Seit vielen Jahren verbindet Sina und Bastian eine innige Freundschaft. Dieses Band wird auf eine harte Probe gestellt, als Sina Bastian bittet, sie bei der Suche nach ihrem Exfreund Marc zu unterstützen. Sie will herausfinden, warum Marc damals die Beziehung beendete, um auch innerlich endlich wieder frei für einen neuen Mann zu sein. In Bastian löst Sinas Bitte gemischte Gefühle aus. Als ihr bester Freund möchte er ihr helfen, doch graut ihm bei dem Gedanken, dass Sina bald vergeben sein könnte. Um ihre Freundschaft, die ihm so viel bedeutet, nicht aufs Spiel zu setzen, verschweigt er Sina weiterhin seine wahren Gefühle und unterstützt sie nach Kräften bei ihrer Odyssee durch drei Länder. Während sie dem Ziel ihrer Suche immer näher kommen, sieht Sina Bastian langsam mit anderen Augen. Kann auch bei ihr aus Freundschaft Liebe werden?

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ISBN: 978-9963-53-357-2

Seiten: 292

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Sylvia Pranga

Sylvia Pranga
Geboren als Kind der '68er Generation und aufgewachsen in einer Kleinstadt in Niedersachsen, zog es mich früh in die weite Welt der Bücher, wo ich die Abenteuer erlebte, vor denen mich meine Eltern warnten. Aus Begeisterung für Literatur studierte ich Anglistik und Germanistik und machte meinen Abschluss auch in Russisch, weil mich Sprachen seit jeher faszinierten. Nachdem ich aus beruflichen Gründen einige Jahre im Ruhrgebiet lebte, bin ich nun wieder in meiner alten Heimat als Übersetzerin für technische Dokumentationen tätig. Zwar macht mir die Arbeit mit Texten aller Art Spaß, aber die Kreativität kommt bei der Übersetzung von Maschinenanleitungen zu kurz. Umso mehr genieße ich es, in meiner Freizeit meinen Ideen die Zügel schießen zu lassen. Diese Ritte führen mich unweigerlich auf die britischen Inseln oder in die USA. Meine zahlreichen Reisen dorthin spiegeln sich in meinen Manuskripte wider, die in England oder Irland spielen, wo ich mich unter Romanfiguren mit trockenem Humor und schrägen Eigenheiten wiederfinde und gerne auf einen Nachmittagstee bleibe.

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Leseprobe

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1. Kapitel

»Hilfst du mir?«
   Sinas Stimme klang vom Weinen belegt. Bastian goss Kaffee in die beiden Tassen und sah zu Sina hinüber, die mit hängenden Schultern an seinem Küchentisch saß. Ihren Blick hatte sie auf ein Taschentuch gesenkt, an dem ihre Finger unruhig zupften. Die Wimpern waren nass von Tränen.
   »Natürlich, dafür sind Freunde da. Sag mir, was ich tun kann.« Er brachte die Tassen zum Tisch und versuchte krampfhaft, zu verbergen, dass er sich den Zeh an der Schrankkante gestoßen hatte. Langsam sollten seine Gliedmaßen die Positionen der Möbel kennen. Nach über einem Jahr in der neuen Wohnung, wie er sie immer noch nannte, wurde es langsam Zeit.
   »Du kannst mich bei der Suche unterstützen.«
   Bastian verschüttete beim Absetzen seiner Tasse erstaunlich wenig Kaffee. Als er sich setzte, bemühte er sich, dass seine langen Beine nicht in Konflikt mit Sinas schönen Pendants gerieten. »Was für eine Suche?«
   Sina goss etwas Milch in ihre Tasse und rührte so lange, dass Bastian um die Standhaftigkeit des Porzellans zu fürchten begann.
   »Dr. Kolbin meint, dass es gut für mich wäre, mich mit Marc auszusprechen.«
   Bastian unterdrückte ein Seufzen, trank einen Schluck Kaffee und verbrannte sich die Zunge. Mit fest aufeinandergepressten Lippen, die nicht den kleinsten Schmerzenslaut entkommen ließen, stellte er fest, dass in letzter Zeit viele von Sinas Sätzen mit den Worten »Dr. Kolbin meint« begannen. Seit sie zu diesem Therapeuten ging, schien sie keine eigene Meinung mehr zu haben. »Aha. Und wo wohnt Marc?«
   Sina hörte endlich auf, die Tasse mit ihrem Rühren zu malträtieren, und starrte ihn erbost an. Oje, was hatte er jetzt wieder falsch gemacht? Es gab so viele Möglichkeiten, dass er nicht erst zu überlegen begann. Sie würde es ihm sowieso sagen.
   »Bastian, hörst du mir überhaupt zu? Das weiß ich nicht, sonst müsste ich ihn ja nicht suchen.«
   Warum hatte sie nicht sagen können, dass es bei der erwähnten Suche um Marc ging? Sie bat ihn um Hilfe bei einer ominösen Suche, schien komplett das Thema zu wechseln und redete von Marc, den er nicht leiden konnte, und erwartete von ihm, dass seine grauen Zellen die für sie offensichtliche Verbindung herstellten. Den Gefallen taten sie aber nicht einmal Sina. »Ah, okay, verstehe. Warum ist es denn so wichtig, dass du mit dem Typen sprichst?«
   Sina zog die schmalen Brauen hoch. »Nenn ihn bitte nicht so. Das hat einen negativen Beigeschmack.«
   Bastian blinzelte. Das Wort war für ihn eine neutrale Bezeichnung für einen Mann, von dem er nichts hielt. Aber wenn Sina meinte, dass die Verwendung nicht in Ordnung war, würde er sich danach richten. Schließlich war sie es, die Germanistik studiert hatte und fünf Fremdsprachen beherrschte. Er zuckte zusammen, als sie ihre Hand auf seine legte und ihn zerknirscht ansah.
   »Tut mir leid, Bastian. Ich bin dermaßen gestresst und frustriert, dass ich dich ohne Grund anschnauze. Das war nicht fair.«
   Natürlich verzieh Bastian ihr sofort, wie immer. Er genoss das Gefühl ihrer Hand auf seiner und hätte noch stundenlang so sitzen bleiben können, zweifellos mit einem verzückten Gesichtsausdruck, doch leider klingelte Sinas Handy, und sie zog ihre Finger zurück.
   Sie stand auf und ging in den Flur, um dort in Ruhe das Gespräch zu führen. Er hörte, dass es Judith war, Sinas Mädchen für alles im Übersetzungsbüro.
   Bastian seufzte. Er wusste, was das bedeutete. In spätestens einer Minute würde Sina in die Küche stürmen und mitteilen, dass sie sofort wegmüsse, weil man sie im Büro brauche. Dabei hatten sie sich fest vorgenommen, heute gemeinsam essen und danach ins Kino zu gehen. Es war schon viel zu lange her, seit sie etwas unternommen hatten. Ständig kam ihnen ihre Arbeit dazwischen. Er wollte sich nicht davon freisprechen, dass auch er immer sofort zur Stelle war, wenn er einen Anruf aus dem Zoo bekam. Sie hatten eben Berufe, die noch Berufung für sie waren.
   Sina eilte in die Küche zurück. Ihre eben noch tränenblassen Augen leuchteten wieder. Sie wurde gebraucht, und das genoss sie. Er kannte dieses Gefühl.
   »Ich muss los. Ein Kunde hat uns mit einer langen Übersetzung beauftragt, und ich bin die Einzige, die Japanisch spricht. Da muss ich ran.« Sie biss sich auf die Lippen und senkte kurz den Kopf. Als sie wieder aufsah, konnte Bastian das schlechte Gewissen aus ihren Augen springen sehen. »Es tut mir leid, aber wir müssen unsere Verabredung schon wieder verschieben. Ich weiß, ich bin unmöglich.«
   Bastian sprang auf und stieß sich an der Tischkante. Dieses Mal zog er eine Grimasse, bevor er sich wieder unter Kontrolle hatte und Sina antworten konnte. »Das verstehe ich. Mir ist es schließlich mehr als ein Mal ähnlich ergangen.«
   Sina lachte, wobei ihre grünen Augen herrlich leuchteten. »Ja, aber es ist wesentlich dramatischer, wenn eine Giraffe Zwillinge bekommt oder ein ganzer Trupp Pinguine frei im Zoo herumläuft. Das klingt mehr nach einem echten Notfall als eine langweilige Übersetzung.«
   »Beides ist wichtig, weil es unsere Arbeit ist. Mach dich auf den Weg, bevor Judith einen Nervenzusammenbruch bekommt.«
   Sie lächelte, trat auf ihn zu und umarmte ihn. Der Duft ihres Haars machte süchtiger als Kokain. Sie flüsterte in sein Ohr, wodurch sich seine Nackenhaare mit einem Prickeln aufrichteten. »Ich mache das wieder gut. Wir finden einen neuen Termin, und dann zahle ich Essen und Kino.«
   Bastian schaffte es gerade noch, »Okay« zu murmeln, dann war Sina schon aus der Wohnungstür, und er hörte ihre eiligen Schritte auf der Treppe.
   Seufzend ließ er sich auf einen Stuhl sinken und nahm einen Schluck von seinem mittlerweile fast kalten Kaffee. In dem Moment klingelte sein Handy. Er zuckte zusammen und vergoss einen Teil des Tasseninhalts auf sein Hemd. Fluchend stellte er die Tasse ab und wischte über den Fleck, was es noch schlimmer machte. Mit einem resignierten Seufzen gab er auf und nahm den Anruf an.
   »Gut, dass du da bist, Bastian. Hier ist die Hölle los, du musst mir helfen.«
   Marcels aufgeregte Stimme ließ sein Trommelfell vibrieren. Bastian seufzte laut. Für Marcel war alles eine Katastrophe. Er rief ihn an, wenn ein Ast ins Löwengehege gefallen war, ein Wolf angeblich komisch knurrte oder sich ein Elefant seiner Meinung nach an einer Erdnuss verschluckt hatte. Mit einer ähnlichen Tragödie rechnete Bastian jetzt. »Du weißt, dass ich dieses Wochenende keine Bereitschaft habe. Was ist mit Verena?«
   Einen Moment war es still in der Leitung, und Bastian sah bildlich vor sich, wie Marcel verschreckt sein Jungengesicht verzog. Er fürchtete sich regelrecht vor der Direktorin.
   »Äh – ich habe sie nicht erreicht.«
   Bastian schnaubte abfällig. »Natürlich nicht. Also gut, was ist passiert?«
   Marcels erleichtertes Seufzen war deutlich zu hören. »Es ist wirklich schlimm, und ich weiß nicht, was ich machen soll. Ein Kind hat Roberta mit Bonbons beworfen.«
   Bastian fuhr zusammen, sein Herzschlag beschleunigte sich. »Was? Hat sie sie gefressen? Dann musst du sofort den Tierarzt rufen.«
   »Nein, nein, keine Sorge. Sie hat das Zeug zurückgeworfen – zusammen mit einer Handvoll Kacke. Der dämliche Junge hatte sie wohl eine ganze Zeit provoziert, indem er Zweige und Steinchen in den Käfig geworfen hat. Schließlich wurde es Roberta wohl zu viel. Da hat sie nicht mitbekommen, mit was er sie da beworfen hatte. Sie wollte sich nur noch rächen. Sie ist noch ganz außer sich, aber das ist nichts gegen die Wut der Mutter des Jungen. Sie tobt seit zehn Minuten bei Jan im Büro herum und will die Polizei rufen. Was sollen wir machen?«
   Bastian bemühte sich krampfhaft, ein Lachen zu unterdrücken, als sein inneres Auge ihm einen fiesen, kleinen Jungen zeigte, dem gerade das Lachen vergangen war, weil ihm Schimpansenkacke in den Haaren klebte. Die Situation war tatsächlich ernst. Sie konnten sich keine Anzeige erlauben, nicht gerade jetzt, da die Ferienzeit mit ihrem Gästeansturm vor der Tür stand. »Ich bin in zehn Minuten da. Verhindert bis dahin irgendwie, dass die Frau die Polizei ruft.«
   Dank grüner Welle brauchte Bastian sogar nur acht Minuten. Beim Aussteigen stellte er fest, dass er vergessen hatte, sein kaffeebesudeltes Hemd zu wechseln. Also zog er den Reißverschluss seiner braunen Lederjacke bis zum Kinn. Es war besser, zu schwitzen, als bei der erbosten Mutter den Eindruck eines schlampigen, unprofessionellen Angestellten zu erwecken.
   Als er Jans Büro betrat, hallte eine schrille Stimme von den Wänden des Raumes wider. Bastian verzog das Gesicht, hatte sich jedoch sofort wieder unter Kontrolle. »Guten Tag, ich bin Bastian Peters, der Kurator des Zoos. Wie ich hörte, gibt es hier ein Problem?«, sprach er die wütende Frau mit einem freundlichen Lächeln und beruhigender Stimme an.
   Die Frau wirbelte zu ihm herum. Ihr Gesicht war so verzerrt, dass es Bastian an einen Zombie erinnerte. Die Augen erweckten bei ihm das Gefühl, als würde er in die Läufe von zwei geladenen Pistolen sehen. Innerlich schrumpfte er auf Embryogröße zusammen, äußerlich hatte er sich zum Glück unter Kontrolle.
   »O ja, Sie haben ein Problem, mein Lieber. In Ihrem Zoo gibt es wilde, gefährliche Tiere.«
   Bastian konnte gerade noch ein ironisches Lächeln unterdrücken. »Das kann ich nicht bestreiten, doch ich darf Ihnen versichern, dass das für einen Zoo normal ist.«
   Die Furie rauschte einige Schritte auf ihn zu und starrte zornig zu ihm herauf. »Was erlauben Sie sich? Mein Sohn ist gerade von einem Ihrer Tiere mit vielleicht giftigem Unrat beworfen worden.«
   Es wurde immer lustiger, und er durfte nicht lachen. Das war unfair. Er biss sich auf die Lippe, um seine Erheiterung nicht deutlich werden zu lassen. »Die Exkremente von Schimpansen sind absolut ungiftig, das kann ich Ihnen garantieren.«
   Die Frau stemmte die Hände in die Hüften und durchbohrte ihn mit ihren Blicken. So etwas nannte man wohl eine Löwenmutter, obwohl ihm eine echte Löwin jetzt lieber gewesen wäre. »Ist mir egal! Sehen Sie sich meinen Sohn an, das ist widerlich!«
   Bastian warf einen Blick auf den etwa zehnjährigen Bengel. Eine Schönheit war das dürre Kerlchen mit seiner Knollennase sicherlich nicht, aber ihn als widerlich zu bezeichnen, fand er etwas übertrieben. Bastian spürte, wie sich seine Lippen zu einem Lächeln kräuseln wollten, und riss sich gerade noch rechtzeitig zusammen. »Er ist schmutzig geworden und riecht nicht gut, das will ich nicht bestreiten. Könnten Sie mir erklären, wie es dazu gekommen ist? Tatsächlich ist das nämlich der erste Zwischenfall dieser Art.«
   Zu Bastians Überraschung wurde die Frau plötzlich still und wandte sich ab. »Ich habe es nicht gesehen, aber Kevin hat es mir erzählt.«
   Die Anspannung fiel von Bastian ab. Er würde die Situation unter Kontrolle bringen. »Also, Kevin, wie ist das passiert?«, wandte er sich an den knollennasigen Jungen.
   Der Bengel zog die Nase hoch und warf sich in Checkerpose, bevor er antwortete. Dass ihm die sommersprossige Nase lief, machte den von ihm gewünschten Effekt zunichte. »Der blöde Affe hat mich mit Scheiße beworfen.«
   »Kevin, das Wort sagt man nicht!« Die schrille Stimme der Mutter zerschnitt ihren Dialog.
   Der Bengel zuckte mit den Schultern und zog die Nase hoch. Bastian musste bei diesem Geräusch trocken schlucken.
   »Okay, er hat mit Aa auf mich geworfen.«
   Bastian hatte ernsthafte Probleme, ein Lachen zu unterdrücken. Er zählte mit angehaltenem Atem bis fünf. »Was ist passiert, bevor Roberta geworfen hat?«
   Der Junge wich Bastians Blick aus und spielte am Reißverschluss seiner Jacke. Da Bastian oft genug Gelegenheit hatte, das Verhalten von Kindern zu beobachten, ging er davon aus, nun eine Lüge aufgetischt zu bekommen.
   »Ich stand vor ihrem Käfig und habe sie angesehen. Sie ist echt hässlich.«
   Bastians Erheiterung verschwand schlagartig. Seiner Meinung nach gab es keine hässlichen Tiere, allerdings zu viele überhebliche Menschen. »Du hast sie also nur angeguckt?«
   »Was wollen Sie meinem Sohn da unterstellen?«
   Das Kreischen der Frau begann, bei Bastian Kopfschmerzen auszulösen.
   Der Junge ignorierte seine Mutter. »Na ja, ich fand den blöden Affen echt langweilig. Der saß nur rum. Also habe ich ein paar Steinchen nach ihm geworfen. Nur kleine, und getroffen habe ich auch nicht.«
   In Bastian regte sich der Wunsch, mit Steinen nach der Knollennase zu werfen – und jeder Wurf würde ein Treffer sein. Er musste sich mit aller Gewalt zurückhalten, um den Bengel nicht anzuschreien. »Dir ist schon klar, dass das verboten ist, weil man die Tiere damit verletzen könnte? Ich habe außerdem gehört, dass du auch Bonbons in den Käfig geworfen hast.«
   Kevin nickte unbekümmert. »Meine Mutter hat mir diese billigen Dinger gekauft, die ich nicht mag. Also wollte ich sie den Affen geben.«
   Bastian schloss die Augen und atmete tief durch, um die Ruhe zu behalten. »Ich gehe davon aus, dass du schon lesen kannst. Es sind überall Schilder angebracht, auf denen steht, dass es verboten ist, die Tiere zu füttern. Sie könnten an falschem Futter sterben.«
   »Warum hast du das gemacht, Kevin? Kann ich dich nicht eine Minute aus den Augen lassen? Komm, wir gehen. Weißt du eigentlich, wie peinlich mir das jetzt ist?«, mischte sich die Mutter, die bei dem Wortwechsel erstaunlich ruhig gewesen war, wieder ein. Dieses Mal war immerhin nicht Bastian ihr Angriffsziel.
   Die Frau schnappte die kleine Knollennase am Arm und zerrte sie aus dem Büro. Bastian atmete auf und sah Jan und Marcel an, die verschüchtert in einer Ecke standen. Er riss den Reißverschluss seiner Jacke herunter, sein Hemd war nass von Schweiß.
   »Hättet ihr das nicht allein regeln können?«
   Marcel senkte den Kopf und trat von einem Bein aufs andere, während Jan es mit einer Antwort versuchte. Das war mühselig für ihn und unangenehm für Bastian, weil Jans Stottern in Stresssituationen überhandnahm.
   »Ich habe es versucht, aber sie ließ mich nicht ausreden.«
   Das glaubte Bastian ihm sofort. Diese Furie hatte mit Sicherheit keine Geduld, sich Jans unter Qualen hervorgepresste Sätze anzuhören.
   »Okay, schon gut. Das Problem hat sich ja nun erledigt.«
   Marcel wagte wieder Blickkontakt mit ihm. Seine Augen wirkten noch runder als sonst. Wie üblich hatte Bastian den Eindruck, einen Teenager vor sich zu haben, obwohl er wusste, dass Marcel gerade seinen fünfundzwanzigsten Geburtstag gefeiert hatte.
   »Äh, Bastian, wo du schon mal hier bist … wir haben noch ein paar andere Probleme.«
   Bastian verdrehte die Augen und ächzte. Es war sein freies Wochenende, er hatte nicht einmal Bereitschaft. Aber dann fiel ihm ein, dass Sina keine Zeit hatte und nur eine leere Wohnung auf ihn wartete. »Okay, worum geht es?«

2. Kapitel

Das Klingeln ihres Handys riss Sina aus ihrem Gedankengang. Verärgert runzelte sie die Stirn. Gerade hatte sie eine passende Übersetzung für den schwierigen Satz gefunden, jetzt war sie wieder weg.
   Beim Blick auf das Display des Telefons wurde sie noch wütender. Sie hatte heute schon zwei Mal mit Mutter telefoniert. Was war jetzt wieder? Am liebsten hätte sie den Anruf ignoriert, aber dann würde Mutter alle fünf Minuten erneut anrufen. Sina stellte die Verbindung her. »Hallo Mama.«
   »Du bist im Büro, nicht wahr?«
   Die Altstimme ihrer Mutter, die im Kirchenchor so beliebt war, klang vorwurfsvoll. Ein Ton, den Sina seit vielen Jahren kannte.
   Sofort packte Sina das schlechte Gewissen. Sie hatte es sich bisher nicht abgewöhnen können, auf Kritik von ihrer Mutter wie ein kleines Mädchen zu reagieren. »Äh, wie kommst du darauf?«
   Sie hörte ein ungeduldiges Schnauben.
   »Ich habe gerade Bastian angerufen, weil ich wusste, dass ihr heute zusammen weggehen wolltet. Er versuchte, mir weiszumachen, dass du im Bad bist und daher nicht ans Telefon kommen könntest. Dabei stand er neben den Schimpansen, ich konnte das Gekreische deutlich hören. Was ist nur mit dir los?«
   Sina seufzte. Ausflüchte hatten nun keinen Sinn mehr. Dann fiel ihr etwas ein. »Bastian ist im Zoo? Es ist doch sein freies Wochenende.«
   »Lenk bloß nicht ab, Sina. Es geht hier um dich. Du arbeitest schon wieder, obwohl du dir endlich längere Pausen gönnen solltest. Denk daran, was die Ärzte sagen, besonders Dr. Kolbin. Ich will nicht, dass du ein Burn-out bekommst. Mir war schon immer klar, dass diese Selbstständigkeit eine blöde Idee ist. Du hast überhaupt keine Freizeit mehr und wirst krank.«
   Sina ließ den Wortschwall, den sie bereits Dutzende Male gehört hatte, ergeben über sich ergehen. Wenn sie Mutter unterbrach, würde diese Teile ihrer Rede wiederholen, wodurch alles noch länger dauerte. Mutter machte eine erwartungsvolle Pause, und Sina wusste, dass das bedeutete, dass sie ihr zustimmen sollte. »Du hast recht, Mama, aber ich verdiene mit dem Übersetzungsbüro mein Geld. Außer mir spricht niemand Japanisch, also muss ich diese Übersetzung machen. Sie bringt viel Geld. Danach kann ich mir bestimmt ein paar Tage freinehmen.«
   Das sarkastische Lachen ihrer Mutter gefiel Sina nicht. Warum konnte Mutter sie nie ernst nehmen?
   »Kind, das hast du schon so oft gesagt. Und dann ruft jedes Mal irgendein Kunde an und will sofort eine Übersetzung, die nur du machen kannst. Jedes Mal. Wozu hast du eigentlich Nicole und Bea?«
   Sina seufzte so leise, dass Mutter es nicht hören konnte. »Mama, die beiden sprechen nicht Japanisch. Sonst hätten sie mir die Übersetzung bestimmt abgenommen. Außerdem ist Bea auch hier und übersetzt einen dänischen Text.«
   Die Überheblichkeit in der Stimme ihrer Mutter ärgerte Sina. Warum musste sie ihr immer den Eindruck vermitteln, dass sie ein unfertiger Mensch war?
   »Na ja, die ist genau wie du Single, während Nicole und Judith ihr Wochenende mit ihren Ehemännern genießen. Was sagt dir das?«
   Sina ächzte so gereizt, dass Mutter es hören musste. »Mama, was hat denn meine Arbeit damit zu tun, dass ich momentan Single bin? Als ich mit Lukas zusammen war, hatte ich das Übersetzungsbüro schon.«
   Offenbar hatte sie ihrer Mutter Munition geliefert, so triumphierend, wie ihre Stimme klang. »Genau deswegen hat er sich von dir getrennt. Du hast ständig gearbeitet und dich nicht um ihn gekümmert.«
   So war es nicht gewesen, aber Sina hatte weder die Geduld noch die Zeit, Mutter, die das genau wusste, alles noch einmal zu erzählen. »Mama, ich muss Schluss machen, sonst sitze ich an der Übersetzung auch noch den ganzen Sonntag. Ich rufe dich wieder an.«
   »Meinetwegen. Aber nicht mehr dieses Wochenende. Dein Vater und ich fahren gleich weg. Wir machen einen Segeltörn mit den Eggerts.«
   Erleichterung durchflutete Sina, wofür sie sich sofort schämte. Sie wusste, dass Mutter sich tatsächlich nur Sorgen um sie machte und wollte, dass sie glücklich war. Aber manchmal konnte sie mit ihrem Gluckenverhalten unglaublich nerven.
   Sie legte das Handy beiseite und starrte auf den japanischen Text auf ihrem Monitor. Bastian war also schon wieder im Zoo. Ihnen beiden war wohl einfach keine Freizeit vergönnt. Mittlerweile fragte sich Sina, ob sie mit freier Zeit überhaupt noch etwas anzufangen wüsste – oder mit einem neuen Partner.
   Ein Klopfen an der Tür riss sie aus diesen deprimierenden Gedanken.
   Bea streckte den Kopf herein und grinste sie breit an. »Ich bin fertig, was für ein Segen. Es ging in meinem Text um Pharmazie, ich wäre fast verrückt geworden.« Bea schlenderte herein und ließ sich Sina gegenüber in einen Stuhl fallen. Sie pustete eine hellblonde Strähne aus ihrer Stirn und strahlte Sina an. »Mein Wochenende kann beginnen. Was ist mit dir?«
   Ihre fröhliche Stimme ließ Sinas Mundwinkel nach oben wandern. Sie lehnte sich zurück und rieb sich die Nasenwurzel. Irgendwo lauerten Kopfschmerzen darauf, über sie herzufallen. »Wenn ich mich ranhalte, bin ich morgen Abend fertig.«
   Das Lächeln verschwand aus Beas Gesicht. »Oh, nein. Schon wieder ein Wochenende hinüber. So kann es echt nicht weitergehen.«
   Obwohl Sina wusste, dass Bea das nicht vorwurfsvoll meinte, wurde sie ärgerlich. Erst Mutter, jetzt ihre beste Freundin. Konnten die beiden nicht verstehen, dass es hier um ihre berufliche Zukunft ging, und dass Freizeit daher momentan nicht die höchste Priorität hatte? Wenn das Übersetzungsbüro erst einmal durchgängig schwarze Zahlen schrieb, konnte sie immer noch jedes Wochenende feiern gehen. »Ich finde es auch nicht toll, Bea. Aber wir brauchen das Geld, inklusive der Prämie, die ich erhalte, wenn ich die Übersetzung bis spätestens Sonntagmittag liefere.«
   Beas hellblaue Augen weiteten sich bei Sinas gereiztem Ton. »Das weiß ich doch. Es sollte kein Vorwurf sein. Ich finde es nur so unfair, dass es immer dich trifft. Nicole deckt mit Mandarin und Finnisch auch zwei ungewöhnliche Sprachen ab, doch ich kann mich nicht erinnern, dass sie schon mal ein Wochenende im Büro verbringen musste.«
   Sina entspannte sich und lächelte. Es war ungerecht gewesen, Bea anzumaulen und sie konnte froh sein, dass ihre Freundin so verständnisvoll war. »Das ist Zufall. Davon gehe ich jedenfalls aus. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Verschwörung unserer Kunden dahintersteckt.«
   Bea schüttelte lachend den Kopf, wobei ihre zum Pagenkopf geschnittenen Haare flogen. »Wohl nicht, Japaner und Chinesen werden bestimmt nicht gemeinsame Sache machen. Musstest du Pläne fürs Wochenende aufgeben?«
   »Ich wollte mit Bastian ins Kino.«
   »Oh, wie schade. Aber für ihn ist es vielleicht besser so.«
   Sina richtete sich kerzengerade auf, alles in ihr verkrampfte sich. Was war das schon wieder für ein Vorwurf? »Was meinst du damit? Schade ich meinem besten Freund irgendwie?«
   Bea wurde noch blasser, als sie es ohnehin schon war. In ihren Augen stand der Schreck, weil sie offenbar etwas gesagt hatte, was sie lieber für sich behalten hätte. »Nicht absichtlich, nein.«
   Langsam wurde Sina ernsthaft ärgerlich. Hatte sich heute alles und jeder gegen sie verschworen? Als ob sie nicht schon genug Probleme hätte. »Wie soll ich das verstehen?«
   Bea senkte die Augen und rutschte unruhig herum. »Bastians Problem kann dir ja nicht entgangen sein.«
   Sina spürte, wie sich ihr Pulsschlag erhöhte. Das konnte sie nicht gebrauchen, für die Übersetzung benötigte sie innere Ruhe und Konzentration, nicht noch mehr Grübeln. Ihr Ton wurde daher ungeduldig und lauter. »Offensichtlich doch, denn ich weiß nichts von einem Problem. Mit mir hat er nie darüber gesprochen. Mit dir etwa?«
   Mit gesenktem Blick schüttelte Bea den Kopf. Als sie ihn hob, sah Sina, dass sich inzwischen rote Flecken auf ihren blassen Wangen gebildet hatten.
   »Er hat nichts gesagt, aber ich habe es sofort erkannt.«
   Sina strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. »Was willst du erkannt haben?«
   »Bastian ist total verliebt in dich.«
   Einen Moment war Sina so überrascht, dass sie zu keiner anderen Reaktion fähig war. Dann begann sie, schallend zu lachen. Diese Vorstellung war so lächerlich, dass sie nicht anders konnte. Sie sah, dass Bea gekränkt war, konnte aber mehrere Sekunden nicht zu lachen aufhören. »Tut mir leid, Bea. Ich wollte mich nicht über dich lustig machen, aber wenn du Bastian besser kennen würdest, wüsstest du, wie absurd deine Schlussfolgerung ist.«
   Bea verschränkte die Arme vor der Brust und funkelte sie an. »Warum? Ist Bastian schwul?«
   »Wir kennen uns seit so vielen Jahren, dass wir praktisch wie Bruder und Schwester sind. Mit dem Unterschied, dass ich mich mit Bastian wesentlich besser verstehe als mit meinem Bruder. Da war nie mehr als Freundschaft zwischen uns. Bastian hat nie mit mir geflirtet oder mir gar seine Liebe gestanden. Du kannst also beruhigt sein, ich schade ihm mit meiner Gegenwart nicht.«
   Bea lächelte zurückhaltend. »Mag sein, doch überzeugt bin ich nicht. Du bekommst nicht mit, wie er dich ansieht. Wie ein ausgehungertes Kind vor dem Süßigkeitenladen, das weiß, dass seine Eltern ihm nichts kaufen werden. Wahrscheinlich hat er dich nie darauf angesprochen, weil er meint, keine Chance bei dir zu haben.«
   Sina schüttelte energisch den Kopf. Sie kannte Bastian. Was Bea da vermutete, war gänzlich unmöglich. »Er hat nie etwas gesagt, weil er nicht in mich verliebt ist, Bea. Während unserer Freundschaft hat Bastian zwei Beziehungen und, wie ich vermute, eine kleine Affäre gehabt. Warum hätte er das tun sollen, wenn er so verliebt in mich ist?«
   Bea zuckte die Schultern. »Weil er meint, dass du ihn sowieso hättest abblitzen lassen und er nicht ständig allein sein wollte? Doch ich will das nicht vertiefen und dich damit ärgern und von der Arbeit abhalten.«
   Bea stand auf und strich ihren Rock glatt. Sie schien sich wieder entspannt zu haben und lächelte Sina an. »Wie sieht’s aus? Rufst du mich an, wenn du die Übersetzung fertig hast? Wir könnten am Sonntag in den Zoo gehen.«
   Sina nickte lächelnd. Sie war froh, dass Bea über ihre wahrscheinlich überheblich wirkende Reaktion nicht verärgert war. Außerdem mussten sie ihre Saisonkarten für den Zoo nutzen. »Gern. Wir richten es so ein, dass du bei der Fütterung deiner geliebten Pinguine zusehen kannst.«
   Bea lachte und schnappte sich ihre Tasche. »Perfekt. Bis dann.«
   Die Tür schloss sich hinter Bea, und Sina starrte nachdenklich auf das weiß lackierte Holz. Sie fragte sich, wie Bea auf einen solchen Gedanken kommen konnte. Sie war eine kluge Frau, die mit beiden Beinen im Leben stand, keinesfalls ein romantisch verklärtes Seelchen, das überall die große Liebe zu entdecken meinte.
   Sina nagte an ihrer Unterlippe. Bastian war seit über zwei Jahren Single und hatte ihres Wissens auch keine Affäre. Vielleicht spielten seine Hormone verrückt, und er hatte ihr daher den einen oder anderen begehrlichen Blick zugeworfen. Das hatte Bea missverstanden. Ja, so musste es wohl sein.
   Sina wandte sich wieder dem japanischen Text zu und begann zu tippen. Einige Minuten später hörte sie mit einem Fluch auf. Was sie geschrieben hatte, war kompletter Unsinn, weil sie zwei Wörter falsch interpretiert hatte. Verdammt. Wo war ihre Konzentration, die sie sonst nie im Stich ließ?
   Schonungslose Ehrlichkeit mit sich selbst ergab, dass sie während der Übersetzung des letzten Absatzes ständig an Bastian gedacht hatte. Verflucht, daran war Beas Gerede über seine angebliche Verliebtheit schuld. Das bekam sie nicht mehr aus ihrem Kopf, obwohl es absurd war.
   Sina überlegte kurz, dann griff sie zu ihrem Handy und wählte Bastians Nummer. Er meldete sich erst nach dem fünften Klingeln, und Sina konnte ihn wegen der lauten Hintergrundgeräusche kaum verstehen.
   »Hallo Bastian. Was ist denn bei dir los? Ich kann dich nur schlecht hören.«
   »Sina, hi. Moment mal. Marcel, lass das, sonst ist er gleich weg. Wir müssen uns etwas anderes einfallen lassen. So, da bin ich wieder.«
   Sina lachte. Es war offensichtlich, dass Bastian noch im Zoo war und es wieder einmal Probleme gab. Für Sina waren diese Komplikationen meist lustig, für Bastian, der eine Lösung finden musste, eher weniger. »Was ist passiert? Sind die Elefanten auf dem Weg zur Reeperbahn?«
   »So schlimm ist es zum Glück nicht. Trotzdem reicht es mir für heute. Rocky sitzt in den Kastanien.«
   Sina konnte nicht anders, sie prustete los. Mit Rocky hatte sie früh Bekanntschaft gemacht. Er war ein Hyazinth-Ara, der größte Papagei, den es gab. Seine Federn waren leuchtend blau, sein Schnabel einschüchternd und seine Persönlichkeit die eines Rebellen. Er war das Maskottchen des Zoos, hatte daher viele Freiheiten und nutzte diese immer wieder zur Flucht. Dann saß er in den Kastanien des Zoos, sah auf die verzweifelten Tierpfleger herunter und kreischte hämisch. Trotzdem wollte Bastian nicht, dass ihm die Flügel gestutzt wurden.
   »Rocky, sieh mal, lecker Erdnuss … komm, komm her«, hörte Sina im Hintergrund Marcels Stimme.
   Der Vogel kreischte ohrenbetäubend und schien Marcel zu verspotten. Sina kicherte. »Das klingt so, als würde es länger dauern.«
   Sie hörte Bastian seufzen. »Wir müssen ihn da runterkriegen, bevor Queen Verena merkt, dass ihr Liebling wieder getürmt ist. Marcel, das hat keinen Zweck. Hol Vroni, aber sei vorsichtig.«
   Sina wurde neugierig. Diese Maßnahme kannte sie noch nicht. »Was hast du vor?«
   »Rocky kann Vroni nicht ausstehen. Immer wenn er die Ärmste sieht, will er sie hacken. Also wird er wohl runterkommen, sobald er sie auf Marcels Schulter entdeckt. Dann muss Marcel allerdings rennen, wenn kein Unglück geschehen soll.«
   »Das klingt nicht ganz ungefährlich.«
   »Ist es auch nicht. Aber ich sehe keine andere Möglichkeit, da du bestimmt keine Zeit hast, herzukommen.«
   »Was könnte ich schon tun?«
   Bastian lachte. »Rocky ist total verliebt in dich. Sobald er dich sieht, kommt er an und will mit dir schmusen.«
   Sina zuckte zusammen. Einen Grund dafür gab es nicht, denn schließlich hatte Bastian gesagt, dass Rocky in sie verliebt sei, nicht er selbst. Beas Worte schienen mehr in ihr ausgelöst zu haben, als sie sich eingestehen wollte. Bastian sprach wieder mit ihr, daher verdrängte sie diese Gedanken schnell.
   »Warum hast du mich eigentlich angerufen? Nur um die neuesten Anekdoten zu hören?«
   »Natürlich nicht. Bea und ich kommen am Sonntag zur Pinguinfütterung. Wirst du auch da sein?«
   »Wenn ihr kommt, ist das doch Ehrensache. Ich muss Schluss machen, Marcel kommt mit Vroni.«
   Sina hörte noch gellendes Gekreisch bevor die Verbindung unterbrochen wurde. Sie legte das Handy beiseite und starrte nachdenklich auf ihren Monitor.

3. Kapitel

Bastian entdeckte Sina und Bea in der Menschentraube vor dem Gehege der Pinguine und winkte. In dem Moment rutschte sein rechter Fuß weg, er verlor das Gleichgewicht und landete hart auf den Knien. Der Schmerz schoss wie Hunderte Messer seine Beine hinauf, aber viel schlimmer war die Scham. Er spürte, dass seine Wangen heiß wurden, und biss sich auf die Lippe. Warum musste ihm so etwas immer vor Sina passieren?
   Zumindest war er wieder auf den Füßen, als die beiden Frauen ihn erreichten und ihn mit besorgten Fragen noch mehr in Verlegenheit brachten. Hätten sie seinen Sturz nicht einfach ignorieren können? Bea klopfte ihm imaginären Staub vom Hemd, und Sina musterte ihn mitfühlend. Er wusste nicht, was schlimmer brannte, seine Wangen oder seine Knie.
   Rasch versuchte er, sie von seinem Fauxpas abzulenken. »Mir ist nichts passiert. Lasst uns zu den Pinguinen gehen, sonst verpassen wir die Fütterung.«
   Er wollte forsch ausschreiten, als beide Frauen ihn mit Warnrufen zurückhielten.
   Sinas Stimme und ihr Arm stoppten ihn. »Pass auf, tritt nicht wieder in den Eismatsch.«
   Bastian sah an sich hinunter. Tatsächlich war er nicht über seine eigenen Füße gestolpert, was bei ihm nicht unüblich war, sondern in ein halb geschmolzenes Eis getreten. Der Vanillematsch leuchtete auf seiner schwarzen Jeans. Bastian ächzte unterdrückt und machte einen Schritt über die Pfütze hinweg. Da lief eine Verschwörung gegen ihn, anders konnte es nicht sein. Er hatte nur noch nicht herausgefunden, wer schuld war: das Schicksal, seine Gene oder eine böse Gottheit.
   Bedrückt folgte er den beiden Frauen zum Pinguingehege, wo sich Bea ungeachtet der Proteste der Leute ganz nach vorn drängelte.
   Sina blieb zurück, wandte sich zu Bastian um und lächelte. »Ist wirklich alles in Ordnung? Du siehst so verkniffen aus.«
   Bastian zuckte die Schultern. Er konnte es ihr ebenso gut sagen. Für sie würde er ohnehin immer nur der niedliche Tollpatsch bleiben. »Ich habe es geschafft, eine nagelneue Jeans am ersten Tag zu ruinieren und habe mich vor allen Leuten lächerlich gemacht.«
   Sina legte einen Arm um ihn und gönnte ihm eine halbe Umarmung. Ihr Lächeln sollte wohl aufmunternd sein, aber Bastian hatte das Gefühl, dass sie so auch einen kleinen Jungen trösten würde. Dabei löste ihre Umarmung alles andere als kindliche Gefühle in ihm aus.
   »So schlimm ist es nicht. Außer Bea und mir hat es kaum jemand gesehen. Und die Hose kann man waschen. Sind die Knie heil geblieben?«
   Bastian nickte, obwohl es nicht so war. Er folgte ihr dichter zu den Pinguinen, sah aber kaum hin. Schließlich war das für ihn Alltag, und er konnte die Zeit viel besser zum Grübeln nutzen. Er musste unbedingt ungestört mit Sina reden. Seiner Meinung nach war es eine blöde Idee, ihren Ex Marc zu suchen. Was sollte das bringen? Der Typ hatte eine Macke, schließlich hatte er sich von Sina getrennt. Das sagte alles über ihn aus. »Bist du mit der Übersetzung fertig?«
   Sina sah in die Sonne blinzelnd zu ihm hoch. Ihre Augen hatten in dem grellen Licht ein besonders intensives Grün. »Ja, zum Glück. Ich habe sie schon abgeschickt und die Prämienzusage.«
   Bastian lächelte auf sie hinunter. »Das freut mich. Hast du heute Zeit für einen Kaffee?«
   Er beobachtete, wie Sina eine glänzend braune Haarsträhne zurückschob, die ihr der Wind ins Gesicht geweht hatte. »Heute Abend, also eher Wein. Ich komme zu dir, dann muss ich meine Wohnung nicht aufräumen.«
   Bastian musste bei ihren Worten schmunzeln, denn sie war wesentlich ordentlicher als er. »Einverstanden.« Er war so versunken in den Anblick von Sinas glänzendem dunkelbraunen Haar, das von einer Brise gegen seine Brust geweht wurde, dass er zusammenzuckte, als ihm jemand auf die Schulter tippte.
   Simon stand neben ihm und lächelte entschuldigend. »Ich habe dich zweimal angesprochen, aber du hast nichts gehört.«
   Das glaubte Bastian sofort. Er war wieder einmal viel zu tief in seiner Traumwelt versunken gewesen, als dass er den Tierarzt neben sich bemerkt hätte. »Schon gut. Bist du mit deiner Runde durch?«
   Simon nickte, wobei ihm die Brille in Richtung Nasenspitze rutschte. »Bis jetzt ja. Aber Marcel fällt bestimmt noch etwas ein. Wenn nicht, kreieren er und der neue Praktikant die nächste Katastrophe.«
   Bastian seufzte bei Simons Worten. Der gestrige Tag war der schreiende Beweis für die Gedankenlosigkeit der jungen Männer gewesen. Er würde mit Marcel reden müssen. »War etwas Bedeutendes dabei?«
   Simon schüttelte den Kopf. »Nein. Roberta geht es gut. Nach dem Zwischenfall gestern habe ich vorsichtshalber nach ihr gesehen. Sonst gab es nur eingetretene Steinchen und ähnliche Lappalien.«
   Bastian war beruhigt. Auf Simons tierärztliche Beurteilungen konnte er sich hundertprozentig verlassen. Allerdings schien der Tierarzt momentan abgelenkt zu sein. Er balancierte auf den Zehenspitzen, als versuchte er, die Fütterung der Pinguine zu sehen. Da er die in den letzten Jahren mindestens drei Mal in der Woche gesehen hatte, bezweifelte Bastian, dass es das war, was ihn so brennend interessierte. Jetzt stolperte Simon sogar gegen ihn und entschuldigte sich.
   Bastian lächelte nachsichtig. »Was ist denn da vorn so interessant?« Er beobachtete, wie die Röte von Simons Hals bis zu seiner Stirn hinaufzog.
   »Eigentlich nichts. Na ja, vielleicht doch. Ich sehe so gern, wie sich Bea über die Pinguine freut. Sie ist dann begeistert wie ein kleines Mädchen.«
   Bastian war froh, dass nicht nur er wie ein Teenager schwärmen konnte. In Simon hatte er offensichtlich einen Leidensgenossen. »Bea gefällt dir natürlich nur in Kombination mit den Pinguinen?«
   Simon zog eine Grimasse und versetzte ihm einen Klaps. »Nicht so laut, sonst hört sie dich noch.«
   Ihn zwickte das Gewissen, denn er hätte auch nicht gewollt, dass Sina eine solche Äußerung über ihn hörte. Er nahm Simon am Ellbogen und führte ihn zur nächsten Bank. Sie setzten sich mit Blick auf das Gehege der Pinguine und die begeisterte Menschenmenge. »Sie war zu abgelenkt, das hat sie nicht gehört. Warum hast du nie gesagt, dass sie dir gefällt?«
   Simon zuckte die Schultern und wich seinem Blick aus. »Du hast auch nie etwas über Sina gesagt. Da dachte ich, dass du nicht über Gefühle sprechen willst. Obwohl du ansonsten kein typischer Macho bist.«
   Bastian erstarrte bei diesen Worten vor Schreck. Seine Hand schloss sich krampfhaft um Simons Unterarm. »Woher weißt du das?«
   Simon zog eine gepeinigte Grimasse und zerrte seinen Arm aus der Umklammerung. »Also echt, Bastian, wie lange sind wir schon Freunde? Ich weiß es schon ewig, weil ich deine Blicke gesehen habe.«
   Bastian schluckte trocken. Sein Herzschlag dröhnte in seinen Ohren. »Meinst du, dass alle anderen es auch wissen?«, brachte er mühsam hervor.
   Simon lächelte beruhigend. »Ich kann es mir kaum vorstellen. Sina hat keinen Verdacht, davon bin ich überzeugt. Und die Kerle, mit denen du ab und zu um die Häuser ziehst, sind alle viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt.«
   Bastian atmete keuchend aus. Die Erleichterung war körperlich fühlbar. »Gut. Ich habe keine Lust, von den anderen verspottet zu werden. Außerdem müsste ich fürchten, dass einer von ihnen es witzig fände, es Sina zu erzählen.«
   Simon schnaubte sarkastisch. »O ja, das wäre schreiend komisch. Warum gibst du dich mit diesen Kerlen ab?«
   Bastian zuckte die Schultern. »Ich weiß es selbst nicht so richtig. Vielleicht, weil ich sie schon aus der Schule kenne und nicht so viele Freunde habe. Außer dir und Sina eben nur diese drei.«
   Simon runzelte die Stirn und schob zum dritten Mal innerhalb ebenso vieler Minuten seine Brille hoch. »Das sollte kein Grund sein, dich von ihnen schikanieren zu lassen.«
   Bastian presste die Lippen aufeinander. So schlimm waren die drei nun auch nicht. Sie verhinderten zumindest, dass er jedes Wochenende allein zu Hause verbrachte. »Das ist übertrieben, Simon. Sie machen eben Scherze, wie sie Männer unter sich machen. Das ist Stammtischverhalten.«
   »Die Scherze gehen immer auf deine Kosten.«
   Bastian seufzte und strich sich durchs Haar. Das wusste er natürlich, doch er mochte es nicht offen vor Simon zugeben. »Ich stelle mich allerdings oft tollpatschig an. Da muss ich damit rechnen, dass die anderen lachen und spotten, wenn ich mein Bier verschütte, der Kellnerin auf den Fuß trete oder mich so an einem Stück Brezel verschlucke, dass mir die Tränen laufen.«
   Simon schnaubte verächtlich. »Besonders Erstickungsanfälle sind saukomisch. Wahrscheinlich würden sie noch mehr lachen, wenn du mit dem Tod ringend auf dem Boden liegen würdest. Als Tom das Glas mit den Soleiern fallen ließ, wurde er sauer, als du gelacht hast.«
   Bastian wurde langsam ungeduldig. Er fühlte sich von Simon schikaniert und wusste nicht einmal genau, warum. Schließlich hatte er nicht unrecht. »Was willst du mir damit eigentlich sagen?«
   Simon sah ihm in die Augen. »Dass du bessere Freunde als die verdient hast.«
   Bastian wusste nicht, ob er gerührt oder verärgert sein sollte. Er fürchtete, nur die Wahl zwischen diesen Freunden oder keinen zu haben und fühlte sich daher in die Ecke gedrängt, bemühte sich jedoch, sich das nicht anmerken zu lassen. »Ich habe doch dich. Tom und die anderen beiden sind nur Bekannte. Klar weiß ich, dass sie mich als eine Art komischen Trottel sehen und mich mitnehmen, um sich positiv von mir abheben zu können, aber irgendwie nutze ich sie auch aus. Ich muss nicht allein in Kneipen hocken und meine letzte Freundin habe ich auf einer Party von Steffen kennengelernt.«
   Simon seufzte theatralisch und schob seine Brille weiter hoch. Dann spannte er sich an und sah aufmerksam zum Pinguingehege. Die Fütterung war vorbei, und Sina und Bea kamen auf sie zu.
   Bea strahlte verzückt. »Das war genial. Jetzt möchte ich noch zu den Giraffen und danach ein Eis. Wer macht mit?«
   Sina streckte wie ein Schulmädchen einen Arm in die Höhe. »Ich, ich! Was ist mit euch?«
   Simon warf Bastian einen flehenden Blick zu. Er verstand. Ohne ihn würde sich Simon nicht trauen, die Frauen zu begleiten. Seine Verliebtheit war offenbar schon weit fortgeschritten. Bastian lächelte verständnisvoll.
   »Wir kommen auch mit. Aber das mit dem Eis lasse ich lieber. Davon hatte ich schon genug.«
   Die anderen lachten, während Bastian aufstand und betrübt seine Hosenknie betrachtete. Als er den Kopf wieder hob, sah er Marcel auf sich zulaufen. Alles in ihm zog sich zusammen. Den Ausflug zu den Giraffen konnte er wohl vergessen, außer die neue Katastrophe hatte etwas mit ihnen zu tun. Marcel kam keuchend vor ihm zum Stehen. Die anderen unterbrachen ihr Gespräch und musterten ihn verblüfft.
   »Ich kann nichts dafür. Wirklich nicht. Wie sollte ich das wissen?« Marcel beugte sich vornüber und keuchte noch lauter.
   Bei den atemlosen Worten verkrampfte sich Bastian noch mehr. Er hoffte, dass sich Marcel nicht übergeben würde, es waren noch zu viele Besucher in der Nähe. Trotzdem musste er wissen, was los war, bevor sie alle von einer Stampede überrannt wurden. »Wofür kannst du nichts? Sag schon.«
   Marcel richtete sich wieder auf. Sein rotes Gesicht glänzte vor Schweiß. »Ich habe es nur gut gemeint.«
   Bastian verlor allmählich die Geduld. »Was hast du gemacht? Sag es mir.«
   »Ich habe die Antilopen in ihr neues Gehege gelassen.«
   »Was?« Das Entsetzen zuckte wie ein starker Stromschlag durch Bastians Körper.
   Sina musterte ihn besorgt. »Wieso ist das schlimm?«
   Er stöhnte verzweifelt und schlug die Hände vors Gesicht. »Weil das Gehege nicht fertiggestellt ist, was ich Marcel mehrmals gesagt habe. Eine Seite ist offen, die Antilopen hauen ab.«
   Marcel zog eine Grimasse, er schien den Tränen nahe zu sein. »Sind sie schon. Als Alex und ich unseren Fehler erkannten, konnten wir nur noch drei an der Flucht hindern.«
   Bastian hätte Marcel am liebsten auf der Stelle gefeuert, aber das Recht hatte nur die Direktorin Verena. Acht Antilopen liefen frei im Zoo herum, sprangen vielleicht in andere Gehege, erschreckten Mensch und Tier und standen Todesängste aus, weil sie furchtsame Fluchttiere waren. Wahrscheinlich mussten sie alle mit Betäubungspfeilen ruhigstellen, bevor sie sie wieder einsperren konnten. Er fluchte laut, und eine Mutter, die mit ihren beiden Kindern vorbeiging, warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu.
   Simon hatte schon mitgedacht. »Ich hole das Gewehr und die Pfeile. Anders wird es wohl nicht gehen.«
   Bastian nickte und wandte sich an die Frauen. »Ihr müsst leider allein zu den Giraffen gehen.«
   Sina blinzelte zu ihm hoch. »Können wir irgendwie helfen?«
   Er schüttelte den Kopf. »Nein, trotzdem danke.« Ohne Marcel noch eines Blickes zu würdigen, rannte er in Richtung Antilopengehege, dicht gefolgt von Simon.

4. Kapitel

Der Wind riss das dichte, blonde Haar des Mannes zurück. Sein Lächeln ließ die blauen Augen leuchten und zauberte Grübchen in seine Wangen. Auf seinen nackten, braun gebrannten Schultern glitzerten unzählige Wassertropfen. Marc am Ostseestrand. Vor fast fünf Jahren. Sina hatte das Foto geschossen. Sie hatte es immer geliebt, weil es Marc genauso zeigte, wie er war: attraktiv, ausgelassen, lebenslustig.
   Jetzt verschwamm das Bild vor ihren Augen. Schnell legte sie es beiseite, bevor ihre Tränen es beschädigen konnten.
   Sie heulte tatsächlich schon wieder. Früher hatte sie dieses Problem nie gehabt, weder bei persönlichen Problemen noch bei traurigen Filmen. An Dr. Kolbins Vermutung, dass sie kurz vor einem Burn-out stand, musste etwas dran sein.
   Ungeduldig wischte Sina die Tränen weg und putzte sich die Nase. Sie nahm einen großen Schluck Rotwein aus dem Glas, das sie auf ihrem Nachttisch abgestellt hatte. Dabei fiel ihr Blick auf den Wecker. Fast acht Uhr. Bastian musste jeden Moment da sein. Man konnte sich darauf verlassen, dass er pünktlich war.
   Bei ihrer Gemütslage war sie froh, dass sie ihn doch gebeten hatte, zu ihr zu kommen. So konnte sie sich in bequemen Klamotten auf dem Sofa lümmeln und musste sich keine Gedanken darüber machen, ob sie verheult aussah. Für Bastian musste sie sich nicht schminken. Sie waren so lange befreundet, dass ihr vor ihm nichts peinlich war. Natürlich würde er fragen, warum sie geweint hatte, aber das konnte ihr nur recht sein. So war sie gezwungen, über ihre Probleme zu reden. Laut Dr. Kolbin war das eine Hilfe.
   Als es klingelte, schwang sie die Beine aus dem Bett. Ihr Schlafzimmer schwankte kurz, woran Sina merkte, dass sie den Wein zu schnell getrunken hatte – und an der Menge mochte es auch liegen. Mit einem Lächeln dachte sie, dass Bastian dafür Verständnis haben würde. Sie öffnete die Tür und sah als Erstes einen bunten Frühlingsstrauß und eine Schachtel mit ihrem Lieblingskonfekt. Vor Rührung hätte sie beinah wieder zu weinen begonnen. Sie bedankte sich lieber. »Genau das, was ich jetzt brauche. Du bist ein Schatz, Bastian.«
   Er ächzte leise und machte merkwürdige Verrenkungen. »Das sagst du nicht mehr, wenn ich gleich die beiden Flaschen Wein fallen lasse. Nimm mir schnell etwas ab.«
   Rasch beugte sie sich vor und nahm die duftenden Blumen und die Pralinen an sich.
   Dahinter kam Bastians gerötetes Gesicht zum Vorschein. Sein Blick war auf den Wein gerichtet, mit dem er anscheinend jonglieren wollte. Im letzten Moment bekam er die beiden Flaschen in den Griff und sah Sina lächelnd an. Doch das Lächeln wich sofort Besorgnis. »Warum hast du geweint?«
   Sina seufzte und trat zur Seite. Es war ihr klar gewesen, dass er keine Zeit verlieren würde, sie danach zu fragen. Seine Aufmerksamkeit und Sorge um sie waren meistens rührend, konnten aber auch nervig werden. »Komm erst mal rein, aber sieh dich nicht zu genau um. Gut, dass du Wein mitgebracht hast. Meine angebrochene Flasche habe ich ausgetrunken. Wollen wir uns Pizza bestellen?«
   Bastian zwängte sich an ihr vorbei und ging ins Wohnzimmer. Dort zog er seine Lederjacke aus, unter der ein T-Shirt mit Pinguin zum Vorschein kam. Bisher hatte Sina noch nicht den endgültigen Beweis, dass er nur T-Shirts mit Tiermotiven besaß, aber sie war nahe dran.
   »Klar, gern. Ich nehme Hawaii.«
   Sina lachte kopfschüttelnd. Das bestellte er in neun von zehn Fällen. »Wird dir das nicht langweilig?«
   Er ließ sich in einen Sessel fallen, schnappte sich eine Flasche Wein und begutachtete das Etikett. »Niemals. Soll ich eine Flasche öffnen?«
   »Auf jeden Fall.«
   Während sich Bastian mit ihrem altersschwachen Öffner abmühte, bestellte Sina Pizza. Da sie unter sich bleiben würden, gönnte sie sich eine Diavolo mit viel Knoblauch. Danach ließ sie sich auf die Couch fallen und stellte fest, dass sie sich schon besser fühlte. Bastian hatte den Wein eingegossen und die Pralinenschachtel geöffnet vor sie gestellt. Einen besseren Freund als ihn konnte es nicht geben. Sina stopfte sich eine marzipangefüllte Schokokugel in den Mund und griff nach ihrem Weinglas. Als sie Bastians sorgenvollen Blick bemerkte, hielt sie in der Bewegung inne.
   »Warum bist du in letzter Zeit so traurig und bedrückt?« Sein Ton stand seinem Blick in nichts nach.
   Sina kaute langsam die Praline zu Ende und nahm einen Schluck Wein. Der halbtrockene Rote schmeckte nach der Süßigkeit viel zu herb. Sie verzog das Gesicht und setzte das Glas ab.
   »In letzter Zeit ist alles zusammengekommen, wie man so schön sagt. Ständig dieser Stress im Büro und die Sorge, ob ich mit meiner Selbstständigkeit scheitern werde. Schließlich würde das für mich einen Berg Schulden und Arbeitslosigkeit zur Folge haben, mal abgesehen davon, dass drei andere Frauen auch keinen Job mehr hätten. Das geht mir in den letzten Monaten ständig im Kopf herum.«
   Bastian nippte an seinem Wein und sah sie nachdenklich an. »Selbstständig bist du seit über fünf Jahren. Bea ist fast von Anfang an dabei, Nicole kam einige Monate später dazu. Judith ist zwar erst kurz dabei, arbeitet aber nur in Teilzeit. Das kann keine hohen Kosten verursachen. Soviel ich mitbekommen habe, gehen bei euch eher zu viele als zu wenige Aufträge ein. Also warum diese plötzliche Sorge?«
   Sina seufzte, lehnte sich zurück und stützte die besockten Füße an der Tischkante ab. Das war eine schwierige Frage, die sie sich selbst nicht schlüssig beantworten konnte. Daher nahm sie bei einer eher oberflächlichen Erklärung Zuflucht. »Deswegen sagte ich ja, dass Vieles zusammenkommt. Ich fühle mich urlaubsreif, traue mich jedoch nicht, freizunehmen und für zwei Wochen wegzufahren. Dann würde ich ständig ans Büro denken und könnte nicht entspannen. Andererseits brauche ich dringend eine Auszeit. Und dann habe ich noch deprimierendere Gedanken.«
   Sina senkte den Blick und spielte an einem eingerissenen Fingernagel herum. Es war schwierig, dieses Thema anzusprechen, selbst bei Bastian.
   »Du bist doch nicht etwa krank?«
   Seine erschrockene Stimme rüttelte sie auf. »Nein, nein. Jedenfalls nicht so, wie du denkst. Körperlich ist alles okay. Aber psychisch pfeife ich aus dem letzten Loch, wie meine Mutter es so freundlich ausdrückte. Deswegen hat sie mich bei Dr. Kolbin angemeldet.«
   Bastian nickte düster und nahm noch einen Schluck Wein. »Der dir gesagt hat, dass du Marc suchen sollst. Was ich nicht verstehe.« Er senkte den Blick auf seine Finger, die rastlos an dem Flaschenöffner spielten. In der nächsten Sekunde hatte sich die Spitze in seinen Daumen gebohrt und ein Blutstropfen quoll heraus.
   Rasch beugte sich Sina vor und riss ihm den Öffner aus der Hand. »Lass das. Du weißt, dass der kaputt ist. Ich werde versuchen, dir die Sache mit Marc zu erklären, obwohl ich mir nicht sicher bin, dass ich sie vollkommen verstehe. Wie du weißt, ist Marc mein letzter Ex-Freund. Die Beziehung liegt fast vier Jahre zurück. Meine Mutter findet, dass das viel zu lange ist. Dr. Kolbin offensichtlich auch.«
   Bastian zog die Nase kraus, was ein Zeichen dafür war, dass ihm etwas nicht gefiel. »Deiner Mutter kannst du nichts recht machen. Ihre Meinung zählt also nicht, wie ich finde. Und dieser Psychoonkel hat dich dreimal gesehen und meint, die Lösung für all deine Probleme zu kennen?«
   Sina spürte Verärgerung in sich aufsteigen, was daran lag, dass Bastian nicht unrecht hatte. Aber das wollte sie, da sie nach Lösungen suchte, nicht hören. »Bastian! Sei nicht so engstirnig. Momentan kann ich jede Hilfe gebrauchen, insbesondere professionelle. Ich kann froh sein, dass meine Mutter so einen guten Draht zu dem Arzt hat.«
   Er stellte sein Weinglas ab und hob beschwichtigend beide Hände. »Okay, okay. Habe ich das richtig verstanden, du sollst Marc suchen, weil du seit Jahren keine Beziehung mehr hattest und er dein letzter Freund war? Wie hängt das miteinander zusammen? Sollst oder willst du wieder mit ihm zusammen sein?«
   Sina erschrak über diese Idee. Das wollte sie nicht, oder etwa doch? Warum hatte sie vorhin so sentimental auf sein Foto gestarrt? Das wollte sie aber vor Bastian nicht zugeben, zumindest solange sie sich nicht sicher war. »Natürlich nicht. Glaube ich jedenfalls nicht.«
   Der letzte Satz schien schon zu viel gewesen zu sein, denn Bastian sah sie mit weit aufgerissenen Augen an. Sie konnte seinen Blick nicht deuten, aber er schien von ihren Plänen nicht begeistert zu sein.
   »Ich bin zwar kein Therapeut, Sina, kenne aber die Volksweisheit, dass man alte Geschichten nicht aufwärmen sollte. Es gab Gründe für eure Trennung.«
   Sina nahm einen so großen Schluck Wein, dass er ihr beinah wieder aus den Mundwinkeln floss. Schnell schluckte sie und räusperte sich. In dem Roten schien ein Frosch gewesen zu sein, der es sich in ihrer Kehle gemütlich gemacht hatte. »Ja, aber die kenne ich leider nicht.« Ihre Stimme klang belegt. »Marc hat sich damals von mir getrennt, ohne mir zu sagen warum, obwohl ich mehrmals gefragt habe. Dann ist er weggezogen, und ich habe ihn aus den Augen verloren. Dr. Kolbin meint, dass das wie ein loser Faden in meinem Leben ist, den ich immer wieder aufnehme, aber nicht vernähen kann – außer ich finde Marc und spreche mich mit ihm aus.«
   Bastian drehte das Weinglas in seiner Hand und sah Sina nicht an. In ihr verstärkte sich immer mehr der Eindruck, dass er ihrem Vorhaben ablehnend gegenüberstand. Nur warum? Sie wollte doch nur Ordnung in ihr Leben bringen und endlich wieder innere Ruhe finden.
   Schließlich blickte Bastian auf. Sein Lächeln wirkte gezwungen. »Was meinst du, was passiert, wenn du mit ihm gesprochen hast?«
   Sina zuckte die Schultern. Darüber hatte sie tatsächlich noch nicht nachgedacht. »Das kommt darauf an, was er mir sagt. Es gibt so viele Unsicherheiten. Finde ich ihn überhaupt? Wenn ja, beantwortet er mir meine Fragen? Und wie werden die Antworten aussehen? Werde ich gekränkt sein oder Verständnis dafür haben?« Sina seufzte, stellte ihr Glas ab und nahm sich noch eine Praline. Bevor sie sie in den Mund steckte, beendete sie ihren Gedankengang. »Ich könnte sauer sein und ihn endgültig abschreiben. Es könnte aber auch sein, dass er eine so schlüssige Erklärung liefert und ein genauso wunderbarer Mensch ist, wie ich ihn in Erinnerung habe, dass ich mich erneut in ihn verliebe. Vielleicht wäre das nicht schlecht. Mein Leben kann nicht nur aus Arbeit bestehen.«
   Bastian starrte mit zusammengezogenen Brauen vor sich hin. Er wirkte angespannt und mied ihren Blick. Sina fragte sich, was gerade in seinem Kopf vor sich ging.
   »Das sagt auch niemand. Das Gegenteil sollte der Fall sein. Du brauchst ein Privatleben als Ausgleich für deinen stressigen Beruf. Aber wenn du dich nach einem neuen Partner sehnst, muss es doch nicht Marc sein. Das hat schon einmal nicht funktioniert. Wahrscheinlich würde er dir wieder wehtun.«
   Allmählich meinte Sina, zu verstehen. In Bastian war der Beschützerinstinkt erwacht. Wie ein besorgter großer Bruder wollte er verhindern, dass sie verletzt wurde. Das fand sie rührend. »Da mache ich mir keine Sorgen. Denn du wirst bei mir sein, mir helfen und mich notfalls trösten. Das hoffe ich jedenfalls.« Sina beobachtete gespannt Bastians Reaktion. Davon hing für sie alles ab. Allein wollte sie sich nicht auf die Suche machen. Sie brauchte Bastian als Stütze. Als sie merkte, wie egoistisch dieser Gedanke war, biss sie sich auf die Lippen.
   Bastian hob den Blick und sah sie mit großen Augen an. »Wie meinst du das? Natürlich bin ich immer für dich da, wir sind Freunde. Aber wie kann ich dich bei dieser merkwürdigen Suche unterstützen?«
   Sina gefiel das Adjektiv nicht, mit dem er ihr Vorhaben beschrieb. Aber Kritik wäre fehl am Platz gewesen. »Ich möchte, dass du mich begleitest.«
   »Wohin?«
   Sina seufzte tief und ließ sich aufs Sofa zurückfallen. Jetzt waren sie an dem schwachen Punkt ihres Planes angekommen. Das Risiko war groß, dass sich Bastian nicht von ihr überreden lassen würde, wenn er hörte, was sie wollte. »Das weiß ich noch nicht genau. Nach Abschluss seines Studiums wollte Marc nach München ziehen, um dort als Anwalt in einer Kanzlei anzufangen. Das erzählte mir zumindest einer seiner Kommilitonen. Wir waren zu der Zeit schon nicht mehr zusammen.«
   Bastian runzelte die Stirn. Eine Tour nach und eine Suche in München ließ sich nicht an einem Tag bewältigen, und Bastian ließ seinen geliebten Zoo nicht gern allein. Sina bebte innerlich, als sie sich fragte, ob ihre Freundschaft oder seine Leidenschaft für seinen Beruf den Sieg davontragen würde.
   »Hm. München ist groß, und du weißt nicht mal sicher, ob er dorthin gezogen ist.«
   Das war Sina nur zu deutlich bewusst, und ein weiteres, vermutlich größeres Problem war Bastian noch nicht in den Sinn gekommen. Nervös drehte sie eine Haarsträhne um ihren Zeigefinger, bevor sie es ihm sagte. »Das stimmt. Und leider gibt es dort unzählige Schmidts, das habe ich schon recherchiert.«
   Bastian ließ das Weinglas, das er gerade an die Lippen geführt hatte, wieder sinken. Er riss die Augen auf. »Marc heißt Schmidt mit Nachnamen? Das wusste ich nicht mehr. Ach du Schande.«
   Mit einem unglücklichen Seufzen nickte Sina. »Genau. Es gibt tatsächlich fast zehntausend Schmidts in München. Unglaublich, oder? Aber keine Angst, nur dreiundzwanzig davon heißen laut Telefonbuch mit Vornamen Marc oder haben einen Vornamen, der mit M beginnt.«
   Bastian schmunzelte. »Raffiniert, zuerst die zehntausend zu nennen, damit die dreiundzwanzig danach nicht mehr so schrecklich klingen. Fakt bleibt aber, dass wir die alle anrufen oder gar abklappern müssten. Hinzu kommt, dass Marc möglicherweise nicht im Telefonbuch steht. Vielleicht hat er nur ein Handy und daher auf einen Eintrag verzichtet.«
   Mit einem frustrierten Stöhnen vergrub Sina das Gesicht in ihren Händen. Daran hatte sie nicht gedacht. Wenn es so war, würde sie Marc nie finden. Bastian versuchte, sie zu beruhigen.
   »Es gibt ja noch andere Suchmöglichkeiten. Hast du überprüft, ob sein Name auf der Website einer Anwaltskanzlei auftaucht?«
   Sina hob den Kopf und strich einige zerzauste Haarsträhnen zurück. »Das habe ich als Erstes gemacht. Fehlanzeige. Vielleicht ist er gar nicht in München, was mache ich dann?«
   Bastian lehnte sich zurück und legte wie ein kleiner Junge beim Nachdenken einen Zeigefinger an die Lippen. Auf dem Pinguin auf seinem T-Shirt waren rote Flecken. Sina fragte sich versonnen, ob sie vom Wein oder von seinem Blut stammten.
   »Hm. Weißt du, ob Verwandte von ihm in Hamburg wohnen? Oder erinnerst du dich noch an Namen von seinen Freunden?«
   Rasch senkte sie den Blick. Bastian entdeckte immer mehr Schwachpunkte in ihrem Vorhaben. »Marc stammt aus Magdeburg. Soweit ich weiß, wohnt seine Mutter noch dort. Die hat aber wieder geheiratet, und ich weiß nicht mehr, wie sie heißt. Der Vater ist verschwunden, Geschwister hat Marc nicht. Natürlich kannte ich fast alle seine Freunde, aber die haben sich nach dem Studium in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Die beiden, die noch hier in Hamburg sind, habe ich bereits angerufen. Sie haben keinen Kontakt mehr zu Marc, wissen nicht, wo er wohnt.«
   Bastian sah sie betreten an und rutschte im Sessel hin und her. Vermutlich dachte er dasselbe wie sie. Die Suche erschien bereits jetzt aussichtslos.
   »Dann beginnen wir damit, jeden infrage kommenden Schmidt in München anzurufen. Wer sagt denn, dass er nicht dabei ist? Vielleicht haben wir Glück.«
   Es klingelte, und Bastian stand auf, um die Pizza entgegenzunehmen. Sie nutzte die Gelegenheit, um beide Gläser mit Wein nachzufüllen. Als Bastian mit den Kartons zurückkam, begann ihr Magen laut zu knurren. Bevor sie weiterdiskutieren konnte, musste sie sich erst mal Mund und Magen mit der extra scharfen Diavolo verbrennen.
   Als der erste Hunger gestillt war, sprang Sina auf, um Block und Stift zu holen. Jetzt schwankte auch ihr Wohnzimmer, doch das ignorierte sie heroisch. Listen gaben ihr immer Sicherheit, daher wollte sie eine anlegen. Punkt eins auf dieser Liste war, alle infrage kommenden Schmidts in München anzurufen. Als sie das notiert hatte, sah sie zu Bastian, der in Gedanken versunken an einem Stück Pizza kaute. »Okay, was machen wir, wenn Marc nicht unter diesen Schmidts ist?«
   Bastian zuckte zusammen. Er musste gedanklich wirklich weit weg gewesen sein. »Äh, dann fahren wir nach München und gehen zum Einwohnermeldeamt.«
   »Du würdest mitkommen?« Freude und Erleichterung durchzuckten Sina mit solcher Macht, dass sie ein Ventil brauchten. Sie stürzte sich auf Bastian und verteilte ein paar Küsschen auf seinen Wangen und seiner Stirn. Er ächzte leise. Sina ließ sich auf die Couch zurücksinken und musterte strahlend Bastians gerötetes, verlegenes Gesicht. »Kannst du dich denn so lange von deinem Zoo trennen?«
   Ein verschmitztes Lächeln ließ seine braunen Augen funkeln. »Klar. Der Zoo in München ist grandios.«
   Sina mimte Entsetzen und stöhnte laut. »Ich werde dich nicht mehr von den Viechern wegkriegen und darf Marc allein suchen.«
   Bastian lachte und nahm sich ein weiteres Stück Pizza. Der Käse zog lange Fäden. »Keine Sorge. Ich ziehe dort nur ein, wenn du Marc gefunden hast und in Ruhe mit ihm quatschen willst.«
   Sie fühlte sich schon viel besser. Bastian würde sie begleiten, was ihr das Gefühl gab, dass alles ein gutes Ende nehmen würde. Ihre Motivation sprudelte über.
   »Okay. Im Laufe der Woche mache ich alle nötigen Anrufe. Soll ich den Flug nach München für nächsten Montag buchen?«
   Bastian erstarrte. »Fliegen?«
   Sina wurde ungeduldig. Jetzt ging das wieder los. »Ja, Bastian, fliegen. Ich fahre nicht mit dem Auto durch ganz Deutschland und nehme jeden Stau mit. Das kostet uns einen ganzen Tag.« Der Trotz, den Bastians Mimik vermittelte, hätte jedem Fünfjährigen zur Ehre gereicht. Sie verstand nicht, was er gegen das Fliegen hatte. Es war praktisch und ging so schnell.
   »Der Flug mit der ganzen Warterei am Flughafen auch. Außerdem streiken entweder die Fluglotsen oder die Piloten. Das ist immer so.«
   »Unsinn. Du willst nur nicht fliegen, weil du dich in den engen Sitzen nicht wohlfühlst.«
   »Dazu habe ich auch allen Grund. Meine Knie berühren fast mein Kinn, wenn ich mich da reinquetschen muss.«
   Sina lachte. Manchmal neigte Bastian zu maßlosen Übertreibungen. »Du tust so, als wärst du zwei Meter groß. Stell dich nicht so an. Der Flug ist ruckzuck vorbei.«
   Bastian grummelte, widersprach aber nicht mehr. Also ging Sina davon aus, dass sie die Tickets buchen konnte. Sie wandte sich dem nächsten Problem zu.
   »Bekommst du spontan für ein, zwei Wochen Urlaub?«
   Bastian nickte selbstsicher. »Auf jeden Fall. Verena giert seit Monaten danach, mich endlich in den Urlaub zu schicken, weil ich unzählige Überstunden angesammelt habe. Sie hatte deswegen schon Ärger mit dem Betriebsrat.«
   »Gut für uns. Dann nimm gleich zwei Wochen. Wer weiß, was uns erwartet.«

5. Kapitel

Bastians Wadenmuskel verkrampfte sich, und er streckte reflexartig das Bein aus. Sein Fuß traf Sinas Knöchel, und sie zuckte zusammen. Sofort zog Bastian sein immer noch schmerzendes Bein zurück und entschuldigte sich stammelnd. Dass ihm so etwas jedes Mal passieren musste, wenn er mit Sina zusammen war. Aber sie lächelte nur und tätschelte geistesabwesend seine Hand. Bastian konnte sich schon vorstellen, worüber sie nachdachte, und es gefiel ihm ganz und gar nicht.
   Mit aller Vorsicht, derer er mächtig war, versuchte er, in dem für Heringe konstruierten Flugzeugsitz eine bequemere Sitzposition zu finden, ohne Sina zu verletzen oder mit dem Kopf gegen die Decke zu rammen. Es war schlichtweg unmöglich, er gab keuchend auf. Wie hielten die anderen Passagiere das nur aus? Es gab Männer, die noch größer waren als er, und was taten die, die wesentlich breiter waren? Alle außer ihm schienen sich mit ihrem Schicksal in den Heringsaufbewahrungsbehältern abgefunden zu haben.
   Eine gekünstelt lächelnde Flugbegleiterin schob ihren Wagen neben ihre Sitze. Sie wollte Sina und ihm ein unappetitliches Sandwich andrehen, was sie ablehnten. Bastian nahm in weiser Voraussicht Wasser. Wenn er das verschüttete, gab es zumindest keine Flecken. Da Sina Tomatensaft bekam, bemühte er sich, seinen Ellbogen von ihr fernzuhalten.
   Mit einem Rascheln von Polyester stapfte die Flugbegleiterin weiter und fiel den nächsten Leuten auf die Nerven. Bastian sah zum elften Mal auf die Uhr. Jetzt waren zumindest sechs Minuten vergangen, nicht nur zwei. Er seufzte.
   Sina kicherte. »In einem Flugzeug benimmst du dich wie ein kleiner Junge, Bastian. Du kannst nicht eine Minute still sitzen und bist nur am Stöhnen und Ächzen.«
   Stirnrunzelnd überlegte er, ob er wirklich so schlimm war oder Sina ihn nur aufziehen wollte. »Tut mir leid. Ich gebe mir alle Mühe, aber diese Sitze sind für mich die reinste Folter.«
   »Ich weiß. Möchtest du zur Beruhigung einen Schokoriegel?«
   Sina hielt ihm eine Nugatstange hin, und er griff dankbar zu. Während er sie auswickelte, nahm er das Thema wieder auf, das sie beim Boarding abgebrochen hatten. »Wie war das mit diesem ominösen Markus Schmidt?«
   »Tja, ich weiß nicht recht, was ich davon halten soll. Er war Nummer achtzehn auf meiner Liste, alle anderen waren Fehlschläge. Darum war ich wahrscheinlich so froh, dass überhaupt jemand mit mir sprach. Er hat behauptet, dass er Marc kennen würde und über mehrere Ecken mit ihm verwandt sei. Als er hörte, dass ich nach München käme, wollte er mich persönlich treffen.«
   Er schluckte ein Stück klebrigen, aber teuflisch leckeren Nugat hinunter. »Bist du sicher, dass er nicht nur mit dir flirten will?«
   Sina sah ihn aufgebracht an. »Wieso sollte er? Schließlich weiß er nicht mal, wie alt ich bin, geschweige denn, wie ich aussehe.«
   Bastian zuckte die Schultern und zerrte das Papier des Schokoriegels weiter hinunter. »Man hört an deiner Stimme, dass du eine junge Frau bist. Das Risiko, dass du unattraktiv bist, ist eher gering. So denken Männer nun mal.«
   »Du auch? Würdest du dich mit einer wildfremden Frau treffen auf den Verdacht hin, dass sie hübsch sein und du mit ihr flirten könntest?«
   Bastian verschob den nächsten Biss in den Nugat. »Wohl nicht. Das liegt an meiner Schüchternheit und Unsicherheit. Ich hätte Angst, dass ich ihr nur meinen Kaffee über ihr Kleid schütten würde.«
   Sina lächelte wieder, und Bastian biss beruhigt in den Nugat.
   »Ich glaube nicht, dass das dahintersteckt. In München gibt es genug junge Frauen, da sind die Männer nicht verzweifelt auf eine Hamburgerin angewiesen. Was mich stört, ist, dass er mir am Telefon nicht mehr von Marc erzählen wollte. Warum nicht? Ob ihm etwas passiert ist und Markus mir das lieber persönlich sagen will?«
   Er erschrak. Wieder einmal machte sich Sina viel zu viele Gedanken, was schlecht für ihre seelische Gesundheit war. Er war davon überzeugt, dass dieser Markus andere Ziele verfolgte, als sie über Marc zu informieren, aber mit der Meinung rannte er bei Sina vor eine Ziegelmauer. »Das glaube ich nicht. Vielleicht ist in Marcs Leben in den letzten Jahren einfach so viel geschehen, dass Markus dir das am Telefon schlecht erzählen konnte. Außerdem kann er dir persönlich besser mitteilen, wo du Marc finden kannst. Ich vermute, in oder um München herum, sonst hätte er dir abgeraten, diesen Flug zu nehmen. Wenn es nicht so ist, kriegt er Ärger mit mir.«
   Sina lachte und schien sich zu entspannen. Sie nippte an ihrem Tomatensaft und sah aus dem Flugzeugfenster, hinter dem sich weiße Wolkenberge türmten.
   »Was war eigentlich mit den anderen fünf?«
   »Was?« Sina war schon wieder so in Gedanken versunken gewesen, dass sie seine Frage nicht mitbekommen hatte.
   »Es standen dreiundzwanzig Marcs beziehungsweise M. Schmidts auf deiner Liste. Dieser Markus war Nummer achtzehn. Was ist mit den anderen fünf?«
   »Oh. Ich habe sie noch nicht angerufen, weil ich dachte, dass ich von Markus alles Nötige erfahren werde. Sollte es nicht so sein, kann ich immer noch von München aus mit ihnen telefonieren und sie gegebenenfalls persönlich treffen.«
   Bastian nickte erleichtert. Wenigstens hatte sie den Zettel nicht einfach weggeworfen und sich völlig auf diesen mysteriösen Markus verlassen. »Wo treffen wir ihn?«
   Sina lächelte ihn so strahlend an, dass er vor Entzücken seinen Schokoriegel fallen ließ. Er spürte, dass der klebrige Nugat auf seinem Fuß gelandet war, konnte sich aber nicht bücken, da er angeschnallt war und es bleiben wollte. Es war in der Enge so mühselig, den Gurt zu schließen. Also schüttelte er den Schokoriegel von seinem Fuß und prägte seinen grauen Zellen ein, nicht hineinzutreten, wenn sie gelandet waren.
   »Ich habe ihn zu einem Café in der Nähe des Zoos bestellt.«
   Bastian hätte Sina am liebsten umarmt und geküsst. Bei der Aussicht auf den Besuch eines Zoos, den er noch nicht kannte, konnte er sogar den Gedanken an alle M. Schmidts auf dieser Welt besser ertragen. »Fantastisch! Dann können wir nach dem Gespräch gleich in den Zoo.«
   »Heute wohl nicht mehr, das wird zu spät, aber ich habe in weiser Voraussicht Zimmer in einem Hotel in Zoonähe gebucht. Also haben wir morgen genug Zeit für einen ausführlichen Rundgang.«
   Bastian lehnte sich lächelnd in seinem plötzlich nicht mehr so unbequemen Sitz zurück.

Eine halbe Stunde später landeten sie endlich in München. Bastian kam es so vor, als hätte er einen ganzen Tag in dieser engen Blechbüchse verbracht. In seiner Eile, aus der Sitzreihe zu kommen, vergaß er, was er sich eigentlich hatte merken wollen. Sein linker Schuh ließ sich nur noch mühselig vom Boden lösen, klebriger Nugat umklammerte ihn. Bastian verdrehte die Augen, bemühte sich jedoch, sich nichts anmerken zu lassen. Er hoffte, dass man die Schokoflecken, die er auf dem Gang hinterlassen würde, nicht zu ihm zurückverfolgen konnte.
   Als sie vor dem Flughafen standen, atmete Bastian einige Male tief durch. Sie hatten es geschafft. Endlich hatte er wieder Platz und durfte unbehandelte Luft genießen.
   Sina stupste ihn an. »Willst du weiter Atemübungen machen oder hilfst du mir, das Gepäck ins Taxi zu laden?«
   Schon wieder in die Enge eines Fahrzeugs. Seufzend hob Bastian ihre Koffer ins Taxi und setzte sich neben Sina auf die Rückbank. Sie gerieten mitten in die Rush Hour und brauchten daher eine gefühlte Ewigkeit bis zu ihrem Hotel.

Sina wollte ihre Schlüssel an der Rezeption abholen. »Ich habe auf den Namen Winkler zwei Einzelzimmer bestellt.«
   Der Angestellte lächelte und konsultierte seinen Computer. »Es liegt eine Reservierung vor, allerdings für ein Doppelzimmer.«
   Bastian beobachtete, wie sich Sinas Augen verengten und sie die Lippen aufeinander presste. Sie konnte mangelnde Kompetenz nicht ausstehen, und das war es, was sie hier wohl vermutete. Nach kurzer Suche in ihrer Handtasche brachte sie einen Zettel zum Vorschein. Bastian sah, dass es sich um die Kopie einer Online-Reservierung handelte. Sie knallte das Blatt auf den Empfangstresen.
   »Da! Zwei Einzelzimmer.«
   Der Mann warf einen Blick auf den Zettel und seine Gesichtsfarbe wechselte innerhalb von Sekunden von käsig zu hochrot. »Das verstehe ich nicht. Wie konnte das denn passieren? In unserer Datenbank ist für Sie ein Doppelzimmer vermerkt. Was machen wir denn nun?«
   »Das fragen Sie mich?«
   Bastian hörte die Wut in Sinas Stimme und legte ihr beruhigend eine Hand auf den Arm.
   Der Angestellte suchte offenbar eine Lösung in seiner Datenbank. »Äh, wir haben keine freien Einzelzimmer mehr, und zwar für die nächsten beiden Wochen. Es finden zwei Messen statt, alle Hotels sind ausgebucht.«
   Bastian konnte am Zittern von Sinas Arm merken, dass sie kurz vor einer Explosion stand. Sonst war sie nicht so leicht in Rage zu bringen, aber die letzten Wochen waren hart für sie gewesen. »Gibt es in der Nähe eine Jugendherberge?«, mischte er sich in das Gespräch ein. »Dann würde ich dort schlafen und Frau Winkler nimmt das Doppelzimmer, selbstverständlich mit einem Rabatt.«
   Der Angestellte wand sich wie ein Wurm. »Sicher gibt es Jugendherbergen, aber dort werden sie kein Zimmer mehr bekommen. Kurz vor den Ferien finden die meisten Klassenfahrten statt.« Der Mann warf der sichtbar zornigen Sina einen vorsichtigen Blick zu. »Könnten Sie sich das Zimmer vielleicht teilen? Ich würde jemanden beauftragen, die Betten in entgegengesetzte Richtungen zu ziehen.«
   Sina entspannte sich merklich. »Ach, das sind zwei Einzelbetten? Okay, machen Sie das. Und wir bekommen einen Rabatt.«
   Der Angestellte nickte und führte ein Telefonat. »So, Sie können nach oben gehen. Zimmer 212, zweiter Stock.«

Als Sina vor ihm das Zimmer betrat, begann sie zu lachen. Allerdings hörte Bastian, dass sie sich nicht nur amüsierte, sondern auch Sarkasmus mitschwang. Er sah über ihre Schulter und verdrehte die Augen. Die beiden Betten standen höchstens fünf Zentimeter voneinander entfernt. Was dachten sich die Leute hier eigentlich? Er drängte sich an Sina vorbei. »Ich erledige das.« Beherzt griff er nach einer hölzernen Bettseite und begann zu ziehen. Als es bedenklich knarzte und quietschte, riss er die Hände weg und starrte das Bett erschrocken an.
   Sina lachte schon wieder, dieses Mal aus reiner Erheiterung. »Lass es lieber, Bastian. Du produzierst nur Sperrmüll. Wir werden schon klarkommen.«
   Sina stellte ihren Koffer in eine Ecke, holte ihre Kosmetiktasche heraus und verschwand im Bad. Als sich Bastian auf dem Bett ausstreckte, konnte er sehen, wie sie ihre Frisur in Ordnung brachte und sich schminkte. Mürrisch dachte er, dass sie das für diesen zwielichtigen Markus machte. Er schreckte hoch, als Sina ins Zimmer geeilt kam.
   »Wir müssen los. In zehn Minuten soll ich mich im Café Giraffe mit Markus treffen.«
   Bastian rappelte sich seufzend auf und schlurfte ins Bad. Das einzig Gute an dieser Sache war der Name des Cafés und dass es in der Nähe des Zoos war.
   Kurz darauf musste er seine Meinung revidieren. Die Aufmachung und die Einrichtung des Cafés gefielen ihm ebenfalls. Zwei riesige Giraffen aus Fiberglas bildeten den Eingang, die Innendekoration war den afrikanischen Wildtieren gewidmet. Bastian hätte sich nicht wohler fühlen können, bis Markus kam. Er erkannte ihn sofort. Seine Mutter hätte für ihn die Bezeichnung Dandy verwendet, weil der Mann zu viel Wert auf Äußerlichkeiten legte. Für einen simplen Cafébesuch war er viel zu schick gekleidet, das Haar saß perfekt und Bastian meinte, schon von Weitem sein teures Rasierwasser riechen zu können. Außerdem hielt der Kerl ein Blumensträußchen in der Hand und sah sich um. Dann entdeckte er Sina und kam strahlend auf ihren Tisch zu.
   »Du musst Sina sein. Ich kenne dich von deinem Foto auf der Website des Übersetzungsbüros. Hier habe ich eine kleine Aufmerksamkeit für dich.«
   Bastian verschränkte die Arme vor der Brust und schnaubte. Das war sogar noch schlimmer, als er befürchtet hatte. Der Kerl entdeckte ihn und seine Miene wurde ähnlich verärgert wie Bastians.
   »Wer ist das denn?«
   Sina sah von den Blumen auf, an denen sie geschnuppert hatte. »Oh, entschuldige bitte. Das ist mein bester Freund Bastian. Er hilft mir bei meiner Suche. Setz dich doch.«
   Sina wies auf den letzten freien Stuhl an ihrem Tisch, und Markus nahm Platz, wobei er Bastian weiterhin erbost musterte. Das war Bastian nur recht. Es zeigte ihm, dass der Kerl ihn für einen ernst zu nehmenden Gegner hielt. Sina schien die Spannung zwischen ihnen nicht zu bemerken. Sie beugte sich begierig zu Markus, der ihr daraufhin seine ganze lächelnde Aufmerksamkeit schenkte.
   »Also, was kannst du mir über Marc erzählen?«
   Markus lachte, was in Bastians Ohren aalglatt klang. »Darf ich mir erst einen Kaffee bestellen, bevor wir reden?«
   Errötend lehnte sich Sina auf ihrem Stuhl zurück. »Natürlich, nur zu.«
   Nachdem Markus endlich seinen Kaffee bekommen und ihn gebührend mit Zucker verrührt hatte, verlor Sina die Geduld. »Hast du Kontakt mit Marc?«
   Markus nahm einen Schluck Kaffee. »Nicht regelmäßig. Wir sind nicht eng verwandt oder gut befreundet, aber ich kann dir bestimmt weiterhelfen.«
   »Sehr gut. Wohnt er noch in München?«
   »Davon gehe ich aus.«
   Sinas Mimik zeigte ihre Verwirrung, und Bastian wurde immer wütender. Dieser Typ wusste nichts. Er wollte sich nur an Sina heranmachen. Das musste er ihr klarmachen, damit sie dieses sinnlose Gespräch beenden konnten.
   »Was soll das heißen? Warum weißt du das denn nicht?«
   Markus drückte Sinas Hand, woraufhin Bastian beinah aufgesprungen wäre, um ihn am Kragen aus dem Café zu schleifen. Stattdessen mischte er sich in das Gespräch ein. »Nun spann sie nicht so auf die Folter. Ihr liegt wirklich viel daran, wieder Kontakt mit Marc zu bekommen. Sieh dir mal dieses Foto an, dann weißt du, was wir für eine fröhliche Clique waren. Hat Marc eigentlich immer noch diese grüne Jacke?«
   Während er sprach, hatte Bastian ein Bild aus seinem Portemonnaie gezogen und hielt es Markus hin. Der warf einen Blick darauf und grinste breit. »Ja, ja, die Jacke trägt er noch ab und zu.«
   Bastian presste die Lippen zusammen und reichte Sina das Foto. Deren Augen weiteten sich vor Entsetzen. Schwer atmend starrte sie Markus an. Bastian fragte sich, ob sie wütend werden oder zu weinen beginnen würde.
   Markus fiel ihre Erstarrung auf. »Was ist denn los? Du siehst aus, als ginge es dir nicht gut.« Er versuchte wieder, seine Hand auf Sinas zu legen, doch sie riss ihre Finger aufgebracht weg.
   »Was hast du dir dabei gedacht? Warum belügst du mich?« Ihre Stimme zitterte vor unterdrücktem Zorn. Noch dachte sie daran, dass sie in der Öffentlichkeit waren.
   Bastian hoffte, dass es so bleiben würde, wenn der Typ sofort ging.
   Markus sah sie mit großen Augen an, die wohl verletzte Überraschung ausdrücken sollten. Doch die Röte, die sich auf seinen Wangen ausbreitete, deutete auf ein schlechtes Gewissen hin, ebenso wie sein Stammeln. »Ich weiß nicht, was du meinst. Wieso machst du mir solche Vorwürfe? Ich will dir doch helfen.«
   Sina ballte die Fäuste, ihre funkelnden Augen erschienen Bastian wie zwei lebensgefährliche Waffen.
   »Lügner! Du kennst Marc nicht einmal.«
   Markus lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, wohl um etwas Abstand zwischen sich und die erzürnte Frau zu bringen. »Wie kommst du denn darauf?«
   Sina stieß ihm das Foto fast ins Gesicht. »Der Mann in der grünen Jacke ist Bastians Bruder, du Idiot!«
   Darauf fiel Markus keine Antwort mehr ein. Er starrte Sina nur vollkommen perplex an.
   Bastian hielt die Zeit zum Engreifen gekommen. »Ich denke, es ist besser, wenn du gehst, Markus. Sina möchte dir gern die Augen auskratzen, und ich habe den überwältigenden Wunsch, dich zu verprügeln. Lass es nicht dazu kommen.«
   Markus sprang auf, wobei er beinah seinen Stuhl umwarf, und eilte aus dem Café. Bastian sah ihm kopfschüttelnd nach und wandte sich Sina zu. Sie zitterte immer noch vor Wut, aber ihre Augen wurden langsam feucht. Schnell rutschte er zu ihr heran und legte ihr einen Arm um die Schultern.
   »Das tut mir so leid, Sina. Wir geben nicht auf. Morgen rufen wir die anderen Schmidts an.«
   Sina schniefte und kramte ein Taschentuch hervor, mit dem sie sich die Augen abtupfte. »Du hattest mich gewarnt, aber ich dumme Pute wollte ja nicht hören. Ich war so begierig, Marcs Spur aufzunehmen, dass ich die Zeichen nicht erkannt habe. So ein Blödmann. Warum macht er nicht die Münchner Frauen an?«
   »Wahrscheinlich ist er schon bei allen abgeblitzt.«
   Sina begann zu lachen und drückte seine Hand. »Du schaffst es immer, mich wieder aufzumuntern.«
   »Du bekommst noch bessere Laune, wenn wir jetzt in den Zoo gehen.« Er wurde mit einem echten, fröhlichen Lachen belohnt.
   »Es ist viel zu spät. Der Zoo schließt bald, da lohnt sich das Zahlen des Eintritts nicht.«
   »Doch, doch! Wir schaffen es mindestens zu den Eisbären. Das ist jeden Cent wert.«
   Sina lächelte nachsichtig und folgte ihm auf die Straße. Der Zoo war nur fünf Minuten Fußweg entfernt. In dieser Zeit beobachtete Bastian Sina heimlich. Sie hatte sich bei ihm eingehakt und machte einen überraschend gelassenen Eindruck. Also hatte er sein Ziel erreicht und sie von dem Fiasko mit Markus abgelenkt.

6. Kapitel

Mit einem amüsierten Lächeln beobachtete Sina Bastian. Die Germanistin in ihr protestierte bei diesem Gedanken. Beobachten konnte man nur etwas, das sich bewegte. Bastian hingegen schien scheintot zu sein. Er lag auf dem Bauch, das stopplige Gesicht zur Hälfte im Kissen vergraben, während einer seiner Arme aus dem Bett hing.
   Sie hätte in der Position niemals schlafen können. Allerdings hatte Bastian trotz aller Warnungen und der Erlaubnis, ihn zu wecken, nicht geschnarcht. Sina war früh wach geworden, weil sie so aufgeregt war. Jetzt war sie geduscht, angezogen und geschminkt, somit bereit für den Tag, der bessere Ergebnisse liefern sollte. Mit diebischer Vorfreude legte sie die Hände um den Mund. »Bastian, die Löwen sind draußen!«
   Bastian fuhr hoch, die Augen weit aufgerissen. »Was hast du gemacht, Marcel? Wo sind die Löwen?«
   Sina lachte so sehr, dass sie sich am Türrahmen des Badezimmers festhalten musste. Durch ihre Lachtränen konnte sie sehen, wie Bastian bewusst wurde, wo er sich befand, sie verwirrt ansah und kopfschüttelnd lächelte.
   »Das bleibt nicht ungestraft. Mach dich auf eine fürchterliche Rache gefasst.«
   Sinas Lachen ebbte zu einem Kichern ab. Sie wusste, dass Bastian es nicht übers Herz brachte, ihr einen Streich zu spielen. Schmunzelnd beobachtete sie, wie er sich aus seiner Decke befreite und stolpernd aus dem Bett kam. Das Zimmer war so klein, dass sein Ausfallschritt seinen Fuß vor die Wand knallen ließ. Er verzog das Gesicht, und Sina lächelte mitfühlend. Warum musste der Ärmste immer so ein Pech haben? Als er murrend an ihr vorbei ins Bad schlurfte, fiel Sina dadurch, dass er nur eine Unterhose trug, zum ersten Mal auf, wie ausgeprägt seine Muskulatur war. Da er ihres Wissens nach nicht ins Fitnessstudio ging, musste das an der körperlichen Arbeit im Zoo liegen. Vielleicht sollte sie sich als freiwillige Helferin melden. Das könnte die Chance sein, die Orangenhaut an ihren Schenkeln loszuwerden.
   Nachdem Bastian die Badezimmertür hinter sich geschlossen hatte, machte Sina es sich im Schneidersitz auf ihrem Bett bequem. Sie holte die Liste mit den Telefonnummern und ihr Handy aus ihrer Tasche und machte sich an die Arbeit.
   Der erste Versuch ließ sie Bekanntschaft mit einer alten Dame namens Margarethe Schmidt machen, die keinen Marc kannte. Auch die beiden nächsten Nummern waren Fehlschläge.
   Sina seufzte frustriert. Es waren nur noch zwei Möglichkeiten auf ihrer Liste. Wenn die auch zu keinem Ergebnis führten, würden sie sich an das Einwohnermeldeamt wenden müssen. Die würden sich vermutlich auf Datenschutz berufen und keine Informationen preisgeben. Was blieb ihr dann noch? Eine Suche auf Facebook? Das wollte sie lieber vermeiden.
   Sie wählte die nächste Nummer.
   »Marc Schmidt.«
   Für eine Schrecksekunde zog sich alles in Sina zusammen. Dann meldete ihr Verstand, dass es sich nicht um ihren Marc handeln konnte. Das war eine ganz andere Stimme. Sie riss sich zusammen, um dem Mann zu antworten. »Hallo, hier ist Sina Winkler. Ich suche nach einem Marc Schmidt. Aber Sie sind nicht der Richtige.« Was plapperte sie da bloß? Der Mann musste sie für verrückt halten.
   »Oh, das ist schade. Sie klingen so nett. Warum bin ich denn Ihrer Meinung nach nicht der Richtige?«
   Sina entspannte sich. Dieser Marc hatte eine freundliche Stimme und schien ihren Anruf locker zu nehmen. »Ich bin auf der Suche nach meinem Ex-Freund, und der hat eine andere Stimme als Sie.«
   »Wenn Sie möchten, kann ich meine Stimme verstellen. Tiefer oder höher?«
   Sina musste lachen. Der Mann hatte wirklich Humor. »Höher. Ich würde es Ihnen allerdings nicht mehr abnehmen, selbst wenn Sie ein hervorragender Schauspieler wären.«
   Ein tiefes Lachen. »Wie schade. Auch wenn ich leider nicht der richtige Marc bin, kann ich Ihnen vielleicht irgendwie helfen?«
   Sina seufzte leise. Sie wünschte, es wäre so. »Leider nicht. Außer Sie kennen einen Namensvetter.«
   »Hm. Mir fällt gerade etwas ein. Es ist schon vier Jahre her, aber vielleicht hat es etwas zu bedeuten. Damals bekam ich oft die Post von einem Marc Schmidt, der in der Schillergasse wohnte. Der Postbote schaffte es einfach nicht, das von der Schillerstraße zu unterscheiden, wo ich wohne. Ich bin damals zwei, drei Mal zu meinem Namensvetter geradelt und habe ihm seine Briefe gebracht.«
   Sina richtete sich wie elektrisiert auf. Hatte sie hier endlich eine Spur? »Haben Sie ihm die Post persönlich gegeben? Wenn ja, wie sah er aus?«
   »Puh. Ich habe sie ihm selbst gegeben. Wie sah er aus? Das ist schon ziemlich lange her. Ich weiß aber noch, dass er schlank und blond war, so ein Typ Surfer-Boy.«
   Sina jubelte, woraufhin ihr Marc leidtat, dem bestimmt das Ohr klingelte. Vor lauter Aufregung hätte sie fast verpasst, was er als Nächstes sagte.
   »Hey, freuen Sie sich nicht zu früh. Viele Kerle sind schlank und blond. Außerdem ist dieser Marc weggezogen. Das weiß ich, weil er mir damals seine neue Adresse gegeben hat, falls noch einmal seine Post bei mir landen sollte. Ich sollte sie ihm nachschicken.«
   Sinas Jubelstimmung war mit einem Schlag vorbei. Jetzt war ihr eher nach Heulen zumute. Eine so gute Spur, und nun verlief wieder alles im Sande. »Du hast diese Adresse nicht zufällig noch?«
   Erst, als sie gesprochen hatte, merkte Sina, dass sie zum Du gewechselt hatte. Marc beklagte sich nicht, sondern tat es ihr einfach gleich.
   »Das kann ich dir nicht versprechen, aber ich hebe alte Kalender aus nostalgischen Gründen lange auf. Darin notiere ich auch Adressen. Vielleicht haben wir Glück, ich mache mich auf die Suche.«
   »Fantastisch! Vielen, vielen Dank. Ich kann mir vorstellen, dass du mit einem Samstag Besseres anzufangen wüsstest.«
   »Kein Problem. Ich rufe dich an, wenn ich den Kalender gefunden habe. Dann schuldest du mir einen Kaffee.«
   »Einverstanden. Ich habe ein Hotelzimmer in der Nähe des Zoos. Wie wäre es, wenn wir uns in ungefähr einer Stunde im Café Giraffe treffen, egal, ob du den Kalender hast oder nicht? Ich möchte mich persönlich für deine Bemühungen bedanken und dir gern noch ein paar Fragen stellen.«
   »Klar, gern. Bis nachher.«
   Sina ließ sich mit einem Jauchzen in die Kissen zurückfallen. Im Moment wollte sie nicht daran denken, dass Marc den Kalender mit der Adresse nicht finden könnte. Endlich hatte sie eine vielversprechende Spur. Als Bastian, immer noch ziemlich verschlafen und mit einem Handtuch um die Hüften, aus dem Bad kam, erzählte sie ihm aufgeregt von ihrem Telefonat. Sein Blick war skeptisch, was sie ärgerlich machte.
   »Bist du sicher, dass das nicht wieder so ein Idiot wie dieser Markus ist?«
   Sina schnaubte. Es war klar, dass Bastian so eine Bemerkung machte. Warum konnte er niemandem Vertrauen entgegenbringen? »Sicher kann man sich nie sein, aber ich glaube nicht, dass sich der Mann spontan eine solche Geschichte einfallen lassen konnte, nur um mit mir zu flirten. Außerdem bist du ja dabei, um ihm auf die Schliche zu kommen und ihn zu vertreiben.« Bei ihren letzten Worten musste Sina schon wieder lächeln. Sie konnte Bastian nicht böse sein, weil sie wusste, dass er sie nur beschützen wollte. Das Treffen mit Markus war unschön gewesen. Sina stand auf, schnappte ihre Tasche und ging zur Tür. »Ich warte im Foyer auf dich, damit du dich in Ruhe anziehen kannst.«
   Sina warf einen letzten verstohlenen Blick auf Bastians Bizeps und schloss die Tür hinter sich. Im Foyer setzte sie sich in einen abgewetzten Ledersessel und blätterte in einigen Prospekten. Zum Glück musste sie nicht lange auf Bastian warten. Mit Dreitagebart und noch feuchten Haaren stand er vor ihr. Sie erhob sich lächelnd.
   »Deine Mama würde sagen, dass du dich mit deinen nassen Haaren erkälten wirst.«
   Bastian warf ihr einen mörderischen Blick zu. Er war der jüngste von vier Geschwistern und seine Mutter behandelte ihr Nesthäkchen gern wie einen kleinen Jungen. Das konnte Bastian nicht ausstehen, und noch weniger konnte er es leiden, wenn man ihn darauf hinwies. »Willst du mich heute unbedingt ärgern?«
   Sina hakte sich mit einem Stich von schlechtem Gewissen bei ihm ein. »Natürlich nicht. Ich bin nur so nervös und brauche ein Ventil.«
   Bastian lächelte resigniert. »Dann steht mir ja noch einiges bevor.«
   Gemeinsam gingen sie die Straße hinunter zum Café. Dabei bemerkte Sina, dass Bastians Blicke schon wieder begehrlich in Richtung Zoo wanderten. Sie schmunzelte und beschloss, dass er so lange, wie er wollte, dort herumstreifen durfte, wenn Marc ihr die richtige Spur lieferte.
   Im Café angekommen bestellten sie Frühstück, wovon Sina vor lauter Nervosität kaum etwas hinunterbrachte. Ihre Blicke wanderten immer wieder zum Eingang. Würde Marc kommen? Hatte er seinen Kalender gefunden? War sein Namensvetter wirklich ihr Marc?
   Sie richtete sich aufgeregt auf, als ein junger Mann das Café betrat und sich umsah. Als sie sah, dass er einen roten Kalender in der Hand hielt, winkte sie ihm strahlend. Er kam zu ihrem Tisch und begrüßte sie mit der tiefen Stimme, die sie vom Telefon kannte. Nachdem er auch Bastian die Hand gegeben und sich gesetzt hatte, legte er den Kalender in die Mitte des Tisches.
   »Mit großer Freude gebe ich bekannt, dass dieser Kalender die neue Adresse meines Namensvetters enthält.«
   Sinas Pulsschlag schien sich zu verdoppeln. Sie rutschte unruhig hin und her, traute sich aber nicht, nach dem Kalender zu greifen. Schließlich gehörte er Marc, der darin noch andere private Daten hatte. Er bemerkte ihr Zögern, lächelte charmant und öffnete den Kalender.
   »Nur nicht so schüchtern, Sina. Schließlich will ich mir meinen Kaffee verdienen. Hier ist die Adresse.« Marc schlug die Seite auf, an der er ein Lesezeichen eingefügt hatte.
   Sina beugte sich begierig vor. Dann stutzte sie. »London? Wieso das? In England kann Marc nicht als Anwalt praktizieren.«
   Der Marc neben ihr zuckte mit den Schultern und lächelte entschuldigend. »Das kann ich dir leider nicht sagen. Ich kannte ihn nicht, sondern habe ihn nur zweimal gesehen. Tatsächlich wusste ich nicht einmal, dass er Anwalt ist.«
   Alle Freude verließ Sina. Sie musste mit Tränen der Enttäuschung kämpfen. Jetzt hatte sie zwar eine Adresse, doch sie konnte sich nicht vorstellen, dass ihr Marc nach England gezogen und seine Karriere als Anwalt aufgegeben hatte. Sie sah auf, als sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrnahm. Bastian hatte das Foto von sich und seinen Geschwistern aus dem Portemonnaie geholt. Lächelnd reichte er es dem jungen Mann an ihrem Tisch.
   »Sieh mal nach, ob sich Marc verändert hat.«
   Marc nahm das Foto und betrachtete es stirnrunzelnd. Dann sah er Sina bedauernd an. »Tut mir leid, Sina. Aber das hier ist ein anderer Mann. Der Marc, den ich getroffen habe, ist auch nicht der Richtige.«
   Sina lachte erleichtert, womit sie Marc sichtlich verwirrte. Zumindest hatte er soeben bewiesen, dass er kein Schwindler war, sondern ihr aus reiner Freundlichkeit heraus helfen wollte. »Bastian hat dich auf die Probe gestellt, Marc, und du hast bestanden. Das auf dem Foto ist sein Bruder. Hier ist ein Bild von meinem Ex.«
   Sie holte das Bild, das sie extra zu diesem Zweck eingesteckt hatte, aus ihrer Tasche und reichte es Marc. Der musterte es sorgfältig.
   »Ich bin mir zwar nicht hundertprozentig sicher, weil ich ihn nur zweimal gesehen habe, aber ich denke, dass er das ist.«
   Bastian schnaubte, und als Sina ihn ansah, bemerkte sie die gewohnte Skepsis in seinem Blick.
   »Wie kannst du jemanden, den du vor mehreren Jahren zweimal gesehen hast, auf einem Foto wiedererkennen?«
   Marc schien nicht im Geringsten gekränkt zu sein, sondern lächelte Bastian mit funkelnden blauen Augen an. »Na, so ein Schnuckelchen vergisst man nicht so schnell. An dich werde ich mich sogar in zehn Jahren noch erinnern.«
   Bastians Gesichtsausdruck war so verdattert, dass Sina laut lachen musste. Dieser Marc gefiel ihr immer besser. Spontan traf sie eine Entscheidung. »Ich vertraue deiner Erinnerung, Marc. Also, auf nach London. Bist du weiter mit dabei, Bastian?«
   Bastian erwachte endlich aus seiner Überraschungsstarre. »London? Na klar! Da gibt es einen riesigen Zoo.«
   Mit einem entzückten Lächeln beugte sich Marc zu Bastian vor. »Ein tierlieber Mann, das gefällt mir.«
   Sina unterdrückte ein Kichern. »Bastian hat Zoologie studiert und ist Kurator am Zoo in Hamburg.«
   Marcs blaue Augen weiteten sich, jetzt himmelte er den verlegenen Bastian offen an. »Wow! Ich bin beeindruckt. Ein Mann, der wilde Tiere unter Kontrolle hat.«
   Nach einem Räuspern fand Bastian seine Sprache wieder. »Allerdings ein heterosexueller Mann.«
   Marc zog eine enttäuschte Flunsch. »Du Spaßverderber. Warum müssen immer alle interessanten Männer hetero sein?«
   Sina amüsierte sich königlich, vergaß dabei jedoch nicht, weswegen sie hier war. Sie kramte Zettel und Stift aus ihrer Tasche und schrieb sich die Adresse in London auf. Dann schob sie das Papier zu Marc.
   »Wenn du magst, schreib mir deine Telefonnummer auf. Ich würde gern mit dir in Kontakt bleiben.«
   Marc griff lächelnd nach dem Stift. »Aber klar. Sonst würde ich Bastian ja aus den Augen verlieren.«
   Bastian ächzte verzweifelt, und Sina kicherte.

Eine halbe Stunde später waren sie wieder im Zoo, und Sina konnte beobachten, wie Bastian immer mehr auflebte. Für ihn war jedes Tier interessant und auf seine Weise schön. Selbst den fies kichernden Hyänen konnte er etwas abgewinnen. Sina bemühte sich, bei dem Gestank und Anblick der Tiere nicht die Nase zu rümpfen und so einen Vortrag von Bastian herauszufordern, wie perfekt sich Hyänen in den Kreislauf der Natur einfügten.
   Sie war froh, als sie bei den Giraffen angelangten, ihren Lieblingstieren. Bewundernd sah sie an den langen Hälsen zu den Köpfen mit den großen schwarz glänzenden Augen hinauf. Giraffen hatten einen einzigartig gutmütigen Gesichtsausdruck. Kombiniert mit einer gewissen Linkischkeit machte das ihre Anziehungskraft aus. Plötzlich sah sie, dass sich hinter einem der riesigen Wesen ein kleiner Kopf hervorschob, und quietschte entzückt. »Bastian, sieh mal, da ist ein Baby. Oh, wie süß! Schau doch.«
   Als sie sich zu Bastian umwandte, sah er mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Verwirrt folgte Sina seinem Blick. Mehrere Meter entfernt war das Gehege der Zebras, davor eine Gruppe, die vor allem aus jungen Familien bestand, über die Wege schlenderten vereinzelt weitere Besucher. Um die Mittagszeit war es nicht besonders voll. Etwas Auffälliges konnte Sina nicht erkennen. »Was ist denn, Bastian? Wie kann etwas interessanter sein als ein Giraffenbaby?«
   Ihre Worte schienen Bastian aus einer Art Trance zu wecken. Sein Blick fokussierte sich nur langsam auf sie. »Ach, nichts. Ich war nur kurz mit den Gedanken woanders.«
   In Sina schrillten die Alarmglocken. Was Bastian gerade getan hatte, hatte sie bei ihm erst ein einziges Mal erlebt, nämlich als er ihr vorgeschwindelt hatte, dass er ihre blond gefärbten Haare mochte. »Sag mir, was wirklich los ist. Es gibt keinen Grund, mir etwas zu verheimlichen.«
   Bastian seufzte und wich ihrem Blick aus. Als er sie wieder ansah, konnte sie in seinen Augen Beunruhigung erkennen.
   »Ich denke, dass ich mich wohl täuschen muss. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass wir, seit wir den Zoo betreten haben, von jemandem verfolgt werden.«
   Sina kniff die Augen zusammen und musterte Bastian eine halbe Minute. Danach war sie überzeugt, dass das kein Streich als Retourkutsche dafür war, dass sie ihn so unsanft geweckt hatte. »Das kann ich mir nicht vorstellen. Wer sollte so etwas machen? Wir kennen hier in München niemanden.«
   »Ich weiß. Trotzdem habe ich ein komisches Gefühl. So als würde sich ein Blick in meinen Rücken brennen. Das ist natürlich verrückt, aber ich werde diesen Eindruck einfach nicht los.«
   In Sina breitete sich Unbehagen aus. Ihr Verstand sagte ihr, dass es Unsinn war, weil niemand einen Grund hatte, sie zu verfolgen. Andererseits wusste sie, dass Bastian empathisch war, was ihm beim Umgang mit Tieren zugutekam. Es war ratsam, seinen Verdacht ernst zu nehmen. Daher blickte sie sich unauffällig um, doch so sehr sie sich auch bemühte, sie sah nur genervte Mütter, gelangweilte Väter und schreiende Kinder. Niemand von denen schenkte Bastian und ihr Beachtung. »Ich sehe niemanden, der uns beobachten könnte, Bastian.«
   Er nickte und drehte sich wieder zu den Giraffen. »Ich konnte auch keinen Verdächtigen entdecken, aber ich bin mir sicher, dass sich vorhin bei den Hyänen jemand zwischen den Familien versteckt hat, der dort nicht hingehörte. Es war ein Mann, der uns im Auge zu behalten schien.«
   Sina schluckte und warf einen Blick über die Schulter. »Du machst mir langsam Angst.«
   Bastian legte einen Arm um sie. »Das wollte ich nicht. Es ist helllichter Tag, und hier sind Hunderte von Leuten. Da kann uns nichts passieren.«
   Plötzlich riss Bastian den Kopf herum und ließ den Blick unruhig über die Menschen wandern. Sinas Herz klopfte vor Schreck immer schneller.
   »Was ist los? Hast du jemanden gesehen?«
   Bastian schüttelte langsam den Kopf, ohne den Blick von den Leuten zu wenden. »Nein. Aber ich meinte, ein seltsames Geräusch gehört zu haben. Es klang wie ein Schnauben, kam aber mit Sicherheit von keinem der Tiere.«
   Sina bekam eine Gänsehaut vor Unbehagen und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie wollte hier weg, so schnell wie möglich. Ihr war egal, dass sie angeblich wegen des Tageslichts und der anderen Menschen in Sicherheit war. Der Zoobesuch und selbst die Giraffen waren ihr vergällt. Sie wollte ins Hotel zurück und ihre Reise nach London organisieren. »Lass uns ins Hotel gehen, Bastian. Ich will den Flug nach London buchen, am besten für morgen, wenn es geht. Darum sollte ich mich damit beeilen.« Vor Nervosität sprach sie lauter als nötig, sodass sich eine Mutter in der Nähe stirnrunzelnd zu ihr umdrehte.
   Er sah sie aufmerksam an und nickte. Sie hakte sich bei ihm ein und ließ sich von ihm auf kürzestem Weg zum Ausgang führen. Dabei drehte sie sich immer wieder möglichst unauffällig um. Sie konnte niemanden sehen, der ihr verdächtig vorkam. Aber immer, wenn sie längere Zeit geradeaus gesehen hatte, hatte sie das Gefühl, dass ihr eisige Finger über den Rücken strichen. Entweder hatte Bastian sie mit seiner Paranoia angesteckt, oder es folgte ihnen wirklich jemand.

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