Schon vor der Hochzeit untreu? So weit kommts noch! Umgehend jagt Patsy ihren Verlobten zum Teufel und geht mit ihrer Schwester Amy auf Karibik-Kreuzfahrt. Statt Liebeskummer stehen Beachboys, Pool und Party auf dem Programm. Bis Amy dem geheimnisvollen Schiffszauberer begegnet. Fremd und auf seltsame Weise vertraut, verwandelt er ihr wohlgeordnetes Durchschnittsdasein in ein Wechselbad der Gefühle. Sucht der arrogante Showstar nur einen neuen Fan, um seine Eitelkeit zu befriedigen? Oder steckt mehr hinter dem Mann mit der perfekt modellierten Fassade, der sie zu verzaubern versucht? Amys Herz gehört noch immer ihrem viel zu früh verstorbenen Ehemann, dennoch kann sie sich dem Charisma des Magiers nicht entziehen. Denn tief in ihm lauert ein Geheimnis, das ihrer beider Zukunft völlig auf den Kopf stellt … „Wellenspiel der Liebe“ ist eine Reise voller Zauber, Liebe und Sehnsucht. Band 1 der romantischen Mermaid Cruises-Reihe.

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ISBN: 978-9963-53-751-8

Seiten: 310

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Susan Florya

Susan Florya
Susan Florya wurde 1969 während einer Urlaubsreise in Istanbul/Türkei als Bäckerstochter geboren. Aufgewachsen ist sie in Dortmund und mitten im Rheinland. Nach dem Abitur folgte eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau, heute verdient sie ihre Brötchen als kaufmännische Angestellte eines großen Unternehmens in Düsseldorf. Schon als Kind hat sie stets Geschichten erfunden und aufgeschrieben. Bis heute ist ein Leben ohne Bücher für sie undenkbar. Ihre zweite große Leidenschaft - das Reisen - wurde ihr praktisch mit der Geburt in die Wiege gelegt. Ihre beiden liebsten Hobbys verbindet sie nun, indem sie ihre gefühlvollen Geschichten in fernen Ländern ansiedelt und ihre Leser/-innen auf diese Art an einige der interessantesten Orte der Welt entführt.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Ausgerechnet eine Zaubershow! Sie saß wirklich im Theater und wartete auf den Beginn einer Zaubershow. Dabei hatte in ihrem Horoskop nichts davon gestanden, dass sie einem Anfall von geistiger Umnachtung erliegen würde …
   Zersägte Jungfrauen und peinliches Getue mit Zauberstab und Hokuspokus … Unfassbar, dass sich in Zeiten von Facebook und YouTube tatsächlich noch jemand von müden Kartentricks begeistern ließ. Hoffentlich holte der Typ nicht auch noch ein Karnickel aus seinem Zylinder, oder hatte der womöglich sogar eine Schar Mümmelmänner an Bord? O Mann, sie hatte so überhaupt und absolut gar keine Lust auf diese Zaubershow!
   Patsy dagegen guckte bereits mit Sternchenaugen durch die Gegend. Fehlte nur noch, dass sie vor lauter Aufregung in die Hände klatschte. Aber Patsy sah die Welt ja sowieso nur durch die rosarote Brille. Wenn alles nach Plan gelaufen wäre, säße sie jetzt mit Alan-du-kannst-mich-mal hier. Kuschlig Arm in Arm. Ach was! Die beiden hätten gar keine Zeit für eine doofe Zaubershow, weil sie sowieso nicht aus ihrer Kabine … Mit pinkfarbener Spielwiese und Champagner, statt steifer Sessel und Caipirinha aus Plastikbechern. Alan war nicht hier. Störte Patsy aber herzlich wenig, dass sie mit ihr im schwimmenden Theater hockte, statt mit Mr. Weiberheld durch die Flitterwochen zu schippern. Typisch Patsy. Wen interessiert die große Liebe von gestern? Schwungvoll drapierte sie ein weiteres Mal ihre topmodisch kupferblond gefärbte Mähne und sah sich um, als wäre sie im Onlinekatalog gut betuchter Junggesellen unterwegs.
   Sie dagegen war so unscheinbar, dass man sie im Flugzeug während des Getränkeservices glatt übersehen hatte. Zumindest das würde ihr dank der lila Chipkarte am Gürtel vorerst nicht wieder passieren. Auf den Schlüssel zu ihrem Bordkonto waren alle Kellner scharf.
   Wenn sie wenigstens einen außergewöhnlichen Namen hätte. So was wie Sunshine Cherokee oder Moonlight Serenade. Nee, lieber nicht, das hörte sich an wie der Name dieses Schiffes. Wer wollte schon Mermaid Illusion heißen? Amy war besser. Konnte man weder abkürzen noch verunstalten. Doch, Amy war okay.
   Vor wenigen Tagen zweiunddreißig Jahre alt geworden. Keine Kinder, keine Tiere, kein Mann. Keine geheimnisvolle Vergangenheit, keine aufregende Zukunft. Einfach nur Amy. Derzeit mit Patsy, der Elfenbeinprinzessin aus dem Rauschgoldengelturm auf Kreuzfahrt unterwegs.
   Weil Patsy gerade ihre Hochzeit geschmissen hatte und deshalb in der Honeymoonsuite ein Platz frei geworden war. Also musste Amy herhalten. Gut, Patsy hatte die Kabine bezahlt. Besser gesagt, der Ex-Bräutigam Alan-du-kannst-mich-mal-Scheißkerl-vom-Dienst-Ashbury. Nachdem der Prinz zum Frosch mutiert war, vertauschte Patsy den Privatjet gegen zwei Tickets bei Flieg-eng-und-Billig, damit war das Jawort für sie vom Tisch. So gesehen konnte Amy durchaus eine Stunde in der Zaubershow ausharren. Wenigstens erlöste sie der Theaterbesuch für eine Weile vom Anblick neuer Möchtegernprinzen, die Patsy umkreisten wie Schuljungen einen Ferrari. Im Geiste überlegte Amy bereits, welcher der balzenden Pseudorennfahrer es wohl zuerst auf die Pole Position für eine Probefahrt schaffen würde …
   Warum ausgerechnet eine Zaubershow? Noch immer füllten sich die Sitzreihen. Klar, Pat hatte wie immer eine der Ersten sein müssen. Hockte mittig in der vordersten Reihe und strahlte wie eine Fünfjährige vor dem Weihnachtsbaum. Mal ehrlich, wer war so doof, sich in einer Zaubershow in die erste Reihe zu setzen?
   Genau dort suchte der Merlin der Meere früher oder später nach einem Opfer, das er als persönliche Assistentin auf die Bühne bitten würde. Was nichts anderes hieß, als dass diese sich vor Tausendnochwas Zuschauern gnadenlos zum Affen machen musste. Noch dazu auf einem Schiff, wo einen jeder ununterbrochen zwischen Aufzug und Pool mit der Blamage aufziehen konnte. Eine von ihnen würde es treffen, das war so sicher wie der Simsalabim mit dem Zauberstab.
   Mit etwas Glück bräuchte der Typ den Glanz der Megafrau. Okay, dann wäre Patsy der Depp vom Dienst. Aber schöne Frauen hatten es nicht nötig, sich zu blamieren. Die wurden verzaubert und mit Handkuss samt roter Rose verabschiedet. Außerdem übernahmen in der Regel die magiereigenen Glitzerfummel-Girls diesen Part, denn der war ja unlustig. Erwählte der Chefunterhalter dagegen ein Opferlamm aus dem Publikum, ging es darum, die Menge auf dessen Kosten zum Grölen zu bringen. Dann wies sofort ein Pfeil auf Amy, in dessen neonfarbenem Kometenschweif eine Sprechblase verkündete: »Hier ist sie. Nimm die!« Die Bilderbuch Jane Doe, die stellvertretend für alle anwesenden Jane Does zum Deppen avancierte. Brüllende Schadenfreude, statt eines dezenten Handkusses. So würde es werden. Garantiert!
   Außerdem, welche Frau wollte schon einen Handkuss von diesem geschniegelten Lackaffen? Klar, Patsy natürlich. Und alle Jane Does im Saal. Noch wahrscheinlicher alle Jane Does auf dem ganzen Touristendampfer. Also rund zweitausend Weiber, wenn sie die weibliche Besatzung mit einrechnete. Obwohl, standen philippinische Bügelmädchen auch auf sexy Magiermachos, die sie vom Showplakat aus hypnotisierten?
   Miguel Fuérte. Na, das war mal ein Name! Bestimmt hieß der Kerl hinter den Kulissen Michael Miller oder Paul Smith. Überall verfolgten einen die Bilder des mysteriösen Miguel Fuérte. Für Humor waren andere zuständig, der Machomagier gab eher den feurigen Latin Lover. Keine Frage, Figur hatte er, soweit sie das anhand der Plakate beurteilen konnte. So, wie der aussah, verbrachte er die Zeit im Fitnessraum ganz sicher nicht mit Yoga und Pilates.
   Er war nicht sonderlich groß, sondern für einen Mann eher – hihi – Durchschnitt. Äußerst appetitlich verpackter Durchschnitt, um ehrlich zu sein. Keine Spur von Bierbauch oder Schwabbelwampe. Straff und knackig, ohne gleich auf Popeye zu machen. Knallenge schwarze Lederhose. Zugegeben, bei dem Hinterteil wäre alles andere echt schade gewesen. Der Hintern konnte sich sehen lassen. Zumindest, solange er in dieser rattenscharfen Hülle steckte. Auch obenherum bot der Kerl schon ohne jegliches Abrakadabra eine imposante Show. Das weiße Hemd mit Stehkragen war nicht nur nicht zugeknöpft – nee, das hatte gar keine Knöpfe! Kein Thema, ein solches Sixpack musste Mann nicht unbedingt verstecken.
   Die Fassade – hatten wir schon. Todernstes Latin Lover-Face. In den Augen nur ein Satz: Komm her, Baby, ich will es sofort, gleich hier und jetzt!
   Schwarzer Zopf. Nein, nicht Dirigenten-Look. Richtig edler, glänzend schwarzer Zopf. Um die Mähne beneidete ihn sicher so manche Frau. Ansonsten kein Härchen in Sicht. Nicht nur das Gesicht glatt wie ein Babypopo, nein, auch das Sixpack kahl wie die Wüste von Nevada. Klar, welche Frau will schon auf ’ne Fußmatte gucken, die aus dem Hemd quillt?
   Der Zopf war chic, das musste ihm der Neid lassen. Dabei fand Amy Männer mit langen Haaren normalerweise total affig. Aber irgendwie …
   »Hey, es geht los!« Patsy kiekste, als wäre sie im Stimmbruch und verteilte hektische Klapse auf Amys Knie. Schade, damit war das Kopfkino wohl beendet. Dabei war sie gerade so gut drauf gewesen.
   Jetzt ging erst einmal das Licht aus. Ohne schummrige Beleuchtung kein fauler Zauber. Logisch, oder?
   Und genau diese Musik hatte sie erwartet. Gregorianische Gefühlsakrobatik namens Enigma. Das scheinheilige Geheul passte zum Machomagier wie die Faust aufs Auge. Oder wie sein feuriger Name zu seinem Knackarsch in Lederhosen.
   Die Musik schwoll an. Lautlose Gestalten wandelten durch die Reihen. Wo kamen die denn jetzt her? Was sollte das werden? Venezianischer Zauber vor der kubanischen Küste?
   Rokokokleider für die Damen, rüschenbesetzte Kniehosen für die Herren. Lautlos, als würden sie nicht einmal den Boden berühren, flanierten die verkappten Dogen und ihre Gemahlinnen hinter prunkvollen Masken durch die Reihen der Zuschauer. Behandschuhte Hände strichen über schlecht sitzende Kaufhaussakkos, knallige T-Shirts oder billigen Partydress. So ein Quatsch mit Soße.
   Casanova kam zielstrebig näher. Och nee, Junge, nicht hier! Knutsch an Pat rum, die steht drauf! Dummerweise war Amys hypnotisierendem Mach-dich-vom-Acker-Blick offensichtlich der Akku ausgegangen. Schon stand der Mann im scharlachrot changierenden Cape vor ihr. Seine Maske, deren Spitzen mit den straff zurückgebundenen Haaren verschmolzen, zog sich über die Nase bis zur Oberlippe. Das raffinierte Make-up darunter ließ kaum einen Übergang erkennen. Dunkle Augen loderten hinter der Umrandung des venezianischen Kunstwerks. Augen, deren durchdringendem Blick sich Amy nicht zu entziehen vermochte. Seine Hand griff nach der ihren. Überraschend fest, nicht nur leicht angedeutet, wie sie es erwartet hätte. Sie schmunzelte beim Anblick des Pflasters an seinem Finger. Hatte Casanova sich etwa wehgetan? Kein Wunder, wenn man mit Maske durchs Leben ging. Schicksalsergeben wartete Amy darauf, dass er ihr diesen vermaledeiten Handkuss aufschmatzte und weiterzog. Die Schlange der sabbernden Weiber war lang, und der Beginn der Show rückte immer näher. Er dagegen ließ sich nicht hetzen. Unbeeindruckt von ihrer abweisenden Haltung hielt er ihre Hand länger als nötig fest. Dann hauchte er ihr unvermittelt einen kaum spürbaren Kuss auf die Wange. Gleichzeitig raste ein glühendes Schwert in sie hinein, das jede Faser ihres Körpers wie Lava versengte. Die Hitze der Flammen leckte gierig an ihrer Haut, fraß sich in jeden Nerv, der umgehend explodierte. Puh, war die Klimaanlage kaputt? Feuer an Bord?
   Amy fächelte sich mit der Hand Luft zu. Mit der Hand, die noch den Druck seiner Finger spürte. Sie sah auf. Aber Casanova war verschwunden.

1. Kapitel
Karibik

»O Mann, geht’s uns gut! Sommer, Sonne und dazu diese Aussicht …« Patsy rekelte sich katzengleich auf ihrer Liege und zog mit dem Zeigefinger ihre Gucci-Sonnenbrille auf die Nasenspitze hinab. Mit Kennerblick inspizierte sie über den Rand hinweg die allgemeine Lage. Dann wies sie auf einen drahtigen Kerl, der gerade vom Pool zur Bar schritt. Betont lässig schob er sich eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht, auf dem ein gepflegter Dreitagebart verwegene Schatten warf. Er zwinkerte Patsy im Vorübergehen anerkennend zu.
   »Mir ist die Aussicht …«, Amy ließ ihr Buch sinken und zeigte in Richtung Ozean, »wesentlich lieber. Wenn du nicht gerade erst auf so einen Adonis reingefallen wärst, hättest du jetzt Honeymoon statt Schwesternurlaub.«
   »Dann würdest du jetzt gehetzten Mamis nutzlose Erziehungsratgeber andrehen, statt durch die Karibik zu tuckern.« Aus den Augenwinkeln verfolgte Pat Don Juans Weg. Mit zwei Bloody Marys bewaffnet, machte er es sich auf der Kante einer Liege bequem, die bereits von einem kurvenreichen Leopardenbikini belegt war.
   »Pech gehabt, der ist vergeben.« Sie rückte ihre Brille wieder auf die Nase. »Mensch, Amy, sei keine Spaßbremse! Wir haben Urlaub!«
   »Entschuldige bitte, dass ich deine geplatzte Hochzeit nicht einfach so abtun kann wie du. Ich versteh dich nicht. Du hast Alan geliebt. Du wolltest ihn heiraten, für immer und ewig und so weiter. Das ist gerade mal drei Wochen her und jetzt …«
   »Wer hat von immer und ewig und so weiter geredet? Meine Güte, Amy, lebst du in den Märchenbüchern, die du verkaufst? Niemand außer dir heiratet heute noch für immer und ewig. Bis dass der Tod euch scheidet und Jahrhunderte darüber hinaus.« Patsy schüttelte mit abfälliger Miene den Kopf. »Mag sein, dass ich ihn geliebt habe. Vorübergehend. Der Schlappschwanz hat nur Glück gehabt, dass ich ihn noch rechtzeitig mit den Schlampen von der Konkurrenz erwischt habe, sonst wär’s ’ne teure Scheidung geworden.« Sie zog eine kleine Schnute. »Dann hätte ich für alle Zeiten ausgesorgt.«
   »Pat, bitte!«
   »Ist doch so. Was muss der Herr Flugkapitän auch jede an seinen Steuerknüppel lassen? Nichts gegen heiße Spielchen auf der Abschussrampe, aber ich lege Wert darauf, als einzige Zugang zum Cockpit zu haben.« Zielsicher griff sie neben die Liege und hob einen lila Shopper mit pinkfarbenem Blumenmuster zwischen ihre Beine. Sekunden später ließen Haarbürsten, Lippenstifte und diverser Krimskrams ihr Umfeld wie das Ergebnis einer Meteoritenexplosion erscheinen, ehe Patsy die gesuchte Tube fand. Sich den Blicken zahlreicher Sonnenanbeter überaus bewusst, verteilte sie Sun Lotion auf Arme, Schultern und Dekolleté. Unterdessen reihte Amy die Habseligkeiten ihrer Schwester ordentlich nebeneinander auf.
   »Wenigstens haben wir die tolle Reise«, fuhr Patsy fort, ohne ihr Tun zu unterbrechen. »Und jetzt schmeiß endlich dein Gewissen über Bord. Es gibt noch mehr Kerle auf der Welt, nicht nur Alan-Scheißkerl-Ashbury. Sieh dich mal um!« Sie verzog mitleidig die Mundwinkel gen Süden. »Ist nicht jede so treu ergeben wie du, Faymie.«
   »Du sollst mich nicht Faymie nennen!« Amy klatschte einen Kamm auf die Liege und angelte nach ihren Sandalen. »Ich bin nicht treu ergeben, ich bin nur wählerischer als du.«
   »Weshalb du für alle Zeiten dem guten Mitch nachtrauerst, der auch nicht gerade … Hey, wo willst du hin?«
   »Wenn ich hier noch lange anschmore, bin ich gar. Ich gehe zum Coffeeshop.« Sie zog ein geblümtes Strandkleid über und holte die Chipkarte aus ihrem Leinenbeutel hervor. »Soll ich dir was mitbringen?«
   »Schwesterherz, dafür rennt man nicht durch das halbe Schiff, sondern pfeift den Boy mit dem Silbertablett ran!«
   »Ich will aber nicht pfeifen, sondern mich mal bewegen. Kaffee ja oder nein?«
   »Bring mir einen Iced Americano mit.« Patsy reckte ihr Gesicht wieder der Sonne entgegen. »Mit Amarettosirup. Ich mache inzwischen ein Nickerchen. Wird ja ‘ne Weile dauern, bis du aus Cappuccino-City zurück bist.«

Entlang der Futterquellen mischte sich die salzige Luft mit dem Duft von gegrillten Rippchen und Paella. Entschuldigungen murmelnd schob sich Amy an der ausgehungerten Warteschlange vorbei, die sich mit letzter Kraft vom Frühstücksbuffet zum Barbecuelunch geschleppt hatte. In Ketchup schwimmende Pommes frites auf dem Teller sicherten das Überleben bis zum Erreichen der braukesselgroßen Kugelgrills, ein kaltes Bier dazu für die ärztlich empfohlene Flüssigkeitszufuhr.
   Mit dem ersten Schritt in den Aufzugbereich löste floral-künstlicher Geruch die Holzkohle geschwängerte Luft ab. Zugleich senkte die Klimaanlage die Temperatur auf gefühlte Gletscherkälte ab und ließ Amy frösteln. Sich die nackten Arme reibend, wartete sie zappelnd auf den Lift. Durch eine Lücke in der Hungerkolonne erhaschte sie einen Blick auf blonde Wuschellocken in hippen Shorts, die sich an Patsy heranpirschten. Pat begutachtete das Gesamtpaket interessiert, es folgte eine einladende Geste zur Nachbarliege. Schon schob Surferboy Amys Buch beiseite und hockte sich auf ihr Badelaken. Jetzt spielte es wohl keine Rolle mehr, wie lange sie unterwegs war, um Kaffee zu holen.

Die luxuriöse Honeymoonsuite konnte sich problemlos mit den teuren Hotelzimmern in Amys Heimat messen. War die Dekoration der öffentlichen Räumlichkeiten eher dem magischen Namen des Luxusliners gewidmet, entsprach die Einrichtung des Haven of Romance einer hawaiianischen Strandvilla. Als Farbschema stand Barbie Pate, auch wenn der Innenarchitekt die pinken Stoffe zu dunklen Holzmöbeln und Cashmere getönten Wänden euphorisch als »Sonnenaufgang über Maui« betitelt hätte. Dem Turtelparadies für Jungvermählte angemessen dominierte ein gigantisches Rundbett mit seidig fallendem Chiffonhimmel die Kabine. Samtbezogene Sofas luden zum Herumlümmeln ein. Ein Couchtisch, dessen Glasplatte auf der Nase und Schwanzflosse eines marmornen Delfins schwebte, bildete einen ungewöhnlichen Hingucker. Passend dazu rundeten farbintensive Meeresbilder von Christian Riese Lassen und eine raumhohe Palme das polynesisch anmutende Ambiente harmonisch ab. Sogar der süßliche Geruch von Blüten und Vanille hing dank entsprechendem Duftspender in der Lüftungsanlage im Raum. Fast überraschte es Amy, dass sie nicht vollends im hochflorigen Treibsand unter ihren Füßen versank.
   Obenauf drapierte sich die aktuelle Bademoden-Kollektion von Victoria’s Secret, die Patsy verteilt hatte, als sie sich nicht für das passende Pool-Outfit entscheiden konnte. Amy fischte nach einem Bikinitop, rettete ein Paar Ankle Boots vor dem Untergang im Teppichstrand und hing eine transparente Bluse zurück in den Kleiderschrank.
   Sie schob die Glastüren zur Seite und trat auf den Balkon hinaus. Angesichts der fantastischen Aussicht stockte ihr der Atem. Die Welt bestand nur noch aus Blau in allen Schattierungen. Mittendrin der Ozeanliner als letzte bewohnte Bastion innerhalb der unendlichen Weite. Hinter dem Horizont kitzelten die Schaumkronen des aufgewühlten Kielwassers die Wölkchen am Rand des Universums.
   Ein runder Tisch, zwei Rattansessel und dick gepolsterte Sonnenliegen kürten die maritime Veranda zum perfekten Aufenthaltsort. Hier hätte selbst Amy den Room Service in Anspruch genommen, nur, um nicht weggehen zu müssen. Aber Pats Gegenwart ließ einem keine Chance auf sentimentale Einsiedelei.
   Die friedvolle Stille genießend, legte sie die Arme auf die von der Sonne gewärmte Brüstung. Normalerweise würde sie jetzt höchstens von ihrem Balkon aus über das grau-braune Nichts der Wüste zu den Gipfeln der umliegenden Berge hinübersehen. Mehr brauchte sie nicht. Schon gar nicht die Gesellschaft anderer, die mitleidig auf sie herabschauten und mit ihren leeren Phrasen aufheitern wollten. Manche Nervensäge setzte sich gar in den Kopf, sie unbedingt auf andere Gedanken bringen zu müssen. Vor lauter Eifer fragte niemals jemand danach, ob sie überhaupt abgelenkt, getröstet, bemitleidet oder aufgeheitert werden wollte. Was wussten die Leute schon von dem nie endenden Schmerz, der sich einem kilometerlangen Bandwurm gleich durch ihre Eingeweide fraß? Es gab Zeiten, da hätte der Angriff seiner Millionen Larven sie um Haaresbreite besiegt.
   Momentan wehrte sie sich halbherzig gegen die Übermacht des gierigen Parasiten. Zumindest verzeichnete die Pharmaindustrie drastische Umsatzeinbußen, seit sich wieder Bücher statt Beruhigungsmittel auf ihrem Nachttisch stapelten. Sie war überrascht, dass sie auf Pats Vorschlag – nein, eher flehentliche Bitte – hin tatsächlich die Koffer gepackt hatte. Das war ein herber Rückschlag für die gefräßige Sippschaft in ihren Adern gewesen, aber so ein Bandwurm hatte alle Zeit der Welt. Bestimmt lauerte er nur auf sein Stichwort. Sobald der derzeitige Waffenstillstand beendet war, würde er erneut seine Saugnäpfe an ihrem Fleisch andocken und sich über sie hermachen wie ihre Mitreisenden über das Schokoladenbüfett. Dann, wenn Amy wieder allein war mit sich und ihren Erinnerungen.
   Der erste Urlaub seit … Stopp! Nicht nachrechnen. Seit Langem halt.
   Und den hatte ihr ausgerechnet Patsys vergurkte Hochzeit eingebracht. Sollte sie Scheißkerl-Ashbury womöglich dankbar dafür sein, dass er sich kurz vor dem Gang zum Altar mit gleich zwei freizügigen Crewmitgliedern in Acapulco vergnügt hatte? Ohne zu ahnen, dass seine Braut auf Überraschungsbesuch unterwegs war. Es war eine Überraschung geworden! Naturgemäß hatte Patsy allerdings eher sich beim erotischen Flightaerobic im Whirlpool gesehen …
   Schmunzelnd gestand sich Amy ein, dass sie dort liebend gern Mäuschen gespielt hätte. Bestätigten Gerüchten zufolge hatte Pat dem strammen Flugkapitän mit ihren Manolos derart die Meinung zum Thema konkurrierender Stewardessen eingetrichtert, dass der anschließend mit einem schillernden Veilchen unter der Pilotenbrille seinen Dienst antreten musste. Unterdessen gab sich die verschmähte Braut ihren Flitterwochen als Single hin und richtete alle Peilsender auf Suchfrequenz nach frischen Y-Chromosomen aus.
   Warum nur hatte Patsy ausgerechnet Mitch erwähnen müssen? Und sie auch noch »Faymie« genannt! Niemand außer Mitch durfte sie Faymie nennen. Amy, meine geliebte Fee. Faymie. Ein einziges Wort, das alles ausdrückte, was er für sie empfand. Aber Mitch war nicht mehr da. Er war tot und hatte Faymie mit ins Grab genommen.
   Verdammt! Sie presste die Fäuste vor die Augen, bis sie Sterne sah. Es war nicht fair. Patsy sollte ihr unbenutztes Brautkleid vollheulen und Liebeskummer schieben, nicht sie!
   Kaffee. Höchste Zeit, Kaffee zu holen.
   Erwartungsgemäß war kein Shuttlebus gekommen, um sie von der Romantikoase zum Coffeeshop zu bringen. Trotzdem nuckelte sie eine geraume Weile später an einem Latte macchiato und beobachtete das bunte Treiben um sich herum. So ein Schiff war eine faszinierende Welt für sich. Entgegen Amys ursprünglicher Vorstellung vom schwimmenden Seniorenheim bildete das Publikum an Bord eine überraschend bunte Mischung. Okay, Tendenz rentnerlastig, aber so weit schlug die Waage nun auch wieder nicht in Richtung Rollatorgeschwader aus. Es herrschte legere Clubatmosphäre statt steifer Etikette. Auf das Captains-Dinner in Frack und Smoking wartete man bei Mermaid Cruises ebenso vergeblich wie auf feste Tischzeiten in gediegenem Ambiente. Man vertrieb sich die Zeit bei sinnfreien Wettkämpfen am Pool, fachsimpelte auf Kunstauktionen im Spiegelsaal oder verpulverte die Reisekasse im Kasino. Amy konnte sich ein Grinsen kaum verkneifen, als sie im Atrium eine Gruppe Senioren bei gemeinschaftlichen Handarbeiten vorfand. Gehhilfen und Elektromobile parkten in unmittelbarer Nähe. Am Flügel untermalte ein Pianist im schwarzen Anzug mit schmalzigen Liebesliedern längst vergangener Zeiten das Kaffeekränzchen der betagten Damen und Herren.
   Sie verspürte absolut keine Lust, zurück zum Pooldeck zu gehen. Zwar lockte die Sonne, aber wenn man in Las Vegas lebte, war das Wetter sicherlich kein Grund, sich erneut Patsys Männerfantasien auszuliefern. Schon gar nicht am ersten Seetag. Dennoch reihte sie sich ein zweites Mal in die Schlange der Koffein-Junkies ein. Kurz darauf trat sie mit dem gewünschten Iced Americano den Rückweg in die dreizehnte Etage an.
   »Hey, du bist ja doch noch an Bord! Ich hatte schon Angst, du wärst für die Bohnen extra nach Jamaika gepaddelt.« Pat nahm den Becher entgegen und schob sich den Strohhalm zwischen die Lippen.
   Amy lief angesichts fünf fremder Augenpaare rot an. Auf der Liege zeugte nur noch das zusammengeklappte Buch davon, dass es vorhin noch ihre Liege gewesen war.
   »Das sind Brad, Brianna, Tom, Jenna und Steve aus London«, stellte Patsy die Truppe vor, die ihr gegenüberhockte. »Und das ist Amy. Meine Tritt-dem-Bräutigam-in-den-Arsch-Party mitfeiernde Schwester.« Die trendigen Briten grüßten sie mit einem lässigen »Hi« oder »Hallo«, dann klebten sie wieder an ihrem neuen Lieblingsstar. Amy schnappte sich ihr Buch und trat den Rückzug an.
   »Wir treffen uns um acht Uhr zum Dinner im Satyr«, rief Patsy ihr nach. »Und um halb zehn will ich ins Theater, diese Magiershow soll klasse sein.«
   Amy nickte. Wenig später vertiefte sie sich in einer stillen Ecke in die perfekte Welt ihres romantischen Liebesromans.

2. Kapitel

Der Duft warmer Muffins erweckte die Tote zum Leben, die in den frühen Morgenstunden in die Kabine gestolpert und quer über das Bett ausgebreitet ins Koma gefallen war. Todesmutig wagte Pat, ein Auge einen Spaltbreit zu öffnen, was umgehend ein gequältes Stöhnen nach sich zog.
   »Hier, einmal Martini Aspirin. Gesprudelt, nicht gerührt.« Amy trat ans Bett und reichte der jammernden Gestalt ein Glas. »Guten Morgen, du Schnarchnase.«
   »Nich so laut!« Ihren Jammerlauten nach unter Folterqualen leidend, raffte Patsy sich auf. In einem Riesenschluck kippte sie den schmerzstillenden Drink in sich hinein. Sie verzog das Gesicht, dann plumpste sie auf die Matratze zurück, einen Arm quer über die Augen gelegt. »Mach Licht aus!«
   »Das ist der sonnige Morgen, na ja, wohl eher Mittag, zwischen Key West und Barbados.«
   »Mir egal. Wie spät isses?«
   »Kurz nach elf.«
   »Ers’? Warum weckssu mich mitten inner Nacht? Hab ich gleich ’n Flug?«
   »Du hast Urlaub, Schwesterchen. Kreuzfahrt, Party, wilde Nächte … Dämmert’s langsam?«
   »Urlaub?« Pat reckte sich erneut, fasste sich aber umgehend grummelnd an die Schläfen. Anscheinend meldete ihr Kopf, dass er von jeglichen Aktivitäten alles andere als begeistert war. »Un warum mussich mitten inne Nacht Igitt-Wassa trinken, wennich Urlaub hab?«
   »Weil du sonst den herrlichen Tag verpennst.« Resolut zog Amy ihr das Laken weg, unter dem Patsy nur den spitzenbesetzten BH vom Vorabend samt minimalistischem Stringtanga trug. »Kaffee ist fertig. Du kannst auf dem Pooldeck weiterschlafen.«
   »Hassu Kaffee gesacht?«
   »Aromatisch duftendes Heißgetränk schwarzer Färbung mit sechs Buchstaben, wahrscheinlich südamerikanischen Ursprungs. Ja, müsste Kaffee sein.«
   »Reds su imma so’n Blech am Morgen?«
   »Bist du immer so verpennt am Mittag?«
   »Ich bin nich fapennt, ich bin seekrank. Ich schteeerbe!«
   »Du bist nicht seekrank, du hast einen Kater. Davon stirbt man nicht. Raus aus den Federn, sonst hole ich den Steward, damit er mir hilft, dich unter die kalte Dusche zu stellen.«
   »Isser hübsch?«
   »Wer?«
   »Der Schtuart.«
   »Unser Cabinboy ist ein sehr netter Filipino, der halb so groß ist wie du. Dafür ist er mindestens so alt wie ich.«
   Im Bett regte sich etwas. »Okay, ich komme.« Mit einem Ächzen, das sämtliche morschen Schiffsplanken vor Neid erblassen ließ, kroch Patsy aus dem Bett und krabbelte auf allen vieren ins Bad. Beim Anblick des zähnefletschenden Tiger-Tattoos auf ihrem Hinterteil brach Amy in schallendes Gelächter aus, rang Pat jedoch nur ein gequältes »nich so laut, Amy« ab. BH und Tanga flogen durch die Kabine. Das Rauschen der Dusche ließ Amy hoffen, während sie die Dessous ihrer Schwester in den Wäschebeutel stopfte.

»Du hast echt daran gedacht, die Karte fürs Frühstück rauszuhängen? Jetzt weiß ich, warum ich dich mitgenommen habe.« In einen flauschigen Bademantel der Reederei gewickelt, einen rosa Handtuchturban auf dem Kopf, hing Pat in ihrem Sessel und attackierte einen mit Heringshappen belegten Toast.
   »Hab ich nicht.« Amy schob sich ein Stück Waffel in den Mund, drapierte Obstsalat kreisförmig um die Joghurtinsel auf ihrem Teller und trank einen Schluck Kaffee. Dann tupfte sie sich die Mundwinkel mit der Serviette ab, ehe sie weitersprach. »Ich habe den Kram vom Buffet mitgebracht.«
   »Schon mal was von Zimmerservice gehört?«
   »O entschuldige bitte, dass ich dir netterweise ein Katerfrühstück besorgt habe. Kommt bestimmt nicht wieder vor.«
   »Jetzt sei nicht gleich eingeschnappt. War echt lieb von dir.« Sie tätschelte Amys Arm. Gleichzeitig gähnte sie so sehr, dass Amy bereits überlegte, ob der Schiffsarzt auch für ausgerenkte Kiefer zuständig war. »Ist wohl etwas spät geworden gestern Abend.«
   »Wohl eher etwas früh heute Morgen.«
   »Hab ich dich geweckt? Ich war doch nicht laut, oder?«
   »Zumindest hat jeder auf Deck zehn gehört, dass du den Text von »Like a virgin« zwar perfekt kennst, dummerweise aber nicht mit der Stimme von Madonna gesegnet bist.«
   »Komm, übertreib nicht. So laut kann ich gar nicht gewesen sein.« Patsy häufte Frischkäse und Räucherlachs auf einen Bagel. »Du hättest mitkommen sollen. Der DJ im Vampire Club war der Hammer.«
   »Nee, lass mal. Ich finde schon allein nach Hause. Hast sogar du mit deinem besoffenen Kopf geschafft.«
   »Was meinst du, warum ich auf eine Kabine ganz hinten bestanden habe? Die findet man immer wieder.« Pat grinste verschwörerisch. »Steve ist übrigens Single.«
   »Na, dann aber ran an den Boy! Ist er zufällig Arzt, Anwalt, Hotelbesitzer oder Hollywoodstar?«
   »Nein, nicht für mich.« Mit entsetzter Miene hob Patsy abwehrend die Hände. Der Bagel landete in ihrem Schoß. »Er ist Lehrer!« Sie nahm den Bagel wieder auf und biss hinein. Ein klebriger Frischkäsefleck konkurrierte mit dem Reederei-Logo auf dem weißen Frottee. »Englisch und Philosophie. Du würdest ihn mögen«, setzte sie undeutlich hinzu.
   »Danke, kein Bedarf. Verkuppel dich selbst, aber lass mich aus dem Spiel.«
   »Du wirst noch ‘ne verknöcherte alte Jungfer.«
   »Egal. Dafür stehe ich auch in Zukunft gern parat, falls dir mal wieder eine Gouvernante für geplatzte Hochzeitsreisen fehlt.«
   »Du bist doof.« Eine Erdbeere flog Amy an den Kopf. »Ich glaube, ich rede mal mit diesem Zauberer. Der kann bestimmt Hypnose und redet dir ein, du wärst der Mega-Vamp. Dann ist kein Kerl mehr vor dir sicher.«
   »Angel dir den Machomagier, der ist voll dein Typ.«
   »Der ist so schön, der muss schwul sein.«
   »Die Show war okay.«
   Patsy blieb der Bissen im Halse stecken. »Wie bitte?«, röchelte sie. »Die Show war okay?«
   »Ja. Hätte ich nicht gedacht. Der Typ hat’s echt drauf. Tolle Illusionen, super Show. Muss ihm der Neid lassen.« Amy reckte sich über die Sessellehne, um die Erdbeere aufzuheben.
   »Solch ein Lob aus dem Mund meiner Alle-Zauberer-der-Welt-verachtenden-Schwester? Bekommt dir die Seeluft nicht? An so viel frischen Wind bist du nicht gewöhnt, Wüstenkind. Hat dir das die grauen Zellen unter’m Pony durcheinandergepustet?«
   Immer noch mit dem fruchtigen Wurfgeschoss beschäftigt, schwieg Amy.
   »Ich meine, klar, die Show war affengeil, aber … Hat der dich womöglich schon hypnotisiert?« Argwöhnisch musterte Patsy sie. »Das Geknutsche im Theater … Hat der da etwa schon … gezaubert?«
   »Er hat …« Amy brach ab und zog das Tagesprogramm hervor, das sie unter der Zuckerdose vor dem Davonfliegen gesichert hatte. Demonstrativ zog sie mit dem Finger die einzelnen Textpassagen nach. »Nachher gibt’s einen Diavortrag über unsere Reiseziele. Den will ich mir auf jeden Fall ansehen. Kommst du mit?«
   Patsy schaute sie an, als hätte Amy vorgeschlagen, zur Abwechslung mal gemeinsam über Bord zu springen. »Bin ich besoffen oder du? Diavortrag? Hier?« Sie tippte sich mit dem Finger gegen die Stirn. »Sexy Typen, coole Drinks und heiße Musik, das geht ab. Nur die Untoten aus der Rollator-Gang gucken sich einen Diavortrag an.«
   »Dann eben nicht.« Amy stapelte das benutzte Geschirr auf das Tablett. »Ich muss los, sonst kriege ich für meine Senioren-Harley keinen Parkplatz mehr. Wir sehen uns später am Pool. Ciao!«
   »Ciao. Diavortrag! Tsss.«

Mit der unerschütterlichen Eleganz eines Schwans durchschnitt der Bug der »Illusion« den Ozean. Von deren knapp vierundneunzigtausend Bruttoregistertonnen verdrängtes Wasser leckte gierig an der Seitenwand. Gischt spritzte im Wind und sorgte für winzige Regenbögen, wo sich das Sonnenlicht im Sprühnebel brach. Der Machtkampf der Maschinenkräfte gegen die Strömung spiegelte sich auf dem Promenadendeck lediglich in der permanenten Vibration des Fußbodens wieder.
   Eine große Anzahl älterer Passagiere relaxte im Schatten der über ihnen hängenden Rettungsboote. Die Senioren ruhten gern abseits der Bands und Animationsspielchen, die auf dem Pooldeck für Stimmung und vermehrten Alkoholkonsum sorgten. Auf Deck sieben ging es beschaulich zu. Eine Familie spielte Shuffleboard. Die Kids jauchzten, wenn sie die gegnerische Scheibe aus dem Spielfeld schossen oder eine höhere Punktzahl erreichten. Spaziergänger und sportliche Walker zogen ihre Runden, ein Mann im weißen Arbeitsoverall lackierte die Metallstreben.
   Amy lehnte an der Reling. Gebannt ließ sie das Schauspiel aus Sonne, Wasser und Wolken auf sich wirken, in dem der Ozeanliner als eitler Protagonist über seine trügerisch friedliche Bühne glitt.
   Schade, dass man nicht direkt am Bug stehen und zusehen konnte, wie die Illusion in die noch unberührte Wasserwüste eintauchte. Im Film ging das, da hing die Heldin immer wie eine Galionsfigur über der Reling, wenn Celine Dion von ewiger Liebe schmachtete. In der Realität dagegen blieb der Bereich zwischen den mächtigen Ankern der Crew vorbehalten. Aber der Platz an der Seite war auch nicht zu verachten. Der Blick ließ sich mit Worten nicht beschreiben, die Leute grüßten freundlich, gingen aber ansonsten ihrer Wege. Selbst auf einem schwimmenden Hotel mit zweieinhalbtausend Gästen fanden sich wider Erwarten auch abseits der Kabine stille Plätze. Deshalb verstand Amy nicht wirklich, warum sie so bedrückt in den Seilen hing. Würde jeder Disput mit Patsy sie derart niedermachen, hätte selbst ihr Bandwurm sich aus Angst vor einer ansteckenden Depression längst einen neuen Wirt gesucht.
   Erst der zweite Seetag, und Patsy ging ihr so dermaßen auf die Nerven. Aber hatte sie das nicht schon vor der Abreise gewusst? Patsy mit ihrer unstillbaren Sucht nach männlichen Spielgefährten und protzigen Designerfummeln. Dabei war sie nichts weiter als eine attraktive Saftschubse, die in den exklusiven Learjets einer privaten Airline spielfreudigen Hollywoodstars und Millionären auf Kosten der Kasinos Champagner und Häppchen reichte. Und das jetzt wieder besonders engagiert, denn da Alan-du-kannst-mich-Mal aus dem Rennen war, musste in absehbarer Zeit ein neuer First-Class-Snob ran. Sie war nicht ohne Grund Flugbegleiterin geworden. Warum Pat allerdings mit einer derart langweiligen Schwester gestraft war … Wie konnte man sein Leben damit verbringen, Bücher zu verkaufen?
   Belämmert schaute Amy in die Wellen. Nur wegen ihrer heiß geliebten Bücher hatten sie sich in die Wolle gekriegt. Weil sie in Ruhe lesen wollte, statt bei einem Merenguekurs mit Mamas Erbstücken zu wackeln und dabei von den Faulpelzen am Beckenrand begafft zu werden. Jetzt stahl Patsy der armen Animateurin die Show, derweil Amy …
   »Das ist einer der tollsten Plätze an Bord, nicht wahr?«
   Aus ihren Gedanken gerissen, fuhr sie zusammen. Sie wandte den Kopf zur Seite – und sah in diese schwarzen Augen, die von jedem Poster auf das niedere Fußvolk herabstarrten.
   »Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken.« Ungeniert lehnte sich der Magier neben ihr an die Reling und hing seine Sonnenbrille in den Ausschnitt seines Poloshirts. Immerhin hielt er einen gebührenden Abstand ein.
   »Schon okay, ich … war nur … ganz weit weg«, stammelte Amy verdattert. Was wollte der denn hier?
   Miguel Fuérte, Entertainer, stand auf dem Namensschild an seiner Brust. Der Olivton seiner Haut verdeutlichte seine hispanischen Wurzeln, und er bewegte sich mit der arroganten Sinnlichkeit eines Tangotänzers. Eine unterschwellige Kraft, die an ein hungriges Raubtier erinnerte, ging von ihm aus und sorgte trotz der karibischen Hitze für Gänsehaut auf Amys Armen. In völligem Widerspruch zu dieser nahezu mystischen Aura wirkte sein bisher strenges Gesicht mit einem Mal weit weniger überheblich als am Vorabend. Stattdessen strahlte er vergnügt, als er ihren verstörten Blick bemerkte. Dabei entfuhr ihm ein munteres Glucksen. Das kurze, überraschende Kichern versetzte Amy einen schmerzhaften Stich. Wie oft hatte sie Mitch früher damit aufgezogen, dass sein Lachen mit einem fast mädchenhaften Giggeln begann. Er stritt es ab, sie ritt darauf herum, woraufhin sie zu kichern begann. Damit drehte er den Spieß um, nannte sie eine alberne Kichererbse, was sie nicht auf sich sitzen ließ. Am Ende küssten sie sich gegenseitig die Lachtränen aus dem Gesicht. Dann wanderten seine Lippen zu ihrem Ohr, weiter in die Halsbeuge und …
   »Sorry, kein heißes Bühnenoutfit«, lenkte Miguel sie von ihren Erinnerungen ab und ließ sie gleichzeitig verlegen erröten. Natürlich hatte er bemerkt, wie sie ihn taxierte. Zum Glück ahnte er nicht, warum sich dieser melancholische Schleier in ihren Blick mischte.
   »Nur ganz normaler Crewdress. Übrigens, ich bin …«
   »Señor Fuérte, ich weiß«, unterbrach Amy ihn. »Der Merlin der Meere.« Was wollte der Kerl von ihr? Der hatte gestern bestimmt gesehen, dass sie zu Patsy gehörte. Deshalb der blöde Kuss. Der wollte bestimmt wissen, wo Pat …
   »Honey, ich fühle mich geehrt!« Er deutete eine Verbeugung an. Ihre offen zur Schau gestellte Ablehnung ignorierend, schmunzelte er nur. »Aber das hier ist das Promenadendeck, nicht die Showbühne, da sind wir nicht ganz so vornehm.« Er streckte Amy die Hand entgegen. Die mit dem Pflaster. »Ich heiße Miguel. Und du?«
   »Amy.« Wider Willen blieb sie an seinen Augen hängen. Genau wie das Lachen weckten diese Augen Erinnerungen, die Gespenster auf ihrer Wirbelsäule tanzen ließen.
   »Amy. Hmhm.« Er nickte. Gleichzeitig wanderte sein Blick wohlwollend über ihre hellen Shorts und die ärmellose, beige Bluse. »Passt zu dir. Aber das hast du bestimmt schon oft gehört.«
   Nein, nicht mehr seit …
   »Nicht besonders originell, was?« Miguel zog eine Grimasse. »Wenn ich jetzt noch hinzufüge, dass es ein wunderschöner Name für eine schöne Frau wie dich ist, jagst du mich über die Planke, oder?« Er lachte frech, ehe er die Augen verdrehte. »O Mann, das war die dümmste Anmache seit meiner Pubertät. Verrat’s bloß nicht weiter«, raunte er verstohlen. »Sonst ist mein Ruf als heißblütiger Latino dahin.«
   »Du bist doch eh kein …« Amy brach ab. Ein echter Latino war er nicht, denn auf dem Namensschild prangte eine winzige US-Flagge. So wirklich feurig-sexy kam er jetzt auch nicht mehr daher. Das heißt, sexy war er schon, und ob! Aber auf andere Art als im Theater. Eher ein bisschen wie …
   »Kein heißer Macho oder kein Latino?« Er zuckte mit den Schultern. »Stimmt beides. Kommt aber beim Publikum besser an als …«
   »Entschuldigen Sie bitte, junger Mann«, eine ältere Dame, deren fliederfarbene Dauerwelle genau auf ihr stilvolles Seidenkleid abgestimmt war, legte eine perfekt manikürte Hand auf Miguels Arm. Anerkennend bemerkte Amy, dass dieser unter dem Gewicht der edlen Steine, die die Dame kiloweise spazieren führte, nicht einmal zusammenzuckte. »Wissen Sie, wo das Bingospiel stattfindet? Meine Freundin«, sie zeigte auf eine nicht minder betagte Dame mit hellblau schimmernden Haaren, »und ich suchen schon das ganze Schiff ab, aber …« Ratlos sah sie sich nach allen Seiten um und zuckte mit den Schultern.
   »Kein Problem, dafür sind wir doch da, Ma’am.« Charmant wies er den Damen den Weg. »Sie sind schon auf dem richtigen Deck, nur am falschen Ende. Bingo findet im Mermaids Club statt. Gehen sie einfach das Promenadendeck entlang bis …«
   Abgesehen von seinem strengen Zopf hatte er nicht mehr die geringste Ähnlichkeit mit dem geheimnisvollen Showstar, der am Vorabend nicht nur bei manch molliger Endvierzigerin massive Hitzewellen ausgelöst hatte. Jetzt war er ein ganz normales Crewmitglied. Ein sehr nettes Crewmitglied, wie Amy im Stillen feststellte.
   Er mochte etwa in ihrem Alter sein. Nur gut einen halben Kopf größer als sie. Sein Bühnenoutfit ließ ihn imposanter erscheinen, aber die schlanken Hüften kamen in der weißen Jeans ebenso perfekt zur Geltung. Er hatte es nicht nötig, das, was sich jetzt unter seinem Shirt verbarg, derart offenherzig zur Schau zu stellen. Obwohl, sie hatte selbstverständlich auch hingeschaut. Sie war weder blind noch scheintot. Ihr Parasit hatte verpasst, sie ins Theater zu begleiten. Also durfte Frau wohl mal gucken, dafür knöpfte der Typ schließlich auf der Bühne das Hemd auf. Ach nee, das hatte ja gar keine Knöpfe … Hastig peilte Amy gebannt einen nicht vorhandenen Punkt in der Ferne an, als die Bingo-Damen nach einer überschwänglichem Dankeshymne von dannen zogen. Miguel lehnte sich mit dem Rücken gegen das Geländer, stützte die Ellenbogen auf dem Holm ab und kreuzte die Füße voreinander. Er betrachtete Amy mit sichtlichem Vergnügen.
   »Lila Haare stehen dir nicht, sag ich dir gleich«, stellte er rigoros fest. »Nur, falls du irgendwann mal auf die Idee kommen solltest.«
   Amy schluckte. »Wie bitte?«
   »Na, so lila Haare.« Mit dem Daumen wies er auf die Damen, die inzwischen ein ganzes Stück entfernt waren. »Und hellblau hat immer einen Schlafzimmer-Touch. Wetten, dass die beiden zu Hause ein paar total verhätschelte Pudel in den gleichen Farben haben?« Er lachte, als er ihre Verwirrung bemerkte. »Wie gefällt’s dir bei uns?«
   »Gut.« O Mann, der sprang echt ohne Punkt und Komma von einem Thema zum anderen. Genau wie … Nein, nicht jetzt! »Doch, alles prima.« Es klang sogar halbwegs überzeugend. Warum brachte er sie derart aus der Fassung? Klar, dass er bei den Weibern landen konnte, wusste er. Aber warum kam er dann zu ihr und nicht zu …
   »Deine erste Kreuzfahrt? Dann hast du dir eine tolle Route ausgesucht, die Antillen sind traumhaft«, fuhr er fort, als sie wortlos nickte. »Warte, bis du erst Willemstad siehst. Als hätte jemand vergessen, am Ende des sechzehnten Jahrhunderts den Kalender abzureißen. Stehst du auch so auf maroden Kolonialcharme? Ich total! Solange ich nicht drin leben muss …« Ein schelmisches Grinsen untermalte seine Worte. »Curaçao ist mein absolutes Lieblingsziel. Hab schon dafür gesorgt, dass ich dann frei habe und von Bord komme. Diese verschnörkelten Häuser sehen aus wie vom Zuckerbäcker, und in den Gassen …«
   »Hast du tagsüber denn nicht immer frei?«, fiel sie ihm erstaunt ins Wort.
   »Na, das wär schön!« Er schüttelte mit einem Seufzer den Kopf. »Nein, die meiste Zeit geht für Proben und Sport drauf. Muss topfit sein, sonst hänge ich abends im wahrsten Sinne des Wortes in den Seilen. Denk dran, wie meine Tänzerinnen mit mir umgehen.« Sein Mitleid heischender Blick ließ sie kichern. »Aber wenn nicht gerade ein Sicherheitsdrill ansteht, habe ich in Sachen Landgang meistens freie Hand. Bin doch der Star an Bord!« Für einen Moment hob er das Kinn stolz in die Höhe, dann wechselte das affektierte Bühnengesicht umgehend wieder in flegelhafte Ungezwungenheit. »Ich veranstalte öfter Workshops mit den Gästen. Wenn ich mein Publikum nicht kenne, kann ich nicht auftreten.« Wieder senkte er die Stimme, dazu hielt er eine Hand neben seinem Mund, als könnte ihn jemand hören. »Dann sterbe ich vor Lampenfieber.«
   »Schleichst du deshalb als Casanova vor der Show durch die Reihen und küsst dich quer durch die Damenwelt?«
   Als hätte sie ihn auf frischer Tat ertappt, hob Miguel die Hände. »Erwischt! Aber woher weißt du, dass ich …?«
   Amy wies auf das Pflaster. »Du hättest Handschuhe tragen sollen.«
   »Und du bist eine verdammt gute Beobachterin. Vor so einer muss ich mich in Acht nehmen. Vor allem, wenn sie in der ersten Reihe sitzt.« Er grüßte respektvoll einen vorübergehenden Offizier mit mehreren Goldstreifen auf der Schulter seines Hemdes. Der Uniformierte nickte ihm zu, widmete aber nur Amy ein freundliches »Guten Tag, Ma’am.«
   »Einer von der Brücke«, erklärte er, kaum dass der Mann um die Ecke gebogen war. »Was machst du morgen in St. Thomas? Warst du schon mal dort?«
   »Nein. Ehrlich gesagt war ich noch nie irgendwo. Also, im Ausland, meine ich. Das hier ist meine erste große Reise.«
   Wider Erwarten schwieg Miguel.
   »Ich hab die Inselrundfahrt gebucht«, nahm sie den Faden wieder auf. »Meine Schwester wollte mich zwar mit allen Mitteln zu einem Champagner-Sail überreden, aber ich will meinen Urlaub erleben und nicht versaufen.« Bei der Erinnerung an die hitzige Debatte mit Patsy konnte Amy den wütenden Ton nicht verbergen. »Meine Schwester ist … äh …«
   »Du bist also mit deiner Schwester unterwegs.« Mit einem Schlag erinnerte seine Miene an Garfield angesichts einer großen Portion Lasagne. »Die Rundfahrt ist super, du wirst begeistert sein.« Seine Armbanduhr piepste. »Mist, ich muss los. Die Kids wollen lernen, wie man Tischtennisbälle verschluckt, ohne Verstopfung zu bekommen. Kommst du heute Abend wieder in meine Show? Ist eine andere als gestern.«
   »Weiß ich noch nicht. Patsy und ich müssen noch absprechen, was wir heute Abend machen.«
   »Ich habe nicht gefragt, ob deine Schwester in meine Show kommt, sondern du.« Die spielerische Leichtigkeit in seinem Ton wich einer unerwarteten Schärfe. »Wenn ich Patsy sehen wollte, würde ich sie fragen.«
   »Mal sehen …«
   Miguel bedachte sie mit einem Blick, der ihr das Gefühl gab, er würde in jedem Winkel ihrer Seele auf Entdeckungsreise gehen. Ein Schauder lief ihr über den Rücken. Unheimlich, aber nicht unangenehm. Dann umspielte eine verschwörerische Miene seine Mundwinkel. Er nickte ihr kurz, aber prägnant zu. So, wie er es auf der Bühne tat, wenn er sich für den Applaus bedankte. »Wir befinden uns auf einer schwimmenden Insel. Du kannst mir nicht entkommen.« Damit ließ er sie stehen und ging mit langen Schritten ins Atrium.

3. Kapitel

»Gott, ist das göttlich!« Mit geschlossenen Augen schleckte Patsy den Löffel ab. »Noch eine Portion davon, und ich bekomme einen multiplen Orgasmus!«
   »Ach, ich dachte, den hättest du längst.« Amy sah sich verstohlen um. Zum Glück waren die Gäste an den benachbarten Tischen vollauf mit sich und den himmlischen Köstlichkeiten auf ihren eigenen Tellern beschäftigt.
   »Amy! Was treibst du im Bett, wenn das für dich nach Orgasmus klingt?« Ostentativ wiederholte Patsy ihre Dessert-Orgie. »Autsch!« Ein Tritt gegen ihr Schienbein holte sie unsanft in die Realität zurück. »Pass doch auf, wo du hintrittst!«
   »Hab ich, sonst wär’s daneben gegangen.« Zufrieden schob sich Amy gebackene Äpfel und Datteln mit Joghurteis in den Mund. Der Palace of Temptations, eines der A-la-carte-Restaurants an Bord, entführte seine Gäste nicht nur mit seinen kulinarischen Sünden in eine raffiniert ausgeklügelte Zauberwelt. Antik anmutende Säulen trugen die himmelartige Decke, deren Schönwetterstimmung regelmäßig zwischen Sonnenaufgang und beginnender Dämmerung wechselte. Von den Wänden blickten Gemälde magischer Kreaturen herab, während die Kellner in gekonntem Slalom Pappmascheeeinhörnern und pseudo-marmornen Nymphen auswichen. Das Dessert setzte einen passenden Schlusspunkt unter die überirdischen Genüsse, die die Herrscher über Kochtopf und Pfanne auf die Tische gezaubert hatten.
   Derart gestärkt, war Pat zwischen Honigsoße und Weinglas bereits vollauf mit der Planung der nächsten Stunden beschäftigt. »Wir treffen uns nachher in der Crow Bar zum Karaoke. Kommst du mit?«
   »Was soll ich beim Karaoke? Dass du nicht singen kannst, höre ich nachts um drei noch früh genug.«
   »Du bist echt die totale Spaßbremse! Karaoke ist doch erst dann wirklich lustig, wenn jemand nicht singen kann.« Patsy verdrehte die Augen, dieses Mal jedoch wohl nicht, weil ihr göttliches Dessert so göttlich war. »Willst du etwa den ganzen Abend auf dem Balkon abhängen und die Sterne zählen?«
   »Nein, aber ich könnte mir eine Show ansehen oder mir die Band im Mermaids Club anhören. Die soll echt gut sein.«
   »Jau, klar! Aber pass auf deinen Rollator auf, wenn du zu den harmonischen Pianoklängen der vierziger Jahre die künstliche Hüfte schwingst.« Ein letztes Mal kratzte Pat die Reste aus ihrem Schälchen. »Du bist echt der klassische Prototyp, Schwesterherz. Hübsch anzusehen, aber nichts als Macken im Getriebe. Wenn du ein neues Flugzeug wärst, würden sie dich glatt vom Markt nehmen.«
   »Ich hab dich auch lieb, Kleine. Aber ich gehe trotzdem nicht mit zum Karaoke.« Amy erhob ihr Glas zum Toast. »Möge die Licht- und Soundanlage dich überleben. Und falls hier morgen nur noch halb so viele Gäste sitzen, hast du die übrigen wahrscheinlich zum Sprung zu den Fischen genötigt.«
   »So schlimm singe ich nun auch wieder nicht.«
   »Stimmt. Solange du nur den Text aufsagst, geht’s.«
   »Wann fängt die rüstige Rollator-Band an?«
   »In zwanzig Minuten.«
   Patsy stand auf und zog sich den breiten Gürtel, der sich hochtrabend Rock nannte, über den Oberschenkeln zurecht. Wenigstens verdeckt es den Tiger, dachte Amy erleichtert. Die Männer zupften diskret an ihren plötzlich nicht nur vom üppigen Mahl zu engen Hosen und wischten die beschlagenen Brillengläser sauber. Trotz auf Hochtouren laufender Klimaanlagen stieg die Temperatur im Restaurant rasant an.
   Still strich Amy ihr schlichtes Sommerkleid glatt, dessen Glockenrock knapp über dem Knie endete. Sie nahm ihre Handtasche, rückte den Stuhl an den Tisch zurück und folgte Patsy zum Ausgang.
   »Falls dir bei deiner Rüschenhemd-Boygroup langweilig wird, findest du uns später in der Disco auf dem hinteren Pooldeck. Kannst ja nachkommen, wenn du magst.«
   »Mach ich«, sagte Amy und fügte in Gedanken ein »ganz bestimmt nicht« hinzu. Sie schaute Patsy nach, bis sich die Aufzugtüren hinter ihr geschlossen hatten, dann eilte sie zum Theater. Hoffentlich bekam sie noch einen Platz. Aber sie verspürte nicht die geringste Lust, sich dafür rechtfertigen zu müssen, dass sie erneut in diese Zaubershow spazierte. Sie verstand es doch selbst nicht …

Zahlreiche Besucher drängten sich auf der Treppe zwischen den Sitzreihen. Es hatte sich herumgesprochen, dass der feurige Magier ein wahrlich zauberhaftes Spektakel vorführte. Auf Zehenspitzen versuchte Amy, über die Köpfe hinweg einen freien Platz zu finden. Mist! Hätte Patsy vor dem Dinner keine gefühlten drei Seetage benötigt, um sich aufzurüschen, wäre sie rechtzeitig hier gewesen. Wenn sie hier oben stehen blieb, würde Miguel sie niemals sehen und … Und was? Nicht küssen und Händchen geben?
   Amy schüttelte verärgert den Kopf. Wollte sie wirklich zum Groupie eines auf Mr. Unwiderstehlich getrimmten Schiffszauberers werden? Nur weil er nett mit ihr geplaudert hatte? Der veräppelte sie bestimmt nach Strich und Faden!
   O Mann, sie sollte gehen! In der Houdini Lounge fand eine Game Show statt, es gab Jazz in der Lobby, und in einer Bar trat eine irische Folksängerin auf. Doch statt zum Ausgang zu gehen, steuerten ihre Beine von ganz allein den einzig freien Sitz im rechten Drittel der fünfzehnten Reihe an. Schon wechselte die Beleuchtung in schummriges Dämmerlicht. Die Stimmen Enigmas drangen aus den Lautsprechern, die maskierten Dogen und Edelfrauen streichelten sich durch das Publikum. Wider Willen wagte Amys Herz einen unerlaubten Aussetzer, als sie Casanova entdeckte. Er verteilte seine Gunst in den vorderen Reihen und verschwand, ohne einen Blick durch das abgedunkelte Theater schweifen zu lassen.

Inmitten der nächtlichen Schalterhalle stand ein Tresor in einem mannshohen Käfig. Ganz in Schwarz gekleidet, schlich Miguel panthergleich über die nur von einem einzigen Scheinwerfer erhellte Bühne. Lauernd näherte er sich dem Käfig. Ein kurzer Griff in seine Hosentasche förderte eine glänzende Haarnadel zutage. Sein hochnäsiger Gesichtsausdruck verdeutlichte, wie sehr es ihn langweilte, das stabil wirkende Schloss in Sekundenschnelle zu öffnen. Die Nadel flog im hohen Bogen zwischen die Vorhänge der Seitenbühne. Fuérte kniete vor dem Safe nieder, während er im Takt des Pink Panther Themes die Einstellscheibe bewegte. Im Nu glitt die schwere Stahltür auf. Er beugte sich hinein, schleuderte die ersten Geldbündel über seine Schultern – als ein Raunen durch das Publikum ging. Zwei Tänzerinnen schritten heran. Ihre hochhackigen Stiefel und extrem kurzen dunkelblauen Faltenröcke bildeten einen gelungen ironischen Kontrast zu ihren steifen Uniformjacken und Schirmmützen. Eine von ihnen zielte bereits mit ihrem Colt auf den nichts ahnenden Dieb, gleichzeitig ließ ihre Kollegin glänzende Handschellen um ihren Zeigefinger kreisen. Die Miene des Magiers schlug von deutlichem Erschrecken, als ihm jemand auf die Schulter klopfte, in männliche Begeisterung angesichts der langen Beine um, die unmittelbar vor seiner Nase aufragten. Sein Enthusiasmus wich allerdings offenkundiger Bedrängnis, als er zwischen schwarzen Strapsen in den Lauf eines Revolvers schielte. Vereinzelt ertönte im Publikum Gelächter.
   Eine Bewegung mit der Waffe, gefolgt von einem aufreizenden Kopfnicken der rothaarigen Polizistin, ließ Fuérte langsam aufstehen und artig die Hände im Nacken verschränken. Geballte Erotik entzündete Funken auf der Bühne, als die Polizistin ihn mit einer ambitionierten Ganzkörperkontrolle folterte. Selbstvergessen gab sich Fuérte dem Geschehen an seiner Hose hin, folgte den Händen der Blondine mit nicht ganz jugendfreien Hüftbewegungen, bis der Pistolenlauf unter seinem Kinn und ein tadelnder Zeigefinger der Rothaarigen ihn an seine äußerst missliche Lage erinnerten. Schnell waren seine Hände hinter seinem Rücken gefesselt. Er gab ein Japsen von sich, als die Damen ihm einen breiten Gürtel um die Taille legten und so rabiat festzurrten, dass ihm die Luft ausging. Rücksichtslos zerrten die Gesetzeshüterinnen ihn herum, damit jeder sehen konnte, wie sie die Handschellen zusätzlich mit robusten Vorhängeschlössern sicherten. Lasziv ließ die Rothaarige den dazugehörigen Schlüssel zwischen ihre Brüste gleiten.
   Schon hielt ein Lederhalsband nicht nur Miguels Zopf im Nacken fest an seinem Platz, sondern schränkte zusätzlich die Bewegungsfreiheit seines Kopfes drastisch ein. Sekunden später setzten Fußfesseln seine Beine ebenfalls außer Betrieb.
   Ein Tritt in die Kniekehlen sorgte dafür, dass Miguel auf dem Bühnenboden landete. Im Nu war die Fußkette mit einem von der Decke hinabgelassenen Karabinerhaken verbunden. Auf ein Zeichen mit dem Revolver hin zog das Seil den hoffnungslos verschnürten Bankräuber in die Höhe, ein weiterer Haken rastete am Fußboden ein. Mit aufreizenden Schritten schlenderten die Polizistinnen davon.
   Schwarzer Samt, über und über mit silbernen Sternen, Monden und Sonnen verziert, glitt aus einem Ring hinab und verhüllte den Magier Stück für Stück. Kaum hatte der Stoff den Boden berührt, kroch er bereits zurück nach oben. Ein Raunen ging durch die Reihen, als die Halskette in sich zusammenfiel und das dazugehörige Schloss auf die Eisenglieder polterte. Kurzer Applaus brach aus, verstummte aber sofort wieder. Statt eines kopfüber hängenden Mannes sahen die Zuschauer nur die leere Bühne.
   Die Musik ging ins Finale über, als der verbliebene Stoff in seinem Gehäuse verschwand. In genau diesem Moment schwang Miguel hinab. Eine Hand in einer Schlaufe gesichert, winkte er mit der anderen aus luftiger Höhe siegesbewusst in die Menge. Das Ende der Handschellen umkreiste seinen Zeigefinger, die beiden Vorhängeschlösser hingen an der zweiten Stahlklammer. Er ließ sich fallen und landete geschmeidig auf seinen Füßen, gleichzeitig warf er die Handschellen lässig über seine Schulter. Sie lösten sich vor den Augen des Publikums in Luft auf. Wie Sand aus einer unsichtbaren Sanduhr rieselte etwas Silbriges hinab und hinterließ glitzernde Spuren auf dem Bühnenboden.
   Den tosenden Applaus der Zuschauer nahm Miguel mit einer knapp angedeuteten Verbeugung entgegen. Gemessenen Schrittes ging er am offenen Safe vorbei, schnippte mit den Fingern – schon flogen ein paar der herumliegenden Geldbündel in seine Hand. Die Scheine zählend entschwand er durch einen Seitenvorhang von der Bühne.

Verdammt, warum war sie enttäuscht? Sie knabberte noch immer daran, warum sie hier war, außer, dass die Show genial war und den Besuch auf jeden Fall rechtfertigte. Aber warum sie sich über ihren Platz inmitten der Menge ärgerte, war ihr schleierhaft. Noch tags zuvor hatte sie Patsy verflucht, weil die an vorderster Front posieren wollte wie ein pubertierender Teenager beim Open Air-Konzert einer hippen Boygroup. Und jetzt wartete sie auf ein überhebliches Lächeln dieses arroganten Lackaffen. Dabei hatte sie sich noch nie von einem perfekten Gesicht und ein paar ansehnlichen Muskeln blenden lassen. Einer wie der wusste haargenau, wie er die eingeschlafenen Hormone müder Hausfrauen in Wallung brachte. Sie wollte keinen Kerl. So einen schon gar nicht! Einen Urlaubsflirt erst recht nicht. Und … Eine Kakofonie wilder Vogellaute, gepaart mit pulsierenden Trommelschlägen, lenkte ihre Aufmerksamkeit zurück auf das Geschehen im Farbenspiel der Scheinwerfer. Einem Schwarm Papageien gleich fegten die Tänzer in knalligen Sambakostümen über die Bühne. Von den Rhythmen mitgerissen, klatschte das Publikum im Takt in die Hände. Das unerwartete Fingerschnippen an ihrem Ohr ließ Amy herumfahren. Direkt neben ihr stand Miguel, sein triumphierendes Lachen noch strahlender wie die rot-gelb-grünen Volants an den Ärmeln seines schwarzen Hemdes. Mit einer eleganten Verbeugung überreichte er ihr eine langstielige Rose. Dann küsste er sie auf die Wange, ehe er die Treppenstufen hinunterrannte und sich mit einem Sprung zwischen sein Team schwang.

4. Kapitel
Las Vegas, 2001

»Also, wohin jetzt?« Unternehmungslustig verfolgte Mike von der Fußgängerbrücke hoch über dem Las Vegas Strip, wie sich das Verkehrschaos von einer Ampel zur anderen schob. Schreiende Neonreklamen überboten sich gegenseitig mit Sonderangeboten für All-you-can-eat-Buffets, Mega-Jackpot-Gewinne und rasante Shows. Architektonische Fantasien reckten sich zu beiden Seiten des Boulevards dem Universum entgegen. Die Übermacht der Abermillionen flackernder Lichter ließ den echten Sternen am nachtschwarzen Himmel nicht die geringste Chance.
   Touristen aus aller Welt schoben sich über die Fußgänger-Highways vor den monströsen Hotel- und Kasinopalästen. Stretch-Limousinen fuhren johlende Grüppchen spazieren, andere kutschierten betuchte High Roller hinter getönten Scheiben an die Spieltische. Vans und Taxen warben mit Schildern auf dem Dach ihrer Fahrzeuge für Sex-Clubs, Table Dance und erotische Abenteuer. Männer und Frauen in grellen T-Shirts drückten den Passanten Zettel mit Fotos und Telefonnummern in die Hand. Ob Pizza, Pasta oder Prostituierte – Anruf genügt, und in spätestens dreißig Minuten steht die heiße Ware vor der Tür.
   Dazwischen versuchte die Polizei, die Horden der Bettler, die ihre Lebensgeschichte in drei fehlerhaften Sätzen auf Pappe vor sich ausbreiteten, aus dem direkten Umfeld der Luxushotels zu verscheuchen. Verlierer gab es in Vegas zuhauf, aber vor den Kasinos, in denen sie ihr Leben verspielt hatten, duldeten die Hotelmagnaten sie nicht.
   Von der Brücke aus bot sich ein sensationeller Ausblick auf die Wasserspiele des Bellagio Hotels. Explosionsartige Kaskaden verursachten ein ohrenbetäubendes Spektakel, ehe sie in sich zusammenfielen. Gegenüber erstrahlte der Eiffelturm in romantischem Lichterglanz. Das futuristische Lichterspiel am Eingang des Bally’s lockte Besucher an wie die Spinne im Netz ihre Beute. Rührend altmodisch versuchte dagegen das Barbary Coast, mit beschaulicher Wild-West-Atmosphäre den umliegenden Mega-Resorts zu trotzen.
   Unbeeindruckt von den Attraktionen um sich herum zog Mitch Amy an sich. Seine Finger glitten über die rote Spitze ihres Minikleids. Dank hoher Absätze war sie genau so groß wie er. Augenscheinlich mehr an ihm als an der Aussicht interessiert, kuschelte sie sich an seine Seite. »In welchen Sündenpfuhl möchtest du, Sweetie Pie?« Die Antwort auf seine Frage konnte warten, der leidenschaftliche Kuss nicht. Ungeachtet des Getümmels um sie herum, nahmen seine Hände ihren wohlgerundeten kleinen Hintern in Besitz. Ihre Finger gruben sich in seine Haare.
   »Whao, Mitch, mein Drink schmilzt weg! Nehmt euch ein Zimmer, wenn’s zu heiß wird«, grölte Pete, der zusammen mit ihnen auf der Brücke stand. Er wandte sich um. »Hey, Mike, wann schaffst du dir endlich auch so ‘ne heiße Braut an?«
   »Wenn Amy merkt, dass sie sich in den Falschen von uns beiden verknallt hat.« Gelangweilt lehnte Mike an einem Betonpfeiler.
   »Also nie«, quetschte Mitch an Amys Lippen vorbei. Spielerisch strich er ihr eine Haarsträhne hinter das Ohr zurück. Er gab ihr einen Kuss auf die Nasenspitze. »Meine Amy kriegt der nicht. Und du erst recht nicht, Pete, mach dir keine Hoffnungen!«
   »Ich dachte immer, Zwillinge teilen alles im Leben«, gab Pete zurück.
   Mitch schüttelte den Kopf. »Wir teilen unser Apartment, unsere dreckige Wäsche und die kalten Pizzareste im Kühlschrank – aber meine Zauberfee gehört nur mir allein, nicht wahr, Faymie-Darling?« Wieder zog er Amy an sich. Noch immer eine Hand in seinen Haaren, streichelte sie mit dem Daumen über eine Stelle unterhalb seines Ohres.
   »Pass bloß auf, dass dich die Bullen nicht sehen«, feixte Eddie. »Sonst übernachtest du wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses auf ‘ner Pritsche im Knast, statt in Amys Armen.«
   »Ich errege kein öffentliches Ärgernis, sondern höchstens meine Süße hier.« Er ließ seinen ausgestreckten Zeigefinger wie eine Pistole vom Kinn über ihre Kehle bis zwischen ihre Brüste gleiten. »Und was das angeht, ist sie mindestens so schuldig wie ich, stimmt’s, Baby?«
   »Erwischt«, gab Amy mit einem kessen Blinzeln zu. Vorwitzig schoben sich ihre Hände in seine hinteren Hosentaschen. Sofort sog Mitch hörbar die Luft ein. Er reckte den Hals und peilte mit seinem Mund erneut Amys Lippen an.
   Mike stöhnte. »Ziehen wir auch irgendwann mal weiter, oder müssen wir euch die ganze Nacht beim Abschlecken zugucken? Ich dachte, wir schieben ‘ne Kasino-Cruise!«
   Auch der Rest drängte zum Aufbruch. Im Sündenbabel der Wüste aufgewachsen, konnte das pulsierende Lichtermeer mit seinen aufdringlichen Werbegags ihnen kaum ein müdes Gähnen entlocken.
   »Das Ceasar’s hat die tollste Mall«, schlug Carlita vor. Sie erntete einstimmiges Murren seitens der Männer.
   »Wir wollen Party machen, nicht shoppen, Herzchen«, ächzte Pete.
   Amy warf Carlita, deren Kleid stark an Alufolie erinnerte und die überflüssigen Pfunde seiner Trägerin überdeutlich betonte, einen bedauernden Blick zu.
   »Nee, Leute, kommt, wir gehen ins Flamingo, da ist das Zocken billiger als im Ceasar’s.« Eddie deutete auf die orchideenförmige Lichtexplosion des ansonsten eher schlicht gehaltenen Kasinos. Pete nickte, Mike dagegen verzog das Gesicht. »Hat hier einer Ceasar’s gesagt?« Er schüttelte den Kopf. »Da kriegt mich keiner rein. Und Mitch auch nicht, stimmt’s, Bro? … Ey, ich rede mit dir!« Ein Hieb gegen Mitchs Schulter bekräftigte seine Worte.
   »Was is?«
   »Flamingo?«
   Mitch stellte sich auf ein Bein, legte einen Arm um Amys Schultern und guckte unschuldig. »Ja? Und?«
   »Alter, dir fehlen echt sämtliche Bits auf der Festplatte!« Mike verdrehte die Augen. »Du bist ‘ne Spam auf zwei Beinen!«
   »Und du bist ‘ne Funkmaus, bei der sie das Fach für die Batterie vergessen haben«, gab Mitch zurück. Er breitete seine Arme über Amys und Carlitas Schultern aus und zog in Richtung des angepeilten Kasinos. »Auf in den rosa Zoo. Wir sprengen die Bank vom Flamingo!«
   »Die kannst du nicht sprengen! Das ist alles manipuliert, wie oft soll ich dir das noch erklären? Wenn in den Kasinos nicht alles aufs Verlieren vorprogrammiert wäre, wäre die Wahrscheinlichkeit auf einen Gewinn für die Bank …«
   »Schnauze, Mike!«
   Schulterzuckend hielt Mike die Klappe und latschte hinter dem vierstimmigen Chor her. Kurz darauf standen sie, mit neuen Kasino-Chips bewaffnet, an einem Roulettetisch im Flamingo.
   »Das ist pure Geldverschwendung, Mitch«, begann Mike erneut. »Hör auf mich, ich hab alle Statistiken x-mal durchexerziert. Du kannst nicht gewinnen.«
   »Jungs, holt dem Zahlenfuzzy was Hochprozentiges, damit seine Software endlich checkt, dass er gerade einundzwanzig geworden ist!« Missmutig beobachtete Mitch, wie sein Chip dem Rechen des Croupiers zum Opfer fiel und in den Untiefen des Spieltisches versank.
   »So viele Drinks gibt’s in ganz Vegas nicht, dass der das rafft!«
   »Du bist so ein Nerd, Mike!«
   »Lasst den armen Mike in Ruhe, der kann nichts dafür, dass er als Nerd auf die Welt kam.« Mitleidig gab Amy ihm einen Schmatz auf die Wange.
   Sofort holte Mitch sie zurück in seine Arme. »Das geht mal gar nicht, Lady.« Streng schüttelte er den Kopf. »Da wird’s aber allerhöchste Zeit, dass ich einschreite.«
   »Jau, lass dir bloß nicht von den Weibern auf der Nase herumtanzen«, johlte Eddie, was ihm böse Blicke seiner Freundin einbrachte.
   »Worauf ihr einen lassen könnt!« Vergeblich kramte Mitch in den Innentaschen seiner Jacke, klopfte dann seine Hosentaschen ab. Schließlich atmete er erleichtert auf. »Da isser ja. Mann, meine Software braucht ein Update, der Umgang mit Mike färbt ab.« Er fuhr mit der Hand durch Amys Nacken. Schon klemmte ein Fünf-Dollar-Chip zwischen seinen Fingern. Den Applaus seiner Freunde winkte er großspurig ab. »Gut, dass ich besser zaubere als zocke.« Dieses Mal glitten seine Fingerspitzen unter ihren Rocksaum. Sie machte kichernd einen Schritt rückwärts – und schlug beide Hände vor den Mund, als sie die Samtschatulle in Form einer Rosenblüte auf seiner Handfläche entdeckte.
   Das Treiben an Spieltischen und einarmigen Banditen um ihn herum rückte plötzlich in den Hintergrund. Mitch würde doch nicht …?
   »Als ich zum ersten Mal um deine Hand angehalten habe, waren wir gerade in die Schule gekommen. Weißt du noch?«, begann Mitch feierlich. Unter ihrer Sonnenbräune blass geworden, nickte Amy stumm. »Damals hast du gesagt, du würdest niemanden heiraten, den es zweimal gibt und mir meine geklauten Blümchen um die Ohren gehauen.« Er blickte sie tiefgründig an. »Mich gibt’s zweimal, aber du bist einmalig! Du bist die einzige Frau, mit der ich für immer und ewig zusammen sein will.« Ohne die neugierigen Zuschauer zu beachten, senkte er ein Knie auf den Teppich. »Gib mir die Chance, dir ein ganzes Leben lang meine Liebe zu beweisen, Amy. Bitte, heirate mich!«
   Unter allgemeinem Jubel flog Amy ihm um den Hals. Lachend und weinend zugleich stammelte sie nicht nur ein »Ja«, sondern gleich eine ganze Serie.
   »Stopp! Du musst erst den Ring sehen«, warf Carlita ein, als die beiden sich küssten. Vergeblich versuchte sie, Amy von Mitch zu trennen. »Der Möchtegernmagier kommt dir glatt mit ‘nem Plastikring aus dem Souvenirladen.«
   Amy ließ von ihm ab und guckte auf die Samtschatulle, die Mitch noch immer in der Hand hielt. Sie war leer.
   »Super! Ich hab’s gewusst!« Carlita verzog das Gesicht. »Mensch, Amy, jetzt hast du vor Millionen Zeugen gefühlte hundert Mal Ja gesagt, und der Geizkragen hat nicht mal ’n Verlobungsring.«
   »Ich glaube, den hat er doch.« Amy bestaunte den funkelnden Diamanten, der an ihrem Ringfinger saß. »Du bist verrückt, Mitch«, schimpfte sie. Ihre Augen schimmerten feucht. »Der muss ein Vermögen gekostet haben!«
   »Zum Glück nur ein kleines«, gab Mitch ungewöhnlich bescheiden zu. »Gefällt er dir?«
   »Er ist ein Traum!« Wieder flog sie ihm um den Hals und küsste ihn nach allen Regeln der Kunst.
   »Junge, Junge, die Braut geht aber ordentlich ran!« Ein Mann am Roulettetisch klopfte Mitch anerkennend auf die Schulter. »Wenn die immer so heiß ist, hast du das kleine Vermögen erstklassig investiert, Kumpel.«
   »Natürlich ist sie das!« Seinen Arm eng um Amys Taille geschlungen, warf er Mike einen abschätzigen Blick zu. Er hockte mit verschränkten Armen auf dem Hocker vor einer Slot Machine. »Reicht doch, dass ich mit diesem Hyper-Nerd da drüben gestraft bin, oder?«
   Carlita war vollauf mit dem Verlobungsring beschäftigt. »Der ist so dermaßen mega!« Sie seufzte neidvoll. »Verdammter Zauberer! Wie hast du das gemacht?«
   »Verrate ich nicht. Magierehre.« Er wies mit einem Nicken in Richtung Bar. »Los, lasst uns feiern. Das Sprudelwasser geht auf mich!«
   Eiskalter Dom Perignon perlte in den Gläsern mit der guten Laune seiner Freunde um die Wette. Sofort warfen Pete und Eddie zweideutige Ideen für den Junggesellenabschied in die Runde. Mitch konterte schlagfertig, während Amy und Carlita sich am Feuerwerk des Diamanten ergötzten.
   So viel zur fröhlichen Party mit Freunden. Missmutig stapfte er hinter ihnen her, als sie eine Weile später über den Boulevard schlenderten. Die stellten sich an, als würde diese Verlobung eine Sensation darstellen. War klar, dass Mitch seine übliche Show abziehen musste. Wieso fiel Amy auf diesen Wichtigtuer herein? Nur, weil es ach so romantisch war, wenn er alberne Papierblumen aus dem Ärmel zauberte. Davon konnte keiner leben. Er dagegen würde schon bald das ganz dicke Geld nach Hause bringen. Nach dem Studium würden sich die Hotels und Kasinos um einen IT-Spezialisten wie ihn nur so reißen. Eine Villa in einem der schicken Vororte, ein tolles Auto, er könnte Amy alles bieten, was sie wollte. Seine Frau hätte es nicht nötig, Bücher zu verkaufen. Sie würde sich lieber mit einem sexy Outfit auf seinen Feierabend vorbereiten, während sich das Personal um die lästige Hausarbeit kümmerte. Seine Frau war allein für ihn da! Aber Amy hatte stets nur Augen für Mitchs kindische Spielchen gehabt.

*

Amy und Carlita wollten ins Venetian. Amy quietschte protestierend, als Mitch sie unter dem Gejohle der anderen in eine der wackligen Gondeln trug, die durch den von Boutiquen gesäumten Dogenpalast trieben. Auf dem roten Samtpolster in seinen Arm geschmiegt, fand sie den »That’s Amore«-singenden Gondoliere allerdings mit einem Mal gar nicht mehr so kitschig.
   »Die Nacht gehört uns, Baby«, raunte Mitch ihr ins Ohr. Er holte eine Chipkarte hervor. Überrascht las Amy die Aufschrift Ceasar’s Palace.
   »Unser Erzeuger hat dem Nerd und mir zum Geburtstag ein Wochenende im Hotel mit allem Drum und Dran vermacht«, strahlte er angesichts der bevorstehenden Nächte. »Brüderchen hat die Karte bestimmt sofort ins Klo gespült. Kennst ihn ja, wenn’s um Mateo geht.« Seine abfällige Miene ließ Amy kichern. »Der Alte weiß doch gar nicht, dass wir in seinem Namen ein Geschenk bekommen haben. Macht doch eh alles nur seine Hilfstussi.« Seine Lippen gingen an Amys Hals auf Entdeckungsreise. Vorwitzig biss er ihr ins Ohrläppchen. »Egal, wer die Karte geschickt hat, Hauptsache, wir haben die Spielwiese für uns.«
   »Wir dürfen wirklich im Ceasar’s übernachten?« Sie schob ihn ein Stückchen von sich. »O Mann, was wird Mum sagen, wenn sie erfährt, dass wir verlobt sind?«
   »Es hörte sich an wie »Alles Gute, ihr beiden!«, erwiderte Mitch trocken. Er grinste breit. »Glaubst du wirklich, ich hätte dir ohne ihr Einverständnis einen Heiratsantrag gemacht?«
   »Du hast Mum …« Amy schluckte. »Sie weiß es?«
   »Klar! Ich soll dir ausrichten, dass sie überglücklich ist, weil du so einen überaus fleißigen, anständigen, gut aussehenden, verlässlichen, verantwortungsbewussten, ehrlichen, treu sorgenden, braven Kerl abbekommen hast.«
   Sie sah sich nach allen Seiten um. »Und wo ist der?«
   »Wer?«
   »Na, der gut aussehende, verlässliche, anständige, fleißige, …« Der Rest verlor sich in ihrem Kichern, das er mit einem Kuss erstickte.

*

Amy, Mitch und ihre Freunde hatten das Resort mit den römischen Statuen und Säulen in stillschweigendem Einvernehmen gemieden. Niemand verlor ein Wort über den Mann, dessen übertrieben dramatisches Antlitz von der haushohen Werbetafel unterhalb des Schriftzugs Ceasar´s Palace flackerte. Dennoch warf Mitch aus den Augenwinkeln einen Blick nach oben und verzog das Gesicht.
   Esteban Mateo zählte zu den alles beherrschenden Namen am Strip. Anfang der Siebziger Jahre war Dad nach Las Vegas gekommen. Ein namenloser Taschenspieler aus Argentinien, der sich in schäbigen Spielhöllen die Bühne mit spärlich bekleideten Showgirls teilte. Eine der Tänzerinnen war Ava Fisher, die ebenfalls der Traum vom Ruhm nach Sin City gelockt hatte. In der gnadenlosen Realität der Spielerstadt angekommen, wackelte sie in zwielichtigen Spelunken mit Titten und Hintern. Bis sie eines Tages halb nackt dem nicht minder erfolglosen, dafür aber vollständig angezogenen Esteban Mateo begegnete.
   Schon bald zersägte der exotische Newcomer die dunkelhaarige Schönheit vor den Augen der Zuschauer und verdrehte ihr nach der Show den Kopf. Ihre Schwangerschaft nahm er weniger charmant auf. Mit einem Fingerschnippen machte er aus Ava umgehend eine arbeitslose, alleinerziehende Mutter.
   Es dauerte nicht lange, bis Mateos Stern über der Wüste erstrahlte, doch der finanzstarke Monsun über seiner Penthousesuite verdunstete auf dem Weg in die staubigen Vororte. Hin und wieder tröpfelte ein Rinnsal ins Hause Fisher, die meiste Zeit über herrschte biblische Dürre. Wenn Ava nicht in der Putzkolonne eines Hotels schuftete, tröstete sich mit einem gewissen Jack Daniels über die Tatsache hinweg, dass der ganz große Coup an ihr vorbeigegangen war. Doch einem ihrer Söhne steckte das Zaubern im Blut, diese Tatsache konnte sie sich allen Bemühungen zum Trotz nicht schöntrinken. Nichts war vor Mitchs geschickten Fingern sicher. Alles Verschlossene reizte zum Öffnen, Münzen und Spielkarten waren seine ständigen Begleiter. Heimliche Besuche in Mateos Shows begeisterten ihn, der Mann dahinter konnte ihm gestohlen bleiben. Im Gegensatz zu seinem von Computern besessenen Zwilling hatte er jedoch kein Problem damit, etwas Luxus zu genießen, wenn er ihm in den Schoß fiel. So wie heute Nacht, wenn er sich in einer garantiert exklusiven Suite mit seiner Verlobten vergnügen durfte …

5. Kapitel

»Besonders groß ist er ja nicht.« Pat beugte sich über den Küchentisch. »Wenn ich mich mal verlobe, will ich einen Ring mit einem absolut monumentalen Felsbrocken von Tiffanys!«
   »Sei froh, wenn wir nicht noch zuzahlen müssen, damit dich überhaupt einer nimmt, Schwesterchen! Eine Horde Kamele ist verdammt teuer.«
   »Es kommt nicht auf den Preis an, sondern darauf, dass der Mann dich liebt. Der Ring ist ein absoluter Traum. Er passt zu dir, Liebling.« Mum nickte wohlwollend. »Der Stein ist nicht protzig, und die Fassung besticht durch elegante Schlichtheit. Damit hat Mitch wirklich ausgesprochen guten Geschmack bewiesen.«
   »Schlicht und nicht protzig, pah!« Patsy zog eine Grimasse. »Wenn der Typ sich genau so verdrückt wie Dad, ist mir ein richtig dicker Klunker wesentlich lieber als sein guter Geschmack. Für den hochkarätigen Findling krieg ich im Pfandhaus wenigstens noch ordentlich was raus. Aber von dem da«, sie wies mitleidig auf Amys Ring, »hältst du dich nicht lange über Wasser.«
   »Patricia Burnett, würdest du bitte derartige Sprüche in meiner Gegenwart unterlassen.« Beim strengen Ton ihrer Mutter verdrehte Pat die Augen, hielt aber wohlweislich den Mund.
   »Hat er echt bei dir um meine Hand angehalten, Mum?« Als wäre der riesige Blumenstrauß auf dem Wohnzimmertisch nicht Beweis genug … Mitch hatte sich auch hier nicht lumpen lassen.
   »Was denkst du denn, Schätzchen?« Joanne füllte Sekt nach. »Der weiß ganz genau, dass ihm alle Zaubertricks der Welt nicht helfen, wenn er mir querkommt.« Sie umarmte Amy. »Nur, weil euer Vater ein Idiot war, heißt das nicht, dass jeder x-beliebige Kerl bei euch freie Hand hat. Wer an meine Mädchen geht, der muss erst an mir vorbei!«
   »Arme Mum, du solltest Nummern verteilen, damit dir jeder in Pats Schlange seine Aufwartung machen kann. Autsch!« Zum Dank hatte Pat sie unter dem Tisch getreten.
   »Nimmt glücklicherweise nicht jede den Erstbesten so wie du«, gab sie frech zur Antwort. »Kein Mensch heiratet seine ach so große Sandkastenliebe. Das ist ja schlimmer als jeder Kitschroman in deinem Buchladen!« Ihre Miene zeigte deutlich, was sie davon hielt. »Andererseits, Mitch ist schon okay«, stellte sie gnädig fest. »Zumindest, wenn er nicht gerade seine Finger in Schlösser steckt, die ihn nichts angehen. Hoffentlich hat er das Steinchen nicht einfach irgendwo verschwinden lassen …«
   Amy errötete. Sie funkelte ihre Schwester giftig an. »Gestohlen hat er nichts! Die Sache mit den Schlössern, okay, da hat er echt Scheiße gebaut. Aber er ist kein Dieb!«
   »Musste das jetzt sein, Pat?«, rügte Mum Pat sofort. »Ausgerechnet heute?«
   »Ja, schon gut. Tut mir leid.« Pat tätschelte Amy den Rücken. »Zum Glück hast du nicht den anderen genommen. Mike ist echt der Total-Nerd.«
   »Ach komm, so schlimm ist der gar nicht. Er ist halt … anders.«
   »Ich werde nie verstehen, wie zwei Brüder, die so gleich aussehen, so verschieden sein können.«
   »Wir sind auch Schwestern und völlig verschieden.«
   »Wir sind aber keine Zwillinge. Überleg mal, die sind erwachsen und laufen mit der gleichen Frisur herum. Wie Fünfjährige!«
   »Sie haben nicht die gleiche Frisur.«
   »Haben sie wohl. Bei Mitch nennt man die Matte modisch-verstrubbelt, bei Mike einfach nur Hab-vergessen-mich-zu-kämmen. Und sie ziehen dauernd das Gleiche an.«
   »Tun sie nicht!«
   »Tun sie wohl! Schwarze Jeans, schwarze Shirts, Lederjacke. Spannend wird’s nur, wenn einer aus Versehen Cowboyboots und der andere Sneakers anzieht.«
   »Die haben nichts anderes«, ächzte Amy. »Ehrlich, bei denen im Kleiderschrank wäre Grau schon heller als die Reklame vom Golden Nugget.«
   »Kleiderschrank … Ach du Scheiße, ich brauch ein Kleid für die Hochzeit. Aber was Schickes, nicht so’n billigen Fummel vom Walmart! Hm …« Patsy legte verträumt den Zeigefinger an ihre Lippen. »Auf keinen Fall rosa, das ist so was von Mädchen. Blau auch nicht, viel zu brav. Und …«
   »Meinst du nicht, dass sich zuerst einmal die Braut ihr Kleid aussuchen sollte? Und nur die Braut bestimmt, was die Brautjungfer trägt«, stoppte Mum Pats Einkaufswut. »Auch wenn’s schwerfällt, Schatz, dieses Mal ist Amy die Hauptdarstellerin.« An Patsys Marotten gewöhnt, ignorierte sie deren Schmollmund. »Wollt ihr mit der Hochzeit nicht lieber warten, bis Mitch sein Studium beendet hat, Liebling?«
   »Nein, so lange halten wir es gar nicht aus«, gab Amy ehrlich zu. »Mitch sagt, bis Februar bekommt er das Geld zusammen.« Ein entrücktes Strahlen huschte über ihr Gesicht. »Er will unbedingt am Valentinstag heiraten, ist das nicht total süß? Dabei tut er immer so, als wäre es ungesund, romantisch zu sein.«
   »Wie dämlich!« Patsy tippte sich an die Stirn. »Wer ist denn so bekloppt, am Valentinstag in Vegas zu heiraten? Da herrscht vor lauter schlitzäugigen Japse-Bräuten die mega Rush-Hour vor jeder Chapel!« Sie winkte entschuldigend ab, ehe der Zorn ihrer Mutter erneut über sie hereinbrechen konnte. »Außerdem braucht Mitch bloß bei Mateo anzuklopfen, dann könnt ihr ‘ne Riesenfeier im Ceasar’s schmeißen.« Pat träumte bereits wieder. »Dann will ich aber ein richtig irres Kleid. Ich kann nicht mit ‘nem Schlussverkaufsfummel durch die Kapelle im Ceasar’s laufen. Auf gar keinen Fall! Such mir bloß was Vernünftiges aus, nicht so ’n Kommunionkleidchen für Große. … Sag mal, ich werde doch deine Brautjungfer, oder? Du schickst nicht die fette Carlita vor dir über den Perser! Obwohl«, sie grinste breit, »hinter dem Trampel kannst du nur fantastisch aussehen.«
   »Patsy!« Erbost stemmte Mum beide Fäuste in ihre Hüften.
   »Ist doch wahr!«
   »Keine Sorge, du kriegst den Job.« Friedfertig ergriff Amy Pats Hand. »Wer denn sonst, Honey? Puh …« Sie stieß hörbar die Luft aus. »Ich habe keine Ahnung, wo wir heiraten sollen. Die Verlobung kam so plötzlich … Das Ceasar’s wär echt genial … Hinterher in die Honeymoon-Suite …« In Gedanken kuschelte sie sich bereits wieder mit Mitch durch die vergangenen Nächte. Erst, als Patsy Mum in die Rippen stieß und beide vielsagend kicherten, kehrte sie umgehend in die Realität zurück. Leider verschwand die heiße Röte auf ihren Wangen nicht ganz so schnell.
   »Nein, das wäre viel zu teuer«, sagte sie mit der Stimme der Vernunft. »So eine Protzhochzeit will ich nicht.«
   »Quatsch! Eine Hochzeit geht gar nicht protzig genug! Da muss das volle Programm her«, befand Patsy rigoros. »Wär doch alles kein Problem, wenn Mitch für große Kohle zaubern würde. Warum muss er Bühnenbildner werden?«
   »Weil er kein Magier werden will, ganz einfach.« Amy trank einen Schluck Sekt. »Ganz ehrlich, ich kann ihn verstehen. Die Presse würde ihn vom ersten Tag an mit Mateo vergleichen und in der Luft zerreißen.«
   »Nicht, wenn er besser als dieser Mateo wäre.«
   »Ist er aber nicht, und das ist gut so. Ich will keinen Starmagier zum Mann. Mir reicht mein Hobbyzauberer.« Sie hielt sich eine Hand vor den Mund und gähnte verstohlen. »Mein Bett ruft. Ich glaube, ich gehe schlafen, die letzte Nacht war kurz.«
   »Klar, wenn man mit dem Lover in einer Suite im Ceasar’s … Ach, das möchte ich auch mal!« Patsy stieß einen sehnsüchtigen Seufzer aus. »Hattet ihr echt einen Whirlpool auf der Terrasse? Irre! Das muss doch der totale Oberhammer sein, so mit blauer Beleuchtung und Champagner im Blubberbad auf dem Dach … Hihi, und drüber kurven die Touristen-Helis mit den Videokameras.« Sie kicherte. »Komm schon, rück mit den Details raus. Im Whirlpool geht’s bestimmt anders ab als auf dem Rücksitz vom alten Buick. Also los, lass uns nicht dumm sterben.«
   »Gute Nacht, Mum.« Patsy ignorierend, gab Amy ihrer Mutter einen Kuss. Die tätschelte ihr liebevoll die Wange.
   »Gute Nacht, du glückliche Braut.« Sie lächelte melancholisch. »Ich wünschte, ich wäre jetzt an deiner Stelle. Schmetterlinge im Bauch, Herzklopfen wie ein Trommelfeuer und dazu süße Träume …« Sie lachte, als Amy ihrem Blick auswich und verlegen mit ihrem Ring spielte. »Geh und ruf ihn an. Sonst kriegt der arme Kerl gar keinen Schlaf.«
   Sofort hielt Patsy sich einen imaginären Telefonhörer ans Ohr. »Gute Nacht, mein heißer Hengst! … Ich dich auch …«, schmachtete sie mit klimperndem Augenaufschlag. »Nein, nicht doch … Ich werd ganz rot, wenn du solche Sachen sagst … Selbstverständlich hab ich was an, und du? … Was ich gerade mache? Sag ich nicht … Du tust was? … Oh, du böser, böser Junge! Pfui! … Na warte, wenn das die Mama wüsste … Was soll ich?«
   Amy zeigte Pat einen Vogel und verließ fluchtartig die Küche.

6. Kapitel
Karibik

Seit die Illusion den Hafen von St. Thomas angesteuert hatte, grübelte Amy darüber nach, wann sich das exotische Eiland als Fata Morgana erweisen würde. An das vertrocknete Einerlei der Wüste gewöhnt, verlor sie sich fast andächtig in der explodierenden Vegetation, die sich von der Küste über die geschwungenen Hügel ausbreitete. In engen Kurven schraubte sich der Skyline Drive zum Aussichtspunkt Beacon Point hinauf, dem dichten Verkehr aus Bussen, Taxen und Lastern kaum gewachsen. Auf dem Gipfel angekommen, zog es den Großteil der Ausflügler nach den obligatorischen Fotos in den Souvenirmarkt. Die Frauen kramten zwischen Strandkleidern und Modeschmuck, derweil enterten die Herren der Schöpfung die Barhocker.
   Damit hatte Amy diesen wunderbaren Platz, der ihr St. Thomas zu Füßen legte, für sich allein. Neugierig schnupperte sie an fremdartigen Blumen und fühlte vorsichtig, ob die leuchtend roten Hibiskusblüten nicht doch aus Plastik waren. Sie schmunzelte, als ein Schild darauf hinwies, dass sie knapp zweihundertfünfzig Meter hoch über dem Meeresspiegel stand. Käme jemand auf die Idee, das riesige Schiff unten im Hafen senkrecht aufzurichten, würde es den Aussichtspunkt um nahezu fünfzig Meter überragen.
   Der aus dieser Perspektive einem Spielzeug gleiche Ozeanliner hatte sich gerade noch rechtzeitig seinen alles beherrschenden Platz an der Pier gesichert. Inzwischen lagen sieben Kreuzfahrtschiffe vor Anker. An den Hügeln lugten elegante Villen und Strandhäuser aus dem Dschungel hervor. Zählten die Piraten ihre erbeuteten Golddublonen einst in dunklen Höhlen und engen Felsnischen, verfolgten die Freibeuter der modernen Finanzwelt die Börsenkurse heute online von luxuriösen Stranddomizilen aus.
   »Nanu, ganz ohne coolen Drink unterwegs?« Eine fremde Stimme katapultierte Amy auf die Besucherterrasse zurück. Neben ihr stand ein Mann in walnussbraunen Chinos und Tommy-Bahama-Hemd am Geländer. In der Hand hielt er eine Flasche Bier, von der das Kondenswasser auf seine Canvas-Slipper tropfte. Sie ging im Kopf das gute Dutzend Tour-Teilnehmer durch, bis sie ihn mit einer aufgedonnerten Brünetten verknüpfte, die sie stark an Pat erinnert hatte.
   »Das da ist mir lieber.« Amy wies auf eine aus ihrer Tasche ragende Wasserflasche. »Ich will ja nachher nicht durch die Gassen torkeln.«
   »Schon mal hier gewesen?«
   »Nein. Aber es ist traumhaft! Ich habe noch nie so viel Grün auf einmal gesehen.«
   »Wo kommst du denn her?«, fragte er erstaunt. Er wandte sich etwas mehr zu ihr um.
   »Las Vegas, Nevada.«
   »Vegas? Du wohnst wirklich in Vegas?« Überrascht schüttelte er den Kopf. »Ich dachte immer, da fliegt man nur zum Zocken hin. Oder zur Bachelor-Party heiratswütiger Kumpel.«
   »Na ja, ein paar dauerhaft ansässige Kamele gibt’s in unserer Oase schon«, gab Amy zurück. »Wir sind aber drastisch in der Minderheit.«
   Er lachte schallend, dann reichte er ihr die Hand. »Ich bin Tyler. Aus Tampa, Florida.«
   »Amy.« Sie erwiderte seinen angenehm festen Händedruck.
   »Bist du allein unterwegs?«
   »Nein, mit meiner Schwester. Sie ist da unten irgendwo.« Amy wies auf ein mit bunten Wimpeln geschmücktes Partyboot, das gerade in Megan’s Bay einlief. Die herzförmige Bucht inmitten des Urwalds zählte nicht ohne Grund zu den Traumstränden dieser Erde. Bestimmt frönte Patsy dort gerade irdischen Sonnengöttern bei fetzigen Songs und eiskaltem Rumpunsch.
   »Meine Holde ist da drin irgendwo.« Tyler deutete mit der Bierflasche auf den Eingang des Shops. Dann setzte er sie an die Lippen und leerte sie in einem kräftigen Zug. Unwillig stieß er sich vom Geländer ab. »Schätze, ich suche sie mal, bevor gleich wieder alle auf Madame warten müssen.« Er tippte mit zwei Fingern an einen imaginären Hut. »Man sieht sich.«
   Erleichtert wandte Amy sich wieder den Inselchen zu, die sich wie Punkte auf einem Teppich vor der Küste verteilten.

Leguane hockten auf Felsen im Wasser oder sonnten sich auf dem Rasen. Die drachenartigen Echsen mit ihren kurzen Klauen und dem urzeitlichen Dinosaurierkopf gaben der Szene einen surrealen Touch, der in krassem Gegensatz zu der gepflegten Anlage stand. Von den klickenden Kameras der Touristen fast gelangweilt, ließen sie sich bei ihrer Siesta nicht stören.
   Nur wenige Meter entfernt nahm der koloniale Charme von Charlotte Amalie die Besucher gefangen. Schmiedeeiserne Gitter rankten sich um Balkone vor Wohnhäusern in typisch karibischer Bauweise. Rote Dächer über weißem Holz, gelbes Holz mit grünen Läden und grünen Dächern. Die permanent hohe Luftfeuchtigkeit setzte den Gebäuden zu, manche Hütte kämpfte sichtlich erfolglos gegen den baldigen Zusammenbruch an. Meist verbarg sich eine Bar hinter den morschen Planken, denn je maroder die Fassade, desto eher zog es die Touristen an den schummrig beleuchteten Tresen.
   Filialen von Footlocker, Harley Davidson und Elizabeth Arden wechselten sich ab mit einheimischen Märkten, winzigen Imbissbuden, internationalen Banken und exklusiven Juweliergeschäften. Es gab einfach alles zu kaufen in den urtümlichen Shops und briefmarkengroßen Boutiquen. Das massive Bollwerk eines alten Forts wachte vom Hafen aus über die malerisch-friedvolle Inselhauptstadt. Amy schwelgte in der ungewohnten Mischung aus Fremdem und Vertrautem und sog jeden neuen Eindruck auf wie ein Schwamm.
   Gemächlich schlenderte sie zum Hafen zurück, wo ihr schwimmendes Hotel darauf wartete, zu neuen Ufern aufzubrechen. Aus dieser Perspektive zeigte sich der weiße Koloss von seiner imposantesten Seite. Unter dem in maritimen Blau gehaltenen Schriftzug Mermaid Illusion reckten zwei schuppenschwänzige Nixen grazil die Arme empor. Zwischen ihnen stand Merlin mit spitz aufragendem Hut, wallender weißer Mähne und dichtem Rauschebart. Ein kunstvoll gedrechselter Zauberstab schwebte vor seinem Körper, und auf seiner Schulter hockte eine Eule.
   Amy zückte die Kamera, nur, um sie sofort wieder sinken zu lassen. Lauthals lachend wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht, als sie sich diesen Zauberopa als Sinnbild Miguel Fuértes vorstellte. Nachtblaues Cape statt geballter Erotik in schwarzer Lederhose. Sie kicherte noch immer, als sie die Suite betrat und ihren Beutel auf das Bett warf.
   »Hey, Pat, bin wieder da.« Amy hob den Stofffetzen auf, den ein Online-Katalog großspurig als Strandkleid betitelt hatte, und hing ihn auf einen Kleiderbügel an die Badezimmertür. Patsys Flip Flops mit bunter Blume auf dem Zehentrenner stellte sie neben die Dusche. Sie zog ein Handtuch aus der Halterung hervor, breitete es auf einem Sessel aus und stellte ihre Tasche darauf ab.
   Die Balkontür stand offen, ein wohlgeformtes Bein verriet, dass ihre Schwester eine der Liegen in Beschlag genommen hatte.
   »Bin gleich bei dir, aber ich brauch erst ‘ne Dusche. Ich bin nass wie ein Hund.« Zur Bestätigung fuhr sie sich mit dem Handrücken über die verschwitzte Stirn. »Wieso schmelzen die Leute bei der Hitze hier nicht weg? Klar, bei uns ist es noch heißer, aber nicht so schwül … Bäh, das hält auf die Dauer kein …« Sie brach ab, als sie feststellte, dass Patsy ihre Ankunft nicht bemerkt hatte, sondern die Folgen des Partysails ausschlief. »Wenigstens müssen wir uns nicht um den ersten Platz unter’m Wasserfall prügeln, wenn du Heia machst«, murmelte sie zufrieden.
   Wenig später reckte sie sich genüsslich dem erfrischenden Strahl entgegen, der den Schweiß von ihrer Haut spülte.

7. Kapitel

Miguel wusste, dass er sich vollkommen idiotisch benahm. Vor Eifersucht schäumend verfolgte er die Szene auf dem Pooldeck wie ein Stalker. Dabei hatte er absolut kein Recht, ein derart bohrendes Verlangen zu empfinden. Mochte es auch purer Zufall sein, dass er sie gesehen hatte, als er auf dem Weg zu seinem Lieblingsplatz war. Sie hatte ihn nicht bemerkt. Wie auch? Er bewegte sich behände wie eine Raubkatze, und sie zeigte dem Ozean im wahrsten Sinne des Wortes die nackte Schulter, während sie den Worten ihres Gegenübers lauschte.
   Verborgen im Halbschatten hockte er auf einem Staukasten vor einem dröhnenden Maschinenraum. Miguels ganze Aufmerksamkeit galt dem Pärchen an der Reling, nur ein paar Stufen von ihm entfernt. Vor Entdeckung war er sicher, der Zugang zu diesem Bereich auf Deck vierzehn war ausschließlich Crewmitgliedern vorbehalten. Solange die Aggregate neben ihm ihre Arbeit verrichteten, hatten die Techniker keinen Grund, bis hinauf zum Fundament des gewaltigen Schornsteins zu steigen. Es gab genügend Computermonitore, um den reibungslosen Ablauf unter Kontrolle zu halten.
   Genau deshalb hatte Miguel den Platz vor langer Zeit zu seiner privaten Terrasse erkoren. An dem endlosen Blick, der sich ihm aus dieser Höhe bot, würde er sich niemals sattsehen können. Hier fühlte er sich frei wie nirgends sonst. Vor allem nachts, wenn Myriaden von Sternen am Firmament erstrahlten. Viel zu lange war die Dunkelheit sein größter Feind gewesen, hatte ihn das schier unerträgliche Alleinsein noch mehr spüren lassen als die langweilige Monotonie des Tages. Nach wie vor sehnte er sich mit jeder Faser seines Körpers nach der zarten Hand, die einst an seiner Taille gelegen hatte, wenn über ihnen die Sterne am Himmel funkelten. Nicht so hell, nicht so viele wie hier, dazu hatten sie keine Gelegenheit angesichts der milliardenfach flackernden, von Menschenhand erschaffenen Konkurrenz. Dennoch hatten sie ihre ganz eigenen Inseln der Glückseligkeit gefunden. Dort, wo die Nacht noch Nacht sein durfte, wo der Himmel schwarz, die Sterne hell, der Mond heute übermächtig und morgen gar nicht vorhanden war.
   Die Nächte auf Deck vierzehn waren trotz ihrer Schönheit von Melancholie überschattet. Zu deutlich wiesen sie ihn unentwegt auf die Leere in seinem Inneren hin, der er selbst angesichts des grenzenlosen Freiraums vor seinen Augen nicht zu entfliehen vermochte. Was sich tagsüber durch Arbeit verdrängen ließ, hämmerte nach Feierabend erbarmungslos auf ihn ein. Nacht für Nacht, Woche für Woche, Jahr für Jahr. Trotzdem blieb er seinem Zufluchtsort treu. Wenn nicht gerade ein Sturm drohte, ihn über Bord zu wehen, kam er jede Nacht hier hinauf. Nur hier war er ihr nah, wenngleich sie unerreichbar weit entfernt war.
   Jetzt war er hergekommen, um sich auf seine bevorstehenden Shows zu konzentrieren. Ein wenig Ruhe in sein aufgewühltes Inneres zu bringen, sich mit Meditation auf seinen Job zu konzentrieren. Eine Vierteldollarmünze glitt mit fließender Geschmeidigkeit durch seine Hände. Ohne einen einzigen Gedanken an das Geldstück zu verschwenden, wanderte es zwischen seinen Fingern hindurch. Sein ganzes Dasein richtete sich auf das Paar an der Reling.
   Was wollte der Kerl von Amy?
   Blöde Frage! Was wollte wohl ein Kerl von Amy? Das, was er selbst auch am liebsten von und – besser noch – mit Amy wollte …
   Sie sah hinreißend aus in ihrem tiefblauen Sommerkleid mit schneeweißen Hibiskusblüten. Wohlwollend glitt Miguels Kennerblick an ihrem Körper entlang. Weiße Sandalen rundeten das Ensemble ab, ihre Haare hatte sie zum Pferdeschwanz zusammengebunden, mit dem der Seewind sein Spiel trieb. Sie strich sich lose Strähnen hinter das Ohr, eine anmutige Geste, die ihn erschaudern ließ. Ärgerlich nur, dass ihr Gegenüber den gleichen Gedanken hatte. Intensiv verfolgten seine Augen jede ihrer Bewegungen. Er klebte geradezu an ihren Lippen, der Drecksack! Rück ihr nicht so dermaßen auf die Pelle, sie will eh nichts von dir!
   Wirklich nicht? Angesichts ihres Lachens schien ihr die Nähe dieses Schmarotzers nicht unangenehm zu sein. Hatte er es wirklich geschafft, sie mit irgendeinem müden Witzchen zum Lachen zu bringen? Junge, die Frau hat Klasse, die fällt nicht auf einen blöden Spruch von dir herein! Da muss schon mehr kommen! Aber nicht von dir, setzte er umgehend hinzu. Fehlte gerade noch! Und … Was war das denn? Hallo, geht’s noch? Dieser geile Affe legte seine Hand auf ihren Arm. Er fasste Amy an! Na also, sie zuckte prompt zurück. Zog ihre Hand von der Balustrade und verschränkte die Arme vor der Brust. Ha, sie wollte nicht, dass er sie anpackte! Mit einem selbstzufriedenen Nicken fletschte Miguel diabolisch die Zähne. In seinem Inneren brodelte es. Allein der Versuch war schon eine bodenlose Frechheit. Der Kerl hatte seine dreckigen Pfoten von Amy fernzuhalten!
   Schnaubend stopfte Miguel die Münze in seine Hosentasche. Zwei Stufen auf einmal nehmend, hastete er die Treppe hinunter, bog schwungvoll um die Ecke und konnte gerade noch einem Kellner ausweichen, der mit einem Tablett voller Gläser seinen Weg kreuzte.
   »Na, du hast es aber eilig, Zauberer!« Der stämmige Kreole schüttelte amüsiert den Kopf. »Ist Neptuns Dreizack hinter dir her?«
   Miguel hörte ihm nicht zu. Im letzten Moment, ehe er auf das Pooldeck schlitterte, besann er sich und stoppte seinen Lauf. Es war bestimmt nicht förderlich für seinen weiteren Aufenthalt an Bord, wenn er wie ein Berserker durch die Gegend raste und einem Gast seine Faust ans Kinn rammte. Obwohl er genau das am liebsten getan hätte. Noch lieber gleich beide Fäuste. Zersägen wäre auch nicht schlecht. Oder Teile abtrennen. Südlich gelegene Körperteile vor allem …
   Amy schaute über ihre Schulter und strahlte Miguel erfreut an. Oder bildete er sich das nur ein? War es nicht eher ein höfliches Lächeln, mit dem sie ihn daran erinnerte, dass er zum Personal zählte und gerade ihre Unterhaltung störte?
   »Hi Miguel, wo kommst du denn her?«
   Wie auf Knopfdruck legte sich die abgeklärte Maske des stets coolen Machos Fuérte auf sein Gesicht und er trat näher. Showtime!
   »Hast du den Kids mal wieder Sachen beigebracht, die sie allein besser nicht ausprobieren sollten?«
   Nein, das klang nicht so, als wäre sie darauf aus, ihm seinen Platz in den Katakomben des Schiffes zuzuweisen. Sofort verschoben sich die Grenzen seiner schizophrenen Persönlichkeit. Minimal gewann Miguel wieder die Oberhand über seinen Bühnenzwilling. »So ähnlich«, erwiderte er. »Hallo Amy, gut siehst du aus.« Bewusst wandte er dem Kerl an ihrer Seite den Rücken zu. Ein Blick genügte, und ihn durchlief ein eiskalter Schauder. In seinem Kopf schrillten sämtliche Alarmglocken. Nur zwei Worte dröhnten durch sein Hirn: »Achtung, Bulle«! Sein Stiernacken bildete einen herben Kontrast zum hellblauen Seidenshirt mit Tommy Bahama-Logo. Was aus den tief sitzenden Cargoshorts gleicher Marke ragte, ließ auf ausgedehnte Rennrad- oder Mountainbiketouren schließen. Er hatte das rechte Bein locker angewinkelt, den Fuß in sandfarbenen Slippern lässig auf der Spitze ruhend. Der militärisch kurze Haarschnitt passte zu dem kantigen Gesicht. An den Schläfen zeigte sich erstes Grau, eine harte Linie bildete eine unerbittliche Falte oberhalb seiner spitzen Nase. Miguel schätzte ihn auf Anfang vierzig, also viel, viel zu alt für Amy. Scharfe Züge rahmten sich um einen Mund, der Durchsetzungsvermögen und Eigensinn erkennen ließ. So lässig-leger er aufzutreten versuchte, konnten seine stechend blauen Augen dennoch nicht verbergen, dass er auf der Pirsch war. Diesen Augen entging nichts. Es waren die Augen eines knallharten Cops.
   »Oh, danke«, hörte Miguel Amy sagen. Wofür bedankte sie sich? Bei wem?
   »Das Kleid habe ich mir vorhin gekauft. Ich musste es unbedingt sofort anziehen.« Verschämt fuhr sie mit der Hand über den weichen Stoff. »Es ist nur vom Markt.«
   »Das steht nicht dran«, befand Miguel, ehe Tommy Bahama den Mund öffnen konnte. »Du hast keine dämlichen Protzetiketten nötig, um gut auszusehen.«
   Ups, das hatte gesessen, wie er zufrieden registrierte, als er Mr. Modelabel erbost schnaufen hörte. Leider erinnerte es Amy daran, dass sie nicht allein waren. Sichtlich verlegen guckte sie zwischen den beiden Männern hin und her. »Entschuldigt, bitte. Darf ich vorstellen, Tyler«, sie wies mit einem Nicken auf Tommy Bahama, woraufhin Miguel widerwillig den Kopf zu ihm umwandte. Ein feindseliger Blick traf ihn, als wollte der Kerl ihn durchbohren. Im Gegenzug bedachte Miguel ihn mit seinem arrogantesten Macho-Face. »Und das ist Miguel Fuérte.«
   Zufrieden stellte er fest, dass sie seinen kompletten Künstlernamen benutzte. Oder sah er seinem Alter Ego in diesem Moment wirklich ähnlicher als sich selbst?
   »Du weißt schon, der Magier. Er ist echt klasse!«, fügte sie munter hinzu.
   Es fiel ihm schwer, seine überhebliche Pose zu halten. Steif reichte Tyler ihm die Hand, die Miguel gezwungenermaßen ergriff. Nicht minder kalt erwiderte er den stahlharten Griff des Mannes. Regungslos hielt er dem forschenden Blick stand, obwohl ihm längst klar war, dass Tommy Bahama sich bereits ein absolut zutreffendes Urteil über ihn gebildet hatte. »Miguel«, sagte er hölzern.
   »Tyler«, entgegnete Miguel im gleichen eisigen Ton. Ungemütliches Schweigen breitete sich aus.
   »Hast du schon eine seiner Shows gesehen?« Mühsam ignorierte Amy das Duell der tödlichen Blicke.
   »Nein.« Tyler entließ Miguels Finger aus ihrem Gefängnis. Sofort wischten sich beide Männer möglichst unauffällig die Hände an der Hose ab, und ebenso wenig entging ihnen beiden die Geste des anderen.
   »Um ehrlich zu sein, bin ich kein Fan von Zauberern. Kaninchen und Tauben aus Zylindern zu holen, finde ich reichlich albern.«
   »Dann sind wir wider Erwarten sogar einer Meinung«, gab Miguel schnippisch zurück. »Ein Zauberer, der nur mit seinem Hut herumfuchtelt, sollte beim Zirkus bleiben. Ich nehme an, Sie ziehen actiongeladene Sportevents vor?« Sein Mund verzog sich zu einer überlegenen Miene. »Die Damen lassen sich dagegen lieber von fantasievoller Magie verzaubern.« Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er ihm wieder den Rücken zu. »Kommst du heute Abend, Amy? Die Show kennst du noch nicht.«
   »Ich würde schon gern, aber …« Sie stöhnte leise. »Ich bin mit Pat zum Dinner verabredet. Vorausgesetzt, sie hat bis dahin ihren Rausch ausgeschlafen.« Ihre abfällige Grimasse reizte Miguel zum Schmunzeln.
   »Falls ihr meine Tauben probieren wollt, die sind dem Chefkoch zum Opfer gefallen. Ich glaube, sie stehen im Le Magique auf der Karte. Gleich neben dem Kaninchen im Römertopf.«
   »Du bist widerlich«, schimpfte Amy und knuffte ihn mit der Faust in die Rippen. Sein Machogehabe schmolz dahin wie Eiswürfel in der Sonne. Nur gut, dass der Wichtigtuer hinter ihm das nicht sehen konnte.
   »Vielleicht schaffe ich es in deine späte Show.«
   »Ich finde dich, das weißt du. Sorry, aber es wird allerhöchste Zeit für mich. Hab noch Probe.« Er zwinkerte ihr zu. »Hoffentlich bis später.«
   Erst hinter einer Tür mit der Aufschrift »Crew only« gestattete er sich, die Augen zu schließen und tief durchzuatmen. Er spannte jeden Muskel an, zählte bis zehn, entspannte sich wieder, um das gefrorene Blut in seinen Adern aufzutauen.
   Es half nichts. Die wissenden Blicke in Eisblau brannten wie Phosphor auf seiner Seele, die ihm nackt und schutzlos vorkam.

»Du machen Fählah wie dummes Anfänger, du nix verloren auf meine Bühne!«
   Für diese Erkenntnis hatte Miguel den hochnäsigen Pianisten nicht nötig. »Music meets Illusion« war Teamwork und Showkampf zugleich, jetzt aber hätte der klimpernde Dschingis Khan am liebsten russisches Roulette mit seinem Partner gespielt.
   »Was du für eine Zauberer? Du nicht mal haben Zauberstab! Du machen Kiste auf, Kiste nix leer. Du schuld, dass sitzt schönes Frau in Äcke und weint Kulleraugen aus Gähsicht!«
   Auch daran zweifelte Miguel keine Sekunde lang. Sein übriges Team lag vor Lachen hinter den Kulissen. Nur Pablo nicht. Der Vorhang hatte sich kaum geschlossen, da bedeutete Pablo ihm mit einer simplen Kopfbewegung, im Büro anzutraben. Kleinlaut folgte er dem Cruise-Direktor in den schmalen, fensterlosen Raum auf halber Höhe des Zuschauerraums.
   »Darja nix langsam! Dummes Zauberer nix wissen, was müssen tun! Haben bestimmt Beine von Darja in hohle Kopf, aber …«
   Miguel schloss die Tür hinter sich. Das erlöste ihn zumindest von der Tirade, die Iwan der Schreckliche durch die Garderobe posaunte. Dafür setzte vor ihm ein wilder Stier zum Angriff an.
   »Es war meine Schuld«, kam Miguel ihm zuvor. »Hab’s Timing vermasselt. Darja kann nichts dafür.«
   »Darum geht es hier nicht.« Einem Peitschenhieb gleich ließen die Worte ihn zusammenzucken. »Jeder macht Fehler, sogar der großschnäuzige Klimperfuzzy haut mal daneben.« Dennoch sah Pablo ihn mit nie gekannter Härte an. »Aber was du heute verzapft hast, sprengt sämtliche Toleranzgrenzen! Selbst die schnarchenden Opas in der letzten Reihe konnten nicht übersehen, dass du bei jedem Step völlig neben dem Takt warst. Um die Fehler, die du allein beim Tanzen gemacht hast, aufzuzählen, müsste mir die halbe Crew ihre Finger leihen! Von der Sache mit der Kiste ganz zu schweigen. Hast du deinen Kopf vor der Show im Rettungsboot geparkt, oder was war los mit dir?«
   Die blonde Frau am linken Rand der ersten Reihe sah aus wie Amy, als der Scheinwerfer über sie hinwegglitt. Sie saß dort ganz allein, ohne diesen verdammten Scheiß-Cop mit den Eispickel-Augen. Vor lauter Glück, dass sie ohne den Kerl kam, hatte er eine Drehung in die falsche Richtung gemacht. Aber es war gar nicht Amy, sondern eine Frau mit einem Bauch, in dem wahrscheinlich Drillinge auf ihren Schlüpftermin warteten. Das war’s. Er war komplett aus dem Rhythmus gekommen und hatte die Kiste aufgerissen, bevor Darja eine Chance hatte, ihre Beine im doppelten Boden verschwinden zu lassen …
   Wohlweislich behielt er das alles für sich. Stattdessen schüttelte er unverständig über sich den Kopf. »Wenn ich das wüsste …« Schuldbewusst hielt er Pablos Blick stand. Der Spanier hatte beide Fäuste auf seinen Schreibtisch gestützt und ähnelte einem Torero, der zum Todesstoß ansetzte.
   »Das ist alles, was dir dazu einfällt? Du weißt es nicht?«
   Fast glaubte Miguel schon, sein Gegenüber mit den Hufen scharren zu hören. Es konnte sich nur noch um Sekunden handeln, bis der Stier ihm seine Hörner in die Eingeweide rammen würde.
   »Wenn hier einer dafür sorgt, dass mein Publikum vor Lachen Erstickungsanfälle bekommt, dann ist das ein wortgewandter Comedian. Aber kein dilettantischer Illusionist, der den Namen dieses Schiffes repräsentiert!« Ein Fausthieb ließ die Tischplatte erbeben. »Und zieh gefälligst nicht deine Kollegen mit rein, wenn du Scheiße ablieferst! Ich kann kein heulendes Sensibelchen gebrauchen, dass umgehend nach Hause zu Mami paddeln möchte.«
   »So eine Scheiße kommt nicht wieder vor«, gelobte Miguel zerknirscht. »Ganz sicher nicht. Und um Darja kümmere ich mich gleich. Sie …«
   »Vergiss es, du hast genug andere Probleme! Die Tanzmaus kommt auch noch dran, verlass dich drauf. Wenn ich mit der fertig bin, weiß sie wenigstens, warum sie heult.« Wutschnaubend marschierte Pablo zum Kühlschrank, der unter einer mit Aktenordnern und CDs beladenen Arbeitsplatte stand. Er riss die Tür auf, zog mit hektischen Bewegungen zwei Flaschen Wasser hervor und warf Miguel eine davon quer durch den Raum zu. Verdutzt, aber wenigstens mit ausgezeichneten Reflexen gesegnet, fing der die eiskalte Erfrischung auf. Er drehte noch zögernd am Verschluss, als Pablo bereits die Hälfte seiner Flasche in sich hineingekippt hatte. Der Spanier atmete deutlich hörbar aus. Dann ließ er sich auf einen Stuhl fallen. Mit der offenen Flasche wies er auf einen zweiten Stuhl. Miguel setzte sich auf die äußerste Kante und wagte gleichfalls einen Schluck.
   »Okay, die Show steht in drei Tagen wieder auf dem Programm. Dir ist hoffentlich klar, dass du die Nummer mit der Kiste nicht mehr bringen kannst, nachdem du gerade elfhundert Zuschauern gezeigt hast, wie der Trick funktioniert.«
   Trotz Pablos inzwischen ruhigerem Ton gab Miguel einen gequälten Laut von sich. Sein Boss bedachte ihn mit einem Blick, der ihm beinahe weitere Misstöne entlockt hätte. Die Flasche auf der Arbeitsplatte abgestellt, knetete er seine Finger, dass die Gelenke knackten. Pablo blätterte in einem abgegriffenen Büchlein. »Durchsage Schiffsfreigabe gegen acht, danach Meeting mit Gunnar«, brummte er in seine Notizen vertieft vor sich hin. »Um neun mit Tina am Coffeeshop, nein, Tina muss einmal ohne mich frühstücken.« Er sah auf. »Du bist morgen früh um neun Uhr hier. Mit einem kompletten Plan für die Show am Donnerstag. Und wehe, du läufst hier ohne meinen Kaffee ein. Klar?«
   »Hundert pro.«
   »Dann hau ab. Ich muss mich um Darja kümmern. Die Heulsuse kriegt auch noch eins hinter die Löffel. Ach, kleiner Tipp …« Miguel stand bereits mit einem Fuß im Flur, als Pablo ihn stoppte. »An deiner Stelle würde ich einen Bogen um die Crow-Bar machen. Wie ich Igor kenne, vernichtet der dort gerade sämtliche Wodka-Vorräte und zieht dabei wortreich über den Stümper mit dem Zauberstab her!«

Miguel hockte auf seinem Bett und fixierte das an einen Kieselstrand erinnernde Linoleum. Nur seine Hände waren unablässig in Bewegung. Zwei kleine Bälle verschwanden in seinen Fäusten, stattdessen klemmten acht Bälle zwischen seinen Fingern, als er die Hände spreizte. Sie schwebten im dunklen Raum, wo er sie aus der Luft pflückte wie Äpfel von einem Baum. Wieder ballten sich seine Fäuste um die Bälle. Einen Wimpernschlag später zappelten sie marionettengleich an seinen Fingerspitzen.
   Er verschwendete keinen Gedanken an sein Tun. Es war Teil seines Körpers, so automatisch ausgeführt wie jeder Atemzug.
   Kaltes Mondlicht, das sich auf dem Wasser spiegelte, ließ einige Konturen in der Kabine erkennen. Es brauchte nicht viel, um Miguels Höhle in schummriges Licht zu tauchen. Ganz zu Anfang hauste er mit drei Kollegen in einer düsteren Innenkabine. Bald darauf zog er unter gleichen Bedingungen auf ein anderes Schiff, dann verschlug es ihn in eine Doppelkabine mit Einzelbetten statt schmaler Kojen übereinander. Das war bereits ein verdammt gutes Los gewesen, vor allem, als eines Tages Felipe aufgetaucht war und seinen Seesack auf das zweite Bett geschleudert hatte. Aber eine eigene Kabine, noch dazu mit Tageslicht dank altmodischem Bullaugenfenster, war das absolute Nonplusultra.
   Die meisten Crewmitglieder lebten auf engstem Raum mit oft mehreren Kollegen zusammen. Sie waren sich fremd, stammten aus verschiedenen Ländern und unterschiedlichen Kulturen. Monatelang kochten, wuschen oder putzten sie rund um die Uhr, um den Gästen einen komfortablen Urlaub zu ermöglichen. Das Gehalt der fleißigen Schiffsameisen ernährte deren Familien auf den Philippinen oder in Osteuropa. Eine eigene Kabine kam in ihren Träumen nicht vor.
   Miguel gähnte. Er wollte sich zur Wand drehen, diesen vermaledeiten Abend einfach verschlafen. Wütend hieb er mit der Faust gegen seine Handfläche. Die Bälle fielen klackernd zu Boden. Ohne sich darum zu kümmern, richtete er sich auf und tastete nach dem Lichtschalter. Sofort blinzelte er gegen das Aufflackern der Neonröhre an. Sein Quartier unterschied sich kaum von den Hühnerställen auf der anderen Seite des Decks. Von den Passagieren kassierte die Reederei dafür einen satten Aufpreis, weil es Hühnerställe mit Aussicht auf die Wasserkante waren. Die Wände seiner Unterkunft waren nicht holzgetäfelt. Unempfindliche Kunststoffmöbel ersetzten warmes Teak- und Mahagonifurnier. Unter seinen Füßen schwammen keine Fische im leuchtend blauen Tiefseeteppich, und sein Bad war so winzig, dass er sich beim Duschen gleichzeitig über dem Waschbecken rasieren konnte.
   Neben dem Spind nahm ein Regal voller Zauberbücher und Skizzenblöcke den meisten Platz ein. Im unteren Fach ein Trolley, dessen Inhalt niemand etwas anging. Voller Erinnerungen an ein Leben, das ihn in Nächten wie diesen immer wieder testen ließ, ob sich die Türe wirklich öffnete, wenn er auf die Klinke drückte.
   Über dem Bett hing seine Pinnwand, an der er Notizen und Skizzen für neue Ideen verwahrte. Blickfang war das Foto einer jungen Frau, die den Betrachter mit einem Champagnerglas in der Hand anlächelte. Sie mochte Anfang zwanzig sein. Smaragdgrüne Augen strahlten unter blonden Ponyfransen hervor. Kein männermordendes Cheerleadergirl. Eher das nette Mädchen von nebenan. Ihr rotes Korsagenkleid mit dem peppigen Ballonrock war wahrscheinlich ein Sonderangebot von Macy’s gewesen. Kichernd presste sie eine Hand gegen den Rock, der sich im Wind bauschte.
   Miguel griff nach dem einzigen Bilderrahmen auf seinem Nachttisch. Das Foto zeigte einen Teenager neben einer verhärmt aussehenden Frau. Er hatte es am Strand von Cancún geknipst. Kostbare Stunden fernab des Alltags, der die harten Linien in das Gesicht der Frau gezeichnet hatte. Der Junge war gerade sechzehn geworden. Mit zu viel heimlich getrunkenem Tequila und einem unvergesslichen Hangover am nächsten Tag.
   Seine Fingerspitzen strichen über das Glas, da riss ihn die Welle der Einsamkeit unvermittelt in die Tiefe. Die schockartig über ihn hereinbrechende Kälte nahm ihm die Luft zum Atmen und zog ihn gnadenlos hinab in die undurchdringliche Dunkelheit. Aus dem Sog des Strudels gab es kein Entrinnen. Seine Finger klammerten sich um den billigen Plastikrahmen wie um einen Rettungsring. Erbarmungslos glitt er ab, ritzte sich auf seinem Weg nach unten an scharfkantigen Korallen und Muscheln die Seele auf. Auf dem Meeresgrund blieb er gelähmt liegen. Statt weichem Sandboden pressten sich spitze Steine in seine Haut, bohrten sich in seine Knochen. Anhand der Strömung spürte er das Herannahen der ausgehungerten Räuber. Unmöglich, ihnen zu entkommen. Zielgenau näherten sie sich ihrer Beute, kreisten ihn erbarmungslos ein, erstickten ihn im Netz aufgewirbelter Luftblasen, die seine Lungen nicht zu füllen vermochten.
   »Hilf mir, großer Bruder«, keuchte er mit letzter Kraft. »Hilf mir! Bitte! Sag mir, was ich jetzt tun soll!« Er schrie aus Leibeskräften, als die Haie ihm ihre todbringenden Zähne ins Fleisch stießen und ihn Stück für Stück auseinanderrissen.

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