Du darfst nur lieben, wenn du tötest ... Als Tom von einem nächtlichen Auftrag zurückkehrt, fühlt er sich innerlich leer. Schon wieder hat er einen Menschen getötet. Die Toten verfolgen ihn, erscheinen ihm im Traum. Fragen nach dem Warum. Tom kennt die Antwort. Weil er in die Familienorganisation des Menschenhändlerrings seines Vaters hineingeboren wurde. Er hasst, was er tun muss. Jedes verdammte Mal. Die Wut darüber steigert sich von Mord zu Mord, aber gegen die Erpressungen seines patriarchischen Vaters ist er machtlos. Dann lernt er Mia kennen. In ihren Armen vergisst er, wer er ist, was er ist. Doch sollte sein Vater von Mia erfahren, hätte dieser ein weiteres Druckmittel gegen ihn in der Hand. Es kommt der Augenblick, in dem sich Tom entscheiden muss, obwohl es seinen Untergang bedeuten kann, denn Liebe und Tod liegen in seiner Welt sehr eng beieinander.

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ePub: 978-9963-53-459-3
Kindle: 978-9963-53-460-9
pdf: 978-9963-53-458-6

Zeichen: 805.682

Printausgabe: 15,99 €

ISBN: 978-9963-53-457-9

Seiten: 486

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Ellen Stone

Ellen Stone
Ellen Stone, Jahrgang 1978, wuchs in Oberbayern auf, wo sie noch heute mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern lebt. Schon als Schülerin schrieb sie Gedichte und vollendete ihren ersten achtzigseitigen Jugendroman. Dieser verschwand zwar gleich in der Schublade, aber ihre Leidenschaft zum Schreiben ließ sie nicht mehr los. Nach Abitur und Studium arbeitete sie zunächst als technische Gutachterin einer Bundesbehörde, ehe sie ihren Dienst als Ermittlungsbeamtin antrat. Zwischen operativen Einsätzen und staubigen Akten entstanden mit einem Mal faszinierende Figuren. Ellen Stone erkannte, dass es nur noch weniger Zutaten bedurfte, Leser in eine Welt zu entführen, die gefährlich, skrupellos und aufregend zugleich ist. In der kein Protagonist nur gut oder nur böse ist, in der Hass und Liebe aufeinanderprallen, und in denen die Helden folgenschwere Entscheidungen treffen müssen.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

Gregor hasste es, wenn man ihn warten ließ. Noch viel mehr hasste er es, wenn seine Frau ihn warten ließ. Zumal sie es war, die nach ihrer Geschäftsreise unbedingt noch mit ihm essen gehen wollte, wo sie doch wusste, dass er normalerweise um diese Uhrzeit seinen Late-Night-Talk ansah. Weshalb sie ihn dann ausgerechnet in dieses abgelegene, heruntergekommene Restaurant gebeten hatte, war ihm ein Rätsel. Das sah ihr gar nicht ähnlich. Gereizt schaute er sich nach dem Kellner um, griff nach der Speisekarte und blätterte hin und her. Dann spürte er einen Schatten.
   Na endlich! Als er aufsah, musterte ihn ein Fremder. Ohne den Blickkontakt zu unterbrechen, setzte sich der Mann.
   »Dieser Platz ist besetzt.« Er räusperte sich, um seiner Stimme Festigkeit zu verleihen.
   »Sonja wird sich ein bisschen verspäten.«
   Gregor schnellte nach vorn. »Woher kennen Sie meine Frau?«
   »Nun, wir sind uns heute zum ersten Mal begegnet.« Ein gefährliches Lächeln umspielte die Lippen in dem fast perfekten Gesicht des Unbekannten.
   »Wer sind Sie?«
   Der Kerl grinste nur. Kühl, berechnend, emotionslos.
   »Hören Sie, ich habe keine Lust auf irgendwelche Spielchen. Sagen Sie mir, was Sie wollen oder ver-schwinden Sie.«
   »Mein Auftraggeber hat mich angewiesen, Ihnen eine Botschaft zu übermitteln.« Die Stimme des Mannes klang ruhig. Sein Lächeln verschwand.
   »Wollen Sie mich verarschen?« Gregor blickte düster auf das Bier, das ein Kellner ungefragt vor ihm abstellte.
   »Ich schlage vor, Sie beruhigen sich, Herr Lipinski. Solange Sie mir nicht zugehört haben, wird Ihre Frau nicht zu Ihnen zurückkommen.« Der kompromisslose Unterton in der Stimme des Fremden rüttelte ihn schlagartig wach. Die kalten dunkelblauen Augen, das markante Gesicht, schwarzes Haar, das die seltsame Gefühlskälte unterstrich. Breite Schultern, stattliche Größe, muskulöser Körperbau. Im Ernstfall wäre Gregor dem Mann eindeutig unterlegen.
   Dann entdeckte er die Ausbuchtung unter dessen schwarzer Armeefeldjacke. »Wer sind Sie?«
   »Ich bin jemand, der Ihnen eine Warnung aussprechen soll.«
   »Ich verstehe nicht … Was ist mit Sonja? Haben Sie ihr was angetan?« Gregor presste seine Rechte auf den Magen.
   »Ihrer Frau geht es gut, aber die Situation kann sich sehr schnell ändern.«
   Die Tür zum Gastraum öffnete sich.
   »Servus, Andi! Ein Helles, wie immer.« Ein hochgewachsener Handwerker im Blaumann stellte sich an die Theke.
   Der Kellner eilte zu dem neuen Gast, ergriff ihn am Ellenbogen und schob ihn sanft aber bestimmt zurück zur Tür, während er leise etwas von „Heute geschlossene Gesellschaft“ murmelte.
   Gregor schluckte. Handelte es sich hier etwa nur um eine billige Inszenierung? Er sah sich um und entdeckte einen weiteren Gast im hinteren Bereich des Restaurants. Der hagere Mann hielt sein Whiskeyglas in der Hand, während er gebannt die Szene verfolgte. Bildete sich Gregor das alles nur ein?
   Der Fremde riss ihn aus seinen Gedanken, als er einen braunen Briefumschlag vor ihm auf den Tisch legte. »Öffnen Sie ihn.«
   Das Entsetzen, das von Gregor Besitz ergriff, als er die Fotos herauszog, drang wie tausend heiße Nadelstiche in seine Brust. »Woher haben Sie die?«
   Der Fremde lächelte. »Ich werde Ihnen nicht alle meine Geheimnisse verraten. Es reicht, wenn ich Ihre kenne.«
   Gregor starrte auf das Bild, das er in der Hand hielt. Er erinnerte sich vage an die Situation, in der es aufgenommen worden war. Die Einladung des leitenden Oberstaatsanwalts Maierhofer sollte ein weiterer Meilenstein in seiner Karriere sein. Zu vorgerückter Stunde war er einfach zu betrunken gewesen. Aber auch nüchtern hätte er seinem Chef niemals widersprochen, in dieses Bordell zu fahren. Hitze wallte in ihm auf, gefolgt von kaltem Schweiß, der seine Stirn benetzte. Er legte das Foto langsam zurück auf den Tisch. Mit zitternden Händen nahm er das Glas. Beim ersten Schluck verzog er angewidert das Gesicht. Das Bier schmeckte seltsam schal. »Was wollen Sie?«
   »Pfeifen Sie Ihre Ermittler zurück. Ihre Beweislage im Fall Oldenburg ist ohnehin dünn.« Der Fremde musterte ihn kalt.
   »Das ist Erpressung!«
   Der Mann antwortete nicht, sondern richtete weiterhin seinen verstörenden Blick auf ihn.
   Gregor schüttelte den Kopf. »Als Staatsanwalt bin ich an das Gesetz gebunden. Außerdem habe ich Vorgesetzte.«
   Ein grimmiges Grinsen überzog das Gesicht des Fremden. »Ihr Chef wird sicher nicht einschreiten, wenn Sie die Ermittlungen einstellen.«
   »Was wollen Sie damit sagen?«
   Die Antwort war ein gelangweiltes Schulterzucken.
   »Ich glaube Ihnen kein Wort. Sie denken ernsthaft, Sie können mich mit ein paar lausigen Fotos einschüchtern?« Er stieß ein abfällig zischendes Geräusch aus. »Das wird ein Nachspiel für Sie haben. Meine Ermittler finden heraus, wer Sie sind und dann lasse ich Sie gnadenlos über die Klinge springen!« Trotz seiner Angst schäumte er vor Wut. Noch nie hatte jemand versucht, ihn derart unter Druck zu setzen. Er war Staatsanwalt, ein anerkanntes Organ der Rechtspflege. Sicher, er war erst zwei Jahre in dieser Position, aber er hatte bereits einige Straftäter hinter Gitter gebracht.
   Und dieser Kerl würde der nächste sein.
   Der Mann griff in die Jackentasche und holte Zigaretten und ein Feuerzeug heraus. »Ich sehe schon Ihr Foto über den Schlagzeilen der nächsten Zeitungen, Herr Staatsanwalt. Ach, und fast hätte ich es vergessen …«, er zündete sich ungeachtet des Rauchverbotsschilds über der Theke eine Zigarette an. »… wenn Sie nicht kooperieren, könnte Ihnen dasselbe zustoßen wie dem Herrn am Tisch hinter Ihnen.« Er lächelte düster.
   Noch während er den Fremden taxierte, hörte Gregor, wie der hagere Mann hinter ihm verzweifelt nach Atem rang. Er fuhr herum.
   Der Mann entledigte sich hektisch seiner Krawatte und öffnete die obersten Knöpfe seines Hemds. Nervös wischte er sich einige graue Locken, die feucht an seiner Stirn klebten, zur Seite. Er stand auf, wankte auf Gregors Tisch zu und sah dem Fremden entsetzt in die Augen, ehe er kollabierte. Der Körper schlug auf dem Boden auf wie ein Baum, der gerade gefällt worden war. Beim Geräusch, das der Schädel verursachte, als er auf den Fliesen auftraf, zog es Gregor den Magen zusammen.
   Für einen Moment war es im Gastraum gespenstisch still. Dann setzte die schnarrende Atmung des Mannes wieder ein.
   Gregor sprang auf. »Rufen Sie den Notarzt!«
   Er kniete sich neben den Mann. Verzweifelt versuchte er, sich an seinen Erste-Hilfe-Kurs zu erinnern. Berühren und ansprechen, erinnerte er sich. Vorsichtig strich er dem Mann über den Kopf. »Hallo? Hören Sie mich?«
   Doch nun setzten Krämpfe ein. Sie schüttelten den Mann, verrenkten seinen Körper. Der Rumpf stocksteif, Arme und Beine bizarr angewinkelt. Hilflos versuchte er, mit seinen klauenartig gekrümmten Fingern etwas zu deuten, aber er war zu keiner kontrollierten Bewegung mehr fähig. Die verzweifelten Atemgeräusche schwollen zu einem schauderhaften Crescendo an.
   Gregor sah sich um und entdeckte den Kellner, der stumm das Geschehen beobachtete. »Rufen Sie den Notarzt«, brüllte er in seine Richtung. Doch der Kellner schüttelte kaum merklich den Kopf, ehe er wieder in der Küche verschwand.
   Panisch stand Gregor auf. Er griff nach seiner Jacke an der Stuhllehne, verfehlte sie, griff nochmals zu und suchte mit zitternden Händen nach seinem Handy. Dabei bemerkte er Blut, das er auf dem beigefarbenen Stoff verteilte.
   »Man sollte aufpassen, was man heute so alles zu sich nimmt, nicht wahr?«
   Paralysiert blickte Gregor zu dem Fremden und hielt in seiner Bewegung inne.
   Dieser stieß Rauch aus seinem Mund und blickte auf Gregors Bier. »Kein schöner Tod.«
   Erschüttert starrte Gregor auf das Glas vor ihm am Tisch. Sein Hals war wie zugeschnürt. Angst flutete ihn, durchdrang jede Faser seines Körpers. Er rief sich den seltsamen Geschmack in Erinnerung.
   »Die Erstickungskrämpfe scheinen sehr schmerzhaft zu sein, finden Sie nicht auch?« Der Fremde nahm einen Zug von seiner Zigarette und stand auf. »In diesem Laden sollten die Lebensmittelkontrolleure mal wieder vorbeischauen. Passen Sie auf sich auf.« Mit einem Zwinkern drehte er sich um und verließ das Restaurant.

Kapitel 2

Als Tom aus dem Schatten der Häuser hinaustrat und die frische Luft unter dem sternklaren Himmel einatmete, fühlte er sich seltsam leer. Gemächlich schlenderte er die verlassene Straße entlang. Der Mond schien hell, sodass sich seine Augen gleich an die Dunkelheit gewöhnten.
   Er fürchtete sich nicht vor der Polizei. Gregor Lipinski war zu eingeschüchtert und Klaus Bachmann konnte keine Aussage mehr machen.
   Es war so einfach gewesen, das alles zu arrangieren – und der drogensüchtige Kellner würde bald an einer Überdosis sterben.
   Von Weitem hörte er das schrille Signal eines Martinshorns.
   Das wird dir auch nichts mehr nützen. Ruhe in Frieden, Bachmann. Er fischte in seiner Jackentasche nach einer Zigarette. Mit zitternden Händen zündete er sie an. Es war Mitte September, der Abend mild. Normalerweise hätte ihm der sanfte Windhauch, der ihm um den Körper strich, nichts ausgemacht, doch jetzt ließ er ihn frösteln.
   Tom hasste, was er getan hatte. Bachmann war gewiss kein Unschuldiger, aber einen solchen Tod wünschte er niemandem. Er ahnte, was nun kam. Viele Nächte, in denen er keinen Schlaf finden würde. Alpträume, in denen sich Bachmann vor ihm aufbaute und ihn wieder und wieder nach dem ‚Warum’ fragte. Er schauderte bei dem Gedanken.
   Immer, wenn er tötete, erschienen ihm die Gesichter seiner Opfer im Traum, und sie spiegelten genau den Ausdruck wider, den er im Augenblick des Todes an ihnen gesehen hatte. Überraschung, Schmerz oder Wut, es waren jene Momente, die sich in sein Unterbewusstsein einprägten und nie mehr losließen. Bei Bachmann würden es die grotesk verzerrten Gesichtszüge sein, eine Mischung aus schmerzhaftem Krampf und Verwunderung. Schon jetzt drängte sich dieses Bild ständig an die Oberfläche, und es gelang ihm nur mühsam, es zu unterdrücken. Stattdessen versuchte er, sich auf das Brennen in seinem Oberbauch zu fokussieren, das sich nun langsam seinen Weg zur Speiseröhre bahnte. Seit Tagen schon hatte er Magenbeschwerden, ein dunkler Vorbote des tödlichen Tributs, den er seinem Vater zollte.
   Was soll’s. Er schnaubte, während er erneut einen Zug von seiner Zigarette nahm. Er hatte es schließlich verdient, nicht wahr?
   Als er sein Auto an einem Wanderparkplatz erreichte, war er zunächst unschlüssig, wohin er fahren sollte. Er warf die Zigarette weg und setzte sich nachdenklich hinein. Nach Hause konnte er nicht. Er würde es nicht ertragen, in das Haus zu gehen, das er mit seiner Familie teilte. Sicherlich saßen sie gemütlich vor dem Fernseher, friedlich aneinandergeschmiegt, vielleicht mit einem prasselnden Feuer im Kamin. Jessica, seine Schwägerin, nervte alle heillos damit und konnte es nie erwarten, bis es kalt genug war, um den Kamin anzuschüren.
   Bereits im September begann sie, Holz und Anzünder zu besorgen und war dann enttäuscht, wenn die anderen fluchtartig das überhitzte Wohnzimmer verließen. Er lächelte bei diesem Gedanken, wurde jedoch sofort wieder ernst. Er könnte ihnen nicht unter die Augen treten. Sie würden Fragen stellen, denn sie spürten instinktiv, wenn etwas mit ihm nicht stimmte.
   Er verzog das Gesicht, als ihm wieder bewusst wurde, weshalb er sich so sehr hasste: Es lag in seinem Wesen, zu töten, entsprang seinem Naturell. Sein Vater hatte es bereits lange vor ihm erkannt, aber Tom hatte sich dagegen gewehrt, einen kräftezehrenden Kampf gegen sich und seinen Vater geführt. Er wollte diese vernichtende Wahrheit leugnen, wollte mit allen Mitteln seine Seele retten und vor der Zerstörung bewahren. Doch er hatte die Schlacht verloren. Sein alter Herr hatte ihn gewählt. Nicht seinen Bruder oder seinen Cousin, sondern ihn.
   Er startete den Wagen und fuhr eine Zeit lang ziellos umher, bis er irgendwann, ganz in Gedanken, vor einem puristisch modern anmutenden Hochhaus parkte.
   Mit dem Aufzug fuhr er zum Penthouse und läutete. Einen Moment später wurde die Tür von einer hochgewachsenen, äußerst attraktiven Frau geöffnet. »Na, wen haben wir denn da?«, fragte sie in provokativem Tonfall. Lässig lehnte sie sich mit verschränkten Armen am Türrahmen an und ließ ihren Blick über seinen Körper gleiten.
   »Hallo Mona.« Tom seufzte. Er konnte sich nicht erklären, warum sie so eine Ausstrahlung auf ihn hatte, denn sie war keine Frau, die ihm guttat. Sie war unabhängig, verführerisch und in jeder Hinsicht skrupellos. Er kannte sie durch seinen Vater, mit dem sie sich auf zwielichtige Geschäfte eingelassen hatte. Möglicherweise trug auch das dazu bei, dass sie so unwiderstehlich auf ihn wirkte.
   Wie oft hatte er sich geschworen, nie mehr zu ihr zurückzukehren. Manchmal schaffte er es über einen längeren Zeitraum. Doch wenn er wieder in den tiefen Strudel des Tötens hineingezogen wurde, kehrte er zu ihr zurück. In diesen dunklen Zeiten fühlte er sich von ihr angezogen, als wäre sein Selbst in winzig kleine Eisenspäne zerfallen, die nur durch ihr Magnetfeld zusammengehalten wurden.
   Mona schmeckte jedes Mal aufs Neue die köstliche Macht, die sie über ihn ausübte. Eine Femme fatale, die sich ganz ihren Begierden und ihrer Lust hingab, bereit, in jedweder Hinsicht zum Äußersten zu gehen. Sie war eine verführerische Frau. Und sie war mit dämonischen Zügen ausgestattet.
   Mona wickelte eine Strähne ihrer langen blonden Dreadlocks um den Zeigefinger, während sie ihn musterte. »Mann, siehst du scheußlich aus.« Sie grinste selbstgefällig. »Scheußlich, aber sexy.« Mit einem knappen Kopfnicken bedeutete sie ihm, hereinzukommen.
   Er drängte sich an ihr vorbei, streifte dabei, ohne es zu wollen, ihre Brüste. Ihr typisches, süßliches Parfum drang in seine Nase. Ein einladender Duft.
   Kaum war die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen, packte sie ihn am Kragen und drückte ihn mit all ihrer Kraft dagegen. Schmerzhaft stieß er mit dem Hinterkopf gegen das massive Holz, doch ihr leidenschaftlicher Kuss, während sie gierig den Reißverschluss seiner Feldjacke aufzog, ließ ihn alles andere vergessen. Mona war noch nie eine Frau vieler Worte gewesen. Sie nahm sich stets, was sie wollte.
   Tom ließ sich einfach treiben. Er schloss die Augen, genoss es, wie ihre hitzigen Hände sein Hemd aus der Jeans zerrten, um seinen Oberkörper zu berühren.
   Er wollte mehr. Viel mehr. Er packte mit beiden Händen ihre schlanke Taille und presste sie an sich.
   Mit einer ruckartigen Bewegung löste sie sich von ihm. Er brauchte einen Moment, ehe die feurige Woge in ihm verebbte und er die Augen öffnete.
   Sie stand grinsend vor ihm, seine Waffe auf ihn gerichtet.
   »Was soll das?« Er leckte sich die Lippen. Sie schmeckten immer noch nach ihr.
   »Mach keinen Aufstand, Tommy. Ins Schlafzimmer mit dir, los.«
   »Mona, mach keinen Unsinn, das Ding ist durchgeladen.«
   Wie um ihn zu bestätigen, drückte sie den Hebel der Heckler & Koch von safe auf fire. »Ich meine es ernst.« Sie grinste teuflisch.
   Tom konnte sich bei ihr nie sicher sein, wusste nie, ob es sich um eines ihrer Spielchen handelte, oder ob sie von irgendjemandem einen Auftrag bekommen hatte, ihn zu eliminieren. Vielleicht sogar von seinem eigenen Vater.
   Warum hatte er seine Waffe nicht im Auto gelassen, fragte er sich, als er langsam in Richtung Schlafzimmer ging.
   »Heute noch«, mahnte sie. Um ihren Worten Ausdruck zu verleihen, drückte sie ihm den kalten Lauf der Pistole in den Nacken.
   An ihrem Bett angekommen, drehte er sich zu ihr um. Stumm musterte er im schummrigen Licht ihre schlanken, langen Beine, die schmale Taille und ihre großen Brüste. Die Pistole in ihren feingliedrigen Händen zielte genau auf seine Brust.
   »Ausziehen.«
   »Mein Gott, Mona, dazu brauchst du doch keine Waffe …«, meinte er halbherzig, während er sein Hemd aufknöpfte. Was hatte sie mit ihm vor?
   Er war freiwillig in die Höhle des Löwen gegangen, also sollte er sich nicht so anstellen.
   Aus den Augenwinkeln sah er, wie sie den Anblick seines nackten Oberkörpers genoss. Begierig tasteten ihre Augen jeden Zentimeter ab. Er öffnete langsam seinen Gürtel, die Knöpfe seiner Jeans. Als er sich hinunterbeugte, um die Jeans samt Boxershorts abzustreifen, trat sie vor und drückte ihm den Lauf der Pistole grob auf die Brust. Die Hose, zwischen den Kniekehlen hängend, ließ ihn das Gleichgewicht verlieren. Mit dem Rücken landete er auf ihrem Bett. Er wollte aufspringen, um nicht vollends die Kontrolle zu verlieren, doch Mona hatte damit gerechnet. Mit der Waffe deutete sie auf die Handschellen auf dem Nachtkästchen. Es bedurfte keiner Worte. Ihm war klar, was sie von ihm verlangte.
   Zufrieden beobachtete sie, wie er sich ans Metallgitter ihres Bettes fesselte. Bei der zweiten Hand half sie nach und prüfte mit funkelnden Augen, ob der Sicherheitsriegel der Schließe auch wirklich festsaß. Sie legte die Pistole aufs Fensterbrett und musterte selbstgefällig seinen Körper.
   Tom spürte förmlich, was sie dachte. Er gehörte ihr, war ihr Spielzeug, egal, ob er es wollte oder nicht. Die scharfen Kanten der Handschellen gruben sich in seine Handgelenke.
   Wortlos setzte sie sich neben ihn und berührte ihn. Zärtlich strich sie mit ihren langen roten Fingernägeln über seine Brust. Ihre Finger verharrten kurz an jeder Brandnarbe, die die Zigaretten seines Vaters in seiner Kindheit hinterlassen hatten.
   Dann fuhr sie mit ihrer Hand über seine Bauchmuskulatur. Ihre Fingernägel gruben sich tiefer, aber noch nicht schmerzhaft in sein Fleisch. Sanft zeichnete sie das schwarze Tribal-Tattoo an seiner Hüfte nach, das manchmal aus seinen Boxershorts herausspitzte. Er bekam eine Gänsehaut und stöhnte leise.
   Mitten in der Bewegung stand sie auf und verschwand aus dem Zimmer.
   Tom schluckte. Langsam senkte er den Kopf zurück auf das Kissen und versuchte, sich zu sammeln, das Erlebte nachzuspüren, um das genießen zu können, was Mona mit ihm vorhatte. Doch sie kam nicht. War das wieder eines ihrer Machtspiele? Ihn zappeln zu lassen, nackt an ihr Bett gefesselt? Ihm klarzumachen, dass er nur seinen Spaß haben konnte, wenn sie es wollte?
   Er hätte es wissen müssen. Hätte nach Hause fahren sollen, zu seiner Familie. Etwas essen, fernsehen und dann in sein Bett gehen. Schon schob sich Bachmanns Gesicht vor sein inneres Auge. Überraschtes, verkrampftes Entsetzen, verzerrte, groteske Gesichtszüge. Tom schüttelte den Kopf, um diese Fata Morgana los zu werden. Das zielstrebige Klackern von Monas High Heels auf dem Parkett half ihm dabei.
   Als sie wiederkam, war sie nackt. Er lächelte, als er seinen Blick über ihren Körper gleiten ließ. Dann ging alles sehr schnell. Heiß und gierig nahm sie sich seinen Körper und erfüllte all ihre Leidenschaft, steigerte sie zu einem flammenden Inferno ungezügelter Lust, bis schließlich alles in ihr zu explodieren schien. Tom konnte sich nicht mehr auf seine eigene Lust konzentrieren. Die Handschellen schnitten ihm ins Fleisch, und Bachmanns plötzliches Auftauchen in seinem Bewusstsein hatte einen faden Beigeschmack hinterlassen.
   Als sie fertig war, legte sie sich neben ihn, den Kopf auf seiner Brust, und wartete, bis die letzten Wogen des Feuerwerks in ihrem Körper verebbten. Einen Moment später schlug sie die Augen auf.
   Tom musterte sie. Sie hatte sich wieder nur genommen, was sie brauchte, hatte ihn benutzt, ohne auf ihn Rücksicht zu nehmen. Er fühlte sich leer, aber er war sich im Klaren darüber, dass er diese Situation bewusst herbeigeführt hatte. Sie hatte ihn entsprechend behandelt. »Du hast dich kein bisschen verändert, Mona.«
   Sie schmunzelte selbstzufrieden. »Du dich auch nicht.«
   Gerade als er antworten wollte, legte sie ihm einen Finger auf den Mund. »Schscht. Ich habe noch ein kleines Geschenk für dich.« Sie beugte sich weg, um die Schublade des Nachtkästchens zu öffnen.
   Seine Beziehung zu Mona war stets unverbindlich gewesen. Geschenke oder andere Formen der Zuneigung erschienen ihm fehl am Platz.
   »Hübsch, nicht wahr?« Sie drehte sich ihm wieder zu und hielt ihm ein kleines Messer vor die Augen, sodass er den verzierten Elfenbeingriff und die scharfe Schneide erkannte.
   »Mona, was hast du vor?« Tom zog an seinen Fesseln, doch es war zwecklos. Er war ihr ausgeliefert.
   »Ich war ein wenig sauer, weil du so lange nichts von dir hast hören lassen«, sagte sie schmollend. »Eine Frau wie ich wartet nicht gern, weißt du?«
   »Mona, mach keinen Scheiß. Wir hatten beide unseren Spaß, oder?« Tom riss an seinen Fesseln. Würde sie ihn töten? Weshalb benutzte sie dann nicht die Heckler & Koch? Etwa wegen des Lärms? Glaubte sie, er würde nicht schreien, wenn sie ihn wie einen Frosch im Labor mit diesem Messer sezierte?
   »Jetzt fang nicht an zu jammern, Tom, sondern ertrage es wie ein Mann. Es wird auch nicht lange dauern.« Sie setzte sich rittlings auf ihn, diesmal nicht auf seine Hüfte, sondern mit dem Rücken zu ihm auf seinen Oberkörper, um ihn bewegungsunfähig zu machen.
   Toms Herz schlug wegen des Adrenalinstoßes, der jetzt durch seinen Körper jagte, schneller. Er hörte das Blut in seinen Ohren rauschen.
   Wieso hatte er sich schon wieder auf diese Frau eingelassen? Panisch bemühte er sich, seine Atmung unter Kontrolle zu bekommen. Er wollte nicht, dass sie seine Angst spürte, auch wenn es dafür wahrscheinlich schon zu spät war.
   Schließlich setzte sie die kalte Schneide des Messers auf seinen Schamhügel und schnitt ihm in die Haut. Glühendscharfe Hitze überzog die Stellen, an der das Messer seine Arbeit verrichtete. Ein zischender Laut entfuhr ihm, doch er verstummte sofort.
   »Es wird irgendwann so verheilen, dass man es nicht mehr sehen kann, aber bis dahin wirst du noch oft an mich denken.« Als sie fertig war, stand sie auf und holte Papiertaschentücher und einen Spiegel. Mit unendlicher Zärtlichkeit wischte sie das Blut weg, das aus den verletzten Stellen geflossen war, und betrachtete sichtlich zufrieden ihr Werk. »Hier.« Sie hielt ihm lächelnd den Spiegel hin.
   Tom hob den Kopf, so weit es seine Fesseln zuließen.
   Die Einritzung sah er spiegelverkehrt, aber die Botschaft war unmissverständlich: MONA.

Kapitel 3

Irgendwann war Mona neben ihm eingeschlafen. Tom dämmerte im Halbschlaf vor sich hin. Die Verletzungen, die sie ihm beigebracht hatte, und die Fesseln an seinen Handgelenken schmerzten. Seine Gedanken wirbelten durcheinander, und auch die Ereignisse des vorangegangen Abends ließen ihn nicht ruhen. Immer wieder tauchte Bachmann vor seinem inneren Auge auf, das hagere Gesicht, verwundert und im Schmerz verkrampft.
   Erst als langsam die Sonne aufging, befreite Mona ihn von seinen Fesseln.
   Natürlich wollte sie nicht, dass er zum Frühstück blieb. Ihm war es egal. Er hatte sowieso keinen Appetit. Während sie sich umdrehte und zurück in einen tiefen Schlaf sank, zog er sich an, nahm die Heckler & Koch vom Fensterbrett und schlich zur Tür. Es war Zeit, nach Hause zu fahren.

Tom war froh, als er München endlich hinter sich gelassen hatte und auf der A 95 Richtung Starnberg fuhr. Es dauerte nicht lange, bis er die Landstraße erreichte, die nach Gut Falkenstein führte. Er zögerte. Noch immer sträubte sich alles in ihm, zurück zu seiner Familie zu fahren. Der Druck, der sich um seine Brust legte, wurde stärker, je mehr er sich seinem Zuhause näherte. Als er auf das große Gutsgelände einbog, hatte er das Gefühl, als würde ein Schraubstock seine Rippen zusammenquetschen. Er passierte das Gebäude der Gutsverwaltung und den kleinen Hofladen, der um diese Uhrzeit noch geschlossen hatte. In der alten Schmiede nebenan herrschte jedoch bereits reges Treiben und auch die Stallungen des Pferdesportzentrums zu seiner Linken erwachten langsam zum Leben.
   Tom stellte das Auto in dem umgebauten Kuhstall ab, der an das Wohnhaus grenzte, das er mit seinem älteren Bruder Erik und seinem Cousin Pit, ihren Frauen Jessica und Lucy und seinem jüngsten Bruder Daniel teilte.
   Als er aus der Garage trat, sog er die frische, ländliche Morgenluft ein. Es duftete nach Gras, Heu und feuchter Erde und aus der Schmiede wehte ein herber Hauch verbrannten Hufhorns zu ihm herüber.
   Tom blinzelte, als er das Wohnhaus betrachtete. Die Sonne stand noch tief, doch trotz der Jahreszeit spürte er ihre Strahlen kräftig auf seiner Haut. Sein Vater hatte das Haus vor Jahren modernisieren lassen. Seitdem hatte es einiges an Charme verloren. Es war ein großes Bauernhaus, mindestens vierhundert Jahre alt und vermutlich das erste Gebäude, das hier auf Gut Falkenstein errichtet worden war.
   Bei der Renovierung hatte man es dem Stil von Gut Falkenstein angepasst: modern, elegant und exklusiv. Wie fast alle Gebäude des Guts war es in einem warmen Gelbton gehalten, mit weißen oben abgerundeten Sprossenfenstern. Die Zugangswege waren mit dezentem grauem Granit gepflastert.
   Der Schraubstock um seine Brust drückte unerbittlich zu. Alles sträubte sich in ihm, dieses Haus zu betreten, das sein Heim und seine Zuflucht war. Er fühlte sich so schlecht, dass er es immer noch nicht ertrug, in diese vertraute Umgebung zurückzukehren.
   Er setzte sich auf die Gartenbank neben der Haustür und rauchte eine Zigarette. Müde rieb er sich mit dem Handballen die Augen. Was hätte er für einen Kaffee gegeben. Doch sein Magen brannte wie Feuer. Als er sich nach vorn beugte, um den Schmerz erträglicher zu machen, spürte er die Verletzungen, die ihm Mona mit ihrem Messer zugefügt hatte. Ganz sicher, er würde noch lange an sie denken.
   Die Haustüre öffnete sich und eine schlanke, feingliedrige Frau Ende dreißig trat heraus. Sie fuhr zusammen. »Mein Gott, Tommy, hast du mich erschreckt!«
   Tom lächelte müde. Er liebte Jessica fast wie eine Mutter, schließlich lebte er bei ihr und seinem Bruder Erik, seit er fünfzehn war.
   »Es tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken.«
   Jessica musterte ihn bekümmert. »Du siehst gar nicht gut aus. Was ist passiert?«
   »Frag einfach nicht, okay?« Er starrte auf seine Schuhspitzen.
   »Du warst heute Nacht nicht zu Hause.«
   Tom schüttelte den Kopf.
   Sie setzte sich zu ihm auf die Bank, ohne ihren besorgten Blick von ihm abzuwenden. »Du warst wieder bei dieser Frau, hab ich recht?«
   Tom nickte und zog mit seiner rechten Schuhspitze eine imaginäre Linie auf dem grauen Granit.
   »Tommy, diese Frau ist nicht gut für dich. Sie ist gefährlich und sie behandelt dich schlecht. Es gefällt mir nicht, wenn du zu ihr gehst. Das hast du nicht verdient.«
   Er nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette und blickte sie traurig lächelnd an. »Doch, das habe ich.«
   Jessicas Augen wurden sanft. Behutsam legte sie eine Hand auf seine Schulter, eine mütterliche, vertraute Geste. »Du hattest wieder einen Auftrag von Harry, oder?«
   Tom nickte schwach und kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen an. Es war verrückt. Er hatte schon früh gelernt, alle Emotionen im Keim zu ersticken oder sie zumindest vor anderen zu verbergen. Aber bei Jessica und Erik brauchte es manchmal nicht viel und sämtliche mühsam errichteten Schutzwälle in ihm brachen zusammen wie ein Kartenhaus.
   »Das tut mir so leid, Tom«, sagte sie und zog ihn sanft zu sich heran.
   Er schüttelte den Kopf. Er hasste es, wenn er seiner Familie Kummer bereitete. Das hatte er schon viel zu oft getan. »Vergiss es, Jess. Ich komme schon zurecht.« Er hob einen Aschenbecher, den er neben der Haustüre deponiert hatte, vom Boden auf und verzog das Gesicht, als sein Magen und seine Schnittwunden wegen der abrupten Bewegung protestierten.
   »Tom, was soll das? Ich mache mir Sorgen um dich.« Jessica seufzte, als sie einen Blick auf ihre Armbanduhr warf. »Ich muss in die Praxis.« Sie stand auf und sah ihn an. »Sei nicht so streng zu dir. Du bist kein schlechter Mensch. Herrgott, wie oft soll ich es dir eigentlich noch sagen, bis du mir glaubst?« Sie wirkte ärgerlich, doch schon klang ihre Stimme wieder sanft. »Es gibt einige, die dich lieben und die sich um dich sorgen. Vergiss das nicht.«
   Schweigend musterte er seine Schuhspitzen.
   »Tom, bitte sieh mich an.«
   Er sah auf. Wie unzählige Male zuvor, kam ihm in den Sinn, wie viel Glück sein Bruder gehabt hatte. Jessicas Gesicht war geprägt von graziler Anmut. Ihre hohen Wangenknochen, ihr bleicher Teint und die intelligenten dunkelbraunen Augen verliehen ihr eine umwerfende Natürlichkeit. Sie war eine zauberhafte Frau.
   »Vielleicht willst du nachher zu mir in die Praxis kommen. Ich habe was gegen deine Magenschmerzen.«
   »Okay.« Er lächelte und wusste genau, dass er auf ihr Angebot nicht eingehen würde.
   Es war typisch für sie. Sie war so fürsorglich und feinfühlig, dass ihr seine Magenprobleme nicht verborgen geblieben waren. Schließlich kannte sie ihn fast wie einen eigenen Sohn.
   Jessica lächelte und ging Richtung Praxis davon.
   Tom sah ihr noch eine Weile nach und beobachtete, wie eine sanfte Brise ihr schulterlanges braunes Haar erfasste. Er seufzte und stand auf. Vielleicht würde ihm sein Magen eine kleine Tasse Kaffee doch nicht verübeln.

Kapitel 4

Müde rührte Tom in einer Tasse Kamillentee. Am liebsten wäre er ins Bett gegangen und hätte sich von den Geschehnissen der vergangenen Nacht erholt. Doch der Anruf seiner beflissenen Sekretärin hatte ihn an den Vorstellungstermin erinnert und so saß er über den sorgfältig vorbereiteten Bewerbungsunterlagen einer jungen Frau und versuchte, sich Einzelheiten einzuprägen. Er stöhnte leise. Seine Magenschmerzen machten es ihm schwer, sich zu konzentrieren. Sein Blick fiel auf die Zigarettenschachtel neben ihm.
   Eine Zigarettenpause … genau das, was er jetzt brauchte. Er brachte ein Lächeln zustande, zog eine Zigarette heraus, öffnete die Terrassentür hinter seinem Schreibtisch und trat hinaus in die angenehm kühle Morgenluft. Als er an dem Rädchen des Feuerzeugs drehte, hörte er plötzlich laute, italienische Flüche.
   Überrascht lugte er um die Ecke. Das Schimpfen setzte sich auf Deutsch fort und schien von der Gebäudevorderseite zu kommen. Er folgte den Verwünschungen, die eine junge Frau fortwährend ausstieß.
   Als er um die vordere Hausecke bog, hob sie ein Handy vom Pflaster auf. »Ich hab mir die verdammte Jacke in der Autotür eingeklemmt!« Wütend öffnete sie ihren Wagen und begutachtete den Schaden. »Jetzt ist ein Loch drin und überall ist Schmierfett. So eine Scheiße!«, schimpfte sie in ihr Telefon. Eine lange schokoladenbraune Haarsträhne hatte sich aus ihrer Hochsteckfrisur gelöst.
   Tom sah ihr Gesicht und musste schmunzeln. Das war Emilia Merano. Ihr Bewerbungsfoto lag auf seinem Schreibtisch. Gelassen lehnte er sich an die Hauswand und beobachtete das Schauspiel.
   Gar nicht schlecht. Er nahm genießerisch einen Zug von seiner Zigarette. Die junge Dame schien so in ihre Misere vertieft zu sein, dass sie ihn überhaupt nicht wahrnahm.
   Emilia sah an sich hinunter. Ihre beige Hose wies Flecken auf, die wohl von ihrem Auto stammten, das schon länger keine Waschanlage mehr gesehen hatte. Fluchend versuchte sie, den Schmutz abzuklopfen.
   Sexy. Sie war klein, vielleicht einssechzig groß, zierlich und vorn durchaus gut bestückt. Ihre lebhafte Mimik und ihre temperamentvollen Gesten unterstrichen ihre südländischen Züge. Sie wetterte erneut und ärgerte sich offensichtlich über die Reaktion ihres Gesprächspartners am anderen Ende der Leitung, ehe sie grollend auflegte.
   Hektische rote Flecken hatten sich auf ihren Wangen gebildet. Für einen Moment stellte sich Tom vor, wie es wohl wäre, so einen Wildfang im Bett zu zähmen.
   Sie bemerkte ihn genau in dem Augenblick, als sich ein amüsiertes Lächeln in seinem Gesicht ausbreitete. Sie drückte ihr Kreuz durch und warf lautstark die Tür des Toyotas zu. Sein Grinsen wurde noch breiter. Ihr Temperament war anscheinend nicht zu bändigen. Das gefiel ihm sehr.
   Emilia funkelte zornig zu ihm herüber. »Glotz nicht so blöd!«
   Tom setzte zu einer flapsigen Bemerkung an, als sein Handy klingelte. Er zog es aus der Hosentasche und beobachtete, wie Emilia Merano mit hervorgerecktem Kinn in das Verwaltungsgebäude stapfte.

*

Die junge Frau an der Empfangstheke der Gutsverwaltung lächelte entschuldigend. »Es tut mir leid. Der Chef hat einen wichtigen Anruf reingekriegt.« Sie war ein wenig mollig, trug Jeans und ein langärmliges giftgrünes Sweatshirt, das das Pink ihrer Fingernägel umso mehr betonte.
   Emilia wartete in einer von Zimmerpalmen gesäumten Sitzecke und blickte ungeduldig auf ihre Uhr. Es war bereits neun. Ihr Bewerbungsgespräch hätte vor einer halben Stunde beginnen sollen.
   »Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?«
   Emilia nickte dankbar und gähnte verstohlen.
   »Mit Milch und Zucker?«, fragte die Vorzimmerdame und fuhr sich mit den Händen durch ihre modisch kurzen, schreiend rot gefärbten Haare.
   »Schwarz«, antwortete Emilia.
   Die dunkelbraune Brühe in ihrer Tasse machte einen wenig einladenden Eindruck.
    »Haben sich denn viele auf diese Stelle beworben?«, fragte Emilia und nahm vorsichtig einen kleinen Schluck.
   »Oh, ja.« Die Sekretärin kicherte, »aber Sie können sich nicht vorstellen, was das bisher für Leute waren.« Sie prustete. »Sogar aus dem Knast haben wir eine Bewerbung bekommen.«
   Emilia hüstelte und stellte die Tasse vor sich auf den Glastisch. Sie könnte die Stelle so dringend brauchen. Schon während ihrer Lehre zur Industriekauffrau war ihr klar geworden, dass sie einen künstlerischen Beruf ergreifen musste. Lehramt für Kunst gefiel ihr gut oder auch Mediengestalterin. Die Möglichkeiten waren vielfältig, sodass sie beschlossen hatte, sich ein Jahr Auszeit zu gönnen, um in Ruhe eine Wahl zu treffen. Da kam ihr die Stellenausschreibung gerade recht, um bis dahin etwas Geld zu verdienen.
   »Wissen Sie, was? Ich habe so das Gefühl, dass Sie den Job bekommen werden. Mein Name ist Ruth. Wäre es okay, wenn wir uns duzen?« Die Vorzimmerdame setzte sich mit einer Kaffeetasse neben Emilia und strahlte.
   »Klar. Ich bin Emilia. Aber alle nennen mich Mia.« Sie wunderte sich über Ruths Vertrauensseligkeit. Die Sekretärin war zwar sehr sympathisch, aber Mia nur eine Bewerberin, die vielleicht nie wiederkam. Woher wollte sie wissen, ob das heute klappte? Kannte Ruth ihren Chef so gut? Na ja, immerhin waren die bisherigen Bewerber anscheinend alle indiskutabel gewesen. »Wie ist er denn, der Chef?«, fragte sie betont beiläufig.
   »Ziemlich lecker.« Ruth grinste herausfordernd. »Da geht man gern zur Arbeit.« Sie kicherte und rührte in ihrem Kaffee herum.
   Verblüfft blickte Mia auf. Mit so einer Antwort hatte sie nicht gerechnet.
   »Einerseits lecker …«, sinnierte Ruth, während sie den Strudel in ihrer Tasse beobachtete, »und andererseits geheimnisvoll und unnahbar.« Sie nahm einen Schluck und sah Mia verschmitzt über den Rand ihres Kaffeebechers an.
   »Geheimnisvoll und unnahbar? Das hört sich aber nicht nur nach einer beruflichen Beziehung an.«
   Ruth kicherte fröhlich. »Wirklich? Ach, herrje! Aber nein, ich bin mit meinem Walter verlobt.« Sie hielt Mia den Ring an ihrer linken Hand vor die Augen. »Doch ich muss zugeben, dass der Bursche eine Sünde wert wäre.« Sie zwinkerte verschwörerisch.
   Mia grinste und schlug die Beine übereinander.
   »Und du? Hast du einen Freund?«
   Diese Ruth war schon sehr direkt. »Nein«, sagte Mia langsam, weil sie nicht wusste, wie sie damit umgehen sollte. »Es gibt da einen Kerl in meiner Nachbarschaft, eine Art Sandkastenliebe, aber ich weiß nicht, ob er der Richtige ist.«
   »Wieso nicht?« Ruth nahm schlürfend einen Schluck aus ihrer Tasse und blickte dann erschrocken auf. »Bitte, entschuldige. Ich bin so verflixt neugierig.«
   »Das macht nichts.« Mia lachte. »Das bin ich von zu Hause gewöhnt.« Es war fast unmöglich, irgendwelche Geheimnisse vor ihrer Mutter und Schwester zu verbergen. »Aber um deine Frage zu beantworten: Ich habe keine Ahnung.« Sie musterte den Schmutz auf ihrer hellen Hose und rieb mit dem Daumen über einen besonders dunklen Fleck an ihrem Oberschenkel. »Er ist … langweilig. Ja, das trifft es vielleicht am besten.«
   Ruth nickte wissend. »Das kenne ich. Ein richtiger Schwiegermuttertyp, oder?«
   Mia zuckte mit den Schultern. »Könnte man so sagen.«
   Rainer Steinmeier war ein fester Bestandteil ihres Lebens. Irgendwie war er schon immer da gewesen. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie es ohne ihn wäre. Er war zur Stelle, wenn sie ihn brauchte. Gern dachte sie daran zurück, wie sie sich beide nachts heimlich auf dem Garagendach zwischen ihren Kinderzimmerfenstern getroffen und in die Sterne geschaut hatten. Wo sie herumalberten, Geschichten erfanden oder einfach nur redeten. Für sie war es eine schöne Kindheitserinnerung, doch für ihn, das wusste sie, war es reine Romantik. Selten hatte er in ihrer Teenagerzeit eine Freundin mit nach Hause gebracht und gehofft, Mia damit eifersüchtig zu machen. Irgendwann hatte er Mut gefasst und ihr gestanden, dass er sie liebte und auf sie warten würde. Wann immer sie dazu bereit sei, hatte er ihr gesagt. Warum nur war sie es nicht? Er wäre sicherlich ein lieber, solider Freund.
   Mittlerweile war er ein bodenständiger Polizeibeamter, der einen Audi Kombi fuhr und eine kleine Eigentumswohnung in Farchant finanzierte. Sie wusste, dass es nicht fair war, aber sie brachte es nicht über sich, ihm zu sagen, dass sie nicht dasselbe empfand.
   »Ist das eigentlich deine Stelle, auf die ich mich bewerbe?«, fragte Mia, um vom Thema abzulenken.
   »Ja und nein.« Ruth gluckste wieder fröhlich. »Walters Eltern haben einen Bauernhof. Ich bin vor Kurzem zu ihnen gezogen, weil wir bald heiraten wollen. Da ich auf dem Hof mithelfen will, habe ich Herrn Oldenburg gefragt, ob ich auch in Teilzeit arbeiten könnte. Ich bereite jetzt zu Hause die Buchführung vor, aber am Empfang muss immer jemand da sein. Das kann ich nicht mehr jeden Tag.«
   Das Telefon klingelte. Ruth sprang auf und streifte mit ihrer üppigen Figur die Tischkante, sodass die Kaffeetassen gefährlich ins Wanken gerieten.
   Sie griff über die Theke. »Ja, Herr Oldenburg? Ja, ist gut.« Ruth legte auf und grinste frech. »Oldi ist jetzt so weit, du kannst reingehen.«
   Mia nickte und stand auf. Nervosität machte sich in ihren Eingeweiden breit.
   »Viel Glück, ich drück dir die Daumen«, flüsterte Ruth und klopfte. Sie öffnete die Tür und ließ Mia eintreten.

Der Schock traf sie unmittelbar und ihre Eingeweide, die eben noch nervös geflattert hatten, sackten ins Bodenlose.
   Ihr potenzieller Chef war derselbe Typ, den sie gerade vor dem Gebäude angeschnauzt hatte. Sie schloss kurz die Augen.
   Na, super, Merano! Eins zu null für dich. Eigentlich konnte sie jetzt auch geradewegs wieder heimfahren. Die Stelle würde sie niemals kriegen.
   Als sie aufsah, stand er breit grinsend vor ihr und streckte ihr eine Hand entgegen.
   »Frau Merano«, begrüßte er sie, als sie seinen Handschlag erwiderte. »Tut mir leid, dass Sie warten mussten. Tom Oldenburg, mein Name. Wie ich sehe, haben Sie Ihre Frisur wieder in Ordnung gebracht.« Er zwinkerte ihr belustigt zu und wies mit einer einladenden Geste auf den Besucherstuhl vor seinem Schreibtisch. »Für die Schmierflecken auf Ihrem Jackett empfehle ich Backofenreiniger«, erklärte er munter, während er um den Tisch herumging und sich setzte. »Einfach draufsprühen, zwei Stunden einwirken lassen und danach waschen. Waschbenzin geht übrigens auch.« Erwartungsvoll musterte er sie.
   Mia spürte, wie ihre Wangen glühten, und musste den Impuls unterdrücken, sie mit ihren Handflächen zu kühlen. Sie schämte sich, aber gleichzeitig wallte Ärger in ihr auf. Sie räusperte sich und richtete sich kerzengerade auf. »Es scheint Ihnen Spaß zu machen, mich in Verlegenheit zu bringen.« Sie wusste, dass diese Bemerkung weniger klug war, aber da sie ihre Chancen bereits verspielt hatte, wollte sie zumindest erhobenen Hauptes dieses Büro wieder verlassen.
   Er lachte. »Ehrlich gesagt, ja. Es war ziemlich amüsant, Sie zu beobachten.«
   »Es freut mich, wenn ich zu Ihrer Erheiterung beitragen konnte.«
   Tom lehnte sich gelassen zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. »Erzählen Sie von sich.«
   Sie musterte ihn argwöhnisch. Zog er noch immer in Erwägung, sie einzustellen? Nach all ihrer Blamage?
   Ruth hatte wirklich nicht zu viel versprochen. Er hatte kantige, ausgeprägte Gesichtszüge und ein figurbetontes anthrazitfarbenes Hemd umspielte seine Muskeln, das an seinen breiten Schultern fast ein wenig eng schien. »Ich bin zweiundzwanzig Jahre alt und habe vor Kurzem meine Lehre zur Industriekauffrau als Jahrgangsbeste abgeschlossen.« Sie erzählte ihm besser nicht von ihren Studienplänen, denn dann würde er ihr die Stelle bestimmt nicht geben.
   Tom lehnte sich vor und blätterte in ihren Bewerbungsunterlagen. »Als Jahrgangsbeste … Soso … und warum glauben Sie, dass Sie für eine Tätigkeit als Empfangsdame geeignet sind?« Er hob zweifelnd die Augenbrauen.
   Er wollte sie provozieren. Na warte! Sie atmete kräftig durch. »Ich denke, meine Abschlussnote spricht für sich. Und falls Sie Zweifel an meiner Praxiserfahrung haben: Ich helfe im Familienbetrieb schon seit Jahren am Empfang aus.« Sie lehnte sich zurück und verschränkte entschlossen die Arme.
   Seine Augen blitzten vergnügt. »Welche Branche?«
   »Meine Mutter betreibt einen Kosmetiksalon«, antwortete sie und biss sich sogleich auf die Zunge. Wie blöd, den kleinen Laden ihrer Mutter für frustrierte Hausfrauen als Referenz zu verwenden. Sie sah Tom an, dass er kurz davor war, sich in einem Lachanfall zu ergehen.
   »Soso, ein Schönheitssalon …«
   Sie räusperte sich erneut, um ihre Fassung wiederzuerlangen.
   Sie musste sich unbedingt einen Ratgeber über Vorstellungsgespräche kaufen. Dieses hier hatte sie komplett vergeigt, verdammt!
   Toms Miene wurde ernst. Nur das herausfordernde Glitzern blieb in seinen Augen. »Sie schreiben, dass Sie auch an einer Unterkunft auf Gut Falkenstein interessiert wären.«
   »Es stand in der Stellenanzeige, dass es möglich wäre …« Mia hielt verunsichert inne.
   Er lehnte sich wieder zurück und betrachtete sie nachdenklich. Mit dem Kugelschreiber tippte er einige Male auf ihre Unterlagen. Dann setzte er sich auf, stützte die Ellenbogen auf die Armlehnen und verschränkte die Finger ineinander. »Ich will ehrlich mit Ihnen sein, Frau Merano. Wir haben sehr viele Bewerber für die Stelle. Sie sind die Erste, die ich für geeignet halte. Ich könnte mir sogar mehr als nur eine Empfangstätigkeit für Sie vorstellen.« Er musterte sie mit durchdringendem Blick.
   Mia ging ein Schauder über den Rücken. Seine Augen waren von einem seltenen intensiven Blau. Sein Ausdruck war strahlend, doch sie spürte dahinter eine gefährliche Dunkelheit. Ruth hatte recht gehabt, dieser Mann war geheimnisvoll und unnahbar.
   »Gut Falkenstein ist mittlerweile nicht nur ein führendes Pferdesportzentrum«, fuhr er fort, »es ist auch ein gut besuchtes Kultur- und Tagungszentrum, das überregional bekannt ist. Dazu umfasst es mehrere Wohnhäuser, ein kleines, gehobenes Hotel, eine Konzerthalle, einen Hofladen, eine Schmiede, eine Schreinerei, eine Arztpraxis und nicht zuletzt eine Bar mit Steakhaus, das Eagles. Hier in der Gutsverwaltung läuft alles zusammen und muss koordiniert und organisiert werden. Es würde nicht bei einer reinen Empfangstätigkeit bleiben. Trauen Sie sich das zu?«
   Mia nickte selbstbewusst. »Wenn Sie mir genügend Zeit geben, mich einzuarbeiten?«
   »Kein Problem. Frau Krämer bleibt uns ja erhalten.« Tom nahm erneut ihre Bewerbungsunterlagen in die Hand und blätterte sie mit einem prüfenden Blick durch. Schließlich sah er auf. »Also gut, Frau Merano, Sie haben den Job. Ich gebe Ihnen eine Probezeit von drei Monaten. Wenn ich mit Ihnen nicht zufrieden bin, müssen Sie auch Ihr Apartment wieder räumen.«
   Hatte sie eben richtig gehört? Sie hatte das Vorstellungsgespräch doch komplett vermasselt! Ungläubig starrte sie ihrem künftigen Chef in die Augen.
   Tom stutzte. »Wollen Sie es sich anders überlegen?«
   »Nein, nein!«, warf Mia schnell ein. »Ich freue mich, wirklich!«
   Jetzt lächelte Tom wieder so amüsiert wie zu Anfang. »Gut. Kommen Sie morgen früh vorbei, dann kümmern wir uns um die Formalitäten. Mir wäre am liebsten, wenn Sie schon nächste Woche anfangen. Können Sie das einrichten?«
   »Äh, ja. Sicher.« Sie lächelte verlegen.
   Mit einem Ruck stand Tom auf. Hastig tat Mia es ihm gleich. Galant, mit einer Hand zwischen ihren Schulterblättern, geleitete er sie zur Tür und verabschiedete sich.
   Perplex blieb sie auf dem Flur stehen. Kaum zu glauben, sie hatte die Stelle wirklich bekommen.

Kapitel 5

Harry zog genüsslich seine erste morgendliche kubanische Zigarre aus dem Etui und flegelte sich auf das Ledersofa. Er hatte soeben gefrühstückt und noch keine Lust, in seine Firma zu fahren. Warum sollte er auch? Er war schließlich der charismatische, großartige Harald Oldenburg, der tat, was er wollte und sich nahm, was er brauchte. Er war der Fürst von Gut Falkenstein. Voller Genugtuung dachte er daran, wie mächtig er war.
   Er ließ seine Nase prüfend über die Zigarre gleiten und sog ihren Duft ein, als er beobachtete, wie Danuta, seine tschechische Haushaltshilfe, leise das große Wohnzimmer betrat. Üblicherweise schlief er um diese Zeit noch, sodass sie nicht mit ihm rechnete. Er grinste, denn sie hatte sich nicht einmal wie sonst verstohlen nach ihm umgesehen.
   Überraschungen waren doch das Schönste, sinnierte er, als sie das Wohnzimmer putzte. Flink glitten ihre zierlichen Hände über die Oberfläche des dunklen, massiven, mit kunstvollen Schnitzereien verzierten Wohnzimmerschranks.
   Er betrachtete sie geringschätzig. Für ihn war sie nichts als eine Ware. Eine austauschbare Ware, mit deren Handel man eines der einträglichsten Geschäfte der Welt machen konnte. Und dabei waren nahezu keine Investitionen notwendig. Er grinste noch breiter.
   Danuta war bei ihm, seit sie sechzehn war. Ein Waisenkind, damals wie heute halb verhungert und völlig verängstigt. Mit einer kleinen, gefügigen Nutte wie ihr ließen sich leicht zwischen dreißig- und hunderttausend Euro verdienen, je nach Qualität der Dienstleistung. Und die Verwendungsmöglichkeiten waren so vielfältig wie das Pflanzenspektrum des Urwaldes. Prostitution, Scheinehen, billige Arbeitskräfte, Organhandel … Die menschliche Seele war so abgrundtief wie die Hölle selbst. Sogar Kinder konnte man in Europa verkaufen. Man brauchte nur das nötige Kleingeld und einen Geschäftsmann, der die Ware lieferte. Es war so einfach, wenn man die Regeln kannte, die dieses Geschäftsfeld erforderte. Und Harry kannte die Branche wie seine Westentasche.
   Sein Blick fiel auf Danutas Hintern, als sie sich bückte, um auch die unteren Regale zu säubern. Er leckte sich die Lippen, als er spürte, wie er hart wurde. Langsam richtete er sich auf, legte seine Zigarre in den Aschenbecher und schlich sich an sie heran. Dann packte er sie mit einer Hand am Nacken und zog sie zu sich heran.
   Sie schrie erschrocken auf. Panisch starrte sie ihn an. Ihr Atem ging heftig.
   »Glotz nicht so, du Hure. Sei froh, dass ich dir nicht gleich deinen kleinen, dürren Hals umdrehe.« Er presste sie an sich und vergrub seine Finger in ihrem glatten braunen Haar. Er atmete tief ein. Ja, er roch ihre Angst. Das erregte ihn noch mehr. Harry ballte seine Finger zur Faust und riss die junge Frau an ihrem Haar herum.
   Der Schmerz trieb ihr Tränen in die Augen, doch sie gab keinen Laut von sich.
   Er zerrte sie zur anderen Seite des Wohnzimmers, drängte sie gegen die Lehne des Sofas und drückte ihren Oberkörper nach unten. Schnell öffnete er seine Hose, schob ihren Rock nach oben und drang in sie ein.
   Sie wimmerte.
   »Du gehörst mir, hörst du? Du bist mein Eigentum und ich bestimme über dich und dein Leben. Dein Leben liegt in meiner Hand. Ich bin dein Gott, hast du verstanden?«
   Danuta wagte nicht, ihm zu widersprechen.
   Harry stieß noch fester zu. »Hast du mich verstanden?«
   »Ja«, wimmerte sie.
   »Dann sag es!«, knurrte er. »Ich will es hören!«
   Danuta zögerte, doch Harry wusste, sie würde gehorchen.
   »Sie sind mein Gott«, wiederholte sie gepresst.
   Harry hörte den Schmerz in ihrer Stimme. Ja! Ich bin dein Gott, dachte er, als er kam und der Orgasmus seinen Körper durchströmte. Ich bin Gott!
   Erfüllt von diesem Gefühl der unendlichen Macht trat er einen Schritt zurück und zog den Reißverschluss seiner Hose hoch. Außer Atem betrachtete er abfällig ihr nacktes, bleiches Hinterteil. Sie war nichts weiter als ein Insekt, das er genauso gut zertreten konnte, wenn es ihm lästig wurde. Wie eine Fliege, die sich im Netz einer Spinne verfangen hatte, war es ihr unmöglich, ihm je wieder zu entkommen. Käme sie auf die Idee, sich zu wehren, würde sie sich nur noch mehr in den Fäden seines Netzes verfangen.
   Doch Danuta hatte bereits vor Jahren aufgehört, sich zu widersetzen. Er sah es an ihren Augen. Sie waren erloschen. Jäh packte er sie an der Bluse, riss sie hoch und stieß sie von sich. Sie ekelte ihn an.
   Danuta prallte auf den Boden, wimmerte lauter. Er beugte sich zu ihr hinunter und fixierte sie mit seinem Blick. Er genoss den Schmerz und die Panik, die er in ihrem Gesicht wiederfand, und weidete sich an ihrer Angst.
   Plötzlich ertönte Begleitmusik. Verdis Triumphmarsch unterstrich das Machtgefühl, das ihn noch immer durchströmte. Er war ein Fürst … nein, Danuta hatte es eindeutig gesagt: Er war Gott! Er seufzte und richtete sich widerwillig auf, um sein Handy vom Wohnzimmertisch zu holen. »Ja?«
   »Hallo Harry, hier ist Mike.« Die tiefe Stimme seines Bruders wurde fast von den Verkehrsgeräuschen im Hintergrund verschluckt. »Der Rabe hat den Falken angegriffen.«

Kapitel 6

Unruhig ging Harry in seinem Arbeitszimmer auf und ab. Er nippte an seinem irischen Whiskey, während er auf seinen Bruder und seinen Neffen wartete.
   Jemand wagte es, in sein Territorium einzudringen. Zuerst war es nur ein müder Versuch gewesen, ihn zu unterwandern, und das hatte er ziemlich bald durchschaut. Bachmann war viel zu unprofessionell gewesen.
   Doch nun ging dessen Boss offensichtlich dazu über, ihn zu attackieren. Normalerweise machte Harry mit solchen Typen kurzen Prozess, doch hier war Vorsicht geboten. Sein Gegner war ebenfalls mächtig, wenn auch nicht so wie er. Es handelte sich um niemand anderen als Leo Raab, einen angesehenen Geschäftsmann aus München, der als Erbauer des Raabtowers der Skyline der bayrischen Hauptstadt einen weiteren Charakterzug verliehen hatte. Mit Sicherheit saß er jetzt in seinem exklusiven Penthouse und lachte vom dreiundzwanzigsten Stockwerk auf ihn herab. Harry schnaubte.
   Er ging zu seinem Schreibtisch und sah auf den Bildschirm seines Computers. Es gab keinen Winkel auf Gut Falkenstein, der nicht von seiner Sicherheitstechnik überwacht wurde. Harry war nicht umsonst Eigentümer von Münchens größter Sicherheitsfirma Falcon Security Services. Er klickte die Überwachungskamera der Zufahrtsstraße an, die zur Villa führte. Niemand zu sehen. Verflucht, wie lange dauerte das denn noch? Zumindest Frank müsste doch bald da sein. Schließlich war der eines der zuverlässigsten Familienmitglieder.
   Harry nahm erneut einen Schluck seines Whiskeys und trat an die zimmerbreite Glasfront seines Arbeitszimmers. Sein Blick schweifte über den Park, wo der polnische Gärtner beim Rasenmähen lange Bahnen zog.
   Sein Bruder Mike hatte wirklich Glück mit seinen Söhnen gehabt. Der konnte stolz sein. Frank wies alle Eigenschaften auf, die man in ihrem Metier haben musste. Er war intelligent, gerissen, gnadenlos und besaß einen starken Willen. Daher war er neben Mike zu einem seiner wichtigsten Geschäftspartner herangewachsen. Sie verkauften ihre Ware in ganz Europa und hatten zudem einen Großteil des Münchner Rotlichtmilieus fest in der Hand. Fast kein Etablissement, egal ob legal oder illegal, war nicht mit ihrer Ware bestückt. Frank organisierte den regen Wechsel von Frischfleisch und hielt die Strohmänner der wenigen eigenen Bordelle im Zaum.
   Es war klar, dass der Name Oldenburg niemals mit Prostitution beschmutzt wurde. Ihr Netzwerk war derart methodisch konstruiert, dass es unmöglich war, ihre kriminellen Aktivitäten auf sie zurückzuführen. Geld, Gewalt und andere zur Einschüchterung geeignete Mittel dienten als nützliche Helfer. Genügend Exempel waren bereits statuiert worden und ihr Ruf in der Unterwelt wurde nicht infrage gestellt. Harry und Mike traten nie persönlich in Erscheinung. Sie agierten im Verborgenen, zogen hinter den Kulissen die Strippen, doch jemand musste als Bindeglied fungieren. Diese Funktion konnte nur eine Person erfüllen, die ihr uneingeschränktes Vertrauen genoss. Frank.
   Harry seufzte. Was hätte er dafür gegeben, solche Söhne zu haben. Sogar Mikes zweitältester Sohn Paul war ein ausgesprochener Gewinn. Er war zwar ein eingebildetes, aufgeblasenes Arschloch, doch wurde das durch sein außerordentliches Zahlengenie mehr als aufgewogen. Niemand beherrschte die Kunst der Geldwäsche besser als er. Paul verstand es meisterhaft, im In- und Ausland Scheinfirmen zu gründen, um Geschäftstätigkeiten vorzutäuschen. Die Gelder wurden dann so oft unter Nutzung von Offshorebanken transferiert, bis ihre Herkunft sprichwörtlich im Sande verlief. Aber das waren nicht die einzigen Tricks, die Paul kannte. Harry wusste, wie oft sein Neffe die Steuerfahndung bereits erfolgreich abgeschüttelt hatte. Er war in dieser Hinsicht ein Zauberer, der mit Geldern jonglierte, Beträge verschwinden und wieder auftauchen lassen konnte, ganz so, wie er es brauchte.
   Nur Mikes jüngster Sohn Pit verfolgte vorrangig andere Interessen, aber er machte zumindest keine Schwierigkeiten. Harry schüttelte den Kopf, als er an Pit dachte. Der kleine Scheißer hatte es vorgezogen, mit den Versagern dieser Familie zusammenzuleben, obwohl ihm die Tür zu Harrys Villa jederzeit offen stand, denn er war sein Waffenlieferant.
   Menschenhandel war nicht Harrys einziges Geschäftsfeld. Das Geschäftsleben brachte es so mit sich, und die Kundenwünsche waren vielfältig. Selbstverständlich wäre es durch die Sicherheitsfirma kein Problem gewesen, an Pistolen und Gewehre zu kommen, doch diese waren alle beim Beschussamt registriert und beim Landratsamt eingetragen. Pit hingegen versorgte ihn mit anonymen, nicht rückverfolgbaren Knarren und auch mit solchen, die so heiß waren, dass man alles aufbieten musste, um das Kriegswaffenkontrollgesetz zu umschiffen. Bisher hatte Pit diesbezüglich noch nie versagt. Woher er diese Waffen bezog, war Harry schleierhaft. Pit verlangte von ihm für den Ankauf lediglich diverse Gegenleistungen, hauptsächlich Geld oder Drogen. Letztere waren beim illegalen Waffenhandel durchaus eine übliche Form der Bezahlung.
   Harry trat an die Bar, die hinter seinem Schreibtisch stand, und goss sich Whiskey nach. Er nahm einen tiefen Schluck aus dem Glas und sah auf seine goldene Breitling for Bentley Armbanduhr. Seit Mikes Anruf waren erst fünfzehn Minuten vergangen, aber die Zeit zog sich dahin wie ein Gummiband.
   Wieder schweiften seine Gedanken ab. Er dachte an seine Söhne. Vier hatte er in die Welt gesetzt. Leider hatte nur der zweite, Rocky, die richtige Einstellung zur Familie und unterstützte sie rege.
   Harry grinste, als er daran zurückdachte, wie viel Spaß er mit ihm bisher gehabt hatte. Sie gingen häufig miteinander auf Auslandsreisen und ihre Tätigkeiten waren nicht nur geschäftlicher Natur. Wilde Partys auf exklusiven Jachten, Frauen, Sexorgien, all das, was das Leben süß machte, hatten sie schon gemeinsam durchlebt.
   Er knurrte, als er an Rockys exzessiven Kokainkonsum dachte. Rocky konnte brillant sein, wenn es darum ging, Geschäftspartner einzuschüchtern oder besser, sie auf den richtigen Weg zu bringen. Doch er hatte die Neigung, sich der Droge mehr und mehr hinzugeben, bis sie seinen Blick auf die Aufgaben vernebelte und dann schien es, als taumelte er ziellos durch das Leben. Dann musste Harry eingreifen. Rocky war dann unberechenbar und das war in der Geschäftswelt, in der sie sich bewegten, zu gefährlich. Aber er war sein Fleisch und Blut und noch dazu der Einzige, der wirklich zu etwas zu gebrauchen war. Seine anderen Söhne waren schon immer eine herbe Enttäuschung gewesen.
   Erik, sein ältester, war zwar intelligent und sportlich, nur ihm fehlte jeglicher Mumm in den Knochen. Zu schnell fügte er sich in alles ein und lehnte sich niemals auf. Verdammt noch mal, der hatte weder Biss noch Eier! Harry ballte die Fäuste, als er daran dachte, was für ein Waschlappen Erik war. Es widerte ihn richtiggehend an, wie weichäugig Erik die Versager betüttelte, die mit ihm im alten Bauernhaus des Guts wohnten.
   Harry wusste, dass Erik ihn fürchtete wie der Teufel das Weihwasser und das war auch gut so. Es war schon fast ehrenrührig, dass Erik sein Sohn war. Wenigstens hatte er eine begabte Frau geheiratet, eine Ärztin. Das war sehr hilfreich, wenn man sich jenseits des Gesetzes bewegte.
   Sein Jüngster, Daniel, noch minderjährig, war allerdings noch schlimmer als Erik. Er war nicht nur weich, sondern obendrein auch noch panisch und ängstlich. Reine Verschwendung, so ein Leben!
   Warum hatte er den Wurf nicht gleich ersäuft? Wie bereits viele Male zuvor spielten sich vor seinem inneren Auge die unterschiedlichsten Szenarien ab: ein Sturz von einem steilen Bergfelsen, ein Autounfall oder ein tragisches Reitunglück. Das waren nur ein paar von seinen Fantasien, um dieses weinerliche Elend endlich loszuwerden. Doch wahre Genugtuung gab ihm die Vorstellung, wie sich seine Hände langsam und präzise um Daniels Hals legten und so lange zudrückten, bis sämtliches Leben aus der Missgeburt herausgewichen war. Irgendwann würde er diesen Plan in die Tat umsetzen, doch noch war der richtige Zeitpunkt nicht gekommen. Er schüttelte den Kopf.
   Nur Tom, sein Zweitjüngster, hatte genügend Potenzial. Allerdings vergiftete ihn Erik mit seinem schwachsinnigen Pazifismus.
   Harry entfuhr ein kehliger Laut, als er an Tom dachte. Er ballte abermals die Hände zu Fäusten und vergrub die Fingernägel so tief in seine Handballen, dass es schmerzte. Tom verfügte über alle Attribute, die er sich an einem Sohn nur wünschen konnte. Er war mutig, hochgradig aggressiv, intelligent, willensstark und gefährlich. Aber leider war er auch äußerst rebellisch und widerspenstig.
   Genau wie seine Mutter. Harry grinste, als er daran zurückdachte, wie Tom gezeugt worden war. Sie hatte sich aus Leibeskräften gewehrt. Und das hatte ihn damals erst so richtig erregt.
   Tom hatte sich ihm niemals untergeordnet. Schon als Teenager hatte er ihn mit seinem unerschütterlichen Stolz zur Weißglut gebracht. Und nichts hatte geholfen! Schläge, Hunger, Isolation und keine noch so raffinierte Foltermethode konnte den Willen dieses Jungen brechen. Selbst der drohende Tod hatte nichts bewirkt. Er war so stur gewesen! Tom wäre lieber verreckt, als sich ihm zu unterwerfen. Es schien fast so, als wäre alle Willensstärke, die Erik und Daniel fehlte, in Tom vereint worden. Das hatte Harry zutiefst provoziert. Niemand widersetzte sich ihm, dem Fürsten von Gut Falkenstein, schon gar nicht sein eigener Sohn!
   Als Tom älter geworden war, hatte sein Starrsinn Harry viele schlaflose Nächte gekostet. Der Junge war eine tickende Zeitbombe. Er musste zur Raison gebracht werden.
   Er hatte hin und her überlegt und schließlich den Tod des jungen Mannes beschlossen, was ihm bei seinem Sohn trotz allem nicht leicht gefallen war. Doch es war Mike, der ihn auf Toms wahres Potenzial hingewiesen hatte.
   Tom hatte das Zeug zum Killer. Er hatte genügend Aggression und Hass in sich und war zudem äußerst sportlich und geschickt. Es war schwierig, jemanden zu finden, der schnell und effizient tötete. Harry verfügte zwar über ausreichend Auftragskiller in ganz Europa. Leider waren sie nicht immer vertrauenswürdig, und manchmal musste er selbst auf sie Killer ansetzen, um kein Risiko einzugehen. Vor allem, wenn sie wieder einmal nicht gründlich genug gearbeitet oder zu viele Spuren hinterlassen hatten.
   Tom war ein perfekter Killer, aber leider unberechenbar. Wer garantierte ihm, dass Tom nicht seine Waffe letztlich gegen ihn richtete, gäbe man ihm eine in die Hand?
   Alles brauchte nur die richtige Motivation, hatte Mike ihm damals gesagt und er hatte recht behalten. Es war frappierend schnell gegangen, als Toms Wille nach all den Jahren endlich brach. Harry erinnerte sich, wie überrascht er gewesen war. Seinen Sohn zu beherrschen, nach so langer Zeit des Widerstands, löste noch immer ein überwältigendes, triumphales Gefühl aus.
   Er wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen, als die Tür seines Arbeitszimmers aufgestoßen wurde und Frank schnellen Schrittes hereinstürmte. Es wirkte geradezu bedrohlich, so wütend sah er aus. Er war groß, und seine Figur ließ auf eine regelmäßige Einnahme von Anabolika oder anderen Steroiden schließen.
   »Mein Gott, Frank, wie siehst du denn aus?«
   Franks breite, ausgeprägte Wangenknochen waren übersät von kleinen blutigen Schnitten. Selbst seine blonden kurz geschorenen Haare wiesen unzählige kleine dunkelrote Flecken auf.
   »Wie würdest du aussehen, wenn dir tausend Glasscherben um die Ohren fliegen?«, brüllte Frank und blieb wütend vor Harry stehen.
   »Hier«, Harry drückte ihm sein Whiskeyglas in die Hand. »Beruhige dich und erzähl, was passiert ist.«
   Frank nahm einen tiefen Schluck und schnappte nach Luft. »Ich war im Copacabana, um mit Rico die Details für die nächste Lieferung klar zu machen.« Frank führte abermals das Glas an seinen Mund und leerte es in einem Zug. »Es war fast fünf Uhr morgens, als wir plötzlich unter Beschuss gerieten.«
   »Wer wagt es …«
   »Sie sind nicht mal reingekommen, haben durch die Fensterscheiben geschossen. Das war kein gezielter Angriff, Harry! Das war eine Drohung. Ich bin sicher, dass es Raabs Leute waren.« Er hatte sich noch immer nicht beruhigt, sein Atem ging schnell.
   Harry nahm ihm das Glas ab und ging zur Bar, um es erneut zu füllen. Er bebte vor Zorn. »Wie groß ist der Schaden?«
   »Zwei tote Nutten. Rico kümmert sich um die Entsorgung. Ansonsten nur kaputtes Mobiliar und zersplitterte Fensterscheiben.«
   »Dieses Arschloch!«, zischte Harry, als er Frank das zweite Glas Whiskey gab.
   Plötzlich hörten sie eine Stimme vom hinteren Teil des Arbeitszimmers. »Sieht so aus, als schwimmen Raab die Felle weg, nicht wahr?« Mike kam lässig hereingeschlendert und grinste. Offensichtlich verstand er Raabs Angriff als ein Eingeständnis von Schwäche.
   Harry und Frank drehten sich zu ihm um. Als Mike bei ihnen angekommen war, schlug er seinem Sohn anerkennend auf die Schulter.
   Frank ignorierte die Geste seines Vaters. »Hat Tom den Bachmann schon kaltgemacht?«
   »Ich weiß es nicht, der Hurensohn hat sich noch nicht bei mir gemeldet.« Harry verzog verächtlich das Gesicht.
   »Das könnte aber durchaus ein Grund für Leo gewesen sein, uns anzugreifen«, überlegte Mike und holte sich ebenfalls ein Glas Whiskey von der Bar.
   »Glaubt der Spinner wirklich, er könnte mir einen miesen Geldwäscher unterjubeln, um mich auszuspionieren? Da muss er schon früher aufstehen.« Harry schlug mit der Faust auf den Schreibtisch. »Dieses Arschloch!«
   »Na ja, wir fischen auch immer häufiger in seinem Gewässer«, gab Mike in spöttischem Tonfall zu bedenken. »Es war klar, dass Leo das nicht auf sich sitzen lässt.«
   Harry betrachtete seinen Bruder und lächelte. Raab war ein Pusher im großen Stil. Was Mike und ihn nicht daran hinderte, zu expandieren.
   »Mit Leo ist nicht zu spaßen, Harry«, fuhr Mike fort. »Er hat engen Kontakt zu den Russen. Das heute war bloß eine Warnung. Bachmann geht ihm am Arsch vorbei. Ihm geht’s ums Prinzip. Wir müssen vorsichtig sein.«
   Harry wandte sich ab und sah aus dem Fenster. »Ich lasse mich nicht von so einem Wichser wie Leo Raab ficken«, erwiderte er gepresst. »Er glaubt wohl, nur weil er einen Steifen mit zweiunddreißig Stockwerken hat, kann er sich benehmen wie ein Scheiß König!« Er drehte sich zu Frank und Mike um und überlegte. »Wir müssen ihm ein Ding verpassen, das sich gewaschen hat«, sagte er langsam. »Eins, von dem er sich nie wieder erholt.«
   »Und wie willst du das anstellen?«, fragte Frank grimmig.
   Harry lächelte über Franks Ungeduld. »Ich habe einen Plan. Es wird einige Zeit in Anspruch nehmen, aber ich bin sicher, es funktioniert.«
   »Leo denkt, dass er gewonnen hat, wenn wir nicht sofort reagieren, Harry. Es kann nicht warten«, insistierte Frank.
   Auch Mike grinste jetzt böse und legte Frank eine Hand auf seine Schulter. »Ich denke, ich habe verstanden, worauf Harry hinauswill. Beobachte und lerne, mein Sohn. Dann wirst du uns recht geben.« Er warf einen Seitenblick auf Harry. »Ich glaube, es ist an der Zeit, ein Familientreffen einzuberufen.«

Kapitel 7

Als Mia gegangen war, öffnete Tom die Terrassentür hinter seinem Schreibtisch und musterte kritisch die Zigarette in seiner Hand.
   Er rauchte definitiv zu viel. Mühsam unterdrückte er ein Gähnen. Er war schrecklich müde und fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Ursprünglich hatte er sich den ganzen Tag freinehmen wollen. Dann war der Anruf gekommen. Das Bewerbungsgespräch hatte er glatt vergessen.
   Trotzdem … diese eigensinnige junge Dame war eine angenehme Abwechslung gewesen. Er lächelte, denn er mochte temperamentvolle Frauen wie sie. Widerspenstige hellbraune Augen hatten ihn herausfordernd angeblitzt, während zornig zusammengezogene Augenbrauen kleine Fältchen auf ihrer Stirn hervorriefen, die von einem frechen Pony überdeckt wurden. Doch Tom hatte sie trotzdem bemerkt. Genauso wie ihre vor Aufregung geröteten Wangen, als er sie im Büro in Verlegenheit gebracht hatte. Sie war mit Sicherheit eine schlechte Lügnerin, denn ihre lebhafte Mimik verriet jeden ihrer Gedanken. Tom schätzte es, wenn er wusste, woran er bei seinem Gegenüber war. Seinerseits mit offenen Karten zu spielen, war für ihn ein Luxus, den er sich nicht oft leisten konnte und wollte.
   Er war froh, dass er sie eingestellt hatte. Sie war die einzige Bewerberin gewesen, der er den Job zutraute. Ihr Temperament würde eine willkommene Abwechslung sein. Ruths Fröhlichkeit hatte damals schließlich auch den Ausschlag gegeben, sie einzustellen, und er hatte es nie bereut.
   Es hatte heute keinen Sinn mehr, länger im Büro zu bleiben. Gähnend drückte er die Zigarette aus und ging zu Ruth an den Empfang.
   Sofort hörte sie auf zu arbeiten und wandte sich ihm zu, in ihrer verlegenen Art, die sie ihm gegenüber immer an den Tag legte. Tom wusste, dass sie auf ihn flog, und er war sich dieses Vorteils durchaus bewusst. »Frau Krämer«, er seufzte, »habe ich heute noch irgendwelche wichtigen Termine?«
   Ruth sorgte über ihre eigenen Aufgaben hinaus stets dafür, dass er seine Termine einhielt. »Ich sehe nach, Herr Oldenburg.« Geschäftig tippte sie in den Computer. »Nein, es sieht gut für Sie aus.«
   »Dann gehe ich nach Hause. Falls etwas Wichtiges reinkommt, rufen Sie mich bitte an?«
   »Selbstverständlich«, antwortete sie beflissen, doch Tom hatte sich bereits umgedreht und verließ das Verwaltungsgebäude.
   Als er das alte Bauernhaus betrat, hörte er jemanden in der Küche hantieren. Er entledigte sich seiner Jacke und folgte dem köstlichen Duft nach exotischen Gewürzen.
   Sein Cousin Pit rührte konzentriert mit dem Kochlöffel in einem großen Topf herum. Er leckte sich die Finger und wischte sie an seinem offenen Jeanshemd ab, das er über einem weißen T-Shirt trug. Gedankenverloren nahm er ein Gummiband von der Anrichte und fasste seine langen blonden Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen. Sein wettergegerbtes Gesicht bildete einen Kontrast zu seiner tief gebräunten Haut. Er sah auf, und das Lächeln, das seine Lippen umspielte, verschwand. »Hallo Tom. Schon da?«
   Tom nickte und trat an ihn heran. »Mhm. Was gibt es zu essen?«
   »Thai-Stew á la Pit. Sag mal, hast du mir nichts zurückzugeben?« Pits Miene wurde hart und undurchdringlich.
   Das versetzte Tom einen Stich. Er mochte seinen Cousin, schließlich waren sie zusammen aufgewachsen. Aber anders als Erik ließ Pit ihn nie ganz an sich heran.
   Tom nickte und seufzte. »Ja. Soll ich sie dir gleich bringen?«
   »Klar. Ich will nicht, dass Dani etwas davon mitkriegt. Er wird bald aus der Schule kommen.« Pit drehte an den Knöpfen des Herdes, um die Temperatur zurückzustellen und verließ, ohne Tom noch einmal anzusehen, die Küche.
   Tom stieg die Treppen zu seiner Etage hinauf. Nicht nur er trug ein dunkles Geheimnis mit sich. Außer seinem fünfzehnjährigen Bruder Dani war jeder hier in irgendeiner Weise in die düsteren Machenschaften von Harry und Mike Oldenburg verstrickt.
   Pit war an diversen Waffengeschäften seines Vaters und seines Onkels beteiligt. Keiner wusste genau, wie, und Pit schwieg. Er war derjenige, der Tom mit Waffen versorgte, wenn er einen Auftrag zu erledigen hatte, und er hatte auch dafür zu sorgen, dass Tom sie hinterher wieder abgab. Weder Harry noch Mike trauten Tom in dieser Hinsicht.
   Als er im Dachgeschoss ankam, betrat Tom sein Schlafzimmer. Es war karg und rein funktional ausgestattet. Ein Bett, ein Schrank und ein Schreibtisch aus hellem Kiefernholz. Tom hatte nie viel für Dekoration übriggehabt, und wären Pits Frau Lucy und seine Schwägerin Jessica nicht gewesen, hätte er nicht einmal Vorhänge an seinem Fenster. Es war der einzige möblierte Raum dieser Etage, wenn man von dem Sofasessel im Flur absah, den er vor der Balkontür platziert hatte, damit er im Winter bei geöffneter Tür rauchen konnte. Manchmal spiegelte sein Wohngeschoss genau das wider, was er im Inneren fühlte.
   Tom öffnete den Kleiderschrank und holte die Waffe unter einem Kleiderstapel hervor. Sie wog schwer in seiner Hand, und er wusste, dass es nicht ihr Gewicht war, das ihn belastete. Er überprüfte ihren Ladezustand und stieg langsam die Treppe in den ersten Stock hinunter, den Pit und Lucy bewohnten. Er musste nicht erst klopfen, um ihre Etage zu betreten, denn alle Wohnbereiche waren offen gestaltet. Jessica und Erik hatten bei der Sanierung des Hauses darauf bestanden, die alte Raumaufteilung weitestgehend beizubehalten. So waren die Küche und das Wohn- und Esszimmer im Erdgeschoss Gemeinschaftsräume geblieben. Sie fürchteten, dass einzelne, abgeschlossene Wohneinheiten eine zu große Distanz zwischen den Familienmitgliedern hervorgerufen hätte. Die zu überbrücken, war ohnehin nicht leicht mit Vätern wie Harry und Mike.
   Die Tür zu Pits Arbeitszimmer stand offen. Tom räusperte sich, als er eintrat. Wie immer war dieses Zimmer das reinste Chaos. Überall flogen leere Verpackungskartons erstandener eBay-Schnäppchen herum, es stapelten sich Computerzeitschriften. Aktenordner lagen über den Boden verstreut und alles war von einer dicken Staubschicht bedeckt. Lucy hatte sich schon lange geweigert, diesen Raum aufzuräumen, und auch die Putzfrauen waren davon befreit worden, dieses Chaos sauber halten zu müssen.
   Tom schmunzelte in sich hinein. »Entladen und gesichert.« Er legte die Heckler & Koch auf den Schreibtisch, die beiden gefüllten Magazine direkt daneben.
   »Wie viel Munition hast du verbraucht?«, erkundigte sich Pit.
   »Nichts.«
   Skeptisch blickte Pit von seinem Schreibtischstuhl zu ihm auf.
   »Zyanid«, sagte Tom tonlos und spürte, wie sich bittere Magensäure erneut ihren Weg nach oben bahnte.
   »Heimtückisch …«, murmelte Pit mit gerunzelter Stirn und griff nach der Pistole. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass das Patronenlager leer war, ließ er den Verschluss nach vorn schnellen und legte die Waffe in den bereits geöffneten Tresor neben dem Schreibtisch.
   Tom wusste, dass dies nicht ihr endgültiger Platz sein würde, aber er fragte nicht weiter nach. Pit hätte es ihm sowieso nicht verraten. »Wie wär’s eigentlich, wenn du hier mal aufräumst?«, frotzelte er, als sie das Zimmer verließen und die Anspannung von ihnen abfiel.
   »Äh, was?« Pit bohrte sich mit gespieltem Unverständnis einen Finger ins Ohr. »Habe ich da aufräumen verstanden?«
   »An den Ohren hast du ja hoffentlich nichts.«
   »Du weißt ganz genau, dass Aufräumen meinem Ruf schaden würde. Außerdem stelle ich so sicher, dass ich alles wiederfinde. Die Ordnung hier unterliegt nämlich einem dynamischen System, verstehst du? Und, na ja …«, er rieb sich mit Daumen und Zeigefinger schelmisch am Nasenrücken, »stell dir das schadenfrohe Gerede der Mädels vor, wenn ich nach Jahren endlich aufräume. Nein«, er grinste, »das erspare ich mir lieber.«
   Tom lachte. »Okay, das verstehe ich natürlich.« Er gähnte.
   Pit stieß ihm freundschaftlich den Ellenbogen in die Seite. »Geh schlafen, Mann! Ich ruf dich, wenn die anderen zum Mittagessen kommen.«
   Tom nickte dankbar. »Okay, aber wehe, ihr lasst mir nichts mehr übrig. Ich kenne euren Appetit.«

»Hey wach auf!« Jemand rüttelte an Toms Schulter.
   »Mhm.«
   »Essen ist fertig. Wenn du nicht bald kommst, haben wir alles aufgegessen.«
   Wieder wurde er geschüttelt. Tom öffnete verschlafen ein Auge. Wie lange war er weggedriftet? Zwei Minuten?
   »Na, endlich!« Lucy seufzte. »Ich hatte schon Angst, du wachst überhaupt nicht mehr auf. Seit fünf Minuten versuche ich, dich wachzukriegen.« Sie verschränkte die Arme und sah ihn vorwurfsvoll an.
   »Lucy …«, brummte er, als er mit den Handballen versuchte, sich den Schlaf aus den Augen zu reiben.
   »Jetzt komm endlich in die Gänge«, schimpfte sie und zog ihre Stupsnase kraus.
   »Das ist ja schlimmer, als einem Elefanten das Fliegen beizubringen!« Er sah sie an und gähnte. »Weckst du Pit auch immer so charmant, du kleine Hexe?« Er lächelte schief, als er die Beine über die Bettkante schwang. Früher hatte er sie wegen ihrer blonden wirren Locken öfter so genannt. Obwohl sie Jessicas Schwester war, unterschied sie sich äußerlich sehr von ihr. Jessica überragte Lucy um mindestens zehn Zentimeter und wirkte aufgrund ihrer langen Glieder und ihrer schlichten Gesichtszüge ernst und klug.
   Lucy hingegen trug freche Sommersprossen auf ihren Wangen und ihre grünen Augen funkelten Tom in gespielter Entrüstung an. »Herr Oldenburg, du bist ein Rotzbengel!«
   Tom musterte sie übertrieben abschätzig und stand auf. Sie trug eine elegante, beigebraun karierte Reithose, die so gar nicht mit ihren dunkelblauen Filzpantoffeln harmonierte. »Ich werde mich bessern …« Er streckte sich. »Bald. Ruth soll’s in meinen Terminkalender schreiben.« Er war gerade dabei, sich seine Jeans anzuziehen, als ihn ein Kissen mit voller Wucht von der Seite traf. »Sieh zu, dass du Land gewinnst!«, rief er Lucy nach, die schon die Flucht ergriffen hatte. Er grinste in sich hinein. Es war schön, zu Hause zu sein.
   Lucy und Jessica gehörten, seit er denken konnte, zur Familie. Düster erinnerte er sich an ihren Vater Felix. Er war Harrys Halbcousin und ein unangenehmer Zeitgenosse. Verschlagen und bösartig hatte er sich bei Harry eingeschleimt, damit er ihn an seinen dreckigen Geschäften teilhaben ließ. Oft hatte er seine Frau und seine Kinder schikaniert, sodass die Mädchen froh waren, die Sommerferien auf Gut Falkenstein zu verbringen. Harry war in dieser Zeit meist im Ausland unterwegs, gelegentlich begleitet von Felix, und so konnten sie den Sommer ungestört mit den Oldenburg-Jungs auf dem Land herumtoben.
   Ihre Mutter hatte die Qualen irgendwann nicht mehr ertragen. Sie war eines Tages sang- und klanglos aus dem Haus gegangen. Man fand sie noch am selben Abend tot im Wrack ihres Wagens, den sie einem Abschiedsbrief zufolge mit voller Absicht gegen einen Baum gesteuert hatte.
   Felix’ Interesse an seinen Kindern war derart gering, dass er einmal schlichtweg vergaß, sie nach den Ferien wieder abzuholen. Sie blieben einfach auf Gut Falkenstein, ohne dass sich Felix noch um sie gekümmert hätte. Trotzdem besann er sich Jahre später seiner Töchter, als er in Schwierigkeiten saß. Er war in seinen zwielichtigen Deals zu gierig geworden und hatte in Tschechien einen Zwischenhändler auf offener Straße erschossen. In einem Brief aus dem tschechischen Knast bat er Jessica und Lucy um Hilfe. Obwohl er sie immer schlecht behandelt hatte, versuchten die beiden ihr Bestes. Als ihre rechtlichen Mittel erschöpft gewesen waren, wandten sie sich an Mike und Harry. Aber die scherten sich erwartungsgemäß einen Dreck um Felix, der sich seither vergebens bemühte, nach Deutschland überstellt zu werden.
   Als Tom die Treppe herunterkam, hörte er die Familie wild durcheinanderreden. Es war zur Tradition geworden, dass sie gemeinsam zu Mittag aßen. Meist war es die einzige Gelegenheit, einmal am Tag alle an einen Tisch zu bekommen, denn Pit arbeitete abends und auch Jessicas Praxis hatte an manchen Tagen länger geöffnet.
   »Da bist du ja endlich«, rief Erik, als Tom das Esszimmer betrat. »Dann können wir ja anfangen.«
   Tom nickte seinem zehn Jahre älteren Bruder augenzwinkernd zu. Erik aß für sein Leben gern, trainierte aber nicht so intensiv wie Tom. Daher, und wohl auch aufgrund seines Alters, musste er mittlerweile aufpassen, dass er nicht zu sehr aus dem Leim ging.
   »Immer langsam, Erik, du wirst schon nicht verhungern«, spottete Tom.
   Erik blies sich eine Strähne seiner wirren braunen Haare aus den Augen.
   Als sich Tom zu ihnen an den Tisch setzte, fiel sein Blick auf seinen kleinen Bruder Daniel. »Hallo Dani!« Er lächelte vorsichtig.
   »Hallo«, gab er zurück und nahm, ohne ihm in die Augen zu sehen, einen Schluck Wasser aus seinem Glas.
   Tom verspürte einen Stich. Die Distanz zu Daniel schmerzte ihn, denn die Kluft, die zwischen ihnen lag, schien unüberwindbar. Dabei hatten sie sich einmal sehr nahe gestanden. Verstohlen beobachtete er ihn aus den Augenwinkeln. Wieder wurde ihm bewusst, wie sehr Dani sich von Erik und ihm unterschied. Klein, höchstens einsfünfundsechzig, mit schmalen Schultern und schmächtigem Körperbau, sah er eher aus, als wäre er zwölf und nicht fünfzehn Jahre alt. Das blasse Gesicht rundete diesen Eindruck ab. Dennoch war die Familienähnlichkeit unübersehbar. Dani hatte die gleichen freundlichen Augen wie Erik. Auch ihr Haar war von derselben Farbe.
   Tom erinnerte sich daran, dass Dani immer schon ein zerbrechliches und ängstliches Kind gewesen war, woran sich Harry maßlos aufrieb. Viel zu früh hatte Vater deshalb versucht, ihn abzuhärten. Abgrundtiefe Wut brach in Tom auf. Wie konnte man einem Kleinkind nur so etwas antun? Durch die brutale Behandlung wurde Dani zusehends verstörter, was Harry schließlich dazu bewog, ihn mit fünf Jahren in den ungeliebten Teil der Familie abzuschieben. Seither hatte Tom seinen kleinen Bruder beschützt, so gut es ging. Doch eines Tages war es ihm nicht gelungen. Harry war das Verhältnis zwischen ihnen nicht verborgen geblieben. Durch Dani war Tom verwundbar geworden. Was damals geschehen war, hatte ihre tiefe Verbundenheit für immer zerstört und die Schuld, die Tom empfand, hatte ihn beinahe vernichtet. An jenem Tag hatte ihn Harry zum ersten Mal zur bedingungslosen Kapitulation zwingen können.
   »Tommy, willst du nichts essen?«, fragte Jessica und riss ihn aus seinen düsteren Gedanken.
   »Doch, doch.« Er nahm sich ein Stück Brot zu seinem Stew, das ihm irgendjemand in seinen Teller geschöpft hatte. Trotz seiner Magenschmerzen aß er, wenn auch langsam. Er wollte nicht, dass Jessica unangenehme Fragen stellte.
   »Wie war’s in der Schule?« Jessica nickte zu Dani hinüber.
   Er zuckte mit den Schultern. »Wie immer.«
   »Jetzt sei nicht so bescheiden. Erzähl, welche Note du in Mathe bekommen hast«, forderte Erik ihn auf.
   Dani sah ihn erstaunt an. »Woher weißt du das?«
   »Glaubst du vielleicht, wir unterhalten uns nicht im Kollegenkreis?«
   Erik war Lehrer für Englisch und Sport an dem Gymnasium, das auch Dani besuchte.
   »Du bespitzelst ihn also«, stellte Pit augenzwinkernd fest. »Das musst du dir nicht gefallen lassen, Dani.«
   Dani stocherte auf seinem Teller herum und lächelte schüchtern.
   »Du bist ein wahrer Freund, Pit«, bemerkte Erik trocken.
   »Was hast du denn jetzt für eine Note?« Beiläufig löffelte Jessica ihr Stew weiter.
   Dani wand sich sichtlich, sodass ihm Erik zu Hilfe kam. »Er hat einen Einser.«
   »Glückwunsch, Kleiner!« Pit grinste. »Das hätte mir nie passieren können. Einen Einser in Mathe …« Er schüttelte den Kopf und wandte sich wieder seinem Essen zu.
   Dani verdrehte genervt die Augen. »Können wir nicht über was anderes reden?«
   »He, Tom, ist alles klar bei dir? Du bist so still«, bemerkte Erik.
   Tom sah auf. Seinem Bruder blieb auch nichts verborgen. »Alles okay«, log er. »Ich war in Gedanken, tut mir leid.«
   »Gibt’s was Besonderes?« Lucy griff nach dem Baguette in der Mitte des Tischs und riss sich ein Stück ab.
   »Wir haben endlich die Stelle für den Empfang besetzt. Heute war eine vielversprechende Bewerberin da.« Tom war froh, von sich ablenken zu können. Vorsichtig blickte er zu Jessica. An ihren Augen sah er, dass sie verstanden hatte. Sie würde ihr morgendliches Gespräch nicht erwähnen.
   »Ieht ie ut au?«, erkundigte sich Pit mit vollem Mund.
   Lucy stieß ihm in gespielter Entrüstung den Ellenbogen in die Seite. »Hey, ab zehn Gramm wird’s undeutlich!«
   Erik grinste. »Den interessiert doch immer nur das Gleiche. Ist das gute Aussehen jetzt ein Einstellungskriterium bei dir, Tom?«
   Beethovens Für Elise tönte blechern aus dem Wohnzimmer. Erik, der am Tischende saß, stand auf und holte das Schnurlostelefon vom Wohnzimmertisch.
   »Oldenburg«, meldete er sich, noch immer grinsend, während er sich wieder zu den anderen an den Tisch setzte. Sein Lächeln erstarb. »In Ordnung«, sagte er ernst. »Wir werden da sein.« Er legte auf.
   »Was ist?«, fragte Jessica alarmiert.
   Erik legte das Telefon weg. Er atmete langsam aus. Dann blickte er auf seine Familie. »Das war Charly. Wir sollen heute alle um neunzehn Uhr zum Abendessen in der Villa erscheinen.«
   Danis Löffel fiel klirrend auf seinen Teller. Reste seines noch heißen Essens spritzten über die cremefarbene Wachstischdecke und trafen Tom, der ihm gegenübersaß, sengend auf dem Handrücken. Als er aufsah, blickte er in Danis kalkweißes Gesicht.

Kapitel 8

Tom legte sich nach dem Mittagessen wieder in sein Bett und versuchte, zu schlafen. Jessica folgte ihm besorgt und verabreichte ihm Tropfen gegen seine Magenschmerzen. Er wusste nicht, ob es an dem Medikament lag oder daran, dass sich jemand um ihn kümmerte, er entspannte sich und fühlte sich besser. Dadurch gelang es ihm, zumindest kurz in einen unruhigen Schlaf zu finden.
   Als er später vor der Haustür auf die anderen wartete und eine Zigarette rauchte, schossen ihm eine Menge Dinge durch den Kopf. Was konnte der Grund für die Einladung in die Villa sein? Es handelte sich nicht wirklich um eine Einladung, sondern um einen Befehl, so viel war klar. Sein Vater und sein Onkel wollten, dass sie nicht vergaßen, wer über ihr Leben bestimmte.
   Meistens verliefen solche Familienzusammenkünfte relativ harmlos, doch dann und wann setzten Harry und Mike gezielt ein Zeichen der Provokation und Gewalt. Tom, der seine Wut in Bezug auf seinen Vater selten zügeln konnte, ließ sich dann nur allzu gern zu einer unüberlegten Handlung hinreißen.
   Er schnaubte und fühlte den Hass gegen seinen Vater erneut in sich aufwallen. Hastig nahm er einen Zug von seiner Zigarette. Er musste sich beruhigen, denn Harry konnte seine Wut wie ein abgerichteter Dobermann förmlich riechen. Meist schaffte er es spielend, Tom aus der Reserve zu locken. Der Verlierer stand von vornherein fest, denn an Sicherheitspersonal mangelte es in der Villa nie. Er spürte schon jetzt das dumpfe Gefühl, das der verhasste Teil der gottverdammten Familie Oldenburg in ihm hervorrief, wenn ihre hämischen Blicke ihn trafen.
   Ihm war, als liefe ein Eisklumpen von der Größe eines Tennisballs langsam sein Rückgrat entlang, als er an seinen Bruder Rocky und seine Cousins Paul und Frank dachte. Letztere lebten nicht mehr auf Gut Falkenstein, doch sie besuchten ihren Vater regelmäßig, denn auch sie steckten tief im Sumpf von Harry und Mikes Machenschaften.
   Tom vermutete, dass es Harry und Mike niemals darum gegangen war, eine Familie zu gründen. Sie hatten lediglich auf unkomplizierte Weise vielversprechende Nachwuchskräfte für ihre dreckigen Geschäfte produzieren wollen. Einen Vater, Onkel, Bruder oder Cousin verriet man nicht so schnell. Für ein Familienmitglied setzte man auch eher sein Leben aufs Spiel als für einen Fremden. Und Kinder konnten man von klein auf in seinem Sinne prägen.
   Toms Hände zitterten, als er den letzten Zug von seiner Zigarette nahm. Die Erinnerung an die Versuche seines Vaters, ihn zu einem richtigen Mann zu machen, schmerzte. Sie schnürte seinen Brustkorb ein und machte es fast unmöglich, frei zu atmen. Krampfhaft versuchte er, sie auszublenden, doch sie blitzte vor seinem inneren Auge auf wie Feuerwerk.
   Er schloss die Augen und ließ die Erinnerungsfetzen vorbeiziehen wie Wolken, die der Sturm vor sich her blies. Er seufzte, denn er wusste, dass es ihm erst besser ging, wenn das Unwetter vorüber und die dunklen Wolken abgezogen waren. Der erste Blitz: eine Pistole. Der zweite: ein Border Collie, schwarz mit weißer Schnauze und weißen Pfoten, fast noch ein Welpe. Der dritte Blitz, gleißend und sengend, sodass es ihm Kopfschmerzen verursachte: sein Vater, der ihn anbrüllte, das Tier zu erschießen, nur um ihm zu beweisen, was für ein Mann er mit zwölf Jahren schon war. Der vierte Blitz, kein Bild jetzt, sondern die Übermacht eines Gefühls, das so gewaltig war wie ein dumpfes Donnergrollen, das die Luft der Umgebung erschütterte: der Hass gegen seinen Vater und sein eiserner Wille, kein Lebewesen ohne Not töten zu wollen.
   Seine Kopfschmerzen stiegen zu einem Crescendo an. Stöhnend drehte er sich um und hielt sich an den Holzlatten des Gartenzauns fest, beugte sich vor, um wieder leichter zu Atem zu kommen. Wie Platzregen trommelte der Rest der Erinnerung auf ihn ein. Kleine, nadelscharfe Stiche im Inneren seines Kopfes. Harrys verbissener Gesichtsausdruck, blass, mit verkniffenen Lippen. Er brüllte, schlug auf ihn so lange ein, bis sich Tom zornig umdrehte. Er hatte all seinen Hass zu einer glühenden Masse gebündelt, die wie sengendes Magma in ihm hochgestiegen war. Nie würde er Harrys überraschtes Gesicht vergessen, als er mit wild entschlossenem Gesichtsausdruck die Pistole gegen seinen Vater richtete.
   Drei Bodyguards waren hektisch auf Tom eingestürzt und hatten ihn zu Boden gerungen.
   Noch heute fragte er sich, ob er dazu imstande gewesen wäre, seinen Vater umzubringen, hätten ihn seine Männer nicht davon abgehalten. Wahrscheinlich war zumindest, dass Harry durch diesen Zwischenfall sein Potenzial zum Töten entdeckt hatte.
   Verdammt! Er biss sich auf die Unterlippe, als die Erinnerung an Harrys Reaktion in ihm aufstieg. Die Prügel waren fürchterlich gewesen, und die Angstzustände, die ihn in dem Keller heimgesucht hatten, in den er zwei Wochen eingesperrt worden war, lösten noch heute immer wieder Panikattacken aus, wenn er sich in dunklen, engen Räumen befand.
   Verärgert, weil er die Erinnerung nicht abschütteln konnte, schnippte er die Zigarette weg und lehnte seine schmerzende Stirn gegen die Hauswand. Das Gewitter in ihm ließ langsam nach. Er spürte, wie die Kälte des Putzes das Hämmern in seinem Kopf verebben ließ, als zöge sie es einfach aus seinem Schädel heraus.
   Das Klacken der Haustür hinter ihm ließ ihn hochfahren. Heftig atmete er die frische Abendluft ein und sammelte sich, als er sich umdrehte.
   Schweigend gesellte sich einer nach dem anderen zu ihm. Schließlich nickte Erik. Wortlos setzte sich die kleine Gruppe in Bewegung. Tom wartete und schloss als Letzter auf. Er hatte die Dinge gern im Überblick, gerade an solchen Abenden, die nicht ungefährlich waren. Insgeheim versuchte er, die Verfassung seiner Familienmitglieder auszuloten, denn jedes noch so winzige Anzeichen von Schwäche konnte Harry und Mike bis aufs Blut provozieren.
   Sein Blick fiel auf Erik. Er trug einen eleganten schwarzen Anzug, nur um nicht aufzufallen. Das war allerdings ein schwieriges Unterfangen, denn der klassische Schnitt des Anzugs betonte seine stattliche Größe und seinen robusten, großrahmigen Körperbau. Galant hielt er Jessica seinen Ellenbogen hin, den sie dankbar ergriff. Sie trug Pumps und ein schlichtes dunkelblaues Etuikleid unter ihrem weißen Kurzmantel. Ihre langen, dunkelbraunen Haare hatte sie zu einer eleganten Hochfrisur zusammengesteckt. Perlen an Ohren und Hals unterstrichen ihre schlichte Eleganz. Tom lächelte anerkennend bei ihrem Anblick. So war sie: klug, zurückhaltend und einfach wunderschön.
   Lucy, in einem hellgrauen Kostüm, dessen fließender Stoff ihre schlanke Silhouette umspielte, trat genervt an Pit heran, um seinen Hemdkragen und die Krawatte geradezurichten, von der er sich eben ein wenig Luft verschafft hatte. Sie war blass, schmallippig und sie fegte noch schnell einen Krümel von Pits Revers, ehe sie endlich von ihm abließ. Sie fror offensichtlich, denn sie schlang mit zitternden Händen ihre schwarze Wildlederjacke enger um ihren Körper.
   Pit sah aus wie ein missmutiges Kalb, das das Euter seiner Mutter nicht fand. Unbeholfen, mit gerümpfter Nase bewegte er sich von Lucy weg, nur um sich in einem unbeobachteten Moment wieder an der Krawatte zu schaffen zu machen. Wenn er etwas hasste, waren es Anzüge und Förmlichkeiten.
   Selbst Dani war von Jessica in einen Anzug gezwängt worden, der ihn wie einen zur Artigkeit dressierten Konfirmanden aussehen ließ. Sein knallblauer Anorak demonstrierte, dass er keine passende Jacke für einen Anzug besaß, aber so wie Tom Dani einschätzte, war er auch nicht dazu zu bewegen, mit Jessica eine kaufen zu gehen. Er war immer noch so bleich wie am Mittag. Die Angst stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er starrte auf den Boden, die Schultern hochgezogen, und folgte der Gruppe, ohne ein einziges Mal aufzusehen. Er wirkte unsicher, fast unterwürfig, obwohl sie die Villa noch nicht einmal betreten hatten. So etwas könnte natürlich Harrys Jähzorn anstacheln, vor allem bei seinem Sohn.
   Tom hätte am liebsten einen Arm um Dani gelegt, doch irgendetwas hielt ihn davon ab. Die Schuld, die er seinem kleinen Bruder gegenüber empfand, war einfach zu groß und ließ keine Nähe mehr zu.
   Eine beklemmende Atmosphäre herrschte zwischen ihnen, hervorgerufen durch die Angst vor Harrys und Mikes Unberechenbarkeit. Tom las es von ihren Gesichtern ab.
   Sie gingen den von riesigen Kastanien gesäumten Weg hinauf und passierten das videoüberwachte Eingangstor. Ein Wachmann in der für Falcon Security Services typischen schwarzen Uniform nickte, als sie an ihm und zwei weiteren Wachposten vorübergingen.
   Majestätisch ragte die prunkvolle Jugendstilvilla vor ihnen auf. Die weiß getünchte, kassettenartige Ziegelfassade des Haupthauses wurde von zwei Seitenflügeln flankiert, deren bodentiefe Fenster von zierlichen, floral gemusterten Balkonbrüstungen aus weiß lackiertem Metall eingefasst waren. Verschwenderisch dekorierte Erker, die in Türmchen endeten, hoben die herrschaftliche Wirkung des Herrenhauses hervor. Doch trotz dieser verspielten Elemente glich das Gebäude einer Festung. Nicht nur sie, sondern auch das gesamte parkähnliche Areal, das sie umgab, war von einer hohen Steinmauer umgeben, die das massive Mauerwerk der Villa widerspiegelte. Kameras und Bewegungsmelder unterstrichen die Wachsamkeit des Eigentümers. Es war klar, dass Harry als Chef Münchens größter Sicherheitsfirma sein Anwesen derart absicherte.
   Sie stiegen die runde, herrschaftliche Marmortreppe hinauf. Dani legte den Kopf in den Nacken, als er den ziselierten Stuck am von weißen Säulen gestützten Vordach der Villa bewunderte. Er war jedes Mal wieder überwältigt von der üppigen und zugleich fast romantischen Erscheinung der Villa, sodass er seine Angst manchmal sogar für ein paar Sekunden vergaß.
   Sie wurden bereits erwartet. Danuta öffnete ihnen die dunkle, mit kunstvollen Schnitzereien verzierte Doppelflügeltür der Eingangshalle.
   »Hier«, flüsterte Erik und steckte ihr im Vorbeigehen eine Tafel Schokolade zu, die er aus der Innentasche seines Jacketts holte.
   Sie sah sich verstohlen in dem zweistöckigen Marmorfoyer der Villa um, in die einer nach dem anderen beklommen eintrat.
   Links war Harrys Arbeitszimmer, geradeaus das Empfangszimmer. Doch niemand von Harrys Wachschutz, oder gar er selbst, erschien im Foyer. Danuta seufzte erleichtert und ließ die Schokolade in ihrer Schürze verschwinden. Es war ihr untersagt, die Villa zu verlassen. Selbst eine alltägliche Kleinigkeit wie eine Tafel Schokolade wurde so zu etwas Besonderem. Sie nickte dankbar.
   »Wie sind sie gelaunt?«, fragte Erik leise, während sie ihnen die Jacken abnahm.
   »Nicht gut, glaube ich«, wisperte sie zurück, und taxierte weiter nervös die Umgebung. Sie verzog das Gesicht, als sie sich umdrehte, um die Jacken wegzubringen.
   Erik nickte angespannt.
   Mit zitternden Händen fuhr Lucy die opulent geschmiedeten Ornamente des Treppengeländers nach. Noch immer waren ihre Lippen aufeinandergepresst. Pit trat an ihre Seite und griff sanft nach ihrer Hand. Überrascht drehte sie sich zu ihm um. Er lächelte und küsste zärtlich ihren Handrücken. Sie erwiderte sein Lächeln und strich ihm eine seiner langen blonden Strähnen hinters Ohr.
   »Kommt«, flüsterte Erik verkrampft, »wir sollten raufgehen.« Er nahm Jessicas Hand und zog daran.
   Hastig sah sie sich nach Dani um und schob ihn dann vor sich her die ausladende, geschwungene Marmortreppe hinauf, auf deren Mitte ein roter Samtläufer ausgelegt war. Pit und Lucy folgten ihnen.
   Tom schloss die Augen und konzentrierte sich. Er wusste, dass er immer besonders anfällig für Harrys Provokationen war. Daher musste er jegliche Form von Gefühlen vorübergehend ausblenden. Vielleicht schaffte er es ja dieses Mal, ruhig zu bleiben. Sobald Harry die Schwäche seines Gegenübers auch nur ahnte, war sein Reiz, diese auszukosten, enorm. Deswegen hatte sich Tom angewöhnt, das, was seine Persönlichkeit ausmachte, alles, was er fühlte und war, in sein Innerstes wegzuschließen. Es lag dann so tief vergraben, dass er es oft selbst lange nicht wiederfand. Nur so war es ihm möglich, emotionslos und präzise zu töten und seine Angst, die er oft empfand, in den Hintergrund zu drängen, bis sie fast versiegte.
   Auch jetzt begann er, sämtliche Ängste und Gefühle in sich wegzusperren. Es gelang ihm. Er spürte, wie sich die wohlbekannte Kälte in seinem Herzen ausbreitete und es hart werden ließ wie Stein.
   Seltsam. Irgendwie war ihm diese innere Kälte zu einem vertrauten Freund geworden. Instinktiv wartete er, ehe er seiner Familie nach oben folgte. Er wusste, in diesem Zustand konnte er für nichts garantieren.
   Scheinbar gleichgültig betrat er mit den anderen den opulenten Speisesaal im ersten Stock. Er konnte nur jedes Mal wieder den Kopf über Harrys und Mikes Größenwahn schütteln. Der Saal sah aus, als wäre er einem von König Ludwigs Märchenschlössern entsprungen. An den dunklen, holzvertäfelten Wänden hingen hohe, teure Gemälde, die historische Kriegsszenerien darstellten. Von der sechs Meter hohen Decke baumelte ein üppiger Kristalllüster über einer langen Tafel aus Mahagoniholz, gesäumt von mit Gold- und Silberbrokat bezogenen Stühlen.
   Tom entfernte sich noch mehr von den anderen und stellte sich an eines der hohen Fenster. Die Sonne war fast vollständig untergegangen. Nur ein Hauch der Abenddämmerung lag noch über den Kastanienbäumen, deren Blattwerk sich bereits herbstlich färbte. Er dachte daran zurück, wie er als Kind die Kastanien gesammelt und heimlich mit seinem Kindermädchen mit Streichhölzern Figuren daraus gebastelt hatte.
   »Ein Aperitif gefällig?« Ein hagerer Hausdiener, der Tom immer an einen Totengräber erinnerte, riss ihn aus seinen Gedanken und hielt ihm ein Tablett mit kleinen Gläsern vor die Nase.
   Tom hob abwehrend die Hand und schüttelte den Kopf. »Nein, vielen Dank.«
   Dann wurde es still im Raum.
   Rocky schlenderte betont grinsend in den Speisesaal, die Hände leger in die Hosentaschen seiner abgewetzten Bluejeans gesteckt und sah sich um. Die Ärmel seines weißen Hemdes waren bis über die Ellenbogen aufgekrempelt, sodass auch die schwarze Weste, die er darüber trug, nicht über sein schlampiges Äußeres hinwegtäuschte. »Ah, die Weicheier sind angekommen.« Im Vorbeigehen blickte er auf Dani. »Na, du scheißt dir wieder in die Hosen, stimmt’s, Kleiner? Das ist echt widerlich.« Verächtlich grinsend ging er in die Richtung des Hausdieners, das Tablett mit den Aperitifs im Visier.
   Dani brachte keinen Ton heraus und starrte zu Boden.
   Erik berührte ihn sanft an der Schulter. Ich bin da, du bist nicht allein, sagte er damit.
   Tom ertrug es nicht, wenn Rocky seinen kleinen Bruder so verängstigte. »Wieso suchst du dir nicht einen in deiner Gewichtsklasse aus, auf dem du rumhacken kannst, Bernd? Zu feige?«
   Rocky hasste es, mit seinem richtigen Namen angesprochen zu werden, und auch wenn Tom nicht viel gegen ihn ausrichten konnte, so gelang es ihm zumindest, ihn damit von Dani abzulenken.
   Tom musterte Rocky mit demonstrativer Geringschätzigkeit. Ohne ihren Vater wäre er ein Versager auf ganzer Linie. Seit dem Abitur, das er nur durch Harrys hohe Spende an die Privatschule bestanden hatte, war Rocky weder einer Berufsausbildung noch irgendeiner anderen sinnvollen Tätigkeit nachgegangen. Aus Langeweile vergriff er sich permanent an den im Haushalt beschäftigten Frauen oder dachte sich neue Foltermethoden aus, die sein Vater an ausgesuchten Opfern anwenden konnte.
   Gern ging er ihm dabei zur Hand. Sein Gefühlsrepertoire war sehr eng gesteckt und Mitleid oder Angst waren ihm fremd. Er war ein rücksichtsloser, kranker Sadist und Tom absolut zuwider.
   Rocky, der schon weitergegangen war, blieb stehen und drehte sich um. Er nahm die Hände aus den Hosentaschen und ballte sie zu Fäusten.
   Aus den Augenwinkeln sah Tom, wie Erik Dani an den Schultern packte und hinter sich schob. Lucy rückte näher an Pit heran.
   Tom grinste kalt und zog in Anspielung an Rockys Drogenkonsum den Handrücken unter der Nase durch. Eine Geste, die Rocky verstand. Seine halblangen braunen Haare waren streng aus dem fahlen Gesicht gegelt, sodass eine hässliche, längliche Narbe auf seiner Wange zu sehen war. Drohend starrte er Tom aus seinen dunklen Augen an. Tom hatte sich nicht geirrt. Er erkannte an Rockys weiten Pupillen, dass er auf Koks war.
   Tom hielt seinem Blick in einer Härte stand, die Rocky für einen Moment verunsicherte. Er wusste, dass Rocky seine Chancen auslotete, denn zu gern wäre er auf ihn losgegangen. Aber Rocky war klar, dass ihm Tom haushoch überlegen war. Vom regelmäßigen Alkohol- und Drogenkonsum war sein Körper ausgemergelt, und ein Krafttraining hatte er nie gesehen. Normalerweise nutzte Rocky seinen Heimvorteil, denn in der Villa war immer Sicherheitspersonal, das er rufen konnte. Tom war dann vernünftig genug, sich nicht zur Wehr zu setzen, denn gegen mehrere bewaffnete Sicherheitsmänner hatte er keine Chance. Im Moment war jedoch niemand von Harrys Leuten im Raum.
   Der stumme Kampf zwischen ihnen dauerte eine gefühlte Ewigkeit, dann wurde er jäh beendet. Frank und Paul betraten den Raum. Sie waren intensiv in ein Gespräch über teure Sportwagen verwickelt, sodass sie die brenzlige Situation nicht wahrnahmen. Selbstherrlich gingen sie an ihnen vorbei und setzten sich ohne Begrüßung an ihre gewohnten Plätze.
   »Das wirst du noch bereuen«, zischte Rocky und warf Tom einen hasserfüllten Blick zu.
   Tom lächelte eisig. Rocky hätte sich nie die Blöße gegeben, vor Paul und Frank eine Niederlage zu riskieren. Tom hatte einen Etappensieg erreicht. Er konnte Rockys Wut förmlich greifen.
   Nachdem er sicher war, dass sich Rocky erst einmal zurückhalten würde, beobachtete er Paul und Frank verstohlen.
   Paul war ein arroganter Zyniker und ganz nach Mikes Vorstellungen geraten. Er machte sich jedoch nicht gern die Finger schmutzig. Daher war er, soweit Tom wusste, führender Kopf in Sachen Geldwäsche und hielt sich ansonsten aus allem heraus. Hauptsächlich mit seiner Kunstsammlung beschäftigt, wollte Paul zu den oberen Zehntausend gehören. Darum kleidete er sich ausschließlich in Designerklamotten und maßgeschneiderten Anzügen. Seine Markenzeichen waren seine Pfeife, die er permanent rauchte, und ein elegant um seinen Hals geschlungenes Seidentuch. Er war ein Exzentriker durch und durch. Bekanntschaften berühmter Persönlichkeiten sammelte er wie andere Münzen oder Briefmarken. Gern prahlte er mit angeblichen Freundschaften zu prominenten Künstlern oder Schauspielern, die er auf Ausstellungen oder Filmpremieren kennenlernte.
   Frank hingegen trieb sich bei Fußballspielen herum oder hetzte seinen allerneusten Sportwagen über den Nürburgring. Häufig zog er Paul damit auf, die Oldtimer, die dieser sammelte, würden schon nach einer Runde auf dem Ring auseinanderfallen.
   Er bewohnte ein Luxuspenthouse in München, Paul eine Villa in Grünwald. Ob ihre Freundschaft rein beruflicher Natur war oder darüber hinausging, konnte Tom nicht sagen, aber eigentlich interessierte es ihn auch nicht. Das Wissen, dass Frank einer von Harrys und Mikes wichtigsten Männern war, genügte ihm. Tom hatte seit Franks Auszug aus der Villa vor über fünfzehn Jahren fast keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt und musste sich eingestehen, dass er ihn kaum mehr kannte. Ähnliches galt für Paul, und er war froh darüber. Je weniger Umgang er mit diesem Teil der Familie hatte, desto besser.
   Als Frank ihm einen flüchtigen Blick zuwarf, fielen Tom die Schnittverletzungen in seinem Gesicht auf. Es sah aus, als hätte er einen Unfall gehabt.
   Was konnte das bedeuten?
   Er fuhr herum, als sich die große Flügeltüre hinter ihm erneut schwungvoll öffnete.
   Schlagartig verstummten alle Gespräche. Paul und Frank standen eilig auf. Die Muskeln angespannt, als warteten sie auf eine bevorstehende Explosion, beobachteten alle im Raum die selbstbewussten Schritte Harald und Michael Oldenburgs.
   Trotz ihres Alters spürte man die imposante, gewalttätige Aura, die sie umgab, unterstrichen durch ihre massigen Körper und breiten Schultern. Ihre teuren Maßanzüge verstärkten diese Wirkung.
   Es war unübersehbar, dass die beiden Brüder waren, obwohl sie oberflächlich betrachtet nicht viel gemeinsam hatten. Harrys graumeliertes Haar war tiefschwarz gefärbt. Eine stattliche Menge Gel und der kurze Pferdeschwanz im Nacken ließen es eng am Kopf anliegen, sodass es ihm ein undurchdringliches, kaltes Aussehen verlieh.
   Dagegen wiesen Mikes blonde kurz geschnittene Haare trotz seines Alters von fünfundfünfzig Jahren noch keinerlei graue Strähnen auf. Seine Gesichtszüge waren heller und wirkten fast freundlich, obwohl Tom wusste, dass sich eine gefährliche Schärfe dahinter verbarg.
   Trotzdem war Harrys und Mikes Ähnlichkeit deutlich erkennbar. Ausgeprägte Kiefer- und Wangenknochen sowie die hervorstehende Stirn versinnbildlichten ihre Präsenz und ihr Durchsetzungsvermögen.
   Harry stellte sich ans Kopfende der überdimensionalen Tafel und fuhr sich mit den Fingern nachdenklich über seinen Oberlippenbart, der schmal in einen gestutzten Kinnbart überging. Sein scharfer Blick verharrte kurz bei jedem, ehe er sich setzte.
   Wortlos taten es ihm die anderen Familienmitglieder gleich.
   Tom erkannte bereits an Harrys Gesichtsausdruck, dass etwas nicht stimmte. Die Atmosphäre war gespannt und gefährlich. Niemand sprach ein Wort. Tom versuchte, aus den Gesichtern der Anwesenden Informationen herauszulesen. Sein ungutes Gefühl verstärkte sich, als sich zwei Sicherheitsmänner, in Anzüge gekleidet, neben der Flügeltür postierten.
   Das Räuspern seines Vaters durchbrach seinen Gedankengang. Das war gar nicht gut.
   Harry setzte ein falsches Grinsen auf. Er genoss die Unsicherheit, die er in ihren Gesichtern ablas. »Es ist schön, die Familie wieder einmal vereint in der Villa zu sehen. Ist schon eine Weile her, seit wir das letzte Mal zusammengekommen sind. Wie geht es euch?« Er ließ den Blick durch die Runde schweifen.
   Niemand traute sich, zu antworten. Schließlich war es Pit, der sich aufraffte. »Es geht uns allen gut, Harry. Es gibt keine Probleme.«
   Die Flügeltüre öffnete sich und zwei Hausmädchen kamen mit einem Servierwagen herein. Sie schöpften Suppe in Teller und boten diese an.
   Harry lächelte überheblich. »Das freut mich, zu hören.« Er schnippte ungeduldig mit den Fingern. »Wo bleibt mein Wein?«, knurrte er eines der Dienstmädchen an.
   Die Angesprochene zog den Kopf ein und eilte umgehend aus dem Speisesaal.
   »Wie läuft das Pferdesportzentrum, Lucy?«, fragte Mike beiläufig. Er deutete auf die mit Wasser gefüllte Kristallkaraffe, während er einem Hausmädchen in seiner Nähe einen drohenden Blick zuwarf. Sie beeilte sich, ihm einzuschenken.
   Lucy, die bereits begonnen hatte, ihre Suppe zu löffeln, hielt erschrocken inne und schluckte. Tom sah Angst in ihren sonst so frechen grünen Augen aufflackern. Hoffentlich machte sie ihre Sache gut, betete er stumm.
   Sie legte den Löffel weg und betupfte ihren Mund mit ihrer Stoffserviette. Tom erkannte, dass sie versuchte, sich zu sammeln.
   »Der Betrieb zieht deutlich an, Mike«, antwortete sie. »Wir bekommen ständig Anfragen von Leuten, die ihre Pferde bei uns einstellen und ausbilden lassen wollen. Wir sind mittlerweile dazu übergegangen, Wartelisten einzuführen.«
   Mike hob interessiert die Augenbrauen. »Das hört man gern. Woher kommt das wachsende Interesse?«
   Wieder schluckte Lucy. Ihr war die Leitung des Pferdesportzentrums anvertraut worden. Als Berufsreiterin oblag ihr die gesamte Verantwortung für diesen Bereich. »Das wissen wir noch nicht genau. Wir können momentan nur Vermutungen anstellen. Wir haben mehr und mehr finanzstarke Kunden aus München und Starnberg dazugewonnen. Möglicherweise hängt es mit Falcon Security Services zusammen. Kunden von FSS haben von Falkenstein gehört und wollen ihre teuren Pferde hier unterbringen. Das Gut hat, wie wir von Kunden hören, mittlerweile einen exzellenten Ruf, was vielleicht auch mit dem wachsenden kulturellen Angebot zusammenhängt, das in der Konzerthalle angeboten wird. Es scheint prestigeträchtig zu sein, bei uns seine Pferde einzustellen.«
   Harry grinste und wirkte einen Moment lang fast zufrieden. Gut Falkenstein war eine weitere Säule zur Aufrechterhaltung seiner seriösen Fassade. Je besser es lief, desto besser war es für ihn. »Und wie begegnet ihr diesem Ansturm?«, setzte er in einem Tonfall nach, der alle spüren ließ, dass er keine Schwächen duldete.
   Lucy sah verstohlen zu Tom. »Tom hat bereits durchgerechnet, wie sich der Anbau weiterer Stallungen auswirken würde.« Sie war froh, das Gespräch an ihn weitergeben zu können.
   Harry hob eine Augenbraue und sah zu Tom. »Tatsächlich?«, fragte er. Die Aversion gegen ihn strömte ihm aus allen Poren.
   Tom nickte und legte seinen Löffel weg. »Der Punkt ist, dass ein solcher Anbau weiterführende Konsequenzen hätte. Es würde mindestens eine zusätzliche Reithalle benötigt werden. Zudem wären weitere qualifizierte Bereiter notwendig, die dem Ruf Gut Falkensteins gerecht werden sollten. Das sind zeit- und kostenintensive Maßnahmen.«
   »Was kein Problem ist, wenn es sich auf Dauer lohnt«, warf Harry ein und beugte sich zur Seite, als das Hausmädchen endlich seinen Wein auf den Tisch stellte. Mit einer ungeduldigen Geste verscheuchte er sie und schenkte sich ein.
   »Die Sache ist die, dass die Nachfrage erst dieses Jahr derart angestiegen ist. Wir sind nicht sicher, ob sie auf diesem Niveau bleibt.« Tom sah Harry frostig ins Gesicht. »Daher haben wir uns vorerst zu einem Kompromiss entschlossen. Ein sogenannter Mobiler Service, bei dem Beritt und Reitunterricht außerhalb des Guts angeboten werden. Wir haben neue Bereiter eingestellt, die Lucy weiterbildet. Wenn das gut läuft, kann man immer noch über einen Anbau nachdenken«, schloss Tom.
   Das Hausmädchen griff zitternd nach seinem leeren Suppenteller. Klirrend rutschte Toms Löffel im Teller herum. Mit aufgerissenen Augen sah sie sich nach Harry um, doch er würdigte sie keines Blickes.
   Noch immer empfand Tom die bewusst herbeigeführte, innere Kälte, die ihm langsam den Hals zuschnürte. Er wandte den Blick von Harry ab und konzentrierte sich auf den Teller mit gefüllter Gänsebrust, der soeben vor ihm abgestellt wurde. Er hoffte, Harry würde ihn nun in Ruhe lassen.
   »Keine schlechte Idee, es auf diese Art zu versuchen«, erwiderte Mike. »Hätte ich dir gar nicht zugetraut, Tom.«
   Mike provozierte ihn. Er biss die Zähne zusammen und schloss kurz die Augen, um die Hitze, in ihm hochstieg, zu bekämpfen.
   Harry und Mike grinsten einander amüsiert an.
   Auch Rocky, der bisher geschwiegen hatte, sah herausfordernd in Toms Richtung. »Sag mal, Kleiner, was macht eigentlich die Schule?«
   Rocky meinte Dani, aber er wandte seinen Blick nicht von Tom ab. Tom erinnerte sich daran, dass Rocky noch eine Rechnung mit ihm offen hatte.
   Aus den Augenwinkeln sah er, wie sich Dani anspannte.
   »Daniel schreibt sehr gute Noten. Es gibt nichts zu beanstanden«, erläuterte Erik und blickte argwöhnisch in Rockys Richtung.
   »Ich habe den Zwerg gefragt, nicht dich, du Schwuchtel!«, blaffte Rocky. »Also, was ist jetzt, Kleiner, kannst du selbst sprechen, oder muss ich es erst aus dir rausquetschen?«
   Harry schob belustigt die Lippen vor. Frank seufzte indessen gelangweilt und griff nach seinem Weinglas, das er in einem Zug leerte. Paul sah auf seine Uhr und stopfte seine Pfeife.
   Dani begann zu zittern. Seine Augen wurden feucht. Er sah sich Hilfe suchend zu Erik und Jessica um.
   Die Hitze, die Tom gerade noch erfolgreich bekämpft hatte, stieg erneut hoch. Sein Puls beschleunigte sich und das Blut rauschte in seinen Ohren wie das unablässige Pochen einer offenen Wunde. Rocky war so ein mieses Schwein! Er benutzte Dani rücksichtslos, nur um ihn zu provozieren.
   Urplötzlich stand Tom auf, stemmte die Hände auf die Tischplatte und funkelte Rocky wütend an. Das schnarrende Geräusch der Stuhlbeine auf dem weißen Marmorfußboden zerriss die schneidende Atmosphäre und zog die Aufmerksamkeit aller auf sich. Tom bebte vor Zorn.
   »Willst du uns irgendetwas sagen, Tom?«, fragte Harry und zog eine Augenbraue hoch.
   Toms Blick fiel auf Erik. Erschrocken schüttelte er den Kopf und bedeutete Tom mit den Augen, sich sofort wieder hinzusetzen.
   Die Hausmädchen hatten aufgehört zu servieren und beobachteten voller Furcht die Szenerie. Eine angespannte Stille breitete sich im Speisesaal aus.
   Mit zusammengekniffenen Augen blickte Tom Rocky schwer atmend an. Er wusste, was auf dem Spiel stand. Wenn er sich jetzt hinreißen ließe, riskierte er einen Gewaltausbruch und dabei konnte er nur verlieren. »Ich muss zur Toilette«, murmelte er und drehte sich jäh um. Er musste sich beherrschen, um nicht aus dem Speisesaal zu rennen.
   Er hatte es so satt! Diese miesen Schweine! Sein Zorn schnürte ihm den Hals zu. Wütend rupfte er an seiner Krawatte. Wieso schaffte er es nie, ruhig zu bleiben? Er konnte fast alle Gefühle auf Knopfdruck abschalten, meist sogar die Angst vor dem Tod, doch die Wut kam immer wieder hoch. Als er über den Flur lief, bemerkte er, dass ihm einer der Sicherheitsmänner hinterherging. »Was ist?«, rief er. »Willst du mir beim Pinkeln helfen?«
   Der Mann verzog keine Miene und folgte ihm wortlos weiter.
   In der Toilette angekommen, riss Tom das Fenster auf und atmete tief durch. Mit zitternden Händen griff er nach seinen Zigaretten und zündete sich eine an. Er setzte sich auf das Fenstersims und versuchte, sich zu beruhigen.
   Wie konnte er sich nur jedes Mal so provozieren lassen, wo er doch wusste, dass sie ihn absichtlich reizten? Tom spürte wieder den bekannten Schmerz, der sich in seiner Magengegend ausbreitete. Heute würde er ganz sicher nichts mehr essen können. Er saß eine Weile schweigend da und versuchte, seine Atemfrequenz zu regulieren, während er über seine Situation nachdachte. Er wusste, dass es aus dieser Hölle, in der er lebte, keinen Ausweg gab. Harry und Mike hatten ihm eindrucksvoll gezeigt, was passierte, wenn er versuchte, sich diesem Leben zu entziehen. Oft hatte er sich gewünscht, es einfach akzeptieren zu können, so wie Erik oder Jessica. Es wäre so viel einfacher. Doch er wusste, dass er dann nur noch die leere Hülle seiner selbst gewesen wäre. Eine Maschine, die funktionierte, innerlich abgestumpft, so wie Rocky oder Frank. Aber er wollte nicht so menschenverachtend und gefühlsroh werden wie sie, denn dann hätte er sich selbst verraten. Mit seiner Wut bewies er sich jedes Mal aufs Neue, dass ihm zumindest seine Familie nicht egal war. Nur so schaffte er es, das letzte bisschen Selbstachtung zu bewahren, das ihm geblieben war.
   Er seufzte und musterte gedankenverloren seine Hand, die die Zigarette hielt. Sie hatten ihn vor vielen Jahren in Ketten gelegt. Unsichtbare Ketten, mit denen sie jeden seiner Schritte kontrollieren konnten. Ein Wunder der Technik. Als sie ihm den winzig kleinen GPS–Chip in die Hand implantierten, hatte er sich nicht einmal gewehrt. Was hätte es ihm auch genützt?
   Er lehnte den Kopf an die Fensterwange hinter ihm und schloss für einen Moment die Augen. Er merkte, wie sein Puls ruhiger wurde. Er wusste, er müsste wieder in den Speisesaal zurück. Tom würgte mühsam die Wut hinunter, schnippte die Zigarette nach draußen und sprang vom Fenstersims.
   Gedankenverloren drehte er den Wasserhahn auf und schöpfte sich mit beiden Händen kaltes Wasser ins Gesicht. Als er sich wieder aufrichtete, betrachtete er sich eine Weile im Spiegel. Er war blass und die Schatten unter seinen blauen Augen waren tief und dunkel. Er sah kaputt und fertig aus. Konnte er irgendetwas Freundliches, Liebenswertes an sich entdecken? Er fühlte sich hundeelend, als er daran dachte, wie er denen, die er liebte, wehtat und immer wieder zuließ, dass sie seinetwegen litten. Wie auch jetzt wieder.
   Wieso war er weggegangen und hatte die anderen mit Harry und seinen Leuten allein gelassen? Hätte er seinen Vater oder Rocky weiter provoziert, hätten sie ihm die Behandlung zuteilwerden lassen, die er verdient hatte. Schmerz gab ihm oft ein Gefühl der Erleichterung. Wenn ihm Gewalt angetan wurde, empfand er es als einen Akt der Vergeltung gegen sich selbst. Nur dann spürte er wenigstens für einen Moment so etwas wie inneren Frieden.
   Tom war seltsam ruhig, als er, gefolgt von seinem Aufpasser, in den Speisesaal zurückkehrte. Mittlerweile war die Atmosphäre gelockerter. Es wurden unabhängig voneinander mehrere Gespräche geführt, sodass Toms Rückkehr nur kurz registriert wurde. Als er sich wieder setzte, nickte er Erik mit einem schiefen Lächeln zu.
   »Möchten Sie Nachtisch?«, fragte ein Hausmädchen leise in gebrochenem Deutsch. Schüchtern sah sie ihn an.
   Tom hatte sie noch nie gesehen. »Nein, vielen Dank.« Er sah, dass die meisten am Tisch ihr Dessert bereits aufgegessen hatten.
   Abrupt stand Harry auf. »Wir sind hier fertig«, verkündete er. »Erik, Pit und Tom, ihr kommt in mein Arbeitszimmer, mit euch habe ich noch zu reden.« Damit drehte er sich um und verschwand aus dem Speisezimmer.
   Mike und die anderen folgten ihm. Nur Toms Familie blieb zurück.
   Es breitete sich Stille aus. Einer blickte zum anderen, als letztlich alle langsam aufstanden.
   »Mann, Tom, ich hatte Angst, du vergisst dich!«, sagte Erik ungehalten, als sie allein waren.
   »Ich auch«, gab Tom zu und lächelte verlegen.
   »Wir sollten gehen«, warf Pit ein. »Ich will keinen Ärger riskieren.« Er warf einen Blick auf Lucy. »Und ihr seht zu, dass ihr nach Hause kommt«, fügte er barsch hinzu. »Ich will euch aus der Schusslinie haben.«
   Lucy trat an ihn heran und küsste ihn sanft. »Pass auf dich auf«, flüsterte sie ihm ins Ohr, doch Tom hörte es trotzdem.
   Jessica gab Erik einen wortlosen Kuss. Dann nahm sie Dani an der Schulter und führte ihn aus dem Zimmer. Lucy folgte ihnen.
   Tom sah ihnen einen Moment hinterher, ehe er, ganz in Gedanken, seinem Bruder und seinem Cousin ins untere Stockwerk folgte. Er fühlte sich unendlich einsam.
   Vor der Tür des Arbeitszimmers standen die Sicherheitsmänner, die bereits die Tür des Speisesaals flankiert hatten.
   Erik wollte an ihnen vorbei, als sie sich ihm in den Weg stellten. »Du wartest«, befahl der eine. »Der da soll zuerst rein.« Er deutete auf Tom.
   Erik trat einen Schritt zurück und warf Tom einen vielsagenden Blick zu.
   Tom nickte dem Sicherheitsmann zu und betrat das Arbeitszimmer.
   Harry saß an seinem überdimensional großen Mahagonischreibtisch und rauchte Zigarre. Mike lehnte lässig dagegen und rauchte ebenfalls. Frank stand an der Bar und genehmigte sich einen Whiskey, während Rocky auf einem braunen Chesterfieldsofa lag und gelangweilt an seinen Fingernägeln herumpulte. Paul konnte Tom nirgendwo ausmachen. Zwei weitere Sicherheitsmänner standen unauffällig im hinteren Teil des Zimmers und beobachteten die Szenerie.
   Tom stellte sich in gebührendem Abstand vor den Schreibtisch, verschränkte die Arme vor der Brust und wartete. Er nahm sich fest vor, sich von ihnen nicht herausfordern zu lassen. Er würde ihnen keine Gelegenheit dazu geben.
   Sein Vater grinste. »Hast du mir nichts mitzuteilen, Tom?« Er nahm feixend einen Zug von seiner Zigarre und legte betont lässig die Beine auf den Schreibtisch.
   Tom starrte auf Harrys Schuhsohlen. »Du meinst die Sache mit Bachmann?«
   »Du bist ein schlaues Bürschchen.« Harrys Tonfall klang gefährlich. »Also, was ist nun?«
   »Ich habe die Sache erledigt«, erklärte Tom bitter. »Und die Sache mit Lipinski auch. Ich bin sicher, er wird in Zukunft keine Schwierigkeiten mehr machen.«
   Mike stieß sich vom Schreibtisch ab und ging zu Tom, der noch immer wie angewurzelt dastand. Er umkreiste ihn wie ein Hai auf Beutezug, während er sprach. »Und wann war das genau?« Er nahm einen Zug und blies Tom den Rauch ins Gesicht.
   Tom blinzelte und versuchte, das Spiel seines Onkels zu ignorieren. »Gestern Abend. Ich musste viel koordinieren, wegen Lipinski, deshalb ging es nicht schneller.«
   »Wie hast du es angestellt?«, fragte Mike, während er weiter langsam und lauernd um Tom herumstrich.
   Tom fühlte die Angst, die in ihm hochkroch. Er versuchte verzweifelt, sie hinunterwürgen, doch es gelang ihm nicht. Wo war sein kaltes Herz geblieben? »Wie ihr es wolltet, ich habe ihn vergiftet.« Seine Bitterkeit wuchs.
   »Und Lipinski?« Harry war nun auch aufgestanden und näherte sich ihm.
   Toms Angst wurde stärker. Er riss sich zusammen, er durfte sich nichts anmerken lassen. Es kostete ihn viel Kraft, doch er schaffte es, im nüchtern-sachlichen Tonfall zu antworten. »Ich habe ihn zusehen lassen.«
   So etwas gefiel Harry. Anerkennend nickte er Tom zu. Doch dann, wie bei einem aufziehenden Gewitter, veränderte sich Harrys Gesichtsausdruck. Er und Tom standen nun Nase an Nase. Tom roch Harrys Atem, diese typische Mischung aus Tabak und Whiskey.
   »Und wann, verdammt noch mal, hattest du vor, mir das mitzuteilen, du Wichser?«
   Unwillkürlich wich Tom ein paar Schritte zurück. Harry schnippte mit den Fingern, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Schlagartig wurden Toms Arme nach hinten gerissen und mit eisernem Griff von den zwei Sicherheitsmännern festgehalten. Er versuchte instinktiv, sich frei zu winden, doch sie packten noch stärker zu. Er wusste, es hatte keinen Zweck.
   Frank beobachtete mit finsterem Blick das Spektakel und trat ganz nah an Tom heran. »Schau dir mein Gesicht an. Was fällt dir dazu wohl ein?«
   Tom schluckte. »Du bist verletzt.«
   »Mhm. Du bist wirklich ein schlaues Bürschchen.« Er nippte an seinem Whiskeyglas und fixierte Tom. Die Eiswürfel schlugen klirrend gegen das Glas. »Hättest du uns früher Bescheid gegeben, wäre ich vielleicht vorbereitet gewesen.«
   »Ich verstehe nicht …«, begann Tom, doch er wurde jäh unterbrochen.
   »Das brauchst du auch nicht, du Hurensohn«, schrie Frank. Er stellte sein Glas auf dem Schreibtisch ab, lief zu ihm zurück, fasste ihn an der Schulter und zog ihn zu sich her. »Glaub mir«, flüsterte er ihm scharf ins Ohr, »wenn du noch so eine Sache bringst, lasse ich dich dein eigenes Grab schaufeln, bevor ich dich abknalle.«
   Tom zweifelte nicht daran, dass er es ernst meinte.
   Dann holte Frank aus und verpasste ihm mit stählerner Faust mehrere Schwinger in die Magengegend.
   Tom blieb die Luft weg. Ein brennender Schmerz wallte in ihm auf. Ihm wurde für einen Moment schwarz vor Augen. Seine Beine knickten ein. Die Sicherheitsmänner mussten ihn stützen, sonst wäre er zu Boden gefallen. Mühsam schnappte er nach Luft.
   »Du wirst wahrscheinlich vor Jahresende noch einen sehr wichtigen Auftrag bekommen.« Sein Vater tippte sich nachdenklich an die Lippen, während er vor Tom auf und ab ging.
   »Vermutlich einer der wichtigsten, die du je bekommen hast. Es geht darum, eine bedeutsame Information von jemandem zu erhalten, ehe du ihn tötest. Du wirst nicht versagen, verstanden?« Harry blieb stehen und versuchte, ihm in die Augen zu sehen, doch Tom fiel es schwer, etwas zu fokussieren.
   »Ich habe noch nie versagt«, keuchte er.
   »Schafft ihn mir aus den Augen«, raunte Harry den Sicherheitsmännern zu.
   Sie schleiften Tom zur Tür und stießen ihn rüde hinaus. Er stolperte auf den Flur und fiel Pit direkt in die Arme.
   »Hey, hey«, rief er beschwichtigend, als er ihn auffing. »Ist alles in Ordnung mit dir?«
   Tom nickte matt.
   Pit führte ihn zu den Stufen der gewaltigen Jugendstiltreppe und setzte ihn vorsichtig ab.
   Erik war mittlerweile im Arbeitszimmer verschwunden. Sie hatten ihm keine Zeit für Gefühlsduseleien gegeben.
   »Was ist passiert?«, wollte Pit wissen. Er stand vor ihm und stützte sich mit einer Hand am Geländer ab.
   Tom suchte zitternd nach seinen Zigaretten. Als er sie in seinem Jackett gefunden hatte, versuchte er vergeblich, sich eine anzuzünden.
   Pit nahm ihm die Zigarette aus der Hand und zündete sie für ihn an. »Hier.«
   »Danke«, flüsterte Tom und nahm einen tiefen Zug. Als er sich ein wenig beruhigt hatte, blickte er zu Pit. »Irgendwas ist vorgefallen, ich weiß nicht genau, was, aber Harry und Mike geht der Arsch auf Grundeis. Sei vorsichtig, wenn du reingehst.«
   Pit nickte angestrengt. »In Ordnung.« Er überlegte kurz und sah über Tom hinweg, bevor er sich ihm wieder widmete. »Hast du zumindest eine Ahnung, worum es gehen könnte?« Er war sichtlich beunruhigt.
   Tom schüttelte stumm den Kopf und beugte sich nach vorn. Sein Magen krampfte noch immer und ihm war nicht klar, ob ihn seine Beine schon wieder trugen.
   »Es ist eigenartig, dass sie mit uns allen Dreien sprechen wollen«, sinnierte Pit mit gerunzelter Stirn.
   »Mir ist schleierhaft, was sie von Erik wollen«, keuchte Tom gepresst. Er sah auf.
   Pit bedachte ihn mit einem seltsam abweisenden Blick. »Du solltest nach Hause gehen. Glaubst du, du schaffst das?«
   Tom wollte ihm antworten, als sich die Tür des Arbeitszimmers öffnete.
   »Erik, das ging aber schnell …« Pit hob verwundert die Augenbrauen.
   »Du bist dran«, murmelte er nur. »Bei dir wird es vermutlich länger dauern.«
   Pit nickte kurz und verschwand ins Arbeitszimmer.
   Wussten denn alle besser Bescheid als er? Tom schüttelte innerlich den Kopf. Er konnte nur vermuten, was Pits Aufgabe innerhalb des kriminellen Netzwerks war. Aber bei Erik war er sich nie sicher gewesen, ob er überhaupt eine Funktion hatte. In diesem Moment fühlte sich Tom auf eine seltsame Weise ausgeschlossen. Anscheinend wussten Pit und Erik voneinander mehr, als Tom ahnte.
   Erik trat an ihn heran. »Glaubst du, du kommst auf die Beine? Ich will so schnell wie möglich von hier verschwinden.«
   Tom nickte und versuchte, sich am Treppengeländer hochzuziehen. Ihm war übel, als er schließlich mit weichen Knien vor Erik stand.
   »Komm, Kleiner, ich helfe dir«, sagte Erik sanft lächelnd und nahm Toms Arm über seine Schulter. Es war eine vertraute Geste, die Tom guttat.
   Gemeinsam verließen sie die Villa und traten langsam hinaus in die sternenklare Nacht.

Kapitel 9

Tom war so sehr in die Lohnbuchhaltung vertieft, dass er das Klopfen an seiner Bürotür überhört haben musste.
   »Ähm, Herr Oldenburg, Frau Merano ist da.« Ruth stand im Türbogen und sah auffordernd zu ihm herüber.
   »Bitten Sie sie herein.« Sein Magen schmerzte noch immer, obwohl ihm Jessica weitere Medikamente gegeben hatte. Nur am Rande nahm er das Klappern von Absätzen wahr und nippte an seinem Kamillentee. An Kaffee war nicht zu denken. »Pfff …« Der Tee war brennend heiß.
   »Guten Morgen«, sagte Mia und lächelte.
   Als er zu ihr aufsah, verschlug es ihm für einen Moment die Sprache. Mit ihrem südländischen Temperament hatte sie ihn tags zuvor schon für sich eingenommen. Aber heute war ihr Ärger verraucht und sie strahlte etwas derart Positives aus, dass es ihm den Atem raubte.
   »Diesmal ordentlich gekleidet und ohne Flecken.« Sie strich mit einer kurzen Handbewegung über ihre Jeans. »Der Tipp mit dem Backofenreiniger ist übrigens phänomenal.« Sie grinste. »Darf ich mich setzen?«
   Tom erwachte aus seiner Starre. »Natürlich.« Er räusperte sich, setzte sich aufrechter hin und wies auf den Stuhl, auf dem sie bereits gestern gesessen hatte. Es fiel ihm schwer, den Blick von ihr abzuwenden. Schnell suchte er auf seinem Schreibtisch nach dem Arbeitsvertrag. »Hier«, er schob ihn lächelnd zu ihr hinüber. »Lesen Sie ihn in Ruhe durch.«
   Mia lächelte kurz zurück.
   Tom nahm seine Ausfertigung des Vertrags zur Hand und versuchte, ihn ebenfalls durchzulesen, um sich zu sammeln und sich irgendwie von ihr abzulenken, aber er konnte sich nicht konzentrieren.
   Was war nur los mit ihm? Normalerweise benahm er sich in beruflichen Situationen immer professionell, egal, wie attraktiv seine Geschäftspartnerinnen waren. Und auch privat hatte er noch nie Schwierigkeiten gehabt, Frauen gegenüber souverän aufzutreten.
   Außer vielleicht, was Mona betraf. Er erinnerte sich an seinen schmerzenden Schamhügel.
   Mia riss ihn aus seinen Gedanken. »Der Vertrag ist in Ordnung so.« Sie griff nach einem Stift und unterschrieb ihn zügig.
   Sie war wirklich bezaubernd. Und irgendwie ganz anders als die Frauen, die er kannte. Wenn es um Beziehungen ging, war Tom meist auf Distanz bedacht. Eigentlich wünschte er sich nur eine schnelle Nummer, wollte einen perfekten Körper im Bett und dann schleunigst verschwinden. Emilia Merano jedoch war keine, die sich das bieten ließ, da war er sicher. Und er musste sich eingestehen, dass ihn das verwirrte. Aber der Gedanke, sie nun häufig in seiner Nähe zu haben, gefiel ihm sehr. Denn eins war ihm klar – langweilig würde es mit dieser Frau auf keinen Fall werden. Er zwang sich, wieder auf die Papiere zu schauen.
   Reiß dich zusammen, Oldenburg, sie ist deine Angestellte! Er räusperte sich. »Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen jetzt Ihr Apartment zeigen«, sagte er, als er den Arbeitsvertrag in eine Ablage auf seinem Schreibtisch legte.
   »Sehr gern.« Mia nickte und stand auf.
   »Kommen Sie.« Tom begleitete sie auf den Flur und half ihr in ihre braun-beige Tweedjacke, bevor er seine Feldjacke nahm und ihr aus dem Verwaltungsgebäude folgte.
   »Ihr Apartment ist hier schräg gegenüber, oberhalb der alten Schmiede.« Er deutete auf ein längliches Gebäude, das, wie der Rest von Gut Falkenstein, in einem warmen Gelb gehalten war.
   »Das sieht malerisch aus«, bemerkte sie.
   »Na ja, wenn Sie samstags morgens ausschlafen wollen und die Geräusche aus der Schmiede unter Ihnen Sie davon abhalten, werden Sie das nicht mehr so malerisch finden.«
   »Ich bin keine Langschläferin«, antwortete sie mit einem Augenzwinkern.
   Tom lächelte. Es wunderte ihn, wie oft ihn diese junge Frau bereits zum Lächeln gebracht hatte. Er spürte, wie sich eine ungewohnte Wärme in ihm ausbreitete. Sie war eine gute Wahl.
   Als sie an der Schmiede ankamen, öffnete Tom einen Seiteneingang an der Stirnseite des Gebäudes. Eine alte Holztreppe führte ins Obergeschoss. »Hier entlang.«
   Er ließ sie vor sich die alte Treppe hinaufsteigen. Die Treppe war wirklich alt, musste vor zirka hundert Jahren eingebaut worden sein, denn sie ächzte und knackte wie ein altes Zugpferd, das es nicht mehr lange machte. Zudem war sie so steil, dass er Mias Po direkt vor seinen Augen hatte. Er genoss den Anblick der weiblichen Rundungen, die in ihrer eng anliegenden Jeans voll zur Geltung kamen. Krampfhaft verbot er sich, selig zu grinsen, als er eine Zimmertür aufschloss und Mia an sich vorbeiließ. »Es ist nicht gerade luxuriös, aber …«
   »Es ist fantastisch!«, unterbrach sie ihn, während sie sich umsah.
   Das unmöblierte Einzimmer-Dachapartment hatte tatsächlich seinen eigenen Charme, doch es war schlicht ausgestattet. Es bestand aus einem etwa fünfzig Quadratmeter großen Raum mit holzverkleideten Dachschrägen, einer alten Küchenzeile und einem braun-grau melierten Teppichboden. Es war sauber, aber sowohl der Teppich als auch die Holzverkleidung wiesen deutliche Spuren vorheriger Bewohner auf. Das einzige Fenster an der Frontseite ließ spärliches Licht herein. Mia lief darauf zu, öffnete es und sog tief die klare Morgenluft ein.
   »Und hier ist das Bad.« Tom drehte sich um und deutete auf eine halb offene Tür im hinteren Bereich des Apartments. »Es ist alt und nicht gerade groß, aber zweckmäßig.«
   Mia drehte sich zu Tom um. Ihre Augen glänzten vor Freude, als sie mit beiden Händen seine Hand ergriff. »Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie mich eingestellt haben.«
   Tom erstarrte. Sein Leben war erfüllt von so viel Kälte und Gewalt, dass er im Moment nicht wusste, wie er mit einer solch überschwänglichen Freude und Leichtigkeit umgehen sollte. Ihre zarten Hände hielten seine und ihr Duft … Ein leichter, fruchtiger Hauch ihres Shampoos wehte zu ihm herüber.
   Mia bemerkte seine Starre und zog abrupt ihre Hände zurück. »Entschuldigung«, stammelte sie, »ich wollte Sie nicht in Verlegenheit bringen …«
   Tom erwachte aus seiner Bewegungslosigkeit. Er war verwirrt, doch das durfte er nicht zulassen. Verdammt, Oldenburg! Er war ihr Chef! »Na ja, ich denke, in dieser Angelegenheit haben Sie noch einiges gut bei mir.«
   Sie lachte, doch dann entstand ein peinliches Schweigen, das Tom schließlich durchbrach.
   »Hier ist Ihr Schlüssel. Sie können das Apartment ab sofort nutzen, wenn Sie wollen. Ich sehe Sie am Montag im Büro.« Damit drehte er sich um und verließ das Zimmer. Es wollte ihm einfach nicht in den Kopf, wie sehr ihn Emilia Merano aus dem Konzept brachte.

Kapitel 10

Mia trommelte im Rhythmus der Musik von Linkin Park auf das Lenkrad ihres roten, neunzehn Jahre alten Toyota Starlet. Durch einen kurzen Blick in den Rückspiegel versicherte sie sich, dass ihr Rainer mit seinem Audi Kombi und Anhänger noch folgte. Gott sei Dank half er ihr beim Umzug, denn ohne ihn hätte sie nicht gewusst, wie sie ihre Möbel und persönlichen Sachen nach Gut Falkenstein bringen sollte. Ihre Mutter und ihre Schwester konnten ihr Kosmetikstudio samstags nicht einfach schließen und ihr Stiefvater arbeitete in einer kleinen Autowerkstatt, die ebenfalls am Samstag geöffnet hatte. Sie war froh, dass sich Rainer bereit erklärt hatte, mit anzupacken, sodass sie nicht sonntags auf den letzten Drücker umziehen musste.
   Sie bog auf das Gutsgelände ab und hielt vor dem Nebeneingang der Schmiede. Als sie ausgestiegen war, knirschte der Kies unter ihren Turnschuhen. Sie betrachtete ihr erstes eigenes Zuhause. Die Herbstsonne brachte den warmen Gelbton der Fassade zum Leuchten. In der Schmiede unter ihrem Apartment wurde geschäftig gearbeitet. Mia sah angebundene Pferde, hörte das Hämmern auf dem Amboss und roch den charakteristischen Geruch verbrannten Hufhorns.
   Sie lächelte bei diesem Anblick und musste an das Wort denken, das sie zu ihrem Chef gesagt hatte, als er ihr das Apartment gezeigt hatte. Malerisch, ja, das war es. Sie freute sich schon darauf, die Schmiede in einer Bleistiftzeichnung zu konservieren.
   Rainer, der mit seinem Gespann neben ihr parkte, stieg aus und kam zu ihr herüber. Abschätzig musterte er die Umgebung. »Hier wohnst du also in Zukunft.« Er verzog die Mundwinkel und stemmte die Hände in die Hüften.
   Mia lachte und stemmte ihrerseits die Hände in die Hüften. Sie wusste, dass er sie nur neckte. »Ja, was dagegen?«
   Rainer schmunzelte. »Ja, denn jetzt kann ich nicht einfach nach nebenan, um dir den Kopf zu waschen, wenn es nötig ist.«
   »Als ob das je nötig wäre. Als Kind habe meistens ich auf dich aufgepasst, damit du keine Dummheiten machst.«
   »Moment mal, ich bin der Ältere von uns beiden«, beschwerte er sich mit erhobenem Zeigefinger, doch Mia war bereits hinter dem Anhänger verschwunden und öffnete die Ladeklappe.
   »Quatsch nicht so viel herum, es liegt viel Arbeit vor uns. Ich will heute Abend fertig sein, bevor wir uns mit Ruth und Walter im Eagles treffen.«
   Rainer äffte ihre Rede stumm nach, während er zu ihr hinter den Hänger trat.
   Mia stieß ihm sanft ihren Ellenbogen in die Rippen. »He, das habe ich gesehen!«
   Er fasste sich theatralisch in die Seite. »Aua, du bist ja schlimmer als meine Mutter.«
   »Viel schlimmer, glaub mir«, drohte sie, als sie schließlich die Klappe des Hängers geöffnet hatte und die Verzurrung der Möbel löste. Doch die Bänder waren so fest gespannt, dass ihre Kraft kaum reichte.
   Rainer schob Mia behutsam beiseite. »Lass mich das machen. Du kannst ja schon mal den Kleinkram aus deinem Auto hochbringen.«
   Mia nickte und lief zum Kofferraum ihres Autos. Sie musterte Rainer aus den Augenwinkeln. Sie mochte ihn wirklich sehr, aber das Gefühl, das sie für ihn empfand, war nicht von freudig stiller Erwartung begleitet. Es wollte einfach keine Leidenschaft in ihr aufkeimen. Kannten sie sich einfach schon zu lange?
   Gedankenverloren wühlte sie im Kofferraum ihres Autos herum. Möglicherweise war es ja unrealistisch, zu glauben, dass Amors Pfeil sie irgendwann mitten ins Herz traf. Sie war jetzt zweiundzwanzig und noch nie in ihrem Leben ernsthaft verliebt gewesen.
   Plötzlich tauchte Tom Oldenburg vor ihrem inneren Auge auf. Sie hatte die letzten Tage häufiger an ihn gedacht. Sein Blick war so widersprüchlich und tief gewesen, dass sie ihn nicht vergessen konnte. Mia schüttelte den Kopf. Ein Mann wie er würde sich nie zu ihr hingezogen fühlen. Er sah umwerfend aus, fast unwirklich makellos, wie ein Model aus einem Hochglanzmagazin. Zudem war er reich, seine Familie hatte Einfluss, und die Frauenwelt lag ihm sicherlich zu Füßen. Sie war klein und unscheinbar und dazu froh, wenn sie am Monatsende kein Minus auf dem Konto hatte.
   Mia seufzte und nahm die erste Kiste aus ihrem Auto, um sie zum Hauseingang zu schleppen. Vermutlich müsste sie einfach nur versuchen, Rainer nicht wie einen Nachbarsjungen zu sehen, den sie wie einen Bruder liebte.
   Liebe war ja nicht das, was in Hollywoodfilmen propagiert wurde, mit schmachtenden Blicken, zitternden Knien und alldem. Liebe war etwas Handfesteres. Zumindest redete sie sich das gerade ein.
   Sie kramte in ihrer Jackentasche nach dem Schlüssel und schloss die Tür auf. Langsam stieg sie Stufe um Stufe die steile Treppe hinauf. Sie ächzte, als sie die Kiste vor der Zimmertür abstellte, und rieb sich die Hände. Ihre Finger waren taub geworden. Sie spürte noch immer die Kante des Kartons.
   Als sie ihr neues Domizil betrat, atmete sie tief durch. Ein Lächeln huschte über ihre Lippen. Sie breitete die Arme aus und drehte sich so oft um sich selbst, bis ihr schwindelte. Keuchend kam sie an der Stirnseite des Zimmers zum Stehen. Sie hielt sich einen Augenblick am Fensterbrett fest, bis der Anfall vorüber war. Als sie aus dem Fenster sah, fiel ihr Blick auf eine große, alte Scheune, doch als sie sich ein wenig nach links wandte, sah sie das großzügig sanierte Bauernhaus, in dem ihr Chef wohnte. Ob er wohl zu Hause war?
   »Mia, wo bleibst du denn?«, rief Rainer von unten. »Ich dachte, du wolltest bis heute Abend fertig werden?«
   »Ich komme«, rief sie und eilte hinunter.
   Er war damit beschäftigt, Möbelteile auszuladen und gegen die Seitenwand des Anhängers zu stellen. »Du kannst schon mal die kleineren Teile nach oben tragen.«
   Mia musterte Rainer abermals. In Gedanken verglich sie ihn mit Tom. Rainer war nicht so groß, mindestens zehn Zentimeter kleiner und trotz seines Berufs als Polizist bei Weitem nicht so muskulös wie Tom. Seine Züge waren nicht so hart, sondern strahlten eine behagliche Wärme aus. Die Fältchen um seine Augen verrieten, dass er gern lachte.
   Rainer hielt inne und kratzte sich nachdenklich am Kopf. Seine Geheimratsecken waren nicht zu übersehen, aber er versuchte, sie zu kaschieren, indem er sein hellbraunes Haar darüberkämmte. »Ähm, Mia, ist irgendwas? Du schaust mich heute schon den ganzen Tag so seltsam an.«
   Mia errötete. Sie fühlte sich ertappt. »Nein, nein«, stotterte sie, »ich bin nur ein wenig nervös, weil ich zu Hause ausziehe, nichts weiter.«
   Rainer blickte sie zweifelnd an, erwiderte aber nichts.
   Sie schnappte sich das erstbeste Teil des Kleiderschrankes und lief die Treppe nach oben.
   Einige Zeit arbeiteten sie schweigend, bis Rainer, der bereits dabei war, den ersten Schrank zusammenzubauen, plötzlich zu fluchen anfing. »Verdammt noch mal!«
   »Was ist?«
   »Mir fehlen hier an die tausend Schrauben. Wo hast du diesen Schrank eigentlich her?« Verärgert warf er den Akkuschrauber in seine Werkzeugkiste.
   »Von meiner Oma, wieso?«
   Rainer stand auf und sah verdrossen auf die Einzelteile des alten Kleiderschranks. Er klopfte sich die Hände an seiner Jeans ab. »Na, da werde ich jetzt zum Baumarkt fahren dürfen. Kommst du so lange ohne mich zurecht?« Skeptisch blickte er sie mit hochgezogenen Brauen an.
   »Du Macho! Als ob ich ohne dich nicht klarkäme!« Sie lachte.
   »Schon gut.« Rainer schmunzelte ebenfalls. »Ich dachte, ich frag dich besser.« Er drehte sich um und stieg die Treppe hinunter.
   Mia putzte ihre kleine Küche und räumte die Vorräte ein, die sie am Tag zuvor eingekauft hatte. Als sie fertig war, blickte sie auf ihre Uhr. Wo blieb Rainer nur? Sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er sich wahrscheinlich wieder irgendwo festgequatscht hatte.
   Seufzend stieg sie die Treppe hinunter und sah sich zwischen ihrem Wagen und dem Anhänger um. Es waren noch immer einige Kisten hinaufzutragen und so griff sie in den Hänger und zog die erstbeste zu sich. Sie war schwer, doch Mia war stur. Als ob sie es nicht ohne Rainer schaffen könnte. Pah! Sie stemmte die Kiste gegen ihre Hüfte und hielt die Luft an, als sie langsam einen Schritt zurücktrat. Zu spät merkte sie, dass sie das Gewicht unterschätzt hatte. Ihre Arme zitterten und die Kiste drückte ihr schmerzhaft in die Leiste. Sie taumelte rückwärts. Als sie sich gerade fragte, was die Kiste enthielt, spürte sie, wie sie ihr langsam durch die Finger glitt.
   Ihr Geschirr!
   Sie prallte auf etwas Weiches und starke Arme griffen unter ihr hindurch nach der Kiste. Noch bevor sie sah, wer es war, roch sie das herbe Aftershave ihres neuen Chefs.
   »Vorsicht«, sagte er nur, während er die Kiste ausbalancierte.
   Mia fühlte seinen Körper an ihrem Rücken. Am liebsten wäre sie stehen geblieben und hätte ihn noch länger gespürt. Es war ein wunderbarer Moment, doch seine Stimme riss sie aus ihrer Schwärmerei.
   »Frau Merano, könnten Sie vielleicht unter mir wegtauchen, sonst fällt mir noch alles aus der Hand.« Seine Stimme klang kraftvoll und es war, als ob ihr Ton ihr gesamtes Innenleben streicheln würde.
   Mia bekam eine Gänsehaut. »Natürlich«, flüsterte sie verlegen und tat, worum er sie gebeten hatte.
   Tom hatte die Kiste noch immer nicht sicher im Griff und so ging er langsam in die Knie und stellte sie vorsichtig am Boden ab. Als er sich wieder aufrichtete, sah er Mia belustigt an. »Da haben Sie sich wohl ein bisschen zu viel vorgenommen.«
   »Das glaube ich auch. Wenn Sie nicht gewesen wären, hätte ich um ein Haar mein gesamtes Geschirr kaputtgemacht.
   »Kein Problem, ich helfe gern. Soll ich Ihnen die Kiste ins Apartment tragen, bevor Sie noch eine mittlere Katastrophe verursachen?« Tom schmunzelte.
   Sie musste gegen ihren Willen lächeln. »Das wäre sehr nett.«
   Er ging erneut in die Knie, stemmte die Kiste hoch und trug sie ins Gebäude. Mia folgte ihm und musterte auf der Treppe das Spiel seiner durchtrainierten Pobacken.
   Nachdem er die Kiste abgestellt hatte, sah er sich um. »Sie haben noch gut zu tun, so wie es aussieht.«
   Mias Herz pochte heftig, als sie ihm in die Augen sah. Wieso nur konnte sie nicht unbefangen mit ihm umgehen? »Ich weiß. Ich muss mich ranhalten.« Zu längeren Sätzen war sie kaum imstande.
   Ein unangenehmes Schweigen entstand.
   Schließlich räusperte er sich und sah auf seine Uhr. »Ich bin heute bei uns zu Hause mit Kochen dran. Das ist leider keine meiner großen Stärken. Wenn ich mich nicht beeile, dann endet das vermutlich bei mir in einer mittleren Katastrophe …« Er seufzte und wollte sich gerade in Bewegung setzen, als sich vom Treppenhaus Schritte näherten.
   »Na, wen haben wir denn da?« Rainer grinste abfällig.
   Mia drehte sich erschrocken um. Sie bedachte ihn mit einem giftigen Blick und setzte, als sie sich wieder umdrehte, einen gezwungen freundlichen Gesichtsausdruck auf. »Das ist Herr Oldenburg, mein neuer Chef. Herr Oldenburg, das ist Rainer Steinmeier, mein Nachbar. Wir sind zusammen aufgewachsen.«
   Tom trat höflich an Rainer heran und streckte ihm eine Hand entgegen. »Freut mich.«
   Rainer musterte Tom abschätzig und gab ihm sichtlich widerwillig seine Hand. »Ganz meinerseits.« Sein Gesichtsausdruck veränderte sich zu einer grimmigen Maske. Mit gespieltem Desinteresse wandte er sich von Tom ab und kramte in seiner Werkzeugkiste herum.
   Tom wirkte irritiert. »Dann störe ich besser nicht länger. Wir sehen uns am Montag, Frau Merano.« Er lächelte und ging an ihr und Rainer vorbei. An der Tür angekommen drehte er sich noch einmal um. »Ich wünsche Ihnen alles Gute in Ihrem neuen Heim.« Damit wandte er sich ab und verließ das Gebäude.
   »Ich wünsche Ihnen alles Gute in Ihrem neuen Heim«, äffte Rainer Tom nach, als er verschwunden war.
   »Bist du von allen guten Geistern verlassen?«, schimpfte Mia bissig. »Er ist mein Chef!«
   »Er ist ein Lackaffe, sonst nichts. Jetzt jammere nicht herum, sondern hilf mir lieber beim Schrank. Der stellt sich nicht von allein auf.«
   Mia bedachte ihn mit einem strengen Blick, ehe sie die Schrankteile ergriff, die Rainer ihr vor die Nase hielt.

Es dämmerte bereits, als in Mias Wohnung alles an seinem vorgesehenen Platz stand. In Windeseile hatten sie nacheinander geduscht, sich umgezogen und waren mit einer kleinen Verspätung im Eagles angekommen.
   »Hallo Ruth.« Mia lächelte und umarmte ihre neue Kollegin.
   Die Bar war gerammelt voll und sie war froh, Ruth so schnell entdeckt zu haben.
   Ruth war vom Tisch aufgestanden und erwiderte die Umarmung. »Schön, dass es geklappt hat.« Sie kicherte über die laute Musik hinweg fröhlich und deutete auf ihren Begleiter.
   »Das ist mein Verlobter, der Walli. Walli, das ist Mia, meine neue Kollegin.«
   Walter war bereits um den Tisch herumgegangen und neben Mia stehen geblieben. Er war sehr groß, mindestens einsneunzig, und hatte trotz seiner langen, schlaksigen Glieder eine umfangreiche Mitte. In seinem Gesicht funkelten lebenslustige, dunkle Augen und seine dichten braunen, wilden Locken verliehen ihm etwas Lausbübisches, sodass er wie ein Kind wirkte, das sich in einen Erwachsenenkörper verirrt hatte. Mia fand ihn auf Anhieb sympathisch.
   »Freut mich«, rief er vergnügt, ging in die Knie, legte seine Arme um ihre Taille und hob sie hoch.
   Ihr blieb für einen Moment die Luft weg, doch sie lachte. »Lass mich runter, Walli«, ächzte sie.
   Er grinste und setzte sie ab.
   »Das ist Rainer.« Mia deutete auf ihn.
   Rainer schmunzelte und gab beiden die Hand. »Die Bar ist klasse«, bemerkte er über die dröhnende Musik hinweg. »Ich habe schon öfter von ihr gehört.«
   Sie setzten sich an den runden Tisch in der Ecke, der einen Blick auf einen Großteil des Gastraumes zuließ.
   »Ja, das stimmt, die Cocktails sind Spitze«, pflichtete ihm Ruth bei. »Aber ich muss immer aufpassen, dass ich hier unserem Chef nicht begegne.« Sie zwinkerte mit einem Auge. »Wäre blöd, wenn man ihn betrunken volllallt und sich am nächsten Tag nicht mehr daran erinnert.« Wieder kicherte sie.
   Mia merkte auf. Sofort stiegen die Bilder von heute Mittag in ihr hoch, als Tom ihre Kiste gerettet hatte.
   »Ach, was! Cocktails! Da lob ich mir doch ein ordentliches Bier. Das ist wenigstens nach dem Reinheitsgebot gebraut«, stellte Walter mit einem Seitenblick auf Rainer fest.
   Rainer lachte und hob seine Handfläche. »Ich sehe, wir verstehen uns, Walli.«
   Der schlug ein und schon waren die beiden in eine Diskussion vertieft, welche Biersorten trinkbar waren und welche nicht.
   Ruth verdrehte genervt die Augen. »Männer«, sagte sie in abfälligem Ton. »Apropos, dahinten ist er. Hast du ihn gesehen?«
   »Wen?«, fragte Mia, aus ihren Erinnerungen gerissen.
   »Na, den Chef! Dort drüben.« Sie deutete an die Bar.
   Tom saß auf einem Barhocker vor einem Glas Cola und rührte gedankenverloren mit dem Strohhalm darin herum. Er war leger in Jeans und ein schwarzes Sweatshirt gekleidet. Gelegentlich wechselten er und der Barkeeper ein paar Worte, doch ansonsten schien es, als wäre Tom in seiner eigenen Welt versunken.
   Mia betrachtete ihn genauer. Sie konnte es sich nicht erklären, doch es beschlich sie das Gefühl, dass Tom kein glücklicher Mensch war. Er wirkte unheimlich verloren, und seine Augen blickten trübsinnig auf das Colaglas vor ihm.
   Seltsam. Eigentlich müsste er der glücklichste Mensch der Welt sein.
   Mia hatte selten einen so gut aussehenden Mann getroffen. An ihm stimmte einfach alles. Er war groß, durchtrainiert und hatte einen perfekten Körperbau mit breiten Schultern und schmaler Taille. Sein wunderschönes Gesicht, in das immer wieder eine rebellische Strähne seiner tiefschwarzen Haare fiel, war männlich und markant. Überdies stammte er aus einer äußerst wohlhabenden, einflussreichen Familie. Soviel sie wusste, war Toms Vater Eigentümer von Münchens größter Sicherheitsfirma, besaß weitere Firmenbeteiligungen und ein beträchtliches Immobilienvermögen. Seinem Onkel gehörte eine der bedeutendsten Hoch- und Tiefbaufirmen im Umland. Die Familie Oldenburg war regional sehr bekannt.
   Geld war für Tom bestimmt kein Problem, genauso wenig wie Frauen. Mia waren die Blicke ihrer Geschlechtsgenossinnen nicht entgangen, die sich in Toms Nähe aufhielten. Es war offensichtlich, dass ihnen gefiel, was sie sahen, doch er bemerkte es nicht einmal. Wahrscheinlich kannte er seinen Marktwert und ließ sich nicht einfach so ansprechen. Mia war sich sicher, dass er sich die Frauen aussuchen konnte.
   Warum war er nur so traurig?
   »Wie findest du denn unseren Chef?«, fragte Ruth neugierig.
   Als Mia darüber nachdachte, wurde ihr klar, dass sie vermutlich mehr für ihn empfand, als sie sich eingestehen mochte. Und dabei kannte sie ihn doch kaum. »Er ist nett«, gab sie zu. »Aber du hast recht. Er ist wirklich irgendwie geheimnisvoll und unnahbar.«
   Ruth lächelte wissend. »Ja, aber das gilt für seine gesamte Familie.«
   »Wieso?«, fragte Mia, neugierig geworden.
   Ruth deutete auf den Barmann. »Der da die Cocktails mixt, ist sein Cousin Pit. Oldi hat noch drei Brüder, und zwei davon leben zusammen mit ihm unter einem Dach. Verstehst du? Sein Cousin ist mit der Leiterin des Pferdesportzentrums verheiratet und sein Bruder mit der hiesigen Ärztin, und trotzdem haben sie alle keine eigene Wohnung. Das ist doch komisch, oder?«
   Ruth saugte am Strohhalm ihres Caipirinha, der ihr mittlerweile serviert worden war, und zog die Augenbrauen zusammen. »Erinnert mich irgendwie an die Kelly Family.«
   »Die Kelly Family?«, fragte Mia und lachte.
   Ruths Augen funkelten belustigt. »Ja, nur ihre Frisuren sind besser.« Sie kicherte.
   »Aber die sind doch nicht gerade arm, oder?« Mia schaute wieder zu Tom hinüber. »Die könnten sich doch bestimmt eigene Wohnungen leisten.«
   »Das macht mich auch stutzig. Der eine Teil der Familie Oldenburg lebt großspurig in der Villa, mit Bediensteten und jedem erdenklichen Luxus, und der andere Teil gluckt in einem sanierten Bauernhof zusammen. Ich finde es mehr als komisch.« Ruth angelte ein Limettenviertel heraus, biss hinein und verzog das Gesicht.
   Mia kam nicht umhin, ihre Ansicht zu teilen. Irgendetwas stimmte mit dieser Familie nicht. Es schien fast so, als ob sie etwas gespalten hätte, aber ein unbekannter Umstand sie gezwungenermaßen zusammenhielt. »Ist unser Chef auch verheiratet?«, fragte Mia lauter, als sie beabsichtigt hatte.
   Ruth lachte. »Mach dir keine Hoffnungen. Ich arbeite jetzt schon seit fast fünf Jahren für Oldi, und seitdem war keine gut genug für ihn. Obwohl … anbrennen lässt er nichts, wenn du verstehst, was ich meine.« Sie zwinkerte Mia verschwörerisch zu. »Du wirst das auch noch erleben.«
   »Wie meinst du das?«
   »Na ja, in der Regel hinterlässt er am nächsten Morgen keine Telefonnummer. Deswegen rufen sie immer im Büro an. Du kannst dir nicht vorstellen, wie das nervt. Aber ich bin mittlerweile ein Meister darin, ihn zu verleugnen.«
   Mia nickte und drehte ihr Glas in der Hand.
   »Mir gefällt nicht, dass Mia für diesen Kerl arbeitet«, bemerkte Rainer grimmig. Offensichtlich war das Gespräch der beiden Männer nun erschöpft.
   Ruth stieß ihm kichernd den Ellenbogen in die Seite. »Bist du etwa eifersüchtig?«
   »Sicher nicht«, meinte Rainer trocken, »aber ich glaube, ein wenig mehr über die Oldenburgs zu wissen, als ihr es tut.«
   »Du?«, fragte Ruth ungläubig und machte große Augen.
   »Wie kommt’s?«, fragte Walter.
   Rainer zuckte gelassen mit den Schultern. »Ist berufsbedingt.« Er machte eine Kunstpause und genoss sichtlich ihre fragenden Blicke.
   Mia verdrehte die Augen. Angeber!
   »Ich bin Polizist«, erklärte er großspurig und lehnte sich gewichtig zurück. »Morddezernat. In Ermittlerkreisen munkelt man so einiges über diese Familie.« Er blickte jedem am Tisch der Reihe nach in die Augen. »Als ich hörte, dass Mia für sie arbeiten soll, habe ich ein paar Nachforschungen angestellt. Es hat in den späten achtziger Jahren einige Ermittlungen gegen die Oldenburgs gegeben.«
   Mia rutschte nervös auf ihrem Stuhl hin und her. »Weswegen?«
   Rainer legte den Kopf schief und sah gelangweilt auf seine Fingernägel. »Zum Beispiel wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung, Geldwäsche, Anstiftung zum Mord, Zuhälterei, Menschenhandel … Sie scheinen so einiges auf dem Kerbholz zu haben.«
   Rainer sah grimmig zu Tom hinüber.
   »Quatsch«, warf Mia verärgert ein. »Du willst uns nur verschaukeln.«
   Rainer schüttelte mit ernstem Gesichtsausdruck den Kopf. »Mia, ich habe die Akten gelesen. Sogar das Landeskriminalamt war hinter ihnen her. Aber sie sind zu gut organisiert. Es gab immer nur Hinweise, aber nie etwas Stichhaltiges. Ich habe mit einem damaligen Ermittler gesprochen. Er meinte, sie seien im Zusammenhang mit bestimmten Taten immer wieder aufgetaucht, aber die Beweiskette hörte zu früh auf. Es wurden zwar immer Täter gefunden, aber nie konnte wirklich etwas auf die Oldenburgs zurückgeführt werden.«
   »Du meinst, sie sind Drahtzieher von etwas Größerem?«, fragte Walter ernst.
   Rainer nickte. »Mein Kollege meinte, es sei zum aus der Haut fahren gewesen. Im Grunde deutete alles auf die Oldenburgs hin, doch die Indizien rannen ihnen wie Sand durch die Finger.«
   »Eigenartig«, flüsterte Ruth und erschauderte.
   »Allerdings«, pflichtete Rainer ihr bei. »Seither ist diese Familie wie eine goldene Kuh. Kein Ermittler traut sich mehr an sie ran. Die Oldenburgs sind einflussreich und hatten damals ein ganzes Team von Anwälten beschäftigt, obwohl es nie zu einer Anklage gekommen ist. Auch das finde ich höchst merkwürdig. Wieso brauche ich einen Anwalt, wenn ich unschuldig und noch nicht mal angeklagt bin?« Rainer schüttelte den Kopf. »Es traut sich kein Staatsanwalt mehr an diese Kiste ran. Erst in jüngster Zeit hat einer Nachforschungen angestellt, aber ihm ist von höchster Stelle auf die Finger geklopft worden.«
   Mia bekam eine Gänsehaut. Sie dachte über Rainers Worte nach, und plötzlich kam ihr der Gedanke, dass er möglicherweise eifersüchtiger war, als sie vermutete. Sie wusste nicht, was sie denken sollte und sah Rainer misstrauisch an. »Ich weiß nicht … wenn sie ihnen nichts nachweisen konnten, dann waren sie wahrscheinlich unschuldig. Überleg doch mal. Die Oldenburgs sind in der Region eine bekannte Familie. Zudem sind sie große Arbeitgeber. Wie schnell hat man da jemand gegen sich aufgebracht und wird diffamiert?« Sie wollte einfach nicht glauben, dass Rainer recht hatte. Er war ein Angeber und bauschte die Dinge gern auf, wenn es ihm zum Vorteil gereichte.
   Rainer fasste Mia am Arm und sah sie eindringlich an. »Glaub mir, das LKA ermittelt nicht einfach wegen eines Gerüchts. Du musst mir versprechen, dass du dich privat von ihnen fernhältst, ist das klar?« Seine Stimme war durchdringend und ernst.
   Mia war verunsichert. Übertrieb er oder könnte doch etwas dran sein an den Verdächtigungen?
   »Mia! Ich meine es ernst!« Rainers Griff um ihren Arm wurde stärker. »Ruf mich sofort an, wenn dir etwas komisch vorkommt. Hast du verstanden?«
   Sie nickte zögernd und blickte zu Ruth und Walter, die entgeistert ihrem Wortwechsel gefolgt waren. Sprachlosigkeit legte sich über den Tisch und wollte den Rest des Abends nicht mehr weichen.

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