Als Vivi und Lisa in einer Bar von zwei Männern angesprochen werden, halten sie es für einen netten Flirt, doch jäh wandeln sich Urlaubsfreude und Vergnügen in einen Albtraum. Es sind Mädchenhändler, die sie mit K.-o.-Tropfen in ihre Gewalt bringen. Vivian kommt schwer verletzt allein in einem dunklen Keller zu sich. Kurz bevor sie erneut das Bewusstsein verliert, dringt ein Unbekannter in den Keller ein. Ein rettender Engel mit Cowboyhut hebt sie in seine starken Arme und entschwindet unerkannt in der Nacht. Alles, an was sie sich später erinnert, sind die honigfarbenen Sprenkel in seinen grüngelben Augen. Wer ist ihr mysteriöser Retter? Viel mehr quält sie jedoch die Frage, ob sie ihre Schwester jemals wiedersehen wird?

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ISBN: 978-9963-53-342-8

Seiten: 195

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Moni Kaspers

Moni Kaspers
Moni Kaspers schreibt Romane, die ans Herz gehen und zum Nachdenken anregen. Durch ihre Gabe, plastisch zu beschreiben, fühlt sich der Leser mittendrin. Ihre großartigen Bewertungen und zwei Bestseller auf Amazon unterstreichen ihren Erfolg. Sie lebt zurückgezogen mit ihrem Mann, vier Katzen und zwei Hunden im schönen Rheinberg am Niederrhein. In der Weite der Natur und der Ruhe findet sie die Inspiration zu ihren Romanen.  

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

Sie tastete im Dunkeln über den Boden, der sich feucht und uneben anfühlte. Nur allmählich kehrten ihre Sinne zurück. Nur allmählich. Sie wollte ihre Augen öffnen, doch irgendetwas hinderte sie daran. Sie konnte es nicht. Waren sie verbunden? Sie versuchte, ihre Hand zu heben und dieses Ding über ihren Augen zu entfernen, doch sie war gefesselt, und auch ihr Mund war zugeklebt. Schmerz drang in ihr Bewusstsein. Großer Schmerz. Ihr Körper sendete plötzlich aus allen Regionen. Darauf hätte ihr wiederkehrendes Bewusstsein gern verzichtet. Das Atmen fiel ihr so schwer, dass sie das Gefühl hatte, bei jedem Atemzug innerlich zu explodieren. Stückchenweise, jedoch mit ansteigender Wucht, kehrte etwas viel Schlimmeres in ihr Bewusstsein zurück. Todesangst! War sie allein? Wenn nicht, würde man bemerken, dass sie zu sich gekommen war? Wenn sie nur etwas sehen könnte. Es roch modrig. Sie versuchte erneut, die Augen zu öffnen, nur einen winzigen Schlitz. O bitte, nur einen winzigen Schlitz. Vorsichtig bewegte sie die Stirn auf und ab, in der Hoffnung, das Ding über ihren Augen würde verrutschen, doch es saß fest. Irgendwo tropfte ein Wasserhahn.
   Plopp, plopp, plopp …
   Lisa! Wo war Lisa?
   Sie traute sich nicht, ihren Namen auszusprechen, ihn zu flüstern. War Lisa hier? Lag vielleicht sogar neben ihr? Es war still. Nichts war zu hören. Nicht einmal ein Atmen. Außer dem Wasserhahn.
   Plopp, plopp, plopp …
   Ihre Schulter brannte wie Feuer, und ein Arm war eingeschlafen. Das dringende Bedürfnis, sich zu bewegen, wurde immer stärker, war kaum mehr zu unterdrücken. Diese verdammte Augenbinde! Erneut kroch Panik in ihr hoch und schnürte ihr so dermaßen die Kehle zu, dass sie nicht mehr gegen den Reiz ankämpfen konnte. Sie schluckte trocken und musste infolgedessen husten. Blutgeschmack haftete auf ihrer Zunge, und prompt quälte sie ein Würgereiz. Nein, bitte nicht. Nicht! Nicht übergeben. Nicht jetzt!
   Schritte. Da waren Schritte. Die Angst lähmte ihren Körper. Sämtliche Reflexe und für einen Moment sogar ihre Schmerzen. Sie war beinah dankbar dafür. Nichts war mehr zu spüren. Nur das nackte Grauen in ihrem Nacken.
   Schwere Schritte.
   Das Adrenalin wirkte, ihre Schulter brannte nicht mehr.
   Mehrfache Schritte.
   Husten und Würgereiz waren verschwunden.
   Schritte blieben stehen.
   Atmung ging nur noch flach.
   »Ich wusste, dass eines Tages so ein Scheiß passieren würde. Ich habe es gewusst.«
   »Er flippt immer aus, wenn er diese verdammten Pillen einwirft.«
   »Das ist nicht mehr normal, hörst du?«
   »Verdammt, Popeye, was willst du machen? Er ist der Boss.«
   »Sag nicht, dass du das hier noch gut findest.«
   »Sag ich ja nicht.«
   »Denkst du, sie wird überleben?«
   »Scheißt du dich an, Mann?«
   »Leck mich.«
   »Das sind Nutten, alles nur verdammte Nutten. Er will sie haben, also bekommt er sie.«
   »So will er sie haben? Halb tot?«
   »Ist mir doch scheißegal.«
   »Und was ist mit der hier? Lebt die überhaupt noch?«
   »Die ist nur zugedröhnt. Träumt von rosa Elefanten.«
   Einer der Kerle kicherte und es hallte durch den Raum.
   Ein schwerer Schuh drückte sich auf ihre schmerzende Schulter und schüttelte sie ein wenig. Sie stöhnte, das höllische Brennen kehrte schlagartig zurück.
   »Sie lebt noch.«
   »Wo ist die andere?«
   »Was weiß ich. Riva hat sie weggebracht. War wohl ein bisschen viel.«
   »Die hier ist auch nicht zu gebrauchen.«
   »Vielleicht, wenn man sie unter die Dusche stellt …«
   »Lass sie liegen. Eine mehr oder weniger für Bull. Der bekommt doch sowieso nichts mehr mit.«
   »Ich weiß nicht … Ich bin vielleicht ein Outlaw, aber ich bin kein Mörder, hast du verstanden?«
   Stille.
   Flache Atmung. Explosionen im Brustkorb.
   »Na, von mir aus. Es sind genug andere Weiber da.«
   »Willst du ihr nicht wenigstens die Fesseln abnehmen?«
   »Was ist denn mit dir los? Spielst du den Samariter? Komm jetzt!«
   »Nimm ihr wenigstens das Klebeband über dem Mund weg. Ich hab gehört, dass eine fast an ihrer Kotze erstickt ist.«
   Ein Schuh direkt neben ihrem Ohr.
   Ratsch. Vivi konnte ein Stöhnen über den brennenden Schmerz auf ihren Lippen nur knapp unterdrücken.
   »Zufrieden?«
   Schritte entfernten sich, ihr Herz raste, Atmung flach, Lisa …
   Ihr Körper zitterte, es war so furchtbar kalt. Sie wurde müde.

Wieder Schritte. Anderer Klang. Der modrige Gestank war verschwunden. Ein Geruch nach Desinfektionsmitteln brannte in ihrer Nase. Sie öffnete leicht die Lippen. Kein Klebeband hinderte sie. Wie ein Fisch schnappte sie nach Luft.
   Schritte verharren neben ihr. Waren ihre Peiniger zurück? Lisa? Sie wagte nicht, die Augen zu öffnen. Ihre Gedanken wie in dicke Watte gehüllt.
   »Guten Morgen, Herr Doktor. Mein Name ist Taggert, Inspektor Taggert von der hiesigen Polizeistation. Wir ermitteln in diesem Fall.«
   »Ich verstehe. Irgendwelche Veränderungen, Schwester?«
   »Nein, bisher nicht. Die Nacht über lag sie sehr ruhig.«
   »Nun ja, das ist das Schmerzmittel. Sie war übel misshandelt, als man sie uns brachte.«
   »Wer oder was hat sie nur so zugerichtet? Könnte es ein Unfall gewesen sein?«
   »Das wäre zu vermuten, Inspektor. Vielleicht ist sie gestürzt. Die Schulter war ausgerenkt, eine Rippe ist gebrochen. Ihr Körper weist etliche Prellungen auf. Man hat mir mitgeteilt, der Polizeichef erhofft sich Informationen von uns, sobald sie zu sich kommt.«
   »Ja, man hat die junge Dame zur Chefsache erklärt.«
   »Weiß man, wer sie ist?«
   »Nein, laut Einlieferungsbericht trug sie nichts bei sich. Sehr mysteriöse Sache. Sie lag in einem gestohlenen Wagen. Man parkte ihn vor dem Krankenhaus und verständigte das Klinikpersonal. Es gab also demnach jemanden, der ihr helfen wollte. Nun weiß man nicht, ob sie eventuell an dem Diebstahl des Fahrzeugs beteiligt war. Vielleicht ist währenddessen etwas schiefgegangen? Sie wurden entdeckt, wollten flüchten, und dabei ist sie vielleicht gestürzt? Wir versuchen herauszufinden, wer den Wagen fuhr und hoffen natürlich, dass sie uns recht bald darüber Auskunft geben kann.«
   »Da werden Sie sich gedulden müssen, Inspektor. Selbst wenn sie in Kürze aus ihrer Bewusstlosigkeit erwacht, kann ich einer Befragung vorerst nicht zustimmen.«
   »Ja, sicher.«
   Dankbare Dunkelheit umhüllte sie. Derbe Stiefel nähern sich ihrem Kopf. Widerhall, der in den Ohren dröhnt. Boden, der leise bebt.


   »Ist sie das?«
   »Ja.«
   Eine Hand umfasst ihr Kinn und dreht es sanft.
   »Warum habt ihr mir nicht früher Bescheid gesagt, Popeye?«
   »Wir dachten, sie ist okay. Ein bisschen angeschlagen vielleicht von den Tropfen.«
   »Halt die Schnauze, Zac.«
   »Sie muss hier weg.«
   »In Ordnung, Boss.«
   Rettende, starke Arme heben sie hoch. Schmerz durchzuckt ihren Brustkorb. Sie stöhnt lang und schwer.

»Miss?«, drang es aus der Ferne und zog sie in die Realität zurück.
   Vivian stöhnte.
   »Miss, Sie sind in Sicherheit. Alles ist gut. Ich bin Schwester Eugene, nehmen Sie meine Hand. Ja, so ist es gut. Alles ist gut.«
   Vivian wagte es zum ersten Mal, ihre Augenlider anzuheben. Zaghaft nur, ganz leicht. Es war beinah zu schwer, die Lider flatterten, sie hatte sie nicht unter Kontrolle.
   »So ist gut. Versuchen Sie, mich anzusehen. Haben Sie keine Angst.«
   Vivian strengte sich an. Schwere Lider, sehr schwer.
   Helles Licht drang durch ihre Wimpern, und ein schmerzhaftes Zucken durchlief ihre Augäpfel. Tränen schossen in ihre lichtempfindlichen Augen, liefen durch halb geschlossene Lider über ihre Wangen.
   »Sie brauchen nicht zu weinen. Alles wird gut. Sie haben viel Glück gehabt. Niemand wird Ihnen mehr wehtun.«
   Vivian gab sich große Mühe, ihre Lider zu öffnen und diesmal schaffte sie es sogar. Sie versuchte, sich zu orientieren. »Ein Krankenhaus?«, flüsterte sie.
   »Ja, Miss. Sie befinden sich im Evangelical Community Hospital in Lewisburg.«
   Vivian musste die Augen wieder schließen. Wie anstrengend es doch war, sie geöffnet zu halten.
   »Miss?«
   »Hm?«
   »Können Sie mir Ihren Namen sagen? Miss?«
   »Hm …«
   »Können Sie mir sagen, wie Sie heißen?«
   »Vivian«, hauchte sie tonlos. »Vivian Kemp.«

Schmerzstillende Dunkelheit umhüllt sie, und wieder kehren die Bilder zurück. Die wunderbaren, starken Arme tragen sie fort. Stimmen entfernen sich, werden zu leiernden Tönen im Nebel ihres Kopfes. Eine Autotür, die geöffnet wird. Kalte Nachtluft, Regen, der auf ihre Lippen tropft und köstlich schmeckt. Beschützende Arme, die sie auf eine Rückbank legen.
   »Wem gehört der Wagen?«
   »Weiß nicht. Ich glaube, er gehört Jimbo.«
   »Okay. Kannst du Autos knacken?«
   »Klar.«
   »Steig ein!«

Vivian öffnete die Augen. Bis auf die Notbeleuchtung lag das Zimmer im Dunkeln. Es war bereits Nacht. Sie drehte schleppend ihren Kopf in Richtung des geöffneten Fensters. Der Vorhang bewegte sich leicht im Wind. Kühle Luft strömte herein und ließ sie frösteln.
   Lisa.
   »O bitte, lieber Gott, lass sie noch am Leben sein«, flüsterte sie verzweifelt in die Stille.
   Jemand hatte in irgendeinem Zimmer den Notruf gedrückt. Das Alarmsignal hallte durch den Flur.
   Meep, meep, meep …
   Hastige Schritte. Irgendwo den Flur hinunter wurde eine Tür geöffnet, sie vernahm leise Stimmen, die Tür schloss sich wieder, Schritte verhallten. Stille.
   Vivian lauschte in sich hinein. Sie hatte leichte Schmerzen, wenn sie atmete. Ihre Zunge klebte am Gaumen, und das Verlangen nach einem Schluck Wasser wurde mit jeder Sekunde elementarer. Vivian bemühte sich, ihren kraftlosen Körper zu erheben, doch ein bohrender Schmerz in der Seite ließ sie beinah in Ohnmacht fallen. Sie gab ihr Vorhaben sofort wieder auf, doch der Durst wurde immer dringlicher.
   Ihre Hand langte in Zeitlupe zur Klingel. Sie war schwach, benötigte mehrere Versuche, dann endlich blinkte das Licht des Notrufs auf.
   Der Alarm hallte auf dem Flur.
   Meep, meep, meep …
   Eilende Schritte, ihre Zimmertür öffnete sich mit Schwung.
   »Miss Kemp?«
   »Durst.« Ihre Stimme versagte.
   »Warten Sie, ich helfe Ihnen. Ich bin Schwester Evelyn. Augenblick. So, hier ist Ihr Wasser. Ja, so ist gut, trinken Sie. Kleine Schlückchen. Was machen die Schmerzen?«
   Vivian hielt sich, so gut sie eben konnte, das Glas an die Lippen und genoss das belebende Getränk. Anstatt zu antworten, nickte sie nur leicht. Trinken war wichtiger.
   »Ah, ich sehe schon. Das Schmerzmittel ist aufgebraucht. Ich erneuere schnell Ihren Tropf.«
   Erschöpft legte sie sich wieder zurück. Trinken tat so gut, war aber sehr kräftezehrend.
   »So, das war’s auch schon. Sie werden wieder sehr müde, Miss Kemp. Schlafen Sie. Ja so ist’s gut. So ist’s gut …«

»Wir sind da. Was ist mit dem Karren da drüben?«
   »Der Ford? Kein Problem.«
   »Gut, brech ihn auf und bring ihn zum Laufen.«
   Einer der Kerle steigt aus, der Wagen schwankt, ihr wird schlecht, und sie muss würgen. Blutklumpen lassen ihren Magen rebellieren. Jemand streicht beinah zärtlich ihre Haare aus dem Gesicht.
   »Hey Prinzessin. Alles wird gut.«
   Seine Stimme und das Blubbern des laufenden Motors beruhigen kurioserweise ihre Nerven. Für einen Moment fühlt sie sich sonderbar geborgen.
   »Okay, es geht los.«
   Autotüren werden geöffnet, behutsam hebt er sie hoch, trägt sie in ein anderes Auto und legt sie vorsichtig wieder hin. Vivian stöhnt dennoch vor Schmerz. Rücksichtsvoll, beinah fürsorglich, löst er ihre Augenbinde. Seine Daumen streichen sanft über ihre Lider.
   »Alles wird gut, schöner Engel.«
   Die Tür schließt sich. Sie wagt es, die Augen zu öffnen und sieht der entschwindenden Gestalt hinterher.


Vivian erwachte und öffnete die Augen. Diesmal ging es bedeutend besser.
   »Oh, guten Morgen, Miss Kemp. Ich hoffe, Sie haben gut geschlafen? Wie fühlen Sie sich heute?« Die Krankenschwester zog die Vorhänge beiseite.
   Vivian nickte nur leicht.
   »Ich sage dem Doktor Bescheid, dass Sie wach sind. Er kommt sofort.
   Tja, wie fühlte sie sich heute? Etwas besser. Körperlich. Sie verspürte das Bedürfnis, tief zu seufzen, das Stechen ihrer Rippen vereitelte jedoch den Drang. Vivian starrte an die Decke. Erinnerungen. Wo waren ihre Erinnerungen? Grauer Matsch im Kopf. Was war passiert? Wo war Lisa?

»Guten Morgen, Miss Kemp«, hörte sie die Stimme des Arztes bereits, als er im Türrahmen erschien. »Ich bin Doktor Grant. Wie geht es Ihnen? Haben Sie Schmerzen?«
   Nur stockend blickte sie in seine Richtung. Es fiel ihr alles so furchtbar schwer. »Meine Schwester?«
   Der Arzt betrachtete sie nachdenklich.
   »Ist meine Schwester hier? Ihr Name ist Lisa, Elisabeth Kemp. Ist sie hier?«
   »Es tut mir leid, aber Sie waren allein. Hatten Sie einen Unfall?«
   »Unfall?«
   »Sie sind keine Amerikanerin«, stellte er fest.
   Vivian schüttelte den Kopf, so gut es ging. »Deutsch. Ich bin Deutsche.«
   »Touristin? Haben Sie hier Urlaub gemacht?«
   Hatte sie? Vivian runzelte die Stirn. »Ich, ich weiß es nicht.«
   Der Arzt nickte. »Ich verstehe. Kümmern wir uns erst einmal um Sie. Ihre Schulter war ausgerenkt, eine Rippe ist gebrochen. Sie haben zudem schwere Prellungen, eine kurz über der Schläfe … dazu kommen diverse Hautabschürfungen und ein gebrochener, kleiner Finger. Dennoch hatten Sie viel Glück im Unglück. Die Knochenenden Ihrer Rippe sind nicht verschoben und haben keine weiteren inneren Verletzungen hervorgerufen. Die Heilungszeit Ihres Rippenbruchs wird, wie bei fast allen Knochenbrüchen, circa zwölf Wochen dauern. In dieser Zeit wird das zerstörte Knochengewebe abgebaut und neuer Knochen wieder aufgebaut. Dadurch heilen die Bruchenden. Jedoch ist schon nach circa drei bis vier Wochen ein sogenannter Kallus gebildet. Dieser besteht zunächst aus weichem Knochengewebe und weist eine deutlich geringere Belastbarkeit auf, sollte jedoch zur Schmerzfreiheit führen. Sie hatten großes Glück, und eine Reposition von außen ist nicht notwendig.«
   Er sah Vivian aufmunternd an. Für ihre Ohren waren das jedoch etwas zu viele Worte und eine Menge Informationen. Zu viel für ein watteweiches Hirn. Er schien es zu bemerken.
   »Ähm, das ist sicher alles ein bisschen viel auf einmal. Achten Sie bitte darauf, dass Sie sich keine Schonatmung angewöhnen, sondern tief und so normal wie möglich atmen. Andernfalls kann es im weiteren Verlauf zu einer Lungenentzündung kommen, das passiert leider nach Rippenbrüchen des Öfteren. Die Schwestern werden auf Zugabe von Schmerzmitteln achten.«
   Vivian nickte, und der Arzt schwieg einen Moment.
   »Die Polizei hat Fragen, Miss Kemp. Sehen Sie sich in der Lage, sie zu beantworten?«
   »Ich will es versuchen.«
   »Gut. Wie gesagt, zögern Sie nicht, nach der Schwester zu klingeln oder nach Schmerzmitteln zu fragen, wenn dieses nicht ausreicht. Es ist wirklich wichtig, dass Sie beim Atmen keine Schmerzen haben. Spielen Sie nicht die Heldin.«
   Er wollte sie wohl aufheitern, denn er lächelte breit. Vivian versuchte, ebenfalls zu lächeln, es gelang ihr nicht.
   »Ich werde Ihr Bett aufrichten. Die Schmerzen verringern sich für gewöhnlich in sitzender Position.«
   Er hatte recht. Sobald sie aufrecht saß, ging es ihr deutlich besser. »Danke Doktor.«

»Miss Kemp, mein Name ist Walter Taggert. Ich bin Inspektor der örtlichen Polizeibehörde. Wie geht es Ihnen?«
   Vivian nickte nur.
   »Werden Sie in der Lage sein, mir ein paar Fragen zu beantworten?«
   »Ich erinnere mich nur an wenige Dinge, Inspektor. Sie müssen meine Schwester finden. Ich glaube, man hat sie entführt. Bitte finden Sie meine Schwester!«
   »Ihre Schwester? Sie stammen beide aus Deutschland?«
   »Ja. Ihr Name ist Elisabeth Kemp.«
   »Haben Sie hier Urlaub gemacht? Wie war der Name Ihres Hotels?«
   Vivian runzelte die Stirn. Grauer Matsch. »Wir waren in New York, eine Woche, dann wollten wir weiter.«
   »Sie kamen von New York hierher nach Lewisburg?«
   Grauer Matsch. »Nein. Lewisburg sagt mir nichts.«
   »Versuchen Sie, sich zu erinnern, Miss Kemp. Wo waren Sie zuletzt? Welches Hotel? Wo wollten Sie hin?«
   Sie wurde ärgerlich. »Ich versuche es doch. Ich glaube, wir verließen New York und machten Rast.«
   »Hatten Sie einen Mietwagen?«
   Vivian nickte. »Ja, aber ich weiß es nicht mehr genau.«
   »Okay, versuchen Sie, sich zu erinnern, wo Sie Rast gemacht haben. Gibt es eine Besonderheit, die Ihnen vielleicht einfällt? Ein Denkmal, ein Gebäude?«
   »Nein.« Vivian schüttelte den Kopf. »Nur diese vielen, schönen viktorianischen Häuser. Mehr fällt mir im Moment nicht ein.«
   »Der Name des Hotels vielleicht?«
   Grauer Matsch. Sie kaute auf der Unterlippe und starrte vor sich hin.
   »Gibt es jemanden, den wir verständigen können? Einen Ehemann, Eltern, Verwandte?«
   Vivian sah dem Inspektor geradewegs in die Augen. Ihr wurde durch seine Frage schmerzlich bewusst, dass der Ernstfall eingetreten war. Das Schlimmste, was passieren konnte, wenn beide Töchter in einem fernen Land Urlaub machten und die Daheimgebliebenen einen Anruf von der Polizei bekamen. »Meine Eltern.«
   »Ihre Adresse? Erinnern Sie sich an die Adresse, Miss Kemp?«
   Er zückte einen Notizblock und einen Stift. Vivian nannte ihm Name und Adresse. Ihr wurde schlecht.

»Miss Vivian! O mein Gott. Wachen Sie auf. Ist ja gut. Ist ja gut. Schschscht, alles ist gut.« Die Krankenschwester hielt Vivian in den Armen und streichelte über ihren Kopf. »Sie haben nur geträumt, Miss Kemp. Es war nur ein böser Traum. Nur ein böser Traum. Scht.«
   Vivian atmete schnell, ihr Brustkorb explodierte beinah vor Schmerz. Nur langsam beruhigte sie sich.
   »Hier, trinken Sie einen Schluck. Das wird helfen. Ja, so ist es gut und jetzt vorsichtig zurücklehnen.«
   »Danke Schwester.«
   »War es ein schlimmer Traum?«
   »Es war leider kein Traum.«
   Die Krankenschwester verließ das Zimmer, und Vivi lehnte sich aufgewühlt zurück. Die grausigen Erinnerungen an den schicksalhaften Abend hatten sie eingeholt. Sie schloss die Augen und ließ ihn Revue passieren.

»Hey, ihr zwei Hübschen. Dürfen wir euch Gesellschaft leisten?«
   Vivian hatte Lisa noch einen vielsagenden Blick zugeworfen, doch die war in ihrem Element. Elisabeth war im Gegensatz zu ihr kein bisschen schüchtern, sondern aufgeschlossen und lebensfroh. Sie liebte es, zu flirten, und diese beiden Motorrad-Typen gefielen ihr offenbar.
   »Welcher gefällt dir besser? Der Lange oder der Kleinere?«, wollte sie wissen, als die Männer ihnen Getränke holten.
   »Seit wann stehst du auf Leder und Benzingeruch?«
   »Dreitagebart und Freiheit«, verbesserte sie und lachte.
   »Ich weiß nicht. Sie sehen beide gut aus. Welchen magst du denn lieber?«
   »Den großen Schlanken mit den Grübchen. Er hat ein wahnsinnig schönes Lächeln, findest du nicht?«
   »Ja, er hat etwas. Das gebe ich zu. Aber denk daran, wir fahren auf jeden Fall morgen weiter!«
   »Keine Angst, ich will ihn nicht heiraten. Nur ein bisschen Spaß haben. Komm schon, der andere hat bereits die ganze Zeit ein Auge auf dich geworfen. Lass uns ein bisschen flirten, Vivi. Was ist schon dabei?«
   Vivian blickte den Männern entgegen, die ihnen die Getränke brachten. Sie war skeptisch und wie immer nicht ganz so vertrauensselig wie Lisa, doch warum nicht, es konnte nicht schaden, etwas aufgeschlossener zu sein und Zweifel über Bord zu werfen. Schließlich waren sie im Urlaub.
   Tatsächlich hatten sie verdammt viel Spaß mit den Männern, die sich als Jerry und Tom vorstellten. Sie tanzten, flirteten und lachten viel. Der Alkohol wirkte ungewöhnlich schnell, und Lisa, sonst nicht so leichtsinnig, ließ sich von ihrem Jerry an der Hand vor die Tür geleiten. Vivian war durch Toms Charme abgelenkt und tanzte mit ihm so lange, bis ihr irgendwann auffiel, dass Lisa nicht zurückgekehrt war.
   »Meine Schwester«, säuselte sie in Toms Ohr. »Ich muss nachsehen, wo sie ist.«
   »Ach, lass sie doch. Sie amüsieren sich nur ein bisschen. Wir stören da nur.«
   Er zog sie an der Taille zu sich und küsste sie leidenschaftlich. Vivian versuchte, ihre Gedanken zu sortieren. Ihre Beine wurden schwer, ihre Zunge war ohne Kontrolle. So betrunken war sie noch nie gewesen.
   »Nein«, stammelte sie mit schwindender Kraft und drückte ihn von sich. »Muss suchen!«
   »Also schön, gehen wir.«
   Er zog sie hinter sich her, und Vivian strauchelte beinah.
   Auf dem Parkplatz steuerte er zielstrebig einen alten Pick-up an, auf dessen ausladenden Kotflügel Lisa saß und heftig mit dem langen Kerl knutschte. So kannte Vivi ihre Schwester gar nicht.
   »Siehst du, ich habe doch gesagt, sie amüsieren sich nur ein bisschen.«
   Vivian erreichte schwankend den Truck. Seltsam, ihr Verstand war keineswegs berauscht, aber ihr Körper gehorchte ihr kaum noch. Als sie in Lisas Augen sah, erschrak sie. Sie war völlig abwesend. Die beiden Kerle beratschlagten sich kurz, und weil weder von Lisa noch von ihr ein bewusster Einwand kam, beschlossen sie kurzerhand, den Abend woanders fortzusetzen. Lisa setzte sich willenlos nach vorn neben Jerry, während Vivi im Fond neben Tom Platz fand. Angst breitete sich in ihr aus, denn ihr Körper gehorchte ihr nicht mehr. Was zur Hölle war in den Drinks gewesen? Die Augen fielen ihr zu, und unglaubliche, bleierne Müdigkeit erfasste sie.
   »Halt an. Die pennt mir hier weg. Das macht mir keinen Spaß. Ich komme nach vorn.«
   Der Wagen hielt, er wechselte den Platz und setzte sich neben Lisa. Vivian beobachtete verzweifelt und machtlos, wie der Lange am Steuer grinste und dabei zusah, wie die Hand seines Kumpels unter Lisas Shirt wanderte.
   »Na, das magst du doch, meine Kleine?« Er bog ihren Kopf zurück und versenkte seine Zunge in ihr.
   Vivian sah Jerrys schmachtenden Blick. Seine Hand langte nach Lisas Brust, er fummelte an ihr herum und fuhr immer langsamer.
   »Fahr ein Stück weiter, hier kann man uns noch sehen.«
   »Willst du sie etwa vögeln?«
   »Wir werden sie vögeln. Wir!« Der Lange grinste noch mehr.
   »Sie gehört aber …«
   »Sieh mal hier!«
   Der Mann, der Tom hieß, zog der wehrlosen Lisa das Shirt hoch und entblößte ihre Brüste. Damit schien er sämtliche Bedenken des Langen zu zerstreuen.
   »Geil!«
   Jerry gab Gas, während Tom seine Finger zwischen Lisas Beinen verschwinden ließ. Vivian spürte die Bedrohung, erkannte die schreckliche Gefahr, aber sie war nicht mehr in der Lage, zu handeln. Der Wagen hielt plötzlich in einem dunklen Seitenweg. Tom zerrte Lisa aus dem Auto, die mittlerweile begonnen hatte, leise zu wimmern.
   »Fessel die andere, in der Zeit darf diese hier meinen Schwanz lutschen.«
   »Die brauchen wir nicht fesseln. Die Tropfen machen aus jedem Grizzly ein Stofftier, vertrau mir.«
   Das musste der Moment gewesen sein, an dem sie ohnmächtig geworden war.


»Ich bin erfreut, zu sehen, dass es Ihnen besser geht, Miss Kemp.«
   »Guten Morgen, Inspektor.«
   »Wir haben herausgefunden, in welchem Hotel Sie beide abgestiegen sind. Der Besitzer hatte Ihre Sachen bereits eingelagert und die Polizei verständigt. Ich habe Ihnen etwas mitgebracht.« Er legte Vivians Mobiltelefon auf das Tischchen neben ihrem Bett. »Gehört es Ihnen?«
   »Ja. Ja, das ist meins. Vielen Dank.«
   »Wir haben mit Ihren Eltern gesprochen, aber sie werden nicht herkommen können, nicht wahr?«
   »Nein, mein Vater sitzt seit einem schweren Arbeitsunfall im Rollstuhl.« Vivian schluckte schwer. »Meine Schwester …«
   »Es gab leider keine Anzeichen dafür, dass Ihre Schwester das Hotelzimmer noch einmal betreten hat. Ausweise, Geld und Wertsachen waren alle noch vorhanden. Ihre persönliche Habe liegt bei uns auf dem Revier. Sobald Sie das Krankenhaus verlassen können, möchten wir Sie bitten, nachzusehen, ob irgendetwas fehlt.«
   Vivian nickte. Die winzige, utopische Hoffnung, dass Lisa vielleicht doch zurückgekehrt war und nach ihr suchte, weil sie nicht wusste, dass Vivian im Krankenhaus lag, war zerstört.
   »Sie hatten gehofft, Ihre Schwester wäre im Hotel, richtig? Es tut mir sehr leid, Miss Kemp.« Er hatte ihre Mimik richtig gedeutet und legte ihr zum Trost die Hand auf die Schulter. »Wir werden sie bald finden. Ich verspreche es Ihnen. Wir haben Ihre Kamera ausgewertet und Bilder gefunden.« Er stockte, ahnte anscheinend, wie schwer der Anblick für Vivian sein würde. »Ist das Ihre Schwester Elisabeth?«
   Er reichte ihr einige Fotos, und Vivi schossen die Tränen in die Augen. Lisa und sie auf dem Times Square, beim Hotdog essen, bei einer Rundfahrt auf dem Schiff mit der Freiheitsstatue im Hintergrund. Fröhliche Bilder, glückliches, unbeschwertes Lachen mit der vollen Lust auf Leben. »Ja, das ist Lisa.«
   »Erlauben Sie, dass wir die Bilder benutzen, um ein Fahndungsfoto rauszugeben?«
   »Selbstverständlich.«
   »Miss Kemp, erinnern Sie sich vielleicht wieder an das eine oder andere? Jede Kleinigkeit ist von enormer Bedeutung.«
   Vivian sah auf. »Ich erinnere mich daran, dass Lisa und ich in dieser Bar von zwei Kerlen angesprochen wurden.«
   »Weiter«, forderte er sie auf, als sie abbrach.
   »Sie hießen Jerry und Tom.«
   »Tom und Jerry.«
   »Ja.«
   »Tom und Jerry?«
   Jetzt fiel es auch Vivian auf. »Denken Sie …?«
   »Nun, es klingt stark nach zwei Figuren aus einem Cartoon, nicht wahr? Aber gut. Möglich wäre es ja, dass sie dennoch so heißen. Wie sahen sie aus? Können Sie sie beschreiben?«
   Vivi wollte tief seufzen, ließ es aber, als sich ihre Rippe meldete. »Sie waren attraktiv, der eine ziemlich groß, ich schätze einen Kopf größer als Sie. Der andere hatte ungefähr Ihre Statur.«
   »Sind Sie in der Lage, sie unseren Zeichnern zu schildern?«
   »Ich denke ja.«
   »Der Name der Bar?«
   »Es war ein Pub, und man konnte dort essen. Es gab einen Billardtisch und eine Musikbox wie aus den Fünfzigerjahren.«
   »BJ’s Pub?
   »Ja, genau. BJ’s Barbecue und Pub!«
   »Na, das hilft uns doch ungemein weiter. Dieser Pub befindet sich in der Nähe Ihres Hotels. Allerdings liegt dieses dreißig Kilometer entfernt von Lewisburg. Eine Kleinstadt namens …«
   »Allensville.«
   »Richtig. Sie erinnern sich wieder an alles? Was ist weiter passiert? Nachdem Sie in der Bar waren? Können Sie es mir sagen? Schaffen Sie das, Miss Kemp? Auch wenn es noch so schwer ist.«
   Vivian starrte vor sich hin und erzählte dem Inspector alles, was sie wusste. Irgendwann war sie völlig erschöpft, und als sie von Lisas Vergewaltigung sprach, weinte sie bitterlich.
   Der Inspektor war sichtlich ergriffen. »Miss Kemp. Wir werden alles tun, um Ihre Schwester zu finden.«
   Vivi nickte nur leicht und wischte sich mit dem Handrücken die Verzweiflung aus dem Gesicht.
   »Ich denke, das reicht auch für heute, und es tut mir sehr leid, was Ihnen zugestoßen ist. Wenn ich irgendwie helfen kann, sagen Sie es nur, Miss Vivian.«
   Vivi nickte erneut angespannt. Nachdem Taggert ihr Zimmer verlassen hatte, griff sie nach ihrem Handy. Es dauerte eine Weile, bis sie eine Verbindung bekam. Jemand hob den Hörer ab.
   »Hallo Papa, hier ist Vivi.«

Vivian atmete das erste Mal seit vier Wochen frische Luft und spürte die wärmenden Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht. Zwei Polizistinnen hatten ihr geholfen, sämtliches Gepäck zum Flughafen zu bringen. Dort übernahmen Servicekräfte alles Weitere. Vivian war dankbar, dass sie sich nicht mit Lisas Koffern beschäftigen musste. Es war schwer genug, ohne sie abzureisen. Sie fühlte sich wie eine Verräterin. Warum nur hatte sie soviel mehr Glück gehabt als Lisa? Warum hatte man sie verschont? Warum hatte man sie getrennt? Warum waren sie mit Lisa fortgefahren und hatten sie gefesselt in den Keller gesperrt? Wer hatte sie gerettet? Hätte sie das alles verhindern können? Ihre lockere Urlaubsstimmung hatte sie naiv und gutgläubig werden lassen, ein charmantes Lächeln aus einem attraktiven Gesicht ihr Urteilsvermögen außer Kraft gesetzt. Was hatten die zwei wirklich gewollt? Wenn es ihnen nur um Sex gegangen wäre, warum hatten sie nicht auch sie missbraucht? Warum waren sie mit Lisa fortgefahren und hatten nicht einfach nur ihre kranke Gier an ihnen gestillt? Wo konnten sie sie hingebracht haben? Wer war es gewesen, der zu ihr in den Keller gekommen war und sie gerettet hatte? Ja, so musste man es wohl nennen: Er hatte sie gerettet. Oder verschont. Wie auch immer. Während ihres Fluges versuchte sie, sich all diese Fragen zu beantworten, doch sie konnte es nicht.
   Vivian schloss ermattet die Augen und schlief für kurze Zeit ein.
   »Komm her, mein Engel, und flieg in meine Arme.«
   Vivian tanzte ausgelassen auf die Gestalt im Mantel zu. Übermütig nahm sie seinen Hut und setzte ihn auf ihren Kopf. Dann drehte sie sich in seine Arme und stoppte nah vor seinem Gesicht. Sommersprossen in grüngelben Augen. Er zog sie liebevoll an sich, doch plötzlich stach ihr jemand mit irgendetwas Hartem in den Rücken. Vivian schrie auf.
   »Keine Angst, Miss. Es sind nur leichte Turbulenzen«, beruhigte die Stewardess, während Vivian ihr entsetzt und verwirrt entgegensah.
   »Ja«, krächzte sie. »Danke.«
   Mit einem berufsmäßig eingemeißelten Lächeln zog sich die Stewardess wieder zurück. Vivian fasste sich angeschlagen und erschöpft an die Nasenwurzel. Ihre Rippe schmerzte. Es war die Hölle.
   Sommersprossen in den Augen.
   Sie erinnerte sich wieder. Ihr Retter mit dem Cowboyhut hatte grüne Augen mit braunen Sprenkeln darin. Nachdem er ihre Augenbinde gelöst hatte, war er nicht, wie sie bislang in Erinnerung hatte, sofort verschwunden. Vivian hatte die Augen sofort geöffnet und sie hatten sich einige Sekunden lang angesehen. Dann erst war er verschwunden. Ob er mit all dem zu tun hatte? Es lag nahe, sonst hätte er auch die Polizei rufen oder sie persönlich im Krankenhaus abliefern können. Er wollte anscheinend nicht erkannt werden. Und wer war Popeye?
   An den Cowboy erinnerte sie sich schon länger. Sie hatte ihn jedoch vor dem Inspektor verschwiegen. Warum auch immer, das konnte sie nicht beantworten. Die Polizei war nicht wirklich vorangekommen mit ihrer Suche, und manchmal überkam Vivi die Hoffnungslosigkeit. Ein Weinkrampf nach dem anderen schüttelte sie, doch das wollte sie nicht. Nein! Lisa lebte! Das wusste sie bestimmt, und sie würde diesem Teufelskreis aus Verzweiflung, Trauer und Resignation keine Chance mehr geben.
   Vivian verließ ihren Sitzplatz und betrat die enge Toilette. Kraftlos ließ sie sich mit dem Rücken gegen die Kabinentür fallen und betrachtete ihr Gesicht im Spiegel. Sie sah Lisa darin wieder. Die gleichen glatten, hüftlangen blonden Haare, die gleichen großen Augen, die hohen Wangenknochen. Vivian hatte im Gegensatz zu ihrer jüngeren Schwester jedoch braune Augen und lange, dichte Wimpern.
   »Wie ungerecht ist das denn, du Biest? Wie kann man als Blondschopf so wunderschöne Rehaugen haben? Und diese Wimpern! Du hast sie mir gestohlen. Weil du als Erste geboren wurdest, hast du sie mir weggeschnappt. Gib sie her!«
   Albern quiekend rannte sie vor Lisa davon.
   Vivian lächelte bei der Erinnerung und hob den Blick wieder in den Spiegel. Ihr Haar war strähnig und lieblos zu einem Zopf gezurrt. Ihr Teint blass, die Haut unrein, die Wangen eingefallen. Sie hatte kaum etwas essen können in der letzten Zeit. In knapp zwei Stunden würde sie ihren Eltern gegenüberstehen und ihnen erklären müssen, dass sie nicht gut genug auf ihre kleine Lisa aufgepasst hatte. Dass sie sie im Stich gelassen hatte. Dass Lisa durch ein Martyrium ging, während sie bereits munter im Flieger saß. Vivi stiegen wieder die Tränen in die Augen, aber nein, sie ließ es nicht zu. Der Teufelskreis raubte ihr die Kraft, die sie brauchte, um schnell wieder gesund zu werden.
   Sie wusch sich das Gesicht und atmete so tief durch, wie sie nur konnte.
   Es klopfte. »Entschuldigung, dauert es noch lange?«

Der Empfang am Flughafen war bewegend für Vivi. Sie war traurig und glücklich zugleich.
   »Papa, es tut mir so leid«, hatte sie geflüstert und sich erbärmlich gefühlt, doch ihr Vater hatte sie zu sich in die Arme gezogen und ihre Mutter hatte ihr die Tränen fort geküsst.
   »Wir danken dem Herrgott, dass er uns wenigstens eine Tochter gelassen hat.«
   »Mama, sie lebt noch. Sie werden Lisa finden. Ganz bestimmt.«
   Bis jetzt hatten die Ermittlungen nichts ergeben. Es war seltsam, doch es gab nicht einen Zeugen in dem Restaurant, der sich an Vivian und Lisa erinnerte. Ebenso wenig, wie an die beiden Männer. So unglaublich es klang, aber es war, als wären sie nie dort gewesen.
   Die erste Zeit übernachtete Vivi bei ihren Eltern, da sie die Einsamkeit in ihren eigenen vier Wänden als bedrohlich empfand, doch mittlerweile lebte sie wieder allein in ihrer Wohnung, und alles ging seinen gewohnten Gang. Vivian wollte sich gerade ein Bad einlassen, als es an der Wohnungstür klingelte. Sie benutzte die Gegensprechanlage und starrte vorab durch den Spion. »Wer ist da?«
   »Ich bin’s, Sina. Ich wollte kurz vorbeischauen.«
   »Ja, komm rauf, aber stell dich vor den Spion, damit ich dich sehen kann.«
   »Ja, natürlich, mach ich.«
   Nein, es ging nicht alles seinen gewohnten Gang. Die Angst klebte ständig an ihren Eingeweiden. »Hey Sina«, begrüßte Vivian ihre Freundin herzlich. »Wie geht’s?« Sie schloss schnell die Tür hinter ihr.
   »Besser als dir, möchte ich wetten. Was macht die böse Rippe?«
   »Die schmerzt seltsamerweise weniger als der gebrochene Finger. Willst du einen Kaffee?«
   »Gern.« Sina zog ihre Jacke aus, warf sie achtlos über den Sessel und folgte Vivian in die Küche.
   »Und wie geht es deinen Eltern?«
   »Sie halten sich tapfer. Stehen in engem Kontakt zur Polizeibehörde, aber bis jetzt gibt es nichts Neues.«
   »Das kann doch nicht wahr sein, dass es überhaupt keine Spur von ihr gibt.«
   Vivi zuckte mit den Schultern und setzte sich neben Sina, die in der geräumigen Küche Platz genommen hatte.
   »Das macht mich völlig verrückt, Sina. Zu wissen, sie ist dort irgendwo, und ich sitze hier, Tausende Kilometer entfernt in Sicherheit, und tue nichts. Gar nichts!«
   »Vivi, sei bitte nicht sauer, aber denkst du, sie … Also, glaubst du noch daran, dass …?«
   »Sie noch lebt?«, beendete sie den Satz.
   Sina verzog verlegen den Mund.
   »Manchmal, da gibt es schwache Momente, in denen es mir ungemein schwerfällt, noch daran zu glauben. Hätte sie mir nicht längst eine Nachricht zukommen lassen? Heutzutage, wo es Handy und Internet gibt? Aber ich reiße mich zusammen, denn ich will sie einfach nicht aufgeben. Ich habe das Gefühl, wenn ich meiner Hoffnungslosigkeit erlaube, Besitz zu ergreifen, wenn ich mich einfach füge, stirbt nicht nur Lisa, sondern alles mit ihr. Nein, ich will das nicht zulassen. Ich würde auch nicht wollen, dass man mich aufgibt. Die Polizei vermutet, dass wir Mädchenhändlern in die Fänge geraten sind. So schrecklich es ist, aber darum glaube ich, dass sie noch lebt, weil sie ihnen nur dann etwas nutzt. Vielleicht sitzt sie irgendwo in einem Bordell und alles, was sie noch aufrecht hält, ist die Hoffnung, dass wir sie finden. Allein deshalb kann ich nicht aufgeben.«
   »Aber was kann man tun? Was sagt die Polizei? Man könnte das Internet zur Hilfe nehmen, zum Beispiel Fotos von ihr veröffentlichen.«
   »Das ist alles bereits geschehen.«
   »Und nichts?«
   »Nicht wirklich. Es gab ein paar Hinweise, doch die meisten Spuren verliefen im Sande. Ich habe mich dort ein wenig mit einer Krankenschwester angefreundet, ihr Name ist Eve. Sie verfolgt die Suche der Polizei und hält mich tatsächlich mehr auf dem Laufenden als der zuständige Ermittler.«
   »Das ist alles so furchtbar. Ich hoffe, sie finden sie bald.«
   »Ich habe mein Visum verlängert.«
   »Aha, …«
   Vivi sah Sina in die Augen und sie konnte beinah dabei zusehen, wie sich ihre Worte langsam in Sinas Bewusstsein setzten und sie anfing, zu begreifen.
   »Nein! Das … Nein! Du wirst nicht da rüberfliegen!«
   »Sina …«
   »Nee, Vivi! Wissen deine Eltern davon?«
   »Na ja, …«
   »Das dachte ich mir. Was glaubst du, was die dazu sagen? Das kannst du vergessen! Ich lasse dich nicht fliegen!«
   »Der Flug ist schon gebucht.«
   »Und dein Job?«
   »Ich habe mich auf unbestimmte Zeit beurlauben lassen, Sina, und ehrlich gesagt ist es mir auch egal. Der Job im Büro war sowieso nie mein Traum.«
   »Egal, aha. Darum wirst du Detektiv? Na, bei der beruflichen Herausforderung kann einem das in der Tat egal sein, wenn man einen guten Job verliert. Da ist es einem auch egal, wenn sich andere vor Angst um einen in die Hose machen.«
   »Sina, bitte, ich muss das tun und ja, mein Job ist mir wirklich nicht so wichtig wie das Leben meiner Schwester.«
   »So habe ich das nicht gemeint.«
   »Weiß ich doch. Bitte versteh mich.«
   »Und deine Eltern?«
   »Ich kann es ihnen nicht sagen.«
   »Nee, Vivi. Merkst du nicht, dass es totaler Mist ist, was du da vorhast?«
   »Ich werde Lisa finden, und diesmal bin ich vorbereitet. Ich bin kein dummer Tourist und kein Opfer mehr, ich bin …«
   »Der Rächer? Rambo? Superwoman? Du hast den Verstand verloren. Vivi, ich flehe dich an, denk darüber nach, bitte!«
   »Das habe ich. Jede verdammt Minute, und es lässt mich nicht los. Es würde mich nie mehr loslassen. Auch in einigen Jahren nicht.«
   »Und wie stellst du dir das vor? Du fliegst allein in dieses riesige Land und glaubst, du findest sie? Das ist …«
   »Schwachsinn, ja vielleicht.«
   »Ganz sicher sogar!«
   Sie schwiegen einen Moment.
   »Ich könnte mit dir fliegen.«
   »Ganz sicher nicht!«
   »Ach, etwa weil es zu gefährlich ist? Merkst du etwas?«
   »Natürlich merke ich etwas, aber ich werde dich sicher nicht einer solchen Gefahr aussetzen, und glaub mir, wenn ich die Wahl hätte, würde auch ich mich nicht in solch ein halsbrecherisches Unternehmen stürzen. Aber ich habe keine Wahl. Wenn ich es schaffe, Lisa zu retten, rette ich auch mich.«

Kapitel 2

Vivian tat beinah alles genau so, wie sie es mit Lisa zusammen getan hatte. Sie flog nach New York, buchte am Flughafen einen Mietwagen und fuhr dieselbe Strecke, die sie auch mit Lisa bis Allensville gefahren war. Sie mietete sich sogar im selben Hotel ein, doch der Besitzer erkannte sie nicht wieder. Vivi hatte sich eine schwarze Perücke besorgt, und durch ihre dunklen braunen Augen wirkten die falschen Haare wie echt. In Deutschland würde man sie für eine Südländerin halten. Für was man sie in Amerika halten würde? Sie hatte keine Ahnung, aber man würde sie sicher nicht für Vivian halten. Im Hotel betonte sie ihre Augen noch zusätzlich mit einem schwarzen Kosmetikstift und viel Wimperntusche. Ihr übertriebenes Make-up gab ihr ein verruchtes Aussehen, und Vivi war hochzufrieden. Dazu noch knallenge Hot Pants, ein Minirock kam nicht infrage, ließ der sich im Falle eines Falles doch zu einfach beseitigen und eine schwarze durchscheinende Bluse. Sie war hochzufrieden mit ihrem Anblick. Wunderbar aufreizend und beinah schon vulgär. Die Absätze ihrer neuen schwarzen Stiefel waren mit Bedacht nicht allzu hoch, falls sie fliehen und rennen müsste.
   Vivi warf ihrem Spiegelbild einen roten Kussmund zu und verdrängte ihre Angst. Tom und Jerry, macht euch auf etwas gefasst. Vivi versteckte ihr Pfefferspray in ihrem eigens dafür ausgesuchten Bustier und hoffte, dass es nicht zum Ernstfall kommen würde.
   »Gott, steh mir bei«, flüsterte sie in ihre, zum Gebet gefalteten Hände. »Ich muss sie finden. Bitte, steh mir bei.«

Nur wenig später betrat sie mit aufgesetzter, frohgemuter Urlaubsmiene das Lokal, das auch Lisa und sie, beinah auf den Tag genau, zehn Wochen zuvor betreten hatten. Es war gut gefüllt, aber Vivi war die einzige Frau ohne Begleitung. Umso besser, dann ist die Trefferquote höher, dachte sie.
   Sie setzte sich an einen der Tische und kämpfte mit ihren Erinnerungen. Vivian atmete tief durch. Sie war aufgeregt und sie hatte Angst, doch niemand durfte merken, wie es in ihr aussah, also lächelte sie der Bedienung entgegen und gab ihre Bestellung auf. Warf man ihr anfangs noch verhohlene Blicke zu, gab sich das über den Abend. Sicher wunderten sich die Leute darüber, dass sie allein an dem Tisch saß. Vivi bekam ihr Essen, bestellte ab und an etwas zu trinken, wobei sie natürlich genau darauf achtete, dass niemand etwas hineinwerfen konnte, stand zwischendurch auf, bediente die Musikbox in der Ecke, nahm dazu immer ihr Glas mit, oder sie beobachtete die Männer beim Billardspiel. Niemand näherte sich ihr, oder sprach sie an. Kein Tom, kein Jerry und auch niemand, der Vivian verdächtig vorkommen könnte. Keine engen Jeans mit Baumfällerhemd, keine Lederweste und Dreitagebart, kein sexy, verruchter Motorradfahrer, sondern eher Familienväter oder Liebespärchen.
   So ging das leider einige Abende hintereinander, und Vivi gab die Hoffnung beinah auf. Was hatte sie auch erwartet? Dass die beiden Dreckschweine hier herumstanden und nur auf sie warteten? Und dann? Was hatte sie gedacht? Dass sie ihnen folgen konnte, dadurch Lisa fand, sie zack befreite und mit ihr nach Hause flog? Vivi griff nach ihrem Handy, lächelte Brian, dem Barmann zu, der ihr zuwinkte und mittlerweile schon bei Betreten der Bar ihr Getränk zubereitete. Wenigstens würde sich diesmal sicher jemand an sie erinnern. Ein Hauch Sarkasmus überkam sie, während sie Sinas Telefonnummer in ihrem Handy suchte. Ihr war langweilig und sie hatte Lust, ein wenig zu plaudern, also wählte sie ihre Nummer.
   Es klingelte.
   »Hallo, schönes Kind. Darf ich mich zu dir setzen?«
   Vivis Hand zitterte sofort. Sie versuchte, sich unter Kontrolle zu bekommen, unterbrach den Anruf und starrte ihr Gegenüber an. Ihr Herz schlug so laut, dass sie Angst hatte, er könnte es hören. »Sicher.«
   »Ich heiße Jake, und der da drüben an der Bar, mein Freund, der heißt Elwood …«
   Diesmal gaben sie also die Blues Brothers. Vivian bemühte sich, ihre Atmung unter Kontrolle zu bekommen und den Gedanken daran, was die beiden an jenem Abend mit Lisa getan hatten, zu unterdrücken. »Was für schöne Namen.«
   »Ja, nicht wahr? Wir haben eine Münze geworfen, wer von uns dich ansprechen darf.«
   »Und du hast gewonnen?«
   »Nein, er! Aber er war zu schüchtern.« Jake alias Tom lachte breit, und seine perfekten Zähne blitzten in seinem attraktiven Gesicht.
   Zum Hineinschlagen! »So …«
   »Und wie heißt du? Nein, lass mich raten. Penelope? Oder Conzuela, richtig?”
   Vivian lachte glockenhell. Es klang sehr gekünstelt, doch anscheinend fiel ihm das nicht auf. Er hatte sich nicht verändert, und wenn sie nicht alles täuschte, trug er sogar dasselbe Hemd. Sie musste sich konzentrieren, damit sie ihn nicht mit Tom ansprach. Sein langer Freund, der sich statt Jerry nun Elwood nannte, prostete ihnen von der Theke aus zu.
   »Dein Name ist ganz sicher Maria. Mein Freund und ich haben uns gefragt, ob du vielleicht aus Mexiko kommst oder Spanien. Ich tippe auf Spanien, deine Haut ist nicht so dunkel wie die mexikanischer Frauen. Also? Spann mich nicht auf die Folter. Woher kommt eine so schöne Frau wie du?« Er verschränkte die Arme auf dem Tisch, grinste breit und lehnte sich vertraulich zu ihr herüber.
   Vivian ritt der Teufel. Wenn sie Lisa finden wollte, war er leider der Schlüssel dazu. Auch sie beugte sich nach vorn, und ihr Gesicht näherte sich seinem. »Mein Name ist Isabell, und ich bin Deutsche.«
   Er rückte noch ein bisschen näher und lächelte sie noch aufreizender an. »Na so was, da lagen wir ja völlig daneben.«
   »Aber so was von …«
   Ihre Gesichter waren sich so nah, man hätte sie aus der Ferne für ein Liebespaar halten können. Vivian wollte ihm am liebsten ins Gesicht spucken, doch sie lächelte verheißungsvoll und strich sich mit der Zunge wie zufällig über die Lippen.
   »Hallo, schönes Kind. Ich hoffe, mein Freund hat mich erwähnt. Er hat leider die Angewohnheit, die schönsten Dinge für sich zu reservieren«, unterbrach der Lange ihren gefährlichen Flirt.
   Vivian ergriff die zum Gruß hingestreckte Hand. Als sie ihn berührte, schrie alles in ihr auf, doch sie kämpfte weiterhin damit, ihre Gedanken einzig auf Lisa zu konzentrieren und der Hoffnung, ihr bereits nah zu sein.
   »Hallo Elwood, wie geht’s?«, erkundigte sie sich also höflich, und der Lange ließ sich plump neben sie auf die Sitzbank fallen.
   »Das ist Isabell aus Deutschland«, stellte Jake sie vor.
   »Aha, Isabell, du machst also hier Urlaub?«
   »Ich bin auf dem Weg zu den Niagarafällen und wollte hier Rast machen, bevor es morgen weitergeht.«
   »Da war ich auch schon mal. Diese Wasserfälle sind sehr beeindruckend. Du bist aber doch nicht allein unterwegs?«
   »Doch. Leider konnte meine Freundin mich nicht begleiten. Sie ist kurz vor dem Flug krank geworden. So schnell ließ sich kein Ersatz finden und ich musste allein fliegen.«
   »Das ist jammerschade, doch nun leisten wir dir ja Gesellschaft. Möchtest du vielleicht tanzen?«
   »Gern.«
   Vivian ließ sich von Elwood zur Tanzfläche führen, wobei sie bemüht war, ihren zitternden Körper unter Kontrolle zu halten. Das Einzige, was ihr die ganze Zeit im Kopf herumschwirrte, war, dass sie keinen verdammten Plan hatte, wie es weitergehen sollte.
   Sie tanzte abwechselnd mit beiden und wartete nun auf die Frage, ob sie etwas zu trinken haben wollte.
   »Tanzen macht durstig. Darf ich dir etwas bringen?«
   Da war sie auch schon. »Was sollen wir denn trinken, Jake?«
   »Hm, ich trinke den ganzen Abend schon Bier.«
   »Gut, dann bekomme ich genau das Gleiche.«
   Jake grinste, ging los und kehrte mit drei Gläsern zurück. Er stellte sie auf den Tisch und reichte ihr eines der Gläser.
   »Ich mache andere Musik«, kicherte sie und es klang leider nervös, doch es fiel niemandem auf. Schnell ging sie mit ihrem Glas zur Jukebox. Dort stellte sie es ohne lange zu fackeln ab, nahm sich ein anderes, das sich zufällig einer der Billardspieler bestellt hatte, und ging zurück. Sie betrachtete das als großes Glück und bedauerte nur kurz den Besitzer des eigentlichen Bierglases. Er würde sich später über seinen heftigen Rausch wundern, es aber überstehen. Im Gegensatz zu ihr.
   Vivi kehrte mit ihrem Bier zurück und strahlte die beiden Dreckskerle an. »Cheers«, sagte sie, hob das Glas und trank in langen Zügen. An den Blicken und dem selbstgefälligen Grinsen in ihren Gesichtern deutete sie, dass sie genau richtig gehandelt hatte. Sie fuhren demnach dieselbe Masche, wie sie es wahrscheinlich immer taten. Da sie aus schmerzlicher Erfahrung wusste, wie schnell diese Droge ins Blut ging, tat sie bereits wenig später, als ob sie ihre Wirkung entfaltete, und schwankte leicht. Vivi ließ sich auf Jakes Schoß fallen, wobei sie laut lachte und sich offenbar herrlich amüsierte. Den beiden Männern gefiel das wohl, sie grinsten sich abwechselnd zu. Nach ein paar weiteren Schlucken schlang sie den Arm um Jake und drückte ihm einen Kuss auf die Wange, obwohl sie ihm am liebsten mit einem Messer die Kehle durchschnitten hätte. Genau damit animierte sie die beiden Kotzbrocken, denn schon bald schlug der Lange vor, zu gehen.
   »Ein Freund von uns gibt eine Party. Was hältst du davon, wenn wir uns dort sehen lassen? Etwas Spaß haben, tanzen, gute Musik, na? Was meinst du?«
   Vivians Hände wurden schweißnass. »Ich weiß nicht«, erwiderte sie und ließ ihre Worte lallend klingen. »Ich kenne euch doch gar nicht.« Sie lachte Jake an und kniff ihn übermütig in die Wange.
   »Ach, Quatsch. Es wird dir gefallen, glaub mir. Wir sind ganz liebe Jungs.«
   »Ah ja?«
   »Na klar, wir bringen dich brav wieder nach Hause. Versprochen.«
   »Alscho losch«, nuschelte sie.
   Vivian stolperte an Jakes Arm zu dem Wagen, den sie bereits gut kannte. Sie fragte sich, ob sie nicht tatsächlich geistesgestört war, doch sie gab dieser Angst keine Möglichkeit, sich auszubreiten. Das wäre nur hinderlich. Sie hatte jetzt und hier diese eine, riesige Chance auf das völlig unerwartete Glück, und sie war zu allem bereit. Wenn sie Lisa finden wollte, musste sie das durchziehen und wenn es eben bedeutete, dass diese Kerle sie ebenfalls vergewaltigten. Lisa hatte das durchstehen müssen, und sie würde das auch durchstehen. Beim ersten Mal hatte es geholfen, dass sie völlig benebelt war und einschlief und sie hoffte, es half auch diesmal. Dieser Jake schien keinen Spaß am leblosen Objekt zu haben, also sank sie mit ihm auf den Rücksitz, ließ sich begrapschen, auch wenn sie lieber schreien wollte, und tat, als schliefe sie bereits, noch bevor er sie küssen konnte.
   »Verdammt, wie viele Tropfen hast du ihr gegeben?«
   »Wie immer, was denkst du denn?«
   »Die ist völlig leblos. So ein Scheiß. Halt an!«
   Der Wagen stoppte. Hatte sie tatsächlich so viel Glück? Vivi blinzelte durch ihre dichten Wimpern, während Jake den Sitzplatz wechselte. Ihr Atem ging schnell, ihr Herz schlug so heftig wie ein Trommelfeuer, und der Schweiß brach ihr aus. Sie bekam sich kaum unter Kontrolle vor Angst.
   »Du gibst ihnen immer zu viel von dem Zeug, verdammt. Ich vergreif mich doch nicht an einer Leiche. So können wir sie ihm nicht liefern.«
   »Ja, ich weiß. Mach das Fenster auf, vielleicht hilft frische Luft.«
   Sie ließen die Fenster hinuntergleiten, und Vivians Haare wurden von einem starken Windzug durcheinandergewirbelt. Vivi hoffte, dass ihre Perücke das aushielt. Vorsichtshalber griff sie sich, leicht stöhnend, an die Stirn und prüfte dabei den Sitz ihrer falschen Haare.
   »Es sind ja noch ein paar Meilen, vielleicht ist sie bis dahin wieder fit.«
   »Zumindest fit genug, damit Bull sie reiten kann.«
   Beide lachten dreckig.
   Vivian zitterte, doch die Angst durfte nicht übermächtig werden, sonst würde sie zwangsläufig Fehler begehen. Sie musste sich zusammenreißen und bemühen, die Kontrolle zu behalten. Nur dann hatte sie eine Chance, es gab keinen anderen Weg.
   »Mach mal andere Musik, ich kann dieses Geleier nicht mehr hören.«
   »Dann such was raus.«
   Vivi hörte Jake im Handschuhfach kramen.
   »Wenn er sie gebrauchen kann, sind das wieder fünfhundert Dollar für jeden. So langsam lohnt es sich.«
   »Ja, vielleicht kannst du dir bald mal eine neue Karre anschaffen. Diese hier fällt fast auseinander.«
   »Ach ja? Kauf du dir doch ’ne neue Karre. Das geht mir sowieso auf den Sack, dass immer ich fahren muss.«
   »Komm wieder runter, du weißt, ich habe keinen Lappen mehr.« Jake wechselte die CD und spielte an der Lautstärke herum.
   »Denkst du, Bull hat heute wieder hohen Besuch?«
   »Keine Ahnung, aber wenn, dann feiern sie sicher wieder die reinste Orgie.«
   Beide lachten schmierig.
   Bald darauf erreichten sie eine Anhöhe, auf der, ähnlich einem Schloss, ein riesiges Anwesen thronte. Der Wagen erreichte ein meterhohes schmiedeeisernes Tor, vor dessen ausladenden Flügeln mehrere Männer als Wachposten standen. Ihre Kluft bestand hauptsächlich aus Leder, und sie trugen Westen, auf deren Rückseite das Abzeichen eines dreiköpfigen Hundes prangte. Den Schriftzug darüber konnte Vivi auf die Schnelle nicht lesen. Einer der Männer näherte sich dem haltenden Wagen.
   »Neue Ware«, nuschelte der Lange lässig gelangweilt, während der Wachposten den Fond des Wagens beäugte.
   »Alles klar. Ihr könnt passieren.«
   Herrgott, wo war sie nur gelandet? Vivian gab ihrer aufsteigenden Panik keine Chance. Sie wollte, nein, sie musste einfach da rein. Sicher hatten sie auch Lisa hier hergebracht.
   Der Wagen fuhr erneut an, um bald darauf wieder zu halten.
   »Hol sie raus.«
   Vivi stöhnte ein wenig, damit ihr Schauspiel realistischer wirkte.
   »Die ist immer noch alle. Lass sie erst von Mei parat machen. Die wird wissen, wie sie die Kleine auf Trab bringt.«
   »Okay, bringen wir sie rein.«
   Sie halfen Vivi aus dem Wagen, wobei sie sich ungeschickt anstellte. Der Lange führte sie durch ein wunderschönes Portal in eine große Empfangshalle, die sogar lichtgedämpft noch sehr beeindruckend war. Ein riesiger Springbrunnen mit Statuen, die springende Pferde darstellten, thronte in der Mitte. Dahinter lag eine freischwebende Treppe aus Marmor, die sich teilte und in zwei Richtungen in die oberen Stockwerke führte. An den getäfelten Wänden prangten mittelalterliche Waffen, doch der absolute Blickfang war ein im Boden eingelassenes, überdimensionales Abbild eines dreiköpfigen Hundes. In dieser Halle standen überall Kerle in der gleichen Kluft, unterhielten sich, während manche sie mit Stilaugen beglotzten. Andere fummelten in irgendwelchen Ecken an gefälligen Mädchen herum. Sie war sich immer sicherer, dass sie Lisa hier finden würde. In ihrem Übermut empfand sie ihre Suche für einen Moment beinah schon als zu leicht. Hätte das der Polizei mit einem Lockvogel nicht auch gelingen können? Elwood führte sie mit eisernem Griff in einen Nebenraum, in dem die Damen sich hübsch machten, um gierigen, geilen Männern zu gefallen. Das Ganze wirkte grotesk wie in einer Theatergarderobe.
   Das wirst du durchstehen, Vivi, du schaffst das, versuchte sie, sich zu ermutigen.
   »Hallo Mei, wir haben hier ein Fohlen mitgebracht.«
   Jene Mei war eine asiatische, atemberaubende Schönheit, doch in ihrem Mandelblick lag seelenlose Kälte. »Ein Fohlen für den Cowboy.« Sie lachte und es klang wie das Meckern einer Ziege.
   »Haben wir wieder hohen Besuch?«
   »So ist es. Mehr brauchst du nicht wissen. Verschwinde.«
   »Schon gut, schon gut.«
   Mei schien Respekt zu genießen, denn Elwood nahm es hin, dass sie so mit ihm sprach. Er ließ Vivian los und gab ihr dabei einen kleinen Schubs in Mandelauges Richtung.
   »Was hast du für eine Größe?«, erkundigte sie sich, doch Vivian antwortete nicht, sondern schwankte nur leicht, damit es authentischer wirkte. »Ah, ich sehe schon.« Sie fasste dreist an Vivis Brust, meckerte wieder ihr Ziegenlachen und kramte aus einem Schrank mehrere verpackte Dessous hervor. Sie waren offenbar gut auf Fohlen vorbereitet.
   »Wollen wir dich mal hübsch machen, denn irgendwie gefällst du mir. Wenn du Glück hast, reitet der Cowboy dich ein, Süße. Wenn du Pech hast und ihm nicht gefällst, tja dann …«
   »Dann?«, lallte Vivi.
   »Dann nimmst du besser noch mehr von dem Zeug, das du in den Venen hast, und lässt Bull einfach über dich drüberrutschen. Er ist betrunken, da kann er schon mal grob werden.«
   Ob Mandelauge Lisa auch so ausgestattet und vorbereitet hatte? Ob sie sie kannte? Wäre es nicht schon unverschämtes Glück, wenn sie ihre kleine Elisabeth bereits hier und vielleicht sogar in wenigen Minuten wiedersehen würde? Vivian klopfte bei dem Gedanken das Herz vor Anspannung. Was mit ihr passieren würde, war ihr tatsächlich in diesem Moment völlig egal. Lisa. Sie war hier. Bestimmt!
   Vivian musste sich glücklicherweise nicht vor den Augen der anderen Frauen umziehen. Sie durfte in eine Kabine. Sie legte ihre Sachen ab, inklusive des Pfeffersprays und schlüpfte in hauchzarte nachtblaue Dessous. Während sie noch überlegte, ob das Spray in ihre Stiefel passte, schob Mandelauge schwungvoll die dünnen Vorhänge beiseite. Vivian schaffte es gerade noch, das kleine Sprühdöschen in ihre Schuhe fallen zu lassen.
   »Welche Schuhgröße hast du?«
   Beinah hätte sie ihre deutsche Größe angegeben, doch Vivi schaltete schnell. »Acht.«
   Mei kehrte mit hochhackigen schwarzen Lackschuhen zurück. Auf denen war an Fliehen jedenfalls nicht zu denken. Vivian schlüpfte hinein und wurde von der Asiatin begutachtet. Sie betete, dass Mei nichts an ihren Haaren ändern wollte und sie hatte Glück.
   »Dein Haar ist schön, beinah wie bei asiatischen Mädchen.«
   Mei lächelte sie an, und Vivi wurde beinah traurig. Dieses Lächeln war nahezu ergreifend in diesem puppenhaften, bildschönen Gesicht, und doch fehlte jeder Funke an Wärme in ihren Augen. Vivi schlüpfte schnell zurück in ihre Rolle, sie fürchtete, sich sonst zu verraten. »Bitte hilf mir, Mei und bring mich hier raus. Ich habe solche Angst.«
   »Das sagt jede, die herkommt, aber glaub’ mir, keine kommt einfach so hier raus. Es ist besser, du bist gefügig. Du wirst sehen, so schlimm ist es gar nicht. Viele Frauen machen das, kein Problem. Wie oft haben wir mit irgendwelchen Verlierern geschlafen, hier bekommst du wenigstens Geld dafür.«
   »Was soll ich hier? Was haben die mit mir vor?«
   »Was sie vorhaben? Kannst du dir das nicht denken?«
   »O bitte, hilf mir, bitte.«
   »Ich habe dir bereits geholfen, glaub mir. Der Cowboy steht auf so was wie dich. Die Rundungen am richtigen Fleck, nicht zu mager. Wenn du Glück hast, will er dich. Er macht es gut, ist nicht so brutal. Geh’ schon. Los!«
   Sie schob Vivi in einen weiteren angrenzenden Raum, und ein Zittern erfasste Vivis Körper. Vivians Eingeweide drehten sich vor Angst, und sie fiel beinah in sich zusammen.
   »Nimm Haltung an«, zischte Mandelauge ihr zu. »Sonst will er dich vielleicht nicht. Er nimmt nie eine, die Angst hat. Vergiss, was du hier siehst. Denk nur an dich.«
   Vivian atmete stockend ein. Wie könnte sie das verdrängen, was sie dort sah? Sie war kurz davor, sich zu übergeben. »O Gott«, flüsterte sie völlig geschockt.
   »Reiß dich zusammen«, zischte Mei neben ihr.
   Sie sah Frauen, die den Kerlen zu Diensten waren. Es war wie bei einer Orgie in einem Sexclub. In Nischen und einzelnen, abgetrennten Bereichen sah sie verschlungene, nackte Körper, die keinen Zweifel offen ließen, bei dem, was dort passierte. Der Raum war gefüllt von Stöhnen und der Ausdünstung von Geilheit und Sperma. Sie war entsetzt und schluckte mehrfach gegen ihren Ekel an.
   »Da vorn ist der Cowboy, versuch, ihm zu gefallen, mehr kann ich wirklich nicht für dich tun.«
   Auf einem der ausladenden Sessel saß ein Kerl in einem Mantel, der über seiner Brust auseinanderklaffte. Sein Hut verdeckte sein Gesicht. Auf der Lehne saß ein schlankes Mädchen mit langen blonden Haaren, nach dem ersten Schreck erkannte sie, dass es nicht Lisa war, und küsste ergeben seinen Hals. Vor dem Kerl hockte eine weitere Frau, die sich an seinem Gürtel zu schaffen machte. Weil Vivi noch immer wie gelähmt im Raum stand, gab Mei ihr einen leichten Stoß. Vivian stolperte in seine Richtung, und er hob sogleich den Kopf. Seine Hutkrempe bewegte sich nach oben, und aus dem Schatten heraus fiel sein Blick auf sie.
   Vivian starrte ihn an wie eine Schlange.
   Es dauerte einen Moment, dann nahm er die Hand der Frau beiseite und schob, während er sich erhob, die andere etwas unsanft von der Sessellehne. Vivi konnte sein Gesicht nicht erkennen. Sie zitterte wie Espenlaub. Er betrachtete sie ausgiebig, so wie ein hungriger Leopard eine schmackhafte Gazelle belauerte. Ihr Brustkorb hob sich schnell, und sie bemerkte ein leichtes Stechen in der Seite. Sie hatte vor Angst so heftig atmen müssen, dass sich ihre Rippe wieder unangenehm meldete. Vivi versuchte, sich zu beruhigen, noch während sie dem Raubtier gegenüberstand. Gerade als er auf sie zuging, schob sich Elwood in ihr Blickfeld.
   »Na Kleine, du siehst in dem Fummel verdammt heiß aus. Ich hätte Lust auf ’ne schnelle Nummer.« Er hob seine Hand und wollte gerade Vivians Brust begrapschen, als sie noch in der Luft gestoppt wurde.
   »Vergiss es.«
   »Hi Cowboy. Sorry, ich wusste ja nicht …«
   »Verpiss dich.«
   Der Lange hob kapitulierend die Arme in die Höhe und ging ohne ein weiteres Wort zur Seite.
   Noch immer konnte Vivi ihn nicht erkennen, zu gedämpft war das Licht, zu sehr versteckt sein Gesicht. Er kam ganz nah, sie wagte kaum zu atmen und schloss vor Panik für Sekunden die Augen. Er begutachtete sie nicht nur, nein, Vivian hatte das Gefühl, er durchleuchtete sie. Ihre Beine zitterten so sehr, dass sie befürchtete, sie würden ihren Dienst versagen. Er sagte kein Wort, griff plötzlich nach ihrer Hand, drehte sich ruckartig mit ihr um und verließ den grausigen Raum. Vivi stolperte in den hohen Schuhen hinter ihm her, während er sie fest im Klammergriff hielt. Er steuerte an hämisch lachenden Kerlen vorbei auf den Ausgang zu und beachtete auch einen großen, kantigen Kerl nicht, der ihm fragend hinterherrief. Mit eiligen Schritten stapfte er zu einem riesigen Truck, öffnete die Beifahrertür und hievte sie mit Leichtigkeit hinein. Sekunden später verließ er mit Vivian das märchenhafte Anwesen, in dem der Satan hauste. Sie zitterte wie Espenlaub, bekam ihre vor Angst bebenden Muskeln kaum unter Kontrolle. Was hatte er nur vor?
   Selbstverständlich und ohne jedes Zögern öffnete man bereits von Weitem das Tor beim Eintreffen seines Wagens, und er fuhr eilig hindurch, ohne anzuhalten. Vivian wagte nicht zu atmen, geschweige denn, ihn anzusprechen. Nach ein paar Meilen fuhr er an den Straßenrand und stoppte den Wagen in der einsamen Dunkelheit. Noch immer konnte sie sein Gesicht nicht erkennen. Noch immer lag es im Schatten der Hutkrempe, im schwachen Schein der Innenbeleuchtung.
   »Sag etwas«, forderte er plötzlich.
   Vivi blieb das Herz stehen. Sie wusste nicht, was er hören wollte, also blieb sie stumm.
   »Sag etwas«, verlangte er.
   »Was?«
   »Wer bist du?«
   »Warum willst du das wissen?«
   Er nickte, als hätte sich seine Ahnung nach ihren wenigen Worten bestätigt. »Wer bist du?«
   Vivi zuckte mit der Schulter, doch in diesem Moment hob er blitzschnell die Hand, griff in die Perücke und löste sie von ihrem Kopf. Ihr langes Haar fiel herab, und er ließ es nachdenklich durch die Finger gleiten. Vivian starb beinah vor Angst. Ihre Tarnung war aufgeflogen. Würde er sie umbringen, weil er sie vielleicht für einen Spitzel hielt?
   Er schwieg und starrte sie an. Kurz nur, kaum wahrnehmbar, schüttelte er den Kopf. Vivian schwieg. Was hätte sie auch sagen sollen?
   »Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass ich dich noch einmal wiedersehe, Prinzessin.«
   Vivian erstarrte. Wenn sie nicht schon vorhin, beim Anblick all der ekelerregenden Widerlichkeiten ohnmächtig geworden war, so war sie kurz davor. Was hatte er gesagt? Prinzessin? Konnte es wahr sein? Vivi hob zitternd ihren Arm und schob in Zeitlupe seinen Hut beiseite. Er ließ es geschehen. Die Innenbeleuchtung erhellte nur mäßig sein Gesicht, doch Vivi sah es sofort.
   Sommersprossen in grüngelben Augen.
   Mehrere Atemzüge lang war sie sprachlos und starrte in die Augen, die sie so oft im Traum verfolgt hatten.
   »Was, zur Hölle, machst du hier?«, wollte er wissen.
   »Ich suche meine Schwester. Weißt du, wo sie ist?«
   »Wie zum Teufel bist du in Bulls Haus gekommen?«
   »Mit den beiden Kerlen, die uns das letzte Mal betäubt und verschleppt haben. Ich dachte, so finde ich sie, oder wenigstens eine Spur von ihr.«
   Sein Blick wurde immer ungläubiger. »Was willst du damit sagen? Dass du dich mit diesen Kerlen eingelassen hast, obwohl du wusstest, was sie mit dir vorhaben?«
   »Du weißt, wo sie ist, richtig? Du hast mich erkannt, also weißt du auch, wo sie ist«, wich sie aus.
   »Nein, weiß ich nicht. Ich habe dich damals nur vor das Krankenhaus gefahren, mehr nicht.«
   »Du hast mich gerettet.«
   »Ja, vielleicht.«
   »Das hast du.«
   »Mit dem Ergebnis, dass du wieder vor mir stehst.«
   Nach all dem, was ihr in den letzten Stunden widerfahren war, fiel es ihr schwer, doch Vivian musste trotzdem lächeln. »Das werde ich dir nie vergessen«, sagte sie und meinte es auch so.
   »Hier, zieh das an.« Er zog seinen Mantel aus und reichte ihn herüber.
   Vivi legte ihn dankbar um. Nicht nur, dass sie fror, sondern sie fühlte sich unter seinen Blicken plötzlich sehr nackt in ihrem sexy Outfit. »Warum hast du das getan?«
   »Was?«
   »Warum hast du mich zum Krankenhaus gebracht?«
   »Hast du jemandem von mir erzählt?«
   »Zuerst hatte ich keine Erinnerung.«
   »Hm …«
   »Nein, ich habe niemandem von dir erzählt.«
   Er zog wohlwollend die Augenbrauen hoch und lächelte ihr fast schon anerkennend zu. »Sehr gut, Prinzessin.«
   »Ich heiße Vivian.«
   Er hob den Kopf und starrte aus der Windschutzscheibe hinaus in die Dunkelheit. »Mir reicht Prinzessin.«
   »Wie ist dein Name?«
   »Dir reicht Cowboy.«
   »Was hast du mit mir vor?«
   Er drehte sich wieder zu ihr. Sein Blick wanderte aufreizend an ihr hinunter, und er lächelte dabei schräg. Vivian schluckte und ein heißer Schauder lief über ihre Haut.
   »Was denkst du denn?«
   »Sex?«
   Er lachte kaum hörbar. »Wo ist dein Hotel?«
   »In Allensville, das Crowne Plaza.«
   Er startete den Jeep und fuhr los. Vivian zitterte unter seinem Mantel, und sie wusste nicht, ob es an der Kälte, der Angst oder an der Tatsache lag, dass sie neben ihrem Retter mit den wunderschönen Augen saß. Sie betrachtete ihn verstohlen von der Seite, und da er sich augenscheinlich nur auf die Straße konzentrierte, wagte sie einen intensiveren Blick. Seine dunklen Locken waren beinah schon zu lang und reichten ihm weit über den Nacken. Eine geradezu neidvolle Mähne, die er unter seinem Hut versteckte, obwohl auch der ihm sehr gut stand. Er drehte seinen Kopf leicht in ihre Richtung, und Vivi fühlte sich ertappt. Ihre Knie wurden weich und ein Prickeln lief durch ihre Adern, als sein Blick sie streifte.
   »Ist dir noch kalt?«
   »Geht schon. Danke.«
   »Hm.« Er sah wieder auf die Fahrbahn, und Vivi wagte einen zweiten Blick. Sein Kinn war markant männlich, Gott sei Dank glatt rasiert und ohne diesen Bewuchs im Gesicht, der bei den Männern heutzutage Mode geworden war. Seine Nase war gerade und nicht zu groß, seine Wimpern für einen Mann unverschämt lang. Seine Lippen nicht zu schmal und nicht zu voll, sondern genau richtig. Ob er gut küssen konnte? Am meisten faszinierten sie jedoch seine Augen. Diese ungewöhnliche Färbung war geradezu atemberaubend, und sie war versucht, immer wieder hineinzusehen. Das war definitiv gefährlich, und Vivian war beinah sicher, dass sich bereits manche Frau darin verloren hatte.
   Ach verdammt, Vivi, mach dir nichts vor, er ist rasend hübsch. Das leider auch noch, zuckte es durch ihren Kopf und sie rief sich schleunigst in Erinnerung, dass er zu diesem schrecklichen Haufen gehörte, der Lisa in seiner Gewalt hatte. Jene Kerle, denen sie vorhin noch am liebsten die Gurgel durchschnitten hätte. Dass er vielleicht, genau wie alle anderen, Frauen verschacherte und anschaffen schickte. Nun bekam sie eine Ahnung, woher die riesigen Vermögen stammten, die solche sogenannten Rockerclubs stets besaßen. Sie bekam ein Bild davon, wenn im Fernsehen über diese Clubs berichtet wurde und in einem Atemzug Wörter wie Prostitution, Drogenhandel und Waffenschieberei fielen. Okay, dieser hübsche Kerl hier hatte ihr nun zum zweiten Mal den Hintern gerettet, aber wer sagte ihr, dass er anders war? Er ähnelte bestimmt diesem Märchenschloss, das sie gerade verlassen hatten. Von außen ein Traum, doch innen drin hauste der Teufel.
   »Ist es das?« Er deutete schräg nach vorn.
   Vivi folgte seinem Fingerzeig. »Ja. Wir sind da.«
   Er parkte im Schatten der Lichtkegel zweier Straßenlaternen, schaltete die Scheinwerfer aus, ließ jedoch den Motor laufen. Vivi sah ihre Chancen schwinden, denn er wartete offensichtlich nur darauf, dass sie ausstieg.
   »Bitte, hilf mir«, stieß sie hervor.
   »Ich kann dir nicht helfen.«
   »Ich muss sie finden. Sie ist meine Schwester.«
   Er antwortete nicht, sondern erwiderte nur ihren Blick.
   Vivi schwieg ebenfalls einen Moment und versank mit wehenden Fahnen in seinen Augen. »Ich bezahle für deine Hilfe. Alles, was du willst. Von mir aus mit meinem Körper.«
   Er lachte leise, hob den Zeigefinger an ihren Hals und strich langsam ihr Dekolleté hinab, bis er zwischen ihren Brüsten stoppte.
   Vivi schnappte nach Luft, ihr Herz hämmerte bis in ihren Kopf.
   »Den hätte ich längst haben können.«
   »Ich gäbe ihn dir freiwillig. Vielleicht ist das mal etwas Neues für dich.«
   Er lachte über ihre Frechheit.
   Vivi biss sich auf die Unterlippe. Ja, mach nur so weiter. So wird er dir garantiert helfen. Ganz sicher, schimpfte sie innerlich. »Es tut mir leid. Ich meinte es nicht so.«
   »Wirklich freiwillig wäre das ja auch nicht.«
   »Bitte hilf mir«, flehte sie ihn an.
   »Du kannst den Mantel behalten.«
   »Aber das geht doch nicht!«
   »Ich denke, es ist besser, als halb nackt durch das Hotel zu laufen.«
   »Du könntest mit hineinkommen.«
   »Ich bin ein wenig öffentlichkeitsscheu.«
   »Verstehe. Ich könnte ihn dir bringen. Nur ein paar Minuten.«
   »Ich sagte, du kannst ihn behalten.«
   Das war’s! Aus und vorbei! Vivi war nahe daran, in Tränen auszubrechen, darum langte sie schnell nach dem Türöffner und stieg aus. »Machs gut, Cowboy.«
   »Du auch, Prinzessin.«
   Sie stockte, wollte noch ein letztes Mal in diese Augen sehen. »Danke. Für alles.«
   Er nickte. Vivi ließ die Tür ins Schloss fallen und ging mit wackligen Knien Richtung Hoteleingang. Der Lichtstrahl seiner eingeschalteten Scheinwerfer erfasste sie, und Vivi vernahm das Blubbern des anfahrenden Motors.
   Er fuhr neben sie und ließ das Fenster hinuntergleiten. »Prinzessin?«
   »Ja?«
   »Du bist verdammt mutig.«
   Er schenkte ihr einen langen Blick, der Vivi tief in die Eingeweide ging und ihr Innerstes erbeben ließ. »Danke.«
   Er gab Gas und entschwand in der Nacht.

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