Wieso soll das Revival-Konzert in einem unbekannten Küstenort stattfinden? Zunächst lehnt Baylee ab, nur, um später die Meinung über ihre Teilnahme zu ändern. Für diese Schnapsidee zeichnet das Hippie-Blut in ihren Adern verantwortlich. Alles, was mit den Ted Brunner Singers zu tun hat, gehört eigentlich in ihre Vergangenheit. Auch der ehemalige Sänger Joel DeLuca, das optische Schmankerl ihrer Band, der Sahnetupfer auf der Torte. Kurz nach ihrer Ankunft in St. Elwine erfährt Baylee mehr. Joel befindet sich ganz in ihrer Nähe, und er ist der Reverend dieser Stadt. Sofort beschleunigt sich ihr Herzschlag. Doch viel schlimmer ist, sie soll zu ihm gehen und ihn umstimmen, denn er verweigert sich dem Konzert. Dabei wissen die ehemaligen Mitglieder der Hippie-Combo, was damals passiert ist. Damals, in einem anderen Leben, als alles irgendwie leicht schien, bis das Unglück geschah.   Trip wider Willen nach St. Elwine

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ISBN: 978-9963-53-782-2

Seiten: 419

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Britta Orlowski

Britta Orlowski
Britta Orlowski wurde im Jahr 1966 geboren – eine Schnapszahl, ich weiß, meine Eltern hätten gleich stutzig werden sollen. Stattdessen zogen sie mich mit viel Liebe, Wärme und schönen Geschichten auf. Sie nahmen meine zahlreichen kreativen Experimente gelassen hin und nährten meine ohnehin uferlose Fantasie noch mit zauberhaften Erzählungen über Spielzeug, welches zum Leben erwacht, sobald ich des abends eingeschlafen sei. So wuchs ich also in meiner Geburtsstadt Rathenow auf, absolvierte die zehnklassige polytechnische Oberschule und erlernte den Beruf der stomatologischen Schwester in der Kreispoliklinik. Ich angelte mir einen netten Mann, dem ich sage und schreibe im taufrischen Alter von fünf Jahren zum ersten Mal begegnete und ihn sogleich aus tiefstem Herzen verabscheute. Zum Glück änderte ich später meine Meinung - wir heirateten und gründeten eine Familie. Ihm verdanke ich meine lieben Söhne, die überhaupt die schönsten Babys der Welt waren. Im Erziehungsurlaub wurde mir rasch langweilig. Beim Aufräumen stieß ich auf die Manuskripte aus meiner jugendlichen Sturm- und Drangzeit. Ich begann erneut, Geschichten zu schreiben - nur so für mich. Wenige Jahre später infizierte ich mich mit dem Patchworkvirus und hänge seitdem an der Nadel. Doch auch das Schreiben ließ mich nicht mehr los. Nach einigen Überlegungen kam ich zu dem Schluss, dass es bestimmt einen Weg gibt, beide Hobbies zu verbinden. So entstand mein erster Roman „Rückkehr nach St. Elwine“. Da mir der Abschied von meinen Hauptfiguren am Ende so schwer fiel, war die Idee geboren, daraus mehr zu machen. Eine lockere Serie mit in sich abgeschlossenen Geschichten, die stets am gleichen Ort, dem fiktiven Küstenstädtchen in der Chesapeake Bay, spielen. Nach langem Suchen habe ich ein begeisterungsfähiges Verlagsteam gefunden.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog
Sommer 2007

Natürlich kannte sie das Alter ihrer Chefin, und diese hatte zu keinem Zeitpunkt ein Geheimnis daraus gemacht, wann sie in Pension ging. Die Monate waren jedoch schneller vergangen, als sie für möglich gehalten hatte. Vielleicht lag es aber auch daran, dass Baylee es vorzog, weder über die Vergangenheit noch über die Zukunft zu grübeln. Sie lebte jetzt.
   Es war trotzdem schade, dass ihr nur noch vier Tage bei ihrer Arbeitgeberin blieben. Ausgerechnet, wo sie sich angekommen glaubte in einem Job, der ihr endlich richtig Spaß machte, sie forderte. Der wie für sie geschaffen war. Nach all den Jahren, wo sie sich mit unzähligen Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten hatte, schien die Arbeit bei der Sprachtherapeutin ihre Offenbarung zu sein.
   Baylee seufzte. Ihr blieb nichts anderes übrig, als wieder einen Neuanfang zu wagen. Den wievielten eigentlich? Egal. Es half nichts, zu lamentieren. Sie wusste, sie würde es erneut schaffen, die Frage war lediglich: Was bot sich ihr an? Im Grunde war eher das Frühjahr ideal dafür, einen neuen Weg einzuschlagen. Sicher klappte das auch noch im Spätsommer. In ihrem Zweckoptimismus schwang allerdings jede Menge was mit? War ihre Frühjahrsmüdigkeit in einen Sommerschlaf übergegangen? Oder zeichnete etwas anderes für den Stich der Resignation in ihr verantwortlich?
   Sie schloss die Praxisräume ab und lief die paar Straßen nach Hause. Wie immer sah Baylee als Erstes im Briefkasten nach. Man konnte ja nie wissen, ob dort eine freudige Botschaft auf sie wartete. Wie zum Beispiel eine Benachrichtigung, sie hätte im Lotto gewonnen. Zumindest ließ sie die Tatsache außer Acht, dass sie überhaupt nicht Lotto spielte.
   Der Briefkasten war mit Werbung vollgestopft. Gerade, als ihr Ich-hätte-es-wissen-müssen durch den Kopf ging, kam unter all dem Kram ein Brief zum Vorschein. Ein Geschäftsbrief, adressiert an sie. Der Absender im Fenster war allerdings so klein gedruckt, dass sie ihn nicht lesen konnte, auch nicht, als sie das Schreiben weiter von sich weghielt.
   »Guten Abend.« Ihre Nachbarn, ein altes Ehepaar, schlurften über den Flur.
   Sie grüßte zurück und hielt ihnen die Tür auf, bis Mr. und Mrs. Robinson ihre Einkäufe hineingetragen hatten. Die Frau lächelte sie freundlich an. »Vielen Dank, meine Liebe.« Da Baylee noch immer versuchte, den Absender zu entziffern, streckte die alte Dame die Hand aus. »Jaja, so fing es bei mir auch an. Machen Sie sich nichts draus, wir werden alle älter.«
   Abrupt ließ Baylee den Brief sinken. Es lag schließlich nur an der schlechten Beleuchtung im Hausflur und nicht an nachlassender Sehkraft, dass sie nicht lesen konnte, wer ihr den Brief geschickt hatte. Neuerdings benutzten die Leute offensichtlich sehr gern eine viel zu kleine Schrift.
   Sie half den Robinsons, die im Erdgeschoss wohnten, auch noch, deren Tüten in die Küche zu räumen und eilte dann die Treppe nach oben. Nachdem sie die Tür ins Schloss geworfen hatte, konnte sie endlich das Kuvert aufreißen. Das Firmenlogo kam ihr vage bekannt vor, die Unterschrift am Ende räumte jeden Zweifel aus. Norman McKee, ihr früherer Manager, hatte ihr geschrieben. Sie überflog die Zeilen. Wie es aussah, erhielt nicht nur sie diese Nachricht, sondern auch alle anderen ihrer ehemaligen Bandkollegen. Das durfte doch nicht wahr sein. Was sollte diese blöde Idee von einem Revival-Konzert ihrer alten Hippie-Combo? Sie, Baylee Scott, war ganz entschieden dagegen.
   Wie hatte Norman es überhaupt geschafft, jeden einzelnen von ihnen ausfindig zu machen? Nun gut, er war von jeher ein Schlitzohr. Kein Wunder, dass er zu den Topagenten im Showbiz gehörte. Damals war er noch keine so große Nummer gewesen. Aber er hatte es bereits vor mehr als zwanzig Jahren geschafft, in den Köpfen der Menschen Visionen entstehen zu lassen, und was noch viel wichtiger war: Er hatte es vermocht, sie wahr werden zu lassen.
   Norman gehörte allerdings in ihre Vergangenheit, so wie alles andere, was mit den Ted Brunner Singers zu tun hatte. Warum erhielt sie diesen Brief gerade heute? Nichts da, Baylee, ermahnte sie sich. Du bist nicht der Typ, der an das Schicksal oder sogar an Vorsehung glaubt. Bisher hatte sie es ja auch geschafft, derlei Grübeleien tunlichst zu vermeiden, und sie hatte nicht vor, das plötzlich zu ändern. Ihrer Auffassung nach führten solche Gedanken nirgendwohin. Im Gegenteil, sie sorgten eher für vorzeitiges Altern, und das führte zwangsläufig zu Falten. Sie schüttelte sich, denn das war nicht das, was sie haben wollte. Leider konnte niemand die Zeit aufhalten. Sehr schade.
   Hätte sie hochprozentiges im Haus gehabt, wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, einen Schnaps hinunterzukippen. Stattdessen sank sie auf den Küchenstuhl und besah sich die Fronten der alten Schränke. Sie spürte einen Druck im Hals und räusperte sich, schließlich versuchte sie es mit husten.
   Doch ein Lachanfall steckte in ihrer Kehle fest, und erst, als sie sich darauf konzentrierte, begann er sich endlich zu lösen. Leider mündete er jedoch darin, dass sie in Tränen ausbrach. Das hatte sie keineswegs vorgehabt, wo der Tag eigentlich ganz schön gewesen war und ihr Leben endlich im Fluss zu sein schien.
   Ausgerechnet jetzt, wo ihre reale Welt sich beinahe so normal anfühlte, als wäre es im Lot, wollte Norman sie mit den Singers konfrontieren.
   Das bedeutete auch mit dem Verschwinden der kleinen Sunflower und mit Sunflowers Daddy - Joel DeLuca.
   Nein.
   Nein.
   Nein.

1. Kapitel

Warum, zur Hölle, saß sie hier und hatte ihre Meinung geändert? Die Scheibenwischer schafften es kaum, den Wassermassen Herr zu werden. Baylee hockte seit Stunden hinter dem Lenkrad ihres altersschwachen Fords und hatte Mühe, die Fahrbahnmarkierung zu erkennen. Ihr Nacken und der Rücken schmerzten bereits.
   Endlich tauchte das Ortsschild von St. Elwine, Maryland in ihrem Sichtfeld auf. Wenige Minuten später passierte sie es und motivierte sich zur Weiterfahrt, indem sie kurz mit dem Allerwertesten wackelte und die Hüften bewegte. Immerhin brauchte sie ein paar Lockerungsübungen. Nach Tagen on the Road hatte sie es tatsächlich geschafft. Sie konnte stolz auf sich sein. Liebevoll streichelte sie auch das Armaturenbrett. »Danke, dass du so schön durchgehalten hast, mein Alter.«
   Warum das Revival-Konzert ausgerechnet in diesem Küstenort stattfinden sollte, erschloss sich ihr immer noch nicht. Wohl oder übel vertraute sie auf Normans Instinkt, er hatte stets den richtigen Riecher gehabt. Schade, dass er nicht auch das Wetter beeinflussen konnte. Ausgerechnet heute regnete es in Strömen. Da sie sich erneut vor Augen hielt, nicht an Vorsehung zu glauben, musste sie die dunklen Wolken und den anhaltenden Regen nicht als schlechtes Omen deuten. Baylee war halt für alles offen. Ihre Devise lautete stets: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.
   Sie erinnerte sich plötzlich wieder an den Tag, als Normans Brief sie erreicht hatte und fuhr weiter geradeaus. Die ersten Häuser traten in ihr Blickfeld, obwohl sie angesichts der Regenwolken nicht allzu viel erkennen konnte.
   Vor ein paar Monaten, noch während sie sich unmittelbar nach dem Lachkrampf, der in ein Weinen übergegangen war, mit beiden Händen über die Wangen gewischt hatte, hatte ihr Telefon geklingelt. Eigentlich war sie nicht in der Verfassung für ein Gespräch gewesen, doch der Anrufer hatte nicht lockerlassen wollen.
   Zögernd hatte sie angenommen, und beim Klang der altbekannten Stimme hatte sich sogleich die alte Vertrautheit wiedereingestellt. Noch jetzt in ihrer Erinnerung spürte sie, wie sich die Mundwinkel zu einem Lächeln verzogen.
   »Baylee, ich freue mich so. Der Brief hat mich total überrascht, und da dachte ich mir, ich muss sofort mit dir sprechen. Ist Normans Idee nicht einfach großartig?«
   Ein ganz klares Nein. »Äh …«
   »Bitte, bitte, sag ja.«
   »Ich weiß nicht …«
   »Hast du dir alles auch richtig durchgelesen?«
   »Nun …«
   »Die Gage ist phänomenal.« Trixi Walker neigte schon immer zu Übertreibungen.
   In den darauffolgenden Stunden hatte Baylee wieder und wieder das Schreiben gelesen. Tief in ihrem Herzen wollte sie dieses Konzert ablehnen, doch ihre Freunde von damals riefen sie der Reihe nach an. Nur etwas später als Trixi folgten Babs und Mike. Am nächsten Tag Kim, Heide, Alessandro. Sogar Ted meldete sich per facebook aus Großbritannien. Im Chat erlebte sie ihn so freundlich wie nie. Leroy und Martin schickten E-Mails im Plauderton, die sie ebenso nett und unverbindlich beantwortete.
   Zwei weitere Wochen später war ihr klar geworden, dass er nichts von sich hören lassen würde. Kein einziger ihrer Kollegen hatte auch nur die kleinste Nachricht von ihm erhalten. Sie standen untereinander längst wieder eng in Kontakt.
   Was Baylee betraf, so hatte sie eigentlich auch nichts anderes erwartet, und es war sicher besser so, dass sich Joel nicht gemeldet hatte. Sein Fernbleiben war es schließlich, das den Ausschlag für ihre Meinungsänderung gab, doch nach St. Elwine zu fahren. Insgeheim war sie also nicht die einzige Spielverderberin, die einem Revival-Konzert eher skeptisch gegenüberstände. Die Gedanken sind schließlich frei, auch wenn sie nachgab, um ihren ehemaligen Bandkollegen einen Gefallen zu tun. Es hieß außerdem, der Klügere gibt nach, und endlich war es mal an ihr, klug zu handeln.
   Jetzt war sie hier in St. Elwine gelandet, dank der Überredungskunst ihrer Freunde, aber auch dank der Gage. Natürlich.
   Trixi hatte recht gehabt.
   Baylee hatte es sich in den vergangenen Jahren zur Gewohnheit gemacht, Songs aus dem Radio lautstark mitzududeln. Das tat sie auch in diesem Augenblick, während der Regen in Strömen über die Windschutzscheibe lief. Die Freude am Singen konnte ihr das schlechte Wetter nicht nehmen. Sie liebte es, und sie hatte das Gefühl, dass sich während des Singens ihre Stimmung ganz allgemein hob. Manchmal trommelte sie den Rhythmus auf dem Lenkrad mit. So wie in diesem Augenblick. Bei der schlechten Sicht kam sie sowieso nur im Stop-and-go vorwärts.
   Ihre Chefin war in den wohlverdienten Ruhestand getreten, und Baylee hatte beschlossen, mit Sack und Pack nach St. Elwine aufzubrechen. Für diese Schnapsidee zeichnete wahrscheinlich das Hippieblut in ihren Adern verantwortlich. Irgendwie hatte sie sich nicht geändert. Noch immer verspürte sie Lust auf ein Abenteuer. Genau wie damals, als sie von zu Hause abgehauen war, um dem Mief und der Enge in Detroit zu entkommen. Ihre Mom hatte sie unehelich bekommen und schließlich einen Fabrikarbeiter geheiratet. Aus heutiger Sicht sah sie ein, dass es ihr nicht wirklich schlecht gegangen war. Aber als Siebzehnjährige hatte sie einfach nur weggewollt, um Sängerin zu werden. Zunächst war sie von Spelunke zu Spelunke gezogen. Unterwegs hatte sie Trixi kennengelernt, die aus Jamaika stammte. Sie waren als Duo durch die Lande getingelt. Allerdings hatten sich ihre mehr schlecht als rechten Einnahmen in Grenzen gehalten. Nur mit Hilfe zahlreicher Gelegenheitsjobs waren sie nicht verhungert. Weiß der Geier, wie sie es bis nach San Francisco geschafft hatten.
   Dort hatte das Leben pulsiert, jeder konnte nach seiner Fasson glücklich werden. Anfang der Siebziger herrschte in der Stadt noch immer Hippie-Atmosphäre. Etwas außerhalb traf sie auf Alessandro und die anderen. Nein, das stimmte nicht ganz. Heide und Ted kamen erst später dazu und … Joel, nachdem sie zum ersten Mal Norman McKee begegnet war. Er hörte sie in einer der Kneipen am legendären Pier 39 singen, und er bahnte sich einen Weg zu ihnen. Fragte nach ihren Namen, woher sie kämen und wohin sie wollten.
   »Bist du ’n verdammter Bulle oder was?«, stellte Trixi ihn zur Rede.
   Norman lachte und erklärte, er sei Manager, und seine Agentur suche stets nach guten Musikern.
   Da begann Trixi zu lachen, sie glaubte ihm kein Wort.
   Er zog ein beleidigtes Gesicht, ließ ihre Freundin außen vor und wandte sich stattdessen an sie. »Was machst du so?«
   Baylee war nicht sicher, was sie ihm erzählen sollte, daher blieb sie bei der Wahrheit. Berichtete ihm, dass sie Sängerin werden wolle und derzeit mit Freunden außerhalb der Stadt in einer Hippie-Kommune lebe. All ihre Mitbewohner seien Künstler, die meisten Sänger und sehr talentiert.
   »Das kannst du beurteilen?« In dem Augenblick wirkte McKee ziemlich arrogant, und sie begann bereits zu bereuen, sich mit ihm abgegeben zu haben.
   »Ja, kann ich«, antwortete Baylee patzig und drehte sich weg, um sich eine Cola zu besorgen.
   »He, so warte doch.« Er berührte ihren Arm, und sie blieb stehen.
   Kam jetzt der Moment, vor dem sie sich insgeheim stets gefürchtet hatte? Würde er sie zum Sex nötigen wollen?
   »Pfoten weg!« Die gute alte Trixi baute sich vor ihm auf.
   Er machte ein erschrockenes Gesicht und zuckte zurück. »So einer bin ich nicht. Darf ich euch einen Vorschlag machen?«
   »Der nichts mit Ringelpiez mit Anfassen zu tun hat?«, hakte Trixi nach. Sie war stets für Klarheit.
   »Ganz genau.«
   »Sag, was du zu sagen hast.« Und dann verpiss dich. Letzteres sprach ihre Freundin zwar nicht aus, aber sie wussten alle, dass sie genau dies meinte.
   Norman schüttelte den Kopf. »Ich verstehe euch Mädels echt nicht. Ihr kommt hierher nach San Francisco, tut so, als wären Love, Peace and Happines eure Ideale und veranstaltet gleich einen Aufstand, weil jemand flüchtig euren Arm berührt.«
   »Willst du uns einen Vortrag über Doppelmoral halten?«, giftete Trixi.
   »Nein, keineswegs. Macht, was ihr wollt, aber kommt später nicht angeheult und beklagt euch über vertane Möglichkeiten. Bei mir hättet ihr eine faire Chance.«
   »Kannst du uns dein Gefasel näher erklären?«
   »Könnte ich …«
   Und schon hatte er sie an der Angel. Gutgläubig, wie Baylee damals noch war, brannte sie darauf, zu erfahren, was er zu sagen hatte.
   Sie verabredeten sich für den nächsten Abend am selben Ort. Wer nicht erschien, war Norman McKee.
   »Na bitte. Merk dir das für die Zukunft«, triumphierte Trixi.
   Dafür tauchte der Typ einige Tage später in ihrer Kommune auf. An einem späten Vormittag, als alle draußen auf dem Hof zusammensaßen. Die Mädels schälten Kartoffeln, schnippelten Gemüse vom Markt, und die Jungs bauten ein paar weitere Holzbänke. Dabei sangen sie Gospels und Traditionals. Sie merkten nicht, dass sich jemand in einer schattigen Ecke zu ihnen gesellt hatte und wurden erst auf ihn aufmerksam, als er ihnen applaudierte.
   »Macht weiter, lasst euch durch mich nicht stören, Leute.«
   Außer Trixi hegte niemand Argwohn gegen den Mann.
   »Kommt heute Abend zum Pier, alle. Ich habe da eine Idee«, lud er sie ein.
   Nicht einer von ihnen musste sonderlich überzeugt werden. Was hatten sie schon anderes vor?
   McKees Vision war es, das Thema Hippie-Flower-Power im Jahr 1972 wieder aufleben zu lassen, indem er eine Gruppe mit Sängern, männlichen wie weiblichen, aus vielen verschiedenen Nationen zusammenstellte. Ihre Frisuren sollten vielfältig sein und von langem offenem Haar über Zöpfe, Afro-Look bei Trixi, frechem Bob wie Heide reichen. Leroy setzte sich sogar hin und wieder einen Schlapphut auf. Sie sollten außerdem nach Hippie-Manier bunte aber individuelle Klamotten tragen und während der Gesangsdarbietung tanzen, singen und gute Laune verbreiten. Tatsächlich reichte ihr Repertoire von Gospels, Spirituals, Traditionals und wenig später, als Ted Brunner den Singers an die Seite gestellt wurde, auch über eigens für sie komponierte Songs.
   Wie sich schnell herausstellte, war jeder von ihnen ein echter Vollblutmusiker. Norman experimentierte drei Monate lang, bis die Idealbesetzung stand. Drei von ihnen mussten die Singers verlassen, noch bevor der erste große Auftritt stattfand. Weitere Sänger rückten nach, andere gingen gleich wieder. Die Arbeit mit Ted Brunner entpuppte sich als schwierig, er war cholerisch und anmaßend, aber er hatte auch etwas von einem Genie in sich stecken. Wo Genie wohnte, war Wahnsinn allerdings nicht weit. Sie kannte niemanden sonst, der so narzisstisch veranlagt war wie Ted.
   Baylee hatte sich manchmal gefragt, ob der letzte Sänger, den Norman zu ihnen holte, nur dazu diente, einen Ausgleich zu schaffen. Er spielte die Rolle als Vermittler zwischen Teds Aggressivität und Kreativität auf der einen und der Gemeinschaft und dem bunten Durcheinander der übrigen Singers auf der anderen Seite. Dieser Ruhepol war Joel DeLuca gewesen. Außerdem fungierte er als Hingucker, als das optische Schmankerl für die weiblichen Fans, der Sahnetupfer auf der Torte.
   In ihrer Vorstellung gehörten San Francisco, dessen Wahrzeichen die Golden Gate Bridge war, und Joel DeLuca mit seinen golden schimmernden Augen stets zusammen. Vielleicht hätte er die Stadt, in der er geboren und aufgewachsen war, niemals verlassen sollen. Halt, das stimmte nicht. Nur in ihrer Fantasie gehörte er in diese Stadt. In Wirklichkeit hatte sie eigentlich kaum etwas über Joel gewusst. Nur, dass er ihr gefallen hatte.
   Just in diesem Augenblick ertönte aus dem Autoradio ein neuer Song und brachte sie in die Realität einer verregneten Küstenstadt namens St. Elwine zurück. Der Song kam Baylee nur allzu bekannt vor: Mama Lee von den Ted Brunner Singers.
   Plötzlich zog sich ihr Herz schmerzhaft zusammen. Sie drückte mit dem gesamten Handballen auf die Knöpfe und löste so den Sendersuchlauf aus. Ihr Atem normalisierte sich langsam wieder. Auch der Griff um das Lenkrad lockerte sich. Wie nach einem anhaltenden Krampf, der endlich nachließ, stieß sie die Luft aus. Bald schon würde sie diesen und die anderen alten Songs der Singers proben müssen. War sie noch ganz bei Trost gewesen, indem sie ihre Sachen gepackt und hierhergefahren war? Was sollte das werden? Noch war es nicht zu spät, den Wagen zu wenden und abzuhauen. Irgendeine fadenscheinige Begründung ließe sich für die Singers erfinden. Immerhin würden sie ohnehin nicht vollzählig sein, wenn sie auftraten. Da kam es auf eine Person mehr oder weniger nicht an. Niemand konnte sie zwingen, hier zu sein.
   Oder? Aber wohin sollte sie gehen?
   Baylee konzentrierte sich besser auf den Blick nach vorn. Die Sicht war nach wie vor schlecht. Der Regen wollte einfach nicht aufhören. Verdammter Mist. Wie sollte sie die Pension finden, die Norman vorsorglich für sie gebucht hatte? Über so etwas wie ein Navi verfügte ihre alte Kutsche nicht, und das Handy hatte sie blöderweise irgendwo in ihren Koffer gestopft, nachdem der Akku seinen Geist aufgegeben hatte. Die Tankanzeige sagte ihr, dass der alte Motor viel zu viel schluckte. Sie würde sich etwas einfallen lassen müssen. Ob sie Norman um einen Vorschuss bitten konnte?
   Immerhin würde das Revival-Konzert erst in einem guten Monat stattfinden, und ihre Rücklagen waren nicht besonders hoch. Auf den Straßen und Gehwegen hatten sich große Pfützen gebildet. Sie fuhr an Menschen vorbei, die links und rechts von ihr unter bunten Regenschirmen auf den Gehsteigen liefen und es eilig zu haben schienen. Kein Wunder, bei dem Wetter wäre sie als Fußgänger auch gern im Trockenen.
   Sie versuchte, die Straßenschilder zu lesen und bog in eine Seitenstraße ein, um die alte Karte zu studieren. Irgendwo in der Nähe musste die Pension sein. So groß war dieser Küstenort schließlich nicht. Baylee fuhr rechts ran, würgte dabei den Motor ab und knipste die Deckenleuchte an. Dann beugte sie sich über die etwas zerfledderte Karte, die sie vorsorglich auf den Beifahrersitz gelegt hatte.
   In welcher Straße befand sie sich noch mal? Verflixt, warum hatte sie nicht besser aufgepasst? Sie erschrak, als jemand an das Seitenfenster klopfte.
   »Bist du das, Baylee?«
   Sie erkannte den Mann aufgrund der Lichtverhältnisse nicht sofort. »Mike, dich schickt der Himmel«, kreischte sie schließlich, ehrlich erfreut, ihn nach so langer Zeit wiederzusehen. Längst hatte er die Beifahrertür geöffnet und strahlte sie an. Der Regen schien ihm offensichtlich nicht das Geringste auszumachen.
   »Die Frage, was du hier machst, erübrigt sich wohl?«, sagte er und lachte.
   Im selben Augenblick entdeckte sie das große Schild an der Veranda des Hauses, vor dem sie Zuflucht gesucht hatte. Mason’s Cottage, Bed & Breakfest.
   Nein, sie glaubte nicht an das Schicksal.
   »War kinderleicht zu finden, dank Normans Beschreibung. Findest du nicht?«, fragte Mike.
   »Du sagst es.« Sie grinste ihn an und klimperte mit den Wimpern. Mühelos schlüpfte sie auf die Art in die Rolle der Baylee von früher. Die Rolle der koketten Lolita, die als Schutzpanzer fungierte, damals wie heute, und die sie im Grunde nie abgelegt hatte.
   »Süße, dich habe ich am meisten vermisst.« Mike drückte ihr seine Lippen auf den Mund.
   Sie hätte mit mehr Distanz gerechnet. »Du flunkerst doch«, sagte sie, als er sie nach einem geräuschvollen Schmatz endlich wieder freigab.
   »Was du mir alles zutraust. Ich bin zutiefst erschüttert.«
   »Spinner.« Was immer dieser Spätsommer für sie bereithielt, langweilig würde es mit Sicherheit nicht werden. Baylee hasste Langeweile.
   »Komm rein. Die anderen sind bereits da.«
   Sie erschrak. Sollte jetzt gleich der Augenblick des Wiedersehens sein? Sie war mental irgendwie noch nicht darauf vorbereitet, obwohl sie während der ganzen Autofahrt an nichts anderes hatte denken können. Ihre Nervosität wuchs. »Alle?« Das war ihr so rausgerutscht.
   »Na ja, bis auf Alessandro. Du kennst ihn ja. Er war und ist der notorische Zuspätkommer.«
   Entweder missverstand er sie absichtlich, oder sie würde gleich eine Überraschung erleben. Ihr Herz begann zu rasen.
   Hatte sich Joel im letzten Moment ebenso wie sie umentschieden? Ohne dass jeder Einzelne darüber informiert worden war? Sie hätte einfach umkehren sollen, als sie die Chance dafür erkannt hatte.
   »Hast du einen Schirm oder wenigstens eine Jacke? Wenn du erlaubst, kümmere ich mich um dein Gepäck, und du spurtest am besten ins Haus«, bot Mike freundlich an.
   »Du bist ein Schatz.«
   »Das merkst du jetzt erst? Na ja, damals hattest du ja immer nur Augen für …« Er brach ab und warf ihr einen entschuldigenden Blick zu.
   Baylee tat, als bekäme sie nichts mehr mit, schnappte sich ihre Jeansjacke und rannte los.
   Kaum stand sie an der kleinen Rezeption, wurde sie von unzähligen Armen umfasst. Kim war da, Babs und Heide, Leroy, Martin und Trixi. Ted stand etwas abseits, grinste aber und klopfte ihr schließlich auf die Schulter. Ihn sah sie nicht, obwohl sie versuchte, so unauffällig wie möglich die Räumlichkeiten zu checken. Ihre Verwirrung wuchs.
   Hinter ihr ließ Mike mit einem lauten Rumms ihr Gepäck zu Boden fallen. Sie blickte über ihre Schulter und erkannte, dass er klatschnass war.
   Baylee hatte erwartet, auch Norman unter den Anwesenden zu finden, aber er fehlte, ebenso wie … Sie biss sich auf die Unterlippe. War sie jetzt enttäuscht und hatte insgeheim doch gehofft, er wäre gekommen? Blödsinn. Besser, sie gab sich nicht mit solchem emotionalen Ballast ab. Die anderen genügten vollkommen. Sie alle waren die legendären Ted Brunner Singers. So etwas wie Stolz stellte sich ein, und damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet.
   »In einer halben Stunde treffen wir uns im Pub, und dann halten wir unsere erste Besprechung ab.«
   »Mike, du klingst wie ein Spießer«, zog jemand ihren Kollegen auf.
   Der nahm es gelassen. »Witzig. Ich ziehe mir nur trockene Sachen an.«
   »Wieso bleiben wir bei diesem Mistwetter nicht einfach hier?«, wollte Baylee wissen.
   »Weil der Speiseraum bereits für das Frühstück eingedeckt wurde und wir im Pub auch was zu essen bekommen um diese Zeit.«
   »Seit wann frühstückt einer von uns?« fragte Trixi provozierend.
   »Wir sind schließlich älter geworden«, konterte Kim.
   »Du vielleicht.« Baylees Satz sorgte für allgemeine Erheiterung.
   Mike eilte die Treppe nach oben.

Nachdem ihnen die Wirtin des Pubs den Fleischeintopf empfohlen hatte, bestellten sie Irish Stew, Salat und Getränke.
   Sie johlten, als endlich auch Alessandro eintraf, der wortreich gestikulierend tat, als hätte er die schwierigste Anreise von allen gehabt, und am meisten Zeit hatte die Suche nach dem Pub in Anspruch genommen. Niemand nahm seine Einwände ernst.
   »Spar dir das«, befahl Ted schließlich im gewohnten Kommandoton. »Wir kennen dich alle«, brachte er es auf den Punkt.
   Alessandro begann über das ganze Gesicht zu grinsen, er scherte sich den Teufel darum, dass jeder hier ihn durchschaute. Es war wie damals. Fast wie damals, entschied Baylee und ertappte sich dabei immer wieder, auf die Tür zu schielen. Er würde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht mehr aufkreuzen. Auch wenn ein Teil von ihr sich das offenbar wünschte.
   Bereits bei ihrem Eintreffen und nachdem sie die Wirtin um Erlaubnis gefragt hatten, wurden einige Tische zusammengeschoben, sodass sie alle beieinander an einer großen Tafel sitzen konnten. Kim bot Alessandro den letzten freien Stuhl an, und sie begannen zu essen. Baylee war noch nie sehr wählerisch gewesen, und nach der langen Fahrt, auf der sie sich nur ein paar Schokoriegel und einen labbrigen Burger reingeschoben hatte, schmeckte es ihr köstlich. Als der größte Hunger gestillt war, setzte ein Wohlgefühl ein. Endlich war sie sogar bester Stimmung. Irgendwie hatte sie das für den ersten gemeinsamen Abend nicht erwartet.
   Dann zog Mike ein Kuvert aus der Hosentasche seiner Jeans. »Ich habe hier einen Brief von Norman.«
   Wieso war es Mike, der hier die Informationen aus dem Management weitergab? Baylee wunderte sich darüber, warum Ted, Namensgeber und Boss der Singers, diese Aufgabe nicht übernommen hatte. Gab es hinter den Kulissen Ärger, von dem nur eine handverlesene Gruppe etwas wusste?
   Mike faltete den Brief auseinander. »Liebe Freunde«, begann er. »Ich freue mich über jeden Einzelnen von euch, der dazu beitragen wird, meine Idee von einem Revival-Konzert zu einem besonderen Erlebnis werden zu lassen. Von ganzem Herzen bedanke ich mich bei euch.
   In ein paar Tagen werde ich zu euch stoßen. Ihr glaubt nicht, wie sehr ich mich auf das Wiedersehen freue. Bis dahin bitte ich euch, unverzüglich mit den Proben zu beginnen. Mike hat die wichtigsten Informationen erhalten, betrachtet ihn als meinen Stellvertreter vom Management. Die musikalische Leitung wird Ted übernehmen. Die alten Songs sind noch immer Gold wert, die Leute sind verrückt danach. Also keine Experimente mit neuen Liedern, auch keine moderneren Arrangements. Zumindest vorerst.«
   Vorerst? Was sollte das denn heißen? Baylee sah in die Gesichter der anderen, denen abzulesen war, dass sie sich dieselbe Frage stellten. Der Auftritt war doch wohl eine einmalige Sache. Die meisten von ihnen steckten wahrscheinlich in festen Jobs. Sie waren nicht mehr Anfang zwanzig.
   »… warum St. Elwine?«
   Jetzt hatte Mike wieder Baylees volle Aufmerksamkeit.
   »Leider hat sich Joel DeLuca bis zum heutigen Tag nicht bei mir gemeldet.«
   Das war gut, stellte Baylee erleichtert fest. Sie fühlte doch Erleichterung?
   »Allerdings konnte ich in Erfahrung bringen, dass er in dieser kleinen Stadt lebt und arbeitet.«
   In welcher kleinen Stadt? Hier, in St. Elwine? Er war also doch in der Nähe? Irgendwie hatte sie es gespürt, bereits beim Passieren des Ortsschildes. Ob alle hören konnten, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte und ihr laut in den Ohren pochte?
   »An dieser Stelle möchte ich meine besondere Bitte an Baylee Scott richten. Hallo Darling, schön, dass du da bist.«
   Was hatte das zu bedeuten? Unter den neugierigen Blicken der anderen richtete sie sich kerzengerade auf. Jeder Muskel in ihr spannte sich an.
   »Ich möchte dir gern eine besondere Aufgabe erteilen. Meiner Meinung nach bist du genau die richtige Person dafür. Ohne Joel ist der Auftritt der Singers nicht perfekt. Baylee, geh zu ihm, rede persönlich mit ihm. Du könntest ihn umstimmen.«
   »Was?« Norman war wohl nicht ganz bei Trost. Sie war so erschrocken, dass Trixi aufstand und sie umarmte. Es war mucksmäuschenstill im Raum.
   Einige sahen sie mitleidig an, andere gespannt.
   »Sollte es dir gelingen, erhöht sich die bisher vereinbarte Gage für jeden einzelnen nochmals.«
   Das war nicht fair. Norman schob ihr allein den schwarzen Peter zu und winkte auch noch lässig mit Geld. Er wollte sie manipulieren und ködern. Eher gefriert die Hölle.
   »Norman hat sie nicht mehr alle«, stieß sie hervor. Sie sagte es zu niemand bestimmten, nur Trixi fühlte sich angesprochen.
   »Du lässt dich auf keinen Fall erpressen.«
   Langsam senkten die anderen die Köpfe. Es war klar, dass sie von ihr erwarteten, Normans Bitte nachzukommen.
   »Baylee, lass es uns wenigstens versuchen«, hob Mike ruhig wieder an, und sie merkte, dass er nichts anderes tat, als Normans Worte wiederzugeben.
   »Niemand ist dir böse, sollte es dir nicht gelingen, zu ihm durchzudringen. Schließlich wissen wir alle, was damals passiert ist. Dann hast du es wenigstens versucht. Mehr verlangt keiner von dir. Ich gehe davon aus, dass Joel höflich zu dir sein wird, denn er ist der Reverend von St. Elwine.«
   Die Information raste wie ein dröhnender Paukenschlag durch ihr Bewusstsein. Unmöglich, sie musste sich verhört haben. In ihrer Erinnerung sah sie Joel neben sich auf der Bühne stehen, in engen Jeans und schwarzer Lederjacke, singend und den Rhythmus mitklatschend. Dieses Bild kollidierte mit der Vorstellung in ihrem Kopf von einem Joel im schwarzen Talar, der in einer Kirche vor seiner Gemeinde stand und das Wort Gottes predigte. Ihr fiel nur ein Wort dazu ein: lächerlich. Das passte doch hinten und vorne nicht zusammen. Was hatte sich der Mann dabei gedacht? Das Priesteramt war das Letzte, was sie mit seiner Person in Verbindung brachte.
   Ernsthaft? In ihrer Kehle begann es zu rumoren. Baylee räusperte sich mehrmals, doch es half nichts. Zuerst löste sich ein Kichern, das nahtlos in ein Gackern überging, bis ein Lachanfall der Güteklasse eins sie schüttelte. Einige fielen in ihr Gelächter mit ein.
   Ein frommer Mann, der die Bibel zitierte – ausgerechnet Joel DeLuca. Unfassbar. Schleierhaft blieb ihr außerdem die Tatsache, warum alle anderen der Meinung waren, sie wäre die Einzige, die zu ihm durchdringen könne. War jetzt die ganze Welt verrückt geworden? Hatten sie andere Erinnerungen an die Ereignisse von damals? Nichts und niemand hatte zu Joel durchdringen können. Er hatte dichtgemacht, eine imaginäre Mauer um sich errichtet, fast von einer Sekunde zur anderen. Die Welt, in der sie sich befunden hatten, war nicht mehr seine gewesen. Der Riss zwischen ihnen allen war nie mehr gekittet worden. Wollte Norman das jetzt nachholen, als letzten Versuch? War dies der eigentliche Zweck seines Revival-Konzertes? Eine Versöhnung aller ehemaligen Mitglieder? Das könnte schiefgehen, sehr, sehr schief. Oder aber …
   War Norman der Meinung, dass es jetzt an der Zeit war? Gab es überhaupt einen richtigen Zeitpunkt für so etwas? Und wenn ja, durfte sie sich dann dagegen sträuben? Alles war schließlich ihre Schuld. Seit Jahren trug sie schwer daran. Anfangs hatte sie sich noch gewünscht, sie könnten sich aussprechen. Später hatte sie Joel zum Teufel gewünscht, schließlich versucht, alle Erinnerungen auszulöschen. Das war das Schwierigste überhaupt gewesen. Manchmal war sie an ihre Grenzen geraten, aber Baylee hatte es immer wieder geschafft, das Beste aus den Situationen zu machen. Sie war nicht perfekt, aber sie kam klar mit allem. Außer mit dieser einen Sache. Darum wollte sie nie mehr darüber nachdenken müssen, denn eine Änderung im Nachhinein war nicht mehr möglich. Das hatte sie vor sich selbst akzeptiert.
   »Darf es noch etwas zu trinken sein? Für die Ladies vielleicht einen Erdbeerpunsch?«, fragte die Wirtin freundlich.
   Erdbeerpunsch klang interessant, gerade richtig als kleiner Stimmungsaufheller dieses verregneten Tages, und überhaupt. Vor allem jenes Überhaupt machte ihr plötzlich wieder sehr zu schaffen. Baylee nickte, und sie bestellten eine Runde Erdbeerpunsch. Bei dieser blieb es jedoch nicht.
   Der Punsch weckte ihren Kampfgeist. Das Wort Reverend hallte wie ein Echo in ihr nach. Jeder andere Beruf ließe sie kalt, aber ein Priester war eine echte Herausforderung für Baylee Scott. Nun gut, die anderen wollten in den Genuss der höheren Gage kommen, und es wäre sicherlich gelogen, behauptete sie, dass die Kohle ihr egal sei. Aber scheiß drauf, bisher hatte sie noch jeden Mann rumgekriegt, wenn sie etwas von ihm gewollt hatte. Nur ein Reverend fehlte in ihrer Sammlung noch.
   Nach dem wievielten Erdbeerpunsch stand ihr Entschluss fest? Es waren fünf oder doch mehr? »Nun gut«, lallte Baylee. »Ich tue euch den Gefallen. Aber unter einer Bedingung.«
   »Und die wäre, Schätzchen?«
   »Ihr bezahlt die Zeche für meine Drinks heute Abend.«
   »Einverstanden.« Na, wenn das nicht einstimmig war.
   »Bist du wirklich sicher?« Trixi musterte sie durchdringend.
   »n’türlich.«
   Als sie den Pub verließen, regnete es immer noch. Babs und Trixi hielten sie untergehakt. »Ob er wohl dahinten unter einem der Schirme ist, was meint ihr?«, nuschelte sie.
   »Mal abgesehen von uns sind die Straßen menschenleer.«
   »Vorhin, meine ich. Als ich in der Stadt ankam, waren einige Menschen mit ihren Regenschirmen unterwegs. Wäre doch möglich, dass er direkt an mir vorbeigelaufen ist, ohne etwas zu ahnen, der Herr Pastor. Was meint ihr?«
   »Wer weiß das schon.«
   Ja genau. Es war nicht so einfach, in ihrem jetzigen Zustand das Gleichgewicht zu halten. »Wir werden ja sehen, wie das alles hier ausgeht.«
   »Schlaf dich erst mal aus«, versuchte Trixi sie zu beschwichtigen.
   »Hat eine von euch davon gewusst?« Die Frage brannte ihr bereits auf den Nägeln, seit Mike die frohe Botschaft verkündet hatte.
   Das war auch die Frage, die Baylee am nächsten Morgen als Erstes wieder in den Sinn kam. Sie konnte sich nicht daran erinnern, in der Nacht zuvor eine Antwort erhalten zu haben. Entweder hatte sie einen Filmriss, oder ihre Freundinnen waren schlichtweg nicht darauf eingegangen. Anderseits hatte jeder im Pub überrascht ausgesehen, als die Sprache auf Joels Beruf gekommen war. Verflixt, warum war es ihr nicht vergönnt gewesen, Norman McKee zur Rede zu stellen? Drückte er sich absichtlich vor einer Aussprache mit ihr? War er deshalb gestern Abend nicht aufgekreuzt und hatte mal wieder ach so viel Arbeit vorgeschoben? Immerhin hatten sie alle ihr Leben kurzfristig stehen und liegen gelassen, nur, weil Norman mit den Fingern geschnippt hatte. Er machte, was er wollte, und sie sollten nach seiner Pfeife tanzen. Das war unerhört. Sie würde alles daransetzen, ihrem ehemaligen Manager gehörig die Meinung zu geigen, und zwar noch heute.
   Nebenan im Bad hörte sie Wasser rauschen. Trixi, mit der sie sich ein Zimmer teilte, stand unter der Dusche.
   Sie musste nochmals eingenickt sein, denn als sie aufstand, war sie allein. Für wann hatte Ted die ersten Proben angesetzt? Sie sollte sich beeilen, wenn sie ebenfalls noch duschen und wenigstens eine Tasse Kaffee trinken wollte. Heiß, stark, schwarz.
   Die Proben sollten in einer ehemaligen Lagerhalle am alten Hafen stattfinden. Baylee machte sich auf den Weg, und dank der Beschreibung der Pensionswirtin fand sie die Location mühelos. Von außen wirkte das Gebäude zwar recht heruntergekommen, doch für ihre Zwecke war es ideal. Vor allem die Akustik war toll hier. Das war aber auch schon alles, was Baylee über den ersten Übungstag Positives sagen konnte. Die Probe verlief chaotisch. Es gab verpatzte Einsätze, falsche Töne, nicht genügend Konzentration - die ganze Palette, als stünden sie alle zum ersten Mal gemeinsam auf einer Bühne. Ein Wunder, dass Ted nicht ausflippte. Vielleicht hatte er sich vorher auch was zur Beruhigung eingeworfen.
   Nach drei Stunden beendete er das Ganze. »Das muss besser werden«, war sein ganzer Kommentar.
   Ausnahmsweise gab Baylee ihm recht und fügte im Stillen ein unbedingt hinzu.
   »Wir treffen uns morgen wieder hier um dieselbe Zeit«, warf Mike ein. »Wann wirst du mit Joel sprechen?«, wandte er sich an sie, jedoch so, dass alle es mitbekamen. Am liebsten hätte sie ihm gegen das Schienbein getreten. »Schieb es nicht auf die lange Bank«, fügte er, ohne ihren aufkommenden Ärger zu beachten, hinzu.
   »Natürlich nicht«, wollte sie antworten, aber nur ein Krächzen verließ ihre Stimmbänder, so sehr steckte sie bereits in einem Gefühlschaos.
   Sie hoffte, die anderen hielten es für Heiserkeit als Reaktion auf die erste Probe.
   Als alle nach draußen strömten, schien die Sonne, und es war so warm, dass Baylee ihre Jacke auszog und die Ärmel um die Hüften band. Sie verspürte plötzlich Lust, sich den Ort genauer anzusehen. Irgendwie brauchte sie Abstand von allem. So schlenderte sie gemeinsam mit Trixi und Heide durch die Straßen von St. Elwine. Es gab einen Buchladen, ein Blumengeschäft, einen Frisör- und Kosmetiksalon, sogar ein Tanzstudio, diverse Restaurants und Hotels und einen Quiltladen. Hübsch, hier könnte sie es eine Weile aushalten, auch noch, wenn das Revival-Konzert Anfang September längst stattgefunden hätte. Noch war August, und im Vergleich zu gestern brannte die Sonne. Baylee wollte sich umziehen und ihr Haar zu einem Pferdeschwanz binden, damit die Luft in ihrem Nacken zirkulieren konnte.
   Die gute Stimmung vom gestrigen Abend war längst verpufft, und ihr Unbehagen stellte sich nach einer kurzen Pause erneut ein. Wann wäre der richtige Zeitpunkt, um Joel einen Besuch abzustatten?
   Es gab keinen, begriff Baylee, und erklärte ihren Freundinnen, sie wolle ein bisschen allein sein. Zwar spürte sie Trixis durchdringenden Blick auf sich, beließ es aber dabei. Dachte sie ernsthaft darüber nach, Norman den Gefallen zu tun? Hatte sie nicht vor ein paar Stunden noch ihrem Manager die Hölle heiß machen wollen? Was war nur plötzlich los mit ihr? Baylee war niemand, der einfach so einknickte. Sie beschloss, an den Strand zu gehen und sich etwas Wind um die Nase wehen zu lassen. Wahrscheinlich in der Hoffnung, der Wind trüge eine geeignete Lösung über das Meer zu ihr. Einfach nur vom Strand aus auf das Wasser sehen. Genau das hatte sie damals oft getan, manchmal zusammen mit Joel, manchmal allein. Sie verfiel wieder in ihr altes Verhaltensmuster. Sehr seltsam.
   Am Strand wimmelte es nur so von Touristen. Kein Wunder, wenn es gestern den ganzen Tag über geregnet hatte. Schade, dass sie sich hier noch nicht so gut auskannte und ein stilles Plätzchen, wie zum Beispiel eine kleine Bucht, aufsuchen konnte. Fernab vom Trubel. Wenn sie lange genug danach Ausschau hielt, würde sie schon eines Tages auf einen solchen Ort stoßen. Jetzt gratulierte sie sich erst mal dazu, dass sie das knappe Sommerkleid gewählt hatte, nachdem sie nach der Probe kurz in der Pension gewesen war. Ihr war klar, wie vorteilhaft es ihre Figur umspielte, und prompt zog sie einige Blicke auf sich. Da lag es auf der Hand, dass sie den Spaziergang ausdehnte. Mit den Füßen stand Baylee im flachen Wasser des Atlantiks, mit den Händen schwenkte sie ihre Stiletto-Sandaletten hin und her, das Gesicht hielt sie der Sonne zugewandt. Sie spürte förmlich, wie sie sich um die Nase herum Sommersprossen einfing. Der Augenblick war zu schön, um sich damit auseinanderzusetzen, also scheiß drauf. Ihr Teint war ihr egal. Es war einer jener Momente, in dem man sich wünschte, die Zeit bliebe für eine Weile stehen. Weiter nichts.
   Als ihr Durst schließlich zu groß wurde, beschloss sie, umzukehren, um sich etwas zu trinken zu kaufen. An der Strandbar genehmigte sie sich eine Cola. Sie rieb den Fuß am jeweils anderen Schienbein, um den Sand abzustreifen und schlüpfte wieder in ihre Sandalen. Kurz war sie geneigt, ihr Vorhaben auf morgen zu verschieben, doch das würde ihr nur eine weitere unruhige Nacht bescheren. Schon wummerte ihr Blut wieder in den Adern. Die Tür zum Pub stand offen, ohne lange zu überlegen ging sie schnurstracks hinein und bestellte einen Erdbeerpunsch. Der würde helfen, ihre flatternden Nerven zu besänftigen. Sie trank zu hastig, das merkte sie sofort.
   »Was ist da außer Erdbeeren, Zucker und Eis noch drin?«, fragte sie die Wirtin.
   »Weißer Rum.«
   »Oha.« Trotzdem, auf einem Bein konnte sie nicht stehen, sie bestellte sich einen zweiten Drink, den sie allerdings sehr langsam, schlückchenweise zu sich nahm.
   »Bleiben Sie länger in der Stadt?«
   »Ich weiß es noch nicht«, antwortete Baylee wahrheitsgemäß. »Wo finde ich die Kirche?«
   Die Wirtin beschrieb ihr den Weg, und sie hoffte, sich alles richtig einzuprägen.
   »Vielleicht sollten Sie noch eine Kleinigkeit essen, bevor Sie aufbrechen.«
   Baylee dachte an ihr Tagesziel und spürte, wie ihr Magen dabei eine Dreivierteldrehung hinlegte.
   »Etwas Leichtes, einen Salat zum Beispiel«, schlug die Wirtin vor.
   »Das geht womöglich gerade so.«
   Die Wirtin lächelte auf eine Weise, als wüsste sie Bescheid.
   Eine Stunde später klopfte Baylee zum ersten Mal in ihrem Leben an die Tür eines Pfarrhauses.
   Drinnen blieb alles still. Möglicherweise hatte niemand das Klopfen gehört. Es musste irgendwo bestimmt auch eine Klingel geben. Sie besah sich die mit wildem Wein bewachsene Fassade genauer, wurde fündig und setzte einfach alles auf eine Karte. Es gab kein Zurück mehr. Je schneller sie das Problem anging, desto eher hatte sie es hinter sich.
   »Guten …« Tag, ich würde gern mit Joel DeLuca sprechen. Ihre Stimme erstarb bereits beim ersten dieser Worte, als er in der offenen Tür stand und keine Haushälterin, wie sie es durch alte Filme bedingt erwartet hatte.
   Zunächst lächelte er noch, dann beobachtete sie, wie das Lächeln zwischen den Mundwinkeln erstarb. Er sah sie entsetzt an.
   »Gott …«, hauchte er. Das war alles.

*

Nein, bitte nicht. Er machte einen Schritt rückwärts und verwünschte die Tatsache, dass er sich zuvor nicht vergewissert hatte, wer vor der Tür stand. Jetzt war es zu spät. Verdammt!
   Sie wirkte kaum älter als damals, und immer noch kleidete sie sich absichtlich aufreizend. Geh! Ich sterbe nicht noch mal.
   Blödsinn, er war tausend Tode gestorben und tat es noch, an jedem verdammten Tag, den Gott werden ließ.
   Wollte er sie tatsächlich zwischen Tür und Angel abspeisen? Rasch begriff er, es wäre nicht gut, wenn irgendjemand aus der Gemeinde sie hier sah, also bat er sie hinein, auch wenn es ihm zutiefst widerstrebte. »Komm rein.«
   Er wusste, es war ein Fehler, denn sofort fiel sein Blick auf ihr Kleid, das sie viel zu tief aufgeknöpft trug. Er wusste auch, dass sie das absichtlich tat. Schließ dein offenes Kleid. Sofort!
   Wahrscheinlich war es klüger, nicht darauf einzugehen. Also tat er, als hätte er ihren Aufzug nicht bemerkt.
   Sie sah immer noch verdammt gut aus, das musste er ihr lassen. Doch würde sie ihn um Rat fragen, hätte er ihr geantwortet, sie solle nicht allzu lange darauf bauen. Äußere Schönheit war vergänglich und sehr, sehr trügerisch. Was tat er hier eigentlich? Sie war bestimmt nicht gekommen, weil sie den Reverend der Gemeinde sprechen wollte. Er spürte, dass seine Hände zitterten und schob sie in die Taschen seiner Jeans, damit sie es nicht mitbekam.
   Schweigend standen sie sich gegenüber. Sie warf ihm einen seltsamen Blick zu, einen, den er in einen Kitschroman einordnen würde. Sieh mich um Himmelswillen nicht an wie in einem Liebesroman. Ich werde nichts dergleichen tun, was du auch immer verlangst. Es lag eine Sehnsucht in ihren Augen, die er kannte. Eine Sehnsucht, die er in den ersten Jahren nach der Auflösung der Ted Brunner Singers selbst verspürt hatte. Aber das war vorbei. Er war froh darüber, diese Ketten los zu sein. Mit Gottes Hilfe war es ihm gelungen, und er würde nie wieder damit anfangen, sich erneut ins Unglück zu stürzen. Joel fror plötzlich. »Schickt Norman dich?«
   Ihr entfuhr ein Hickser. Hatte sie etwa getrunken?
   Sie nickte, und anschließend sah sie sich in der Diele um. »Hübsch hast du’s hier.« Dann biss sie sich auf die Unterlippe, als begriff sie, wie albern diese Floskel klang. »Ich bin nicht meinetwegen hergekommen.« Offensichtlich war es ihr wichtig, dass er das wusste.
   »Okay.«
   »Wir proben bereits wieder zusammen.«
   »Schön für euch.«
   »Alle sind der Einladung gefolgt, und da dachten wir …«
   Sie begann an den Knöpfen ihres Kleides zu fummeln. Wenn er sie nicht so gut gekannt hätte, könnte dies als unbewusste Handlung durchgehen. Aber so? Wollte sie wieder Mal seinen Blick auf ihren Ausschnitt lenken? Offensichtlich hatte Baylee Scott nichts dazugelernt in all den Jahren.
   »Darf ich dir etwas zu trinken anbieten?« Natürlich wollte er das auf keinen Fall. Sie sollte wieder gehen. Momentan musste er allerdings unbedingt Distanz zwischen sich und ihre Person schaffen, damit er nachdenken konnte, was als Bestes zu tun wäre. Die Blasphemie dahinter ignorierend, richtete er ein Stoßgebet an Gott, dass sie ein Getränk ablehnen würde.
   »Sehr gern, danke.«
   Als er sich umwandte, um in der Küche Zuflucht zu suchen, lief ein Schauder über seine Wirbelsäule.
   »Oh, da ist ja eine so entzückende Veranda. Ich darf doch?« Ohne seine Antwort abzuwarten, öffnete sie die Fliegengittertür und setzte einen Schritt nach draußen.
   »Nur zu.« Er wagte nicht, über die Schulter zu sehen.
   Wie lange konnte ein Mensch brauchen, um Limonade aus einem Krug in Gläser zu füllen? Nicht annähernd genug. Daher beschloss er, frische Limetten zu schneiden, in klitzekleine Würfel. Mist, die Minzeblätter waren im Garten, und der Weg dorthin führte über die Veranda. Also kramte er im Küchenschrank nach Trinkhalmen. Schlussendlich gab es keinen Grund mehr, zu trödeln, und er trug die Gläser nach draußen. Seines behielt er in der Hand, er brauchte etwas, woran er sich festhalten konnte.
   Damals war sie durch eine Tür gegangen und hatte ihn stehen lassen. Allein mit sich. Allein mit allem. Es war ihm unmöglich gewesen, weiterhin mit den Singers fröhliche Songs zu trällern. Kurz darauf hatte sich die Band aufgelöst. Er hatte sich verloren.
   Durch Gottes Liebe wurde er wiedergeboren, als Reverend. Das Leben davor hatte er hinter sich gelassen. Ich sterbe nicht noch mal.
   »Danke«, sagte sie.
   Er reichte ihr das Glas nicht, sondern stellte es auf den Tisch. Nicht, dass sich versehentlich noch ihre Fingerspitzen berührten.
   »Wohnst du ganz allein hier?«
   Sie ging nicht besonders subtil vor, um herauszufinden, ob er eine Frau hatte. Typisch. »Nein.«
   Baylee nickte und nahm einen Zug Limonade. »Mhm, köstlich. Ich nehme an, die hat deine Mitbewohnerin zubereitet.«
   Das stimmte nicht ganz, aber er hatte keine Lust, darauf einzugehen. Je weniger sie wusste, desto besser.
   »Die anderen haben mich vorgeschickt.«
   »Das sagtest du bereits.« Möglich, dass dies die Wahrheit war, genauso gut könnte sie gelogen haben. So wie damals.
   Der Schmerz, der über ihn herfiel, war überwältigend. So schlimm, dass seine Atmung aussetzte und sich die Finger zu geballten Fäusten verkrampften. Dabei vergaß er, dass er noch immer sein Glas in der Hand hielt. Es zerbrach. Als die Scherben seine Handfläche zerschnitten, spürte er nichts im Vergleich zu der Pein in seinem Inneren.
   Baylee keuchte erschrocken auf. »Was machst du denn da? O Gott.«
   Sie trat näher, doch er streckte seinen Arm aus. »Bleib, wo du bist!«
   »Aber … Joel, du blutest.«
   Erst jetzt bemerkte er es. Er hatte bereits die Bodendielen vollgetropft. Es war ihm egal. »Du gehst besser wieder.« Verschwinde dahin, wo du hergekommen bist, und nimm die anderen mit.
   »Das glaubst aber auch nur du. Ich gehe nirgendwo hin.«
   Schon schnappte sie sich seinen Unterarm, winkelte ihn an und presste ihn gegen seine Brust. »Hast du Verbandszeug?«
   Eine ganz einfache Frage, doch er war nicht imstande, sie zu beantworten, denn ihre Berührung löste nicht etwa einen Stromschlag in ihm aus, sondern ein ganzes Erdbeben.
   »Ist dir schlecht? Warum sagst du nichts?«
   Sie zerrte ihn durch die Fliegengittertür, sah, dass die Tür zur Küche offen stand und manövrierte ihn dort hinein. Dann schnappte sie sich das Geschirrtuch, schlang es um seine Hand und verknotete die Enden. »Ich bin nicht besonders gut in solchen Dingen, gehe aber davon aus, dass die Wunde genäht werden muss. Wer weiß, ob nicht noch einige Glassplitter … Auf jeden Fall sollte sich das ein Arzt ansehen.«
   Darum würde er sich kümmern, sobald sie das Haus verlassen hatte.
   »Ich … ich kann nicht gut Blut sehen, daher …«, stammelte sie.
   Was gingen ihn ihre Befindlichkeiten an? Es war schließlich nicht so, dass er sie zu einem Nachmittagskränzchen eingeladen hatte.
   »Hörst du mir überhaupt zu? Joel?«
   »Ich komme schon zurecht, danke.«
   Sie starrte ihn an, als hätte er ihr zur Krankenschwester des Jahres gratuliert. »Ist das dein Ernst?«
   »Natürlich.«
   »Du solltest nicht allein …«
   Das brachte das Fass zum Überlaufen. »Bin ich nicht immer allein gewesen?«, herrschte er sie an.
   »Ich …« Sie senkte den Kopf. Baylee fasste sich schnell wieder. Das kannte er bereits von ihr. »Lass uns in die Notaufnahme fahren.«
   »Warum?«
   »Ich habe es doch bereits erklärt. Das muss sich ein Arzt ansehen.«
   »Das meinte ich nicht. Du musst nicht mitkommen.«
   »Es ist … wahrscheinlich meine Schuld, dass du … Wie dem auch sei, in dem Fall gehört es sich, dass ich dich in ein Krankenhaus bringe.«
   »Mach dich nicht lächerlich.«
   »Mir ist egal, was du sagst.«
   »Denkst du, das wüsste ich nicht?«
   Sie stieß einen Laut aus, der irgendwo zwischen Räuspern und Seufzen lag.
   »Du willst plötzlich die Verantwortung übernehmen? Wie das?« Die Frage hatte er sich nicht verkneifen können. Sofort ärgerte er sich allerdings, dass er den Mund nicht hatte halten können.
   »Du hast sicherlich Grund genug, mich zu verspotten.«
   Da hast du mal recht.
   »Lass uns dieses Gespräch zu einem anderen Zeitpunkt weiterführen.«
   Ihr Vorschlag verblüffte ihn. »Ganz bestimmt nicht.«
   »Soll mir auch recht sein. Wo sind deine Wagenschlüssel?«
   Jetzt war es an ihm, sie entgeistert anzusehen. Wie fremdgesteuert deutete er mit vorgerecktem Kinn zum Küchentisch.
   Sie marschierte schnurstracks hinüber, grapschte nach dem Schlüssel, trat hinter ihn und legte ohne jede Vorwarnung ihre Hand auf sein Schulterblatt. Baylee hätte auch gleich einen Elektroschocker benutzen können. Die Wirkung wäre dieselbe gewesen.
   »Lauf zu!«
   Er gehorchte ihr. Ob der Blutverlust ihn bereits benommen machte? Erst, nachdem sie die drei Holzstufen hinuntergestiegen waren und sie sich nach seinem Wagen umsah, zog sie ihre Hand fort. Er musste aufpassen, dass sie keine Gelegenheit mehr bekam, ihn anzufassen.
   »Ist das da deine Garage?«
   »Sie gehört zum Pfarrhaus.«
   »Das ist dann ja wohl dasselbe«, meinte sie schnippisch. »Warte hier!«
   Als er das Getriebe knirschen hörte, war es zu spät, sie darauf hinzuweisen, dass der Jeep über eine Gangschaltung verfügte. Himmel, hilf.
   »Sorry, ich werde mich schon daran gewöhnen, dass es keine Automatik gibt.«
   Ganz bestimmt nicht.
   »Steig ein«, forderte sie ihn auf.
   Er hatte keine Lust, zu diskutieren und war zu dem Schluss gekommen, dass Folge zu leisten der schnellste Weg war, um sie wieder loszuwerden. Und den Mund zu halten auch.
   »Wo ist das Krankenhaus noch mal? Ich weiß genau, dass ich heute bereits daran vorbeigegangen bin. Oder wenigstens an einem Wegweiser.«
   Er wies mit der gesunden Hand noch vorn. Das sollte genügen. Joel war nicht auf der Welt, um ihr das Leben zu erleichtern.
   Baylee Scott war jemand, der stets davonkam und permanent Glück hatte wie eine Katze mit neun Leben.
   »Ah, da ist es ja. Ich wusste es«, sagte sie siegessicher.
   Na bitte.
   Sie lenkte den Jeep in eine Parklücke, und noch bevor der Motor erstarb, stieg er aus und machte sich auf den Weg in das Gebäude, direkt in die Notaufnahme.
   Als eine Krankenschwester ihn bat, das Formular mit den Personalien auszufüllen, stand Baylee plötzlich neben ihm.
   Wieso nur hatte er angenommen, sie würde draußen auf ihn warten?
   Er hatte sich die linke Hand verletzt, dumm nur, dass er Linkshänder war und sich nun damit abmühte, das Formular auszufüllen.
   »Das kann ich doch übernehmen.«
   Bevor er dazu kam, abzulehnen, zog Baylee bereits an dem Klemmbrett. Genervt gab er nach.
   Sie kniff die Augen zusammen. »Sie brauchen deine Krankenversicherungsnummer.«
   Natürlich hatte er seine Brieftasche zu Hause vergessen.
   Wahrscheinlich verriet ihn sein Gesichtsausdruck. Baylee wandte sich jedenfalls sofort an die Krankenschwester.
   »Hören Sie, darf der Reverend die Nummer morgen nachliefern? Bei all der Aufregung haben wir nicht daran gedacht …«
   Die Schwester musterte erst Baylee genauer, ihr Blick blieb an deren tief aufgeknöpftem Kleid hängen und wanderte anschließend zu ihm.
   Ganz toll. Es war nicht besonders schwer, deren Gedanken zu erraten. Und welche Rückschlüsse die Frau daraus zog.
   »Normalerweise … Na gut, bei Ihnen mache ich eine Ausnahme, Reverend DeLuca.«
   »Danke.«
   »Dr. Tanner ist gleich für Sie da. Wenn Sie schon mal in Zimmer eins Platz nehmen möchten.« Die Schwester ging voran, um ihm den Weg zu weisen.
   Er hätte gut daran getan, Baylee die Wagenschlüssel abzunehmen und sie ins Mason’s zurückzuschicken. Mit dem Rest kam er schließlich allein klar. Ob er die Schwester darum bitten sollte, ihr das auszurichten? Die Idee schien ihm vernünftig, und so lächelte er unverbindlich und äußerte sich entsprechend.
   »Ja, gern.« Dann ließ sie ihn allein.
   »Reverend, schön Sie zu sehen. Wie ich hörte, sind Sie dieses Mal nicht als Seelsorger in unseren heiligen Hallen, sondern als Patient.« Die Chirurgin Elizabeth Tanner reichte ihm die Hand. Beruflich hatte er bereits des Öfteren mit ihr zu tun gehabt und eigentlich gehofft, dass dies ausschließlich so bliebe. Das Blatt hatte sich leider gewendet. Warum zog stets er die Arschkarte?
   »Was ist passiert?«
   »Ich habe mich an einer Glasscherbe geschnitten.«
   »Lassen Sie mich mal sehen.«
   Sie hielt sich nicht lange damit auf, das Geschirrtuch aufzuknoten, sondern schnitt es mit einer Schere kurzerhand entzwei.
   Joel hatte versäumt, rechtzeitig die Augen zu schließen, jetzt wurde ihm mulmig. Die Handfläche sah nicht besonders gut aus. Vielleicht, wenn erst die Blutreste …
   Er sog scharf die Luft ein, als die Chirurgin begann, die Wunde zu reinigen.
   »Das brennt leider etwas.«
   Was meinte die Frau mit etwas? Er war nah dran, ihr seine Hand zu entziehen. Im Stillen versuchte er, sich mit einem Vaterunser abzulenken. Außerdem machte er sich bewusst, dass Jesus aus Nazareth ans Kreuz geschlagen worden war, indem man Nägel durch seine Handflächen getrieben hatte. Das war keine kluge Strategie, sein Magen wollte einen Hüpfer machen. Ihm entfuhr ein Stöhnen.
   »Sie haben sich unzählige Schnitte zugezogen. Wie ist das passiert?«
   »Ein Limonadenglas zerbrach in meiner Hand.«
   Die Ärztin sah ihm in die Augen. »Einfach so?«
   Natürlich nicht, was dachte sie denn. Er schalt sich im Nachhinein einen Blödmann. Was er sich alles erspart hätte, wenn er das dämliche Glas nicht … »Aua, ah.«
   »Tut mir leid. Es gibt wahrscheinlich noch mehr Splitter als diesen, den ich gerade entfernt habe.«
   Wie viele? Seine Alarmglocken schrillten.
   »Sie brauchen nicht so ein erschrockenes Gesicht zu machen, Reverend. Wir röntgen Ihre Hand zunächst, das tut garantiert nicht weh.«
   Ihr Wort in Gottes Ohr. Wehe, wenn sie log.
   Das tat sie jedoch nicht. Joel war erleichtert.
   »Die gute Nachricht ist: Ich lag mit meiner Vermutung richtig.«
   »Was soll daran gut sein?« Er erinnerte sich an seinen Mentor, der in solchen Situationen stets getönt hatte: Jede Prüfung lässt uns wachsen. Amen. Wenn Joel aber doch mit seiner Größe ganz zufrieden war, was dann?
   »Ich weiß jetzt genau, wo die Splitter liegen, das erleichtert die Suche ungemein.«
   Er rang sich ein Prima ab. »Und was ist dann die schlechte Nachricht?«
   »Es ist dennoch ein Geduldsspiel«, sagte sie und schenkte ihm ein freundliches Lächeln.
   »Was?«
   »Also für mich. Meine Geduld wird auf die Probe gestellt. Während Sie ganz entspannt liegen und wenn Sie möchten, per Kopfhörer Musik hören dürfen. Das klingt doch gut, oder?«
   Er kriegte sich kaum ein vor Begeisterung.
   »Na, kommen Sie.« Elizabeth Tanner klopfte auf die Behandlungsliege.
   Falls er in Ohnmacht fiele, lag er wenigstens schon.
   »Das Schlimmste, was Sie spüren werden, ist der Pieks der Betäubungsspritze.«
   Wie sie es sagte, klang es nach einem Klacks.
   »Wann war Ihre letzte Tetanusimpfung?«
   »Äh …«
   »Ich sehe schon, wir frischen den Schutz auf.«
   Der Abend wurde nicht besser. War es da eine Überraschung, dass der Klacks sich nicht als solcher entpuppte?
   Der Rest war immerhin erträglich. Während er im Behandlungszimmer lag und der Musik aus dem Kopfhörer lauschte, arbeitete die Chirurgin wie eine emsige Biene.
   Die letzte Stunde hatte ihn dermaßen erschöpft, dass er kurz einnickte. Als er die Augen wieder öffnete, lächelte die Ärztin ihn an. Und als er zurücklächelte, deutete sie auf die Kopfhörer, und er zog sie von den Ohren.
   »Habe ich was Wichtiges verpasst?«
   »Nein.« Sie lachte.
   »Entschuldigen Sie.«
   »Warum denn? Ich arbeite lieber an entspannten Patienten. Sie hatten mächtig Glück, dass Sie sich keine wichtigen Sehnen verletzt haben. Ich musste die Schnitte mit zwanzig Stichen nähen. Die Hand wird wahrscheinlich anschwellen und schmerzen, wenn die Betäubung nachlässt. Haben Sie Schmerztabletten im Haus?«
   »Ja.«
   »Gut, dann bekommen Sie jetzt Ihre Tetanusspritze, und anschließend dürfen Sie gehen.
   Das verabreichen dieser Injektion empfand er tatsächlich als Klacks.
   »In zwei Tagen möchte ich mir Ihre Hand noch mal ansehen, und nächste Woche können die Fäden gezogen werden.«
   »Danke.«
   »Danken Sie Gott, dass nicht mehr passiert ist.«
   Statt zu antworten, lächelte er und verließ das Behandlungszimmer. Als er die Rezeption der diensthabenden Schwester fast erreicht hatte, nahm er in den Augenwinkeln eine Bewegung wahr und stoppte abrupt. Baylee Scott erhob sich aus einem der Plastikstühle.
   »Hat dir die Schwester nicht …«
   »Doch, spar dir den Atem. Es war mir ein Bedürfnis, mich mit eigenen Augen zu versichern, wie es dir geht.«
   Wieso hatte er eigentlich geglaubt, sie käme seinem Wunsch nach? Er wusste doch genau, wie eigensinnig sie war. Daran hatten wohl auch die vergangenen Jahre nichts geändert. Offensichtlich war für Baylee alles beim Alten geblieben. Sie kam, sah und siegte, während sein Leben eine Kehrtwendung um hundertachtzig Grad erfahren hatte.
   »Nun konntest du dich ja versichern. Es geht mir gut, und ich lebe noch. Also, gib mir die Autoschlüssel.«
   »Ich fahre dich nach Hause.«
   »Nein.« Joel bemerkte, dass die Krankenschwester interessiert den Kopf hob.
   »Jetzt mach keine Zicken. Weiß doch jedes Kind, dass man nach einem solchen Eingriff kein Fahrzeug führen darf. Das stand doch auch auf dem Anmeldebogen, den du unterschrieben hast. Hast du ihn dir überhaupt durchgelesen?«
   Wie denn, wenn sie ihm das Klemmbrett entzogen hatte? Er unterließ es, sie auf dieses Detail hinzuweisen.
   Die Krankenschwester räusperte sich. »Entschuldigen Sie, wenn ich mich einmische, Reverend DeLuca, aber Ihre Freundin hat recht. Sie dürfen sich auf keinen Fall hinter das Steuer setzen.«
   Sie. Ist. Nicht. Meine. Freundin.
   »Da hörst du es.« Baylee kicherte. »Von wegen, der Mensch denkt und Gott lenkt. So funktioniert das nicht im wirklichen Leben, Herr Pastor.«
   Joel beobachtete, wie die Mundwinkel der Schwester zuckten, sie sich sofort umwandte und tat, als kramte sie in irgendwelchen Unterlagen. Baylee Scott ließ ihn mal wieder unmöglich dastehen. Er biss die Zähne zusammen und versuchte, seinem Ärger Herr zu werden.
   »Also?« Sie verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihn seelenruhig an.
   Joel hatte keine Lust, im Zenit des Krankenhaustratsches zu stehen und den Unterhaltungslevel des Personals deutlich anzuheben. Er machte kehrt und strebte dem Ausgang entgegen.
   »Auf Wiedersehen, Reverend DeLuca, gute Besserung.«
   O nein. Er war hier in St. Elwine der Gemeindepfarrer und hatte soeben die freundliche Krankenschwester vor den Kopf gestoßen, indem er gegen die einfachen Regeln der Höflichkeit verstieß und sich nicht verabschiedet hatte.
   »Sehen Sie es ihm nach, meine Liebe«, schnurrte Baylee gerade, als er sich umdrehen wollte, um sich zu entschuldigen. »Er meint es nicht so. Ich weiß, dass die Verletzung seiner Hand ihn ziemlich mitgenommen hat. Hoffentlich bleibt es ruhig bis zu Ihrem Feierabend und es kommen keine weiteren anstrengenden Patienten. Auf Wiedersehen.« Schon klackerten die mörderischen Absätze ihrer Riemchensandaletten über die Fußbodenfliesen.
   Inzwischen war Joel nur noch wütend. Mit großen Schritten erreichte er die Flügeltür, stieß mit seiner gesunden Hand dagegen und atmete die laue Spätsommerabendluft ein.
   Er hätte das Glas an die Wand werfen sollen, statt es in der Hand zu zerdrücken. Im Stillen schalt er sich einen Idioten.
   »Was ist jetzt?«, hörte er Baylee fragen, nachdem auch sie aus dem Gebäude getreten war.
   »Ich gehe zu Fuß.«
   »Dir ist schon klar, dass du wie ein kleiner bockiger Junge klingst, oder?«
   Ein Jammer, dass man einer Frau keine runterhaute. Als Reverend schon gar nicht.
   »Tu, was du nicht lassen kannst.« Sie klang vollkommen unbeschwert, und das brachte ihn noch mehr auf die Palme. Unbeirrt lief er los und hörte, wie sie den Motor startete. Kurz darauf fuhr sie im Schritttempo neben ihm auf der Straße.
   »Was soll das?« Er ärgerte sich sofort, dass er sich überhaupt zu einer Frage hatte hinreißen lassen.
   »Falls du es dir anders überlegst, kannst du jederzeit einsteigen.«
   »Bestimmt nicht.«
   »Mir war nicht klar, dass du ein störrischer alter Mann geworden bist.«
   »Fahr vor zum Pfarrhaus, stell den Wagen in der Garage ab und lass die Schlüssel stecken. Ich brauche nicht lange.« Mit anderen Worten: Verschwinde, aber schnell.
   »Wie du willst.« Sie brauste davon, und wieder jammerte das Getriebe, sodass er fast ersucht war, für es zu beten.
   Er blieb einen Moment lang stehen und zog ernsthaft in Erwägung, in den Pub zu marschieren und sich volllaufen zu lassen. Joel sah ein, dass es wenig Sinn machte, der Konfrontation mit Baylee Scott und den Singers aus dem Weg gehen zu wollen. Er musste sich etwas einfallen lassen, irgendeinen triftigen Grund vorbringen, dem auch sie sich nicht entziehen können würden. Er blinzelte auf seine Armbanduhr. Es war bereits kurz vor neun. Nun, er hatte die ganze Nacht Zeit, darüber zu grübeln.
   Langsam lief er weiter und spürte zum ersten Mal an diesem Abend, wie seine linke Hand zu puckern begann. Das hatte ihm gerade noch gefehlt.
   Er fragte sich, ob all dies nie geschehen wäre, wenn er den Ruf des Bischofs nicht befolgt hätte. Joel hatte nicht nach St. Elwine gewollt. Er hatte überhaupt nirgendwo hingewollt. Wieso hatte man ihn versetzen wollen, und dann noch als Gemeindepfarrer? Seine Stärken lagen ganz woanders. Das hatte er in den vergangenen Jahren doch zur Genüge bewiesen.
   Er erinnerte sich genau, wie bestürzt er gewesen war, als der Brief des Bischofs ihn damals erreicht hatte. Joel hatte noch am selben Abend zum Telefon gegriffen und darauf bestanden, mit dem Bischof persönlich zu sprechen. Die Bitte wurde ihm gewährt. Zusätzlich ein weiteres Gespräch, das sie unter vier Augen hielten und wofür er an die fünf Autostunden unterwegs gewesen war. Doch es war vergebens, der Umzug nach St. Elwine war besiegelt.
   Bis dato war sein Leben immerhin wunderbar strukturiert gewesen. Zeit zum Grübeln oder um dieses oder jenes infrage zu stellen, hatte er bei seiner Arbeit kaum gehabt.
   Nun war er hier, und das Gefühl, als Gemeindepfarrer noch nicht richtig Fuß gefasst zu haben, ließ sich nicht abschütteln. Dabei lebte und arbeitete er bereits beinah fünf Monate in St. Elwine. Allerdings musste er zugeben, dass der Ort an sich wunderschön war. Joel liebte das Meer mit all seinen Gerüchen und Geräuschen, die Landschaft, die kleinen Straßen, die sich hindurchschlängelten, und die Häuser, die meistens aus Holz erbaut worden waren. Der Ort versprach eine Gemütlichkeit, von der er nicht gewusst hatte, dass er sie vermisst und gebraucht hatte. Es war, als würde das Herz einen Tick langsamer schlagen in St. Elwine. Alles ging seinen Gang, nur eben viel gemächlicher. Besonders, wenn er vom Hafen oder der Strandpromenade aus die schaukelnden Boote beobachtete, erfüllte ihn das mit Frieden.
   Das war das Eine, und dann gab es das Pfarrhaus. Dieses Haus hatte es ihm sofort angetan, als er zum ersten Mal hier gewesen war. Es beherbergte große Räume, die Wärme und einen Willkommensgruß ausstrahlten, wann immer er sie betrat. Wahrscheinlich war es dieses Haus gewesen, das ihn bewog, seinen Frieden mit der Versetzung zu machen. Nicht, dass er tatsächlich eine Wahl gehabt hätte, aber so besänftigt fühlte es sich besser an. Als er seinem Vorgänger damals einen Besuch abgestattet hatte, war zwar bereits Frühling gewesen, ein plötzlicher Kälteeinbruch mit Schneefall hatte jedoch dafür gesorgt, sich im tiefsten Winter zu wähnen. Das heimelige Wohnzimmer mit dem prasselnden Feuer im Kamin und der gastfreundlichen Atmosphäre hatte Joel damals innehalten lassen. Natürlich hatte er von dem großen Garten mit seinem Pavillon und der Veranda, die sich praktisch über die gesamte Rückseite des Hauses zog, Notiz genommen. Doch all diese Dinge entwickelten erst ihren ganz großen Reiz, je mehr Zeit verging, je länger er im Pfarrhaus wohnte. Es war, als entdeckte er täglich mehr von der Schönheit des Anwesens.
   Hätte seine linke Hand sich jetzt nicht zu einem Blitzkrieg entschlossen, wäre Joel liebend gern weiter spazieren gegangen und würde dabei seine Gedanken auf die Reise schicken. Beides war eine Angewohnheit, die er sich erst hier in St. Elwine zugelegt hatte. Manchmal fragte er sich allerdings, ob dies gar ohne sein Zutun geschah. Dass der Ort und der Garten mit dem Haus ihre Zauber wirken ließen, ihn schlichtweg in den Bann zogen, damit er nicht zu schwer an seiner Verzweiflung trug.
   So verrückt es klang, Joel freute sich, dass er in diesem Moment wieder vor seinem Pfarrhaus stand. Es hieß ihn willkommen und wirkte ein bisschen verwunschen. Er saugte den Anblick, wie es im Licht der Abenddämmerung vor ihm lag, in sich auf.
   Der Wagen war nicht zu sehen. Er ging hinüber zur Garage. Baylee hatte doch noch gespurt. Joel zog den Schlüssel ab, verriegelte den Jeep und trat wieder ins Freie. Atmete er ein, dann duftete die Luft nach Phlox und Rosen. Er liebte die Stunden der Abenddämmerung. Endlich war er wieder allein und ungestört. Und brauchte unbedingt eine oder besser gleich mehrere Schmerztabletten. Er ging die drei Holzstufen hinauf.
   »Da bist du ja.«

*

Joel fuhr eindeutig zusammen. Sie hatte ihn erschreckt, und seinem Gesicht war anzusehen, dass Freude anders aussah. Baylee hatte es sich unterdessen auf der Schaukel bequem gemacht. Von unten musste ihm das Geländer der Veranda die Sicht auf die an stabilen Kettengliedern hängende Schaukel versperrt haben. Als sie seinen Wagen wie gewünscht abgestellt hatte, war sie kurz versucht gewesen, zu verschwinden. Dann hatte sie die Schaukel entdeckt und ihre Meinung geändert. Sie würde auf ihn warten, um sich von ihm zu verabschieden und ein letztes Mal um die Teilnahme am Revival-Konzert zu bitten. Schließlich hatte sie das den anderen versprochen.
   Als sie ihn endlich entdeckte, rührte sie sich nicht und beobachtete ihn. Er öffnete die Pforte, ging hindurch und schritt sofort zur Garage. War ja klar.
   Er wirkte erleichtert, als freute er sich, endlich seine Ruhe zu haben. Vor ihr? Der Gedanke tat leise weh. Immerhin versöhnte sie der Anblick seines nun entspannten Gesichts.
   Er sah immer noch so verdammt gut aus. Erst recht, wenn er, so wie jetzt, vor sich hinlächelte. Sein Haar war natürlich kürzer als damals und ordentlich geschnitten. Er war sonnengebräunt, als hielte er sich oft und gern an der frischen Luft auf. Irgendwie passte das zu ihm. Seine Haut wirkte weich und warm, und sie erinnerte sich daran, dass sein Mund sich genauso angefühlt hatte. Joel musste jetzt, sie überlegte kurz, zweiundfünfzig Jahre alt sein, die man ihm weiß Gott nicht ansah.
   Inzwischen war so viel Zeit vergangen, und doch glaubte sie manchmal, es wäre erst gestern gewesen. Wie wohl alles gekommen wäre, wenn …
   Ach, was brachten solche Gedanken? Ihn vorhin blutend zu sehen, hatte etwas in ihr durcheinandergebracht. Oder war es in Wirklichkeit der Hauch einer Erinnerung gewesen?
   Teufel auch. Ups, durfte man in der Umgebung eines Pfarrhauses fluchen? Es war richtig gewesen, sich zu erkennen zu geben.
   »Wieso bist du immer noch hier?«, schnauzte er zurück.
   Nun, sie hatte es wohl nicht anders verdient. »Also wirklich, nach allem, was ich heute für dich getan habe.«
   Er stieß entnervt die Luft aus.
   »Es brennt kein Licht im Haus«, stellte sie fest. Mit dieser Erklärung schien er keineswegs zufrieden.
   »Warum auch?«
   »Du sagtest, du lebst hier mit jemandem zusammen.«
   »Das tue ich auch.«
   »Dann verstehe ich nicht …«
   »Sie ist noch unterwegs.«
   Da war er wieder, dieser kleine, aber fiese Stich in ihrem Herzen. »Na klar.« Für den Moment schien er unschlüssig. Seine goldenen Augen funkelten sie jedoch wütend an. »Darf ich dir einen Vorschlag machen?«, fragte sie.
   Eigentlich nicht, sagte sein Gesicht. Sie beschloss die Chance auf dieses erste Wort für ihre Zwecke zu nutzen. Eigentlich. »Ich könnte dir aus deinen Vorräten ein Abendessen zubereiten.«
   »Du hast kochen gelernt?«
   Scherzkeks.
   »Lassen wir das. Warum?«, wollte er wissen.
   »Weil ich mir ziemlich sicher bin, dass du heute noch keines hattest. Und ebenso sicher wirst du mit dieser Hand Hilfe brauchen.«
   »Ich bin nicht allein.«
   »Das sieht für mich anders aus.«
   »Dann warte ich einfach noch etwas.«
   »Wie lange soll das dauern?«
   »Ist doch egal«, ätzte er.
   Sie versuchte es anders. »Wie geht es deiner Hand? Tut sie weh?« Baylee konnte ihm ansehen, dass ihm ein »Natürlich« auf den Lippen lag. Er brachte es wohl nicht über sich, diese Tatsache vor ihr einzugestehen. Also starrte sie ihm so lange in die Augen, bis er nachgab und schließlich nickte.
   »Joel, iss eine Kleinigkeit, und dann nimmst du ein starkes Schmerzmittel und legst dich hin. Je eher du das tust, desto besser für dich.« Außerdem war sie gespannt auf seine Mitbewohnerin. Vielleicht konnte sie auf diese Weise ja einen Blick auf die Person erhaschen.
   Ihr war klar, dass er gerade einen inneren Kampf ausfocht. Typisch Joel DeLuca. »Wenn du einwilligst, bereite ich dir ein Essen zu und halte dabei einfach den Mund. Anschließend werde ich so schnell wie möglich verduften.« Letzteres hatte sie nicht vor. Vielleicht besserte sich seine Laune, wenn die Schmerzen erst nachließen. Früher hatte sie ihn mühelos weichklopfen können. Das hatte sich offenbar geändert.
   Er nickte, mehr nicht. Sie wusste, wo die Küche war und marschierte schnurstracks zum Kühlschrank, einem bauchigen, blassgrünen Ungetüm im Retrolook. Seinen Inhalt konnte man bestenfalls als übersichtlich bezeichnen. Zwei Eier, Speck, Salami, Käse und ein Salatkopf, dessen Blätter leicht angewelkt wirkten. »Mhm.«
   »Ich kümmere mich nicht um die Einkäufe.«
   Wahrscheinlich hatte so ein Gemeindepfarrer anderes zu tun. Baylee beschloss, aus dem Mix an Zutaten Sandwiches zu belegen und diese anschließend zu überbacken. Als sie ihren Blick umherschweifen ließ, entdeckte sie den Brotkasten mit der entsprechenden Beschriftung.
   Joel ließ sie werkeln und verschwand. Ob er mit der Dame seines Herzens telefonierte? Obwohl sie mehr, als gut für sie war, die Ohren spitzte, konnte sie nichts dergleichen hören. Während die Sandwiches im Ofen waren, deckte Baylee den Tisch in der Küche. Dann rief sie laut nach ihm. Eine Tür klappte, kurz darauf erschien er wieder und stand abwartend im Raum.
   »Setz dich doch, es ist schließlich dein Haus.«
   »Nicht ganz.«
   »Du weißt, wie ich es meine.«
   »Der Tisch ist nur für eine Person gedeckt«, stellte er fest.
   »Ich wusste nicht, dass deine Frau auch noch nicht gegessen hat.«
   Er ignorierte ihre Bemerkung schlichtweg, stellte stattdessen eine Frage. »Und wie sieht es mit dir aus?«
   Hatte sie sich eben verhört? Der Käse war goldbraun verlaufen und duftete herrlich. Baylee schob drei der acht Sandwiches auf seinen Teller. »Guten Appetit.«
   Joel warf einen Blick in den Ofen. »Wer soll das alles essen?«
   »Na, du.« Früher hatte er stets gefuttert wie ein hungriger Wolf. Er war immer noch sehr schlank. Entweder hatte er seine Essgewohnheiten geändert, trieb Sport oder war einfach mit guten Genen gesegnet. Was in seinem Beruf nicht besonders verwunderlich wäre.
   »Sag schon, wann hast du das letzte Mal etwas gegessen?«
   Wenn sie den Salat im Pub nicht mitrechnete, käme sie zum Frühstück. »Äh …«
   »Liegt dir so viel an deiner schlanken Linie?«
   So, wie er es sagte, klang es eher wie eine Beleidigung. Dabei hieß das Zauberwort eigentlich Sparsamkeit, aber das wollte sie ihm nicht sagen. Daher biss sie sich auf die Lippen, lächelte kokett und klimperte mit den Wimpern. »Gefalle ich dir etwa nicht?«
   Einen Herzschlag lang bohrte er seinen Blick so intensiv in ihre Augen, dass sie sich vollkommen nackt fühlte und sich irgendwann abwandte. Die Intimität des Moments wühlte sie auf und brachte alles in ihr durcheinander: Gedanken, Eingeweide, Atmung, Blutkreislauf. Sogar ihre Blase meldete sich unangenehm.
   »Bist du deswegen hier? Weil dein Geld knapp ist und du die Gage, die Norman euch in Aussicht stellt, mehr als gebrauchen kannst?«
   War Joel DeLuca schon immer so scharfsichtig gewesen, oder lernte man das als Pfarrer? Falls Letzteres zutraf, hatte er vielleicht doch den für ihn richtigen Job gewählt. Wahrscheinlich war es sinnlos, ihre chronische Geldknappheit zu leugnen, und so nickte sie einfach.
   »Warum hast du das nicht gleich gesagt?«
   »Hätte es etwas geändert?«
   »Sicher.«
   Ach ja? Na gut, Pfarrer redeten viel von Barmherzigkeit. Wahrscheinlich waren diese Menschen das auch. Sie wollte niemandem etwas Schlechtes unterstellen, und ihm schon gar nicht.
   »Ich müsste mal für kleine Sängerinnen.«
   Er ging voran in die Diele und öffnete ihr die Tür gegenüber der Küche im Eingangsbereich. »Hier ist die Gästetoilette.«
   »Danke.« Schade, eigentlich hätte sie zu gern das Familienbadezimmer in Augenschein genommen. Dessen Einrichtung und die dort stehenden Kosmetika würden sie garantiert Rückschlüsse auf seine Frau ziehen lassen. Ob sie sich gern und viel schminkte? Eher nicht, Joel bevorzugte wahrscheinlich den natürlichen Typ. Baylee kannte keine Pfarrersfrauen, stellte sie sich aber altbacken und bieder vor. Die Spezies Pfarrer allerdings ebenso. Joel DeLuca ließ dieses Bild, das sie sich zurechtgelegt hatte, zerplatzen wie eine Seifenblase. Er war immer noch sehr sexy, selbst wenn er wütend auf sie war.
   Als sie die Küche wieder betrat, lag ein zweites Gedeck auf dem Tisch.
   »Setz dich«, sagte er höflich.
   Baylee war hungrig, sie hatte nichts Besseres vor, also nahm sie das freundliche Angebot an. »Danke.«
   Er nickte und entschuldigte sich dafür, dass er sein Sandwich in die Hand nahm, statt das Besteck zu benutzen. Die Seite des formvollendeten Gentlemans kannte sie noch nicht an ihm. Es war interessant, seine zahlreichen Facetten aufzudecken. Allerdings vermisste sie den sorglosen Jungen, der er einst gewesen war. War er gestorben, oder gab es ihn noch unter all den Schichten von Wut, Distanz und Höflichkeit?
   Als er sein Glas zur Hand nahm, sah sie ihn an. »Sei vorsichtig damit.«
   »Danke für den Tipp.«
   »Es tut mir leid, dass du meinetwegen …«
   »Lass die Sandwiches nicht kalt werden«, fuhr er ihr in den Satz.
   Sie nickte und aß schweigend weiter. Als sie fertig war und ihre Limonade in einem Zug ausgetrunken hatte, merkte sie, dass er entspannt zurückgelehnt dasaß und sie beobachtete.
   »Hast du deinen Job verloren?«, wollte er plötzlich wissen.
   »Ja.«
   »Verstehe.« So, wie er es sagte, klang es, als wüsste er, dass sie es nirgends lange aushielt und stets gefeuert wurde oder von sich aus das Handtuch hinwarf. Baylee hatte keine Lust, ihm die Wahrheit zu erklären.
   »Und die anderen?«, wollte er wissen.
   Sie zuckte mit den Schultern.
   »Die können doch nicht alle immer noch chronisch pleite sein.«
   »Wir haben nur einen Abend gemeinsam verbracht. Da weiß ich nicht viel …«
   »Schon gut.«
   Möglich, dass einige der Singers einfach nur aus Spaß nach St. Elwine gereist waren, ein bisschen von dem Gefühl und den Idealen ihrer Jugend geleitet. Noch mal das empfinden, was sie damals gemeinsam gespürt hatten, was verloren gegangen war im Laufe der Zeit. Wer konnte ihnen das verdenken? »Es wäre schön, wenn du dabei bist.«
   Sein Gesicht, eine Maske der Gleichgültigkeit. Dennoch ahnte sie, dass er gleich Schlag dir das aus dem Kopf herausplatzen würde. »Anfangs war ich derselben Meinung wie du«, gestand sie ihm schließlich aus einem unerfindlichen Grund heraus.
   »Ach ja? Wie kam es zum Sinneswandel?«
   Sie blickte ihn an und schwieg.
   »Es geht mich nichts an. Entschuldige.«
   »Ich wollte deinetwegen nicht mitmachen«, sagte sie leise.
   Jetzt war er es, der schwieg. Dann stieß er sich plötzlich von der Rückenlehne ab und erhob sich. Er öffnete die Tür einer der Hängeschränke und kramte darin herum. Dann stellte er eine Arzneimittelpackung auf die Arbeitsfläche und versuchte, sie mit einer Hand aufzufummeln. »Mist.«
   Baylee erhob sich ebenfalls und bot ihre Hilfe an, indem sie einfach nur dastand und ihn anstarrte.
   »Schon gut, ich hab’s kapiert. Mach du es.« Er trat einen Schritt zur Seite.
   Sie schob die kleine Papplasche auf und hielt die Folie über seine gesunde Hand. Dann drückte sie eine der Tabletten durch die Folie. Dabei berührten sie einander. Er zuckte so plötzlich zurück, als hätte er sich verbrannt. Die Tablette kullerte zu Boden. Sie bückten sich beide gleichzeitig und stießen beinahe mit den Köpfen zusammen. Er versuchte, ihr auszuweichen, geriet aus dem Gleichgewicht und stützte sich mit der Hand am Schrank ab. Zu spät begriff er, dass er dazu die verletzte Hand benutzt hatte. Er keuchte auf und wurde blass.
   Baylee erschrak. »O Gott, das tut mir leid. Entschuldige. Ich wollte nicht …«
   Joel schleppte sich zurück zum Stuhl und setzte sich.
   Sie presste sofort eine neue Tablette heraus, sorgsam darauf bedacht, das kleine Ding einfach nur auf den Tisch fallen zu lassen. »Hier, bitte.«
   »Mir ist gerade ein bisschen schlecht.«
   »Natürlich. Kann ich etwas für dich tun?« Ohne seine Antwort abzuwarten, öffnete sie weit das Fenster.
   Er schluckte die Tablette.
   »Wie viel hat Norman draufgepackt für den Fall, dass du mich rumkriegst?«, fragte er nach einer Weile plötzlich.
   Sie wollte ihn nicht anlügen, und so nannte sie ihm die Summe.
   Er stieß einen Pfiff aus. »Dieser Mistkerl.«
   »Du kennst ihn ja.« Baylee spürte, wie sich ihre Mundwinkel zu einem nachsichtigen Lächeln verzogen. »Was soll ich den anderen sagen? Bist du dabei?« Eigentlich hatte sie erwartet, dass er den Kopf schütteln würde.
   »Ich weiß es noch nicht«, sagte er stattdessen.
   Sie nickte.
   »Ich muss drüber schlafen.«
   »Klar. Tu das. Kann ich gut verstehen.«
   Er hob den Kopf. »Wie viel hat es dich gekostet, hierher zu mir zu kommen?«
   Baylee musste schlucken. »Norman war der Meinung, dass …«
   »Das beantwortet nicht meine Frage.« Er klang plötzlich sanft.
   »Viel, Joel. Unendlich viel.« Ihr versagte beinahe die Stimme.
   Er nickte. »Respekt.«
   »Ich gehe jetzt besser«, hob sie an.
   Als er aufstehen wollte, suggerierte sie ihm, es nicht zu tun. Gerade noch rechtzeitig verhinderte Baylee, dass sie ihre Hand auf seine Schulter legte. »Lass nur, ich finde allein raus. Danke für das Abendessen.« Das »War-nett-mit-dir-zu-plaudern«, behielt sie für sich, obwohl es der Wahrheit entsprach.
   Der Abend gestaltete sich sogar netter, als es der Anfang ihrer Begegnung hatte vermuten lassen. An der Küchentür warf sie einen Blick über die Schulter. »Joel, mach es nicht meinetwegen. Wenn … wenn du es nicht kannst, dann lass es.«
   Sie brachte sich gerade um ein paar tausend Dollar. War sie verrückt geworden? Rasch legte sie einen Zahn zu und stöckelte davon.

2. Kapitel

Es war immer noch schön warm draußen. Nur die Schreie der Möwen waren zu hören, so wie in allen Orten, die am Meer lagen. Bis zum Mason’s war es nicht besonders weit. Die Fenster der Pension lagen im Dunkeln. Das konnte nur bedeuten, dass die anderen den Abend im Pub verbrachten und vermutlich auf sie warteten. Natürlich konnte sie es ihnen nicht verübeln, aber sie wollte jetzt lieber allein sein. Eine konkrete Antwort konnte sie ihnen ohnehin noch nicht liefern. Die Begegnung mit Joel DeLuca musste sie erst einmal verdauen. Fragen über seine Person beantworten, konnte sie zu einem späteren Zeitpunkt immer noch. Sie war sich allerdings nicht sicher, ob sie das überhaupt wollte. Was Joel betraf, war sie ziemlich durcheinander. Dennoch spürte sie tief in sich eine kleine Freude darüber, dass sie ihn wiedergesehen hatte. Freude, dass er so sexy aussah. Freude, dass er ihr nicht den Kopf abgerissen hatte, sondern immerhin versucht hatte, höflich zu sein, zumindest im späteren Verlauf des Abends. Genau, wie Norman es vorausgesagt hatte. Baylee beschloss, sofort ins Bett zu gehen. Sie war so müde wie schon lange nicht mehr. Unter der Dusche seufzte sie wohlig. Erst dort fiel ihr ein, dass sie Joels Frau verpasst hatte. Das war mit ziemlicher Sicherheit besser so.

Als Baylee erwachte, lag Trixi neben ihr und schnarchte leise. Sie roch nach Alkohol, viel Alkohol. Wenn sie so weiter machte, würde es ein Donnerwetter mit Ted geben. Er hatte die Singers mit harter Hand geführt. Als junger Mann hatte er eine Offizierslaufbahn bei der Royal Navy absolviert. Die strenge Erziehung und Disziplin dort hatten ihn mehr geprägt als gut für ihn war.
   Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass es gerade mal sechs Uhr früh war. Na gut, dann stand sie eben auf. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass sie sich in den vergangenen Monaten je so ausgeschlafen gefühlt hatte. Vorsichtig, um Trixi nicht zu wecken, holte sie frische Unterwäsche, ein Top und Shorts aus dem Schrank. Im Bad zog sie sich an, erledigte ihre Morgentoilette, schlüpfte in ihre Stilettos und schlich sich aus dem Zimmer.
   Als sie die Treppe hinunterlief, begegnete sie der Wirtin, Ellen Mason.
   »Guten Morgen. Frühstücken Sie allein oder warten Sie auf die anderen?«
   »Darf ich schon um diese Zeit?«
   »Natürlich. Der Kaffee ist gleich durchgelaufen, oder möchten Sie lieber Tee?«
   »Kaffee klingt himmlisch.«
   »Suchen Sie sich einen Platz aus und bedienen Sie sich. Kaffee kommt sofort.«
   Das ließ sie sich nicht zweimal sagen. Es dauerte nicht lange, bis Ted die Stufen herunterkam. Doch an Frühstück war bei ihm erst zu denken, nachdem er sein morgendliches Lauftraining absolviert habe, erklärte er ihr und verließ das Haus. Baylee war froh, noch eine Weile ihre Ruhe zu haben. Sie schenkte sich eine zweite Tasse Kaffee nach und aß einen weiteren Bagel. Die waren hier ausgesprochen gut. Danach entschloss sie sich, einen weiteren St. Elwine Erkundungsgang zu machen. Suchte sie insgeheim bereits eine neue Bleibe und einen Job? Weil sie nun wusste, dass Joel hier lebte? Mhm, kein Kommentar, Baylee Scott. Sie frequentierte einen kleinen Supermarkt und betrat ihn in Ermangelung eines festen Zieles. Milch, Orangensaft, Obst, Frühstücksflocken und Honig wanderten in den Einkaufswagen. Außerdem Wurst und Käse. In der Backabteilung griff sie nach einem Baguette und zwei niedlichen Blaubeer-Muffins, die wunderbar aussahen. Nachdem sie bezahlt hatte, stapelte sie alles in eine Einkaufstüte und stöckelte hinaus. Plötzlich blieb sie mit dem Absatz im Abtreter hängen. Sie fühlte förmlich den Moment, als der Absatz brach, nachdem sie vergeblich einen ungeschickten Befreiungsversuch eingeleitet hatte. Der Stiletto ruckte, und sie stand mit dem rechten Fuß quasi eine Etage tiefer. Dadurch geriet sie ins Straucheln, wollte sich abfangen, wobei ihr die Einkaufstüte aus den Händen rutschte. Die Schachtel mit den Muffins, die obenauf gelegen hatte, schlug aufs Pflaster, klappte auseinander und das Gebäck kullerte geradewegs vor die Schnauze eines Havaneser-Yorkscher-irgendwas-Wischmop-Mix, der nur darauf gewartet zu haben schien.
   »Wag es nicht!«, rief sie aus, doch es war längst zu spät. Mit wahrem Heißhunger stürzte er sich auf die Leckerbissen.
   »Mistviech.«
   Immerhin wusste Baylee, wann eine Schlacht als verloren galt und kümmerte sich stattdessen darum, den Rest des Einkaufs zu retten. Stolpernd und hinkend stöckelte sie weiter, bis ihr und ihrem Becken der Gang zu anstrengend wurde. Sie steuerte die nächstgelegene Parkbank an, stellte ihre Tüte ab und zog sich die Riemchen über die Fersen. Barfuß laufen war ja neuerdings wieder angesagt. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie eine Bewegung und wandte den Kopf. Der freche Köter setzte sich nicht weit von ihr auf die Hinterbeine.
   »Mach bloß, dass du wegkommst.«
   Er legte den Kopf schief, an seiner Nase hing noch etwas von der lila Zuckercreme. Baylee verkniff sich ein Grinsen, als er versuchte, sie mit der Zunge zu entfernen.
   »Hoffentlich bleibt es ewig klebrig.«
   Wischmop-Mix wedelte mit dem Stummelschwanz.
   »Soll mich das etwa für dich einnehmen? Vergiss es. Da haben schon ganz andere mit dem Schwanz gewedelt.« Jetzt musste sie wirklich lachen, während ihre Gedanken zu Joel DeLuca wanderten. Sofort blieb ihr das Lachen in der Kehle stecken. »Gut, du hattest deinen Spaß. Satt bist du auch, also geh dahin, wo du hergekommen bist.«
   Mauzte er etwa?
   »Los, Abmarsch!« Sie griff nach ihrer Tüte und schob die Riemchen ihrer Sandaletten über den kleinen Finger. »Ich habe jetzt keine Zeit mehr«, brabbelte sie mehr zu sich selbst und ging weiter. Als sie die Straße überquert hatte und hinter sich ein Hupen vernahm, blickte sie über die Schulter. »Bist du verrückt geworden?«, rief sie dem Streuner auf vier Pfoten zu.
   Der sah sie an, als wäre er Super-Dog.
   »Läufst du mir etwa nach? Was soll das? Brauchst du deutlichere Worte? Hau ab! Aber lauf nicht gleich in das erstbeste Auto.« Bei dem Gedanken zuckte sie zusammen. »Ich hab’s nicht so gemeint. Tut mir leid.« Also wirklich, Baylee Scott, kriechst du hier vor einem Hund zu Kreuze? Sie hatte sie echt nicht mehr alle.
   Kopfschüttelnd setzte sie ihren Weg fort und begriff erst, als sie direkt vor dem Pfarrhaus stand, was ihr ihr Unterbewusstsein suggeriert hatte: Joel DeLucas Kühlschrank aufzufüllen. Was war denn heute mit ihr los? Möglicherweise bekam es ihr nicht, mehrere Stunden am Stück zu schlafen.
   Sie wunderte sich, dass die Haustür sperrangelweit offen stand. Baylee erklomm die drei Stufen. Sie hatte keine Hand frei, um anzuklopfen. »Hallo?« Aus dem Inneren drangen die Geräusche, die ein Staubsauger verursachte. Niemand würde ihren Ruf hören. Jetzt wurde es interessant. Wie erklärte sie seiner Frau, dass sie für ihn eingekauft hatte? Fieberhaft legte sie sich eine Geschichte von alter Freundin und Hilfsbereitschaft zurecht und vertraute darauf, die richtigen Worte im richtigen Moment zu finden. Als sie einen Schritt in das Haus tat, huschte ein schneeweißes Fellknäuel in rasendem Tempo an ihr vorbei. In derselben Sekunde verstummte der Staubsauger, dafür ertönte ein kampfbereites Fauchen, unterbrochen durch wildes Gekläffe, bis es in der Küche schepperte und anschließend klirrte. Was nur einen Schluss zuließ: Sämtliches Geschirr war gerade zu Bruch gegangen. Als sich eilige Schritte näherten, zog Baylee den Kopf ein.
   »Wer sind Sie, wenn ich fragen darf?«
   Sie hatte mit vielem gerechnet, aber nicht mit dieser Portion Altjüngferlichkeit. Das Alter der Frau ließ sich absolut nicht einschätzen, ihr Haar war hochgesteckt, der Blick streng, das Gesicht wirkte verkniffen. Sie war korrekt, aber altmodisch gekleidet und erwartete eine Antwort.
   »Baylee Scott. Guten Tag, ich möchte zu Joel.«
   Die Augenbrauen der Frau schossen in die Höhe. Dann ließ sie ihren gestochen scharfen Blick über Baylees lange nackte Beine schweifen, die knappen Shorts und das hautenge Top bis hin zu den großen Kreolen, die ihr von den Ohren baumelten. Baylee erntete bestenfalls Missbilligung.
   »Ist das Ihr Hund?« Die Frau deutete auf das weiße Fellknäuel, besser bekannt als Muffin-Dieb.
   »Nein.«

*

Joel erwachte, als es unter ihm einen gewaltigen Schlag gab. Handelte es sich etwa um ein Erdbeben? Er riss erschrocken die Augen auf und saß sofort kerzengerade im Bett. Dann sprang er auf die Füße, schlüpfte ungeschickt in seine Jeans und rannte los. Er war sich sicher, dass etwas passiert sein musste. Sein Blick traf auf den Wecker, herrje, er hatte verschlafen.
   Mehrere Stufen auf einmal nehmend, blieb er schließlich abrupt stehen, als sich ihm ein Ausmaß an Verwüstung an der Küchentür auftat. »Was zum Geier …«
   »Guten Morgen, Reverend DeLuca.«
   Die näselnde Stimme der gestrengen Haushälterin riss ihn aus seiner Starre. »Mrs. Higgins, guten Morgen.«
   »Eine … äh … D… Sie haben Besuch, Sir.« Damit wandte sie sich diskret ab. »Wenn Sie erlauben, kümmere ich mich um den Verbleib von Butterfly Kiss.«
   Wahrscheinlich sah er so dämlich aus der Wäsche, immerhin war er überstürzt aus dem Bett gesprungen, dass sie sich bemüßigt fühlte, »meine Katze« hinzuzufügen.
   »Natürlich.« Aus dem Garten drang Hundegekläff herein.
   Mrs. Higgins lief eilig nach draußen.
   »Ich wundere mich ernsthaft, dass ein Reverend wie du so unverfroren lügt.«
   Erst jetzt entdeckte er Baylee in der Diele.
   »Wie meinst du das?«
   »Von wegen, deine Frau ist noch unterwegs.«
   »Das hast du angenommen, ich habe nie von meiner Frau gesprochen«, verteidigte er sich.
   »Du wohnst mit diesem Hausdrachen zusammen? Die perfekte Mischung aus einem englischen Butler und Fräulein Rottenmeier. Du tust mir echt leid, Joel.«
   »Nein, sie ist nur die Haushälterin und wohnt ein paar Häuser weiter.«
   »Was heißt hier nur? Sind vor Gott, dem Herrn nicht alle Menschen gleich?«
   »Amüsierst du dich gern auf meine Kosten?«
   »Dann hast du also zusätzlich noch eine Frau?«
   Zusätzlich? »Es geht dich zwar nichts an, aber ich bin unverheiratet.«
   »Ist also doch was dran an dem Gerücht, dass ein Pfarrer mit der Haushälterin … du weißt schon.« Sie stieß ein glockenhelles Lachen aus. »Wenn du dich sehen könntest, Joel DeLuca. Tu nicht so entsetzt. Ich verrate es niemandem.«
   »Rede nicht solchen Unsinn.«
   »Du hast gesagt, du wohnst nicht allein hier, und das war glatt gelogen.« Baylee zog eine Schnute.
   »Nein, war es nicht.« Aber was er momentan als viel wichtiger erachtete: »Was ist in meiner Küche passiert?«
   »Der Hund ist durchgedreht, als er die Katze entdeckte. Der Rest lässt sich nur bruchstückhaft rekonstruieren.«
   »Sehr witzig.« Er blickte über seine Schulter auf die zerbrochenen Keramikkrüge, die normalerweise oben auf dem Küchenschrank standen. »Welcher Hund?«
   »Der, den du im Garten kläffen hörst.«
   Und zusätzlich zeterte Mrs. Higgins, er solle gefälligst still sein. »Wieso hast du einen Hund mitgebracht?«
   »Er ist mir zugelaufen.«
   »Weil du so vertrauenerweckend wirkst?«
   Offensichtlich schüchterte sein Blick sie ein, denn sie senkte den Kopf. »Ich weiß, dass du mir nie verzeihen kannst«, flüsterte sie.
   Das konnte er tatsächlich nicht. Seine Eingeweide zogen sich zusammen. »Warum bist du hier? Hatten wir nicht gestern alles geklärt?«
   »Alles?« Dabei hielt sie ihm eine Einkaufstüte entgegen.
   Automatisch schlang Joel den rechten Arm darum und hielt seine verletzte Hand weit ab von einem möglichen Zusammenstoß. Die schmerzende Hand konnte er schützen, eine Berührung mit den feinen Härchen auf Baylees Arm jedoch nicht verhindern. Sofort war er elektrisiert.
   Plötzlich neigte sie den Kopf zur Seite. In einer fließenden Bewegung näherte sie sich ihm, sodass ihr Mund fast seinen streifte. Er hielt bereits den Atem an, doch kurz davor änderte sie ihre Richtung. Er trat einen Schritt zurück.
   »Ist dir klar, dass du mit nacktem Oberkörper und offenem Hosenschlitz herumläufst, Reverend DeLuca?«, flüsterte sie dicht an seinem Ohr.
   Mist. Mrs. Higgins war das zweifellos auch aufgefallen. Er spürte, dass er rot wurde.
   »Wenn das mal kein böses Gerede am Sonntag in der Kirche gibt. Du glaubst nicht, wie schnell sich Dinge in der Gemeinde herumsprechen«, lästerte Baylee.
   Fein. Gerade nötigte ihm Baylee Scott ihre Einkaufstüte auf, indem sie sie ihm einfach in die unverletzte Hand drückte, sodass er seinen Hosenschlitz nicht schließen konnte. Dieses Biest.
   »Ist wirklich hübsch, der Blauton deiner Boxershorts. Du trägst doch Boxershorts, oder nicht?«, fragte sie vollkommen unverfroren.
   »Gehst du nicht ein bisschen zu weit?«
   »Meinst du? Ich kann noch mehr.«
   »Das wagst du nicht.« Seine Kehle wurde plötzlich trocken. Er erinnerte sich wieder, wie unberechenbar Baylee sein konnte.
   »Wetten, dass …?«
   Schon spürte er ihre Finger an seinem Reißverschluss. Sie zog ihn kurzerhand hoch.
   »So dürfte es gehen.« Sie klang geschäftsmäßig, als hätte sie eben einfach nur eine Kühlschranktür geschlossen und nicht seine Jeans.
   Er wurde steinhart und hielt die Luft an. Baylee ließ sein Gesicht nicht eine Sekunde aus den Augen und begriff sofort, was mit ihm los war. »Geh!«, schleuderte er ihr entgegen.
   »Seit wann bist du so ein Spießer? Magst du keinen Spaß mehr?« Sie schnalzte mit der Zunge, drehte sich um und verschwand.
   Seine Wangen standen immer noch in Flammen, aber wenigstens konnte er wieder durchatmen. In seinem Büro klingelte das Telefon. Er wollte die Einkaufstüte in der Küche abstellen, aber er trug keine Schuhe und verspürte nicht die geringste Lust, sich Scherben einzutreten. Also machte er kehrt und stapfte in sein Büro. Kurz bevor er den Schreibtisch erreichte, gab der Anrufer auf. Darum würde er sich später kümmern.
   »Er ist weg«, sagte Mrs. Higgins in seinem Rücken.
   »Wer?«
   »Dieser grässliche Hund. Butterfly war noch nicht bereit, den Baum zu verlassen. Immerhin beruhigt sie sich allmählich.«
   »Gut.«
   »Wie Sie wissen, lüfte ich morgens immer das Haus durch. Noch nie zuvor ist etwas Derartiges passiert. Ich entschuldige mich für die Unannehmlichkeiten, Reverend DeLuca. Das sollte hoffentlich nicht wieder vorkommen.«
   »Sie können ja nichts dafür.«
   Die Frau nickte knapp. »Ich würde es sehr begrüßen, wenn Sie sich korrekt kleiden, solange ich im Haus bin.« Und sonst auch. Ihr Ton ließ keinen Zweifel offen.
   Normalerweise saß er um diese Uhrzeit längst in seinem Büro. Die wenigen Male, in denen er der Haushälterin begegnete, konnte er an einer Hand abzählen. Er brauchte sie hier nicht, hatte von Anfang an klargestellt, dass er allein für sich sorgen könne. Seine Bitte war nicht auf offene Ohren gestoßen. Mrs. Higgins habe bereits den Haushalt seines Vorgängers zur vollen Zufriedenheit geführt. Auch ihre Mutter und Großmutter hatten diese Position im Pfarrhaus der Kirche von St. Elwine innegehabt. Alles andere wäre unvorstellbar, zumal Reverend DeLuca keine Ehefrau habe. Schluss, aus, Ende der Diskussion. So hatte sich Joel bei seinem Antrittsbesuch hier gefühlt, eine Klärung der Angelegenheit auf später verschoben, und dabei war es geblieben.
   »Im ersten Moment glaubte ich, es handelte sich um ein Erdbeben.« Immerhin hatte er eine Zeit lang in San Francisco verbracht und wusste, wovon er sprach. Er hatte unzählige kleinere Beben erlebt. Eine Erfahrung, auf die er gern verzichtet hätte. Jedoch im Vergleich zu einigen anderen waren diese Erlebnisse noch sein geringstes Problem.
   »Nicht doch. Es war dieser Hund, der Jagd auf meine arme Butterfly Kiss gemacht hat und die in ihrer Panik auf der Flucht die Krüge aus dem Regal stieß. Ich werde den Schaden natürlich ersetzen, Reverend DeLuca.«
   »Darum geht es doch nicht.«
   »Wie Sie meinen.« Sie räusperte sich und blickte ostentativ zu Boden.
   Ihm fiel wieder sein Aufzug ein. »Wenn Sie mich jetzt entschuldigen.«
   »Nur zu gern. Was ist denn mit Ihrer Hand passiert?«, rief sie ihm hinterher, als er sich umwandte.
   »Ich habe mich geschnitten.«
   »Oh … das wird … schwierig werden.«
   Mrs. Higgins war einige der wenigen, die wussten, dass er Linkshänder war. Zweifellos spielte sie auf die Verrichtungen sehr persönlicher Art an und machte ihm damit sofort klar, dass sie für derlei Hilfeleistungen in Bad und WC nicht zur Verfügung stand. Als wenn er das je in Erwägung gezogen hätte. »Wären Sie so nett, die Einkaufstüte in die Küche zu bringen?«
   Er erhielt keine Antwort, oder lag es daran, dass er bereits die Treppe hochstieg und sie deshalb überhörte? Es war das erste Mal, seit er hier lebte, dass er eine solche Bitte geäußert hatte. In der Regel ließ er Mrs. Higgins nach Gutdünken schalten und walten. In der Hoffnung, sie gebe eines Tages auf, weil er ihre Arbeit nicht genügend würdige. Bis jetzt schien sie ein dickes Fell zu haben.
   Er brauchte viel zu lange im Badezimmer, und das nervte ihn. Als er endlich korrekt gekleidet in Jeans und T-Shirt sein Büro betrat, war die Einkaufstüte verschwunden und ein Frühstückstablett stand auf seinem Schreibtisch.
   Eigentlich hatte er keine Zeit mehr, aber der Kaffee war Gold wert. Nachdem er gestern Abend vor lauter Schmerzen kaum in den Schlaf gekommen war und er sich seine verletzte Hand am liebsten sonst wo hin gesteckte hätte, war er gegen Morgen doch noch eingeschlafen. Er hätte damit rechnen sollen, dass Baylee Scott hier auftauchen würde. Die Wahrheit war, dass er es sich vorgestellt hatte, seit Normans Brief ihn erreicht hatte. Wie es wohl wäre, ihr und den Singers erneut gegenüberzustehen. Darauf, dass sie tatsächlich hier aufkreuzen würde, war er gestern Nachmittag nicht vorbereitet gewesen. Und auf eine Wiederholung am heutigen Morgen schon gar nicht.
   Sie schaffte es stets, dass in ihrer unmittelbaren Nähe die eine oder andere Katastrophe ausbrach. Gestern seine Hand, heute das Chaos in der Küche. Oder hinter dem Reißverschluss seiner Jeans. Sie war unverfroren. Nur, weil sie beide früher hin und wieder Sex gehabt hatten, hieß das nicht …
   Schluss, er wollte nicht an früher oder an Sex denken. Beides vertrug er nicht. Er war kein Sänger mit Hippie-Idealen mehr, sondern ein Reverend. Er leitete eine Kirchengemeinde. Jedenfalls sollte er das eigentlich. Doch der ganze Papierkram kostete viel Zeit. Statt einer Haushälterin brauchte er eine Büroangestellte, die sämtliche Vorgänge koordinierte. Als er anfangs Mrs. Higgins davon erzählte, machte sie deutlich, welche Aufgaben sie zu erfüllen hatte. Nicht mehr und nicht weniger. Terminabsprachen und dergleichen gehörten nicht zu ihren Prioritäten. Joel seufzte und griff zum Telefon, um den Anrufer von vorhin zurückzurufen.
   Gegen zwei klopfte Mrs. Higgins an seine Tür, was sie üblicherweise nicht tat.
   »Bitte?«
   »In der Küche herrscht wieder Ordnung. Dort steht Ihr Mittagessen bereit. Sie sollten sich beeilen, bevor es kalt wird.«
   »Es ist so viel zu tun, ich verschiebe …«
   »Reverend DeLuca, es geht mich natürlich nichts an, aber Sie lassen häufig Mahlzeiten aus. Das ist nicht gesund. Sie brauchen Ihre Kraft für den Einsatz in dieser Gemeinde. Derzeit ist es wohl besser, wenn ich Ihnen den Teller fülle.« Sie wies auf seine Hand.
   Daran hatte er nicht gedacht, es stimmte. Also ging er gehorsam in die Küche und bedankte sich für die Aufmerksamkeit. Die Mahlzeiten würden sich schwierig gestalten, genau wie die Toilettengänge und alles nur, weil Baylee Scott aufgetaucht war.
   Abends schwirrte ihm der Kopf. Dafür hatte er sich Gedanken für den nächsten Gemeindebrief gemacht, ein erstes Telefonat zwecks einer bevorstehenden Taufe geführt, die Termine für den Religionsunterricht und Seniorennachmittage koordiniert und Rechnungsbeträge für Kerzenlieferungen, Hostien und Wein überwiesen. Der Gottesdienst-Plan für den kommenden Monat stand, und der Bericht an die Diözese ebenfalls. Joel beschloss, am Strand spazieren zu gehen, um abzuschalten.
   Am neuen Hafen war auch um diese Uhrzeit noch viel los, am alten Hafen sah das anders aus. Er stapfte weiter mit den Füßen im Wasser. Der Schmerz in seiner Hand hatte nachgelassen. Oder es lag daran, dass er sich reichlich an den Schmerztabletten bedient hatte? Von Weitem beobachtete er in Hafennähe eine Gruppe Erwachsener, die mit einer Frisbee-Scheibe spielten und ganz offensichtlich Spaß hatten. Ihr Gelächter drang zu ihm herüber. Als er weiterging, bemerkte er, dass es sich nicht um Jugendliche handelte, wie er zunächst angenommen hatte. Er selbst hatte früher viel Zeit am Strand mit Frisbee verbracht. Wie unbeschwert und fröhlich er damals stets gewesen war.
   Im selben Moment segelte die schwarze Kunststoffscheibe auf ihn zu. Er hätte sie mühelos aufgefangen, wenn seine Hand nicht verletzt gewesen wäre. So musste er sie vorüberziehen lassen und trat einen Schritt rückwärts.
   »Joel? Bist du das?«
   Er erstarrte, als er die Stimme erkannte. Alessandro. Sofort kombinierte er, wo Alessandro auftauchte, da waren auch die anderen. Er hatte richtig vermutet und war dumm genug gewesen, mitten in die Höhle des Löwen zu tappen. Die Singers hatten ihn längst umringt, einige mit lächelnden Gesichtern, andere musterten ihn gespannt.
   »Schön, dass du gekommen bist«, hörte er jemanden von ihnen sagen.
   Er sollte erklären, dass dieses Zusammentreffen lediglich ein dummer Zufall war, doch die Freude in den Gesichtern der anderen hatte zur Folge, dass er es sich anders überlegte.
   »Hallo.« Dieses eine Wort von ihm genügte, und der Damm war gebrochen? Es fühlte sich seltsam an, halb vertraut, halb fremd. Sie klopften ihm auf die Schulter, stellten die üblichen Fragen: Wie geht es dir? Was hast du in all den Jahren gemacht? Singst du noch gern? Alles strömte gleichzeitig auf ihn ein.
   »Wollen wir jetzt quatschen oder weiterspielen?« Baylee Scott stand am weitesten entfernt und war dennoch vorlaut wie immer. Sie trug abgeschnittene Jeans und ein knapp sitzendes Bikini-Oberteil. Der Anblick wirkte auf ihn wie ein Verkehrsunfall: Joel wollte nicht hinsehen und tat es dennoch.
   »Du bleibst doch, Joel?«
   »Äh …«
   »Gut. Dann spielen wir weiter. Komm und mach mit.«
   Er hielt die Hand hoch und demonstrierte seine momentane Unfähigkeit. »Ich bin leider etwas lädiert.«
   »Wann ist das denn passiert, du Ärmster?«, wollte Heide wissen.
   »Gestern Abend.«
   Alle sahen erst ihn, dann Baylee an, hakten aber nicht weiter nach. Er wünschte, er hätte die Frage vage beantwortet. Wie sollte er denn wissen, dass Baylee den Singers nicht alles, was ihn betraf, haarklein berichtet hatte?
   In Ermangelung einer besseren Idee setzte sich Joel in den weichen, warmen Sand.
   Als die Frisbee-Scheibe geworfen wurde, hechtete ein Fellbündel, das aus Baylees Richtung schoss, los.
   »Jemand sollte verhindern, dass der kleine Kläffer unser Spiel durcheinanderbringt.« Ted Brunner griff durch und versuchte, der Leine habhaft zu werden. Es gelang ihm erst beim vierten Versuch. Vor allem deshalb, weil der Hund annahm, dass es sich hier um ein Extraspiel handelte.
   Ohne weitere Erklärung drückte Ted Joel die Leine in die Hand. Als die Frisbee-Scheibe erneut durch die Luft segelte, schien der Hund nicht erfreut, ohne Angabe von Gründen disqualifiziert worden zu sein. Er flitzte hin und her, sprang auf und nieder oder rannte im Kreis herum, da Joel die Leine nicht losließ.
   »Hey Kumpel, beruhige dich. Vergiss nicht, wir beide haben noch eine Rechnung offen. Du bist ja schlimmer als eine Tüte Mücken.«
   Der Hund blieb unbeeindruckt von seinen Worten. Dabei bildete sich Joel eine Menge auf seine Predigerqualitäten ein. »Hat der Hund auch einen Namen? Auf Kumpel reagiert er nicht«, rief er aus.
   »Er ist eine sie«, antwortete Baylee.
   »Kein Wunder, dass das Tier nicht hören will.«
   »Reverend DeLuca spricht mit so spitzer Zunge? Ist das erlaubt?«
   Die anderen brachen in Gelächter aus. »Sie heißt Muffin«, erklärte Alessandro lächelnd. »Heute Morgen spazierte unsere Baylee mit ihr herein und meinte, der Hund sei ihr zugelaufen. Im Mason’s sind Haustiere nicht erlaubt. Das ist der eigentliche Grund, warum wir hier am Strand den Abend verbringen. Wir suchen nach einer Lösung, was Muffin betrifft.
   »Das sehe ich.«
   »Unsere Art der Problemlösung unterscheidet sich höchstwahrscheinlich von deiner. Du kannst dich ja auf Gottes Hilfe berufen«, sagte Baylee schnippisch.
   Sie war eindeutig noch sauer auf ihn, weil er sie heute Morgen weggeschickt hatte, nachdem sie ihm etwas zum Frühstück gebracht hatte, wie er erst später begriff. Vor den anderen wollte er diese Diskussion nicht weiterführen. Nach und nach setzten sich seine ehemaligen Bandkollegen zu ihm in den Sand.
   Joel erfuhr, dass Alessandro als Animateur einer Ferienanlage arbeitete, Babs Plöner in Deutschland ein Kindertheater gegründet hatte, Heide zum Chor eines Theaters in Österreich, ihrer Heimat, gehörte. Kim und Ted arbeiteten als Produzenten, jedoch nicht mehr gemeinsam, Mike komponierte Songs, Leroy gab Musikunterricht, Trixi hatte nach dem Aus der Brunner Singers als Frontfrau einer Popband gesungen und trat immer noch mit deren Songs auf, und Martin sang und synchronisierte Zeichentrickfilme ein.
   Sie alle wussten nicht, dass er jahrelang Nachforschungen über sie angestellt hatte. Und das war auch gut so.
   Baylee äußerte sich nicht zu ihrer Arbeit. Über sie hatte er tatsächlich nichts herausgefunden. Nirgends war ihr Name aufgetaucht. Ihm gegenüber hatte sie ja bereits eingestanden, sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten. Waren sie beide tatsächlich die Einzigen, die sich hauptberuflich nicht mehr mit der Musik befassten?
   »Und dich hat es hierher verschlagen nach St. Elwine? Lebst du schon lange an diesem Ort?«, interessierte sich Alessandro.
   »Erst seit ein paar Monaten.«
   »Und vorher?«

*

;Baylee spitzte die Ohren. Diese Frage beschäftigte sie auch. Nachdem sie die Singers verlassen hatte, hatte sie lange versucht, Kontakt zu Joel DeLuca aufzunehmen, doch er war wie vom Erdboden verschluckt gewesen. Sie hatte ihn um Verzeihung bitten, ihm alles erklären wollen, doch nichts davon war passiert. Schließlich begriff sie eines Tages, dass Joel nicht gefunden werden wollte. Somit trug sie die Bürde noch immer mit sich herum. Doch da war noch mehr, was sie ihm hatte sagen wollen.
   Jetzt saß er da einfach so im Sand, als hätte es die Jahre dazwischen nie gegeben. Sonnengebräunt, in Achselshirt und knielanger Freizeithose und sah verboten sexy aus. Wie konnte so jemand ein Mann der Kirche sein? Die reinste Verschwendung.
   »Du hast wohl vergessen, dass ich schon damals deine Gedanken lesen konnte«, flüsterte Trixi dicht an ihrem Ohr. »Das liegt daran, dass meine Großmutter das zweite Gesicht hat und sie mir einen Teil ihrer Fähigkeiten vererbt hat.«
   »Wie kannst du an solchen Unsinn glauben?«, ereiferte sich Baylee.
   Trixi schüttelte milde lächelnd den Kopf. »Du möchtest Joel mit Haut und Haar verschlingen.«
   Keine Frage, eine Feststellung. Sie musste gar nichts beantworten. »Sei ein Mal realistisch, Trixi«, wies sie ihre Freundin zurecht.
   »Oho.«
   »Was siehst du, wenn du unseren Reverend betrachtest?«
   »Er ist ein schöner Mann. Solche sollte es nicht geben, sie verwirren uns nur«, gab Trixi zu.
   »Na bitte.«
   »Das nennst du also realistisch?«
   »Natürlich. Denn dies ist keine subjektive Einschätzung. Die meisten Menschen finden einen anderen mit dem Herzen schön. Du verstehst, was ich meine?«
   »Ich denke, schon«, antwortete Trixi. »Menschen, die nicht wirklich schön nach äußeren Merkmalen sind, sind es doch, wenn wir sie lieben.«
   »Exakt.«
   »Bei unserem Reverend ist das nicht so.«
   »Endlich hast du es kapiert. Jeder, wirklich jeder findet ihn schön. Und weißt du, woran das liegt?«, fragte Baylee knapp.
   Trixi nickte. »Weil es schlicht die Wahrheit ist. Weil Joel schön ist und Punkt. Allein diese Augen und der Mund.«
   »Ganz genau.«
   »Okay, du hast recht.«
   »Danke. Es hat also nichts mit mir zu tun. Ich schwärme nicht für DeLuca. Ich sehe nur, was ich sehe, und das ist atemberaubende Schönheit. Man möchte ihn einfach immer ansehen«, zog Baylee ihr Fazit.
   »Mhm, mhm.«
   Diese Silben wollte Baylee besser nicht kommentieren. Sie boten zu viel Spielraum … für Spekulationen. Dazu bestand kein Grund. Sie sah einfach nur, was sie sah, und damit basta.
   »Also hat Gott sich ein Schnuckelchen in seine Dienste geholt.« Trixi zog trocken ihr eigenes Fazit.
   Jetzt bediente sich Baylee der Silben ihrer Freundin. »Mhm, mhm.«
   »Du kennst aber schon den Unterschied zwischen einem protestantischen und einem katholischen Priester, oder?« Trixi grinste breit.
   »Spielst du auf das Zölibat an? Ernsthaft?«
   »Jetzt tu mal nicht so. Warum hältst du es sonst für eine Verschwendung, dass Joel in den Dienst der Kirche getreten ist?«
   Dass Trixi genau wusste, was sie dachte, machte ihr tatsächlich ein bisschen Angst. Ihre Freundin stammte aus Jamaika, wo ihre Großmutter jahrelang Voodoo-Messen abgehalten hatte. In Baylees pragmatischer Welt gab es für diesen Hokuspokus keinen Platz.
   »Mir ist natürlich bewusst, dass er keineswegs im Zölibat lebt.«
   »Worauf wartest du dann noch, Baylee Scott?«
   »Ich war mal hier und mal dort«, sagte Joel gerade nach langem Zögern.
   »Geht es vielleicht etwas genauer?« Alessandro wollte offenbar nicht lockerlassen.
   »Ach, das interessiert doch keinen.« Joel winkte ab.
   Mich schon, dachte Baylee.
   Babs zog die Kühltasche heran und reichte jedem ein Bier. »Prost, so jung kommen wir nicht wieder zusammen. Auf uns, die Musik und die Liebe.«
   Baylee beobachtete, wie sich Joels Gesicht für eine Nanosekunde verfinsterte. Dann öffnete Alessandro ihre Flaschen, und Joel setzte seine an. Beim Schlucken bewegte sich sein Adamsapfel rauf und runter. Sehr männlich, sehr sexy. Sie kam leider nicht an diesem Wort vorbei, und in ihrem Höschen herrschte plötzlich hitzefrei.
   »Du lässt uns doch nicht hängen, wie Baylee uns weismachen wollte?«, wandte sich Alessandro an Joel.
   Da hörte doch alles auf. Sie hatte nichts dergleichen gesagt. Wie sollte sie auch? Apropos hängen. Nichts da. Sie hatte einfach nur seinen Reißverschluss geschlossen, und er war abgegangen wie eine Rakete. Baylee hatte absichtlich nicht eines seiner Körperteile berührt, sondern nur den Zipper bewegt, mit langen Fingern in einer raschen Bewegung, mehr nicht. Stand unser Reverend so dermaßen unter Strom? Sie würde sich allzu gern einbilden, seine heftige Reaktion läge an ihr. Es gab jedoch keine Beweise. Nur das Indiz als solches. Was sie mit dieser Tatsache anfangen sollte, war ihr noch nicht klar. Das machte nichts, es würde spannend werden. Sie brauchte nichts tun, außer abzuwarten. Das hatte bisher schließlich gut funktioniert. Amen. Sie musste grinsen. Dabei bemerkte sie, dass Joels Blick auf ihr ruhte. Es sah tatsächlich danach aus, als wäre ihm klar, dass sie gerade an seinen Ständer von heute Morgen dachte.
   Hastig nahm er einen Schluck Bier und verschluckte sich.
   Als es ihm gelang, endlich mit dem Husten aufzuhören, senkte er den Kopf. »Die Sache ist die.« Er sah wieder hoch. »Ich habe schlichtweg keine Zeit, wisst ihr.«
   »Dann bete doch eine Stunde weniger am Tag.« Sie konnte sich das nicht verkneifen, obwohl sie wusste, wie kindisch es klang.
   Joel hatte daraufhin nur ein müdes Lächeln für sie übrig. Es fühlte sich für sie an, als tadelte er sie. Mistkerl.
   Wer war denn schuld an ihrem Dilemma? Faselten die Priester nicht immer von Vergebung? Warum gab Joel ihr dann nicht endlich die Gelegenheit, ihn um Verzeihung zu bitten, dieser Bastard? Wollte er sie quälen?
   »Ich habe mich noch immer nicht richtig eingearbeitet in diesen Job als Gemeindepfarrer in St. Elwine. Das macht es mir unmöglich, an euren Proben teilzunehmen.«
   »Wo genau hakt es denn? Vielleicht kann dir jemand helfen oder einen Teil der Arbeit abnehmen«, sagte Kim.
   »Das ist lieb gemeint, danke.«
   »Bist du sicher, dass sich nichts delegieren lässt? Natürlich keine Taufen, Eheschließungen oder Beerdigungen.«
   Plötzlich herrschte Stille. Keiner sagte mehr ein Wort, als Martin seinen Fauxpas begriff.
   Sunflower war nie beerdigt worden, begriff Baylee in diesem Augenblick. Sunflower war einfach fort. Als könnte sich eine Vierjährige in Luft auflösen.

*

Joel blickte in die betretenen Gesichter eines jeden Einzelnen von ihnen. Martin war anzusehen, dass er sich am liebsten auf die Zunge gebissen hätte. Tut mir leid, stand in seinen Augen. Joel nickte ihm schwach zu. Es gab nichts zu sagen.
   Baylee fasste sich als Erste und beschäftigte sich auffallend ausgiebig mit dem Hund, als ginge ihr das alles am Arsch vorbei. Natürlich war ihr das Schicksal seiner Tochter nicht egal, aber sie war offenbar der Meinung, dass er es nach so langer Zeit endlich gut sein lassen sollte. Stattdessen könnte er ein bisschen Spaß haben mit ihr.
   Das war jedoch ausgeschlossen. Er räusperte sich, um das Kratzen in seinem Hals zu ersticken. »Der leidige Papierkram, wisst ihr …«, sagte er schließlich. Um die anderen aus der Situation zu erlösen? Warum eigentlich? Wer erlöste denn ihn?
   Gib mir Kraft, Gott, dass ich hier und jetzt Haltung bewahre.
   »Dieses Problem muss doch in den Griff zu bekommen sein.« Martin griff nach seinem Rettungsanker. »Wer von euch kennt sich mit Büroarbeit aus?«
   »Wusstet ihr nicht, dass die liebe Baylee ein Allround-Talent ist?«
   Sie nahm sich selbst auf die Schippe, das war neu. Zu ihren zahlreichen Jobs der letzten Jahre gehörte wahrscheinlich auch Schreibtischarbeit. Er hoffte, dass sie damit nicht meinte, ihren Chef auf dem Schreibtisch zu vernaschen. Was blieb ihm jetzt anderes übrig, als halbwegs interessiert »Ach ja?« zu fragen.
   Das machte sie doch mit Absicht. Wie konnte jemand nur so manipulativ sein?
   »Willst du behaupten, dass du in der Lage bist, die Prioritäten in einem Büro zu erkennen und selbstständig zu agieren?« Ted wollte es genauer wissen und wandte sich daher direkt an Baylee.
   »Ich behaupte gar nichts. Ich. Weiß. Es.«
   Das war unmissverständlich, und Joel ahnte, was kommen würde.
   »Na wunderbar.« Ted kehrte den Boss raus. »Ab sofort arbeitest du für den Reverend, und im Gegenzug ist Joel beim Revival-Konzert dabei.«
   Nein.
   »Die Proben können wir gern auf eine für euch passende Zeit legen. Wie ihre Arbeit vergütet wird, klärt ihr beiden untereinander.«
   Baylees Gesicht war anzusehen, als wüsste sie bereits wie – mit Sex.
   Lieber Gott, steh mir bei.
   »Noch Fragen?« Teds Blick sagte unmissverständlich: Widerrede war keine Option.
   Na großartig.
   Du wolltest doch jemanden für die Büroarbeit haben, hörte er Gott in seinem Geiste sagen.
   Nicht sie.
   »Ich habe eine Bedingung«, hob Baylee an.
   Das wurde ja immer schöner.
   »Raus damit«, forderte Ted sie auf.
   Wieso eigentlich Ted? Er war doch wohl derjenige, um den es ging und der letztlich ihre Bedingung, was immer das auch sein sollte, zu erfüllen hatte.
   »Nur damit du von vornherein Bescheid weißt: Sex scheidet aus.« Herr im Himmel, hatte er das wirklich laut ausgesprochen?
   Die anderen brachen in Gelächter aus, als schienen sie zu glauben, er machte nur Spaß.
   Baylee wusste es natürlich besser. »Danke, dass du das gleich klarstellst. Ich bin erstaunt, dass du Sex mit mir ungefähr eine Sekunde lang in Erwägung gezogen hast.«
   Habe ich nicht.
   »Eine Frau in meinem Alter freut sich darüber natürlich.«
   Er kam sich richtig blöd dabei vor. Besonders weil die weiblichen Mitglieder der Singers breit grinsten.
   »Mir geht es allerdings um etwas anderes. Um die Zeit effizient zu nutzen …«
   Hatte sie wirklich effizient gesagt?
   »… und weil die kleine Muffin mich offensichtlich als ihr neues Frauchen auserkoren hat, ehrlich, mir ist schleierhaft wieso …«
   Mir auch.
   »… wäre es praktischer für mich, wenn ich im Pfarrhaus wohnte.«
   Spätestens jetzt hätte er seine Flip-Flops verloren, wenn er die Dinger nicht längst abgestreift hätte, um mit den Füßen im warmen Sand zu bohren.
   »Das nennst du praktisch?«, wandte sich Trixi an ihre Freundin.
   »Wieso nicht?«
   Aus dieser Nummer kam er nicht wieder raus. Der Abend mit den Singers endete, indem er mit ihnen zum Mason’s lief, um Baylees Rollkoffer abzuholen. Er wollte sich dessen Inhalt, all die knappen Fummel, gar nicht vorstellen, und er machte auch keine Anstalten, den Koffer zu nehmen. Schließlich hatte er den Hund an der Backe, dessen Leine sie ihm in die Hand gedrückt hatte, um in die Pension zu stöckeln. Sie hatte mit Freunden den Abend am Strand verbracht, warum trug sie dann keine bequemen Latschen wie jeder halbwegs normale Mensch?
   Baylee zockelte den Koffer hinter sich her. Offenbar hatte sie Erfahrung damit, denn er eierte kein bisschen.
   »Das Ganze ist eine Schnapsidee«, unterbrach er schließlich ihr Schweigen, als sie gemeinsam Richtung Pfarrhaus gingen.
   »Möglich.«
   Was? Das war alles an Kommentar von ihr? »Weshalb musstest du dich so hervortun?«
   »Darf ich dich daran erinnern, dass du mit deiner angeblichen Überarbeitung angefangen hast?«
   »Das sollte eine Ausrede sein.«
   »Und schon sind wir wieder bei der Ehrlichkeit. Welches Gebot ist es eigentlich, dieses: Du sollst nicht lügen?«
   »Ich habe nicht gelogen.«
   »Dir steht der Papierkram wirklich bis zum Hals?«
   »Ja«, gab er schließlich zu.
   »Na, dann ist doch alles in bester Ordnung. Was regst du dich also auf?«
   Er sah keinen Sinn darin, die Frage zu beantworten. »Aber du darfst die Wahrheit nach Gutdünken auslegen oder wie?«, konterte er stattdessen.
   »Die zehn Gebote sind für mich ja nicht verpflichtend.«
   »Das sollten sie aber.«
   »Hahahaha. Nur fürs Protokoll: Ich habe ebenfalls nicht gelogen.«
   »Das werden wir ja sehen.«
   »Ich freue mich schon darauf.«
   Als er aufstöhnte, stieß sie ein Lachen aus.
   »Ich weiß nicht, wie ich Mrs. Higgins die Sache mit dem Hund beibringen soll«, murrte er.
   »Was soll daran so schwierig sein? Wenn es stimmt, was du behauptet hast, wohnt sie nicht bei dir. Also hat sie auch kein Mitspracherecht.«
   »Ganz so einfach ist das nicht.«
   »Muss ich mich wundern, warum du dir so etwas gefallen lässt? Hast du eine Beziehung mit diesem Trockenobst?«
   »Du solltest nicht so abfällig über andere Menschen reden. Schon gar nicht, wenn du sie nicht kennst.«
   »Was ich mitbekommen habe, reicht mir vollkommen.«
   Ihre Oberflächlichkeit hatte ihn damals schon gestört, doch da war sie immerhin noch blutjung gewesen. »Es geht um die Katze, Butterfly Kiss, du hast sie ja kennengelernt.«
   »Das Viech heißt ernsthaft Butterfly Kiss?«
   »Yep.«
   »Hast du ihr diesen Namen gegeben?«
   »Das fragt ausgerechnet jemand, der seinen Hund Muffin nennt.«
   »Hündin.«
   »Ja klar, da passt ja Muffin dann auch so viel besser.«
   »Was stimmt mit der Katze nicht?«
   »Du hast es doch mitbekommen. Offenbar mag sie keine Hunde oder Hündinnen.«
   »Sieh es mir nach, aber ich verstehe echt nicht, warum sie Butterfly Kiss mit zur Arbeit nimmt.«
   »Na ja, das tut sie nicht. Sie wohnt bei mir.«
   »Also doch.«
   »Ich meine die Katze.« Er bemühte sich um Geduld.
   »Hä?«
   »Sie ist meine Mitbewohnerin, die Katze. Abends ist sie noch lange unterwegs, sie streift durch den Pfarrgarten. Ich habe die Wahrheit gesagt.«
   »Mir aber verschwiegen, dass es sich keineswegs um einen Menschen handelt.«
   »Na und?«
   »Das kommt so gut wie einer Lüge gleich.«
   »Du spinnst ja.«
   »Warum lässt sie die Katze, die sie offensichtlich vergöttert, bei dir wohnen? Doch nicht etwa, weil du einsam bist.«
   »Das ändert sich ja gerade schlagartig.«
   »Nicht wahr?« Sie lächelte ihn zuckersüß an.
   Joel atmete tief durch und biss sich vorsichtshalber auf die Zunge.
   »Bittest du gerade Gott um Beistand?«, fragte sie frech.
   »Könnte man so sagen.«
   Sie lachte, wies ihn dann aber darauf hin, dass er ihre Frage noch nicht beantwortet hatte.
   »Es liegt an Mr. Higgins.«
   »Ach? Es gibt einen?«
   »Warum denn nicht?«
   Baylee winkte ab. »Lass mich raten, der gute Mann kann Katzen nicht leiden.«
   »Du siehst die Welt gern schwarz oder weiß, was?«
   »Gottes Diener ist auch ein Moralapostel. Muss wohl so sein.«
   »Könntest du mit deinen ständigen Seitenhieben aufhören?«
   »Wie heißt das Zauberwort, Reverend DeLuca?«
   »Bitte.«
   »Als Erwachsener redet man in ganzen Sätzen.«
   »Ich weiß echt nicht, warum ich zugestimmt habe, dass du bei mir einziehst.«
   »Weil du ein gutes Herz hast?«
   »Weil ich jemanden für die Drecksarbeit brauche.«
   Baylee blieb abrupt stehen. Seine Worte hatten sie verletzt, auch wenn sie versuchte, darüber hinwegzuspielen, indem sie an ihrem Ohrring herumfummelte.
   Früher hätte er sie an dieser Stelle einfach stehen gelassen. Stimmt nicht, früher hätte er solche gemeinen Dinge gar nicht erst ausgesprochen. Er durfte sich nicht zu einem solchen Verhalten hinreißen lassen. »Entschuldige.«
   Sie nickte zaghaft. »Ich versuche, das mit den Seitenhieben in den Griff zu kriegen.«
   »Danke. Mr. Higgins hat jahrelang Katzen gezüchtet, und als es ihm aus heiterem Himmel immer schlechter ging, diagnostizierten die Ärzte eine Allergie gegen Katzenhaar.«
   »Ach? Was es nicht alles gibt. Also hast du vorgeschlagen, Butterfly Kiss zu deiner Mitbewohnerin zu machen.«
   »Nein, das war mein Vorgänger. Die Situation bestand bereits, als ich die Stelle annahm. Daran ließ sich nicht rütteln.«
   »Wolltest du das?«
   Er zuckte mit den Schultern. »Es war mir egal. Die Katze störte mich nicht. Ich bemerke sie kaum. Tagsüber sucht sie sich ein warmes Plätzchen und pennt, und nachts streift sie herum. Um Fütterung, Fellpflege und den ganzen Kram kümmert sich Mrs. Higgins.«
   »Dann war das heute Morgen eine Art Kampf um das Revier zwischen Butterfly Kiss und Muffin.«
   »Darauf würde ich tippen.«
   Baylee stieß einen Laut aus. »Das könnte heiter werden.«
   »Wie stehen die Chancen, dass sich der eigentliche Besitzer deiner Hündin anfindet?«
   »Sieh sie dir mal genauer an, gepflegt ist anders. Und so, wie sie sich auf deine Muffins gestürzt hat, muss sie halb verhungert gewesen sein.«
   »Sie hat hoffentlich keine Flöhe.« Sofort begann es auf seinen Armen zu jucken. Er schüttelte sich. »Wieso eigentlich meine Muffins?«
   »Ich dachte, ich bringe dir was zum Frühstück, weil dein Kühlschrank gestern Abend …«
   Demnach hatte er richtig vermutet. »Das brauchst du nicht, Mrs. Higgins …«
   »Besonders gut nimmt sie ihre Aufgabe nicht wahr«, fuhr Baylee ihm in den Satz.
   »Ich kann mich nicht beklagen. Ihr Mann hatte einen Asthma-Schub, und daher musste sie umdisponieren.«
   »Aha.«
   »Aber danke für die nette Absicht.«
   »Gern geschehen. Für dich doch immer.«
   Joel stolperte beinahe über die erste der drei Holzstufen vor dem Pfarrhaus. Wie hatte sie das gemeint? Für dich doch immer. Von jetzt an galt es, auf der Hut zu sein, bevor …
   Er verbot sich, weiterzudenken. »Oben sind noch drei Zimmer frei, die ich nicht benutze. Such dir eines aus. Bettwäsche findest du im Wandschrank auf dem Gang oben. Ich kann dir leider nicht behilflich sein.« Er deutete auf seine Hand. Dann bemerkte er, wie sich Baylee abmühte, ihren Koffer nach oben zu schleppen. »Gib schon her.«
   »Musst du nicht.«
   »Ich habe gesagt, gib her.«
   Sie stieß die Luft aus und zog ihre Hände vom Gepäckstück. Joel ging voran, und sie folgte ihm. Er spürte unangenehm ihren Blick, der sich in seinen Hintern bohrte.
   »Hast du schon zu Abend gegessen?«, fragte er, um sich abzulenken.
   »Ein paar Cracker, und du?«
   »Dasselbe, nur ohne Cracker.«
   »Hach, ich befürchtete schon, du hättest deinen Humor verloren.« Sie klang erheitert. Oben angelangt stöckelte Baylee an ihm vorbei, um ihr Zimmer in Augenschein zu nehmen.
   »Sei unbesorgt«, versicherte er ihr.
   »Gut, denn ich kann humorlose Männer nicht leiden.«
   »Ich dachte immer, du kannst alle Männer leiden.«
   Sie ging nicht darauf ein, steuerte stattdessen geradewegs die Tür zu seinem Schlafzimmer an. »Das nicht!«, rief er hastig aus.
   »Verstanden, Reverend DeLuca. Dann nehme ich den Raum direkt daneben.«
   Damit er sich nachts im Bett ausmalte, dass sie dicht bei ihm lag, sozusagen griffbereit? Biest. »Da befindet sich das Badezimmer.«
   »Glück gehabt, mein Lieber.«
   Das sah er auch so. »Darf ich einen Vorschlag machen?«
   »Nur zu, dies ist immerhin dein Haus.«
   Er öffnete die Tür schräg gegenüber zu seinem Schlafzimmer. Dort befand sich ein Gästezimmer, oder vielleicht war es einst auch das Elternschlafzimmer der Familie seines Vorgängers gewesen, mit einem eigenen Bad.
   »Oh, das ist ja wirklich hübsch hier. Führt der Blick in den Garten?«
   Er nickte. »Morgen, wenn es hell ist, wird es dir noch besser gefallen. Die Aussicht ist wunderschön.«
   »Dann muss ich nicht mit dem abgelegenen Turmzimmer vorliebnehmen, das für den Hausdrachen reserviert ist. Fein.«
   »Hier gibt es kein Turmzimmer.«
   »Das war auch nur ein Scherz. Dein Humor ist doch ein bisschen eingerostet, will mir scheinen.«
   »Ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste.«
   »Mach dir nichts draus, das geht allen Menschen so. Immerhin siehst du noch fa…«
   Er fand, es war eine gute Idee von ihr, mitten im Satz abzubrechen, bevor es peinlich wurde.
   Joel floh in die Küche. Mrs. Higgins hatte sein Abendessen auf ein abgedecktes Tablett gestellt. Es war nett, dass sie sein momentanes Handicap bedachte. Ein Blick in den Kühlschrank sagte ihm, dass die Haushälterin eingekauft hatte. Baylee konnte sich also bedienen. Wie auf ein Kommando hin ertönte ein lauter Rumms. War ihr riesiger Koffer umgefallen?
   »Alles in Ordnung?«, rief er nach oben, erhielt allerdings keine Antwort.
   Joel beschloss, draußen auf der rückwärtigen Veranda zu Abend zu essen. Er saß gern dort, wenn sich der Tag verabschiedete. Dann lauschte er dem Zwitschern der Vögel, die ab einem bestimmten Zeitpunkt abrupt verstummten, als gingen sie zu Bett.
   Als er die Kerzen mit dem Stabfeuerzeug anzündete, erschien Baylee. »Das Zimmer ist wirklich sehr schön. Danke, dass ich hier wohnen darf. Wer hat den Quilt auf meinem Bett genäht?«
   Das entzog sich Joels Kenntnis, er wusste lediglich, dass es eine sehr aktive Quiltgruppe in St. Elwine gab. Soweit er wusste, könnten all die Quilts hier im Pfarrhaus schon recht alt sein. Bei einigen von ihnen waren die Stoffe bereits leicht verblasst. »Du interessierst dich für Quilts?«
   »Ich interessiere mich für vieles. Je älter ich werde, desto mehr begreife ich, wie wenig ich von der Welt weiß.«
   »Weise Worte.«
   »Die du mir nicht zugetraut hättest.«
   Stimmt. »Es ist dir doch recht, wenn wir uns hier draußen hinsetzen?«
   »Sehr gern.« Baylee ging nochmals zurück in die Küche, um das Tablett zu holen und auf die Veranda hinauszutragen. Er folgte ihr, um nicht tatenlos herumzustehen. Sie befand sich bereits vor dem Kühlschrank und öffnete dessen Tür, noch bevor er sie fragen konnte, ob sie ein Glas Wein bevorzuge.
   »Fühl dich wie zu Hause«, merkte er an.
   »Das mache ich, danke. In dem Punkt bin ich unkompliziert.«
   »Wer hätte das gedacht?«
   Der Hund hatte sich in eine Ecke gehockt, ließ sein Frauchen aber keineswegs aus den Augen.
   Als Baylee Tomaten schnitt, verzog sie plötzlich ihr Gesicht. »Hier stinkt es ja auf einmal zum Gotterbarmen.«
   »Ich tippe da konkret auf Hundepups.«
   »Zu Hilfe, da ist man ja nah am Ersticken.« Sie riss eines der Fenster auf.
   »Wofür Gott alles herhalten muss.«
   »Das war nicht als Seitenhieb gemeint«, erklärte sie.
   »Ich weiß. Aber ist dir schon mal aufgefallen, dass immer, wenn etwas richtig schiefläuft, Gott dafür verantwortlich gemacht wird?«
   »Hab nie drauf geachtet.«
   Er nickte. Es war besser, mit Baylee Scott nur über unverfängliche Themen zu sprechen. Gott gehörte nicht dazu.
   Offenbar teilte Baylee seine Meinung. »Du kennst dich mit Hundepupsen aus? Dann hattest du selbst mal einen Hund?«
   »Vor gefühlten hundert Jahren. Als Junge.«
   »Das hast du mir nie erzählt.«
   Warum sollte ich? Damals hatten sie nicht viel geredet, sondern … Erzähl ihr jetzt besser irgendwas, aber rasch, ermahnte er sich im Stillen. Er ging voran und hielt ihr die Fliegengittertür auf. »Meine Eltern waren vergleichsweise alt, als sie mich bekamen. Sie hatten wohl auch nicht mehr damit gerechnet, dass ihr Kinderwunsch noch in Erfüllung gehen könnte. Daher bekam ich einen Hund als Spielkameraden.«
   Sie setzten sich an den Tisch.
   »Ich habe mordsmäßigen Hunger. Darf ich, oder musst du erst ein Gebet runterleiern?«, fragte sie vorlaut.
   »Iss einfach. Ich kläre das mit Gott im Stillen.«
   »Wirklich?«
   »Ja.«
   Sie schob sich bereits ein Tomatenviertel in den Mund. »Ich meine, du betest tatsächlich immer vor dem Essen?«, fragte sie, nachdem sie hinuntergeschluckt hatte.
   »Was soll verkehrt daran sein? Ich bin dankbar, dass ich zu essen habe. Vielen Menschen geht es nicht so gut.«
   »Vermutlich hast du recht.«
   Es herrschte Feuerpause, weil sie sich den Mund mit Tomate, Mozzarella, Brot, Schinken und Ananaspudding vollstopfte.
   Anschließend stand sie auf und füllte Wasser in eine Schüssel in der Küche, um sie Wischmop-Mix, der es sich ebenfalls auf der Veranda gemütlich gemacht hatte, zu reichen. »Gefressen hat er bereits. Du hast nicht zufällig Hundefutter im Haus?«
   Er schüttelte den Kopf. »Bist du sicher, dass dies ein Hund ist?«
   »Sehr witzig, Reverend.«
   »Was für eine Rasse soll das eigentlich sein?«
   »Senftopf.«
   Er zog absichtlich ein fragendes Gesicht.
   »Ihre Mom war wie ein Senftopf, in den jeder mal sein Würstchen tauchte.«
   Er kapierte. »Ach, so ähnlich wie du damals«, rutschte ihm raus.
   »So, wie wir alle damals. Hast du das etwa vergessen, Reverend DeLuca?«
   Er wünschte, es wäre so. Leider funktionierte sein Gedächtnis viel zu brillant, und er sah Baylee Scott wieder nackt vor sich, wie sie ihre Zungenspitze auf die Oberlippe schob. Langsam und mit voller Absicht.
   Da leugnen nicht infrage kam, schüttelte er stumm den Kopf.
   »Ich habe dir geschrieben.« Sie wechselte so plötzlich das Thema, dass er Mühe hatte ihr zu folgen.
   »Ich habe nichts erhalten.« Nur den Brief von Norman McKee, den er sofort zerrissen hatte.
   »Damals, als ich von der Auflösung der Singers erfuhr.«
   »Weil du fortgegangen bist, ohne es vorher mit uns anderen zu besprechen.«
   »Ich habe Ted eine Nachricht hinterlassen.«
   »Die da lautete: Ich muss meinen eigenen Weg finden. Baylee.«
   »Du weißt es auswendig?« Sie klang erstaunt.
   »Weil es nichts erklärte.«
   »Es erklärte alles.« Baylee zwang ihn, ihr in die Augen zu blicken.
   »Es ist über zwanzig Jahre her. Lassen wir das.«
   »Nein, du gibst mir die Schuld, dass sich die Ted Brunner Singers auflösten.«
   »Das stimmt nicht.«
   »Dein Ton sagt etwas anderes. Willst du mich zeitlebens für alles Unglück der Welt verantwortlich machen, Joel?«
   Leider bemerkte sie rechtzeitig, dass er seinen Stuhl nach hinten schieben und aufspringen wollte. Viel zu rasch ergriff sie seine rechte Hand und hielt sie fest.
   »Nein, nur dafür, dass du zu bekifft warst an jenem Abend, um auf Sunny aufzupassen.« Er zerrte an seiner Hand. »Lass mich los. Sofort.«

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