Katie Travis kann es nicht fassen, als Ewan Blake vor ihr steht, um sich im Lake View Inn einzumieten. Vor zwölf Jahren hat er die Stadt bei Nacht und Nebel verlassen – und sie glaubte nicht dran, ihn jemals wiederzusehen. Nun ist er zurück und bereit, ihr Leben auf den Kopf zu stellen. Seine Anziehungskraft scheint stärker als je zuvor, sein Blick lässt ihr Herz schneller schlagen und seine Berührungen erinnern sie an längst vergessene Zeiten. Es wäre so einfach, sich auf ihn einzulassen, doch ihre Welt hat sich seit seinem Weggang weitergedreht. Katie trägt Verantwortung. Für die Pension. Für ihre Kinder. Und sie hat ein Geheimnis, von dem Ewan keinesfalls erfahren darf.

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ISBN: 978-9963-53-532-3

Seiten: 231

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Joanne St. Lucas

Joanne St. Lucas
Joanne St. Lucas ist das Pseudonym, unter dem Jane Luc ihre romantischen Romane veröffentlicht. Es gibt nicht viele Garantien im Leben ... aber bei Joanne ist zumindest ein Happy End garantiert. Immer.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Ewan befand sich inmitten einer Staubwolke. Zumindest fühlte er sich so. Nicht erst, seit er in Frankfurt aus dem Flieger gestiegen war. Der Dreck hatte sich irgendwo zwischen dem syrischen Pulverfass Aleppo und der türkischen Grenze in seinen Kleidern festgesetzt. Auf dem Flug von Adana nach Istanbul hatte er seinen Mund ausgetrocknet, und auf dem Weg nach Deutschland begannen die feinen Schmutzkörnchen schließlich, in seinen Augen zu reiben.
   Erschöpft sammelte er seine Ausrüstung und sein Gepäck – zumindest das, was davon übrig geblieben war – vom Band und schleppte sich ins Flughafenhotel. Er checkte ein und ließ in seinem Zimmer alles fallen, wo es war. Ihm blieben eineinhalb Tage bis zu seinem Weiterflug nach Los Angeles. Zeit, die er nach einer mindestens einstündigen Dusche ausschließlich mit Schlafen und Essen verbringen wollte.
   Bevor er sich in diesen himmlischen Zustand versetzen konnte, bestanden seine drei letzten Pflichten darin, seinen Redakteur davon in Kenntnis zu setzen, dass er noch am Leben war, seine Verlobte anzurufen und seine Mailbox abzuhören. Sein Handy war im syrischen Bürgerkriegsgebiet verloren gegangen. Das war zu diesem Zeitpunkt nicht weiter schlimm gewesen. Mobilnetzempfang oder gar Internetzugang hatte es in der wilden Grenzregion, in die er die Freiheitsarmee begleitet hatte, sowieso nicht gegeben.
   Irgendwann musste er seinen Beitrag für die L. A. Times schreiben. Aber das hatte Zeit. Der Flug nach Hause würde sich sowieso endlos ziehen.
   Nach Hause. Bei diesem Gedanken setzte sein Herz wie immer einen Schlag aus. Zu Hause war nicht das winzige Bergstädtchen in Montana, in dem er aufgewachsen war. Seine Wahlheimat hieß Los Angeles, eine schnelllebige, pulsierende Stadt, in der es sich wunderbar aushalten ließ. Warm und lebendig. Sonne, Strand und Meer.
   Im Moment war es an der Westküste der USA drei Uhr morgens. Er hinterließ Bud eine Mitteilung mit seinem aktuellen Aufenthaltsort, seinen Flugdaten und der groben Idee für seinen Beitrag in der Zeitung. Anschließend wählte er die Nummer für die Fernabfrage seiner Mailbox. Er hatte Jessica gebeten, seine Nachrichten regelmäßig abzuhören und sich um die Dinge zu kümmern, die er selbst aus dem Krisengebiet nicht regeln konnte.
   Sechsundzwanzig Nachrichten. Er trank einen Schluck Wasser, um das sandige Gefühl hinunterzuspülen. Er würde sich nicht alles anhören, nur durchklicken, ob etwas Wichtiges dabei war. Auf Jess war Verlass. Sie managte sein Leben aus der Ferne so gut wie möglich und hatte alles im Griff. Die ersten beiden Nachrichten stammten von seinem Versicherungsvertreter, eine von einer Fernsehproduzentin, die ihn um einen Rückruf wegen eines interessanten Projektes bat. Die vierte Aufzeichnung ließ ihn im ersten Moment schmunzeln. Sein knurriger Cousin Max aus den wilden Bergen, der es hasste, zu telefonieren. Das hatte zur Folge, dass er nur selten anrief, genau genommen nur einmal im Jahr, zu Ewans Geburtstag. Was wollte er also? Ewan lauschte den wenigen wütenden Sätzen, die Max von sich gab und spürte, wie das Lächeln aus seinem Gesicht verschwand. Bevor die nächste Nachricht abgerufen wurde, spielte er die Informationen noch einmal ab. Und noch einmal.
   »Ewan, du Idiot«, ließ sich Max, begleitet von einem dumpfen Rauschen, vernehmen. »Wir verstehen es, dass du mehr Spaß daran hast, dich in der Weltgeschichte herumzutreiben, als dich mit uns auseinanderzusetzen. Trotzdem verhältst du dich im Moment wie das letzte Arschloch. Dein Vater ist gestorben, Mann. Er ist tot, verstehst du? Wenn du schon nicht bereit bist, ihm die letzte Ehre zu erweisen, lass uns wenigstens wissen, was deine Wünsche für seine Beerdigung sind. Und setz dich mit Alex in Verbindung. Sie muss dir sein Testament eröffnen. Meine letzten drei Anrufe hast du ignoriert. Wenn ich dein hässliches Gesicht nicht regelmäßig über den Bildschirm flimmern sehen würde, wäre ich mir nicht sicher, ob es dich überhaupt noch gibt. Das ist mein letzter Anruf. Wenn du nicht reagierst, kümmern wir uns selbst um Onkel George.« Für einen Moment herrschte Stille in der Leitung, bevor Max weitersprach. »Pass auf dich auf, Kleiner.«
   Ewan legte sein Handy auf den Nachttisch und nahm drei Whiskeyfläschchen aus der Minibar. Konzentriert schraubte er die erste auf, setzte sie mit geschlossenen Augen an die Lippen und ließ den gesamten Inhalt in seine Kehle laufen. Der Alkohol brannte und betäubte gleichzeitig. Sein Vater war tot. Ewan hatte nicht erwartet, dass sich George Blake über so viele Jahre am Leben halten würde, bis ihn der Teufel schließlich holte. Anders konnte es nicht sein. Wenn es auf der Welt einen Hauch von Gerechtigkeit gab, schmorte sein alter Herr in der Hölle.
   Er öffnete die zweite Whiskeyflasche. Sein Vater war gestorben. Wie er es auch drehte und wendete, er kam immer zum gleichen Ergebnis. Er musste zurückkehren in die Stadt in den Bergen Montanas. In seine Heimatstadt, der er vor zwölf Jahren voller Verzweiflung und Hass den Rücken zugekehrt hatte. Zurück nach Lake Anna.

1

»Baby?«
   Jessica legte erschrocken die Hand an ihren Hals. Sie hatte verständlicherweise nicht damit gerechnet, Ewan plötzlich in ihrem Schlafzimmer stehen zu sehen. Wie es ihre Art war, fasste sie sich schnell wieder. »O mein Gott! Ewan Blake! Du bist zurück!« In ein Badetuch gehüllt, einen Handtuchturban auf dem Kopf, fiel sie ihm um den Hals, presste ihren verführerischen Körper an seinen. »Ich war gerade dabei, mich schön zu machen, bevor ich dich am Flughafen abhole«, raunte sie ihm ins Ohr. »Aber wenn du eher zurückgekehrt bist, konntest du es wahrscheinlich genauso wenig erwarten wie ich.« Sie trat zurück, zog den Turban vom Kopf und schüttelte ihr feuchtes Haar. Mit einer eleganten Bewegung löste sie das Handtuch von ihrem Körper. Sie ließ es fallen, vergönnte ihm einen kurzen Blick auf ihre anbetungswürdigen Kurven, und schmiegte sich wieder an ihn. Ihre Hand glitt über seinem Hemd am Bauch in Richtung Süden.
   Ewan fing sie ab, bevor sie kritisches Terrain erreichte, und löste sich von ihr. Auch nach zweieinhalb Monaten ohne Sex hatte er keine Lust auf seine Verlobte. Was er wollte, waren Antworten.
   Seine Stimmung hatte sich auch nach drei Whiskeyfläschchen in einem deutschen Flughafenhotel nicht gebessert. Er hatte geduscht und versucht, zu schlafen. Trotz seiner Erschöpfung war er nicht zur Ruhe gekommen. Unerwünschte Gedanken und schmerzhafte Gefühle hatten in seinem Kopf einen Looping nach dem anderen gedreht, ihn wach gehalten. Schließlich hatte er seine Empfindungen in der Hotelbar ertränkt und war in einen unruhigen, von Albträumen geplagten Schlaf gefallen. Ihn hielt nichts mehr in Deutschland. Die Erholung, die er sich erhofft hatte, würde er hier nicht finden. Inzwischen war es egal, in welchem Zustand er in Los Angeles landete. Es änderte nichts an seiner Gefühlslage. Er hatte einen früheren Flug erwischt und darauf verzichtet, Jessica anzurufen. Er hatte ihr keine Chance geben wollen, sich eine Entschuldigung zurechtzulegen. »Mein Vater ist gestorben.«
   »Ja.« Einen Moment blickte sie ihn irritiert an. Dann bückte sie sich und hob langsam das Handtuch auf, um sich wieder darin einzuhüllen.
   »Das ist alles, was du dazu zu sagen hast?«
   Jessica zuckte mit den Schultern, ging an ihm vorbei und zog ihren Morgenmantel aus dem Schrank. Noch einmal ließ sie das Badetuch fallen, präsentierte ihm ihre makellose Rückseite und schlüpfte in die raschelnde Seide. Auch dieser Anblick zündete keinen Funken der Erregung in seinem Inneren. »Was soll ich dazu sagen? Ich dachte, du hasst deinen Vater und hast ihn seit zwölf Jahren nicht gesehen.«
   »Was nicht bedeutet, dass du das Recht hast, Nachrichten meiner Cousins von meiner Mailbox zu löschen.« Die Erschöpfung, der Jetlag und die verdammten Emotionen, die er nicht näher erforschen wollte, waren dabei, seinen Kopf zu spalten.
   »Ich dachte, es ist unwichtig. Dein Vater bedeutet dir nichts. Ich wollte es dir nach deiner Rückkehr sagen. Das war meiner Meinung nach noch früh genug. Was regst du dich so auf?«
   »Es steht dir nicht zu, diese Art von Entscheidung für mich zu treffen.«
   »Tatsächlich?« Sie verschränkte die Arme vor dem Oberkörper und kniff die Augen leicht zusammen. Ein deutliches Anzeichen für ihre Kampfbereitschaft. Sein momentan ziemlich angeschlagenes Gehirn würde sicher nicht mit ihr mithalten können. »Ich habe kein Recht dazu? Als deine Verlobte oder als deine Agentin? Wenn ich nicht die richtigen Entscheidungen treffe, wer dann?« Ihr Ton ließ keinen Zweifel. Sie war stinksauer, weil der Abend nicht so lief, wie sie ihn sich vorgestellt hatte. Er kannte sie gut genug, um zu wissen, dass sie seine Heimkehr akribisch geplant haben musste.
   Ewan war sich nicht ganz im Klaren, warum ihn ihr Verhalten so ärgerte. Ihr Argument war unumstößlich. Er hasste seinen Vater. Von dem Augenblick an, in dem er sein Zuhause verlassen hatte, hatte er sich nie mehr umgedreht. Okay, das stimmte nicht ganz. Eine Zeit lang hatte er verdammt viele Blicke zurückgeworfen. Vergebens. Also entschied er irgendwann, die Augen in seine Zukunft zu richten und seine Vergangenheit hinter sich zu lassen.
   »Hör zu, Darling.« Jessica legte ihm eine Hand mit bonbonrosa lackierten Fingernägeln auf den Arm. »Ich habe dir nichts gesagt, weil ich dich nicht beunruhigen wollte. Wir hatten so wenige Möglichkeiten, überhaupt miteinander zu sprechen. Was wäre geschehen, wenn ich dir in aller Kürze am Telefon davon erzählt hätte? Du weißt ganz genau, was passieren kann, wenn du nicht zu einhundert Prozent konzentriert bist. Das klingt hart, keine Frage, aber dein Vater ist tot. Daran lässt sich nichts mehr ändern. Dein Leben ist mir wichtig genug, es nicht wegen einer solchen Nachricht aufs Spiel zu setzen.«
   Ewan rieb sich gereizt über den Nacken. Das Schlimme war, Jess hatte recht. Vielleicht lag es an seiner Übermüdung. Oder an etwas anderem, worüber er nicht nachdenken wollte. Sicher war nur, dass er sich im Augenblick selbst nicht mehr verstand. Das Einzige, was er begriff, war ihm bereits in dem Flughafenhotel in Deutschland klar geworden. »Ich muss nach Lake Anna.«

Die Schlacht mit Jessica war nicht zu seinen Gunsten ausgegangen. Seine Ankündigung, nach Hause zu fahren, hatte sie ziemlich aufgebracht. Sie hatte Karten für eine Gala zwei Tage später ergattert. Wichtige Promis. Jede Menge Kontakte. Die einmalige Chance, ihre Karrieren voranzutreiben.
   »Erwarte ja nicht, dass ich dich begleite«, hatte sie gekeift. »Wenn du nicht in der Lage bist, die Bedeutung dieser Veranstaltung zu begreifen, ist dir nicht zu helfen. Die Beerdigung deines Vaters findet frühestens im Frühjahr statt. Es gibt keinen Grund, ausgerechnet jetzt dorthin zu fahren.«
   In Städten wie Lake Anna fanden im Winter keine Begräbnisse statt, weil der Boden so tief gefror. Jessica hatte sich also bereits schlaugemacht. Das hatte ihn richtig sauer werden lassen. »Ich hatte auch nicht vor, dich um deine Begleitung zu bitten. Ich fahre allein.«
   »Ich habe mich seit Ewigkeiten auf diese Gala vorbereitet, Listen mit möglichen Klienten angelegt und mir gegen ein ziemlich hohes Schmiergeld einen Sitzplan besorgt. Wir haben einen fantastischen Tisch. Wenn du diesen Termin platzen lässt, nur um sinnloserweise in diese Eiswüste zu fahren, sind wir geschiedene Leute.« Natürlich war sie eine Dramaqueen. Sie zeterte und schrie, was sich wie rostige Nägel auf Metallplatten anhörte, wenn man kurz davorstand, den Kopf zu verlieren.
   Natürlich hatte sie maßlos übertrieben, als sie ihm schließlich in einer Geste, die nach gebrochenem Herzen aussehen sollte, ihren Verlobungsring an den Kopf warf, wo der Diamant einen kleinen Kratzer hinterließ.
   Sie hatte überreagiert und wahrscheinlich schon eine halbe Stunde später jedes einzelne Wort bereut, das sie ihm neben dem Schmuckstück entgegengeschleudert hatte. Normalerweise mochte Ewan ihr Temperament. Es machte eine durchsetzungsstarke Agentin aus ihr. Und im Bett ließ es sie zur Wildkatze werden. Doch nach seiner Rückkehr aus Syrien hatte es ihn einfach nur Nerven gekostet. Vielleicht war ihr Ausbruch der richtige Moment, ihre Beziehung tatsächlich zu überdenken.
   Nach ihrer Auseinandersetzung war er in seine Wohnung gefahren und hatte endlich den Schlaf gefunden, den er so dringend brauchte. Jess hatte sich erstaunlicherweise bis zum nächsten Morgen zurückgehalten, bis sie begann, ihn mit Anrufen und Nachrichten zu bombardieren. Er schaltete sein Handy auf lautlos und ignorierte sie. In dem Café, das sich im selben Haus wie seine Wohnung befand, gönnte er sich ein riesiges Frühstück aus Würsten, Speck, Eiern und Pfannkuchen, die er in einem See aus Ahornsirup ertränkte, um seine Energiespeicher aufzufüllen. Dann packte er seine Tasche neu, sammelte seine Fotoausrüstung und seinen Laptop ein und machte sich auf die Reise Richtung Norden.

Ewan hatte Max nicht angerufen. Einfach, weil er keine Ahnung hatte, was er seinem Cousin sagen sollte. Er musste in das Tal des Thunder Creek zurück, auch wenn er keinen Schimmer hatte, was er tun sollte, wenn er dort ankam. Als Siebzehnjähriger hatte er Lake Anna bei Nacht und Nebel verlassen, und seitdem zu niemandem außer seinen Cousins Kontakt gehabt.
   Sein SUV rollte ruhig und gleichmäßig über die endlosen Highways des Westens. Unweigerlich wurden seine Gedanken in die Zeit zurückgezogen, in der er den Weg in die entgegengesetzte Richtung gefahren war. In einem rostigen Pick-up, von dem er nicht wusste, ob er die Distanz überhaupt überwinden würde. Mit fünftausend Dollar in der Tasche und voller Zorn. Er hatte sich verraten gefühlt. Und doch war die Hoffnung in ihm noch nicht gestorben. Die Hoffnung auf eine Zukunft mit dem hübschen blonden Mädchen, das seine ersten weiblichen Kurven unter hochgeschlossenen, züchtigen Blusen verbarg. Dem Mädchen, dessen seidenweiches Haar, meist zum Zopf geflochten, fast bis zu ihrem knackigen, siebzehnjährigen Hintern reichte. Natürlich funktionierte das Leben so nicht. Weder heute noch damals. Das hatte er in einer bitteren Lektion lernen müssen.
   Immerhin hatte ihm seine Flucht aus Lake Anna trotz allem Glück gebracht und ihm einen Weg aufgezeigt. Er hatte sich von einem schlimmen Raufbold und Sohn des Stadtsäufers zu einem ernsthaften Journalisten gemausert, dessen Meinung das ganze Land Gehör schenkte.
   Seine Cousins hatten aus der Bennett-Ranch, die sich seit Generationen in Familienbesitz befand, ihre Heimatbasis gemacht. Max hatte das Tal nie verlassen, und Ryan und Josh waren zurückgekehrt und kümmerten sich gemeinsam um ihren Neffen Shane, den Sohn ihrer viel zu früh gestorbenen Schwester Vicky. Auch seine Cousins hatten es unter ihrem Vater nicht leicht gehabt, aber sie hatten es geschafft, wieder zu einer Einheit zu verschmelzen. Sie hatten sich verliebt und ihre Familie vergrößert.
   Doch was erwartete ihn, wenn er zurückkehrte? Seinen Vater, den Stadtsäufer, gab es nicht mehr. Alles, was ihm blieb, war eine verwahrloste Hütte im Wald, die er nicht einmal betreten würde, wenn die Zombieapokalypse über die Welt hereinbrechen und sich dort das letzte Versteck befinden würde.
   Immerhin konnte er sich beschäftigen. Jess hatte mit seinem Verleger vor einiger Zeit einen fantastischen Deal ausgearbeitet. Sie wollten einen Bildband mit den Aufnahmen seiner Karriere herausbringen. Die Arbeit, die dazu nötig war, hatte er schon viel zu lange vor sich hergeschoben. Für sein Geheimprojekt – wie er seine Cole Flanagan-Romane gern nannte – musste er sich ebenfalls wieder einmal ausreichend Zeit nehmen. Langweilig werden würde es ihm in Lake Anna mit Sicherheit nicht.

2

Lake Anna begrüßte seine Gäste seit Jahrzehnten mit dem gleichen Schild. Direkt hinter der Straßenbiegung, wo der gleichnamige See in den Thunder Creek floss, dem wiederum das Tal seinen Namen zu verdanken hatte. Das Einzige, was sich an dem Schild änderte, war hin und wieder die Einwohnerzahl, die übermalt und neu geschrieben wurde. Früher war sie jedes Jahr ein wenig weiter gesunken. Inzwischen gab es aber tatsächlich ein paar neue Einwohner. Nicht wenige von ihnen waren mit seiner Familie, den Bennetts, verbandelt.
   Ewan fuhr von Missoula aus in das Tal. Obwohl er sich dagegen wehrte, raubte ihm die Umgebung den Atem. Das war früher anders gewesen. Das Tal war das Tal. Fertig. Monate in Wüsten, in Bürgerkriegsgebieten, in Städten, die Mondlandschaften glichen, hatten seinen Blickwinkel auf diesen Zipfel scheinbar heiler Welt offenbar verändert. Der Schnee und das Eis, die ihn umgaben und trotz seiner Sonnenbrille blendeten, waren von einem so reinen Weiß, dass sie sich nur mit dem Wort unschuldig beschreiben ließen.
   Die schmale Passstraße, die im Winter hinter dem See gesperrt wurde, schlängelte sich schmal und hoch über dem Fluss an der Wand der Schlucht entlang. Dort, wo das Wasser normalerweise mit reißender Geschwindigkeit ins Tal schoss, hatte die Kälte die Naturgewalten ausgebremst. Eingebettet in einen dicken Eismantel schlängelte sich der Thunder Creek nur noch als sanftes Rinnsal durch sein Bett. Die wilden Stromschnellen, die im Sommer zu den hoch geschätzten Attraktionen der Wassersportler zählten, hatten Kunstwerke bizarrster Formen entstehen lassen. Die kahlen Äste der Laubbäume waren ebenso mit dicken Schneehauben überzogen wie die Tannen in ihrem dunklen, beruhigenden Grün.
   Er hatte das Bergstädtchen Thunder Creek hinter sich gelassen und passierte das Schild, das ihn in Lake Anna willkommen hieß. Er fuhr an den Straßenrand. Vor ihm lag der See, eine einzige, eisig weiße Fläche inmitten der unwirtlichen, steilen Bergwände, die ihn für einen Moment zwangen, die Augen zu schließen. Mit dem Blick des Fotografen, der er war, erfasste er die Schönheit des Motives. Aber er war auch Realist. So überwältigend dieser Anblick auch war, verdeckte er doch nur den Schmutz, der sich unter dem Schnee verborgen hielt. Wenn das Weiß dieser perfekten Welt im Frühjahr dahinschmolz, blieb nichts als Dreck und Schlamm zurück. Mit etwas Glück hatte er der Stadt bis dahin abermals den Rücken gekehrt.
   Bis jetzt hatte er sich keine Gedanken über seine Ankunft gemacht. Er konnte zur Bennett-Ranch hinausfahren, entschied sich aber dagegen. Seine Cousins würden ihn willkommen heißen, keine Frage, aber sie waren mit Sicherheit auch sauer und genervt von ihm. Es war besser, erst einmal zur Ruhe zu kommen und den Jetlag, der immer noch durch seinen Körper tobte, richtig auszuschlafen. Mit einem klaren Kopf war er seiner Verwandtschaft besser gewachsen.
   Im Kings Motel einzuchecken kam für einen Einheimischen, der im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte war, nicht infrage. Das hatte sich in den vergangenen Jahren mit Sicherheit nicht geändert. Blieb das Lake View Inn. Er würde viel dafür geben, nicht dort übernachten zu müssen, aber in seiner Abwesenheit hatte kein weiteres Hotel in Lake Anna eröffnet. Für einen Augenblick zögerte er, dann lenkte er den SUV wieder auf die Straße und fuhr zum Inn. Er hatte keine Wahl. Vielleicht kam er wenigstens ungesehen davon. Mit etwas Glück – wobei ihm das in letzter Zeit nicht gerade hold gewesen war. Er parkte vor der Pension, ließ seine Sachen im Wagen und betrat die Rezeption. Er setzte die Sonnenbrille ab und sah sich um. Es hatte sich nicht viel verändert, auch wenn die Wände inzwischen in frischeren und freundlicheren Farben gestrichen waren.
   Der Tresen war nicht besetzt, also drückte er die Klingel.
   »Ich komme«, rief eine helle, ihm unbekannte Stimme aus den Tiefen des Gebäudes. Ewan entspannte sich. Ein Mädchen, vielleicht neun oder zehn Jahre alt, schoss durch die Tür mit dem Privat-Schild und kam hinter dem Tresen zum Stehen. Sie sah aus wie … Er blinzelte.
   Das Mädchen starrte ihn mit aufgerissenen Augen an. »Oh … oh, mein Gott!«, stammelte sie. »Sie … Sie sind …«
   »Ewan Blake«, sagte das erwachsene Ebenbild des Mädchens, das hinter ihr durch die Tür trat.
   Sein Magen zog sich für einen Augenblick zusammen. Er musterte die Frau mit einem langen, abschätzigen Blick. »Katie Travis. Schön, dich zu sehen«, log er.

*

Sie würde nicht mit ›Danke, gleichfalls‹ antworten, denn das wäre definitiv eine Lüge. Davon gab es in ihrem Leben schon genug, auch wenn sie ihre Kinder dazu erzog, bei der Wahrheit zu bleiben.
   Ewan Blake. Sie versuchte, ihn nicht anzustarren. Schließlich wusste sie, wie er aussah. Aus dem Fernsehen, aus der Zeitung. Er flimmerte zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit durch ihr Leben. »Was kann ich für dich tun?« Katie war verdammt stolz auf ihre feste, kühle Stimme, die ganz klar sagte: Du bist hier nicht willkommen.
   Sie hatte sich in wenigen Dingen geirrt, seit Ewan im letzten Highschooljahr die Kurve gekratzt hatte. Er war nie zurückgekehrt. Er hatte sich nie mit seinem Vater versöhnt. Sie war sich sicher gewesen, George Blakes Beerdigung in Abwesenheit seines Sohnes stattfinden zu lassen. Doch da hatte sie offenbar danebengelegen. Hier stand er. In der kleinen Rezeption ihrer Pension und ließ den Raum um sie herum schrumpfen. Er war seit ihrer Jugend nicht mehr gewachsen, aber inzwischen füllten ein paar ansehnliche Muskeln seinen schlaksigen Körper. Die Spitzen seines sandbraunen Haares lugten unter seiner Beanie hervor, und er hatte sich offensichtlich seit ein paar Tagen nicht mehr rasiert. Die dunklen Augen, die an schmelzende Schokolade erinnerten, identifizierten ihn eindeutig als einen Angehörigen des Bennett-Clans.
   Vertraulich lehnte er sich gegen den Tresen, und Katie wich automatisch einen Schritt zurück. Von Lara war keine Hilfe zu erwarten. Sie war mit ihrem Handy beschäftigt. Als offiziell Ewan Blakes größter lebender Fan – zumindest in Lake Anna – war sie vermutlich gerade dabei, all ihren Freundinnen die Ankunft des Heiland zu verkünden. Der leibhaftige Grund, aus dem Lara Auslandsreporterin werden wollte, stand in ihrem Haus. Es konnte maximal noch Sekunden dauern, bis diese Sensation auf Facebook oder Instagram auftauchte.
   »Ich möchte ein Zimmer mieten. Oder eines der Cottages.« Seine Stimme war ebenfalls erwachsen geworden. Was sie natürlich aus dem Fernsehen wusste.
   »Warum schläfst du nicht bei den Bennetts?«
   »Mom!« Lara sah für einen Augenblick von ihrem Handy auf, eine Mischung aus Empörung und Entsetzen im Gesicht. Der berühmte Ewan Blake verlangte nach einer Bleibe. Ihre Tochter würde es nicht verstehen, dass Katie ihn nicht im Inn haben wollte. Sie hätte vermutlich ihr eigenes Zimmer hergegeben und wäre bei ihrem Bruder eingezogen, wenn ihn das hier halten würde.
   »Muss ich die Frage beantworten? Die Antwort geht dich nämlich nichts an.« Er gab sich ebenso kühl und kontrolliert wie sie. Seine Augen waren leere, dunkle Flächen, die nichts aus seinem Inneren preisgaben. So war er schon immer gewesen. Wenn er jemanden ausgrenzen wollte, setzte er genau diesen Blick auf.
   »Vergiss es.« Sie winkte ab und schenkte ihm ein Lächeln, das so falsch war wie das dieser Tussi, die diese Modelshow im Fernsehen moderierte. »Ein kleiner Versuch, mich in Small Talk zu üben. Wir haben leider nur noch ein Cottage frei.« Auch das war gelogen. Aber wenn er unbedingt im Inn unterkommen wollte, würde sie zumindest ein Geschäft daraus machen, und ihm die exklusivste ihrer Hütten anbieten.
   »Perfekt. Ich miete es für eine Woche.«
   »Eine ganze?« Katie schluckte. Ihr Mund war trocken wie die Wüste.
   »Eine mit sieben Tagen.« Er legte seine Kreditkarte auf den Tisch, ließ sie die Formalitäten erledigen und wartete schweigend, bis sie die Kredit- und Zimmerkarte zurückschob. Offenbar achtete er ebenso peinlich wie sie darauf, eine Berührung ihrer Hände zu vermeiden.
   »Herzlich willkommen im Lake View Inn. Frühstückszeiten, Sehenswürdigkeiten der Gegend und eine Liste von Restaurants für das Dinner kannst du der Broschüre entnehmen.«
   »Danke.« Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und ließ sie stehen.
   Katie sah ihm von ihrem Platz hinter dem Tresen aus zu, wie er seine Sachen aus dem Wagen holte und zu der Hütte schleppte, die am weitesten entfernt vom Haus stand. Sobald er aus ihrem Sichtfeld verschwunden war, zog sie ihr Handy aus der Tasche und wählte.
   »Bennett-Ranch. Sara Cross am Apparat«, meldete sich ihre Freundin und Max’ Verlobte.
   »Ich bin’s, Katie. Kannst du Max und seinen Brüdern etwas von mir ausrichten? Ewan ist zurück in Lake Anna.«
   »Was? Wo ist er? In der Hütte seines Vaters?«
   »Nein. Hier. In der Pension.«

*

Langsam kämpfte sich Ewan aus dem Schlaf. Das Klopfen entsprang nicht seiner Fantasie. Jemand pochte ausdauernd an seine Tür. Orientierungslos sah er sich um. Wo war er? Lake Anna. Richtig. Er war nach Lake Anna gefahren und hatte sich im Lake View Inn eingebucht. Nach seiner Begegnung mit Katie war er in das gemietete Cottage eingezogen und direkt ins Bett gefallen.
   Hinter ihm lag eine unangenehme Nacht. Jessica hatte ganze vierzehn Mal versucht, ihn zu erreichen. Sie bereute ihren Ausraster bereits. Er hatte sie noch nicht zurückgerufen. Weil er nicht wusste, was er ihr sagen sollte. Sein Gehirn hatte sich mit einer anderen Frau beschäftigt und mit deren Tochter, die ihr wie aus dem Gesicht geschnitten war. Auch wenn das Mädchen nicht mal im Ansatz so spießig angezogen und frisiert war wie ihre Mutter, als sie in diesem Alter war. Gott, Katie hatte ein Kind. Er kannte sich nicht gut aus, aber das Mädchen schien schon ziemlich alt zu sein. Mindestens neun. Oder eher zehn, oder so. Katie hatte also eine Familie gegründet. Ihm war kein Ehering aufgefallen, und sie hatte ihn beim Nennen ihres Mädchennamens nicht korrigiert. Entweder war ihre Tochter unehelich zur Welt gekommen, oder – was wahrscheinlicher war – sie war geschieden. Beides passte nicht zu der Katie, die er gekannt hatte. Allerdings hatte er sie offenbar nie so gut durchschaut, wie er als siebzehnjähriger Ausreißer geglaubt hatte. Sie hatte nicht zu ihrem Wort gestanden und ihm verdammt viele einsame Stunden in Los Angeles beschert.
   Katies Anblick hatte genügt, die alte Bitterkeit wieder hochkochen zu lassen. Vielleicht tat er ihr auch unrecht, und es war seine ganze verdammte Rückkehr nach Lake Anna, die ihn aus der Bahn warf. Das Schlimmste daran war, dass ihn das nicht davon abgehalten hatte, sich im Halbschlaf im Bett herumzuwälzen und Erinnerungen an ihren Teenagerkörper heraufzuschwören. Sie hatte sich verändert. Allerdings nicht zu ihrem Nachteil. Das glatte blonde Haar reichte ihr nur noch knapp über die Schultern und fiel in einem zeitgemäßen Stufenschnitt weich um ihr Gesicht. Ihre Züge waren erwachsener und weiblicher, aber noch genauso anziehend wie vor zwölf Jahren. Ihr Körper hatte sich ebenfalls an genau den richtigen Stellen entwickelt. Ein anschmiegsamer Rollkragenpullover betonte ihren schlanken Hals, und ihre endlos langen Beine füllten die Jeans perfekt aus. Er hatte sich viel zu ausführlich mit ihrem Auftauchen hinter dem Tresen der Rezeption beschäftigt. Ihre Augen, die ihn an den Sommerhimmel über Montana erinnerten, waren nicht wie in der Vergangenheit schüchtern hinter halb gesenkten Lidern versteckt gewesen. Sie hatte ihn offen angesehen. Die kleine Falte zwischen ihren Augenbrauen war neu. Sie signalisierte ganz deutlich ihre Verärgerung über sein Erscheinen. Eine solche Empfindung hatte er früher nie bei ihr ausgelöst. Er war derjenige, der es immer geschafft hatte, ein Lächeln in ihr Gesicht zu zaubern. Eine verdammt dumme Idee, sich diesen Gedanken hinzugeben.
   Das Klopfen an der Tür schwoll zu einem ungeduldigen Hämmern an. Da der Störenfried ganz offensichtlich nicht verschwinden würde, quälte sich Ewan aus dem Bett und riss die Tür auf. »Was zur Hölle …«
   Auf der kleinen Veranda stand der Sheriff. Ein blonder Hüne. Ewan war eins achtundachtzig groß, aber der Mann vor ihm überragte ihn um einige Zentimeter. Die breiten Schultern spannten den kakifarbenen Parka mit dem Wappen der Stadt und seinem Stern. Die Arme vor der Brust verschränkt, taxierte er ihn durch seine Pilotenbrille. Zumindest vermutete Ewan das, weil er in den verspiegelten Gläsern nur sein eigenes verschlafenes Ich zu sehen bekam.
   Ewan seufzte und fuhr sich durch seine – laut Brille – sowieso schon völlig wirren Haare. Er drehte sich um und kehrte in die Wärme des Hauses zurück. Die Hoffnung, noch eine Weile von der Familie verschont zu bleiben, war dahin. Im Moment fühlte er sich noch nicht in der Lage, es mit ihnen aufzunehmen. Er kippte Wasser in die Keurig, die auf dem kleinen Küchentresen stand, und legte eine Kapsel ein. Der Standard in Katies Pension war ganz eindeutig gestiegen, seit er zum letzten Mal hier gewesen war. Die Hütte, die sie ihm für die nächste Woche vermietet hatte, hatte vor zwölf Jahren noch gar nicht existiert. Sie war überraschend luxuriös eingerichtet und verfügte sogar über einen Jacuzzi auf der hinteren Terrasse.
   Gemeinsam mit dem Kaffeeduft, der von der Maschine aufstieg, trat sein Cousin Ryan in die Hütte und schloss die Tür hinter sich. »Willkommen zu Hause.« Er klang sauer.
   Ewan verstand zwar, warum, aber er hatte keine Lust, sich dafür zu rechtfertigen, warum er erst jetzt seinen Weg nach Lake Anna gefunden hatte. Warum er lieber im Inn abgestiegen war, anstatt auf der Bennett-Ranch zu wohnen, verstand seine Familie mit Sicherheit auch nicht. Er zog die Kaffeetasse unter der Maschine hervor und trank einen ersten, belebenden Schluck. »Sonst noch was?«
   Ryan nahm seine Sonnenbrille ab. Die Augen seines Cousins hatten den gleichen Farbton wie seine eigenen. Der milde Ausdruck in Ryans Gesicht ließ einen bitteren Geschmack auf seiner Zunge zurück. Er stellte den Kaffee zur Seite und machte sich für das bereit, was unweigerlich kommen würde.
   Ryan legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Sorry, Mann. Tut mir leid um deinen Dad.«
   »Das muss es nicht«, presste Ewan hervor. Er wollte kein Mitgefühl. Nicht dafür.
   Bevor Ryan weitersprechen konnte, knackte sein Funkgerät und seine Dispatcherin teilte ihm mit, dass Billie Newton mit seinem Schneepflug die Snowboards irgendwelcher Juppie-Typen überfahren und in Sägespäne verwandelt hatte. Ryan bestätigte und rollte mit den Augen. »Ich muss los. Ich bin nur vorbeigekommen, um dich wissen zu lassen, dass du deinen Hintern heute Abend auf die Ranch schwingen sollst. Es wird ein Essen zu Ehren der Heimkehr des verlorenen Cousins geben. Wenn du nicht auftauchst, bin ich angewiesen, dich zu holen. Erspar uns das Theater und sei pünktlich. Sechs Uhr.«
   »Immer noch ganz der Alte«, brummte Ewan.
   Er sah ein schnelles Grinsen im Mundwinkel seines Cousins auftauchen, bevor er seine Pilotenbrille auf die Nase zurückschob, sich umdrehte und ihn allein ließ.
   Ewan sah ihm nach. Er hatte keinen blassen Schimmer, wie der einzige Tunichtgut der Stadt, der ihm in nichts nachstand, es fertiggebracht hatte, der Sheriff von Lake Anna zu werden.

3

Katie bewältigte den Frühstücksansturm in der Pension, buk im Akkord Pfannkuchen und Muffins, briet Würstchen und Speck. Das Inn lief gut. Die Buchungszahlen hatten ihre vorsichtig positiven Erwartungen in den vergangenen drei Jahren übertroffen. Nur in den ersten Frühlingswochen, wenn die Schneeschmelze das Tal in ein ungemütliches Schlammloch verwandelte, ließ die Zahl der Gäste nach und erlaubte ihr, durchzuatmen.
   Sie war dankbar, wenn die Kasse klingelte. Sie musste die Hypothek abzahlen, die sie zum Renovieren der bestehenden und dem Neubau dreier weiterer Cottages aufgenommen hatte. Und dann waren da noch die Collegefonds ihrer Kinder. Eines der größten Ziele ihres Lebens war es, Lara und Ben die Möglichkeit zu geben, zu studieren, wonach ihnen der Sinn stand. Sie sollten nicht von Stipendien abhängig sein und ihre Freiheit genießen.
   Sie blickte durch die großen Sprossenfenster, während sie den Teig für neue Pfannkuchen rührte. Von hier aus konnte sie morgens den Sonnenaufgang sehen, was ihr die Arbeit für ihre Gäste noch mehr versüßte. Im Moment lag der zugefrorene See still und glatt vor ihr. Am Nachmittag würde er vor eishockeyverrückten Teenagern nur so wimmeln. Bunte Farbtupfer, gebrüllte Flüche und haltloses Lachen würden die eisige Luft zerschneiden.
   Um diese Jahreszeit bestand die Gästeschar hauptsächlich aus Wintersportlern, die den Schnee und die Kälte gebührend nutzen wollten. Katie liebte den Winter ebenfalls. Sie fuhr leidenschaftlich gern Ski und hatte nichts dagegen, auf dem See ihre Runden zu drehen. Allerdings lieber zu fetziger Popmusik im Sternenlicht, als mit Helm und Schienbeinschonern. Anders als ihr Sohn, der zu einem Rowdy mutierte, sobald er Schlittschuhe an den Füßen und den Eishockeyschläger in der Hand hatte.
   Doch wem machte sie etwas vor? Katie stützte die Hände auf den Rand der Spüle und ließ den Kopf hängen. All diese Dinge, über die sie sich Gedanken machte, dienten dazu, sich von Ewan abzulenken – und von seiner Rückkehr. Sie war froh, dass er nicht zum Frühstück aufgetaucht war. Sie hatte ihm eine der neuen Hütten gegeben. Genau genommen die luxuriöseste – die zudem am weitesten vom Haupthaus entfernt lag. Nun hoffte sie, ihm nicht über den Weg zu laufen.
   Sie rieb sich über den verspannten Nacken und ließ den Blick durch die Küche wandern. Ein Anblick, der sie immer beruhigte. Der Raum war das Herzstück der Pension. Das war er schon gewesen, als ihre Tante Milly hier noch das Regiment geführt hatte. Im Rahmen der Renovierung hatte sich Katie einen kleinen Wunsch erfüllt. Mit den Jahren lernte sie, ihre großen Träume zu begraben, aber dieser war wahr geworden. Die Küche war groß. Moderne Geräte waren in Schrankfronten im Landhausstil eingebettet. Auf den Fensterbänken stand eine Reihe bunter Keramiktöpfe, in denen die verschiedensten Kräuter wuchsen. Sie hatte sie selbst gezogen, nachdem sie das Glück beim Anlegen eines eigenen Kräuterbeetes verlassen hatte. Abwechselnd hatten ihr entweder die Witterung oder die Rehe einen Strich durch die Rechnung gemacht. Seither stand ihr Garten auf der Fensterbank.
   In der Ecke summten zwei große Gastronomiekühlschränke. Eine professionelle Kücheninsel beherrschte die Mitte des Raumes, und auf der anderen Seite befand sich eine gemütliche Sitzecke mit einem großen, rustikalen Holztisch, dazu passenden Stühlen und einer Eckbank. Katie verbrachte den Großteil des Tages hier, ihre Kinder frühstückten in der Essecke, bevor sie sich auf den Weg zur Schule machten. Sie aßen hier zu Abend. Der Vorteil der Pensionsküche war, dass sie in ihren privaten Räumen, die sich daran anschlossen, keine Kochgelegenheit brauchte. Ein Schritt durch die Seitentür, und man stand direkt in ihrem Wohnzimmer, von dem ihr Schlafzimmer und die Zimmer der Kinder abgingen. Die Wand des vierten Raumes hatte sie einreißen und das Bad vergrößern lassen. Ihre privaten Räume waren gemütlich und schön, aber ihr Zuhause war diese Küche.
   Es war ein Schock gewesen, Ewan plötzlich vor sich zu sehen. In ihrer Pension, ihrem Wohlfühlbereich. Das lag natürlich ausschließlich daran, dass sie nicht auf diese Begegnung vorbereitet gewesen war, gestand sie sich ein. Sie hatte nicht damit gerechnet, ihn jemals wieder in Lake Anna zu sehen. Nur deshalb konnte seine Anwesenheit sie aus der Bahn werfen. Am meisten ärgerte sie, dass sie sich von seinem Auftauchen überhaupt hatte überrumpeln lassen. Sie hätte cooler reagieren müssen. Souveräner. Sie hätte ihm sagen müssen, dass sie ausgebucht war. Oder wenigstens, dass sie ihm das Cottage nur für zwei Nächte vermieten konnte. Irgend so etwas. Aber ihr Gehirn hatte bei seinem Anblick einfach ausgesetzt.
   Sie fuhr herum, als ihre Hintertür aufgezogen wurde. Dick eingepackt stampften ihre Freundinnen herein. Wenn sie um diese Zeit hier auftauchten, hatte Trish ihr Büchercafé geschlossen und Faye die Vorbereitungen in ihrem Restaurant in Thunder Creek aufgeschoben. Alex gestaltete ihre Tage in der Anwaltskanzlei flexibel, und die hochschwangere Sara, die die Hand ihrer hüpfenden Tochter Allie hielt, arbeitete im Moment nicht mehr.
   »Katie, Katie!« Allie riss sich los und stürmte auf sie zu. »Machst du uns Pfannkuchen?« Voller kindlichem Vertrauen ließ sie sich in Katies Arme fallen und hochheben. Zur Begrüßung drückte sie ihr die eisigen, aber trotzdem klebrigen Lippen auf die Wange. »Kuck mal. Ich habe einen neuen Schal und eine neue Mütze«, plapperte sie weiter, ohne eine Antwort abzuwarten. In ihrem Universum war es eine Selbstverständlichkeit, Pfannkuchen zu futtern, nachdem sie schon irgendetwas Süßes genascht hatte. »Max hat sie für mich ausgesucht.«
   »Wie hübsch.« Katie bewunderte die Accessoires ausführlich, bevor sie sich ihren Freundinnen, die sich aus ihren Mänteln schälten, zuwandte. »Was treibt euch her? Ist etwas passiert?«
   »Wir sind deinetwegen hier«, erklärte Alex.
   »Meinetwegen?« Katie setzte Allie ab, die zu ihrer Mutter zurücksauste, um sich ihren Anorak ausziehen zu lassen.
   »Ewan ist zurück.« Trish legte ihr die Hand auf die Schulter. »Wir wissen, dass dir das an die Nieren geht.«
   Wie es ihre Gewohnheit war, suchten sich alle einen Platz am Tisch.
   Katie seufzte innerlich. »Wollt ihr vielleicht Pfannkuchen?«, fragte sie unnötigerweise.
   »Wenn du zufällig sowieso welche machst …« Sara schenkte ihr ihr umwerfendes Grinsen.
   Auf das sich ihre Tochter ebenfalls perfekt verstand. »In Mamas Bauch ist ein Baby. Das hat auch Hunger. Deshalb muss Mama viel mehr essen als früher.«
   »Aha.« Katie biss sich auf die Innenseite der Wange. Für einen Augenblick hatte Allie es geschafft, ihre Stimmung aufzuhellen. »Ihr irrt euch.« Sie wandte ihren Freundinnen den Rücken zu und schaltete den Herd ein. »Mir persönlich ist es egal, ob Ewan wieder da ist. Wir sind früher nicht gerade gut miteinander ausgekommen. Es hat mich nur überrascht, ihn tatsächlich im Inn stehen zu sehen. Ich habe nicht erwartet, dass er jemals nach Lake Anna zurückkehrt.« Sie zuckte die Achseln. »Nun ist er zwar hier, aber es ist zu spät für George. Und das macht mich wahnsinnig traurig. Ich habe George sehr gemocht.«
   »Wir doch auch, Süße.« Alex stand auf, legte ihr einen Arm um die Schultern und lehnte ihren Kopf an Katies.
   »Er hat ihm das Herz gebrochen.«
   Sara griff nach ihrer Hand. »Sie haben sich gegenseitig die Herzen gebrochen. Und«, sie zwinkerte frech, »ich erinnere mich an eine Zeit vor Ewans Verschwinden, in der ihr zwei euch ziemlich gut verstanden habt.«
   »Da trügt dich deine Erinnerung.«
   »Wir hatten dieses Sozialkundeprojekt. Ihr wurdet zusammen eingeteilt. Ich sehe es noch genau vor mir. Deine Mutter hat einen Riesenaufstand veranstaltet, weil sie wollte, dass dir ein anderer Partner zugeteilt wird. Flint hat sich stur gestellt.«
   »Ja.« Katie blickte wieder auf die einsame, stille Eisfläche des Sees hinaus. »Ich erinnere mich dunkel. Aber jetzt mache ich euch erst einmal Pfannkuchen.« Dunkel war das falsche Wort. Ihr stand jede einzelne Sekunde der Zeit, die sie mit Ewan verbracht hatte – und auch jeder Augenblick, der darauf folgte – in seiner ganzen schmerzlichen Deutlichkeit vor Augen.

Es regnete in Strömen an diesem Spätherbsttag. Das Tal hatte sich in eine einzige dunkelbraune Schlammwüste verwandelt. Katie machte sich keine Gedanken über das Wetter. Es passte zu ihrer Stimmung. Die vergangene Nacht über hatte sie sich die Augen aus dem Kopf geweint. Sie hatte Ewan anrufen wollen. Mit ihm sprechen, seine Stimme hören. Aber er und sein Vater besaßen kein Telefon. Abgesehen davon wurde der Apparat in ihrem Elternhaus mit Argusaugen von ihrer Mutter bewacht. Am Morgen war ihr nichts anderes übrig geblieben, als sich anzuziehen und zur Schule zu gehen. Ewan war nicht im Unterricht aufgetaucht.
   Ihre Freundinnen rissen bei ihrem Anblick erschrocken die Augen auf. Sie griff zu einer Notlüge und erzählte ihnen, dass sie eine Erkältung ausbrütete. Und dann tat sie etwas, was sie sich noch nie zuvor getraut hatte. Sie lieh sich Saras alten, klapprigen Wagen und schwänzte den Englischunterricht.
   Vorsichtig bahnte sie sich einen Weg über die schlammigen Waldwege, die zu der Lichtung führten, auf der die Blakes lebten. Sie hatte das Cottage noch nie von innen gesehen. Ewan hatte ihren Besuch immer zu verhindern gewusst. Sie sollte nicht wissen, wie er lebte. Das verstand sie. Aber heute musste sie ihn sprechen. Wenn er deswegen sauer werden sollte, war das eine Kleinigkeit verglichen mit den Problemen, in die sie gerade schlitterten. Wie prekär die Lage war, ließ sich allein daran erkennen, dass sie mutwillig die Schule ausfallen ließ. Für Ewan andererseits war Schwänzen nichts Besonderes. Zumindest war es das nicht gewesen, bis sie begonnen hatten, zusammen zu lernen – und zu träumen.
   Der Wagen holperte durch ein besonders tiefes Schlagloch. Katies Zähne schlugen aufeinander. Dann lichtete sich der Wald und sie hielt vor dem kleinen, heruntergekommenen Haus. Ewans Zuhause hätte schon bei gutem Wetter mitleiderregend ausgesehen. Bei diesem Regen wirkte es geradezu erbärmlich.
   Ewan hatte sie seinem Vater nie vorgestellt. Allerdings kannte sie George Blake vom Sehen von einigen seiner seltenen Besuche in der Stadt. So, wie sie die meisten Einwohner von Lake Anna kannte. Jetzt stand sie, zitternd vor Nässe und vor Angst, auf seiner durchhängenden Veranda. Auf ihr Klopfen geschah zunächst einmal gar nichts. Erst, als sie ein weiteres Mal gegen die Tür hämmerte, schepperte etwas im Inneren. Sie wartete eine gefühlte Ewigkeit, bis die Haustür einen Spalt aufgezogen wurde und Georges ungepflegter Kopf erschien. Die Wolke aus Schnaps und Ausdünstungen, die vor ihm her wehte, ließ Katie einen Schritt zurücktaumeln.
   Sie musste sich zusammenreißen, um sich nicht an Ort und Stelle zu übergeben. »Guten Tag, Mr. Blake. Ich wollte zu Ewan.«
   »Müsstest du nicht in der Schule sein?«, brummte er. Mit einem Ruck zog er die klemmende Tür ein Stück weiter auf. Er hielt sich am Holm fest und schwankte leicht vor und zurück.
   »Bitte, Sir. Ist er da?«
   »Nein, Mädchen. Leider nicht.«
   »Wissen Sie, wo ich ihn finde?«
   »Nein, Kleine. Hör mal, hat das was mit gestern Abend zu tun?«
   »Gestern Abend?«
   George starrte sie einen langen Moment an, dann schüttelte er den Kopf. »Nichts. Vergiss ihn am besten, okay? Ewan ist nicht gut für dich.«
   »Ich muss ihn finden.« Die Verzweiflung kratzte in ihren Eingeweiden. Die Angst stieg. »Sagen Sie mir bitte, wo ich ihn finden kann.«
   »Du wirst ihn nicht finden, Mädchen. Er ist weg. Und er wird nicht zurückkommen.«
   »Weg? Wohin?«
   »Ich habe keinen Schimmer.« Er setzte eine Bourbonflasche, die sie zuvor nicht bemerkt hatte, an die Lippen und trank einen großen Schluck.
   Katie glaubte ihm nicht. George musste sich irren. Vielleicht verwechselte er etwas, oder hatte es gar vergessen, weil er zu viel getrunken hatte.
   Doch er sollte recht behalten. Eine Woche lang fuhr sie jeden Tag zur Lichtung hinaus. Ewan blieb verschwunden. Er hatte Lake Anna verlassen – und er würde nie zurückkehren. In dem Augenblick, in dem sie begriff, dass sie Ewan vermutlich nie wiedersehen würde, brach sie zusammen. Sie hatte danach nie wieder Schwäche zugelassen. Weder in den neun Monaten, die sie als Nächstes durchstehen musste, noch in den elf Jahren, die folgten.

»Hey, du verbrennst die Pancakes. Träumst du?« Trish holte sie in die Wirklichkeit zurück.
   Katie rettete die letzten Pfannkuchen, stellte den Teller mit gesalzener Butter und Ahornsirup auf den Tisch und ließ ihre Freundinnen zuschlagen.
   »Heute Abend gibt es ein Familienessen bei den Bennetts«, erzählte Alex. »Sozusagen die Begrüßung des verlorenen Cousins. Ich bin gespannt, was er zu erzählen hat.«
   »Wie lange bleibt er?«, fragte Sara mit vollem Mund.
   »Macht euch nicht zu viele Hoffnungen.« Katie hatte sich wieder gefangen. Die Vergangenheit verblasste langsam und verschwand in der Ecke ihres Gehirns, in der sie sie seit Jahren versteckt hielt. »Es wäre nicht das erste Mal, dass er einfach so verschwindet.«

4

Ewan erledigte ein paar Telefonate, die er viel zu lange aufgeschoben hatte. Bis zum Mittag war in seinen Gedanken eine klare Vorstellung des Bildbandes entstanden, den er über seine Arbeit des vergangenen Jahrzehnts zusammenstellen sollte. Er hatte dem Verleger zugesagt, ohne das mit Jessica abzusprechen. Sie würde sich noch früh genug einmischen und Verträge über Honorare aushandeln, bei denen ihm schlecht würde. Falls sie noch seine Agentin war, nachdem sie privat getrennte Wege gingen.
   Das Buchprojekt reizte ihn sehr. Bei seinem letzten Auftrag in Syrien war er ein paar Mal nur um Haaresbreite davongekommen. Er musste sich darüber klar werden, ob er sein Leben auf diese Art weiterführen wollte – und wenn ja, wie lange das verdammt noch mal gut gehen würde. Er balancierte auf einer ziemlich hohen Klippe. Natürlich wusste er genau, warum er kein Risiko ausließ, sich jeder Herausforderung stellte. Seit Katie sein Herz zerfetzt hatte, war Schmerz ein guter Weg, sich daran zu erinnern, dass er noch lebte. Schmerz war zumindest eine Empfindung. Da er in der Lage war, ihn auszuhalten, hatte er nichts dagegen. Schmerzen schärften die Sinne, verdrängten ungeliebte Gedanken in den Hintergrund. Wenn man nur noch das Ziel hatte, die Scheiße, in der man steckte, zu überleben, durfte die Vergangenheit einen nicht ablenken.
   Doch in den Wochen, in denen er den Bildband gestaltete, würde er keine Aufträge annehmen. Neben dieser Aufgabe hatte er höchstens Gelegenheit, sich seinem Geheimprojekt zu widmen. Diese Zeit würde ausreichen, zu entscheiden, welche Richtung er seinem Leben künftig gab. Ob er dieses Projekt in Lake Anna anging oder irgendwo sonst auf der Welt, war egal. Im Moment hatte er allerdings kein besonders großes Bedürfnis, seiner Exverlobten über den Weg zu laufen. Hier war er sicher vor ihr. Ins Tal des Thunder Creek würde sie sich auf ihren hübschen, sündhaft teuren High Heels auf keinen Fall verirren. Und dann war da noch Katie, deren Leben einige interessante – wenn auch unerwartete – Wendungen genommen hatte. Sie war Mutter, aber sie ging ihm immer noch unter die Haut. Er kam nicht umhin, sich zu erinnern, wie sehr er unter ihrem Verrat gelitten hatte. Trotzdem verspürte er den Drang, mehr über sie herauszufinden.
   Er warf einen Blick aus dem Fenster, vor das er den Tisch geschoben hatte, um ihn zum Arbeitsplatz umzufunktionieren. Der Schnee blendete geradezu. Die Sonne strahlte auf den vereisten See. Nur zwei Meter vom Haus entfernt waren zwei Rehe aus dem Wald getreten und knabberten an den tief hängenden Ästen der Bäume. Er überlegte, ob er seine Kamera holen sollte, aber wahrscheinlich würde er die Tiere damit nur aufschrecken.
   Stattdessen konzentrierte er sich wieder auf seinen Laptop und schrieb Jess eine Mail mit seinen Plänen für die nächsten Wochen. Als seine Agentin musste sie wissen, was auf sie zukam. Zu einem Gespräch mit ihr hatte er aber einfach keine Lust. Dazu war er im Moment zu rastlos. Vielleicht lag es an dem Jetlag, den er immer noch nicht überwunden hatte, vielleicht an Ryans Überraschungsbesuch. Er konnte nicht mehr still sitzen und aus dem Fenster starren.
   Er schickte die Nachricht ab und schnappte sich seine Wagenschlüssel. Ziellos fuhr er durch die Straßen Lake Annas, verglich die Stadt mit der aus seinen Erinnerungen. Sie war hübscher, als ihn das Bild in seinem Kopf viele Jahre lang hatte glauben lassen. Er hatte sie dunkel und schmucklos vor sich gesehen. Jetzt schoben sich Ranchhäuschen mit sauberen Veranden und weißen Lattenzäunen in sein Blickfeld. Der Lake View Drive, an dem die Bar und das Diner des Ortes, Polizei, Arztpraxis und ein Buchladen, den es früher nicht gegeben hatte, lagen, hatte schon immer diese pittoreske Bilderbuchausstrahlung gehabt. Wie aus einem Western des neunzehnten Jahrhunderts. Das hatte sich bis heute nicht geändert.
   Ewan ließ die Stadt hinter sich und folgte am See entlang der Straße zur Ranch der Bennetts. Der Schnee war in hohen Wällen rechts und links des Asphalts aufgetürmt. Die Äste der Bäume ächzten unter den Unmengen von Weiß, die sie hinabdrückten. Kurz vor dem Zuhause seiner Cousins bog ein Feldweg in den Wald. Automatisch ging er vom Gas und bog in die Weggabelung ein. Er kam schlitternd zum Stehen und starrte zwischen den Tannen hindurch, die ihm den Blick auf die Lichtung versperrten, die etwa eine halbe Meile tief im Wald lag.
   Er könnte hinfahren. Hinlaufen. Aber was sollte das bringen? Er senkte den Blick auf seine Hände. Die Knöchel traten weiß hervor, so fest umklammerten sie das Lenkrad. Vorsichtig löste er den verkrampften Griff und atmete tief durch. Trotz der Kühle im Wagen schwitzte er. Es hatte keinen Sinn, hier herumzustehen. Er war nicht bereit, sein früheres Zuhause zu betreten. Er legte den Rückwärtsgang ein, setzte auf die Straße zurück und fuhr in die entgegengesetzte Richtung davon, ohne einen Blick zurückzuwerfen. Für diese Art der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit war er eindeutig noch nicht bereit.
   Thunder Creek war zu dieser Tageszeit so ruhig wie Lake Anna. Die meisten Touristen tummelten sich auf den Skipisten oder auf Loipen in den verschneiten Wäldern. Er entdeckte ein Restaurant mit dem verheißungsvollen Namen Red Saloon, das es in seinen Teenagerjahren noch nicht gegeben hatte. Es war höchste Zeit, etwas zu essen. Wann immer er von Reportagen aus den Kriegs- und Krisengebieten dieser Welt zurückkehrte, freute er sich besonders auf ein paar Dinge, die in den Staaten zu den elementarsten zählten. Dazu gehörte ein weiches Bett mit frischen Laken, jeden Tag eine ausgiebige Dusche, saubere Kleidung, und vor allem, sich mehrmals täglich den Magen vollzuschlagen.
   Er betrat das Restaurant und suchte sich einen Tisch an einer der Sprossenfenstertüren, die auf den zugefrorenen Fluss hinauszeigten. Das Essen war fantastisch und die Köchin, die für den Plausch mit den wenigen Mittagsgästen aus der Küche kam, ein echter Hingucker. Die Figur eines Fünfzigerjahre-Pin-up-Girls in Verbindung mit einem roten Lockenkopf. Sie musterte ihn einen Moment aus leicht zusammengekniffenen Augen, dann plauderte sie entspannt über das Tal und seine Vorzüge im Winter. Ewan kannte das. Viele Leute warfen ihm diese Blicke zu. Er kam den Leuten aus dem Fernsehen bekannt vor, aber sie konnte ihn in ihrer näheren Umgebung nicht richtig einordnen. Er erfuhr, dass das Restaurant neu eröffnet hatte. Ewan war sich sicher, es würde sich schnell zu einem Geheimtipp entwickeln, wenn diese Frau weiter so kochte.
   Nach einer Crème brulée, die ihm auf der Zunge zerging, und einer Tasse Kaffee schlenderte er am Fluss entlang. Kein modriger Schlamm. Keine nasse Hitze, staubtrockene Wüste oder mörderische Insekten, wie er es bei den meisten Reportagen der vergangenen Jahre erlebt hatte. In Syrien war es um diese Zeit des Jahres nicht weniger kalt als in Montana. Aber in der Luft hatte immer ein Hauch von Schießpulver, widerlich verbrannten Gummis und Plastik gelegen. Dieser Gestank hatte sich so in seiner Nase, seinem ganzen Körper festgesetzt, dass er nicht genug von der glasklaren Luft bekommen konnte, die über dem Fluss schwebte.
   Vor ihm tauchte der Schulkomplex auf. Grund-, Mittel- und Highschool, die sowohl die schönsten als auch die schrecklichsten Erinnerungen seiner Jugend bargen. Am schlimmsten waren für Ewan die abgerissenen Klamotten und nicht vorhandenen Haarschnitte gewesen. Die Whiskeyausdünstungen seines Vaters, wann immer er nach Hause kam. Sein knurrender Magen und das fehlende Geld für die Cafeteria. Keine Frage, seine Cousins und seine Cousine Vicky hatten sein Leben so erträglich gemacht, wie es ihnen möglich gewesen war. Aber für den sechzehnjährigen Sohn des Stadtsäufers war das Leben nie erträglich gewesen. Bis er Katie Travis kennengelernt hatte. Kennenlernen im herkömmlichen Sinne war natürlich Quatsch. Sie gingen seit der Einschulung in die gleiche Klasse, und Katie war gut mit Vicky und Sara Cross befreundet gewesen. Als Exemplar der weiblichen Spezies, für die er sich damals verdammt heftig interessiert hatte, war ihm die spießige Pfarrerstochter mit ihren Kniestrümpfen, den langweilig geflochtenen Zöpfen und bis zum Hals zugeknöpften Blusen nie aufgefallen. Bis zu dem Tag, an dem ein Sozialkundeprojekt die Weichen für seine Zukunft stellte.

Ewan war spät dran. Seine Enduro war nicht angesprungen, was am leeren Tank lag. Er hatte am Pick-up seines Alten Benzin abzapfen müssen, um das Motorrad zum Laufen zu bringen. George machte das nichts aus. Er war, blau wie ein Strauß Veilchen, in seinem Sessel eingepennt und schnarchte vor sich hin.
   Normalerweise war Ewan nicht gerade erpicht darauf, sich in der Schule blicken zu lassen. Das Konto seiner Anwesenheitstage war im Vergleich zu den geschwänzten zumindest ausgeglichen. Wahrscheinlich neigte sich die Waage eher zu seinen spontanen Kurzurlauben, die er sich vom Unterricht nahm. Heute war er mit Ryan und Josh verabredet. Sie wollten in eine neue Arcade, die etwa auf der Hälfte zwischen Lake Anna und Missoula eröffnet hatte, und ein paar Stunden Videospiele zocken. Schwänzen war also keine Option.
   Er schlenderte ins Klassenzimmer, zwinkerte seiner Cousine Vicky zu und ließ sich auf den Platz hinten links in der Ecke fallen. Das war der beste Ort, diesem Raum wenigstens in Gedanken zu entfliehen.
   Flint wartete, bis Ewan saß. »Nachdem uns nun auch Mr. Blake mit seiner Anwesenheit beehrt, können wir beginnen. Ich habe Ihnen letzte Woche von den Sozialkundeprojekten berichtet, die Sie von nun an in Zweierteams betreuen. Sie werden die Hälfte ihrer Abschlussnote für dieses Schuljahr ausmachen und dürften großen Einfluss auf Ihre Collegebewerbungen im kommenden Jahr haben. Nehmen Sie das Projekt also nicht auf die leichte Schulter und arbeiten Sie das gesamte Schuljahr über konsequent daran.« Er hob eine Glasschüssel hoch und schüttelte sie, um die kleinen, farbigen Umschläge zu mischen. »Beginnen wir mit Ihnen, Miss Travis.«
   Natürlich. Die Klassenstreberin. Ewan war dieses dämliche Projekt egal. Er würde sich mit diesem Scheiß nicht abgeben. Gelangweilt sah er zu, wie Katie mit spitzen Fingern einen rosa Umschlag aus dem Glas zog und vorsichtig aufknibbelte. Sie fischte den Zettel heraus, überflog ihn kurz und begann, über das ganze Gesicht zu strahlen.
   Wie es unter diesen gackernden Mädchen üblich war, zog Sara Cross den zweiten rosa Umschlag. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, enthielt ihrer nicht das gleiche Thema. Huhu, wahrscheinlich würde gleich die Welt untergehen, weil sie nicht Händchen haltend durch die Gegend laufen und das Universum retten konnten.
   Ewan entschied sich für einen schwarzen Umschlag, als Flint ihm das Glas unter die Nase hielt. Er passte zu seiner Stimmung und zu dem gleichfarbigen Loch aus Hunger in seinem Magen. Desinteressiert warf er ihn vor sich auf den Tisch. Er war nicht neugierig genug auf den Inhalt, um ihn aufzureißen. Zumindest nicht sofort.
   Nachdem Flint alle Projekte verteilt hatte, stellte er die Schüssel auf seinen Tisch und drehte sich zur Klasse um. »Auf jedem Projektbogen befindet sich oben rechts eine Nummer«, begann er. »Nennen Sie sie mir bitte, damit ich Sie in meine Liste eintragen kann.«
   Ewan sah gelangweilt aus dem Fenster. Der Herbst begann gerade, die Blätter zu färben, und am Fluss warfen die Fliegenfischer unermüdlich ihre Angeln ins Wasser. Er würde verdammt viel darum geben, dort draußen zu sein und sich sein Abendessen zu fangen, anstatt dem Gekreische und Gekicher um sich herum zu lauschen, wenn zwei in ein Team gelost worden waren, die sich besonders gern mochten. Lächerlich.
   »Waren das alle?«, tönte Flints Stimme durch den Raum.
   »Nein, Sir. Mein Partner hat sich noch nicht gemeldet.« Katie ließ nervös den Blick durch das Klassenzimmer schweifen. Nervös war ihre Grundstimmung. Nervös. Ängstlich und naiv. Sie hatte nicht den Hauch einer Ahnung vom wirklichen Leben.
   »Welche Nummer haben Sie?«
   »Sieben.«
   »Wer von Ihnen hat die Sieben?«
   Niemand meldete sich. Ewan schielte auf den Umschlag vor sich auf dem Tisch. Er hatte doch nicht etwa wirklich das Pech, dem Klassenprimus zugelost worden zu sein? Sie würde ihm innerhalb kürzester Zeit den letzten Nerv rauben.
   »Ewan?« Flint trat vor seinen Tisch und zog die Augenbrauen nach oben. »Wären Sie so freundlich, Ihren Umschlag zu öffnen?«
   Er rollte innerlich die Augen. »Sicher doch.« Er brachte seinen Stuhl, mit dem er auf zwei Beinen gekippelt hatte, in die Senkrechte, nahm den Umschlag und zerfetzte ihn. »Jepp. Sieben«, sagte er nach einem kurzen Blick auf die Zahl rechts oben. An der unförmigen Gestalt des Lehrers vorbei konnte er sehen, wie Miss Streber blass wurde. Alle hatten sich auf ihren Stühlen zu ihm umgedreht, aber er nahm nur das Spießermädchen wahr, das ihn mit weit aufgerissenen Augen anstarrte. Die Wangen knallrot angelaufen, der Mund zu einem schockierten O geöffnet. Er hatte keine Ahnung, um was es in diesem Projekt ging, und er sparte sich die Mühe, das nachzulesen. Miss Ich-weiß-alles-und-ich-kann-alles würde ihn noch früh genug aufklären.
   »Da wir das geregelt haben, können wir jetzt hoffentlich zum Unterricht zurückkehren.« Flint ging zur Tafel zurück.
   Alle drehten sich wieder nach vorn, nur Katie Travis starrte ihn noch einen langen Augenblick an. Dann konzentrierte auch sie sich wieder auf den Lehrer, oder gab es zumindest vor. Sie saß gerade, ihre Schultern angespannt. Wenn sie noch eine Weile so sitzen blieb, würde sie mit Sicherheit Muskelkater bekommen. Und das, obwohl sie es gewohnt war, mit einem Stock im Arsch herumzulaufen. Sie sah aus, als wollte sie zerspringen, wenn man sie nur mit dem Finger antippte. Ja, für sie war die Zusammenarbeit noch viel schlimmer als für ihn. Sie sah das Scheitern ihres Projektes offenbar deutlich vor sich.
   Kaum läutete die Glocke zur Pause, sprangen alle auf, um nach draußen zu stürmen. Ewan blieb sitzen. Er gehörte nicht zu denen, die sich gegenseitig durch die Tür schubsten, nur um so schnell wie möglich im nächsten Lehrsaal aufzutauchen. Er wartete geduldig, starrte aus dem Fenster – bis ein Schatten auf seinen Tisch fiel. Er hob den Kopf. Katie Travis. Ihre Wangen glühten schon wieder, was das unschuldige Himmelblau ihrer Augen betonte. Ihre Haare waren wie meist in einem so festen Zopf geflochten, dass die Frisur in Hollywood locker als Facelifting durchgegangen wäre. Sie trug keine hautengen Jeans wie die meisten Mädchen, sondern einen knielangen, dunkelbraunen Rock mit irgendeinem undefinierbaren Muster und eine weiße Bluse. Die selbstverständlich bis zum letzten Knopf geschlossen war.
   »Hi, Ewan.« Sie presste ihre Bücher so fest vor ihren Oberkörper, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten.
   »Katie.« Er würde es ihr nicht leichter machen. Sie hatte Angst vor ihm, und das gefiel ihm. Vielleicht hatte er ja Glück und sie machte das gesamte Projekt allein, sodass er sich nur noch seine Note dafür abholen musste. Nein, korrigierte er sich innerlich. Katie Travis würde das Projekt nicht vielleicht allein durchziehen. Sie würde das auf jeden Fall tun. Perfekt für ihn.
   »Ich habe mich gefragt, ob wir uns nach der Schule treffen können, um die Einzelheiten zu besprechen.«
   »Klar doch.« Sobald sich die Türen öffneten, wäre er auf und davon in Richtung Arcade.
   »So gegen vier? In der Bibliothek?«
   »Sicher.« Er hatte diesen Teil des Gebäudes noch kein einziges Mal betreten, seit er auf der Highschool war.
   »Wunderbar. Dann bis später.« Wieder überzogen sich ihre Wangen mit diesem verräterischen Rot. »Bye bye.«
   Bye bye? Er rollte mit den Augen und sah ihr nach, bis sie das Klassenzimmer verlassen hatte. Sie würde wohl umsonst auf ihn warten.

Das Kreischen und Gelächter, das einen Schulhof erfüllte, wenn der Unterricht vorbei war und die Schüler aus der Hölle des Stillsitzens in die Freiheit entlassen wurden, holte Ewan in die Wirklichkeit zurück. Erinnerungen an die Zeit, in der er in diesem Kasten aus Beton und Glas eingesperrt gewesen war, halfen ihm nicht, in seinem Leben weiterzukommen. Natürlich hatten sich damals die Weichen gestellt, aber er hätte seine Berufung vielleicht auch anders gefunden. Wer wusste das heutzutage schon. Er wollte sich gerade umdrehen, als er Katies Tochter wild winkend auf sich zurennen sah. Sie trug einen Anorak in einem Pink, das in den Augen schmerzte. In ihrem Schlepptau hatte sie einen Jungen.
   »Mr. Blake«, rief sie ihm entgegen. Der türkisfarbene Rucksack auf ihrem Rücken hüpfte bei jedem Schritt auf und ab, und ihre Haare lugten unter einer glitzernden Mütze hervor. Lara Travis hatte wirklich nichts mit dem zehnjährigen Ebenbild ihrer Mutter gemein. Ewan war fast ein wenig erleichtert, dass sie ihr Kind zu einem normalen Teenager heranwachsen ließ.
   Nach Atem ringend kam Lara vor ihm zum Stehen. »Hi.« Sie strahlte ihn an, die Wangen und die Nasenspitze von der Kälte gerötet. Die Augen aufgerissen in einem Ausdruck, der ihn ziemlich an Heldenverehrung erinnerte. »Fahren Sie zur Pension?«
   Der Junge, der hinter ihr hertrottete, rollte mit den Augen. »Lass den Mann in Ruhe und komm, sonst verpassen wir den Bus.«
   »Das ist mein Bruder Ben.«
   Katie hatte zwei Kinder?
   »Wir sind Zwillinge. Aber meistens merkt man das nicht, weil Ben nur Eishockey im Kopf hat, während ich wirklich etwas aus meinem Leben machen werde.«
   Hochnäsiges kleines Gör. Ewan musste sich auf die Wange beißen, um nicht zu lachen. Er mochte das Mädchen. Sie wusste, was sie wollte und hatte genug Selbstbewusstsein, sich durchzusetzen. Katie würde sicher jede Menge Spaß haben, wenn dieses Kind in die Pubertät kam. »Ja, ich fahre zur Pension. Wenn ihr mitfahren wollt …«
   »Danke, Mister«, brummte Ben. »Wir nehmen den Bus. Komm schon, Lara.«
   »Aber wieso denn?« Das Mädchen schoss seinem Bruder einen nahezu tödlichen Blick zu. »Mr. Blake nimmt uns mit. Das ist wunderbar. Wo steht Ihr Wagen?«, wandte sie sich wieder an Ewan.
   »Hinter dem Red Saloon.«
   »Perfekt.« Sie setzte sich in Bewegung, ohne darauf zu warten, ob ihr irgendjemand folgte.
   Ben rollte noch einmal mit den Augen, offenbar seine Universalgeste für alles, was ihm gegen den Strich ging, und warf ihm einen bösen Blick zu, der trotz aller Genervtheit ganz klar sagen sollte: Komm nicht auf dumme Gedanken. Ich beschütze meine Schwester. Ein wirklich amüsantes Geschwisterpaar.
   Bis er das Lake View Inn erreichte, hatte Ewan sein Angebot, die beiden mitzunehmen, fast bereut. Ihm klingelten die Ohren. Wie konnte ein einziges kleines Mädchen so viel reden? Sie plapperte ohne Punkt und Komma. Ohne Luft zu holen. Sprang von einem Thema zum nächsten. Bevor er es bemerkte, sprach sie nicht mehr über ihre Freundin Susan, sondern den Kater von Freundin Ariella, nur um dann zu einer Cindy zu wechseln. In seinem Kopf drehte sich alles, und er war fast dankbar, dass Laras Bruder mit brütender Miene aus dem Fenster starrte, anstatt ebenfalls einen Monolog von sich zu geben.
   Erleichtert parkte er vor der Pension und half Lara beim Aussteigen, was sie mit einem strahlenden Grinsen quittierte. Ben warf ihm nur einen genervten Blick zu und kletterte selbst aus dem SUV. Der Junge mochte ihn ganz offensichtlich kein bisschen, was er zwar nicht verstand, ihm aber auch egal war.
   Hinter ihm schlug die Fliegengittertür des Inn zu. Er drehte sich um. Katie war auf die Veranda getreten, die Arme vor der Brust verschränkt und einen tödlichen Ausdruck im Gesicht. Er blinzelte. So hatte sie ihn noch nie angesehen. Nicht einmal, als er sie als Sechzehnjähriger mit ihrem Soziologieprojekt gequält hatte. Faszinierend.
   »Hey, Mom. Mr. Blake hat uns mitgenommen.« Lara und ihr Rucksack hüpften die Verandastufen hinauf.
   »Das sehe ich. Und ich dachte, wir waren uns einig, dass ihr nicht zu Fremden ins Auto steigt.«
   Ihre Tochter schien die Rüge nicht zu kümmern. »Das ist doch kein Fremder. Das ist Ewan Blake. Jeder kennt ihn aus dem Fernsehen. Und er ist Georges Sohn.«
   Georges Sohn? Katies Kinder kannten seinen Vater? Zu dem Brummen in seinem Kopf gesellten sich Fragezeichen.
   »Hey, Mom.« Ben schlurfte seiner Schwester hinterher. »Ich hab ihr gesagt, wir nehmen den Bus. Aber sie hat nicht auf mich gehört. Wie immer, eigentlich.« Zwei Sekunden später fiel die Tür hinter ihm ins Schloss.
   Katie hatte offenbar nur darauf gewartet, dass sie verschwanden. »Halt dich von meinen Kindern fern«, zischte sie ihn an. Ihre Gesichtszüge hatten den Ausdruck einer fuchsteufelswilden Löwenmutter angenommen.
   Ewan hätte sich nicht gewundert, wenn sie sich im nächsten Moment auf ihn gestürzt und sein Gesicht zerkratzt hätte.
   »Ich hab mich ihnen nicht genähert. Ich hab nur an unserer alten Schule ein wenig in Erinnerungen geschwelgt.«
   Bei dem Wort Erinnerungen färbten sich ihre Wangen in hellem Pink. Sie presste die Lippen zusammen. Ewan war sich nicht sicher, ob sie sauer auf ihn oder auf die Erinnerungen war, die ihr jetzt sicher ebenfalls durch den Kopf gingen.
   »Sie sind zu mir gekommen«, fuhr er fort.
   »Gibt es ein Problem?«
   Katies Blick glitt an Ewans Kopf vorbei, ihre Züge hellten sich auf. Neugierig, wer diese Reaktion hervorrufen konnte, drehte sich Ewan um.
   »Paul, gut, dass du da bist.« Katie wartete, bis der Mann bei ihr war und sie auf die Wange küsste. Er stellte sich neben sie, als ob er ein Recht dazu hätte. Dabei sah er nicht im Geringsten wie die Art von Mann aus, die zu dieser neuen, beeindruckenden Katie passte. Er war kaum größer als sie und dünn. Sein Seitenscheitel war vermutlich mit dem Lineal gezogen und passte perfekt zu dem Pullunder über einem langweiligen Hemd unter einem spießigen Mantel.
   »Darf ich vorstellen? Reverend Finnley, Ewan Blake, ein Gast des Inn.«
   »Oh.« Der Blick des Mannes wurde weich und mitfühlend. »Sie sind Georges Sohn. Mein aufrichtiges Beileid zu ihrem Verlust.«
   Georges Tod war eindeutig kein Verlust. Ewan zwang sich zu einem Lächeln. »Danke. Ich muss los. War nett, Sie kennenzulernen.«

5

Ewans SUV holperte über den festgefahrenen Schnee auf den Hof der Bennett-Ranch. Er blieb einen Moment unschlüssig in seinem Wagen sitzen. Eigentlich hatte er keine Lust, hier zu sein. Für einen Tag hatte er genug Vergangenheit aufgerührt. Seine Verwandten würden ihm aber wahrscheinlich tatsächlich den Hals umdrehen, wenn er sich vor diesem Familienessen drückte.
   Die Dunkelheit war bereits über die Berge und den See hereingebrochen. Sämtliche Fenster des Hauses waren hell erleuchtet. Gelb und warm strahlten sie in die Nacht. Es sah aus wie zu den Zeiten, in denen seine Tante Mary noch lebte. Sie hatte ihm immer einen Unterschlupf gewährt, hatte dafür gesorgt, dass er genug zu essen und saubere Klamotten hatte. Seinen Vater hatte nicht mehr viel interessiert, seit seine Mutter mit einem anderen Typen durchgebrannt war. Alles, was in George Blakes Leben eine Rolle spielte, waren seine verdammten Schnapsflaschen gewesen.
   Nach Marys Tod hatte nicht nur Ewans Vater das letzte bisschen Halt verloren, auch den Bennett-Geschwistern war der Boden unter den Füßen weggerissen worden. Ihr Vater, Richard, war keinen Deut besser als sein eigener. Vielleicht war Georges Desinteresse an Ewans Leben sogar leichter zu ertragen als der Sadismus seines Onkels, den er voll grausamen Vergnügen an seinen Kindern ausgelassen hatte – und an ihm, wenn er ihn zwischen die Finger bekam.
   Jetzt war wieder Leben in das Haus der Bennetts eingekehrt. Sie hatten sich einen neuen Mittelpunkt geschaffen. Immer wieder hatten sie Ewan aufgefordert, zurückzukommen und Teil dieser Familie zu sein. Sie hatten ihn auf dem Laufenden gehalten, hatten ihm von Vickys Tod berichtet. Von der Vormundschaft, die sie für ihren Sohn Shane beantragt hatten. Sie hatten ihm verdammt noch mal alles erzählt. Nur die winzige Tatsache, dass Katie zwei Kinder hatte, war ausgelassen worden. Er musste seinen Cousins zugutehalten, dass sie nichts von Katies und seiner Vergangenheit wussten. Seine Gedanken kehrten zum Nachmittag zurück. Katie traf sich mit einem Reverend. Ausgerechnet. War es nicht ihr großes Ziel gewesen, den Klauen ihrer manipulativen, fanatischen Eltern zu entkommen? Wenn er sie und ihre Kinder sah, schien ihr das gelungen zu sein. Aber warum ließ sie sich dann auf einen Pfaffen ein?
   Das Klopfen an seiner Seitenscheibe ließ Ewan zusammenfahren. Der Atem vor dem Gesicht seines Cousins Max beschlug das Glas. »Hast du vor, dir Erfrierungen zu holen? Sara ist sicher bereit, dir ein paar abgestorbene Zehen zu amputieren. Falls du lieber ein Bier und etwas zu essen willst, solltest du deinen Hintern ins Haus schwingen.«
   Ewan zog den Schlüssel aus dem Zündschloss und öffnete die Fahrertür, nur, um direkt in eine heftige Umarmung seines Cousins zu stolpern.
   »Ich habe dich vermisst, Mann«, ließ Max ihn wissen. »Hau nie wieder einfach ab, verstanden?« Er schlug Ewan kameradschaftlich auf die Schulter. »Und jetzt komm. Das Essen, das seit Neuestem im Hause Bennett serviert wird, ist besser als ein feuchter Traum.«
   Hatte er geglaubt, die Ranch war wieder zu einem Heim mutiert? Das stimmte vielleicht. Aber es war ein verdammt chaotisches Zuhause, wie er feststellte, als er über die Schwelle trat. Er zog seine Jacke und Stiefel aus und folgte Max durch das Erdgeschoss. Vieles sah noch genauso aus wie vor zwölf Jahren. Die Teppiche mit den Motiven der Ureinwohner und die Couch im Wohnzimmer waren noch die alten. Der riesige Flachbildfernseher hingegen war neu. Ewan wäre jede Wette eingegangen, dass darauf hauptsächlich Sport lief. Im Esszimmer, das seit Marys Tod niemand mehr genutzt hatte, war der große Esstisch für eine ganze Kompanie gedeckt.
   Die Küche wies immer noch ihren alten, leicht verblichenen Charme auf. Allerdings konnte er sich nicht erinnern, dass hier jemals ein Elfjähriger das Zepter geschwungen hätte – und dass er die hübsche Köchin aus dem Red Saloon wiedersehen würde. »Hallo. Wer hätte gedacht, dass wir uns so bald wieder über den Weg laufen?«
   Sie lächelte ihn an. »Ich war mir heute Mittag nicht sicher, ob du es wirklich bist. Herzlich willkommen in Lake Anna.«
   »Baggerst du meine Frau an?« Ryan drängte sich an Ewan vorbei, nicht, ohne ihm den Ellenbogen in die Rippen zu rammen. »Dieses Mädchen kann kochen, also gehört es mir. Such dir ein eigenes.« Er küsste sie schallend auf den Mund, was sie zum Lachen brachte und den Jungen neben ihr dazu, die Augen auf die gleiche Weise zu verdrehen, wie es Katies Sohn erst vor ein paar Stunden getan hatte.
   Ryan legte der Frau einen Arm um die Schultern. »Darf ich vorstellen: Mein nichtsnutziger Cousin Ewan und die Frau, die ich liebe. Faye Harper.«
   Die rothaarige Sirene reichte ihm die Hand. »Dein nichtsnutziger Cousin hat heute im Red Saloon gegessen und sich als sehr angenehmer Gesprächspartner entpuppt.«
   »Tatsächlich?« Ryan kniff für den Bruchteil einer Sekunde die Augen zusammen und boxte Ewan gegen die Schulter. »Wenn er das noch mal macht, sag mir Bescheid. Dann werfe ich ihn durch eines der Eisfischerlöcher in den See.«
   »Ich bin Shane«, unterbrach der Junge, der am Herd stand, den Monolog seines Onkels. »Ich hab gekocht. Außer Faye und mir kriegt das hier keiner hin. Es gibt Hackbraten, weil Sara den zurzeit am liebsten isst. Sie wird ganz schön stinkig, wenn mit dem Essen was nicht stimmt.«
   »Das habe ich gehört.« Die Stimme seiner früheren Klassenkameradin hatte sich nicht verändert. Sanft und melodisch floss sie über die Anwesenden hinweg. Er drehte sich zu ihr herum. »Heilige Scheiße«, entfuhr es ihm bei ihrem Anblick. Sie hatte noch immer das Gesicht eines verschmitzten Engels, auch wenn ihre lange Lockenmähne inzwischen einem kinnlangen Pagenschnitt gewichen war. All das lenkte aber nicht von dem Bauch ab, den sie vor sich hertrug. Er war … riesig.
   Mit einem Zwinkern strich sie über die große Kugel. »Ja, da hat Max ganze Arbeit geleistet. Lass dich umarmen.«
   Ewan gehorchte und beugte sich hinunter, damit Sara ihre Arme um seinen Nacken schlingen konnte. Sie war Mutter des kleinen Mädchens, das schüchtern hinter ihren Beinen hervorlugte, und die Hausärztin der meisten Bewohner der Stadt. Und doch sah sie noch fast genauso aus wie zu ihrer Schulzeit. Wirkte er auf andere heute auch noch wie damals? Er konnte für sich mit Sicherheit ausschließen, auch nur im Ansatz der gleiche Mensch zu sein wie früher.
   »Willkommen zu Hause, Herumtreiber.« Sie ließ ihn los. »Das ist meine Tochter Allie.«
   Max hob die Kleine auf seine Arme. Sie schmiegte ihre Wange vertrauensvoll gegen seine und betrachtete Ewan skeptisch. »Sag Hallo zu Onkel Ewan, Prinzessin.«
   »Hallo zu Onkel Ewan«, plapperte sie ihm nach, und ihr Gesicht erhellte sich zu einem Grübchengrinsen. »Darf ich die Hunde reinlassen?«
   »Nein, Süße. Das macht Shane.«
   »Bin schon unterwegs.« Der Junge drückte Faye das Küchentuch, das er gehalten hatte, in die Hand. »In zwei Minuten kannst du den Herd ausschalten«, wies er sie an.
   »Verstanden, Chefkoch.« Lächelnd sah sie ihm nach.
   »Er sieht aus wie Vicky«, platzte Ewan heraus, sobald der Kleine um die Ecke verschwunden war.
   Stille breitete sich in der Küche aus. Er fühlte alle Augen auf sich gerichtet. Mist. Das war nicht besonders taktvoll rübergekommen. »Entschuldigt. Ich wollte nicht …«
   »Nein, schon gut.« Ryan boxte ihn zum zweiten Mal gegen die Schulter. »Es stimmt. Wir haben uns nur schon zu sehr daran gewöhnt. Wenn man ihn zum ersten Mal sieht, haut einen das echt um.«
   »Willst du ein Bier?« Max ging zum Kühlschrank.
   »Gern.«
   Sein Cousin reichte Flaschen an Ryan und ihn weiter und goss Faye ein Glas Wein und Sara Wasser ein.
   Die Tür, die die Küche vom Hauswirtschaftsraum trennte, wurde aufgestoßen, und Ryans Ebenbild Josh trat ein. Begleitet wurde er von einer wunderschönen Frau mit dunklem Haar und ernsten grünen Augen. Auch wenn Josh längere Haare als sein Bruder hatte und etwas schlaksiger als Ryan war, war doch nicht zu verkennen, dass sie Zwillinge waren. Katies Kinder fielen ihm wieder ein. Er war neuerdings mit ganz schön vielen Zwillingen konfrontiert.
   Josh grinste bei seinem Anblick breit und schloss ihn zur Begrüßung in die Arme. »Schön, dich endlich wieder hier zu haben. Das ist Alex, meine Frau.«
   »Hallo.« Die unnahbare Schöne reichte ihm die Hand und musterte ihn kühl. Ewan erinnerte sich, sie war Anwältin. Mit ihr war sicher nicht gut Kirschen essen, wenn sie einen erst einmal auf dem Kieker hatte.
   »Schön, dich kennenzulernen.« Er schenkte ihr das Lächeln, mit dem er es schaffte, bei Rebellenführern Vertrauen zu erwecken.
   »Lasst uns aus der Küche verschwinden, bevor die Hunde uns über den Haufen rennen«, schlug Max vor.
   Sie waren nicht schnell genug. Shane trat soeben durch die Hintertür. Er war von oben bis unten voll Schnee und grinste wie ein Irrer. »Die Hunde haben mich in eine Schneewehe geschubst. Die sind so verrückt.«
   Die Verrückten drängelten sich an ihm vorbei. Ein Schäferhundwelpe, ein junger Labrador und ein … Irgendwas. Eine Promenadenmischung, deren Ursprung nicht identifizierbar war. Sie schlitterten durch die Küche und rasten ins Esszimmer, offenbar auf der Suche nach dem Platz, von dem aus am meisten unter den Tisch fallen würde. Die Bennetts schlossen sich ihnen an.
   »Na komm schon, Spence«, rief Shane. »Alle anderen sitzen schon beim Essen.«
   Spence? Ewans Nackenhaare stellten sich auf. Spence. Er drehte sich um und sah den alten Retriever schwerfällig in die Küche traben. Der Hund hob den Kopf, seine Nase zuckte, und er sah ihm direkt in die Augen. Sein Schwanz schlug auf den Boden. Zweimal. Wie er es früher immer getan hatte. Dann kam er direkt auf ihn zu. Langsamer als früher. Aber es war immer noch Spencer. Sein Hund. »Hey.« Er ließ sich auf die Knie sinken. »Spence, mein guter Junge.« Der Hund leckte ihm einmal quer über das Gesicht, wie er es schon getan hatte, als er noch ein Welpe gewesen war. Ewan legte dem Hund die Arme um den Hals, vergrub sein Gesicht in dem weichen Fell und wartete, bis der verdammte Kloß in seiner Kehle verschwand.
   Das Essen im Kreise der Bennetts hatte etwas von der heilen Welt, wie sie den Menschen in Fernsehserien vorgegaukelt wurde. Die Familienmitglieder, die um ihn herum die Tafel füllten, schienen tatsächlich glücklich und zufrieden. Ewan fühlte sich wie das Kind, das vor dem Haus stand, die klammen Hände ans Fensterglas gelegt, und die anderen als Zaungast beobachtete.
   Von Zeit zu Zeit legte er seine Hand auf Spencers Kopf, um sich zu versichern, dass er sich in der Realität befand. Der Hund war nicht mehr von seiner Seite gewichen, seit sie in der Küche ihr Wiedersehen gefeiert hatten.
   »Ich finde es wunderbar, dass du und Spencer euch wiedergefunden habt.« Saras Augen glänzten feucht, was vermutlich an zu vielen Schwangerschaftshormonen lag. »Wirst du ihn behalten?«
   »Ich …« Ewan blickte in die Runde. Darüber hatte er sich noch keine Gedanken gemacht. In dem Moment, in dem er Spencer entdeckt hatte, war ihm klar gewesen, dass er seinen Hund zurückhatte. Aber waren die Bennetts auch bereit, ihn wegzugeben? Und konnte er für ihn sorgen? Er zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht«, brachte er lahm heraus.
   »Spence ist in super Verfassung, wenn man bedenkt, dass er mindestens fünfzehn ist«, erklärte Josh.
   »Sechzehn«, verbesserte Ewan ihn. Josh war derjenige gewesen, der den ausgesetzten Welpen gefunden hatte. Er hätte ihn nicht mit nach Hause nehmen können. Sein Vater hätte kurzen Prozess mit dem kleinen Kerl gemacht – oder noch schlimmer, Josh gezwungen, das zu tun. Also hatte er Ewan überredet, den Hund zu nehmen. Spencer war zu seinem besten Freund geworden, den er zurücklassen musste, als er nach Los Angeles gegangen war. Jetzt, da er Spence wiedergefunden hatte, wollte er sich nicht schon wieder von ihm trennen.
   »Okay, sechzehn. Seine Gelenke machen ihm ein wenig zu schaffen, und er ist seit Georges Tod ein bisschen melancholisch. Dein Auftauchen tut ihm gut.«
   Der Hund blickte voller Liebe zu ihm auf. Er schien es Ewan nicht übel zu nehmen, dass er ihn vor all den Jahren zurückgelassen hatte. »Ich würde ihn gern behalten.« Jessica mochte keine Hunde, und schon gar nicht die Haare, die sie an allen möglichen und unmöglichen Stellen hinterließen. Das war jetzt, wo ihre Beziehung Geschichte war, kein Problem mehr. Die Meinung einer anderen Frau allerdings schon. »Ich bin mir nicht sicher, ob Hunde im Inn erlaubt sind.«
   »Abgesehen davon, dass du hier jederzeit willkommen bist«, holte Max aus, »wir haben hier schließlich Platz genug, hat Katie nichts gegen Haustiere. Spence liebt sie, genau wie Lara und Ben.«
   Da war sie wieder, diese Verbindung. Ewan legte seine Gabel zur Seite. »Katie und ihre Kinder scheinen sich sehr gut mit meinem alten Herrn verstanden zu haben.« Er brachte es nicht fertig, das Wort Vater in den Mund zu nehmen.
   »Ja. Ihm ging es nicht besonders gut in den letzten Jahren. Katie hat sich wundervoll um ihn gekümmert«, sagte Sara.
   »Warum?« Ewan verstand nicht, was sie mit ihm zu schaffen hatte.
   »Warum? Weil es ihre Art ist, zu helfen.« Ryan schob sich ein riesiges Stück Hackbraten in den Mund und kaute.
   »Das stimmt natürlich. Ich bin nur überrascht, dass sie das Inn ihrer Tante übernommen hat. Auf mich machte sie immer den Eindruck, Großes vorzuhaben. Die Welt erobern zu wollen.«
   »Hm. Tatsächlich?« Sara schob mit ihrer Gabel eine Kartoffel auf ihrem Teller hin und her. Wich sie ihm aus?
   Fayes Gesichtszüge waren blank, und Alex’ düsterer Ausdruck in den Augen war das ganze Essen über nicht verschwunden. Er kannte die beiden Frauen nicht, war sich aber sicher, dass sie nicht beabsichtigten, sich mit ihm über Katie zu unterhalten. Sie waren ihre Freundinnen.
   Und doch musste er versuchen, etwas aus ihnen herauszubekommen. »Ist Katie geschieden? Ich meine, als alleinerziehende Mutter habe ich sie wirklich nicht gesehen, wenn ich mir ihre Zukunft vorgestellt habe.«
   »Du hast dir ihre Zukunft vorgestellt?« Sara blickte nicht auf.
   Scheiße. »So habe ich das nicht gemeint. Du weißt schon. Irgendwie war bei jedem klar, wohin der Weg ihn führen wird. Niemand hat daran gezweifelt, dass du eines Tages Ärztin wirst.«
   Endlich sah Sara auf und schenkte ihm ein kleines Lächeln. »Da magst du recht haben. Es war bei allen klar. Die Einzigen, die uns überrascht haben, waren Katie – und du.«
   »Trotzdem werden wir Katies Leben nicht mit dir diskutieren«, sagte Alex.
   Ewan hätte gern gewusst, wie Josh es geschafft hatte, diese Eisprinzessin aufzutauen. Alex war mit Sicherheit ein wundervoller Mensch. Das musste sie sein, sonst wäre sie nicht mit seinem Cousin verheiratet. Aus irgendeinem Grund konnte sie ihn nicht ausstehen. Was sie sagte, war lächerlich. Sie hatten den ganzen Abend über nichts anderes getan, als über die Bewohner der Stadt zu tratschen und Gerüchte auszutauschen. Ein wenig freute es ihn für Katie. Sie hatte Freundinnen, die sie beschützten. Auch wenn sie vor ihm nicht beschützt werden musste.
   Seine Cousins lehnten sich entspannt zurück und beobachteten das Schauspiel. Von ihnen war keine Hilfe zu erwarten. Alex hatte wahrscheinlich recht, ihm nichts zu verraten. Wenn er etwas über Katie herausfinden wollte, musste er bei ihr selbst ansetzen. Er war Journalist. Er würde es locker schaffen, die schmalen Details, die ihr Leben auszumachen schienen, auszugraben.
   »Wir sollten die Runde langsam auflösen. Shane hat morgen Schule.«
   »Die blöde Schule ist mir doch egal«, brummte der Junge.
   »Ja, genau. Weil du ja morgens so gut wach zu bekommen bist und es überhaupt kein Kampf ist, dich aus dem Haus zu kriegen.« Max trank einen Schluck Bier, wie er alles tat. Ruhig und gelassen. »Alex hat recht. Schmeiß dich an deine Hausaufgaben. Wir räumen ab.«
   »Hausaufgaben braucht kein Mensch.«
   Josh zog die Augenbrauen nach oben. Shanes Gesicht war mindestens so störrisch wie das seines Onkels. »Dabei brauche ich euch nicht einmal«, ließ er seine Familie wissen. »Das habt ihr wohl vergessen. Ihr habt die Vormundschaft nur beantragt, damit ihr gut bei den Frauen dasteht.«
   Niemand schien sich an Shanes Vorwurf zu stören.
   Faye beugte sich neugierig vor und zwinkerte ihm zu. »Hat es funktioniert?«, wollte sie wissen. »Das mit den Frauen?«
   »Offensichtlich.« Shane verzog das Gesicht. »Ich fühle mich hier jedenfalls wie im Gefängnis.«
   »Allerdings«, stimmte Max ihm zu. »Dein Zimmer ist eine Gefängniszelle, eine ziemlich unordentliche, die du dir mit zwei Hunden und jeder Menge WLAN teilen musst. Das grenzt an Menschenrechtsverletzung. Ruf die UNO an.«
   »Ihr seid alle gleich«, grummelte Shane. In seinem Mundwinkel zuckte es genauso verdächtig wie in den Gesichtern seiner Onkel, die ihn mit finsteren Mienen fixierten. Das schien ein Spiel zu sein, an dem alle Beteiligten eine Menge Spaß hatten.
   Nachdem der Junge mit einer Lautstärke, die an eine Horde Elefanten erinnerte, die Treppe zu seinem Zimmer hinaufgetrampelt war, löste sich die Tischrunde auf. Sie räumten gemeinsam ab, füllten die Spülmaschine und brachten die Küche in ihren ursprünglichen Zustand zurück.
   Ewan bedankte sich für die Einladung und zog seine Jacke und die Stiefel an. Seine Cousins folgten ihm, in ihre Parkas gehüllt, nach draußen. Ryan reichte ihm einen Kaffeebecher. Eine Geste, die Ewan einen Stich versetzte. Es gab diese bennettsche Familientradition noch – oder wieder. Seine männlichen Verwandten saßen gern auf der Treppe vor dem Haus und starrten auf den See. Die Tatsache, dass man sich bei Minus fünfzehn Grad nicht setzen konnte und den Lake Anna in der Dunkelheit sowieso nicht sah, hielt sie nicht davon ab, mit ihren Tassen nach draußen zu gehen.
   Mit einem Mal begriff Ewan. Er war zu Hause. So viele Jahre war er weg gewesen, hatte mehr von der Welt zu sehen bekommen, als die meisten Menschen sich jemals würden vorstellen können. Und in Lake Anna … manche Dinge hatten sich grundlegend verändert, andere waren geblieben, wie sie schon immer gewesen waren.
   »Was hast du vor, jetzt, wo du zurück bist?«, wollte Ryan wissen.
   Ewan zuckte die Achseln. »Ich weiß es nicht. Ich habe noch nicht einmal eine Ahnung, wie lange ich überhaupt in Lake Anna bleibe. Im Moment arbeite ich an einem Projekt über die vergangenen zehn Jahre. Könnte also sein, dass ich eine Zeit lang hier rumhänge.« Er erzählte seinen Cousins von dem Bildband, den er in Angriff nehmen wollte.
   »Du hast in der Stadt auf jeden Fall die Ruhe und die Zeit, die du dafür brauchst. Wir freuen uns, dich eine Weile hier zu haben.« Josh schlug ihm auf die Schulter.
   »Ich habe mich wirklich noch nicht entschieden. Aber ich lasse es euch wissen, sobald ich es weiß.«
   Vorsichtig manövrierten sie um den Grund herum, aus dem er eigentlich hier war, als versuchten sie, auf Glatteis das Gleichgewicht zu halten. Josh holte George eher in die Runde, als es Ewan lieb war. Er reichte ihm einen Umschlag, den er auf dem Fenstersims abgelegt hatte. »Der ist für dich. Alex war die Anwältin deines Vaters. Sie hat seinen Nachlass geregelt.«
   Ewan stellte seine Tasse ab und schob die Hände in die Hosentaschen. »Ich brauche das nicht.«
   »Du solltest es nehmen.« Max sah ihn ernst an. »Vielleicht findest du in diesem Kuvert die eine oder andere Antwort, nach der du in der Vergangenheit gesucht hast.«
   »Ich habe nie nach Antworten gesucht. Nur nach einem Ausweg. Und den habe ich gefunden.« Ewan schüttelte den Kopf. Der Geschmack in seinem Mund wurde bitter. »Ich begreife nicht, wie ihr ihm alle verzeihen konntet. Ihr tut, als wäre er einer von euch gewesen.«
   »Er war einer von uns«, sagte Ryan leise. »George war Familie. Wir haben schon viel zu viel Familie verloren. Vicky hat eine große Lücke hinterlassen. Aus Shanes Leben fehlen uns ganze zehn Jahre. Aus deinem sogar zwölf. Das ändert aber nichts daran, dass wir eine Familie sind. Nimm den Umschlag.« Er nahm ihn Josh ab und klemmte ihn Ewan unter den Arm. »Sieh dir den Inhalt an. Dann reden wir darüber.«
   Ewan öffnete das Kuvert nicht. Er kehrte mit Spencer in seine Hütte im Inn zurück, warf es auf den Tisch und bereitete dem Hund ein Lager neben seinem Bett. Die alten Knochen erlaubten es Spence nicht mehr, zum Schlafen auf das Bett zu springen und unter die Decke zu kriechen, wie er es in seiner Jugend getan hatte.
   Der Abend hatte Ewan aufgewühlt. Ruhelos trat er an die Terrassentür und starrte zum Inn hinüber. In den Fenstern, von denen er glaubte, dass sie zu Katies Wohnung gehörten, brannte schwaches Licht. Eine reglose Silhouette starrte in die Nacht. Das konnte nur Katie sein. Sie hatte auch früher oft in die Dunkelheit hinausgestarrt. Und er hatte sie dabei beobachtet. Genau wie jetzt.
   Ewan seufzte und wandte sich ab. Er war keine siebzehn mehr, und doch musste er zugeben, dass sich der Großteil seiner Gedanken um sie drehte, seit er wieder in Lake Anna war. Sein psychologisches Laienwissen war gut genug, um zu erkennen, woran das lag. Sie hatten nie miteinander abgeschlossen. Es war nur eine Jugendliebelei gewesen, von der niemand etwas mitbekommen hatte. Trotzdem war ihm die Möglichkeit genommen worden, das Ganze zu beenden. Allein das war der Grund für sein Interesse an ihrem Leben – und dafür, dass sie nie ganz aus seinen Gedanken verschwunden war.

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