meinem Bett, und wünschte mir einen guten Morgen. Ich spürte das Aufkommen heftiger Kopfschmerzen, als ob meine Nervenzellen Seilziehen vom Hinterkopf zum linken Auge veranstalteten.
   »Kater?« Seine Stimme hörte sich milde an.
   Ich verkroch mich stöhnend unter meiner Decke. Ich hatte doch geträumt? Aber wie war dann die Realität zu erklären? Oh, mein Kopf. Ich versuchte, mich an den gestrigen Abend zu erinnern, aber das Letzte, was ich in Erinnerung hatte, war die steile Holztreppe und Max, der mich ständig angelächelt hatte. Ich bekam langsam keine Luft mehr, außerdem klebte mir die Zunge am Gaumen. Ich brauchte dringend einen Kaffee und vorher unbedingt ein Badezimmer.
   Hoffentlich saß er nicht mehr auf der Bettkante. Es war mir oberpeinlich, dass er mich in dieser desolaten Verfassung sah. Aber Max saß nicht mehr auf dem Bett, er wippte gut gelaunt auf einem Holzstuhl, damit beschäftigt, seinen Rucksack neu zu packen.
   Vorsichtig richtete ich mich auf. »Badezimmer?«
   »Gleich gegenüber. Zieh dir was an, auf dem Flur und im Bad ist es kalt.«
   In diesem Moment wurde mir klar, dass ich nichts anhatte. Nein. Jetzt nicht nachdenken.
   Erst Badezimmer, dann Sachlage klären. Oder besser, erst Kleidung finden, dann Badezimmer, dann mit Max sprechen, dann Kaffee. Als Max hinter sich griff, um etwas einzupacken, sprang ich aus dem Bett, schnappte mir meine Kleider vom Boden, drückte sie dicht an mich und lief hinaus auf den Flur, auf die gegenüberliegende Tür zu. Ich griff zur Klinke, rüttelte, sie war verschlossen. Verdammt, was nun?
   Max hob überrascht den Kopf, als ich zurück ins Zimmer stürmte und mit einem Satz ins Bett sprang. »Besetzt?«
   Ich setzte an, räusperte mich, versuchte es noch einmal. »Was hast du hier zu suchen?«
   Er sah auf. Sein Blick war verwirrt. »Du hattest das letzte freie Bett«, sagte er langsam. »Erinnerst du dich nicht mehr?«
   »Nein.«
   »Hast du einen Blackout?«
   Ich kam mir ganz jämmerlich vor. »Sieht so aus.«
   »Ich habe dich gefragt, ob ich hier schlafen kann. Hubert war so voreilig und hat gedacht, wir wären vier Paare und bräuchten damit auch nur vier Zimmer. Unser anderes reserviertes Zimmer hat er den jungen Leuten gegeben, die gestern Abend noch gekommen sind. Ich hab dich gefragt, ob das in Ordnung ist … und du warst wach. Du hast wirklich ganz wach ausgesehen.« Er brach ab.
   Ich holte tief Luft. »Das ist jetzt eine dumme Frage, aber hast du, haben wir … ich meine, hast du die Situation ausgenutzt?«
   »Ausgenutzt?« Er starrte mich betroffen an. »Natürlich habe ich die Situation nicht ausgenutzt.«
   Ich sah auf seine Locken. Würde er mich anlügen? Würde ich es erkennen? »Warum habe ich dann nichts an?« Und hatte diesen Traum?
   Er nahm seine Jacke und den Rucksack. »Keine Ahnung. Du warst ziemlich betrunken.« Schnellen Schrittes ging er zur Tür.
   »Warte!«
   Er blieb mit dem Rücken zu mir stehen.
   »Schwöre es.«
   »Mein Gott«, sagte er, ohne sich umzudrehen, »ich sagte doch, es ist nichts passiert.«

Als ich herunterkam, arbeiteten sich Irene, Norbert und Max durch verschiedene Marmeladen- und Käsesorten. Ein verführerischer Duft von frischem Kaffee und Brötchen hing in der Luft. Alles wirkte heute Morgen gedämpft, die Stimmen leise, das Lachen zurückhaltend, aber das mochte auch daran liegen, dass Franz noch nicht unten war. Am anderen Tisch erkannte ich die Überreste eines Frühstücks, bestimmt von dem Globetrotterpaar, das versehentlich unser reserviertes Zimmer bekommen hatte. Sie waren gestern Abend zeitig verschwunden, hatten bei unserem Lärm sicher nicht viel schlafen können und waren längst aufgebrochen. Auch die vierköpfige Familie war im Begriff, vom Frühstückstisch aufzustehen.
   »Guten Morgen.« Irene sah so frisch aus, als ob sie schon einmal um den Berg gejoggt wäre.
   Norberts Haar war nass und akkurat gescheitelt, er nickte mir mit vollem Mund zu. Ich warf einen schnellen Blick in Max’ Richtung und spürte, wie mein Herz bei seinem Anblick schneller schlug. Seltsam, heute fühlte ich mich viel mehr zu ihm hingezogen als gestern. Das musste an meinem Traum liegen, bei dem er eine nicht unerhebliche Rolle gespielt hatte. Er rückte zur Seite, damit ich neben ihm Platz nehmen konnte. Ich goss mir heißen Kaffee ein und trank viel zu hastig. Langsam gingen meine ziehenden Kopfschmerzen in ein dumpfes Pochen über.
   »Guten Morgen, guten Morgen!« Franz kam stampfend die enge Stiege herunter, Susanne folgte ihm kurz dahinter. Er rieb sich die Hände. »Riecht das gut! Auf Maries frische Semmeln hab ich mich schon die ganze Woche gefreut. Es gibt doch nichts Besseres als ein gemütliches Frühstück hier oben auf der Hütte. Da ist ja auch meine kleine Freundin, die Fenna, guten Morgen. Du siehst etwas mitgenommen aus. Weißt du, was du gegen deinen Kater machen solltest? Hubert!«
   »O nein, Franz!«, griff Irene schnell ein. »Keinen Alkohol. Was sie braucht, ist ein Aspirin. Hast du eine Tablette, Fenna? Ich habe immer welche dabei. Aber du musst erst etwas essen, man darf sie auf keinen Fall auf nüchternen Magen nehmen.«
   Susanne, die einige Zentimeter größer war als Franz, zog vorsichtig den Kopf ein, als sie unter einen Deckenbalken trat. Bestimmt war es besser, wenn sie nichts von der unkonventionellen Bettenverteilung wusste. Sie würde es ihrer Freundin erzählen und die dann Hackfleisch aus Max machen.
   »Hast du gut geschlafen?«, fragte Irene.
   »Nein.« Susanne presste die Lippen zusammen. »Tobias war so besoffen, er hat geschnarcht wie ein Presslufthammer. Habt ihr das denn nicht gehört?«
   Irene schüttelte den Kopf. »Ich stecke mir immer was in die Ohren. Wenn Franz getrunken hat, ist er lauter als eine Kettensäge. Ich hatte schon Angst, er würde euch alle wecken.«
   Susanne fuhr sich müde durch die Haare. »Wenn er wenigstens erst losgelegt hätte, als ich schon eingeschlafen war. Aber er war schneller weg, als man bis fünf zählen konnte.«
   »Ihr wisst schon, dass wir Männer schnarchen, um euch Frauen vor wilden Tieren zu schützen?« Franz grinste, als Susanne ihm einen Vogel zeigte. »Max, du hast doch das Zimmer neben unserem gehabt. Hast du mich gehört?«
   Max schüttelte stumm den Kopf.
   Tobias, blass, und Vera, noch blasser, kamen die Stufen herunter. Als sich Tobias neben Susanne setzte, rückte sie demonstrativ zur Seite. Sehr gut, sie hatte ein neues Opfer und ließ mich in Ruhe.
   »Was ist los?«, fragte Tobias, als alle schwiegen.
   Susanne sah ihn an und machte ein lautes, schnarchendes Geräusch.
   »Hey, ich habe mich entschuldigt.« Tobias rollte genervt mit den Augen. »Du hättest mich ja wecken können, dann wäre ich zu Max übergesiedelt.«
   Max’ Kopf senkte sich tiefer.
   »Wie denn? Dich hätte man nicht mal mit einem Atomschlag wach bekommen.« Sie wandte sich an Irene. »Ich stand kurz vor einem Mord.«
   »Ohrstöpsel. Sollte man immer bei sich haben.«
   »Oder einen Knebel. Wenn man jemandem den Mund zuknebelt, kann er doch nicht mehr schnarchen, oder?«
   »Stimmt«, warf Max trocken ein, »weil er dann tot ist.«
   »Schnarchst du auch?«, fragte Tobias Norbert.
   »Nur, wenn ich Fisch gegessen habe.«
   Tobias blinzelte irritiert. Er drehte sich zu Max. »Hast du das Wetter gesehen?«
   »Hm. Verdammt neblig. Den Abstieg können wir vergessen.«
   »Sieht so aus.« Tobias schielte zu Susanne. »Ist vielleicht besser so.«
   Ich schob die Gardine weg. Der Himmel hatte uns zugedeckt, man konnte gerade noch ein paar Meter weit sehen, dann kam eine graue Wand.
   Mein Herz begann zu rasen, wahrscheinlich hatte ich den Kaffee zu schnell getrunken. Ich schob das angefangene Brötchen weg.
   Hubert kam angeschlurft, er hielt ein Buch in den Händen und legte es vor Max. »So, des wär dann anoch zu erledigen, bevor ihr gleich allesamt verschwunden seid. Mei, du kennst jetzt des scho, gell.«
   Max sah Hubert nach. »Ich hab gehofft, er hätte nicht mehr daran gedacht.«
   »Was ist das?«, fragte Norbert.
   »Das Hüttengästebuch.«
   Susanne zog das Buch zu sich. »Ich weiß, was ich reinschreibe. Hat jemand einen Stift?«
   Irene wühlte in ihrer Tasche.
   Susanne begann zu schreiben, ihre langen Haare fielen nach vorn und verdeckten die Sicht. Dann richtete sie sich auf und schob ihrem Freund das Buch zu. »Hier, Schatz, für dich.«
   Er sah sie an, dann las er zögerlich ihren Eintrag vor. »Warum ein Wochenende auf dem Berg impotent macht: Wer wandert, hat Hunger, wer Hunger hat, trinkt viel, wer viel trinkt, schnarcht laut, wer laut schnarcht, sägt am eigenen Ast.« Tobias kniff die Augen zusammen. »Weißt du eigentlich, was ich jedes Mal für einen Horror erlebe, wenn du dich mit deinen Eisfüßen an mich ranmachst?« Er wandte sich an Max. »Die ist dann echt erbarmungslos, aber was macht man nicht alles aus Liebe?«
   Max warf ihm einen belustigten Blick zu.
   Franz griff mit seinen riesigen Pranken nach dem Buch. »Bevor wir heute eintragen müssen, dass von den zehn kleinen Negerlein nur noch eins überbleibt, wollen wir doch mal sehen, was mir einfällt.« Er blätterte theatralisch durch die Seiten und lachte bei der einen oder anderen Eintragung. »Ha! Hier Max, das ist von dir: Auf der Alm treffen sich ein Fisch und eine Semmel. Sagt die Semmel zum Fisch: Was solln wir tun-fisch? Darauf der Fisch: Is mir wurscht-semmel.«
   Ich konnte gerade noch die Tasse abstellen, bevor ich losprusten musste. Max und Tobias sahen sich grinsend an.
   »Ja, unser Max hat viel Fantasie.« Susanne war richtig in Fahrt, ihre Augen blitzten. »War das nicht damals, als du so blau warst und uns weismachen wolltest, Albert Einstein hätte ein Verhältnis mit deiner Urgroßmutter gehabt? Und Hemingway wäre ein unehelicher Sohn Einsteins gewesen.«
   Ich sah zu Max. »Vielleicht bist du ja ein Nachkomme des Genies. Streck doch mal die Zunge raus.«
   Max schüttelte verdrossen den Kopf. Zum ersten Mal seit unserem missglückten Start heute Morgen sah er mich offen an. »So unwahrscheinlich ist das gar nicht. Meine Urgroßmutter hat in den zwanziger Jahren in Berlin einige Zeit Chemie studiert. Sie könnte ihn getroffen haben.« Als er fortfuhr, musste er selbst schmunzeln. »An das mit Hemingway kann ich mich nicht erinnern. Aber im Zweifel hab ich mich wohl geirrt.« Er griff sich in die lockigen Haare. »Die hat mein Urgroßvater mit in die Linie gebracht.«
   »Was schreibst du?« Irene sah über die breite Schulter ihres Mannes. »Wörterbuch für Hüttengäste. Schlange: Sch’lange da? Eishockey: Ei’s Okay? Ägypten: Ä’gypten keiner einen aus? Ach, Franz«, sagte Irene kopfschüttelnd.
   Das Buch ging reihum, ich war als Letzte dran. Der Fenna aus dem Norden macht die Höhe große Sorgen. Am nächsten Morgen geht’s ihr schlecht, hätt sie nur nicht so viel gezecht.
    Bis auf Max fanden das alle gut. Ich sah in sein Gesicht, es wirkte nachdenklich, fast schon ernst. Bestimmt auch zu viele Hüttenzauber.
   Während die anderen bei Hubert ihre Rechnung beglichen, stand ich verlegen herum. Es war mir wirklich peinlich, aber ich wusste nicht, ob ich genug Geld hatte, mein Nachtquartier und Essen, ganz zu schweigen von all den Getränken, weiß der Kuckuck wie viele das gewesen waren, zu bezahlen.
   »Desisscho alles g’regelt«, teilte Hubert mir knapp mit, als ich ihn danach fragte.
   »Wie? Ich muss doch meine Rechnung bezahlen.«
   »Aber ned bei mir.« Er griff an mir vorbei, um mit dem Abdecken des Tisches zu beginnen.
   Bestimmt hatte Max für mich bezahlt, wie schon gestern in dem Restaurant. Das war mir unangenehm. Wenn wir wieder unten waren, würde ich Arne bitten, sich darum zu kümmern.
   Ich trat vor die Tür und sah Max geistesabwesend und allein in den Nebel starren. Durch die Feuchtigkeit kringelten sich seine Locken noch mehr als sonst.
   Er bemerkte mich und lächelte. »Na du.«
   Der Nebel schien mich erdrücken zu wollen, ich lehnte mich gegen das starke Holz der Hütte und versuchte, meinen stolpernden Herzschlag zu ignorieren. »Tut mir leid, dass du nicht wenigstens den Abstieg machen kannst. Jetzt hast du überhaupt nichts von diesem Wochenende gehabt.«
   Er sah mich mit einem langen Blick an. »Es ist viel besser geworden, als ich befürchtet hatte.«
   »Dann hast du dich ganz gern mit mir rumgeschlagen?«
   Er kam einen Schritt näher. »Fenna, ich muss dir …« Im nächsten Moment brach er ab.
   Franz und Irene traten ins Freie.
   Ich war enttäuscht, denn es war unübersehbar, dass ihm etwas auf dem Herzen lag. Er würde eine andere Gelegenheit finden, tröstete ich mich, und genoss den kurzen Moment des Kribbelns im Bauch.
   »Ah, was für eine Brühe. Man kann aber auch wirklich keine fünfzig Meter weit sehen. Irre, nicht?« Franz beobachtete seine Frau, die sich an ihrer Kamera zu schaffen machte. »Jetzt brauchst du kein Foto zu machen, Irenemaus. Jetzt ist das Licht nicht gut.«
   »Aber ich möchte gern ein Bild von euch mit der Hütte.« Sie ging ein paar Schritte zurück, bis sie kaum noch zu sehen war.
   Die Gruppe verabschiedete sich mit viel Gewinke und reichlich Servusgrüßen von Hubert und seiner Frau. Ich fühlte mich schlecht, alles um mich herum wirkte gespenstisch. Es fiel mir schwer, mich vom Holz der Hütte zu lösen, aber die anderen setzten sich in Bewegung und ich wollte schließlich nicht allein zurückbleiben.
   Wie hypnotisiert starrte ich auf den Bommel des Reißverschlusses von Max’ Rucksack. Er schwankte hin und her und hin und her. Ich musste den Abstand nur immer schön aufrechterhalten, nahm ich mir vor, dann würde ich den Rückweg schon schaffen. Schritt für Schritt, wie ein Roboter. Doch es ging nicht gut. Raum und Zeit schienen zu verschwimmen, und ich spürte zunehmende Panik aufsteigen. Jeden Moment rechnete ich damit, über den Abhang zu treten und in die Tiefe zu fallen. Als endlich die Seilbahnstation vor uns auftauchte, war ich klitschnass geschwitzt und mit den Nerven am Ende. Die Gondel hing unheimlich und dunkel in der Luft, ohne von etwas gehalten zu werden. Bevor meine Beine ganz nachgaben, setzte ich mich.
   Plötzlich war Max da. »Was ist los, ist es wieder so schlimm?«
   Ich nickte heftig.
   Er streichelte mir mit einer kurzen Geste über die Wange. »Tut mir leid, ich hab nicht mehr an deine Angst gedacht. Also gut, wie kann ich dir helfen? Soll ich dir was zu trinken holen? Mein Gott, ich mach dich noch zur Alkoholikerin.« Er richtete sich auf. »Ich schau mal, ob ich was finde.«
   »Meine arme Kleine!« Schnaufend ließ sich Franz neben mich plumpsen und zog mich eng an seine breite Schulter. »Ich pass auf, dass nichts passiert, ja?«
   Max kam zurück und kniete sich vor mich. »Trink das!«
   Die kleine Flasche roch nach scharfem Alkohol. Mir wurde ganz schlecht.
   »Meinst du, das ist gut für sie?«
   »Das fragst ausgerechnet du, Franz? Aber das hat schon mal geholfen. Die ist übrigens von deiner Frau. Sie hat wirklich alles mit, was man sich vorstellen kann. Brauchst du eigentlich hin und wieder einen Flachmann?«
   »Womöglich wird ihre Angst dadurch schlimmer.«
   »Hoffentlich nicht. Mach dich mal nützlich und sag dem Seilbahnführer, er muss noch warten.«
   »Mach ich.« Franz richtete sich mühsam auf.
   Max hielt mir noch immer die Flasche unter die Nase.
   Ich drehte den Kopf weg. »Ich steig auf keinen Fall in die Gondel.«
   »Es gibt aber keine andere Möglichkeit. Oder willst du runterklettern?«
   »Ich fahre nicht mit dem Ding!«
   »Schon gut, trink das jetzt.« Er verlagerte das Gewicht.
   Ich spürte, wie er langsam ungeduldig wurde. »Mir ist schlecht.«
   »Das tut mir wirklich leid, Fenna. Ich weiß mir aber grad keinen anderen Rat. Versuch’s, es wird bestimmt helfen.«
   Ich trank mit einzelnen, gequälten Schlucken und fing prompt an zu husten.
   »Wie läuft’s?« Das war Susanne. »Oh, sie sieht aber nicht gut aus, Max. Vielleicht hätten wir ihr doch lieber einen Kaffee besorgen sollen.«
   Max stand auf. »Und vielleicht gleich noch einen Hubschrauber von der Bergwacht.«
   »In den würd sie bestimmt auch nicht steigen.« Sie wandte sich an mich. »Du weißt doch, dass deine Angst nicht rational ist«, sagte sie streng. »Im Moment steigerst du dich nur in sie hinein. Dir kann nichts passieren, das spielt sich alles nur in deinem Kopf ab.«
   »Vergiss es, das hilft nicht«, sagte Max und seufzte. »Mit Vernunft kommt man hier nicht weiter.«
   Ich zog die Schultern hoch und versteckte mich dazwischen.
   »Wohin gehst du?«
   »Ich frag Irene, ob sie noch eine Flasche hat.«
   Susanne folgte ihm. »Das ist doch Quatsch. Vielleicht sollten wir …«
   Ich konnte nicht mehr hören, was sie vorschlug. Der Alkohol wirkte schnell, aber nicht so, wie Max es sich erhofft hatte. Die Dimensionen um mich herum verschwammen, eine unfassbar existenzielle Angst ergriff mich.
   »Ich habe dich so bewundert«, sagte eine zaghafte Stimme. Ich sah vorsichtig auf und erkannte Vera. Ihre großen, traurigen Augen waren auf mich gerichtet. Sie setzte sich neben mich, nahm meine Hand und drückte sie fest. »Wie du gestern deinen Kopf durchgesetzt hast und nicht mit den anderen gegangen bist. Ich wäre auch gern so mutig.«
   »Mutig?« Ich lachte trocken auf. »Ich sitze hier und habe Todesangst.«
   »Aber du lässt dich nicht zu etwas zwingen, was du nicht willst.«
   »Was ich nicht kann.«
   »Ich glaube, du kannst das.« Sie sagte das mit einem so bewundernden Ton, dass ich einen Moment dachte, sie hätte recht. Ich konnte aufstehen und in die Gondel steigen. Nein, ich konnte es nicht.
   »Wenn ich Angst habe, mache ich immer ein paar Yogaübungen. Man wird davon ruhiger.« Aufmunternd sah sie mich an. »Wollen wir’s versuchen? Schließ die Augen und stell dir den schönsten Ort auf der Welt vor. Leg die Hand auf den Bauch und atme so tief, als ob du sie wegdrücken wolltest.«
   Und so atmeten Vera und ich zusammen ein und aus, meine Hand lag auf meinem Bauch, und nach einiger Zeit spürte ich, wie ich tatsächlich ruhiger wurde. »Es hilft.«
   »Es hilft immer.« Sie lächelte und richtete sich auf. »Versuchs mal, ganz langsam.«
   Mühsam stand ich auf und krallte mich an ihrem Arm fest. »Es ist verrückt, ich kann mich nicht bewegen. Ich habe keine Kontrolle. Meine Beine bewegen sich nicht. Vielleicht später, wenn der Nebel weg ist.«
   »Was ist jetzt? Wird’s gehen?« Max’ Stimme schallte zu uns herüber.
   »Wir brauchen noch ein bisschen Zeit.«
   Ich war Vera so dankbar. Ausgerechnet diese zarte Frau entpuppte sich als mein rettender Engel. In ihrer Gegenwart fühlte ich mich verstanden und überhaupt nicht gedrängt.
   Die anderen steckten die Köpfe zusammen. Kurz darauf kam Max mit entschlossenem Gesicht auf uns zu. »So hat das keinen Zweck.«
   Irgendetwas hatte er vor. Als er eine Hand nach mir ausstreckte, begriff ich, und fuchtelte in aufsteigender Panik um mich. Er bekam trotzdem meinen Arm zu fassen, zog mich an sich, und im nächsten Moment landete ich kopfüber auf seiner Schulter. Zuerst war ich orientierungslos und starrte hinunter auf den Boden. Dann überkam mich ein nie zuvor erlebtes Gefühl von Hilflosigkeit. Wie konnte er es wagen, mich wie einen Sack Mehl zu behandeln? Für einen Moment überwog die Wut darüber fast meine Angst. Ich verlor die Beherrschung, fluchte, trat wild um mich, doch er ließ mich nicht runter.
   »Tut mir leid«, versuchte er mich zu beruhigen. »Das ist die letzte Bahn, die runterfährt. Dir passiert nichts, wirklich, ich verspreche es.«
   Meter für Meter kamen wir der Gondel näher. Ich musste ihn stoppen, sonst würde es eine Katastrophe geben. »Lass mich runter, mir wird schlecht! Ich muss mich übergeben.«
   »Wir haben es gleich geschafft.«
   Wir kamen an einem Fahnenmast vorbei, ich klammerte mich daran fest, woraufhin er mich beinahe fallen ließ.
   »Lass los, Fenna.«
   »Ich will nicht in die Gondel, du dämlicher Bayer, du Riesenarschloch.«
   Meine Hände waren klitschnass, er brauchte nur einen Griff, schon hatte er sie vom Mast gelöst.
   Wir erreichten die Gondel, er setzte mich ab, und obwohl ich mich nicht rühren konnte, hielt er mich fest an sich gedrückt. Dann ging es abwärts.
   Kaum dass die Tür der Gondel geöffnet wurde, stieß ich Max von mir und lief in die Freiheit. Ich rannte, bis ich auf meine Knie gestützt nach Luft schnappen musste. Ich befand mich am Ende des Parkplatzes, auf dem unser Auto noch genau da stand, wo wir es am Samstagmorgen abgestellt hatten. Ich blickte zurück. Gott sei Dank erkannte ich Arne. Er stand zusammen mit den anderen an der Seilbahnstation. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis er sich endlich auf den Weg zum Auto machte. Ich schlang die Arme um mich und wartete. »Lass uns fahren«, schrie ich, als er in Hörweite kam.
   »Die anderen haben gesagt, es geht dir nicht gut. Was ist denn passiert?« Er betrachtete mich prüfend. »Du siehst ja furchtbar aus. Ich hab dir doch gesagt, du sollst nicht so viel trinken.«
   Ich blickte an ihm vorbei. »Ich will hier weg. Sofort.«
   »Ich dachte, wir essen alle noch zusammen zu Mittag.«
   »Dann gib mir die Schlüssel, ich fahr schon mal vor.«
   »Willst du dich nicht wenigstens von den Leuten verabschieden?«
   »Nein. Schließ schon auf.« Zu meinem Entsetzen sah ich, wie Max mit raschen Schritten auf uns zugesteuert kam. Er trug meine Tasche bei sich. Dieser Mann hatte mich gezwungen, in die Gondel zu steigen. Er hatte mich lächerlich gemacht. »Verdammt, Arne. Wenn wir nicht sofort losfahren, garantiere ich für nichts.«
   Er brummte vor sich hin und zog den Autoschlüssel aus der Hosentasche. Ich riss die Tür auf, setzte mich und verriegelte sie vorsichtshalber.
   »So habe ich mir das Wochenende irgendwie nicht vorgestellt.« Arne startete den Motor und fuhr langsam los. »Na ja, nächstes Wochenende treffe ich eine Gruppe Banker. Einer von denen soll ein Freund von Gunter Sachs’ Sohn sein.«
   Max stellte sich uns in den Weg.
   »Halt bloß nicht an.«
   »Ich kann ihn doch nicht überfahren.«
   »Doch, der Wagen hält das aus.«
   Aber Arne hielt und ließ die Fensterscheibe runter. »Äh, es ist wohl besser, wenn wir nicht mit Essen gehen. Meiner Schwester geht’s nicht gut, ich bringe sie lieber nach Hause. O danke, ich nehme die Tasche«, sagte Arne fröhlich und griff nach meinem Rucksack.
   Max schien nicht zuzuhören, er beugte sich durchs Fenster, seine dunklen Augen sahen mich bittend an. »Es tut mir leid, Fenna, bitte fahr nicht so böse weg. Lass uns …«
   »Jetzt fahr endlich!«
   Arne zuckte bedauernd die Schulter. »War nett, euch alle kennengelernt zu haben.« Er drückte einen Knopf, die Fensterscheibe fuhr hoch, Max wich zurück.
   Wie hatte ich ihn nur jemals nett finden können? Ich hasste ihn. Ich sah auch nicht zurück auf das Bergpanorama.
   Das hasste ich auch. Ich hasste ganz Bayern.

Kapitel 2

Ich betrachtete das Muster, das die Jalousie durch die Mittagssonne auf dem großen Konferenztisch hinterließ. Ein paar Staubteilchen schwirrten in der Luft, es roch nach stark gebranntem Kaffee und kaltem Rauch. Konrad hatte zur obligatorischen Pfeife gegriffen und stopfte sie konzentriert.
   Die Kreativrunde, beim Team nur K-Runde genannt, fand immer vor dem Mittagessen statt. Alle strengten ihre grauen Zellen an, um eine Wahnsinnsidee auf den Tisch zu bringen, und je eher das geschah und Konrad sein Okay gab, desto eher konnten alle in die Mittagspause gehen.
   Die Runde saß inzwischen eine Dreiviertelstunde zusammen, um über die Werbekampagne eines Schlüsselschnelldienstes nachzudenken.
   »Es ist noch nicht stimmig«, befand Konrad und kaute unzufrieden auf seiner Pfeife. Mit seinem schütteren rötlichen Haar erinnerte er mich an Woody Allen.
   Manche Menschen behaupteten, Männer, die den ganzen Tag an ihren Pfeifen nuckelten, hätten ihre orale Phase in der Kindheit noch nicht abgeschlossen. Das von Konrad zu denken, war ziemlich komisch. Kaum vorstellbar, dass er überhaupt jemals Kind gewesen war.
   Arne und Konrad hatten vor vier Jahren die Thesaurus Werbung gegründet. Mein Bruder war seiner damaligen Liebe nach München gefolgt, einer Frau namens Bettina, knapp zehn Jahre älter als er und frisch geschieden. Vom Geld ihres Mannes versorgt, fand sie in Arne ein neues interessantes Hobby. Ich hatte sie nur flüchtig kennengelernt und fand sie ziemlich oberflächlich. Zuerst war mir nicht klar, was Arne an ihr fand, doch dann verstand ich. Ihre Attraktivität bestand in ihrer Großzügigkeit, sie hatte kein Problem, das Geld ihres Mannes auszugeben. So kam Arne in den Genuss eines angenehmen, luxuriösen Lebens. Trotzdem hatte er ein Jahr später die Beziehung beendet und eine neue, geschäftsmäßige, mit Bettinas Schwager Konrad begonnen.
   Die zwei waren grundverschieden. Während Arne vor neuen Ideen übersprudelte, provozieren und Preise bekommen wollte, kümmerte sich Konrad um die Bedürfnisse der Kunden, besonders um die seiner Familie, und sorgte dafür, dass alle ein gesichertes Einkommen nach Hause brachten.
   Weil Konrad also ein sehr besonnener Mensch war und viele Kontakte seiner alten Agentur mitgenommen hatte, erlebte die Thesaurus Werbung in den ersten Jahren keinen Schiffbruch. Außerdem hatten sie ein sicheres Händchen bei der Zusammensetzung ihres Teams. Linda war eine bodenständige, hübsche Frau. Ich mochte ihre freundliche Art und bewunderte sie für die Geduld, mit der sie schwierige Kunden behandelte. Manchmal stellte ich mir vor, sie und Arne würden ein Paar werden. Der konfuse Arne konnte durch ihre gefasste Art nur gewinnen. Doch Linda und er schienen nicht mehr als kollegiale Freundschaft füreinander zu empfinden. Rebecca war die zweite Frau im Team. Eigentlich war sie Fotografin, hatte dann aber zur Mediengestalterin gewechselt, ein herber Typ mit großen, traurigen Augen und einer Vorliebe für Leder.
   An Horst waren seine widerspenstigen, unglaublich wuchernden Haare das Auffälligste. Er hatte einmal ausgerechnet, wie oft er in seinem Leben schon zum Friseur gegangen war und was ihn das gekostet hatte. Ein kleines Vermögen. Seine buschigen Augenbrauen gaben ihm etwas von einem wilden Tier, und wenn er auch am Morgen frisch rasiert zur Arbeit kam, am späten Nachmittag sah er schon wieder wie ein kanadischer Holzfäller aus.
   Ironie des Schicksals, seinem Kollegen Sebastian widerfuhr genau das Gegenteil. Der verlor nämlich seine aschblonden Haare, sie waren nur noch als zarter Ansatz am hinteren Kopfrand zu erkennen, und ich ertappte mich dabei, wie ich sie nicht ansehen mochte, aus Angst, die kleinen, empfindlichen Filamente könnten vor Schreck ausfallen. Haare waren also ein mit Vorsicht zu behandelndes Thema in der Agentur. Außer bei Alessandro, dem Charmeur. Der konnte über die Haarprobleme seiner Kollegen nur lächeln. Als Halbitaliener hatte er wunderschönes, schwarzes Haar, ein bronzefarbenes Gesicht und feurig dunkle Augen. Ein absoluter Frauentyp. Sein einziges Problem bestand in seiner Körpergröße. Er war nur etwa so groß wie ich und damit der kleinste Mann in der Agentur. Er trug Schuhe mit Absätzen, wie sie bei Männern gerade noch akzeptabel waren und ich beobachtete manchmal, wie er sich absichtlich streckte, wenn er mir oder Linda gegenüberstand.
   Der Schlüsselschnelldienst wurde vertagt, Konrad kam zum nächsten Punkt. Er nahm die Pfeife aus dem Mund und klopfte sie über dem Aschenbecher aus. »Zum Schluss habe ich eine wirklich gute Nachricht. Oh, der Kaffee ist alle.«
   Ich stand auf und verließ mit den leeren Thermoskannen den Raum. Schade, so würde ich die gute Nachricht nicht von Anfang an mitbekommen. Die Auftragslage war in letzter Zeit nicht gut gewesen und das hatte sich auch auf die Stimmung des Teams niedergeschlagen. Eine gute Nachricht war deswegen mehr als willkommen.
   Meine Arbeit in der Agentur bestand aus Telefondienst, Schreibarbeiten, Kopieren und Recherchen. Auch der Kaffee lag in meinem Verantwortungsbereich. Den Job hatte mir Arne verschafft und ich bekam ein kleines Gehalt. Für die Zeit der Orientierung, wie ich es etwas hilflos ausdrückte. Am Anfang hatte ich gedacht, die Arbeit in der Werbung wäre etwas für mich. Aber inzwischen, nach fast sechs Monaten in München, konnte ich mir nicht mehr vorstellen, immer unter Druck die genialsten Ideen bekommen zu müssen. Außerdem mochte ich die meisten Auftraggeber nicht. Das waren oft arrogante, gönnerhafte Typen, die meistens keine Ahnung von Werbung hatten, alles besser wussten und am Ende die ganze Arbeit ablehnten. Die Konkurrenz war groß, die Marktlage nicht besonders gut, das Konsumverhalten unberechenbar und kurzlebig. Vielleicht würde ich irgendwann mein abgebrochenes Studium in Kunstgeschichte wieder aufnehmen.
   In der Küche goss ich frischen Kaffee in die Kannen und ging zurück zum Besprechungszimmer. Es war der größte Raum, ganz am Ende des langen Flurs, in dem auch die Kundengespräche stattfanden. Bevor ich die Tür öffnen konnte, kam mir Frau Hagedorn entgegen. Sie war meine direkte Vorgesetzte, gab mir meine Arbeiten und in ihrem Büro hatte ich auch meinen Schreibtisch.
   »Können Sie nachher Post wegbringen?«, fragte sie im Vorbeigehen.
   Ich balancierte die schweren Kannen in den Händen. »Klar.«
   Sie deutete mit dem Kopf auf die Tür. »Brauchen die noch lange?«
   »Glaube ich nicht. Die haben alle Hunger.«
   Die Hagedorn verschwand in ihr Zimmer. Sie war beim Team nicht besonders beliebt. Das lag vor allem an ihrer völlig humorlosen Art. Gerade in einer kreativen Umgebung kam das nicht besonders gut an.
   Ich quälte mich mit der Tür ab, sie hätte sie mir wirklich öffnen können. Die Stimmung im Raum schien angespannt, Konrad lehnte mit beiden Unterarmen auf dem Tisch, seine Pfeife lag verlassen auf der Seite. Er hatte einen neuen potenziellen Kunden vorgestellt, anscheinend einen großen Fisch. Die aufgeregte Spannung war verständlich, denn es handelte sich um einen der größten Kosmetikkonzerne hierzulande.
   Auch Arne wirkte zufrieden. »Bisher wurde die Werbung ziemlich konservativ gehalten. Vor einigen Jahren hat die Inter-Art Agentur, die bisher die Werbung für den Konzern gemacht hat, einen Jubiläumsspot gedreht, den ihr sicher alle gesehen habt. Und wieder vergessen, denn er war einfach nur schlecht.« Arne schüttelte sich. »Langweilig und uninspiriert. Zum Glück für uns soll nun die Handcreme neu präsentiert werden.«
   »Das Ganze war eine ziemlich plötzliche Entscheidung der Firma, wir sollen am Ende dieser Woche ein Konzept vorlegen. Also brauchen wir bis morgen Ideen.« Konrad trank einen Schluck Kaffee, setzte die Tasse ab und sah bedeutungsschwer in die Runde. »Ich muss wohl nicht darauf hinweisen, dass der Auftrag eine Menge Probleme für die Agentur lösen würde?« Ernstes Kopfschütteln. Er nahm seine Pfeife auf und stopfte sie neu. »Gut, dann erwarte ich morgen eure Vorschläge.«
   »Toll«, raunte Linda mir beim Hinausgehen zu. »Wenn wir den Auftrag bekommen, öffnet uns das die Türen für die ganz großen Aufträge. Das ist wirklich ein Riesending. Kaum zu glauben, dass die sich an uns gewendet haben. Inter-Art ist eine Spitzenagentur, ein riesiger Laden. Sie sind vielleicht ein bisschen konservativ, würde Arne sagen.« Sie lachte. »Kommst du heute Abend ins Studio?«
   »So richtig Lust habe ich nicht.«
   »Komm doch mit. Wenn wir auf unseren Fahrrädern schwitzen, kommen uns vielleicht die besten Ideen für Cremes und Schlüssel.«
   Hinter uns ging Sebastian. »Mir fallen die besten Dinge im Schlaf ein. Wie Sigmund Freud. Ich habe mal gelesen, dass ihm die berühmte Psychoanalyse im Traum offenbart wurde.«
   »Dann geh heute früh schlafen, damit du morgen was vorzuweisen hast.«
   Rebecca stand ungeduldig an der Tür. »Kommt ihr endlich? Ich habe Hunger.«
   Ich ging meine Jacke holen und sah Konrad in seinem Büro am Schreibtisch sitzen, Arne saß auf einer Schreibtischecke. Sie unterhielten sich leise.
   »Kommt ihr mit?«
   »Keine Zeit. Bringst du mir was mit? Du schuldest mir sowieso noch fünf Euro von letzter Woche.«
   »Möchtest du auch was?«
   Konrad schüttelte den Kopf. Er sprach nie sehr viel und schien bereits wieder in Gedanken bei etwas anderem zu sein. Ich trat zurück auf den verlassenen Flur, die anderen waren schon vorgegangen. Kreativität machte eben hungrig.

Linda saß gedankenversunken auf dem Fahrrad neben mir. Mit gleichbleibendem Tempo trat sie in die Pedale, sie hatte eindeutig mehr Kondition als ich. Ich schaltete verstohlen auf meinen Kalorienverbrauch um und seufzte.
   »Hast du dein Schokoladeneis von heute Mittag raus?«
   »Nicht mal die zwei Kekse vom Nachmittag.«
   Sie lachte und legte einen Zahn zu. Wir hatten uns auf die vordersten Geräte gesetzt, man konnte aus dem Fenster blicken und sich vorstellen, direkt in den Himmel zu fahren. Manche um mich herum strampelten mit einer Zeitung vor der Nase, andere machten einfach nur ernste Gesichter. Meine Uhr klingelte vor Lindas, ich hatte sie etwas kürzer eingestellt. Erleichtert ließ ich die Beine sinken. Jedes Mal nahm ich mir vor, mir diese Plage nicht wieder anzutun, aber das Training von drei Monaten hatte tatsächlich meine Kondition gesteigert. Am schönsten fand ich allerdings das anschließende Saunen.
   »Machen wir noch eine Runde auf den Geräten?« Lindas Zeit war ebenfalls abgelaufen. Vielleicht brauchte sie die körperliche Anstrengung, um sich von ihrer stressigen Kopfarbeit zu erholen. An ihrer Figur war jedenfalls nichts auszusetzen.
   »Ich nicht.«
   »Dann lass ich es auch.«
   Wir verließen die Fahrradecke und gingen zu den Umkleidekabinen, beobachtet von einigen keuchenden Athleten, die an, unter oder auf ihren Geräten hingen. Ihre Atemzüge kamen keuchend, manchmal begleitet von einem uff oder ah. Wir stießen uns an und lachten.
   In der Sauna saß ich auf der zweiten Etage, sie ganz oben. »Hast du schon eine Idee für die Creme?«, fragte ich.
   »Nein, obwohl ich mir die ganze Zeit den Kopf zerbreche. So schlecht, wie Arne das Konzept der Inter-art Agentur beschrieben hat, war das gar nicht. Wenn man seinen persönlichen Ehrgeiz runterschraubt und sich auf das konzentriert, was man mit Werbung erreichen will, dann war sie eigentlich optimal.«
   »Warum sucht der Konzern dann eine neue Präsentation?«
   »Keine Ahnung. Vielleicht hat sich einer von Arnes vielen Kontakten bezahlt gemacht.«
   »Ich kann mich nicht genau an die Werbung erinnern.«
   »Ein sehr weiblich orientierter Stil. Junge, schöne Frauen, viel nackte Haut, harmonische Familien- oder Beziehungssituationen, Weichzeichner, sentimentale Hintergrunddudelei.«
   »Hört sich wirklich langweilig an.«
   Sie seufzte. »Das wirkt eben am besten. Wunschdenken und Illusionen, darauf baut Werbung auf.«
   Eine gebräunte, nicht mehr ganz junge Frau betrat die Sauna, nickte uns zu und breitete ihr Handtuch auf der Bank über mir aus. Linda und ich schwiegen. Die kleinen Schweißperlen auf meiner Haut kitzelten, ich sah ihnen nach, bis sie auf mein Handtuch tropften. »Ich habe genug. Kommst du mit raus?« Mir war schwindlig. Mit wackligen Beinen öffnete ich die Saunatür und trat hinaus in die kühle Luft.
   »Alles in Ordnung?« Linda band sich ein Handtuch um.
   Ich legte mich auf einen Ruhestuhl. »Nur der Kreislauf. Geht gleich wieder.«
   Als sie mich später mit dem Auto zu Hause absetzte, war ich restlos erledigt. »Willst du noch mit rauf?«
   Linda schüttelte den Kopf. »Ich muss dringend nach Hause und mir eine Idee einfallen lassen. Hoffentlich hatte Arne einen seiner berühmten Einfälle.«
   Doch Arne grübelte, wie er mir mitteilte, bisher ergebnislos auf dem Sofa. Der Fernseher lief ohne Ton, vor ihm auf dem Tisch stand ein Glas Rotwein.
   In Anbetracht meiner finanziellen Situation, beruflichen Perspektive und besonders der Größe seiner Wohnung, war unsere Wohngemeinschaft, die natürlich nur auf Zeit war, eine gute Lösung.
   Arne war schlecht gelaunt. »Wir haben nichts mehr zu essen. Du warst dran mit einkaufen.«
   »Habe ich vergessen, tut mir leid. Was ist mit den Spaghetti von gestern?«
   »Alle.«
   »Da war noch eine Pizza im Tiefkühlfach.«
   »Dachte ich auch. Aber die ist verschwunden.«
   Ich begab mich selbst auf die Suche. In der Küche öffnete ich Kühlschrank, Schränke und Tiefkühlfach. Das Ergebnis war traurig. »Ich lasse mir was vom Pizzadienst kommen.«
   Arne richtete sich auf. »Dann bestell mir eine Salamipizza mit.«
   Eine halbe Stunde später klingelte es und das Essen wurde gebracht.
   »Wir müssen unbedingt einen Chinesen finden, der außer Haus liefert«, sagte Arne, als wir am Esstisch saßen.
   »Seit wann stehst du auf chinesisches Essen?«
   »Man muss auch mal was Neues ausprobieren. Chinesisch ist momentan total in.«
   »Bei wem?«
   »Überall.« Er trank einen Schluck Rotwein. »Hat Linda schon eine Idee für den Werbespot?«
   Als ich den Kopf schüttelte, runzelte er die Stirn. »Dann sollte sie nicht ins Fitnessstudio gehen, sondern sich zu Hause Gedanken machen.«
   »So wie du beim Fernsehen? Sag mal, isst du das noch?« Ich zeigte auf sein letztes Viertel, das unberührt auf dem Teller lag.
   »Bitte.« Großzügig schob er mir den Teller zu. »Seit wann verdrückst du mehr als eine Pizza? Hast du ein neues Trainingsprogramm?«
   »Ich hab einfach Hunger. Strengt an, so ein Tag.«
   »Was war heute anders als sonst?«
   Ich biss von der Pizza ab und dachte nach. Eigentlich war heute kein besonderer Tag gewesen.
   Er stützte den Kopf auf die Arme und sah mir eine Weile beim Essen zu. »Ich hatte gestern ein interessantes Telefongespräch.«
   »Das war lecker.« Ich leckte mir genüsslich die Finger ab. »Schade, dass die Schokoladenkekse alle sind. Die kämen jetzt echt gut.«
   »Mit einem Herrn Benthin.«
   Ich überlegte kurz. »Kenne ich nicht.«
   »Doch, den kennst du. Das ist einer deiner Bergbekanntschaften.« Arne nahm die leere Pizzaverpackung und ging in die Küche.
   Ich sah ihm nach. Plötzlich hatte ich das Gefühl, zu viel gegessen zu haben. Hastig sprang ich auf und folgte ihm.
   »Blödes Ding.« Fluchend versuchte er, den Inhalt des überquellenden Mülleimers, der schon etwas unangenehm roch, um die Überreste unseres Abendessens zu erweitern. Schließlich gab er auf. »Ich bring grad mal den Müll runter.«
   Dieser ungewohnte Eifer machte mich noch misstrauischer. Ich blieb ihm auf den Fersen. »Mit wem hast du gesprochen?«
   »Mit dem Langen, dem mit den Locken. Benthin heißt er.« An der Wohnungstür drehte er sich um. »Willst du auch in den Keller? Hier, dann nimm den mit.« Ich starrte den Müllbeutel an, er zuckte die Achseln und verschwand im Treppenhaus.
   Es war mehr als vier Wochen her. Inzwischen dachte ich kaum noch an dieses katastrophale Wochenende, aber die ersten Tage waren furchtbar gewesen. Wann immer ich auf der Straße einen großen Mann gesehen hatte, oder ein dunkler BMW an mir vorbeigefahren war, und in München gab es eine ganze Menge davon, war ich regelrecht erstarrt. Ich war schlecht gelaunt, schlief unruhig und das Essen schmeckte mir auch nicht mehr. Manchmal wurde mir regelrecht schlecht.
   Als Arne aus dem Keller zurückkam, hatte ich mich nicht von der Stelle gerührt. »Was wollte er?«
   Er ging ins Wohnzimmer und ließ sich ins Polster fallen. »Du stehst noch, könntest du mir mein Weinglas holen? Es steht auf dem Esstisch.«
   Ich brachte ihm sein Glas, hielt es aber außer Reichweite. »Also?«
   Sein Gesicht war die reinste Unschuld. »Er hat gefragt, wie es dir geht. Das ist doch sehr nett.«
   Ich wartete, aber Arne spielte dieses Spiel zu gern. Ich kannte ihn, es nützte überhaupt nichts, ungeduldig zu werden. Er genoss das Gefühl der Macht.
   »Ich habe gesagt, es gehe dir gut.« Er betrachtete mich spöttisch. »Stimmt doch? Oder hätte ich sagen sollen, wie sehr du nach diesem seltsamen Wochenende gelitten hast? Noch unausstehlicher warst als sonst?«
   »Warum hat er angerufen? Woher hat dieser Idiot überhaupt deine Nummer?«
   Arne nahm die Fernbedienung und knipste den Fernseher aus. »Das ist doch nicht schwer. Durch Norbert, der kennt mich und die Agentur. Von ihm wird er die Nummer haben.«
   »Er hat in der Agentur angerufen?«
   »Ja. Und apropos, ich muss mich jetzt auf unser neues Werbeprodukt konzentrieren. Haben wir eigentlich jemals diese Creme benutzt?«

Beinahe rechnete ich damit, dass über den Köpfen des Teams Rauch aufstieg. Fast eine halbe Stunde war inzwischen vergangen und keiner hatte eine brauchbare Idee hervorgebracht. Sebastians Vorschlag, die Creme auf eine Mission ins Weltall zu schicken, wo sie von Außerirdischen gefunden wurde, die daraufhin neugierig die Erde besuchten, fand wenig Beifall. Arnes Idee war genauso durchgefallen wie die von Rebecca und Linda. Alessandro und Horst hatten von Anfang an zugegeben, dass ihnen nichts Brauchbares eingefallen war.
   Konrad hatte schon zweimal die Pfeife nachgestopft.
   »Es ist schwierig«, entfuhr es Alessandro mit südländischem Temperament. »Das Produkt ist auf dem Markt hervorragend etabliert. Es soll konservativ bleiben, aber irgendwie auch moderner werden. Wie soll das gehen?«
   »Genau.« Horst nickte. »Wie will man einerseits die junge Zielgruppe erreichen und gleichzeitig die fünfzig plus Generation?«
   Ich räusperte mich. Normalerweise hielt ich mich bei den K-Runden zurück. Als ich gerade ein paar Tage in der Agentur gearbeitet hatte, wollte Arne, dass ich an den Versammlungen teilnahm. Aber nur, weil ich die Jüngste im Team war und, wie man mir komischerweise glaubhaft machen wollte, eine andere Generation vertrat. Dabei war ich nur vier Jahre jünger als Linda. Trotzdem fragten sie mich manchmal, ob ich ein Produkt kannte oder wie bei mir eine neue Idee ankam. Arne hätte wohl auch die Putzfrau zu den K-Runden eingeladen, wenn man ihn gelassen hätte. Nicht, dass ihm diese Leute etwas bedeuteten, aber auch untere soziale Schichten kauften Produkte und konnten Hinweise und Tipps geben.
   »Wie wäre es, wenn man die Creme als Lösung verschiedener menschlicher Probleme einbaut?« Die Gesichter wandten sich mir zu, ich wurde ein bisschen unsicher.
   »Was meinst du?«, fragte Arne. »Nur zu, wir sind ganz Ohr.«
   Gestern Abend, ich hatte mich in meinem Bett ruhelos von einer Seite auf die andere geworfen, war mir die Idee eingefallen. Über die ich dann eingeschlafen war.
   Ich holte tief Luft. »Stellt euch vor, ein Schüler sitzt an einer Klassenarbeit und schummelt. Der Lehrer ahnt etwas, weiß aber nicht, wie er es macht. Er lässt sich alles zeigen, was der Schüler dabei hat. Angesagte Dinge wie Handy, Zigaretten, Kondome – die müssen aber nicht sein – und eben unsere Creme. Er hält sie dem Lehrer hin, der Lehrer dreht und wendet das Ding, macht es auf, riecht, nickt anerkennend, findet aber keinen Hinweis auf die Schummelei. Er geht zum Pult zurück. Dort angekommen fällt es ihm ein. Er dreht sich um …« Ich machte eine kurze Pause, das Team hing an meinen Lippen. »Und sieht, wie sich der Schüler mit der Creme seine Hände einreibt. Und grinst.« Die anderen schwiegen. »Er hat es auf die Handinnenfläche geschrieben.« Verlegen senkte ich den Kopf. Sie hatten es nicht verstanden. »Mit solchen oder ähnlichen Situationen käme man an die Jüngeren. Aber man kann auch Rollstühle einschmieren, damit sie nicht quietschen, in der Wüste Schlangen erschlagen, oder einer Frau damit ein Herz auf den Bauch malen, wenn es mal gerade nicht läuft. Brenzlige Situationen eben, in denen die Creme die unerwartete Rettung darstellt.«
   »Rollstühle einschmieren?« Konrad hob die Augenbrauen.
   Arne kippte mit seinem Stuhl nach vorn. »Was für eine Superidee. Kurze, witzige Episoden, die jeden ansprechen. Du weißt, Konrad, wenn Werbung wirklich komisch ist, gewinnt man immer.«
   »Was meint ihr?« Zweifelnd sah sich Konrad um. »Würde das nicht zu sehr vom Produkt ablenken? Humor bei Kosmetik?«
   »Glaube ich nicht«, schaltete sich Linda ein. »Mir gefällt die Idee auch. Damit würde das Produkt raus aus der Mottenkiste kommen.«
   »Sehr gewagt.« Konrad knabberte laut an seiner Pfeife.
   Arne schüttelte den Kopf. »Da die Creme schon bekannt ist, kann man sich diese Extravaganz leisten. In der Hauptsache geht es ja nicht darum, die Konsumenten zu überzeugen, dass sie gut ist. Sondern, dass man sie und nicht das Konkurrenzprodukt kauft.«
   »Aber die Produktion eines solchen Werbefilms, oder mehrerer verschiedener, ist verdammt aufwendig und teuer.«
   »Wir haben noch keine Budgetvorgabe. Warten wir doch ab.« Arne war nicht zu bremsen. »Wir sollten uns auf zwei, drei Situationen konzentrieren und die richtig gut machen.«
   »Ich bin für den Jungen, der schummelt.« Horst grinste. »So ähnlich habe ich das früher auch gemacht.«
   »Oder ein Mädchen schummelt. Warum immer Jungen?« Rebecca verschränkte die Arme vor der Brust.
   Sebastian beugte sich vor. »Ich finde die Schlange gut. Ein Ehepaar wird in der Wüste von einer giftigen, aggressiven Schlange bedroht. Er zückt Kanone, Messer, Reizgas, das Biest ist nicht abzuwehren. Dann nimmt sie ihre Cremedose und wirft sie auf die Natter. Und siehe da, sie verschwindet.«
   Alessandro konnte sich für den Gedanken mit der Frau erwärmen. »Auf den Bauch, ja, kann ich mir gut vorstellen. Oder auf den Rücken.« Er kniff die Augen zusammen. »Nein, lieber auf den Bauch.«
   Schließlich ließ sich Konrad überzeugen. Allerdings wollte er, dass Horst und Linda ein Alternativkonzept erarbeiteten. »Versucht, es wissenschaftlich zu verpacken. Fachbegriffe, Labore, schöne Menschen. Das Übliche.«
   Als sich die Versammlung auflöste, kam Arne hinter mir her. »Du hast viel von mir gelernt, kleine Schwester. Noch ein paar Jahre und du kannst mit einer Gehaltserhöhung rechnen. Wann ist dir die Idee gekommen?«
   »Gestern Abend, nachdem du mir von diesem blöden Benthin erzählt hast und ich nicht schlafen konnte.«
   »Ich wusste doch, dass das Wochenende auf dem Berg von Nutzen sein wird. Wenn du wütend bist, bist du mir fast unheimlich.«

Sie hatten nur zwei Tage, ein präsentationsfähiges Konzept zu erstellen. Am Freitag wollten die Marketingleute der Firma kommen und entscheiden, ob wir den Auftrag bekamen oder nicht. Alle waren mit Feuereifer bei der Sache, es wurde viel gelacht, viel gestöhnt und keine Mittagspause mehr eingelegt.
   Der Freitag kam. »Du musst unbedingt bei der Präsentation dabei sein. Ich habe schon mit Arne gesprochen«, sagte Linda eifrig. »Schließlich war das deine Idee.«
   Ich wollte natürlich dabei sein, denn ich war auf die Reaktion des Konzerns genauso gespannt wie die anderen. Es gab keine Schwierigkeiten mit der Hagedorn. »Sicher, gehen Sie nur mit rein. Ach, könnten Sie vorher noch Geld für die Portokasse holen, bevor die Bank schließt?«
   Ich nahm den Regenschirm, es sah bewölkt aus, und marschierte ein paar Straßen weiter zur Bank. Dort herrschte viel Betrieb, es dauerte, bis ich an die Reihe kam. Auf dem Rückweg begann es zu regnen. Ich versuchte, den sich schnell bildenden Pfützen mit akrobatischen Sprüngen auszuweichen, deswegen sah ich das Auto beinahe zu spät und hätte es fast mit dem Schirm zerkratzt. Es stand auf einem unserer drei reservierten Kundenparkplätze. Ein dunkler BMW mit dem Kennzeichen M-AX. Kein Zweifel, wem es gehörte.
   Ich schob den Schirm nach hinten, sah an der Fassade des Gebäudes hoch, als ob ich ihn durch eines der Fenster sehen könnte. Sich nach oben zu schleichen, sich dort zu verstecken, war zu riskant. Also machte ich kehrt und ging zu Bennos Bude, dem kleinen Imbiss schräg gegenüber der Agentur. Ich war noch ganz verwirrt, als ich mich auf einen Hocker ans Fenster setzte und den Schirm zusammenfaltete.
   »Heut schon so früh?« Benno nickte mir freundlich zu. Wir kamen regelmäßig in den Mittagspausen, man kannte sich inzwischen. Damit ich nicht zu merkwürdig wirkte, bestellte ich einen Orangensaft und wartete. Es dauerte fast eine Stunde, bis sich auf dem Parkplatz gegenüber etwas tat. Ich lehnte mich vor, sah durch die beschlagene Scheibe, konnte aber nicht erkennen, wer in dem Auto saß, das zügig davonfuhr. Obwohl man mich nicht sehen konnte, duckte ich mich. Ich bezahlte und trat vor die Tür. Der Regen hatte zwar aufgehört, doch tiefe, dunkle Wolken bedeckten den Himmel. Während meiner Orangensäfte war Zeit genug gewesen, über den Grund von Max Anwesenheit nachzudenken. Es lag auf der Hand, dass er mit dem Auftrag zu tun hatte und das war wohl der eigentliche Grund, warum er mit Arne telefoniert hatte. Meinem Bruder war es zuzutrauen, mich ins offene Messer laufen zu lassen. Komisch war nur, dass Max’ Name nie im Zusammenhang mit dem Produkt gefallen war.
   Als ich die Agentur betrat, hörte ich übermütige Stimmen und schloss daraus, dass das Konzept erfolgreich angenommen worden war. Als Erste lief mir Frau Hagedorn über den Weg. »Du meine Güte, endlich! Ja, wo waren Sie denn?« Hinter ihr tauchten Arne und Konrad aus dem Besprechungszimmer auf, jeder mit einem Glas Sekt in der Hand.
   »In der Bank.«
   »Aber doch nicht die ganze Zeit! Jetzt haben Sie ja die Präsentation verpasst.« Ihre Stimme klang schrill. »Sie hätten zurückkommen müssen, als Sie merkten, dass die Zeit eng wurde.«
   »Aber Sie brauchten doch das Kleingeld.«
   Sie wurde rot und lief wortlos davon.
   Arne sah ihr nachdenklich hinterher. »Bist du unterwegs überfallen worden?«
   Ich nahm ihm sein Glas aus der Hand. »Worauf soll ich trinken? Haben wir den Auftrag?«
   »Ja.« Konrad setzte eines seiner seltenen Lächeln auf. »Wir haben ihn.«
   »Herzlichen Glückwunsch, das ist ja toll. Ah Linda, ich hab’s gerade gehört.«
   Linda strahlte. »Es hat alles super geklappt, ich bin vielleicht erleichtert. Aber wo warst du denn? Die Hagedorn war ganz aus dem Häuschen, weil sie dich weggeschickt hat.«
   »Ist ja nicht schlimm, dann bin ich eben das nächste Mal dabei.«
   »Bist du nicht traurig? Ich dachte, du wärst gern dabei gewesen. Arne war so fair und hat dem Benthin und seiner PR-Managerin gesagt, dass die ursprüngliche Idee von dir war.«
   Ich drehte mich um. »Wirklich?«
   Arnes Gesicht blieb unbewegt.
   »Und da wollten sie dich kennenlernen. Netter Zug, finde ich. Ich bin immer noch ganz aufgeregt. Einmal dachte ich, es würde ihnen nicht gefallen, besonders der Albrecht nicht. Die ist ein echter Profi. Aber Benthin fand es dann doch gut, er war sogar begeistert. Nicht, Arne?«
   »Er war sogar sehr begeistert. Wirklich schade, dass du ihn verpasst hast. Wo du ihn doch persönlich kennst. Du bist bestimmt wahnsinnig enttäuscht.«
   »Du kennst ihn?« Linda blinzelte irritiert. »Warum hast du das denn nie gesagt?«
   »Sie wusste nicht, dass er der Auftraggeber ist.« Arne zog aus seiner Tasche einen weißen Briefumschlag hervor. »Hier, der ist für dich, den soll ich dir geben. Er war richtig enttäuscht, als er hörte, dass du nicht da bist. Ich finde ihn übrigens sehr nett.«
   Linda nickte. »Ich auch. Er macht einen wirklich sympathischen Eindruck.«
   Später, in einer stillen Ecke, riss ich den Briefumschlag auf. Ich wusste nicht, was ich erwartet hatte. Einen langen Entschuldigungsbrief, tiefe Reue, ungewöhnliche Versöhnungsvorschläge? Es war ein Zeitungsartikel, ziemlich kurz, und jemand hatte mit der Hand das Erscheinungsdatum darüber geschrieben. Die Zeitung war einen Tage nach unserem Ausflug auf den Berg erschienen. Die Überschrift lautete: Für fünf Sekunden bebte die Erde. Er handelte von einem leichten Erdbeben in Norditalien, das auf der Richterskala eine Stärke von drei Komma neun hatte und noch im Süden Deutschlands gemessen werden konnte. Verwundert starrte ich auf das Stück Papier in meiner Hand. Dann begriff ich. Der Berg hatte wirklich gewackelt. Ich hatte recht gehabt!

Ich vermutete schon lange, dass Arne eine Freundin hatte. Wer sie war, wusste ich nicht, aber ich nahm an, dass er sich öfter mit ihr traf, denn seit das Konzept zur Vermarktung der Creme stand, blieb er ein paar Mal über Nacht weg. Er erwähnte sie nie und selbstverständlich fragte ich nicht.
   Dank Linda konnte ich auch das zweite Treffen mit Max Benthin vermeiden. Wir hingen abends wieder einmal auf den Fahrrädern im Fitnessstudio herum, als sie beiläufig erwähnte, er würde am nächsten Tag eine Verabredung mit Konrad haben. »Nicht, dass du dann wieder unterwegs bist.«
   Ich trat heftiger in die Pedale, die Tachonadel schlug weit aus. Sobald ich nur seinen Namen hörte, überkam mich die blanke Wut. »Ich muss ihn nicht unbedingt sehen.«
   »Kennst du ihn gut?«
   Noch fünf endlose Minuten, bis ich aufhören konnte. »Nur ganz flüchtig.«
   »Ich fand ihn richtig sympathisch. Er hat ein nettes Lächeln und tut nicht so überheblich wie andere Firmenbosse. Ob er verheiratet ist? Wie alt schätzt du ihn?«
   Ich rollte mit den Augen, was sie hoffentlich nicht sah. »Keine Ahnung.« Lustlos nahm ich die Füße aus den Schlaufen. »Ich geh schon mal.«
   Ich war mit dem Duschen fertig, als sie in die Umkleidekabine kam. Überrascht blieb sie stehen. »Kommst du nicht mit in die Sauna?«
   »Ich fühle mich nicht gut, ein bisschen schwindlig.«
   Sie sah mich mitfühlend an. »Wirst du krank?«
   Keine schlechte Idee, dachte ich.
   Sie griff in ihre Sporttasche und hielt mir eine kleine Dose entgegen. »Sponsorengeschenk. Wahrscheinlich denken unsere Auftraggeber, wenn wir die Produkte, für die wir werben, selbst ausprobieren, geben wir uns mehr Mühe. Du warst heute Nachmittag schon weg, als ein Paket von Benthin kam. Ich dachte, die Creme wäre was für dich. Das Rasierwasser haben wir Horst überlassen.«
   »Ist nicht meine Marke.« Trotzdem warf ich die Tube in meine Tasche, vielleicht konnte ich damit jemanden erschlagen. Eine Schlange. Oder einen dämlichen Bayern.
   Linda zog ihre verschwitzten Sachen aus. »Dann lass ich das Saunen heute auch, allein habe ich keine Lust. Wenn du wartest, nehme ich dich nachher mit.«
   Ich fand die Wohnung dunkel und verlassen vor. Schlecht gelaunt machte ich mich auf die Suche nach etwas Essbarem, musste aber mal wieder erfolglos aufgeben. Arne hatte die Nummer eines chinesischen Restaurants ausfindig gemacht, aber bisher noch nicht ausprobiert. Ich bestellte etwas Süßsaures. Das Essen kam erst nach fast einer Stunde, als ich schon nicht mehr daran geglaubt hatte, und schmeckte scheußlich.
   Am nächsten Morgen teilte ich Arne, der irgendwann in der Nacht nach Hause gekommen war, fertig angezogen in der Küche stand und sich ein Marmeladenbrot schmierte, mit, dass ich krank sei und wieder ins Bett gehen würde.
   Argwöhnisch ließ er das Messer sinken. »Bist du wirklich krank?«
   Ich nickte entrüstet. Mein Blick fiel auf die Spüle, wo noch die Überreste des Abendessens lagen. Übelkeit stieg in mir auf und ich kam gerade noch ins Bad, wo ich mich zu meinem eigenen Erstaunen heftig übergeben musste. Damit hatte ich Arne überzeugt. Bevor er ging, stellte er mit beinahe rührender Besorgnis eine Kanne Pfefferminztee und einen Teller Zwieback an mein Bett. »Du siehst wirklich nicht gut aus. Ich habe die Reste vom Chinesen ins Eisfach gelegt.« Ich begann schon wieder zu würgen, und er sprach hastig weiter. »Wenn du eine Vergiftung hast, haben wir den Beweis wenigstens nicht weggeworfen und können klagen.«
   Nachdem er weg war, schlief ich mich aus. Danach ging es mir besser, ich konnte sogar wieder essen, auch wenn nicht viel da war. Gegen Mittag, ich war kurz auf dem Balkon gewesen, sah ich im Wohnzimmer den Anrufbeantworter blinken.
   Es war Arne. »Ich wollte nur hören, wie’s dir geht. Wenn du noch lebst, ruf mal zurück. Bis dann.«
   Ich rief nicht zurück. Ich wollte mir keine Gedanken über meinen Bruder, die Agentur und was da sonst noch war, machen.
   Arne kam früh nach Hause. Ich lag auf dem Sofa und spielte mit der Fernbedienung herum. Er ließ sich neben mich plumpsen. »Geht’s dir besser?«
   »Viel besser.«
   »Das passt gut, ich meine, dass du wieder fit bist. Wir sind heute Abend nämlich eingeladen. In genau zwei Stunden.«
   »Mit wem denn?« Erfreut richtete ich mich auf. Die kleinen gemütlichen Abendessen mit Linda und Alessandro waren immer sehr lustig.
   Er zögerte. »Es ist eine Art Geschäftsessen. Mit Konrad.«
   Sofort war ich auf der Hut. »Und wem noch?«
   »Ein Geschäftsessen ist immer mit Geschäftsleuten.« Er hörte sich eine Spur zu aggressiv an.
   Damit war alles klar. »Ich kann nicht mit.« Ich drückte auf den Knöpfen der Fernbedienung herum, die Sender flogen nur so vorbei. »Mir geht’s noch nicht so gut, dass ich einen ganzen Abend mit Geschäftsleuten überstehen kann, tut mir leid. Aber warum fragst du nicht deine Freundin, die macht sich als Begleitung mit Sicherheit besser als ich.«
   Er hörte mit mürrischem Gesicht zu. »Tu bloß nicht so, Fenna. Du weißt ganz genau, wer uns heute Abend eingeladen hat. Er will nicht meine Freundin sehen, sondern dich. Vielleicht will er sich bei dir bedanken, entschuldigen, auf die Knie werfen … was auch immer. Ich weiß es nicht, ich war ja nicht mit da oben auf dem Berg. Ich habe unten gesessen und versucht, einen Eisberg aufzutauen. Es ist inzwischen wirklich peinlich, dass du immer gerade dann nicht aufzufinden bist, wenn er da ist. Und deine Ausreden kannst du dir sparen, die glaube ich dir sowieso nicht.«
   Nun war die Katze wenigstens aus dem Sack. »Dann müsstest du doch begriffen haben, dass ich ihn nicht sehen will. Ich kann den Kerl nicht ausstehen.«
   Er schoss mit einem Ruck hoch. »Weißt du eigentlich, wie schwer es ist, so einen großen Kunden zu bekommen? Wir brauchen den Auftrag, verstehst du? Kannst du dich nicht einmal mir zuliebe überwinden? Das kann doch nicht so schwer sein!«
   »Aber ihr habt doch den Auftrag. Meinst du, er könnte noch einen Rückzieher machen?« Ich wusste im selben Moment, einen Fehler gemacht zu haben.
   Arne begriff seine Chance sofort. Sein Gesicht verzog sich, als ob er auf eine Zitrone gebissen hätte. »Was ist schon hundertprozentig sicher? Fest steht, dass er noch nicht unterschrieben hat.«
   »Das ist nicht mein Problem. Ich komme nicht mit.«
   Arne stöhnte und ließ sich in die Couch zurückfallen. »Mein Gott.« Er hob die Augen zur Decke, wie bei einem innig ausgesprochenen Gebet. »Was hat der arme Mann dir nur getan, dass du ihn so hässlich behandelst? Er ist doch so sympathisch, frag nur Linda. Oder Rebecca. Was meinst du, wie gern die heute Abend mitgehen würden?«
   »Sollen sie doch. Ich werde es jedenfalls nicht tun. Basta!«
   Wütend stand er auf. »Vielen Dank.«
   Ich hörte ihn laut in der Küche vor sich herschimpfen und versuchte, der Sendung, die zufällig das Zapping gewonnen hatte, zu folgen. Kurz darauf kam Arne mit einem Glas Saft aus der Küche und ging wortlos an mir vorbei in sein Arbeitszimmer. Gut, dass die Wohnung so groß war.
   Vielleicht sollte ich ihm erzählen, was damals passiert war, oben auf dem Berg. Und wie ich mich gefühlt hatte. Doch den Gedanken schlug ich mir schnell aus dem Kopf. Es war möglich, dass er den Ernst der Lage nicht begriff. Er gehörte nicht zu den Menschen mit viel Mitgefühl, dafür besaß er eine ordentliche Portion Egoismus. Kaum waren zehn Minuten vergangen, da stand er wieder vor mir. Diesmal mit bettelndem Gesicht. Also war die Mitleidstour angesagt.
   Ich kam ihm zuvor. »Nein.«
   Er breitete die Hände aus. »Wie stehe ich denn da, wenn ich ohne dich komme? Konrad baut doch auch ganz fest auf dich.« Er legte den Kopf schief und sah mich treuherzig an. Unser Hund Friedemann hätte es nicht besser machen können. »Du brauchst auch einen Mon… – sagen wir, drei Wochen keinen Einkauf mehr zu machen.«
   »Das gibt eine Katastrophe, Arne.«

Schweigend steuerte mein Bruder das Auto durch die Stadt. Unser Ziel war das Entre Nous, ein sehr exklusives Restaurant, von dem ich schon durch Linda gehört hatte. Ich ärgerte mich, zugesagt zu haben und spielte mit dem Gedanken, einen Rückzieher zu machen. Warum tat ich mir das an? Dachte Max wirklich, ich würde ihm jemals verzeihen? Dass er mich vor aller Augen wie ein trotziges Kind behandelt hatte? Schließlich tröstete ich mich damit, mir heute auf seine Kosten einen schönen Abend zu machen und nahm mir vor, die Speisekarte rauf und runter zu bestellen.
   »Hast du eigentlich gewusst, dass Benthin eine neue Werbeagentur sucht, als du die Einladung zur Bergwanderung angenommen hast?«
   Arne antwortete nicht gleich. »Ich wusste nur, dass er zu diesem Unternehmen gehört. Es hat mich gewundert, dass du nicht gleich geschaltet hast, als wir darüber sprachen.«
   »Ich kannte seinen Nachnamen nicht, außerdem hätte ich sowieso nicht gewusst, dass er hinter dieser Marke steht.«
   »Sein Nachname ist aber genannt worden, unten am Berg, als Norbert uns alle miteinander bekannt gemacht hat.«
   »Mag sein, ich habe ihn mir nicht gemerkt.« Ich warf ihm einen Blick zu. »Wie war eigentlich der Abend mit dieser Sandra? Hast du ordentlich mit ihr geflirtet?«
   Er hielt an einer roten Ampel. »Da war nicht viel mit Flirten. Ich war schon froh, dass sie diesen Berg irgendwann aus den Augen gelassen hat und sich zu einem Glas Wein überreden ließ. Sie hat ein paar sehr spannende Vorträge über Kosmetik gehalten. Ich weiß jetzt, dass Hopfenextrakt straffend und durchblutungsfördernd ist. Ich kann also unbedenklich weiter Bier trinken.« Die Ampel sprang auf gelb, Arne gab Gas.
   »Ist sie hübsch?«
   »Du hast sie doch gesehen.«
   »Ich war ein bisschen mit meiner Höhenangst beschäftigt.«
   Er wog nachdenklich den Kopf. »Doch, sie ist hübsch, aber sie wirkt schrecklich ernst und viel zu intelligent.«
   »Eine kluge Frau. Bäh.«
   »Wir sind da.« Arne sah sich suchend nach einem Parkplatz um. In Aussicht auf das bevorstehende Treffen bekam ich langsam Lampenfieber. »Da darfst du nicht parken.«
   »Die stehen alle hier.«
   »Und die werden alle einen Bon bekommen.«
   »Wir haben keine Zeit mehr.« Ungeduldig rangierte er in der kleinen Parklücke vor und zurück. Endlich gab er sich mit dem Stand des Wagens zufrieden und schaltete den Motor aus.
   Es war nicht meine Schuld, dass wir zu spät kamen. Ich hatte nicht lange im Badezimmer gebraucht. Max Benthin sollte ja nicht glauben, ich würde mich extra für ihn schön machen. Mein Bruder benötigte länger. Er gehörte zu diesen nordischen Typen, groß, blond, blauäugig, auf den viele Frauen abfuhren. Er war schon immer eitel gewesen, aber seit er in München lebte, war seine Einstellung zu äußeren Dingen noch extremer geworden. Er trug nur noch Markenartikel, ging zum High Society Friseur und rümpfte die Nase über das Aussehen anderer Leute. Er machte mir ein paar Komplimente, und da er das sonst selten tat, wusste ich, was ich davon zu halten hatte.
   Nebeneinander betraten wir das Restaurant. Ein aufmerksamer Kellner fragte nach unseren Wünschen und führte uns zwischen den Tischen hindurch.
   Ich sah Max sofort. Er saß in einer etwas abseits gelegenen Nische und unterhielt sich mit Konrad. Es war, als ob auch er unsere Anwesenheit zu spüren schien, denn wir hatten den Tisch noch nicht erreicht, da stand er schon auf und hielt mir die Hand entgegen. Auch Konrad erhob sich.
   Wie seltsam, Max ohne dicke Outdoorjacke und den großen Rucksack zu sehen. Er trug ein dunkles Sakko, darunter ein dunkles Hemd, sehr lässig, sehr selbstbewusst. Das war nicht der Mann, der neben mir auf einer Holzbank gesessen hatte, oben in den Wolken. Leider wirkte er nicht so, als ob er vor lauter schlechtem Gewissen nächtelang wach gelegen und darüber graue Haare bekommen hätte.
   Sah er gut aus? Ja.
   Fand ich ihn deswegen sympathisch? Nein.

Die Leseprobe hat dir gefallen?
Hol dir das E-Book in einem der
zahlreichen, bekannten Onlineshops.

Viel Spaß beim Weiterlesen.