Hellseherin und Schwarzseher – kann das auf Dauer gut gehen? Nicole und Dominic versuchen, sich in Hamburg ein neues Leben aufzubauen. Doch es scheint, als würde sie etwas oder jemand blockieren. Hilfe naht von unerwarteter Seite: Nicole muss lernen, nicht nur ihren Fähigkeiten, sondern auch anderen Menschen zu vertrauen. Dies ist der zweite und letzte Teil von "Nic & Nic". Zum besseren Verständnis von Band 2 sollte zuerst Band 1 "Hellseherin trifft Schwarzseher" gelesen werden.

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Kelly Stevens

Kelly Stevens studierte in England Literatur und Kreatives Schreiben und arbeitete in Deutschland in verschiedenen Jobs im Medienbereich. Sie schreibt Erotic Romance in allen möglichen Längen und Variationen, von Kurzgeschichte bis Roman. Als Kelly Stevens veröffentlicht sie bei Verlagen, als Indie-Autorin ist sie als K. C. Stevens unterwegs.  

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

Mit gemischten Gefühlen sehe ich dem Jet hinterher, bis er in der Wolkendecke verschwindet.
   Mit ihm verschwindet Dominic.
   Was hat er sich nur dabei gedacht, einfach in Berlin aufzutauchen? Er schien erwartet zu haben, dass ich sofort alles stehen lassen und ihm nach London folgen würde.
   Natürlich war die Versuchung groß. Meine beste Freundin Janny hätte mir wahrscheinlich geraten, sofort mit ihm ins Bett zu gehen und danach zu ihm zu ziehen. Doch mein winziges Studentenappartement ist alles andere als ein kuschliges Liebesnest, und das Zimmer im Ritz, das Dominic alternativ angeboten hat, war mit zu vielen schlechten Erinnerungen an unser erstes Treffen belastet.
   Stattdessen saßen wir in meinem Lieblingscafé und redeten. Über die Gegenwart, nicht über die Zukunft. Dominic wollte unbedingt noch am gleichen Tag nach London zurückfliegen, weil er in Sorge war, dass bei dem Deal – seine Anteile an der Firma gegen eine schnelle Scheidung – noch etwas schiefgehen könnte. Ich muss dringend an meiner Bachelorarbeit weiterschreiben, die ich in den letzten Tagen vernachlässigt habe, wofür ich die Unibibliothek benötige.
   Also flog Dominic ohne mich zurück nach London.
   Noch nicht einmal zum Skypen konnte ich ihn bewegen, da er sich Sorgen macht, dass die Verbindung nicht sicher sein könnte. Immerhin hat er zugesagt, mir ein neues, angeblich abhörsicheres Smartphone zu besorgen, damit wir zukünftig regelmäßig telefonieren können.
   Natürlich kann ich ihn verstehen, aber die Situation belastet mich trotzdem. Seine Firma – seine ehemalige Firma, korrigiere ich mich gedanklich – hat eine Software entwickelt, um die Abhörsicherheit von Mobiltelefonen zu erhöhen. Die zugrunde liegenden Patente gehören Dominic, die Firma jedoch bald nicht mehr. Ich will mir lieber nicht ausmalen, was für einen Rosenkrieg es geben könnte, sobald Nia, seine zukünftige Ex-Frau, und Stephen, sein zukünftiger Ex-Geschäftspartner, davon erfahren. Die Art, wie sich die beiden zusammengetan und Dominic aus seiner eigenen Firma gekickt haben, war ein unschöner Vorgeschmack auf das, was womöglich noch kommen wird.
   Wir müssen lernen, zu vertrauen. Wir haben uns gefunden, eine vorübergehende räumliche Trennung wird uns nicht auseinanderbringen.
   Ich vermisse ihn jetzt schon. Ohne ihn zu sein, fühlt sich an, als würde ein Teil von mir fehlen.

Auch am nächsten Morgen fühle ich mich nicht besser. Zu viele Gedanken drängten sich in meine Träume und ließen mich früher als gewohnt und wenig erholt aufwachen.
   Nach einem Cinnamon Soja Latte mit doppeltem Espresso in meinem Lieblingscafé fahre ich mit dem Rad zur Uni. Obwohl es mir schwerfällt, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren, zwinge ich mich, bis zum Nachmittag durchzuhalten. Nächsten Monat ist Abgabeschluss für meine Bachelorarbeit. Verliebtheit dürfte vom Prüfungsamt kaum als Verlängerungsgrund anerkannt werden.
   Am späten Nachmittag treffe ich mich noch mit zwei Ex-Kommilitonen, die vor anderthalb Jahren das Studium abgebrochen haben, um ein Start-up zu gründen. Die ursprüngliche Idee hatten wir gemeinsam, aber im Gegensatz zu ihnen kam es mir nicht in den Sinn, mein Studium nicht ordnungsgemäß zu beenden. Deshalb beschränkte sich mein Input bald nur noch auf gelegentliche Strategiebesprechungen, bei denen ich meine hellseherischen Fähigkeiten sinnvoll einbringen konnte.
   Beim Besuch ihrer neuen Büroräume bin ich wirklich beeindruckt. Yannis und Patrick haben es geschafft, in kurzer Zeit aus einer vagen Idee in einem Inkubator ein Unternehmen mit über zwanzig Angestellten zu machen.
   »Ohne deine Ideen hätten wir das nicht so schnell geschafft«, sagen beide.
   »Unsinn, ihr habt einfach eine gut skalierbare Idee gehabt und das Glück, dass der Markt sie annimmt«, wehre ich verlegen ab.
   »Nein, du warst diejenige, die das Potenzial gesehen hat, raus aus der Nische und in Richtung Massenmarkt zu gehen«, widerspricht Patrick.
   »Du hast uns sogar konkrete Namen genannt, mit wem wir am besten zusammenarbeiten sollten. Ohne dich hätten wir den Durchbruch nicht geschafft«, ergänzt Yannis.
   Das stimmt, doch anstatt mich über das Kompliment zu freuen, schweige ich verlegen. Die beiden wissen nichts von meiner Nebentätigkeit als hellsichtige Beraterin. Für sie bin ich nur eine Studentin, die sie beim Aufbau ihrer Firma unterstützt.
   Anders als Dominic, den ich über genau diese Tätigkeit kennengelernt habe. Wenn ich daran denke, dass er mich anfangs für eine Betrügerin gehalten hat, weiß ich, warum ich mich normalerweise bewusst bedeckt halte, woher ich meine Informationen beziehe. Sofern es um Wirtschaft und Finanzen und nicht um Liebe geht, sind meine Prognosen auch immer zutreffend gewesen. Erst, seit ich Dominic kenne, zweifle ich immer wieder an meinen Fähigkeiten.
   Bis gestern war ich davon ausgegangen, dass ich nach meinem Studienabschluss in Berlin bleiben würde. Als Wirtschaftsinformatikerin sollte es kein Problem sein, hier schnell einen Job zu finden – nicht umsonst werden Teile der Stadt als Silicon Allee bezeichnet. Bei Yannis und Patrick könnte ich jederzeit arbeiten, das haben sie mir oft genug angeboten.
   Wie schnell sich dieser Plan geändert hat, obwohl Dominic und ich noch keine gemeinsamen Zukunftspläne geschmiedet haben. Ich weiß nur, dass ich nicht in Berlin bleiben möchte, wenn der Mann, den ich liebe, in London ist.
   Liebe. Welch großes Wort. Ein Gefühl wie Schmetterlinge im Bauch und Ameisen im Hirn. Wie soll ich mich in diesem Zustand auf meine Arbeit konzentrieren?
   Ich muss unbedingt mit Janny sprechen, um ihr von der neuesten Entwicklung zu berichten. Schließlich weiß sie noch nichts davon. Oder vielleicht weiß sie es doch. Wir kommunizieren auf einer anderen Ebene miteinander, als es Menschen normalerweise tun.
   »Ich wusste, dass du anrufst«, sagt sie, als sie auf dem Skype-Bildschirm auftaucht. »Seid ihr inzwischen zusammen?«
   »Ja, sind wir.« Ich lächele. »Kannst du dir vorstellen, dass Dominic extra nach Berlin geflogen ist, um mir zu sagen, dass ich recht hatte?«
   »Wie romantisch«, seufzt Janny, die Träumerin.
   Ich hingegen bin eher auf Sicherheit bedacht, habe gleichzeitig jedoch wenig Vertrauen in meine eigenen Fähigkeiten. Fällt es mir deshalb so schwer, zu akzeptieren, dass sich jemand in mich verlieben könnte? Und dann auch noch ein so toller Mann wie Dominic? »Ja, aber jetzt ist er wieder in London.«
   »Was? Wieso bist du dann noch hier? Schwing dich in den nächsten Flieger, Nicky-Maus!«
   »So einfach ist das nicht.« Ich wickele mir eine Strähne meiner Haare um den Finger, während ich versuche, meine Gedanken in Worte zu fassen. »Ich muss zuerst meine Bachelorarbeit fertig schreiben.«
   »Ausreden«, tut Janny meinen Einwand ab. »Das kannst du doch auch in London!«
   »Nein, ich brauche Zugang zur Unibibliothek und zum Lehrstuhl. Es ist ja nur noch für ein paar Wochen.«
   »Nic, es ist wichtig, dass du bei ihm bist«, sagt Janny ungewöhnlich ernst.
   »Hast du etwa schon wieder geschaut?«, beschwere ich mich, obwohl ich insgeheim dankbar bin, dass sie mir helfen will. Da ich in Bezug auf Dominic bisher eher blind als hellsichtig war, ist es durchaus von Vorteil, wenn die beste Freundin ebenfalls Hellseherin ist.
   »Fühl in dich hinein, Nic. Was siehst du?«
   Ich tue wie geheißen, doch das morphische Feld, aus dem ich sonst meine Informationen beziehe, bleibt mir verschlossen. »Nichts.«
   »Weil du schon zu sehr in sein Leben involviert bist. Du und Dominic, ihr gehört zusammen, aber es wird nicht einfach werden. Ich sehe Geldprobleme. Ich sehe Zweifel. Ich sehe, dass er sich allein fühlt, und je länger er allein ist, desto mehr werden die Zweifel überhandnehmen.«
   Das klingt in der Tat nach Dominic. Ich seufze. »Ich könnte ein paar Bücher mitnehmen und übers Wochenende zu ihm fliegen.« Janny sieht mich so lange an, bis ich meinen Satz revidiere. »Ich werde übers Wochenende zu ihm fliegen und ihn unterstützen, bei was auch immer.« Das fühlt sich richtig an.
   Auch Janny nickt. »Es wird nicht einfach werden«, wiederholt sie.
   Das ist mir egal. Jetzt, da ich weiß, dass Dominic und ich zusammengehören, habe ich keine Angst.

Dominic erwartet mich am Flughafen Heathrow. Ich werfe mich ihm mitsamt meinem Gepäck in die Arme. Er fängt mich auf und drückt mich, als wolle er mich nie wieder loslassen. Erst, als jemand über meinen Trolley stolpert und uns dabei fast umreißt, gibt er mich widerwillig frei. Dabei hatte ich ihn bisher für einen kühlen Norddeutschen gepaart mit dem reservierten Engländer seiner Wahlheimat gehalten!
   Während der Taxifahrt in die Stadt halte ich Dominics Hand wie ein verliebtes Schulmädchen.
   Sein Loft in den Docklands ist noch genau so, wie ich ihn in Erinnerung habe: groß, weiß und leer. Meine geblümte Schultertasche, die ich neben der Eingangstür fallen lasse, wirkt beinah deplatziert.
   »Möchtest du eine Tasse Tee?«, bietet Dominic, ganz britischer Gentleman, an und geht in Richtung Küchenbereich, um Wasser aufzusetzen.
   Eigentlich möchte ich etwas anderes, aber mich ihm, kaum dass wir die Wohnung betreten haben, an den Hals zu schmeißen, will ich auch nicht, wenn er es nicht zu wollen scheint. Also nicke ich. »Ich geh nur mal schnell ins Bad.«
   Dazu muss ich sein Schlafzimmer durchqueren. Das Zimmer, das er bis vor wenigen Tagen mit Nia geteilt hat, bevor sie ihn für seinen Geschäftspartner Stephen verließ.
   Kaum habe ich das Zimmer betreten, stutze ich. Die Wand, an der bei meinem letzten Besuch noch ein hölzernes Andreaskreuz hing, ist leer. Nur ein paar Löcher im Mauerwerk, wahrscheinlich von den Schrauben, weisen darauf hin, dass ich es mir nicht eingebildet habe.
   Ist das ein gutes Zeichen? Bedeutet es, dass er alles, was ihn mit Nia verbunden hat, aus seinem Leben verbannen will?
   Ich fühle in mich hinein, aber Dominics Schlafzimmer ist, genau wie der Loft, riesig. Die Energien bewegen sich frei im Raum und machen mich nervös.
   Instinktiv öffne ich das Schlafzimmerfenster.
   Sofort geht die Alarmanlage los.
   Hat Dominic sie nicht beim Betreten des Lofts ausgeschaltet?
   Ich fluche und laufe zurück in den Wohnbereich. Dominic steht bereits neben der Eingangstür und tippt auf dem Panel herum. Nach wenigen Sekunden ist die Alarmanlage wieder still.
   »Es tut mir leid. Ich wollte nur kurz lüften.«
   »Nein, mir tut es leid. Ich habe nicht daran gedacht, dass ich Besuch habe.«
   Er bezeichnet mich als Besuch? Das klingt so distanziert. Ich dachte, zwischen uns wäre mehr?
   Dominic hat inzwischen den Tee aufgegossen und trägt die Porzellankanne zum Couchtisch, den er bereits mit Tassen, Untertassen, Milchkännchen und Zuckerdose gedeckt hat.
   »Haferdrink, extra für dich«, bemerkt er, während er eingießt. »Und vegane Ingwercookies aus dem Bioladen.«
   »Danke«, sage ich und will mich schon setzen, als mir einfällt, dass ich immer noch nicht im Badezimmer war. Schnell verschwinde ich auf die separate Toilette. Hier gibt es keine gedanklichen oder energetischen Ablenkungen, sodass ich mich kurz darauf in den weißen Sessel ihm gegenüber sinken lasse.
   Da sitzen wir also und trinken Tee wie ein altes Ehepaar. Habe ich mir die stürmische Begrüßung vorhin etwa nur eingebildet? Ich knabbere an einem Cookie. Dominic hat mich am Flughafen abgeholt, er hat für mich eingekauft, er hat für mich Tee gekocht, er hat möglicherweise auch für mich Nias Lieblingsspielzeug aus seinem Schlafzimmer geräumt.
   Ich hingegen habe nichts getan, außer in ein Flugzeug zu steigen.
   Vorsichtig stelle ich meine Teetasse auf dem Couchtisch ab. Viel lieber würde ich mit Dominic auf der Couch sitzen und mich an ihn kuscheln, anstatt ihm gegenüber in einem Designersessel mit dem Couchtisch zwischen uns.
   »Ich habe dich vermisst«, sage ich ehrlich.
   Einen Moment lang flackert etwas in seinen Augen. »Ich habe dich auch vermisst.«
   Pfeif auf die Etikette. Ich stehe auf, umrunde den Couchtisch und setze mich auf seinen Schoß. Dominic schluckt und legt die Arme um mich, macht aber keine Anstalten, mich zu küssen. Er sieht mich noch nicht einmal an.
   Ich lehne meine Stirn gegen seine Wange. »Ist alles in Ordnung?« Das »mit uns« spare ich mir, da ich davon ausgehe, dass er versteht, was ich meine.
   Dominic seufzt, was ich als leichtes Vibrieren wahrnehme. »Es ist gerade alles ein bisschen kompliziert. Ich muss das vorläufige Scheidungsurteil abwarten, bevor ich irgendetwas machen kann.«
   Anscheinend verstehen wir beide uns nicht so intuitiv wie Janny und ich. Ob das »irgendetwas« nur auf Berufliches bezogen ist oder auch sein Privatleben betrifft? »Aber du meintest doch, dass das nur ein paar Tage dauern würde«, erinnere ich ihn.
   »Ja, das stimmt, aber je nachdem, wie überlastet die Gerichte sind, kann es sich auch schon mal ein paar Wochen hinziehen. Mein Anwalt unternimmt alles, um den Prozess zu beschleunigen, aber momentan hänge ich buchstäblich in der Luft. In die Firma kann ich nicht mehr, den Loft darf ich nicht verkaufen, und mein Gehalt läuft auch nicht weiter.«
   Das klingt, als würde er sich trotz der Trennung mehr mit Nia als mit mir beschäftigen. Janny hatte finanzielle Probleme gesehen, aber dass es so schnell so schlimm werden würde, hatte auch ich nicht erwartet. Bei seinem Lebensstil hätte ich gedacht, dass er finanzielle Rücklagen hat, zumindest genügend, um ein paar Wochen oder Monate über die Runden zu kommen. Fragen will ich ihn nicht. Nicht, dass er denkt, ich gehöre zu den Frauen, für die Liebe von der Größe eines Bankkontos abhängig ist. »Willst du den Loft denn überhaupt verkaufen?«
   Unter meiner Stirn spüre ich die Anspannung in Dominics Kiefermuskeln. »Es macht wirtschaftlich Sinn. Die Immobilienpreise in London sind in den letzten Jahren gestiegen.«
   Ich spüre, dass das nur die halbe Wahrheit ist. Der Loft erinnert ihn an Nia, sie hat ihn eingerichtet. Selbst wenn er für ihn kein gemütliches Heim ist, war er in den letzten Jahren sein Zuhause. Unter den gegebenen Umständen erscheint es mir verfrüht, das Thema Zusammenleben anzusprechen. »Möchtest du denn weiter in London bleiben?«
   »Können wir vielleicht das Thema wechseln?«
   Das war deutlich. Diesmal bin ich diejenige, die schluckt.
   Es fühlt sich nicht länger richtig an, auf seinem Schoß zu sitzen. Ich erhebe mich, und Dominic gibt mich sofort frei. Anstatt ihm nähergekommen zu sein, habe ich das Gefühl, wir entfernen uns immer weiter voneinander.
   Inzwischen ist mein Tee nur noch lauwarm. »Hast du irgendwelche Pläne für das Wochenende?«, wechsele ich, wie von ihm angeregt, das Thema. Zusammen etwas zu unternehmen, wäre eine gute Gelegenheit, ihn auf andere Gedanken zu bringen und besser kennenzulernen. Außerdem war ich noch nicht oft in London und freue mich darauf, die Stadt zu erkunden.
   »Bitte versteh das nicht falsch, Nic, aber es wäre vielleicht besser, wenn man uns in nächster Zeit nicht zusammen sieht.«
   Am liebsten würde ich laut schreien. Stattdessen beherrsche ich mich. »Wie meinst du das?«
   »Nun, du kannst dir gern London ansehen. Es gibt hier jede Menge Sehenswürdigkeiten. Die Docklands, den Tower, viele Museen, Shopping und natürlich das Nachtleben: Theater, Musicals, Konzerte, Klubs …«
   Meint Dominic das etwa ernst? »Ich dachte, du freust dich, dass ich bei dir bin.«
   Dominic fährt sich mit allen zehn Fingern durch die Haare. »Ja, klar.«
   »Du hast echt eine merkwürdige Art, das zu zeigen. Schämst du dich etwa für mich?«
   »Nein, natürlich nicht!« Er springt auf und tigert im Wohnzimmer hin und her. »Mein Anwalt meinte nur, es wäre besser, wenn ich mit keiner Frau gesehen werde, solange die Scheidung noch nicht durch ist.«
   »Aber das kann Wochen dauern!«
   Er bleibt stehen. »Ja.«
   »Soll ich wieder gehen?«, frage ich leise und habe im gleichen Moment Angst vor seiner Antwort.
   Anscheinend ist Dominic die Situation auch unangenehm, denn er zuckt nur mit den Schultern.
   »Ich bin hergeflogen, um bei dir zu sein. Nicht, um allein durch London zu laufen. Dann setze ich mich lieber hier aufs Sofa und arbeite an meiner Bachelorarbeit.«
   Dominic seufzt. »Tut mir leid. Das war so nicht geplant. Die Umstände haben sich geändert.«
   »Schon gut, dein Anwalt wird wissen, was das Beste ist.« Nachdem ich ihn kennengelernt hatte, bin ich sogar davon überzeugt. Trotzdem ist es kein schöner Gedanke, mich wie eine Illegale in Dominics Wohnung verstecken zu müssen.
   Ich hatte mir das Wochenende so schön vorgestellt: Mit Dominic zusammen Hand in Hand durch die Stadt schlendern, seine Lieblingsplätze erkunden, vielleicht abends in einen Pub und danach ins Theater oder in eine Show gehen. In Berlin bin ich oft ausgegangen, sofern es die Uni und meine Schichten im Callcenter zuließen. London soll in kultureller Hinsicht ähnlich viele Möglichkeiten bieten. Es ist schade, dass ich sie nicht nutzen kann, aber allein durch London ziehen, will ich auch nicht.
   Vielleicht morgen? Heute bin ich, der Situation zum Trotz, einfach nur glücklich, bei Dominic zu sein. Der Gedanke an morgen bringt mich darauf, dass wir noch einen gemeinsamen Abend und vor allem eine gemeinsame Nacht vor uns haben. Unsere erste Nacht als Paar.
   Um mich abzulenken, hole ich eins meiner Fachbücher aus meiner Tasche und setze mich damit auf die Couch, während Dominic das Geschirr abräumt. Ganz der Hausmann, denke ich unwillkürlich. Der Loft sieht aufgeräumt und sauber aus. Ob er jemanden hat, der ihm im Haushalt hilft, oder ob er sich selbst darum kümmert?
   »Könnten wir zumindest einen Spaziergang machen, sobald es dunkel ist, oder denkst du, dass uns da auch irgendjemand sehen könnte?« Immerhin hat er mich am Flughafen abgeholt. Es ist schließlich kein Verbrechen, zusammen in der Öffentlichkeit gesehen zu werden. Insgeheim denke ich, dass er übertreibt. Nia und Stephen werden zu sehr miteinander beschäftigt sein, um einen Privatdetektiv anzuheuern, der Dominic hinterherspioniert. Nia hat ihn verlassen, nicht umgekehrt. Wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert, da passen überkommene Moralvorstellungen nicht mehr.
   An der Art, wie Dominic zögert, merke ich, dass ihm dieser Vorschlag nicht recht ist. Doch schließlich gibt er sich einen Ruck.
   »Was hältst du davon, wenn wir nach Hampstead Heath fahren? Da kann man spazieren gehen, und es gibt auch ein paar nette Restaurants, wo man zu Abend essen kann.«
   »Sehr gern.« Ich bemühe mich, meine Euphorie nicht allzu offensichtlich zu zeigen. Wir werden sogar im Hellen spazieren gehen. Also steht Dominic doch zu mir.

Wir fahren mit seinem Auto. Er parkt es in einer Seitenstraße. Hampstead Heath ist ein großes, parkähnliches Gelände. An diesem sonnigen Nachmittag sind viele Spaziergänger unterwegs. Auch viele Liebespärchen sind zu sehen, genauso wie Familien mit kleinen Kindern.
   »Möchtest du eigentlich Kinder?«, frage ich, als wir an einer jungen Familie mit einem Zwillingsbuggy vorbeigehen.
   Dominic zuckt mit den Schultern. »Vielleicht irgendwann?« Seine Stimme klingt schroff.
   Ich könnte mich ohrfeigen. Mit Nia sind Kinder für ihn wohl nie ein Thema gewesen.
   Eine Weile gehen wir schweigend nebeneinander her. Ich würde so gern mit Dominic reden, mehr über sein Leben erfahren, aber er blickt geradeaus, als wäre ich nicht da. Während andere Liebespaare Arm in Arm spazieren oder nebeneinander auf der Wiese sitzen, fühlt es sich an, als wäre eine unsichtbare Wand zwischen uns.
   In einiger Entfernung sehe ich Wasser. »Können wir da mal hingehen?«
   Dominic brummt. »Das sind Schwimmteiche.«
   »Schade, dass wir keine Badesachen dabei haben.« Dominic in einer knappen Badehose ist ein Anblick, auf den ich mich freue. Während er mich schon fast nackt gesehen hat, hatte ich bei ihm noch nicht das Vergnügen.
   Was meine Gedanken erneut auf heute Nacht lenkt. Ich war selbstverständlich davon ausgegangen, dass wir zusammen schlafen würden. Aber so, wie es sich zwischen uns gerade entwickelt – oder besser gesagt, nicht entwickelt –, bin ich mir nicht mehr sicher.
   Ich schlage vor, uns für eine Weile auf die Wiese zu setzen, und rutsche dabei wie unbeabsichtigt so nah an Dominic, dass ich meinen Kopf gegen seine Schulter lehnen kann. Er zögert einen Moment, legt aber doch den Arm um mich.
   Na endlich! Wie zufällig lege ich meine Hand auf seinen Oberschenkel. Unter dem Jeansstoff fühle ich, wie sich seine Muskeln anspannen. »Ist es nicht schön hier?«, versuche ich, ihn abzulenken.
   »Hm.«
   Dann eben nicht. Ich schließe die Augen und wende mein Gesicht der Sonne zu. Von wegen, in England ist immer schlechtes Wetter. Es sind sogar einige Leute im Wasser.
   Jetzt freue ich mich auf die Nacht mit Dominic. Es wird schon alles gut werden mit uns.
   Den Ausflug zum Kenwood House sparen wir uns. Dominic hatte es zwar angeboten, aber mir war nicht nach Museum. Stattdessen gehen wir in ein Wholefood Café, in dem es ein vegetarisch-veganes Buffet gibt. Das Ambiente ist etwas öko angehaucht, und ich bin mir sicher, dass es nicht die Art von Restaurant ist, die Dominic normalerweise aufsucht. Dafür lässt er sich nichts anmerken, selbst als wir – trotz der frühen Stunde – unseren Holztisch mit einem anderen Pärchen teilen müssen, weil das Café so voll ist.
   Ich hingegen fühle mich in dieser Umgebung sofort wohl. Das Café erinnert mich an Berlin und mein Studentenleben. Schnell komme ich mit dem anderen Pärchen, junge Berufstätige, die um die Ecke wohnen, ins Gespräch. Sie erwarten gerade ihr erstes Baby. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, in einer Großstadt wie London ein Kind großzuziehen, aber sie versichern mir, dass Hampstead zwar teuer, aber trotzdem sehr grün und kinderfreundlich sei. Sie haben auch einen Hund, der allerdings nicht mit ins Café darf.
   Kind und Hund. So könnte ich mir mein Leben auch vorstellen. Ungewollt drängt sich das Bild in meinen Kopf: Dominic und ich, ein kleines Mädchen und ein Hund. Ich lächele. Wunschdenken oder tatsächlich eine Vision? In Bezug auf ihn traue ich meiner eigenen Wahrnehmung immer noch nicht.
   Ich denke gerade, was es doch noch für ein perfekter Tag geworden ist, als Dominic angespannt zur Tür schaut, durch die eine Frau tritt. Sie sieht sich nach einem Platz um, wobei ihr Blick auf Dominic fällt.
   »Dom, was machst du denn hier? Ist doch sonst nicht deine Szene.«
   Genau deshalb hat er mich also hierher gebracht. Nicht, weil es meine Szene ist, sondern weil er dachte, hier niemanden zu treffen, den er kennt.
   »Ellen«, grüßt Dominic knapp. Mich stellt er nicht vor, aber da wir zu viert am Tisch sitzen, halte ich die Situation für unverfänglich. »Grüß Nia, wenn du sie siehst.«
   Verdammt. Ich halte den Blick gesenkt. Ellen scheint eine gemeinsame Bekannte zu sein. Das war genau die Situation, die Dominic vermeiden wollte.
   Da an unserem Tisch kein Platz mehr ist, setzt sich Ellen ein paar Meter entfernt an einen Einzeltisch, der gerade frei geworden ist. Obwohl ich spüre, dass Dominic weg will, vermute ich, dass er bleiben wird, bis auch das Pärchen an unserem Tisch geht. So wäre es unauffälliger.
   Meine Vermutung stellt sich als korrekt heraus. Zwanzig Minuten später verlassen wir zu viert das Café, Dominic nach einem kurzen Kopfnicken in Ellens Richtung. Gute Freunde scheinen sie demnach nicht zu sein, diese Art der Verabschiedung war offensichtlich nur der Höflichkeit geschuldet.
   Auf dem Weg zum Auto muss ich mich anstrengen, um mit Dominic Schritt zu halten. »Nia nannte dich also Dom?«, frage ich, als wir in seinem Wagen sitzen und er losfährt.
   Dominic gibt ein verächtliches Knurren von sich. Der Name scheint ihm genauso wenig zu gefallen wie mir.
   »Ist es für dich okay, wenn ich weiterhin Nic sage?«
   »Dir ist schon aufgefallen, dass unsere Namen die gleiche Abkürzung haben, ja?«
   Seinen Sarkasmus kann er sich sparen. »Solange nur wir uns so anreden, ist doch klar, wer gemeint ist.«
   Dominic wirft mir einen Blick zu, sieht dann aber wieder auf die Straße. »Wie du möchtest, Nicole.«
   Immer noch besser, als wenn er mich Madame Jana nennt. Ich bin weiterhin der Meinung, dass Nic besser zu ihm passt. Und was könnte es Romantischeres geben, als den gleichen Namen zu tragen wie sein Partner? Wie sein Seelenverwandter?
   Wir fahren auf direktem Weg nach Hause. Wie sich das anhört: nach Hause. Unser Zuhause.
   Das Dominic verkaufen will, sobald sich ihm die Gelegenheit bietet.
   Ich seufze unbewusst.
   »Alles in Ordnung?«
   Dabei ist er derjenige, der gerade eine unschöne Situation hinter sich hat. Ich nicke. »Bei dir?«
   Er zuckt mit den Schultern. »Ich hoffe, dass sie’s nicht gleich brühwarm an Nia weitertratschen wird.«
   »Ist sie ihre Freundin?«
   »Nicht wirklich.«
   Ich glaube nicht, dass Nia außer Stephen Freunde hat. Und auch er ist nicht ihr Freund, sondern ihr Dom. Kein Wunder, dass Dominic nicht mit diesem Namen angesprochen werden will.
   Es ist noch früh. Zu früh, um ins Bett zu gehen. Zu heiß, um den Kamin anzumachen, selbst wenn es nur eine Kaminattrappe ist.
   »Soll ich dir einen Tee machen?«
   Das typisch englische Allheilmittel. Ich muss schmunzeln, schüttele aber den Kopf. »Lieber ein stilles Wasser.«
   Dominic hantiert kurz im Küchenbereich herum, bevor er mit einem Glas Mineralwasser und etwas, das wie Whisky on the rocks aussieht, zurückkommt.
   Ich habe es mir derweil auf der Couch gemütlich gemacht. Auf keinen Fall will ich eine Wiederholung des Nachmittags, als wir uns in den Designersesseln getrennt gegenübersaßen. Ich muss nur einen günstigen Moment abpassen. Heute Abend will ich Dominic verführen. Je weiter wir unser erstes Mal vor uns herschieben, desto nervöser werde ich.
   Vielleicht hat Dominic meine Gedanken erraten, denn er macht leise Musik an. Nichts, was ich kenne, aber angenehm unaufdringlich. Er setzt sich neben mich auf die Couch.
   Ich rutsche ein Stückchen näher. Ob es besser ist, zu warten, bis er seinen Whisky getrunken hat?
   Janny würde nicht zögern. Ich hole tief Luft, lege Dominic die Hand auf die Schulter, um Halt zu haben, und berühre seine Lippen mit meinen.
   Er scheint nur auf mein Signal gewartet zu haben, denn seine Lippen öffnen sich sofort, seine Zunge umschmeichelt meine. Innerhalb von Minuten liege ich rücklings auf der Couch und Dominic halb auf mir. Erstaunlicherweise spüre ich sein Gewicht kaum. Alles fühlt sich gut und richtig an. Jede seiner Berührungen spüre ich tief in meinem Inneren, als ob er nicht nur meine Haut, sondern auch meine Seele berührt.
   Ob er dasselbe empfindet? Oder denkt er gerade an Nia?
   Es gibt Fragen, auf die will man besser keine Antwort. Stattdessen helfe ich ihm, mein Shirt über den Kopf zu ziehen. Während er es achtlos auf den Boden wirft, bekomme ich sein Hemd zu fassen und nestel die Knöpfe auf.
   »Warte«, murmelt Dominic und richtet sich auf, während er seine Manschettenknöpfe herausnimmt und auf den Boden legt.
   Ich war noch nie mit einem Mann zusammen, der Manschettenknöpfe getragen hat. Fast erscheinen sie mir symbolisch für unsere Beziehung: ich, die kleine Studentin, er, der weltgewandte Unternehmer. Was für ein Klischee.
   Stopp!, ermahne ich mich. Erstens bin ich in ein paar Wochen mit der Uni fertig, und zweitens ist Dominic kein Unternehmer mehr. Wir wären uns ebenbürtig.
   Genussvoll streife ich ihm das Hemd von den Schultern und lasse meine Hände über seinen Brustkorb wandern. Unter meinen Fingern kann ich seine Rippen und Muskeln spüren. Trotz seiner vielen Arbeit scheint er Zeit gefunden zu haben, Sport zu machen.
   Ich beuge mich vor, um seine Brustwarzen zu küssen, eine spontane Eingebung, die Dominic scharf einatmen lässt. Im nächsten Moment schließt er seine Lippen um einen meiner Nippel. Deutlich spüre ich, wie er sich unter der feuchten Berührung zusammenzieht. Als er auch noch seine Zunge einsetzt, um die empfindliche Spitze zu reizen, stöhne ich auf. Dominic fasst es als Aufforderung auf, mit meinem zweiten Nippel genauso zu verfahren. Ich vergrabe meine Finger in seinen dunklen Locken und lasse sie dort, auch, während sein Kopf weiter nach unten wandert. Er zieht eine Spur aus feuchten Küssen über meinen Bauch in Richtung Nabel. Obwohl es so warm ist, bekomme ich eine Gänsehaut.
   »Ist dir kalt?«, murmelt Dominic zwischen den Küssen, der es anscheinend auch bemerkt hat.
   »Nein, ganz im Gegenteil«, keuche ich.
   »Hast du Angst?«
   Er klingt so zärtlich und besorgt, wie könnte ich diesen Mann nicht lieben? »Alles gut.« Alles perfekt. Der richtige Ort, der richtige Zeitpunkt und vor allem der richtige Mann.
   Dominic haucht einen Kuss in meinen Bauchnabel, woraufhin ich erst einmal kichern muss. Das Lachen vergeht mir jedoch, sobald er den Knopf meiner Jeans öffnet. Diesmal bin ich diejenige, die scharf die Luft einzieht, während Dominic mir das Kleidungsstück über die Hüften zieht. Auch meine Jeans landen auf dem Boden. Ich will mich mit seiner revanchieren, doch er ist schneller und zieht sich die Socken gleich mit aus, sodass er in nichts außer dunkelblauen Pants vor mir steht.
   Ich lasse meinen Blick über seinen Körper gleiten. »Du bist so schön.«
   Dominic lacht leise. »Normalerweise ist es der Part des Mannes, der Frau zu sagen, wie wunderschön sie ist.«
   »Du findest mich wunderschön?«, frage ich unsicher.
   Dominic bemerkt meine Schüchternheit nicht. »Lass uns ins Bett gehen, ist bequemer«, raunt er und bietet mir seine Hand an, um mich hochzuziehen.
   Sein Bett ist gemacht. Wir fallen auf die Überdecke. Er zieht mich über sich und küsst mich, während seine Hände über meinen Körper wandern. Ich genieße seine Küsse, die von sanft zu fordernd wechseln, genauso wie die Berührungen seiner Hände. Er lässt sich Zeit, bevor er den Verschluss meines BHs aufhakt und mir hilft, die Träger über meine Arme zu streifen.
   Ich will mich erneut auf ihn sinken lassen, doch er hält mich fest, sodass ich über ihm knie und sich meine Brüste genau über seinem Gesicht befinden. Ich ahne schon, was kommt, trotzdem stöhne ich hemmungslos, als sich seine Lippen erneut um meine Brustspitze schließen, diesmal deutlich leidenschaftlicher. Ich spüre seine Zunge und seine Zähne als süßen Schmerz, der direkt zwischen meine Beine schießt. Unwillkürlich rutsche ich ein Stückchen nach unten, bis ich Dominics Erektion an meinem Venushügel spüren kann. Mutiger geworden, bewege ich mein Becken sanft vor und zurück, sodass ich mich an ihm reiben kann. Die zwei dünnen Stoffschichten unserer Unterwäsche sind kaum ein Hindernis. Schon jetzt bin ich so feucht, dass ich es kaum erwarten kann, dass wir uns endlich vereinigen.
   Dominic stöhnt kehlig. Dann rollt er sich mit mir herum.
   Plötzlich starten die Bilder. Ich weiß nicht, was der Auslöser ist, aber vor meinem inneren Auge läuft ein Film ab, wie Dominic und Nia in diesem Bett miteinander schlafen. Ich schließe die Augen und öffne sie wieder, aber der Film läuft ungeachtet dessen weiter. Das darf doch wohl nicht wahr sein! Meine ganze Erregung schwindet dahin. Stattdessen fühle ich mich wie ein Häufchen Elend.
   Was nun? Spielt mir unbewusst Eifersucht auf seine Frau einen Streich, sehe ich etwas aus ihrer gemeinsamen Vergangenheit, oder habe ich eine Vision, dass Dominic und Nia wieder zusammenkommen?
   Dominic hat inzwischen auch mitbekommen, dass ich abgelenkt bin. »Alles okay? Soll ich das Licht dimmen, oder ein paar Kerzen anmachen?«
   Er ist so nett und verständnisvoll. Ich könnte heulen, aber das würde die Stimmung nur noch weiter beeinträchtigen. Also schüttele ich den Kopf und versuche, Dominic zu küssen, während er in meinem Kopf Nia küsst. Wir sind quasi zu dritt im Bett.
   So funktioniert das nicht. Ich kann mich nicht auf mich und Dominic konzentrieren. Ob es daran liegt, dass wir in ihrem Ehebett liegen? Auf der Couch sah ich diese Bilder jedenfalls noch nicht.
   Dann eben zu dritt. Von Nia lasse ich mir diese Nacht sicher nicht verderben.
   Entschlossen versuche ich, mich auf mich und meine Empfindungen zu konzentrieren. Es gelingt mir auch einigermaßen, bis Dominic anfängt, mir den Slip auszuziehen. »Warte«, keuche ich, »was ist mit Verhütung?«
   Dominics Blick ist verschleiert. »Verhütung?«
   »Ja, Verhütung. Wie beispielsweise Kondome?«
   »Wieso Kondome, nimmst du nicht die Pille?«
   »Nein!« Wie kommt er auf die Idee? Hält er mich für so promiskuitiv? Die Implikation seiner Frage wird meinem lustbenebelten Verstand erst mit ein paar Sekunden Verzögerung klar. »Heißt das, dass du keine Kondome dahast?«
   Dominic stößt einen frustrierten Laut aus und wirft sich rücklings neben mich auf die Matratze. Klar, er war die letzten sieben Jahre mit Nia zusammen, und so, wie er über seine Ehe gesprochen hat, ist er ihr treu gewesen. Wozu also hätte er Kondome im Haus haben sollen?
   Weil er sich Gedanken über seine neue Freundin macht?
   Aber ich habe ja auch nicht daran gedacht. »Und nun?«, frage ich leise.
   »Wir könnten vielleicht … Du weißt schon, nur sichere Praktiken anwenden?«
   Wie klinisch und steril das klingt. »Oder einfach nur kuscheln?«, schlage ich zaghaft vor.
   Dominic seufzt und rückt seine Erektion zurecht. Sofort habe ich ein schlechtes Gewissen.
   »Tut mir leid.«
   »Nein, mir tut es leid. Komm her.« Er zieht mich an sich, ganz nah, Haut an Haut, sodass ich seinen Herzschlag fühle. »Es ist schön, dich einfach nur zu spüren.«
   »Ja«, erwidere ich, weil seine Worte genau das ausdrücken, was ich auch empfinde, aber nicht selbst in Worte fassen konnte. Langsam flattern meine Lider zu.
   Die Bilder von Nia sind verschwunden.
   Aber um welchen Preis?
   Ich bin fast eingeschlafen, als ich Dominics Stimme höre. »Morgen besorgen wir Kondome.«

Am nächsten Morgen werde ich nicht etwa durch einen liebevollen Guten-Morgen-Kuss geweckt, sondern davon, wie sich Dominic am Telefon mit jemandem streitet.
   Nia, weiß ich instinktiv. Sollte Ellen ihr etwa schon brühwarm berichtet haben, dass sie Dominic mit einer anderen Frau gesehen hat?
   Ich ahne, dass Dominic an diesem Morgen nicht zu mir ins Bett zurückkommen wird, deshalb stehe ich auf und gehe ins Badezimmer.
   Entgegen meinen Erwartungen habe ich relativ gut geschlafen. So gut, dass ich noch nicht einmal mitbekommen habe, wie Dominic aufgestanden ist.
   Angezogen gehe ich ins Wohnzimmer, wo Dominic immer noch mit dem Handy am Ohr hin und her läuft und mir kaum Beachtung schenkt. Diesmal bin ich diejenige, die in den Küchenbereich geht, um dem Hightech-Kaffeeautomaten einen doppelten Espresso zu entlocken. Im Kühlschrank finde ich den Haferdrink, den Dominic für mich gekauft hat, und eine Flasche frischen Orangensaft.
   Die Sonne scheint auf den Küchentresen. Nur mein Schatz fehlt noch für ein gemütliches Frühstück.
   Endlich legt er auf und kommt zu mir. Außer einem Kuss auf die Wange gibt es keinerlei Liebesbekundungen.
   »War das Nia?«, frage ich, obwohl ich die Antwort schon weiß, und schiebe ihm ein Glas Orangensaft hin.
   Dominic nickt knapp und geht an mir vorbei, um sich ebenfalls einen Kaffee zu machen, bevor ich ihn fragen kann, welchen er bevorzugt.
   Anscheinend will er nicht auf den Inhalt des Gesprächs eingehen, obwohl ich ihm ansehen kann, dass ihn etwas belastet. »Macht sie Ärger?«
   »Eher Stephen. Er instrumentalisiert sie für seine Zwecke.«
   Ich nippe an meinem Kaffee und warte ab, ob er sich mir anvertrauen will, aber er schweigt.
   »Kann ich dir irgendwie helfen?«, biete ich an.
   Er seufzt. »Keiner kann mir helfen. Sieht so aus, als ob meine Karriere in London endgültig zu Ende ist. Stephen scheint es nicht nur darauf abgesehen zu haben, die Firma zu übernehmen, sondern auch, alle meine Geschäftskontakte auf seine Seite zu ziehen.«
   »Kann er das denn so einfach machen? Ich dachte, die Patente gehören dir?«, hinterfrage ich.
   Draußen schiebt sich eine dunkle Wolke vor die Sonne und wirft einen Schatten auf Dominics Gesicht. »Solange die Scheidung noch in der Schwebe hängt, hängen auch die Patente noch in der Schwebe. Was London angeht, bin ich erledigt. Ich rufe am Montag einen Makler an und gebe den Loft auf den Markt.«
   »Wo willst du denn hin?«, frage ich, während vor meinem inneren Auge bereits eine asiatisch aussehende Stadt auftaucht.
   »Singapur, weil ich da noch Connections habe, oder vielleicht Indien«, antwortet Dominic tatsächlich.
   Ich habe das Gefühl, als ob er mir den Boden unter den Füßen wegzieht. Er hatte mir erzählt, dass er nach dem Studium für ein Jahr in Singapur gearbeitet hat, aber mir war nicht in den Sinn gekommen, dass er wieder dorthin zurückgehen könnte. »Was ist mit mir? Nimmst du mich mit?«
   Dominic fährt sich wieder durch die Haare. Kein gutes Zeichen.
   »Es wäre nur für ein paar Monate. Fürs Erste«, versucht er, mich zu beschwichtigen, als er meinen Gesichtsausdruck sieht. »Nur, bis ich dort beruflich Fuß gefasst habe.«
   »Und dann?« Meine Stimme klingt schriller als beabsichtigt. »Was ist mit mir? Soll ich etwa hierbleiben, während du dir ein neues Leben aufbaust, und irgendwann nachkommen, oder wie hast du dir das vorgestellt?«
   »Nic, versteh doch, in Asien ist es leichter, mit wenig Startkapital eine neue Firma aufzubauen als in Europa. Auf dem Loft ist noch eine Hypothek. Selbst, wenn die Immobilienpreise seit der Finanzkrise wieder gestiegen sind, wird nach dem Verkauf nicht viel Geld übrig bleiben. Ich kann dir momentan nichts bieten.«
   Der wirklichen Frage ist er mit dieser Antwort ausgewichen. »Nic, rede mit mir«, flehe ich und komme mir dabei wie eine Bittstellerin vor, nicht wie seine Partnerin. Wie habe ich nur annehmen können, dass wir ebenbürtig seien? »Ich möchte bei dir sein, dich unterstützen.«
   Dominic blickt an mir vorbei. »Ich muss meine ehemaligen Kollegen in Singapur kontaktieren, ob sie mir helfen können.«
   »Lass mich dir doch helfen, bitte, schließ mich nicht aus«, bettele ich und verachte mich dafür.
   Er schüttelt nur resigniert den Kopf. »Momentan kannst du mir nicht helfen.«

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