Die Bostoner Gerichtsmedizinerin Dr. Charlotte Connelly kennt den Tod in all seinen Facetten. Als der Architekt Geno Coleman und sie Zeugen eines grausamen Überfalls werden, versucht sie alles, um das Leben des Opfers zu retten. Doch die junge Frau schafft es nicht. Mit ihren letzten Atemzügen nimmt sie Charlotte ein Versprechen ab. Ein Versprechen, das Geno und sie in das Visier eines sadistischen Mörders rückt. Während sie den Spuren des skrupellosen Killers folgen, muss sich Charlotte über ihre Gefühle für Geno klar werden. Ist er ein Mann für eine Nacht, oder kann sie es wagen, ihm ihr Herz anzuvertrauen?

Alle Titel der Reihe!

E-Book: 3,99 €

ePub: 978-9963-53-382-4
Kindle: 978-9963-53-383-1
pdf: 978-9963-53-381-7

Zeichen: 481.779

Printausgabe: 12,99 €

ISBN: 978-9963-53-380-0

Seiten: 294

Kaufen bei:  Amazon Beam iTunes Thalia Weltbild

Jane Luc

Jane Luc
Jane Luc lebt im Großraum Stuttgart. Sie machte 1995 in Dresden ihr Abitur und zog anschließend nach Baden-Württemberg, um Polizistin zu werden. Nach ihrem Studium an der Fachhochschule für Polizei in Villingen Schwenningen wechselte sie 2002 zur Kriminalpolizei, wo sie auch jetzt noch arbeitet. Jane bringt ihre Diensterfahrungen und ihr kriminalistisches Wissen in ihre Bücher ein. Das ist ein Grund, warum sie Kriminalromane schreibt. Der andere ist, dass sie einer spannenden Geschichte einfach nicht widerstehen kann.

Autorenseite

Leseprobe

Laden Sie sich gern unsere XXL-Leseprobe im gewünschten Format (pdf, ePub oder Kindle (mobi)) herunter.

pdf-Datei mobi-Datei ePub-Datei

... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Dunkelheit.
   So schwarz. Sie konnte nicht einmal ihren Schatten erahnen. Doch solange es dunkel war, sah sie niemand, tat ihr niemand weh. Dieses Wissen glomm wie ein warmer Funken in ihrem Inneren.
   Gleichzeitig pressten die Angst und die nasse Kälte ihren Brustkorb zusammen. Mühevoll schöpfte sie Atem, sog die Luft in ihre Lungen und entließ sie wieder. Langsam. Konzentriert. Eisige Stille klammerte sich um ihren Hals und versuchte, sie zu ersticken.
   Die Dunkelheit war die einzige Möglichkeit, ihren zerstörten Körper am Leben zu halten, und doch wusste sie, dass diese undurchdringliche Schwärze sie umbringen würde. Es würde nicht mehr lange dauern, bis das geschah.
   Sie saß auf der klammen Matratze und hüllte sich in ihre feuchte Decke. Sie spürte, wie sich die Luft, die sie ausatmete, vor ihrem Gesicht zu weißen Wolken formte. Aber sie konnte es nicht sehen.
   Sie war einsam. Einsamer und hoffnungsloser, als sie es sich je vorgestellt hätte. Ihre Schwester war fort. Als sie noch zusammen hier gesessen hatten, war es wärmer gewesen. Lebendiger. Erträglicher. Nun war sie allein. Sie vermisste Tanja. Aber sie war bereit, ihr Leben zu geben, wenn sie es nur schaffte.
   Er hatte ihr gesagt, er würde sie zur Strafe für die Flucht leiden lassen. Sie sollte büßen. Doch wovor sollte sie sich fürchten? Was sollte schlimmer werden? Die Kälte? Die Schmerzen? Die Erniedrigung? Er hatte sie bereits gebrochen. Ihr Leben war vorüber. Selbst wenn sie all das überstehen würde, gab es nichts mehr für sie. Der Tod hielt sich bereits in diesem Raum auf. Er war der Einzige, der ihr Gesellschaft leistete.
   Wenn ihre Schwester es nur schaffte. Wenn sie ins Leben zurückkehrte – dann war es all das wert. »Ich liebe dich«, flüsterte sie in die Dunkelheit, als Tanjas Gesicht vor ihrem inneren Auge auftauchte. Sie wollte weinen, aber sie hatte längst keine Tränen mehr. Also starrte sie weiter in die undurchdringliche Schwärze und wartete.

1

Charlotte zog die Wohnungstür auf und stolperte über das Paket, das davor abgestellt worden war. Sie seufzte. Schon wieder! Sie kannte diese Art von Karton viel zu gut, wusste, was sie darin finden würde. Einen Moment überlegte sie, ihn einfach stehen zu lassen. Andererseits – sie hatte noch etwas Zeit und konnte es genauso gut hinter sich bringen.
   Sie trug die Kiste in ihr Wohnzimmer und öffnete sie vorsichtig. Die Vorfreude war einer der schönsten Aspekte an den Überraschungen, die Kathreen von Happy Feet ihr bereitete. Der feine Geruch von Leder schlug ihr entgegen, als sie den Deckel anhob. Sie legte ihn zur Seite und zog die Stiefel heraus. Weich schmiegte sich die Oberfläche in ihre Hand. Das Leder hatte genau den gleichen Farbton wie ihre Augen und die Bluse, die sie zu ihrem knielangen schwarzen Bleistiftrock trug. Ein Outfit, das sie für die heutige Gerichtsverhandlung gewählt hatte. Steve Madden-Boots in cognacfarbenem Leder. Genau das, wonach sie schon seit einer Ewigkeit suchte – nicht, dass sie nicht bereits eine Menge anderer Stiefel besaß.
   »Verdammt«, murmelte sie. Kathreen kannte sie viel zu gut. Sie zog ihre Stiefel aus und schlüpfte in die neuen – nur zur Probe. Natürlich passten sie wie angegossen, schmiegten sich regelrecht an ihre Füße. Sie vervollständigten das Outfit, das sie für ihren Auftritt vor Gericht gewählt hatte. Kathreen verstand ihr Geschäft. Charlotte ging ins Schlafzimmer und betrachtete sich im Spiegel an der Schranktür. »Leider perfekt.« Manchmal fragte sie sich, ob Kathreen irgendwo in ihrer Wohnung eine Kamera installiert hatte und überprüfte, was sie morgens anzog, um ihr die passenden Schuhe vor die Tür zu stellen. Die Besitzerin des Happy Feet, das im Erdgeschoss ihres Hauses lag, kannte ihre Schwäche für schöne Schuhe viel zu gut. Manchmal glaubte Charlotte, es war Schicksal, dass sie als Schuhsüchtige ausgerechnet hier eingezogen war.
   Sie verließ ihre Wohnung in den neuen Stiefeln und tippte auf dem Weg in die Tiefgarage eine Nachricht an Kathreen in ihr Handy. Gekauft.
   Sie war früh dran und kam gut durch den Bostoner Morgenverkehr. Im gerichtsmedizinischen Institut war es um diese Zeit noch ruhig.
   »Guten Morgen, Doc«, grüßte der Wachmann am Eingang.
   »Morgen, Chris.« Sie winkte ihm zu. In der Aufnahme sah sie als Erstes die Einlieferungsliste durch. Als stellvertretende Leiterin des gerichtsmedizinischen Instituts Bostons gehörte das zu ihren Aufgaben. Vier neue Leichen. Auf den ersten Blick gab es nichts, was sofort erledigt werden musste. Ihr Boss, Dr. Norman Palmer, würde sie später an die insgesamt fünf Mitarbeiter verteilen.
   Sie holte sich eine Tasse Kaffee und ging in ihrem Büro noch einmal den Fall durch, zu dem sie vor Gericht aussagen musste. Ein gewalttätiger Ehemann hatte seine Frau angegriffen und mit dem Messer attackiert. Der Fall war eine klare Sache. Sie hatte Verletzungen am Opfer dokumentiert, die zur Tatwaffe passten. Und sie hatte nachweisen können, dass der Ehemann derjenige war, der zugestochen hatte. Die Frau hatte den Angriff überlebt. Was in Charlottes Welt viel zu selten vorkam.

Wie sie es erwartete, lief ihre Aussage bei Gericht problemlos. Nach einer halben Stunde wurde sie aus dem Zeugenstand entlassen. Auf dem Weg aus dem Gerichtsgebäude schaltete sie ihr Handy ein. Eine Nachricht von Dr. Palmer. Sie klickte sich in die Mailbox und lauschte der leisen, ruhigen Stimme ihres Chefs. Zwei ihrer Kollegen hatten sich krankgemeldet – kein Wunder bei dem Wetter – und ein Fall war angelaufen, den sie übernehmen sollte, weil sie sowieso schon unterwegs war. Alle anderen steckten bereits mitten in ihren Sektionen.
   »Rufen Sie Detective Coleman an. Und melden Sie sich bei mir, sobald Sie Genaueres wissen.« Die Leitung klickte. Mehr hatte Palmer ihr nicht zu sagen. Er war der Typ, der kurze, präzise Anweisungen gab und ihre Umsetzung erwartete.
   Charlotte fröstelte in der eisigen Novemberluft. Boston machte dem Winter in diesem Jahr alle Ehre. Am liebsten wäre sie zurück ins Institut gefahren, um wärmere Kleider anzuziehen. Ihr Gerichtsoutfit war nicht für einen Tatort geeignet. Dr. Palmer schien das offenbar anders zu sehen. Sein Auftrag war klar.
   Sie scrollte durch ihre Kontaktliste und wählte Dominic Colemans Nummer. Wenigstens würde sie mit den Detectives des Boston PD zusammenarbeiten. Dominic und sein Partner Josh Winters waren nicht nur ausgezeichnete Polizisten, sondern seit Jahren Freunde.
   »Hey Doc«, meldete sich Dominic.
   »Hey. Palmer hat mich zu euch beordert. Was gibt es?«
   »Eine Leiche auf einem brachliegenden Grundstück. Zieh dich warm an, Charlie. Hier draußen friert dir der Hintern ein.«
   Während Dominic ihr die Adresse durchgab, sah sie mit einem innerlichen Seufzen auf ihre hübschen neuen Stiefel hinab. Sie beendete das Gespräch und rief ihren Assistenten Nolan an. Er würde ihre Ausrüstung zum Fundort bringen und hoffentlich auch an ihre UGGs denken, die für Einsätze wie diesen in ihrem Büro standen.

Der Tatort glich auf den ersten Blick jedem anderen, für den sie in den vergangenen Jahren verantwortlich gewesen war. Eine Kolonne von Fahrzeugen reihte sich am Straßenrand auf wie eine bunte Kette. Streifenwagen, zivile Fahrzeuge der Mordermittler, Kriminaltechnik. Sobald Nolan kam, würde sich der Van der Gerichtsmedizin dazugesellen. In vorderster Front stand ein orangefarbenes Ungetüm der Stadtwerke, eine Art Baumaschine.
   Charlotte parkte ihren Hybrid am Ende der Reihe, machte sich auf die Kälte gefasst, die sie empfangen würde, und stieg aus. Sie schlug den Kragen ihres Mantels hoch und hielt ihn zu, damit der Sturm ihr nicht in den Ausschnitt blies. Zügig lief sie die Straße hinauf, hielt einem jungen Officer, der genauso fror wie sie, ihre Marke hin und bückte sich unter dem Absperrband hindurch, das den Tatort vom Rest der Welt trennte. Vor dem Grundstück, bei dem es sich offenbar um den Fundort der Leiche handelte, blieb sie stehen und ließ die Umgebung auf sich wirken. Der Wind zerrte an den Ästen der vereinzelten Bäume und fegte über die öde, schneeverwehte Fläche. Links von ihr gähnte ein schwarzes Loch im Boden. Daneben lag etwas, das aussah wie eine Sperrholzplatte. Unter der weißen Decke erhob sich ein kleiner Erdhügel.
   Lieutenant Benjamin Wood, der Chef der Kriminaltechnik, stand in einem Schutzanzug und mit in die Hüften gestützten Fäusten vor dem Loch, das erschreckend einem Grab ähnelte. Seine angespannte Haltung sprach für sich. Charlotte musste sein Gesicht nicht sehen, um zu wissen, dass er es zu einer grimmigen Miene verzog. Sie stritt oft mit dem alten Brummbär, aber sie mochte und schätzte ihn sehr. In den vergangenen Jahren war auch er zu einem Freund geworden.
   Ihre Schutzkleidung würde erst mit Nolan eintreffen, also blieb sie vor dem durchtrennten Maschendraht stehen und winkte Dominic und Josh zu, die auf dem Gelände herumstromerten. Sie kamen zu ihr und traten durch den Zaun.
   »Seid ihr das gewesen?«, fragte sie mit einem Blick auf den durchtrennten Draht.
   Dominic zuckte die Achseln. »So ist es für alle Beteiligten einfacher, rein- und rauszukommen.«
   »Und was treibt ihr?« Sie maß die Schuhabdrücke, die sie im Schnee hinterlassen hatten mit den Augen. »Spuren vernichten?«
   Josh grinste. »Dann hätte Wood uns längst den Kopf abgerissen. Die Spuren sind alle von uns und den Jungs der Stadtwerke. Bevor sie hier angefangen haben zu buddeln, war das Gelände sozusagen jungfräulich. Reinster neuenglischer Schnee. Keine einzige Spur. Nicht einmal ein Tier ist hier durchmarschiert.«
   »Wahrscheinlich, weil sie gewusst haben, dass es ein Friedhof ist«, ergänzte Dominic.
   »Setzt ihr mich ins Bild? Nolan braucht sicher noch ein bisschen.« Sie steckte ihre Hände in die Manteltaschen und trat von einem Fuß auf den anderen. Die Stiefel waren zwar gefüttert, aber dem tiefgefrorenen Boden hatten sie nicht genug entgegenzusetzen.
   »Die Jungs von den Stadtwerken«, Dominic nickte zu der orangenen Baumaschine hinüber, »sollten die Störung an einer eingefrorenen Leitung beseitigen und haben ihren Plan falsch herum gehalten. Anstatt am anderen Ende der Straße den Boden aufzubrechen, haben sie es hier versucht und sind über das Grab gestolpert.«
   »Es war mit einer Holzplatte abgedeckt?«
   Josh nickte. »Ja. Der Haufen daneben ist gefrorene Erde. Wahrscheinlich wurde das Loch bereits vor einiger Zeit ausgehoben. Als die Leiche schließlich hineinkam, konnte der Täter es nicht mehr schließen, sondern nur noch provisorisch abdecken, bis der Boden auftaut.«
   »Habt ihr euch das Opfer schon angesehen?«
   Die Detectives schüttelten unisono den Kopf. »Es ist in eine Plane eingewickelt. Nur ein Stück Hand ragt heraus. Rot lackierte Fingernägel«, erklärte Dominic. »Also vermutlich eine Frau.«
   »Um was für ein Gelände handelt es sich hier überhaupt?« Charlotte drehte sich um und nahm das trostlose Grundstück noch einmal in Augenschein. Über den kahlen Bäumen rasten wilde, dunkelgraue Wolken aus Richtung Atlantik in die Stadt. Der harte, schneidende Wind trieb sie unerbittlich voran. Sicher würde es heute noch Schnee geben.
   »Das zerfallene Gebäude dort hinten war mal eine Schuhfabrik«, holte Josh sie in die Wirklichkeit zurück.
   Eine Schuhfabrik? Das durfte ja wohl nicht wahr sein. Sie schielte auf ihre Steve Maddens hinunter. Das Thema Schuhe schien sie heute nicht loslassen zu wollen.
   »Sie wurde in den siebziger Jahren dichtgemacht«, fuhr er fort. »Seitdem rotten die Gebäude vor sich hin und das Grundstück liegt brach.«
   »Wir haben noch keine Ahnung, wem es überhaupt gehört.« Dominic drehte sich langsam um die eigene Achse und betrachtete seine Umgebung mit Argusaugen, wie es seine Art war. »Hey, da kommt Nolan.«
   Charlottes Assistent fuhr mit dem Van der Gerichtsmedizin an der Fahrzeugschlange vorbei und parkte ihn auf ihrer Höhe in der zweiten Reihe.
   »Dann können wir ja anfangen, bevor wir hier festfrieren.« Mit gespieltem Enthusiasmus rieb sich Dominic die Hände.
   Charlotte ging zum Van hinüber. Ihr Assistent hob grüßend die Hand und reichte ihr die UGGs.
   »Sie sind meine Rettung, Nolan.« Auf einem Bein hüpfend wechselte sie das Schuhwerk und zog anschließend den Schutzanzug über ihren engen Rock. Kein leichtes Unterfangen und definitiv die völlig falsche Kleidung für einen Tatort. Wenn sie Glück hatte, würde ihre Anwesenheit hier nicht mehr allzu lange erforderlich sein und sie konnte sie mit der Leiche in die Gerichtsmedizin verlegen.
   Sie stapfte zum Tatort zurück und diesmal trat sie durch den Zaun und stellte sich neben Wood. »Hallo Ben, hast du schon was?«
   Der Kriminaltechniker knurrte etwas, was einem Gruß ähnelte. »Wenn du mich fragst, hat dieses Loch niemand mit der Hand gegraben.«
   Charlotte ging in die Knie und betrachtete die Wände des Grabes. »Du denkst, es wurde ausgebaggert? Die Wände sind ganz glatt und gleichmäßig.«
   »Wenn hier ein Bagger am Werk war, finde ich unter dem Schnee auch Reifenspuren«, sagte er und sie hatte keinen Zweifel, dass dem so war. Wood hatte den Ruf eines der besten Kriminaltechniker an der Ostküste.
   Vorsichtig beugte sie sich nach vorn, um die Leiche in Augenschein zu nehmen. Der Körper war in eine blaue Folie eingewickelt. Zeige- und Mittelfinger waren aus der Umhüllung gerutscht. Charlotte erkannte roten Nagellack. Von ihrem Standpunkt aus wirkten die Finger intakt. Wenn das Opfer tatsächlich erst nach Einbruch der Frostperiode in das Grab gelegt wurde, war es wahrscheinlich ebenfalls gefroren und gut erhalten. »Habt ihr alles dokumentiert?«, fragte sie Wood.
   Er brummte. »Wir sind so weit.«
   »Gut. Dann holen wir sie hoch.« Sie trat zurück, um den Kriminaltechnikern nicht im Weg zu stehen. Zwei Cops kletterten in das Loch, schoben Seile unter den Körper und ließen ihn nach oben ziehen. Während die Leiche sacht neben das Loch gelegt wurde, begannen sie, den Boden im Grab nach weiteren Hinweisen abzusuchen und zu fotografieren.
   Ein weiterer Fotograf stand für Charlotte bereit. Sie kniete sich neben die Plastikplane und schlug sie vorsichtig zurück. Die Umstehenden sogen die Luft ein. Charlotte blieb gelassen. In dem Moment, in dem man einen toten Menschen zum ersten Mal zu sehen bekam, wusste man nie, was einen erwartete. Es war der Augenblick, in dem man seine Emotionen zur Seite schieben musste. Sie war nicht hier, um Mitgefühl für die Frau mit dem zerschlagenen Gesicht zu empfinden. Sie war hier, um den zu finden, der ihr das angetan hatte. Charlotte war kein kaltherziger Mensch. Ganz im Gegenteil. Sie ließ ihre Gefühle erst zu, wenn sie sichergehen konnte, dass sie ihre Arbeit und ihr Urteilsvermögen nicht mehr beeinflussten.
   Die Frau mit dem blutverkrusteten blonden Haar, die vor ihr auf dem Boden lag, war nicht von selbst in das Grab gesprungen. Die durchtrennte Kehle und die Verletzungen in ihrem Gesicht sprachen die deutliche Sprache furchtbarster Gewalt. Sie zog ihr Diktiergerät aus der Tasche und begann die Umstände des Leichenfundes zu dokumentieren. Datum, Uhrzeit, Wetter, Auffindesituation und objektiver Zustand des Leichenteils, den sie bislang freigelegt hatte. Als sie alle Fakten dokumentiert hatte, die es im Moment zu erfassen gab, schlug sie die Plane wieder über das Gesicht der Toten und richtete sich auf. »Wir können sie jetzt in die Gerichtsmedizin bringen.« Sie würden hier so wenig wie möglich an ihr verändern. Im Institut konnte sie sie in Ruhe von oben bis unten untersuchen und alle Spuren sichern.
   »Kannst du …«, begann Dominic.
   »Natürlich. Ich versuche als Erstes, sie zu identifizieren. Ihr hört von mir, sobald ich etwas habe.«
   Nolan schob die Bahre heran. Gemeinsam mit den Beamten schoben sie die Frau samt Plastikfolie in einen Leichensack, hoben sie auf das Gefährt und verluden sie in den Van. Ihr Assistent fuhr ihn zurück ins Institut. Charlotte folgte ihm in ihrem Wagen.
   In der Gerichtsmedizin suchte sie zuerst Dr. Palmer auf und berichtete von dem Leichenfund auf dem Gelände der alten Schuhfabrik. Die beiden Kollegen, die sich krankgemeldet hatten, hatte die Grippe erwischt. Sie würden so schnell nicht wieder zum Dienst erscheinen. Palmer hatte Charlotte deshalb noch für zwei weitere Obduktionen eingeteilt. Das passte ihr gut. Sie konnte die Fingerabdrücke der Toten nehmen und sie oberflächlich untersuchen, anschließend die beiden anderen Sektionen vorziehen und die Leiche inzwischen auftauen lassen.
   Sie wechselte in ihre OP-Kleidung, band die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen und schlüpfte in ihre Crocs mit den Gummisohlen. Als sie den Sektionssaal betrat, lag die unbekannte Frauenleiche bereits auf dem Tisch. Ihr Assistent lehnte, sein Handy in der Hand, kreidebleich daneben.
   »Ist etwas passiert, Nolan?« Besorgt legte sie ihm eine Hand auf den Arm.
   »Ja … nein. Meine Frau … das Baby kommt. Es ist doch noch viel zu früh.«
   Charlotte rechnete schnell nach. Der Geburtstermin war fast fällig. Erleichtert atmete sie auf. »Eine Woche zu früh ist völlig in Ordnung. Sie sollten ins Krankenhaus fahren.«
   »Ja … nein«, stotterte er wieder. »Ich kann Sie doch nicht allein lassen.«
   Sie lächelte. »Im Moment komme ich ohne Sie klar. Gehen Sie schon. Sagen Sie Dr. Palmer Bescheid und halten Sie uns auf dem Laufenden. Viel Glück Ihnen und Ihrer Frau.«
   Zögernd setzte sich Nolan in Bewegung. So, als könnte er gar nicht glauben, was da gerade geschah. Er wurde zum ersten Mal Vater. Charlotte lächelte. Dann fiel ihr etwas ein. »Nolan.«
   »Ja, Doc.« Er drehte sich zu ihr um.
   »Wie sind Sie heute zur Arbeit gekommen?«
   »Wie immer. Mit dem Bus.«
   Auf diese Weise würde er ewig brauchen, bis er seiner Frau beistehen konnte. »Nehmen Sie meinen Wagen. Die Schlüssel sind in meiner Handtasche im Büro.«
   »Nein, auf keinen …«
   »Keine Widerrede. Ihre Frau wird es mir danken, wenn Sie Ihre Hand halten. Und nun machen Sie, dass Sie hier rauskommen.«
   »Danke, Doc.« Er schluckte. Dann besann er sich offenbar seiner Frau in den Wehen und stürmte davon. Charlotte seufzte. Den Wagen zu verleihen war ihre gute Tat für heute. Sie konnte sich ein Taxi nach Hause nehmen, wenn sie Feierabend machte. Sie setzte die Schutzbrille auf und zog den Mundschutz nach oben. Vorsichtig begann sie, den Leichnam aus der Folie zu wickeln.

*

Dominic rieb seine Hände aneinander. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er zum letzten Mal so gefroren hatte. Einen ganzen Tag in der eisigen Kälte zu stehen, die der Sturm vom Atlantik herüberwehte, war kein Vergnügen. Er hatte schon gemütlichere Tatorte gesehen. Vor allem hätte er es jetzt gern gemütlich. Zu Hause bei seiner Frau und seinem Sohn. Vor dem warmen Kamin. Die Markierungen, die von den mittlerweile aufgebauten Scheinwerfern in der Dämmerung beleuchtet wurden, ließen ihn daran zweifeln, ob er die Nacht überhaupt in seinem Bett verbringen würde. Die leichten Erhebungen in dem ansonsten flachen Gelände hatten sie nach dem Fund der toten Frau stutzig werden lassen. Einer Eingebung folgend hatten sie eine Hundestaffel angefordert.
   Josh kam durch den inzwischen platt getrampelten Schnee zu ihm herüber. »Die Hunde sind fertig.«
   »Sind sie sich mit dem Ergebnis sicher?« In diesem verdammten gefrorenen Garten steckten fünf rote Fähnchen im Boden.
   Josh zog seine Mütze tiefer ins Gesicht. »An diesen Stellen haben die Leichenspürhunde angeschlagen. Kann sein, dass wir nicht überall etwas finden. Die Hunde haben es bei dem Frost nicht gerade leicht. Wir müssen aber trotzdem damit rechnen, an jedem markierten Punkt auf etwas zu stoßen.«
   »Das ist ein verdammter Friedhof. Hab ich doch gleich gesagt«, knurrte Dominic.
   Wood gesellte sich zu ihnen. »Mit dem ersten Grab sind wir soweit fertig. Mit dem Rest wird es schwierig. Wir müssen den Boden heizen, um graben zu können.«
   »Wie lange wird das dauern?« Josh hatte bereits sein Handy aus der Tasche gezogen. Es wurde höchste Zeit, ihren Lieutenant auf den aktuellen Stand der Ermittlungen zu bringen.
   »Wenn nicht heute noch eine Warmwetterfront über uns hereinbricht, wird sich der eine oder andere von uns ein paar Nächte um die Ohren schlagen müssen. Wir können immer nur ein Grab auftauen. Es wird also dauern. Wir fangen mit dem dort drüben an.« Wood wies auf das nächste Fähnchen. »Hat sich Charlie schon gemeldet?«
   »Sie hat mir eine Nachricht geschickt. Der Todeszeitpunkt lässt sich aufgrund des Frostes nicht genau nachvollziehen. Sie schätzt, ein paar Wochen. Identifizieren konnte sie die Frau noch nicht. Unsere Jane Doe wurde missbraucht und starb vermutlich an der durchtrennten Kehle. Sie möchte morgen früh ein Meeting.«
   »Gut. Bis dahin haben wir vielleicht das nächste Grab geöffnet und wissen mehr über diesen Friedhof.« Wood kickte einen kleinen Schneeklumpen zur Seite. »Wir sollten überlegen, wie wir weiter vorgehen. Eine Nachtwache brauchen wir zwar, aber sicher muss nicht jeder von uns hier herumhängen, bis wir alle ausgegraben haben.«
   Wood hatte recht. Sie mussten sich überlegen, wie sie weiter vorgingen. »Einen Moment.« Dominic trat einen Schritt zur Seite, zog mit steif gefrorenen Fingern sein klingelndes Handy aus der Tasche und blickte auf das Display. Sein Bruder. »Was gibt’s, Geno?«
   »Hey, Dom. Ich wollte mich nur mal melden und fragen, wie es so geht.«
   »Kein guter Zeitpunkt«, ließ Dominic ihn wissen. Er gab Josh ein Zeichen, dass er gleich wieder da war.
   »Verstehe. Du bist gerade an einem Tatort«, tönte die Stimme seines jüngeren Bruders durch den Hörer.
   »Ja. Deshalb ist es im Moment schlecht. Wir haben schon ein Opfer im Leichenschauhaus, und wie es aussieht, bleibt es nicht bei einem.«
   »Ist Charlie für euren Fall zuständig?«
   Dominic seufzte. »Gott sei Dank, ja. Hör mal, ich muss wirklich Schluss machen.«
   »Kein Problem. Grüß Ellie von mir.« Geno drückte das Gespräch weg, noch bevor Dominic etwas erwidern konnte. Er wandte sich wieder zu Josh um. »Sollen wir eine Münze werfen, wer die erste Schicht übernimmt?«

*

Charlotte rollte ihre angespannten Schultern und drückte auf Speichern. Sie versandte ihren Obduktionsbericht an Dominic, Josh, Wood und ihren Boss. Dann fuhr sie den PC herunter und trank den letzten Schluck lauwarmen Tee. Die Kälte, die sich am Tatort in ihr breitgemacht hatte, war sie nicht mehr ganz losgeworden. Am besten ging sie schleunigst nach Hause und ließ sich ein heißes Bad ein, um ihren Körper wieder auf Normaltemperatur zu bringen. Palmer wäre nicht begeistert, wenn sie sich auch noch die Grippe einfing.
   Ihr Magen knurrte laut. Verdammt, sie hatte seit dem Frühstück nichts gegessen. Ihr kam in den Sinn, dass sie heute eigentlich hatte einkaufen gehen wollen. Ihr Kühlschrank war leer, aber Nolan hatte ihren Wagen. Also würde sie schnell etwas essen gehen, bevor sie sich das heiße Bad gönnte. Mel’s Diner, in dem sie hin und wieder nach der Arbeit aß oder etwas zu essen mitnahm, war nicht besonders gut. Aber es lag nur zwei Blogs vom Institut entfernt. Sie konnte hinlaufen und sich von dort ein Taxi nach Hause bestellen. Charlotte schlüpfte wieder in ihre UGGs. Zusammen mit ihrem Kostüm sahen sie zwar ein wenig albern aus, aber das war ihr beim Gedanken an den Schnee, durch den sie stiefeln musste, egal. Sie schnappte sich ihre Handtasche und zog die Tür hinter sich ins Schloss.

*

Geno Coleman legte seinen Werkzeuggürtel ab und verstaute die Arbeitsmaterialien und -geräte in der leeren Speisekammer. Er strich über die glatte Oberfläche eines der Hängeschränke, den Coleman Construction heute eingebaut hatte. Noch drei Tage und Mrs. Jennings neue Küche war fertig. Zwei Tage vor dem vereinbarten Termin.
   Er war eigentlich nur vorbeigekommen, um einen Blick auf die Fortschritte zu werfen, doch dann hatte er der Arbeit nicht widerstehen können. Er mochte Holz. Das Sägen, das Schleifen. Er hatte ein wenig mit angepackt und sich schließlich sogar bereit erklärt, aufzuräumen und die Sägespäne zusammenzukehren. Es war ein ungeschriebenes Coleman-Gesetz, eine Baustelle immer ordentlich zu verlassen.
   Nach einem letzten Blick in die halb fertige Küche nahm er seinen Parka von einem der Stühle und löschte das Licht. Er fuhr zu Mel’s Diner, seinem Lieblingsrestaurant. Er mochte diesen Laden weder wegen der durchschnittlichen Burger noch wegen der griesgrämigen Kellnerin. Er mochte ihn wegen der Gesellschaft, die sich möglicherweise bot. Vor ein paar Monaten war er nach einem Termin in der Nähe zufällig in diesem Schuppen gelandet und hatte einen der schönsten Abende seit Langem verbracht. Seitdem war er hin und wieder hier gewesen, immer in der Hoffnung auf ein weiteres Treffen.
   Sein Bruder hatte gesagt, dass er und seine Kollegen einen harten Tag gehabt hatten. Vielleicht brachte das die Frau, an die er in der letzten Zeit viel zu oft dachte, hierher. Ihr erstes – und letztes – Treffen ohne einen ganzen Haufen Leute um sie herum hatte ebenfalls nach einem besonders schlimmen Tag stattgefunden.

Er war bei seinem dritten Kaffee angelangt, als sie durch die Tür trat. Sie stutzte, lächelte aber. Geno konnte sich beim Anblick ihres Outfits ein Grinsen nicht verkneifen. Hübsches Kostüm zu UGG-Boots und einem etwas durcheinandergeratenen Pferdeschwanz. Er stand auf, um sie zur Begrüßung auf die Wange zu küssen und nutzte die Chance, ihren Duft einzuatmen. Er hatte keine Ahnung, wie Gerichtsmediziner normalerweise rochen. Charlie duftete sauber und frisch, irgendwie nach Frühling. Er musste sich zwingen, nicht länger an ihr zu schnüffeln.
   »Was machst du hier?«, wollte sie wissen und rutschte ihm gegenüber in die Sitznische.
   »Ich war zufällig in der Gegend und hatte Lust auf eine besonders freundliche Bedienung.« Sie blickten beide zu der mürrischen Kellnerin, die am Tresen saß und im Fernsehen eine Seifenoper verfolgte. Charlie lachte.
   »Möchtest du mit mir essen?«
   Sie überlegte keine Sekunde. »Gern. Ich hoffe, dein Tag war besser als meiner und du kannst mir davon erzählen.«
   Über Kaffee und Burgern plauderten sie, teilten sich ein Bier und schließlich einen Donat zum Nachtisch. Wie auch bei ihrem ersten Treffen verflog die Zeit in Charlies Gegenwart.
   Schließlich unterdrückte sie ein Gähnen und sah auf ihre Uhr. Bedauernd hob sie den Blick. »Ich sollte gehen. Morgen früh steht als Erstes eine Besprechung mit deinem Bruder und seinem Team an. Ich muss früh raus.«
   »Ich schließe mich an. Mein Tag beginnt auch ziemlich früh. Lass mich die Rechnung zahlen, dann begleite ich dich zu deinem Wagen.«
   »Vielen Dank für die Einladung. Aber zu meinem Auto brauchst du mich nicht zu bringen. Das habe ich an meinen Assistenten verliehen. Ich bitte Kellnerin Sonnenschein, mir ein Taxi zu bestellen.«
   »Kommt überhaupt nicht infrage.« Bei dem Gedanken, den Abend auszudehnen und noch ein wenig Zeit mit Charlie zu verbringen, beschleunigte sich sein Puls. Sie genoss seine Gegenwart, aber sie war zurückhaltend. Vielleicht konnte er sie ja zu einem weiteren Abendessen überreden. Oder Kino. Oder worauf auch immer sie Lust hatte.
   Er zahlte, hielt ihr die Tür des Restaurants und die seines Pick-ups auf. Sie schauderte in der Kälte und kroch tiefer in ihren Mantel. Geno drehte die Heizung hoch und ließ sich von ihr den Weg zu ihrer Wohnung zeigen. In behaglichem Schweigen fuhren sie durch die nächtliche Stadt. Er fand keinen Parkplatz vor ihrem Haus und stellte den Wagen in einer Seitenstraße ab. Als er ausstieg und ihr abermals die Tür aufhielt, versuchte sie, ihn davon zu überzeugen, dass es nicht notwendig war, sie nach Hause zu begleiten. Es war aber notwendig. Nicht nur, weil er jede Sekunde mit ihr genoss, aber immer noch nicht wusste, wie er sie zu einem weiteren Date überreden konnte. Seine Mutter würde ihm die Ohren lang ziehen, sollte er sich nicht wie ein Gentleman verhalten und sie nach Hause bringen.

2

Es war so leicht gewesen, so einfach, sie zu jagen. Einen kleinen Vorsprung hatte er ihr gegönnt, hatte sie von Freiheit träumen lassen. Sie hatte das Versteck noch nicht einmal verlassen, als er ihre Flucht bemerkte. Er war ihr ohne besondere Eile gefolgt, hatte sie vor sich hergetrieben. Auf unsicheren Beinen stolperte sie über den eisigen Untergrund. Der Wind zerrte an ihrem wirren Haar. Ihr hektischer Atem stieg in weißen Wolken in das gelbe Licht der Straßenlaternen und verlor sich wie Nebelfetzen in der Nacht.
   Als sie sich mit der Hand am Schaufenster des Schuhgeschäfts abstützte, um zu Atem zu kommen, entschied er, dass sie weit genug gekommen war. Er drehte sie am Arm zu sich um. »Hab ich dich«, flüsterte er.
   Ohne ihre Antwort abzuwarten, ließ er das Messer über ihren Hals gleiten und lächelte zufrieden. Die Wärme des Blutes dampfte über dem Schnitt. Luft strömte zwischen ihren halb geöffneten Lippen hervor. Mit einem leisen Stöhnen versuchte sie, ein letztes Mal zu sprechen. Vielleicht wollte sie ihn beschimpften, ihn verfluchen. Vielleicht wollte sie um ihr Leben betteln. Er wusste es nicht – und es war ihm egal. Aus ihrem Mund würde nie wieder ein Laut dringen.
   Ihre großen braunen Augen waren weit aufgerissen, ein einziges Flehen. Er konnte ihr nicht helfen. Sie hatte ihre Entscheidung getroffen. Nun würde sie die Konsequenzen tragen müssen. Fast tat es ihm leid, sie zu töten. Nicht, weil sie ihm so am Herzen lag, sondern weil sie gemeinsam wirklich viel Spaß gehabt hatten. Sie war ein Diamant unter Strasssteinchen gewesen. Und nun hauchte sie ihr Leben in einer dunklen Straße in Charlestown aus. Ein Jammer. Es hätte so viel spektakulärer, um so vieles aufregender enden können. Aber auch hier, im düsteren Licht einer einzigen Straßenlaterne und der Schaufensterbeleuchtung eines Schuhgeschäftes, starb sie wunderschön. Wenn er diesen Augenblick nur festhalten könnte. Am besten in einem Video. Notfalls hätten es auch ein paar Bilder getan. Er konnte nicht einmal ein Foto mit dem Handy machen, weil er es nicht dabeihatte. Er kannte die Polizei gut genug. Sie würden versuchen, herauszufinden, wer sich Montagnacht um kurz vor zwölf in dieser Gegend herumgetrieben hatte, wenn sie die Leiche fanden. Sie würden Funkmasten auswerten, Mobilfunkdaten erheben. Zu seinem Handy würden sich die Ermittlungen auf keinen Fall zurückführen lassen.
   Plötzlich verärgert darüber, um die Dokumentation dieses einmaligen tödlichen Augenblicks beraubt worden zu sein, hob er ihren leichten, schlaffen Körper an und schleuderte ihn mit voller Wucht gegen die Schaufensterscheibe des Schuhgeschäfts. Mit einem explosionsartigen Knall zerbarst das Glas in Millionen von Splitter und regnete auf die leblose Frau, die zwischen Stiefeln, Pumps und Hausschuhen aufschlug.
   Gleichzeitig mit ihrem Aufprall nahm er etwas anderes wahr. Einen leisen Schrei, irgendwo zwischen Schock, Unglauben und Entsetzen. Das blutige Messer noch in der Hand drehte er sich in Richtung des Geräusches und sah das Paar, das einen Block entfernt stand. Gerade eben war er mit dem Mädchen noch völlig allein gewesen. Er fixierte sein ungewolltes Publikum. Augenblicklich brannte sich das Bild der beiden in seine Netzhaut. Keine Frage, er würde sie ausschalten müssen. Im Moment starrten sie ihn an wie hypnotisierte Eichhörnchen.
   Er hatte bereits den ersten Schritt in ihre Richtung gemacht, als in einer Wohnung über dem Bioladen nebenan das Licht anging und ein Fenster hochgeschoben wurde. »Was ist denn da unten los?«, brüllte jemand.
   Innerlich verfluchte er sich dafür, dass er sich dazu hatte hinreißen lassen, sie durch das Schaufenster zu werfen. Natürlich war das spektakulär genug gewesen, sogar in diesem verschlafenen Teil der Stadt die Leute auf sich aufmerksam zu machen. Ab und zu, nicht oft – aber manchmal konnte er sich einfach nicht zurückhalten.
   Er hatte also Aufsehen erregt. Nun gut. Das war nichts, was sich nicht bereinigen ließ. Jetzt würde er erst einmal verschwinden.
   Wenn sich das Pärchen, das ihn beobachtete, um diese Zeit hier herumtrieb, wohnten sie wahrscheinlich in der Gegend. In diesem Fall würde er sie wiederfinden. Sollten sie ihn im diffusen Licht der Straßenbeleuchtung und des leichten Schneefalls tatsächlich erkannt haben, würde er es zu verhindern wissen, jemals von ihnen identifiziert zu werden.
   Normalerweise verließ er ein Opfer nie, ohne zu überprüfen, ob es wirklich tot war. In diesem Fall war das nicht notwendig, entschied er mit einem Blick auf das Mädchen im Schaufenster. Sie würde ihn nicht mehr verraten können. Er sah ein letztes Mal zu dem Pärchen an der Straßenecke, drehte sich um und sprintete los. Was für ein hübscher Tod, dachte er, während er in der Dunkelheit verschwand. Verendet im Schaufenster eines Schuhgeschäftes. Wenn das nicht der Traum aller Frauen war. Er unterdrückte ein Kichern, seine Muskeln spannten sich an und mit der Schnelligkeit eines Leichtathleten ließ er die Tote und die Zeugen hinter sich.

*

Geno verhielt sich anders als sonst. Sie hatten sich schon einige Male auf Partys gesehen. Oder bei Dominic und Elena. Einen einzigen Abend hatten sie in Mel’s Diner verbracht, nachdem sie sich zufällig über den Weg gelaufen waren. Und heute hatten sie sich wieder dort getroffen. Er war genauso gut gelaunt und unkompliziert wie immer. Und doch war er irgendwie – intensiver. Er half ihr aus dem Wagen und bot ihr seinen Arm. Sie hatte protestiert, aber ein Coleman ließ sich nicht davon abbringen, wenn er sich etwas in den Kopf setzte. Geno hatte sich vorgenommen, sie nach Hause zu begleiten.
   Bevor sie in die Riverside Street, die Straße, in der sie wohnte, abbogen, blieb Geno ohne Vorwarnung stehen und drehte sie zu sich herum. »Charlie, ich wollte dir nur sagen«, begann er. »Also dieser Abend war wirklich toll. Wir sollten das unbedingt wiederholen.«
   Daher wehte der Wind. Sie schenkte ihm ein Lächeln, schüttelte aber den Kopf. »Geno …«
   »Es ist mein Ernst. Ich würde dich wirklich gern wiedersehen.«
   Sie machte einen Schritt nach hinten und trat in den Lichtkegel der Laterne, die die Straßenecke beleuchtete. »Es wäre nur keine gute Idee.«
   Er schenkte ihr sein unbeschwertes Grinsen. »Wetten doch?« Mit einer fließenden Bewegung folgte er ihr unter das gelbe Licht, zog sie an sich und legte seine Lippen auf ihre. Er forderte nicht, er überrumpelte nicht. Er bot ihr etwas an. Ließ sie entscheiden, ob sie sich auf diesen Kuss einlassen wollte. Sie könnte zurücktreten und er würde sie in Ruhe lassen, das wusste sie. Und vielleicht war es genau das, was sie dazu brachte, ihre Lippen auf seine zu pressen.
   Es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde. Zumindest kam es Charlotte so vor. In dem Moment, in dem Geno den Kuss vertiefte, riss das ohrenbetäubende Brechen von Glas sie auseinander. Mit einem entsetzten Laut fuhr Charlotte herum und erblickte die große Gestalt – mit Sicherheit ein Mann – und die Beine einer Frau, die aus dem Schaufenster des Happy Feet ragten, durch das sie gerade geworfen worden war.
   Charlotte hoffte, ihr Aufschrei wäre im Splittern der Scheibe untergegangen. Dem war nicht so. Die Gestalt drehte sich zu ihr um. Es war ganz sicher ein Mann. Sein Gesicht lag im Schatten. Sie konnte ihn nicht erkennen, aber seine Augen waren auf sie gerichtet. Sein Blick glitt förmlich über sie hinweg. Sie bemerkte das Messer in seiner Hand, und doch konnte sie sich nicht bewegen. Vor Entsetzen gelähmt sah sie zu, wie er den ersten Schritt in ihre Richtung machte. Wenn sie es nicht schaffte, sich zu bewegen, bis er bei ihr war …
   Über dem Bioladen ging das Licht an. Das Fenster wurde hochgeschoben. Die Gestalt löste ihren Blick von ihr und sah kurz nach oben. Dann drehte sie sich um und verschwand in der Nacht.
   »O Gott!« Geno sog keuchend Luft in seine Lungen.
   Charlotte sah ihn an. Einen Augenblick lang hatte sie vergessen, dass er neben ihr stand. Er war blass und schluckte heftig. Aber er schien sich im Griff zu haben. »Ruf einen Rettungswagen. Ich folge dem Typen«. Ohne eine Antwort abzuwarten, sprintete er in die Richtung, in die der Mann verschwunden war. Hoffentlich hatte Geno das Messer bemerkt.
   Charlotte rannte ebenfalls los. Während sie an das Schaufenster des Happy Feet trat, wählte sie die 911.
   »Notrumzentrale. Welchen Notfall möchten Sie melden?«
   »Ich bin Dr. Charlotte Connelly vom gerichtsmedizinischen Institut. Ich möchte einen Überfall melden.« Sie warf einen Blick in das Schuhgeschäft und das Blut gefror ihr in den Adern. O Gott, war alles, was sie denken konnte.
   »Doktor? Sind Sie noch da, Doktor?«, tönte es aus dem Hörer.
   Charlotte räusperte sich. »Ja. Ja, ich bin noch da. Weibliche Patientin. Etwas zwanzig Jahre alt. Die Vena jugularis ist geöffnet. Carotis intakt.« Sie sah das Blut in der Halswunde pulsieren. »Sie ist bewusstlos. Schicken sie so schnell wie möglich einen Rettungswagen.« Sie nannte die Adresse und schob das Handy zurück in die Tasche, um die Hände frei zu haben. Vorsichtig kletterte sie über die Scherben ins Schaufenster. Die Frau vor ihr lag reglos in einer dunklen Blutlache und war offenbar bewusstlos. Was war hier nur passiert? Normalerweise kam sie nicht an einen Tatort, solange das Opfer noch lebte. Sie atmete tief durch, um ihren Kopf zu klären. Charlotte war trotz allem Ärztin und wusste, was zu tun war. Sie tastete am Handgelenk der Bewusstlosen nach dem Puls. Am Hals könnte sie ihn besser fühlen, aber sie wollte ihr nicht noch mehr Qualen zufügen. Im ersten Moment spürte sie nichts. Sie legte einen zweiten Finger auf das Handgelenk. Die Haut fühlte sich kalt und klamm an. Und dann konnte sie es fühlen. Das Herz der Frau schlug – noch. Der Puls war schwach und unregelmäßig, aber er war da. Erleichtert atmete Charlotte aus.
   Ihr Blick fiel wieder auf die Halswunde. Der Mann, dem Geno folgte, hatte offenbar versucht, ihr die Kehle zu durchtrennen, aber nur die Drosselvene erwischt. Sie konnte nicht viel für die Frau tun, die kaum älter als ein Mädchen war. Diese Verletzung konnte sie durchaus überleben. Sie musste sie warmhalten und versuchen, die Blutung zu stoppen. Hoffentlich war der Rettungswagen schnell genug. Niemand war in der Nähe. Keine Menschenseele war auf der Straße zu sehen. Das Fenster, das vorhin hochgeschoben worden war, war wieder geschlossen. Wenn auf der Charlestown Bridge ein Unfall geschah, waren innerhalb von Sekunden Schaulustige versammelt. Aber wehe, man brauchte Hilfe.
   Charlotte zog ihren Mantel aus und deckte die Frau zu. In Ermangelung von Verbandmaterial presste sie ihre rechte Hand auf die Wunde. Mit der anderen nahm sie die Hand der Bewusstlosen. Sanft strich sie mit dem Daumen über den kalten Handrücken und murmelte beruhigend. Sie hatte keine Ahnung, ob ihre Worte überhaupt zu der Frau durchdrangen.
   Irgendwann, Charlotte war sich nicht sicher, ob Sekunden oder Minuten vergangen waren, wurde der Puls noch unregelmäßiger. Sie konnte ihn kaum noch ertasten. Ein leichtes Zittern durchlief den Körper vor ihr. Die Lider begannen zu flattern und die Frau schlug die Augen auf. »Ruhig«, murmelte Charlotte. »Alles wird gut. Hilfe ist unterwegs. Sie sind in Sicherheit.«
   Die großen Augen blickten sie unverwandt an. Dann bewegte die Frau lautlos ihre Lippen.
   »Sch! Nicht sprechen.« Charlotte strich weiter beruhigend mit dem Daumen über den klammen Handrücken. Der Puls war fast nicht mehr fühlbar.
   »Hilfe« brachte die Frau wie ein heiseres Stöhnen über die Lippen. »Mädchen … helfen … Haus.« Sie hatte die Worte stockend und stark akzentuiert ausgesprochen. Sie war keine Amerikanerin. Vermutlich Osteuropäerin, dachte Charlotte.
   In der Ferne erklang das Signal des Rettungswagens. »Wie heißen Sie«, fragte sie die Frau. »Sagen Sie mir Ihren Namen.«
   Die Lippen bebten erneut. »Tanja«, hauchte sie. »Bitte …«
   »Was ist passiert, Tanja? Braucht noch jemand Hilfe?« Charlotte war froh, die Verletzte mit einem Namen ansprechen zu können.
   »Bitte … Natalia … Mädchen … helfen.« Tanja sah ihr fest in die Augen und drückte ihre Finger, wie um ein Versprechen zu besiegeln. Dann wurde ihr Blick leer und die Hand in ihrer erschlaffte. Charlotte fühlte keinen Puls mehr unter ihren Fingerkuppen. Scheiße!
   »Tanja. Komm schon, halt durch!« Die Sirenen des Rettungswagens klangen so nah, aber weder das Herz noch die Lungen der jungen Frau arbeiteten.
   Charlotte riss ihren Mantel weg und legte die Hände für die Herzdruckmassage auf das Brustbein. Sie würde Tanja nicht sterben lassen. Als sie begann, die Handballen auf den Brustkorb zu pressen, gaben die Knochen unnatürlich nach. Verdammt! Wieso waren Tanjas Rippen gebrochen? Sie konnte sich doch unmöglich beim Sturz durch das Schaufenster so verletzt haben. »Was ist nur mit dir passiert?«, fragte sie das leblose Gesicht unter sich, während sie ihre Wiederbelebungsversuche fortsetzte. Eiskalte Schauder rieselten ihr über den Rücken. Sie hatte sich seit ihrer Zeit als AIP in der Notaufnahme in keiner Situation befunden, in der sie sich so hilflos gefühlt hatte wie in diesem Moment. »Komm schon, Mädchen, halte durch«, flüsterte sie beschwörend. Eine eröffnete Vena jugularis konnte man überleben. Das war möglich. Das war absolut möglich.
   Mädchen … Natalia … helfen … Haus. Im Rhythmus ihrer Herzdruckmassage hallten die Worte durch Charlottes Kopf. Sie wechselte zur Mund zu Nase Beatmung und dann wieder zur Herzdruckmassage. Unaufhörlich. Bis sie das Blaulicht des Rettungswagens sah. »Komm schon, Tanja.«

*

Genos Lungen brannten. Er war gerannt, als wäre der Teufel hinter ihm her. Dabei war er derjenige, der den Teufel verfolgte, oder besser gesagt: ein wirklich grausames Monster jagte. Als er sich endlich aus seiner Erstarrung gelöst hatte, war der Mann ihm bereits zwei Blocks voraus. In der Hoffnung, den Abstand zu verkleinern, schlitterte Geno über den vereisten Bürgersteig. Zweimal hatte er den Typen abbiegen sehen. Jetzt war er verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt. Wo versteckte er sich? In einer der vielen Gassen? Einem Hauseingang oder Hinterhof?
   Verdammt. Schwer atmend blieb er stehen. Wo war dieser Mistkerl? Er zog seinen Schlüssel hervor und schaltete die kleine Maglite ein. Sorgfältig leuchtete er den Boden vor sich ab. Nichts. Der Schneematsch war im Laufe des Tages von Hunderten Füßen zusammengetrampelt worden und inzwischen von einer feinen Eisschicht überzogen. Er konnte keinen Fußabdruck des Typen finden, keinen Hinweis, wo er abgeblieben war. Langsam drehte sich Geno im Kreis, wie es sein Bruder immer tat, wenn er die Umgebung in sich aufnehmen wollte. Er hielt den Atem an und lauschte. Kein verdächtiges Geräusch drang zu ihm durch. Nur ein entferntes Martinshorn und das Rauschen des Verkehrs der Durchgangsstraße, die am Ende die Gasse kreuzte, waren zu hören. Er lief bis zu der Straße und blickte eine Zeit lang in beide Richtungen. Die Autos rauschten in einem unablässigen Strom an ihm vorbei. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite schob ein Penner humpelnd einen Einkaufswagen mit seinen Habseligkeiten vor sich her. So warm eingepackt, wie er war, konnte man nicht viel von ihm erkennen.
   Geno drehte sich um. Charlie brauchte seine Hilfe. Und doch – verdammt. Er passte eine Lücke im Verkehr ab und sprintete über die Straße. Er musste den Obdachlosen überprüfen. Wenn sich der Täter auf diese Weise tarnte und Geno ihn entwischen ließ, würde er sich später in den Hintern treten. »Entschuldigen Sie, Sir«, rief er.
   Der Penner drehte sich um. Eine wirklich üble Geruchswolke wehte zu Geno herüber. »Was ist?« Er war alt und wacklig auf den Beinen. Seine Augen waren glasig vom Alkohol oder von was auch immer.
   »Entschuldigen Sie, ich habe Sie verwechselt.«
   Der Alte grinste zahnlos und musterte ihn von oben bis unten. »Mit wem willst du mich denn verwechselt haben, Jungchen?« Das Lachen, das er ausstieß, war rau und hässlich. Es jagte Geno eine Gänsehaut über den Rücken.
   Er kramte einen Zehndollarschein aus der Hosentasche und drückte ihn dem Mann in die Hand. »Nochmals Entschuldigung«, murmelte er.
   Der Alte starrte einen Moment auf den Schein. »Gott mit dir, Jungchen«, brummte er und ließ ihn stehen. Mit einem langsamen Schlurfen schob er seinen Wagen weiter über den vereisten Gehweg.
   Geno blickte ihm einen Augenblick nach. Der eisige Wind, der vom Charlesriver herüberwehte, fuhr unter seinen Parka und ließ ihn noch einmal erschaudern. Langsam drehte er sich um und lief zurück. Er warf abermals einen Blick in jede Gasse, jeden Hinterhof und Hauseingang. Nirgendwo ein Hinweis auf den Scheißkerl, der die Frau durch das Schaufenster geworfen hatte. Als er aus der dunklen Gasse in die Riverside Street einbog, musste er gegen die Helligkeit blinzeln, die die Scheinwerfer und rot-weiß-blauen Lichter eines Polizeifahrzeugs und eines Rettungswagens in den Schnee malten. Eine kleine Menschentraube hatte sich um das Schaufenster des Schuhladens versammelt. Charlie konnte er nicht sehen. Er steckte die kalten Hände in die Parkataschen und schob sich durch die Leute – und da war sie. An die Mauer der Hauswand gelehnt, hockte sie neben dem zersplitterten Glas, die Hände voller Blut, das Gesicht so weiß, als hätte sie einen Geist gesehen.

*

Die Nacht wurde lang. Die junge Frau, Tanja, konnte nicht gerettet werden. Die Reanimationsversuche der beiden Rettungssanitäter, die Charlotte in ihren Bemühungen ablösten, blieben erfolglos.
   Kurz nach dem Eintreffen des Rettungswagens tauchte eine Streife auf. Die Officer sperrten den Tatort ab und informierten nach einem kurzen Blick auf die Szenerie das Dezernat für Todesermittlungen.
   Charlotte kauerte sich in ihrem schmutzigen Mantel neben das Happy Feet, den Rücken gegen die Hauswand gelehnt, die mit Blut verschmierten Hände im Schoß. Plötzlich tauchte zwischen all den fremden Menschen Genos Gesicht auf. Er ließ sich schwer atmend neben sie fallen.
   »Du hast ihn nicht erwischt?«
   »Nein. Ich habe keine Ahnung, wohin er verschwunden ist.« Er sah dem Treiben im und um das Schaufenster herum zu. »Sie hat es nicht geschafft«, stellte er fest.
   »Tanja. Sie hat mir gesagt, sie heißt Tanja.« Charlotte senkte den Blick auf ihren Schoß. »Die Kripo ist informiert. Sie schicken jemanden.«
   »Wen?«
   »Ich habe keine Ahnung. Wir werden uns überraschen lassen müssen.«
   »Ich ruf Dom an.«
   »Lass ihn schlafen. Er hat mit seinem Fall genug um die Ohren.«
   »Er ist mein Bruder. Ich kann ihn morgens um drei wecken, wenn ich ihn brauche. Und im Moment brauchen wir ihn definitiv. Außerdem würde er mir sowieso in den Hintern treten, wenn er erst morgen früh im Dienst von der Geschichte erfährt.« Geno zog sein Handy aus der Tasche und wählte. »Hey, Dom. Kannst du zu Charlie kommen? – Nein, jetzt. Sofort … Hier gab es einen Mord. – Nein, nein. Charlie ist okay.« Er warf ihr einen Blick zu. »Ist gut. Bis gleich.« Er drückte das Gespräch weg. »Er kommt her.«
   »Gut.« Charlottes Kopf schien in einem Wattebausch zu stecken. Sie starrte auf ihre blutigen Hände. »Ich konnte ihr nicht helfen«, stellte sie mit tonloser Stimme fest.
   Geno legte ihr einen Arm um die Schultern. »Es war gut, dass du für sie da warst. Sie musste nicht allein sterben.«
   »Im Regelfall lerne ich die Opfer nicht kennen.«
   »Nein, natürlich nicht.« Geno ließ seinen Rücken gegen die Hauswand sacken. Er war nicht weniger erschöpft als sie. »Das hier war alles andere als die Regel.«
   »Sie hat mich um Hilfe gebeten. Irgendetwas mit einem Haus, Mädchen und einer Natalia. Ich weiß nicht, was sie damit meint.
   »Wir sollten in deiner Wohnung auf meinen Bruder warten. Dann kannst du dich umziehen und das Blut abwaschen.«
   »Ich muss noch eine Zeugenaussage machen«, widersprach sie.
   »Das hat Zeit.«
   »Mir wäre es lieber, Sie wären jetzt bereit zu einer Aussage, Doc. Und Sie auch, Mister.«
   Charlotte hob den Blick. Über ihnen thronte Lance Byrd, einen Kaffeebecher in der Hand und einen schlecht gelaunten Ausdruck im Gesicht.
   »Detective Byrd«, grüßte Charlotte ihn.
   Geno erhob sich und zog sie mit sich hoch. »Ich bin Geno Coleman. Guten Abend, Detective.«
   »Coleman? Haben Sie etwas mit Coleman aus Boston zu tun?«
   »Ja, Sir. Er ist mein Bruder.«
   Byrd murmelte etwas, das sehr nach ‚Na wunderbar‘ klang. Er fixierte Geno mit einem Blick, mit dem man eklige Kriechtiere bedachte. Er konnte Dominic aus irgendeinem Grund nicht ausstehen. Wenn man es genau nahm, konnte er die Hälfte der Menschheit nicht leiden. Charlotte hatte schon ein paar Mal mit ihm zusammengearbeitet. Der Detective war der Inbegriff der Faulheit. Er schloss seine Fälle so schnell ab wie nur möglich, ganz egal, ob er einen Täter ermittelte. Zweimal war sie mit ihm schon aneinandergeraten, weil er versucht hatte, Obduktionsergebnisse so hinzubiegen, dass sie in seine Vorstellung von der Tat passten.
   »Sind Sie zuständig für den Fall?«, wollte sie wissen.
   Er breitete die Arme aus. »Wir sind in Charlestown. Ich bin beim Morddezernat in C-Town. Was glauben Sie wohl, warum ich hier bin? Sicher nicht, weil ich unter Schlafstörungen leide.«
   »Natürlich nicht.«
   »Dann lassen Sie uns anfangen, damit wir das so schnell wie möglich abhaken können.«
   Jeden anderen Detective hätte Charlotte in ihre Wohnung gebeten und das Erlebte bei einer Tasse Kaffee geschildert. Byrd wollte sie nicht in ihren vier Wänden haben. Lieber fror sie noch eine Weile. Sie schob ihre blutigen Hände in die Manteltaschen und erzählte von dem Moment an, in dem sie um die Ecke gebogen waren, wobei sie den Kuss ausließ. Ein Ermittler musste nicht unbedingt wissen, dass sie dem Bruder eines anderen Polzisten zu nahe gekommen war. Der Detective machte sich hin und wieder Notizen auf seinem kleinen Block. Was Tanja zu ihr gesagt hatte, schien ihn nicht besonders zu interessieren.
   Kaum war Byrd fertig, tauchte Dominic an der Polizeiabsperrung auf. Er hielt dem Officer seine Marke hin und bückte sich unter dem Flatterband durch. Er zog Charlotte mit einem Arm an sich und schlug seinem Bruder mit dem anderen auf die Schulter. »Seid ihr okay?«
   »Alles in Ordnung«, gab Geno zurück. Charlotte nickte nur stumm. Auch wenn sie Dominic nicht aus dem Bett gerissen hätte, war sie doch verdammt froh, ihn hier zu haben. Er wusste, was zu tun war.
   »Byrd«, grüßte Dominic den Detective, als würde er ihn erst jetzt wahrnehmen.
   »Coleman.« Das Gesicht des anderen wurde noch eine Spur grimmiger.
   »Sind Sie fertig? Der Doc muss ins Warme. Und mein Bruder auch.« Als Byrd nicht sofort antwortete, drehte er sich mit Charlotte im Arm zur Haustür um. »Wenn Sie noch etwas wissen wollen, rufen Sie mich an.«

3

Geno fuhr mit einem Ruck aus dem Schlaf. Er hatte von blutigen Händen geträumt. Verwirrt sah er sich um. Wo war er? Schemenhaft nahm er das Zimmer um sich herum wahr. Die Straßenlaterne vor dem Fenster spendete genug Licht, um seine Umgebung erkennen zu können. Charlie. Er war in Charlies Wohnung.
   An seinen Fingern klebte kein Blut. Die Hände, die er in seinem Traum gesehen hatte, waren ihre gewesen. Er rieb sich über das Gesicht und sah auf seinem Handy nach der Uhrzeit. In einer halben Stunde würde sein Wecker klingeln. Es lohnte sich also nicht, sich noch einmal hinzulegen. Schlafen würde er nach diesem Traum sowieso nicht mehr können. Er schaltete die Lampe auf dem Beistelltisch ein und wartete, bis sich seine Augen an die Helligkeit gewöhnten.
   Dominic und er hatten Charlie nach dem Gespräch mit dem unmotivierten Detective in ihre Wohnung gebracht und er hatte darauf bestanden, die Nacht hier zu verbringen. Sein Bruder hätte das Gleiche getan. Das hatte er ihm am Gesicht abgelesen. Aber Dominic musste heute früh zeitig zurück auf seinen Friedhof, was auch immer er damit meinte. Er hatte dankbar genickt, als Geno entschied, hierzubleiben. Charlie war es alles andere als recht gewesen, wenn er ihr Stirnrunzeln richtig gedeutet hatte. Er hatte sich innerhalb eines Abends verdammt weit in ihr Leben vorgewagt. Charlie zu küssen, hätte das Highlight eines wunderschönen Abends werden sollen. Nur ihre Zustimmung zu einer weiteren Verabredung hätte das noch übertreffen können. Dass der Tag so enden würde, hätte er sich im Traum nicht vorstellen können. Es wäre ihm lieber, er wäre in seinem eigenen Bett aufgewacht, wenn die junge Frau, die sie gefunden hatten, dafür noch am Leben wäre. Diesem merkwürdigen Detective Byrd traute er nicht besonders viel zu. So, wie er Dominic kannte, würde er den Fall früher oder später übernehmen und herausfinden, wer für diese schreckliche Tat verantwortlich war.
   Sein Hirn lechzte nach Koffein. Charlie hatte hoffentlich nichts dagegen, wenn er ihre Kaffeemaschine schon einmal anwarf. Er stand von der Couch, die erstaunlich bequem gewesen war, auf und legte die Decke zusammen. Charlies Wohnung, oder zumindest das, was er davon gesehen hatte, gefiel ihm. Das Wohnzimmer und die offene Küche bildeten einen großen Raum. Dort, wo sich wahrscheinlich früher eine Wand befunden hatte, sorgten zwei Säulen für ausreichend Statik. Geno ließ sich gern in die Wohnungen und Häuser anderer Leute einladen. Der Architekt in ihm sah sich um, sammelte Ideen und bewunderte Eigenarten und Besonderheiten, die so manche Behausung barg.
   Charlies Wohnung war klassisch und stilvoll, aber dennoch gemütlich eingerichtet. Der Wohnbereich wurde von zwei großen Ledersofas beherrscht, wie man sie in englischen Herrenklubs fand. Sie standen sich, getrennt durch einen Glascouchtisch, gegenüber. Der Boden war mit honigfarbenen Dielen ausgelegt, die leise unter seinen Füßen knarzten. An den cremefarben gestrichenen Wänden hingen geschmackvolle, gerahmte Fotografien von Südstaatenmotiven. Die Verbindung zu ihren Wurzeln, nahm er an. Geno wusste nicht genau, woher sie stammte. Er tippte auf Georgia. Normalerweise merkte man überhaupt nicht, dass sie nicht aus New England kam, doch an Abenden wie dem vergangenen, wenn sie aufgeregt war, schlich sich der Südstaatenslang in ihre Aussprache.
   Während der Kaffee durchlief, betrachtete er die Fotos auf der Kommode zwischen den beiden Wohnzimmerfenstern. Wenn er raten müsste, hätte er gesagt, sie hatte eine Schwester und war zweifache Tante. Auf einem der Bilder war sie entweder mit ihrer Großmutter abgelichtet, oder ihre Mutter war bei ihrer Geburt bereits älter gewesen.
   Leise Geräusche aus dem Schlafzimmer ließen ihn aufhorchen. Er wollte sich nicht dabei ertappen lassen, wie er in ihren Fotos herumstöberte, also nahm er einen der Kaffeebecher von den dekorativen Haken über ihrer Küchenzeile, zog die halb volle Kanne aus der Maschine und goss sich ein. Er inhalierte das kräftige Aroma, bevor er einen vorsichtigen ersten Schluck nahm und sich wieder auf die Couch setzte, um auf Charlie zu warten.

*

Charlotte fuhr mit einem Ruck aus dem Schlaf. Im dämmrigen Licht des frühen Morgens betrachtete sie ihre Hände. Kein Blut, wie gerade noch in ihrem Traum. Mit einem Seufzer strich sie sich die Haare aus dem Gesicht. Es war wohl besser, aufzustehen, anstatt sich noch einem Albtraum über die vergangene Nacht auszusetzen. Da sie am Abend nicht allein in ihrer Wohnung gewesen war, nahm sie an, es auch jetzt nicht zu sein. Sie zog ihren Morgenmantel über das T-Shirt und die Shorts, die sie zum Schlafen getragen hatte, und verließ das Schlafzimmer. Dominic hatte darauf bestanden, sie in der Nacht nicht allein zu lassen. Gut möglich, dass sie ein bisschen neben sich gestanden hatte, nachdem sie Tanja nicht hatte retten können. Sie hatte versucht, die Brüder davon abzuhalten, ihr Lager bei ihr aufzuschlagen. Schließlich hatten sie sich geeinigt. Geno verbrachte die Nacht auf ihrer Couch und Dominic fuhr nach Hause. Er musste heute in aller Herrgottsfrühe auf seinen Friedhof – wie er es nannte.
   Dem Geruch nach hatte sich Geno an ihrer Kaffeemaschine zu schaffen gemacht. Er saß in seinen Jeans und zerknittertem Sweatshirt auf ihrem Sofa und sah ihr über den Rand seiner Tasse entgegen.
   Charlotte murmelte ein ‚Guten Morgen‘ und goss sich selbst eine Tasse ein. Sie war es nicht gewohnt, Männer in ihrer Wohnung zu haben. Schon gar nicht Geno. Sie mochte ihn. Er war ein Freund. Aber der Kuss gestern Abend hatte etwas zwischen ihnen verändert. Und der Blick, mit dem er sie bedacht hatte. Ein Blick, den sie nur zu gut kannte. Er hatte versucht, sie um eine Verabredung zu bitten, bevor die Hölle losgebrochen war. Sie wusste ganz genau, was er wollte, doch dazu würde es nicht kommen. Dies war nicht der Zeitpunkt, sich auf einen Mann einzulassen. Und schon gar nicht auf einen, der sechs Jahre jünger war als sie.
   Sie goss Milch in ihren Kaffee und setzte sich auf die Couch Geno gegenüber. »Hast du gut geschlafen?«
   »Wunderbar, bis auf einen kleinen Albtraum heute Morgen. Dein Sofa ist sehr bequem. Und du?«
   Charlotte blickte auf ihre Hände, die den Kaffeebecher festhielten. »Ich habe es im Traum noch mal erlebt. Als AIP habe ich mich manchmal ähnlich gefühlt. Wenn in der Notaufnahme die Hölle los war und wir Patienten nicht retten konnten, hatten wir manchmal keine Zeit, das Erlebte zu verarbeiten. Ich wurde dann oft in der Nacht noch einmal von dem Geschehen eingeholt. Seit ich Gerichtsmedizinerin bin, ist mir das nicht mehr passiert.«
   »Du bist aber auch nie Zeugin eines Mordes geworden«, gab Geno zu bedenken. »Die wenigsten Menschen müssen sich mit dem auseinandersetzen, was wir vergangene Nacht erlebt haben. Und ich hoffe von ganzem Herzen, dass uns so etwas nie wieder passiert.«
   Charlotte trank einen Schluck. »Ja. Das hoffe ich auch.« Sie sah zum Fenster hinüber, um seinem ernsten Blick auszuweichen. Sie war Gerichtsmedizinerin. Bei der Arbeit war sie mit Dingen konfrontiert, die sich die meisten Menschen nicht vorstellen konnten. Und doch war es ein gravierender Unterschied, ob man eine Leiche auf den Seziertisch gelegt bekam, oder Zeuge eines völlig psychopathischen Verbrechens wurde. So wie Geno aussah, schien es ihm nicht anders zu gehen. Architekten kannten die menschlichen Abgründe, in die sie in der vergangenen Nacht geblickt hatten, normalerweise nur aus wirklich blutrünstigen Thrillern. »Ich würde gern wissen, ob Byrd schon etwas herausgefunden hat.«
   »Vermutlich weiß er noch gar nichts. Wenn ich seine Arbeitseinstellung richtig einschätze, hat er noch nicht einmal angefangen, zu ermitteln.«
   »Gut beobachtet. Ich werde ihn später vom Institut aus anrufen. Und jetzt muss ich mich fertig machen.« Sie war nicht besonders höflich, dafür, dass er die Nacht auf ihrer Couch verbracht hatte, damit sie sich sicher fühlte. Trotzdem verstand er den Wink hoffentlich und wäre verschwunden, wenn sie aus dem Bad kam.
   Geno Coleman unterschied sich in vielen Dingen deutlich von seinem Bruder. In Sachen Sturheit stand er Dominic in nichts nach. Er hatte ihre Aufforderung, zu gehen, sehr wohl verstanden. Nichtsdestotrotz saß er immer noch auf ihrem Sofa, als sie fertig für den Tag aus ihrem Schlafzimmer trat.
   Er grinste sie an. »Du hast keinen Wagen«, rief er ihr in Erinnerung.
   Verdammt. Das hatte sie ganz vergessen. »Ich kann mir ein Taxi nehmen.«
   Geno stand auf. »Ich fahr dich ins Institut. Das liegt fast auf meinem Weg.«
   Irgendwie war sich Charlotte sicher, dass das nicht ganz der Wahrheit entsprach. Zum Diskutieren fehlte ihr allerdings die Energie. »Also gut. Vielen Dank.« Sie trat vor ihm in den Flur und öffnete ihren Schuhschrank.
   Geno schnappte hinter ihr hörbar nach Luft. Sie drehte sich zu ihm um. Mit blankem Horror in den Augen starrte er auf ihre Schuhe. »Sind das alles deine?«
   »Nein.«
   »Nein? Wem gehören die dann?«
   Charlottes Stimmung hob sich angesichts so viel männlicher Fassungslosigkeit. »Mit Nein meine ich: Nein, das sind nicht alle.« Ihre neuen Stiefel standen noch in der Gerichtsmedizin, also entschied sie sich für ein Paar dunkelbraune Wildlederstiefeletten.
   »Wahnsinn. Du bist schuhsüchtig.«
   »Ich habe möglicherweise eine leichte Affinität zu hübscher Fußbekleidung. Und Schuhe sind Rudeltiere. Sie fühlen sich unwohl, wenn sie allein im Schrank herumstehen müssen«, gab sie zurück.
   »Du bist süchtig. Ganz eindeutig. Und du wohnst über einem Schuhgeschäft. Das ist ja so, als ob man einen Alkoholiker den Schlüssel zum Schnapsladen auf die Fußmatte legt.«
   »Hey.« Sie musste lachen und schob ihn vor sich her aus der Wohnung. »Ich bin Ärztin. Ich kenne mich aus mit Süchten. Ich habe nur ein leichtes Interesse. Und es ist sehr sinnvoll, hochwertige Schuhe zu tragen. Die Füße danken es einem.«
   »Deine Füße mögen zehn Zentimeter hohe Absätze?«
   »Du bist ein hoffnungsloser Fall, Geno Coleman.«

Charlotte hatte noch ein paar Minuten, bis sie sich auf den Weg zur Besprechung mit Dominic und Josh machen musste. Zeit genug, nach Neuigkeiten bezüglich Tanja zu fragen. Sie hob den Hörer ab, wählte die Nummer des Departments und ließ sich zu Byrd verbinden. Er meldete sich nach dem zweiten Klingeln. Er klang müde, aber nicht unfreundlich. Als Charlotte ihren Namen nannte, wurde er augenblicklich reservierter.
   »Was kann ich für Sie tun, Dr. Connelly?«, fragte er kühl. Er konnte es nicht ausstehen, wenn sich jemand in seine Ermittlungen einmischte. Ihr ging es bei den Fällen, die auf ihrem Sektionstisch landeten, nicht anders, aber das war ihr im Moment gleichgültig.
   »Ich wollte nur nachfragen, ob es bereits etwas Neues gibt.«
   »Es gibt nichts Neues«, brummte Byrd in den Hörer.
   Charlotte blieb hartnäckig. »Nichts? Aber was ist mit der Spurensuche? Hat man vor dem Schuhgeschäft nichts finden können?«
   »Wir hatten heute Nacht fünf Zentimeter Neuschnee.« Der Tonfall des Detectives drückte tiefste Missbilligung ob ihrer Frage aus. Und er hatte natürlich recht. Der Schneefall war der Spurensuche nicht besonders zuträglich. Mist.
   »Konnten Sie sie wenigstens identifizieren?«, fragte sie weiter. »Gibt es eine Vermisstenmeldung, die auf Tanja passt?«
   »Hören Sie zu, Doktor.« Er sprach jetzt, als ob er es mit einer begriffsstutzigen Zweijährigen zu tun hätte. »Diese Dame ist nicht identifiziert. Es gibt keine Vermisstenmeldung und eine erste Nachbarschaftsbefragung hat nichts ergeben. Wenn Sie mich fragen, war es eine Nutte, die sich etwas zum Zudröhnen besorgen wollte und mit ihrem Dealer aneinandergeraten ist. Das ist alles, was Sie von mir zu diesem Thema hören werden. Haben Sie das so weit verstanden?«
   Charlotte ballte ihre linke Hand zur Faust, bis sich ihre Fingernägel in die Handfläche bohrten. Die Antwort des Polizisten ließ sie zwischen Wut und Fassungslosigkeit schwanken. Sie legte keinen Wert auf einen Sonderstatus, aber in der Regel wurde sie mit deutlich mehr Respekt behandelt. Ganz zu schweigen von dem Respekt, den er dem Opfer nicht entgegenbrachte. »Was ist mit dem, was Tanja zu mir gesagt hat? Über Mädchen, Natalia und ein Haus? Vielleicht braucht jemand Hilfe.«
   »Was Menschen im Augenblick ihres Todes sagen, hat nicht immer zwingend etwas mit dem Hier und Jetzt zu tun. Wer weiß, was sie sich zusammenfantasiert hat. Sie war ein Junkie. Ich habe keine Ahnung, welche Drogen sie eingeworfen hatte. Außerdem können wir nicht einmal sichergehen, ob Sie sie richtig verstanden haben. Sie haben selbst gesagt, sie sprach mit einem osteuropäischen Slang. Vielleicht wusste sie nicht einmal die richtigen Worte für das, was sie sagen wollte.«
   »Trotzdem müssen Sie der Sache nachgehen, Detective«, protestierte Charlotte.
   »Lassen Sie mich nachdenken, Doktor. Wo arbeiten Sie noch mal? Ach ja, in der Gerichtsmedizin. Sie haben keinen blassen Schimmer von Polizeiarbeit. Kommen Sie nie wieder auf die Idee, mir in meine Arbeit hineinreden zu wollen.«
   »So habe ich das nicht …«
   »Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag. Auf Wiederhören.«
   »Hallo?« Aufgelegt. »Verdammter, aufgeblasener Idiot«, schimpfte sie leise. Byrd war nicht nur faul und nachlässig, er war auch noch arrogant. Eine junge Frau war tot. Charlotte hatte den Mord an ihr beobachtet und sie dann nicht am Leben halten können. Sie war sich sicher, dass Tanja bei klarem Verstand gewesen war, als sie mit ihr gesprochen hatte. Mit der Art, wie sie ihre Hand gedrückt hatte, hatte sie ihr regelrecht das Versprechen abgenommen, etwas zu tun. Zu helfen. Aber das würde der Detective wahrscheinlich nicht verstehen.
   Sie überlegte, ob sie Byrd noch einmal anrufen sollte, verwarf den Gedanken aber wieder. Sie musste sich sputen, um rechtzeitig im Department zu sein.

*

Das Absperrband der Polizei flatterte in den eisigen Windböen, die dunkelgraue Wolken vom Atlantik her in die Stadt trieben. In der vergangenen Nacht hatte es geschneit. Seine Spuren vor diesem verdammten Schuhgeschäft, so die Cops überhaupt welche gefunden hatten, waren verschwunden. Zugedeckt von der weißen Pracht. So, wie der Himmel aussah, war heute mit noch mehr Schnee zu rechnen. Er starrte auf das gelbe Band mit der schwarzen Schrift. Egal, welcher Witterung sie sich aussetzen mussten, die Cops schwärmten emsig über seinen geheimen Platz, den Ort, an dem er die Reste seiner Unternehmungen versteckte. Einen Moment schlug die Panik über ihm zusammen. Hatte Tanja sie hierher geführt? Auch sie hätte hier liegen sollen, aber sie hatte es auf einen Fluchtversuch ankommen lassen. Ihr hätte klar sein müssen, wie niedrig die Chancen standen, so etwas zu überleben. Trotzdem hatte sie es versucht, und die Konsequenzen tragen müssen.
   So unauffällig wie möglich lief er an der Absperrung entlang. Für einen Außenstehenden sah er nicht anders aus als die Männer, die jeden Morgen mit gegen die Kälte hochgezogenen Kragen zur Arbeit gingen. Doch ihm entging nichts von dem, was auf seinem Platz geschah. Sie hatten das leere Grab gefunden und begonnen, die Erde aufzutauen. Zügig lief er an der alten Schuhfabrik vorbei. Seine Gedanken rasten. Es gab keinen Hinweis auf ihn. Niemand würde die Frauen miteinander oder gar mit ihm in Verbindung bringen können. Keine Spur führte zu ihm. Wenn er darüber nachdachte, würde man Tanja nicht einmal für eine von ihnen halten. Er war gut in dem, was er tat. Er war vorsichtig, überlegt und clever. Sein Herzschlag beruhigte sich. Sie würden ihn nicht verdächtigen. Allerdings brauchte er jetzt ein neues Versteck für seine Reste. Das war im Winter kein einfaches Unterfangen. Deshalb hatte er auch sorgfältig Gruben ausgehoben, bevor der Frost die Erde hatte zu Stein werden lassen. Ihm würde etwas einfallen. Im Moment benötigte er kein Grab. Um Tanjas Überreste würden sich die Cops kümmern, und das, was er in seinem Lager vorrätig hatte, atmete noch.
   Er bog in eine Seitenstraße ab und kehrte in einem großen Bogen zu seinem Lieferwagen zurück. Die Heizung begann mit Starten des Motors sofort, warme Luft zu blasen. Mit einem behaglichen Seufzen hielt er seine Finger vor das Gebläse. Die Cops konnten einem leidtun, da draußen in der arktischen Kälte. Wenn sie wirklich alle seine Geheimnisse aus dem Boden holen wollten, wären sie noch eine Weile beschäftigt. Er war gespannt, ob sie jede Einzelne finden würden.
   Inzwischen würde er auf Nummer sicher gehen und herausfinden, wer das Pärchen war, das Tanja und ihn am vergangenen Abend gestört hatte. Wenn sie ihn wiedererkannten, musste er über Schadensbegrenzung nachdenken. Vielleicht würde er mit ihnen seinen neuen geheimen Platz einweihen.

4

Drei Minuten nach halb neun stieg Charlotte im dritten Stock des BPD aus dem Fahrstuhl und betrat das Großraumbüro des Morddezernates. Es unterschied sich nicht wesentlich von der Wache des Streifendienstes im Erdgeschoss. Der Geruch nach Scheuermittel und abgestandenem Kaffee, der ihr entgegenschlug, war derselbe. Die alten, zerkratzten Schreibtische waren zu kleinen Inseln zusammengeschoben und in Dominics und Joshs Ecke bröckelte der Putz von der Wand. Zu ihrer Rechten lag Tracy Collettes Büro. Die gute Seele des Dezernats telefonierte und hackte währenddessen in rekordverdächtiger Geschwindigkeit auf ihrer PC-Tastatur herum. Sie sah auf, winkte Charlotte zu und deutete mit einer bedauernden Geste auf den Hörer.
   Charlotte signalisierte ihr mit einem Nicken, dass sie verstand. Vielleicht hatte sie auf dem Rückweg ins Institut noch Zeit, Tracy Hallo zu sagen. Sie mochte die etwas schrullige, am PC äußerst einfallsreiche Sekretärin.
   Lieutenant Bergens Büro lag an der gegenüberliegenden Seite, gleich neben der kleinen Küche, in der das Gebräu produziert wurde, das mache Kaffee und andere Gift nannten. Da Bergens Tür offen stand, sah er Charlotte kommen.
   »Doktor Connelly.« Er eilte auf sie zu und reichte ihr die Hand. »Wie geht es Ihnen? Ich habe gehört, was heute Nacht geschehen ist.«
   »Danke. Es geht.«
   Bergen hielt ihre Hand fest. »Wenn wir irgendetwas für Sie tun können, lassen Sie es mich wissen.«
   Charlotte verzog das Gesicht. »Es ist nicht zufällig möglich, den Fall an einen Ihrer Detectives zu übergeben?« Sie bat selten um etwas, aber diesmal konnte sie nicht anders. Besonders nach dem Telefonat mit Byrd beschlich sie der Gedanke, dass er dem Mord an Tanja nicht mal im Ansatz die Aufmerksamkeit zugedachte, die er verdiente.
   Bergen hob entschuldigend die Schultern. »Nach dem, was uns auf dem Grundstück der Schuhfabrik an Arbeit erwartet, kann ich keinen meiner Detectives abstellen. Wir tun im Moment nur das Nötigste und konzentrieren uns ansonsten ausschließlich auf die Leichenfunde.« Seine Lippen hoben sich zu einem leichten Lächeln. »Ich weiß, warum Sie mich darum bitten. Ich versichere Ihnen, Byrd hat einen guten Lieutenant, der ihn nicht aus den Augen lässt. Und ich werde mich ebenfalls regelmäßig über den Stand der Ermittlungen informieren. Hilft Ihnen das weiter?«
   »Ja. Danke, Sir.«
   »Gut. Dann lassen Sie uns mit der Besprechung beginnen. Der Rest des Teams wartet nur noch auf uns.«
   Sie betraten den Besprechungsraum als Letzte. Josh und Dominic saßen neben Judy Paxton und ihrem neuen Partner Benjamin Sanders, genannt Wiki, an den sich Charlotte noch nicht gewöhnt hatte. Sie erwartete immer noch, Judys langjährigen Partner Jim Stowe zu sehen. Er war der erste Detective, für den sie eine Sektion vorgenommen hatte. Sie hatte ihn immer sehr gemocht und bedauerte es, dass er im vergangenen Jahr seine Stelle beim BPD gekündigt hatte, um irgendwo auf dem Land einen Posten als Sheriff anzunehmen.
   Bergen setzte sich auf den Platz neben Sam Finn. Ihr blieb der letzte Stuhl – zwischen Josh und Frank Jankovski. Der Raum war zweckmäßig eingerichtet. Auf Schönheit hatte niemand Wert gelegt. Dominiert wurde er von einem großen Besprechungstisch, auf dem ein ungenutzter Beamer und ein Telefon standen, aus dem es statisch rauschte. Da sich Wood nicht unter den Anwesenden befand, vermutete sie, dass er über den Lautsprecher des Telefons zugeschaltet war. Die Wand zum Gang bestand aus großen Fenstern. Jalousien halfen, neugierige Blicke von außen fernzuhalten. Der Rest des Raumes war mit Kork ausgekleidet, genügend Platz, um die Informationen eines Falles zusammenzutragen. Normalerweise hängten die Detectives ihre Hinweise an Pinnwände, die neben ihren Arbeitsplätzen standen, aber vermutlich mutierte der Besprechungsraum gerade zur Einsatzzentrale, denn dieser Fall schien Ausmaße anzunehmen, bei denen eine Korkwand neben dem Schreibtisch nicht mehr ausreichte. Im Moment hingen mehrere Fotos des ersten Opfers und der Auffindesituation vor ihr. Eine Karte zeigte das Gelände der alten Schuhfabrik. Jedes mögliche weitere Grab war mit einer Stecknadel markiert.
   »Hallo.« Charlotte lächelte in die Runde.
   »Hey, wie geht’s dir?« Judy griff über den Tisch und drückte ihre Hand.
   Josh legte ihr seine auf die Schulter. »Dominic hat uns erzählt, was gestern passiert ist. Bist du okay?«
   Die Detectives warfen ihr besorgte, mitfühlende Blicke zu. Sie hatte geahnt, dass sie wissen wollten, was geschehen war. Sie lächelte in die Runde. »Mir geht es gut. Ich hoffe nur, nie wieder in so eine Situation zu geraten.«
   »Das hoffe ich auch.« Dominic schob ihr eine Tasse Kaffee über den Tisch. »Danke, dass du heute trotz allem gekommen bist. Wie es aussieht, wird uns dieser Fall noch eine Weile beschäftigen.«
   Josh verteilte Kopien des Ermittlungsberichts an alle Anwesenden. »Für diejenigen von euch, die noch nicht alle Details mitbekommen haben, fasse ich kurz zusammen, was wir bis jetzt wissen. Ein Bautrupp der Stadtwerke hat bei Baggerarbeiten auf dem verlassenen Industriegelände in einer Grube eine weibliche Leiche gefunden, die wir bislang nicht identifizieren konnten. Nachdem wir zwei weitere – leere – Löcher gefunden haben, die mit Sperrholzplatten abgedeckt waren und vermutlich ebenfalls als Gräber dienen sollten, gehen wir davon aus, noch mehr Opfer zu finden.«
   »Anders als die Stadtwerke können wir nicht mit schwerem Gerät arbeiten«, ergänzte Dominic. »Wir müssen den Boden auftauen, aber wir wissen jetzt schon sicher, dass es eine weitere Leiche gibt.«
   »Genau.« Woods Brummen klang blechern aus dem Lautsprecher. »Sie ist ebenfalls weiblich, liegt aber bereits etwas länger. Auch ihr Körper ist in Folie eingeschlagen, der Verwesungsprozess hat bereits eingesetzt. Vermutlich, bevor der Winter sie tiefgekühlt hat. Zur Todesursache kann ich nichts erkennen, aber das ist ja auch nicht mein Job.«
   »Kannst du dich darum kümmern, Charlie?«, wollte Josh wissen.
   »Ich werde gleich im Anschluss an die Besprechung rausfahren und sie mir ansehen.«
   Woods Bass schwebte wieder durch den Raum. »Der Modus Operandi scheint auf den ersten Blick gleich. Das zweite Opfer ist unter der Folie ebenfalls nackt. Beide Gräber sind gleich tief, breit und lang. Sie passen zu den leeren Gruben, die wir gefunden haben.«
   »Wir müssen also davon ausgehen, dass es noch mindestens zwei potenzielle Opfer gibt.« Judy verzog das Gesicht und strich über ihren kleinen Babybauch. Sie war im vierten Monat schwanger und von Bergen schon jetzt zum Innendienst verdonnert. »Wir sollten den Täter schleunigst finden.«
   »Im Moment haben wir keine Anhaltspunkte, mit wem wir es zu tun haben. Also konzentrieren wir uns erst einmal auf diejenigen, die noch auf diesem Friedhof liegen«, warf der Lieutenant ein. »Gibt es noch etwas, Ben?«
   Wood schnaubte. »Wir kommen nicht gerade schnell voran. Im Moment tauen wir das dritte Grab auf. Sobald Charlie die Leiche aus Nummer zwei mitgenommen hat, kümmern wir uns um die Spurensicherung. Ich habe allerdings wenig Hoffnung, mehr zu finden als im ersten Loch.«
   »Ich habe vielleicht etwas entdeckt.« Charlotte beugte sich vor, damit Wood sie über den Lautsprecher gut verstehen konnte. Die Detectives wandten sich ihr gespannt zu. »Ich habe die Folie, in die das erste Opfer gewickelt war, als Spurenträger behandelt. Hoffentlich findet dein Team ein paar Fingerabdrücke, Ben. An der Folie haftete etwas. Es sah aus wie kleine Putz- oder Gipsbrocken. Sie waren merkwürdig. Irgendwie faserig. Ich habe so etwas noch nie gesehen. Ich habe die Beweisstücke heute Morgen bereits an die Kriminaltechnik geschickt, sie dürften also da sein, wenn du in dein Labor kommst.«
   »Gut. Ich bin gerade dabei, meine Leute einzuteilen. Wir können maximal zwei Gräber pro Tag auftauen, vermutlich weniger. Mir ist es lieber, wenn nicht alle meine Techniker hier draußen rumhängen und sich den Tod holen – entschuldigt die Ausdrucksweise. Sie werden in zwei Schichten eingeteilt, bis wir mit dem gesamten Friedhof durch sind. Ich fahre jeden Morgen raus und verschaffe mir einen Überblick, bevor ich im Labor alles auseinandernehme, was wir da draußen finden.«
   Dominic machte sich Notizen, bevor er sich an Charlotte wandte. »Du hast uns den Obduktionsbericht zwar zukommen lassen, wir hatten aber noch keine Zeit, ihn zu lesen. Kannst du uns etwas zum ersten Opfer sagen?«
   »Natürlich. Wie ihr auf den Bildern sehen könnt«, sie wies auf die Fotos, die an der Wand hingen, »war der Körper sehr gut erhalten. Gemessen an der Witterung der vergangenen Wochen und dem Fakt, dass sie nur in die Plane eingewickelt war, dürfte sie sich seit allerhöchstens drei Wochen auf dem Friedhof befinden. Es gab nahezu keine Verwesung, also ist ihr Tod nicht mehr als ein oder anderthalb Tage vor der Ablage eingetreten. Näher kann ich es nicht eingrenzen.
   Ich konnte ihre Fingerabdrücke nehmen. Sie liegt allerdings nicht im System ein. Eine DNA–Probe habe ich entnommen. Auf das Ergebnis müssen wir wie immer warten. Ich habe dem Labor Druck gemacht, aber ihr wisst ja, wie das ist.«
   »Im Moment ist es eine Jane Doe. Hoffen wir, dass sich das bald ändert.« Josh schenkte ihr Kaffee nach.
   »Das Opfer ist wahrscheinlich zwischen achtzehn und dreißig. Auch das lässt sich im Moment nicht näher eingrenzen. Die Todesursache ist ihre durchtrennte Kehle.« Charlotte musste an Tanja denken und fuhr mit den Händen über die Gänsehaut, die ihre Arme überzog. Anders als bei der Frau, deren Verletzungen in der vergangenen Nacht nicht sofort zum Tod geführt hatten, war es bei diesem Opfer schnell gegangen. »Ihre Kehle war bis zum Knochen durchtrennt. Ich habe eine Einkerbung des Messers auf einem Halswirbel gefunden. Der Täter muss sich hinter ihr befunden haben und ist offenbar Rechtshänder. Hauptschlagader, Drosselvene und Luftröhre wurden mit einem einzigen Schnitt vollständig durchtrennt. Sie war innerhalb von Sekunden tot.« Bei ihren Worten legte sich eine bleierne Stille über den Raum. Nicht einmal die statischen Geräusche des Telefons waren zu hören. Charlotte konnte regelrecht spüren, wie die Polizisten erschauderten. Sie wusste, jeder Einzelne in diesem Raum stellte sich bildlich vor, was der jungen Frau zugestoßen war. Und es würde noch schlimmer kommen. »Ich habe noch ein paar Dinge mehr herausgefunden. An ihrem Körper fanden sich jede Menge Misshandlungs- und Missbrauchspuren. Sie wurde zusammengeschlagen und vergewaltigt. Vaginal und anal.« Die Anwesenden verzogen das Gesicht und Charlotte war sich sicher, Wood tat das, mit Blick auf das ausgehobene Grab, ebenfalls. »Und das nicht nur einmal, sondern über einen längeren Zeitraum. Sie hatte sowohl frische als auch verheilte Verletzungen. Ich will euch jetzt nicht alles aufzählen, was ich gefunden habe. Die Details findet ihr im Obduktionsbericht.«
   »Wie war ihr Zustand, abgesehen von den Misshandlungen?«, wollte Frank Jankovski wissen.
   »Bis auf die Verletzungen war sie eine gesunde Frau. Ihre Finger- und Fußnägel waren lackiert. In ihrem Gesicht habe ich Reste von Make-up gefunden. Die Zähne waren nicht perfekt, aber okay. Ebenso wie ihre Haare. Sie hatte Strähnchen, leicht herausgewachsen, aber gut gemacht.«
   »Wir haben es mit einer typischen jungen Frau zu tun«, fasste Judy zusammen. »Keine Auffälligkeiten?«
   Charlotte schüttelte den Kopf. »Nein. Keine Piercings, keine Tattoos. Sie scheint der Typ ‚Mädchen von nebenan‘ gewesen zu sein.«
   »Verdammter Mist.« Josh lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Keine Anhaltspunkte oder persönliche Merkmale, die uns weiterhelfen können.«
   »Ich lasse sie durch die Gesichtserkennung laufen, wenn Charlie ein gutes Foto für mich schießt.« Judy starrte missmutig in ihre Teetasse. Dass ihre Schwangerschaft sie an den Schreibtisch fesselte und Außeneinsätze für sie tabu waren, schien an ihr zu nagen. Andererseits freute sie sich wie verrückt auf ihr erstes Kind und war bereit, dafür vieles in Kauf zu nehmen.
   »Mach ich. Sobald ich im Institut bin, maile ich es dir.«
   »Gut, Judy. Sie und Detective Sanders bleiben an der Gesichtserkennung dran. Sehen Sie sich außerdem die Vermisstenfälle an. Vielleicht finden Sie jemanden, der auf die Beschreibung passt«, entschied Bergen. »Wie sieht es bei Ihnen aus, Dominic und Josh?«
   »Wir haben die gesamte Nachbarschaft weiträumig abgeklappert. Nicht, dass in dieser Gegend viele Leute wohnen würden. Niemand hat etwas gesehen oder bemerkt, wobei man mit Sicherheit sagen kann, es hat niemanden wirklich interessiert«, fasste Dominic die Arbeit des vergangenen Tages zusammen. »Auf dem Grundstück stand früher eine Schuhfabrik. Die Eigentümerin ist siebenundachtzig und lebt in Harvard. Wir haben keinen Anhaltspunkt darauf, dass sie in irgendeiner Weise in diese Sache involviert sein könnte. Es gibt ein paar Verwandte, die wir bis jetzt noch nicht unter die Lupe genommen haben.«
   »Dann tun Sie das. Befragen Sie sie. Finden Sie heraus, wer alles über dieses Grundstück Bescheid weiß. Wer sich dort auskennt. Ehemalige Mitarbeiter. Hausmeister. Kurierdienste. Was auch immer.«
   »Wird erledigt, Lieutenant.« Dominic und Josh warfen sich einen Blick zu. Wahrscheinlich teilten sie bereits im Geiste die Aufgaben auf.
   Bergen blickte in die Runde. »Damit sind die Aufträge erst einmal verteilt. »Frank und Sam, Sie kümmern sich um alles andere, was reinkommt. Ich werde mit dem Captain sprechen. Bei unserer chronischen Unterbesetzung können wir nicht noch nachts diesen Friedhof bewachen. Wir brauchen Kräfte, die uns dafür bereitstehen. Und noch etwas. Falls irgendwo die Presse auftauchen sollte, will ich sofort darüber informiert werden. Haben Sie mich verstanden?«
   Die Detectives nickten.
   »Gut.« Mit einem Blick auf seine Uhr erhob sich der Lieutenant. »Ich will Sie alle heute Abend um zwanzig Uhr mit den neuesten Entwicklungen wieder hier sehen. Viel Erfolg bis dahin.« Er nickte ihnen zu und verließ den Raum.
   Wood verabschiedete sich ebenfalls und Josh schaltete den Lautsprecher aus. »Bist du wirklich okay?«, fragte er Charlotte.
   Judy gesellte sich, ebenfalls mit besorgtem Gesichtsausdruck, zu ihnen.
   »Alles in Ordnung. Wirklich. Dominic war ja da. Und sein Bruder. Ich habe nicht besonders gut geschlafen, aber das ist angesichts der Umstände nicht außergewöhnlich.«
   »Ich habe gehört, Byrd hat den Fall.« Josh verzog mitfühlend das Gesicht.
   »Ich habe den Lieutenant gebeten, den Fall zu euch zu ziehen. Er hat es abgelehnt, was ich in der momentanen Lage verstehen kann.« Charlotte seufzte. »Immerhin hat er mir zugesichert, ein Auge auf den Detective zu haben.«
   »Das haben wir alle. Darauf kannst du Gift nehmen.« Dominic brachte es wie immer auf den Punkt. »Wenn wir merken, dass irgendetwas nicht sauber läuft, versuchen wir noch einmal, den Fall zu übernehmen.«
   »Danke.« Die Worte und die ernsten Gesichter der Polizisten sprachen für sich. Charlotte wusste, sie konnte sich auf jeden Einzelnen verlassen. Immer. »Ich werde meinen Boss bitten, mir Tanjas Obduktion zu überlassen und schieb sie zwischen euren Opfern ein.«
   »Gut. Dann sehen wir uns später bei der Besprechung.« Judy umarmte sie.
   »Sollen wir dich zur Schuhfabrik mitnehmen?« Josh klapperte mit den Autoschlüsseln.
   »Das wäre toll. Dann kann ich von dort aus mit dem Van der Gerichtsmedizin zurück ins Institut fahren.«

Auf dem Friedhof, wie sie den Leichenfundort jetzt offiziell nannten, gab es für Charlotte nicht viel zu tun. Dominic, Josh und sie trafen fast gleichzeitig mit dem Transporter der Gerichtsmedizin ein. Die Männer der Kriminaltechnik holten das zweite Opfer samt Plastikfolie aus dem Grab und verpackten sie in einen Leichensack. Die Bahre mit der gefrorenen Fracht holperte über die Schneehaufen, als sie sie mit vereinten Kräften zum Van schoben und verluden. Gemeinsam mit Jordan, Dr. Palmers Assistenten, fuhr sie zurück ins Institut. Nolan hatte ihr eine Nachricht geschickt. Er wollte auf dem Weg zur Arbeit im Krankenhaus vorbeifahren und nach seiner Frau und seiner kleinen Tochter sehen. Bis sie ihn brauchte, wäre er da. In der Zwischenzeit brachte sie die Leiche gemeinsam mit Jordan ins Kühlhaus und füllte in ihrem Büro die Papiere für diesen Fall aus. Auf ihrem Bildschirm erschien eine Nachricht. Dr. Palmer bat sie in sein Büro. Zügig machte sie die Einlieferungspapiere fertig und klopfte mit einer frischen Tasse Kaffee in der Hand an die Tür ihres Chefs. Sie hatte im Gegensatz zu Wood nicht lange auf dem Friedhof herumstehen müssen. Trotzdem fror sie wie verrückt. Vielleicht lag das auch am vergangenen Abend und dem wenigen Schlaf in dieser Nacht.
   Palmer öffnete und lächelte sie an. »Charlotte. Kommen Sie herein.« Er nahm nicht, wie sonst, hinter seinem Schreibtisch Platz, sondern führte sie in die Sitzecke, die aus drei Clubsesseln und einem kleinen Tisch bestand. »Setzen Sie sich. Wie ich sehe, haben Sie bereits einen Kaffee. Kann ich Ihnen sonst noch etwas anbieten?«
   »Nein. Vielen Dank.«
   Palmer schlug die Beine übereinander und musterte sie einen Moment stumm. Charlotte wusste genau, welche Frage gleich kommen würde. »Wie geht es Ihnen?«
   Der Kloß, den sie den ganzen Morgen über verdrängt hatte, kehrte in ihren Hals zurück. Natürlich wollte auch ihr Chef über den vergangenen Abend sprechen. »Mir geht es gut, Sir.«
   »Tatsächlich?«
   »Ja, sicher.« Sie räusperte sich, um ihrer Stimme einen festen Klang zu geben. »Da Sie mich fragen, ich habe eine Bitte.«
   Palmer schloss die Augen und seufzte. »Ich befürchte, ich weiß, was jetzt kommt.«
   »Ich möchte die Frau obduzieren.«
   Er öffnete die Augen und blinzelte. »Wie bitte?«
   »Ich möchte die Sektion an der Frau, deren Mord ich gestern mit eigenen Augen ansehen musste, leiten.«
   »Ich dachte, Sie bitten mich darum, Ihnen ein paar Tage freizugeben.«
   »Ich kann im Moment nicht freinehmen. Wir sind völlig unterbesetzt.«
   »Das brauchen Sie mir nicht zu sagen. Wenn Sie nach dem, was gestern Abend geschehen ist, um eine Auszeit gebeten hätten, hätte ich Ihnen das nicht verweigern können. Ich bin froh, dass Sie keinen Urlaub brauchen«, gestand er, offensichtlich erleichtert.
   »Dann darf ich die Obduktion durchführen?«
   »Tut mir leid, nein.«
   »Aber …«
   »Nein, Charlotte. Das kann ich nicht zulassen. Ich bin froh, wie gut sie den Schock wegstecken. Sie sind in diesen Fall involviert. Sie haben die Frau gefunden und versucht, sie zu reanimieren.« Er stieß bei jedem Satz nachdrücklich mit dem Zeigefinger auf die Oberfläche des Tisches. »Sie sind nicht in der Verfassung für eine solche Obduktion.«
   »Gerade ich bin dafür geeignet.« Sie beugte sich vor und schlug einen beschwörenden Tonfall an. »Hören Sie, Norman. Ich habe eine Diagnose erstellt und lebenserhaltende Maßnahmen durchgeführt. Ich kenne diesen Fall.«
   »Und genau deshalb werden Sie sich raushalten. Sie sind eine Zeugin.«
   Charlotte schaffte es nicht, einen frustrierten Laut zu unterdrücken. »Detective Byrd ermittelt.«
   »Deshalb also.« Palmer lehnte sich in seinem Sessel zurück, legte die Ellenbogen auf die Sessellehne und die Fingerspitzen vor seinem Gesicht zu einem Dreieck zusammen.
   »Ich habe nicht den Eindruck, dass er sich besonders viel Mühe gibt.«
   »Daran wird die Obduktion nichts ändern. Das wissen Sie, Charlotte. Wir liefern die Fakten, er wird sie auslegen, wie es ihm beliebt.«
   »Ich kann dafür sorgen …«
   »Nein. Ich brauche Sie für diesen Friedhof. Sie werden voll und ganz ausgelastet sein mit dem, was da auf uns zukommt. Die Obduktion an Ihrem Opfer«, er malte Gänsefüße in die Luft, »wird Dr. Kramer vornehmen.«
   »Kramer? Norman, Kramer ist gerade erst mit der Ausbildung fertig, fast noch ein Kind. Er … er ist«, sie suchte nach Worten, »absolut grün hinter den Ohren.«
   »Charlotte.« Palmer richtete sich auf und kniff die Augen zusammen. »Bleiben Sie bitte sachlich. Sie haben Dr. Kramer das gesamte letzte Jahr über betreut und ihn nur in den höchsten Tönen gelobt. Er ist sehr wohl in der Lage, diesen Fall zu übernehmen.« Er stand auf. »Und jetzt muss ich Sie bitten, wieder an Ihre Arbeit zu gehen.«
   »Natürlich.« Charlotte erhob sich ebenfalls.
   Sie war bereits an der Tür, als er sie noch einmal rief. »Ich bin froh, dass es Ihnen gut geht.«
   Sie nickte und zog die Tür leise hinter sich ins Schloss. Der Kloß saß wieder tief und fest in ihrer Kehle.

5

Nolan schaffte es, ihre Stimmung aufzuhellen. Vor Glück strahlend stürzte er in ihr Büro, um ihre Wagenschlüssel zu bringen.
   »Wie geht es Ihrer Frau und Tochter?«
   »Wir haben sie Emma Mae genannt.« Ihr Assistent zog sein Handy aus der Tasche. »Sie ist wunderschön. Ich habe Fotos gemacht.« Mit vor Aufregung zitternden Fingern scrollte er durch die Bilder, die er von seiner winzigen Tochter und seiner vor Liebe geradezu leuchtenden Frau gemacht hatte.
   Charlotte ließ sich von seinen Emotionen anstecken und vergaß die vergangene Nacht für einen Moment. Während in Charlestown eine junge Frau gestorben war, hatte ein wunderschönes Baby das Licht der Welt erblickt.
   Sie öffnete ihre Schreibtischschublade und zog eine rosa Schachtel mit weißen Punkten heraus, die sie schon vor Wochen dort deponiert hatte. »Herzlichen Glückwunsch zu Emma Maes Geburt, Nolan.«
   »Oh.« Er nahm das Geschenk und öffnete es vorsichtig. »Die sind wunderschön.« Ergriffen strich er über die hübsche Spitzenborte und das filigrane Muster der Babyschühchen. Charlotte hatte sie im Happy Feet entdeckt und nicht widerstehen können.
   Ein Grinsen stahl sich in ihr Gesicht. »Sie kennen den Spruch doch, oder?«
   »Nein. Welchen?«
   »Es gibt zwei Dinge, von denen eine Frau in ihrem Leben nie genug haben kann. Schöne Schuhe und gute Liebhaber.«
   »Dr. Connelly!« Nolan wurde blass. »Ich bin gerade erst Vater geworden. Über die zukünftigen Liebhaber meiner Tochter möchte ich noch nicht einmal nachdenken. Bevor sie nicht dreißig ist, wird sie sowieso mit keinem Mann ausgehen.« Sein Gesichtsausdruck wirkte entschlossen. Todernst.
   Charlotte konnte nicht anders. Sie legte den Kopf in den Nacken und begann, lauthals zu lachen.
   Ihr Assistent sah sie verblüfft an, bevor er, die Babyschuhe fest an seine Brust gedrückt, die Lippen ebenfalls zu einem Lächeln verzog. »Es ist nicht nett, mich mit solchen Gedanken zu erschrecken.«
   Charlotte schüttelte den Kopf und wischte sich eine Lachträne aus dem Augenwinkel. »Sie haben recht, das war gemein. Aber Nolan, Ihr Gesichtsausdruck war unbezahlbar. Ich wünsche Ihrer Familie nur das Allerbeste.«
   »Danke.« Sein Blick wurde noch weicher und verschwamm ein bisschen vor Liebe, als er noch einmal auf die Schuhe blickte. Dann straffte er die Schultern und setzte eine geschäftstüchtige Miene auf. »Wie ging es denn gestern noch weiter?«
   Charlotte spürte, wie der letzte Rest des Lachens aus ihrem Gesicht verschwand.
   »So schlimm?«, wollte er wissen.
   Sie brachte Nolan auf den neuesten Stand, was die Leichenfunde auf dem Friedhof betraf und erzählte ihm von dem Mord, den Geno und sie vor ihrer Haustür beobachtet hatten. Einen Moment hatte sie darüber nachgedacht, ihm diese Information vorzuenthalten. Aber das machte wenig Sinn. Im Institut wurde geklatscht und getratscht, was das Zeug hielt. Dass sie diejenige war, die die sterbende Tanja gefunden hatte, hatte sicher längst die Runde gemacht.
   »Dr. Connelly, wie schrecklich.« Nolan schluckte sichtbar. »Nehmen Sie die Obduktion an der Frau vor?«
   Charlotte rieb sich über die Stirn, hinter der sich ein leichtes Ziehen ausbreitete. Die ersten Anzeichen für Kopfschmerzen. »Nein. Dr. Kramer übernimmt sie. Wir kümmern uns um das zweite Friedhofsopfer.«
   Sie holten die Tote aus dem Kühlraum und hoben sie auf den Seziertisch. Vorsichtig wickelten sie sie aus der Folie. Charlotte hatte noch einmal bei Byrd angerufen. Es gab nichts Neues. Nolan hatte ihre Laune, die bereits nach dem Gespräch mit Palmer in den Keller gesunken war, nur kurz aufgehellt. Kaum stand sie an ihrem Arbeitsplatz, stürzte sie wieder ins Bodenlose. Dabei war es nicht gerade hilfreich, sich den Sektionssaal mit Kramer zu teilen, der am Tisch neben ihr an Tanja arbeitete. Immer wieder sah Charlotte zu ihm hinüber und biss sich auf die Lippe, um ihm keine Ratschläge zu geben, was er tun und worauf er achten sollte. Ihr Boss hatte recht. Dr. Kramer war ein guter Gerichtsmediziner. Nicht so erfahren wie die, die schon länger im Geschäft waren. Doch das machte er durch kreative Ideen wieder wett. Sein einziges Problem war tatsächlich seine Jugend. Byrd würde ihn über den Tisch ziehen, wo er nur konnte und das Ergebnis der Obduktion so auslegen, wie es ihm am besten in den Kram passte.
   »Ich habe hier ein paar Gips- oder Putzteilchen, die aussehen wie die von gestern«, stellte Nolan, die Nase über die Folie gebeugt, fest.
   Charlotte konzentrierte sich wieder auf die Arbeit, die vor ihr lag. »Sie ähneln ihnen tatsächlich.« Sie betrachtete die kleinen Brocken durch die Lupe. »Gips oder Putz, versetzt mit diesen merkwürdigen Fasern. Ein gutes Indiz, dass zumindest die Folie von der gleichen Örtlichkeit stammt wie die erste.«
   »Also haben sich vermutlich auch die Leichen dort befunden.« Nolan reichte ihr eine Pinzette und einen Beweismittelbehälter.
   Sie sammelte die Spuren Stück für Stück ein, dann zogen sie die Folie unter der Toten hervor und verpackten sie ebenfalls, um sie zur Kriminaltechnik zu schicken. Mit ein wenig Glück würde Wood irgendwo ein paar Fingerspuren finden.
   Langsam, Zentimeter für Zentimeter, untersuchte sie den Körper der Toten. Als sie sich wieder aufrichtete und ihren Rücken streckte, schwirrten ihr mehr Fragen als Antworten durch den Kopf.
   Dr. Kramer riss sie aus ihren Gedanken. Er war offensichtlich fertig mit Tanjas Obduktion und deckte ihren Körper bis zum Kinn zu. »Ich lasse noch jemanden kommen, der Fotos von ihrem Gesicht macht, dann bringe ich sie zurück in den Kühlraum. Können Sie mir noch einen Bericht über die Antreffsituation und Ihre Reanimationsmaßnahmen zukommen lassen?«
   »Sicher.« Charlotte nickte und der Kollege verschwand durch die Schwingtür. Sie wandte sich wieder der Frau auf dem Tisch vor sich zu. »Okay, Nolan. Das reicht für den Moment. Wir lassen sie auftauen, bevor wir mit der Sektion beginnen.« Sie zog die Handschuhe aus und wusch sich die Hände, bevor sie ihre Gesichtsmaske herunterzog.
   Die Tür schwang wieder auf und der blonde Lockenkopf ihrer Freundin Elena erschien. »Hey. Störe ich?«
   »Hi. Was treibt dich hierher?«
   Ellie hielt drei Tüten mit dem Aufdruck der Sandwichbar hoch, in der die Bostoner Polizisten am liebsten ihren Lunch kauften. »Ihr habt heute bestimmt noch nichts gegessen.« Sie strahlte Nolan an. »Herzlichen Glückwunsch zur Geburt Ihrer Tochter.«
   »Hat sich das schon herumgesprochen? Danke, Detective Coleman.« Er trocknete sich die Hände ab und zog sich Gesichtsmaske und OP-Haube in einer Bewegung vom Kopf. »Wo wir gerade davon sprechen. Wenn wir eine Pause einlegen, rufe ich kurz meine Frau an, wenn das in Ordnung ist, Doc.«
   »Grüßen Sie sie von mir.«
   »Und vergessen Sie Ihr Sandwich nicht«, ergänzte Ellie. Als sich Nolan an ihr vorbeischob, drückte sie ihm eine der drei Tüten in die Hand. Neugierig warf sie einen Blick auf das Opfer auf Charlottes Seziertisch. »Ist sie von Dominics Friedhof?«
   »Ja. Das ist Nummer zwei.«
   Elena verzog mitfühlend das Gesicht. »Ihr konntet sie noch nicht identifizieren?«
   »Bis jetzt nicht.« Charlotte zog ihre OP-Haube vom Kopf. Sie hatte tatsächlich schon wieder vergessen, etwas zu essen. Bis gerade eben hatte sie noch nicht einmal einen Gedanken an Nahrung verschwendet. Beim Anblick der fettigen Papiertüten rutschte ihr allerdings der Magen in die Kniekehlen. Ein Sandwich war eine verdammt gute Idee.
   Ellie trat an Kramers Seziertisch und betrachtete Tanjas Gesicht. »Ist das Nummer eins?«
   »Nein.«
   Elena starrte die Tote weiter an.
   Viel zu lange, wie Charlotte fand. »Ellie?«
   »Mhm.«
   »Alles in Ordnung?«
   Die Freundin drehte sich zu ihr um. »Wer ist das?«
   »Die Frau, die ich vergangene Nacht gefunden habe.«
   »Das ist sie?« Sie sah wieder zu der Leiche hinüber. »Wirklich merkwürdig«, murmelte sie. Dann wedelte sie mit der Sandwichtüte. »Na los. Lunch.«
   Charlotte zog ihren OP-Kittel aus, warf ihn in den Wäschebehälter und folgte ihrer Freundin aus dem Raum. Es gab tatsächlich Gerichtsmediziner, die abgebrüht genug waren, während einer Obduktion zu essen. Für Charlotte war das ausgeschlossen. Und Elli würde ihr definitiv den Hals umdrehen bei dem Vorschlag, im Sektionssaal zu essen.
   Sie ließen sich in dem kleinen, gemütlichen Aufenthaltsraum, den alle nur die grüne Hölle nannten, auf die durchgesessene Couch fallen. Die Grünpflanzen, die Abigail, Palmers Sekretärin, in diesem Raum hegte und pflegte, schienen sich seit ihrem letzten Aufenthalt hier drin noch ein wenig mehr zu einem Dschungel verdichtet zu haben.
   Elena seufzte. »Es ist schön, ein paar Momente mit einer Freundin herauszuschlagen, einmal nicht mit dem Ehemann über Dienstpläne zu diskutieren oder mit anderen Müttern den Stuhlgang der Kinder zu vergleichen.«
   Charlotte biss von ihrem Sandwich ab. Elena war eine wundervolle Mutter und liebte ihren Mann aus tiefstem Herzen. Die beiden hatten sich kennengelernt, als Ellie als frischgebackener Detective Dominics neue Partnerin geworden war. Aus einem Team, das sich stritt wie Hund und Katze, war eine der beständigsten und liebevollsten Ehen geworden, die Charlotte je erlebt hatte. Sie mochte Dominic sehr und arbeitete gern mit ihm zusammen. Aber Elena, die ihren Dienst inzwischen beim Dezernat für Sexualdelikte versah, war zu ihrer besten Freundin geworden.
   Sie warf ihr einen Seitenblick zu. Elli lehnte ihren Kopf mit geschlossenen Augen an die Sofalehne und kaute genüsslich. »Ich gehe davon aus, dass weder dein nerviger Ehemann noch Simons Stuhlgang der Grund ist, aus dem du hier bist.«
   »Hey.« Sie boxte Charlotte gegen den Arm, ohne die Augen zu öffnen. »Ich habe ein Recht auf ein bisschen Erwachsenenzeit.«
   »Du findest die Gerichtsmedizin gruselig.«
   »Ein bisschen vielleicht.« Ellie seufzte und öffnete die Augen. »Ich wollte wissen, ob du okay bist. Du hast uns einen verdammten Schrecken eingejagt.«
   »Mir geht es gut.« Wie oft hatte sie diesen Satz heute schon gesagt?
   Ellie griff nach ihrer Hand und drückte sie. »Ich bin froh, dass Geno bei dir war.«
   »Ja. Das bin ich auch«, gestand sie sich ein. Auch wenn er kein Polizist war, so war er doch ein Mann, der einer Frau das Gefühl gab, sie beschützen zu können.
   »Was mich zu der Frage bringt, wieso Geno bei dir war, als das passierte.«
   Charlotte seufzte innerlich. Weder Geno noch sie hatten irgendjemandem etwas von ihrem zufälligen ersten Treffen vor ein paar Monaten erzählt. Auch dieses Mal hätte sie nicht an die große Glocke gehängt, wären sie nicht Zeugen eines Mordes geworden. Sie zuckte die Achseln. »Wir sind uns in einem Diner über den Weg gelaufen. Ich hatte Nolan meinen Wagen geliehen, also war Geno so freundlich, mich nach Hause zu fahren.«
   »So sind die Colemans. Sie können einem den letzten Nerv rauben, aber sie haben eine gute Kinderstube.« Einen Moment schwieg sie und starrte nachdenklich in Abigails grüne Pflanzenwand. »Du weißt, dass Geno ein gefährlicher Mann ist.« Eine Feststellung, keine Frage.
   »Ellie.« Sie warf ihr einen entsetzten Blick zu. »Wie kommst du darauf, ich könnte …« Sie beendete den Satz nicht.
   Die Freundin hob unschuldig die Hände. »Ich wollte es nur erwähnt haben. Aber weißt du, was mir keine Ruhe lässt?«
   Ging es immer noch um Geno, oder war das ein Themenwechsel? »Nein. Was?«
   »Es klingt vielleicht komisch. Aber das Mädchen, die Frau in deinem Sektionssaal, die, die gestern Nacht gefunden wurde, kommt mir irgendwie bekannt vor. Ich kenne sie. Und es macht mich wahnsinnig, dass ich nicht weiß, woher.«
   Charlotte beugte sich gespannt vor. Wenn es da draußen eine Natalia oder ein anderes Mädchen gab, das ihre Hilfe brauchte, konnte ihr Leben davon abhängen, dass sich ihre Freundin erinnerte, wo sie Tanja schon einmal gesehen hatte. »Sie ist nicht identifiziert. Sie liegt in keinem polizeilichen Datensystem ein.«
   »Das macht es ja so merkwürdig. Trotzdem kenne ich sie«, beharrte Ellie.
   »Bist du dir ganz sicher? Vielleicht sieht sie nur jemandem ähnlich. Vielleicht hast du in letzter Zeit mit einer Frau zu tun gehabt, die ihr gleicht.«
   »Nein, verdammt!« Elena legte ihre leere Sandwichverpackung auf den Tisch und rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht. »Ich weiß es hundertprozentig. Ich kenne sie.«
   Nur half ihnen das keinen Deut weiter. Charlotte wusste, dass es Ellie wahnsinnig machte, wenn sie ein Gesicht erkannte, aber nicht wusste, wo sie es einordnen sollte. Aber die Idee, Tanja mithilfe ihrer Freundin vielleicht doch noch identifizieren zu können, ließ ihr Herz einen Takt schneller schlagen. »Bevor sie gestorben ist, hat sie mich um Hilfe gebeten. Für eine Natalia. Sie sagte etwas von einem Haus und Mädchen. Ich vermute, sie war nicht die Einzige dort, wo sie herkam. Byrd hat den Fall bekommen.«
   »Uh.« Elena verzog das Gesicht. »Gar nicht gut. Wie wäre es, wenn ich morgen im Dienst noch mal meine letzten Fälle durchgehe? Ich komme hoffentlich darauf, wer sie ist. Sonst kann ich heute Nacht nicht schlafen und nerve Dom die ganze Zeit. Was durchaus auch lustig werden könnte.« Sie grinste frech.
   »Ich hoffe, es fällt dir bald wieder ein.«
   »Ich melde mich, sobald ich etwas habe.« Sie umarmte Charlotte. »Ich bin froh, dass dir nichts passiert ist. Versprich mir, gut auf dich aufzupassen.«
   »Das mach ich doch immer.«
   »Gut zu wissen. Jetzt muss ich meinen wundervollen Sohn bei seiner Großmutter abholen. Ich melde mich morgen bei dir.«
   Charlotte wartete, bis Elena die Tür hinter sich zugezogen hatte, dann atmete sie vorsichtig aus und legte den Kopf gegen die Couchlehne. Ihr Herz raste. Vielleicht hatte ihre Freundin eine Spur. Vielleicht fanden sie heraus, wer Tanja war und vielleicht konnten sie sogar in Erfahrung bringen, wer Natalia war. Am liebsten hätte sie ihre Freundin sofort auf ihre Dienststelle geschleift, damit sie mit der Suche begann. Sie überlegte sich, Byrd zu informieren, verwarf den Gedanken aber wieder. Wenn er von dieser Spur wüsste, würde er wahrscheinlich überhaupt nichts tun – und sie an den Ermittlungen hindern. Lieber fand sie heraus, was los war und präsentierte ihm Fakten, um die er nicht herumkam.

Die Leseprobe hat dir gefallen?
Hol dir das E-Book in einem der
zahlreichen, bekannten Onlineshops.

Viel Spaß beim Weiterlesen.