In Lous Leben ist zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes wieder Ruhe eingekehrt. Bis zu diesem Tag. Plötzlich steht Ben Davids vor ihrer Tür. Der Mann, dem das Herz ihres Mannes transplantiert wurde. Ihr Leben kommt erneut ins Schwanken. Wie soll Lou mit ihm umgehen? Sie nimmt sich fest vor, ihm aus dem Weg zu gehen. Allerdings hat sie nicht mit Bens Humor und Charme gerechnet. Erst recht nicht mit seiner schicksalhaften Vergangenheit, die ihr Herz berührt.

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Natalie Regier

Natalie Regier
Natalie Regier wurde am 31. Januar 1992 in einer kleinen Stadt in Kasachstan geboren und kam als Vierjährige nach Deutschland. Sie liebt Literatur, weil es berührt und zum Lachen bringt, fesselt und zum Nachdenken animiert. Mit ihrem Liebesroman „Mit dem Pfeil in die Liebe“ debütierte sie beim bookshouse-Verlag. Es folgten weitere Liebesromane. Momentan studiert sie in Bielefeld und schreibt an weiteren Büchern.

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Prolog
Bielefeld, 15.12.12

Der Kaffeeduft vertrieb die letzte Müdigkeit. Louisa nahm sich den dampfenden Becher und warf einen Blick nach draußen.
   Vor dem Haus parkte ein schwarzer Audi. Ein dunkelblonder Fremder mit Blumen in der Hand stieg aus und musterte Lous Haus. Er war jung, höchstens Mitte dreißig, und sportlich gebaut. Zögernd öffnete er das Gartentor und ging zur Haustür. Bevor er klingeln konnte, öffnete sie.
   »Kann ich Ihnen helfen?«
   »Sind Sie Louisa Sandor?« Seine Stimme klang verunsichert.
   »Steht auf der Klingel.« Lou zwinkerte.
   »Natürlich. Entschuldigung.« Er ließ ein nervöses Lächeln aufblitzen.
   »Ich ziehe Sie nur etwas auf. Nennen Sie mich bitte Lou.«
   Er reichte ihr die Hand. »Ich bin Ben Davids.«
   Aus irgendeinem Grund fühlte sich Lou von ihm angezogen. Keine Frage, er war attraktiv. Seegrüne Augen umrandet von langen, dunklen Wimpern, gebräunter Teint, eleganter Kleidungsstil, nette Ausstrahlung.
   Sie schüttelte innerlich den Kopf. Es musste an diesem Tag liegen, der ihr vor Augen brachte, wie lange sie bereits allein war.
   Zwei Jahre.
   Ben streckte ihr den Strauß entgegen. »Ich wollte nicht mit leeren Händen vor Ihnen stehen.«
   War sie ihm begegnet? Sie erinnerte sich nicht daran. Solche Augen hätte sie nicht vergessen … »Danke. Ich mag Blumen.«
   Ein Lächeln zupfte an seinen Lippen. »Gut, vielleicht knallst du mir dann nicht gleich die Tür vor der Nase zu.«
   »Ach, so schlimm? Planst du ein Attentat?«
   »Vergleichbar.«
   Sie lachten.
   »Woher kennen wir uns?«
   »Es ist kompliziert …« Ben holte tief Luft und öffnete die ersten Knöpfe seines Hemdes. Die Spitze einer Narbe kam zum Vorschein. »Mir wurde vor genau zwei Jahren ein Spenderherz eingesetzt. Es war das Herz deines Mannes, Adrian Ramazzotti.«

Kapitel 1
Paris, 12.06.07

»Sieh mal«, staunte Samira, deutete auf den Eiffelturm und strich sich ihr Haar hinters Ohr. »Der ist noch größer, als ich ihn mir vorgestellt habe.«
   »Gigantisch«, bestätigte Lou.
   Das riesige Metall glänzte in der Sonne, im hinteren Teil waren der Park und die Springbrunnen zu sehen. Es wimmelte nur so von Touristen und Staatsvertretern, die vor allem die Schwarzmarkthändler vertrieben. Kein Wunder an einem sonnigen und warmen Tag.
   Sie wurden von der Menschenmenge verschluckt und mussten sich mühsam durchschlängeln, bis sie in einer Ecke etwas Freiraum fanden.
   »Ist dir klar, wo wir hier stehen? – Am Eiffelturm! Weißt du, was das heißt? Wir werden noch dieses Jahr unsere große Liebe finden«, prophezeite Samira, Lous beste Freundin.
   Sie hatte jeden Typen, mit dem sie jemals ausgegangen war, für ihre große Liebe gehalten. Bei einem Alter von mittlerweile dreiundzwanzig hatte sie sechs große Lieben getroffen und gleich viele begraben mit zahlreichen Taschentüchern, Eiscreme und eben so viel Beistand.
   Lous Bilanz sah nicht so dramatisch aus: Sie hatte eine einzige Beziehung, die fünf Jahre hielt und vor einem Jahr gescheitert war. – Ohne Drama und Eiscreme.
   »Du bist ein hoffnungsloser Fall«, sagte Lou.
   »Und du bist gnadenlos realistisch.«
   »Ich schlage vor, dass wir erst unsere kleinen Sektflaschen runterkippen, bevor wir uns anstellen. Die Schlange reicht bis nach Moskau.«
   »Manchmal hast du vorzeigbare Ideen.«
   Lou holte das Lebenselixier heraus, und sie stießen an. Sie verzogen das Gesicht, weil der Sekt vom Busfahren lauwarm war.
   »Jetzt ran an den Speck«, sagte Samira und nahm ihre Hand. Wenig überraschend schleppte sie Lou an die Schlange für den Treppengang und nicht zu den bequemen Liften. »Ich zahle bestimmt nicht mehr, um mir einen Treppenaufstieg zu ersparen. Wir müssen jede Stufe spüren.«
   »Hast du nicht von drei dicken Fischen geträumt? Nicht, dass es mich stört.«
   Samira war schrecklich abergläubisch. Drei dicke Fische bedeuteten, dass ein Geldsegen bevorstand. Gott behüte, sollte eine schwarze Katze ihren Weg kreuzen. Dafür musste Lou einen Umweg von zwei Kilometern in Kauf nehmen, um nicht die verfluchte Strecke zu erwischen.
   »Schau mich nicht so an! Ich habe kurz nach dem Traum eine Reise nach Paris gewonnen. Das spricht Bände.«
   »Was ist mit der kaputten Waschmaschine und der neuen Beule im Auto?«
   »Du bist unausstehlich.«
   »Dafür ist die beste Freundin da.«
   Samira deutete auf eine Gruppe von Polizisten, die zwei Touristen den Weg erklärten. »Meine Güte, guck dir die gut aussehenden Beamten an! Schade, dass wir solche Männer nicht in Deutschland haben.« Sie klang verträumt.
   »Tob dich aus«, sagte Lou und zwinkerte. »Ein fremdes Land hat Vorteile. Hier kennt uns kein Mensch.«
   »Netter Gedanke. Frankreich tut dir gut.«
   Plötzlich stach Lou ein anderer Mann ins Auge. Einer, den sie aus ihrer Heimat in Deutschland kannte. Sie hatten auf dem Gymnasium den gleichen Chemiekurs.
   Adrian Ramazzotti.
   Italiener, Mädchenschwarm und Herzensbrecher der Schulzeit.
   In ihrer Kindheit, in einem anderen Leben, waren Adi und Lou beste Freunde gewesen. Unzertrennlich und wild.
   Als sie zehn Jahre alt waren, hatte er ihr die Freundschaft gekündigt. Auf dem Gymnasium gehörte er zu den Angesagten, während sie zum Durchschnitt zählte.
   Sie hatten nie wieder ein Wort miteinander gewechselt.
   Adrian war gebräunt, hatte dunkelbraunes Haar und kastanienbraune Augen, ein markantes Kinn und einen leichten Dreitagebart. Er trug zerrissene Bluejeans und ein weißes Achselshirt.
   Lou schluckte. An seiner Attraktivität hatte sich in all den Jahren nichts verändert …
   Sein bester Freund war bei ihm. Jerome, Samiras zweite große Liebe.
   Bevor sie auch nur hoffen konnte, dass Samira ihn übersehen hatte, zog sie scharf die Luft ein und drohte zu platzen.
   »Der zweite dicke Fisch«, rief sie und deutete in die Richtung der Männer.
   »Meinst du den Hotdog-Stand? Ob ich das als Wunder bezeichnen kann, weiß ich nicht.«
   »Nein. Dort sind Jerome und Adrian. Ich glaub’s nicht! Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, ausgerechnet die zu treffen?«
   »Ziemlich hoch, wenn man drüber nachdenkt. Schließlich sind wir noch in Europa. Es sind doch nur 742,5 Millionen Einwohner.«
   Samira hatte sie längst durchschaut. »Dir ist nicht mehr zu helfen.«
   »Hast du vergessen, dass er dir dein Herz gebrochen hat? Die sich anschließende Affäre war auch schmerzhaft für dich.«
   »Ich habe nicht vor, ihn gleich zu heiraten. Wie wäre es, wenn wir einfach mit ihnen abhängen?«
   »Abhängen? – Klar doch. Ich weiß, wo es für dich endet.«
   »Nicht in seinem Bett.«
   »Wenn du es sagst.«
   »Du wirst sehen.«
   Jerome hatte blondes Haar, graue Augen und ein breites Grinsen. Er war schmächtig, kaum größer als Lou und eine totale Nervensäge. Trotzdem schien er für ihre Freundin wie eine Praline zu sein, der sie nicht widerstehen konnte. – Nie.
   Samira setzte ein selbstsicheres Lächeln auf. »Wenn das nicht der größte Schleimbeutel ist!«
   »Samira! Lou! Was treibt euch nach Frankreich?«, jauchzte Jerome und begrüßte sie mit einer Umarmung.
   »Selbstverständlich die Männer«, antwortete Samira. »Franzosen sind rattenscharf.«
   »Natürlich. Etwas anderes hätte ich auch nicht erwartet. Ihr kennt bestimmt noch meinen Freund Adrian.«
   Während Samiras und Jeromes Beziehung war sie nicht oft mit ihnen unterwegs gewesen, geschweige denn mit Adrian. Mit ihrem damaligen Freund hatte sie viel Zeit zu Hause oder bei seinem Fußballtraining verbracht, anstatt mit Leuten um die Häuser zu ziehen.
   Mit den Jahren des Schweigens zwischen Adrian und Lou entstand etwas Einschüchterndes um ihn, etwas Ungreifbares und Faszinierendes. Egal, wie sehr sie es versucht hatte, sie konnte ihn nicht ignorieren. Zumindest in der Schulzeit. Danach trennten sich ihre Wege, bis zu diesem Tag.
   Dennoch war Adrian die erste Person, die ihr in den Sinn kam, wenn sie an ihre Kindheit dachte.
   »Wie geht es dir, Lou? Bist du nicht mit deinem Freund hier? Paul?«, fragte Adrian und umarmte sie.
   Er roch angenehm nach Parfum und Minze. Sein Blick ließ sie nicht los, während er zurückwich und die Hände in die Hosentaschen steckte. Sie sprachen nach Jahren das erste Mal wieder miteinander und er fragte nach ihrem Ex? Ernsthaft?
   »Wir haben uns getrennt. Wie sieht’s bei dir aus?« Sie lachte. »Kannst du dich überhaupt daran erinnern, mit wem du zuletzt zusammen gewesen bist?« Warum redete er wieder mit ihr? Lou verkniff sich diese Frage. Danach wäre wahrscheinlich eine angespannte Situation entstanden. Und sie würde sie wegen Samiras Praline den ganzen Tag ertragen müssen.
   Adrian grinste keck. »Du würdest staunen. Schön zu sehen, dass du immer noch direkt und offen bist.«
   »Wir haben uns seit einer Ewigkeit nicht gesprochen.«
   »Mag sein. So lange ist die Schulzeit noch nicht her. Du warst bekannt dafür. Was habt ihr gleich vor?«
   »Den Eiffelturm besteigen. Allein.«
   Sie beobachtete besorgt Samira. Diese flirtete mit ihrem Ex und klimperte dabei hollywoodreif mit den Wimpern.
   »Sie meint natürlich, wir zu viert«, zwitscherte Samira und bohrte Lou den Ellbogen in die Rippen.
   »Das hätten wir damit geklärt«, sagte Jerome.
   Adrian bemühte sich, ein Grinsen zu verkneifen. »Wir sind gar nicht so übel. Hin und wieder etwas verrückt, aber überwiegend harmlos«, sagte er.
   »Und zwischenzeitlich sehr still.«
   »Stimmt. Die Ruhe war ein unüberbrückbarer Mount Everest.« Adi griff nach ihrer Hand und drückte sie tröstend. »Er ist heutzutage überwindbar.«
   »Mit mehr Verstand, durchaus. Außerdem brauche ich heute eine neue Trophäe. Die alte ist bereits verstaubt«, erwiderte Adi.
   Lou befreite sich und hob den Finger. »Denk bloß nicht, dass ich die nächste bin. Wie viele hattest du? Hundertdreißig? Oder waren es mehr?«
   Adrian versuchte, nachdenklich auszusehen, konnte aber nicht ernst bleiben. Seine Wangengrübchen verrieten ihn. »Ich glaube, es waren hundertfünfzig.«
   »Gratuliere. Du hast Hugh Hefner übertrumpft.«
   Er deutete auf Lou. »Du hast Ketchup auf dem Shirt. Du warst schon immer tollpatschig beim Essen.«
   Peinlich berührt schaute sie hinab, bis er ihr einen Nasenstüber gab.
   »Reingelegt. Mit beidem.«
   »Sehr witzig.« Ihre Wangen brannten.
   »Du bist eine harte Nuss.« Sein Blick ruhte auf ihr und ließ ihr Herz bis zum Hals schlagen.
   Lou schluckte krampfhaft. »Eine, die du nie knacken wirst. Zumindest nicht als deine Trophäe.«
   Etwas Nachdenkliches haftete auf seinen Zügen. »Wie wäre es mit einer Wette?«
   »Ich höre.«
   »Wenn ich vor dir oben bin, gewährst du mir die Möglichkeit, mich ohne Skepsis neu kennenzulernen. Sollte ich verlieren, kannst du dir eine Strafe für mich ausdenken. Und ich werde dich danach nicht mehr belästigen.«
   »Ich jogge, schwimme und gebe Zumbakurse. So wie ich dich kenne, setzt du eher auf Kraft als auf Ausdauertraining, Adi. Du bist chancenlos.« Lou musste sich ein Lachen verkneifen. Die Vorstellung, ihn beim Verlieren zu beobachten, war verlockender als ihre Scheu.
   »Dann werde ich mich richtig ins Zeug legen.«
   »Okay, einverstanden. Ich freue mich schon, dich verlieren zu sehen.«
   Sie reichten sich die Hände.
   »Bis zur zweiten Etage dann, Miss Sandor.« Er betonte es charmant und grinste schief.
   Lou musste den Blick abwenden, um zu antworten. Adrian wirkte so charismatisch und für sich einnehmend, dass es sie aus dem Konzept gebracht hatte. Bereits in der Kindheit konnte er sie mit diesem Lächeln zu allem überzeugen. Keiner sonst hätte sie dazu gebracht, auf einen Baum zu klettern oder auf seinem Lenkrad zu sitzen.
   »Du hast mich Adi genannt«, bemerkte er.
   »Stimmt. Ich schätze, alte Gewohnheiten wird man nicht los.«
   »Altbewährtes ist immer das Beste.«
   Er zeigte ein uraltes Nokia 3310, und Lou musste lachen.
   »Was ist? Ich hänge an diesem Ding. Ich kann das Teil gegen die Wand werfen und es funktioniert trotzdem einwandfrei.«

Nach einer Stunde in der Warteschlange standen sie vor der Treppe.
   »Auf einen fairen Kampf«, sagte er.
   »Und einen friedvollen Verlierer.«
   »Du wirst noch sehen, Süße.« Adrian zwinkerte, bevor er pfiff und sie losrannten.
   Etwa fünf Minuten nach Lous Ankunft erreichte er ebenfalls das Ziel schwer atmend.
   »Du solltest aufhören zu rauchen«, zog sie ihn auf und nahm eine triumphierende Haltung ein.
   Er schüttelte den Kopf. »Du treibst zu viel Sport. Verdammt, ich habe dich unterschätzt.«
   »Ich kann es kaum erwarten, dich zu bestrafen. Mit Sicherheitsabstand, versteht sich.«
   »Bevor du mir deinen Plan offenbarst, gib mir fünf Minuten Zeit eines glücklichen Unwissenden. Ich will den Anblick genießen.«
   Die Sicht war atemberaubend. War es möglich, von hier ganz Paris zu sehen? Alles wirkte klein im Verhältnis zur Höhe. Die Pariser Architektur faszinierte Lou. Es erinnerte sie an die Zeit des Königs Ludwig XVI. Die Stimmung der Revolution, der Kampf für Einheit, Gleichheit und Freiheit. Diese Stadt stand für sehr viel mehr als Liebe.
   Adrian schoss ein Foto von Lou und riss sie aus den Gedanken.
   »Möchtest du eine Erinnerung von mir? Nach meinem Plan wirst du es löschen.«
   »Du bist vielleicht eine ehrliche Haut, aber nicht sadistisch.«
   Sie wollte ihm widersprechen, wurde jedoch von Samira und Jerome unterbrochen. Beide waren kirschrot im Gesicht.
   »Wer hat gewonnen?«, fragte Jerome.
   »Lou. Sie war wie der Blitz und hat sich problemlos durch jede Lücke gequetscht. Hier, fotografier uns bitte.«
   Während Adrian Lou an sich drückte und in die Kamera grinste, traf sich der Blick von ihr und Samira.
   »Paris ist phänomenal«, formte Sami mit den Lippen und deutete auf den Herren neben Lou.
   Es war magisch. Niemals wäre sie auf die Idee gekommen, Adrian zu treffen und mit ihm zu sprechen. Erst recht nicht hier.
   »Komm, wir gehen auf die andere Seite. Erzähl mir von deiner Strafe«, sagte Adrian.
   »Was ist mit deiner anderen Behauptung? Du wolltest mich nicht mehr belästigen.«
   Er warf ihr einen amüsierten Blick zu. »Hier, die ist für dich. Vielleicht stimmt sie dich mild. Es war geplant, dich zu beeindrucken und nicht kläglich zu scheitern.« Unter seiner Lederjacke versteckte er eine rote Rose und übergab sie Lou. Während er sie anlächelte, zeigten sich seine Grübchen und rundeten die Ausstrahlung ab.
   Sie räusperte sich. »Wo hast du die her?« Sie konnte den beeindruckten Unterton nicht verbergen und senkte lieber den Blick.
   »Als ich deinen Vorsprung gesehen habe, wusste ich, dass ich verlieren werde. Das konnte ich nicht so stehen lassen. Eine Frau hatte mehrere in der Hand. Sie hat mir eine verkauft.«
   Wann hatte Lou zuletzt eine Rose geschenkt bekommen? War es wirklich so lange her? Es war vor Paul.
   »Ich habe mit einer bissigen Bemerkung gerechnet. Magst du keine Blumen? Nein. Du siehst ernst aus.«
   »Alles bestens. Ist nur ewig her, dass ich eine bekommen habe. Für Paul war es eine Geldverschwendung.« Lou versuchte, wieder eine lockere Haltung einzunehmen. »Na komm, Schönling. Lass uns hinunter. Ach ja, du musst abends nackt durch eine belebte Straße laufen. Und ich darf es filmen.«
   Adrian betrachtete sie lange, bevor ein Grinsen entstand. »Wie konnte ich mich dermaßen in dir täuschen? Du hast doch eine gemeine Ader, Süße. Wenn ich hüllenlos durch die Gegend renne, musst du mir versprechen, mir mindestens die restlichen Tage deiner Parisreise zu schenken.«
   »Sehen wir dann, Ramazzotti.«
   Als sich Lou abwandte, griff Adi nach ihrem Handgelenk.
   »Paul war ein Idiot. Eine wunderschöne Frau verdient Rosen.« Er berührte sanft ihr Kinn. »Dein Männergeschmack ist grauenhaft. Ich konnte ihn noch nie leiden.«
   Ihr zögerndes Lächeln verrutschte. »Wenn du so weitermachst, wirst du bald als vermisst gemeldet.«
   »Echt?« Er zwinkerte. »Du musst mich nicht gleich an dein Bett fesseln und mich vor der Öffentlichkeit verstecken. Ich entdecke immer mehr Seiten an dir, die ich nicht kannte. Wo ist das Kleidchen tragende Mädchen hin, die auf Backstreet Boys steht?«
   Blut schoss Lou ins Gesicht. Ein Nachteil des langen Kennens war eindeutig, dass er alles mitbekommen hatte.
   »Deine Strafe ist viel zu sanftmütig.« Er schmunzelte. »Wie wäre es, wenn wir gemeinsam unbekleidet die Straßen unsicher machen? Diese Idee ist deutlich einladender.«
   »Träum weiter.«
   »Lou! Wusstest du, dass die Jungs in Dieppe wohnen? Jerome möchte, dass wir mitfahren. Sie haben ein Ferienhaus. Wir könnten dort schwimmen gehen, auch wenn das Meer wahrscheinlich eiskalt ist«, jubelte Samira und hakte sich bei ihr unter. »Außerdem findet dort heute eine Beachparty statt.«
   »Wie kann ich dazu Nein sagen?«
   Die Männer hatten geliehene Motorräder dabei. Samira fuhr natürlich bei ihrer Praline mit und Lou bei Adrian. Er überreichte ihr einen Helm.
   »Was ist mit dir?«, fragte sie.
   »Ich habe eine Sonnenbrille. Das reicht.«
   »Du bist lebensmüde. Wir sollten dir auch einen besorgen.«
   »Ich lasse das Karma entscheiden. Komm, Süße. Ich will vor Jerome da sein. Vergiss den Helm.« Bei dem Anblick der zweihundert PS starken Maschine bekam Lou Angst und weiche Knie. Es war ihr erstes Mal. Gerade bei Adrian, der schon immer ein Adrenalinjunkie gewesen war und gern Grenzen testete. Ihr Zögern wurde bemerkt.
   »Vertrau mir. In meiner Anwesenheit ist dir noch nie etwas passiert. Und daran wird sich niemals etwas ändern, Angsthase.«

Kapitel 2
Köln, 26.07.07

»Bitte. Du hast nur noch dein dummes Studium im Kopf«, beschwerte sich Laura.
   Immer wenn sie wütend auf Ben wurde, kniff sie ihre Lippen zusammen. Sie schien nicht zu bemerken, dass sie dadurch kindlich wirkte. Gerade im Sommer, wo sie zahlreiche Sommersprossen im Gesicht hatte.
   »Ich studiere Medizin. Du weißt, warum mir das so wichtig ist.«
   Sie verdrehte die Augen und seufzte. »Ja, dein Bruder, schon klar. Trotzdem. Es gibt auch ein Leben außerhalb dieser vier Wände und der Klinik.«
   »Dafür muss ich viel Freizeit opfern, sonst pack ich das nicht. Diese Party ist wie jede andere auch. Was verpasse ich? Betrunken zu sein?«
   »Mich. Wir sehen uns kaum noch.« Ihre grasgrünen Augen musterten ihn enttäuscht, während er am Schreibtisch saß und die Bücher auf dem Tisch ausbreitete.
   Ben wohnte in einer winzigen Wohnung über einer Kneipe in der Altstadt von Köln. Die Stimmen der Barbesucher waren rund um die Uhr zu hören, ebenso die Kirchenglocke und Stadtbesucher. Die Großstadt war viel lebendiger als seine Heimat, ein beschauliches Dörfchen. Mit den Jahren zog ihn das Turbulente an, um der Ruhe zu entkommen und jung und unbeschwert zu sein. Letzteres war mit dem Wichtigsten, dem Studium, nur selten vereinbar. Seine Freundin musste ebenfalls darunter leiden.
   Sie stand am Türrahmen und fuhr sich durch die blonden Locken. »Bitte, Ben. Nur heute. Alle werden da sein. Selbst Linda aus München.«
   Es wurde immer schwieriger, alles unter einen Hut zu bekommen. Es war belastend, Laura vieles auszuschlagen. Gleichzeitig wollte er jede freie Minute sinngemäß nutzen und lernen. Eine Zukunft, in der er nicht als Kinderarzt tätig war, wäre undenkbar. Außerdem brauchte er zusätzlich Zeit für sich, um sportlichen Aktivitäten nachzukommen. Er joggte oder schwamm, um den Kopf von Patienten freizubekommen. Keiner erlernte von heute auf morgen, berufsbedingte Schicksale in der Klinik zu lassen. Wie denn auch? Der Kopf schaltete sich nicht ab, wenn die Arbeitszeit vorüber war.
   Am ersten Tag des Praktikums wurde bereits empfohlen, sich einen Ausgleich zu suchen. Viele trieben wie Ben Sport, andere schrieben es sich von der Seele. Leider konnte Laura das Meiste nicht nachvollziehen, was die Sache nicht einfacher machte.
   »Na gut, Babe. Du hast gewonnen. Aber nächste Woche wirst du mich knicken können. Ich muss mich voll reinhängen. Examen liegen an. Die sind wichtig, damit ich diesen Herbst als Assistenzarzt anfangen kann.«
   Ein Lächeln breitete sich auf ihren Zügen aus. »Ich liebe dich! Ich dachte schon, dass ich dich mit Sex erpressen muss.« Laura küsste ihn stürmisch, bevor sie ins Bad verschwand.
   »Dafür bist du mir etwas schuldig«, rief er hinterher. Er verzog das Gesicht, während er die Lernbücher betrachtete. Verdammt, hoffentlich bereute er es nicht irgendwann.
   Laura kam zurück und zog langsam ihr Sommerkleid über den Kopf. Obenrum trug sie einen Hauch von Nichts, unten einen knappen String. »Dann freu dich auf später, Süßer. Du kennst mich, ich mache es immer wieder wett.«
   »Gegenangebot. Wie wäre es mit jetzt?«
   »Hätte nichts dagegen einzuwenden.«

Zwei Stunden später fuhren sie zu Miranda, Lauras bester Freundin. Sie lebte außerhalb von Köln, ländlich gelegen, und besaß eine riesige Scheune, die zur Partyhalle umgebaut worden war. Beim Eintreffen waren bereits fünfzig Leute da, und laute Musik strömte aus den Boxen.
   Laura verschwand augenblicklich in der Menge und machte sich auf den Weg, ihre Freundin zu suchen. Ihr Minirock bedeckte nur dürftig das Nötigste, und es störte sie nicht im Geringsten. Manchmal wünschte sich Ben, dass sie nicht alles zeigte, was sie hatte.
   Er entdeckte seinen Freund an der Bar.
   »Mit dir habe ich nicht gerechnet«, sagte Jimmy und legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Ich dachte, du hängst zu Hause rum und lernst.«
   »Hatte ich auch vor. Laura hat mich überredet. Sie ist ein Naturtalent darin. Warum siehst du es so locker? Wir sind beide am Arsch, wenn wir die Examen verhauen.«
   Jimmy nahm einen Schluck Bier und zuckte mit der Schulter. »Entspann dich, Kumpel. Wenn du nicht Kinderarzt wirst, wird es keiner. Ich weiß aus Erfahrung, dass man sich nicht zu sehr unter Druck setzen sollte. Es wirkt sich kontraproduktiv aus. Hier, trink das.«
   Jimmy war Bens engster Vertrauter, langer Freund und Kollege im Krankenhaus. Außerdem hatte er eine beruhigende Wirkung auf ihn, wenn er zu gestresst war. Ohne ihn wäre er oft aufgeschmissen gewesen.
   »Auf einen lernfreien Abend«, sagte Ben und öffnete eine Bierflasche.
   »Und einen betrunkenen.«
   »Bald können wir so etwas vergessen, mit Fünfzig- bis Sechzig-Stunden-Schichten.«
   Sie lachten.
   »Wie recht du hast. Keine Ahnung, worauf wir uns eingelassen haben. Wir sind vollkommen verrückt.«
   Jimmy wollte eine Zigarette rauchen. Sie setzten sich auf eine Bank, die unweit vom Eingang entfernt stand. Bens Freund verhielt sich schweigsam. Untypischerweise.
   »Wo ist Jenny? Ist bei euch alles in Ordnung?«
   Jimmy warf einen Seitenblick auf ihn. »Ja, alles bestens. Ich meine, die Frau hat mich vollkommen unter dem Pantoffel, aber lieber so als ohne sie. Sie muss hier irgendwo rumlaufen.«
   »Wie geht es deinem Vater? Heilt sein Bein? Wie macht er sich?«
   »Er dreht durch. Es gibt für ihn nichts Schlimmeres, als im Bett liegen zu müssen. Keine Ahnung, wie er die nächsten zwei Wochen überstehen soll, ohne meine Mutter in den Wahnsinn zu treiben.«
   »Besorg ihm eine xbox, dann wird ihm seine Kinderfußballmannschaft nicht so stark fehlen.«
   »Keine schlechte Idee.«
   Es wurde wieder still, und Jimmy pustete eine Wolke nach der anderen aus.
   »Du bist selten grüblerisch. Was ist los?«
   »Ich hab etwas gehört. Ein Gerücht.« Er verzog das Gesicht. »Es geht um Laura. Ist bestimmt nur Mist. Ach, vergiss es.«
   »Sag schon. Was hat sie angestellt?«
   Jimmy kratzte sich am Hinterkopf. Ein Zeichen dafür, dass er nervös war.
   »Henry kam gestern zu mir und erzählte, dass er sie mit Matthias gesehen hatte. Im Park. Sie saß angeblich auf seinem Schoß. Keine Ahnung, Kumpel.«
   Es mochte hart klingen, aber es überraschte Ben nicht. Er war der erste Mann, mit dem Laura eine anständige Beziehung eingegangen war. Sie war wild und hatte sich von einer Affäre in die nächste geworfen. Das Problem war, dass er sie schlecht einschätzen konnte. Ihre Lebensvorstellungen änderten sich je nach Laune. Was ihr am Vortag noch als richtig erschien, konnte sich von einer Sekunde auf die nächste ändern. »Ist bestimmt nur ein Gerücht, Jimmy. Ich muss kurz weg.«
   Zweifel plagten Ben. Lauras Vorgeschichte, kombiniert mit ihrem merkwürdigen Verhalten, machte es ihm schwer, ihr zu vertrauen. Er suchte seine Freundin im Inneren und wurde bei den Mädels am Tisch fündig. Ihr Gesicht war gerötet und brachte ihren Alkoholkonsum zum Vorschein. Sie schaute immer zu tief ins Glas, ob bei einer Weihnachtsfeier im Betrieb oder bei einer privaten Party. »Babe.« Er bückte sich auf Augenhöhe. »Können wir kurz sprechen?«
   »Wir trinken gerade. Du willst doch nicht schon nach Hause, oder?« Laura konnte den ungeduldigen Unterton nicht verbergen.
   Ben fragte sich, was er hier machte, wenn sie lieber mit ihren Freundinnen allein trank. »Nein, natürlich nicht. Ich möchte nur mit dir reden.«
   Draußen angekommen versuchte sie nicht mehr, die Ungeduld zu kaschieren.
   »Was ist?«
   »Warst du vor Kurzem mit Matthias unterwegs? Sei bitte ehrlich.«
   »Nein!« Ihre Stimme klang einige Oktaven höher. »Natürlich nicht. Rede kein Unsinn.«
   »Verflucht, Laura. Lügst du mich an?«
   »Ich war nicht mit ihm unterwegs. Warum vertraust du mir nicht? Ich habe mich für dich geändert, trinke kaum noch und gehe selten feiern.«
   Sagte sie die Wahrheit? Das mulmige Empfinden wollte nicht verschwinden.
   Laura bemerkte sein Zögern, schlang die Arme um ihn und küsste seinen Hals. »Wir vergessen einfach das Gespräch und genießen den Abend. Du bist so geschafft vom Lernen. Du wirst nächste Woche fünfundzwanzig. Du brauchst mehr Ruhe und Freizeit. Ich habe mich nicht mit ihm getroffen, versprochen.«
   »Vielleicht hast du recht. Belassen wir es dabei.« Ben küsste sie und versuchte, das Gerücht zu vergessen. Vergeblich.
   Eine Stunde später war Ben angetrunken und tanzte eng umschlungen mit Laura auf der Tanzfläche. Wenn jemand tanzen konnte, dann sie.
   Laura warf ihm dabei einen Blick zu, der ihn um den Verstand brachte. Sie war seine Sucht, die ihn faszinierte und ihn für sich einnahm, ihn zweifeln ließ und abschreckte. Manchmal schien es ihm wie ein Teufelskreis, aus dem er nicht mehr ausbrechen konnte.
   »Komm, lass uns rausgehen. Ich will mit dir allein sein, Ben.« Laura küsste sein Ohrläppchen.
   Er wusste, worauf das hinauslief. Sie war nicht nur beim Feiern ungezähmt.
   Laura zog ihn aus dem Gebäude, hin zum großen Garten. Als sie die anderen kaum noch hörten, drückte sie ihn gegen einen Baumstamm und fasste ihm zwischen die Beine. Mit einer geschmeidigen Bewegung hob er Laura auf und drückte sie gegen das Holz. Die Ader an Bens Schläfe pochte wild. Er wollte sie mehr als alles.
   Plötzlich wurde ihm übel, seine Brust schmerzte höllisch. Der Druck wurde von Sekunde zu Sekunde überwältigender, übermächtiger. Er verlor jede Kraft und sie fielen auf den Boden.
   »Verfluchter Mist, Ben! Was soll das? Ben? Ben! Was ist mit dir?«
   Ein merkwürdiger Laut entrang sich seiner Kehle. »Mein Herz«, presste er mühsam heraus. Er verlor das Bewusstsein.
   Das Letzte, was er vor seinem inneren Auge hatte, war das kindliche Gesicht seines Bruders. Luke war zwölf, Ben vierzehn. Sie schlichen gemeinsam durch das Blumengewächshaus, in dem ihr Großvater Rosen züchtete. Luke strahlte übers ganze Gesicht und ließ seine Zahnlücke aufblitzen. Er streckte Ben die Hand entgegen.

Kapitel 3
Dieppe, 12.06.07

Bei Abenddämmerung erreichten Adrian und Lou Dieppe wenig überraschend vor den anderen. Ein großes Lagerfeuer brannte, Musik dröhnte aus Lautsprechern und mehr als hundert Menschen tanzten und unterhielten sich am Strand.
   Lou hatte eines dazugelernt: Motorradfahren war der Wahnsinn!
   Die ersten Kilometer hatte sie sich an Adrian geklammert wie an einen Rettungsanker. Nach einigen Minuten hatte das Adrenalin Glückshormone freigesetzt, die ein Dauergrinsen zur Folge hatten. Am liebsten wäre sie endlos weitergefahren.
   »Warst du schon mal in Frankreich?«, fragte Adi, während er den Helm verstaute und seine Jacke überwarf.
   »Nein, nie. Du schon?«
   »Es ist das fünfte Mal. Ich habe Verwandte hier. Ich dachte, du wärst schon hier gewesen, weil du es in deiner Kolumne letztes Jahr erwähnt hast.«
   »Du hast meinen Artikel gelesen?«
   »Klar.« Er gab ihr einen Nasenstüber. »Du siehst erstaunt aus.«
   »Du bist vollkommen anders als früher. Wir haben nie ein Wort miteinander gewechselt, trotzdem weißt du solche Dinge.«
   »Zeiten ändern sich. Gleichzeitig bleibt alles gleich. Du arbeitest als Journalistin, trotzdem bist du mir nicht fremd. Das warst du nie.«
   »Was ist mit dir? Was machst du beruflich? Männermodel?« Lou betonte es gespielt verführerisch.
   Ein Lächeln zupfte an seinen Lippen. »Gut erraten, Süße. Nein. Ich bin Polizist. Dad hat gewonnen.«
   »Na klar. Und ich Nonne. Jetzt mal ehrlich, studierst du noch? Du machst bestimmt etwas mit Musik. Du hast es damals geliebt.«
   »Nein, im Ernst. Ich bin Staatsvertreter geworden. Familientradition.«
   Ihr Blick musste Bände gesprochen haben, denn Adi lachte.
   »Wie es mir scheint, überraschen wir uns heute gegenseitig.«
   »Damit hätte ich nicht gerechnet.«
   »Na ja, eigentlich verfolge ich ein anderes Ziel. Und das schon sehr lange.«
   »Wäschemodel?«
   »Du landest gleich im Wasser.«
   »Hätte nichts dagegen.«
   Adrian nahm die Rose, die er vor der Fahrt im Sitz verstaut hatte, brach den Stängel ab und klemmte sie ihr hinters Ohr. Seine Berührung ließ ihre Haut kribbeln und die Wangen brennen.
   Adi hatte recht. Er war ihr nicht fremd. Gleichzeitig war es anders und neu. Sie waren keine Kinder mehr. Und Lou entdeckte noch verborgene Seiten an ihm. Warum dachte sie überhaupt darüber nach? Sie schüttelte innerlich den Kopf. Es musste am Wassermangel liegen. »Und was verfolgst du für ein Ziel? DJ?«
   »Du hast es fast erraten. Filmmusik.« Adrian erwiderte ihren Blick. Seine Augen leuchteten auf. »Bestes Beispiel: Titanic. Male dir die Szene aus, wo Leonardo seine Angebetete im Arm an der Reling hält. Ohne Musik wäre es nur halb so romantisch. Bei Horrorfilmen wären die schrecklichsten Szenen nicht so Angst einflößend, wenn dort keine Musik im Hintergrund zu hören wäre.« Bei seinem Strahlen konnte sich Lou keinen besseren Filmemacher vorstellen.
   »Warum studierst du es nicht oder besuchst eine Akademie?«
   »Du kennst meinen Vater. Er ist dominant.«
   »Es ist dein Leben. Wünsche sind dazu da, erfüllt zu werden. Du warst auch durchsetzungsfähig, wenn es drauf ankam.«
   »Kann sein. Ich werde dich einfach mitnehmen. Du konntest Dad immer um den Finger wickeln.«
   Samira und Jerome tauchten auf und stellten ihr Bike ab.
   »Ich musste noch tanken«, behauptete Jerome.
   »Na klar«, lachte Adrian. »Daran muss es gelegen haben.«
   »Ich brauch dringend etwas zu trinken, ansonsten falle ich gleich um«, beschwerte sich Samira. Sie sah fahl im Gesicht aus. »Ich werde nie wieder ein Motorrad besteigen.«
   Die Blicke von Adrian und Lou trafen sich, und sie lächelte. »Ich fand es nicht so übel.«

Auf dem Weg zur Theke umarmte eine dunkle Schönheit Adrian stürmisch und wacklig. Sie fuchtelte mit ihrem Becher und legte beim Sprechen eine Hand auf seine Brust. Nach einer Unterhaltung auf Französisch verschwanden sie.
   Anscheinend hatte er nicht nur in Deutschland haufenweise Frauengeschichten laufen. Das Dumme an der Geschichte war, dass es Lou störte.
   Nachdem sich die Restlichen mit Getränken versorgt hatten, ließ Lou die Turteltäubchen allein und spazierte zum Meer.
   In Meeresnähe fühlte sie sich heimisch, weil sie es von ihrer Familie gewohnt war.
   Ihre bodenständige Mutter hatte sich vor dreißig Jahren Hals über Kopf in einen Hippie verliebt. Ihren Vater. Während er sich mit der Planung für die nächste Verrücktheit zu schaffen machte, organisierte sie ihr gesamtes Leben. Sie sorgte dafür, dass Rechnungen bezahlt wurden, Essen im Kühlschrank lag und beide pünktlich zur Arbeit kamen. Letzteres klappte auch nur so hervorragend, weil beide in derselben Werbeagentur tätig waren.
   Noch ausgeflippter und unstrukturierter als Dad war seine Schwester Bonny. Sie war fünfundfünfzig, während ihre Partner nie älter als fünfundzwanzig waren. Gott behüte, der Toyboy wurde dreißig. Er wurde schneller entsorgt als ein ausgelatschtes Paar Schuhe.
   Keine Ahnung, wie Lou es geschafft hatte, aber sie erbte den größten Teil ihres Charakters von Mama.
   Die Sommer hatten sie mit der Familie meistens in einem Wohnwagen in Travemünde, Spanien oder Kroatien verbracht. – Immer küstennah. Sie hätten sich auch eine Pauschalreise leisten können, allerdings war Dad absolut dagegen. Ohne das Feeling von Wohnwagen war es kein Urlaub. Punkt.
   Dass Lou es, vor allem als Teenager, stark infrage stellte, konnte er nie nachvollziehen.
   Während sie den Blick auf die unendliche Weite genoss, rannte jemand in sie. Es war Adrian.
   »Verdammt, wieso klappt es bei dir nicht, dass ich charismatisch und cool daherkomme?«
   »Liegt am Alkohol. Wo ist deine Begleitung hin? Lass mich raten, Eroberung Nummer hunderteinundfünfzig?«
   »Du meinst meine Cousine? Ach, die wollte mir ihren neuen Freund vorstellen. Wo sind die anderen?«
   Ohne es zu wollen, fühlte sich Lou besser und hoffte, dass er es nicht bemerkte. »An der Bar.«
   Kaum hatte Samira sie entdeckt, umarmte sie Lou überschwänglich. Ein sicheres Zeichen dafür, dass sie betrunken war. »Nimm es mir nicht übel, aber ich verschwinde mit Jerome.« Ihre Stimme klang entschuldigend, während ihre Augen vor Vorfreude glänzten.
   Lou hätte sie am liebsten geschüttelt. Bei Samiras Alkoholspiegel war es jedoch nicht ratsam. »Was war mit deiner Aussage, du würdest nur mit ihm abhängen?«
   »Ich hänge mit ihm ab!«
   »Im Bett.«
   »Im Bett.«
   Lou seufzte. »Morgen wirst du alles bereuen. Mach es dir nicht unnötig schwer im Leben.«
   »Mache ich nicht! Was morgen kommt, kann ich nicht ändern. Dafür werde ich heute den Himmel berühren.« Die Dramatikerin hatte gesprochen. Samira zwinkerte, stolperte beim Zurückgehen und hielt sich an ihrem Liebsten fest, um einen Sturz zu umgehen.
   »Na los, Lustknabe. Wir können.«
   »Und was machen wir zwei Hübschen?«, fragte Adi.
   »Nicht das Gleiche wie die beiden.«
   Er lachte. »Komm mit, wir gehen spazieren.«
   Überraschenderweise nahm er ihre Hand und streichelte sie mit dem Daumen über den Rücken. Lou ließ es zu und redete sich ein, dass es auch durchaus bei Freunden vorkam.
   Plötzlich stolperte er erneut über einen Stein.
   »Bist du betrunken?«, fragte sie amüsiert und warf einen Seitenblick auf ihn.
   Adrian kratzte sich entschuldigend am Hinterkopf und verzog das Gesicht. »Etwas. Ich musste mir Mut antrinken.«
   »Um den Freund deiner Cousine kennenzulernen? Ist er grün und riesig wie Hulk?«
   Sie lachten.
   »Nein, ich muss dir etwas gestehen.«
   »Ach, du willst noch immer die Nuss knacken?«
   »Nein, ein Denkmal errichten.«
   Lou gab es auf, ihn zu analysieren, und wartete auf eine Erklärung. Ihr fiel auf, dass nur dieser Mann alkoholisiert anziehend wirkte.
   Adrian blieb stumm, während sein Blick sie nicht losließ. Ihr Herz klopfte plötzlich wie verrückt. Diese kastanienbraunen Augen waren magisch und zogen sie problemlos in seinen Bann. Sie schüttelte innerlich den Kopf. Was war nur los?
   »Komm, wir setzen uns«, schlug er vor.
   Sie nahmen Platz und schauten zum Meer. Nach einigen Minuten wusste Lou, dass sie keine Antwort bekommen würde. Was auch immer er damit meinte, er würde es nicht aussprechen können. Typisch Adrian. Manches konnte er nicht über die Lippen bringen.
   »Hättest du heute Morgen gedacht, dass ausgerechnet wir hier sitzen werden?«, fragte er.
   »Nicht in hundert Jahren. Wir befanden uns in unterschiedlichen Welten.«
   »Ich weiß nicht, auf welchem Planeten du lebst, aber ich befinde mich auf der Erde.« Adrian schubste sie sanft.
   Lou presste die Lippen aufeinander. »Wer ist der Freak unter uns, der selbst vor Lehrerinnen nicht haltmachte?«
   Er sah beleidigt aus. »Solchen Gerüchten schenkst du Glauben? Ich bin enttäuscht. Abgrundtief.«
   »Was war mit Frau Gonzalez?«
   »Mehr Geschmack traust du mir nicht zu?«
   »Warum? Sie war im Referendariatsjahr und gut aussehend. Außerdem warst du ständig von Frauen umgeben.«
   »Und weißt du, warum ich all diese Frauen hatte?«
   Auf einmal bückte sich Adrian zu ihr, nahm ihr Gesicht in die Hände und blickte Lou tief in die Augen. Die Intensivität fesselte sie.
   »Es war für dich. Weil du mit einem anderen zusammen warst und ich dich nicht haben konnte, musste ich mich anderweitig ablenken. Du hast keine Ahnung, was ich deswegen durchgemacht habe.« Er sah ernst aus, während er den Blick konstant hielt. »Hättest du das gern gehört?«
   Lou schluckte. Ohne es zu wollen, sagte sie die Wahrheit. »Vielleicht.«
   »Ein Möglicherweise reicht mir.« Adrian küsste sie, zärtlich und bestimmend zugleich.
   Das Herz klopfte Louisa bis zum Hals, weil es sich atemberaubend und beispiellos anfühlte. Er war männlich, seine Hände rau und sanft gleichermaßen. Dieser Kuss erwärmte ihr Inneres bis in den letzten Winkel. Parallel verursachte es ein Durcheinander von Emotionen. Wie konnte jemand unerwartet wieder in ihr Leben treten, es in diesem Ausmaß auf den Kopf stellen und sie im gleichen Augenblick faszinieren, fesseln, verzaubern?
   »Was war das?« Ihre Stimme zitterte. Verdammt! Sie wollte cool bleiben und ungerührt wirken.
   »Unser Anfang und mein Denkmal.«
   War die Zeit stehen geblieben, während sie sich anblickten?
   Lou wurde es zu viel. Sie drückte seine Hände weg, weil das Treffen und der Kuss, seine liebevollen Augen und ihr Gefühlschaos ihr Angst einjagten. Diese unerwartete Vertrautheit und die verwirrenden Emotionen verhinderten einen klaren Kopf. »Du bist unmöglich, Adi. Mach das nie wieder. Das wird sich nicht wiederholen«, stammelte sie und schaute weg. »Ich will keine Praline, verdammt. Sie sind zu gefährlich und verführerisch.«
   »Praline? Du magst doch gar keine Schokolade. Schau mich an.«
   Sie ignorierte ihn, weil sie den Verdacht bekam, dass Paris nicht nur für Samira schmerzhaft endete.
   Frankreich war verhext und nicht magisch.
   »Ich hab’s verbockt. Scheiße. Dabei war alles ins kleinste Detail geplant. Samira gewinnt eine Parisreise und schleppt dich zum Eiffelturm. Und wen triffst du? Mich. Dann der Strand bei Sonnenuntergang und dann der …«
   »Moment, willst du mir sagen, die Reise war kein Gewinn und du steckst dahinter?«
   Für einige Sekunden schien er zu überlegen, ob er es preisgeben sollte oder nicht. »Ich habe vor ein paar Wochen erfahren, dass du dich von Paul getrennt hast. Ich wusste, dass du Paris liebst.«
   »Du organisierst so etwas für mich, obwohl wir uns ewig nicht gesprochen haben?«
   »Es waren nur wenige Jahre Abstinenz, was jedoch nichts am Motiv ändert.« Er strich ihr eine Strähne hinters Ohr. »Wir waren seit dem Kindergarten ein Herz und eine Seele. Ich besuche immer noch den Baum, auf dem unsere Namen stehen.«
   »Daran erinnerst du dich?«
   »Selbstverständlich. Diesen Brief wollte ich dir in der neunten Klasse geben. Es war jedoch der Tag, an dem ich erfahren habe, dass Paul mir zuvorgekommen ist. Gott, wie ich diesen Typen gehasst habe.«
   Zunehmend wurde ihr bewusst, weswegen ihr all die Jahre sein Leben ebenfalls nicht egal gewesen war. Warum sonst hatte sich Lou darüber aufgeregt, dass er viele Affären hatte? Warum sonst hatte Paul Lou nie auf die gleiche Weise berührt wie dieser Mann? Und warum hatte sie eine Ewigkeit gebraucht, um es zu verstehen?
   Er reichte ihr den Brief, an dem Alter und Abnutzung sichtbar waren. Die Schrift war durchs viele Falten kaum lesbar.

Lou Sandor,
   wie fange ich an? Ich bin grottenschlecht beim Briefeschreiben. Nimm es mir nicht übel, okay? Tut mir leid, dass ich vor Jahren unsere Freundschaft auf dem Spielplatz gekündigt habe. Ach verflucht, ich schreibe Unsinn. Hör zu, ich weiß, dass wir seitdem schweigsam aneinander vorbeigehen und so tun, als kennen wir uns nicht. Ich war damals ein Idiot, als ich dir vorgeworfen habe, dass Samira dir mehr bedeutet als ich. Ich war eifersüchtig. Warum komm ich mir unmännlich vor, wenn ich das schreibe? Egal, ich mache Nägel mit Köpfen. Ich vermisse dich, Lou. Jeden gottverdammten Tag! Du bist das erste Mädchen, in das ich mich verliebt habe, und du wirst immer die Einzige bleiben. Ich will dich wiederhaben. Jetzt ist es raus. Puff.
   Lass uns morgen an unserem Baum im Oetkerpark treffen und sprechen. Lass mich bitte nicht hängen …

Adrian. (Der Idiot, der in Chemie schräg hinter dir sitzt und nicht die Eier in der Hose hat, dich anzusprechen.)


Lou ließ die Worte auf sich wirken, während sie das Meer betrachtete und Tränen wegblinzelte.
   »Was sagst du dazu? Du machst mich nervös. Weinst du?«
   »Nein.«
   »Natürlich nicht. Sprich bitte mit mir.«
   »Was ich denke?« Sie versetzte ihm einen Schlag gegen den Oberarm, auf den Adrian mit hochgezogenen Brauen reagierte.
   »So schlimm? Ich war vierzehn. Sei rücksichtsvoll.«
   Kopfschüttelnd stellte sich Louisa auf die Knie, um mit ihm auf Augenhöhe zu sein. »Adi, erstens war ich dir nie böse wegen der Spielplatzgeschichte. Eher zu stolz, um selbst anzukommen. Du warst mir immer wichtiger als Samira. Trotzdem konnte ich mit dir nicht gerade meine Fingernägel lackieren, du Blödmann. Und zweitens hättest du mir eine überlangweilige fünfjährige Beziehung erspart, wenn du mir dieses Papier früher gegeben hättest, anstatt jedes Mädchen in ganz Deutschland flachzulegen. Gott, ich könnte dich erschießen.« Sie drückte ihre Lippen auf seine, schlang die Finger in sein volles, seidiges Haar und genoss jeden Augenblick. Im Gegensatz zum ersten Kuss nahm sich Lou diesmal nicht zurück. Sie wusste, was sie tat und was sie wollte.
   »Ich hab die Nuss geknackt.« Adrian blickte sie liebevoll an.
   »Nein, gemahlen.«
   »Tut mir leid, Lou. Das mit Paul.«
   »Du kannst nichts dafür, dass ich dachte, ich hätte mich in ihn verliebt.«
   »Ich meine das Zögern. Ich hätte das längst bereinigen sollen.«
   »Aus Fehlern lernen wir.«
   Er nahm ihre Hand, grinste, bevor er sich erhob.
   »Wo willst du hin?«, fragte sie.
   »Motorradfahren. Wenn ich glücklich bin, muss ich auf die Maschine.«
   »Du hast getrunken.«
   »Du aber nicht.«
   »Aber …«
   »Keine Angst, ich bringe es dir bei. Ist ganz leicht.«
   »Adi, du bist verrückt.« Er zog sie an sich und küsste sie.
   »Es reicht, wenn du die Vernünftige bist.«

Kapitel 4
Köln, 01.08.07

»Es tut mir leid. Es war definitiv eine Herzattacke«, erklärte John, Bens Arzt und Kollege. »In den kommenden Stunden müssen wir einige Tests machen, um der Ursache auf die Schliche zu kommen.«
   »Wir wissen, was dabei rauskommt. Diesen Genfehler haben einige in meiner Verwandtschaft.« Wie konnte Ben diese Nachricht Mama übermitteln?
   »Trotzdem muss nicht das Schlimmste eintreffen. Entspann dich. Ich weiß, als Patient ist es keine brauchbare Aussage.« John goss Wasser für ihn ein.
   »Danke. Ich habe immer damit gerechnet. Keine Ahnung, warum. Ich wünschte nur, dass es mich später erwischt hätte. Nach dem Studium. Nicht jetzt.« Er trank das Glas in einem Zug leer und griff nach dem Handy. Selbst diese unscheinbare Tätigkeit kostete ihn einiges an Kraft. »Ich muss Mama benachrichtigen. Lass mir etwas Zeit, bevor wir beginnen, okay?«
   »Selbstverständlich. Ich lass dich allein. Du brauchst sie nicht anzurufen. Susi hat es für dich getan.« John verließ den Raum mit ausdruckslosem Gesicht.
   Ben kannte Johns Situation, denn ihm gingen oft Patienten an die Nieren. Er fragte sich, wieso ausgerechnet ein vierköpfiger Familienvater, der in den frühen Morgenstunden von der Nachtschicht zurückkam, von einem Auto angefahren wurde und für immer ein Invalid blieb.
   Er war dankbar dafür, noch keinen Freund oder Bekannten auf dem Patientenbett vorgefunden zu haben. Es war schwer genug, Fremde aus dem Kopf zu bekommen.
   Zehn Minuten später hörte Ben Absatzschuhe im Flur. Sie kündigten Mutter an. Sie hielt nichts vom Klopfen und platzte in den Raum. Ihre hellblauen Augen waren gerötet, ihre Haut blass.
   »Benedikt Davids, du liegst im Krankenhaus, und ich werde erst Stunden später benachrichtigt? Du willst mich umbringen.« Sie brachte mit einigen Griffen das blondierte Haar in Ordnung. Ihre Art, sich zu beruhigen.
   »Wenn ich dich vorher angerufen hätte, hättest du hier stundenlang meine Kollegen in den Wahnsinn getrieben. Sieh es als Schutzmaßnahme.«
   »Ben, das hier ist weit weg von witzig. Sag mir bitte, was passiert ist.«
   »Hab’ einen zu viel getrunken.«
   »Benedikt.«
   »Ich hatte in der Natur Sex. Sollte man wirklich nicht tun. Ist zu gefährlich.«
   Sie schlug sich die Hände vor das Gesicht und atmete unregelmäßig.
   »Mama.«
   Er hob die Hand und ließ sie wieder sinken, weil sie zu weit weg war und es ihm zu schwerfiel. »Sieh mich bitte an, es ist nicht so schlimm wie damals. Mir geht es bestens.«
   Sie drehte ihm den Rücken zu und gab vor, aus dem Fenster zu schauen. Es war klar, dass sie weinte. Sie versteckte sich immer dabei, weil es in ihren Augen eine Schwäche darstellte. In solchen Momenten konnte sie ihre toughe und starke Seite nicht zeigen, die sich Mama als Richterin angeeignet hatte.
   »Dreh dich bitte her. Wenn du nicht aufhörst, werde ich womöglich rüberkommen und dir dein Haar durcheinanderbringen.«
   »Hör auf zu scherzen, Liebling. Bitte, nur dieses eine Mal. Du bist alles, was ich noch habe. Reicht es nicht, dass Luke es auf die leichte Schulter genommen hatte und wir ihn beerdigen mussten? Die Sache ist ernst.«
   Als Ben sechzehn war, wurde bei seinem vierzehnjährigen Bruder ein in der Familie häufig auftretender Herzfehler entdeckt. Ein halbes Jahr später war er tot.
   Die Ärzte hatten das Krankheitsbild zu spät diagnostiziert, dementsprechend hatte er nur eine geringe Überlebenschance. Er kam sofort auf die Warteliste für ein Spenderorgan und bekam zur Überbrückung einen Defibrillator. Beides half ihm nicht mehr. Luke war nicht nur der Grund dafür, dass Ben Kinderarzt werden wollte, sondern auch sein Vorbild.
   Welcher sterbenskranke Vierzehnjährige versuchte, seine Mutter in Watte zu packen, indem er sich über alle möglichen Dinge im Krankenhaus lustig machte? Er hatte jeden Tag positiv begonnen und etwas zu seiner To-do-Liste hinzugefügt. Luke hatte nicht eine Minute daran gedacht, dass er wirklich sterben würde oder zumindest nie in Selbstmitleid gebadet. Nicht jeder Teenager akzeptierte seine Krankheit und reagierte mit Zuversicht darauf. »Ich soll die Fakten auf den Tisch legen?«
   »Bitte. Sag einfach, wie schlimm es aussieht. Du bist Arzt.«
   Ben wünschte sich, sie in den Arm zu schließen, aber sie stand weiterhin am Fenster. Mama brauchte bei solchen Neuigkeiten Abstand. Gab es nichts auf der Welt, um ihr dies zu ersparen? Er hätte alles dafür getan. »Ich hatte eine Herzattacke. Es könnte am Stress liegen, oder …«
   »Sprich bitte weiter. Versuch nicht, mich zu schonen.«
   »Oder es liegt an meinem Herzen. Dem Genfehler. Dann brauche ich ein Kunstherz und werde in die Warteliste eingetragen für eine Organspende. Ein Defibrillator hält nicht ewig.«
   »Es ist noch grauenhafter, als ich es geahnt habe.«
   »Mama, sieh mich an. Letzteres muss nicht eintreffen. Wahrscheinlich ist eine Behandlung mit Medikamenten. Ich möchte dir nur die Wahrheit über alle möglichen Diagnosen verständlich machen.«
   »Du hast recht. Ich bin feige.« Mit schnellen Schritten trat sie an sein Bett, setzte sich und griff nach seiner Hand.
   »Das bist du nicht. Vielleicht melodramatisch, aber nicht feige.«
   »Ben.«
   Er musste über ihr sorgenvolles und verärgertes Gesicht schmunzeln. »Wir sollten die nächsten hundert bis zweihundert Tage sinnvoll nutzen. Wie wäre es, wenn wir nach Amerika fliegen? Ich liebe Kalifornien.«
   Mutter legte ihre Stirn in Falten. Ein Anzeichen dafür, dass sie ihn am liebsten erwürgt hätte oder an seiner geistigen Gesundheit zweifelte. »Du bist maßlos. Sag so etwas nicht.«
   »Wenn ich es glauben würde, hätte ich es nicht ausgesprochen. Selbst wenn ich kein Glück habe, schaffen wir auch das. Versprochen.«
   Sie musterte Ben lange und streichelte ihm übers Haar, als wäre er sieben Jahre alt. »Ach, mein kleiner Junge. Nimm mich in den Arm.« Während sie den Kopf auf seine Schulter legte, erinnerte er sich an das letzte Greifbare, bevor er das Bewusstsein verloren hatte.
   Und diese Erinnerung führte dazu, dass Ben bereits vor den Testergebnissen wusste, was dabei herauskommen würde. Er drückte seine Mutter tröstend.
   »Ben, dein Vater …«
   »Ist schon okay. Er muss nicht kommen.«

»Bist du sicher, dass ich dich nicht zurück ins Zimmer schieben soll?«, fragte Julia, eine Krankenschwester. »Du solltest dich ausruhen.«
   »Ich weiß. Trotzdem brauche ich frische Luft. Gib mir bitte eine Stunde.«
   »Wenn der Arzt fragen sollte, ich war es nicht.«
   »Du bist ein Segen, Jul. Danke.«
   Ben saß im Rollstuhl im Garten der Klinik. Er hatte Aussicht auf die Straße und beobachtete den Betrieb. Es war sonnig und warm. Viele Menschen gingen spazieren und verspeisten Eis, genossen das Wetter und ihr Leben. Sie lachten und zogen Grimassen.
   Alles schien normal. Nicht für Ben. Er hatte Gewissheit.
   Sein linker Herzmuskel funktionierte kaum noch aufgrund einer Fehlbildung. An dem gleichen Fehler waren sein Urgroßvater, im Alter von dreißig, und Luke bereits gestorben. Seinen Großvater und Dad hatte es übersprungen. Auch wenn er zuerst mit blutverdünnenden Medikamenten behandelt werden würde, hatte er wenig Hoffnung, dass es auf Dauer etwas brachte. Sicher müsste er ein Kunstherz bekommen und würde in die Warteliste eingetragen für ein Spenderorgan. Gott, darüber wollte er überhaupt nicht nachdenken.
   Das Herz eines Fremden.
   Und selbst das nur, wenn er wirklich Glück hatte. Ein Tod war viel wahrscheinlicher. Unausweichlich.
   Damit wollte sich Ben lieber erst beschäftigen, wenn es so weit war. Es sah schließlich nicht gänzlich schwarz für ihn aus. Vorerst. Er sollte versuchen, es gedanklich zu verschieben.
   Warum jetzt?
   Hätte es nicht warten können, bis Ben zumindest das Studium geschafft hatte? Warum traf es wieder seine Mutter? Sie musste bereits ein Kind begraben, reichte es nicht? Irgendwann musste es ein Ende geben. Diese Familie hatte genug gelitten.
   War es nicht schwer genug, mit einem drohenden Unheil zu leben? Musste es auch eintreffen?
   Ben saß da, malte sich sein bevorstehendes Leben aus und wusste, dass es kein Zuckerschlecken werden würde. Einerseits war er wütend darüber, andererseits fasste er es fast resigniert auf.
   Er hatte es kommen sehen. Sein halbes Leben hing es wie ein Schwert über seinem Kopf, bedrohlich und unheilvoll. Lukes Tod zeigte ihm, wie schnell das Leben vorbei war. Von einem Tag auf den nächsten. Er hatte immer gewusst, dass es auch bei ihm passieren würde.
   Der Zorn galt überwiegend dem Zeitpunkt. Mitten in dem, was ihm am Wichtigsten war. Ben hatte sich nie viel vorgenommen fürs Leben, nie an Familiengründung gedacht oder daran, sich häuslich niederzulassen. Eines wollte er jedoch um jeden Preis: Kinderarzt werden, dessen oberste Priorität die Patienten waren.
   Ben wurde aus den Gedanken gerissen, als ihm eine Hand auf die Schulter gelegt wurde. Es war Laura.
   »Wie geht es dir?« Ihre Stimme klang verunsichert.
   »Bestens. Der Rollstuhl ist nur zur Sicherheit, damit ich nicht umkippe.« Er zwinkerte ihr zu, um ihre Besorgnis zu vertreiben. »Kriege ich keinen Kuss?«
   Statt zumindest zu schmunzeln oder ihre Lippen auf seine zu legen, presste sie den Mund fest zusammen und betrachtete ihn, als wäre er ein Fremder. »Wir müssen reden. Ich weiß, dass du einiges durchgemacht hast, aber es war auch hart für mich gestern. Deswegen …«
   Sie ließ einen Blick über Ben schweifen, der fast überheblich war. Es war nicht schwer dahinterzukommen, was Laura ihm sagen wollte. »Hart für dich? Natürlich. Habe ich dich mit meiner Herzattacke zu sehr belastet? Oder stört es dich, mit einer Person zusammen zu sein, die in der nächsten Zeit ans Krankenhaus gefesselt sein wird?«
   »Ben! Ich bin zu jung, um an jemanden wie dich gebunden zu sein. Es tut mir leid. Wirklich.«
   Wut packte Ben. Nicht nur, weil er von Anfang an wusste, dass sie zu keiner sinnvollen Beziehung fähig war, sondern weil er anscheinend trotzdem mehr erwartet hatte. Sie hätte zumindest einige Wochen warten können, anstatt ihn gleich am nächsten Tag abzuservieren. Verdammt, wie lange war es her? Acht oder zehn Stunden? »Wenn es dir leidtut, ist das selbstverständlich in Ordnung. Willst du das ernsthaft von mir hören? Verflucht, Laura! Hättest du nicht warten können? Musste es jetzt sein?«
   Sie verschränkte ihre Arme vor der Brust. »Soll ich dir etwa eine Beziehung vorheucheln? Gerade du legst doch so viel Wert auf Ehrlichkeit.«
   »Du hast mich falsch verstanden. So etwas will ich nicht. Es hätte mir nur gezeigt, dass ich nicht mit einem vollkommen herzlosen und unmoralischen Menschen liiert gewesen war.«
   Ihr Mund öffnete sich nur, um sich wieder zu schließen. »Du bist das Letzte. Ich wollte auf einer normalen Ebene mit dir sprechen, aber du musst gleich beleidigend werden.«
   »Beleidigend«, wiederholte Ben. »Dein Verhalten ist natürlich viel besser. Du servierst mich ab, im schlimmsten Moment meines Lebens. Na gut. Ich werde es überstehen. Eine Frage noch: Hattest du etwas mit Matthias?«
   »Nein.« Sie blickte weg.
   »Also doch.«
   »Weißt du was, wenn du es unbedingt wissen willst, bitte! Ja, ich hatte etwas mit ihm. Zweimal. Bist du zufrieden? Es hätte mit uns nie so enden müssen.« Trotzig wandte sie sich ab und stampfte davon.
   »Laura! Du solltest anfangen, Geld dafür zu nehmen.« Im ersten Moment zog sie die Augenbrauen fragend zusammen, bis sie begriff und Ben den Mittelfinger zeigte.
   Er war nicht naiv. Es war klar, dass sie ihn nicht lange ausgehalten hätte. War wenigstens Treue zu viel verlangt?
   »So habe ich meinen Sohn aber nicht erzogen«, bemerkte Mama.
   »Ich habe mich doch benommen. Lass mich raten, du hast alles mitbekommen?«
   »Nicht ganz, sei unbesorgt. Nur den letzten Teil. Du hast Schlampe nett umschrieben.«
   »Somit bin ich doch gut erzogen.«
   Sie gab Ben einen Kuss auf die Wange. »Ich bin froh, dass du sie los bist. Sie ist schrecklich.«
   »Musst du heute nicht arbeiten? Mein Liebesleben ist ein Tabu.«
   Sie schüttelte den Kopf und schob ihn ins Innere des Gebäudes. »Es gibt Wichtigeres. Wir müssen mit deinem Arzt reden.« Ihre Stimme klang kontrolliert, obwohl sie es zu verbergen versuchte und sich räusperte.
   »Woher weißt du es?«
   »Mutterinstinkte.«
   »Was sonst.«
   »Ben, dein Vater, du kennst ihn, er …«
   »Ist schon gut. Er muss nicht kommen. Das habe ich dir doch schon mehrfach gesagt.«
   Dad verband mit Krankenhäusern Sterbende. Es war nicht nur wegen Luke, bei dem er immer wieder über seinen Schatten springen musste. Der beste Freund wurde mit Magenschmerzen eingeliefert und überlebte es nicht. Er starb an Krebs. Danach konnte Dad kaum einen Schritt hineinwagen, ohne daran erinnert zu werden. Nach Luke wurde es noch schlimmer. Als sein Großvater letztes Jahr wegen eines Knochenbruches behandelt wurde, hatte er ihn nicht ein einziges Mal besucht oder gar Kleidung gebracht.
   Er versteckte sich lieber hinter Aktenkoffern und Mandanten. Jura war für ihn das, was für Ben Medizin war.

Kapitel 5
Bonn, 10.09.08

»Ihr Rückgeld.«
   Lou packte die Lebensmittel ein und verließ den Supermarkt.
   Diesen Abend wollte sie etwas Besonderes kochen, um ihren Liebsten gesprächig zu machen. Während sie ins Auto stieg, fiel ihr Blick auf die Kette, die am Rückspiegel hing. Sie bestand aus Gold mit einem zierlichen Kreuz. Es erinnerte sie an die schönste Zeit in ihrem Leben. An Frankreich.
   Adrian hatte sie ihr am Tag der Rückreise geschenkt.
   Paris endete überraschenderweise für keines der Mädels schmerzhaft. Samira hatte Jerome an sich gefesselt, indem sie ihm nach dem One-Night-Stand die kalte Schulter gezeigt hatte. Sie hatte ihre Taktik, wie sie es nannte, geändert und die Unerreichbare gespielt. Es fruchtete. Jerome wich ihr kaum noch von der Seite.
   Die Beziehung zwischen Adrian und Lou ging genauso verrückt weiter, wie sie begonnen hatte. Ein halbes Jahr nach Paris zogen sie zusammen. Aus Bielefeld wurde Bonn, weil Lou heimlich eine Bewerbung in Adrians Namen zu einer Filmakademie geschickt hatte, die sich dort befand und die ihn aufnahmen. Sie landeten in einer beschaulichen Dreizimmerwohnung.
   Ihre Einrichtung war so bunt wie ihr Leben. Viele Möbelstücke und Dekorationen erbeuteten sie bei Flohmärkten. Einiges hatte Adrian selbst gebaut.
   Das Zusammenleben verlief meistens absolut reibungslos.
   Es wurde oft gesagt, dass Töchter die Kopie des Vaters heirateten und Söhne die der Mütter. Lou hatte bei diesem Spruch immer heftig den Kopf geschüttelt. Es war eine Täuschung.
   Adrian war der Spontane, Verrückte und überraschte sie häufig mit Motorradtouren, Wanderungen und romantischen Abenden. Sie wiederum war eher damit beschäftigt, die Rechnungen rechtzeitig zu überweisen, den Kühlschrank zu füllen und Finanzen zu regeln. Es war fast unmöglich, das einzugestehen.
   Dad und Adrian waren sich verdammt ähnlich.

Lou schrieb an einer Kritik für ein Theaterstück, das momentan im Stadttheater vorgeführt wurde. Es war eine moderne Ausgabe von Schillers Kabale und Liebe. Möglicherweise lag es daran, dass sie die konventionelle liebte, aber sie fand es grauenhaft. Das Stück war wie eine typische Hollywood-Liebesschnulze mit der Ungereimtheit, dass der sexy Hauptcharakter die Nerven verlor und seine elegante Angebetete tötete. Die eigentlichen Probleme und Aussagen, wie der Ständeklausel und die bürgerlichen Werte, fielen unter den Tisch. Mit dieser Einstellung könnte sie auch gleich Büchners Woyzeck aus bürgerlicher Sicht neu verfassen.
   Lou überflog den Verriss mehrfach und sendete ihn anschließend an den Redakteur der Bonner Zeitung.
   Das Handy klingelte. Es war Adrian. Ihr Magen schwoll an.
   Seit vierzehn Tagen benahm er sich merkwürdig, blickte ihr kaum in die Augen und war abwesend. Was hatte er nur auf dem Herzen? Ständig wich er ihr aus, fuhr weg, ohne zu sagen wohin. Einmal blieb er über Nacht weg und stammelte nur, dass er bei seinen Eltern gewesen sei. Na klar.
   Warum hatte Adi sie nicht mitgenommen? Sie fuhren immer gemeinsam. Lous Eltern und Freunde lebten schließlich ebenfalls dort.
   Als Adrian das dritte Mal anrief, ging sie dran, obwohl sie ihn am liebsten ignoriert hätte. Sein seltsames Verhalten kam plötzlich. Von einem Tag auf den nächsten war alles angespannt und verwirrend, als wären wieder Welten zwischen ihnen. Die Angst, es könnte so bleiben, ließ Lou nachts wach liegen. Sie konnte ihn nicht erneut verlieren. »Sandor. Guten Tag.«
   »Sehr witzig, Süße.« Er lachte.
   »Ach, Adrian altes Haus! Mensch, ich dachte, du wärst vom Erdboden verschluckt.«
   »Lou, ich verstehe schon.«
   »Wir haben uns ewig nicht gesprochen. Erzähl, bist du noch Polizist? Fährst du noch Motorrad? Hast du eigentlich mitbekommen, dass ich in Bonn lebe?«
   »Ich verstehe den Wink.«
   »Wohnst du in Bielefeld? Wie ist das Wetter? Hier herrscht Eiszeit.«
   »Babe, ich hab’s gecheckt.«
   »Nein, du Blödmann. Eben nicht. Du verstehst nichts!«
   Er seufzte. »Habe ich dir schon gesagt, dass du dich eher niedlich als Angst einflößend benimmst, wenn ich Mist gebaut habe? Mach mir die Tür auf, dann mache ich es wieder gut. Ich hab’ meinen Schlüssel vergessen.«
   »Nein.« Ihre Stimme klang zum Glück ernst. Lou lief natürlich trotzdem zur Tür und spähte durch den Spion. Er stand da mit seiner gut sitzenden Lederjacke und einem riesigen Strauß roter Rosen.
   »Verstehe. Dann solltest du aber auch nicht durchs Loch gucken. Komm schon. Lass mich mein Verhalten erklären.«
   »Ich spioniere nicht. Du kannst dort meinetwegen Wurzeln schlagen. Die Rosen kannst du auch mitnehmen.«
   »Ich wusste nicht, dass du seit Neuestem Hellseherin bist. Ich habe die Rosen nicht erwähnt. Der Gedanke daran, ich sei mit einer Hexe zusammen, ist sexy. Welche Frau kann schon durch Türspione blinzeln?«
   »Dir ist nicht mehr zu helfen.« Lous Wangen brannten.
   Dieser charmante Mistkerl!
   »Mach auf, bitte. Ich vermisse dich, Liebling.« Er grinste schief. Und er wusste genau, dass Lou diesem Lächeln nicht widerstehen konnte. Leider nie.
   Sie öffnete die Tür einen Spaltbreit und versuchte, böse auszusehen. Schwer bei ihm. »Gib mir die Blumen. Du kannst wieder gehen.«
   »Lou.«
   Wieso klang seine Stimme immer sanft und anziehend?
   »Ich weiß, dass ich dich in den letzten Tagen nicht gebührend behandelt habe. Dafür gibt es einen Grund, der nicht ohne Weiteres akzeptierbar ist.«
   Das Flirtende verschwand bei ihm und ließ etwas Besorgtes aufblitzen. Verdammt, Adrian musste wirklich Dreck am Stecken haben. Ihre Wut verpuffte. Sie nahm seine Hand und zog ihn in die Wohnung. »Was ist los? Du machst mir Angst.«
   Er lächelte wieder. »Bekomme ich keinen Kuss?«
   »Erst, wenn die Fakten auf dem Tisch liegen.«
   »Die Journalistin spricht.« Trotzdem wurde sie ignoriert, denn er nahm ihr Gesicht in die Hand und küsste sie.
   »Ich hab dich auch vermisst, Adrian. Wenn du das nächste Mal beschließt, mich von dir zu stoßen, trete ich dir in die Eier. Es gibt nichts, was mich an dir stört oder womit du mich vertreibst. Na ja, vielleicht Fußpilz.« Sein angenehmes Lachen füllte den Flur.
   »Okay. Merk ich mir. Fußpilz ist ein Tabu.« Etwas lag auf seinen Zügen, während er sich abwandte und vor ihr in die Küche ging. Typisch.
   Wenn Adrian ihr etwas Schwieriges erzählen wollte, musste er sich erst ablenken. Er kochte Kaffee oder hämmerte ein Regal an die Wand. Diesmal machte er Sandwiches.
   »Ich habe einen Sohn. Er heißt Levi Jorden. Vor zwei Wochen habe ich es erfahren.« Sein Blick fixierte die Tomate, die er in Scheiben schnitt. »Der Vaterschaftstest kam gestern. Der Kleine wird bei uns leben. Ich habe das alleinige Sorgerecht. Es tut mir leid, Lou, dass ich dich vor vollendete Tatsachen stellen muss.«
   Lou schluckte. Fünf Sekunden herrschte Stille.
   »Wer ist die Mutter?« Es kam nur ein dünnes Stimmchen zum Vorschein. Sie räusperte sich.
   »Gina. Ich hatte eine Affäre mit ihr vor fast zwei Jahren. Kurz vor uns.«
   Louisa musste den Kloß in ihrem Hals mühsam hinunterschlucken. »Liebst du sie? Ich meine, Gina.«
   »Nein, habe ich nie.«
   »Das heißt, dein Sohn wird ohne Mutter bei uns leben?«
   Erst da begriff Adrian, was Lou eigentlich meinte, und wandte sich ihr zu. Seine Stirn lag in Falten. »Dachtest du etwa, dass ich dich verlasse und zu ihr zurückgehe, weil wir einen Sohn haben, den sie mir verheimlichte?« Sein Blick sprach Bände.
   Wut packte Lou. Sie griff nach einer Zeitung und schlug ihn. »Du Idiot! Seit zwei Wochen behandelst du mich wie Luft. Verdammt! Ich dachte, du hast es dir anders überlegt und es wäre aus zwischen uns. Warum konntest du dich mir nicht einfach anvertrauen? Bin ich dir nichts wert? Hab ich kein Mitspracherecht?«
   Adrian hielt ihre Handgelenke fest, damit sie ihn nicht weiter attackierte. Er verkniff sich mühsam ein Grinsen. Gott, warum nahm dieser Mann sie nie ernst, wenn sie vor Zorn beinah platzte?
   »Ich musste eine Entscheidung fällen, Lou. Es ist mein Sohn. Du musst es entweder akzeptieren, ansonsten wird es …«
   Tränen stiegen ihr in die Augen. »Das meinte ich nicht, Adrian. Es geht mir darum, dass du es mir hättest sagen können. Ich will deine Vertraute sein, die, die dich unterstützt, dir Lasten abnimmt. Denkst du allen Ernstes, dass ich deinen Sohn nicht akzeptieren würde oder dir eingeredet hätte, dass du ihn ignorieren sollst? – Das beleidigt mich. Niemals hätte ich dir deswegen Vorwürfe gemacht. Bei deinem früheren Leben kommt es nicht überraschend.« Lou wich zurück, denn sein Verhalten hatte sie zum ersten Mal verletzt.
   Adrian hatte es sicher nicht bedacht. Er musste es verdauen und brauchte Zeit. Trotzdem hätte sie sich gewünscht, dass ihre Beziehung in einem Stadium wäre, in dem sich Adi ihr in allem sofort anvertraute.
   Adrian hatte einen Sohn. Einen Sohn. Das würde alles in ihrem Leben verändern. Und es kam verdammt plötzlich.
   »Nicht weinen, Lou, bitte«, flüsterte er.
   »Tu ich nicht. Niemals.«
   »Natürlich nicht. Hab ich vergessen.« Adrian nahm sie in den Arm und streichelte ihr über den Kopf. »Ich bin ein Trottel. Ich hätte es wissen müssen. Du bist zu gut für mich.«
   »Blödmann. Erzähl mir bitte die ganze Geschichte.«
   »Ginas Eltern standen vor zwei Wochen bei meinen vor der Tür. Sie haben ihnen gesagt, dass ich einen Sohn habe und Verantwortung für ihn übernehmen müsse. Dass ich ahnungslos war, wussten sie nicht.« Er hielt inne und setzte sich an den Tisch.
   Lou folgte ihm.
   »Gina ist drogensüchtig und kommt höchstwahrscheinlich ins Gefängnis. Levi ist größtenteils bei seinen Großeltern aufgewachsen. Er ist sechzehn Monate alt.«
   Es entstanden einige Schweigesekunden.
   »Sechzehn Monate, die dir keiner mehr gibt.«
   Adrian erwiderte ihren Blick. »Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Ich war davon abgelenkt, in welche schrecklichen Verhältnisse er überhaupt hineingeboren wurde. Mich macht es krank, dass sie es verschwiegen hat. Ich hätte ihn sofort zu mir genommen. Wir waren bei seiner Geburt bereits zusammen und hätten ihm ein besseres Zuhause schenken können.«
   Er rieb sich erschöpft über die Stirn und ließ dabei die Maske fallen, die seine Sorgen und wahren Gefühle versteckt hatte. Lou erschrak, weil sie ihren Liebsten noch nie so gesehen hatte.
   »Adi, wir schaffen das schon. Ihm wird es nie wieder an etwas fehlen. Versprochen. Irgendwann wird sich alles einrenken. Bitte erzähl mir beim nächsten Mal sofort, sollte etwas auf dir lasten.«
   »Habe ich dir schon gesagt, dass du zu gut und intelligent für mich bist?«
   »Nein, bin ich nicht. Du machst es dir nur gern schwer im Leben.«
   Nach einigen Sekunden bückte sich Adrian zu ihr und legte die Lippen auf ihre. »Sei bitte ehrlich, macht es dir etwas aus? Ich meine, ich brauchte zwei Wochen, um es zu verdauen. Du bist so ruhig.«
   Es war klar, dass für sie ein neuer Lebensabschnitt begann. Und natürlich musste Lou es verarbeiten. Zusätzlich bedrückte sie etwas, das sie lieber ignorierte. »Nein, deinen Sohn würde ich niemals ablehnen.«
   »Aber …« Zärtlich strich er ihr eine Haarsträhne hinters Ohr. »Lou, komm schon. Ich sehe es dir an.«
   »Es ist lächerlich. Wir sollten nicht darüber reden. Erzähl mir lieber etwas über Levi. Wo ist er?« Lou stand auf, weil sie Abstand brauchte.
   Adrian folgte ihr und legte die Hand auf ihre Hüfte. »Nichts ist lächerlich, wenn es um dich geht.«
   »Es ist unwichtig.«
   »Bitte, Babe. Sag es.«
   »Ich dachte nur, dass wir irgendwann zusammen das erste Kind bekommen. Du weißt schon, dass ich diejenige bin, die dir eines gebärt. Wie gesagt, es ist albern.«
   »Lou«, seine Stimme klang seidenweich. »Du wirst die Frau sein, die ihn erziehen wird. Das ist viel mehr wert. Außerdem werden wir auch Kinder haben, das verspreche ich dir. Wenn du möchtest, bekommen wir eine ganze Fußballmannschaft.«
   »Daran habe ich nicht gedacht. Ans Erziehen.«
   »Das sollte ich schriftlich vermerken. Du hast etwas nicht durchdacht. Du wirst es prima machen, Süße. Besser als ich.« Er küsste ihre Nasenspitze. »Du musst Levi kennenlernen. Komm, wir fahren in die Heimat.«

Adrians Eltern lebten auf einem umgebauten Bauernhof im buchstäblichen Nichts, umrandet von Feldern, Wiesen und einem Wald. Ihre Nachbarn waren einen Kilometer entfernt, genauso wie jede Zivilisation. Er parkte das Auto auf dem Vorhof und öffnete die Tür für Lou. Adi legte selbst nach einem Jahr Beziehung viel Wert darauf, ein Gentleman zu sein. Er schloss die Haustür auf und ließ sie vorgehen. Bevor sich Lou überhaupt auf die Situation vorbereitet hatte, lief ein kleiner Junge auf wackligen Beinen auf sie zu.
   Die Arme streckte er aus, als würden sie sich kennen. Levi war nicht nur das schönste Kind, das Lou jemals gesehen hatte, sondern Adrians Ebenbild. Die Locken des Jungen waren einen Tick heller als seine, die Augen ebenfalls kastanienbraun.
   Lou vergaß jegliche Bedenken, kniete sich hin und nahm ihn auf den Arm. »Hallo Levi, du bist genauso wenig schüchtern wie dein Vater.«
   Er grinste sie zahnlos an und spielte an ihrem Ohrring. »Brumm Brumm.« Er deutete nach draußen.
   »Ein Auto.« Lou spürte Adrians Blick. »Er ist bildschön, Adi.«
   »Weißt du noch, als ich damals am Strand gesagt habe, das wäre unser Anfang?«
   »Natürlich.«
   »Ich habe mich geirrt. Jetzt ist unser Anfang.« Adrian legte die Hand auf ihren Nacken und küsste sie.
   »Liebes, kommt rein. Hat er es endlich übers Herz gebracht und es dir erzählt?« Adonia, Adrians Mutter, stand am Rahmen zum Wohnzimmer. Sie hatte langes schwarzes Haar und ein breites Lächeln. »Und war es so schlimm, Liebling? Ich hab’s dir gesagt! Lou wird dich dafür nicht umbringen.«
   »Ich habe ihn fast umgebracht«, widersprach sie.
   »Stimmt. Mit einer Zeitung. Ich musste sie aufhalten, ansonsten wären die Tomatenscheiben quer durch die Wohnung geflogen«, fügte Adrian hinzu und nahm ihr den Jungen ab.
   »Bist du dir sicher, dass du keine italienischen Wurzeln hast? Dein Temperament ähnelt unserem.«
   »Adrian muss mich angesteckt haben.«
   Im Wohnzimmer war der Esstisch reichlich gedeckt. Mütter neigten dazu, für zwanzig Leute zu kochen, obwohl man nur zu fünft war. Es gesellte sich Adrians Vater dazu.
   Eduardo war ein hochgewachsener Mann mit grauen Schläfen und buschigen Augenbrauen. »Ich konnte deine Mutter nicht stoppen. Du kennst sie. Nicht einmal Levi konnte sie aus der Küche holen«, erzählte er.
   »Der Kleine hat mir geholfen. Außerdem ist gutes Essen wichtig. Unser Enkel muss wachsen, und Lou braucht starke Nerven, um unseren Sohn zu ertragen.«
   Adrian lachte und gab Lou einen Kuss. »Du hast mich erzogen. So schrecklich kann ich nicht sein.« Er zog für sie den Stuhl zurück. »Bin ich schlimm?«
   Lou zuckte mit den Schultern und beobachtete Levi dabei, wie er Bauklötze auf dem Boden stapelte. »Hin und wieder. Unsere Zahnpasta ist ständig offen.«

Am Abend nahmen sie Levi zu sich. Sein Besitz füllte nicht einmal den Kofferraum aus, und das Wenige hatte Adrians Mutter besorgt. Es war ein Reisebett, etwas Spielzeug und Kleidung. Zuerst legten sie ihn provisorisch im Arbeitszimmer schlafen. Am nächsten Tag kauften sie Möbel, Kleidung und alles, was ein Kind benötigte. Die Wände wurden himmelblau. Lou dekorierte sein Zimmer liebevoll mit zahlreichen Bildern, Kuscheltieren und Kerzen.
   Die Umstellung fiel ihnen einfacher als gedacht. Levi war pflegeleicht, schlief nachts durch und war unglaublich lieb.

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