Klirrende Kälte und vollkommene Abgeschiedenheit. Rowan Madison arbeitet als Biologin in einer abgelegenen Forschungsstation in Alaska, obwohl sie viel ehrgeizigere Pläne hatte. Bei einer Exkursion findet sie den verletzten und mysteriösen Alan Lymont und nimmt ihn mit ins Innere, weil ein Schneesturm bevorsteht. Kaum, dass die Forschungseinrichtung durch den Schneesturm von der Außenwelt abgeschlossen ist, geschehen merkwürdige Dinge, die in einem Mord gipfeln. Die anderen Mitglieder ihres Forschungsteams misstrauen Alan. Der Schuldige ist somit schnell ausgemacht, doch Rowan zweifelt. Sie entwickelt Gefühle für Alan. Kann sie ihrem Herz und Alan wirklich vertrauen, obwohl alle Beweise gegen ihn sprechen?

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ISBN: 978-9963-53-511-8

Seiten: 278

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Ylvi Walker

Ylvi Walker wurde in den späten Siebzigern in Deutschland geboren. Sie wuchs mit allerlei Getier in einem idyllischen Dörfchen auf. Ihr Berufswunsch stand schon relativ früh fest und sie ist konsequent dabei geblieben. Entgegen ihrer persönlichen Vorliebe für die Farbe schwarz, trägt sie beruflich weiß. Das Schreiben entdeckte sie bereits in jungen Jahren für sich. Ihre Kurzgeschichten füllen etliche Notizbücher, doch nur wenige eignen sich für die Publikation. Erst in der Elternzeit mit ihrer Tochter widmete sie sich ihrem ersten großen Schreibprojekt: einem Vampirroman, den sie bis heute keinem Verlag vorgestellt hat.

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Leseprobe

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Kapitel 1

»Wo gehen Sie hin, Miss Madison?« Ihr Chef und Leiter der Forschungsstation Professor Doktor Seamus Erskine blickte Rowan fragend an. »Wir haben eine Unwetterwarnung für die nächsten Stunden. Ein schlechter Zeitpunkt für einen Spaziergang.« Er fuhr sich durch sein an den Schläfen ergrautes Haar und blies die Backen auf.
   Unbeirrt schlüpfte Rowan in den grauen Thermooverall, der die eisigen Temperaturen Alaskas fernhalten sollte. Sie wusste um den angekündigten Schneesturm. Nach mehr als zehn Tagen um die dreißig Grad unter dem Gefrierpunkt zeigte das Thermometer heute halbwegs annehmbare Temperaturen. Sie war kurz vor einem Lagerkoller. Seit fast eineinhalb Jahren forschte sie als Biologin an Erskines privater Forschungsstation am Fuße des Mount Blackburn im Wrangell-St.-Elias-Nationalpark, aber dieser Winter war härter als der davor. Ihr fiel die Decke auf den Kopf. Seit Wochen arbeitete sie nur in ihrem fensterlosen Labor im Keller. Kuschlig warm, doch es schlug ihr aufs Gemüt, kein Tageslicht zu sehen. Sie musste raus, um etwas frische Luft zu schnappen, sei es nur für fünf Minuten.
   »Rowan? Dürfte ich wissen, was Sie vorhaben?« Erskine lachte freudlos und legte den Kopf abwartend schief.
   Rowan zog ihre doppelt gefütterten Thermostiefel über. »Meine Proben vom Gletscher sind aufgebraucht. Ich wollte mir schnell ein paar neue holen, bevor die Temperaturen erneut fallen. Der Zeitpunkt ist ideal. Ich bin in einer halben Stunde zurück. Wir sitzen dank des Sturms mehrere Tage fest und ich brauche die Proben, um meine Forschungen fortzuführen.«
   Erskine verschränkte die Arme vor der Brust, kratzte sich nachdenklich an seinem stoppligen Kinn. Vor ein, eher zwei Jahrzehnten war er vermutlich ein attraktiver Mann gewesen, interessant wirkte der Endfünfziger selbst heute noch. »Dann nehmen Sie jemand von Seans Team mit.«
   Sicherlich würde er sie gleich an das Protokoll erinnern. Exkursionen außerhalb der Station waren nur zu zweit zulässig, das wusste sie. Doch sie wollte keinen Gewaltmarsch hinter sich bringen. »Das kostet nur unnötige Zeit. Seans Männer sind mit den Vorkehrungen wegen des Sturms beschäftigt. Ich bleibe immer in Sichtweite der Station. Aber wenn Sie darauf bestehen, dann können Sie mich begleiten, Professor Erskine.«
   Er lachte, schüttelte den Kopf. Erskine hatte die Station nicht ein einziges Mal verlassen, seit sie hier arbeitete. Ein seltsamer Kauz, der neuen Mitgliedern seiner Forschungscrew sehr reserviert gegenübertrat. Sie hatte sich zu Beginn die Zähne an ihm ausgebissen. Inzwischen wusste sie ihn zu nehmen. Gute Freunde würden sie ganz gewiss aber nie werden. Das mussten sie auch nicht. Er war ihr Arbeitgeber, sie seine Angestellte.
   »Eine halbe Stunde, Rowan, nicht länger. Und gehen Sie nicht nur spazieren, sondern bringen Sie etwas Brauchbares mit.« Sein Ton klang streng, fast schon anmaßend.
   Arroganter Fatzke! Rowan schluckte den Kommentar, der ihr auf der Zunge lag und lächelte. Es genügte, dass Erskine sich endlich zurückzog und sie allein ließ. Rasch zog sie ihre Sturmhaube auf, die ihr Gesicht bis auf die Augen bedeckte. Anschließend legte sie ihre Schutzbrille an und streifte die mit Fell gefütterte Kapuze des Overalls über. Es mochten nur minus zehn Grad draußen herrschen, doch der Wind war eisig und die gefühlte Temperatur deutlich niedriger. Sie stellte noch schnell den Timer ihrer Uhr auf dreißig Minuten, verstaute das Handfunkgerät in der Brusttasche, zog die Handschuhe an und öffnete mit ihrer PIN die Tür.
   Trotz der stark getönten Schutzbrille blendete sie das Sonnenlicht im ersten Moment. Es dauerte einen Augenblick, bis sie sich an die Helligkeit gewöhnt hatte. Der Himmel war strahlend azurblau. Sie sah kein einziges Wölkchen, nicht einmal über den Gipfeln des Mount Blackburn, die für gewöhnlich eine dicke Wolkenkrone umgab. Davon durfte man sich nicht einlullen lassen. Das Wetter schlug rasend schnell um, weshalb man bei Außeneinsätzen immer große Vorsicht walten lassen musste. Hinter der Station ragten die beiden Bergspitzen des Mount Blackburn fast vierzehntausend Fuß in die Höhe. Eisfelder und Gletscher bedeckten sie beinah vollständig. Der Anblick war einfach phänomenal und ließ sie die Enge und Entbehrungen der zurückliegenden Tage vergessen. Rowan holte tief Luft, auch wenn sie wusste, dass es ein Fehler war. Die Polarluft brannte sich klirrend kalt ihre Atemwege hinab. Dennoch hielt sie einen Moment inne und genoss die weitläufige Freiheit Alaskas. Keine engen Räume, nicht eine Menschenseele. Nicht, dass sie etwas gegen Gesellschaft hatte, aber wenn man mit einem guten Dutzend Menschen dicht auf dicht saß, tagein, tagaus, dann konnte man gelegentlich Aversionen entwickeln. Oder man kam sich näher, als gut war für das Arbeitsklima. Seit dem One-Night-Stand mit Lou aus dem Instandhaltungsteam herrschte eisiges Schweigen zwischen ihnen. Sie hatte ihm nie Hoffnungen auf eine Beziehung gemacht. Der Altersunterschied war ihr einfach zu groß. Himmel, er war Ende vierzig, sie gerade mal dreißig. Wie sie erst danach erfahren hatte, wartete zu Hause eine Ehefrau auf ihn. Nie und nimmer hätte sie sich unter diesen Voraussetzungen auf ihn eingelassen. Sie wollte keine Affäre sein. Er sah das offensichtlich anders und spielte beleidigt. Sobald sie den Raum betrat, verließ er ihn, wenn möglich. Sie hatten kein Wort mehr miteinander gewechselt. Man konnte sich kaum aus dem Weg gehen in der Station und es wurde hinter ihrem Rücken getuschelt. Sie hatte einen riesigen Fehler begangen, den sie nicht ungeschehen machen konnte. Noch ein halbes Jahr in Alaska, dann war ihr Forschungsauftrag abgeschlossen und sie würde unter keinen Umständen verlängern. Rowan sehnte sich nach einer lichtdurchfluteten Wohnung, einem weichen Bett und einem Tageslichtbad. Danach, die Mittagspausen im Park zu verbringen, sich die Sonne auf die Haut scheinen zu lassen, Kindern beim Spielen zuzusehen. Selbst den Lärm vermisste sie. Außer dem zunehmenden Pfeifen des Windes, dem statischen Brummen des Stromgenerators und ihrem keuchenden Atem gab es nichts zu hören. Es war anstrengend, sich durch die kniehohen Schneemassen zu bewegen. Nach wenigen Schritten atmete sie bereits zu schnell und musste kurz pausieren. Im Winter war es hier wie ausgestorben und die kalte Jahreszeit dauerte ewig. Ab Ende September fiel der erste Schnee und erst ab Mitte April kletterten die Temperaturen wieder über den Gefrierpunkt und ihre Hauptarbeitszeit begann. Vier Monate, in denen sie die Auswirkungen der langen Kälteperiode auf die Flora rund um den Mount Blackburn ausführlich erforschen konnte. Lediglich das Klönen mit Christine, die seit fast einem Jahr als Ärztin in der Station arbeitete, und die Kinoabende in der Kantine sorgten für Abwechslung neben dem öden Katalogisieren ihrer Ergebnisse in den Wintermonaten. Und dann war da noch Christines frecher Racker Jack. Der Jack Russell lehrte Professor Erskine das Fürchten und war immer für einen Schabernack gut. Mal verschwanden Kleidungsstücke aus der Wäscherei oder Lebensmittel aus der Bevorratung. Lang böse konnte man dem süßen Jack mit seinen Stummelbeinchen nicht sein. Ein Blick aus seinen dunklen Kulleraugen, und er wickelte einen ruckzuck um den Finger. Da interessierte es auch nicht mehr, dass er den fünfzig Dollar teuren Victoria’s Secret-BH als Kauknochen missbrauchte, bis nur noch Fetzen übrig blieben. Spitzendessous waren in Alaska eh unangebracht. Funktionelle Sportunterbekleidung und wärmendes Angora wirkten zwar alles andere als sexy, doch der Traumprinz lief ihr hier gewiss nicht über den Weg. Der einzig verteufelt gut aussehende Mann war bereits vergeben. Sean ging mit Christine aus.
   Eine Schande! Nein, es war in Ordnung. Eine Beziehung wollte sie im Augenblick auch nicht. Nach einigen derben Rückschlägen in Beziehungsdingen genoss Rowan ihre Freiheit. Männer machten die Sache nur kompliziert. Lou war der beste Beweis.
   Rowan stampfte zu der Stelle, an der sie immer ihre Proben holte und erschrak, als sie rote Spuren im Schnee entdeckte. Schuhabdrücke. Sie zog ihr Walkie-Talkie aus der Brusttasche. »Sicherheit, bitte kommen. Hier Rowan«, sprach sie ins Funkgerät, während sie den Fußabdrücken folgte. Nur wenige Meter von der Station entfernt endeten sie, und Rowan staunte nicht schlecht. Im Schnee lag ein Mann.
   Mit einem Knarzen erwachte ihr Funkgerät zum Leben. »Hier Sean. Was gibt es, Rowan?«
   »Ich brauche Hilfe.« Rowan ging neben dem Mann in die Hocke und tastete seinen Puls. Sein Herz schlug schnell und kräftig. Sein Körper fühlte sich warm an, also konnte er noch nicht lang hier liegen.
   »Welcher Art?«
   »Bin draußen, Proben holen. Ich habe einen Mann gefunden. Bewusstlos und offensichtlich verletzt.«
   »Ich komme.«
   Soviel zum Thema nur schnell Proben besorgen. Solange sie auf Sean und seine Sicherheitscrew warten musste, konnte sie versuchen, dem Fremden zu helfen. Er trug lediglich Jeans, Turnschuhe und einen Winterparka, viel zu leicht bekleidet für das Klima. Wäre sie nicht nach draußen gegangen, dann hätte er sich sicherlich den Tod geholt. Eine halbe Stunde bei den Temperaturen konnte niemand überleben. Mister Unbekannt hatte verflixtes Glück. Stellte sich nur die Frage, was er hier mitten in der Ödnis Alaskas tat, so bekleidet und allein.
   Rowan hielt Ausschau nach weiteren Personen oder einem Fahrzeug. Nichts zu sehen. Das erschien ihr mehr als ungewöhnlich. Die nächste Siedlung lag gut fünfzehn Meilen entfernt, Expeditionen auf den Mount Blackburn fanden meist in den Sommermonaten statt, alles andere war zu gefährlich. Wie ein Bergsteiger sah er auch wahrlich nicht aus, die leichte Bekleidung, keine Ausrüstung, so, als wäre er gerade vom Himmel gefallen oder jemand hätte ihn hergebeamt. Nur ein Verrückter irrte bei den Temperaturen im Freien umher. Oder sie. Rowan trug jedoch schützende Thermobekleidung.
   Sie zuckte zurück, als der Mann die Augen aufschlug. Strahlend blaue Iriden sahen sie an, sein Blick wirkte verstört oder vielmehr panisch. Er holte keuchend Atem und wollte sofort aufstehen. Es war eine Schnapsidee, doch so sehr Rowan versuchte, ihn unten zu halten, es gelang ihr nicht. Er war zu stark. Darum half sie ihm, sich aufzurichten. Ehe sie sich versah, stand er in voller Größe vor ihr. Er überragte sie um eine gute Kopflänge, was jedoch kein Zauberwerk war. Sie maß gerade 1,65, und er sicherlich um die zwei Meter. Dazu war er auch annähernd doppelt so breit wie sie. Er wankte gefährlich, weshalb sie seinen riesigen Arm um ihre Schultern zog, um ihn zu stützen. Ein irrsinniges Unterfangen. Er würde sie mit auf den Boden reißen, wenn er umfiel.
   »Verdammt! Ich muss hier sofort weg«, fluchte er. Seine Stimme klang rauchig, leicht kratzig und er hielt sich stöhnend die Seite. Offenbar war die nicht zu übersehende, blutende Verletzung an seinem Bein nicht die Einzige. Er sah zu ihr herab, in seinem Blick lag Verärgerung, die er mit einem Schnauben kundtat. »Ich hatte einen Unfall.«
   »Dann hatten Sie verfluchtes Glück, dass Sie jemand gefunden hat.«
   Der Fremde lachte schwermütig. Sein Atem ging keuchend. »Hätte böse ins Auge gehen können. Mein Name ist Alan Lymont. Ich war mit einer Gruppe unterwegs, habe sie jedoch vor einer Stunde verloren.«
   Rowan blieb skeptisch. »Sie haben schon von dem Schneesturm gehört, der für heute vorhergesagt wurde?«
   Alan nickte. »Wir wollten nach McCarthy und von dort direkt mit der letzten Maschine nach Cordova.«
   »Meine Name ist Rowan Madison. Ich bin Biologin an der Wrangell-Forschungsstation. So wie es aussieht, dürfen Sie uns heute ein wenig Gesellschaft leisten.«
   »Das geht nicht!« Alan entzog sich ihrer helfenden Geste und wankte für einen Augenblick immens. »Ich muss nach McCarthy, umgehend. In den Abendstunden geht mein Flug nach Calgary. Ich darf ihn unter keinen Umständen verpassen. Das wäre fatal.« Wieder trat dieser panische Ausdruck in seine Augen. Alan wollte überall sein, nur nicht hier. Wer wollte das schon freiwillig?
   »McCarthy liegt gut dreißig Minuten mit dem Schneemobil von der Station entfernt. Unmöglich, es jetzt noch auf die Schnelle zu erreichen und ganz sicher nicht zu Fuß und nicht in Ihrem Zustand.«
   »Sie verstehen nicht! Ich muss …« Seine Widerworte klangen schwach und die letzten Worte verstand sie kaum noch, da er zu leise sprach. Alan hielt sich die Brust und torkelte wie ein Betrunkener.
   »Alles in Ordnung, Rowan?« Sie fühlte sich erleichtert, als sie Seans Stimme hörte. Er war Alan an Körpermasse ebenbürtig, dazu als ehemaliger Cop geübt in Umgang mit buckelnden Delinquenten. Sollte er Alan davon überzeugen, dass es in der Station sicherer war.
   »Ich habe gesagt, Sie sollen etwas mitbringen, Rowan.« Erskine lachte, als er die Krankenstation betrat. »An einen Menschen dachte ich dabei nicht.« Sein Lachen verging ihm schlagartig, als Jack schwanzwedelnd auf ihn zu stolzierte und an seinem Bein hochsprang. »Christine? Hatten wir nicht eine Vereinbarung? Nicht im Bereich der Hochsicherheitslabore oder auf der Krankenstation. Die Hygienevorschriften!«
   Christine drehte sich lachend auf ihrem Rollhocker um und unterbrach kurz die Versorgung des mürrisch dreinblickenden Patienten. »Wir beide? Ja! Aber Sie kennen ihn doch. Er ist es nicht gewohnt, allein zu bleiben und folgt mir auf Schritt und Tritt. Lasse ich ihn oben zurück, jault Jack so laut, dass man es noch in McCarthy hört. Die anderen Kollegen waren derart genervt von ihm, dass ich nachgeben musste.« Christine zog den Kopf zwischen die Schultern und lächelte.
   »Warum habe ich mich nur dazu breitschlagen lassen, Sie trotz Hund anzustellen?« Erskine schüttelte den Kopf.
   »Weil ich die Beste bin.« Christine lachte. »Oder vielmehr die Einzige, die freiwillig an diesem Ort praktizieren wollte.«
   Erskine stieß einen merkwürdigen Laut aus, der wohl ein Lachen sein sollte. »Punkt für Sie. Wen haben wir denn da?« Er ging auf Alan zu, der auf einer Patientenliege saß und nur widerwillig die Behandlung über sich ergehen ließ.
   Alan entgegnete Erskines Blick skeptisch. Sean, der in der Nähe von Christine stand und immer ein wachsames Auge auf den Neuankömmling hatte, räusperte sich. »Er schweigt sich zu seinem Namen bisher aus. Sehr unhöflich.«
   Ganz korrekt war seine Aussage nicht. Christine untersuchte Alan und löcherte ihn währenddessen mit Fragen zu seinem Befinden. Die beantwortete Alan, wenn auch einsilbig. Rowan hatte er sich zudem bereits vorgestellt. »Alan Lymont«, sagte Rowan.
   »Verhören können Sie ihn später, Professor. Meine Krankenstation ist definitiv zu voll! Ich kann mich kaum noch bewegen.« Mit einer Handbewegung scheuchte Christine Erskine weg, der vor einem Schrank mit Medikamenten stand. Der Raum bot zwei, höchstens drei Menschen bequem Platz. Christines Umgang mit Erskine war herzerfrischend. Sie kümmerte sich wenig darum, dass Erskine ihr Chef war und ihr jeden Monat ihr Gehalt überwies. Das Herz am rechten Fleck, doch sie nahm kein Blatt vor den Mund. Anfangs fand Rowan ihre Art gewöhnungsbedürftig, aber jetzt nannte sie Christine ihre Freundin. Erstaunlicherweise ertrug Erskine ihre kleinen Dreistigkeiten relativ gelassen wie auch in diesem Moment. Er zog lächelnd die Augenbrauen hoch. »Sie wollen mir damit wohl mitteilen, dass ich gehen soll?«
   Christine grinste verschmitzt, stemmte die Hände in ihre Taille. »Nein, dass ich gern einen größeren Raum für meine Tätigkeit hätte. Da dies im Augenblick jedoch laut Ihrer Aussage vollkommen unmöglich sei, Professor Erskine …« Sie lächelte zuckersüß, legte den Kopf schief und zeigte auf die Tür.
   Erskine wandte sich zum Gehen. »Kümmern Sie sich darum, Sean. Mich würde es brennend interessieren, was Mister Lymont auf dem Privatgelände meiner Forschungsstation zu suchen hat.« Jack huschte wieselflink nach ihm aus dem Raum. Erskines Schimpfen war nicht zu überhören. Rowan verstand nur Wortfetzen: Schneesturm … draußen festbinden … Grizzly. Es klang nicht sonderlich nett. Erskine hätte seine Drohung jedoch nie umgesetzt, darum blieb Christine auch gelassen und zuckte mit den Schultern. »Die Bären halten im Augenblick Winterschlaf.«
   Nichtsdestotrotz überlebte Jack keine halbe Stunde außerhalb und würde als Fischstäbchen enden.
   »Und du willst bleiben, Rowan? Dann musst du mir aber assistieren. Sean hat, was das angeht, zwei linke Hände. Er ist der Mann fürs Grobe.«
   Sean grummelte, verschränkte die Arme vor seiner Brust und kam einige Schritte näher. In Alans Haut wollte Rowan augenblicklich nicht stecken. Alan blieb jedoch relativ gelassen und erwiderte Seans Blick stoisch.
   »Und während ich Sie versorge, Mister Lymont, dürfen Sie mir erklären, woher die schlimme Prellung an Ihrem Brustkorb und die Stichwunde am Bein stammen.«
   Sean ging in Habachtstellung, kaum zu glauben, doch seine Miene wirkte noch verbissener.
   »Ich bin in eine Spalte gestürzt. Sie war nicht tief, aber ich bin auf einen Ast gefallen, der ungünstig nach oben zeigte.«
   »Eine Pfählungswunde?« Christine runzelte die Stirn, sah ihn ungläubig an und nahm wieder auf dem Rollhocker Platz. Unübersehbar glaubte sie ihm nicht.
   »Ich weiß nicht genau, wie es passiert ist. Plötzlich bin ich abgerutscht und fand mich im nächsten Moment in einer Spalte wieder. Ich bin nicht tief gefallen, höchstens zwei Meter, jedoch bin ich recht unglücklich aufgekommen. Die Gletscherspalte war Gott sei Dank so niedrig, dass ich auch allein hinausklettern konnte.« Alan sprach ruhig. Erstaunlich, bei der schlimmen Verletzung an seinem Bein und dem Umstand, dass Christine gerade darauf drückte, hätte Rowan vermutlich nicht so gelassen reagiert. Lediglich seine Mundwinkel zuckten und er blickte ernst.
   »Dann hatten Sie mehr Glück als Verstand. Die Spalten des Kennicott Gletschers sind tückisch und meist tödliche Fallen.« Sean war kein Mann großer Worte und zur Hölle, er konnte wirklich ein Aas sein, wenn er wollte. Eigentlich fand Rowan ihn nett, doch er konnte auch ganz anders, und sobald es darum ging, seinen Job als Sicherheitschef zu erledigen, war er äußerst gewissenhaft. »Und was suchen Sie hier? Mitten im Winter. Allein?«
   Alan stieß einen düster klingenden Ton aus und verdrehte die Augen. Er zischte leise, als Christine die Wunde weiterversorgte. »Irrsinn? Abenteuerlust? Ich war mit meiner Truppe unterwegs auf einen Ausflug zum Mount Blackburn mit Schneemobilen. Wir haben die Nacht davor in einer Unterkunft in McCarthy verbracht und wollten heute Morgen noch einmal kurz zu den Gletschern. Irgendwann habe ich den Anschluss zur Gruppe und auch die Orientierung verloren. Am Nachmittag, gegen vier, wollten wir mit der letzten Maschine zurück nach Cordova.«
   »Die werden Sie wohl nicht mehr erwischen«, sagte Rowan und sah auf ihre Armbanduhr. Es war bereits weit nach sechzehn Uhr.
   »Sie verstehen nicht, ich muss dort sein. Das ist keine Option. Es ist verflucht wichtig.« Seine Worte klangen eindringlich, doch sie änderten nichts daran, dass sein Vorhaben nicht umsetzbar geworden war.
   »Warum fahren Sie, kurz bevor eines der größten Tiefdruckgebiete vorhergesagt ist, das ein Unwetter mit sich bringen soll, mit einem Motorschlitten in die Wildnis? Das kann ich nicht nachvollziehen.« Sean wollte Antworten, auch Rowan erschien Alans Rechtfertigung unglaubwürdig. Jeder Mensch, mit ein bisschen Verstand, hätte sich in seinem Hotelzimmer verkrochen oder den erstbesten Flug in wärmere Gefilde genommen. »Wo ist Ihre Outdoorbekleidung? Warum suchen Ihre Freunde nicht nach Ihnen?«
   »Sie sind keine Freunde, lediglich eine Reisegruppe.« Alan blieb reserviert. »Mein Rucksack mit dem Equipment liegt in der Gletscherspalte.«
   »Sehr ungewöhnlich«, sagte Christine, doch verarztete ihn weiter.
   »Winterabenteuer in Alaska. Eine verflucht teure Erlebnisreise.«
   »Erlebt haben Sie ja jetzt Einiges. Sie sind leicht unterkühlt. Die Verletzung am Oberschenkel ist auf den zweiten Blick nur halb so wild, Mister Lymont. Ich versorge Sie mit einem Breitbandantibiotikum. Nähen kann ich die Wunde nicht, wenn es – wie Sie behaupten – ein Ast war. Es könnte sich Schmutz im Stichkanal befinden und dann hätten Sie im Handumdrehen eine schwere Infektion.«
   »Darum können sich die Ärzte in Cordova kümmern.« Tatsächlich versuchte Alan aufzustehen, was Sean unterband, indem er ihn wortlos auf die Liege zurückschob.
   Was für ein verflucht stures Mannsbild! Wollte oder konnte Alan nicht verstehen? »Sie kommen nicht mehr nach Cordova, nicht in den nächsten drei Tagen«, brachte Rowan es auf den Punkt. »Wenn Sie Glück haben. Es könnte auch durchaus länger dauern. Das Hotel in McCarthy ist für eine Woche geschlossen, die meisten Mitarbeiter sind bereits in Cordova, das müssten Sie doch wissen.«
   Alans Blick wechselte von Sean zu Rowan. Sie fühlte sich unwohl unter seinem Starren aus eisblauen Augen. Er schnaubte. »Ich sitze fest.«
   Endlich hatte er es kapiert. Der harte Zug, der um seinen Mund lag, verschwand und er wirkte bitter enttäuscht. Alan wandte den Blick ab und seufzte. Rowan konnte die Zahnrädchen in seinem Kopf förmlich rattern sehen.
   »Sie würden es niemals nach McCarthy schaffen. Der Sturm macht sich bereits bemerkbar. Und falls doch, dann säßen Sie dort fest. Hier sind Sie besser aufgehoben als im Hotel. Christine kann Sie medizinisch versorgen.« Rowan wollte ihn aufmuntern, aber er stieß einen abschätzigen Ton aus und schüttelte den Kopf.
   »Kann ich telefonieren? Es ist wichtig. Meine Familie erwartet mich in Calgary. Sie machen sich Sorgen, falls ich nicht wie geplant morgen früh ankomme.«
   Kanada? Er hörte sich wahrlich nicht nach einem Kanadier an. Sein Englisch klang glatt geschliffen, völlig ecken- und kantenlos, wie sie es noch nie zuvor gehört hatte. Ungewöhnlich, aber auf seine Art sexy. Ihr haftete selbst nach Jahren in Seattle der Neuenglanddialekt an. Es war schwer, egal, wie sehr sie sich bemühte, akzentfrei zu sprechen.
   »Sie können es gern versuchen«, sagte Christine und fiel Sean ins Wort, der gerade widersprechen wollte. »Sie werden wenig Erfolg haben.« Sie reichte ihm das schnurlose Telefon. Schon vor Stunden hatte es die ersten Störungen bei den Verbindungen nach außen gegeben. Inzwischen war die Internetverbindung zusammengebrochen und damit auch ihre Möglichkeit, nach draußen zu telefonieren.
   »Kein Freizeichen.« Alan gab es an Christine zurück. »Haben Sie ein Satellitentelefon?« Er wirkte zerknirscht, biss sich nachdenklich auf die Unterlippe. Ihm war es unbehaglich. Kaum verwunderlich. Er saß hier mit vollkommen Fremden fest, obwohl er zu seiner Familie zurück wollte.
   »Leider nicht. Damit kann ich nicht dienen. Sie bleiben unser Gast, so leid es mir tut.« Christine lächelte ihm zu, sah dann zu Rowan. »Magst du unserem unfreiwilligen Besucher etwas zum Essen und Trinken organisieren, während ich ihn fertig versorge?«

Kapitel 2

Rowan kehrte eine Viertelstunde später in den Behandlungsraum zurück. Zuvor hatte sie noch einen Blick nach draußen gewagt. Die Windgeschwindigkeit nahm zu. Dunkle Wolken türmten sich auf. Es war finster geworden, erste Blitze züngelten am Horizont als Vorboten des Blizzards und die Temperatur fiel merklich. Tiefdruckgebiet Kathryn ließ sich nicht lumpen. Meteorologen prophezeiten einen Jahrhundertsturm. Schon das Unwetter im vergangenen Winter hatte derart schlimm gewütet, dass sie tagelang keinen Kontakt zur Außenwelt aufnehmen konnten. In der Station waren sie sicher. Mit den Vorräten und Generatoren konnten sie wochenlang aushalten, wenn nötig. Das Gefühl, eingesperrt zu sein unter Massen von Schnee, blieb dennoch bedrückend.
   Sean hatte inzwischen den Raum verlassen, Christine entsorgte die benutzten Utensilien im Mülleimer. Die blutigen Handschuhe schmatzten laut, als sie diese von ihren Händen zog, um sie ebenfalls wegzuwerfen.
   »Sie haben Sean gehört, Alan. Bleiben Sie bitte in diesem Raum. Die Forschungsstation und Laborräume sind für Sie tabu. Sollten Sie einen Wunsch haben, dann klingeln Sie bitte. Sobald einer von uns Zeit hat, schaut er bei Ihnen vorbei. Rowans Labor liegt direkt neben der Krankenstation. Sie wird sicherlich ab und an auch bei Ihnen vorbeischauen. Nicht, Rowan?«
   Allein, mit ihm. Ihr Herz klopfte beim Gedanken daran schneller. Seit Monaten war sie hier unten meist auf sich gestellt. Die Arbeitsräume ihrer Kollegen lagen im Erdgeschoss, lediglich ihr Labor befand sich im Keller, weil sie mit potenziell kritischen Substanzen hantieren musste. Erskine befürchtete, dass sie mit ihren Gletscherproben gefährliche Organismen in die Forschungsstation bringen könnte. Die Vorsichtsmaßnahmen waren übertrieben, dennoch ergab sie sich ihrem Schicksal und arbeitete in einem Hochsicherheitslabor, getrennt durch eine Luftschleuse von den anderen Räumen und Menschen. Heute dachte sie nicht an Arbeit. Alans Anwesenheit machte sie nervös und sie konnte nicht so recht benennen, warum. Er war fremd und sie wusste kaum etwas von ihm. Dennoch, er weckte ihre Neugier und sah verteufelt gut aus. Sein Haar war hellbraun, mit einem kupfernen Schimmer, dazu die helle Haut mit vereinzelten Sommersprossen auf dem Nasenrücken und den Wangen. Als Christine ihn versorgte, hatte sie Einiges von seinem Körper zu sehen bekommen. Muskulös und sehnig, mit einem Waschbrettbauch. Verflixt attraktiv! Doch seine Augen ließen sie nicht mehr los: eisblau mit weißen Sprenkeln. Wie Schneeflocken auf einem Gletscher. Auf eine Art unruhig, jedoch wunderschön. Es stellte eine nette Abwechslung dar, aus ihrem grauen Alltag, auch wenn er vermutlich lieber woanders sein wollte. Er hatte von seiner Familie gesprochen. Höchstwahrscheinlich wartete in Kanada seine hübsche Frau mit seinen drei Kindern auf ihn, aber eine angenehme Unterhaltung war wohl kaum verboten. Vielleicht auch ein Flirt? Sie brauchte dringend ein bisschen Abwechslung, sonst fiel ihr die Decke auf den Kopf. Seit einem Monat war er das erste neue Gesicht, das ihr über den Weg lief. Er kam ihr gerade recht. Alan schmunzelte und bestärkte sie in ihrem Vorhaben, ihm Gesellschaft leisten zu wollen. Sein Lächeln wurde noch breiter.
   »Bleibt mir etwas anderes übrig? Sie haben mich angeleint.« Er zeigte auf den Infusionsbeutel.
   »Sie waren unterkühlt und sind verletzt.«
   »Ich brauche nichtsdestotrotz keinen Babysitter, Christine.«
   Christine antwortete mit einem Schulterzucken und verließ anschließend den Raum.
   »Bohneneintopf, Sauerteigbrot und Wasser.« Rowan stellte das Tablett auf dem kleinen Beistelltisch neben der Liege ab. Alan sah zum Ausgang. Er wollte unübersehbar überall sein, nur nicht hier, auch wenn er lächelte. Rowan bemerkte seinen inneren Aufruhr. Sie fühlte sich ebenfalls nicht gut. Beim Gedanken daran, tagelang festzusitzen, bekam sie Bauchschmerzen. Lediglich das Wissen, dass es der letzte Winter in Alaska sein würde, spendete ihr ein bisschen Trost. Unter keinen Umständen würde sie verlängern, auch wenn Erskine sie kürzlich darauf angesprochen hatte. Alans Anwesenheit bot wahrhaftig eine mehr als willkommene Ablenkung.
   »Ein Bier wäre mir lieber.« Alan lachte und holte sie aus ihren Gedanken. Selbst sein Lachen wirkte andersartig. Sexy, leicht rauchig. Verflucht, sie musste wirklich wieder unter Menschen kommen. Er sah aber auch verflixt gut aus.
   Rowan räusperte sich. Sie musste bei der Sache bleiben. Es fiel ihr schwer, da seine Anwesenheit sie nervös machte. War es nur dem Lagerkoller geschuldet? Sie schüttelte sich leicht und lächelte. »Kein Alkohol. Eine der Regeln von Erskine. Drogen, Alkohol und Zigaretten sind tabu.«
   »Das war ein Scherz.« Alan wirkte mit einem Mal todernst. »Danke, das wäre allerdings nicht nötig gewesen.«
   »Es ist absolut notwendig. Oder wollen Sie die nächsten Tage fasten?«
   »Ich habe nicht vor …«
   Rowan lächelte. »Ich dachte, Sie hätten es endlich verstanden. Im Kellergeschoss gibt es keine Fenster, ich konnte jedoch einen kleinen Blick nach draußen werfen und im Augenblick geht die Welt vor den Toren der Station unter.Wir erwarten den schlimmsten Schneesturm seit Jahren. Wir sitzen hier fest. Niemand kommt raus, aber auch keiner rein.«
   »Gibt es keinen Notausgang?«
   Seine Frage überraschte sie und brachte sie zum Lachen. Warum war er so versessen darauf, zu gehen? »Natürlich, doch was wollen Sie draußen? Sie kämen nicht sehr weit. Im Augenblick im Freien zu sein gleicht Selbstmord. Nur ein Irrsinniger würde einen Fuß ins Freie setzen.«
   »Okay.« Sie glaubte nun, Erleichterung in seinen Zügen zu sehen. Seine Emotionen wirkten wie ein reines Wechselbad. »Ich habe verstanden.«
   »Essen Sie.« Rowan zog den Beistelltisch so, dass er das Tablett bequem erreichen konnte. Eigentlich hätte sie gehen können, doch augenblicklich wollte sie einfach nicht allein sein. In seiner Nähe zu sein, lenkte sie ab. Darum schnappte sie sich den Lappen, der neben dem Waschbecken an der Wand hing, und wischte die Arbeitsflächen und Schränke ab. Wahrscheinlich vernachlässigte sie dabei jegliche von Christines Hygieneregeln, aber sie musste ihre Hände beschäftigen. Im Anschluss würde sie alles noch einmal desinfizieren, und Christine konnte sich über einen blitzblanken Arbeitsraum freuen, bis Jack das nächste Mal hereinspazierte.
   »Wieso sind Sie hier, Rowan?«, fragte Alan.
   Sie wandte sich zu ihm. Er hatte den Teller inzwischen leer gegessen und legte den Rest Brot beiseite. Sein sengender Blick ging ihr durch Mark und Bein. Er blickte sie an, als stünde sie als Nächstes auf seiner Speisekarte. Die Härchen in ihrem Nacken richteten sich auf. Humbug! Sicher nur Einbildung.
   »Sieht man das nicht: Ich putze.«
   Alan lachte. »Sie sind doch nicht die Putzfrau der Station, oder? Das meinte ich auch nicht. Warum sind Sie in Alaska?«
   »Weil es mein Job ist.« Ihr Ton klang für ihre Ohren harsch. Weshalb interessierte es Alan? Sicherlich war er einfach nur auf ein Gespräch aus, um die Langeweile zu vertreiben. Er saß hier mit ihnen fest und wollte wissen, mit wem er es zu tun hatte.
   »Es ist kaum zu übersehen, dass du dich unwohl fühlst, Rowan.« Dreist war er in die persönliche Anrede gewechselt. »Du wärst überall lieber als an diesem Ort.«
   »Vielleicht liegt es ja an dir? Es ist nicht alltäglich, dass sich jemand zu uns verirrt.« Eine freche Lüge. Er war mit Abstand das Interessanteste, das ihr in eineinhalb Jahren untergekommen war. Sie warf den Lumpen ins Waschbecken und wusch sich die Hände. »Das Gehalt ist gut.«
   Nicht zu vergessen, dass sie keine vier Wochen vor dem Beginn ihrer Arbeit auf der Station die fristlose Kündigung erhalten hatte und ihre Miete nicht mehr bezahlen konnte. Nur weg aus Seattle! Doch zurück in die Heimat und sich geschlagen geben? Nicht mit ihr! Da kam ihr das Jobangebot in Alaska gerade recht. Inzwischen sehnte sie sich jedoch nach ihrem kleinen Häuschen in Cumberland und ihrer Anstellung an der Universität in Providence, Rhode Island. Sie hatte vor drei Jahren alles über den Haufen geworfen wegen Ben, mit dem sie zuvor eine Fernbeziehung geführt hatte. Sie hatten sich im Internet kennengelernt, doch nach sechs Monaten Zusammenleben war die Beziehung gescheitert. Die Unterschiede waren einfach zu groß und Ben beileibe nicht so nett, wie er sich über die Ferne verkauft hatte. Sie saß in Seattle fest und hatte einen Job bei einer Pharmafirma, den sie nicht mochte, bis die Kündigung kam. Aufgrund der Verletzung ihres Vertrags verlor sie ihre Anstellung. Ben hatte ihre vertraulichen Firmenunterlagen mit ihren Forschungen kopiert und an die Konkurrenz verkauft. Seine Rache, weil sie ihn verlassen hatte. Ihr Arbeitgeber entließ sie daraufhin fristlos. Rowan stand von einem Tag auf den anderen auf der Straße und war zu stolz, die Hilfe ihrer Familie in Providence anzunehmen. Mit dreißig hielt sie sich für alt genug, um sich selbst aus dem Schlamassel zu graben.
   »Das liebe Geld.« Alan seufzte. »Wenn du nicht die Reinigungskraft bist, was tust du dann hier?«
   »Ich bin Phytopathologin.«
   »Hört sich sehr spezifisch an.« Er sah sie fragend an. Alans Reaktion auf ihren Beruf war nicht ungewöhnlich. Die wenigsten Menschen konnten etwas damit anfangen.
   »Ich untersuche Pflanzen auf Krankheiten und suche nach Behandlungsmöglichkeiten.«
   »Pflanzenkrankheiten.« Alan rümpfte die Nase. »Klingt spannend.«
   Die meisten empfanden ihr Fachgebiet todlangweilig. Sie versuchte schon lange nicht mehr, ihren Mitmenschen ihren Job schmackhaft zu machen. Dabei war ihr Forschungsgebiet hochinteressant und immens wichtig. Es bestand zudem kein Ansteckungsrisiko für sie.
   »Pflanzen? In Alaska?«
   »Die spärliche Flora ist besonders unempfindlich dank der Witterung und darum bin ich hier. Die Widerstandsfähigkeit …« Sie stoppte mitten im Satz. Kein normaler Mensch wollte ihren Ausführungen folgen. Alan bildete da gewiss keine Ausnahme.
   »Es ist wichtig. Das verstehe ich. Gegen meinen langweiligen Bürojob ist es spektakulär.«
   Rowan nahm sich den Hocker und rollte neben Alans Bett. Abwartend sah sie ihn an, doch er schwieg, um im nächsten Moment zu prusten. Er zischte leise, hielt sich die geprellte Seite. »Ganz vergessen.« Sein Lachen verstummte so schlagartig, wie es begonnen hatte. Eine Schande. »Ich arbeite im Techniksupport einer Telefonfirma.«
   »Das ist ja mal richtig langweilig.« Rowan winkte ab und kicherte. Alan sah nicht aus wie ein Technikfreak. Kein bisschen. »Warum ausgerechnet Urlaub in Alaska?«
   »Flucht aus dem Alltag.« Alan wischte sich über die Stirn. Er sah blass aus und wirkte kraftlos. Hatte er sich überanstrengt?
   »Und was sagt Mrs Lymont dazu?« Die Frage war indiskret, doch sie wollte ihm auf den Zahn fühlen. Warum? Er konnte es kaum erwarten, hier zu verschwinden. Eine Schande.
   »Es gibt keine Mrs Lymont.« Der Ausdruck auf Alans Gesicht gefror zu einer Maske, er wirkte erschreckend distanziert. Seine Stirn glänzte schweißnass.
   »Du hattest eine Familie erwähnt, daher dachte ich …«
   »Mein Bruder und seine Familie erwarten mich in Calgary.« Alan griff sich stöhnend an den Oberschenkel und wandte den Blick zur Seite. »Ich bin müde.«
   Rowan erhob sich. Sie hatte das unbestimmte Gefühl, dass die Müdigkeit nicht der wahre Grund war, warum er das Gespräch abzuwenden versuchte. »Dann ist es besser, wenn ich dich in Frieden lasse. Ruhe dich aus und falls etwas ist, dann klingele einfach.« Rowan zeigte auf den Klingelknopf, der auf dem Tisch lag, und nahm das Tablett an sich, ehe sie den Raum verließ.

*

Alan sah sich getrieben um. Bislang machte es den Anschein, dass es ihm gelungen war, seine Verfolger abzuschütteln. Die Station schien hermetisch abgeriegelt zu sein, gerade der Bereich, in dem er sich aufhielt. Ihm waren die Hochsicherheitslabore sofort ins Auge gestochen. Es war wichtig, dass er stets den Überblick behielt. Neben der Krankenstation, die bei Bedarf ebenfalls isoliert werden konnte – sie besaß ein separates Belüftungssystem und eine Schleusentür, gab es nur zwei weitere Räumlichkeiten, die beide mit stärksten Sicherheitsmaßnahmen ausgestattet waren. Er wusste nicht so recht, was er von Rowans Aussage halten sollte. Nur Biologin. Nur Pflanzen. Sie verbarg etwas, das er nicht zu benennen wusste. Für gewöhnlich verfügte er über eine gute Menschenkenntnis, die ihm schon oft den Hintern gerettet hatte. Bei der zierlichen Schönheit versagte sie. Er wusste sie nicht zu nehmen. Auf der einen Seite wirkte sie sympathisch und stand ihm offen Rede und Antwort. Er bemerkte Skepsis in ihren Zügen. Ob nun nur ihm gegenüber oder allgemein dem männlichen Geschlecht, konnte er nicht sagen. Sie wirkte allzeit auf der Hut, trotz ihrer auf den ersten Blick freundlichen Art. Und sie sah hübsch aus. Schlank, ein wenig klein geraten, doch bei ihr wirkte es stimmig. Es verlieh ihr etwas Feenhaftes. Süß, niedlich, ja, fast schon so zerbrechlich, dass man sie beschützen wollte. Von ihrem Äußeren durfte er sich nicht täuschen lassen. Da sie im eisigen Klima Alaskas ihren Mann stand, musste sie eine gewisse Zähigkeit besitzen. Sie hatte sich weder vom Chef der Sicherheit noch vom Stationsleiter etwas vorschreiben lassen. Die beiden Männer waren ihm kein Rätsel. Erskine schien ein Maulheld zu sein, der andere die Drecksarbeit erledigen ließ. Seine Station war ihm wichtig, weitaus mehr als die Menschen, die für ihn arbeiteten. Er hielt sie für ersetzbar.
   Sean verfügte unübersehbar über eine militärische Vorgeschichte. Dazu hatte er auch einen weiteren Gesprächsfetzen aufgefangen. NYPD … ein Cop mit Militärausbildung. Es konnte sich zu Alans Vorteil oder auch Nachteil entwickeln. Sean vertraute ihm nicht, doch besaß er ein hohes Unrechtsbewusstsein. Er wirkte gründlich und überaus gewissenhaft, darüber hinaus war er mit der Ärztin liiert. Christine zeichnete ein offenes Wesen aus und sie machte keinen Hehl um bestehende Zu- oder Abneigung. Ihn lotete sie gerade noch aus.
   Aber Rowan … ein verdammt hübsches Ding mit ihren schwarzen kinnlangen Haaren, sinnlichen Lippen und den bernsteinfarbenen Augen. Zu jedem anderen Zeitpunkt hätte er sich auf einen Flirt mit ihr eingelassen, vielleicht auch mehr. Er fand sie interessant, nicht nur optisch.
   Bei der Sache bleiben, ermahnte er sich. Es war überaus kontraproduktiv, über die körperlichen Vorzüge einer Frau zu sinnieren, wenn ein unbekannter Verfolger ihm im Nacken saß. Er hatte keinen Plan, wer ihm folgte und auch nicht, wie es ihm gelungen war, ihn ausfindig zu machen. Seit Jahren verwischte Alan erfolgreich seine Spuren. Er lebte wie ein Geist und blieb nirgendwo lang genug, als dass er entdeckt werden könnte. Seine alte Identität war gestorben. Zumindest hatte er das gedacht. Alan hatte planmäßig seinen Flug nach Cordova angetreten, von dort sollte es mit einer Linienmaschine weiter nach Calgary gehen. Doch dann musste er die Cessna Skyhawk in der Nähe von McCarthy wegen eines technischen Problems notlanden. Die Treibstoffleitung leckte, wie er nach der Landung bemerkte. Jemand hatte das Flugzeug manipuliert, und er saß mitten in der eisigen Einöde Alaskas fest. Und er war nicht allein an Bord gewesen. Alan hatte den hinteren Bereich der Maschine vor dem Start nicht kontrolliert und den Unbekannten als blinden Passagier transportiert. Welch Ironie, so viel Vorsicht wie er für gewöhnlich walten ließ. Ein Moment der Unachtsamkeit wäre ihm fast zum Verhängnis geworden. Es kam zu einem Handgemenge, bei dem er seine Waffe verlor und verletzt wurde. Sein Angreifer hatte nicht einen Ton gesprochen und er war vermummt von Kopf bis Fuß: schwarze Kleidung und Vollgesichtsschutz. Der Mann war gerüstet und entschlossen, anders als Alan. Der Angriff hatte ihn überrumpelt. Seit Jahren musste er nicht um Leben oder Tod kämpfen. Dennoch war es ihm gelungen, den Mann niederzuringen und bewusstlos zu schlagen. Er hatte einen Augenblick gebraucht, um zur Besinnung zu kommen. Gerade, als er den Fremden fesseln und zur Rede stellen wollte, war er spurlos verschwunden, ebenso, wie er aufgetaucht war. Ein verdammtes Phantom, das Alans ganze Ausrüstung entwendet hatte.
   Alan hatte in der eisigen Wildnis Haken geschlagen, um seinen Verfolger abzuschütteln, bis er vor Erschöpfung zusammengebrochen war. Doch so wie es aussah, war es ihm vorerst gelungen. Er hoffte es inständig.
   Alan erhob sich von seinem Krankenlager und beschloss, die Lage gründlicher zu sondieren. Dabei musste er jedoch Vorsicht walten lassen. Der gesamte Bereich wurde von Kameras überwacht, und er wollte sich nicht erwischen lassen, wie er herumschnüffelte. Er blieb im toten Winkel der Kamera, die den Ausgang bewachte. Sein Bein schmerzte, aber es war zu verkraften.
   Nur ein Aufgang führte ins Erdgeschoss und den sicherte offenbar ein Zahlenschloss. Sein Verfolger müsste sich den Weg hier rein erpressen. Wenn er entschlossen war, stellte es mit größter Wahrscheinlichkeit kein Hindernis für ihn dar. Alan besaß keine Waffe und nichts schien griffbereit, das er zur Verteidigung verwenden konnte. Skalpelle und Medikamente waren eingeschlossen. Den Schlüssel trug Christine an ihrem Schlüsselbund, der mit einem Karabiner an einer Gürtelschlaufe ihrer Hose befestigt war. Sicher, er konnte das einfache Schloss knacken und es würde ihn keine Minute kosten, doch er wollte keinesfalls Unmut bei seinen Gastgebern erwecken.
   Es erschien ihm besser, wenn sie darüber unwissend blieben, was vor sich ging oder wen sie tatsächlich beherbergten. Sobald sich ihm die Möglichkeit bot, würde er das Weite suchen, um sie nicht länger zu gefährden. Nichts lag ihm ferner, als Unschuldige in seine Angelegenheiten reinzuziehen.

Kapitel 3

»Wie ist denn unser Gast, Rowan?« Megan saß mit dem Großteil der Belegschaft in der Kantine am Tisch und sah sie fasziniert an. Fast alle hatten sich eingefunden, nur Erskine glänzte mit Abwesenheit. Er machte sich nichts aus gesellschaftlichen Konventionen und mied das gemütliche Beisammensein an den Abenden. Heute herrschte jedoch Krisenstimmung. Die Lage blieb angespannt aufgrund der Gegebenheiten. Der Sturm … Alan.
   »Wen interessiert der Typ?« Lou lungerte auf dem Stuhl, blickte Rowan flüchtig an und stieß einen verächtlichen Ton aus. Sie fühlte sich wohler, wenn er sie ignorierte. War es Eifersucht, was dieser Tropf an den Tag legte? Anders konnte sie sein Verhalten kaum erklären. Sie hatte gehofft, dass er inzwischen kapiert hatte, dass nichts zwischen ihnen laufen würde. Nie wieder. Offenbar lag sie falsch. Er sah sie an, als hätte er ihr liebend gern den Hals umgedreht. Sie fühlte sich unbehaglich unter seinem feindseligen Starren und ungemein erleichtert, als er endlich wegsah und weitersprach. »Wir haben wichtigere Dinge zu besprechen, Megan. Was sagst du, als unsere Chef-Meteorologin, zu der Lage?«
   »Warum so gereizt? Es schneit wie angekündigt«, sagte Megan in ihrem stark ausgeprägten Südstaatendialekt und lachte mitreißend. Die Frohnatur ließ sich von Lou nicht ins Bockshorn jagen. »Flocken so groß wie Murmeln. Man sieht die Hand vor Augen nicht.«
   »Sehr professionell.« Sean nahm seinem bissigen Kommentar mit einem Lächeln die Schärfe. Megan war mit ihrer lustigen Art bei fast jedem beliebt.
   Christine kuschelte sich an Seans Brust. »Deine Prognose, nachdem das Tief jetzt da ist?«, fragte sie.
   Jack kam schwanzwedelnd auf Rowan zugelaufen, berührte mit seinem Pfötchen ihr Schienbein. Sie kam seiner Aufforderung nach und hob ihn hoch. Mit einem nassen Nasenstupser begrüßte er sie und schleckte ihr anschließend über die Wange. Sein Atem roch streng nach Fisch, da er sich einen Teil von Megans Thunfischsandwich erbettelt hatte. Jack war ein Rabauke, doch ebenso knuddelig. Ohne ihn würde ihr etwas fehlen. Er brachte Leben in den tristen Stationsalltag. Die Abwechslung tat nicht nur ihr gut. Die meisten mochten Jack und seine quirlige Art.
   »Nicht ganz so schlimm wie vorausgesagt, aber dennoch nicht von schlechten Eltern.« Megan gähnte. Seit Tagen beobachtete sie die Entwicklung des Tiefs und hatte wenig Schlaf abbekommen.
   »Was machen wir mit dem Typen, den Rowan aufgegabelt hat?« Lou sah Rowan vorwurfsvoll an.
   Es war ja nicht so, als wäre sie nach draußen gegangen, um einen Mann zu finden. Sie überging seine Aussage, nahm zwischen Megan und Christine Platz. Jack kuschelte sich in ihren Arm und grummelte leise.
   »Auf was willst du hinaus?« Sean beugte sich nach vorn. »Er hat mir seinen Namen und einige Eckdaten genannt, die ich leider nicht überprüfen kann. Keine Internetverbindung.« Er zuckte mit den Schultern, doch seine Anspannung war nicht zu übersehen. Sean wollte alles unter Kontrolle wissen. »Es klingt stimmig und die Guides von McCarthy haben gelegentlich seltsame Ausflugsideen. Sie halten ihre Gäste auch nicht von Schnapsideen und riskanten Ausflügen ab. Ich weiß, dass eine Adventuregruppe seit einigen Tagen in McCarthy unterwegs war. Es würde passen.«
   »Hm.« Celestine, die Rowan gegenübersaß, lächelte. »Dann können wir daran wohl nichts ändern, Lou.«
   Celestine stammte aus Kanada und besaß diesen süßen Akzent, so stimmig zu ihrem feinen Äußeren. Noch kleiner als Rowan, zierlich von Statur und jung – doch davon durfte man sich nicht täuschen lassen. Celest konnte sich durchsetzen und hatte Haare auf den Zähnen, wenn es denn sein musste. Das bekam Rowan öfter zu spüren, als ihr lieb war. Celest und sie rasselten oft aneinander. Um so verwunderlicher fand Rowan es, dass Celest Kräutertee in eine Tasse schenkte und zu Rowan schob. »Sean behält ihn sicherlich im Auge und in der Regel weiß er ja, was er tut. Es ist sein Job.«
   Sean nahm die als Kompliment getarnte Spitze mit einem Lachen hin. Etwas zu kontern hätte womöglich einen Streit vom Zaun gebrochen und ab und an wirkte es, als wäre Celest gerade darauf aus. Sean blieb cool, doch Lou oder einer der anderen Jungs hätte vermutlich grantig reagiert. Wenn sie eines nicht gebrauchen konnten, dann dicke Luft. Sie saßen womöglich tagelang aufeinander und konnten sich nur schwer aus dem Weg gehen.
   »Alan ist verletzt und ruht sich im Augenblick aus«, sagte Rowan.
   »Ist er in seinen Rechten beschränkt?«, fragte Celest.
   »Du meinst, ob ich ihn in der Krankenstation unter Arrest gestellt habe?« Sean schüttelte den Kopf. »Unschuldsvermutung, Celest, schon einmal davon gehört? Er hat sich nichts zuschulden kommen lassen, außer, dass er sich unbefugt auf dem Gelände der Station aufgehalten hat. Aber ist ihm das zu verübeln? Für den Fall, dass ich in der Wildnis verloren gehen würde, würden mich die Bitte-nicht-betreten-Schilder bei der Eiseskälte auch kaum stören.« Sean hob beschwichtigend die Hand. »Ihm wurde nahegelegt, das Zimmer nicht zu verlassen. Einer meiner Wachleute hat den Keller stets im Auge, die Tür nach oben ist verriegelt durch ein Zahlenschloss, ebenso die angrenzenden Laborräume. Er sitzt dort unten fest.«
   Celest nickte. Sie schien damit zufrieden.
   Christine lachte glockenhell und schnappte sich die Fernbedienung, die auf dem ovalen Tisch lag. »Das schreit alles nach einer Liebeskomödie, um die Stimmung ein wenig aufzulockern. Was meint ihr?«
   Mit einem Knarren schob Lou seinen Stuhl zurück und stand auf. »Ich muss die Generatoren warten, nicht zu denken, wenn einer ausfällt.« Er grinste, sah zu Mike und Gonzales, die ihm zunickten und sich ebenfalls von ihren Plätzen erhoben. Wartung bedeutete nichts anderes, als dass die drei eine Runde Poker im Maschinenraum spielen wollten. Ihr war es gleich, solange sie ihre Arbeit taten. So link sich Lou ihr gegenüber gab, seinen Job erledigte er mehr als gewissenhaft.
   »Die Arbeit ruft«, sagte Mike und nickte seinem Chef Sean zu. Fluchtartig verließen die meisten den Raum, bis nur noch Christine, Sean, Rowan und Jack im Zimmer waren.
   »Gott sei Dank, ich dachte schon, Celest geht nie!« Christine kicherte. »So ist es besser. Hm, was gucken wir jetzt wirklich? Ich bin für ‚Das Ding aus einer anderen Welt‘ oder irgendeinen Horrorschinken. Oder Vikings? CSI wäre auch mal wieder cool.« Sie schnappte sich die Packung Chips, die auf dem Tisch lag, riss sie auf und grinste frech zu Rowan.

Rowan fühlte sich zu aufgedreht, um schlafen zu gehen. Der Horrorfilm hatte sie aufgewühlt und sie stand unter Strom. Die Uhr zeigte bereits nach Mitternacht, als sie ins Kellergeschoss ging. Nur kurz nach Alan sehen und anschließend würde sie weiter ihre Proben katalogisieren. Nichts schaffte es besser, sie zu ermüden, als die monotone Arbeit. Es war effektiver als jedes Schlafmittel und gesünder.
   Der Kellerflur war dunkel, lediglich die Notbeleuchtung am Ende des Korridors leuchtete. Am Abend konnte dieser Bereich echt gruslig sein. Heute kam er ihr besonders bedrohlich vor. Jeder Schritt hallte wider, das spärliche Licht warf merkwürdige Schatten. Gut, dass die nebenan liegenden Labore nicht mehr im Gebrauch waren. Altman, der Biologe, der sie bis vor einem Jahr genutzt hatte, um die Fauna Alaskas zu erforschen, war bei einem Forschungseinsatz ums Leben gekommen. Privat schien er ein netter Kerl, doch er hatte aus Sicherheitsgründen niemanden in seine Räumlichkeiten gelassen. Woran er forschte, glich einem Staatsgeheimnis. Nach seinem tragischen Ableben wurden von seinem Arbeitgeber – einem Pharmaunternehmen – Tierkäfige zu Dutzenden aus seinen Laboren transportiert. Von wegen, Altman erforschte nur die einheimische Tierwelt. Allein beim Gedanken an die armen Tiere fröstelte sie. Es fühlte sich fast an, als wäre die Temperatur im Keller schlagartig gefallen. Tatsächlich war es erschreckend kühl, als sie den Korridor entlanglief. Ihr Atem kondensierte in kleinen Dunstwölkchen, als sie ausatmete. Sicher hatte Lou die Temperatur in diesem Bereich heruntergeregelt, um Energie zu sparen oder einfach nur, um ihr eins auszuwischen. In ihren Arbeitsräumen mussten konstante achtzehn Grad herrschen, um ihre Experimente nicht zu gefährden. Lou würde sich hüten, gegen diese Vorgabe zu verstoßen, sonst würde ihm Erskine die Ohren lang ziehen. Natürlich erst, nachdem sie ihn kastriert hatte.
   Rowan ging zielstrebig zu der Krankenstation am Ende des Raums, klopfte leise am Türrahmen und trat ein. Alan schien zu schlafen, weshalb sie auf Zehenspitzen zur Technikkonsole ging. Die Temperaturanzeige zeigte siebzehn Grad, Tendenz rapide fallend. Rowan verließ das Zimmer und betrat ihr Labor nach Eingabe des Sicherheitscodes. Die Temperatur war wie immer. Trockene achtzehn Grad. Sie verspürte Erleichterung. Sicherlich war es nur ein Fehler der Klimaanlage. Sie ging zum Haustelefon und drückte die Schnellwahltaste, die sie mit dem diensthabenden Techniker verbinden würde – Lou. Es klingelte. Sie wartete mehr als eine Minute, ehe sie wieder auflegte. Dieser Idiot ging nicht ran! Meinte er das wirklich ernst? Ihre persönlichen Probleme durften die Arbeit nicht überschatten. Sie zu ignorieren war kindisch. Und jetzt? Sie zerbrach sich den Kopf. Sicher hätte sie bei einem der anderen Techniker anrufen können, aber die schliefen gewiss längst, da Lou bereits um fünf von der Frühschicht abgelöst wurde. Oder Sean darüber informieren, wie weit Lou sein Spiel inzwischen trieb – das hatte jedoch bis morgen Zeit. Rowan wählte die Nummer von Gonzales, der ranging. Schlaftrunken versicherte er ihr, sich darum zu kümmern. Sie hatte das Gefühl, dass er bereits im Laufe des Gesprächs fast weggedöst war. Erneut wagte sie einen Blick auf die Temperatur in ihrem Raum. Gleichmäßige achtzehn Grad, während das Klima in der Krankenstation weiterhin konstant fiel. Sie verließ ihr Labor und kehrte in die nebenanliegende Räumlichkeit zurück. Alan schreckte aus dem Schlaf auf, dabei hatte sie sich bemüht, leise zu sein. Seine erste Reaktion war seltsam: Seine Hand griff in Richtung Beistelltisch und tastete ins Leere. Er wollte nach etwas greifen, dass er dort nicht fand. Sein Blick wirkte beunruhigt und mit einem Mal hellwach.
   »Die Umweltanlage ist teilweise ausgefallen. Die Temperatur fällt rapide und es wäre besser, wenn du mit nach nebenan kommst. Leider wird es einige Zeit dauern, bis das Problem behoben wird und du willst dir sicherlich keine Frostbeulen holen.«
   Alan saß bereits, die Füße an der Seite des Betts raushängend. »Es ist ein bisschen frisch«, sagte er und gähnte.
   Rowan lachte. Sein Kommentar wirkte eine Winzigkeit deplatziert. Zu ihrer Verwunderung stand Alan nur einen Wimpernschlag später auf beiden Beinen, auch wenn er sich mit den Armen auf der Kante abstützen musste.
   »Hey, niemand hat etwas von Aufstehen gesagt.« Rowan stutzte. Sie wollte ihn mit der Liege rüberschieben. Ihr Labor war nicht dafür ausgelegt, um dort zu übernachten. Es gab lediglich Stühle und im hinteren, vom eigentlichen Labor abgetrennten Bereich, eine Couch.
   »Das geht schon«, sagte Alan.
   Männer und ihr verfluchter Stolz. »Wir gehen nach nebenan in meinen Arbeitsbereich. Der hat eine eigene Klimaanlage, die unabhängig gesteuert werden kann. Wie es aussieht, ist diese noch intakt.«
   Alan machte einen Schritt nach vorn, sackte dabei zur Seite weg und stürzte fast. Kurz entschlossen legte Rowan den Arm um seine Taille und stützte ihn auf dem Weg nach draußen. Es waren nur wenige Meter, doch mit jedem Schritt wurde Alans Gang sicherer und sein Gewicht lastete kaum merklich auf ihren Schultern. Dafür nahm sie ihn nun mit allen Sinnen wahr. Er roch relativ neutral, nur eine Nuance Schweiß – nicht unangenehm –, eine Spur Zedernholz und Irisch Moos stiegen in ihre Nase. Der krautige Geruch war wohl ein Überbleibsel seines Aftershaves. Es passte zu ihm – herb, männlich, sehr ursprünglich und erinnerte sie an die Sir Irisch Moos Werbung aus den Neunzigern. Ein gut aussehender Mann im Kilt, der auf dem Pferd heranreitet … die Klänge irischer Musik … Es animierte zum Träumen. Ihr Großvater hatte den Duft getragen, doch an Alan wirkte er alles andere als altbacken. Sein gestählter Körper roch nicht nur angenehm, er fühlte sich richtig gut an. In seiner Nähe wurde ihr ganz heiß und das lag mit Sicherheit nicht an der Anstrengung. Alans Anwesenheit brachte sie völlig aus dem Tritt. Wann fand man auch schon einen gut aussehenden Mann direkt vor der Haustür? Aus heiterem Himmel – sein Auftauchen glich einem Gottesgeschenk. Warum glitten ihre Gedanken in eine solche Richtung ab? Wieso kribbelte ihr Magen in seiner Nähe unaufhörlich? Sie litt eindeutig an Notstand, anders war ihr kindisches Verhalten kaum zu erklären. Es war völlig unlogisch, einen wildfremden Mann anzuschmachten, egal, wie gut er aussah oder wie ausgezeichnet er roch. Wie toll sich seine Haut anfühlte … und schon wieder drifteten ihre Gedanken ab.
   Vor der Tür schaffte er es bereits, allein zu stehen. »Würdest du bitte kurz wegsehen?«
   Alan wandte ohne Fragen zu stellen den Blick zur Seite, sodass sie ihre PIN unbeobachtet eingeben konnte. Ihre Hände zitterten ungewöhnlich stark und wollten sich einfach nicht beruhigen.
   Die Tür öffnete sich mit einem leisen Klacken und gab den Blick auf die Schleuse frei. Ein penetrantes Piepen ertönte, das erst verstummen würde, wenn die äußere Tür geschlossen war. Vorher konnte sie auch nicht die folgende Schleusentür öffnen, die ins eigentliche Labor führte.
   »Ein Hochsicherheitslabor.« Alan wirkte irritiert und gleichzeitig alarmiert. »Welcher Art sind deine Forschungen? Nur Pflanzen?«
   Rowan schloss mit einem Seufzen die äußere Tür. Die Sicherheitsvorkehrungen waren für ihre Forschungen eigentlich nicht notwendig, doch Erskine bestand darauf. Ein leiser Windstoß strich über ihre Haut, als die Tür verriegelte. Das Piepen verstummte, bevor das Gebläse der Umluftanlage geräuschvoll startete. Sie gab erneut eine PIN ein, um die innere Labortür zu öffnen. Dabei vergewisserte sie sich mehrfach, dass Alan nicht zusah. »Das darf ich dir nicht sagen, sonst müsste ich dich anschließend töten.« Sie lachte, nach anfänglichem Zögern stimmte Alan ein. »Es ist halb so wild. Meine Pflanzen brauchen ein konstantes Klima ohne Schwankungen und das ist nur an diesem Ort gewährleistet, wie du siehst.« Rowan schlang den Arm um Alans Taille, doch ihre Unterstützung war fast nicht mehr vonnöten. Dennoch tat sie es. Seine körperliche Nähe war überaus angenehm und ihre Hilfe nicht uneigennützig.
   »Hübsch hast du es hier.« Eine Spur von Amüsement schwang in seinen Worten mit.
   Es sah chaotisch aus. Sie hatte nicht aufgeräumt nach ihren letzten Analysen. Im Waschbecken lagen die benutzten Erlenmeyerkolben neben Kaffeetassen und Tellern. In der Analyseeinheit steckte noch die Probe von heut Morgen und forderte wild blinkend auf, dass sie endlich das Ergebnis auslesen sollte. Darum würde sie sich gleich im Anschluss kümmern. Rowan führte Alan wortlos durch eine weitere Tür in den dahinterliegenden Bereich. Ihr Archiv war winzig und mit der Couch und dem Schrank schon fast überfüllt. Dennoch, es war gemütlich und sie hielt sich gern hier auf. »Setz dich bitte.« Rowan schnappte sich den Stapel Unterlagen, der auf dem Sofa lag, und legte ihn auf den Aktenschrank. Mit einem Grinsen reichte Alan ihr ein Buch, auf das er sich nahezu gesetzt hätte. »Diana Gabaldon – Feuer und Stein«, sagte er. »Ist es gut?«
   »Ich finde es klasse. Wenn du magst, kannst du es gern lesen und dich selbst davon überzeugen, falls du nicht schlafen kannst.«
   Alan legte sich auf die Couch und stöhnte. »Ich bin auch so müde, darum verzichte ich für diesen Augenblick. Vielleicht komme ich später darauf zurück. Ich sitze hier offenbar vorerst fest.« Er machte ein Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen.
   »Leider ja und es kann verflucht langweilig werden im Winter.« Wobei ihr recht interessante Dinge in den Sinn kamen, sobald sie Alan betrachtete. Rowan öffnete die verriegelte Tür des Schranks und holte einen kleinen Heizlüfter hervor. Erskine würde toben, falls er je von dem Gerät Wind bekam. Lou hatte ihr den Lüfter für den persönlichen Gebrauch organisiert, vor dem Zwischenfall. In den Laboren war das Gerät verboten. Wie gut, dass Erskine keinen Schritt in ihre Arbeitsräume wagte. Er mied neben dem Kontakt zu Menschen auch fremde Laborräume wegen seiner Keimphobie.
   »Du verbringst viel Zeit hier unten.« Alan schien ein guter Beobachter zu sein. Eigentlich verweilte sie jede Nacht in ihrem Labor, nicht, weil es so heimelig oder sie mit ihrer Arbeit verheiratet war. Sie hatte im Erdgeschoss ihr eigenes Reich. Ein kleines, jedoch voll eingerichtetes Apartment, das über viel Komfort verfügte. Nicht so spartanisch wie der Wohnbereich der Sicherheitsleute, die sich jeweils zu zweit ein Zimmer teilen mussten. Ihre Wohneinheit lag direkt zwischen denen von Megan und Christine. Nette Nachbarn, dennoch verbrachte sie einen Großteil ihrer Freizeit in ihrem sterilen Labor. Meistens steril. Im Augenblick glich es eher eine Brutstätte für Keime. Jeder andere Wissenschaftler hätte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Sie war da weniger pingelig. Ihre Pflänzchen brauchten keine klinisch reine Atmosphäre, lediglich Temperatur und Luftfeuchtigkeit mussten stimmen.
   »Ich versuche, herauszufinden, was los ist. Wahrscheinlich nur ein Softwarefehler. Das kommt gelegentlich vor. Das Programm hat Marotten. Lou flucht immerzu darüber. Der diensthabende Techniker wirft höchstwahrscheinlich schon einen Blick drauf.« Oder sie musste Gonzales dazu anstacheln. Noch besser: Es war Erskines Station, sollte er sich doch drum kümmern. Warum war sie nicht gleich darauf gekommen? Weil sie lieber zu einer Wurzelbehandlung ohne Betäubung ging, als Erskine mitten in der Nacht zu wecken. Sie verwarf den Gedanken ebenso schnell, wie er aufgekommen war. Es musste genügen, dass sie versucht hatte, Lou zu erreichen und dass sie Gonzales informiert hatte. Keiner Menschenseele half, dass sie nachts durch die Station schlich. Sie holte eine Wolldecke aus dem Schrank, öffnete sie und breitete sie über Alan aus.
   »Ich bin nebenan.«

Kapitel 4

Rowan schreckte von einem Geräusch auf. Sie war auf dem Rollhocker, direkt über ihren Unterlagen eingeschlafen. Tatsächlich hatte sie es geschafft, dass Gonzales nach dem Rechten sah und für sie war das Thema damit gegessen. Alan hätte in die Krankenstation zurückgekonnt, doch er hatte so fest geschlafen, dass sie ihn hierbleiben ließ. Im Gegenzug konnte sie das Labor auch nicht verlassen. Sean hätte es nie und nimmer gut geheißen, dass Alan allein hier zurückgeblieben wäre. Wahrscheinlich durfte sie sich auch so schon einen Vortrag über die Sicherheitsrichtlinien anhören.
   Nein, Alan zurückzulassen, kam ihr nie in den Sinn. In seiner Nähe fühlte sie sich merkwürdigerweise wohl. Die anfängliche Skepsis dem Fremden gegenüber war ehrlicher Neugier gewichen. Sie hätte gern mehr Zeit mit ihm verbracht. Ihr Rücken schmerzte, als sie sich aus der gebeugten, halb sitzenden Position aufzurichten versuchte. Die erste Seite ihrer Akte klebte an ihrer Wange und riss ein. Mist! Sie fühlte sich schrecklich gerädert.
   »Entschuldige, ich wollte dich nicht so früh wecken.« Alans Stimme klang sanft wie ein Streicheln.
   Hektisch strich sie das zerzauste Haar aus der Stirn. Sie sah vermutlich wie eine Vogelscheuche aus und zu allem Überfluss schoss ihr die Hitze siedend heiß in die Wangen. Warum störte sie der Gedanke dermaßen, dass er sie so zu Gesicht bekam? »Schon okay«, sagte sie.
   »Wir haben kurz nach fünf Uhr am Morgen. Ich denke, es ist besser, wenn ich zurückgehe. Nicht, dass du noch Ärger bekommst. Das möchte ich unter keinen Umständen. Danke für das Asyl. Es bleibt unser Geheimnis, dass ich die Nacht bei dir verbracht habe.« Alan zwinkerte ihr zu und legte seine Finger kurz auf ihre Schultern. Die sanfte Berührung ließ sie erschaudern und löste angenehme Gefühle aus. Was sprach dagegen, dass er noch ein Stündchen hier blieb, und sie sich ein wenig unterhielten?
   Nein, sein Vorschlag erschien logisch. Unter Umständen würde keiner bemerken, dass er je die Krankenstation verlassen hatte. Keinen Stress mit Sean. Das hörte sich nach einem guten Plan an.

An Schlaf dachte sie nicht mehr, nachdem sie Alan zurück auf die Krankenstation gebracht hatte. Kurz hatte sie überlegt, ob sie ihm Gesellschaft leisten sollte, doch er wirkte müde und hatte beteuert, dass er noch schlafen wollte. Sie fühlte sich jedoch voller Energie und deshalb kümmerte sie sich endlich um die Unordnung, die sie im Labor hinterlassen hatte.
   Alles glänzte, als sie letztlich damit fertig war. Wie geleckt und bestimmt auch Erskines Hygienestandards entsprechend. Jetzt waren ihre Schätze dran. Das Gewächshaus, das eine Ecke vom Boden bis zur Decke einnahm, bot den Pflanzen optimale Bedingungen und beherbergte einige sehr rare Orchideenarten. Unter anderem eine Aerangis ellisii, auf die sie ganz besonders stolz war, und weitere fast unbezahlbare Schmuckstücke.
   »Siehe da … endlich! Unsere Fredclarkeara After Dark hat Knospen. Du kapriziöses Miststück hast mich volle eineinhalb Jahre hingehalten. Ich werd verrückt!« Wahrhaftig, denn sie sprach schon mit ihren Blumen und hüpfte aufgeregt auf und ab. Es war auch ein Grund zur Freude. Halb tot hatte sie die schwarz blühende Rarität aus Erskines Büro gerettet. Alles, was dieser Mann an Pflanzen in die Hand nahm, ging postwendend ein. Wahrscheinlich wäre es einem Tier in seiner Obhut nicht anders ergangen. Einige ihrer Schätze hatte sie aus dem Müll ihres Vorgesetzten gefischt und aufgepäppelt. Ein Frevel, was er mit der seltenen Schönheit angerichtet hatte. Sie war zusammengedörrt, als sie diese aufnahm, besaß lediglich einen winzigen lebenden Trieb, doch Rowan gelang es mit viel Mühe, sie zu retten. Den Clerodendrum hatte sie von Megan geschenkt bekommen, die damit nicht klarkam und ihn in ihre Obhut übergab. Inzwischen trug er üppig rot-weiße Blüten. Rowan hatte in Alaska ihre eigene kleine Pflanzenrettung, die ihr ans Herz gewachsen war. Fraglich, wie sie die von hier wegschaffen sollten, sobald ihre Anstellung enden würde. Die Männer der Station – und da machte Sean keine Ausnahme – hielten sie für eine verschrobene Pflanzentante. Gut so, dann ließ Mann sie wenigstens in Ruhe.
   Die Geräusche im Flur erregten ihre Aufmerksamkeit. Sie nahm sie nur verhalten wahr, da die Sicherheitstür das Meiste schluckte. Nur kurze Zeit später erwachte die Sprechanlage in der Nähe der Tür zum Leben.
   »Rowan, hier Sean. Lässt du mich rein? Oder noch besser, komm raus. Wir müssen sprechen.« Er klang ernst. Rowan öffnete die Schleusen, verließ ihr Labor. Neben Sean warteten auch Gonzales und Lou im Flur.
   »Guten Morgen. Du hast in der Nacht den fehlerhaften Generator gemeldet.« Sean kam gleich zur Sache.
   »Ich habe einen Temperaturabfall bemerkt und die Jungs kontaktiert. Ich dachte, dass es wieder ein Softwarefehler ist. Wieso?«
   »Es sieht so aus, als wäre der Generator manipuliert worden. Die Brennstoffleitung wurde durchtrennt.« Lou sah sie finster an und warf anschließend einen Blick auf die verschlossene Tür der Krankenstation.
   »Und du denkst, dass Alan was damit zu tun hat?«
   »Mister Lymont ist fremd. Wir kennen ihn nicht. Wer von uns sollte ein Interesse daran hegen, die Station zu sabotieren?«
   »Welchen Sinn macht es? Er sitzt hier mit uns fest. Er würde sich ins eigene Fleisch schneiden.« Zudem war er die ganze Nacht unten gewesen, zuerst in der Krankenstation, anschließend in ihrem Labor, doch Letzteres behielt sie vorerst für sich.
   »Ich kenne ihn nicht. Dass der Verdacht auf ihn fällt, ist nicht von der Hand zu weisen«, sagte Lou.
   »Er war die ganze Nacht in den verschlossenen Kellerräumen«, entgegnete Rowan. »Ohne die PIN kommt er nicht raus und selbst wenn, dann müsste er an einem deiner Wachleute vorbei, Sean. Ich bezweifle, dass er sich unsichtbar machen kann.«
   »Sie hat recht.« Sean seufzte. »Ich musste es fragen, Rowan. Der Bereich nach oben wird zudem von Kameras überwacht. Sie hätten ihn aufgezeichnet, falls er das Untergeschoss verlassen hätte. Das Sicherheitssystem hätte ein Öffnen der Tür registriert. Außer in Rowans Labor wurden in der Nacht keine Türen geöffnet.«
   »Und wer hat die Leitung durchgeschnitten?« Lou starrte sie hasserfüllt an. Glaubte er etwa, sie hätte etwas damit zu tun? »Die schneidet sich nicht von allein durch.«
   »Ein Tier? Eine von Altmans verschwundenen Ratten, die Megan gesehen haben will? Womöglich auch ein Versehen? Die Leitung ist betagt, du wolltest sie schon mehrmals wechseln, doch Erskine war zu knausrig. Eventuell einfach Verschleiß?« Gonzales hob beschwichtigend die Hand, versuchte, Lou zu beruhigen. »Lass es gut sein. Der Typ war hier unten eingesperrt. Er konnte nicht raus. Keiner der anderen würde die Leitung durchtrennen. Womöglich auch ein Wartungsfehler?«
   Lou antwortete, indem er auf der Stelle kehrtmachte und ohne einen weiteren Ton die Treppen nach oben nahm. Lou war stinksauer und gekränkt in seiner Ehre. Wahrscheinlich führte ihn sein erster Weg zu Erskine, wo er eine Beschwerde einreichen würde. Sollte er doch. Sie hatte sich nichts zuschulden kommen lassen. Vermutlich war es wirklich nur Abnutzung, die den Generator beschädigt hatte, und er hörte die Mäuse husten. Jahre in der eisigen Abgeschiedenheit blieben nicht folgenlos. Der gute Lou hatte einen Heimatbesuch bitter nötig.
   »Was macht unser Gast?«, fragte Sean und riss Rowan aus ihren Gedanken.
   »Dem geht es gut. Ich hatte in der Nacht ein Auge auf ihn. Er war hier.« Immer ganz in ihrer Nähe.
   »Gut.« Sean nickte. »Christine sieht nach dem Frühstück nach ihm. Isst du mit uns?«
   »Ich werde unten frühstücken und Alan Gesellschaft leisten.«
   »Wie du meinst.«

*

Es konnte einfach nur ein seltsamer Zufall sein, dennoch drängte sich Alan ein Verdacht auf. Doch warum sollte sein Verfolger zu einem solchen Mittel greifen? Alan in Misskredit bei seinen unplanmäßigen Gastgebern zu bringen, half ihm nicht weiter. Es sei denn, er wollte den Mob gegen Alan aufbringen, bis sie ihm die Arbeit abnahmen und Alan lynchten. Die Abgeschiedenheit Alaskas wirkte sich nicht selten negativ auf die Psyche der Bewohner von Forschungsstationen aus. Er hatte schließlich zu Beginn gute drei Jahre in einer ähnlichen Einrichtung verbracht, um dort unterzutauchen. Irgendwann rastete selbst der friedliebende Botaniker aus und ging dem nächstbesten an die Gurgel. Er hatte es live miterlebt. Während des Abendessens, ein falsches Wort und die beiden Kontrahenten waren übereinander hergefallen wie ausgehungerte Hyänen. Sie hatten sich nur schwer voneinander trennen lassen.
   Alan fing einige Gesprächsfetzen auf. Dass dieser Lou ihn nicht ausstehen konnte, nahm er überdeutlich wahr. Er misstraute ihm. Sean behielt eine gesunde Skepsis. Er tat gut daran, dass er nicht jedem vertraute, vor allem nicht Alan. Ideale Voraussetzungen für seinen bedeutsamen Job. Rowan nahm Alan in Schutz, ohne Vorbehalte. Womit hatte er so viel Nächstenliebe verdient? Wenn sie gewusst hätte, dass ihm der Tod auf den Fersen folgte, dann hätte sie ihn im Schnee liegen lassen. Verdammt! Sein schlechtes Gewissen regte sich zum wiederholten Mal. Er brachte die Menschen in Gefahr, allen voran Rowan. Sie hatte eine solch liebenswürdige Art. War offenherzig und dazu noch verflucht hübsch. Sie entsprach dem Typus Frau, den er für gewöhnlich mit nach Hause genommen hatte. In grauer Vorzeit. Seit zehn Jahren waren seine sozialen Kontakte verkümmert. Es gab niemanden, den er Freund nannte. Gelegentlich hatte er eine Frau aus einer Bar oder Klub aufgerissen und sich mit ihr vergnügt. Keine Liebe, lediglich die Befriedigung von primitiven Trieben. Liebe gab es für ihn nicht. Eine Beziehung ein Hirngespinst, dem er inzwischen keine Träne mehr nachweinte. Seine Familie lebte weit entfernt, nicht in den Staaten und war in Sicherheit, solange er sich bedeckt hielt und weiterhin wie ein Schatten existierte. Ein einsamer Wolf ohne jegliche Bindungen. So hatte er niemals leben wollen.
   Im Flur herrschte mittlerweile Totenstille, nachdem die schwere Sicherheitstür, die nach oben führte, hörbar ins Schloss gefallen war. Er blieb allein zurück. Nur das dezente Rauschen der Umweltanlage nahm er wahr. Alan erhob sich von der Liege. Sein Bein zeigte sich im ersten Moment ein wenig unkooperativ. Die Stichwunde hatte sich offenbar trotz der Medikamente entzündet. Doch damit konnte er umgehen. Die Verletzung war eine Lappalie. Er hatte schon weitaus schlimmere Verwundungen ohne ärztlichen Beistand überlebt. Alan ging auf Zehenspitzen zur Tür, eigentlich schottete lediglich eine Art dicker Lamellenvorhang die Krankenstation nach außen ab. Dennoch schluckte er effektiv einiges an Geräuschen. Die Lüftung der Klimaanlage dröhnte im Flur geräuschvoll. Er vernahm das stetige Brummen eines Motors über seinem Kopf, vermutlich befand sich dort der Generatorenraum. Die Luft schien rein bis … Das Knacken lenkte sein Augenmerk auf die Sicherheitstür. Die LED an der Konsole neben der Tür wechselte von rot zu grün. Hastig trat er den Rückweg an, denn er wollte keinesfalls unnötige Aufmerksamkeit erregen. Gerade rechtzeitig schaffte er es auf die Liege zurück. Leise Schritte kamen näher. Eindeutig die einer Frau, er vernahm das dezente Klacken breiter Absätze. Der Anblick war vertraut: Rowan. Sie trug ein Tablett mit beiden Händen, schob die Lamellen ungelenk mit der Schulter auf und blieb mit dem Fuß an einer Stoffbahn hängen. Fast stürzte sie, doch sie fing sich mit tänzerischer Leichtheit wieder. Ihre Wangen färbten sich rot und sie senkte den Blick, ehe sie das Tablett auf die Arbeitsplatte stellte und ihm ihren entzückenden Rücken zuwandte. »Ich bin ein Schussel«, murmelte sie.
   Ein verflucht sexy Schussel. Ihre Rückansicht war wahrlich nicht von schlechten Eltern. Sie hatte nicht nur Essen mitgebracht, sondern sich umgezogen. Anstelle des weiten Pullovers trug sie nun ein eng anliegendes geblümtes Langarmshirt, das im Bund der knackig engen Jeans steckte und ihren weiblichen Apfelpo perfekt in Geltung setzte. Er verspürte ein Ziehen in der Leistengegend. O ja, er musste ihr auf den Zahn fühlen, sie aushorchen, um zu wissen, was Sache war, doch im Augenblick hatte er ganz andere Dinge im Sinn. Dass sie sich umdrehte, machte es nicht besser. Das Shirt war durchgeknöpft und bis zum Ansatz ihrer Oberweite standen die Knöpfe offen und boten einen appetitanregenden Anblick. Sie lehnte sich mit dem Po gegen den Schrank und stützte die Hände auf der Arbeitsplatte ab. Wusste sie, wie verführerisch das auf ihren Gegenüber wirkte? Spielte sie mit ihren nicht zu verachtenden Reizen?
   Unter dem hellen, dünnen Stoff zeichneten sich die Konturen ihres BHs ab und nicht nur die. Die Knospen ihrer Brüste waren zu erahnen. Sie biss sich auf die Unterlippe und lächelte. »Ich dachte mir, dass du hungrig sein dürftest. Ist es okay, wenn ich dir ein wenig Gesellschaft beim Essen leiste? Es sei denn, du ziehst es vor, allein zu frühstücken.« Sie nahm das Tablett wieder auf und stellte es auf den Beistelltisch neben dem Bett. Er antwortete, indem er den Rollhocker packte und vor den Tisch zog.
   »Wie galant, ein Gentleman.« Mit einem Kichern nahm sie darauf Platz und strich sich eine Strähne ihres ebenholzfarbenen Haars hinters Ohr. »Ich habe schon für zwei geplant. Greif zu. Es ist kein Gourmetfrühstück, trotzdem überaus reichhaltig.«
   Neben mehreren Scheiben Toast und süßen und pikanten Brotbelägen befanden sich zwei verschlossene Schälchen auf dem Tablett, ebenso eine Thermoskanne und Tassen.
   »Porridge. Erskine besteht darauf, es gehört laut ihm zu einem guten Frühstück und sei bei der kalten Witterung unabdingbar, um bei Kräften zu bleiben. Von meiner Seite aus müsste es nicht sein. Cornflakes wären mir lieber. Mit Früchten, viel Zucker und Zimt kann man die Plörre sogar essen.« Sie zwinkerte Alan zu, nahm sich eine der Toastscheiben und begann zu frühstücken. Himmel, selbst ihr beim Essen zuzusehen … verflucht, er musste bei Verstand bleiben. Die Lage war ernst. Er nahm sich eine der Schalen, während Rowan die Tassen befüllte. »Nur Tee, für Kaffee gilt das Gleiche wie für Alkohol. Erskine ist strikt dagegen. Aber wenn du darauf bestehen solltest, Megan hat lösliches Kaffeepulver.« Sie blickte ihn verschwörerisch an. »Darf der Chef nur nicht wissen.«
   »Nein, bitte keine Umstände wegen mir. Ist alles in Ordnung?«
   Rowan kaute und rieb sich die Krümel von den Händen. »Du meinst, hinsichtlich gestern Nacht? Ja, denke schon. Hast du bestimmt mitbekommen, der Vorhang hält kaum einen Ton fern. Lou ist ein bisschen paranoid, dazu kommt, dass er mich nicht leiden kann.« Sie seufzte, legte ihren angebissenen Toast beiseite und nahm einen Schluck Tee. »Gonzales, einer der Techniker, hat es sich heute Morgen angesehen. Eine der Leitungen war zerrissen, womöglich auch zerbissen. Wir haben ein kleines Rattenproblem in der Station.«
   »Ratten? Bei dem Klima?«
   Rowan zog kichernd die Hand vor den Mund. Eine süße, schüchtern wirkende Geste. »Ja, Ratten. Unserem Biologen Altman sind drei seiner Labortiere abhandengekommen. Ein Versehen, natürlich. Ratten sind hochintelligent, doch nicht derart, dass sie einen Käfig und ein doppelt gesichertes Labor verlassen können. Böse Zungen munkeln, dass er sie mit Absicht hat laufen lassen, um Erskine eins auszuwischen. Die beiden lagen ständig im Clinch wegen Kleinigkeiten. Erskine kündigte ihm letztlich die Räume zum Ende des letzten Jahres und von da an ging es richtig rund. Altman hielt sich an keine der Regeln mehr. Provozierte Erskine fortwährend, bis …« Sie griff sich an den Hals und schluckte. »Er ging ohne Rückendeckung nach draußen. Na ja, die Wahl zwischen dem Nugget Creek oder einem Grizzly ist bescheiden. Ertrinken oder gefressen werden, die Wahl zwischen Pest oder Cholera. Er hat sich für den Fluss entschieden. Es hat kein gutes Ende genommen mit ihm.«
   »Autsch!«
   »Kann man wohl sagen. Er war eigentlich ein netter Kerl, nur nicht daran gewöhnt, sich Erskines Regeln zu beugen. Entschuldige, ich bin zu redselig.«
   Ihm kam es ganz recht, wenn sie aus dem Nähkästchen plauderte. So lernte er die Menschen kennen und konnte sie besser einschätzen. Zudem lauschte er ihr gern. Ihre Stimme klang überaus angenehm, und er genoss ihre Gesellschaft.
   »Worauf ich hinauswill: Solange du dich an Erskines Regeln hältst, ist alles prima.«
   »Ich bin hier unten, was soll ich auch anderes tun?«
   »Nicht ganz. Frühstücken wir zu Ende und dann nehme ich dich mit nach oben. Erskine erwartet dich in seinem Büro. Er hat ein paar Fragen an dich.«
   Und Alan bekäme die Möglichkeit, die restlichen Mitglieder unter die Lupe zu nehmen, die Örtlichkeiten zu erkunden, wenn gewiss auch nur eingeschränkt. »Hört sich gut an«, antwortete er.

Kapitel 5

Alan bewegte sich recht sicher durch die Station. Seine Verletzung zeigte sich lediglich in einem schwachen Hinken. Christine hatte ihn kurz untersucht und ihm ein stärkeres Antibiotikum verabreicht, da sich die Wunde zu entzünden drohte. Sean hatte darauf bestanden, dass er Alan zu Professor Erskine eskortierte. Ebenso wollte er während der Befragung anwesend sein. Rowan begleitete ihn bis zur Tür, blieb jedoch vor dem Büro stehen.
   »Kommen Sie ruhig mit, Rowan. Hier ist genug Platz und vielleicht fällt es unserem Gast leichter, sich in Ihrer Begleitung den unangenehmen Fragen zu stellen.« Erskine winkte sie zu sich. Vor dem riesigen Schreibtisch standen zwei Besucherstühle, die Sean links liegen ließ und sich neben dem Tisch positionierte. Er wollte die Lage allzeit überblicken, um im Notfall eingreifen zu können.
   »Nehmen Sie bitte Platz, Mister Lymont«, bat Erskine, doch Alan rückte ihr den Stuhl raus, wartete, bis sie saß. So viel Höflichkeit war sie nicht gewöhnt. Die meisten Männer der Station hätten sich eher mit ihr um einen Sitzplatz geprügelt, geschweige denn eine Tür aufgehalten oder Ähnliches. Sean bildete eine freudige Ausnahme, Alan schien noch eine Spur galanter. Wow, höllisch attraktiv, Manieren, ein guter Zuhörer und sympathischer Gesprächspartner … Er wirkte fast zu schön, um wahr zu sein.
   »Haben Sie eine angenehme Nacht in unserer Obhut verbracht, Mister Lymont?«
   Es glich einer Fangfrage, die Alan mit einem Lachen entgegnete. »Es wurde ein bisschen frisch, doch ich habe sie überstanden. Danke der Nachfrage.«
   »Wir hatten ein technisches Problem, vielmehr eines mit Parasiten. Entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten, aber wir beherbergen in der Regel keine Gäste.« Erskine machte sich nicht einmal die Mühe, zuvorkommend zu klingen. Jedes seiner Worte barg Misstrauen, auch wenn er es mit einem Lächeln zu kaschieren versuchte.
   »Ich bin dankbar, dass ich die Nacht nicht in der eisigen Kälte vor der Station verbringen musste. Darüber hinaus hege ich keine großen Ansprüche an meinen Schlafplatz.«
   Erskine nickte grimmig. Es folgten weitere Fragen zu Alans Person und zu seinem Aufenthalt in Alaska, Fragen, die er ihr und Sean längst beantwortet hatte. Dennoch blieb er freundlich, ging sogar noch ein wenig tiefer ins Detail, auch wenn Erskine das nicht die Bohne interessierte. Er nickte lediglich und seufzte, als er mit seinen Fragen zu Ende war. »Gut, Mister Lymont, da ich Sie bei diesem Sturm nicht vor die Tür setzen kann, bleiben Sie unser Gast.«
   Doch nur so lang. Erskine würde, sobald das Wetter es zuließ, einen Ranger kontaktieren, damit Alan seine Station verließ. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche.
   »Sie verbringen die Nächte in der Krankenstation im Untergeschoss. Hier oben dürfen Sie sich nur in Begleitung einer unserer Wachleute bewegen. Die Mahlzeiten können Sie mit den Bewohnern in der Kantine einnehmen. Ich bitte Sie, sich unter keinen Umständen den Anweisungen zu widersetzen.« Erskine sah auf seine Uhr. »Sie werden in der Kantine erwartet von einigen unserer Bewohner, darunter unsere Psychologin Miss Celestine Denaux. Sie würde sich gern mit Ihnen unterhalten.«
   Rowan verspürte flüchtig Furcht, die von dem Gefühl von Bedauern verdrängt wurde. Celest wollte Alan auf den Zahn fühlen, wie sie es mit jedem Neuankömmling tat. Die Psychologin trieb ein seltsames Spiel. Eigentlich war sie zum Wohl der Bewohner und Mitarbeiter der Station angestellt, doch sie arbeitete auch an einem Forschungsauftrag. Sie untersuchte das Verhalten von Gruppen in isolierter Umgebung und die Auswirkungen auf die Psyche. Gelegentlich wirkte es fast, als würde sie gewisse Situationen provozieren, um eine Reaktion zu erzielen. Nein, in Celests Nähe fühlte sich Rowan unwohl wie ein Labortier in einem riesigen Käfig. Rowan wartete, bis sie auf dem Flur waren, dann hakte sie sich unter Alans Arm und ließ sich einen Schritt zurückfallen, um ihn vorzuwarnen. Alan sah sie fragend an, gerade, als sie etwas sagen wollte, wandte sich Sean um und grinste.
   »Sie will dich vor unserer Psychotante warnen. Celest hat gewaltig einen an der Waffel und sieht uns als ihre persönlichen Versuchskarnickel. Du bist neu und besonders interessant. Du solltest vorsichtig sein, was du ihr gegenüber preisgibst und lass dich nicht von ihr provozieren. Sie gibt Spitzen vor, um eine Reaktion zu erreichen. Man lernt, mit ihr umzugehen, aber jemand, der sie nicht kennt …« Sean zuckte mit den Achseln.
   »Danke für die Warnung.« Alan nickte in Seans Richtung, sah dann Rowan an und zwinkerte ihr zu. Er legte seine Hand auf ihre, tätschelte sie, ehe er ihr seinen Arm entzog. Die Berührung hinterließ ein angenehmes Prickeln, das auch noch vorhielt, als sie die Kantine betraten. Alle Gespräche erstarben mit einem Schlag. Fast die gesamte Crew hatte sich eingefunden, lediglich ein paar Mitarbeiter der Sicherheit und von der Instandhaltung fehlten. Celest lehnte am Tisch, unterbrach gerade ihre Unterhaltung mit Lou, der einen feindseligen Blick zu Alan warf. Christine, die ganz in der Nähe stand, kam mit einem Lächeln auf sie zu.
   »Erskine heil überstanden? Dann sollte ich dich vor Celest warnen.«
   Sean legte seinen Finger auf Christines Lippen. »Bereits geschehen, Schätzchen.«
   Christine reckte kichernd den Daumen in die Höhe, als sich Celest zu ihnen gesellte. Sie bewegte sich langsam, schlenderte locker. Ihre freundliche Art sollte umgarnen, damit sie später zuschlagen konnte. Vielleicht benahm sie sich dieses Mal? Eher nicht. Alan war ein neues Spielzeug in ihrer Kiste und wie jedes Kind, konnte sie kaum erwarten, es auszuprobieren.
   »Guten Morgen, Mister Lymont. Mein Name ist Doktor Denaux, aber nennen Sie mich doch Celest wie die meisten hier.«
   Alan reichte ihr die Hand, sehr flüchtig, und lächelte. »Alan. Freut mich, Sie kennenzulernen.«
   »Ich sehe, Sie haben sich schon mit einigen bekannt gemacht. Aber seien Sie auf der Hut vor Rowan, sie bricht den Männern reihenweise das Herz.« Celest kicherte, versuchte, ihrer Aussage damit offensichtlich Leichtigkeit zu verleihen. Ihr Blick sprach jedoch Bände. Rowan wusste, dass sie jedes Wort exakt so meinte. Celest legte ihren Arm um Alans Taille, der die Berührung nicht erwiderte. Was versuchte Celest mit diesem Verhalten zu bewirken? Wollte sie Rowan eifersüchtig machen? Sie reizen?
   Rowan blieb ruhig, auch wenn sie Celest mal wieder liebend gern die Meinung gegeigt hätte. Sie war kein männermordender Vamp. Ganz sicher nicht. Alan sah kurz über seine Schulter hinweg zu ihr, als er gegenüber von Celest am großen Tisch Platz nahm. Er zog den Stuhl neben sich hinaus, machte eine einladende Bewegung mit dem Kopf. Seine Lippen formten eine Bitte, sein Blick wirkte flehend. Eigentlich versuchte sie, Gespräche oder auch nur die Nähe zu Celest zu meiden, doch es erschien ihr falsch, Alan allein zu lassen. Darum kam sie seiner Einladung nach.

Alan hatte sich überraschend souverän gegen Celest geschlagen. Seine ruhige Art faszinierte Rowan, auch wie er die kleinen Spitzen von Celest konterte.
   »Du hast dich wacker gehalten.« Rowan begleitete Alan nach unten. Sie hatte Arbeit zu erledigen, und er wollte lieber Zeit allein auf der Krankenstation verbringen, als diese unter Bewachung oben zu fristen.
   Rowan blieb vor der Krankenstation stehen. »Begleitest du mich nachher nach oben zum Abendessen?«
   Alan senkte den Kopf, sah schließlich schmunzelnd hoch. Sobald er sie so anblickte, zog es ihr fast die Beine weg. Nicht nur das. Ihr Herz schlug schneller und ihr Mund fühlte sich staubtrocken an. Es war schon so lange her, dass ein Mann solche Dinge bei ihr ausgelöst hatte. Doch war es richtig? Sie kannte Alan nicht und dennoch wirkte er vertraut. War das die berühmt-berüchtigte Liebe auf den ersten Blick? Na ja, wohl eher den zweiten. Sie wollte liebend gern Zeit mit ihm verbringen.
   »Wenn du darauf bestehen solltest. Oder …« Seine Hand griff nach vorn, berührte ihre Wange. Eine prickelnde Berührung, die ihre Nackenhärchen dazu brachte, sich aufzurichten. Mit einem Seufzen entgegnete sie die Nähe seiner weichen Haut, schmiegte sich in seine Handfläche. Alan kam ihr näher, sein heißer Atem strich über ihr Gesicht, ehe seine Lippen ihre einnahmen. Der Kuss war von einer engelsgleichen Sanftheit, dennoch schickte er sie fast in die Knie. Viel zu früh entzog Alan ihr seine Wärme.
   »Es tut mit leid, das wollte ich nicht. Sollte ich dir zu nahe …«
   Rowan stellte sich auf die Zehenspitzen, legte ihre Hand in seinen Nacken und zog ihn zu sich herab. Kein Bereuen. Keine Entschuldigung. Es war nicht falsch. Nie und nimmer. Sie küsste ihn nicht sanft, sondern fordernd. Alans Hand glitt von ihrer Taille in den Rücken, hinab über ihren Po. Er packte zu und presste sie gegen den Türrahmen.
   »Die Kameras«, raunte sie in seinen Mund und stahl sich einen weiteren Kuss von seinen Lippen. Er nickte und brachte Abstand zwischen sie.
   »Wir sehen uns, Rowan.« Er räusperte sich und ging in die Krankenstation.

*

Er verhielt sich wie ein Vollidiot! Warum tat er das? Wieso gab er seinen Trieben nach? Es war falsch, falsch, falsch! In Rowans Nähe versagte sein logisches Denken. Er benahm sich wie ein liebestoller Trottel, konnte nur daran denken, sie in den Armen zu halten, sie zu küssen und zu streicheln. Das Beste wäre es, sie zu meiden. Um ihretwillen. Dennoch war es ihm unmöglich. Kläglich und die Art von Fehler, die ihn ins Grab bringen würde. Frauen stellten eine Komplikation dar. Gefühle ein Zeichen von Schwäche. Nichtsdestotrotz, er wollte sie wiedersehen und wäre ihr am liebsten ins Labor gefolgt, um weiterzumachen, wo sie aufgehört hatten.
   Frustriert ließ er sich auf das Bett fallen, atmete wiederholt ein und aus. Selbst die spezielle Atemtechnik brachte seinen Puls nicht dazu, sich zu beruhigen. Seine Gedanken überschlugen sich. Ein Mörder verfolgte ihn, der erst ruhen würde, sobald einer von ihnen tot war. Für den Moment hatte Alan ihn abhängen können, doch wenn sein Verfolger schlau war, dann wusste er vermutlich längst, dass sich Alan in der Station versteckte. Sowie der Sturm nachgelassen hatte, musste Alan aufbrechen. Selbst das garantierte nicht, dass sein Häscher die Bewohner davonkommen ließ. Jäger wie er hinterließen keine Zeugen. Alan brachte alle Menschen in Gefahr, die auch nur seinen Weg kreuzten. Vielleicht war sein Verfolger vom Unwetter überrascht worden und hatte sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen können? Äußerst zweifelhaft. Mit größter Wahrscheinlichkeit handelte es sich um einen trainierten Kämpfer, der selbst in den widrigsten Bedingungen einen Weg fand, zu überleben. Er musste gut sein, anders wäre es ihm nicht gelungen, Alan nach einem Jahrzehnt erfolgreichen Versteckspiels ausfindig zu machen.
   Wo lag der Fehler, der seinen ehemaligen Arbeitgeber auf ihn hatte aufmerksam werden lassen? Oder suchte womöglich gar nicht der Geheimdienst nach ihm? Er hatte sich während seiner aktiven Zeit einige zum Feind gemacht. Es waren zu viele, die ihn gern tot sehen wollten.
   Wann hatte Alan gepatzt? Gewissenhaft hatte er die Zelte hinter sich abgebaut und Anchorage verlassen. Mit einer neuen Identität und passenden, vollkommen wasserdichten Ausweispapieren. Der Dokumentenfälscher war der einzige Berührungspunkt, den er seit Jahren pflegte. Er trat mit Picasso, wie sich der Fälscher nannte, über das Darknet in Kontakt. Picasso fälschte alles vom Gemälde bis hin zu Geburtsurkunden. Was er herstellte, sah so authentisch aus, dass damit selbst der Check am Flughafen kein Problem darstellte. Wie Alan existierte Picasso als Geist. Alan wusste nicht, wer sein Gegenüber war, weder Geschlecht noch Alter. Sie kommunizierten nur über die zwielichtigen Kanäle des Darknets, über den Torbrowser und über Schließfächer in Bahnhöfen.
   Dieses Mal gestaltete es sich ein wenig komplizierter, und sie mussten improvisieren. Es lief mittels eines Zwischenhändlers und genau da lag womöglich der Hund begraben. Alan hatte das Paket mit seinen Dokumenten bei einer Privatadresse abholen müssen. Der Kontakt lebte im Kellergeschoss seiner elterlichen Wohnung. Die Übergabe vollzog der übergewichtige Computernerd mit Hornbrille im Morgenmantel. Unerwünschter, persönlicher Kontakt. Für seinen Kurierdienst erhielt der Geek satte fünfhundert Dollar, an für sich genug Schweigegeld, doch wenn ihm jemand Daumenschrauben anlegte, würde er ohne zu zögern singen. Falls er sich an die Regeln gehalten und das Paket nicht geöffnet hatte, wäre das alles kein Problem. Und hier kam die Neugier und Dummheit vieler Menschen ins Spiel. Der Kitzel des Verbotenen konnte einfach zu groß sein, um zu widerstehen. Bereits in McCarthy hatte Alan von seinem neuen Konto Geld abheben müssen, um den Flug von Calgary nach Frankfurt zu buchen und hatte damit einen ersten digitalen Fußabdruck als Alan Lymont hinterlassen. Der zweite Fehler, den er begangen hatte. Er hätte besser getan, das Flugticket vor Ort zu kaufen. Was hatte ihn geritten? Er wähnte sich nach einem Jahrzehnt in Sicherheit und verhielt sich schlampig. Seine Nachlässigkeit konnte ihn den Kopf kosten. Seltsamerweise empfand er kaum Furcht davor, gefangen zu werden. Eine gewisse Gleichgültigkeit hatte Einzug gehalten. Er war es leid, davonzulaufen. Niemand weinte ihm eine Träne nach, wenn er heute den Tod fand. Keine Menschenseele wusste, wer er wirklich war. Falsch, der Mann, der ihn jagte, wusste um seine wahre Identität. Er wusste von den fürchterlichen Verbrechen, die Alan im Namen des russischen Geheimdienstes begehen musste und die ihn den Rest seines Lebens verfolgen würden. Es half nichts, den Namen zu wechseln und unterzutauchen. Seine Schuld blieb unvermindert. Und er fühlte sich einsam. Es gab keine Freunde, keine Familie. Immer öfter kam ihm der Gedanke, dass es alles enden könnte und er verspürte dabei Erleichterung. War er deswegen leichtsinnig geworden und beging Fehler? Vermutlich unterbewusst. Doch andere mit hineinzuziehen, das lag nicht in seiner Absicht. Niemand außer ihm sollte für seine Vergehen geradestehen müssen.
   Nun war er hier. Rowan drohte Gefahr und der Gedanke daran nagte in seiner Magengrube, machte ihn schier wahnsinnig. Er wägte seine Optionen ab. Zu gehen wendete das Unheil nicht ab. Zu bleiben erschien ebenfalls risikoreich, doch er könnte alles Erforderliche tun, um Rowan und auch den Rest zu schützen. Er musste den Spieß umdrehen und den Jäger zum Gejagten machen. Es gab nur zwei Arten, die Situation zu beenden und beide beinhalteten Mord und Totschlag.
   Er oder sein Verfolger – nur einer würde am Ende überleben.

Kapitel 6

Rowan hatte sich sofort auf ihre Arbeit gestürzt, nachdem sie Alan auf die Krankenstation gebracht hatte. Es gelang ihr dennoch nicht, klar zu denken. Sie machte einen Fehler nach dem anderen, weil ihre Gedanken ständig abschweiften. Wiederholt riss sie ein Blatt von ihrem Block ab und zerknüllte es. Die Gleichungen ergaben keinen Sinn. Sie hatte zusammenhanglosen Kram notiert. Fast so, als würde sie sich an Astrophysik versuchen. Das Kopfkino hielt sie auf Trab und es war verteufelt gut. Noch besser gefiel es ihr, das Ganze in Wirklichkeit umzusetzen. Abwechselnd liefen kalte Schauder über ihren Rücken, gefolgt von einem sinnlichen Prickeln, das süße Wärme in ihrem Bauch hinterließ, die sich von dort über ihren Körper ausbreitete. Es machte sie ganz kribbelig. Mehrmals hatte sie ihr Arbeitsgerät beiseitegelegt und wollte zu Alan, doch ihre Vernunft hielt sie davon ab. Sie verwarf den Plan und beschloss, weiterzumachen. Die Fehler häuften sich inzwischen und in diesem Augenblick kochte eine der Reagenzienmischungen hoch, die sie angesetzt hatte. Der mit Säure zersetzte Pflanzenbrei lief über ihre Aufzeichnungen und machte auch den Rest völlig unbrauchbar. Mist!
   Es war besser, wenn sie für heute aufhörte. Bei ihren schlampigen Experimenten gingen nur wertvolle Ressourcen verloren. Rowan holte die Plastikmülltonne, nahm das Kehrblech und schob den Block inklusive der übel riechenden Plörre hinein. Es sah aus wie Erbrochenes und roch auch nicht bedeutend besser. Gleichwohl rührte sich ihr Appetit und ihr Magen erwachte mit einem lauten Knurren zum Leben. Rowan sah auf die Uhr. Es war bereits kurz vor achtzehn Uhr. In wenigen Minuten gab es Abendessen. Tatsächlich hatte sie das Mittagessen verpasst, ebenso Alan. Sie hoffte, dass ihm einer der anderen etwas zum Essen gebracht hatte.
   Rowan schlüpfte aus dem Kittel und wusch sich anschließend gründlich die Hände. Ein kurzer Blick in den Spiegel zeigte, dass sie ebenso zerknittert aussah, wie sie sich fühlte. Ihr Haar besaß dieses merkwürdige Eigenleben und sah aus, als hätte sie geschlafen, dabei hatte sie es lediglich aus der Stirn gerauft. Gefühlte tausend Mal. Leichte Schatten lagen unter ihren Augen. Sie hatte in der Nacht schlecht geschlafen und die Müdigkeitserscheinungen zeigten sich rasch. Im Spiegelschränkchen über dem Becken befand sich neben den Erste-Hilfe-Dingen auch ihr Notfall-Schminktäschchen. Seit Wochen waren die Utensilien nicht mehr zum Einsatz gekommen. Es gab niemanden, für den sie gut aussehen wollte. Für gewöhnlich trug sie Wollpullover, weite Jeans und derbe UGG Boots. Schmuddellook in Perfektion. Gestern hatte sie ihre Röhrenjeans aus dem Schrank geholt, ebenso ein enges Shirt. Hastig tupfte sie ein wenig der kühlenden Abdeckcreme auf die Augenpartie, anschließend benutzte sie getönten Lippenbalsam und wuschelte ihr Haar zurecht, bis es annehmbar aussah. Bei ihrem Weg aus dem Labor stolperte sie fast über Jack, der direkt vor ihrer Tür lag. Der Frechdachs wurde nur kurz wach, schwänzelte und blinzelte sie flüchtig an, ehe er seelenruhig weiterschlief. Wo er sich aufhielt, da konnte sein Frauchen nicht weit sein. Die Tür zur Krankenstation stand offen, und Rowan hörte Christines Lachen.
   »Und du bist dir sicher, dass du nicht nach oben kommen möchtest? Ich weiß, Celest ist ein Biest, aber mutterseelenallein hier unten zu sitzen, ist doch sicherlich auch langweilig.«
   Alan lachte. »Danke, es ist wirklich sehr lieb gemeint, ich würde jedoch nur bei eurem gemütlichen Zusammensein stören. Ich kann ihnen ihren Argwohn nicht verübeln.«
   Rowan trat in den Raum. »Ich leiste ihm gern hier unten Gesellschaft beim Essen.«
   »Hallo Rowan, bist du dir sicher?« Christine lächelte keck. »Du weißt, dass Erskine eigentlich darauf besteht, dass wir zusammen essen. Wir sollen uns nicht isolieren.«
   Rowan erwiderte ein Schmunzeln. »Ja, deswegen isst er auch nie mit uns. Ich gehe mit dir nach oben und hole das Abendessen für Alan und mich.«
   »Okay.« Das Grinsen auf Christines Gesicht wurde immer breiter. »Ich wollte es nur gesagt haben, du bist alt genug.«
   Rowan begleitete Christine auf den Flur. Als Jack das Wort Essen hörte, wurde er plötzlich hellwach und trottete ihnen auf seinen Stummelbeinchen recht flott hinterher. Sobald irgendetwas Essbares in seiner Nähe auftauchte, mutierte Jack zu einer unerbittlichen Fressmaschine. Unglaublich, wie viel dieser kleine Hund in sich rein bekam. Entgegen Christines Verbot fütterten ihn einige am Tisch, und wenn nicht, dann graste er den Boden nach jedem noch so kleinen Krümel ab.
   Auf der Treppe überholte Jack Rowan und lief schnurstracks auf die Küche zu.
   »Er ist nett.«
   Rowan sah zu Christine. »Wer ist nett?«
   »Alan. Und er sieht gut aus. Nicht so gut wie Sean, aber nicht zu verachten. Ich glaube, er mag dich.«
   Rowan blieb vor der Küche stehen und blickte Christine abwartend an.
   »Da ist Chemie zwischen euch. Es knistert. Er hat dich gerade angesehen, als würde er lieber dich, als das Essen verspeisen.«
   »Du spinnst!«
   Christine zog die Schultern hoch und lächelte wissend. »Wenn du meinst.« Sie ging in die Küche, und Rowan folgte. Um ihre Hände zu beschäftigen, begann Rowan sofort, das Tablett zu befüllen. Es gab wie immer abends eine Suppe oder Eintopf. Bei der Kälte brauchte man ein kräftigendes Abendessen neben dem deftigen Mittagstisch. Den hatte sie heute ausgelassen.
   »War Alan oben zum Mittag?«
   Christines Wangen färbten sich rot. »Den haben wir vergessen. Deswegen bin ich ja jetzt hier. Es gab Stress zwischen Celest und Gonzales. Was auch immer sie gesagt oder getan hat, er wollte ihr danach an die Gurgel gehen. Sean und Lou hatten ihre liebe Mühe, ihn davon abzuhalten. Ordentlich Tohuwabohu, also alles wie immer.« Christine seufzte und sah Rowan schuldbewusst an. »Irgendwann hat sie noch eine Gabel im Auge oder Schlimmeres. Alan ging irgendwie unter. Tut mir leid. Es gab Rinderbraten, grüne Bohnen und Kartoffeln. Vom Fleisch ist noch was übrig. Erskine isst es gern kalt als Brotbelag. Ich pack euch etwas davon drauf.« Christine huschte wieselflink durch die Küche, riss den Kühlschrank auf und nahm eine große Glasschale heraus. »Ich habe Obstsalat gemacht. Unsere Vitaminbomben faulen sonst im Vorratsschrank vor sich hin. Ich musste ein wenig improvisieren, da wir keine Bananen hatten, aber er wird dennoch schmecken. Hoffe ich.«
   Ganz sicher würde es das. Christine war neben Gonzales und Megan die Einzige, die in der Küche brauchbar war. Wenn sie kochte, dann gab es fast immer ein Gericht aus ihrer deutschen Heimat. Und Rowan hatte es dieses Mal verpasst. Wirklich schade! Erskine hatte die gesamte Mannschaft dazu verdonnert, im Wechsel zu kochen. Es gab keinen Koch, sondern jeder musste sich einbringen. Jeweils drei Leute versahen den Dienst in der Küche und es wechselte täglich. Nett, doch unter Umständen gelegentlich grausam. Wenn einige der Jungs versuchten, zu kochen, dann vermisste Rowan den Lieferservice oder den Chinesen um die Ecke.
   »Gonzales hat mit mir Dienst. Am Mittag durfte ich bestimmen, jetzt er. Er hat Dulche de Leche gekocht und es gibt einen mexikanisch angehauchten Quinoaeintopf mit selbst gebackenen Maistortillas. Der Kerl kann kochen … einfach göttlich.« Christine befüllte zwei Dessertschalen mit Obstsalat und gab obendrauf einen Klacks der süßen Milchcreme. Allein für das Dessert hätte Rowan alles andere stehen und liegen lassen. Christine stellte die Schälchen auf das Tablett, legte einige Tortillas auf einen Teller, ehe sie den Eintopf ausschöpfte. Der Geruch von Kreuzkümmel, Knoblauch und Koriander erfüllte den Raum. Rowans Magen zog sich in heller Vorfreude zusammen.
   Das Tablett war vollbepackt, als Rowan den Weg nach unten antrat. Christine öffnete ihr netterweise die Sicherheitstür.
   »Ich wünsche euch guten Appetit und einen angenehmen Abend« verabschiedete sich Christine. Es klang eindeutig zweideutig und ihr Zwinkern verstärkte dieses Gefühl.
   Was glaubte Christine? Dass sie nach dem Essen übereinander herfallen würden? Verflucht, war sie so leicht zu durchschauen? Rowans Knie zitterten, als sie die Krankenstation betrat. Alan empfing sie mit einem Lächeln, stand auf und nahm ihr das Tablett ab.
   »Sollen wir hier essen oder bei mir?«, fragte sie.
   »Krankenstation oder Labor? Verführerisch. Lass uns zu dir gehen. Ich könnte einen Tapetenwechsel gebrauchen. Natürlich nur dann, wenn du keinen Ärger bekommst.«
   Rowan schüttelte den Kopf und wollte das Tablett nehmen, doch Alan hielt es fest. Seine Verletzungen bemerkte sie kaum noch. Er ging zur Tür, ließ ihr jedoch das Vorrecht, voranzugehen. Mit zitternden Händen gab sie den Code ein, gefolgt von der zweiten Tür. Tat sie das Richtige? Die Krankenstation war ein öffentlicher Raum, ihr Labor intimer, keine störenden Kameras. Nichts, was sie davon abhielt, über ihn herzufallen. Himmel, allein, dass sie daran dachte, brachte sie zum Schwitzen.
   Alan stellte das Tablett auf den Labortisch neben dem Waschbecken. »Wow, jetzt sehe ich erst dein Gewächshaus. Das sieht ja mal richtig gut aus. Die anderen Pflanzen natürlich auch.« An der gegenüberliegenden Wand standen ihre Moose, Farne und sonstiger Grünkram, der hier wuchs. Wahrlich keine Schönheiten. »Aber Orchideen finde ich ungemein faszinierend. Ich habe keine Hand dafür, nein, ich gucke sie nur falsch an und sie verdorren. Meine Mutter liebte sie. Sie besaß ihr eigenes kleines Orchideenzimmer. Dort ging sie immer hin, wenn sie ihre Ruhe vor uns fünf Chaoten brauchte, und pflegte ihre Blumen oder las ein Buch.« Alan lächelte. Es wirkte, als wäre er in seinen Gedanken gerade ganz woanders.
   »Ihr wart zu Hause fünf Kinder?«
   Alan prustete. »Vier Mädchen, ein Junge. Der einzige Mann unter einem Haufen Hennen, nachdem mein Vater die Familie verlassen hatte. Ich war auch noch der Jüngste von allen.«
   »Wo bist du aufgewachsen?« Sie wollte mehr von ihm erfahren. Rowan fühlte sich wohl dabei, ihm einfach zuzuhören.
   »Nicht in den Staaten. Weit, weit weg. Alaska erinnert mich ein wenig an meine alte Heimat.« Alans Miene wirkte verschlossen, weshalb sie nicht weiterbohrte.
   »Genauso kalt? Muss ich nicht haben. Das erste halbe Jahr war ja irgendwie witzig, doch ich mache Freudensprünge, wenn ich diesem Land den Rücken zukehren kann.«
   »Meine Heimat war bei Weitem nicht so abgelegen. Wie lange hast du noch?«
   »Knappe sechs Monate«, sagte sie und hängte einen Seufzer an. »Die unter Umständen sehr lang werden können.«
   »Ja, kann ich mir vorstellen.« Alan lachte. Dieser Ton klang einfach bezaubernd und vertrieb jegliche dunklen Gedanken.
   »Sollen wir uns hier hinsetzen?« Der Labortisch eignete sich nicht als Essplatz, doch ihr Vorgänger hatte sich einen netten Klapptisch gebastelt. Offenbar hatte er genauso viel Zeit im Labor verbracht. Viel wusste sie nicht über ihn. Nur, dass er als Botaniker und seine Frau als Geologin in der Forschungsstation gearbeitet hatten. Rowan klappte den Tisch aus, der bequem zwei Menschen Platz bot, holte den Rollhocker, der unter der Arbeitsplatte versteckt stand, und den Bürostuhl.
   »Ich nehme mit dem Hocker vorlieb.« Alan zog ihr den Hocker unter den Fingern weg, streifte ihre Haut dabei flüchtig. Rowan presste ihre Hand reflexartig an ihre Brust.
   »Habe ich dir wehgetan?« Alan legte seine Fingerspitzen auf ihren Handrücken, zog ihn anschließend näher zu sich, damit er ihn ansehen konnte. Zumindest dachte sie das, bis seine Lippen ihre Haut berührten. Er küsste jeden ihrer Finger, ehe er die Hand sanft aus seiner gleiten ließ. Ihre Knie wurden so weich, dass sie sich auf den Stuhl plumpsen ließ und fast hinunterrutschte.
   »Vorsicht, nicht, dass du dir wehtust in meiner Anwesenheit. Einige deiner Mitbewohner könnten mir das zulasten legen.« Alan nahm ihr gegenüber Platz. »Das Essen sieht hervorragend aus und riecht noch besser. Greif zu.« Wie immer ließ er ihr den Vortritt, daran könnte sie sich gewöhnen. So galant und charmant. In seiner Anwesenheit fühlte sie sich wie eine Lady.
   Rowan nahm einen Teller mit Suppe, reichte ihn an Alan weiter. »Quinoaeintopf. Er könnte leicht scharf sein, da Gonzales in zubereitet hat.«
   »Ich liebe Pikantes.«
   »Ja, aber Gonzales Art zu kochen kann für empfindliche Gaumen reizvoll sein.«
   Alan stippte seinen Löffeln in den Eintopf, nahm einen vorsichtigen Bissen in den Mund. »Ist gut. Ich habe schon schärfer gegessen.« Abermals griff er zu. Rowan bekam nicht genug davon, ihm dabei zuzusehen.
   »Keinen Hunger? Dein Magen sagt da etwas anderes.«
   Mit einem lauten Knurren meldete sich ihr garstiger Bauch erneut zu Wort. Es war ihr peinlich. Dass sie ihn anstarrte, noch mehr als das Geräusch.
   »Es ist wirklich gut, und wenn du die ganze Zeit hier warst, hast du auch nicht gegessen. Oder bunkerst du Vorräte im Labor?«
   Außer einer Packung Digestive Biscuits, die sicherlich längst abgelaufen war, und einer Flasche schottischen Single-Malt-Whisky suchte man vergeblich nach etwas Genießbarem.
   »Ein Gläschen Knockando hätte ich anzubieten.« Rowan probierte den Eintopf. Es schmeckte hervorragend, etwas anderes hatte sie auch nicht erwartet.
   »Das ist Whisky, nicht? Schottisch?« Alan hatte seine Schüssel in einem Rekordtempo beinah leer gelöffelt.
   Rowan nickte. »Vielleicht nach dem Essen?«
   »Da würde ich nicht Nein sagen.« Seine Stimme klang leicht rauchig und sehr verheißungsvoll, sodass ihr ganz andere Dinge in den Sinn kamen als Nachtisch. Sie fuhr mit ihrer geballten Hand über ihren Oberschenkel, während Alan sich seinem Dessert zuwandte.
   »Das ist noch besser als das Hauptgericht, ungelogen.« Anders als den Eintopf, aß er dieses Mal langsam, richtig genüsslich. »Schottischer Whisky, der ungewöhnliche Name …« Alan lächelte. »Rowan ist doch ein Jungenname, falls ich mich nicht irre.«
   Inzwischen aß Rowan ebenfalls den Nachtisch. Die mexikanisch-deutsche Kombination schmeckte einfach köstlich. »Ja, ist es. Dazu gibt es auch eine witzige Geschichte, leider mit einem traurigen Ende.« Sie sah ihn an. Nicht jeder wollte den Schwank aus ihrem Leben hören.
   »Ich habe gefragt, ich lausche gern.« Alan legte den Löffel weg und wandte seine gesamte Aufmerksamkeit offenbar ihr zu.
   »Als Mom mit mir in anderen Umständen war, sagte ihr der Arzt, dass sie einen Jungen bekommen würde. Sie strichen das Zimmer blau und kauften hellblaue Strampler mit Automotiven. Bei meiner Geburt kam dann jedoch die Überraschungskiste. Dad scherzt immer, dass die Geburt so anstrengend gewesen und mein Schniepel deshalb abgefallen sei.«
   Alan lachte. »Medizinisch wohl eher nicht möglich.«
   »Nein.« Rowan stellte ihr Schälchen beiseite. Es schmeckte gut, aber sie bekam keinen Bissen mehr runter. Sie stand auf, ging zu einem der Unterschränke und holte die Flasche Knockando und zwei fünfzig Millimeter Bechergläser. Ihr Vormieter hatte auf die Laborutensilien WY eingeritzt. »Magst du?«, fragte sie Alan.
   »Ich wäre nicht abgeneigt, ein wenig zu probieren.«
   Ihre Hände zitterten, als sie den goldgelben Whisky in die Gläser eingoss. Jeweils nur einen Fingerbreit. Sie roch daran. Anders als ihr Großvater, der ein großer Whiskyliebhaber gewesen war, erkannte sie keine feinen Nuancen. Es duftete süßlich und brannte in ihrer Nase. »Mein Urgroßvater mütterlicherseits, der bereits vor meiner Geburt verstorben war, hieß Rowan. Darum hatte Mom ihn ausgewählt. Sie hatten keinen alternativen Mädchennamen rausgesucht, da meine Mutter unbedingt einen Jungen wollte. Dann kam ich. Mom war dennoch nicht enttäuscht, ganz im Gegenteil. Dad meinte, sie liebte mich heiß und innig und bekam nicht genug von mir.« Sie pausierte einen Moment. »Mom hatte bereits vor der Schwangerschaft massive gesundheitliche Probleme. Die Ärzte hatten ihr dringend davon abgeraten, schwanger zu werden. Sie hat es trotzdem getan und starb in der Nacht nach meiner Geburt an den Folgen einer Eklampsie.«
   »Das tut mir leid.« Alan griff über den Tisch, legte seine Hand auf ihre und verschränkte seine Finger mit ihren.
   »Ich verbrachte dennoch eine tolle Kindheit. Dad hat eine Frau kennengelernt, da war ich fünf. Karen mag nicht meine leibliche Mutter sein, doch ich liebe sie ohne Wenn und Aber. Was nicht bedeutet, dass ich Mom nicht vermisse. Ich bin aber noch nicht fertig mit meiner Geschichte. Meine Eltern hatten keinen anderen Namen, und Dad machte einfach kurzen Prozess. Deswegen habe ich einen Jungennamen, den ich gleichwohl mit Stolz trage. Er ist eines der wenigen Dinge, die ich von Mom noch habe. Neben meinem Mundwerk und der zwergenhaften Größe.«
   »Beides recht ansprechende Merkmale, wenn du mich fragst.« Alan lächelte dieses charmante Lächeln, das ihr die Füße unter den Beinen weggezogen hätte, sofern sie nicht bereits gesessen hätte.
   »Findest du?« Sie nahm einen winzigen Schluck aus dem Glas. Süß, doch im Abgang leicht trocken, hinterließ der edle Tropfen ein Brennen in ihrem Rachen.
   Alan sah sie einfach nur an. Rowan hätte ihm stundenlang in die Augen blicken können. Zum Verlieben schön. Mit einem Seufzen sah sie zur Seite. »Ich rede zu viel, zumindest behauptet das mein Bruder Leslie.«
   »Moment, dein Bruder hat einen Mädchennamen?« Alan grinste und schüttelte den Kopf. »Dein Vater hat wirklich einen seltsamen Humor.«
   »Nein, daran ist Dad unschuldig. Es ist auch nur ein Spitzname. Eigentlich heißt mein Bruder Lester, aber die meisten rufen ihn Leslie. Bist du fertig?« Rowan zeigte auf das Tablett. Alan war ein wenig vom Tisch weggerollt und seine Hände lagen in seinem Schoß. Im gleichen Moment wie sie wollte er jedoch zum Tablett greifen. Ihre Finger berührten sich, doch er ließ nicht los, sondern legte sie über ihre.
   »Willst du es nach oben bringen?«
   »Nur zum Waschbecken. Es sei denn, du willst zu den anderen.« Ihre Stimme zitterte, als sie Alan das Tablett überließ.
   Er wandte sich um und lachte. »Nein, hier unten ist es gut, deine Gesellschaft ist um Längen angenehmer. Die meisten deiner Kollegen treten mir skeptisch entgegen. Ich kann es nachfühlen, aber ich möchte mich nicht mit ihnen auseinandersetzen. Oder wolltest du aus dem Keller flüchten?«
   »Nein.« Sie sah zu, wie er das Tablett am Waschbecken abstellte. Was für ein Prachthintern! Selbst in der unvorteilhaften hellgrauen Jogginghose, die ihm ein wenig zu kurz war, machte er etwas her. Alans Anblick verleitete Rowan zum Träumen. Er entsprach aber nicht dem Männertyp, den sie in der Regel mit nach Hause nahm. Alan wollte nett sein, suchte Gesellschaft, um nicht allein zu sein. Sie sollte nicht zu viel in sein Handeln interpretieren. Ein leiser Seufzer drang über ihre Lippen.
   »Alles in Ordnung?« Alan drehte sich zu ihr.
   »Wunderbar.« Sie antwortete schnell und eine Spur fahrig. »Sollen wir nach nebenan gehen oder möchtest du hier bleiben? Ich habe leider nicht viel zu bieten. Mein Internetradio funktioniert nicht. Ich habe einen einzigen Film auf der Festplatte meines Laptops.«
   »Und wenn es für mich ausreichend ist, mich einfach mit dir zu unterhalten?« Seine Stimme klang samtig wie voller Rotwein. Himmel, bei Konversation würde es von ihrer Seite aus nicht bleiben. Doch ob er auch mehr wollte? Er hatte sie am Morgen geküsst.
   Sie konnte es nur herausbekommen, wenn sie es versuchte. Rowan überwand die Distanz zwischen ihnen, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn.
   »Das ist nicht, was du willst«, raunte Alan in ihren Mund, kniff ihr vorwitzig in die Unterlippe, was sie wohlig aufstöhnen ließ. »Ich bin nicht, was du willst.« Er knurrte und blickte sie düster an.
   »Sag mir nicht, was ich will.« Rowan schlang den Arm um seinen Hals, zog ihn noch weiter zu sich herab und bedeckte seine Lippen mit ihren. Er erwiderte ihren Kuss, rücksichtlos, mit einer gewaltigen Spur Wut. Es fühlte sich sinnlich an und verboten gut. Er packte ihre beiden Handgelenke, schob sie eine Armlänge von sich. »Ich bin nicht gut für dich.«
   »Ich will dich nicht heiraten, sondern lediglich mit dir schlafen. Unverbindlich.« Was sie fühlte, war etwas anderes, als sie sagte. Dieser Mann brachte ihre Welt in nicht einmal vierundzwanzig Stunden aus den gewohnten Bahnen. Doch empfand sie wirklich Verliebtheit? Oder spielten ihr ihre Gefühle einen Streich? Die Einsamkeit Alaskas ließ nicht selten merkwürdige Blüten austreiben. In ihrem alten Leben hätte sie auch niemals mit einem Mann wie Lou geschlafen. Wahrscheinlich wären sie sich nie über den Weg gelaufen. Die Liste ihrer Fehler schien lang. Alle Alarmglocken schrillten auf. Sie wollte nur Sex, alles andere blieb offen. Alan arbeitete nicht hier. Er würde die Station verlassen. Kein peinliches Wiedersehen. Ohne Verpflichtung. Keine Ansprüche, keine Eifersucht. Was wollte sie mehr? Mehr, exakt das sehnte sie herbei.
   Alan lachte finster. »Ich kann dafür nicht garantieren. Du gehst mir unter die Haut, aber das solltest du nicht. Wir sollten es nicht tun.« Seine Hand zitterte, als er ihre Wange berührte. Flinke Finger glitten über die Seiten ihres Halses durch das Tal ihrer Brüste bis zu ihrem Bauchnabel. Überraschend packte er ihren Po, drängte sie grob gegen die Arbeitsplatte. Roh und ohne Umschweife. »Gott ist mein Zeuge, dass ich dich will.«
   »Warum zögerst du?« Rowan griff mit beiden Händen in sein Haar, zog ihn zu sich und küsste ihn so lange, bis sie keuchend Luft holen musste. Wie zuckersüßer Nektar benetzte sein Speichel ihre Lippen. Es schrie nach mehr. Alan erfasste ihre Hüften und hob sie auf die Arbeitsplatte. Er stand zwischen ihren Beinen und trat nun einen halben Schritt zurück. »Noch hast du die Chance, einen Rückzieher zu machen.«
   Mit grimmiger Entschlossenheit schüttelte Rowan den Kopf. »Im Medikamentenschränkchen über dem Handwaschbecken sind Kondome.« Kein Zögern, kein Bereuen. Ihre Mitte zog sich in wohliger Vorfreude zusammen, als Alan zum Schrank ging. Sie wollte ihn so sehr und wenn es nur diese eine gemeinsame Nacht war.

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