Als Lena und Phin nach anfänglichen Schwierigkeiten endlich zueinandergefunden haben, scheint ihr Glück nahezu perfekt. Sie lieben sich, meistern jedes Hindernis gemeinsam. Jedes peinliche Erlebnis endet mit einem Lachen, und ihre Zweisamkeit ist der Himmel auf Erden, Leidenschaft pur. Doch eines Tages schleicht sich ein Problem in ihr Leben, so klein und hilflos wie eine Feder im Wind, und droht, das Glück zum Scheitern zu bringen. Werden Lena und Phin auch diese Hürde meistern? Oder gehen sie am Ende getrennte Wege? Und was macht man eigentlich, wenn die Vergangenheit versucht, dein Leben zu bestimmen ... und nicht die Zukunft?

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ISBN: 978-9963-53-727-3

Seiten: 382

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Melanie Klein

Melanie Klein
Melanie Klein wurde am 07. September 1986 in Schweinfurt geboren. Sie war schon immer eine begeisterte und vielfältige Leserin. Schon als Kind dachte sie sich die verschiedensten Geschichten aus, brachte sie jedoch erst mit 25 Jahren zu Papier. Neben erotischen Liebesgeschichten schreibt sie auch Fantasy und was ihr sonst noch so einfällt. Nach mehreren Jahren in der Logistikbranche tätig, absolviert sie nun ihren Bundesfreiwilligen-Dienst beim Bund Naturschutz. Zuhause in einem kleinen Dörfchen mitten im Steigerwald verbringt sie die meisten Stunden ihrer Freizeit in der freien Natur mit Hund und Pferd.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

Sie bringt mich zum Träumen und zaubert mir durch ihre fröhliche Art ein ehrliches Grinsen aufs Gesicht. Sie lächelt mich mit kirschroten Lippen an, als wäre sie der glücklichste Mensch auf Erden, als hätte sie keine Sorgen, Ängste oder Bedenken. Ihre Augen sind riesig, sie nehmen beinahe die Hälfte ihres zarten Gesichtes ein.
   Das Azurblau ihrer Iriden leuchtet bis zu mir herauf. Es erinnert mich an das weite Meer auf Ko Samui, sanft, warm und beruhigend. Es beleuchtet nicht nur mein Herz, sondern auch einen neuen Tag und meine Küche – so kommt es mir jedenfalls vor.
   Und … das ist keine Frage: Meine Küche hat definitiv etwas Aufhellung nötig – vor allem nach der ungeplanten Sex-Aktion und Phins dunklem Geheimnis, das jetzt eigentlich keines mehr ist und das er mir einfach an den Kopf geknallt hat … Dieser saubl… Mistkerl. Wie dem auch sei. Im Moment bin ich mit etwas ganz anderem beschäftigt und möchte nicht an Phin denken. Also tue ich das auch nicht.
   Ich reibe mir die Stirn und verändere meine Sitzposition, danach versuche ich, mein wirres Haar zu richten, worauf ich auf einmal mindestens zehn Strähnen zwischen meinen Fingern habe.
   Mist. Ich werde alt, jammere ich innerlich. Dann atme ich laut meinen Frust aus, verdränge mit einem Lächeln auf den Lippen meinen Herzschmerz und starre auf eine wunderschöne Mädchen-Statue, von der man glauben könnte, sie wäre echt.
   Sie steht im Hinterhof des Mietshauses auf einer gesund wirkenden Grünfläche neben drei Garagen und einem grob geschotterten Weg, der vor dem Sommer unbedingt von Unkraut befreit werden sollte. Im Schutz der riesigen Fichten sitzt das junge Mädchen in ihrem weiß-blau-karierten Kleid auf einem unechten Baumstamm neben einem süßen Fuchs, der nur Augen für sie hat.
   Als ich mich ungefähr vor einer Stunde vor das Fenster stellte, um nachzudenken, über Phin, mich, über meine weitere Zukunft, einfach über alles, überschüttete mich genau dieses Bild mit tausend Ideen für einen neuen Roman, sodass ich sogar meinen alten Einfall, über den ich mir jeden Tag in Thailand den Kopf zerbrochen habe, einfach über Bord geworfen habe.
   Ich fühle mich gut mit dieser unvorhergesehenen Entscheidung – sehr sogar. Man mag es kaum glauben, aber ich habe innerhalb einer Stunde schon zwei ganze Kapitel schreiben können. Sie sind zwar noch nicht ganz ausgefeilt, und wie ich mich kenne, werde ich sie noch ein paarmal durchlesen und etwas ändern beziehungsweise verbessern, jedoch sind sie schon einmal da, was mich ungemein erleichtert.
   Bevor ich meinen Laptop auf dem breiten Fensterbrett, das ich als Schreibtisch nutze, aufklappe und einen Küchenstuhl davor positioniere, um endgültig mit dem Schreiben zu beginnen, suche ich mir einen geeigneten Arbeitstitel aus. Und dieser lässt auch nicht lang auf sich warten. Im Tal der Freundschaft.
   Das habe ich mir zur Angewohnheit gemacht und bin fest davon überzeugt, dass ich besser schreiben kann, wenn ich einen Titel vor Augen habe. Somit kommen auch ab und an unvorhergesehene und meiner Meinung nach sehr gute Ideen, die ich allein nur dann bekomme, wenn ich den Titel ansehe oder ihn mir laut vorlese.
   Und worum geht es in meinem Roman? Es ist eine Geschichte über ein junges Mädchen und einen Fuchs. Dieser ist jedoch nicht nur ein Fuchs, wie sich im Laufe der Handlung herausstellt. Er ist ein Junge, der seine neue Freundin mit einer ihr unbekannten Welt vertraut macht.
   Aber nicht nur das, er hat auch anderes im Sinn, denn seine Welt ist in Gefahr. Auf die beiden kommt ein großes Abenteuer mit Höhen und Tiefen zu. Fantasy und Magie dürfen natürlich nicht fehlen, genauso wie die Liebe …
   Ja, womit wir wieder beim Thema wären. Die Liebe. Jasmin und Merle sind vor ungefähr zweieinhalb Stunden, so gegen sechs Uhr in der Früh, gegangen. Wir haben alle drei nicht geschlafen, was meinem Körper erstaunlicherweise überhaupt nicht zu stören scheint. Ich bin munter und hellwach. Wir mussten uns sogar noch einmal Pizza bestellen, damit wir genügend Proviant für die Nacht hatten.
   Merle und Jasmin haben mich die ganze Zeit getröstet, haben mir Mut zugesprochen, in der Wohnung zu bleiben, auch wenn Phin jetzt mein Nachbar ist. Dabei fasste ich den Entschluss, dass ich mir keine neue Wohnung suchen werde. Soll Phin doch sehen, wie er damit klarkommt, mit mir als Nachbarin. Ich lasse mich jedenfalls nicht vertreiben.
   Meine Freundinnen waren für mich da, haben mit mir gegessen, geweint und gelacht. So lange, bis ich sie mit meinen Problemen nicht mehr belästigen wollte und ich auch keine Lust mehr hatte, mich mit meiner Selbstbemitleidung zu beschäftigen.
   Sie waren beide müde, haben aber nichts darüber gesagt, bis ich ihnen mit geschwollenen Augen, die mir jetzt noch teilweise die Sicht nehmen, versicherte, dass ich allein klarkomme, und das tue ich jetzt auch – für den Moment jedenfalls.
   Emma und Caleb, meine Hauptprotagonisten, sorgen dafür, sie lenken mich ab. Am liebsten würde ich mich zu ihnen in den Hinterhof setzen, mich mit ihnen unterhalten und mich bei ihnen bedanken, dass sie mir den nötigen Aufschwung gegeben und zu einer wundervollen Idee verholfen haben. Ich hoffe, mein Verleger und meine Leser werden das in ein paar Monaten auch behaupten.
   Jeder zweite Gedanke von mir ist zwar bei Phin, jedoch tut es im Augenblick nicht mehr so weh. Ablenkung ist bei Liebeskummer das beste Medikament. Es ist aber leichter gesagt als getan, wenn der Mann direkt gegenüber wohnt und ich weiß, dass er die Nacht vermutlich mit einer anderen Frau verbracht hat.
   Wer weiß, was sie getrieben haben? Nachdem er …
   Ich bekomme das immer noch nicht in meinen Kopf. Er hat mich die ganze Zeit belogen, auch in Thailand hat er keinen Ton gesagt – nichts. Was geht nur in den Köpfen der Männer vor, die behaupten, keine Freundin, Frau, Kinder oder eigene Familie zu haben? Warum tun sie das? Ich verstehe es nicht.
   Gerade frage ich mich, ob nur ich mir diese Fragen stelle, oder ob es auch anderen Frauen so geht. Vielleicht sollte ich über dieses Thema einfach einen Blog eröffnen und mir die Probleme anderer anhören, damit ich weiß, dass ich mit diesem Thema nicht allein auf der Welt bin.
   Die Sonne scheint auf das Mädchen, und ich bilde mir ein, wie sich durch die Strahlen ihre Wangen röten. Obwohl sie nur aus Stein besteht, behaupte ich, dass es ihr gut geht, obwohl sie Wind und Wetter ausgesetzt ist. Auch dem Fuchs scheint das nichts auszumachen, solange er neben seiner Freundin sitzen und sie beschützen darf.
   Ein lautes, von draußen kommendes Poltern reißt mich aus meinen Romangedanken. Ich erschrecke und ziehe instinktiv das Genick ein, als erwartete ich, dass meine Küchendecke herunterkommt. Dabei hätte ich auch beinahe noch das Wasserglas neben mir umgestoßen. Fast panisch schiebe ich meinen geliebten Laptop beiseite, um ihn in Sicherheit zu bringen.
   Keine Sekunde später nehme ich ein tiefes Ächzen wahr und ein Rascheln, als würde jemand einen schweren Plastiksack über den Boden schleifen. Unmittelbar kommt mir in den Sinn, dass die Wände in dem Mietshaus nicht sehr dick sind, denn auch ein leises Husten dringt bis in meine Wohnung, hört sich für mich jedoch so an, als würde der Übeltäter neben mir stehen.
   Mit gerunzelter Stirn drehe ich mich um, worauf ich leider auch meine Aufmerksamkeit von Emma und Caleb nehmen muss. Mein Herz geht schnell, ich horche in Richtung meiner Wohnungstür und frage mich, wer im Flur so einen Krach veranstaltet.
   Mir entfährt ein höhnisches Schnauben, als mich ein imaginärer Schlag am Hinterkopf erwischt. So eine blöde Frage, das kann nur Phin sein – dein Phin. Schließlich gibt es nur unsere beiden Wohnungen in dem Haus. Aber vielleicht ist es auch Kevin, Phins Mutter oder Vater, die für die Werkstatt aufräumen. Zugegebenermaßen wäre mir jetzt ein Einbrecher am liebsten …
   Mit zusammengepressten Lippen umarme ich mich selbst, kratze mich an der Schulter und stiere auf meine im italienischen Stil hergestellte Küchenuhr. Jasmin hat sie um zwei Uhr nachts für mich aufgehängt, weil ihr langweilig war. Sie tickt und tickt. Jede Sekunde wird sie lauter und lauter. Dann ein Geräusch, als würde jemand ein schweres Möbelstück verrücken, diesmal gefolgt von einem lauteren Husten. Ich bin zwar kein Arzt, aber ich bin der Meinung, dass sich das nicht gut anhört.
   Ich fange an zu frösteln. Eine Gänsehaut bildet sich auf meinem Körper. Auf einmal wird es wieder ruhig, als würde ich mich allein auf der Welt befinden. Doch die Stille hält nicht lang, denn mein Magen fängt plötzlich an zu knurren, obwohl wir fast die ganze Nacht durchgegessen haben.
   Somit wird es wohl Zeit für eine kleine Schreibpause. Ich habe ehrlich gesagt nichts dagegen. Auch, wenn das vermutlich für manche Autoren die Hölle auf Erden ist, aufzuhören, sobald die Ideen nur so aus einem heraussprudeln. Aber mit leerem Magen arbeiten, geht auch nicht – bei mir zumindest nicht.
   Zufrieden drehe ich mich wieder Emma und Caleb zu und lächele sie an. »Bis später, ihr zwei«, sage ich, klappe meinen Laptop zu und stehe auf. Sobald meine nackten Füße den Boden berühren, strecke ich mich, wobei meine Gelenke knacken wie die einer alten Frau.
   Ich streichele meinen Bauch, habe noch immer die Kleidung von gestern an und sehe kurz in die Sonne. Daraufhin bin ich gezwungen, meine Augen zusammenzukneifen. Meine Oberlippe beginnt zu zittern, und ich bekomme langsam echt Hunger.
   Doch meine Vorfreude auf etwas Essbares hält sich leider in Grenzen, wenn ich daran denke, dass in meinem Kühlschrank gähnende Leere herrscht. Ziemliche Leere sogar, darin brennt nicht einmal Licht, denn ich habe ihn noch nicht eingeschaltet.
   Ich muss wohl oder übel meine Wohnung verlassen und einen Supermarkt betreten. Dass ich dabei Phin über den Weg laufen könnte, verdränge ich, so gut ich nur kann. Aber genau das macht mich nervös und bringt mein Herz in einen falschen Rhythmus.
   Okay, ich drehe mich einmal im Kreis, um in meiner Küche nach einer Lösung für mein Problem zu suchen. Ich sollte mich eventuell erst einmal frisch machen und mir etwas anderes anziehen. Was soll Phin denken, wenn er mich im selben Aufzug wie gestern erwischt?
   Eigentlich kann ihm und vor allem mir das völlig egal sein. Vielleicht sollte ich gerade deshalb nichts an meinem Äußeren ändern, um ihn abzuschrecken, um ihn von mir fernzuhalten … und auch andere Männer.
   Das ist ein sehr guter Gedanke, lobe ich mich.

Nach einer belebenden Dusche und frischer Kleidung stehe ich wieder in meiner Küche und entwerfe im Kopf einen Einkaufszettel, während ich überprüfe, ob mein dicker Geldbeutel in meiner Handtasche ist.
   Aber dann überkommen mich wieder Zweifel. Abrupt stoppe ich die Suchaktion und starre aus dem Fenster, wünsche mich wieder vor den Laptop. Zu Emma und Caleb und in meine neue Welt, die ich für die beiden noch entwerfen werde. Was, wenn doch Phin vor meiner Wohnung herumwuselt? Wie soll ich mich verhalten, wenn ich ihm begegne?
   Ich werde nervös, fühle mich, als müsste ich noch einmal zur Führerscheinprüfung antreten, die ich ohne einen Fehler bestanden habe. Verhalte dich nicht so dämlich, du bist erwachsen, schimpfe ich mit mir.
   Tief durchatmend tippele ich mit den Zehen in meinen halb offenen Schuhen und ziehe meine Hose nach oben. Stell dich deinen Ängsten, rede ich weiter auf mich ein, rücke meine Schultern zurecht und nicke. Auf geht’s.
   Ich mache auf dem Absatz kehrt und marschiere entschlossen und mit erhobenem Kopf auf die Wohnungstür zu. Wie eine Besessene fixiere ich die in unecht golden gefasste Klinke, greife enthusiastisch danach und drücke sie schnell nach unten. Danach schlüpfe ich hastig und mit rasendem Herzen, als würde mich jemand verfolgen, durch die Tür, bevor ich es mir wieder anders überlege. Puh, geschafft.
   Am liebsten würde ich mir selbst auf die Schulter klopfen und mir eine dreistündige Lobesrede vortragen. Aber … was ist das denn? Im Flur angekommen, bleibe ich erst einmal wie versteinert stehen, wobei die Tür hinter mir zufällt. Anschließend betrachte ich das Chaos, das sich innerhalb einer Nacht gebildet hat.
   Wahnsinn! Was ist denn hier passiert?
   Bevor ich auch nur einen weiteren Gedanken an dieses Durcheinander verschwenden kann, wird mein größter Albtraum wahr. Mein Herz bleibt für Sekunden stehen, mir stockt der Atem. Genauso wie bei Phin, der gerade aus seiner Wohnung will, es jedoch nicht einmal schafft, die Türschwelle zu überqueren, weil mein Erscheinen ihn fest mit dem Boden verankert.
   Mist, fluche ich innerlich, ich habe es geahnt. Krampfhaft beiße ich mir auf die Zunge und presse die Lippen zusammen. Mein erster Gedanke, während ich wie eine halb verrostete Statue vor ihm stehe: Zieht er aus, zu seiner Freundin? Mein zweiter: Ist er krank? Sein Auftreten macht mir Sorgen, obwohl ich eigentlich stinksauer auf ihn sein sollte.
   Mit dunklen Rändern unter den Augen, als hätte er sich für Halloween geschminkt, hüpfen seine Pupillen hektisch von rechts nach links, nach oben und unten, auf der Suche nach einem Ausweg oder den richtigen Worten für unseren kritischen Schlamassel. Ob uns ein Therapeut helfen könnte?
   Phin erscheint ausgelaugt. Sein Gesicht, aber auch sein ganzes Auftreten wirken eingefallen, lust- und kraftlos. Er schnieft und hustet ständig. Das Leuchten seiner Augen will heute nicht zum Vorschein kommen.
   Ich erkenne sofort, dass ihm etwas fehlt und es ihm nicht gut geht. Vor Mitleid verziehe ich das Gesicht, für ihn, um sein Unwohlsein zu unterdrücken. Obwohl das überhaupt nichts bringt. Auf der Stelle bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Sieht er etwa unseretwegen so aus?
   Ich bin schon kurz davor, ihn zu fragen, ob ich ihm irgendwie helfen kann, ob ich ihm etwas holen oder ihn zum Beispiel zu einem Arzt fahren soll, aber … Dann fällt mir wieder ein, dass ich eigentlich aus einem ganz bestimmten Grund wütend auf ihn bin und dass er es eigentlich nicht anders verdient hat. Was soll eigentlich immer dieses dumme Eigentlich?
   In Gedanken schlage ich mit der Faust gegen die Wand. Ja, verdammt, ich bin wütend, sehr sogar. Oder? Nur ein bisschen vielleicht? Mist, der Kerl macht mich noch ganz kirre. Wie kann ein Mensch es nur schaffen, eine andere Person so unentschlossen zu machen und aus dem Gleichgewicht zu bringen? Wie kann ein einziger Mensch es schaffen, mich so zu beeinflussen, dass ich nicht mehr weiß, wo vorn und hinten ist?
   Ich bin durcheinander, wundere mich aber über mich selbst, dass ich Phin nicht wie eine wilde Katze an die Gurgel springe, ihn schlage, trete, beiße oder beschimpfe. Mark wäre jetzt bestimmt angefressen, weil er damals einen gewaltigen Eiertritt bekommen hat.
   Aber Phin … Vielleicht kann ich ihm doch nicht richtig böse sein? Gibt es das, nach alldem, was er sich geleistet hat? Ich weiß nicht, wie ich die Gefühle, die ich für ihn habe, ausdrücken soll. Ich liebe ihn, das ist klar. So stark, dass ich ihm verzeihen könnte?
   Aber im Grunde genommen kenne ich ihn doch fast überhaupt nicht, und außerdem hat er eine Freundin, also wird das wohl nichts mit uns. Können wir einfach nur nette Nachbarn oder gute Freunde sein? Könnte ich mich darauf einlassen, mich damit zufriedengeben?
   Jede Faser in meinem Körper schreit nach Zeit für klare Gedanken, für eine richtige Entscheidung. Welche Entscheidung? Die Nachbarn-und-gute-Freunde-Entscheidung? Möglicherweise wäre in dieser Freundschaft auch ein Verhältnis enthalten. So könnte er weiterhin mit seiner Freundin zusammenbleiben und auch mit ihr noch ins Bett hüpfen. Nein, sicher nicht.
   Phin räuspert sich und fährt sich durch sein feuchtes Haar. Er schwitzt wie ein Schwein, er wird immer blasser, und meine Sorgen werden immer größer. »Guten Morgen«, ächzt er, als hätte er eine schlimme Mandelentzündung.
   Als von mir kein Gegengruß kommt, ich mich nur an meine Handtasche kralle und ihn begaffe wie ein seltenes Tier im Käfig, nimmt er wortlos wieder seine Arbeit auf. Angestrengt bläst er seine Nase auf und bückt sich, um einen schweren Karton aufzuheben. Der komplette Flur steht mit Möbel, Kleidersäcken und einer riesigen Reisetasche voll.
   Sobald ich Phin bei seiner Arbeit beobachte, sich sein verschwitztes Shirt auf seine angespannte Haut legt und sich mir jeder Muskel mit einer aufreizenden Herrlichkeit präsentiert, zucke ich plötzlich zusammen und reiße die Augen auf. Mit einem lauten Schlucken wende ich meinen Blick von ihm ab und fixiere den Boden.
   Unmittelbar und ungefragt schleicht sich unser gestriger Sex in meinen Kopf, sorgt für höchste Aufregung und auch dafür, dass ich ins Schwitzen komme. Ein heftiger Blitz durchfährt meinen Unterleib und bringt meine ganze untere Körperhälfte ungesteuert zum Pochen. Krampfhaft unterdrücke ich ein Stöhnen und beherrsche mich, nicht auf die Knie zu fallen, weil meine Beine an Standhaftigkeit verlieren.
   Ich atme tief durch und versuche, mich wieder zu sammeln. Mit beinahe verrenktem Kopf stehe ich da, schnaufe laut, beobachte, wie sich mein Brustkorb senkt und hebt. Ich möchte auf keinen Fall vor Phin einen Orgasmus bekommen. Ein Höhepunkt allein durch meine Gedanken ausgelöst – dabei mussten er und sein bester Freund nicht einmal zum Einsatz kommen. Das sollte ihn ehren, das schafft bei mir nicht jeder Mann.
   Phin lässt sich von meinem bescheuerten Verhalten nicht abbringen und schichtet weiter seine Kartons, mal lautlos, mal mit einem gequälten Seufzen. Somit sagt er mir leider auch, dass meine Gebete nicht erhört wurden: Phin zieht nicht aus, sondern ein. Was hat das zu bedeuten?
   Von Knall auf Fall verschwindet das Pochen, und mir fällt wieder ein, was er mir angetan hat. Meine Wut stellt sich in den Vordergrund, mein Herz schlägt schnell. Leider kann ich dies nicht richtig zuordnen. Ist es mein Zorn, oder ist es, weil Phin direkt vor mir steht?
   Ein Teil in mir würde gern zu ihm gehen, ihm sagen, dass ich ihm verzeihe, ihn liebe und dass ich mit ihm zusammen sein will. Aber der andere Teil sagt mit einer herrschenden Stimme, dass ich mich von ihm fernhalten, ihn nicht beachten und ihn leiden lassen soll. Er soll sehen, was er mit seiner dämlichen Aktion erreicht hat. Nämlich, dass er mich damit verloren hat.
   Kaum ist mein Gedanke zu Ende, kommen die Zweifel zurück. Was wäre, wenn? Hat er mich wirklich verloren? Kann ich meinem Vorhaben standhalten und mich wirklich von ihm fernhalten? Nicht mehr mit ihm reden, ihn nicht mehr küssen oder … Ich schreie innerlich meinen Namen, kreische und schimpfe. Verdammt! Ich muss hier so schnell wie möglich weg.
   Also drehe ich mich um, jedoch so, dass ich Phin noch im Blickfeld habe. »Guten Morgen«, kommt tief und fest aus meinem Mund. Anschließend verrenke ich meinen Kiefer, als hätte ich schon seit zehn Jahren kein einziges Wort mehr von mir gegeben. Kurz darauf wühle ich in meiner Handtasche herum und untersuche, ob ich für meinen Einkauf auch alles dabeihabe.
   Dann bemerke ich, dass ich keine Kartonschichtgeräusche mehr höre, dafür aber Phins Stimme, niedergeschlagen und geschafft. »Lena, ich … können wir … reden, vielleicht … jetzt.«
   Ich presse die Lippen zusammen und schüttele den Kopf, während mir die Handtasche durch meine groben Griffe schon leidtut. »Reden?«, frage ich mit einer hohen Stimme. »Schon wieder? Wie oft denn noch?«, werde ich barsch, obwohl ich das nicht will, dennoch mache ich weiter. »Ich will ehrlich gesagt nichts mehr von dir hören.«
   Mir entfährt ein tiefer Atemzug, worauf ich mich schlagartig etwas beruhige. Ich darf keine Schwäche zeigen. »Ich habe gestern genug gehört. Du hast dich klar und deutlich ausgedrückt«, entgegne ich ihm mit einer gelassenen Tonlage, um gefasst und vor allem stark herüberzukommen. »Lass mich einfach in Ruhe. Ich habe darauf nämlich keine Lust mehr.«
   Aber mein neuer Nachbar hört nicht auf mich. Aus den Augenwinkeln heraus sehe ich, dass er auf mich zukommt. »Aber ich …«
   Ich hasse es, wenn Mann und Frau nicht die gleiche Sprache zu sprechen scheinen. Hastig drehe ich mich um, schramme mit der Schulter die Wand und strecke den linken Arm aus, damit er weiß, wie viel Abstand er gefälligst zu mir halten soll. »Halte dich von mir fern, Phin! Ich meine es verdammt noch mal ernst.«
   Eine Sekunde später tut es mir wieder leid, und ich würde mich am liebsten bei ihm entschuldigen, obwohl das seine Aufgabe wäre. Genauer genommen hat er das schon getan – mehrmals. Gestern … nach dem Sex. Herrgott noch mal! Warum kann er mich nicht einfach in Ruhe lassen? Für heute wenigstens.
   Phin sieht mich an, als hätte ich ihm mit einer Nagelpistole in den Kopf geschossen. An seinem Hals zeigen sich rote Flecken, er kratzt sich daran. Danach reibt er sich seine feuchte Stirn. »Okay«, wispert er und nickt langsam. Seine Augen sind geschwollen und rot unterlaufen.
   Meine Mundwinkel sacken nach unten. Okay? Das ging aber jetzt leicht. Jedoch plagt mich noch ein anderes Problem. Meine Sorge um seinen Zustand wächst von Mal zu Mal. Was ist nur los mit ihm? Er scheint wirklich krank zu sein. »Geht … geht es dir gut?«, traue ich mich, dann doch zu fragen.
   Er blinzelt schnell, als würde ihn das schummrige Flurlicht blenden. »Ja, alles bestens«, gibt er mir mit einer rauen Stimme zu verstehen und wendet sich von mir ab. Sein T-Shirt klebt an seinem Rücken, und in seinem Nacken sammelt sich eine Schweißperle nach der anderen.
   »Ich muss jetzt einkaufen gehen«, sage ich wie ein normaler Mensch. Wie kann man sich nur so bekloppt aufführen? Wir sind doch schon länger erwachsen. Obwohl Phin mich nicht sieht, zeige ich unsicher mit den Augen auf meine Handtasche und deute hinter mich auf die verschlossene Tür. »Mein Kühlschrank ist nämlich leer«, erzähle ich, obwohl er das wahrscheinlich überhaupt nicht wissen will.
   Phin lacht leicht, sein Körper bebt. »Meiner auch. Der ist nicht einmal an.«
   Hm, so wie es aussieht, scheinen wir doch mehrere Gemeinsamkeiten zu haben. Fragend runzele ich die Stirn. Oder soll ich ihm etwas mitbringen? Darauf kann er jedoch lange warten.
   Er bückt sich wie ein alter Mann mit schlimmen Rückenschmerzen und hebt einen Sack hoch, der seiner Körperhaltung nach zu urteilen Steine beinhalten muss. »Ich will dich nicht aufhalten«, ächzt er, läuft humpelnd in die Wohnung und verschwindet mit dem schweren Sack um die Ecke. Er schnauft laut, was sich in meinen Ohren noch immer nicht gut anhört.
   Kann ich ihn in dem Zustand allein lassen? Soll ich ihm nachgehen, ihm beim Schleppen helfen? Oder vielleicht sollte ich jetzt einfach gehen und in der Werkstatt Bescheid geben, dass Phin Hilfe benötigen könnte? Dass er nicht gut aussieht, eher wie der wandelnde Tod?
   Ja, das scheint mir eine gute Idee zu sein. Somit habe ich ihn, wenn man genauer darüber nachdenkt, schließlich auch geholfen – obwohl er es nach wie vor nicht verdient hat. Und das Beste daran ist, dass er von meiner Samariter-Tätigkeit nichts mitbekommt.
   »Guten Morgen«, reißt mich plötzlich eine freundliche und mir bekannte Stimme aus meinen Gedanken. Sofort drehe ich mich herum und erfasse Phins Mutter, die die letzte Treppenstufe noch vor sich hat. »Guten Morgen, Lena«, sagt sie nochmals und lächelt bis über beide Ohren, als hätte ich ihr für ihre Mietwohnung in aller Öffentlichkeit eine Fünf-Sterne-Bewertung gegeben.
   Sie strahlt mit der Sonne um die Wette und macht auf mich den Eindruck, als könnte ihr heute nichts die gute Laune nehmen. Genau so habe ich Frau Brinkmann kennengelernt. Ich mag Menschen, die für jeden ein Lächeln übrighaben.
   Menschen, die sich auch an kleinen Dingen des Lebens erfreuen. Menschen, die ihr Leben zu würdigen wissen und ihr Dasein lieben.
   Bei ihrem Anblick kann ich nicht anders, als auch zu grinsen. Ich gehe ihr einen Schritt entgegen und nicke. »Guten Morgen, Frau Brinkmann«, begrüße ich sie ebenfalls freundlich, unterdessen kommt auch Phin wieder in den Flur, wohl eher geschlurft.
   Er schreckt zusammen, als seine gut gelaunte Mutter auf uns zukommt. »Nicht doch«, murmelt er. Anschließend verdreht er die Augen und reibt sich mit einem verzogenen Gesicht den Brustkorb.
   Frau Brinkmann schenkt jedoch erst mir ihre volle Aufmerksamkeit. »Wie geht es Ihnen, meine Liebe?«, will sie wissen und kommt vor mir zum Stehen. Sie trägt eine lila Bluse zu einer hellbraunen Jeans, und ich bin überzeugt davon, dass dieses Outfit sie jünger wirken lässt. »Haben Sie gut schlafen können?«
   Ich verkneife mir ein boshaftes Lachen. Allerdings, denke ich gehässig, so gut wie noch nie in meinem Leben. »Es geht mir gut«, versuche ich, so glaubwürdig wie möglich herüberzubringen. »Die erste Nacht war … in Ordnung.« Mein Gott, wenn sie wüsste, dass ich etwas mit ihrem liierten Sohn habe – nein, hatte –, würde sie mich vermutlich aus der Wohnung werfen.
   »Das freut mich«, entgegnet sie. »Haben Sie meinen Sohn Phin schon kennengelernt?« Nun wendet sie sich ihm zu, worauf ihre gute Laune mit einem Schlag verschwindet. Ihre Mundwinkel sacken wie auf Kommando nach unten, worauf sich kleine Fältchen um Augen und Lippen bilden. »Ach, du lieber Himmel. Phin, was ist hier denn los?«, fragt sie beinahe schockiert, als ihr das Ausmaß der Verwüstung vor der Wohnung klar wird. Sie runzelt die Stirn, dann formen sich ihre Augen zu Schlitzen. »Und wie siehst du eigentlich aus?« Je länger sie ihren Sohn mustert, desto mehr Sorge zeichnet sich in ihrem Gesicht ab. »Bist du krank?«
   Phin hebt die Arme und öffnet den Mund, um etwas zu sagen, lässt es aber sein. Seine großen Hände klatschen auf seine Oberschenkel, und seine Schultern sacken geschlagen nach unten. So habe ich ihn noch nie gesehen. Er wirkt auf einmal sehr rat- und orientierungslos. Seine Augen werden wässrig, was er mit Reiben loszuwerden versucht. »Ich … ich …«, stammelt er. »Nein, mir … geht es gut.«
   »Das sieht aber nicht so aus«, verbessert Frau Brinkmann seine Antwort. »Phin, was ist los?« Sie wird ziemlich ernst, geht auf ihren Sohn zu und legt ihm eine Hand auf die Stirn. »Du bist ganz warm.« Danach streichelt sie liebevoll über seine Wange und seinen Hals. Anschließend schüttelt sie ratlos den Kopf und sieht sich im Flur um, kratzt sich dabei die Schläfe. »Warum stehen deine ganzen Sachen im Flur?«
   Ja, das würde mich auch interessieren.
   Kaum ist mein Gedanke zu Ende, trifft mich plötzlich ein undefinierbarer Blick von Phin, den ich schon fast als böse bezeichnen würde. Ich zucke zusammen und schlucke laut. Sein Ausdruck vermittelt, als sei ich daran schuld, dass er krank ist und hier alles vollsteht. »Ich will damit heute noch fertig werden«, brummt er.
   Als ich Mutter und Sohn so sehe, komme ich mir mit einem Mal wie am falschen Ort vor. Und so ist es auch. Ich beginne vor Unsicherheit zu frösteln. Demzufolge scheint das wohl mein Moment zu sein. Jetzt ist er ja nicht mehr allein, und ich kann mich unbesorgt aus dem Staub machen.
   Um nicht wortlos und unfreundlich zu verschwinden, räuspere ich mich laut. »Ich muss jetzt los«, sage ich und deute mit dem Daumen auf die Treppe. »Einen schönen Tag noch«, wünsche ich, drehe mich schnell um und mache mich auf den Weg.
   »Danke, Ihnen auch, Lena«, höre ich noch Frau Brinkmann, während ich schon die Treppe hinunterlaufe und hoffe, dass Phin fertig ist, wenn ich zurück bin. Ich möchte ihm heute nicht unbedingt noch einmal begegnen – vor allem, wenn er so aussieht und ich ständig Mitleid mit ihm bekomme.
   Die letzte Stufe springe ich erstaunlicherweise gut gelaunt hinunter und lande sicher mit beiden Beinen auf dem Boden. Ich lächele und nehme mir vor, dass das auch den Rest des Tages so bleiben soll. Warum auch nicht? Das Wetter ist schön, ich habe mit meinem neuen Roman beginnen können, mein Umzug ist so gut wie fertig und … ich werde mir jetzt etwas zu Essen kaufen. Läuft doch alles wie am Schnürchen.
   Da soll doch mal jemand sagen, dass ich meine jetzige Lebenslage nicht im Griff habe. Warum sollte ich mir von einem kranken Phin, der aussieht, als wäre der Sensenmann höchstpersönlich hinter ihm her, die Laune verderben lassen?
   Mit zusammengepressten Lippen bleibe ich kurz vor der offenen Haustür stehen und drehe mich noch einmal um. Das dringende Bedürfnis, in Lichtgeschwindigkeit die Treppe wieder hochzurennen, Phin meine Hand auf die Stirn und dann auf die Wange zu legen, so, wie es seine Mutter getan hat, breitet sich wie ein Lauffeuer in mir aus.
   Nein, Lena, spricht die Vernunft in mir, du willst das doch eh wieder nur solange, bis dir einfällt, dass er dich von vorn bis hinten verarscht hat. Und denk daran, was er mit dir in Thailand gemacht hat, oder was er nicht getan hat. Und nicht zu vergessen, der geniale Sex auf dem Küchentisch.
   »Grr«, knurre ich und raufe mir die Haare. Eine Sekunde später laufe ich in den Hof hinaus und mache mich auf den Weg, bevor ich es mir anders überlege.

*

Meine Lider werden mit jedem Atemzug schwerer, jedoch lasse ich es mir nicht nehmen, Lena hinterherzuschauen. Ihr goldbraunes Haar liegt friedlich auf ihrem Rücken. Wie gern würde ich ihr noch einmal ins Gesicht sehen, ihr vielleicht ein Lächeln schenken.
   Ich starre ihr so lange nach, bis sie auf der Treppe verschwindet und ich meine, die Sonne würde untergehen, obwohl sie erst seit ein paar Stunden am Himmel steht. Mich schüttelt es innerlich. Mir scheint es, als würde ich jeden Augenblick das Bewusstsein verlieren.
   Niedergeschlagen senke ich den Kopf und unterdrücke meine mörderische Übelkeit, die mich schon seit gestern Abend plagt. Ich muss mir einen Magen-Darm-Virus eingefangen haben, denn die Unterhaltungen mit meinem Klodeckel, die ich seit den frühen Morgenstunden fast stündlich führe, werden langsam zur Angewohnheit. Wie gern würde ich mich in Begleitung eines Eimers einfach in mein Bett legen und schlafen, bis ich wieder gesund bin.
   Aber meine jetzige Situation und vor allem meine Mutter lassen das nicht zu. Sie steht vor mir und redet ungebremst auf mich ein, doch ich nehme keines ihrer Worte richtig wahr. Am liebsten würde ich sie bitten, zu gehen, zu ihr sagen, dass sie mich in Ruhe lassen soll, dass ich jetzt keinen Nerv für ihre Ratschläge habe, die zu fünfundneunzig Prozent immer hilfreich sind.
   Seit Mitternacht bin ich damit beschäftigt, meine Sachen aus Iris’ Wohnung zu räumen, denn ich habe es endlich geschafft, mich von ihr zu trennen, nachdem sie mich überraschenderweise in der Kampfsportschule abgeholt hat.
   Die Autofahrt nach Hause war die Hölle. Niemand sprach auch nur ein Wort, obwohl wir niemals Probleme damit hatten, ein geeignetes Gesprächsthema zu finden. Iris starrte nur aus dem Fenster, verzog ihr Gesicht bei jedem Schlucken und hielt ihre Tränen zurück. Als würde sie ahnen, was ich vorhabe. Das Schweigen war uns beiden sehr unangenehm. Doch sobald wir bei ihr angekommen sind und die Tür ins Schloss gefallen ist, konnte ich mich nicht mehr halten und zog einen endgültigen Schlussstrich. Schützend, um schnell die Flucht ergreifen zu können, sollte die Lage außer Kontrolle geraten, positionierte ich mich zwischen der Couch und der Wohnungstür.
   Ich versuchte mit aller Macht, die passenden Worte zu finden, frage mich jetzt, ob es diese überhaupt gegeben hat. Ich redete mich zwar in Rage, aber stotterte, als hätte ich eben erst sprechen gelernt. Ich wollte sie nicht verletzen, was mir eh nicht gelungen ist, dennoch versuchte ich, es ihr so schonend wie möglich beizubringen. Je länger ich nach Ausreden und grammatikalisch einwandfreien Sätzen suchte, desto sicherer wurde ich, fühlte mich jedoch immer schlechter. Nicht, weil mein Magen rebellierte, sondern Iris wegen.
   Sie hörte mir sprachlos zu, presste beinahe schmerzhaft die Lippen zusammen, als müsste sie sich zurückhalten, mir nicht ins Wort zu fallen. Im ersten Moment nach meiner Beichte kam sie mir vor, als würde sie die Luft für Stunden anhalten und mit ihrem steifen Blick die Zeit zum Stillstand bringen.
   Mit verschränkten Armen stand sie vor mir, noch immer die Einkaufstüte in der Hand, und gab keine Regung von sich. Mit einem kalten Ausdruck, den ich so noch nie bei ihr gesehen habe, verschlimmerte sich meine Übelkeit von Sekunde zu Sekunde.
   Ich schluckte hart und wich ihr aus, war zu feige, ihr in die Augen zu sehen. »Ich wollte es dir schon eher sagen, aber dann starb dein Vater und ich …«
   Iris schnaubte verächtlich und warf die Einkaufstüte auf ihre heilige weiße Couch. »Wie rücksichtsvoll von dir«, sagte sie bissig. Ratlos streckte sie ihre Arme in die Luft. In ihren Augen bildeten sich Tränen, die ich hervorgerufen habe. »Ich habe ja auch gemerkt, dass es zwischen uns zurzeit nicht gut läuft, aber …«
   Sie schüttelte den Kopf und deutete in Richtung des Schlafzimmers, dann fuhr sie mit dem Zeigefinger ihre Unterlippe nach. »Ich habe darauf keine Lust mehr, Phin«, gestand sie auf einmal und wirkte in meinen Augen recht gefasst. »Es … es ist so anstrengend. Ich kann nicht mehr. Ich habe versucht, es dir in letzter Zeit immer recht zu machen. Ich hatte sogar nichts dagegen, dass du allein nach Thailand gefahren bist, und jetzt …«
   Sie schluckte laut. »Ich will, dass du heute noch deine Sachen aus meiner Wohnung schaffst und mich dann in Ruhe lässt.« Ohne mir auch nur eine Emotion gezeigt zu haben, wandte sie sich ab und stellte sich mit verschränkten Armen an das große Fenster, vor ihr die Lichter Hamburgs. »Bitte«, raunte sie noch, was in der Stille um uns kaum zu verstehen war.
   Ich runzelte die Stirn und war etwas erstaunt über ihre Worte und ihre ruhige Art. Ich hatte mit einer dramatischen Szene gerechnet, vielleicht auch mit einer heftigen Ohrfeige, aber das verschlug mir im ersten Moment die Sprache. »Okay«, flüsterte ich, widersprach ihr nicht. Ich beließ es dabei, ging ins Schlafzimmer und räumte meinen Schrank in Lichtgeschwindigkeit leer.
   Anschließend stellte ich meine ganzen Sachen im Flur ab, damit ich Iris nicht ständig über den Weg laufen muss. Zwischendurch musste ich mich andauernd übergeben, was mir unheimlich viel Zeit stahl. Ich könnte schon längst fertig sein. Um Hilfe wollte ich niemanden bitten, weil ich mir die Moralpredigten von Familie und Freunden ersparen wollte.
   Als ich mitten in der Nacht nach vier Stunden Packen und Zusammenräumen fertig wurde, suchte ich noch einmal Iris auf, die sich in der Küche auf ihrer kleinen Sitzecke versteckte und aus dem Fenster stierte. Nicht einmal, als ich zu ihr kam, schenkte sie mir ihre Aufmerksamkeit.
   Ich nahm ihr das nicht einmal übel. Wenn sie zu dem Zeitpunkt gewusst hätte, wie erleichtert ich mich fühlte, hätte sie mich vermutlich doch angeschrien, vielleicht geschlagen oder mich in die Hölle verflucht.
   Ich räusperte mich, aus Unbehagen und weil meine Kehle durch das ständige Übergeben gereizt war. »Ich werde jetzt gehen«, berichtete ich ihr, was sie vermutlich überhaupt nicht interessierte. »Kann … kann ich dich allein lassen?«, fragte ich aus Sorge, sie könnte sich etwas antun. »Soll ich Leonie anrufen?«
   »Verschwinde, Phin!« Sie wischte sich eine Träne von der Wange. »Du hast mich die letzten Wochen ständig allein gelassen, also tu jetzt nicht so, als würde es dich interessieren, wie es mir geht.«
   Ich nickte und legte den Haustürschlüssel auf den Tisch. »Falls etwas ist, kannst du mich jederzeit anrufen«, bot ich ihr noch an. Ein Teil von mir machte das, weil er es ernst meinte. Der andere jedoch war sich sicher, dass sie das niemals in Erwägung ziehen würde, egal, wie schlecht es ihr gehen sollte. »Du weißt, wo du mich findest«, fügte ich hinzu. Keine Minute später stand ich im Flur und lehnte mich niedergeschlagen, aber auch extrem erleichtert, gegen die Wand.
   Dann überkam es mich wieder. Ich stieß auf und schluckte schnell, um einen erneuten Brechanfall zu verhindern. Ich bekam Schweißausbrüche, und mir war furchtbar schwindelig. Es wurde immer schlimmer und jetzt … jetzt stehe ich hier und sehe wahrscheinlich aus wie der wandelnde Tod.
   Irgendwie werde ich den Gedanken nicht los, dass Lena oder Iris mir diesen schlimmen Magen-Darm-Virus verpasst haben. Wahrscheinlich habe ich es auch nicht anders verdient.
   »Es ist Iris, stimmt’s?«, nehme ich meine Mutter wie durch eine dicke Fensterscheibe wahr. Sie hat ihre schützende Stellung vor mir noch nicht aufgegeben. »Du hast dich wirklich von ihr getrennt«, stellt sie mit Wehmut in der Stimme fest. Ihre Lautstärke wird mit jedem Wort klarer. Meine Eltern mochten Iris von Anfang an sehr, behandelten sie wie ihre eigene Tochter und nahmen sie sofort mit offenen Armen in die Familie auf.
   Ich drehe mich nickend von ihr weg und stütze mich an der Wand ab, weil ich bald keine Kraft mehr habe, diesen beschissenen Umzug zu überstehen. »Scheiße, ja«, krächze ich.
   Weichei, beschimpfe ich mich. Mein Herz zieht sich zusammen, weil ich mir vorstelle, wie Iris immer noch still und starr in ihrer Küche sitzt und vermutlich darüber nachdenkt, was sie in unserer Beziehung falsch gemacht hat.
   Sie tut mir leid, und ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich sie allein gelassen habe und auch, weil wir nicht richtig über die Trennung gesprochen haben. Aber sie wollte meine Anwesenheit und Hilfe nicht. Ich kann sie verstehen. Wer will schon in dieser Situation den Mann an seiner Seite haben, der sich gerade von einem getrennt hat? Vielleicht kann ich sie in ein paar Tagen zu einem Gespräch überreden – oder eher Wochen.
   Meine Mutter schnieft und schluckt. »Ist …« Sie zögert. »Ist es endgültig? Kann man nichts mehr tun?«, fragt sie mich wie einen Arzt, der gerade den Todeszeitpunkt einer Leiche bekannt gegeben hat.
   Ich stoße auf und habe Angst, meine Speiseröhre würde verätzen. Meine Güte, vermutlich passiert das auch gerade. Mein Brustkorb schmerzt bei jedem Atemzug, und meine Augen brennen. Warum konnte dieser dämliche Virus nicht noch einen Tag warten?
   Mit vorgehaltener Hand wende ich mich ihr wieder zu, lehne mich mit dem Rücken gegen die Wand und lasse mich geschlagen auf den Boden sinken. Ich kann nicht mehr, ich bin im Moment fertig mit der Welt und hasse mich dafür, dass ich mich von so einer dämlichen Krankheit in die Schranken weisen lasse. So leicht haut mich eigentlich nichts um.
   Schon halb ohnmächtig kratze ich mich am Hinterkopf und nicke. »Ja, es ist aus – für immer«, beantworte ich ihre Frage, winkle die Oberschenkel an und presse sie an meinen Bauch. Der Druck mindert die Übelkeit und die Schmerzen, worauf ich aufatme.
   Meine Mutter kniet sich vor mich und legt mir wieder eine Hand auf die Stirn. »Du gehörst ins Bett«, stellt sie fest. Dabei drückt sie ihre Mundwinkel in die Wangen und runzelt die Stirn. »Du …«
   Ich unterbreche sie mit einem kurzen Husten. »Es ist Lena«, rutscht es mir heraus. Ich will es nicht mehr für mich behalten, ich will darüber reden, sonst platzt mein Gehirn, mein Herz, meine Seele, … alles.
   Ein fragender Blick trifft mich. Ihr Kinn legt sich in Falten. »Lena?« Sie deutet mit den Augen auf Lenas Wohnungstür und grinst, als wäre ihr Name etwas ganz Besonderes. »Ja, sie ist deine neue Nachbarin, und so, wie es aussieht, scheint ihr euch gut zu verstehen.«
   Ich verdrehe die Augen und krümme mich, als sich mein Magen schmerzhaft zusammenzieht. »Das meine ich nicht«, sage ich grantig. Vielleicht hätte ich damit doch nicht anfangen sollen.
   Sie legt ihre Hände auf meine Knie und beugt sich mir ein Stück entgegen. Daraufhin kommt mir ihr Duft nach frischen Blüten und Lavendel entgegen, der mich zur Kindergartenzeit immer beruhigen konnte, wenn ich nicht wollte, dass sie ohne mich wieder geht. »Ich verstehe nicht.«
   Tränen schleichen sich in meine Augen. »Lena ist die andere Frau, genau die, die ich Thailand kennen…« Ich stoppe und lehne den Kopf gegen die Wand. Dann denke ich an all die wundervollen Momente mit Lena und blicke in die wartenden Augen meiner Mutter. »Und die ich lieben gelernt habe. Sie ist der ausschlaggebende Grund, warum ich es nicht noch einmal mit Iris versuche und mich von ihr getrennt habe.«
   An dem überforderten Ausdruck meiner Mutter erkenne ich, dass sie über dieses Gespräch sehr verwundert ist. Ich habe noch nie mit ihr über meine Liebes- oder Beziehungsprobleme gesprochen. Sie formt ihre roten Lippen zu einem O und nickt. »Weiß … Lena davon?«, will sie wissen und setzt sich neben mich, da sie durch eine Operation vor ein paar Jahren nicht mehr lange knien kann.
   Wir sind eingeschlossen von meinen ganzen Sachen, und ich wäre im Augenblick der glücklichste Mensch der Welt, wenn das ganze Zeug schon in meiner Wohnung wäre. Warum habe ich es erst noch einmal im Flur abgestellt und nicht gleich hineingetragen?
   Sobald sie sitzt und sich unsere Schultern berühren, runzele ich die Stirn und drehe den Kopf in ihre Richtung. »Was meinst du? Von Iris?« Mit aller Kraft, die ich noch zur Verfügung habe, unterdrücke ich ein Gähnen.
   Meine Mutter grinst. »Nein, dass du sie magst.«
   Mir entfährt ein misslungener Lacher, der sich eher wie das Keuchen eines Kettenrauchers anhört. »Ich mag sie nicht nur«, mache ich ihr energisch klar. »Ich liebe sie.« Ich benutze meine Hände zum Sprechen. »Ich habe es nicht zu ihr gesagt. Ganz im Gegenteil, ich habe alles versaut – von Anfang an. Sie will nichts mehr mit mir zu tun haben.«
   Meine Mutter atmet auf. »Vielleicht …«
   Auf einmal kommt es mir so vor, als würde mir jemand ein Messer in den Magen rammen. Mit einem lauten Stöhnen beuge ich mich nach vorn und halte die Luft an, um dem Schmerz zu entgehen. Dabei reiße ich die Augen auf und stiere auf eine Kiste, in die ich zwei Anzüge gestopft habe. Der schwarze Stoff quillt wie kochendes Wasser über den Rand und … »Scheiße«, keuche ich und stelle mich auf alle viere, um irgendwie so sinnvoll wie möglich aufzustehen.
   »Das reicht jetzt«, sagt meine Mutter mit fester Stimme. »Ich werde Victor anrufen, dass er nach dir sehen soll.« Sie legt sanft ihre Hand auf meinen Rücken und streichelt mich. »Du gefällst mir überhaupt nicht.«
   Da hat sie schlechte Karten. Victor ist noch in Thailand.
   Ich schüttele den Kopf, stemme Hände und Knie in den Boden. »Nein, ich bin schon den ganzen Tag am Kotzen«, sage ich, als würde das ihre Sorge nehmen. »Ich habe mir nur einen Magen-Darm-Virus eingefangen.« Das wird ihre Bedenken auch nicht mindern. »Das muss wirklich nicht sein. Morgen bin ich wieder fit.«
   Ich hoffe, dieser Wunsch erfüllt sich über Nacht. Auch, weil Jan nicht sehr erfreut war, als ich ihn vorhin anrief und sagte, dass ich heute nicht ins Büro kommen werde. Er hat in letzter Zeit immer die Stellung gehalten, was ich ihm hoch anrechne. Ich bin ihm auf jeden Fall etwas schuldig. Aber das muss jetzt noch ein paar Tage warten.
   Meine Mutter erhebt sich und putzt sich die Hose ab. »Dann hat das hier ja Zeit.« Kameradschaftlich greift sie mir unter die Arme und hilft mir beim Aufstehen.
   Ich stöhne, als hätte ich eine schlimme Schussverletzung in der Bauchgegend. Meine Beine fühlen sich an wie Gummi, und ich torkele wie ein Betrunkener. »Nein, ich … ich will damit heute noch fertig werden.« Mit einer Hand wische ich mir den Schweiß von der Stirn, mit der anderen klammere ich mich regelrecht an meiner Mutter fest, um nicht in den nächsten Sekunden wieder auf dem Boden zu liegen. »Und ich muss meine restlichen Sachen noch bei Iris holen.«
   Meine Mutter lacht gehässig und bläst eine Haarsträhne von ihrer Stirn. Sie zeigt mit einer Hand auf die Treppe. »Willst du mich für dumm verkaufen?«, fragt sie, und ich habe keine Ahnung, ob sie jetzt wirklich eine Antwort von mir haben möchte.
   Wütend stiert sie mich mit ihren sonst so freundlichen und hellen Augen an. Sie kneift eines zusammen, versucht, sie aber gleichzeitig zu verdrehen, worauf eine gruselige Grimasse entsteht. »Phin, jetzt ist es aber genug. Du wirst heute gar nichts mehr machen, außer dich ins Bett legen«, schreibt sie mir mit einer tiefen Stimme vor.
   Was soll das? Ich bin doch keine zwölf mehr. Auf der Stelle will ich protestieren und schüttele heftig den Kopf, worauf ich beinahe gestürzt wäre, hätte sie mich nicht gehalten. Heute meint es niemand gut mit mir, nicht einmal ich selbst.
   »Du kannst dich kaum mehr auf den Beinen halten«, ächzt sie angestrengt und lehnt mich gegen die Wand. »Wenn du jetzt nicht sofort in deine Wohnung gehst und den Umzug auf morgen verschiebst, dann werde ich dich ins Krankenhaus fahren.«
   Fang jetzt bitte nicht so an, fluche ich innerlich und mit offenem Mund. Ich fühle mich wie fünf.
   Siegreich zieht meine Mutter ihre perfekt gezupften Brauen nach oben und wartet kurz, ob ich erneut widersprechen möchte. Wenn sie jedoch mit Krankenhaus droht, verkneife ich es mir. Keine zehn Pferde bekommen mich freiwillig in ein Krankenhaus. Nachdem Marie …
   Ich senke den Kopf und brumme unverständliche Worte, um ihr zu zeigen, dass ich es nicht fair von ihr finde, so mit mir umzugehen – dazu noch in einer Lage, in der ich mich nicht richtig zur Wehr setzen kann.
   Meine Mutter betastet wieder meine Stirn, danach meine Wange. »Sei vernünftig, Phin. Ich bitte dich«, sagt sie sanfter. »Ich werde deine restlichen Sachen bei Iris holen und dabei auch gleich mal nach ihr sehen. Und den Rest räumen wir auf, wenn du wieder gesund bist. Kevin und dein Vater werden uns sicher auch helfen.«
   Als würden ihre besorgten und wahren Worte jetzt erst mein Gehirn erreichen, gebe ich ihr recht. »Das klingt gut.« Meine Glieder werden immer schwerer. Mit dem Kinn zeige ich auf das Flurfenster, das in den Hinterhof zeigt. »Ich überlege, ob ich in die Penthousewohnung ziehe, damit ich Lena nicht ständig über den Weg laufe und Kevin endlich Ruhe gibt. Jetzt würde es ja gehen, da Iris und ich nicht mehr … Iris ist ja jetzt nicht mehr da.«
   Sie stülpt auf meinen Vorschlag hin ihre Lippe nach unten, wodurch sich ihr Kinn in Falten legt. »Darum kannst du dich auch später kümmern.«
   Meine Glieder werden schwer, ich blinzele mehrmals und schiele nach oben, als würden sie klemmen. Gegen meine meine Mutter komme ich heute nicht mehr an. »Okay.« Ich kann meine Augen kaum mehr offen halten. »Du hast recht. Ich sollte wirklich ins Bett gehen.«
   Sie atmet tief durch. »Sehr schön, dass du zur Vernunft kommst. Und ich bin so schnell wie möglich wieder hier.«
   Zur Bestätigung gebe ich ihr nur einen lang gezogenen Seufzer und wünschte, ich läge schon in meinem Bett. Meine Übelkeit verschlimmert sich, als ich an die große Entfernung zwischen Flur und Schlafzimmer denke. Ungefähr fünf bis zehn Meter, die ich im Moment als unüberwindbar darlege und schwer daran zweifele, heute noch dort anzukommen.
   Jedoch ist meine Retterin an meiner Seite und lässt mich nicht im Regen stehen. »Aber erst bringe ich dich rein.« Sie legt meinen Arm um ihren Nacken und ihren um meine Hüften. »Geht es?«
   Ich nicke nur und lasse alles widerstandslos über mich ergehen. Wie ein nasses Handtuch hänge ich in dem Armen meiner Mutter. Sie schleppt mich, ohne sich auch nur einmal zu beschweren, in meine Wohnung, obwohl ich größer und schwerer bin als sie. Mit geschlossenen Augen lasse ich mich von ihr in mein Schlafzimmer führen. Dann spüre ich nur noch, wie ich falle, auf etwas Weiches, Wundervolles und Vertrautes.
   Nach ein paar Sekunden fühle ich ihren Atem auf meiner Wange, keinen Wimpernschlag später ihre Lippen. »Das wird schon wieder.«
   Ich atme tief durch. »Danke, Mum«, bekomme ich noch heiser heraus, bevor ich in einen tiefen und hoffentlich erholsamen Schlaf falle.

Kapitel 2

Ich schleiche vollgepackt durch den dämmrigen Flur und steuere die Treppe an. Ein kleiner Teil von mir ist angespannt, und meine Ohren sind gespitzt, sodass ich sofort reagieren kann, sollte ich etwas Verdächtiges hören. Es bleibt jedoch ruhig. Sehr schön! Hätte ich meine Hände frei, würde ich mir über den Kopf streicheln, mich mit sanften Tönen loben, weil mein Plan aufgegangen ist.
   Ich war so lange wie es nur ging unterwegs. Nach einem gemütlichen Einkauf in einem kleinen Tante-Emma-Laden keine zehn Minuten Fahrt von hier entfernt, besuchte ich am Mittag noch meine Eltern. Erstens, um sie zu sehen, weil ich ja erst zwei Wochen im Urlaub war und zweitens, um ihnen zu sagen, dass sie heute nicht mehr vorbeikommen müssen.
   Jasmin, Merle und ich haben letzte Nacht schon mal mit dem Einräumen begonnen, und den Rest werde ich auch allein schaffen. Nur mein Bett müsste einer der Männer noch zusammenbauen, aber das hat Zeit, meine Couch ist auch bequem.
   Meine beiden Retterinnen rief ich natürlich auch noch an, um ihnen mittzuteilen, dass bei mir soweit alles wieder in Ordnung ist und dass sie sich um mich und meinen Liebeskummer keine Sorgen mehr machen müssen. Mindestens einhundert Mal bedankte ich mich bei ihnen für ihre Unterstützung in der letzten Nacht.
   Ein wenig habe ich schon ein schlechtes Gewissen, dass ich ihre Nerven so strapaziert habe. Dass ich wie ein kleines Kind geheult und sie stundenlang mit meinen Problemen vollgejammert habe, statt mit wunderschönen Urlaubserzählungen. Dafür sind Freunde doch da, sagten sie gemeinsam und lachten.
   Ich hatte sie beim Arbeiten erwischt, obwohl sie unter Stress standen, nahmen sie sich Zeit für unser Telefonat. Sie jobben beide in einer großen Kunstgalerie und waren eben dabei eine Ausstellung zu planen, die in vier Wochen stattfinden soll.
   Die beiden machen einfach alles zusammen. Sie wohnen in einer riesigen WG und hatten mir nach der Trennung von Mark angeboten auch dort einzuziehen. Jedoch lehnte ich dankend ab. Ich mag sie alle beide wirklich sehr. Aber ich bin mir sicher, dass ans Schreiben oder Ruhe nicht zu denken wäre. Und die brauche ich nun einmal in meinem Job.
   Außer Jasmin lässt sich wieder von einem Fremden im Park hernehmen, dann hätte es zu Hause für eine kurze Zeit etwas ruhiger sein können. Nein, ich wollte für mich sein, eine eigene Wohnung, in der ich mich zurückziehen und es mir so richtig gemütlich machen kann. Und das habe ich auch gefunden, wenn man die Tatsache außen vor lässt, dass Phin mein Nachbar ist.
   Ich kam genau zur richtigen Zeit bei meinen Eltern an, denn Mama war gerade aus der Schule gekommen und mit dem Kochen fertig geworden. Papa, der sich extra für die restlichen Arbeiten meines Umzug freigenommen hat, folgte, und wir genossen einen schönen Nachmittag. Erst zu dritt, dann gesellte sich Tim noch zu uns. Ich konnte ihnen mehr von Thailand erzählen, auch endlich ein paar Fotos zeigen, da Mia nicht anwesend war.
   Es war herrlich und beruhigend und ich kam auf andere Gedanken. Zu meinem Erstaunen erwähnten meine Eltern Phin mit keinem Wort, wogegen ich natürlich nichts einzuwenden hatte. Es war einfach eine lockere und unbeschwerte Unterhaltung zwischen, Tochter, Vater, Bruder und Mutter. Wir lachten viel und hatten eine Menge Spaß.
   Wir vergaßen völlig die Zeit. Erst als es dunkel wurde und Mama das Licht einschaltete, machte ich mich auf den Weg nach Hause. Und jetzt stolpere ich hier durch das düstere Haus und verhalte mich wie eine Diebin, die heute ihre Premiere feiert.
   Als ich an der grünen Werkstatttür vorbeilaufe, höre ich dahinter laute Rockmusik und Kevin, der aus voller Kehle mitsingt. Ich verkneife mir ein Lächeln, wundere mich, dass er noch in der Werkstatt ist und freue mich für ihn. Denn ihm scheint sein Beruf sehr zu gefallen.
   Ich traue mich nicht, das Licht einzuschalten und meine Ankunft zu verkünden. Wie lächerlich. Soll das jetzt in Zukunft immer so ablaufen? Oder ich muss es das nächste Mal einfach so einrichten, dass ich nach Hause komme, wenn es noch hell ist? Ja, das wäre eine gute Lösung.
   Aber nicht für heute. Bevor ich die Treppe in Angriff nehme, knipse ich mit dem Ellenbogen das Licht an und muss erst einmal heftig blinzeln, damit sich meine Augen an die Helligkeit gewöhnen. Die dünnen Henkel der Einkaufstüten schneiden in meine Handinnenflächen, und die Handtasche rutscht mir ständig von den Schultern.
   Noch nicht einmal ganz oben angekommen, sehe ich schon, dass es vor Phins Wohnung noch genauso wie heute Morgen aussieht. Chaos pur. Kein einziges Möbelstück, kein Karton und kein Sack haben sich auch nur einen Millimeter bewegt.
   Mir entweicht ein Brummen. Mist! Was braucht er denn so lange, um die Sachen in seine Wohnung zu räumen? Vorsichtig steige ich die letzten Stufen nach oben und betrachte das Durcheinander. Ein Wunder, dass ich noch meine Wohnung gefahrlos und ohne Hindernis erreichen kann.
   Schnurstracks laufe ich auf meine Tür zu und vermeide es, nach links oder rechts zu sehen. Ich stelle die Tüten ab und krame den Schlüssel aus meiner Handtasche. Einen Atemzug später höre ich ein lautes Röhren, worauf ich meinen Kopf zu Phins Wohnung wende. Seine Tür steht sperrangelweit offen und freundliches Licht kommt mir wie ein Sonnenaufgang in Thailand entgegen.
   Ich zucke ungewollt zusammen, als ich ein Husten, Keuchen und Stöhnen höre. Mir wird bei diesen Tönen sofort klar, dass Phin vermutlich über seiner Kloschüssel hängt und seinen Magen auf eine nicht angenehme Weise entleert.
   Fragend runzele ich die Stirn. Ist er wieder allein? Wo ist seine Mutter? Warum singt Kevin wie ein Irrer unten in der Werkstatt, während sich Phin die Seele aus dem Leib kotzt? Und warum zum Teufel steht seine Tür offen?
   Vorsichtig neige ich den Kopf zur Seite und luge wie ein Spanner in seine Wohnung, die gleich im Wohnzimmer beginnt. Mir zeigt sich eine lila Riesen-Couch, ein großer Flachbildfernseher und ein wuchtiger Esstisch mit den dazu passenden Stühlen.
   Ich wage langsam einen Schritt nach vorn und sehe eine offene und riesige Designer-Küche. Im ersten Moment denke ich: Schick, wie ein Architekt so lebt, im zweiten, dass der Architekt vermutlich meine Hilfe benötigt. Gott, was erwartet mich hinter dieser Tür?
   Nervös spiele ich an meinem Haustürschlüssel herum. »Phin?«, rufe ich zaghaft in seine vier Wände.
   Zur Antwort bekomme ich nur ein Röhren, als würde ich mich mit einem wütenden Bären unterhalten. Verdammt, was soll ich jetzt machen? Ich kann doch nicht einfach in seine, in eine fremde Wohnung gehen. Nicht, dass ich noch eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch bekomme. Aber wie sagt man immer so schön, wenn man in einer fremden Wohnung steht und erwischt wird? Die Tür stand doch offen. Als ob das eine passende Begründung wäre … oder eine Einladung.
   Unsicher schwenkt mein Blick zur Treppe. Ich könnte Kevin holen. Aber wer weiß, was der in seiner Werkstatt veranstaltet. Dort kann ich auch nicht einfach so um diese Uhrzeit hereinplatzen. Ich lasse meine Hände fallen und schüttele den Kopf. Meine Hin- und Herüberlegungen bringen alle nichts, ich muss über meinen Schatten springen.
   Also fasse ich mir ein Herz, schmeiße die Haustürschlüssel in meine Handtasche, lege sie zu den Einkauftüten und steuere schnurstracks den Weg in Phins Wohnung an.
   Mir kommt ein Geruch nach Orangen und Zimt entgegen – irgendwie sanft und weihnachtlich. Bis dahin vergehen jedoch noch ein paar Monate. Hier und da stehen seine Umzugskartons herum. Aber nun befinde ich mich vor einem neuen Problem: Wo ist das Badezimmer?
   Immer den Tönen nach. Dunkler Laminat ziert den ganzen Raum. In einer Ecke steht eine große Lampe, daneben ein helles Side-Bord mit Glastüren und blauem Licht. In der anderen Ecke befindet sich ein mörderisch großes Buchregal und dazwischen eine Tür, auf der Badezimmer in Großdruckbuchstaben steht.
   Als hätte er gewusst, dass ich komme. Zwischen Küche, deren Blick ich meide, weil ich sonst neidisch werden könnte, und der Couch steuere ich die Tür an und … stelle mich davor. Entschieden rücke ich meine Schultern zurecht, hebe die Hand, forme sie zu einer Faust und klopfe sachte an, sodass ich das Holz kaum auf meinen Knöcheln spüre. »Phin, kann ich reinkommen?«
   Ein grausames Husten, das selbst meine Lungen zum Schmerzen bringt, bekomme ich als Antwort.
   Unsicher verziehe ich das Gesicht und reibe mir die Stirn. »Geht es dir gut?«, versuche ich es weiter, obwohl ich mir diese Frage vermutlich hätte sparen können. Also die nächste. »Kann ich etwas für dich tun? Soll ich wen anrufen oder Kevin holen? Bist du allein? Wo ist denn deine Mutter?« Ich rattere die Fragen herunter, ohne auch nur einmal Luft zu holen.
   Er brummt, schnieft und räuspert sich.
   Soll ich einfach reingehen? Was, wenn er nichts anhat oder … die Kloschüssel nicht rechtzeitig erwischt hat? Ich bin keine Krankenschwester oder irgendein Pfleger, die menschliche Ausscheidungen anderer einfach so kalt lassen.
   Ich warte kurz und halte mein Ohr gegen die Tür. Ich vernehme nichts außer einem leisen Rauschen. »Phin?«, versuche ich es zum letzten Mal, jedoch spricht er noch immer nicht zu mir. Also dann los! Langsam drücke ich den Griff nach unten. »Ich komme jetzt rein«, warne ich ihn vor. Das ist das Mindeste, was ich tun kann – für ihn und für mich.
   Um ihn nicht zu überrumpeln und mir möglicherweise einen grauenhaften Anblick zu ersparen, öffne ich die Tür erst einen kleinen Spalt. Daraufhin kommt sofort Licht auf mich zu, das durch die weißen und glatten Fliesen verstärkt wird.
   Aber nicht nur das Licht, sondern auch ein unangenehmer Geruch. Mir kommt in den Sinn, dass der Orangen-Zimt-Duft hier drinnen eine Wohltat für Nase und Geschmacksnerven wäre. Dennoch … es ist auszuhalten und alles halb so schlimm.
   »Phin!« Ich öffne die Tür ein weiteres Stück, aber ein dunkelbrauner Teppich, der meiner Meinung nach nicht zu dem schwarzen Laminat passt, hindert mein Vorhaben und verhakt sich. Ich rüttele am Griff, trete nach dem ungewünschten Läufer und fluche leise vor mich hin.
   Phin kniet vor seinem Klo und zuckt durch meinen Kampf mit Tür und Teppich zusammen. Dann dreht er langsam seinen Kopf in meine Richtung. Ich lasse mich doch von so einem kleinen Läufer nicht unterkriegen. Mal sehen, wer …
   »Nein«, winselt Phin auf einmal, worauf ich meine Tür-Teppich-Konfrontation mit sofortiger Wirkung beende und stocksteif stehen bleibe.
   Er ist nur mit einer dunkelgrauen kurzen Hose und einem weißen T-Shirt bekleidet. Obwohl er schwer krank zu sein scheint, starre ich im ersten Moment auf seinen wohlgeformten und durchtrainierten Hintern, der in dieser unförmigen Hose sehr … sexy aussieht und sein Rücken …
   Himmel, ich finde sogar seinen Rücken scharf. Er bringt meine Hormone völlig in Wallung und mich ins Schwitzen. Hat es schon einmal jemanden gegeben, der sich an einem so perfekten Rücken nicht satt sehen konnte und dabei noch an die versautesten Dinge dachte, die es gibt? Sicher nicht.
   Aber … Kann man sich an so einem muskulösen und aufreizenden Rücken befriedigen? Er scheint förmlich nach mir zu rufen, zu sagen: Komm, probiere es aus, mein Herr ist für alles offen. Du wirst nicht enttäuscht sein. Könnte er mich in einen noch nie erlebten Orgasmus schleudern, ohne dass …? Wie würde das aussehen? Würde Phin das zulassen? Würde ich es machen?
   Ein lautes Stöhnen lässt mich zusammenzucken. Schwer schnaufend wendet sich Phin wieder der Kloschüssel zu, nimmt den Arm über seinen Kopf und verhält sich wie ein Vampir, den ich mit unechtem Sonnenlicht bedrohen würde. »Scheiße, Lena. Was machst du denn hier?«
   Er spuckt ins Klo, während ich wieder zu Sinnen komme und meine absolut irren Sexfantasien für heute hinter einer dicken Mauer verstaue – leider. Aber nur für heute, beruhige ich mich selbst.
   Tief atme ich durch, beiße mir auf die Unterlippe und verkneife mir ein Grinsen. Im Anschluss befreie ich Phins Rücken aus meinem Scan, lasse die Tür und den Teppich in Ruhe und öffne das Fenster, das sich neben mir befindet, um frische Luft hereinzulassen.
   Und um für Phin und seinen etwas anderen Umstand da zu sein, obwohl er es noch immer nicht verdient hat. Ich räuspere mich und schüttele den Rest meiner schweinischen Gedanken ab. »Ich habe dich bis in den Flur gehört«, sage ich sanft wie zu einem verwirrten Kind, das nicht versteht, was gerade vor sich geht.
   Phin versteckt sein Gesicht und schaukelt den Kopf hin und her. »Geh bitte. Ich will nicht, dass du mich so siehst«, fordert er in einem weinerlichen Ton.
   Ich reibe kurz meine Hände, sehe mich im Badezimmer um und lehne mich gegen ein verglastes Waschbecken, über dem ein wuchtiger Spiegelschrank hängt und darunter eine dunkle Kiste steht. »Dafür ist es jetzt zu spät«, sage ich und beneide ihn um diese atemberaubende Wellnessoase. Warum habe ich nicht so ein großes Badezimmer mit dieser Ausstattung?
   Vielleicht, weil der kranke Kerl vor deinen Füßen ein Architekt ist und du nur eine kleine Autorin bist, die nebenbei in einem Buchladen jobbt, meldet sich mein Gewissen, obwohl ich nicht um eine klugscheißerische Antwort gebeten habe – um diese zumindest nicht. Innerlich schüttele ich den Kopf. Wer sagt denn, dass Architekten so großes Geld verdienen? Ich meine, er hat ja auch noch seine Eltern und …
   Phin hustet und betätigt die Spülung. »Ich glaube, ich bin krank«, sagt er, als sich der Kasten wieder mit Wasser gefüllt hat und Ruhe gibt.
   Ich unterdrücke im ersten Moment ein Lachen, ziehe mit dem Fuß den Teppich unter der Tür hervor und schließe sie. Im zweiten frage ich mich, ob er mich verarschen will und im dritten sehe ich ein, dass er vermutlich etwas neben sich steht.
   Wassermangel und ein durcheinandergeratener Elektrolytehaushalt oder so etwas Ähnliches könnten der Grund dafür sein. »Ja, allerdings«, bestätige ich seine Feststellung, mein Ton ist nun ungewollt härter. »Das ist kaum zu übersehen.« Und zu überhören, verkneife ich mir zu sagen, streue aber nicht weiter Salz in seine Wunden.
   Mit verschränkten Armen stelle ich mich vor die Tür.
   Kleine runde Lichter schmücken alle geschätzte fünfzehn Zentimeter jede Paneele an der Decke und ich wundere mich, dass nur ein Lichtschalter für alle herhalten muss.
   Phins Rücken bläht sich auf. »Bitte geh, Lena. Bitte,« flüstert er, legt einen Arm auf die Klobrille und bettet den Kopf darauf. Somit bekomme ich einen Teil seines Gesichtes zu sehen. »Ich will schlafen, nur noch schlafen«, murmelt er.
   Zuerst erschrecke ich vor seinem Anblick, und mein Herzschlag droht, für ein paar Sekunden auszusetzen. Er sieht einfach nur furchtbar aus, als würde er die Nacht nicht überstehen, was mir etwas Angst bereitet.
   Bin ich die Richtige für diesen Job hier? Ich weiß nicht einmal, wie man richtig eine Mund-zu-Mund-Beatmung macht, zumindest nicht die, die man benötigt, um Leben zu retten, oder eine stabile Seitenlage, geschweige denn eine vernünftige Herzmassage. Meine Güte, hoffentlich bekommt niemals jemand einen Herzstillstand in meiner Nähe.
   Ich gehe einen Schritt auf ihn zu. »Phin?«, frage ich sanft.
   Er ist blass, sogar seine Lippen haben einen weißen Schimmer. Seine Lider flattern, seine Augen sind geschlossen, darum ziehen jedoch dunkle Ringe ihre Kreise. Selbst sein Dreitagebart scheint einen bleichen Farbton angenommen zu haben. Er wirkt ausgelaugt und kraftlos. Bitte werde wieder gesund.
   Ich hauche ein zartes »Nein« und schüttele den Kopf. Auch wenn er es nicht sieht und meine Hilfe genau genommen nicht verdient hat. Warum sträube ich mich dann so dagegen, zu gehen?
   Das ist doch ganz einfach: Tür auf, Lena raus. Was für eine blöde Frage, schimpfe ich mit mir selbst. Ich will hier sein – bei ihm. Außerdem, was für ein Mensch wäre ich, wenn ich einem hilflosen und kranken Mann, den ich eigentlich liebe, nicht helfen würde? Solange er keine Erste Hilfe benötigt, ist doch alles noch im grünen Bereich.
   Also biete ich gnadenlos meine Unterstützung an. Wäre doch gelacht, wenn ich ihn nicht wieder gesundmachen kann. Im Schnelldurchlauf ziehen sich alle Erinnerungen durch meinen Kopf, was meine Eltern und Großeltern unternahmen, als wir Kinder krank und kotzend mehr Zeit im Badezimmer als in unseren Betten verbrachten.
   Ich schlucke und reibe mir unsicher die Stirn. »Kann ich etwas für dich tun? Ich könnte dir einen Tee machen. Möchtest du einen Tee haben, oder wäre eine Cola besser oder etwas anderes?« Trinken ist schließlich wichtig, vor allem, wenn man krank ist. »Hast du Salzstangen im Haus? Soll ich dir eine Suppe machen oder ein Brot? Zwieback oder …?«
   Plötzlich fängt Phin wieder an zu würgen. Verkrampft hebt er den Kopf, bläht seine Wangen auf und zieht sich ein Stück nach oben, wodurch die Klobrille ein lautes Knarzen von sich gibt. »Hör bitte auf vom Essen zu sprechen«, keucht er und krallt seine Finger in die Kloschüssel.
   Verlegen runzele ich die Stirn, ziehe mein Genick ein und setze mein Kinn in Falten. Ups. Instinktiv weiche ich zurück und leide mit ihm – sehr sogar. Wie kann ich ihm nur helfen? »Entschuldige. Soll ich nicht doch lieber einen Arzt rufen? Ich …« Schlagartig stoppe ich meine Bedenken, möchte sie nicht vor ihm aussprechen: Ich mache mir Sorgen.
   Nein, vereinbare ich mit mir selbst, das muss er nicht unbedingt wissen – jetzt zumindest nicht. Mit dem Zeigefinger fahre ich über meine Unterlippe. »Vielleicht hast du etwas Ernstes, damit ist nicht zu spaßen.«
   Er schüttelt entschlossen den Kopf. »Nein, das ist nur ein harmloser Magen-Darm-Virus. Das ist morgen wieder vorbei.«
   Unter harmlos verstehe ich etwas anderes. Männer und ihre Selbstdiagnosen. Typisch. Sein Wort in Gottes Ohr. Sehr optimistisch, wenn man bedenkt, dass der Tag nicht einmal mehr als vier Stunden hat.
   Phin tätigt erneut die Spülung und nimmt den Deckel herunter. Seine Bewegungen sehen aus, als würde er tonnenschwere Gewichte in seinen Armen und Beinen mit sich herumtragen. »Mir geht es schon besser«, sagt er und ich frage ich, ob er das nur tut, damit ich endlich Ruhe gebe und abhaue.
   Ich glaube ihm das aber nicht. Da muss er schon etwas mehr Überzeugungsarbeit leisten. So leicht mache ich es ihm nicht.
   Mit einem lauten und nicht unterdrückten Stöhnen setzt er sich neben das Klo und lehnt sich erleichtert wirkend an den Badewannenrand. Ach, was sage ich da … Badewanne? Whirlpool oder halbes Schwimmbad trifft es wohl eher. Darin haben auf jeden Fall mehr als nur zwei Personen Platz.
   Unerwartet öffnet Phin die Augen, glasig, überanstrengt. Er sieht mich an, weicht mir aber gleich wieder aus. Jetzt, wenn ich ihn so frontal vor mir habe, sieht er noch beschissener aus. Seine nackten Füße liegen auf den Teppich. Seine Arme hängen neben ihn herab, als würden sie nicht zu ihm gehören.
   Ich knie mich in einem sicheren Anstand vor ihn, stütze die Ellenbogen auf meine Oberschenkel und verschränke meine Finger ineinander. Dabei schenke ich ihm ein Lächeln. »Willst du nicht lieber in dein Bett?«
   Auf einmal erstarre ich, und mir bleibt die Spucke weg, als ich sehe, dass sich dicke Tränen aus Phins ausgelaugten Augen lösen. Er fängt an zu weinen … und hält es nicht zurück. Dieser Anblick zerreißt beinahe das Herz in tausend kleine Stücke.
   Im ersten Moment bekomme ich keine Luft. Ein grauenhaftes Rauschen jagt wie ein Wespenschwarm durch meine Ohren, wird jedoch durch Phins gebrochene Stimme ausgetauscht. »Es tut mir so leid, Lena.« Er spricht mit verkrampften Lippen. »Ich wollte nicht, dass es so kommt. Ich wollte es nicht. Ich …« Tränen verfangen sich in seinem Dreitagebart, während er die Knie an seinen Oberkörper zieht und sich von mir wegdreht.
   Völlig überrumpelt presse ich meine Lippen aufeinander. In mir zieht sich alles zusammen, und ich weiß sofort, wovon er spricht. Obwohl ich ihn am liebsten in den Arm nehmen und ihn trösten will, bleibe ich hart und vor allem auf Abstand.
   Wie in Zeitlupe erhebe ich mich und drehe mich mit einer Hand im Haar einmal im Kreis. Ich brauche unbedingt etwas, auf das ich mich setzen kann. Mir ist schwindelig und ich bin verwirrt. Meine Beine drohen bei jedem Schritt, ihre Dienste zu versagen, und ich habe den Eindruck, zu viel Blut rauscht durch meine Adern.
   Der geflochtene Wäschekorb gegenüber der Badewanne und neben einem hohen Regal kommt mir gerade recht. Überfordert lasse ich mich darauf nieder, streiche mein Haar nach hinten und drücke mit zwei Fingern meinen Nasenrücken. »Warum hast du es dann getan?«, frage ich und bin mir sicher, dass ich auf meine Frage nicht genauer eingehen muss, um ihm zu vermitteln, was ich will.
   Er wischt sich wie ein kleines Kind mit der Hand die Tränen aus dem Gesicht, obwohl neben ihm eine Rolle Klopapier liegt. Seine Augen sind geschwollen und rot, seine Lippen vom Übergeben aufgeplatzt. Er schnieft, sein Oberkörper bebt. »Ich war in Thailand, um einen klaren Kopf zu bekommen und auf andere Gedanken zu kommen. Ich wollte über Iris und mich nachdenken – über unsere Beziehung und Zukunft.«
   Iris heißt sie also. Sofort sehe ich vor meinen Augen alle Bilder von allen Iris’, die ich schon einmal in meinem Leben gesehen und kennengelernt habe. Ihr vertraut ausgesprochener Name verpasst mir einen ordentlichen Stich in der Brust. Ungewollt zucke ich zusammen und bekomme Gänsehaut am ganzen Körper. Aber wo ist sie überhaupt? Sollte sie nicht an Phins Seite sein, wenn er krank ist?
   »Ich hätte niemals im Leben gedacht, dass ich dir oder generell einer anderen Frau, die mir so den Kopf verdreht, begegnen würde.« Phin schlingt die Arme schützend um seine Knie. Er schenkt mir keinen Blick, sondern stiert nur geradeaus. »Aber schon, als ich dich das erste Mal am Empfang der Hotelanlage sah, konnte ich an nichts anderes mehr denken.« Auf seinen Lippen bildet sich für einen Moment ein Lächeln. »Es … ich war wie verhext, nein, eher fasziniert. Ich bin dir fünf Tage lang nachgelaufen und habe überlegt, wie ich dich ansprechen soll. Ich sah in deinen Augen, dass dich etwas bedrückt.«
   Mark, dieser Schmierlappen kommt mir sofort in den Sinn. Nachdenklich lehne ich mich nach vorn, stütze mich auf den Oberschenkeln ab und lenke meinen Blick auf den Boden. Ich war auch in Thailand, um mich abzulenken, um über meine Zukunft nachzudenken, um … aber Moment mal. »Du hast mich verfolgt?«
   Aus dem Augenwinkel heraus erkenne ich, dass er nickt. Er nimmt sich ein Stück Klopapier und putzt sich die Nase. Dann zerknüllt er es und behält es in seiner Hand, als wüsste er nicht, ob er noch einmal in Tränen ausbrechen wird. »Ja, das habe ich. Klingt kindisch, oder? Ich hätte dich aber niemals bedroht.«
   Das hätte ich auch niemals von ihm gedacht. Na ja, nicht ganz, ich hatte meine Zweifel … am Anfang, aber jetzt nicht mehr.
   Phin schluckt laut, worauf ich meinen Kopf hebe und zu ihm sehe. »Als du am Anfang so schnippisch zu mir warst, hast du meine Neugier nur verstärkt, statt mich zu vergraulen.«
   Ich lächele und nicke, als ich mich an diesen Tag zurückerinnere, kommentiere seine Aussage jedoch nicht. Es ist schon eine komische Situation. Wir sitzen in seinem Badezimmer und reden vernünftig miteinander.
   Er hat sich eben vor mir übergeben, was, wenn man es genauer betrachtet auch eine intime Erfahrung ist, auf die ich jedoch in Zukunft gern verzichten würde. Nur leider sieht Phin nicht so aus, als würde er mir diesen Wunsch in den nächsten Stunden erfüllen. Er sieht auf Deutsch gesagt ziemlich scheiße aus.
   »Ich habe mich gestern von Iris getrennt. Deshalb steht mein ganzes Zeug im Flur herum«, gesteht er wie aus heiterem Himmel. Er hört sich an, als hätte ihm jemand einen Dolch in die Seite gerammt.
   Kurz vergesse ich zu schlucken, aber dann kehrt eine für diese Begebenheit passende Kälte in meine Glieder. Soll ich mich jetzt wundern, freuen, ihn um den Hals fallen und mich bei ihm bedanken? »Ich habe dich nicht darum gebeten«, bekomme ich trocken hervor. Ich bin müde. In mir regt sich auf seine Beichte hin nichts. Um ehrlich zu sein, habe ich keine Ahnung, ob ich ihm glauben … oder vertrauen kann.
   Er räuspert sich und ignoriert gekonnt meine Aussage. »Zwischen uns lief es schon lange nicht mehr gut. Ich wollte eigentlich noch ein paar Tage an meinen Urlaub hängen und mit dir zurück nach Deutschland fliegen. Ich wollte noch ein paar schöne Tage mit dir haben, in denen ich dir aber auch von Iris erzählen wollte.«
   Meine Wundwinkel sacken nach unten, sobald ich mir seine eigentliche Planung angehört habe. Fragend ziehe ich die Augenbrauen nach oben. Ob diese Tage so schön gewesen wären, wie er sich das vorgestellt hat? Das wage ich zu bezweifeln. Ich hätte genauso reagiert, nur nicht auf deutschem, sondern auf thailändischem Boden oder Sand. Wie auch immer? Denkt er mit Sand unter den Füßen, dem Meer, Palmen und einem wundervollen Sonnenuntergang vor Augen, hätte mich die Tatsache, dass er eine Freundin hat oder hatte, anders gestimmt? Hätte es das? Nervös spiele ich an meinen Fingernägeln herum.
   Phin setzt sich etwas aufrechter hin und kratzt sich am Kinn. »Aber Iris rief mich in der Nacht, in der ich dich allein ließ, an und erzählte mir, dass ihr Vater gestorben ist. Er hatte Krebs. Da konnte ich mich doch unmöglich von ihr trennen und ich sah keinen anderen Weg, als dich einfach zurückzulassen, in der Hoffnung, dass ich dich vergesse oder dass … dass wir uns nie wiedersehen.«
   Das ist ja mal gründlich nach hinten losgegangen. Schön, zu sehen, dass nicht nur meine Pläne misslingen. Phins Worte schmerzen in meiner Brust. Ich lasse ihn reden, höre ihm zu und wage es nicht, ihn zu unterbrechen. Was durch den nervenden Kloß in meiner Kehle sowieso unmöglich wäre.
   Irgendwie tut er mir leid, aber Iris mehr, obwohl ich sie nicht kenne. Erst hat sie ihren Vater verloren, jetzt Phin und vielleicht auch ein bisschen seine Familie. Ich verstehe ihn ein klein wenig – wirklich. Aber warum hat er nicht gleich mit offenen Karten gespielt?
   Ich denke darüber nach. Hätte ich ihm gleich einen Korb gegeben, wenn er mir an dem Abend in der Strandbar schon von Iris erzählt hätte? Als noch nichts zwischen uns lief.
   Die bittere Erkenntnis kommt, kaum ist mein Gedanke zu Ende. Vermutlich schon, seit der Sache mit Mark reagiere ich auf Betrüger, Fremdgeher und Ehebrecher allergisch. Ein schlechtes Gewissen strömt unaufhaltsam in meine Brust – ein schlechtes Gewissen Iris gegenüber. Denn ich weiß, wie sie sich jetzt fühlt, betrogen, belogen und allein gelassen.
   Phin holt tief Luft und atmet zitternd aus. »Als ich sie so in ihrer Trauer sah, dachte ich darüber nach, dass ich uns noch eine Chance gebe. Aber ich bekomme dich einfach nicht mehr aus meinem Kopf, und das will ich auch überhaupt nicht mehr. Und dann … dann standest du auf einmal vor mir und …«
   »Warum hast du es mir nicht von Anfang an gesagt?«, falle ich ihm nun doch ins Wort, suche nach seinen Augen und bete darum, dass er mir endlich einen einzigen Blick schenkt.
   Aber er tut es nicht, zupft an seinem Papier herum und zuckt mit den Schultern. »Ich weiß es nicht«, flüstert er. »Ich war zu feige. Ich wusste selbst nicht, was ich denken, sagen oder fühlen soll.«
   Wenigstens ist er jetzt ehrlich, ich hoffe es zumindest. Oder liegt es daran, dass er krank ist? Er wischt sich die letzten Tränen mit dem Handrücken aus dem Gesicht. Dann werden meine Gebete doch erhört, Phin wagt einen Blick in meine Richtung.
   Meine Augen werden groß und mein …
   Leider habe ich nur ein paar Sekunden, in denen ich beinahe vor Herzrasen sterbe, denn Phin weicht mir wieder aus, und ich sehe, wie sich seine Wangen vor Scham unter seiner Blässe röten. Warum kann er mir nicht ins Gesicht sehen, wenn er schon so offen mit mir spricht? Ich bin enttäuscht.
   »Tut mir leid, dass ich vor dir heule«, entschuldigt er sich. »Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist.« Wäre er eine Frau, würde ich sagen, dass er kurz vor seinem Zyklus steht. Andere würden es womöglich als Reue bezeichnen. »Ich verstehe es, wenn du nichts mehr mit mir zu tun haben willst. Wenn du willst, dann ziehe ich aus, sobald ich wieder gesund bin.« Das wäre ja dann morgen. »Kevin ist sowieso scharf auf die Wohnung.«
   Ich sage darauf nichts. Ich kann ihm so schnell nicht verzeihen, aber eines weiß ich genau: Er soll nicht ausziehen. Um ehrlich zu sein, will ich ihn bei mir haben. Vielleicht sollte ich mich jetzt endlich mal zu dem Ganzen äußern. Entschlossen hebe ich die Arme, hole Luft und öffne den Mund. »Ich …«
   Aber Phin scheint andere Pläne zu haben. Auf einmal bläht er seine Wangen auf und beugt sich nach vorn. »Nicht schon wieder«, würgt er. Seine Augen quillen hervor. Er springt auf, reißt den Klodeckel nach oben und übergibt sich erneut. Er röhrt wie ein Hirsch in der Paarungszeit, sein Körper verkrampft sich, dadurch schmerzen sogar meine Eingeweide.
   Er schnauft heftig und spuckt ununterbrochen in die Schüssel. »Lässt … lässt du mich bitte allein«, ächzt er.
   Gern, denke ich diesmal. Seine Worte haben mich irgendwie überrumpelt und gelähmt. Mein Körper und Geist verlangen danach, ein bisschen allein zu sein, damit ich darüber nachdenken kann.
   Ohne Widerspruch nehme ich langsam meine Arme herunter und stehe auf. »Okay«, sage ich gefasst. »Ich bin in meiner Wohnung. Falls du Hilfe benötigst, dann ruf einfach nach mir.« Bevor ich endgültig gehe, schließe ich das Fenster. Anschließend stelle ich mich vor die Tür, nehme zögernd den Griff in die Hand und öffne sie.
   »Danke«, höre ich noch, bevor ich das Badezimmer verlasse, mich nun mitten und verloren ins Wohnzimmer stelle und erst einmal stehen bleibe. Ich atme tief durch und hadere mit mir. Wiege Möglichkeiten ab, was ich jetzt tun oder wie ich weiter vorgehen soll.
   Ich starre an die Decke, lasse mich von einem gewaltigen Kronleuchter blenden, anschließend begutachte ich den dunklen Boden. Dann bestaune ich die echt geniale Küche, und zum Schluss mustere ich die außergewöhnliche lila Couch, dazu noch die wunderschönen Lichteffekte und das alles, während Phin im Bad sitzt und sich übergibt.
   Meine Pro- und Kontra-Liste ist abgewogen, meine Entscheidung ist gefallen. Ich werde ihn sicher nicht allein lassen. Punkt. Entschieden trampele ich beinahe aus Phins Wohnung und schlängele mich durch seine Sachen. Von unten kommend vernehme ich noch immer Kevins Rockmusik und schüttele den Kopf. Er weiß wohl auch nicht, wann man Feierabend hat.
   Vor meiner Tür angekommen, greife ich nach meiner Handtasche und hole den Haustürschlüssel heraus. Im Anschluss schnappe ich mir die Einkäufe und trage sie in die dunkle Küche. Als Nächstes knipse ich das Licht an, schalte den Kühlschrank ein und räume alles in Lichtgeschwindigkeit hinein. Papiertüten und Plastikmüll rascheln, und Küchenschränke werden zuschlagen. Fertig.
   Als ich alles erledigt habe, zögere ich keine Sekunde, mache meine Wohnung fertig für die Nacht, das heißt alle Lichter aus und absperren, und gehe wieder zu Phin.

*

Mir ist im Moment alles egal. Ich kann nicht mehr, fühle mich schwach und kurz vor dem Tod stehend. Meine Glieder sind schwer, und mein Herz rast.
   Schlafen, schlafen, schlafen. Ich will nur noch schlafen. Ich will meine Ruhe und erst wieder aufwachen, wenn ich gesund bin. Ja, so werde ich es machen – genauso werde ich es machen.

*

Sobald ich seine Wohnung wieder betrete, werfe ich meinen Schlüssel auf die polierte Arbeitsfläche der Küche. Eine Sekunde später hoffe ich, dass er keine Kratzer hinterlassen hat. So eine Platte ist bestimmt teuer.
   Mein erster Weg führt wieder ins Badezimmer. Schnell öffne ich unangekündigt die Tür und trete ein. »Ich …« Abrupt bleibe ich stehen und … grinse, beiße mir dabei auf die Unterlippe. Zu meinem Erstaunen, aber auch zu meiner Erleichterung, liegt Phin auf dem Teppich und schläft – ruhig und friedlich, zusammengerollt wie ein Igel im Winterschlaf. Sein Brustkorb bewegt sich langsam, aber gleichmäßig.
   Ich war gerade einmal fünfzehn Minuten weg. Er muss ziemlich fertig sein. Kein Wunder, wenn man bedenkt, was er in den letzten Tagen alles erlebt hat. Dazu zählt natürlich auch der furchtbar tolle Sex, den wir auf meinem Küchentisch hatten. In meinem Bauch breitet sich ein wohliges Kribbeln aus, das ich am liebsten in Phins Nähe immer bei mir hätte.
   Leider verschwindet es recht schnell wieder, genauso wie mein Grinsen, und ich setze eine skeptische Miene auf. Ob das jemals etwas mit uns wird? Jetzt, da er sich von seiner Freundin getrennt hat? Sie wird ihn zurückhaben wollen, und gegen sie habe ich bestimmt keine Chance. Aber das, was Phin vorhin sagte, lässt Hoffnung in mir aufkeimen. Zwar nur ganz langsam und mit Bedacht, jedoch ist sie da.
   Gut, löse ich mich langsam von meinen Gedanken und Phins Anblick, obwohl ich ihn die ganze Nacht so betrachten könnte. Aber ich lasse ihn einfach hier schlafen, auch wenn es vermutlich in seinem Bett bequemer wäre.
   Bevor ich ihn allein lasse, gehe ich zurück ins Wohnzimmer, schnappe mir eine weiße Nickidecke, die über der Lehne der Couch hängt, und decke ihn vorsichtig damit zu. Er schnieft, verzieht schmerzhaft das Gesicht und hält sich den Bauch. Leise stöhnt er kurz auf, krampft sich zusammen und schmatzt wie ein süßes Baby.
   Ich knie vor ihm. Wieder stiehlt sich ein Grinsen auf mein Gesicht. Ich streiche vorsichtig sein verklebtes Haar von der Stirn. Hauchzart fahre ich mit einer Fingerspitze seine Wange hinunter, über seine feinen Bartstoppeln, dann über seine Lippen. Er fühlt sich gut an, alles an ihm. Wie berauscht kann ich meinen Finger nicht aus seinem Gesicht nehmen, starre ihn an und betatschte ihn, obwohl er völlig unzurechnungsfähig ist.
   Meine Güte, Lena reiß sich zusammen. Schnell nehme ich meine Hand weg, springe auf und schließe die Kloschüssel. Dann knipse ich das Licht aus und lasse ihn in Ruhe schlafen, auch wenn er auf dem harten Boden liegt und vermutlich mit Rückenschmerzen aufwachen wird.
   Ich will ihn aber jetzt nicht wecken. Nur begrapschen und … Lena, brülle ich mich an, zucke zusammen und flüchte regelrecht aus dem Badezimmer, um einen großen Abstand zwischen Phin und mich zu bekommen. Himmel, Arsch und Zwirn. Ist das denn möglich?
   Im Wohnzimmer angekommen, stehe ich wieder da wie bestellt und nicht abgeholt. Ich schnaufe heftig wie ein Profi-Athlet nach der Vollführung seiner Lieblingsdisziplin. O ja, ich kann mir vorstellen, wie meine aussieht … Innerlich lache ich wie Barbie-Girl im Cabrio und schmiere mir selbst eine. Verdammt noch mal.
   Mit zitternden Fingern kämme ich mein Haar durch und drehe mich einmal im Kreis. Jetzt habe ich genug Zeit, um mir Phins Wohnung genauer anzusehen. Nur … Was darf ich anfassen und was nicht, darf ich überhaupt etwas anfassen? Ist Phin so jemand? Muss ich meine Schuhe eigentlich ausziehen?
   Ich ziehe eine Schnute und zucke mit den Schultern. Phin schläft und kann sich kaum bewegen, sprechen fällt ihm auch nicht leicht, also stecke ich meine Bedenken einfach zurück und bleibe an dem großen Regal zwischen Essecke, auf deren Tisch eine große Reisetasche liegt, und Fernseher hängen. Meine Augen kleben förmlich daran. Ich wäre kein Autor, wenn ich mir nicht zuerst dieses überaus interessante Buchregal vornehmen würde.
   Langsam gehe ich darauf zu, schlängele mich an einem Karton vorbei, und bleibe direkt davor stehen. Wahnsinn! Darin ist wirklich alles zu finden, was man sich vorstellen kann, und ich bin ehrlich gesagt ein wenig neidisch, weil mein Buchregal nicht so riesig und vor allem gut sortiert ist.
   Leicht fahre ich mit den Fingerspitzen, so wie ich es vor ein paar Minuten noch bei Phin getan habe, über die unversehrten Buchrücken, bis ich … das gibt es doch nicht. Beinahe hätte ich laut losgelacht, was ich jedoch mit angehaltener Luft nur in ein Kichern dämpfe. Das glaube ich jetzt nicht. Unfassbar. Er hat tatsächlich zwei Bücher von mir in seinem Regal stehen.
   Verwundert, schon beinahe schockiert, aber zugleich glücklich darüber, nehme ich eines heraus und blättere mit einem Lächeln darin herum, als wäre es etwas ganz Besonderes. Ja, für mich ist es das, denn es ist mein erster Fantasy-Roman, den ich vor fünf Jahren veröffentlicht habe. So rot wie eine Rose: Eine unendliche Reise in die Vergangenheit.
   Kurz bevor ich mit Mark zusammenkam, erblickte meine Geschichte das Licht der Welt. Ich war so stolz darauf und wollte am liebsten den ganzen Tag darüber sprechen, aber Mark … Er war leider nicht so stolz auf mich, wie ich es mir von ihm gewünscht hatte. Er hielt nichts von Fantasy oder generell erfundenen Geschichten.
   Mit so einem Schwachsinn vertreibe ich mir nicht die Zeit, hatte er mal zu mir gesagt. Ich war ihm deshalb keineswegs böse, schließlich liegen Bücher nicht jedem, und außerdem liebte ich ihn und akzeptierte seine Meinung. Aber der Schwachkopf konnte sagen, was er wollte, mich brachte und bringt niemand mehr vom Schreiben ab.
   Immer, wenn ich eines meiner Bücher in der Hand habe, es aufschlage, kann ich es noch immer nicht fassen, dass all diese Wörter, die darin stehen, aus meiner Feder und meinen Gedanken stammen. Dass ich allein diejenige war, die diese Geschichte erfunden und sie zu einem Buch hat werden lassen. Dass sich andere Menschen dafür interessieren, meine Bücher lesen, zu Fans und treuen Lesern werden. Es ist ein tolles Gefühl, und ich möchte es auf keinen Fall mehr missen.
   Mit einem zufriedenen Lächeln stelle ich mein Buch zurück ins Regal und betrachte weiter Phins Literatur, bis ein interessantes Buchcover meine Aufmerksamkeit gewinnt. Es ist schwarz mit helleren Schattierungen an den Ecken. Und das Ganze rundet ein verschwommener, aber gut zu erkennender, nackter und rot schimmernder Frauenoberkörper ab.
   Verlockende Leidenschaft – vier verführerische Kurzgeschichten von H. J. Krimes.
   Ich kann mir sofort vorstellen, um was für eine Lektüre es sich handelt. Neugierig schlage das Buch auf und beginne zu lesen. Schon bei den ersten Zeilen vergesse ich die Welt um mich herum und stelle mir vor, Phin und ich wären die Hauptcharaktere.

»Und?«, fragt Phin, der fit wie ein Turnschuh neben mir herläuft und grinst, als hätte er mir mit dieser dummen Idee einen richtig guten Gefallen getan. »Kannst du noch?«
   Am liebsten würde ich ihm eine knallen. »Ja, klar«, keuche ich, bekomme kaum Luft, meine Lunge und meine Oberschenkel brennen. Diesen Zustand habe ich nur ihm zu verdanken. »Mir geht es so gut wie nie«, lüge ich mit einem Hauch Sarkasmus.
   »Sehr gut«, lobt er mich und joggt weiter in gelassenen Bewegungen neben mir her, ohne auch nur ein Atemgeräusch von sich zu geben.
   Ich bin mir zu hundert Prozent sicher, dass sogar ein Blinder erkennen würde wie fertig ich bin, und das nach nicht einmal einem Kilometer. »Ich kann nicht glauben, dass ich mich darauf eingelassen habe«, fluche ich leise vor mich hin und kämpfe mit meinem inneren Schweinehund, mich nicht einfach auf den Boden zu legen und zu schlafen.
   Die Uhrzeit würde es auf jeden Fall noch zulassen, denn Phin bestand darauf, dass wir, sobald die Sonne aufgeht, eine Runde drehen. Leider erblickten die ersten Strahlen schon gegen halb fünf das Licht der Welt und jetzt … jetzt laufe ich mitten in der Nacht durch einen einsamen Park und schwitze wie ein Schwein. Ein Glück, dass mich niemand außer Phin in diesen erbärmlichen Zustand sieht.
   Der Himmel ist klar wie die Luft. Die Vögel zwitschern über unseren Köpfen, und ich habe das Gefühl, dass mich einige auslachen, sogar mit den Flügeln auf mich zeigen und mich verspotten. Verfluchtes zwitscherndes Pack, beschimpfe ich die kleinen, süßen Vögel.
   Jedoch wird meine Laune etwas besser, als Phin mich überholt und vor mir das Tempo angibt. Sein sportlicher Anblick zieht mich auf einmal magisch an, und ich merke, wie mir plötzlich jeder Schritt leichter fällt. Er trägt eine schwarze Jogginghose, graue Turnschuhe und ein dunkelblaues Achselshirt, das seine kräftigen Oberarme zur Geltung bringt.
   Das gefällt mir, nein, er gefällt mir – von Kopf bis Fuß, von allen Seiten. Ein angenehmes Kribbeln schleicht sich in meinen Bauch, und mir entwischt ein Lächeln, als sich mein Blick auf Phins gut durchtrainierten Hintern heftet und ich in meinen Gedanken sehe, wie ich hineinkneife.
   Einen quälenden Atemzug später spielen sich noch ganz andere Szenen in meinem Kopf ab, und mir fallen sehr interessante Dinge ein, die wir miteinander anstellen könnten.
   Ich zucke zusammen, als sich meine Oberschenkel anspannen, ein kleiner Stromschlag durch mein Rücken jagt und in meinem Unterleib an einer ganz bestimmten Stelle zum Stillstand kommt. Mir entweicht ein lauter Seufzer.
   Dann spüre ich plötzlich etwas Hartes an meinem rechten Fuß, ich stolpere und versuche, mich mit schwimmenden Armbewegungen noch zu fangen, doch das bringt alles nichts. Wie ein Baum in einem heftigen Sturm knicke ich um und lande unsanft auf dem groben Schotter. »Phin«, rufe ich noch nach ihm, bevor ich auf den Knien aufkomme.
   Erschrocken bleibt er stehen, dreht sich um und rennt mit einem besorgten Gesicht zu mir. Mein Wangen werden rot, mir wird heiß, meine Augen werden glasig. Peinlicher geht es ja wohl nicht mehr. Ich gebe mir alle Mühe, eine tapfere Miene aufzusetzen, aber mein Knöchel, die aufgeschürften Knie und vor allem das Pulsieren zwischen meinen Beinen helfen mir nicht gerade dabei.
   Krampfhaft schließen sich meine Finger um meinen stechenden Knöchel, während Phin bei mir ankommt, sich zu mir herunterbeugt und mein Gesicht in seine Hände nimmt. »Geht es dir gut? Ist alles in Ordnung?«, fragt er besorgt.
   Mit den Augen deute ich auf meine Verletzung. »Mein Knöchel«, jammere ich, obwohl ich selbst an diesem Malheur schuld bin, nein … Phin. Warum muss er auch mit seinem Wahnsinnskörper vor mir herumlaufen und mich damit auf Hochtouren bringen? »Ich bin umgeknickt.«
   »Zeig mal her«, fordert er mit einer sanften Stimme, nimmt meine Hand vom Knöchel und mustert ihn kritisch wie ein Arzt.
   Eine einzige Berührung von ihm, und ich vergesse meine Schmerzen und alles um mich herum – wieder einmal.
   Schon seine Nähe löst ein unsagbares Gefühl in mir aus, und ich wünsche mir, wir würden uns jetzt nicht in diesem Park befinden.
   Phin schaut auf. »Dort drüben habe ich eine Bank gesehen«, berichtet er, einen Wimpernschlag später liege ich in seinen Armen. »Ich trage dich«, sagt er und gibt mir einen Kuss auf die Stirn.
   Wie von allein lege ich die Arme um seinen Nacken und bette meinen Kopf auf seine Brust, spüre seinen ruhigen Herzschlag. »War wohl doch nicht so eine gute Idee«, nuschele ich. In seinen Armen komme ich mir leicht wie eine Feder vor. Sein Körper strahlt eine enorme Wärme aus, und er riecht einfach fantastisch. So frisch, obwohl er eben noch gelaufen ist. Und er riecht nach Sex, nach Verlangen und Gier.
   Er ist kein bisschen verschwitzt, und wäre es so, würde mich das im Augenblick nicht interessieren. Phin verkörpert für mich die Begriffe purer Erotik, prickelnder Fantasie und feuchter Träume. Selbst wenn er direkt aus einem Schweinestall gekommen wäre, würde sich meine Einstellung ihm gegenüber nicht ändern. So müssen sich Bäuerinnen fühlen, die ihre Männer über alles lieben.
   »Warst du unkonzentriert?«, fragt Phin, während er mich auf einer Parkbank ein paar Meter neben dem Weg und zwischen zwei großen Büschen absetzt. »Oder schwach?« Er kniet sich vor mich und legt seine Hände auf meine aufgeschürften Knie.
   Beides, ist das erste, was mir in den Sinn kommt. »Ich …«, bekomme ich nur heraus und schüttele den Kopf. Ich sehne mich danach, überall von ihm berührt zu werden. Der Blick aus Phins braunen Augen raubt mir fast den Atem, und ich habe das Gefühl, er weiß genau, warum mir dieses Missgeschick passiert ist.
   Und meine Vermutung bestätigt er mit seinen nächsten Worten. »Ich sehe in deinen Augen, was du willst«, flüstert er auf einmal. Seine Erkenntnis lässt mich nach Luft schnappen, und mein gesamter Körper versteift sich. Ich sitze nur da und starre ihn an, Röte schießt in mein Gesicht und meine Gedanken schlagen Purzelbäume.
   Bevor ich Phin antworten kann, zieht er mir auf einmal meine Hose mitsamt Slip aus. Ich protestiere nicht und helfe ihm, indem ich mein Becken anhebe und im Handumdrehen die Schuhe abstreife. Ich bin stumm vor Erregung. In meinen Unterleib kribbelt es wie nie zuvor, und ich werde auf der Stelle feucht. Die Tatsache, dass wir uns in freier Wildbahn befinden und uns jederzeit jemand erwischen oder beobachten könnte, ist mir im Moment ziemlich egal.
   Phin verliert keine Zeit. Kaum liegt meine Hose neben mir auf der Bank, drückt er meine Beine auseinander und fährt mit seinen warmen Händen meine Oberschenkel entlang nach oben. Genau dorthin, wo ich ihn haben will. Als er seinen Kopf senkt, lehne ich mich zurück und schließe die Augen.
   Ich zucke zusammen und atme lauter, als ich seine weiche Zunge an meiner pulsierenden Mitte spüre. Das ist alles nur ein Traum, denke ich, das passiert nicht wirklich. Je länger Phin mich mit seiner Zunge liebkost, desto mehr muss ich mich zusammenreißen, nicht laut zu keuchen. In meinen Ohren beginnt es zu rauschen, meine Finger- und Fußzehen fangen an zu kitzeln, und dann ist es so weit.
   Nach einer letzten Welle der Lust, die mich fast in eine lähmende Ohnmacht reißt, schwappt ein gewaltiger Orgasmus über mich hinweg. Ich schreie auf, halte mir eine Hand vor den Mund. Meine Augen sind fest geschlossen, ich fühle die raue Sitzfläche unter dem Hintern und kralle meine Finger in das Holz. Meine Beine sind so weit gespreizt, wie es nur möglich ist und zittern vor Anspannung.
   Immer wieder durchfluten mich Schauder der Begierde, der unbändigen Lust nach diesem einen Mann, den ich nie wieder in meinem Leben verlieren möchte. Heiße Blitze jagen meinen Rücken herauf und hinunter, reißen mich immer wieder mit, wollen mich nicht mehr zur Ruhe kommen lassen. Völlig in einem stürmischen Rausch gefangen, drücke ich Phin mein Becken entgegen, biege den Rücken durch und stöhne mit einer tiefen Stimme seinen Namen.
   Er leckt und streichelt mich so lange weiter, bis er merkt, dass ich mich langsam wieder entspanne und mein heftiger Orgasmus abflaut. Plötzlich spüre ich seine Lippen auf meinen, wodurch wieder eine Welle der Lust durch meinen Körper rauscht. Ich schmecke meine eigene Lust und … ihn, meinen Phin. Süß und unverkennbar.
   Um ihm klarzumachen, dass es gleich weitergehen kann und ich keine Pause benötige, küsse ich ihn wild, fresse ihn beinahe auf und schlinge meine Arme um seinen Nacken, ziehe ihn fest an mich. Dabei spüre ich die Erregung in seiner Hose, die hart gegen meine Mitte drückt. Ja, so will ich das haben. Phin, du bist mein Held.
   Ohne ein Zögern schiebe ich meine Finger unter sein Shirt, streichele seine weiche Haut und necke ihn mit den Fingernägeln, zwicke ihm in die Seite. Phin hebt mich mit einem tiefen Knurren an und knetet meinen Hintern, daraufhin schlinge ich meine Beine um seine Hüften. Sie werden zu Pudding, ich spüre sie schon fast nicht mehr. Mein Unterleib glüht vor Verlangen, und kleine Stromschläge schießen durch jede Faser meines Körpers. Ohne mich von Phins Lippen zu lösen, keuche ich leise auf.
   Er verspannt sich, daraufhin öffne ich die Augen und sehe, dass er seinen Rücken nach oben wölbt. Diese Geste sagt mir, dass er jetzt auch nicht mehr warten will – was ich ihm überhaupt nicht verübele.
   Von seiner Erregung überwältigt, nimmt er seine Hüften zurück, lässt mich los und zieht mit einer Hand seine Hose herunter, gerade so, dass seine Härte in die Freiheit schnellen kann.
   Ich sehne mich danach, ihn in mir zu spüren.
   Unsere Blicke treffen sich, Phin will sichergehen, dass ich ihn hier und jetzt wirklich will. Als Antwort schiebe ich ihm meinen Unterleib entgegen.
   Phin geht meiner verlockenden Aufforderung unverzüglich nach, fasst unter mein Becken und hält mich fest, während er sich problemlos in mich schiebt und sofort beginnt, sich zu bewegen.
   Wir stöhnen gleichzeitig auf, und ich habe das Gefühl, von einer gewaltigen Emotionssflut in die Tiefen der grenzenlosen Leidenschaft gezogen zu werden. Das ist der pure Wahnsinn. Helle Sterne erscheinen vor meinen Augen, explodieren und entfachen ein Feuerwerk der Begierde. In meinem Bauch fängt es an zu prickeln und vermittelt mir das Gefühl, beim nächsten heftigen Atemzug aufzureißen.
   Mir ist heiß, meine Haut brennt. Meine Erregungskurve steigt erneut in bedrohliche Höhen, und ich bin mir sicher, dass mich ganz Hamburg hört. Mein zweiter Orgasmus rückt immer schneller in greifbare Nähe. Ich lasse mich treiben und konzentriere mich nur noch auf Phins Härte in mir.
   Er hält mich fest, seine Hände ziehen mich unaufhaltsam gegen seinen Körper. Seine Augen sind geschlossen, seine Lippen geöffnet, und er ist völlig in seiner Erregung gefangen. Phins Stöße werden ohne Unterbrechung heftiger und drängender, sein Atem geht schnell und laut, seine Hände graben sich in mein weiches Fleisch.
   Auf einmal wird mir furchtbar heiß, und ich bin mir sicher, dass Phin es auch merkt. Nur noch ein letzter Stoß und wir sind beide nicht mehr zu halten, er …

Ein lautes Räuspern hinter mir reißt mich ohne Gnade aus meiner Sexfantasie, gefolgt von einem verwunderten »Lena?«
   Ach du Schei…
   Erschrocken drehe ich mich um, stoße gegen den Glastisch vor der Couch und lasse das Buch fallen. »Frau …« Vor Schreck halte ich mir eine Hand aufs Herz, das ich kräftig schlagen spüre. Aber nicht nur mein Herz, sondern auch meine pochende Mitte machen mir zu schaffen. »Frau Brinkmann, Gott, haben Sie mich erschreckt.«
   Wen habe ich erwartet, Michael Myers? Der kennt meinen Namen mit Sicherheit nicht. Das nächste Mal sollte ich erst die Tür schließen, bevor ich auf Erkundungs- und Sextour in einer fremden Wohnung gehe. Mit zitternden Händen, tauben Beinen, erregt bis in die Unendlichkeit, und ohne Frau Brinkmann aus den Augen zu lassen, hebe ich das Buch auf und lege es brav auf den Tisch.
   Frau Brinkmann runzelt die Stirn, und ich sehe an ihren skeptischen Falten, die sonst nicht in ihrem Gesicht zu finden sind, dass sie nicht weiß, was sie davon halten soll, dass ich ohne Aufsicht und mit X-Beinen in der Wohnung ihres Sohnes stehe.
   »Was tun Sie hier?«, fragt sie und tritt wachsam ein, sieht nach rechts und links, als müsste sie prüfen, ob ich irgendetwas entwendet hätte.
   Verhalten und mit einem unechten Lächeln räuspere ich mich, um eine klare und ehrliche Stimme zu haben. »Ich …« Wie eine Lehrerin auf die Tafel zeige ich auf die Badezimmertür. Dabei verschränke ich die Beine, spüre die Lust zwischen meinen Schenkeln schon beinahe kochen. »Als ich vom Einkaufen kam, stand die Tür offen, und ich habe Phin gehört. Ich habe nur nach ihm geschaut, ob alles in Ordnung ist, und dann wollte ich ihn nicht allein lassen«, erkläre ich meine unwillkommene Anwesenheit.
   Sie zieht skeptisch die Nase zusammen mit ihren Brauen hoch, als könnte sie riechen, was sich zwischen meinen Beinen abspielt. »Wo ist er denn?«, fragt sie etwas überfordert und verändert ihren Blick. Ihre sonst so freundlichen Augen wirken müde und besorgt, lassen sie um einige Jahre älter erscheinen.
   Wieder zeige ich Richtung Badezimmertür und schenke ihr einen zuversichtlichen Blick, um ihre Bedenken zu lindern. »Er schläft … im Bad.« Mann, das gelingt mir ja wirklich super. Wie muss sich das in ihren Ohren anhören? »Ich wollte ihn nicht wecken.«
   Frau Brinkmann löst ihre kalte Starre mir gegenüber und atmet auf. Sie sieht kurz auf den Boden und schüttelt im Anschluss den Kopf. »Danke«, flüstert sie. Danach reibt sie sich die Stirn, und ich fühle förmlich, wie ihr ein Stein vom Herzen fällt. »Sie sind ein Engel«, lobt sie mich, und ich bin im ersten Augenblick nicht sicher, ob ich sie richtig verstanden habe. »Danke, ich hatte schon ein schlechtes Gewissen, weil ich jetzt erst komme, obwohl ich vor Stunden wieder hier sein wollte. Er macht mir Sorgen, er sah heute Morgen nicht gut aus, aber er will keinen Arzt.«
   Ja, dasselbe hätte ich ihr auch erzählen können.
   Phins Mutter sieht gefrustet nach draußen und betrachtet das Chaos vor seiner Tür. »Ich war bei Iris«, erzählt sie auf einmal meiner Meinung nach gedankenlos. Was kommt denn jetzt? Das will ich nicht hören.
   »Ich habe Phins restliche Sachen geholt. Die Arme ist am Boden zerstört und …« Als ihr vermutlich einfällt, was sie da von sich gibt, stoppt sie abrupt ihre Worte und sieht mich mit einem undefinierbaren Blick an. Von da an wird mir klar, dass sie von Phin und mir weiß. »Iris ist …«
   Ich zwinge mich zu einem Lächeln, würde am liebsten flüchten oder im Erdboden versinken. Somit ebbt auch mit einem Schlag meine Erregung ab. Was ein Name alles bewirken kann. »Ja«, ich nicke kräftig und versuche, mich nicht verunsichern zu lassen. »Ich weiß, wer sie ist.«
   Peinlicher geht es ja nicht mehr. Ich stehe jedoch meinen Mann, oder Frau, bleibe stark und lasse es mir nicht nehmen, die ganze Zeit zu lächeln. Trotzdem komme ich mir irgendwie bescheuert vor. Eingepfercht zwischen Glastisch und Buchregal … und Phins Mutter.
   Nachdenklich sieht sie sich weiter um, ihr Blick streift auch mich. Anschließend drückt sie ihre Mundwinkel in die Wangen und kratzt sich am Kopf, als suchte sie nach etwas, oder wollte etwas sagen, würde jedoch nicht wissen, wo sie anfangen soll. Ich hoffe, es geht nicht um Phin, Iris und mich. Ich hasse solche Dreiecksbeziehungen.
   »Gut«, kommt auf einmal übertrieben freundlich, gefolgt von einem Lächeln.
   Meine Güte, blöder können wir uns ja wohl nicht verhalten. Wir tun so, als würden wir uns das erste Mal sehen, obwohl ich schon zum Teetrinken in ihrer Küche saß, als ich den Mietvertrag unterschrieben habe.
   Mit einer schnellen Kopfbewegung zeigt sie Richtung Treppe. »Seine restlichen Sachen sind in meinem Auto. Jetzt ist es aber schon zu spät, um das ganze Zeug noch hereinzuschaffen.« Dann wird sie wieder ernst. »Hören Sie, Lena«, trickst sie und spielt an ihren Fingernägeln herum, worauf ich nervös werde und merke, wie sich jeder meiner Muskeln verkrampft. Nein, jetzt kommt der Vortrag, dass ich ihr ihre geliebte Schwiegertochter genommen habe.
   Frau Brinkmann kneift die Augen zusammen und mustert mich eindringlich. In meinen Gedanken forme ich schon pädagogisch wertvolle Sätze, die ich zur Verteidigung einsetzen kann. »Würden Sie bei Phin bleiben?«, fragt sie, worauf mit einem Mal die gesamte Anspannung von meinem Körper abfällt.
   Sie will, dass ich bei ihrem Sohn bleibe?
   Sie nickt, als hätte sie meine stumme Frage gehört. »Ich habe noch ein paar Vorbereitungen zu erledigen.« Sie sieht aufmerksam auf ihre Uhr, danach bläst sie ihre Wangen auf und reibt sich überlastet die Stirn. »Und ich habe eigentlich auch noch ein wichtiges Geschäftsessen, das schon seit einer Stunde fällig ist.« Ratlos wirft sie ihre Arme zur Seite und seufzt. »Mein ganzer Tagesablauf ist im Eimer. Eigentlich habe ich mir den ganzen Tag schon eine Ausrede überlegt, um das Essen abzusagen, aber der Termin ist wichtig. Trotzdem möchte ich Phin nicht allein lassen und mir wäre wohler, wenn ich wüsste, dass jemand bei ihm ist.« Unerwartet schüttelt sie den Kopf. »Nein, das kann ich nicht von Ihnen verlangen, nach allem, was er …« Sie winkt ab.
   Hat Phin ihr von unseren Problemen erzählt?
   »Oder ich sage das Essen doch ab, einen Tag hin oder her, das …«
   »Ich bleibe gern, Frau Brinkmann«, falle ich ihr ins Wort, worauf sie zusammenzuckt und mich beinahe schockiert anstarrt. Wieder setze ich mein freundlichstes Lächeln auf und zeige mit den Augen hinter sie. »Gehen Sie beruhigt zu ihren Terminen, ich halte die Stellung«, sage ich, als würden wir etwas Besonderes bewachen. »Ich hatte heute sowieso nichts mehr vor. Es macht mir wirklich nichts aus.«
   Sie hält beide Hände vor ihren Brustkorb und drückt sie zusammen. »Sie sind meine Rettung, Lena«, sagt sie erleichtert. »Ehrlich.« Dann kommt sie unvermittelt auf mich zu, nimmt ohne Hemmungen meine Hand in ihre und sieht mir tief in die Augen. »Ich danke Ihnen, mein Kind.«
   Mein Grinsen wird breiter, und mir fällt wieder ein, dass ich diese Frau von Anfang an sehr gut leiden konnte. »Kein Problem«, gebe ich ehrlich zurück. »Das mache ich gern.«
   Sie schließt die Augen und nickt. »Ich werde morgen wieder nach ihm sehen.«
   Ich nicke. »Ist gut, ich werde ihm sagen, dass Sie da waren, wenn er wieder wach ist.«
   »Danke.« Sie lässt mich los und dreht sich um, jedoch sehr zögernd. Im Stop-and-Go-Verfahren geht sie Richtung Ausgang, somit merke ich, dass es ihr wirklich schwerfällt, ihren kranken Sohn allein zu lassen.
   Als die Tür ins Schloss fällt, atme ich erst einmal tief durch, bin teils erleichtert, teils stolz, dass unser erstes Zusammentreffen nach der Trennung von Iris und Phin so ein erfolgreiches Ende genommen hat. »Meine Güte«, kommt aus meinem Mund, während ich kopfschüttelnd das Buch nehme und wieder ordentlich zurück ins Regal stelle.
   Was, wenn sie zehn Minuten später gekommen wäre und ich mich so von dem Buch hätte mitreißen lassen, dass meine Hand in meiner Hose gelandet wäre und ich dazu lustvolle Töne von mir gegeben hätte? Mein Gott, dann …
   Erneut vernehme ich ein Räuspern in meinem Rücken, diesmal tiefer und verwundet. Wieder zucke ich zusammen und fahre herum, achte diesmal auf den Tisch. »Phin?«, sage ich erstaunt, als er in der weißen Decke gehüllt plötzlich vor mir steht.
   Aus geschwollenen Augen und mit offenem Mund sieht er mich an, steht vor der Badezimmertür wie ein Verwirrter, der nicht weiß, dass er sich in seiner eigenen Wohnung befindet. »Lesen Autoren eigentlich auch?«, fragt er mit verstopfter Nase. Er hört sich schrecklich an.
   Ich lächele, wie so oft an diesem Abend. Ich will nicht, dass er denkt, ich wäre durch seinen Anblick schockiert. »Natürlich«, entgegne ich mit einer übertrieben hohen Stimme. »Immer, wenn ich Zeit habe.«
   Halb schlürfend, halb humpelnd geht er um die Couch und lässt sich wie ein Stein darauf fallen. »Warum bist du noch hier?« Er reibt sich eine Wange, bis sie rot ist, gähnt und hustet danach.
   Ich hebe die Hände, lasse sie aber gleich wieder fallen. »Ich bin wieder hier.«
   Er nickt und zieht seine Brauen nach oben, wartet auf eine vernünftige Antwort. Eben hat er noch vor mir geheult, und jetzt sitzt er wie ein König im weißen Gewand vor mir und nimmt mich ins Kreuzverhör.
   »Was willst du hören?«, kontere ich, gehe zwei Schritte nach links und setze mich auf einen schmalen Hocker, der vor dem Esstisch steht, aber zur lila Couch gehört.
   Phin schüttelt den Kopf und lässt ihn nach hinten auf die Lehne fallen. Dabei verdreht er die Augen, als hätte er keine Lust auf eine Diskussion mit mir.
   Da sind wir uns ja wenigstens einig. »Deine Mutter war eben hier. Sie hat deine restlichen Sachen bei deiner Ex geholt, sie sind noch in ihrem Auto. Sie hat noch ein Geschäftsessen und muss noch etwas vorbereiten. Sie bat mich, bei dir zu bleiben.« Eine sehr schöne Ausrede, so kann ich Phins Mutter meine Anwesenheit in die Schuhe schieben. Genial, Lena!
   Phin seufzt leise und verzieht seine Lippen. »Du solltest gehen. Ich will dich nicht anstecken.«
   Er will mich loswerden, aber nicht mit mir. Ich nehme all meinen Mut zusammen und gebe mir einen Ruck. Ich möchte ihm näher sein und setze mich unaufgefordert neben ihn auf die Couch, jedoch mit mindestens einem Meter Abstand. Wahrscheinlich ist das überhaupt nicht nötig.
   In dem Zustand, in dem er sich befindet, fallen wir sicher nicht übereinander her. Das ist vielleicht auch ein Grund, warum ich bleibe und mich so hartnäckig gegen seine Vergraulungskünste wehre. »Das wird schon nicht passieren.« Schließlich habe ich mich gleich nach dem Flug ausgekotzt. »Geht es dir besser?«, frage ich fürsorglich und würde ihm am liebsten eine Hand auf die Stirn legen.
   Ihn scheint es nicht sehr zu beeindrucken, dass ich mich zu ihm gesetzt habe. Ich nehme es ihm nicht übel und kann verstehen, dass er im Moment andere Probleme als mich an seiner Seite hat.
   »Ein wenig«, ächzt er, lässt sich ausgelaugt zur Seite fallen und legt sich hin. Dabei zieht er seine Knie an, wickelt sich in die Decke und schläft sofort ein, was mir seine leisen Atemgeräusche verraten.
   Okay, denke ich und nicke, das war es dann wohl mit unserer Unterhaltung.
   Nun sitze ich da und weiß nicht, was ich machen soll. Morgen ist wieder der erste Arbeitstag nach meinem Urlaub. Ich freue mich schon darauf, endlich wieder zwischen all den Büchern zu sein, ihren alten und neuen Duft zu riechen und sie einfach nur anzusehen. Bücherliebhabern zu helfen, die richtige Lektüre zu finden und natürlich wieder mit Herrn Hartmann zusammenarbeiten zu können. Ich mag den alten Mann sehr.
   Ich sollte nicht zu spät schlafen gehen, aber jetzt ist es definitiv noch zu früh. Ich suche nach einer lautlosen Beschäftigung, aus Angst, Phin könnte wieder aufwachen. Was würde sich da nicht besser anbieten als ein Buch? Also stelle ich mich wieder vor das Regal und suche nach einer Lektüre, die diesmal meine Gedanken nicht auf Abwege bringt.
   Als ich ein geeignetes Buch gefunden habe, kicke ich meine Schuhe unter den Tisch, mache es mir auf der Couch neben Phins Füßen bequem und beginne zu lesen.
   Ein letztes Mal, bevor ich in einer unbekannten Welt versinke, schaue ich noch einmal ohne Hintergedanken zu Phin. Er atmet leise mit halb offenem Mund. Ich lächele und schüttele den Kopf. Wer hätte gedacht, dass ich irgendwann einmal neben ihm sitze und in Ruhe ein Buch lesen würde? Es ist ein schönes Gefühl, und es fühlt sich richtig an.
   Wunder geschehen womöglich doch ab und zu einmal.
   In meinem Kopf macht es auf einmal laut Klick. Ich erschrecke, mein Puls erhöht sich, und ich bekomme Herzrasen. Mir wird warm, trotzdem bekomme ich eine gewaltige Gänsehaut, als mir etwas klar wird – mehr als je zuvor.
   Ich liebe diesen Mann, in dessen Wohnung ich bin und neben dem ich sitze, für ihn da bin und auf ihn aufpasse. Für mich steht schlagartig eines fest: Wenn er wach und wieder gesund ist, werde ich ihm verzeihen – alles.
   Ich bin fest entschlossen, will es mit ihm versuchen … Auch wenn unser Start eine halbe Katastrophe war, auch wenn es scheitern könnte. Auch wenn wir nur streiten sollten, auch wenn wir es nur für wenige Wochen miteinander aushalten und auch wenn die Gefahr droht, dass er mich abweist.
   Jede Sekunde mit ihm ist Gold wert, und ich genieße jeden Augenblick, den er bei mir ist und ich bei ihm bin. Ich möchte nichts unversucht lassen.
   Vielleicht bekommen wir es ja hin.

Kapitel 3

Ihr unbeschwerter und zufriedener Anblick lässt mein Leiden von Minute zu Minute mehr schwinden. Ihre Wangen sind rosig und warm, ihre Haut so zart, ihr Haar so weich. Sie wirkt zum Anbeißen süß. Ihr milder Geruch kitzelt hinreißend meine Nase. Sie riecht frisch und lebendig, dennoch sinnlich wie ein blühender Strauß Sommerblumen.
   Lena liegt friedlich schlafend mit dem Kopf auf meinen Oberschenkeln, ihr Gesicht zu mir gerichtet. Mir ist noch unklar, wie es dazu gekommen ist, ob sie mir freiwillig oder unbeabsichtigt so nahe ist.
   Ein alter und ausgelesener Fantasy-Roman, der schon durch die Hände meiner ganzen Familie ging, liegt auf ihrem Bauch, darauf ihre zierliche Hand. Ihre Finger zucken gelegentlich. Ihre Schuhe liegen unter dem Tisch, und meine Wohnung ist von den ganzen Lampen hell erleuchtet, obwohl die Sonne schon seit Stunden ihr Dasein durch das Küchenfenster in meinem Rücken angekündigt hat. Mein aufgerichteter Oberkörper schützt Lena vor den Strahlen, sodass sie noch schlafen kann. Ich habe keine Ahnung, wie lange sie meinetwegen wach war.
   Ich bin im Moment sehr glücklich, mein Herz lacht mit mir so wie die Vögel, die sich auf den Sommer freuen. Weil ich ihr das alles angetan habe, wundere ich mich, dass sie die ganze Nacht bei mir geblieben ist.
   Leicht streichele ich mit den Fingerspitzen ihre Wange, worauf ihre Lider zucken und sie leise seufzt. Wird sie mir verzeihen, oder hat sie es schon getan – oder wird sie es überhaupt jemals tun? Es tat gut, ihr die Wahrheit zu sagen, auch wenn ich kotzend über dem Klo hing.
   Ich bereue es auch nicht, vor ihr geweint zu haben, es machte die ganze Situation etwas leichter und ich fühlte mich dadurch freier. Sie hörte mir zu, blieb ruhig, dennoch breitete sich ihre Unsicherheit und Enttäuschung im kompletten Bad aus. Ich spürte es in jeder Faser meines Körpers, was es für mich unmöglich machte, sie während meiner Beichte anzusehen.
   Ihr schmerzender Anblick hätte mir vermutlich das Herz zerrissen, aber jetzt … jetzt kann ich meine Augen nicht mehr von ihr lassen, und mir wird immer mehr klar, dass ich sie am liebsten nicht mehr hergeben möchte.
   Ich könnte sie den ganzen Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde berühren und einfach nur ansehen. Einfach nur zu wissen, dass sie da ist, ist für mich das größte Glück auf Erden.
   Als sie ihren Kopf zur Seite neigt und fester in meine Oberschenkel drückt, fällt eine Haarsträhne auf ihre Stirn. Ich lasse es mir nicht nehmen, sie beiseite zu streichen, damit mir die Sicht auf ihr wundervolles Gesicht nicht verborgen bleibt. Ganz sanft schiebe ich das Haar hinter ihr Ohr.
   Auf einmal zucken ihre Lider. Sie seufzt leise und leckt sich die Lippen. Dann zieht sie ihre Nase nach oben und öffnet die Augen. Im ersten Moment habe ich das Gefühl, ein starker Zauber fährt in mich hinein, breitet sich überall in mir aus, in meinen Organen, meinen Knochen, meinem Blut und meinem Herzen. Er setzt sich dort für immer fest. Der Zauber hat einen Namen – Liebe. Ich schlucke laut, und meine Mundwinkel zucken, weil ich nicht weiß, ob ich lachen oder weinen soll.
   In der Annahme, sie würde gleich vor Schreck und Entrüstung aufspringen und sich rasch stotternd und stolpernd von mir entfernen, verkrampfe ich mich und stoppe meine Streicheleinheiten. Kurz halte ich die Luft an und warte ab, was passiert.
   Doch sie lächelt und … ich kann es nicht glauben. Wie ein kleines Kind formt sie ihre Hand zu einer Faust und reibt sich den Schlaf aus ihren fantastischen Augen. »Morgen«, murmelt sie und runzelt die Stirn. »Ich bin eingeschlafen«, stellt sie etwas benommen fest.
   Ich grinse und schüttele den Kopf, weil ich es nicht fassen kann. »Guten Morgen«, erwidere ich. »Das tun Menschen für gewöhnlich in der Nacht.«
   »Ja«, haucht sie und wirkt orientierungslos, dann hebt sie den Roman an und präsentiert mir das Cover, obwohl ich es schon mehr als einhundert Mal gesehen habe. »Ich wollte eigentlich das Buch zu Ende lesen. Es ist spannend und sehr gut geschrieben, aber irgendwann konnte ich meine Augen nicht mehr offen halten«, erzählt sie, als … als wären wir die besten Freunde. Inniger wage ich unsere jetzige Beziehung noch nicht zu bezeichnen.
   Ich bin mir nicht sicher, ob sie sich so verhält, weil sie es wirklich ernst meint oder weil sie sich noch im Halbschlaf befindet. Ein Teil in mir ist verwirrt, der andere unterdrückt dieses Gefühl und sagt, dass ich es genießen soll – und das tue ich.
   Durch ihr Benehmen lässt sie mein Herz höher schlagen und macht den Tag, auch wenn ich nicht weiß, wie er enden wird, schon jetzt perfekt.
   Lena macht keine Anstalten, sich von meinen Beinen zu erheben, und ich werde sie auch nicht darum bitten. »Wie geht es dir eigentlich?«, fragt sie und mustert besorgt mein Gesicht. »Du siehst besser aus und hast wieder etwas Farbe bekommen.«
   Gott, ihr atemberaubender Anblick lässt einen fetten Knoten in meiner Kehle entstehen. Ich muss träumen, nur so kann ich mir die Situation erklären. Ich räuspere mich und fahre mit einem Finger über ihre Stirn. »Ja. Es geht mir besser, vor allem, weil du wirklich hier bist.« Ich würde sie am liebsten küssen.
   Sie lächelt mich an und blinzelt mehrmals, anschließend atmet sie tief durch. Für Sekunden schweigen wir, dann weicht sie verlegen meinem Blick aus und sieht – leider – auf die Uhr über meinem Fernseher. Mit einem Mal fängt sie an zu quieken und springt wie von einer Tarantel gestochen auf.
   »O nein, das … das darf nicht wahr sein.« Beinahe wäre sie von der Couch gefallen und mit dem Kopf gegen den Wohnzimmertisch geknallt. »Ich …«, sie fängt sich noch mit den Händen ab, keine zwei Sekunden später steht sie stramm auf zwei Beinen und dreht sich einmal im Kreis. »Verdammt, ich muss zur Arbeit.«
   Verschlafen schüttelt sie den Kopf und fährt sich durch ihr zerzaustes Haar. »Wie sieht das denn aus, wenn ich am ersten Tag nach meinem Urlaub zu spät komme?«, sagt sie so, als wäre sie jeden zweiten Tag unpünktlich. Ohne auf irgendetwas anderes zu achten, fällt sie auf die Knie und zerrt ihre Schuhe unter dem Tisch hervor.
   »Fünfzehn Minuten«, murmelt sie und keucht, als würde sie nach einem Schatz graben, während ich nur dasitze, sie amüsiert beobachte und mir ein Lachen verkneife. Ich liebe ihre tollpatschige Art und ihren perfekten Hintern, den sie mir ungeniert präsentiert, während sie halb unter den Tisch robbt.
   »Wie soll ich das nur schaffen?«, jammert sie weiter, setzt sich auf den Hocker und zieht sich die Schuhe an. Dann hält sie sich eine Hand vor den Mund und stiert mich an, als wäre ihr der Einfall ihres Lebens gekommen. »Scheiße, ich muss den Laden heute auch noch aufschließen, weil Herr Hartmann einen wichtigen Arzttermin hat. Deshalb habe ich auch den Rest der Woche nicht freibekommen.« Sie springt auf, eilt an mir vorbei und schnappt sich ihren Schlüssel von der Arbeitsplatte. »Ich muss los«, wirft sie mir noch entgegen und rast beinahe zur Tür.
   Aber … Hilfe suchend strecke ich einen Arm nach ihr aus. »Warte«, schreie ich ihr nach, worauf sie prompt mit dem Rücken zu mir stehen bleibt. »Lena, warte«, mache ich weiter. »Sehen … sehen wir uns wieder?«, frage ich einfach so heraus, meine Stimme zittert, mir wird warm und kalt zugleich, aus Angst vor der Antwort – aus Angst, dass der Augenblick vor ein paar Minuten zwischen uns doch nur ein Traum war.
   Sie wendet sich mir mit vorgehaltener Hand zu und ich kann dahinter ein liebevolles und ernstes Lächeln erkennen. Ihre Wangen schieben sich nach oben und bekommen eine rosige Farbe. Fast belustigt deutet sie über ihre Schultern zur Tür. »Wir sind Nachbarn. Das wird sich wohl nicht vermeiden lassen«, beantwortet sie meine Frage.
   Doch ich bleibe ernst, schließe die Augen und versuche, meine Gefühle zu sammeln. »Das meine ich doch nicht.«
   Umgehend stellt sie ihr Lächeln ein, verstummt, presst ihre wundervollen Lippen aufeinander und kommt auf mich zu. Dann wirft sie ihre Schlüssel auf den Tisch, beugt sich zu mir herunter und nimmt mein Gesicht zwischen ihre Hände. Ihre Augen glühen, darin spiegeln sich die Strahlen der Sonne, Sehnsucht und Verlangen. Sie wirken entschieden, energisch und kompromisslos.
   Zuerst reiße ich erschrocken die Augen auf und versuche, mich aus ihrem Griff zu befreien, erstens, weil ich überrumpelt bin und nicht weiß, ob sie es ernst meint, mir vielleicht eine knallen oder mir eines auswischen will. Und zweitens, weil ich sie nicht anstecken möchte.
   Unsere Gesichter sind kaum noch einen Zentimeter voneinander entfernt. Ihr Mund öffnet sich ein Stück, ihre Nasenflügel blähen sich auf, ihr Atem geht stockend und laut, landet sanft auf meiner Haut.
   Plötzlich steht die Zeit still, ich verliere mich vollkommen in ihrem Anblick. Der Hintergrund verschwimmt. Ihre warmen Hände auf meinen Wangen, eine federleichte Berührung.
   Mein Herz pocht, macht mir das Atmen und Schlucken schwer. Ich lege meine Hände um ihre Unterarme. Die Welt rückt in weite Ferne. Ich wage es kaum, zu atmen, habe Angst durch eine falsche Bewegung den atemberaubenden Moment zu zerstören.
   Meine Wangen glühen. Kurz schließe ich die Augen und ziehe ihren reizenden Duft ein. Ich fühle mich sicher, beschützt und begehrt. Ihre Gefühle und ihr Tun sind echt – ohne Zweifel. Beim bloßen Gedanken an einen Kuss entsteht ein Kribbeln in meinem Bauch, das meinen Puls schon fast ungesund beschleunigt.
   Als hätte Lena meine Gedanken gelesen, legt sie ihre unglaublich weichen Lippen auf meine, und ich habe das Gefühl, abzuheben. Der Kuss ist leidenschaftlich, sehr intensiv, lieblich und heilend. Er lässt alles nebensächlich erscheinen, fernab der Wirklichkeit. Jede Sekunde ist perfekt, jeder Augenblick köstlich.
   Lena wird drängender, ihr Kuss macht Lust auf mehr. Sie setzt sich rittlings auf meine Beine und löst sich von meinen Lippen. Vorsichtig reibt sie ihre Wange an meiner. »Ich hoffe, damit ist deine Frage beantwortet«, flüstert sie in mein Ohr.
   Ihre Worte lassen mich erschauern. »Ja«, hauche ich, nicht fähig, mehr und lauter zu sprechen. Zärtlich liebkose ich ihr Schlüsselbein, ihren Hals und ihr Kinn, während meine Hände ihre Oberschenkel hinaufwandern, ihren Bauch erreichen und in den Bund ihrer Hose gleiten.
   Doch auf einmal hält Lena inne. »Phin, warte«, stoppt sie mein Tun, lehnt sich zurück, sieht mich enttäuscht an und nimmt meine Hände in ihre. »So gern ich weitermachen würde …« Sie lächelt sinnlich und senkt den Kopf, als könnte sie nicht glauben, was gerade geschieht. Mir geht es genauso. Es kommt mir alles so unwirklich vor.
   Sie schluckt laut. »Ich muss los, ich …«
   Ich schenke ihr ein Grinsen und lege ihr meinen Zeigefinger auf den Mund. »Schon okay«, flüstere ich, gebe ihr einen Kuss auf die Nase, dann auf den Mund. »Geh schon«, fordere ich sie auf. »Bevor ich es mir anders überlege.«
   Sie legt eine Hand auf meine Wange und neigt ihren Kopf. »Du machst es mir wirklich nicht leicht«, erwidert sie und klettert rückwärts von meinen Beinen. »Aber ich kann jetzt wirklich nicht länger bleiben«, macht sie mir erneut begreiflich.
   Langsam greift sie nach ihrem Schlüssel und schenkt mir das größte Lächeln, das sie besitzt. »Bis später.« Sie richtet ihr Haar, winkt und atmet tief durch. »Viel Spaß beim Einräumen«, wünscht sie mir noch mit einem verschmitzten Grinsen und geht.
   Als die Tür zufällt, ich nur einen kurzen Blick auf das Umzugschaos im Flur erhasche, lehne ich mich zurück und fange an zu lachen. Wie ein Verrückter zerzause ich mein Haar und vergesse meine Übelkeit.
   Auch wenn man es für unmöglich halten könnte und in meinem Hinterkopf ein schlechtes Gewissen Iris gegenüber steckt, kann ich meine Freude nicht zurückhalten und würde mich im Moment als den glücklichsten Menschen der Welt bezeichnen. Ich hoffe nur, dass es Lena genauso geht.
   Ihr Lächeln sprach zumindest Bände.

Kapitel 4

Verträumt sitze ich hinter der Verkaufstheke, beide Hände am Kinn abgestützt, und starre aus dem großen Schaufenster. Ein kleines und teils verschämtes Grinsen stiehlt sich auf meine Lippen, als ich an den Kuss von heute Morgen und an Phin denke.
   Ich atme tief ein und laut aus: Phin, Phin, Phin. Ich bin total verknallt. Schon den ganzen Tag denke ich an ihn, kann mich kaum auf meine Arbeit oder Emma und Caleb konzentrieren.
   Kurz schließe ich die Augen und lasse die Empfindungen des bezaubernden Kusses, die durch meinen Körper rasen, Revue passieren. Ich könnte mich vor Glück und Freude auf die Theke legen, die Augen schließen und verliebt vor mich hinschmachten, lachen und … träumen, wie es mit Phin und mir jetzt weitergehen wird.
   Erfreulich zucke ich zusammen, als mich eine heftige Gänsehaut erwischt. Es schüttelt mich, und ein leises Wimmern schleicht sich über meine Lippen, als mein Bauch aufgeregt beginnt zu vibrieren, als würde man darin Popcorn zubereiten.
   Ich schüttele den Kopf, kneife meine Oberschenkel zusammen und lege eine Hand auf meinen Bauch. Dann schenke ich meine Aufmerksamkeit dem Notizblock vor mir. Noch keinen einzigen Buchstaben habe ich heute geschrieben, was mich aber nicht verärgert, denn … Phin ist daran schuld, und ich habe nicht vor, ihm deswegen böse zu sein.
   Nicht einmal, dass ich den Buchladen nicht pünktlich aufgesperrt habe, macht mir jetzt noch Sorgen. Warum auch? Ich kam nur fünf Minuten zu spät. Eine nette Kundin stand schon vor der Tür und wollte ihren bestellten Krimi abholen. Sie machte mir keine Vorwürfe, ganz im Gegenteil, sie umarmte mich mit einem liebevollen Lächeln und freute sich, dass ich wieder im Lande bin. Somit war meine kleine Verspätung ganz schnell wieder vergessen.
   Wie eine Märchenprinzessin, die ihrem Prinzen zufällig bei einem Ausritt im Wald begegnet ist, drehe ich mich mit Schwung um. Dann lehne ich mich mit den Ellenbogen gegen die Theke und betrachte die Buchhandlung, in der ich mich wie zu Hause und besonders wohl fühle.
   Der kleine Laden erinnert mich an Karl Konrad Koreanders Buchantiquariat, und ich muss zugeben, dass ich mich manchmal auch wie Bastian Balthasar Bux fühle. Besonders, wenn Herr Hartmann in seiner selbst eingerichteten Ecke herumwühlt, in der ein wildes Durchscheinender herrscht und die niemand außer ihm betreten darf. Er sucht ständig nach alten Büchern, die er vor Jahren hier abgelegt hat oder glaubt, sie hier abgelegt zu haben.
   Ich beobachte ihn gern dabei, wenn er mit sich oder seinen alten Schmökern spricht, die bei jeder falschen Bewegung zu zerfallen drohen. Mit einer dicken Brille auf der Nase setzt er sich meist auf seinen alten und modrigen Ledersessel und murmelt vor sich hin, ist gefangen in seinem Tun und lässt sich durch nichts und niemanden ablenken. Ich mag den alten Mann sehr und freue mich schon auf unser Wiedersehen.
   Der Rest der Buchhandlung ist sehr modern gestaltet. Zwei große Schaufenster bieten den Kunden genügend Möglichkeiten, die Räume und Bücher auch von außen zu betrachten. Der buchefarbene Boden, die hellen Möbel und die richtig eingesetzten Lichteffekte lassen den Laden freundlich, groß und einladend wirken.
   Im hinteren Bereich, der durch einen schmalen Buchgang zu erreichen ist, hat Herr Hartmann eine kleine Leseecke für die Kunden einrichten lassen. Besonders für diejenigen, die sich keine Bücher leisten können, aber trotzdem lesen möchten. Dieses Angebot wird sehr gern angenommen, vor allem von den Jugendlichen, was mich manchmal sehr wundert und Herrn Hartmann einfach nur glücklich macht, dass seine Idee und Hilfe bei den jungen Lesern so gut ankommt.
   Heute ist ein entspannter Tag, und ich genieße die Ruhe zwischen all den Büchern und meinen Gedanken. Mit einem erfüllten Seufzen drehe ich mich wieder um, stütze mich auf der Theke neben der Kasse und vor meinem Notizblock ab, und bette mein Kinn in meine Hände.
   Verträumt beobachte ich das bunte Treiben außerhalb des Ladens. Er liegt an einer nicht viel befahrenen Kreuzung, deren Ampeln in gleichen Abständen immer wieder umschalten. Rot, gelb, grün – grün, gelb, rot. Gegenüber befindet sich ein kleines Schuhgeschäft und daneben ein gut besuchter Grieche, bei dem ich ab und an meine Mittagspause verbringe.
   Menschen aller Arten und Formen laufen am Schaufenster vorbei, manche rasen so schnell und hektisch, dass man sie kaum wahrnimmt, andere lassen sich nicht aus der Ruhe bringen und sehen sich ihre Umgebung genau an.
   Ein junger Mann mit Kopfhörern im Ohr hilft einer alten Dame mit zwei Einkaufstüten über die Straße. Ein älterer Herr lässt es sich auf seinem Rollator gut gehen, er zieht genüsslich die frische Frühlingsluft ein und genießt die warmen Sonnenstrahlen, und eine fünfköpfige Touristengruppe fuchtelt unbeholfen mit einer Karte in der Gegend herum.
   Als Phin urplötzlich an einem der Schaufenster vorbeiläuft, erschrecke ich. O mein Gott. Müsste er normalerweise nicht im Bett liegen? Was macht er hier?
   Pfeifend kommt er in einer engeren schwarzen Abzugshose und einem weißen Hemd zur Ladentür herein. Sobald er mich sieht, schenkt er mir ein schiefes Lächeln.
   Im ersten Moment starren wir uns stumm an, als hätten wir uns Jahre nicht mehr gesehen und müssten uns erst durch genaue Musterung klar werden, dass wir wirklich wir sind. Sein Anblick entspannt und erregt mich gleichermaßen. Es ist komisch und aufregend zugleich, macht mich einerseits hibbelig, auf der anderen Seite macht es mich glücklich.
   Dann gebe ich mir einen Schubs und laufe nervös und mit feuchten Händen um die Verkaufstheke. »Hey«, kommt außergewöhnlich locker aus meinem trockenen Mund. Mit einem leichten Lächeln stelle ich mich vor Phin und hebe meinen Kopf, damit ich ihn besser ansehen kann – und das tue ich sehr gern.
   Phin grinst unheimlich breit, und seine braunen Augen leuchten, als würde darin die Sonne scheinen. Er verliert keine Zeit, beugt sich zu mir nach vorn und gibt mir einen sanften Kuss auf die Stirn. »Hey«, haucht er, ohne sich von mir zu lösen.
   Ich schließe die Augen und genieße in vollen Zügen seine weichen Lippen und seinen warmen Atem auf meiner Haut. Er verwandelt meinen Körper in ein behagliches Kribbeln. In meinem Nacken stellen sich die Härchen auf, und ich habe das Gefühl, dass die Gänsehaut, die sich auf meinem Kopf bildet, jedes einzelne Haar herausreißt.
   Am liebsten würde ich jetzt laut seufzen, um Phin zu sagen, dass mir gefällt, was er macht, und dass er damit nicht mehr aufhören soll. Meine Knie werden weich und mein Herz macht einen holprigen Satz nach dem anderen. Tief atme ich seinen süßlichen Duft ein, der mich beinahe in eine andere Welt katapultiert. Das ist absolut irre und … einfach nur Wahnsinn.
   Ich muss mich zusammenreiße, um nicht sofort über ihn herzufallen. »Wie geht es dir?«, wispere ich.
   Er nimmt meine hinabhängenden Hände in seine und hält sie zwischen uns hoch. »Gut, sehr gut.« Danach beugt er sich zurück, worauf ich meine Augen öffne und einfach nur seinen makellosen Anblick mit Herz und Seele auskoste.
   »Schon fertig mit dem Einräumen?«, kann ich mich dann doch zu einer Frage und einem bevorstehenden Gespräch überreden.
   Meine neu gewonnene Liebe presst ertappt die Lippen zusammen. »Ich habe erst einmal alles in eine freie Ecke ins Schlafzimmer gestellt.«
   Das muss dann wohl ein großes Schlafzimmer sein. Ich nicke verständnisvoll, runzele gleichzeitig die Stirn. »Was machst du hier und … woher weißt du überhaupt, wo ich arbeite?«
   Phin neigt amüsiert den Kopf und streichelt zärtlich über meine Fingerknöchel. »Ähm. Deine Freundin.« Er verzieht sein Gesicht und überlegt. »Me… Mel…«
   »Merle«, helfe ich ihm auf die Sprünge.
   »Ja, genau.« Er zieht seinen rechten Mundwinkel nach oben, wobei sich ein Grübchen auf seiner Wange bildet. »Ich habe weiter meine Wohnung eingeräumt und dann stand sie auf einmal vor mir. Sie wollte zu dir, hatte aber vergessen, dass du heute wieder arbeiten musst. Ich … ich habe sie gefragt, ob sie mir verrät, wo der Buchladen ist. Und wenn sie es nicht getan hätte …« Mit einem spitzbübischen Grinsen zuckt er die Achseln. »Dann hätte ich Onkel Google gefragt.«
   Ich erwidere sein Grinsen und schüttele den Kopf. Aber das ist typisch Merle, sie kann niemandem einen Wunsch abschlagen.
   Phin zwinkert mir zu, wirkt sorglos und ausgelassen. Dann lässt er meine Hand los und geht an mir vorbei. »Und außerdem möchte ich gern noch ein Buch kaufen«, offenbart er und reibt sich wie vor einem wichtigen Kampf die Hände.
   Verwundert ziehe ich meinen Kopf zurück. »Ach, wirklich?«, vergewissere ich mich, fahre vorsichtig über meinen Handrücken, um weiterhin die Berührungen von Phin zu spüren – was natürlich nicht richtig funktioniert.
   Etwas enttäuscht drehe ich mich mit ihm herum und frage mich, ob er die ganzen Bücher in seinem Regal schon gelesen hat. »Was darf es denn sein?«, stelle ich mich als seine treue Beraterin zur Verfügung – na ja, ist ja mein Job.
   Belanglos zuckt Phin mit den Schultern. »Mal sehen«, murmelt er. Dann stellt er sich vor ein Regal, mustert mit einem Zeigefinger auf der Lippe die Bücher und schielt ab und an zu mir, gibt mir jedoch keine ausführlichere Antwort.
   »Gut«, gebe ich ihm zurück und zeige auf die Regale. Amüsiert lehne ich mich gegen die Verkaufstheke. »Du kannst dir ruhig Zeit lassen oder in der Leseecke lesen, wenn du etwas Passendes gefunden hast«, schlage ich ihm vor und grinse bis über beide Ohren. Von mir aus kann er sich den ganzen Tag die Bücher ansehen, grübeln, nichts sagen oder mich nicht beachten.
   Das ist mir egal, denn somit habe ich eine neue Beschäftigung für heute gefunden – ihn beobachten, einfach nur stumm ansehen und meinen Gedanken freien Lauf lassen. Zu wissen, dass er bei mir ist und meinetwegen, ruft weitere Glücksgefühle wach, und ich stehe kurz davor, nicht mehr zu wissen, wohin damit.
   Ich muss mich sehr zurückhalten, nicht zu lachen, meine Freude herauszuschreien oder zu tanzen. Für ein paar Sekunden verringert sich mein Lächeln, als ich daran denke, wie ein einziger Mensch jemandem den Tag so versüßen und perfekt machen kann. Wie er ihm so viel Freude, Ausgelassenheit und Zufriedenheit schenken und Probleme und Sorgen einfach ganz weit in den Hintergrund schieben kann.
   Solche Menschen sollte man festhalten – für immer. Sie nie wieder gehen oder loslassen, ihnen Fehler und Missgeschicke verzeihen, ihnen vertrauen … und sie lieben.
   Phin räuspert sich, holt mich so aus meinen Gedanken zurück. Das lasse ich gern zu, damit ich wieder für ihn da bin. »Ich suche etwas Besonderes«, sagt er langsam, betont jedes Wort, als würde ich ihn so besser verstehen.
   Innerlich ziehe ich eine Schnute. »Jedes Buch ist etwas ganz Besonderes«, erwidere ich.
   »Ich meine von einer besonderen Autorin, einer ganz besonderen Frau.«
   »Ach ja?« Jetzt könnte ich sagen, dass jede Frau etwas Besonderes ist – nein, jeder Mensch hat es verdient, als etwas ganz Besonderes bezeichnet zu werden.
   »Ja.« Er deutet auf ein bestimmtes Regalfach, als würde er darin einen Schatz vermuten. »Ich weiß, dass sie Lena Winter heißt, aber unter einem Pseudonym veröffentlicht.« Er zieht ein zerknirschtes Gesicht. »Leider kenne ich das nicht.«
   »Das ist der Sinn eines Pseudonyms«, spiele ich die Besserwisserin. »Wenn du den Namen nicht kennst, dann kann ich dir leider nicht weiterhelfen.«
   Ein vorbeirauschender Lkw bringt die Schaufenster zum Vibrieren, die Dekoglaskugeln stoßen an die Scheibe, als würden sie sich über diesen Lärm beschweren.
   Leider kann ich es nicht verhindern, rot zu werden. Lügen oder irgendwelche schauspielerischen Tätigkeiten gehören nicht zu meinen Stärken. Wenn Phin wüsste, dass er schon zwei Bücher von mir besitzt … Ich hoffe, sie haben ihm gefallen.
   »Hm.« Phin legt einen Finger auf sein Kinn. »Mit der richtigen Recherche bekomme ich den bestimmt heraus.«
   »Das ist nicht nötig. Ich glaube, mir ist eingefallen, wen du meinst.« Ich lauf an ihm vorbei. »Komm, ich zeig es dir.« Mit einer einladenden Handbewegung fordere ich ihn auf, mir in den hinteren Teil der Buchhandlung zu folgen.
   »Schön habt ihr es hier«, sagt Phin, während er brav hinter mir herläuft und ich darüber nachdenke, reizvoll mit dem Hintern zu wackeln, um ihn auf den ein oder anderen ausfallenden Gedanken zu bringen. Einen Wimpernschlag später fällt mir ein, dass ich auf der Arbeit bin, so etwas auf keinen Fall hierhergehört, und ich nicht mehr daran denken sollte.
   »Um die Einrichtung kümmert sich die Tochter von Herrn Hartmann«, erwidere ich und bleibe neben der Leseecke vor einem schmalen Regal stehen. Ich greife nach einem Buch von mir, drehe mich um und halte es vor Phin hoch. »Hier.«
   Er strahlt und nimmt das Buch entgegen. »Ernsthaft?«, fragt er mich, und ich erkenne die Überraschung in seinen Augen. »Du bist Mellory R. Pikkollow?« Er dreht das Buch hin und her, als würde er dort die Antwort finden.
   »Ja.« Es gelingt mir nicht, gefasst zu wirken. »Die bin ich.« Meine Stimme zittert, am liebsten würde ich an meinen Fingernägeln kauen.
   Phin nickt langsam. »Wow«, haucht er, als wäre ich eine weltberühmte Bestsellerautorin.
   Mit seinem berührten Verhalten macht er mich unsicher. Das ist auch ein Grund, warum ich ein Pseudonym verwende, weil ich mit großem Lob oder solch einer Verwunderung und Begeisterung, wie Phin sie hier und jetzt zeigt, nicht gut zurechtkomme.
   »Das ist echt toll, Lena«, flüstert er beinahe und lässt die Hand, in der er mein Buch hält, sinken. »Ich habe schon zwei Bücher von dir gelesen und …«
   »Ich weiß«, falle ich ihm ins Wort. »Ich habe sie gestern in deinem Regal gesehen.«
   Phin bleibt stumm, sein Blick verändert sich auf einmal, wandelt sich von Erstaunen und Stolz in Begehren um. Die Luft um uns herum beginnt zu knistern, und ich bilde mir ein, das Knacken zu hören. Ich betrachte wie berauscht sein hübsches Gesicht, seine Lippen, seine Augen … Der Anblick lässt mein Herz wie eine Blume im Licht aufgehen.
   Ich deute mit zitternden Händen auf das Buch. »Willst du es kaufen?«
   Phin neigt mit einem lüsternen Grinsen den Kopf beiseite und wirkt verwirrt. Wie kann ich ihm in so einer leidenschaftlichen Lage so eine dämliche Frage stellen? »Soll ich es kaufen?«, stellt er mit einer tiefen Stimme die Gegenfrage.
   Mir würde etwas anderes einfallen, was er machen soll. Als würde Phin meine Gedanken lesen können, legt er das Buch auf den kleinen Tisch in der Leseecke und schleicht sich wie eine Wildkatze an mich heran. Seine Augen werden dunkler, somit weiß ich, dass er dasselbe denkt wie ich.
   Aber … doch nicht hier. Oder doch? Ich weiche zurück, bis ich das Regal im Rücken spüre und einige Bücher umfallen. Ich schüttele den Kopf. »Phin, wir …«
   Er legt mir einen Finger auf die Lippen. Ich gehorche auf der Stelle, kann ihm einfach nicht widerstehen. Als er dicht vor mir steht und mich nur mit einer hauchzarten Berührung streift, schmelze ich dahin und spüre die unheimliche Wärme seines Körpers. Mir wird heiß und ich bekomme weiche Knie.
   Er beugt sich zu mir herunter. »Oder soll ich dich jetzt küssen?«, fragt er und hält kurz vor meinen Lippen inne.
   Himmel, sein Duft ist so berauschend, dass es mir beinahe den Boden unter den Füßen wegzieht. Mein Atem geht schnell, mein Herz rast, meine Hände kralle ich in das Regal.
   Die Lust auf diesen Mann trifft mich mit voller Wucht, bringt mein Blut in Wallung. Alle Muskeln in meinem Unterleib ziehen sich zusammen. Allein seine verführerische Stimme bringt mich völlig durcheinander, und dann noch dieser Blick, dieser gierige, brennende, hungrige Blick. In seinen Augen spiegelt sich meine Begierde.
   »Ja«, hauche ich. »Ja, küss mich.« Ich verschlucke mich fast an meinen Worten. Wenn er mich jetzt nicht sofort küsst, fange ich an zu quieken, weil ich diese quälende Vorfreude nicht mehr aushalte. Genüsslich schließe ich die Augen und kralle mich in seinem Ausschnitt fest. Gleich ist es so weit – ich spüre seinen Atem. Gleich – seine warmen Lippen …
   »Lena?«, höre ich auf einmal Mia nach mir rufen.
   Übertrieben schnell öffne ich Mund und Augen. Was, nein?, schreie ich innerlich auf, auch Phin scheint es so zu gehen. Er senkt geknickt den Kopf, knurrt und formt eine Hand zu einer Faust.
   »So, ein Mist«, bricht es aus mir heraus, abschließend lache ich, als ich Phins Ausdruck mustere. Belustigt, aber auch verärgert.
   Er beißt sich auf die Unterlippe. »Es ist wirklich schwer, die Zweisamkeit mit dir zu genießen und … auszukosten.« Er streichelt über meine Wange. »So, wie es aussieht, gelingt uns das nur in Thailand.«
   Ich lege meine Stirn an seine, hole tief Luft, atme seinen Duft, seine Wärme und seine Liebe ein und lasse das alles auf mich und in mir wirken. »Ich würde sofort wieder mit dir dorthin fahren«, flüstere ich, während Mia wieder nach mir ruft. Zärtlich streichele ich seinen Hals. »Ich hätte absperren sollen, nachdem du den Laden betreten hast.«
   Phin lacht leise und küsst meine Nasenspitze. »Lass uns heute Abend zusammen essen, ich koche für uns«, schlägt er vor.
   »Sehr gern.«
   »Lena!« Meine ungebetene Schwester kommt näher, worauf sich Phin von mir entfernt und ich vor Enttäuschung leise seufze. »Bist du hier irgendwo?«
   Ich sollte Herrn Hartmann darauf aufmerksam machen, eine Klingel an die Tür anzubringen, so höre ich gleich, wenn jemand kommt und die Kunden müssen sich nicht die Kehle aus dem Hals schreien.
   Phin schnappt sich das Buch und wirft es locker wie einen Ball in die Luft. Beherrscht lässt er es in seine ausgestreckte Hand fallen und hält es vor sich hoch. »Die bekommen einen Ehrenplatz.«
   Ich gehe einen Schritt auf ihn zu, möchte ihn noch einmal berühren, bevor er geht, mich vergewissern, dass er wirklich hier ist, doch Mia lässt das nicht zu.
   Plötzlich taucht sie hinter ihm auf. Sie erschreckt, nimmt eine Hand vor den Mund und legt eine glatte Vollbremsung hin. »Oh, störe ich?«, fragt sie und deutet mit großen Augen auf Phin und mich. Sie wirkt eingeschüchtert, was ich von ihr eigentlich nicht kenne.
   Phin dreht sich Mia zu, während ich nur dastehe und sie am liebsten wieder wegschicken möchte, damit wir da weitermachen können, wo wir aufgehört haben. »Hallo, Frau Winter«, begrüßt er sie freundlich, danach schenkt er mir wieder seine Aufmerksamkeit. »Ich lege das Geld neben die Kasse.« Er zwinkert mir zu und gibt mir einen Luftkuss, den Mia nicht sieht. »Bis später«, formt er mit den Lippen, geht an meiner großen Schwester vorbei, nickt und verschwindet.
   Mia sieht ihm nach und verzieht die Lippen. Anschließend kommt sie auf mich zu, streckt ihren Babybauch heraus und kneift die Augen zusammen. »Der hat ein Buch von dir«, stellt sie fest und deutet mit dem Daumen hinter sich. Ihre Handtasche rutscht von ihrer Schulter.
   Ich nicke und verkneife es mir, zu grinsen – verkneife es mir, ihr zu sagen, dass ich verliebt bin. Am liebsten würde ich meine Mundwinkel bis zu den Ohren ziehen und in die Welt hinausschreien, dass es mit Phin und mir doch noch etwas werden könnte.
   »Was machst du hier?«, frage ich stattdessen, weil ich weiß, dass sie keine Leseratte ist und mit Büchern weiter nichts am Hut hat – oder haben will.
   »Ähm.« Sie schüttelt den Kopf und tut, als müsste sie ihre Gedanken erst sammeln, obwohl ich das machen müsste. »Ich wollte mal nach dir sehen. Wie geht es dir?«, fragt sie im Anschluss, kommt auf mich zu und legt eine Hand auf meine Schulter.
   Ich stiere verwirrt ihre Hand an. »Gut. Sehr gut sogar.«
   Sie weicht mir aus und nickt. Würde ich es nicht besser wissen, würde ich behaupten, dass sie besorgt aussieht. Aber was mich noch mehr durcheinanderbringt, ist, dass sie es irgendwie nicht hinbekommt, mir in die Augen zu sehen. »Ist dir nicht wieder schlecht oder … oder sonst irgendetwas?«, fragt sie kleinlaut.
   Ich wundere mich sehr darüber, dass sie mich nicht über Phin ausquetscht, fragt, ob wir eine Nummer im Laden geschoben haben, bevor sie kam oder … ach, ihr würden bestimmt noch weitere ausfallende Fragen einfallen. Jedoch hält sie sich zu meinem Erstaunen zurück. Hatte sie etwa ein ernstes Gespräch mit Alex? Hat er ihr endlich mal den Kopf gewaschen? Innerlich setze einen skeptischen Gesichtsausdruck auf. Das würde er niemals übers Herz bringen.
   Ich versuche meine Besorgnis über ihr Verhalten herunterzuspielen. »Was ist denn mit dir los?«, will ich wissen, nehme ihre Hand von meiner Schulter, verschlinge unsere Finger und halte sie zwischen uns. »Wartest du darauf, dass ich dir wieder vor die Füße kotze, oder worauf willst du hinaus?«
   Sie zuckt zusammen, als hätte ich ihr eine geknallt, was ich natürlich niemals tun würde. Unter ihrem hellblauen Shirt zeigt sich ihr wunderschöner Babybauch, in dem mein Neffe heranwächst. »Nein, natürlich nicht«, entgegnet sie und sieht mir endlich in die Augen, in ihren bilden sich … Tränen.
   »Mia, was ist denn los?« Sie macht mir Angst. »Ist irgendwas passiert? Ist was mit Alex oder dem Baby?«
   Sie zwingt sich zu einem Grinsen, das ziemlich verkrampft aussieht. »Nein, es ist alles in Ordnung.« Anschließend wartet sie ein paar Sekunden. »Bei mir … dir«, betont sie, als würde sie auf eine Beichte von mir warten.
   Wir sehen uns eine Weile stumm an. Ihr komisches Verhalten wirft immer mehr Fragezeichen in meinen Schädel umher. Das muss wohl an der Schwangerschaft liegen. »Du bist genau das Gegenteil von den letzten Tagen. Besänftigt dich langsam dein Baby?«
   »Scheint so.« Leider schenkt sie mir diesmal kein Lachen, sondern senkt den Kopf. »Nein«, murmelt sie. »Jetzt weiß ich, dass du …« Sie stoppt abrupt ihre Worte und sieht mich mit großen Augen an. »Ich habe mit Mama über … ach …« Lässig winkt sie ab und lächelt gespielt. »Was hast du heute noch vor? Ich habe frei, und der Hausbau läuft auch ohne mich. Wir könnten etwas unternehmen, wenn du Feierabend hast. Essen, Kino …?«
   »Tut mir leid … ich bin schon verabredet.« Bei dem Gedanken an Phin und unser bevorstehendes Essen kann ich mein Lächeln nicht mehr zurückhalten, das sich glücklicherweise sofort auf Mia überträgt.
   »Mit Phin?«, fragt sie und drückt meine Hand.
   »Ja.« Ich nicke schnell.
   »Oh, Lena. Das freut mich so für dich. Es ist … aber« Wieder setzt sie diese komische Miene auf. »Es ist schön.« Dann nimmt sie mich liebevoll in den Arm, zerquetscht mich beinah, wobei ihr Bauch gegen meinen Oberkörper drückt. »Wenn du jemanden zum Reden brauchst, dann kannst du jederzeit zu mir kommen«, flüstert sie mit einer weinerlichen Stimme in mein Ohr. »Du weißt, dass ich immer für dich da bin.«
   Ich gehe zurück, jedoch nur so weit, dass sie mich noch nicht loslassen muss. »Also dein Verhalten heute ist für mich ein unlösbares Rätsel.«
   »Ach, meine Schwankungen. Das liegt wohl an der Schwangerschaft, aber …« Kurz sieht sie belustigt an die Decke und blinzelt mehrmals. »Sie gefallen mir langsam.«
   Nun gehe ich so weit zurück, dass wir die Umarmung lösen. »Auch, wenn du dir damit nicht immer Freunde machst?«
   Sie zuckt mit den Schultern und rückt ihre Handtasche zurecht. »Dann ganz besonders.«
   Wir lachen beide und gehen nebeneinander her nach vorn. »Willst du ein Buch kaufen?«, hake ich nach, obwohl diese Frage völlig umsonst ist.
   »Nein, auf keinen Fall.« An der Theke angekommen, zeigt sie mit dem ausgestreckten Arm Richtung unserer Eltern. »Ich schau noch mal bei Mama vorbei.« Mit gerunzelter Stirn sieht sie auf die Uhr über der Eingangstür. »Sie müsste schon zu Hause sein.«
   Ich nicke. »Okay, dann viel Spaß.«
   Mia nimmt mich noch einmal in den Arm. »Und dir wünsche ich ganz viel Spaß mit Phin.« Dann zwinkert sie und schnalzt mit der Zunge. »Und wenn ich Spaß sage, dann meine ich auch Spaß. Halte dich auf keinen Fall zurück. Halte dich ran, hole dir, was dir zusteht und was du brauchst.« Mit einer schwungvollen Bewegung formt sie ihre Hand zu einer Faust und hält sie nach oben. »Oder mehrmals, die Nacht ist schließlich lang. Danach möchte ich einen ausführlichen Bericht haben.«
   Da ist sie wieder, meine durchgeknallte Schwester. Ein Glück, ich hatte schon ernste Bedenken, dass etwas nicht stimmen könnte. »Den bekommst du.«
   Behutsam drückt sie mir einen Kuss auf den Haaransatz und gibt mir wie einem Kind einen Stups auf die Nase. »Mach’s gut, Süße.« Bevor sie die Tür öffnet, wendet sie sich mir noch einmal zu und drückt mir beide Daumen. »Schnapp ihn dir.«
   Gespielt genervt verdrehe ich die Augen. »Ja, ich habe es verstanden.« Ich tue so, als würde ich etwas nach ihr werfen. »Und jetzt geh schon.«
   Wortlos folgt sie meiner Bitte und schlendert gut gelaunt aus dem Laden. Ehe ich auch nur einen weiteren Gedanken an ihren Besuch verlieren kann, kommt Herr Hartmann herein.
   Er strahlt wie zwei Sonnen am Himmel, kommt auf mich zu und schließt mich sofort in die Arme. »Wie schön, dass Sie wieder hier sind, Lena«, flüstert er in mein Ohr. »Ich habe Sie vermisst.«
   »Hallo Herr Hartmann.« Ich erwidere seine Umarmung. Im Stillen behaupte ich, dass ich ihn mehr vermisste habe.

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