Ein Lächeln legte sich auf meine Lippen, als ich meine Arme neben meinen Körper hängen ließ. Sollte er versuchen, mich in meine Stücke zu zerbrechen, wenn er es schaffte, würde er sich ebenso schneiden. Seit Niekes sechzehnten Geburtstag war sie nicht mehr als ein paar Monate Single. Von einer Beziehung in die nächste und nie zu viel Zeit dazwischen vergehen lassen. Dies wird ihr zum Verhängnis, als ihre Menschenkenntnis sie verlässt und sie an einen Mann gerät, der ihr nichts Gutes will. Nach und nach versucht Nieke, sich da herauszukämpfen, verliert ihre Freunde, ihren Rückhalt und gibt sich die Schuld. Soll ein kleiner Fehler ihr ganzes Leben zerstören oder kann sie wieder auf die Beine kommen?

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Elena Swan

Elena Swan
Bianca Stark wurde 1990 in Bremen geboren und wohnt noch immer im kleinsten Bundesland Deutschlands. Nach dem Abi hat sie ein FSJ in einer Kleinkindgruppe gemacht. Dort machte es nach einer langen Pause endlich wieder Klick, und seit Beginn 2013 hat sie jeden Tag an ihren Projekten gearbeitet. Vor allem in den Bereichen Fantasy, realistisches Jugendbuch und Romance fühlt sie sich wohl. Dabei zeigt sie gerne auf, dass nicht alles immer so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Unter dem Pseudonym Elena Swan schreibt sie Romance.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

Mein Handy klingelte, doch unter all den Klamotten fand ich es nicht sofort. Ich warf Tims T-Shirt hinter mich in den Wäschekorb, wo es hingehörte, was eigentlich nicht meine Aufgabe war. Ich hatte bei ihm übernachtet, und er lag noch im Bett. Meine Handtasche war nicht das Zentrum der Vibration, erst, als ich meine Jacke in die Hand nahm, fand ich mein Handy. Während ich auf den grünen Hörer drückte, schaute ich mich um. Überall herrschte Chaos, das mein Lid zum Zucken brachte. Tim öffnete seine Augen und schaute mich verschlafen an.
   »Ja?«, fragte ich.
   »Nieke, ich muss mit dir reden«, hörte ich Sarahs Stimme am anderen Ende der Leitung. Sarah war meine beste Freundin. In letzter Zeit hatte sie einiges mitmachen müssen, woran ich nicht ganz unbeteiligt war. Nachdem ihre Grundschulliebe Arndt wieder aufgetaucht war, wollte ich ihr helfen über ihren Schatten zu springen und ihm noch eine Chance zu geben, was nach hinten losging. Wir hatten einen riesigen Streit, den wir gerade klären konnten.
   Deswegen ließ dieser Satz mein Herz schneller schlagen. Wenn es einen Satz gab, der jedem Menschen Angst machte, dann dieser. Zumindest bei mir war es so, dass er meine innersten Ängste hervorkehrte und ich keinen klaren Gedanken fassen konnte.
   Während sich mein Kopf noch Horrorszenarien ausmalte, erzählte Sarah mir von dem Einbruch letzte Nacht. Ich wollte nicht glauben, dass Arndts Schwester das getan hatte. Sarah ratterte das Erlebnis herunter, als wäre es nicht weiter schlimm. Es wunderte mich, bis sie mir erzählte, was noch passiert war.
   Aus den Augenwinkeln sah ich, dass Tim aufgestanden war. Seine Hände lagen um meine Mitte, ich wand mich aus seinem Griff. Seine Berührungen hinterließen warme Spuren auf meinem Körper und sofort sehnte ich mich nach ihnen.
   »Jedenfalls hat Michael mir ein Jobangebot gemacht. Ein halbes Jahr lang durch die Metropolen Europas reisen und Räume einrichten. Wie cool ist das? Er hat auch gesagt, dass er sich um Katze kümmern würde.«
   Mit jedem Wort, das Sarah sprach, zog sich Kälte um mich. Ich wollte mich für sie freuen, aber ich wollte sie auch nicht gehen lassen. Sie brauchte mich nicht einmal für ihre Katze, sogar das übernahm ihr elendig gut aussehender Vermieter. »Wow, dass der Anzugträger sich um Katze kümmern will«, sagte ich schnell, um meine Traurigkeit zu verbergen. Ich war mir noch nicht mal sicher, warum es mich ärgerte, dass sie ging.
   »Er hat echt einen Narren an ihr gefressen. Ich kann es kaum glauben.«
   Nebenbei packte Sarah ihre Tasche weiter. Das Geräusch eines Reißverschlusses klang durch den Hörer. Ich konnte verstehen, dass die Flucht für sie willkommen war, gleichzeitig hatte ich Angst davor, dass sie nicht richtig darüber nachgedacht hatte. Eigentlich war sie nicht impulsiv.
   »Was sagt deine Mutter dazu, dass du über Weihnachten weg bist?«
   Ich griff nach der Kleidung, die überall verteilt lag, und pfefferte sie ebenfalls in den Wäschekorb. Tim schwieg, aber seine Blicke verfolgten mich. Gänsehaut überzog meine Arme, als ich an die letzte Nacht mit ihm dachte. Die Gedanken an Sarah verdrängten jedoch jede schöne Erinnerung.
   Sie sollte ihre Beziehung zu Arndt klären, darüber reden, was mit seiner Schwester geschehen war. Nicht weglaufen, nur weil es schwierig wurde. Außerdem sollte sie mich nicht einfach zurücklassen.
   Ich erschrak vor meinen Gedanken. Reiß dich zusammen, Nieke, und freu dich für deine Freundin. Sarah war niemand, der solch einen Schritt ging, ohne darüber nachzudenken.
   »Sie weiß es noch nicht, vielleicht komme ich für die Woche wieder her. Keine Ahnung. Auf jeden Fall freue ich mich, für ein paar Monate hier wegzukommen.«
   »Kann ich verstehen«, erwiderte ich und meinte es. Nach allem, was in den letzten Wochen passiert war, könnte jeder ihre Fluchttendenzen verstehen.
   »Bist du böse, weil ich gehe?«, flüsterte Sarah in ihr Blackberry.
   Ich ließ das schwarze Kleid fallen, das ich gerade aufgehoben hatte, und eine Welle der Schuld flutete mich. Sarah sollte sich nicht schlecht fühlen, nur weil ich scheinbar nicht damit klarkam, dass meine beste Freundin eine großartige Möglichkeit bekam. »Nein, ich freue mich für dich, bin nur ein bisschen müde. Hab die letzte Nacht nicht viel geschlafen.«
   Eine größere Lüge hätte ich nicht erzählen können. Nachdem ich gestern mit Tim gegessen hatte, verschwanden wir ins Bett, was mich so erschöpfte, dass ich direkt beim Film eingeschlafen war und bis heute Morgen durchgepennt hatte. Warum tat ich das? Der analytische Teil meines Gehirns hinterfragte, was mit mir los war, dass ich mich so verhielt, doch gleichzeitig weigerte ich mich, dem zu sehr auf den Grund zu gehen.
   »Ich werde dich vermissen«, schob ich schnell hinterher, damit sie nicht glaubte, dass ich sauer war. »Gerade jetzt.«
   Wir hatten noch nicht über Marc gelästert, meinen Ex-Freund, der mich vor Kurzem abserviert hatte. Ich wollte ihr erklären, warum es zwischen mir und Marc sowieso nie geklappt hätte – was nicht daran lag, dass er mich betrogen und ich schon einen neuen Mann in meinem Leben hatte. Außerdem musste ich sie noch überzeugen, Arndt eine zweite Chance zu geben. Ich musste ihr von Tim erzählen, der meine neue Sonne war, all das nahm sie mir. Ich atmete tief durch. Es war auch noch nicht solange her, dass ich mit ihr im Krankenhaus war, wegen des Angriffs von Arndts Schwester und jetzt wollte sie das Land verlassen.
   »Ich komme wieder, und du kannst in meine Wohnung gehen, wann immer du willst.«
   Es war nett von ihr, mir einen Zufluchtsort zu gewähren, obwohl sie wissen sollte, dass ich die nächste Zeit mit Tim verbringen würde. Oder tat sie es genau deswegen? Wahrscheinlich sollte ich ihr keinen Vorwurf machen. Sie dachte mich in guten Händen, dass ich sowieso keine Zeit für sie haben würde, warum sollte sie da im selben Land bleiben?
   »Das ist nicht das Gleiche«, sagte ich und biss mir direkt auf die Zunge. »Aber ich hoffe, dass du eine gute Zeit haben wirst. Lass dir nichts entgehen und schreib mir jeden Tag!«
   Der Rest des Gesprächs war schnell vorüber. Ich versprach ihr, sie zum Flughafen zu bringen und wir legten auf. In meinem Inneren tat sich ein Loch auf, bei dem ich nicht wusste, woher es kam, ich tat mein Bestes, es zu ignorieren. Wenn ich Sarah zum Flughafen brachte, konnte ich nicht gucken wie sieben Tage Regenwetter, ansonsten würde sie noch hier bleiben und mich am Ende dafür verantwortlich machen. Ich war nicht sauer auf sie, wahrscheinlich war ich nur neidisch und das sollte ich ihr nicht zeigen. Als Freundin freute man sich füreinander, genau das würde ich tun.
   »War das Sarah?«, fragte Tim mich, der gerade aus dem Bad zurückkam.
   Ich bückte mich nach dem Kleid, was ihn veranlasste, mir seine Hände auf die Hüften zu legen. Ich wollte Sarah ihre Chance nicht nehmen, aber etwas in mir sperrte sich. Wenn Sarah ihre Ruhe brauchte, war das so und ich würde nichts dagegen tun. Es war dabei egal, ob ich gern weiter mit ihr reden würde, von Angesicht zu Angesicht. Schließlich gab es Skype und Facebook. Sarah war nicht automatisch von der Welt verschwunden, nur weil sie nicht mehr in der Nähe war.

Die Stunden, bis ich Sarah zum Flughafen bringen sollte, vergingen superschnell. Wahrscheinlich, weil ich beschäftigt war mit Wohnung putzen und Unterlagen für meine Hausarbeit in der Uni zusammensuchen, damit ich mich heute Abend direkt dransetzen konnte. Deswegen waren Tim und ich extra zu mir gefahren, denn in letzter Zeit hatte ich die Uni schleifen lassen. Das Problem war, dass die Dozenten vieles eins zu eins hochluden und ich besser darin war, mir die Dinge selbst beizubringen. Wenn ich es denn tat. Außerdem war Tim die ganze Zeit da gewesen und hatte mich zumindest ein wenig abgelenkt.
   Mein Handy vibrierte. Lydia, eine Freundin aus der Uni, hatte mir eine SMS geschrieben. Heute Abend war Kneipentour und es war unumstößlich, dass ich dabei wäre.
   Ein Blick auf meinen Schreibtisch, der mit Büchern und Unterlagen übersät war, ließ mich wissen, wie dumm die Entscheidung war, zuzusagen. Meine Finger waren schneller und Lydia hatte eine positive Antwort. Nachdem ich Sarah zum Flughafen gebracht hatte, könnte ich ein wenig Ablenkung vertragen. Es war ja nicht so, als wäre sie meine einzige Freundin.
   Tim stellte sich gerade neben mich, drückte mir einen Kuss in meinen Nacken, der mich meine Augen schließen ließ.
   »Ich geh heute Abend mit Lydia und den anderen weg«, sagte ich schnell.
   Er quittierte meine Ansage mit einer Schnute, die sich zu einem Lächeln wandelte. »Ich wünsche dir viel Spaß, auch wenn ich dich lieber bei mir hätte, Babe.«
   Seine rauchige Stimme drang sofort durch meinen ganzen Körper. Diesen Effekt mochte und hasste ich zur gleichen Zeit. Genauso wie seine breiten Schultern mit den starken Armen, in die ich mich fallen lassen konnte, wenn ich nach einem langen Tag nach Hause kam. Wenn ich nur daran dachte, wie gern ich über seinen Bauch strich, wurde mir warm. Obwohl ich gern bei ihm war, würde ich mir keine Schuldgefühle einreden lassen. Ich durfte mein restliches Leben nicht aufgeben, nur weil ich einen Typen in meinem Leben hatte.
   »Ich muss los und Sarah abholen«, sagte ich, drehte mich zu ihm um, damit ich ihm einen Kuss geben konnte.
   Er küsste meinen Hals, zog mich fest an sich. Nichts täte ich lieber, als in seinen Armen zu bleiben, hier zu bleiben und mich verwöhnen zu lassen, doch ich konnte Sarah nicht warten lassen. Ich schob Tim auf Abstand.
   Widerwillig ließ er mich los, warf mir einen traurigen Blick zu und ließ sich aufs Bett fallen. Er war schon angezogen, weil er mit mir die Wohnung verlassen würde. Seine Arme waren leicht gebräunt, aber man sah ihnen an, dass diese Bräune aus dem Solarium kam. Eigentlich fand ich das nicht attraktiv, aber bei Tim hatte es einen gewissen Charme. Er war nicht schlank, hatte gerade so viele Muskeln, wie ich es mochte und ein bisschen mehr um den Bauch herum. Er sah gut aus, war unglaublich nett und half mir in jeder Situation, aus der ich nicht allein herauskam. Tim war ein Traum.
   Ich beugte mich zu ihm hinunter, drückte meine Lippen auf seine und wartete, bis er aufhörte zu schmollen. Er öffnete seinen Mund leicht, damit sich unsere Zungen berühren konnten. Sofort spürte ich ein Kribbeln in meinem Unterleib, was mir eindeutig zu verstehen gab, dass ich mich von Tim lösen musste, wenn ich vorhatte, diese Wohnung zu verlassen.
   »Ich hasse es, dass du gehen musst«, flüsterte Tim mir ins Ohr, als sich unsere Lippen trennten.
   Gott, ich fühlte mich wie ein junges Schulmädchen, das sich zum ersten Mal verliebt hatte, so viele Schmetterlinge befanden sich in meinem Magen und stoben in alle Richtungen. »Bald bin ich wieder da«, sagte ich und zog mir mein Kleid über den Kopf, während ich gleichzeitig nach meinen Stiefeln griff.
   »Jede Minute ohne dich, ist eine zu viel«, meinte Tim, und obwohl ich normalerweise nicht auf solche Sprüche ansprang, musste ich zugeben, dass sie aus Tims Mund besonders waren. Er gab mir das Gefühl, jemand zu sein, den er nicht vermissen wollte. Wann hatte ich mich das letzte Mal so gefühlt? Mit Marc war es ewig her, dass ich überhaupt das Gefühl hatte, dass er mich mochte.
   Ich verzog mein Gesicht und schob die Gedanken an Marc beiseite. Darum konnte ich mich nicht auch noch kümmern. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis wir uns trennten und um ehrlich zu sein, war es besser so. Marc hatte mich zu einem Menschen gemacht, der ich nicht sein wollte.
   Tim stand auf, um ins Badezimmer zu gehen. Meine Stiefel hatte ich angezogen, bevor ich mich vor den großen Spiegel gegenüber vom Bett stellte und mich bemühte, die ganzen kleinen Flecken, die darauf waren, zu ignorieren. Ich mochte Tim wirklich, aber wenn er weiterhin meine Wohnung genauso verdreckte wie seine eigene, würde ich ein ernstes Wörtchen mit ihm sprechen müssen.
   »Bist du so weit?«, rief ich ins Bad, weil Tim mit mir zusammen losgehen wollte, um bei einem Kumpel was abzuholen. Als Antwort bekam ich ein unverständliches Grunzen.
   Im Spiegel strahlten mich meine immer noch pinkfarbenen Haare an, ich kämmte sie schnell mit meinen Fingern durch und band sie zu einem Pferdeschwanz, der mir auf die Schultern fiel.
   »Wann kommst du wieder?«, fragte Tim und trat in den Flur.
   Ich zuckte mit den Schultern. »Du kannst später ruhig nach Hause gehen. Nachdem ich Sarah zum Flughafen gebracht habe, wollte ich noch ein bisschen was für die Uni tun, vor dem Treffen mit Lydia und den anderen.«
   »Kann ich nicht mitkommen?«
   Erst wollte ich Ja sagen, mich in ihm verkriechen und heute Abend ausfallen lassen, bis mir klar wurde, was ich da dachte. So lange kannte ich Tim noch nicht und es waren Gefühle in mir, die ich nicht kannte. Ich war mir sicher, dass es dieses Mal halten würde. Er kümmerte sich um mich. Er sorgte dafür, dass es mir gut ging.
   »Nein, wir sehen uns doch später. Zwischen uns Tratschtanten hättest du eh keinen Spaß.« Ich zwinkerte ihm zu.
   Wir traten gemeinsam vor die Haustür, und gerade als wir uns trennen wollten, griff er nach meiner Hand. »Babe, ich will, dass du zurückkommst.«
   Er sagte es mit solch einer Gewalt in seiner Stimme, dass ich lachen musste. »Ich komme immer wieder«, erwiderte ich, stellte mich auf die Zehenspitzen, um ihm einen Kuss zu geben, doch er zog seinen Kopf zurück.
   »Ich meine es ernst.« Seine Augen verengten sich zu Schlitzen und ich nickte.
   »Ich auch.«

Kapitel 2

Sarahs Koffer klapperte im Kofferraum meiner Schrottkarre, wie ich mein Auto liebevoll bezeichnete, was sie zum Lachen brachte.
   »Man weiß nicht, ob es dein Auto oder der Koffer ist«, meinte sie, obwohl ich fand, dass man es unterscheiden konnte.
   Genervt schob ich mir meine pinkfarbene Haarsträhne hinters Ohr. Noch immer verfluchte ich mich dafür, dass ich mich dazu hatte überreden lassen. Warum musste ich so eine große Klappe haben? Das kam davon, wenn man zu stur für sein eigenes Wohl war. Ich war froh, wenn meine Haare wieder braun waren. Sarah merkte, wie genervt ich war, und sie versuchte meine Stimmung mit Witzen aufzulockern, um mich dazu zu bringen, mich besser zu fühlen. Stattdessen saß ich da und wünschte mir, dass sie die Klappe hielt. Meine Hände fraßen sich in das Lenkrad.
   »Bist du wirklich nicht böse, dass ich fliege?«, fragte Sarah und schaute aus dem Autofenster, um mich nicht ansehen zu müssen.
   Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, dass sie Tränen verbarg. »Sorry, ich weiß auch nicht. Ich hab schlecht geschlafen und du bekommst es ab.«
   »Schon okay, solange du nicht böse bist.«
   Ich nahm meine Hand vom Lenkrad, legte sie auf Sarahs Hand und lächelte ihr zu. »Mach das Beste aus den Monaten. Ich werde stolz auf dich sein, egal, was du tust.«
   »Danke.«
   Sarah schien beruhigt, und es freute mich, dass ich ihr dieses Gefühl geben konnte, aber in mir war noch ein gewisser Neid vorhanden. Vielleicht auch ein Fünkchen Hilflosigkeit, die ich nicht mehr vor mir verstecken konnte. Ich richtete meine Gedanken auf den Abend, an dem ich trinken konnte und alles vergessen würde. Heute Abend würde mich davon ablenken, was hier geschah und von allem, was bis jetzt in diesem Monat passierte.
   »Da vorn ist ein Parkplatz«, sagte Sarah und riss mich damit aus meinen Gedanken.
   Sie hatte recht. Gerade, als ich dazu ansetzte, dort zu parken, drängte sich jemand anderes dazwischen. Der Fahrer zwinkerte mir zu, während ich auf mein Lenkrad schlug. Der Platz wäre perfekt gewesen, direkt vor der Tür, sodass wir nicht weit hätten laufen müssen.
   »Arschloch«, murmelte Sarah und mir entwich ein Kichern.
   Ich war es nicht gewohnt, dass meine beste Freundin fluchte. Sie stieg mit ein, und die Stimmung zwischen uns veränderte sich.
   Schnell fand ich einen anderen Parkplatz und setzte die Schrottkarre hinein. Sarah stieg aus, ging an den Kofferraum, um ihren Koffer herauszuholen. Sie hatte kaum Gepäck. Ich bewunderte sie, dass sie so leicht reisen konnte. Für den Zeitraum wären bei mir locker zwei bis drei Koffer nötig gewesen.
   »Soll ich dir was abnehmen?«, fragte ich sie und sie hielt mir den Teleskopgriff ihres Koffers hin, den ich nun hinter mir herzog. Wir machten uns auf den Weg ins Flughafengebäude, als ich den bescheuerten Idioten sah, der mir den Parkplatz geklaut hatte.
   »Da ist der Idiot«, sagte ich und stampfte auf ihn zu. »Hör mir mal zu!«
   Der Typ drehte sich zu mir um und es verschlug mir beinah die Sprache. Er sah unglaublich gut aus, das hatte ich durch das Autofenster gerade nicht bemerkt. Davon würde ich mich nicht unterkriegen lassen.
   »Schon was von Straßenverkehrsregeln gehört?«
   »Natürlich«, erwiderte er mit einem Schmunzeln, was mich zur Weißglut brachte.
   »Du hast mir gerade den Parkplatz weggenommen.«
   »Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.« Er steckte sich seine Hände in die Hosentaschen und wippte auf den Hacken.
   Sarah zog an meinem Kleid. »Ich muss zum Gate.«
   Widerwillig schnaufte ich und folgte Sarah. Dem Typen warf ich noch einen bösen Blick über meine Schulter zu, den er mit einem Lächeln quittierte. Wut hielt mich in ihrem Bann.
   »Beruhig dich, ist doch okay«, meinte Sarah, was mich nur weiter hochfahren ließ.
   »Ich mag es nicht, wenn sich Leute wie Arschlöcher benehmen und denken, dass sie damit davonkommen, nur weil sie gut aussehen.«
   Sarah nickte, aber ihre Lippen waren noch aufeinandergepresst. Ihren Koffer gaben wir beim Einchecken ab, bevor ich mich von ihr verabschieden musste. Ich wollte es nicht so enden lassen, mit meiner Wut, die die Überhand von mir hatte, doch beruhigen war gerade nicht einfach.
   »Hab Spaß auf deiner Reise«, brachte ich hervor und merkte, wie passiv-aggressiv es klang. »Erleb ein bisschen was, lenk dich ab und leb ein bisschen.«
   Ein trauriger Ausdruck zog in Sarahs Augen ein, aber sie bemühte sich zu lächeln. »Ich werde mich fragen: ‚Was würde Nieke tun?‘ und vielleicht ein bisschen weniger machen.«
   »Ich würde immer das tun, was Nieke tun würde«, sagte ich und zwinkerte ihr zu.
   »Du bist auch Nieke, du tust immer das, was du tun würdest.«
   Anstatt etwas zu sagen, schlang ich meine Arme um Sarah, damit sie mir nicht ins Gesicht sehen konnte, als dieses entgleiste. Schon seit Wochen tat ich nicht mehr das, was Nieke tat. Ich hatte keinen Spaß mehr am Weggehen und ich hielt oft meine Klappe, wenn ich normalerweise etwas gesagt hätte. Ich war wie ausgetauscht und spielte allen was vor. Vielleicht glaubte ich das nur, schließlich merkte keiner etwas. Vielleicht war das alles nur in meinem Kopf.
   »Ich werde dich schrecklich vermissen«, murmelte Sarah in meine Haare und ich erwiderte die Geste.
   Ich drückte ihr noch ein Küsschen auf die Wange, bevor ich sie losließ und sie ihre Handtasche höher zog. In ihrer anderen Hand hielt sie ihren Reisepass und das Flugticket. Eine Stimme in mir wollte sie aufhalten, sie bitten, dass sie hierblieb, aber ich brachte es nicht über mich.
   Stattdessen hob ich meine Hand, winkte ihr zum Abschied, bevor ich mich umdrehte und zurück zum Ausgang ging. Die Gedanken wirbelten wie ein Sturm in meinem Kopf. Mein Blick war zu Boden gerichtet, sodass ich nicht vorbereitet war, als ich gegen jemanden stieß.
   »Entschuldigung«, flüsterte ich schnell.
   Mittlerweile sammelten sich Tränen in meinen Augen, und ich wusste nicht warum. Nur weil Sarah ging? Alles, was mich in diesem Moment zusammenhielt, war die Aussicht, heute Abend alles vergessen zu können, dank Lydia und Alkohol.
   »Wenigstens einer von uns kann sich entschuldigen«, hörte ich eine bekannte Stimme.
   Ich blickte auf und sah dem unhöflichen Typen von zuvor in die Augen. »Verfolgst du mich?«, fragte ich ihn, als die erste Träne über meine Wange lief.
   Er schüttelte seinen Kopf, als er mich besorgt anschaute. »Ist alles okay? Hast du dich verletzt?«
   »Nein, ich kann nur nicht gut mit Abschieden.«
   »Versteh ich. Soll ich dich irgendwo hinbringen?«
   Erstaunen entlockte mir ein tiefes Lachen. Ich konnte nicht glauben, was der Typ da vorschlug. »Ich glaube nicht.«
   »Schade, ich finde dich echt cool.«
   »Ich bin auch echt cool, aber ich bin ebenso vergeben.«
   Der Typ zog seine Mundwinkel herunter, bevor er sich daran erinnerte, dass er in der Öffentlichkeit war und einen freundlichen Blick auflegte. »Entschuldige, ich wollte nicht zu aufdringlich sein. Komm gut nach Hause.«
   »Danke«, sagte ich, als er sich entfernte.
   Ich schaute ihm noch einen Moment hinterher, weil ich mir unsicher war, ob er wirklich gehen würde. Normalerweise ließen Typen nicht so schnell locker. Während ich seinen Rücken anstarrte, musste ich an Michael denken, der sich ähnlich verhalten hatte, als ich bei Sarah in der Wohnung von irgendeinem Trottel angegriffen wurde, mit dem Unterschied, dass er mich nicht nach einem Date gefragt hatte. Vielleicht waren nicht alle Typen schrecklich. Selbst wenn, hatte ich noch genug Auswahl bei den Frauen.
   Während ich zu meiner Schrottkarre ging, schaute ich auf mein Handy, als Lydia mich anrief.
   »Niekchen, wo bist du gerade?«, fragte sie mich, als ich das Gespräch annahm.
   Ich hasste es, wenn sie mich so nannte, nur konnte ich es ihr einfach nicht austreiben. »Noch am Flughafen, ich wollte mich gerade auf den Weg zu dir machen.«
   »Ne, brauchst du nicht. Planänderung, wir treffen uns bei dir und trinken da vor.«
   Ruckartig blieb ich stehen. Wollte Lydia mich verarschen? Es gab eine klare Regel in unserer Freundschaft: Niemals tranken wir bei mir vor. Ein einziges Mal hatte ich es zugelassen und meine Wohnung sah danach wie Sau aus, das würde ich nie wieder zulassen.
   »Lydia«, begann ich, doch sie redete direkt weiter.
   »Ich weiß, Niekchen, ich weiß, es ist ein Notfall. Bei mir geht es nicht, weil mein Vater heute da ist und bei den anderen auch nicht, weil die WG irgendwie renoviert wird oder so. Ich habe nicht genau hingehört. Außerdem bist du frisch getrennt, wir können dir da ein bisschen unter die Arme greifen, mit dem Aussortieren.«
   Im Prinzip hatte sie recht. Ich wollte sowieso alle Sachen durchgehen, um zu gucken, was ich von Marc wegwerfen konnte. Welche Dinge mich zu sehr an unsere gemeinsame Zeit erinnerten. Auch meinem Kleiderschrank könnte eine Entschlackung guttun.
   Ich seufzte. »Es ist eine absolute Ausnahme, ja?«
   »Natürlich«, sagte Lydia und legte auf. Ein bisschen hatte ich das Gefühl, mit einem Kind geredet zu haben, das etwas von mir gewollt hatte. Ich machte mich auf den Weg in meine Wohnung.

Kapitel 3

Ich hatte noch eine halbe Stunde Zeit gehabt, die Wohnung auf Vordermann zu bringen, bis Lydia und die anderen durch die Tür brachen. Marc hatte vor einer Woche seine Sachen herausgeholt und es fühlte sich immer noch seltsam an, die Wohnung mit ihren Lücken zu sehen. An manchen Stellen waren es nur Kleinigkeiten: der Kerzenständer, den ich gern mochte, der auf dem Regal neben dem Fernseher stand und nun fehlte. Dann größere Sachen, wie die Kommode aus dem Schlafzimmer.
   Während ich noch versuchte, Positives darin zu sehen, kam ich kaum umhin, mir Shot um Shot von Lydia eingießen zu lassen. Sie hatte noch zwei Kommilitoninnen mitgebracht, die ich kannte, nur das vierte Mädchen, das mit ihnen gekommen war, kannte ich nicht. Sie hatte dunkle Haare und volle Lippen. Während sich die anderen im Wohnzimmer ein Glas Sekt genehmigten, schaute sie nur aus dem Fenster.
   »Wer ist das?«, fragte ich Lydia und zeigte mit dem Kopf auf die unbekannte Schönheit.
   Es war kein Geheimnis, dass ich auch auf Frauen stand, weswegen Lydia mich direkt wissend anschaute. Sie hatte noch keine Ahnung von Tim und vorerst würde das so bleiben. Normalerweise würde ich es ihr sagen, aber ich wollte mir von Lydia nichts anhören müssen. Bei Sarah war es anders gewesen. Okay, vielleicht sagte ich nichts, weil ich nicht hören wollte, wie mir jeder riet, lieber erst mal Single zu bleiben und mir diese Blicke zuwarf, die klar aussagten, dass sie glaubten, ich wäre noch nicht bereit für eine neue Beziehung. Dabei hatten sie absolut keine Ahnung.
   »Das ist Mira«, meinte Lydia und grinste mich an. »Mit genug Shots kriegst du sie vielleicht rum.«
   »Du bist eklig, Ly.«
   Sie zwinkerte mir zu, bevor sie mir einen weiteren Kurzen mit Waldmeistergeschmack in die Hand drückte. Ich sollte ablehnen, weil ich heute kaum etwas gegessen hatte, stattdessen warf ich den Kopf in den Nacken und schluckte die grüne Flüssigkeit hinunter. Kurz brannte es in meinem Hals, bis der Geschmack überwog und ich eine leichte Wärme in mir aufsteigen spürte. Vom Aussehen erinnerte Mira mich ein wenig an meine erste Freundin, mit der ich über zwei Jahre glücklich zusammen gewesen war, bevor ich es mit meinen ständigen Streitereien zerstörte. Bevor ich es mir anders überlegen konnte, ging ich auf Mira zu.
   »Hey«, sagte ich und sie schaute mich unbeeindruckt an.
   »Hast du vergessen, dich umzuziehen?«
   Reue, sie angesprochen zu haben, stieg in mir auf. Sie hatte nicht gewirkt, als würde sie auf andere hinabsehen. Ihre Hochnäsigkeit hatte ich nicht kommen sehen, gleichzeitig sah ich, wie sie an ihrer Haarsträhne drehte. War sie vielleicht nur nervös? Ich sah an mir herab und musste mir eingestehen, dass sie jedoch recht hatte.
   »Du könntest mir helfen, ein besseres Outfit auszuwählen«, sagte ich und hielt ihr meine Hand hin.
   Was tat ich hier? Sie griff nach der Hand und ich zog sie hinter mir her ins Schlafzimmer. Ich konnte noch hören, wie Lydia mir etwas zurief, aber verstand die Worte nicht. Mir entging nicht, dass Mira die Tür hinter uns schloss.
   »Du bist Nieke, oder?«, fragte sie und kam auf mich zu.
   Plötzlich hatte ich das Gefühl, das sie mich abschleppen wollte und nicht andersherum, dabei war es von meiner Seite nicht einmal ernst gewesen. Ich hatte Tim und würde nichts tun, was das torpedieren würde. Zumindest nicht schon wieder. Ich hatte das Talent, Scheiße zu bauen, die mich die Menschen in meiner Umgebung kostete. Hatten wir gerade erst bei Sarah gesehen. Vielleicht wäre sie nicht aus dem Land geflohen, wenn ich sie nicht gedrängt hätte, mit Arndt zu sprechen, als sie es nicht wollte.
   »Ja, die einzig Wahre«, sagte ich und schob die blöden Gedanken beiseite. »Und wer bist du? Mehr als deinen Vornamen weiß ich noch nicht.«
   »Ich studiere auch Psychologie, bin erst vor Kurzem nach Bremen gezogen, weswegen Lydia mich eingeladen hat, heute mitzukommen.«
   »Ah, ich hatte mich schon gefragt, warum ich dich noch nie gesehen habe.«
   »Wir werden uns in Zukunft sicher öfter sehen«, sagte sie und machte einen Schritt auf mich zu.
   Sie legte ihre Hand an meine Wange und strich sanft darüber. Für eine Sekunde ließ ich es zu, dafür genoss ich die Berührung zu sehr, bevor ich den Kopf schüttelte und ihre Hand nahm.
   »Ich kann das gerade nicht tun, sorry.«
   »Warum hast du mich dann angesprochen?«
   Ich zuckte mit den Schultern. Genau wusste ich es nicht. »Du bist hübsch und sahst verloren dort am Fenster aus. Ich wollte mit dir reden.«
   Mira verschränkte die Arme vor ihrer Brust und schob ihre Unterlippe ein Stück vor, in die ich am liebsten hineingebissen hätte. Wie konnte jemand nur so unglaublich süß sein, wenn er sauer war?
   Ich wusste, dass ich mich für meine Gedanken schämen sollte, zumindest wurde mir das immer eingetrichtert, aber ich dachte nicht daran. Solange ich nichts tat, durfte ich auch fantasieren.
   »Hilfst du mir trotzdem, ein Outfit auszuwählen?«, fragte ich und hoffte, die Stimmung damit zu lockern.
   Sie nickte schweigend. Ich ging an meinen Schrank, zog ein paar kurze Kleider heraus, die ich ihr zeigte, doch keines davon bekam ihr okay.
   »Weißt du, worin du heiß aussehen würdest?«
   Ich wollte erst ein lautes »Na klar« herausschreien, denn natürlich wusste ich, worin ich gut aussah, aber ich wollte ihre Meinung wissen, also schüttelte ich den Kopf.
   »Hotpants und ein schickes Top, so was hast du bestimmt.«
   Obwohl ich sonst keine Hotpants trug, ging ich zurück zu meinem Schrank und zog das einzige Paar heraus, das ich hatte. Es war navyblau und okay, nur nicht wirklich das, was man unter heiß verstehen würde.
   »Süß«, meinte Mira und griff an mir vorbei in den Schrank, um ein schwarzes Top hervorzuziehen. Dabei streifte sie mit ihrem Arm meinen Rücken und ihr Gesicht war direkt neben meinem. Ich roch ihr Parfüm, das mich an eine Blumenwiese erinnerte. Meine Augen schlossen sich wie von selbst, als ich tiefer einatmete.
   Da spürte ich ihre Lippen auf meinen. Zu überrumpelt davon, tat ich im ersten Moment nichts dagegen. Der schöne Geruch, die Ereignisse der letzten Zeit und der Alkohol hielten mich in ihrem Bann. Ich drehte mich zu Mira, legte ihr meine Hand in den Nacken und zog sie näher an mich. Ihre Brüste drückten sich an mich und ich wusste, dass ich aufhören sollte. Das Problem daran war, dass ich nicht wollte.
   Die Zweifel verließen mich, als Mira meine Lippen mit ihrer Zunge auseinanderdrückte. Ihre Hand wanderte meine Seite hinauf, bis sie knapp unter meinen Brüsten zum Stehen kam. Ich sollte das abbrechen, dachte ich, nur fühlte es sich unglaublich gut an.
   Ihre Lippen wanderten von meinem Mund, über meine Wange zu meinem Ohr und meinen Hals hinab, während ihre Finger sich an dem Saum meines Shirts zu schaffen machten. Ich musste es ja sowieso ausziehen, um mich umzuziehen, also warum sollte ich sie das nicht machen lassen?
   »O mein Gott, Niekchen, ihr seid schlimm«, rief Lydia und ein Blitzlicht erhellte meine Sicht. Mira trat sofort mehrere Schritte von mir weg, als hätte ich sie gestochen.
   Mit einem Mal war ich vollkommen klar, meine Lippen pulsierten noch von dem Kuss, aber ich wusste, dass das nicht noch einmal passieren durfte.
   »Gib mir dein Handy«, sagte ich zu Lydia und streckte meine Hand aus. »Das Foto wird gelöscht.«
   »Zu spät«, rief Lydia und zeigte mir ihr Display.
   Das Foto war schon auf Facebook. Man konnte gut sehen, wie ich Miras Berührungen genoss, wie sie ihre Hand auf meinem nackten Bauch hatte. Ich wollte Lydia den Hals umdrehen. »Bist du bescheuert?«, schrie ich sie an und sie schreckte zurück.
   »Was ist denn mit dir los? Sonst bist du doch nicht so.«
   »Du kannst nicht einfach solche Bilder von mir online stellen, Lydia.«
   Noch während ich den Satz sagte, begann mein Handy in meiner Hosentasche zu vibrieren. Ohne aufs Display zu sehen, wusste ich, wer es war.
   »Ich kann nicht glauben, dass du nie nachdenkst.«
   Lydia schaute mich entgeistert an, als würde sie absolut nicht verstehen, was sie falsch gemacht hatte, bevor sie das Zimmer verließ.
   »Wir warten im Wohnzimmer auf dich«, sagte sie noch, dabei war ich mir unsicher, ob ich überhaupt in irgendwelche Klubs mitgehen würde.
   Mira stand neben der Tür und schaute mich an. Ihren einen Arm hatte sie um sich geschlungen, während der andere nur hinunterhing. In ihrem Blick lag Schuld, was ich nicht ausstehen konnte. Es war ja nicht so gewesen, als hätte ich mich groß gewehrt. Ich hatte den Fehler gemacht.
   »Guck nicht so, mach dir keine Sorgen.«
   »Bist du böse auf mich?«, fragte sie und Tränen traten ihr in die Augen.
   Während ich verneinte, versuchte ich darauf zu kommen, warum ich sauer auf sie sein sollte, bis es mir wie Schuppen von den Augen fiel. Die Fotos, Lydias Kommentar. »Es war eine Wette?«
   Mira nickte. »Ich hab Lydia gesagt, dass ich Frauen mag, aber noch nie eine geküsst habe und sie meinte, ich könnte mitkommen, weil du hier bist und …«
   »Lydia ist eine Idiotin«, brachte ich unter zusammengebissenen Zähnen hervor. Ich klopfte neben mir aufs Bett, um Mira zu zeigen, dass sie zu mir kommen konnte. Später würde ich mich um Tim kümmern, der mein Telefon zu einem Vibrator umfunktionierte.
   Schadensbegrenzung zu betreiben, war schließlich eine meiner Stärken. Wenn man das jahrelang machte, wurde es irgendwann zu einer Gewohnheit.
   »Es tut mir leid«, wiederholte Mira. »Ich wollte doch nur endlich …«
   »Ich weiß, was du meinst«, beruhigte ich sie. »Es wäre besser gewesen, wenn du es mir vorher gesagt hättest, dann hätte ich dir erklären können, dass es okay ist, wenn du noch nie eine Frau geküsst hast.«
   Mira richtete ihren Blick zu Boden. Es war nichts mehr von dem selbstbewussten Mädchen von gerade eben übrig. Stattdessen saß ein Häufchen Elend vor mir.
   »Dachte ich auch, aber Lydia …«
   »Lydia ist eine Idiotin, haben wir doch schon festgestellt.« Ich lächelte Mira an. »Du musst nicht auf andere hören, um irgendwie richtig zu sein. Lydia hat sich einen Spaß daraus gemacht, dich hierher zu bringen. Sie meint es nicht böse, aber sie denkt nie nach und dieses Mal ist sie viel zu weit gegangen!«
   »Warum bist du so böse auf sie? Also außer, dass sie das Foto einfach gepostet hat.«
   Ich strich durch meine Haare, die an den Spitzen unglaublich verknotet waren, und entschied mich für einen Pferdeschwanz heute Abend. Ich hatte nicht mehr die Muße, mein Haar zu bändigen.
   »Lydia weiß nicht, dass ich wieder vergeben bin. Ich habe mich ja gerade erst getrennt und mein Freund wird mir nun die Hölle heißmachen.«
   »Du wolltest auf die Kommentare verzichten?«
   Ich nickte. »Kannst du das noch ein wenig für dich behalten?«
   »Na klar«, sagte sie.
   Ich sah, dass ihr noch was auf dem Herzen lag. »Was ist los?«
   »Ich sollte das nicht fragen, aber«, sie schluckte, »kann ich dich noch einmal küssen? Es endete so abrupt …«
   Anstatt ihr zu antworten, beugte ich mich hinüber, legte meine Hand in ihren Nacken und zog sie leicht zu mir. Ich schaute ihr in die Augen, die sie erschrocken aufriss, bevor sie sie erwartungsvoll schloss. Dieses Mal führte ich den Kuss. Vorsichtig legte ich ihr meine Lippen auf ihre, wartete einen Moment, bis sie sich an das Gewicht gewöhnt hatte, und öffnete sie dann.
   Meine Zunge fand ihre. Es war erstaunlich, wie unsicher sie dieses Mal war, gleichzeitig sehr süß. Dieses Mal wurden wir nicht von Lydia unterbrochen. Ich zog meine Zunge zurück, ließ meine Lippen aber noch einen Moment auf ihren, bevor ich auch meine Hand wegnahm und den Kuss löste.
   »Wow«, stieß Mira aus und ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen.
   »Keine Sorge, du wirst noch viel mehr Frauen küssen.«
   Ich zwinkerte ihr zu, bevor ich aufstand und mein Shirt auszog, um es gegen das Top auszutauschen. Miras Blicke folgten mir, was mich nicht störte. Ich würde nicht behaupten, dass ich es nicht gut fand, so angesehen zu werden. Als ich das Top übergezogen hatte, griff ich nach dem Paar Hotpants.
   »Du bist unglaublich böse«, meinte Mira und schaute mich mit einem schüchternen Grinsen an.
   »Wieso?«, fragte ich sie mit ausgestreckter Zunge.
   »Dieselbe Frage könnte ich auch stellen, nur auf etwas anderes bezogen.« Mit den Worten verließ sie mein Schlafzimmer und ging zu den anderen ins Wohnzimmer.
   Ich schloss die Tür hinter ihr. Wieso musste ich einen Freund haben? Ich erschrak mich vor meinen Gedanken, weil ich Tim mochte und bei ihm sein wollte, aber ich konnte nicht leugnen, was ich gerade empfunden hatte. Irgendwas stimmte mit mir nicht.
   Schnell wechselte ich meine Hose. Als ich die Jeans auszog und auf das Display meines Smartphones blickte, wurde mir schlecht. Tim hatte nicht nur zehn Mal angerufen, er hatte mir auch mehrere SMSen und Nachrichten über WhatsApp geschrieben. Ich müsste sie jetzt nicht lesen, aber das war etwas, was ich nicht aufschieben konnte. Ich musste gucken, was er geschrieben hatte, ansonsten würde ich nur wieder einen Menschen verlieren.
   Schon mit der ersten Nachricht wurde meine schlimmste Angst bestätigt: Er hatte das Bild von mir und Mira gesehen. Ein weiteres Mal fluchte ich gegen Lydia, obwohl ich wusste, dass es allein meine Schuld war, ihr diese Möglichkeit gegeben zu haben. Dennoch gab ihr nichts das Recht, so ein Bild von mir zu veröffentlichen und schon gar nicht von Mira. Die nächsten Nachrichten waren alle nicht die freundlichsten.
   Ich drückte auf seine Kontaktdaten und dann auf den kleinen Telefonhörer neben seinem Namen. Alles in mir wehrte sich dagegen, nur konnte ich nicht immer vor Auseinandersetzungen davonlaufen und ich konnte nicht dieselben Fehler wie bei Marc oder Elisa damals machen.
   »Endlich«, schrie Tim in den Hörer. »Ich rufe dich seit fast zehn Minuten ununterbrochen an. Willst du mich verarschen?«
   »Ich kann es dir erklären«, sagte ich, kam danach jedoch nicht mehr zu Wort. Ich musste das Telefon einige Zentimeter von meinem Ohr weghalten, um keinen Hörsturz zu bekommen.
   Es erschrak mich, wie laut Tim war, ich hatte ihn noch nie so erlebt. Natürlich verstand ich seine Wut, ich wäre auch wütend, wenn ich ein Bild von ihm sehen würde, auf dem er eine andere Frau küsste, aber er ließ mir keine Zeit, um es zu erklären.
   »Tim«, rief ich, doch er redete sich immer weiter in Rage.
   Ich sollte mich darum kümmern. Ich sollte diesen Streit beenden, stattdessen warf ich noch Zündholz ins Feuer und legte einfach auf. Wenn ich später oder morgen mit ihm sprach, würde er sich beruhigt haben, dann würde er mir auch zuhören. Ich stellte die Vibration bei meinem Handy aus und ließ es wieder in meine Hosentasche sinken, bevor ich das Schlafzimmer verließ, um ins Bad zu gehen.
   In wenigen Minuten legte ich mir eine frische Lage Make-up auf, zog meine Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen und ging zurück zu den anderen.
   »Lydia«, sagte ich scharf und sie drehte sich zu mir um. Sie hatte gut was getrunken, was man an ihren fahrigen Bewegungen sah, aber das war mir egal. Sie musste das Bild löschen. Nicht nur um meinetwillen, sondern auch für Mira. Bei mir wussten eigentlich alle, dass ich bi war, aber bei Mira?
   »Was ist Niekchen? Hast du dich beruhigt?«
   »Ich beruhige mich, wenn du das Scheißfoto löschst, Ly.« Ich atmete tief durch, damit sie meine nächsten Worte genau verstand. »Du kannst nicht einfach so ein Foto von jemandem hochladen, ohne sein Einverständnis. Es könnte einen den Job kosten oder was ist, wenn Mira nicht geoutet ist? Es ist nicht dein Recht, es zu tun, nur weil du davon weißt.«
   Mira stellte sich neben mich und schaute mich dankbar an. Ich hatte mit meiner Annahme wohl recht gehabt.
   »Is’ ja gut, ich lösch’ das Foto.«
   Sie zog ihr Handy hervor und ich schaute ihr dabei zu, wie sie es löschte. Als es entfernt war, hielt sie mir ihr Display mit der Bestätigung entgegen.
   »Lydia, verstehst du, warum du es löschen solltest?«
   »Es tut mir leid, ich habe nicht nachgedacht. Natürlich hast du recht und die anderen Fotos waren nie so extrem, ich hätte das nicht tun sollen. Sorry auch an dich, Mira.«
   Mira schaute mich fragend an, bis ich nickte. In Zukunft würde ich nicht mehr viel mit Lydia machen, doch ich brauchte den Abend heute, um ein bisschen Energie loszuwerden.
   Normalerweise würde ich nicht so schnell drüber hinwegkommen. Wäre es Sarah gewesen, hätten wir uns noch länger gestritten, aber mit Lydia war es einfacher. Wir schrien uns an, dann lachten wir wieder. Wahrscheinlich ging das nur bei Leuten, die einem nicht unglaublich viel bedeuteten.
   »Also kommst du mit?«, fragte Lydia.
   »Ja«, sagte ich und sie warf ihre Hände in die Luft, was sie immer tat, wenn sie sich freute. Es wirkte nie nicht komisch.

Ich warf einen Blick über meine Schulter zurück in die Wohnung, nur um reines Chaos zu sehen. Erstaunlich, wie viel Unordnung ein paar Frauen in kurzer Zeit anrichten konnten. Anstatt mich darüber zu ärgern, dachte ich an den Alkohol, der gleich durch meine Blutbahnen fließen und mich den ganzen Drecksabend vergessen lassen würde.
   Wir fuhren mit der Bahn in die Stadt zum Alex, um dort mit ein paar Cocktails anzufangen. Ich verstand nicht, warum wir vortranken, nur um woanders weiter vorzutrinken, aber ich tat so, als würde ich die Logik vollkommen verstehen. Dies war die Phase, die ich nicht gern mochte, denn wenn ich schon etwas getrunken hatte, wollte ich mich bewegen und nicht in irgendeiner Bar herumstehen, um zu quatschen. Auf Small Talk konnte ich in diesem Zustand verzichten.
   Das war der Grund, warum ich an der Bar stand und an meinem Caipirinha nippte. Meine Gedanken verstummten nicht und der Alkohol schenkte ihnen nur Feuer. Ab und zu kam eine der anderen zu mir, einzig Lydia ging mir aus dem Weg. Meine Stimmung änderte sich nicht, bis sich Mira neben mich setzte.
   »Ich weiß, dass dein Abend nicht so gut anfing, aber ist das wirklich ein Grund, zu gucken, als hätte dir gerade jemand gesagt, dass du nur noch ein paar Wochen zu leben hättest?«
   Ich wollte lachen, da sie meinen Humor traf, aber es blieb mir im Halse stecken. Normalerweise haute ich solche Sätze heraus, stattdessen verschluckte ich mich. Wieso nahm mich das alles nur so mit? »Es war ja nicht alles schlecht«, hörte ich mich sagen und wollte mir am liebsten ins Gesicht schlagen. Konnte ich bitte aufhören, mit ihr zu flirten? Es führte zu nichts und ich wollte nicht solch ein Mensch sein.
   Vielleicht sollte mir das irgendwas anderes sagen. Wenn man glücklich mit jemandem war, sollte man doch niemand anderen wollen, oder? Warum fühlte ich mich von ihr angezogen? Warum klärte ich es nicht mit Tim? Warum saß ich in einer Bar, anstatt bei ihm zu sein und mich zu erklären? Ich schüttelte meinen Kopf, exte den letzten Schluck meines Cocktails und bestellte mir einen weiteren.
   Lydia kam wankend auf mich zu. »Niekchen«, lallte sie. »Lass uns endlich tanzen gehen.«
   Sofort stimmte ich ihr zu und winkte den Kellner heran, um meine Bestellung zu stornieren. Wir zahlten und machten uns auf den Weg in einen der Klubs.

Kapitel 4

Schweiß perlte an meinem Rücken hinab, ich spürte die Nässe an meinen Beinen und ich wusste, dass dieser Abend noch eine andere Richtung eingenommen hatte. Ich konnte für die paar Stunden vergessen, worum ich mich eigentlich kümmern sollte. Ich konnte Tim vergessen. Ich konnte Sarah vergessen. Ich konnte Lydias Aktion vergessen. Alles, was es gab, waren ich und die Musik. Im Einklang. Im selben Rhythmus, der mich gefangen hielt, bis ich mir nicht mehr sicher war, was zu meinem Körper gehörte und was Melodie war. Vielleicht beides. Vielleicht war ich zu einer Melodie geworden, die sich nicht mehr einfangen ließ. Ich kletterte auf den Notenlinien wie eine Tonleiter.
   Der Vergleich erinnerte mich an die Zeit, in der ich angefangen hatte, Instrumente zu lernen, nur um sie dann alle der Reihe nach aufzugeben. Ich schob die Gedanken beiseite. Auf keinen Fall ließ ich mir mein momentanes Glücksgefühl von Erinnerungen trüben, die hier nichts zu suchen hatten. Was passiert war, war passiert und ich konnte daran nichts mehr ändern.
   Ich schlug meine Augen auf, ließ meinen Blick durch die tanzende Menge streifen, während ich niemand Bestimmten suchte. Lydia war schon vor einer Stunde nach Hause gefahren, weil es ihr schlecht ging, zwei der anderen hatten sie begleitet. Mira müsste noch hier sein, außer sie hatte sich nicht verabschiedet.
   »Suchst du mich?« Ich zuckte zusammen, als ihre Stimme neben meinem Ohr erklang. Tanzen würde okay sein.
   »Du hast einen eigenen Stil zu tanzen«, meinte sie, als ich mich zu ihr umdrehte.
   Ihr Lächeln ließ mein Herz höher schlagen, was ich jedoch dem Alkohol zuschrieb. Ich war mit Tim glücklich und hatte vorhin genug getan, um dies eventuell zu torpedieren. Das wurde mein Mantra.
   Während ich noch nach einem guten Comeback suchte, legte Mira ihre Arme auf meine Schultern und bewegte sich im Takt der Musik. Ich ließ mich nicht zweimal einladen. Mit meinen Händen an ihren Hüften gaben wir uns der Musik hin.
   Mir wurde noch heißer als bei meinem Tanz zuvor. Die Nähe von Mira und ihre Bewegungen trugen ihren Teil dazu bei. Es dauerte nicht lange, bis ich wusste, dass ich nicht mehr standhalten könnte, wenn ich mich nicht von ihr löste. Ich zog sie näher, um ihr zu sagen, dass ich eine Pause brauchte, doch sie sah es als Einladung, mir ihre Lippen aufzudrücken. In jedem anderen Moment hätte ich es begrüßt, doch mein Gewissen hatte den Alkohol überboten und ich wusste, dass ich gehen musste. Wenn ich noch länger wartete, bis ich zu Tim ging, würde es ein irreparabler Schaden sein. Noch konnte ich ihm erklären, dass es eine Wette von Lydia gewesen war. Noch konnte ich ihm sagen, dass es mir leidtat.
   Mit der letzten Kraft, die ich aufbringen konnte, ohne meine Fassung zu verlieren, drückte ich Mira von mir und schaute sie entschuldigend an. Ich hasste mich in diesem Moment. Ein stärkerer Charakter hätte es nicht so weit gehen lassen, und nun gab ich ihr die Möglichkeit, mir nahezukommen. Ohne etwas zu sagen, drehte ich mich um und rannte von der Tanzfläche. Ich wollte mir einen Orden verleihen. Super, Nieke, du hast es wieder geschafft. Wenn ich mein Leben heute Abend nicht komplett vor die Wand gefahren hatte, war das ein kleines Wunder.
   Die frische Luft schlug mir entgegen und ich griff in meine Hosentasche. Ich war froh, noch mal zurückgegangen zu sein, um mein Handy mitzunehmen, denn nun wählte ich Sarahs Nummer, doch gerade, als ich den Hörer drücken wollte, fiel mir ein, dass Sarah nicht mehr in Deutschland war. Wahrscheinlich schlief sie schon längst, da es weit nach zwei Uhr morgens war. Ich konnte sie nicht wecken, weil ich Scheiße gebaut hatte. Ich musste da selbst durch.
   Reumütig machte ich mich auf den Weg zu Tims Wohnung. Immer mein Handy in der Hand, um ihn vorzuwarnen, dass ich auf dem Weg war, aber niemals eine Nachricht abzuschicken. Wenn ich ihm sagte, dass ich kam, würde er seine Wut nur wieder aufbauen können. Ich konnte es ihm erklären, ich konnte ihm erklären, was das Foto bedeutete und warum ich nicht direkt zu ihm nach Hause gekommen war. Zumindest war es das, was ich mir einredete, anstatt zu überlegen, was ich sagen wollte.
   Mit jedem Schritt, den ich durch die durch Lampen erhellten Straßen ging, verfluchte ich mich für meine Taten und dafür, dass ich mich so ins Selbstmitleid schmiss, als hätte ich nicht hart an mir gearbeitet, damit genau das nicht mehr passierte. Ein Auto fuhr an mir vorbei, aber wurde nicht langsamer. Nur ein paar Minuten eher aus dem Klub und ich hätte meine Bahn noch bekommen, die nächste fuhr erst in einer Stunde, weswegen ich mich für das Laufen entschieden hatte. Ob die Idee meine Beste war? Nein, natürlich nicht. Meine Füße brachten mich um, ich war froh, keine High Heels zu tragen, sondern nur einen kleinen Absatz. Dennoch stützte ich mich an der nächsten Wand ab, um sie mir auszuziehen, wobei meine Hand in etwas Feuchtem landete. Angeekelt zog ich sie zurück.
   Ich überlegte, ob ich wissen wollte, was es war, in das ich gegriffen hatte, entschied mich dagegen, als Übelkeit in mir aufstieg. Schnell wischte ich meine Hand an meinem Oberteil ab und zog mir die Schuhe aus. Die Kälte, die sich sofort um meine Füße schloss, begrüßte ich dankbar. Schleichend kroch sie in mir hoch, zog sich um mich herum, bis ich zu einem Eisklumpen wurde. Wenn ich kalt war, von außen und von innen, konnte mir nichts mehr wehtun. Wenn ich aus Eis war, war ich unbesiegbar.
   Ein Lächeln zog sich über meine Lippen und ich wusste, in jedem anderen Moment käme ich mir vollkommen verrückt vor, aber es machte so viel Sinn. Im Hier und Jetzt machten meine Gedanken Sinn und das war es, was mich über Wasser hielt. Was mir half, nicht den Halt zu verlieren, während ich versuchte, mich zusammenzureißen.
   Schneller als ich gewollt hatte, kam ich bei Tims Wohnung an. Ich kramte in meiner Tasche nach seinem Schlüssel, doch ich fand ihn nicht. Hatte ich ihn zu Hause liegen lassen? Eine Stimme in mir versuchte, mich zu überzeugen, dass ich zurückgehen sollte. Einfach in meine Wohnung, den Schlüssel holen, um wieder herzukommen, doch die Haustür öffnete sich, bevor ich gehen konnte.
   Ein bestialischer Geruch von Alkohol stieg mir in die Nase und zeigte mir, dass ich wieder nüchtern war. Ich zog das Eis fester um mich zusammen.
   »Da ist die Schlampe ja endlich«, sagte Tim, packte mich am Arm und zog mich hinter sich in das Haus. Die Treppen waren ein unüberwindbares Hindernis. Meine Füße gaben nach, bis ich stolperte und hinfiel. Tim riss mich hoch, die letzten Stufen krabbelte ich mehr, als dass ich sie lief.
   Etwas in mir schaltete sich aus. Ich kämpfte nicht gegen ihn, ich wartete ab, bis wir vor seiner Wohnungstür zum Stehen kamen, und richtete mich da auf. Das Eis in mir stählte mich gegen das, was in dieser Wohnung passieren würde. Meine Fantasie überschlug sich. Wenn ich nicht so von Schuld zerfressen wäre, würde ich wahrscheinlich weglaufen, aber ich hatte ihn erst wütend gemacht.
   In mir schrie alles, nicht in die Wohnung zu gehen, nur konnte ich meinen Körper nicht aufhalten. Tim zwang mich, zuerst hineinzugehen, was ich sofort tat. Er folgte mir und mit jedem Schritt, den ich hinter mir hörte, wurde die Angst größer. Mit einem Schlag konnte ich wieder klar denken, doch war nicht in der Lage, etwas gegen die Schuld zu tun, die mich hinabdrückte.
   »Was fällt dir eigentlich ein?«, schrie Tim mich an.
   Er spannte seine Muskeln unter seinem Shirt an, während ich mir auf die Lippe biss. Ich hatte Scheiße gebaut. Mal wieder hatte ich einen Menschen, der mir nahe stand, verletzt und enttäuscht. Wieder hatte ich einen Fehler begangen, von dem ich nicht wusste, ob ich ihn gutmachen konnte. Wo war das Eis, was mir eben noch geholfen hatte? Wo war die Kälte, die mich verschlossen hatte?
   Ich schniefte. »Es tut mir leid, ich hätte direkt herkommen sollen. Bitte lass es mich erkl…«
   Schmerz fuhr durch meine Wange, bevor ich den Satz beenden konnte. Da kam die Kälte zurück. Sie stählte mich. Das war das Wunderbare an dieser Art von Kälte: Sie machte dich hart. Gleichzeitig sorgte sie jedoch auch dafür, dass ich mich nicht wehren konnte. Bewegungslos stand ich da, schloss meine Augen, während ich wartete, ob das Eis zerspringen oder halten würde.

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