Sienna kehrt nach Sizilien zurück. Vor zwanzig Jahren wurden hier ihre Eltern grausam ermordet und der Mörder niemals zur Rechenschaft gezogen. Diese Tatsache lastet schwer auf Sienna, doch sie möchte endlich mit der Vergangenheit abschließen. Bis sie Luca De Angelis begegnet, dessen eisgraue Augen sie in ihren Albträumen verfolgen, denn er war ein Komplize des Täters. Sienna sieht die Chance gekommen, endlich den Mörder ihrer Eltern zu finden. Sie beginnt in De Angelis’ Restaurant zu arbeiten und muss sehr schnell feststellen, dass er weitaus mehr ist als nur der Besitzer eines Restaurants.

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Printausgabe: 12,99 €

ISBN: 978-9963-53-565-1

Seiten: 279

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Sara Hill

Sara Hill
Sara Hill wurde am 05.02.1971 geboren und lebt mit ihrem Mann, zwei Söhnen und einer Vielzahl von Haustieren in einer kleinen beschaulichen Ortschaft in der Nähe von Nürnberg.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

»Bleib ganz still liegen, Liebes, beweg dich nicht. Es wird alles gut«, hauchte Mom in mein Ohr. Ich spürte ihren Atem auf der Wange, unter meiner anderen den kalten Fliesenboden, auf dem ich kauerte. Mom hatte mir den Arm über die Brust gelegt, um zu verhindern, dass ich mich bewegte. Tränen quollen aus meinen geschlossenen Augen, ein stummer Schluchzer durchfuhr mich.
   »Bitte nicht weinen, lass die Augen zu«, flüsterte Mom. Mein Herz schlug panisch gegen den Rippenkäfig, trotzdem schaffte ich es, regungslos zu bleiben. Moms Leib bedeckte meinen zur Hälfte. Ich spürte, dass ihr Herz genauso aufgeregt wie meines in ihrer Brust schlug.
   »Verdammt, Dario, lass uns gehen«, zischte einer der Männer, die der Grund dafür waren, dass wir voller Angst auf dem Boden des Restaurants lagen.
   »Das hier sind alles verfluchte Zeugen, kein Einziger von ihnen darf überleben«, brüllte das Monster, das geschossen hatte. Etwas klickte, ich schluchzte.
   »Da, die lebt noch!«
   Ein ohrenbetäubender Knall folgte, meine Mom stöhnte auf, dann folgte Stille. Ich spürte ihren Herzschlag nicht mehr, ihr Körper erschlaffte. Tränen liefen über meine Wangen, neben mir blieb jemand stehen und ich hob die Lider, obwohl ich es nicht wollte, es war ein Reflex, blickte in stahlgraue Augen, die auf mich herabsahen. Sie waren so kalt und unbarmherzig, dass ich erschauderte. Mein Herz drohte aus dem Brustkorb zu springen. Mom wurde immer schwerer.
   »Es sind alle tot, lass uns gehen, bald werden die Bullen da sein«, sagte der Grauäugige, ohne mich aus den Augen zu lassen.
   Ich kniff hastig die Lider zusammen.
   »Die Bullen interessieren mich nicht, die meisten sind sowieso korrupt«, schrie der andere Mann.
   »Aber nicht alle«, erwiderte der Grauäugige, der noch immer neben mir stand. »Dario, es gibt hier nichts mehr für uns zu tun.«
   Schritte entfernten sich, der Grauäugige ging, dann hörte ich, wie ihm das Monster folgte, kurz darauf verließen die beiden das Restaurant. Es wurde totenstill, trotzdem traute ich mich nicht, mich zu bewegen, obwohl meine Mom so schwer auf mir lag, dass ich nur noch stoßweise atmen konnte. Ich spürte etwas Feuchtwarmes durch mein Sommerkleid. Nach einer Weile hob ich vorsichtig die Lider, um mich herrschte Chaos. Umgestoßene Tische und Stühle, neben meinen Kopf lagen die Spaghetti, die ich gegessen hatte. Ich hielt den Atem an, lauschte. Es war nichts zu hören.
   »Mom, sie sind weg«, flüsterte ich, rüttelte an ihr, doch sie reagierte nicht.
   »Dad, wo bist du? Mom sagt nichts.« Ich weinte, versuchte mich umzudrehen, denn irgendwo hinter mir musste Dad liegen.
   »Mom, du bist so schwer. Bitte steh auf«, bettelte ich verzweifelt. »Bitte Mom, die Männer sind weg. Bitte.« Schluchzer erstickten meine Stimme. Wie durch Watte hörte ich Sirenen, kurz darauf stürmten Menschen in das Restaurant.
   »Gibt es Überlebende?«, fragte einer.
   Jemand leuchtete mit einer Taschenlampe in mein Gesicht, ich drehte den Kopf weg.
   »Da ist ein Kind, ungefähr elf Jahre.« Im nächsten Moment zog ein anderer meine Mom von mir.
   »Bist du verletzt? Tut dir etwas weh?«, fragte der Polizist.
   Ich schüttelte den Kopf, und er hob mich hoch. Über seine Schulter sah ich Mom regungslos auf dem Boden liegen, ihr Kleid rot durchtränkt.
   »Wieso bewegt sich meine Mom nicht?«, schluchzte ich.
   »Schau weg, mach deine Augen zu. Ein Kind sollte so etwas keinesfalls sehen«, erwiderte der Beamte, der mich trug.
   Doch ich konnte nicht wegsehen. Ich entdeckte meinen Dad, auch er regte sich nicht. Seine Augen starrten mich leer an, Tränen verschleierten meinen Blick. In diesem Moment wurde es mir bewusst, dass er und Mom mich für immer verlassen hatten.

Ich saß kerzengerade im Bett, das Herz trommelte gegen meine Handfläche, die ich auf das Dekolleté presste. Der leichte Seidenstoff des Nachthemds klebte an der verschwitzten Haut. Zart berührte ich meine Wange, spürte, dass sie nass war. Ich hatte im Schlaf geweint. So intensiv war dieser Albtraum schon lange nicht mehr gewesen. Eine leichte Brise streifte meinen Arm, ich erschauderte, blickte zur offenen Balkontür. Luft, ja, das war, was ich dringend brauchte. Frische Luft. Damit schwang ich meine Beine aus dem Bett. Im ersten Moment zuckte ich zurück, denn die Fliesen waren kalt. Ich stand auf, durchquerte den Raum und trat auf den Balkon, sog die kühle Nachtluft tief in meine Lungen, der Herzschlag normalisierte sich wieder. Eine Gänsehaut überzog meinen Körper, doch ich war noch nicht gewillt, wieder in mein Zimmer zurückzukehren. Mein Blick glitt zur gegenüberliegenden Straßenseite. Das Meer glitzerte ruhig im Mondlicht. Nur wenige Baumwipfel störten die Aussicht auf die rauschende Unendlichkeit. Mein Zimmer lag glücklicherweise im obersten Stock des Hotels. Ich lauschte den Wellen, hing meinen Gedanken nach.
   Vielleicht war es doch ein Fehler gewesen, hierherzukommen. Wahrscheinlich hatte Tante Karen recht, und ich sollte die Geister ruhen lassen. Vor genau zwanzig Jahren waren meine Eltern in dieser kleinen Ortschaft auf der Insel Sizilien ermordet worden und ich hatte endlich den Mut gefunden, hierher zurückzukehren. Portocitta schmiegte sich an den Fuß eines Berges, dessen Namen ich schon mal gehört, aber wieder vergessen hatte, unweit vom Ätna. Den Vulkan konnte man bei schönem Wetter sogar sehen. Portocitta, ein Name, der Menschen an Meer, wundervolle Landschaften und antike Ruinen denken lässt, doch in mir das Grauen weckte.
   Sollte ich Tante Karen anrufen? Wie spät war es wohl? Wenn es hier ungefähr zwei oder drei Uhr in der Früh war, würde es bei ihr so acht, neun Uhr abends sein. Sie war mit Sicherheit noch wach. Wäre es klug, mit ihr zu telefonieren? Sie war von Beginn an von meinen Plänen nicht sehr begeistert gewesen, sie würde es mir ausreden wollen.
   Ich umklammerte die eiserne Balkonbrüstung so fest, dass sich das Metall schmerzhaft in meine Handflächen grub. Nein, ich wollte es durchziehen! Morgen würde ich an den Ort gehen, an dem meine Eltern gestorben, genauer gesagt, von diesen Bastarden feige ermordet worden waren. Deswegen war ich hier, um meine Dämonen zu bekämpfen. Entschlossen hob ich das Kinn dem kühlen Nachtwind entgegen und starrte auf das Meer. Ich war kein kleines Kind mehr, sondern eine erwachsene Frau. Schlimm genug, dass die Täter bis heute nicht gefasst und bestraft werden konnten. Zum Teufel, Italien war das Heimatland meiner Mutter, deshalb beherrschte ich schon von Kindesbeinen an diese Sprache, lange genug hatte ich dieses Land gemieden, damit würde Schluss sein. Ich wollte morgen meinem schlimmsten Albtraum begegnen und mir so meine Wurzeln zurückerobern. Wenn ich das gemeistert hatte, würde ich nach Norditalien weiterreisen, zur Familie meiner Mutter.

Kapitel 2

Warme Sonnenstrahlen berührten meine Haut, blinzelnd hob ich die Augen, konnte es nicht glauben, dass ich doch noch eingeschlafen war. Ich streckte den Arm, nahm mein Handy vom Nachttisch, zehn Uhr, oje, bald würde es kein Frühstück mehr geben. Verschlafen setzte ich mich auf, legte das Handy zurück. Eigentlich hatte ich keinen Hunger, doch etwas Kaffee wäre nicht schlecht. Schwerfällig rutschte ich an den Bettrand und stand seufzend auf. Mein heutiges Vorhaben kam mir in den Sinn, ich hatte das Gefühl, in der Magengegend von Fäusten traktiert zu werden. Mir wurde übel, Galle stieg meine Kehle hoch, und ich stürzte ins Bad.
   Nach einer erfrischenden Dusche und dem Zähneputzen fühlte ich mich besser. Na ja, ein bisschen.
   Ich zog das Badetuch hoch, das ich um meine Körpermitte gewickelt hatte, und ging zur Balkontür. Heiße Luft, die nach Meer schmeckte, schlug mir entgegen. Heute gab die Sonne wieder alles und das schon Anfang Juni. Um die Kühle, die heute Nacht das Zimmer erobert hatte, daran zu hindern, gänzlich zu verschwinden, schloss ich die Tür und zog die dicken Vorhänge zu. Dann befasste ich mich mit meiner Garderobe, griff zu dem leichten Chiffonkleid, dessen zartes Mintgrün gut zu meiner sonnengebräunten Haut passte. Glücklicherweise wurde ich aufgrund meiner italienischen Gene schnell braun. Nur die paar Tage, die ich jetzt hier war, hatten gereicht und ich sah aus, als würde ich schon seit Wochen ins Solarium gehen. Das und mein schokoladenfarbenes Haar ließen mich zwischen den Einheimischen nicht auffallen, ganz im Gegenteil zu englischen Touristen, die in der größten Mittagshitze krebsrot in der prallen Sonne am Strand lagen. Jetzt musste ich nur noch mein Haar in eine ausgehfeine Form bringen, dann war es soweit. Im nächsten Moment hatte ich das Gefühl, meine Beine würden mein Gewicht nicht tragen wollen. Ich wankte, hielt mich am Waschbecken, die Bürste fiel krachend zu Boden. Ich sah in den Spiegel, schob eine Haarsträhne hinter das Ohr, die sich aus meinem Pferdschwanz gelöst hatte.
   »Stell dich nicht so an, wer A sagt, muss auch B sagen«, fuhr ich mein Gegenüber an. In dessen Augen sah ich Angst. Bevor ich auch nur noch eine weitere Minute darüber nachdenken konnte, stürmte ich aus dem Bad und verließ das Zimmer, anschließend das Hotel. Nicht einmal die Zeit für einen Kaffee nahm ich mir.

Ich schritt durch die Gassen der kleinen Stadt an der Ostküste Siziliens, die sich an sanfte Hänge schmiegte und auf der anderen Seite vom Mittelmeer flankiert wurde. Dabei passierte ich kleine Konditoreien, die mit bunten Marzipanfrüchten in den Schaufenstern lockten, Boutiquen mit italienischem Chic und bog in eine schattige Gasse ein. Keines der Gebäude war höher als drei Stockwerke. Eiserne Balkone zierten die Fassaden, durch deren Brüstungen üppige Pflanzen quollen. Nur mit Mühe konnte ich meine Angst davon abhalten, mich zur Umkehr zu zwingen. Die ganze Schönheit, die mich umgab, vermochte mich nicht von dem Grauen abzulenken, dem ich heute begegnen wollte. Es war die Stadt, in der meine Eltern ihren Tod gefunden hatten. In der ich meine Kindheit verloren hatte.
   Trotzdem ging ich weiter, setzte einen Fuß vor den anderen und erreichte irgendwann den Marktplatz mit dem barocken Brunnen im Mittelpunkt, dahinter stand eine Kirche, gebaut aus grobem Stein. Alles war nahezu wie vor zwanzig Jahren, es war nicht viel verändert worden. Wie damals hatte man von dem im Schachbrettmuster gefliesten Platz eine herrliche Aussicht auf das Meer. Es herrschte eine unglaubliche Idylle, doch die trog. Mir lief ein eisiger Schauder den Rücken hinunter, mein Blick glitt die stuckverzierten Fassaden entlang.
   Ein paar Gebäude von der Kirche entfernt lag das Restaurant, in dem meine Eltern mit vielen anderen Menschen ihr Leben gelassen hatten. Tief in mir hatte ich gehofft, dass es nicht mehr da wäre. Insgesamt starben damals dreiundzwanzig Menschen, dreiundzwanzig zerstörte Leben und kein einziger Zeuge. Ich musterte die Häuser, die den Platz säumten, mein Blick blieb an den Fenstern hängen, die Sonne brannte in meinem Nacken. Es konnte nicht sein, dass damals kein einziger Mensch aus einem der unzähligen Fenster gesehen hatte, als die Schüsse fielen.
   Mir wurde plötzlich heiß, und das lag nicht nur an der Hitze. Zorn quoll durch meine Adern, Wut auf die Feiglinge, die damals geschwiegen hatten und dies bis heute taten. Ich schaute zu den rot-weiß gestreiften Schirmen vor dem Restaurant, das für mich der schlimmste Ort auf der Welt war. Ich wollte darauf zulaufen, doch meine Beine streikten, weigerten sich, auch nur einen Schritt zu machen. Meine Hände zitterten, die Kehle war trocken, als wäre ich tagelang ohne Wasser durch die Sahara geirrt.
   »Du Feigling«, flüsterte ich, straffte die Schultern und hob das Kinn. Ich war so weit gekommen, da würde ich keinen Rückzieher machen. Es war nur ein verfluchtes Restaurant. In den vergangenen zwanzig Jahren hatte bestimmt unzählige Male dessen Besitzer gewechselt. Schon allein der Außenbereich sah anders aus, als ich es in Erinnerung hatte. Im Lokal würde es genauso sein. Ich lief los, auf die grauen Metallstühle und Tische zu, die unter den Schirmen standen. Plötzlich war ich wieder das Kind, das fröhlich an der Hand seiner Mutter herumhüpfte, sich auf das versprochene Eis zum Nachtisch freute. Ich roch Moms Parfüm, spürte ihre warme Hand, die meine festhielt, und Dads Finger, die sanft über mein Haar strichen.
   »Signora, geht es Ihnen nicht gut?«, fragte mich eine Männerstimme.
   »Doch, es ist alles gut.« Verwirrt schaute ich zu dem älteren Herrn, der mich angesprochen hatte.
   »Sie weinen.« Mit einem sanften Lächeln hielt er mir ein Stofftaschentuch entgegen.
   »Mir ist nur etwas ins Auge gekommen.« Eilig öffnete ich meine Handtasche und zerrte ein Papiertaschentuch hervor. »Ich danke Ihnen für Ihre Liebenswürdigkeit«, erwiderte ich, während ich vorsichtig mit dem Tuch über mein Gesicht tupfte.
   »Dann bleibt mir nichts anderes, als Ihnen noch einen schönen Tag zu wünschen.« Damit schob er das Stofftuch in seine Hemdtasche zurück, nickte und ging weiter.
   Ich schnäuzte mich, jetzt nur keinen Weinkrampf bekommen, setzte meine Sonnenbrille auf und nahm an einem freien Tisch Platz, von dem aus man den Eingang zum Restaurant sehen konnte. Nur wenige Minuten später kam schon die Bedienung, bei der ich ein Wasser bestellte. Es dauerte nicht lange, bis sie mit dem Getränk zurückkehrte, zudem legte sie mir eine Speisekarte auf den Tisch und schwärmte von der Fischplatte, die der Koch namens Evalto unvergleichlich zubereitete. Ich hatte meine Mühe, sie davon zu überzeugen, dass ich nichts essen wollte. Erst, als ein anderer Gast nach ihr rief, ließ sie von mir ab, nahm aber die Karte nicht mit, da ich ihrer Meinung zufolge vielleicht doch noch Hunger bekommen könnte. Obwohl mir nicht nach Essen zumute war, blätterte ich die Karte durch, ohne wahrzunehmen, was genau darinstand. Immer wieder ging mein Blick zum Eingang des Restaurants. Ich nahm einen Schluck Wasser, in dieser Sekunde trat ein Mann aus dem Lokal. Die Flüssigkeit verfehlte die Speiseröhre, und ich bekam einen Hustenanfall. Beim Versuch, ihn zu unterdrücken, wurde er noch heftiger, graue Augen fixierten mich. Die Karte landete auf dem Boden, ich stellte das Glas ab, bückte mich, doch jemand war schneller und hob sie auf. Jetzt waren die stahlgrauen Augen direkt vor mir, nur eine Armlänge entfernt.
   »Danke«, sagte ich, schob mit dem Zeigefinger die Brille den Nasenrücken hoch.
   »Ich empfehle die Fischplatte«, sagte der Mann, dessen Anblick mir das Blut in den Adern gefrieren ließ.
   Diese Augen hatte ich immer wieder in meinen Albträumen gesehen. Ich würde sie niemals vergessen. Er war einer der beiden Täter, die für den Tod meiner Eltern verantwortlich waren. Wie konnte das sein? Warum lief er hier frei herum und hatte seinem maßgeschneiderten Anzug nach zu urteilen Geld, führte offensichtlich ein sorgloses Leben?
   »Mögen Sie keinen Fisch?«, holte mich seine Stimme in die Gegenwart zurück.
   Sie war sanft, leicht rau, passte nicht zu einem Mörder, sein ganzes Äußeres passte nicht zu einem Mörder. Wie konnte der verdammte Mistkerl nur so verflucht attraktiv sein? Monster sollten auch wie Monster aussehen. Wenn ich nicht wüsste, was er damals meinen Eltern angetan hatte, wäre er genau mein Typ. Die feinen Nackenhärchen stellten sich auf, mein Puls verdoppelte seinen Schlag. »Ich hab keinen Hunger«, erwiderte ich knapp, fast schon patzig. In diesem Moment knurrte mein Magen, und der Mann lächelte, was ihn noch attraktiver machte, zu gut aussehend für einen Mörder, zum Teufel. Am liebsten hätte ich ihm das Gesicht zerkratzt oder das Lächeln aus der Visage geschlagen, stattdessen nahm ich meine Hände vom Tisch und ballte sie darunter zu Fäusten.
   »Ihr Magen scheint dies anders zu sehen.« Er legte die Karte auf den Tisch und drehte sich um. »Gina, eine Fischplatte für die Dame.«
   Die Bedienung, die zwei Tische weiter Getränke brachte, richtete sich auf und nickte.
   »Aber …«
   »Bitte keine Widerrede, das geht auf Kosten des Hauses«, unterbrach er mich in einem Ton, der trotz vordergründiger Höflichkeit keinen Protest duldete.
   Seine herrische Arroganz raubte mir die Worte. Ich starrte ihn wie ein verschrecktes Kaninchen an.
   Der Mann nahm eine Sonnenbrille aus seiner Anzugtasche und setzte sie auf. »Ciao«, sagte er, und bevor mir die passenden Worte einfielen, die ich ihn an den Kopf werfen konnte, ging er. Er stoppte kurz bei der Bedienung, flüsterte ihr etwas ins Ohr. Anschließend überquerte er den Platz und stieg in eine schwarze Limousine, die auf ihn wartete.
   »Arschloch«, murmelte ich, starrte ihm nach, sogar noch, als der Wagen nicht mehr zu sehen war. Was sollte ich tun? Zur Polizei gehen? Warten, ob er zurückkam? Ich schnappte nach Luft, erst jetzt merkte ich, dass ich den Atem angehalten hatte. Die Wut verrauchte, die Panik übernahm. Was, wenn er wirklich zurückkam? Mich womöglich wiedererkannte? Unsichtbare Ketten schnürten mir die Kehle zu. Schnell nahm ich meine Handtasche, kramte mit zittrigen Fingern die Geldbörse hervor. Ich wollte die Rechnung für das Wasser begleichen und gehen. Diesem Kerl würde ich nichts schuldig bleiben. Doch er würde für alles, was er mir angetan hatte, bezahlen.
   Ein Foto fiel aus dem Portemonnaie zu Boden, ich hob es auf. Mom, Dad und mein elfjähriges Ich lachten mich an. Es war das letzte Bild, das meine Eltern lebend zeigte. Ein fremder Mann hatte es damals mit der Kamera meines Vaters gemacht. Das war am Stand gewesen, kurz vor unserer Rückkehr ins Hotel. Mein Dad hatte die Kamera im Hotel gelassen, als wir anschließend zum Essen gingen. Sanft strich ich über das Foto.
   »Entschuldigung Signora«, riss mich die Bedienung aus meinen Gedanken. Hastig drückte ich das Bild an die Brust und sah zu ihr auf. Sie lächelte mich verlegen an, räusperte sich.
   »Ihr Essen wird, wie alles hier, frisch zubereitet werden. Leider dauert es noch eine halbe Stunde. Wissen Sie, wir sind total unterbesetzt, ein Koch fehlt und dazu eine Bedienung.« Gina senkte verschwörerisch die Stimme. »Die Letzte ist mit dem Beikoch abgehauen. Ich hoffe Signore De Angelis findet bald Ersatz für die beiden.«
   »De Angelis?«, wiederholte ich.
   »Ja, das ist unser Boss, Luca De Angelis, Sie haben gerade mit ihm gesprochen. Ich dachte, Sie kennen sich, er sagte, Sie sind sein Gast.«
   »Nein, nein …, äh …, ich habe ihn heute zum ersten Mal gesehen«, log ich.
   »Und da belästige ich Sie mit internen Geschäftsproblemen. Normalerweise bin ich nicht so indiskret.«
   »Bestellen Sie das Essen ab, mir geht es im Moment nicht so gut.« Damit stand ich auf, warf fünf Euro auf den Tisch.
   »Sie müssen nicht bezahlen«, lehnte die Bedienung ab, doch ich ließ den Schein liegen.
   »Ich muss wirklich gehen«, sagte ich und hastete davon. Wie ein von Jägern verfolgtes Reh hetzte ich über den Platz, die Gassen entlang, prallte bei meiner Flucht gegen andere Körper. Doch ich ignorierte das Gezeter und den Schmerz. Erst vor dem Hotel stoppte ich und setzte die Sonnenbrille ab. Nach Luft schnappend stand ich da, hielt meine stechende Seite. Nachdem ich ein paar Mal durchgeatmet hatte, betrat ich noch immer schwer atmend die Halle. Mit schnellen Schritten eilte ich zum Fahrstuhl, grüßte knapp im Vorbeigehen den Hotelangestellten hinter dem Tresen.

Kapitel 2

Ich warf die Zimmertür hinter mir zu, lehnte mich zitternd dagegen. Tränen quollen aus meinen Augen. Schluchzend rutschte ich nach unten, ließ ihnen freien Lauf.
   Irgendwann kamen keine Tränen mehr, und ich starrte wie hypnotisiert zur Decke. Ich hatte das Gefühl, in einem Kokon aus Watte zu sitzen, nahm alles nur noch gedämpft wahr. Die Gedanken kreisten in meinem Kopf. Was zur Hölle sollte ich tun? Zur Polizei gehen? Was würde die wohl sagen, wenn eine dahergelaufene Frau einen ortsansässigen Geschäftsmann des Mordes beschuldigte, eines Verbrechens, das vor zwanzig Jahren geschehen war? Ich schnaubte verächtlich. Sie würden behaupten, dass ich damals zu jung gewesen war, um eine zuverlässige Zeugin abzugeben und die Tatsachen mit der Fantasie einer Elfjährigen vermischte.
   Lange Zeit hatte ich überall Monster gesehen, konnte als Teenager mit meinen Freundinnen niemals in Horrorfilme gehen oder Spaß an Halloween haben. Wenn einer ein blutbesudeltes Kostüm trug, hatte ich Weinkrämpfe bekommen. Schon zu lange vergrub ich die Bilder tief in meinem Inneren. Wollte mit keinem darüber sprechen, nicht einmal mit der Psychologin, die mich als Kind betreut hatte. Ich verdrängte jeden noch so winzigen Gedanken daran. Aus diesem Grund schlichen sich die Bilder meistens nachts an, wenn ich wehrlos war, mein Bewusstsein schlief. Jetzt musste es aber sein, ich musste mich erinnern.
   Ich schloss die Augen, sah das Lokal vor mir, versuchte die Geschehnisse im Geiste zu rekonstruieren. Alles lag im Schatten. So sehr ich mich anstrengte, es wollte nicht klappen. Es war, als würde ein schwarzer Vorhang alles verdecken und ich konnte ihn einfach nicht lüften. Mein Verstand versuchte, mich vor mir selbst zu schützen. Tränen liefen über meine Wangen. Es hatte keinen Sinn, ich erhob mich, warf die Handtasche aufs Bett und ging ins Bad, wusch mir das tränennasse Gesicht.
   Als ich herauskam, stand ich unschlüssig in meinem Zimmer, fühlte mich so unendlich einsam. Was hätte ich darum gegeben, wenn Tante Karen bei mir wäre. Hier war es früher Nachmittag, damit in New York Vormittag. Meine Tante würde wahrscheinlich gerade unterwegs zu ihrem Laden sein, und natürlich besaß sie kein Handy, wie sie auch keinen Computer benutzen wollte. Die Mikrowelle, die sie hatte, war ihr größtes Zugeständnis an die moderne Technik. Auch wenn sie diese nur äußerst selten in Anspruch nahm.
   Mir wurde das Zimmer zu eng, und ich beschloss in die Altstadt zu gehen, mich abzulenken. Ich nahm meine Handtasche, setzte die Sonnenbrille wieder auf und verließ das Zimmer.

Ziellos schlenderte ich durch die Gassen, nahm dabei so gut wie nichts wahr. Zu sehr beschäftigte mich das heute Erlebte, was ich tun sollte und plötzlich fand ich mich auf dem Platz vor der Kirche wieder. Im ersten Impuls wollte ich flüchten wie eine Gazelle, die in den Fokus eines Löwen geraten war, doch aus irgendeinem Grund, den ich selbst nicht benennen konnte, blieb ich. Langsam ging ich zum Brunnen, mein Blick huschte immer wieder zum Restaurant. Am Mittelpunkt des Platzes angekommen, setzte ich mich auf die Brunnenstufen in den Schatten, den der steinerne Neptun warf, und starrte zum Restaurant. Was, wenn ich doch zur Polizei ging oder vielleicht zur amerikanischen Botschaft? Ob De Angelis wieder zurückgekommen war? Vielleicht sollte ich ihn einfach mit meinem Wissen konfrontieren. Ich spielte mit dem Riemen meiner Tasche, ging in Gedanken meine Optionen durch, doch keine schien mir Erfolg versprechend. Aber irgendetwas musste ich tun. Ich beobachtete Gina, die Bedienung, sie eilte von Tisch zu Tisch und brachte den Menschen Getränken. Ob ich wohl etwas aus ihr herausbringen konnte? Ich hatte nur noch wenige Tage, dann musste ich mein Hotelzimmer räumen, denn eigentlich wollte ich zu meinen Verwandten weiterreisen. Konnte ich überhaupt in der kurzen Zeit etwas ausrichten oder war es besser, das alles hinter sich zu lassen? Ich verkrampfte meine Hände, würgte den Gurt meiner Tasche. Der Gedanke, zu wissen, dass es vielleicht eine Spur zum Mörder meiner Eltern gab und nichts zu tun, machte mich wütend. Ich könnte einen Privatdetektiv engagieren, der weiterermittelte, wenn ich abgereist war.
   »Der wird nur dein Geld kassieren und nichts tun. Außerdem, wer weiß, was das kostet, ich hab auch keinen Goldesel im Keller stehen«, sagte ich laut und lachte bitter. Eine Frau schaute mich verwirrt an, ging aber weiter.
   Ich saß auf den Brunnenstufen, bis die Nacht hereinbrach, beobachtete das Lokal, doch von De Angelis fehlte jede Spur, auch sonst ging niemand hinein, der mir bekannt vorkam. Es wäre aber zu einfach gewesen, wenn der Mörder aufgetaucht wäre. Irgendwann begann mein Hinterteil zu schmerzen und meine Augen brannten. Ich beschloss, ins Hotel zurückzukehren. Unterwegs besorgte ich mir einen kleinen Snack, obwohl mir nicht nach Essen zumute war, doch wenn ich umkippte, nutzte das keinem was. Meine aufgesprungenen Lippen und die trockene Kehle sagten mir, dass ich unbedingt mehr trinken sollte. Außerdem schmerzte mein Kopf, als würde er in einem Schraubstock langsam zerquetscht werden, was wahrscheinlich an zu viel Sonne lag. Diese spontane Überwachungsaktion war keine gute Idee gewesen und außerdem nur verschwendete Zeit.

Nachdem ich ein paar Bissen gegessen hatte, fühlte ich mich etwas besser. Der Tag saß mir trotzdem sehr in den Knochen, und ich entschied, ins Bett zu gehen.
   Unruhig wälzte ich mich hin und her, fand einfach keinen Schlaf.
   Plötzlich war ich im Lokal, sah De Angelis den Raum betreten, der Mann an seiner Seite hatte die Fratze eines Monsters. Das Monster schrie herum, ich konnte nicht verstehen, was. Im nächsten Moment knallte es laut, als würde jemand Silvesterkracher zünden, doch es waren keine. Menschliche Körper klatschten zu Boden, um mich herum waren Geschrei und Panik. Teller krachten auf die Fliesen. Angst quetschte meine Lungen zusammen. Der Geruch von Blut stieg mir in die Nase. Mir wurde übel, ich fing zu weinen an. Meine Mutter versuchte flüsternd, mich zu beruhigen.
   Eine laute Männerstimme neben mir sagte etwas, es war De Angelis. »Verdammt Dario, lass uns gehen.«
   Ich sah zu ihm, seine eisgrauen Augen fixierten mich.
   Aufrecht saß ich im Bett, mein Herz sprang gegen seinen Rippenkäfig. Mit beiden Armen umklammerte ich meine hämmernde Brust, das Blut rauschte durch die Adern. De Angelis, er hatte gesehen, dass ich nicht tot war, aber er verriet mich nicht, sonst wäre ich an diesem Tag ebenfalls gestorben wie meine …
   Der spärliche Inhalt meines Magens schoss die Kehle hoch. Hastig rappelte ich mich auf, stürmte ins Bad und schaffte es noch, mich über die Kloschüssel zu beugen.
   Mein Hals brannte, ich machte das Licht an und trat ans Waschbecken. Dort füllte ich das Zahnputzglas mit Wasser und gurgelte damit. Ein paar Mal spuckte ich aus, dann trank ich noch einen Schluck. Der Geschmack nach Erbrochenem klebte auf meiner Zunge.
   Klappernd stellte ich das Glas am Beckenrand ab und erschreckte mich damit selbst. Ich nahm ein Handtuch, wischte damit über mein Gesicht, klappte anschließend den Klodeckel herunter und setzte mich drauf. Mein Puls raste, wenn ich ihn messen würde, läge er mit Sicherheit bei Zweihundert, und obwohl das meinen Puls noch weiter in die Höhe trieb, weil die Angst ihre schmierigen Finger nach mir ausstreckte, versuchte ich das gerade Geträumte zu rekapitulieren. Ich probierte die Atemübungen, die mir die Therapeutin gezeigt hatte, um die Angst in den Griff zu bekommen, und wirklich, langsam normalisierten sich meine Körperfunktionen.
   Eines war mir klar geworden: De Angelis hatte damals keine einzige Kugel abgefeuert, im Gegenteil, er hatte versucht, den Täter zurückzuhalten. Er war nicht der Mörder, nur sein Helfershelfer. Verächtlich verzog ich den Mund.
   Er kannte den Bastard, nannte ihn beim Vornamen, war mit ihm wahrscheinlich sogar befreundet gewesen, denn er hatte den verfluchten Mistkerl all die Jahre gedeckt. Es konnte kein Zufall sein, dass De Angelis heute der Inhaber des Restaurants war. Nur über ihn kam ich an den Mörder meiner Eltern heran. Ich wollte Gerechtigkeit, und wenn ich einen Pakt mit dem Teufel schließen musste, war das eben so. Ich schleuderte das Handtuch auf den Boden und ging ins Zimmer zurück.

Kapitel 4

Nach einer äußerst unruhigen Nacht wachte ich wie durch den Fleischwolf gezogen auf. Ich wollte heute noch einmal zu dem Lokal. So einfach konnte und wollte ich nicht aufgeben. Aber dieses Mal würde ich mich besser darauf vorbereiten. Zuerst frühstückte ich ausgiebig. Auf jeden Fall würde ich die paar Tage, die ich noch hier im Hotel wohnen konnte, ausgiebig nutzen.
   Entschlossen trat ich auf die Straße, besorgte mir unterwegs noch einen Strohhut und eine Wasserflasche und nahm wieder meinen Platz auf den Stufen des Brunnens ein, hielt mein Handy griffbereit, um von verdächtigen Personen Fotos zu machen. Damit konnte ich zur Polizei gehen und sie würden mir glauben müssen. Ab und zu schoss ich ein Foto von der Kirche oder anderen Gebäuden auf dem Platz wie eine Touristin, die Urlaubserinnerungen digital festhalten wollte.
   Vor dem Restaurant wuselte nur Gina, die Bedienung, zwischen den Gästen herum, von De Angelis fehlte jede Spur. Was war das eigentlich für eine Art, sein Geschäft zu führen?
   Auch die nächsten Tage schlich ich um das Lokal herum und De Angelis glänzte durch Abwesenheit. Manchmal setzte ich mich einige Augenblicke in die Kirche. Darin war es kühl und ruhig. Der Lärm der Straße blieb draußen, ausgesperrt von dicken Mauern und einem schweren Holzportal. Das waren auch die Augenblicke, in denen ich mich fragte, was genau ich da eigentlich tat und vor allem damit bezwecken wollte. Die Zeit lief mir davon, ich hatte bald kein Zimmer mehr und mein Hotel, wie auch die anderen am Ort, war ausgebucht.
   Nach einem weiteren Tag der sinnlosen Observation beschloss ich, aufs Ganze zu gehen und das Lokal zu betreten. Die Tür wurde mittels einer Kette offengehalten, damit die Bedienung ungehindert heraus und hinein konnte. Ich stand im Rahmen, hatte das Gefühl, ein unsichtbares Seil würde um meinen Brustkorb immer enger gezogen werden, das Atmen fiel mir schwer. Trotzdem ging ich weiter. Alles sah so anders aus, als ich es in Erinnerung hatte.
   Es war modern, vielleicht sogar schon etwas kühl, eingerichtet, passte zu De Angelis. Im Lokal saßen nicht viele Gäste. Was aber bei dem schönen Wetter kein Wunder war. Ich schritt über den glänzenden Granitboden, nahm auf der cremefarbenen Bank Platz, die sich die ganze Wand entlangzog, vom Schaufenster bis zur Bar. In meiner unmittelbaren Nähe waren keine weiteren Gäste. Das Kunstleder knirschte, als ich mich setzte. Ich griff nach der Karte, die auf dem Tisch lag, aber ich sah nicht hinein, sondern musterte den Raum, mein Blick blieb an der Stelle hängen, an der meine sterbende Mom damals gelegen haben musste. Dort stand jetzt ebenfalls eine lange Bankreihe mit Einzeltischen davor, dahinter gab es einen Raumteiler, an dem sich wieder eine lange Kunstlederbank schmiegte. Ich starrte den Boden an, sah Blut, das Blut meiner Mom. Meine Augen brannten, ich hatte alle Mühe damit, gegen den Weinkrampf zu kämpfen, der sich ankündigte.
   »Was möchten Sie?«
   Ich zuckte zusammen, die Karte rutschte mir aus den Händen, landete klappernd auf dem Ebenholztisch.
   »Entschuldigung, ich wollte Sie nicht erschrecken. Haben Sie schon gewählt?« Die Bedienung blickte mich erwartungsvoll an.
   »Ich bin heute etwas schreckhaft«, versuchte ich zu scherzen, worauf sie mild lächelte und zur Karte blickte.
   »Oh, ich hab noch nicht hineingesehen.« Verlegen nahm ich die Speisekarte vom Tisch.
   »Dann lasse ich Ihnen noch etwas Zeit.« Gina ging, drehte sich aber nach zwei Schritten um, kam zurück und nahm auf dem Stuhl mir gegenüber Platz.
   »Suchst du einen Job?«, fragte sie leise.
   »Äh was …, ich … äh …, also …« Mehr fiel mir zu ihrer Frage nicht ein.
   »Na ja, du treibst dich schon seit Tagen hier herum und da dachte ich, dass du vielleicht einen Job suchst und dich nicht zu fragen traust«, unterbrach Gina mein Gestammel.
   Soviel zu meinen unauffälligen Observationsbemühungen. Sie hatte mich bemerkt, ich war ja wirklich erfolgreich gewesen, würde einen super Privatdetektiv abgeben. »Einen Job?«, wiederholte ich, wollte ihr erklären, dass ich keine Arbeit brauchte, ich nur eine Touristin wäre, die völlig zufällig tagelang auf diesem Platz herumlungerte. Weil … weil … mir die Architektur der Kirche so gefiel. Ein Architektur-Nerd, das war eine gute Ausrede.
   »Steckst du in Schwierigkeiten?«, hakte sie nach.
   »Ja«, sagte ich, die Ausrede, die ich mir gerade zurechtgelegt hatte, löste sich in Luft auf und eine neue Idee begann zu reifen. Die Worte sprudelten nur so aus mir hervor. »Ein Mann, ein Urlaubsflirt. Er hat gesagt, dass er mich liebt. Da bin ich nach Hause geflogen, habe dort meine Brücken abgebrochen, alles aufgegeben. Meine Verwandten und Freunde wollten mir die Sache ausreden, ich bin im Streit gegangen. Doch der Typ meinte es nicht ehrlich, nachdem er mir mein letztes Geld abgenommen hatte, machte er sich aus dem Staub. Jetzt bin ich völlig pleite, kann mir nicht einmal den Heimflug leisten. Freunde und Familie traue ich mich nicht zu fragen, ob sie mir aushelfen. Die Schande ist einfach zu groß«, log ich, dass sich die Balken bogen.
   Ich hatte vor längerer Zeit einen Bericht über so eine gescheiterte Liebesgeschichte im Fernsehen gesehen, jetzt machte ich sie mir zu eigen. Redete ungeheuer schnell, weil ich meinen Kopf davon abhalten wollte, über mein Tun nachzudenken. Ein Zuhörer könnte meinen hastigen Redeschwall der Aufregung zuschieben, aufgrund der schlimmen Dinge, die mir passiert waren. Was Gina offensichtlich auch tat. Mitfühlend nahm sie meine Hand.
   »Diese verfluchten Kerle, ich kenn das. Sie nehmen dein Herz, schmeißen es in einen Mixer und hacken es in kleine Stücke. Hast du als Kellnerin Erfahrung?« Sie schaute mich erwartungsvoll an.
   »Ich habe während meiner Studienzeit gekellnert«, erwiderte ich, das war ausnahmsweise die Wahrheit.
   Sie ließ meine Hand los. »Weißt du was, du fängst hier an. Luca ist nicht da, und ich brauche endlich Hilfe.«
   »Ich hab keine gültigen Papiere, ich bin nur als Touristin da. Diese ganze Auswanderaktion war nicht sehr gut von mir durchdacht.«
   »Kein Problem, auch unsere Küchenhilfe ist nicht ganz so legal da.« Sie zwinkerte mir zu. »Luca zahlt dich auch auf die Hand.« Sie lehnte sich zurück. »Wo wohnst du zurzeit?«
   »Im Hotel San Pietro, das Zimmer ist noch für ein paar Tage bezahlt, dann weiß ich nicht, wie es weitergeht.« Das entsprach zumindest teilweise der Wahrheit.
   »Ganz einfach, du kommst zu mir und sparst so schon mal das Geld fürs Hotel.«
   Ich starrte sie an. Sollte ich diese Lüge wirklich weitertreiben oder lieber damit aufhören, bevor es kein Zurück mehr gab? Mein Blick ging zu der Stelle, an der meine Mom gestorben war, dann sah ich wieder zu Gina.
   »Du würdest mich bei dir aufnehmen, einfach so, eine Fremde?«
   »Ich suche eh eine neue Mitbewohnerin, denn meine ehemalige ist ja mit dem zweiten Koch abgehauen. Du bist nett und brauchst Hilfe. Ich hoffe, du bist keine verkappte Serienmörderin.« Sie legte den Kopf leicht schief und grinste.
   »Ich tue nicht einmal einer Fliege was zuleide.« Ich erwiderte ihr Grinsen, verbannte die kleine Stimme der Vernunft, die mir die Sache ausreden wollte, aus meinem Kopf. Auch das schlechte Gewissen Gina gegenüber, angesichts ihrer Freundlichkeit, ignorierte ich. Endlich hatte ich einen richtigen Plan, der versprach, dass ich dem Mörder meiner Eltern auf die Spur kommen könnte.
   »Bitte erzähl keinem, was ich dir gesagt habe. Ich meine das mit dem Kerl, der mich hier sitzen gelassen hat. Weißt du, es ist mir peinlich, dass ich so dumm gewesen bin.«
   Gina nickte. »Natürlich, das behalte ich für mich. Ich schweige wie ein Grab. Mein Name ist Gina.« Sie sah mich aufmerksam an.
   »Ich heiße Sienna«, erwiderte ich.
   »Schön, dich kennenzulernen.« Gina erhob sich. »Und jetzt geh ich mal in die Küche und bring den Koch auf Trapp, damit er dir was Leckeres macht.« Damit verschwand sie durch eine Schwingtür im Gang hinter der Bar.

Die Pasta war wirklich lecker gewesen, auch wenn ich nicht viel davon gegessen hatte. Der Umstand, dass nur wenige Schritte von mir entfernt meine Eltern gestorben waren, sowie der wahnwitzige Plan, den ich gefasst hatte, um an ihren Mörder zu kommen, dämpfte meinen Hunger. Was, wenn Gina eine durchgeknallte Irre war? Solche Gedanken durfte ich nicht zulassen. Es ging um Gerechtigkeit und die Chance, sie meinen Eltern zu verschaffen.
   Ich kehrte ins Hotel zurück. Gina hatte mir ihre Adresse und sogar die Schlüssel zur Wohnung gegeben. Ich musste wohl glücklicherweise sehr vertrauenserweckend wirken. Im Zimmer angekommen packte ich die Sachen zusammen und checkte aus. Anschließend machte ich mich auf den Weg zu Ginas Wohnung. Es dauerte eine Weile, bis ich in den verwinkelten Gassen der Altstadt die richtige gefunden hatte. Dann endlich sperrte ich mit dem Bartschlüssel das schwere Portal auf, das mit Sicherheit hundert und mehr Jahre auf dem Buckel hatte. Dahinter erwartete mich ein marmorvertäfelter Eingangsbereich, es roch nach Oregano und Waschmittel. Geradeaus gelangte man in einen Innenhof. Ich stieg die Stufen der Marmortreppe hoch. Trotz der Mühen mit meinem Koffer kam ich nicht umhin, die feinen Stuckarbeiten an Wänden und Decke wahrzunehmen, an denen der Zahn der Zeit mächtig genagt hatte. Vor vielen Jahren musste das alles edel ausgesehen haben. Es war mit Sicherheit einmal der Stadtpalazzo einer italienischen Adelsfamilie gewesen, den man mittlerweile in Einzelwohnungen unterteilt hatte. Endlich erreichte ich die dritte und letzte Etage. Hier lag Ginas Wohnung. Schwer schnaufend stellte ich meinen Koffer ab, als ich vor ihrer Tür ankam. Wie konnten Klamotten so verflucht viel wiegen? Ich sperrte die massive Flügeltür auf, zog den Koffer hinter mir in die Wohnung.
   Pfirsichgeruch begrüßte mich. Auf der alten Kommode im Eingangsbereich stand ein Lufterfrischer, ich legte die Schlüssel daneben und schaute mich um. Der Boden im zweifarbigen Rautenmuster schien alt zu sein wie auch die meisten Möbel in dem langen Flur, der seine besten Tage hinter sich hatte. Die üppigen Stuckverzierungen ließen erahnen, welche Pracht hier einmal vorgeherrscht haben musste. Einst waren sie wahrscheinlich vergoldet gewesen, jetzt besaßen sie nur noch ein tristes Braun.
   Gina hatte mir gesagt, ich könne das zweite Zimmer rechts haben. Also zog ich den Koffer den Flur entlang, passierte einen bodentiefen Spiegel mit Goldrand. Sehr gut, daran merkte man, dass hier eine Frau wohnte. Der Raum war doppelt so groß wie mein Hotelzimmer und richtig hell. Auch hier gab es Stuck an den Wänden und einen bunten Fliesenboden, dessen Farben verblasst waren.
   Das Mobiliar bestand aus Mahagonimöbeln. An einer Wand, vor dem verschnörkelten Bett, standen ein paar gepackte Kartons, die wahrscheinlich von der Vorbesitzerin des Zimmers stammten. Ich ging zum zweitürigen Schrank, den, wie auch das Bett, hübsche Einlegearbeiten und gedrechselte Kanten zierten. Er bot ausreichend Platz für meine paar Klamotten, die ich im Koffer hatte. Nach dem Einräumen schnappte ich mir meine Handtasche und nahm auf dem Bett Platz, die Matratze sank nach unten. Ziemlich weich, ich hoffte, nicht zu weich für meinen Rücken.
   Jetzt gab es noch etwas, was ich tun musste: Tante Karen anlügen. Ich schluckte schwer, doch der Kloß im Hals saß fest. Unschlüssig starrte ich auf das Display meines Handys. War das, was ich hier tat, wirklich schlau? War es schlau, ein Phantom zu jagen? Sollte ich nicht lieber meine Sachen packen und abhauen? Ich hatte nur noch zwei Wochen Urlaub, was konnte ich in dieser Zeit schon ausrichten?
   Von Zweifeln verunsichert, spielte ich mit dem Telefon in meiner Hand. Ich war weder eine Polizistin noch Detektivin. Seufzend holte ich das Bild meiner Eltern hervor. Endlich bekam ich die Gelegenheit, etwas für sie zu tun. Meine Mom war nur gestorben, weil ich damals nicht ruhig liegen bleiben konnte. All die Jahre lastete diese Schuld schwer auf mir. Und ich würde mich ja nicht in Gefahr begeben, sondern nur beobachten und hoffentlich Beweise finden, um damit zur Polizei zu gehen. Die Stimme der Vernunft flüsterte, dass dies eine ungeheuer blöde Idee wäre, doch die der Schuld schrie mir zu, es zu tun.

Es war vier Uhr nachmittags, dann müsste es in New York so circa zehn sein. Meine Tante war bestimmt schon in ihrem Laden, also wählte ich die Nummer ihres Geschäfts.
   »Jewels, außergewöhnlicher Schmuck für jede Gelegenheit«, meldete sich meine Tante.
   »Hey Karen, ich bin es, Sienna.«
   »Schätzchen, ich freue mich, von dir zu hören. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht. Wie geht es dir? Du hörst dich etwas bedrückt an.«
   Wie mich meine Tante kannte. Aber das war kein Wunder, sie hatte mich aufgezogen. »Nein, ich bin nicht bedrückt. Mir geht es wirklich sehr gut. Wir haben hier wunderschönes Wetter und das Meer ist toll«, erwiderte ich.
   »Und bist du hingegangen, zu dem Ort, an dem …?« Karen seufzte leise.
   »Ja, und ich habe dort damit abgeschlossen. Nun reise ich zu den Verwandten meiner Mom weiter.« Ich schluckte, die Lügen klebten wie Teerklumpen in meiner Kehle.
   »Das ist gut. Gib mir die Telefonnummer, unter der ich dich dort erreichen kann.«
   Ich räusperte mich. »Du kannst mich doch jederzeit auf dem Handy erreichen.«
   »Die Verwandten deiner Mutter werden doch wohl ein Telefon haben.«
   »Das Handy ist besser. Sprich einfach eine Nachricht darauf, wenn die Mailbox anspringt, dann rufe ich dich so schnell wie möglich zurück.«
   »Ach Schätzchen, du weißt doch …«
   »Ja, Tante Karen, du redest nicht gern mit Automaten«, beendete ich ihren Satz. »Doch so ist es das Beste, ich weiß noch nicht, bei wem ich genau unterkomme und die sprechen alle nur italienisch, da würde dich sowieso keiner verstehen.« Es wäre nicht auszudenken, wenn Tante Karen dort anrufen würde und so erführe, dass ich nicht nach Norditalien gereist war. Ganz zu schweigen davon, dass ich bei einer Wildfremden Unterschlupf gefunden hatte.
   »Na gut, aber ruf mich an, wenn du angekommen bist.«
   »Natürlich, versprochen.«
   Anschließend erzählte sie mir noch, wie es in New York so lief und dass mich alle grüßten, vor allem meine beste Freundin Jenny. Wehmut ergriff mich, New York lag so weit weg, und ich vermisste die Stadt, die niemals schlief. Im Hintergrund hörte ich die Ladenglocke, wahrscheinlich hatte gerade ein Kunde das Geschäft betreten, also verabschiedete ich mich, nachdem ich noch ungefähr ein dutzendmal versprochen hatte, mich öfter bei ihr zu melden.

Nach dem Telefonat erkundete ich die Wohnung, kam mir ein wenig wie ein Eindringling vor. Ich fand die Küche. Darin stand ein echter und offensichtlich funktionstüchtiger Holzofen, denn Holzscheite lagen in einem Korb daneben. So was hatte ich noch nie im wahren Leben gesehen. Zusätzlich gab es aber auch noch einen etwas moderneren Gasherd. Ich nahm an dem großen Esstisch in der Mitte des Raumes Platz, blickte zur zweiflügligen Balkontür. Draußen standen Terrakottatöpfe mit Kräutern. Gina schien gern zu kochen, oder vielleicht auch ihr Kollege, der Koch. Ihre ehemalige Mitbewohnerin war ja mit dem Beikoch abgehauen. Vielleicht hatten die Köche in dem Restaurant eine besondere Anziehungskraft. Der Besitzer auf jeden Fall, schoss mir durch den Kopf. Ich ballte die Hände zu Fäusten, hätte mich am liebsten geohrfeigt. Wie konnte ich diesen Bastard nur im Entferntesten anziehend finden? Er war ein verfluchter Krimineller, Abschaum, mehr nicht. Auch wenn er damals nicht geschossen hatte, hielt er seinen Begleiter, das Menschen mordende Monster, nicht auf. Das verräterische Brennen in den Augen war wieder da, dieses Mal konnte ich die Dämme nicht halten. Ich ging in mein Zimmer. Dort setzte ich mich aufs Bett, schlüpfte aus den Schuhen und rutschte nach hinten, bis ich die Wand erreichte. Ich lehnte mich mit dem Rücken dagegen, starrte zur Tür hinaus, die auf einen kleinen Eisenbalkon führte. Ich musste mich unbedingt mehr in den Griff bekommen. Für das Gelingen dieser ganzen Sache war es unerlässlich, abgebrühter zu werden. Vielleicht war ich auch gezwungen, Dinge zu tun, die mich an meine Grenzen brachten. Da konnte ich nicht jedes Mal losheulen. Ich musste stark sein, stark für meine Eltern.

Kapitel 5

Ein Klingeln riss mich aus dem Schlaf. Es war dunkel, ich wusste zuerst nicht, wo ich war. Dann fiel mir Gina ein, ich befand mich in ihrer Wohnung. Die Glocke schrillte erneut, ich rutschte schwerfällig zur Bettkante und stand auf.
   Im Dunklen tastete ich mich aus dem Zimmer zur Eingangstür vor, dort fand ich einen Lichtschalter, die Lampen flammten auf, erleuchteten den Flur nur spärlich. Wieder ging die Glocke, dieses Mal klang sie energischer. Neben dem Schalter entdeckte ich den Türöffner, den ich drückte. Ich machte eine Handbreit die Tür auf, spähte hinaus. Schritte kamen näher, dann sah ich Ginas Kopf zwischen den Stäben des gusseisernen Geländers.
   »Hab etwas zu essen mitgebracht.« Sie hob eine weiße Plastiktüte hoch, während sie die Marmorstufen hinaufstieg. »Im Restaurant war heute noch so viel übrig. Ich hoffe, du hast Hunger.« Gina erreicht die letzte Stufe. »Und hast du dich schon eingelebt?«
   Ich ließ sie herein, dann folgte ich ihr in die Küche. Sie stellte Tüten sowie ihre Handtasche auf den Tisch. Das Licht in der Küche war etwas heller als das im Gang.
   »Deine Wohnung ist beeindruckend, hat etwas von einem kleinen Palast«, sagte ich.
   Gina nahm Teller und Gläser aus dem dunkelgebeizten Geschirrschrank. »Ja, dieses Gebäude war wirklich einmal ein Palazzo, auch wenn das schon eine Ewigkeit her ist. Jetzt ist es alt und baufällig. In der Wohnung müsste so einiges gemacht werden, doch mir fehlt das Geld. Meine Oma lebte hier bis zu ihrem Tod, und ich habe das Domizil geerbt.« Sie platzierte Teller und Gläser auf dem Tisch, holte anschließend das Besteck.
   »Wasser ist im Kühlschrank«, sagte sie zu mir.
   Ich durchquerte den Raum und nahm eine Flasche aus dem Seitenfach, die ich auf den Tisch stellte. Währenddessen leerte Gina die Tüte, schob die Essensboxen in die Mitte des Tisches. Ich setzte mich ihr gegenüber.
   »Also hier hätten wir Pasta alla Norma.« Gina tippte mit ihrer Gabel auf einen der Kartons. »Und im anderen Involtini alla siciliana, du kannst beides probieren, es ist genug da.« Damit öffnete sie die Box mit der Pasta, schaufelte sich davon etwas auf ihren Teller und schob sie anschließend zu mir. Der aromatische Duft von Basilikum und Knoblauch kroch in meine Nase.
   »Die schmecken gut.« Sie nickte mir aufmunternd zu.
   Ich lachte. »Du willst mich also mästen. Ich hatte doch schon heute Mittag leckere Pasta.«
   »Hier in Italien ist Essen eine wichtige Sache, daran solltest du dich gewöhnen«, gab Gina mit einem breiten Grinsen zurück.
   »Wenn das so ist.« Ich schob mit der Gabel ein paar Makkaroni auf meinen Teller.
   Der erste Bissen war eine wahre Geschmacksexplosion. Den Basilikum schmeckte ich zuerst, dann Knoblauch. Der Koch hatte es wirklich gut gemeint, zum Glück musste ich in nächster Zeit niemanden küssen. Schafskäse und Auberginen rundete das Ganze ab. Es war wirklich lecker.
   »Morgen gehst du mit mir zum Restaurant«, sagte Gina.
   Ich stoppte die Gabel kurz vor dem Mund. »Wird der Besitzer da sein?« Irgendwie wurde mir flau im Magen. Die ‚Stark sein für meine Eltern‘-Sache war gerade dabei, sich zu verflüchtigen. Einen Augenblick lang verspürte ich den Drang, in mein Zimmer zu rennen, die Sachen zu packen und auf nimmer Wiedersehen zu verschwinden. Doch ich blieb sitzen.
   »Er müsste morgen wieder da sein. Wir werden ihn einfach überrumpeln. Wenn du vor ihm stehst und ich für dich bürge, wird er dich bestimmt nehmen. Hast du eine weiße Bluse und einen schwarzen Rock?«
   Gina nahm einen Schluck Wasser, und mein Mund war plötzlich trocken. In der Theorie hatte sich alles so einfach angehört, doch jetzt sollte ich in dem Restaurant, in dem meine Eltern gestorben waren, die Arbeit aufnehmen und das unter den Augen des Mannes, der bei ihrer Ermordung dabei war. Hastig trank ich von meinem Wasser und bemühte mich darum, äußerlich ruhig zu wirken, während in meinem Inneren der Fluchtinstinkt mit meinem Drang nach Gerechtigkeit stritt. Ich setzte ein Lächeln auf, hoffte, dass es ein Lächeln war und keine Grimasse.
   »Ich hab eine weiße ärmellose Bluse, aber nur einen Jeansrock.«
   »Hm, Luca legt auf korrekte Arbeitskleidung viel Wert.« Gina tippte sich nachdenklich auf die Unterlippe, musterte mich mit ihren dunklen Augen. »Du bist dünner als ich, ich glaube, ich hab da einen Rock, der dir passen könnte. Mir ist er mittlerweile zu eng, woran das gute Essen im Restaurant nicht ganz unschuldig ist.« Ihre Wangen wurden rot.
   »Das glaube ich, es schmeckt lecker.« Jetzt musste ich grinsen, meine Anspannung löste sich etwas. Ich schob den nächsten Bissen in den Mund.
   »Ich geb dir den Rock später«, meinte Gina und aß ebenfalls weiter. Sie hielt inne. »Das sollten wir doch feiern. Ich glaub, ich hab noch Wein im Kühlschrank.«
   Ich zuckte nur mit den Schultern, beim Wasserholen hatte ich nicht darauf geachtet, was noch so alles im Kühlschrank stand.
   »Ganz bestimmt.« Schon war Gina auf dem Weg. »Ha«, rief sie und hob eine Weinflasche hoch wie ein siegreicher Rennfahrer den Champagner. Sie kehrte damit an den Tisch zurück.
   »Ich weiß, dass man Rotwein üblicherweise nicht im Kühlschrank lagert, aber kalt schmeckt er mir besser.« Aus dem Schub im Geschirrschrank holte Gina einen Flaschenöffner, und Augenblicke später ploppte der Korken. Sie stellte zwei frische Gläser auf den Tisch und schenkte ein. Eigentlich wollte ich ablehnen, aber meine Nerven konnten etwas Alkohol zur Beruhigung gebrauchen. Also trank ich, herb rann der Wein meine Kehle hinunter, schmeckte nach Zitrusfrüchten und Sonne. Sofort stieg mir der Wein in den Kopf, denn ich trank eigentlich nur selten Alkohol.
   »Lass uns auf Girlpower trinken.« Gina prostete mir zu, was ich erwiderte.
   »Danke, dass du mich bei dir aufgenommen hast, das würde nicht jeder machen«, sagte ich, blickte sie über den Rand meines Glases hinweg an.
   »Du hast heute im Restaurant so verloren ausgesehen, da musste ich einfach helfen.« Gina stellte ihr Glas ab und sprang auf. »Weißt du, was noch fehlt? Musik.«
   Sie kramte ein Handy aus der Handtasche, ging zum Geschirrschrank und holte eine kleine Bluetooth-Box heraus, die auch ein Handyhalter war, verband die beiden Geräte und positionierte sie zwischen uns. Lautstark ertönte der Debütsong der Spice Girls. Gina nahm wieder Platz, hob ihr Glas.
   »Girlpower«, meinte sie vergnügt, und ich musste lachen.
   Gina war wirklich ein Schatz. Sie schien einer dieser Menschen zu sein, die in jeder Lebenslage ein sonniges Gemüt besaßen und alles positiv sahen. Mit ihr würde das ganze Vorhaben vielleicht einfacher werden.

»Aufstehen, wir haben schon halb zehn, in dreißig Minuten müssen wir im Restaurant sein«, sagte Gina und holte mich damit aus dem Schlaf.
   Obwohl ihre Stimme eigentlich sehr angenehm war, fand ich sie in diesem Moment echt nervend.
   Blinzelnd hob ich die Lider, die Sonne schien fröhlich ins Zimmer. Ich stöhnte auf, drehte mich zur Wand. Mir war schlecht und in meinem Kopf summte ein Bienenschwarm herum. Jetzt fiel mir wieder ein, warum ich nur selten Alkohol trank: Ich vertrug ihn nicht.
   »Komm, Schlafmütze, heute ist wieder ein wunderschöner Tag und der erste deines neuen Lebens«, trällerte Gina fröhlich. Sie besaß wirklich ein unerschütterliches Gemüt.
   »Ja, ich komme schon«, brummte ich und quälte mich aus dem Bett. Die Sonne biss in meine Augen, die ich kaum aufbrachte, die Bienen in meinem Kopf wurden noch wilder. Als ich aufstand, schoss ein Schwall Mageninhalt die Speiseröhre hinauf, brannte in meiner Kehle. Ich würgte ihn wieder hinunter.
   »Da, für dich.« Gina hielt mir einen schwarzen Rock vor die Nase.
   »Wie kommt es, dass dir nichts fehlt? Soweit ich mich erinnere, hast du um einiges mehr als ich getrunken.« Ich nahm den Rock.
   »So ein bisschen Wein haut mich nicht um, da muss schon was Stärkeres kommen.« Gina grinste mich an. »Und jetzt hopp, hopp, wir wollen an deinem ersten Tag nicht zu spät kommen.« Damit verließ Gina das Zimmer, und ich ging zum Schrank, holte die weiße Bluse sowie Unterwäsche heraus.
   Das einzig Praktische an meinem Zustand war, dass mir alles egal war. Nicht einmal die Vorstellung, wieder zum Restaurant zurückzukehren, zeigte irgendeine Wirkung auf mich, mein Puls blieb normal und schlecht war mir nur vom Alkohol. Beste Voraussetzungen für ein Vorstellungsgespräch mit dem Mann, der den Mörder meiner Eltern kannte.
   Nach einer kurzen Dusche waren zwar die Bienen in meinem Kopf noch da, aber sie summten wesentlich leiser. Mein Magen wollte von Essen nichts hören.
   »Espresso?« Gina trat an den Herd, auf dem ein kleiner Espressokocher stand.
   »Ja, sehr gern.« Ich durchquerte die Küche.
   »Du hast flache Schuhe an, das ist gut«, sagte Gina mit Blick auf meine Römersandalen.
   »Nicht sexy, aber praktisch. Jeder, der schon einmal bedient hat, weiß, dass nichts über bequeme Schuhe geht«, erwiderte ich und Gina nickte.
   Sie goss Espresso, dessen aromatischer Duft in meine Nase kroch und allein dadurch schon die Lebensgeister ankurbelte, in eine kleine Tasse, die sie mir reichte. »Milch, Zucker?«, fragte sie.
   »Nein, nur schwarz.« Ich nahm einen Schluck, der heiß meine Kehle hinunterlief. »Das ist wirklich guter Stoff, hat mächtig Wumm.« Ich leerte die Tasse.
   »Ja, das Familiengeheimnis, um nach einer durchzechten Nacht wieder auf die Beine zu kommen.« Gina nahm ihre Tasse. »Willst du etwas frühstücken? Ich hab die Sachen schon weggeräumt, kann dir aber etwas zurechtmachen.«
   »Nein, ich würde nichts hinunterbekommen«, lehnte ich ab und stellte meine Tasse ins Spülbecken, in dem sich schon Ginas Frühstücksgeschirr befand.
   »Das Weintrinken müssen wir noch üben.« Sie lachte, wurde gleich wieder ernst. »Wie ist eigentlich dein Nachname, damit ich dich bei Luca vorstellen kann?«
   »Carlo.« So hieß ein Kater, den ich einmal besessen hatte. Eine kleine Stimme riet mir dazu, einen falschen Namen zu benutzen. Wie ich feststellte, war ich jedoch im Decknamen erfinden nicht sehr gut, aber jetzt gab es kein Zurück mehr.
   »Mein Name ist Sienna Carlo«, sagte ich, hob das Kinn, verzog keine Miene. In Gedanken wiederholte ich den Namen wie ein Mantra.

Kapitel 6

Gina lief neben mir durch die Gassen der Altstadt, sie plapperte unentwegt, aber ich hörte kaum zu. Die Sonne strahlte munter vom Himmel, nicht das kleinste Wölkchen störte sie dabei. Die dunklen Gläser der Sonnenbrille hielten ihre Strahlen davon ab, meine Augen aus den Höhlen zu brennen. Im Moment stand deren Lichtempfindlichkeit auf der höchsten Stufe. In Gedanken verfluchte ich den Wein.
   In diesem Zusammenhang war die gute Nachricht, dass der Alkoholgehalt meines Blutes sank, denn mein Verstand wurde klarer, die schlechte, der Drang, wegzulaufen, nahm stark zu. Trotzdem ging ich weiter, betrachtete die Schaufenster, um mich abzulenken. Je näher wir dem Restaurant kamen, desto absurder kam mir mein Plan vor.
   Wir erreichten den Marktplatz, ich sah schon die Sonnenschirme vor dem Lokal, die noch ungeöffnet waren. Am liebsten hätte ich den Rückwärtsgang eingelegt, mein Herz trat schon einmal die Flucht an, wurde aber von den Rippen gestoppt und trommelte dagegen.
   Bald würden wir den Ort des Grauens erreichen, jetzt war die letzte Möglichkeit, das Ganze abzublasen und den mehr oder weniger geordneten Rückzug anzutreten. Ich fasste in die Rocktasche, in die ich das Foto meiner Eltern gesteckt hatte, berührte das Papier, meine Entscheidung war getroffen. Entschlossen straffte ich die Schultern und folgte Gina.
   Außer des Fotos hatte ich noch ein Haargummi in der Tasche, das ich herauszog. Während des Laufens band ich mein Haar zu einem Zopf. Mein Blick fiel auf den Schriftzug über der Eingangstür des Restaurants. Ich hatte ihn bis jetzt nicht wahrgenommen. Das Lokal hieß noch immer Frederico’s, nach all den Jahren und Veränderungen in dessen Gastraum war der Name geblieben. Ob dies ein schlechtes Omen war? Wenn ja, gab es trotzdem kein Zurück mehr, denn Gina öffnete die Tür. Ich nahm die Sonnenbrille ab, steckte sie in die Handtasche und trat ein.
   De Angelis stand hinter dem Tresen. Er hob den Kopf, seine grauen Augen fixierten mich. Er erinnerte an einen Wolf, der die Beute ins Visier genommen hatte. Dieser Vergleich traf eigentlich auf alles zu, seine Haltung, seine geschmeidigen Bewegungen. Wären wir Tiere, würde er ein Wolf und ich ein verängstigtes Reh sein.
   »Wen hast du da mitgebracht, Gina?«, fragte er lauernd.
   »Na, du hast bis jetzt noch keinen Ersatz für Julia aufgetrieben und da hab ich mir selbst geholfen. Darf ich vorstellen? Das ist Sienna Carlo, deine neue Bedienung.«
   Ich spürte, wie mir das Blut in die Wangen schoss, unwillkürlich machte ich einen Schritt zurück in Richtung Tür. »Hi«, sagte ich heiser und winkte zaghaft.
   »Komm in mein Büro, Gina.« De Angelis sagte das völlig emotionslos. Es war weder an seiner Stimme noch Mimik zu erkennen, ob ihn Ginas Eigeninitiative ärgerte oder erfreute. Er ging die Bar entlang und bog in den Gang, der zu den hinteren Räumlichkeiten führte.
   »Komme, Boss«, meinte Gina und sah zu mir. »Warte hier, es wird bestimmt nicht lange dauern.«
   »Ich möchte aber nicht, dass du Ärger bekommst.« Ich packte ihr Handgelenk, hielt sie fest.
   »Kein Sorge, Luca ist noch niemals laut geworden. Er ist so beherrscht, dass ich manchmal glaube, in Wirklichkeit einen Roboter in Menschgestalt vor mir zu haben. Und ein Roboter kann von logischen Argumenten überzeugt werden.« Gina zwinkerte mir zu und befreite ihren Arm mit sanfter Gewalt von meiner Hand. Wenige Sekunden später war sie im Zimmer am Ende des Ganges verschwunden.
   Da stand ich nun, verloren und mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend. Sehnsüchtig sah ich zur gläsernen Restauranttür. Ich müsste nur da hinausgehen und für immer verschwinden.
   »Wir haben noch nicht geöffnet«, sagte ein Mann.
   Ich zuckte zusammen, drehte mich abrupt um. Ein Kerl in Kochjacke schaute durch das kleine Fenster, das in die Rückwand der Bar eingebaut und eine Art Durchreiche war.
   »Ich warte hier auf Gina«, erwiderte ich.
   In diesem Moment ging die Bürotür auf, und sie trat mit einem breiten Grinsen heraus. »Du sollst zum Boss ins Büro kommen«, meinte Gina. Auf ihrem Weg zu mir wurde sie vom Koch gestoppt, der aus der Küche getreten war.
   »Wer ist denn die hübsche Kleine?«, wollte er wissen und setzte die Kochhaube ab. Er fuhr sich durch sein schwarzes Haar, starrte mich mit unverhohlener Neugier an, checkte mich offensichtlich ab.
   »Eine Freundin, sie soll hier Julia ersetzen und ist für dich tabu, mein Lieber.« Gina bohrte ihm den Zeigefinger in die Brust und schob ihn durch die Schwingtür in die Küche zurück.
   »Dann willkommen hier an Bord. Ich bin Evalto.« Sein Kopf erschien wieder im kleinen Fenster. »He Sandro, schau dir mal unsere neue Bedienung an.« In diesem Moment tauchte ein zweites Männergesicht im Fenster auf, das um einiges jünger als Evaltos war.
   »Nicht schlecht«, sagte der Küchenhelfer namens Sandro.
   »Ihr Faulpelze, arbeitet und steht hier nicht rum«, schimpfte Gina, worauf die Männer lachten und in die Küche verschwanden. Sie schaute zu mir. »Geh zum Boss, er wartet auf dich.«
   Ich schluckte, hatte das Gefühl, ein Kalb zu sein, das freiwillig auf die Schlachtbank ging. Zögerlich setzte ich mich in Bewegung, passierte Gina, die mir viel Glück wünschte, und sah die Bürotür immer näher auf mich zukommen. Dann stand ich davor, klopfte, nachdem ich tief durchgeatmet hatte, und wurde ich aufgefordert, hereinzukommen.
   Das Büro war größer, als ich erwartet hatte. Es unterteilte sich in zwei Bereiche: auf der einen Seite stand ein großer Schreibtisch, auf der anderen ein ovaler mit grünem Filz bezogener Tisch, der zehn oder mehr Spielern Platz bot.
   An den Wänden in Höhe der Decke liefen Leuchtbänder entlang, die den Raum in sanftes Licht tauchten. Dafür gab es keine Fenster, und es war ziemlich kühl. Meine sämtlichen Härchen erhoben sich. Mit Sicherheit lief die Klimaanlage auf Hochtouren.
   De Angelis saß auf einem Bürostuhl hinter dem Designer-Schreibtisch und klappte den Laptop zu. Natürlich musste er den Raum so runterkühlen, sonst würde er in seinem feinen Zwirn mit Sicherheit schwitzen wie ein Marathonläufer bei einem Wüstenrennen. Das Leder knirschte, als er sich zurücklehnte. Er stützte die Ellenbogen auf die Armlehnen und verschränkte die schlanken Finger.
   »Setz dich«, forderte er mich auf. Mit zittrigen Beinen durchquerte ich den Raum, hielt die Handtasche wie einen Schild vor meinen Körper. Unsere Blicke trafen sich, ich sah schnell nach unten zu meinem Spiegelbild im blank polierten Granitboden. Dass De Angelis mich nicht aus den Augen ließ, spürte ich fast körperlich.
   Sein Auftreten und die Art, wie er mich ansah, machten mich nervös und ich musste alles an Selbstbeherrschung aufbringen, um nicht einfach wieder zu gehen.
   Vorsichtig nahm ich auf dem Stuhl vor dem Ungetüm aus Wengeholz Platz, setzte mich an die Kante und musterte die Wand hinter De Angelis, um seinem Blick auszuweichen. Sie sah wie eine offengelegte antike Mauer aus, konnte aber auch nur auf alt getrimmt sein. Ich knetete die Henkel meiner Handtasche, als wären sie aus Pastateig.
   »Du willst hier arbeiten?«, fragte er.
   Jetzt musste ich ihn ansehen. Sein eisiger Blick verursachte mir eine Gänsehaut, ich zwang mich ihm standzuhalten, versuchte in seinem Gesicht zu lesen. Erkannte er mich? Wusste er, wer vor ihm saß? Aber nichts, überhaupt nichts in seiner Mimik verriet, was in ihm vorging.
   »Also …?« Er beugte sich etwas nach vorn, ein Schwall seines Aftershaves traf mich. Es war nicht aufdringlich, roch nach Unbezähmbarkeit und Leidenschaft, bildete einen Gegensatz zu seinem unterkühlten Auftreten.
   »Ja …, äh … Gina …« Ich stammelte wie ein kleines Schulmädchen, mein Gesicht brannte lichterloh. Wo war der Abgrund, in den ich hüpfen konnte?
   »Gina sagte, dass du in Schwierigkeiten steckst. Ich will gar nicht hören, in welchen. Ich möchte nur eines wissen: Sind es Schwierigkeiten, die dafür sorgen, dass irgendwann die Polizei vor meiner Tür steht?«
   Ich atmete durch, straffte meine Schultern. Wurde wütend auf mich selbst und meine Verwandlung in ein nervöses Häufchen Elend. Verflucht, der Typ war auch nur ein Mensch. Dieses Schlachtfeld würde ich nicht als Verlierer verlassen.
   »Nein, es ist nichts Kriminelles, wenn das gemeint ist und es wird sich nicht auf meine Arbeit hier auswirken.«
   »Du hast Erfahrung im Gastronomiebereich?«
   »Das habe ich«, sagte ich mit fester Stimme und für eine Millisekunde lag ein Funkeln in De Angelis Augen. Der Hauch einer Gefühlsregung.
   »Okay, du kannst anfangen. Du bist hier erst einmal auf Probe, bis ich etwas anderes sage. Gina wird dir alles zeigen und wie gewünscht erhältst du deinen Lohn in bar. Du darfst gehen.« Er klappte den Bildschirm seines Laptops hoch.
   Verdattert starrte ich ihn an. Wie jetzt, ich durfte gehen? Lebten wir im neunzehnten Jahrhundert, war ich seine Dienerin? Er würdigte mich keines Blickes mehr. Mein italienisches Temperament kochte hoch. Es kam nicht oft zum Vorschein, da ich mehr nach meinem Vater geraten war, aber wenn es die Oberhand gewann, gab es für mich kein Halten mehr. Nur mit Mühe konnte ich mich beherrschen, um ihm nichts an den Kopf zu werfen, was ich später bereuen würde. Als wäre der Stuhl mit Stacheldraht gepolstert, sprang ich auf und stürmte aus dem Raum. Die Tür knallte ich hinter mir zu, blieb stehen, starrte sie an.
   »Was für ein Arschloch«, zischte ich.
   »Na, wie ist es gelaufen?«
   Ich drehte mich zu Gina, die ziemlich besorgt aussah. »Gut, du sollst mich hier mit allem vertraut machen«, erwiderte ich, zeigte ihr mein honigsüßes und echt amerikanisches Zahnpastalächeln.
   Einen Moment lang musterte sie mich etwas unschlüssig, ihr Blick glitt zur Tür, dann zu mir zurück, schließlich fand sie ihren immer fröhlichen Gesichtsausdruck wieder. »Na, wenn das so ist, zeige ich dir erst einmal, wo du deine Handtasche verstauen kannst«, meinte sie vergnügt. Sie öffnete eine Tür im Gang, die leicht versetzt gegenüber der Küchentür lag. »Hier sind das Trockenlager und unsere Umkleideräume.«
   Es sah genauso aus, wie man es von einem Lager erwartete. Es gab Dosentomaten, Mehl und solche Dinge. In einem anderen Regal lagerten diverse Putzmittel, Tischdecken, alles, was man eben in einem Restaurant brauchte. Wir mussten einige Regale umrunden und trafen auf Spinde, die an der Wand standen.
   »Der hier ist deiner.« Gina legte die Hand auf den in der Mitte. »Er müsste eigentlich leer sein. Wenn du noch etwas darin findest, schmeiß es weg, es gehörte dann Julia.« Sie verzog das Gesicht, als die den Namen aussprach.
   »Und hier sind Schürzen.« Sie nahm eine von einem Regal neben den Spinden und band sie sich um. Sie war etwas kürzer als der knielange Rock und fiel nicht allzu sehr auf, da sie ebenfalls schwarz war, auch mir reichte sie eine. »Hier bringst du gut Block und Geldbeutel unter.« Sie zupfte an der Schürzentasche, drehte sich dann von mir weg. »Da kommen die gebrauchten Sachen rein«, erklärte sie, deutete auf die Wäschetonne, die auf der gegenüberliegenden Seite stand. Sie informierte mich noch darüber, wann das Putzpersonal kam, was wir zu säubern hatten. Währenddessen machte ich den Spind auf, den sie mir zugewiesen hatte. Er war ausgeräumt, nur im Fach über dem Kleiderhaken lagen noch Kleinigkeiten, die wohl übersehen worden waren. Ich hatte keine Zeit, sie genauer zu betrachten, denn Gina stand schon an der Tür. Schnell verstaute ich meine Handtasche im Spind, sperrte ab und folgte ihr aus dem Raum. Den Schlüssel schob ich in meine Rocktasche zum Foto meiner Eltern. Wir kehrten in den Gastraum zurück.
   »Das sind, wie du dir anhand der Schilder denken kannst, die Toiletten.« Gina nickte mit dem Kopf in Richtung zweier Türen, die sich gegenüber dem Thekenende befanden. »Wir benutzen die auch mit.«
   »Hallo Gina, wen führst du herum?«, sagte jemand, ich drehte mich um. Hinter der Bar stand ein junger Mann, ich schätzte ihn auf Mitte zwanzig. Er trug eine lange Schürze und befreite mittels eines Geschirrtuchs Gläser von Wasserflecken.
   »Sienna, sie wird Julia ersetzen, und das ist Roberto, der Herr der Bar«, sagte Gina an mich gewandt.
   Roberto stellte das Glas, das er eben poliert hatte, ab, kam zu uns und küsste meine Hand. »Schön, dich kennenzulernen, wir werden eng zusammenarbeiten. Ich freu mich drauf.« Er wackelte mit den dunklen Brauen, in seinen schwarzen Augen saß der Schalk. Keine Frage, er war ein italienischer Gigolo wie aus dem Bilderbuch.
   »Das Vergnügen liegt ganz auf meiner Seite.« Ich befreite meine Hand von seiner.
   »Ist schon gut, verschwinde hinter deiner Bar und polier Gläser.« Gina schnaubte.
   »Gina, mein Engel, mein Augenlicht, du musst doch nicht eifersüchtig sein. Du bist und bleibst meine einzig wahre Liebe.« Roberto legte beide Hände auf sein Herz, doch Gina wandte sich ab.
   »Du hast nur noch nicht die Küche von innen gesehen. Aber wir müssen das Lokal aufsperren«, sagte sie mit Blick auf die Uhr, die über der Bar hing.
   »Ignorier mich nur, mein Stern, irgendwann werde ich dich kriegen«, sagte Roberto theatralisch.
   »In deinen Träumen. Werde erst einmal hinter den Ohren trocken«, erwiderte Gina, ohne ihn anzusehen, aber ihre Mundwinkel zuckten nach oben.
   Auch Roberto lachte leise. Wahrscheinlich war diese Neckerei so ein Ding zwischen den beiden.
   »Wir haben normalerweise eine Stunde Pause, die wir immer dann nehmen können, wenn nicht so viel los ist. Falls wir länger als acht Stunden da sind, dürfen wir öfter Pause machen.« Gina durchquerte das Lokal und öffnete die Tür, die sie einhängte. »Jetzt ist Showtime.« Sie drehte sich zu mir um.
   Es dauerte nicht lange und der Garten füllte sich. Ich versuchte mit ihr mitzuhalten, manchmal gelang es mir, dann musste ich wieder feststellen, dass meine Zeiten als Bedienung schon eine Ewigkeit her waren. Ich schlug mich durch, so gut ich konnte. Die meisten Gäste zeigten Verständnis, wenn ich einen Fehler machte und ihnen sagte, dass heute mein erster Tag war.

Der Tag ging rasend schnell vorbei. Von De Angelis sah ich nur selten etwas, manchmal vergaß ich ihn sogar. Auch blieb keine Zeit, über den Tod meiner Eltern nachzudenken und irgendwann machte es mir nicht mehr so viel aus, die Stelle, an der ich mit meiner sterbenden Mom gelegen hatte, zu passieren. Mein Dad war damals gleich zu Beginn der Schießerei tödlich getroffen worden. Laut Polizeibericht fand man ihn einige Schritte von meiner Mom entfernt, doch ich wusste nicht genau wo. Ich wollte nicht weiter darüber nachdenken, verdrängte alles tief in meinem Inneren, sagte mir, dass es nichts Wichtigeres gab als Gerechtigkeit für meine Eltern und ich diese Gefühle einsperren musste.
   Es war zehn Uhr abends und ich über zwölf Stunden auf den Beinen, als Roberto Gina und mir ausrichtete, dass De Angelis uns sehen wollte.
   »Was ist, Boss?«, fragte Gina, nachdem wir in sein Büro eingetreten waren. De Angelis lehnte sich in seinem Sessel zurück.
   »Wie hat sich unsere Neue geschlagen?«
   Er sah zu mir, scannte mich regelrecht mit seinem Blick. Ich kam mir wie unter dem Mikroskop vor. Am liebsten hätte ich mich hinter Gina versteckt. Doch hob ich stattdessen stolz mein Kinn und verschränkte die Arme.
   »Super, Boss. Für ihren ersten Tag hat sie wirklich gut mitgearbeitet. Sie war mir eine riesige Hilfe.« Gina übertrieb meiner Meinung nach, aber ich behielt diese Ansicht für mich.
   »Also gut«, sagte er an mich gerichtet. »Du, Sienna, wirst morgen ab zehn bis neun arbeiten. Und du, Gina, kommst dann ab zwei Uhr bis Mitternacht.«
   »Ist in Ordnung Boss, diese Vierzehn-Stunden-Schichten in letzter Zeit haben mich schon ganz schon fertig gemacht«, gab Gina zurück.
   »Dann kann Sienna nach Hause gehen, du kommst jetzt allein zurecht, oder?«
   »Ja, Boss, es ist nicht mehr viel los.«
   »Das war’s schon«, sagte De Angelis und widmete sich irgendwelchen Unterlagen.
   Gina öffnete die Tür, ich setzte mich nicht in Bewegung, sondern starrte ihn an. Er erkannte mich nicht, hatte keine Ahnung, dass wir uns schon einmal vor zwanzig Jahren begegnet waren. Er saß auf seinem Stuhl, ging seinen Geschäften nach, als wäre er nie an einem Massaker beteiligt gewesen. Ich ballte meine Hände so stark zu Fäusten, dass sich die Fingernägel schmerzhaft ins Fleisch gruben.
   »Ist noch etwas?«, fragte mich De Angelis.
   »Nein, alles in Ordnung«, erwiderte ich frostig und ging hinter Gina aus dem Raum.

Kapitel 7

»Er ist nichts für dich«, sagte Gina, nachdem sie die Bürotür geschlossen hatte.
   Irritiert blickte ich sie an.
   »Luca, er ist zwar ein guter Boss, doch wenn du mit ihm was anfängst, würde er dich in eine Welt ziehen, die nichts für nette Mädchen ist.«
   »Wie kommst du auf diese komische Idee? Ich will doch nichts von ihm«, erwiderte ich.
   »Ich hab bemerkt, wie du ihn ansiehst.« Gina war ganz ernst.
   »Glaub mir, eher würde ich mit einem Stinktier etwas anfangen als mit ihm.« Schon bei dem Gedanken drehte sich mir der Magen um.
   »Dann ist ja gut.« Ihr Gesichtsausdruck wurde wieder fröhlicher.
   »Ein paar Gäste wollen zahlen«, rief Roberto in den Gang.
   »Ich komme«, trällerte Gina. »Du hast ja den Zweitschlüssel für die Wohnung?«, sagte sie an mich gerichtet.
   »In meiner Handtasche«, erwiderte ich.
   »Wir sehen uns zu Hause.« Sie eilte in den Gastraum. Ich hingegen ging ins Lager, um meine Tasche zu holen und die Schürze loszuwerden.

Wenige Minuten später war ich auf dem Weg zu Ginas Wohnung. Die Altstadt wimmelte von Nachtschwärmern. Was mich nicht wunderte, denn wir hatten eine herrlich laue Nacht. Ich lief an beleuchteten Schaufenstern vorbei, die meisten Geschäfte hatten noch geöffnet. In einem waren Röcke sowie Blusen ausgestellt. Ginas Rock passte zwar, saß aber nicht sehr gut. Daher beschloss ich, mir ein paar Röcke und Blusen zuzulegen.

Endlich erreichte ich die Wohnung. Kaum hatte ich die Tür hinter mir geschlossen, fingen meine Beine zu jammern an. Die Füße waren ein einziger Schmerz. Normalerweise ging ich als Buchhalterin einer sitzenden Beschäftigung nach, so viel Laufen waren sie nicht mehr gewohnt.
   Ich brachte die Einkäufe in mein Zimmer. Im Bad fand ich eine Wäschewanne, die ich mit warmem Wasser füllte, griff mir anschließend ein Handtuch aus dem Regal neben der Badewanne und ging damit in die Küche. Ich stellte alles auf dem Tisch ab, um die Flügeltür, die auf den schmalen Balkon führte, weit aufzumachen, schnappte mir noch einen Stuhl und genehmigte mir auf dem Balkon zwischen Ginas Kräutergarten ein Fußbad.
   Es war besser als Sex, als ich meine geschundenen Füße seufzend in das wohltuende Nass tauchte. Während langsam Besserung eintrat und der Schmerz nachließ, beobachtete ich die Menschen, die in der Straße unterwegs waren. Für eine Nebengasse war einiges los. Ich beugte mich nach vorn, legte die verschränkten Arme auf das Geländer und stützte mein Kinn darauf. Wie lange konnte ich dieses Theater noch weiterspielen? Vielleicht sollte ich einen Detektiv hinzuziehen und zu meinen Verwandten weiterreisen, aber irgendwas in mir drängte mich dazu, weiterzumachen. Vielleicht kannst du dich so von deinen Dämonen befreien, indem du den Mörder deiner Eltern aufspürst, sagte eine kleine Stimme und etwas Dunkles in mir riet sogar, alles für dieses Ziel zu tun. Wenn ich meinen Job kündigen musste, dann war das so. Ich würde jederzeit einen neuen finden.

Schon fast eine Woche arbeitete ich im Restaurant und hatte nicht den kleinsten Hinweis auf den Mörder meiner Eltern gefunden.
   Ich saß an einem Tisch in der Nähe der Bar, aß den Salat, den Evalto extra für mich zubereitet hatte. De Angelis stand mit Roberto hinter der Theke und ging mit ihm die Weinbestellungen durch. Ich schob mir einen herrlich krossen Croûton in den Mund, der nach Olivenöl und Knoblauch schmeckte, während ich De Angelis beobachtete. Wie konnte ich Informationen über den Schützen aus ihm herausbringen? Ganz einfach, geh mit ihm ins Bett. Männer erzählen Frauen, mit denen sie es treiben, in der Regel fast alles, schoss durch meinen Kopf. Hitze stieg mir ins Gesicht. Was war ich, ein verdammtes Flittchen? Sex mit dem Menschen, den ich am zweitmeisten auf der Welt hasste? War ich dabei durchzudrehen? Einige Regionen meines dummen Körpers fanden die Vorstellung, den Namen des Mörders aus ihm herauszuvögeln, nicht so abwegig. Verflucht, verflucht, verflucht …
   De Angelis hob seinen Kopf, unsere Blicke trafen sich. Er sah mich an, als könnte er in mich hineinsehen und wüsste, was ich gerade gedacht hatte. Im ersten Impuls wollte ich mich abwenden, aber ich tat es nicht, reckte nur kämpferisch mein Kinn vor, um ihm zu signalisieren, dass ich vor ihm keine Angst hatte, auch wenn es mir gerade kalt den Rücken hinunterlief. Er war wie ein Eisklotz, zeigte keine Emotion, nichts. Nur in seinen Augen meinte ich manchmal, eine Regung zu erkennen.
   »Ciao Luca«, sagte eine Stimme und beendete unser Blickduell.
   Ich sah zur Tür, ein Mann im dunklen Anzug stand im Rahmen. Sein Haar war grau meliert, eine Narbe zog sich über die Wange.
   »Ciao Salvadore, im Hinterzimmer ist alles bereit.« De Angelis ging dem zierlichen Mann entgegen, dessen Blick durch das nahezu leere Restaurant glitt und an mir hängen blieb. Dieser Mann, der gut einen Kopf kleiner als De Angelis war, sah vielleicht wie ein netter, alter Herr aus, doch seine Augen erzählten etwas anderes. Er erinnerte mich an einen listigen, kleinen Fuchs. Nachdem der Mann mich einen Augenblick gemustert hatte, schenkte er wieder De Angelis seine Aufmerksamkeit und trat ins Lokal. Ihm folgten noch weitere Kerle, von denen einige an Boxer erinnerten. Sie grüßten De Angelis, kannten ihn offenbar alle. Irgendwie hatte ich das Gefühl, bei der Neuverfilmung des Paten mitzuspielen und mir wurde plötzlich übel.
   Die ganze Gruppe verschwand in De Angelis Büro.
   »Gina, geh nach hinten, nimm die Bestellungen auf. Du, Sienna, kümmerst dich um den Gastraum, das Hinterzimmer bedient Gina, und zwar nur sie«, sagte De Angelis eindringlich.
   Ich nickte nur, schaute ihm sogar noch nach, nachdem er in seinem Büro verschwunden war. Ein mulmiges Gefühl machte sich in mir breit. Wo war ich da hineingeraten? Langsam atmete ich durch, ballte meine Hände. Ich würde nicht so schnell aufgeben. Das war die erste heiße Spur. Es konnte kein Zufall sein, dass Männer, die förmlich nach organisiertem Verbrechen rochen und offensichtlich De Angelis näher kannten, hier hereinspazierten. Ich musste unbedingt mehr über sie herausfinden. Bestimmt waren diese Geschichten, die über die Mafia kursierten, nur Legenden, erfunden, um Leute abzuschrecken. Die kochten auch nur mit Wasser, beruhigte ich die kleine Stimme, die mir zuschrie, das Weite zu suchen.
   Mein Blick fiel auf den Teller vor mir. Ich spießte ein Salatblatt auf, es war schon auf dem Weg zu meinem Mund, doch dann ließ ich die Gabel wieder sinken. Mir war der Appetit vergangen, daher brachte ich meinen Teller zur Durchreiche hinter der Bar.
   »Oh, Liebes, du hast ja fast nichts gegessen.« Evalto nahm den Teller. »Hat es dir nicht geschmeckt?« Er sah mich unglücklich an.
   »Es war köstlich, doch mir ist ein bisschen schlecht.« Ich setzte ein schiefes Grinsen auf.
   »Du wirst doch nicht schwanger sein?« Roberto trat neben mich.
   »Nein, mir ist nur schlecht, mehr nicht.«
   Er lachte leise. »Dann hast du sicher nichts gegen einen kleinen Schnaps.«
   Erst wollte ich ablehnen, doch eigentlich war das keine so schlechte Idee, um das eben Erlebte zu verdauen. Roberto schenkte Grappa in zwei langstielige Gläser. Er schob mir eines davon hin, das andere behielt er selbst.
   »Salute.« Er prostete mir zu.
   Ich nahm mein Glas, hob es ihm entgegen, bevor ich es in einem Zug leer trank.
   »Auf einem Bein kann man nicht stehen.« Roberto schenkte erst mir, anschließend sich selbst nach.
   »Sag mal, kommen diese Typen öfter vorbei?«, erkundigte ich mich beiläufig.
   »Welche Typen?«
   »Na die, die gerade im Hinterzimmer verschwunden sind.«
   »Vielleicht einmal im Monat, manchmal noch weniger.« Er trank sein Glas leer, stellte es dann auf den Tresen. »Sie spielen Karten, meist Baccara und das bis zum Morgen. Zumindest tun sie so …«
   »Roberto, du redest zu viel«, sagte Evalto, dessen Gesicht wieder in der Durchreiche erschienen war.
   »Sie ist doch nicht blöd, sie merkt, was das für Leute sind«, fuhr Roberto ihn an.
   »Was denkst du denn, was sie in Wirklichkeit machen?«, hakte ich nach.
   »Hey, steht da nicht so rum, ich hab eine Bestellung fürs Hinterzimmer, pronto Roberto.« Gina riss das oberste Blatt ihres Blockes ab und knallte es auf die Theke.
   »Ich muss«, sagte Roberto und nahm das Papier.
   Etwas enttäuscht ging ich in den Garten und kümmerte mich um die Gäste.

Der weitere Abend verlief ziemlich unspannend. Gina kam aus dem Hinterzimmer, holte Getränkenachschub, manchmal auch Essen, und verschwand wieder darin. Mehr gab es nicht zu sehen, auch wenn ich mich noch so sehr darum bemühte, einen Blick von dem zu erhaschen, was in dem Raum vor sich ging.
   Die letzten Gäste hatten den Garten verlassen und ich brachte die Gläser zur Bar, stellte sie auf die Durchreiche. Roberto befreite unterdessen die frisch gespülten von Wasserflecken, um sie anschließend ins Glasregal zu räumen.
   »Ich denke, Luca wird nichts dagegenhaben, wenn du gehst«, sagte er zu mir, als ich neben ihn trat und ein Geschirrtuch nahm.
   »Ich helfe dir, zu zweit geht es schneller«, erwiderte ich und schnappte mir ein Glas, das ich mit dem Tuch polierte.
   »Nein, nein, das machst du falsch.« Roberto lachte.
   »Wie kann man das falsch machen?« Ich zog die Brauen hoch.
   »Sieh her, du musst das sanft machen, als würdest du eine Frau liebkosen und immer mit Kreisbewegungen.« Er rieb mit seinem Tuch betont langsam über die Oberfläche des Weinglases, das er am Stiel festhielt.
   »Ich steh nicht auf Frauen«, gab ich belustigt zurück.
   »Du und Gina, ihr vergnügt euch des Nachts nicht mit frivolen Pyjamapartys?« Roberto wackelte vielsagend mit seinen dunklen Brauen. Er stellte sein Glas ab und nahm meine Hand. »Wie wäre es, wenn wir mal eine Pyjamaparty veranstalten?«, gurrte er wie ein verliebter Kater und zog mich zu sich.
   »Aber ich habe doch keinen Pyjama, ich schlafe nackt«, erwiderte ich mit verführerischer Stimme.
   »Das ist ja noch besser.« Roberto zog meine Hand an seinen Mund, sein warmer Atem berührte meine Haut und sämtliche Nackenhärchen standen auf. Als er einen Kuss auf meine Hand hauchte, fuhr ein leichter Stromstoß durch meinen Körper. Obwohl ich eigentlich cool bleiben wollte, konnte ich mich Robertos Charme nicht entziehen, wie mit Sicherheit jede Menge anderer Frauen auch. Er sah mir tief in die Augen. Ein bisschen erinnerte er mich an James Bond, so elegant, selbstsicher und verführerisch. Gebannt hielt ich den Atem an.
   »Du kannst gehen, Sienna.«
   Ich schnappte nach Luft, entzog Roberto ruckartig meine Hand, als hätte ich sie verbrannt. Steif drehte ich mich um, blickte in stahlgraue Augen, die mich fixierten. Doch sie waren nicht kalt wie sonst. Etwas loderte darin. War es Zorn?
   »Ich helfe Roberto noch beim Aufräumen.« Meine Stimme klang wie die eines Kindes, das beim Griff in die Keksdose erwischt worden war.
   »Er schafft das allein, und du musst morgen das Lokal aufsperren.« De Angelis hielt mir ein Schlüsselbund entgegen, dabei blickte er hinter mich zu Roberto, der sich unsicher räusperte, und erinnerte an einen Wolf, der seinen Konkurrenten musterte.
   »Geh nur, Sienna«, sagte Roberto leise, von Selbstsicherheit war in seiner Stimme nichts mehr zu hören.
   »Wie ich bereits sagte, er schafft das«, wiederholte De Angelis. »Ich werde morgen nicht kommen, außerdem bist du am Vormittag im Service allein, musst somit alles vorbereiten. Evalto kümmert sich um die Küche. Deine Einnahmen kannst du mir gleich geben. Morgen vertritt mich Gina, die nachmittags anfängt.«
   Ich reichte ihm den Geldbeutel und nahm den Schlüssel entgegen. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, ging er. Verdutzt stand ich da, hinter mir werkelte Roberto herum. Ich sah zu ihm. Er wischte über die Theke.
   »Brauchst du wirklich keine Hilfe?«, fragte ich.
   »Nein, ist nicht mehr viel zu tun«, antwortete er, ohne mich anzuschauen.
   Ich machte den Mund auf, doch irgendwie wusste ich nicht, was sich sagen sollte. Roberto war wie ausgewechselt, sein Charme weggeblasen. »Dann gehe ich jetzt.«
   »Bis morgen.« Roberto starrte weiter auf die Theke, als hätte er Angst, vom Blitz getroffen zu werden, wenn er zu mir sah.

Langsam lief ich die Einkaufsstraße entlang, schenkte den Schaufenstern jedoch keine Beachtung. Meine Gedanken kreisten um den heutigen Abend. Was sollte De Angelis seltsamer Auftritt? Ich konnte flirten, mit wem ich wollte. De Angelis war wirklich der größte Macho-Arsch, den ich kannte. Einerseits beachtete er mich nicht, auf der anderen Seite tat er so, als würde ich ihm gehören. Es war an der Zeit, ihm das Gegenteil zu beweisen. Mit Sicherheit führte er sich nur aus Gewohnheit so auf, nach dem Motto, in seinem Lokal baggert keiner Frauen an, außer er selbst, und es hatte nichts mit mir zu tun, da er mich die überwiegende Zeit wie Luft behandelte. Andererseits hatte ich ihn noch nie mit irgendwelchen Frauen gesehen. Hatte er überhaupt eine Freundin? Mein Spiegelbild im Schaufenster zuckte mit den Schultern.
   Der Duft von frischem Gebäck umspielte meine Nase, worauf mein Magen undamenhafte Laute von sich gab. Daher beschloss ich, mir ein paar süße Teilchen zu gönnen. Das half meinem Magen und meiner Laune.

Kapitel 8

Es war wieder einmal ein sonniger Tag, als ich die Gassen in Richtung Restaurant schlenderte. Gina hatte noch fest geschlafen. Bestimmt war sie erst spät ins Bett gekommen.
   Ich erreichte das Lokal und schloss die Tür auf, der Geruch von Putzmittel mit Orangenaroma kam mir entgegen. Wie jede Nacht hatten die Reinigungskräfte ganze Arbeit geleistet und das Lokal strahlte. Zum Glück mochte ich Orangen, trotzdem hängte ich die Türkette ein, damit frische Luft hereinströmte, und ging ans Werk. Ich befüllte den Kaffeevollautomaten, stellte die Gartenstühle auf, wischte die Tische ab und wartete darauf, dass Evalto zu mir stieß.
   Den mit Wechselgeld frisch befüllten Geldbeutel fand ich in meinem Spind. Nicht zu fassen. De Angelis hatte meinen Schrank einfach aufgeschlossen. Sobald der Herr da war, würde ich ihm mit Nachdruck sagen, dass er die Geldtasche zukünftig an einem anderen Ort deponieren sollte. Der Spind war meine Privatsache, die ihn nicht das Mindeste anging. Basta.
   »Was ist, wenn ich einfach in dein Büro gehen würde?«, schimpfte ich vor mich hin, während ich mir eine frische Schürze umband und den Geldbeutel in die Tasche schob. Wütend knallte ich die Spindtür zu, griff nach dem Restaurantschlüssel, den ich in ein Regal gelegt hatte.
   »Wieso eigentlich nicht?« Ich betrachtete den Schlüsselbund. Mit einem aufgeregten Kribbeln im Magen, das wahrscheinlich auch Einbrecher, die um ihr Ziel schlichen, verspürten, verließ ich das Lager. Vorsichtig öffnete ich die Küchenschwingtür. Von Evalto war nichts zu sehen. Ich rief seinen Namen, keine Antwort. Schnell sprintete ich durch den Gastraum und schloss die Restauranttür ab. Mein Blick glitt zur Uhr über der Bar. Das Lokal öffnete erst in einer halben Stunde. Das Kribbeln wurde stärker, als ich langsam in Richtung Büro ging. Bisher hatte ich mich noch nie zu etwas Verbotenem hinreißen lassen, ich war immer korrekt und gesetzestreu, was wichtige Eigenschaften für eine Buchhalterin waren. Aber mittlerweile arbeitete ich schwarz, belog meine Tante, da machte so ein bisschen unbefugtes Betreten und Herumschnüffeln das Kraut auch nicht fetter.
   Vor der Bürotür blieb ich stehen, klopfte zaghaft. Man konnte ja nie wissen. Es blieb ruhig. Ich drückte die Klinke hinunter, die Tür war abgeschlossen. Jetzt kam der Schlüsselbund zum Einsatz. Den für die Ladentür schloss ich aus, probierte den nächsten, zitterte ihn aufgeregt ins Schloss, doch er ging nicht rein. Mist, zu groß. Also kam der Kleine zum Einsatz. Aber auch dieser war der Falsche. Doch es gab ja noch einen und der passte. Ich wischte meine schwitzigen Hände am Rock ab und hielt die Luft an, als ich den Schlüssel umdrehte. Es klickte und die Tür gab nach. Kalter Zigarrenrauch kam mir entgegen. Manche mochten diesen Geruch, ich fand ihn widerlich. In dem fensterlosen Raum war es stockdunkel, neben der Tür ertastete ich den Lichtschalter und die indirekte Beleuchtung flammte auf. Schnell schlüpfte ich hinein und drückte die Tür hinter mir ins Schloss. Abgesehen von dem Zigarrenmief wies sonst nichts auf die vergangene Pokernacht hin. Als hätten kleine Ordnungswichtel hier gewütet. Den Putzdienst, den De Angelis beschäftigte, brauchte ich zu Hause auch.
   Vorsichtig ging ich durch den Raum. Viele Möglichkeiten, hier etwas Aufschlussreiches zu finden, gab es nicht, denn das Büro war wirklich spärlich möbliert. Zuerst schaute ich um die Ecke, bis dahin war ich bisher noch nicht gekommen. Dort stand ein ledernes Ecksofa mit einem Glastischchen davor und ein paar Schritte daneben sah die Wand komisch aus. Als ich mich ihr näherte, erkannte ich den Grund dafür. Es war eine versteckte Tür. Mein Puls rannte. Vielleicht hatte ich den Jackpot entdeckt. Ich fand einen kleinen, unauffälligen Kauf, den ich drehte. Mein Herz machte einen Satz, die Tür ging auf, das Licht sprang an – und ich stand in einem kleinen Toilettenraum. Enttäuscht ließ ich die Schultern sinken. Das wäre auch zu einfach gewesen, ein geheimes Zimmer vollgestopft mit allen nötigen Beweisen, um De Angelis und dem unbekannten Mörder meiner Eltern das Handwerk zu legen. Aber dieser Raum erklärte zumindest, warum die Männer den ganzen vergangenen Abend kein einziges Mal auf die Gästetoilette im Restaurant gegangen waren.
   Entmutigt verließ ich das Klo, doch die Hoffnung wollte ich noch nicht aufgeben. Auf der anderen Seite des Raumes stand ja noch der Schreibtisch. Als ich um die Ecke bog, ging die Tür auf. Das Herz setzte für einen Schlag aus, mein Hirn erstarrte, dann kam wieder Leben in meine grauen Zellen. Ich trat den geordneten Rückzug an und versteckte mich in der gerade entdeckten Toilette. Wobei ich die Tür einen Spalt offen ließ.
   »Ich bin schon auf dem Weg. Ciao«, sagte De Angelis.
   Ich konnte ihn zwar nicht sehen, aber da niemand Weiteres redete, vermutete ich, dass er telefonierte. Was zum Teufel wollte er hier, hatte er nicht gesagt, er würde nicht kommen? Eine Schublade wurde aufgezogen, dann hörte ich Schritte, die näherkamen.
   Verdammt, verdammt, verdammt! So vorsichtig wie möglich schloss ich die Tür, ging rückwärts, bis ich die Wand im Rücken spürte. Wie gebannt starrte ich auf den Türgriff. Das Blut rauschte durch meine Adern. Ich schnappte nach Luft, der Griff bewegte sich, dann wurde sie geöffnet. Vor Schreck biss ich mir auf die Unterlippe, schmeckte Blut. De Angelis stand vor mir, sah weder überrascht noch ärgerlich aus, fixierte mich nur mit seinen grauen Augen.
   »Hier bist du also«, sagte er und trat in den Raum, der ruhig ein bisschen größer sein könnte, und blieb direkt vor mir stehen. »Würdest du mir verraten, was du hier machst?«
   »Äh … ich … also …«, begann ich zu stammeln. So würde ich mich nur noch lächerlicher machen. Angriff war die beste Verteidigung. »Ich suche einen Anhänger und dachte, ich hätte ihn im Büro verloren. Da du nichts von Privatsphäre hältst, war ich der Meinung, dass ich hier ruhig mal nachsehen kann.«
   »Warum sollte ich nichts von Privatsphäre halten?« De Angelis, der meist keine Regung zeigte, sah doch ein klein wenig überrascht aus, was mich innerlich grinsen ließ, während ich mich äußerlich darum bemühte, keine Miene zu verziehen.
   »Du hast den Geldbeutel mit Wechselgeld einfach ungefragt in meinen Spind gelegt«, antwortete ich.
   »Das war Gina. Sie meinte, dass du schon nichts dagegen haben würdest«, erwiderte er und kam noch etwas näher, ich spürte seine Wärme, roch sein Aftershave, das verführerisch in meine Nase kroch. Wieder schoss mir der Gedanke, ihm Informationen herauszuvögeln, durch den Kopf und gleich darauf die Hitze in meine Wangen.
   »Was war das für ein Anhänger?«, wollte De Angelis wissen.
   »Anhänger?«, fragte ich verwirrt.
   »Du hast doch deinen Anhänger verloren oder nicht?«
   »Ja, das hab ich.« Ich drückte mich an die Wand. Am liebsten wäre ich darin versunken und im Kühlraum, der dahinter liegen musste, herausgekommen. Durch die Wand gehen zu können, wäre eine nützliche Superkraft. »Es ist ein silbernes Kreuz, in der Mitte befindet sich ein kleiner Diamant und an den Balkenenden lilienartige Verzierungen. Ich hatte es von meiner Mutter«, log ich. Obwohl, nicht alles war gelogen. Ich hatte von meiner Mom wirklich einmal so einen Kreuzanhänger geschenkt bekommen, doch den hatte ich schon vor einer Ewigkeit verloren. Genaugenommen fand ich ihn seit dem verhängnisvollen Urlaub nicht mehr und konnte mich auch nicht daran erinnern, ob ich ihn an dem schrecklichen Abend getragen hatte.
   »Ich habe keinen gefunden«, sagte De Angelis.
   »Wirklich schade, dann muss ich ihn woanders verloren haben.« Ich wollte seitlich wegrutschen, doch ich kam nicht weit, weil De Angelis neben meinem Kopf seine Hand auf die Wand legte und mich so stoppte.
   »Und was machst du auf der Toilette? Hier wirst du das Schmuckstück bestimmt nicht verloren haben.«
   »Ich musste dringend«, erwiderte ich heiser, fuhr mit der Zunge über meine trockenen Lippen und zuckte zusammen, als ich die aufgebissene Stelle erreichte. Statt zu antworten, trat De Angelis an das Waschbecken, nahm eines der kleinen Handtücher, die zusammengerollt danebenlagen, und machte eine Ecke nass. Anschließend kam er wieder zu mir, vorsichtig tupfte er meine Lippe ab, dabei berührten seine Fingerspitzen meine Haut.
   »Du hast, … da ist etwas Blut«, sagte er und ich starrte ihn nur an.
   Sanft strich er mit dem Frottee über meine Lippe. Unwillkürlich glitt mein Blick zu seinem schön geschwungenen Mund. Ob er gut küsste? Vielleicht so zärtlich, wie er gerade meine Lippen berührte oder doch leidenschaftlich? In diesem Moment wünschte ich mir, er würde es einfach tun. In meinen Fingern kribbelte es. Zu gern hätte ich seinen Körper unter der Anzugjacke erkundet. Aufgrund unserer gemeinsamen Vergangenheit wäre es richtiger gewesen, ihn von mir zu stoßen, als seine Berührungen zu genießen, aber ich konnte einfach nicht. Ich redete mir ein, dass ich dies nur für meine Eltern machte, um sein Vertrauen zu gewinnen. Plötzlich nahm er seine Hand runter und trat einen Schritt zurück. Ich war versucht, ihn an mich zu ziehen, war über sein Zurückweichen sogar etwas gekränkt, doch er hatte das einzig Vernünftige getan. Mein Verstand gewann wieder die Oberhand, ich räusperte mich.
   »Ich sollte an die Arbeit gehen«, sagte ich.
   »Natürlich«, erwiderte er, seine Stimme klang rau. Er bewegte sich nicht, versperrte mir noch immer den Weg nach draußen, blickte mich an, als würde er mich nicht gehen lassen wollen. Seine Augen waren nicht kalt wie sonst, Begehren glühte darin. In diesem Moment klopfte es, De Angelis warf das Handtuch ins Waschbecken und eilte aus dem Raum, als wäre er auf der Flucht.
   Ich strich meinen Rock glatt und folgte ihm.
   »Wo ist Sienna? Wir haben Gäste«, hörte ich Evaltos Stimme.
   De Angelis stand in der geöffneten Tür. »Sie wird gleich kommen, wir hatten etwas zu besprechen«, erwiderte er und schloss die Tür wieder. Er sah zu mir, die Leidenschaft in seinem Blick war verloschen, die Kälte hatte wieder ihren Platz eingenommen.
   Ich erschauderte. Irgendwie erinnerte er mich an Doktor Jekyll und Mister Hyde. Als würden zwei verschiedene Herzen in der Brust dieses Mannes schlagen. Eines voller Leidenschaft, das andere kalt wie Eis.
   »Ich werde einige Tage verreisen. Du kannst dich in dieser Zeit gern in meinem Büro herumtreiben, wenn du möchtest. Vielleicht findest du ja deinen Anhänger.« Damit ließ er mich stehen und ging zu seinem Schreibtisch.
   Verdutzt blickte ich ihm einen Atemzug lang nach. Er war wie ausgewechselt, als wären die letzten paar Minuten in der Toilette nicht passiert. »Ich werde an die Arbeit gehen, Boss«, sagte ich schnippisch, riss die Tür auf und stürmte aus dem Raum. Ich wusste eigentlich nicht, warum mich sein Verhalten so auf die Palme brachte. Er hatte mir nur das Blut von der Lippe gewischt, mehr nicht. Wahrscheinlich wollte er nur verhindern, dass ich mit blutigem Mund vor den Gästen herumrannte und womöglich noch das Geschäft schädige.
   »Komm mal in die Küche«, sagte Evalto, als ich im Stechschritt an der Schwingtür vorbeimarschierte. Er hielt sie auf und ich betrat sein Reich. Auf dem Herd brutzelten schon Zwiebeln. In einem Topf kochte Wasser.
   »Was willst du?«, fragte ich und folgte ihm zum Herd.
   »Du bist ein liebes Mädchen …« Evalto schwenkte die Pfanne mit den Zwiebeln.
   »Und?« Ich verschränkte die Arme.
   »De Angelis, er ist gefährlich. Du hast doch die Leute gesehen, die gestern Abend in seinem Büro verschwunden sind. Er gehört zur Familie. Wenn du da einmal mit drinnen hängst, kannst du sie nur noch im Sarg verlassen. Für so ein Leben bist du viel zu schade, meine Schöne.« Evalto schob die Pfanne zur Seite, wischte anschließend die Finger an seiner Kochjacke ab und blickte mich mit hochgezogenen Brauen an.
   Ich schluckte, wusste nicht so recht, was ich sagen sollte und musste eingestehen, dass mir seine Worte Schiss einjagten. Ich bemühte mich zu lächeln, tätschelte seinen Arm. »Keine Sorge, wir hatten wirklich nur etwas Geschäftliches zu besprechen«, sagte ich betont fröhlich.
   »Dann ist es ja gut«, brummte Evaldo.
   »Also, ich werde mich mal um unsere Gäste kümmern.« Ich ging zur Tür.
   »Ach übrigens, die Bestellung von Tisch zwei im Garten habe ich bereits aufgenommen.«
   »Du wirst mir doch nicht meine Arbeit wegnehmen?«, erwiderte ich lachend, drehte mich zu ihm. Sogar in meinen Ohren wirkte das Lachen sehr künstlich.
   »Na ja, du warst nicht aufzufinden.« Hinter Evalto zischte es laut, er schenkte dem überlaufenden Kochtopf seine volle Aufmerksamkeit.
   Mit flauem Magen verließ ich die Küche. Gina hatte mich auch schon vor De Angelis gewarnt und fast die gleichen Worte benutzt. Die ganze Sache drohte mir über den Kopf zu wachsen. Vielleicht sollte ich in das nächste Flugzeug steigen und nach New York zurückkehren.
   Als ich im Gastraum stand, dort auf die Stelle starrte, an der ich mit meiner sterbenden Mom gelegen hatte, kehrte meine Entschlossenheit zurück. Niemand würde mich aufhalten, und schon gar nicht eine Bande von miesen Verbrechern.

Die folgenden Tage verliefen ziemlich ereignislos. De Angelis war wie angekündigt verreist. Von einem weiteren Einbruch in seinem Büro sah ich ab, denn ich würde mit Sicherheit nichts Brauchbares finden. Sonst hätte er mir nicht seine Erlaubnis erteilt, es nach dem Anhänger durchsuchen zu dürfen. Im Lokal kreuzten auch keine zwielichtigen Gestalten wie Mitglieder der Familie und dergleichen auf.
   Obwohl, etwas war schon passiert. Ich hatte bis auf Weiteres unbezahlten Urlaub genommen und meine Tante belogen. Alexander, mein Boss in New York, war nicht begeistert gewesen, hatte mir aber trotzdem lieber Urlaub bewilligt, als meine Kündigung anzunehmen und Tante Karen dachte, dass ich mehr Zeit bei der Familie meiner Mutter verbringen wollte. Mein schlechtes Gewissen den beiden gegenüber wog schwerer als das Chrysler Building samt Metalladler, doch ich musste einfach weitermachen. Meiner Freundin Jenny hatte ich nur eine kurze Nachricht mit Hinweis auf ein hier vorherrschendes Funkloch geschickt. Bei einem Telefonat würde sie mich mit Fragen bombardieren und die Gefahr, dass ich mich verplapperte, war zu groß.
   Wie lange ich die ganze Scharade noch aufrechterhalten musste, wusste ich nicht. Bisher waren meine Nachforschungen nur schleppend vorangekommen. Meine monatlichen Ausgaben waren nicht hoch, daher hatte ich mir in den letzten Jahren ein kleines Polster zusammengespart, das jetzt schrumpfen würde. Zum Glück bewohnte ich in New York eine kleine Eigentumswohnung, die ich mir von dem Erlös des Verkaufs meines Elternhauses geleistet hatte. Tante Karen hatte das Haus vermietet, bis ich volljährig war, doch ich wollte nicht darin wohnen und veräußerte es, hoffte damals so neu beginnen und alle Erinnerungen hinter mir lassen zu können, aber es funktionierte nicht. Die Vorstellung, dass der Mord an meinen Eltern niemals gesühnt werden könnte, ließ mir keine Ruhe. Der verfluchte Mistkerl, der sie auf dem Gewissen hatte, sollte seine gerechte Strafe bekommen, dafür würde ich alles tun, eben auch meine Ersparnisse opfern. Das gesichtslose Monster, das mich nachts in meinen Träumen verfolgte, musste endlich ein Gesicht bekommen. Vielleicht konnte ich es besiegen und für immer aus meinem Leben verbannen, das hoffe ich so sehr.

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