Savannah Santiago hat, wovon junge Frauen träumen: Sie ist schön, erfolgreich und als Tochter eines Hotelmagnaten in der Welt zu Hause. Doch hinter der Fassade bleibt von ihrer glanzvollen Erscheinung nur ein Häufchen Elend übrig. Niemand weiß, dass sich ihr Verlobter zum Sadisten wandelt, sobald die Haustür ins Schloss fällt. Als er den entscheidenden Schritt zu weit geht, nimmt Savannah Reißaus. Fitnesstrainer Felipe macht seinem Ruf als Casanova alle Ehre. Das ändert sich schlagartig, als er Savannah begegnet. Umgehend hat er seine Traumfrau gefunden und ist von ihr im wahrsten Sinne des Wortes gefesselt. Sie aber hat von Männern die Nase gestrichen voll. Kein guter Start, um gemeinsam in den Sonnenuntergang zu segeln, oder?

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ISBN: 978-9963-53-761-7

Seiten: 404

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Susan Florya

Susan Florya
Susan Florya wurde 1969 während einer Urlaubsreise in Istanbul/Türkei als Bäckerstochter geboren. Aufgewachsen ist sie in Dortmund und mitten im Rheinland. Nach dem Abitur folgte eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau, heute verdient sie ihre Brötchen als kaufmännische Angestellte eines großen Unternehmens in Düsseldorf. Schon als Kind hat sie stets Geschichten erfunden und aufgeschrieben. Bis heute ist ein Leben ohne Bücher für sie undenkbar. Ihre zweite große Leidenschaft - das Reisen - wurde ihr praktisch mit der Geburt in die Wiege gelegt. Ihre beiden liebsten Hobbys verbindet sie nun, indem sie ihre gefühlvollen Geschichten in fernen Ländern ansiedelt und ihre Leser/-innen auf diese Art an einige der interessantesten Orte der Welt entführt.

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1. Kapitel

»Auf die Zukunft unserer Stadt. Auf Lissabon!« Der Bürgermeister erhob sein Glas zum Toast. Seine Aufforderung löste allgemeines Stühlerücken aus. Sakkos wurden in Windeseile zugeknöpft, Röcke glatt gestrichen, unauffällig der korrekte Sitz von Krawatte und Frisur überprüft. Man konnte nie wissen, wann man ins Visier der Paparazzi geriet. Also setzte jeder sein Titelseitengesicht auf, diese mühsam antrainierte Kombination aus Lebensfreude und Seriosität.
   »Auf Lissabon!«, scholl es fünfhundertstimmig zurück.
   Das erste Saúde galt dem Mann am Rednerpult, anschließend stieß man mit seinen Tischgefährten an. Im brillant geschliffenen Bleikristall perlte ein Spitzenprodukt aus dem Dourotal. Patriotismus wurde großgeschrieben. Der Wirtschaft ging es dreckig, es galt, die einheimischen Winzer zu unterstützen, obwohl der eine oder andere bestimmt das edle Tröpfchen der französischen Nachbarn bevorzugt hätte.
   Der Bürgermeister nickte in die Runde und raffte seine Unterlagen zusammen. »Lasst uns den Abend genießen, meine Freunde. Das Büfett ist eröffnet!«
   Dank des allgemeinen Bestrebens, mit jeder wichtigen Person auf der eigenen Karriereleiter anzustoßen, folgte Phase Zwei des Stühlerückens. Die Lautstärke im Saal schwoll um mehrere Dezibel an, als sich Begrüßungen, Wangenschmatzer, Geschirrklappern und Small Talk zum typischen Party-Potpourri mischten. Im Nu herrschte Gedränge vor den reichhaltigen Auslagen an der Futterkrippe. Auf Silberplatten meisterlich angerichtete Spezialitäten landeten als wirres Durcheinander auf den goldumrandeten Porzellantellern.
   Ein unverbindliches Lächeln auf den Lippen, durchschritt Anibal den Bankettsaal. Er grüßte nach rechts und links und nahm die lobenden Worte für die gelungene Feier mit exakt kalkulierter Bescheidenheit entgegen. Hinter der Maske des Gastgebers scannte er jedes Detail auf Perfektion und behielt die Kellner im Auge.
   Bislang verlief alles reibungslos. Die Reden waren gehalten, die ersten Gläser geleert. Seine Gäste begannen damit, Kontakte zu knüpfen und sich ins Gespräch zu bringen. Sehen und gesehen werden, lautete wie immer das inoffizielle Motto der Veranstaltung. Zufrieden stellte er fest, dass praktisch die gesamte High Society Lissabons anwesend war. Er hatte nichts anderes erwartet. Der alljährliche Herbstball im Cinco Estrelas Lisboa zählte zu den Events, für die man andere Verpflichtungen umgehend absagte, sobald die ersehnte Einladung im Briefkasten lag. Ernesto und er mochten die Besitzer der kleinsten Hotelkette Portugals sein, in diesem Fall stand dieses klein allerdings als glänzendes Synonym für Exklusivität und Ansehen. Seine Familie verstand es, die wichtigsten Köpfe aus Politik und Wirtschaft für sich einzunehmen.
   Kollegiales Gelächter vom Tisch des Stadtrats ließ ihn zu seinem Bruder hinübersehen. Ernesto in seiner Lieblingsrolle als charmanter Conférencier. Die Damen hingen an seinen Lippen, die Herren amüsierten sich demonstrativ im Blitzlichtgewitter der Fotografen.
   Er ähnelte einem extrovertierten Filmregisseur und tänzelte mit dem Charisma des weltgewandten Grandseigneurs durchs Leben. Die grau melierten Strähnen in seinem vollen Haar waren eine Spur zu lang, um seinem fortgeschrittenen Alter zu entsprechen. Buschige Augenbrauen betonten seine von tiefen Lachfalten umrahmten Augen. Eine kurze Ehe sorgte für den nötigen Stammhalter, damit hatte die damals Auserwählte ihre Schuldigkeit erfüllt und wurde nicht länger benötigt. Stattdessen schmückte sich der Dreiundsechzigjährige mit ständig wechselnden Begleiterinnen, deren knapp bekleidete Körper jedermann in den einschlägigen Hochglanzmagazinen begaffen konnte. Solange er den Bürgermeister und seine engsten Vertrauten mit seinem raffinierten Humor bei Laune hielt, waren Anibal die zu langen Haare und zu dünnen Frauen an seiner Seite egal. Beinahe mitleidig sah er zu seinem Neffen hinüber. Gonçalo plauderte angeregt mit mehreren Herren aus dem Bauministerium, während seine Ehefrau ihn anhimmelte. Leider sah die Holde nach zwei Schwangerschaften aus, als wäre sie direkt vom Bauernmarkt durch die Küchentür in den Saal gewalzt. Da war die dürre Hippe, die kokett kicherte, weil Ernesto ihr in den knackigen Hintern kniff, ein appetitlicherer Anblick. Dennoch würde er seinen Bruder bei nächster Gelegenheit beiseitenehmen. Fehlte noch, dass die Presse den Arschbacken namenloser Models mehr Aufmerksamkeit schenkte als seiner elitären Gästeliste. Wobei er amouröse Häppchen abseits des eigenen Schlafzimmers durchaus zu schätzen wusste. Glücklicherweise verstand er es, sich im Gegensatz zu Ernesto äußerst diskret mit dem jungen Gemüse zu vergnügen. Außerdem drückte seine Gattin diesbezüglich ihre großen schwarzen Augen zu, solange er seine ehelichen Pflichten nicht vernachlässigte. Selbstverständlich pflegte er hochkarätige Steinchen mitzubringen, wenn es an der Zeit war, Buße zu tun. Eine Ehe funktionierte schließlich nach den gleichen Gesetzen wie eine Geschäftsbeziehung. Jeder steuerte seinen Teil dazu bei, eventuelle Differenzen wurden mit großzügigen Spenden diskret aus dem Weg geschafft. Darüber hinaus bot Ana-Maria beste Hausmannskost, wenn ihm der Sinn nach einem anständigen Stück Fleisch im Bett stand. In ihrer Funktion als Wirtschaftsanwältin der Firma führte sie derzeit gepflegte Konversation mit den Managern eines Tourismusunternehmens. Wie er seine Frau kannte, zog sie den geplanten Deal an Land, ohne dass die Herrschaften merkten, wie sie von ihr manipuliert wurden. Im Gegensatz zu ihrem Engagement an der Marketingfront stieß ihm der Anblick seines Sohnes sauer auf. Anibal legte großen Wert auf den guten Ruf des Familienunternehmens, demzufolge sollte die Familie bei öffentlichen Verstaltungen komplett anwesend sein. Wenn Henrique glaubte, als Thronfolger nicht den Allgemeinen Geschäftsbedingungen zu unterliegen, würde er ihn eines Besseren belehren.
   Normalerweise für das Beach Resort in Estoril zuständig, fütterte er momentan die Vertreter der schreibenden Zunft mit werbewirksamen Anekdoten. Wenn er den Abend genießen wollte, sollte er im Schutz der Schreiberlinge ausharren. Seine Holde fühlte sich unpässlich und war zu Hause geblieben? Die verhätschelte Primadonna konnte ihrer Migräne frönen, wann sie wollte, nicht aber, wenn der halbe Stadtrat und zwei amtierende Minister die heiligen Hallen des Cinco Estrelas beehrten. Womit wieder bewiesen war, dass es nicht gut fürs Geschäft war, wenn man der Jugend zu viel Spielraum gab. Liebe und Business hatten im gleichen Schlafzimmer nichts zu suchen!
   Dagegen machte sich die Investition in Savannah definitiv bezahlt. Die Aufzucht der Göre war teuer genug gewesen, aber letztendlich zählte nur, dass unterm Strich ein sattes Plus herauskam. Was das anging, konnte er seine Tochter durchaus in schwarzen Zahlen verbuchen. Ein Blick durch den Saal genügte, um zu bestätigen, dass sie den Posten der leitenden Eventmanagerin nicht ohne Grund besetzte. Die runden Tische waren mit dem richtigen Quäntchen biederer Eleganz dekoriert, dezentes Understatement prägte das Ambiente. Prunk und Protz kamen in den Klatschmagazinen nicht gut an, doch sie verstand es, für unaufdringlichen Glamour zu sorgen und leidenschaftlichen Patriotismus in den Vordergrund zu stellen. Das Büfett bot ausschließlich nationale Gerichte, serviert wurden Weine aus dem Alentejo, der Estremadura und der Dão-Region. Der Port trug das Label einer Bodega, die ihre Flaschen allein im Inland vertrieb. Der zum Dessert gereichte Madeira versetzte die anspruchsvollsten Gaumen in Entzücken, und auf den Westen des Servicepersonals prangte die Landesflagge neben der Hotelsignatur. Das wichtigste Detail war der junge Mann, der gerade eine Portion Spanferkel auf seinen Teller lud, während sie an einem Salatblatt mümmelte. Den Verlobungsring des aufstrebenden Politikers Rodrigo Pinto Marquez an Savannahs Hand zu wissen, war ein Erfolg, für den sich Anibal im Stillen kräftig auf die Schulter klopfte. Dieser Schachzug war ihm gelungen, das musste sogar Ernesto zähneknirschend eingestehen.

*

»Es tut mir ehrlich leid, dass es Sofia nicht gut geht. Sie lässt sich doch sonst keinen Ball entgehen.« Dankbar, wenigstens während der wenigen Minuten eines Tanzes ein paar Worte mit Henrique wechseln zu können, ließ sich Savannah über das Parkett führen.
   »Sie ist nicht krank.« Er blinzelte verschwörerisch. »Du wirst mal wieder Tante. Stopp! Nicht strahlen, nicht gratulieren. Einfach weitertanzen. Wir wollen nicht, dass es schon jemand erfährt.«
   »Trotzdem, ich freue mich für euch! Das sind wundervolle Neuigkeiten, Henrique. Nummer Drei in fünf Jahren – tststs … Ich sollte mal mit Vater ein ernstes Wort darüber reden, dass du definitiv zu viel Zeit für deine Hobbys hast, Bruderherz. Oder testest du mit Sofias Hilfe alle Hotelbetten persönlich, ehe deine Gäste darin übernachten?«
   »Warte ab, Frechdachs. Sobald ihr verheiratet seid, wird Rodrigo ebenfalls mit Feuereifer an einem Stammhalter arbeiten. Wetten?«
   »Anzunehmen.«
   Er stutzte. »Probleme?«
   Glaubte sie wirklich, ihm würde ihre mangelnde Begeisterung nicht auffallen? »Nein.« Prompt fiel ihre Erwiderung zu hastig aus. »Nein, alles in Butter.«
   »Glaube ich dir nicht. Du wirkst müde. Außerdem bist du jedes Mal noch dünner, wenn ich dich sehe.«
   »Unsinn!«
   »Nein, wirklich, Savannah. Ich muss doch nur mal fester zupacken.«
   Sie zuckte zusammen, als seine Finger sie an der Taille kitzelten. »Da ist nichts, nur Haut und Knochen. Du solltest mehr essen als den grünen Krümel, der vorhin auf deinem Teller lag. Selbst davon hast du noch das Meiste zurückgehen lassen.«
   »Ich bin im Stress, weiter nichts. Zuerst der Herbstball, und ab Montag hat die TAP sämtliche Säle für ein Meeting gebucht. Das Catering darf exklusiv sein, aber natürlich nichts kosten.« Sie erlaubte sich ein winziges Stöhnen. »Danach meine Hochzeit …« Sie lachte und hoffte, Henrique ebenso wie den nagenden Kummer auf ihrer Seele täuschen zu können. »Jede angehende Braut hat ein Recht darauf, nervös zu sein. Außerdem muss ich an mein Kleid denken.«
   »Okay, um die Mitte herum könnte das alte Taufkleidchen durchaus passen, aber meinst du nicht, es wäre reichlich kurz? Du bist zwar nicht die Größte, trotzdem …«
   »Halt die Klappe und tanz!«
   »Savannah, bitte! Ich mache mir Sorgen. Du bist dünner als die aktuelle Flamme von Onkel Ernesto.« Er nutzte eine Drehung, um ihr die Nixe im hochgeschlitzten Nichts zu zeigen. »Das Klappergestell muss von Berufs wegen am Hungertuch nagen, aber du …«
   »Da ist ja die Künstlerin, der wir diesen grandiosen Abend zu verdanken haben!«
   Der erfreute Ausruf einer sonoren Stimme ließ ihn verstummen. Seufzend führte er sie an den Rand der Tanzfläche. Ein wohlbeleibter Mittsiebziger im Smoking walzte zwischen den Tischen hindurch. Jovial in alle Richtungen grüßend, breitete er die Arme aus, so weit es die umstehenden Gäste zuließen.
   »Endlich habe ich Sie gefunden, meine Schöne! Kommen Sie, kommen Sie, lassen Sie sich feiern.«
   Savannah fügte sich in das Unvermeidliche. Minister Da Gamas feste Pranke umschloss ihre Rechte, schwitzige Wurstfinger sorgten für ein unangenehmes Gefühl auf ihrer nur von einem Spaghettiträger bedeckten Schulter. Die Wangenküsschen fielen zahlreicher als allgemein üblich aus und hinterließen feuchte Abdrücke. Ein aufdringliches Aftershave in Kombination mit seinem nach Knoblauch, Zwiebeln und Fisch riechenden Atem schoss ihr wie ein Atompilz in die Nase. In ihrem Magen grüßte das Salatblatt. Henrique machte sich mit einer Entschuldigung aus dem Staub und peilte dienstbeflissen das nächste Grüppchen versammelter Wichtigtuer an.
   »Sie haben sich wie immer selbst übertroffen, Savannah.«
   Endlich hörte er auf, ihren Blutkreislauf manuell anzukurbeln, indem er ihren Arm als Pumpenschwengel benutzte. »Ihre Galas sind und bleiben der Höhepunkt des Lissabonner Herbstes. Gerade noch haben wir gesagt, wenn wir abstimmen würden, bekäme Senhorita Savannah die absolute Mehrheit.«
   Sie legte lächelnd ihre Handflächen gegeneinander und deutete eine knappe Verbeugung an. »Es freut mich, wenn Sie und Ihre Freunde sich bei uns wohlfühlen, Herr Minister. Der Dank für das Fest gebührt jedoch meinen Eltern und meinem Onkel.« Sie wies auf das Trio, das mit der Führungsriege eines Golfklubs aus Madeira anstieß. »Ich habe nur dafür gesorgt, dass Sie in angemessenem Rahmen gutes Essen und den passenden Wein serviert bekommen.«
   »Nein, Savannah, Ehre, wem Ehre gebührt! Es ist nicht zu übersehen, wer hier für die richtige Atmosphäre gesorgt hat.« Von Neuem ergriff er ihre Finger, dieses Mal, um seine Lippen auf ihren Handrücken zu drücken. »Eine Frau, berauschend schön wie die Mandelblüte an der Algarve. Womit hast du dieses edle Gewächs im Schlafgemach verdient, Rodrigo?« Er wandte sich Rodrigo zu, kaum dass dieser neben sie getreten war.
   »Das frage ich mich auch regelmäßig, wenn ich nach Hause komme.« Rodrigo ließ die richtige Anzahl schneeweißer Zähne aufblitzen, die ihm das Votum sämtlicher Schwiegermütter sicherte, und legte seinen Arm um ihre Taille. Der flüchtige Kuss war fotogen platzierte Liebesbekundung und Besitzanspruch zugleich. »Anselmo wird uns die Ehre erweisen, an unserer Hochzeit teilzunehmen, Liebling. Keine zwei Wochen mehr bis zur wichtigsten Ja-Stimme meines Lebens.«
   Durch die Korsage ihres Cocktailkleids spürte sie den Schmerz, den seine unerbittlichen Finger auf ihre Rippen ausübten. Sie ließ sich nichts anmerken, sondern lächelte, wie es von ihr erwartet wurde.
   »Anschließend werden wir dafür Sorge tragen, dass deine nächste Kandidatur ebenfalls genügend Stimmen einbringt. Wär’ doch gelacht, wenn uns diese edle Magnolie in der Gunst der Wähler keinen satten Sprung nach oben verschafft. Nicht umsonst steht hinter jedem erfolgreichen Mann eine schöne Frau.« Da Gamas dröhnendes Gelächter erregte allgemeines Aufsehen. Der eine oder andere wagte einen missbilligenden Blick, den er gleichmütig ignorierte. »Bevor sie dir allein gehört, Rodrigo, muss ich meine Chance nutzen.« Er hielt ihr galant den Arm entgegen. »Darf ich um diesen Tanz bitten, Senhorita?«
   »Gern, Herr Minister.«
   »Anselmo, meine Liebste. Nennen Sie mich Anselmo. Wie oft soll ich Ihnen das noch anbieten? Sobald Sie Rodrigos Gemahlin sind, werden Sie …« Der Rest ging unter, als das Orchester die ersten Klänge eines Tangos spielte.

*

Rodrigo nahm ein Schälchen Salgados und ein frisches Glas Wein vom Tablett eines Kellners und stellte beides auf einem Bistrotisch ab. Umgehend gesellten sich zwei Parteikollegen zu ihm. Sie plauderten und knabberten salziges Gebäck, was ihn nicht davon abhielt, Savannah im Auge zu behalten. Mit gewohnt übertriebener Dramatik führte sein politischer Ziehvater sie über das Parkett. Gegen den frontlastigen Delikatessenbunker unter seiner Weste gequetscht, wirkte sie wie eine Galionsfigur vor einem Frachtkahn. Ihrem Strahlen nach zu urteilen lag sie in den Armen von Patrick Swayze. Das auberginefarbene Kleid ließ ihren Teint rosig schimmern, der enge Rock gestattete nur damenhafte Trippelschritte. Damit hatte er wirklich eine äußerst gute Wahl getroffen. Aber tat er das nicht immer? Fehlte noch, dass die dumme Gans ihn in der Öffentlichkeit brüskierte wie dieses schamlose Weibsbild, mit dem Ernesto aufgekreuzt war. Angewidert sah er wieder zur Tanzfläche. Der Anblick sandte ihm den nächsten Ekelschauder über die Wirbelsäule. Da Gama war heiß wie ein Karnickel im Frühling und schlabberte an Savannah herum wie zuvor am Erdbeersorbet. Das Kleid war verdorben, so viel stand fest, überlegte er, während er einen Schluck Touriga Nacional auf der Zunge rollen ließ. Mit Da Gamas Schweiß in jeder Faser blieb ihm nichts anderes übrig, als ihr den Fummel vom Leib zu reißen, sobald sie nach Hause kamen. Anschließend würde sein Lederpaddel ihr einbläuen, dass die Braut des zukünftigen Umweltministers ihre Schenkel nicht freizügig von den fetten Griffeln geiler alter Säcke betatschen ließ.
   Dank halbhoher Absätze unter ihren Pumps und einer kerzengeraden Haltung reichte sie ihrem Tanzpartner immerhin bis zum Kinn. Die Schuhe würden dem Kleid folgen. Zumindest verstand sie es inzwischen, ihre Haare in einer anständigen Hochsteckfrisur zu bändigen, wie es sich für eine Frau der Gesellschaft gehörte. Die strenge Banane betonte ihren langen, schlanken Hals. In der Kuhle zwischen den deutlich sichtbaren Schlüsselbeinen ruhte eine einzelne Perle. Doch weder der Anhänger noch der funkelnde Einkaräter an ihrem Ringfinger konnten mit ihrem herzförmigen Gesicht und den ausdrucksstarken dunkelbraunen Augen wetteifern. Die hohen Wangenknochen und der perfekt geschwungene Mund benötigten kaum Make-up. Ihr stilles, unaufdringliches Wesen, gepaart mit ihrer kleinen Statur, täuschte darüber hinweg, dass sie einer der einflussreichsten Familien Portugals angehörte. Ein geschickt inszeniertes Privatfoto brachte mehr Wählerstimmen als jede kostspielige Kampagne. Allerdings sollte sie besser nicht vergessen, dass ihr Körper ihm gehörte. Er stellte das leere Glas ab. Er würde ihr später seine volle Aufmerksamkeit widmen. Zuerst stand ein Gespräch mit dem Stadtrat ganz oben seiner Prioritätenliste.

*

Rodrigos Blicke waren ihr nicht entgangen. Wie Dolche stachen sie ihr in den Rücken. Da Gama ahnte nichts von der eisernen Faust, die ihren Magen zermalmte. Angestrengt überlegte sie, wodurch sie seinen Unmut geweckt hatte. Andererseits spielte der Grund keine Rolle. In jedem Fall würde die Feier ein unvergessliches Nachspiel haben.
   Mit graziler Leichtigkeit verrenkte sie sich in den Figuren, die der Minister als heißblütig empfand und ihr Kreuz um Gnade winseln ließ. Sie kommentierte seine Schmeicheleien mit den Geräuschen, die er erwartete, und erfreute ihn mit einem tadelnden »Na, na, na!«, wenn seine Hand an Stellen glitt, die definitiv nicht der korrekten Tanzhaltung entsprachen. Begeistert hielt er sie für einen weiteren Tanz umklammert. Sie schluckte ihren Widerwillen hinunter. In Gedanken wischte sie den Sabber ab, den sein hoffentlich letzter Handkuss hinterlassen hatte, und plauderte charmant mit ihm.
   »Vielen Dank, Jorge.« Der Kellner reichte ihr das Glas genau im richtigen Moment. Am liebsten hätte sie sich den Inhalt komplett in die ausgedörrte Kehle geschüttet. Stattdessen nippte sie daran und sah zu Henrique hinüber. Der hielt einen Teller in der Hand und folgte dem Wink eines Herrn, der ihm den letzten freien Platz an seinem Tisch zuwies.
   »Du solltest nicht so viel trinken, Savannah. Es gehört sich nicht für eine Frau, ständig mit einem Glas in der Hand gesehen zu werden.«
   Die harte Stimme ließ sie Henrique vergessen. Gehorsam stellte sie das Sektglas ab, in dem kohlensäurehaltiges Mineralwasser sprudelte.
   »Außerdem könnte dir ein Blick in den Spiegel nicht schaden. Deine Frisur … Überall hängen diese Zotteln herum! Und dein Lippenstift … Wer hat dir nur diese aufdringliche Farbe aufgeschwatzt?«
   Mutter zog einen Mundwinkel gerade weit genug herab, um Savannah beschämt erröten zu lassen. Verlegen fuhr sie mit der Fingerspitze über das blasse Rosé auf ihren Lippen. Mit der anderen Hand tastete sie nach der losen Haarsträhne.
   »Du zählst zu den Lieblingen der Presse. Also benimm dich entsprechend und pass auf, dass du deinen Mann nicht mit deinem schlampigen Aussehen in Verlegenheit bringst. Der Rock könnte übrigens einen Zentimeter länger sein.«
   »Ja, Mutter.«
   »Was stehst du noch hier herum? Du wirst wissen, wo sich der Puderraum befindet.«
   »Ja, Mutter. Entschuldige mich bitte.« Den Kopf gesenkt, machte sie einige Schritte rückwärts, bevor sie durch einen Notausgang aus dem Saal huschte. Im Schutz eines üppigen Blumenarrangements wagte sie einen Blick zurück. Mutter ruckelte mit dem Oberkörper, um das offenherzige Dekolleté ihres nachtblauen Abendkleids ins rechte Licht zu setzen. Leuchtend rot geschminkte Lippen setzten einen scharfen Kontrast zu dunkelbraunen Haaren, die ihr offen über die Schultern fielen. Sie war ein Vollweib und Vater liebte die freie Sicht auf – und in – ihre üppige Oberweite. Die um das Wohlergehen ihrer Gäste bemühte Maske wieder an Ort und Stelle eilte sie mit ausgestreckten Armen dem Bürgermeister entgegen. Savannah kam es vor, als wäre eine Dampfwalze über ihr Ego gerumpelt. Bereits auf dem Weg zur Toilette leckte sie sich den Lippenstift ab.

2. Kapitel

»Denkst du auch nur eine Sekunde darüber nach, wie peinlich es für mich ist, wenn du dich dermaßen gehen lässt? Die Leute müssen glauben, bei uns gäbe es nichts zu essen! Widerlich, wie du über jedes Büffet herfällst! Von deiner Sauferei ganz zu schweigen. Darüber hinaus war es absolut nicht nötig, dass du dich Da Gama dermaßen an den Hals wirfst. Du weißt, ich stehe immer hinter dir, wenn es darum geht, wichtige Beziehungen zu pflegen. Dennoch erwarte ich, dass du einen Kerl, der dir auf den Hintern grapscht, in die Schranken weist! Oder willst du, dass man über meine Frau tuschelt, sie sei eine billige Nutte?«
   Es war eine rhetorische Frage. Der Ringknebel zwischen ihren Zähnen gab ihr nicht die geringste Chance, sich zu verteidigen.
   »Du bist und bleibst eine dreckige Schlampe, Savannah!« Damit drehte er den Hahn auf und zog seinen Arm zurück, ehe die ersten Spritzer auf seine Haut trafen.
   Sie hielt die Luft an. Eiskaltes Wasser prasselte auf sie ein. Ihre hilflosen Ausweichbewegungen waren zum Scheitern verurteilt, denn ihre Handgelenke waren hoch über dem Brausekopf an einen Haken gefesselt. Wasser rann über ihr Gesicht, ihre Haare, in ihre Augen. Wurde mit größtmöglichem Druck durch die in den Wänden eingebauten Massagedüsen gepresst und stach mit der Wucht von tausend Nadelspitzen in ihre Haut. Piercte sich in ihre Brustwarzen und entlockte ihr schmerzerfüllte Laute, die von den Fliesen widerhallten. Fontänen spritzten gegen ihren Knebel. Ihre Tränen wurden eins mit der Flut von oben. Als sie schniefte, sog sie eine Ladung Wasser in die Nase. Es nahm ihr den Atem, lief ihr in den Rachen, sodass sie husten musste. Panisch zerrte sie an ihren Fesseln. Röchelte nach Luft. Strampelte mit den Füßen, rutschte auf den Fliesen aus und schlug mit dem Knöchel gegen den Rand der Duschwanne. Bis sie wieder atmen konnte und sich so weit beruhigt hatte, dass ihre Fußspitzen Halt auf dem Boden fanden, glaubte sie, ihre Arme nicht mehr zu spüren. Ihre Schultern brannten, doch das eisige Wasser stach weiterhin erbarmungslos auf ihren Körper ein.

In Nächten wie diesen träumte sie sich in die übrigen Wohnungen im Haus. In ihrer Fantasie floh sie in die Wärme und Geborgenheit oberhalb der Zimmerdecke oder unterhalb des Fußbodens. Das großzügige Gebäude mit seiner freundlich gelben Fassade und den weiß umrandeten Fenstern beherbergte fünf Luxusapartments. Das exquisite Ambiente passte nicht unbedingt zum Image eines zur Sparsamkeit aufrufenden Politikers, andererseits konnte die Öffentlichkeit darüber nicht die Nase rümpfen, denn auf dem Papier gehörte die Wohnung ihr. Ein Verlobungsgeschenk ihres Vaters, damit Rodrigo in angemessenem Rahmen residierte. Unweit des Miradouro da Senhora do Monte ließen die wunderschön restaurierten Straßenzüge vergessen, dass die Kunden in den Lädchen um die Ecke jeden Cent mehrmals umdrehen mussten, bevor sie ihn ausgaben. Die Nähe zum Volk gewährte Rodrigo ein Alibi für einhundertfünfzig Quadratmeter Wohnfläche über den Dächern der Alfama. Die kleinen Leute, die den berühmten Nachbarn so freundlich grüßten, ahnten nicht, wie verächtlich er auf sie herabsah.
   In den übrigen Bädern im Haus strömte gewiss stets angenehm temperiertes Wasser aus den Hähnen, überlegte sie neidvoll. Sicher genoss man jede Mahlzeit, obwohl man gleichzeitig schimpfte, weil der Hosenbund kniff.
   Ein winziger Bewegungsversuch genügte, und die Lederriemen an ihren Gelenken erinnerten sie überdeutlich daran, dass man niemals dem äußeren Schein Glauben schenken sollte. Doch sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass Senhor Da Fora seiner Frau vorschrieb, wie oft sie in ihre Brioche beißen durfte. Hin und wieder hörte sie Schelte, wenn die Jungs in der zweiten Etage über die Stränge schlugen. Meist drang unbeschwertes Kinderlachen durch den Flur. Senhora Pereira war viel zu närrisch auf ihre Rasselbande, als dass sie gegen einen von ihnen die Hand erheben würde. Das Ehepaar ein Stockwerk tiefer lud gelegentlich Gäste zu kleinen Soirees ein. Dann spielte ein Quartett klassische Musik, die aus den Fenstern durch die Straße zog. Traurig und depressiv klang es, wenn die Fadista ihre Stimme für den Auftritt in der Taverne schulte, dabei war sie eine fröhliche, lebhafte Frau, sobald man ihr im Treppenhaus begegnete. Die reizenden älteren Herrschaften im Erdgeschoss warteten bereits montags auf den nächsten Besuch der Enkelkinder am kommenden Sonntag. Waren ihre Nachbarn wirklich glücklich? Liebten, stritten und lachten sie miteinander, wie es die Geräusche aus den offenen Fenstern vermuten ließen? Oder trugen sie ebenfalls eine Fassade zur Schau, die mit dem Schließen der Tür zerbröselte wie der Putz an den maroden Palästen im Bairro Alto?
   Aus ihrer eigenen Wohnung drang nichts nach außen. Dafür sorgten Rodrigos Knebel. Untermalt von seinem Schnarchen blieben ihr nur ihre Gedanken, um sich von den Krämpfen abzulenken, die unbarmherzige Fesseln durch ihren Körper jagten.

»Danke, Inès.« Vater wartete ab, bis seine Sekretärin zwei Tassen, Milch und Zucker auf dem Glastisch angerichtet und Kaffee eingeschenkt hatte. »Bitte sorgen Sie dafür, dass wir nicht gestört werden.«
   »Sehr wohl, Senhor Santiago.« Geräuschlos zog Inès die Eichentür hinter sich zu.
   Savannah wandte sich von der Fensterfront ab, die ihr Lissabon zu Füßen legte. Gegen Vaters großzügiges Büro wirkte ihr Arbeitsbereich an der Rückseite der Aufzüge wie eine Abstellkammer. Das winzige Fenster wies zum Hinterhof, auf dem sämtliche Müllcontainer des Hotels standen. Das stete Rumpeln aus den Liftschächten hörte sie längst nicht mehr, und an das permanente Kommen und Gehen im Eingangsbereich war sie ebenso gewöhnt wie an die pausenlos klingelnden Telefone der Sekretärinnen. Dagegen ähnelten die schallgedämmten Räumlichkeiten ihrer Eltern den Suiten, die ein Stockwerk tiefer für teures Geld an die hohen Tiere internationaler Konzerne vermietet wurden.
   Er sieht aus wie ein geschniegelter Mafiapate, schoss es ihr durch den Kopf, während sie zusah, wie er eine Mail beantwortete, die wichtiger als ihre Anwesenheit war. Ein gerahmtes Porträt an der Wand drängte ihr den Vergleich zwischen Vater und Onkel Ernesto auf, dabei musste sie zugeben, dass der Onkel wesentlich sympathischer herüberkam. Vaters Haare waren akkurat geschnitten und frisiert, dennoch musste er die ersten Geheimratsecken akzeptieren. Den dunklen Augen fehlte Onkel Ernestos Heiterkeit, stattdessen verlieh die leicht nach oben verlaufende linke Braue seinem Antlitz einen arroganten Touch. Er strahlte eine Aura der Macht aus, als wäre er im maßgeschneiderten Designeranzug geboren worden.
   Sie betrachtete ihre Hände. Seine schwarzen Haare hatte sie geerbt, doch den satten Olivton suchte sie auf ihrer Haut vergebens. Mehr als ein leicht gelbstichiges Beige brachte die Sonne bei ihr nicht zustande.
   »Deine Mutter lässt sich entschuldigen. Sie hat anderweitige Verpflichtungen.« Er sprach mit tiefer, akzentuierter Stimme, die uneingeschränkten Gehorsam erwartete. »Sollte unser Gespräch länger dauern, stößt sie später zu uns, falls sie es einrichten kann.«
   Mutter würde es nicht einrichten können. Als ob die unentbehrliche Juristin ihre kostbare Zeit verschwenden könnte, weil ihre Tochter um ein dringendes Gespräch mit ihren Eltern bat.
   »Würdest du dich bitte setzen und mir den Grund deines Besuchs nennen? Du weißt, ich mag es nicht sonderlich, wenn du deine Termine derart kurzfristig einstellst. Falls es Probleme mit den Flugzeugfritzen gibt …«
   »Nein.« Sie durchquerte den Raum und biss die Zähne zusammen, als die harte Sitzfläche des lederbezogenen Sessels mit ihrer Kehrseite kollidierte. »Nein, es geht nicht um die Leute von der TAP. Ich habe dich aus privaten Gründen aufgesucht, Vater.«
   Seine Miene verdüsterte sich. »Private Dinge haben im Büro nichts verloren, Savannah. Seit wann vergeuden wir unsere Arbeitszeit mit Nebensächlichkeiten?«
   »Weil ich das, was ich zu sagen habe, nicht länger aufschieben kann.« Sie hatte in der vergangenen Nacht nicht zum ersten Mal über diesen Schritt nachgedacht. Rodrigos schlagkräftige Argumente trieben sie dazu, endgültig schützenden Egoismus über die Wünsche ihrer Familie zu stellen. Er schlug sie erst seit Kurzem, aber sie würde sein neues Hobby nicht länger hinnehmen. »Außerdem möchte ich darüber ungern in Rodrigos Gegenwart sprechen.«
   »Nanu? Schon vor der Hochzeit graue Wolken am Horizont?« Über den Rand seiner Kaffeetasse hinweg schenkte er ihr ein süffisantes Grinsen. »Das kommt vor. Wer den Schritt in die Ehe wagt, ohne zuvor Zweifel zu verspüren, dem fehlt der nötige Respekt, den diese Beziehung verlangt. Du wirst sehen, kaum in den Flitterwochen, lachst du über das, was dich momentan nervös macht. Ach, was rede ich! Du wirst für derartige Sorgen überhaupt keine Gelegenheit mehr haben.«
   »Darf ich erst einmal vorbringen, weshalb ich hergekommen bin, Vater?«
   Ihr ungewohnt rebellischer Ton ließ ihn aufhorchen. Er zog eine Augenbraue nach oben und bedachte sie mit einem Blick, der einer visuellen Ohrfeige glich. Falls er erwartete, dass sie umgehend mit einer gemurmelten Entschuldigung an ihren Arbeitsplatz zurückkehrte, musste sie ihn zum ersten Mal enttäuschen.
   »Ich hätte es dir und Mutter lieber gemeinsam gesagt, aber ihre Abwesenheit ändert nichts an meiner Entscheidung. Es tut mir leid, Vater, wenn ich die in mich gesetzten Erwartungen nicht erfüllen kann, aber ich werde mich von Rodrigo trennen.«
   Sie rechnete nicht damit, dass er ihr gratulierte. Ebenso wenig erwartete sie einen explosionsartigen Wutausbruch. Nein. Vater reagierte haargenau so, wie sie es hätte vorhersagen können. Er legte die Unterarme auf den Tisch und führte die Fingerspitzen gegeneinander, sodass seine Hände ein luftiges Dreieck formten. In einem kiesfarbenen Sakko über dem Seidenhemd, dessen Farbe glänzenden Halbbitterpralinen ähnelte, bildete er eine vollkommene Einheit mit dem klassischen Ambiente seiner Umgebung. Nach außen hin in warme Töne gekleidet, dahinter unerbittlich wie das Holz, aus dem die Möbel gemacht waren. Unverwandt sah er sie an.
   »Ich weiß nicht, was dich dazu veranlasst, mich mit derart schlechten Scherzen von meiner Arbeit abzuhalten. Aber Humor war noch nie deine starke Seite.« Er stand auf und ging zu seinem Schreibtisch. Modern geformtes Ebenholz mit ledernen Einlagen, akkurat aufeinander abgestimmt wie der exakt modellierte Kinn- und Oberlippenbart, der seinen schmallippigen Mund umrahmte. »Die Winzergenossenschaft plant eine Tagung im Rossiosaal. Lass dir von Inès die Unterlagen geben, danach setz’ dich mit den Herrschaften in Verbindung. Außerdem solltest du die Assistentin von Alves-Carvalho anrufen. Langsam muss er entscheiden, wie viele Räume er benötigt. Wir können seinetwegen nicht den halben Bankettbereich auf Stand-by halten.«
   »Vater, ich glaube, du hast mich nicht richtig verstanden.« Sie schob ihren Stuhl zurück. »Es ist mein Ernst. Ich werde Rodrigo nicht heiraten.«
   Den Hintern bereits halb in seinen Chefsessel abgesenkt, richtete er sich in Zeitlupentempo wieder auf und schaute sie an, als wäre sie soeben aus einem Raumschiff auf das Parkett geplumpst. Nicht nachgeben!, betete sie ihr stummes Mantra. Dieses Mal würde sie nicht nachgeben!
   »Doch, das wirst du«, erwiderte er mit unerbittlicher Härte. »Wir können es uns nicht leisten, die engen Beziehungen zum Stadtrat und zur Regierung aufs Spiel zu setzen. Es wäre ein Skandal, einem angesehenen Politiker wie Rodrigo kurz vor der Hochzeit den Laufpass zu geben.»
   »Interessiert es dich nicht einmal, warum ich mich von ihm trenne?«
   »Nein.« Ein einzelnes Wort, das sie mit der gleichen Härte traf wie Rodrigos Lederpaddel. »Denn ich werde nicht zulassen, dass du unserem Unternehmen Schwierigkeiten bereitest, weil du meinst, deine spätpubertären Ticks ausleben zu müssen.«
   »Er schlägt mich, Vater.« Seine Ignoranz schmerzte mehr als sämtliche wunden Stellen zwischen Brustansatz und Kniekehlen. »Er schlägt mich«, wiederholte sie leise. Von Scham gebeugt sah sie zu Boden. »Er tut Dinge … Er verlangt Dinge von mir, die ich … Die ich nicht tun will … Von denen ich nicht will, dass er sie mit mir macht.«
   »Eure Bettgeschichten interessieren mich nicht. Möglicherweise fehlt dir die Erfahrung, aber lass dir gesagt sein, dass es unnormal wäre, wenn du einen Mann wie ihn mit ein bisschen Geschmuse befriedigen könntest. Schaff dir eine Katze an, wenn du kuscheln willst.«
   Fassungslos schüttelte sie den Kopf.
   »Sei froh, dass Mutter keine Zeit für diesen Unsinn hat. Sie würde dir deine Albernheiten nicht so gnädig durchgehen lassen wie ich. Mach, dass du wieder an die Arbeit kommst, ich habe zu tun.« Er griff nach dem Telefon und wies seine Sekretärin an, ein Meeting mit sämtlichen Abteilungsleitern einzuberufen. Er sah nicht einmal auf, als sie aus dem Büro schlich.

*

Anibal drehte seinen Sessel zum Fenster. Die Aussicht auf das von roten Schindeldächern dominierte Bild der Stadt interessierte ihn nicht. Doch beim Blick aus dem zehnten Stock auf das gemeine Volk im Gewirr enger Gassen raste stets neue Energie durch seine Adern. Er kontrollierte den Zustand seiner Maniküre und legte zufrieden die Arme auf die Sessellehnen. Wieder verfolgte er das Gewusel der menschlichen Ameisen auf dem Asphalt. Genau darin bestand der Unterschied zwischen Macht zu haben oder nur Teil einer mächtigen Familie zu sein. Diesen alles entscheidenden Unterschied dürfte Savannah soeben gelernt haben. Sonst würde sie eine weitere Lektion erhalten.
   Warum zickte sie derart herum? Garantiert leckte sich jede Frau die Finger nach einem Kerl wie Pinto Marquez. Gebildet, ehrgeizig, aus bestem Stall. Ein cleverer Jurist und mit vierunddreißig Jahren bereits auf dem Sprung in die Regierungsreihen. Derzeit im Umweltamt beschäftigt, zweifelte niemand daran, dass er in absehbarer Zukunft einen Ministerposten bekleiden würde. Er besaß das nötige Charisma, jeden Raum, den er betrat, mit seiner Anwesenheit zu füllen, bevor er das erste Wort sagte. Natürlich war er kein Beau im klassischen Sinne des herzenbrechenden Hollywoodschönlings, grübelte Anibal amüsiert. Er musste zugeben, dass Rodrigo mindestens zehn Zentimeter zum cineastischen Gardemaß fehlten. Doch worüber beschwerte sich Savannah? Sie war doch selbst ein halber Zwerg!
   Was die Äußerlichkeiten anging, gab Rodrigo ein äußerst kompetentes Bild ab. Zur Bestätigung musterte er das offizielle Verlobungsfoto auf seinem Schreibtisch. Seine Erscheinung drückte Stärke und Selbstbewusstsein aus. Die durchdringend blauen Augen hinter seiner randlosen Brille mit den dezenten bronzefarbenen Bügeln strahlten Verantwortungsbewusstsein und Souveränität aus, das eckige Kinn zeugte von Durchsetzungsvermögen. Durfte man Savannahs aktuellen Beschwerden Glauben schenken, war er im Bett alles andere als ein verschlafenes Weichei. Warum sie sich dagegen sträubte, schnellstmöglich mit diesem Prachtexemplar vor den Traualtar zu treten, war ihm schleierhaft.
   Egal, das Thema war vom Tisch. Er hatte keine Zeit für albernen Weiberkram. Wurde Zeit, dass die Göre unter die Haube kam. Sollte Rodrigo sie einreiten, früher oder später musste sie sich seinem Willen beugen. Er und seine Partei bekamen schließlich genug Geld dafür. Wer durch den Gang zum Standesamt Teil des Santiago-Imperiums wurde, konnte gefälligst die Marotten einer verwöhnten Millionärstochter in Kauf nehmen.

*

»Das kommt davon, wenn man petzt.« Die Tür schlug zu, damit blieb die Souveränität, mit der Rodrigo sich von einer Sitzung zur nächsten gelangweilt hatte, im Treppenhaus zurück. Seit der Unterredung mit seinem zukünftigen Schwiegervater interessierten ihn die Wasserqualität des Tejo und die Luftverschmutzung in den Wohngebieten rund um den Flughafen noch weniger als sonst. Savannah wagte es, sich über ihn zu beklagen! Erzählte dreckige Lügen! Plauderte intime Geheimnisse aus! Drohte gar mit Trennung! Ein Blick auf das nackte Häufchen Elend ihm gegenüber ließ ihn hämisch lachen. »Gar nicht so einfach, mich zu verlassen, wenn man mit seinem Stuhl verwachsen ist, was, meine Geliebte?«
   Sie zitterte und bebte. Keine Frage, sie fror erbärmlich. Darüber hinaus konnte er nur vermuten, wie ihr Hintern brannte. Dem Zucken ihrer Muskeln nach zu urteilen, tobten heftige Krämpfe in ihren Armen und Beinen. Fesseln umschlangen ihre Fußgelenke und die Beine des hölzernen Esszimmerstuhls. Die Schenkel weit gespreizt, gewährte ihm die Tischplatte freie Sicht auf ihre intimsten Stellen. Glastische waren eine geniale Erfindung und zweifellos für Männer wie ihn gemacht.
   »Du verlässt mich nicht, Liebste.« Er schenkte ihr ein Grinsen, das seine Wähler niemals zu sehen bekamen, und zwirbelte ihre wunden Brustwarzen. Ein unartikuliertes Wimmern drang hinter ihrem Knebel hervor. Prompt lösten ihre Tränen ein Verlangen aus, das ohne Umwege in seine Lenden raste. »Dein Vater war ehrlich besorgt.« Er strich ihr über die Wange. Dabei presste er seine Fingerknöchel fest gegen ihre Haut, damit es an ihren Zähnen schmerzte. »Er meinte, ich solle es vorerst etwas ruhiger angehen lassen.« Der Gedanke reizte ihn erneut zum Lachen. »Nicht jede Frau vertrüge einen gelegentlichen Klaps. Ein junges Fohlen würde man doch auch nicht mit der Peitsche über die Rennstrecke jagen.« Um ihr den Vergleich zu verdeutlichen, nahm er die Gerte vom Tisch und schlug sie sachte gegen seine Handfläche. Gemächlich trat er näher.
   »Der Ärmste hat keine Ahnung, wie man eine Frau auf Touren bekommt, wenn man sie mit Lederriemen streichelt.« Obwohl die Fesseln ihren Oberkörper unerbittlich an die Rückenlehne pressten, versuchte sie, zurückzuweichen, während er mit der Gerte die Rundungen ihrer Brüste nachzog. Ängstlich verfolgte sie den Weg des Leders. Verhindern konnte sie die schnell ausgeführten, harten Schläge nicht. Der Knebel ließ ihre Schreie zu einem jämmerlichen Laut verkümmern.
   »Stell dich nicht so an, sonst muss ich dir wehtun.« Ihr vergebliches Bemühen, die Tränenflut zu stoppen, schrie nach Erlösung. Seiner Erlösung. Es genügte, ihr die Gerte quer auf die Oberschenkel zu legen, schon zuckte sie, als hätte er ihr mit einem Messer die Haut aufgeschlitzt. Parallel zu der langsamen Bewegung, mit der er den Reißverschluss seiner Hose öffnete, weiteten sich ihre Augen in wachsendem Entsetzen.
   »Zeit fürs Abendessen, Liebling. Sieh’ zu, dass du satt wirst, denn etwas anderes bekommst du nicht.« Er löste den Knebel. »Statt mich weiter zu verärgern, solltest du Reue zeigen. Deutliche Reue!« Ihre hinter dem Rücken gefesselten Hände waren mit einer Kette an ihrem Halsband verbunden. Er zog daran. Sofort würgte sie. Das Wissen, dass sie nichts gegen ihn und seine Wünsche unternehmen konnte, erregte ihn mehr als ihre Tränen.

3. Kapitel

Schlagartig fielen die Antworten auf viele Fragen, die sich Savannah im Laufe ihres Lebens gestellt hatte, wie Puzzleteile ineinander. Sie ergaben ein Bild, dass ihr Herz einem gefallenen Glas gleich in Abertausend Scherben zersprengte. Dass Rodrigo frühmorgens zu einem Kongress nach London geflogen war, spielte keine Rolle mehr. Seine Vergissmeinnicht-Botschaften auf ihrer Haut verkümmerten zu unbequemen Nebensächlichkeiten. Zumindest bewiesen die Striemen, dass sie noch in der Lage war, zu fühlen. An der eisigen Kälte, die ihren wunden Körper beherrschte, seit sie Mutters Büro verlassen hatte, waren ausnahmsweise nicht seine Rituale im Badezimmer schuld.
   Die weggeworfene Plastiktüte, die der Herbstwind über das schwarze Mosaik im weißen Kopfsteinpflaster trieb, erschien ihr wie eine Seelenverwandte. Ohnmächtig äußeren Einflüssen ausgeliefert, bauschte sich der Beutel mit dem verkratzten Aufdruck eines Supermarkts auf, wenn eine Bö hineinfuhr. Die Tüte wehte auf die Fahrbahn, wo sie unter den Vorderreifen eines Taxis geriet. Die Luft wurde brutal hinausgepresst, ohne die geringste Spur am Verursacher zu hinterlassen. Bevor der nächste Wagen über die Tüte rollen konnte, scheuchte der Wind sie weiter, rieb sie am unebenen Pflaster auf, versetzte ihr neue Kratzer und Löcher. Mit Geratter und Gebimmel bog eine uralte Straßenbahn um die Ecke. Die Tüte flog auf die Schienen, wehte zwischen die Räder der Tram. Savannah und einige Passanten quetschten sich an eine Hauswand, um nicht von der Bahn erfasst zu werden. Damit lieferten sie den Touristen im Waggon das Motiv, auf das alle mit ihren Kameras und Smartphones warteten. Ruckelnd ratterte die Electrico weiter. Die Tüte flatterte hervor, wurde zu einem Ballon, als sich der Wind aufs Neue in ihrem Inneren fing. Die Japaner auf dem Rücksitz eines Tuktuks fanden die überfüllte Tram im Gegenverkehr spannender als den einsamen Plastikbeutel. Schnell verschwand die Tüte im dichten Verkehr aus ihrem Blickfeld, trotzdem sinnierte sie weiter über deren Schicksal. Beim nächsten Regenschauer würde sie wahrscheinlich in einen Gully gespült werden. Würde sich zuvor ein letztes Mal aufbauschen, stolz den Namen auf ihren Seiten präsentieren. Vielleicht flatterte die Tüte einfach weiter kreuz und quer durch Lissabon. Bis ein anderes Auto, eine andere Tram sie überfuhr, sie vom Stiefel eines Bauarbeiters zertreten wurde oder letztendlich in den Tejo fiel und ihre Fetzen im Laufe der Zeit an ferne Gestade trieben. Der Name des Supermarkts war alles, was die Plastiktüte von anderen Plastiktüten unterschied.
   Savannah kam es vor, als wäre sie ebenfalls nichts weiter als eine leere Hülle mit einem Stempel in Form des fünfzackigen Hotellogos. Das dekorative Aushängeschild der Firma Santiago und Sympathieträger für den Politiker Pinto Marquez. Verkratzt, durchlöchert wie die weggeworfene Tüte, irrte sie ziellos durch die steilen Gassen der Alfama. Einen Augenblick lang nagten Schuldgefühle an ihrem Gewissen. Eine Santiago schwänzte nicht. Eher fiel ein Cinco Estrelas Hotel um, bevor eine Santiago ihren Job nicht machte.
   Allerdings war sie keine Santiago.
   Stellvertretend für ihr schlechtes Gewissen trat sie eine leere Büchse mit Füßen. Sie war ein Nichts! Eine Ware, die man an den Meistbietenden verschachern konnte. Wie auf einem arabischen Basar hatten Rodrigo und Vater um sie gefeilscht und ihren Pakt am Ende mit einem Handschlag besiegelt. Rodrigo brauchte für seine Karriere sogenannte geordnete Verhältnisse. Eine fügsame Ehefrau, die ihm zwei, drei hübsche Kinder schenkte, bei Bedarf charmant lächelte, ansonsten aber den Mund hielt. Trautes Familienglück schaffte Vertrauen bei den meist erzkatholischen Wählern.
   Wenn die brave Gattin ihren Mann durch scheue Zurückhaltung glänzen ließ, übersahen die gebeutelten Bürger, dass die kleine Frau eines Tages ein Drittel einer millionenschweren Hotelkette erben würde. Die eine oder andere Wahlkampfspende aus dem überquellenden Honigtopf nahm der Minister in spe übrigens jederzeit dankend entgegen.
   Seit sein Taxi zum Flughafen abgefahren war, kannte sie ihren Preis. In seinem Safe ruhte bündelweise eine Mitgift der besonderen Art. Die Summe, die Vater zu zahlen bereit war, damit das Umweltministerium großzügig über geltende Gesetze hinwegsah, wenn es um sein Hotel an der Avenida da Liberdade ging. Ähnliche Absprachen gab es für die Häuser in Estoril und Porto, und sie vermutete, dass sich die Grenzen der Legalität auf den Inseln ebenfalls zugunsten der Santiagos verschoben. Ein schnelles Durchblättern der Unterlagen genügte, um sie darüber in Kenntnis zu setzen, dass die ansehnlichen Bündel im Safe Peanuts gegen das wertvolle Gesamtpaket waren. Ein Gesamtpaket, bei dem es niemanden interessierte, was hinter verschlossenen Türen mit ihr geschah, solange sie im Licht der Öffentlichkeit ihre Pflicht erfüllte.
   Sie fröstelte, obwohl die Sonne schien und der Wind zu schwach war, um die ersten wirklich kalten Böen vom Atlantik in die Stadt zu pusten. Was ging sie die Politik an, die Korruption, die Portugals Regierung durchzog wie ein Krebsgeschwür? Sie gab sich nicht der Illusion hin, dass ihre Familie das Fundament des Unternehmens auf Bibelsprüchen, Pilgerreisen nach Fatima und schweißtreibender, körperlicher Arbeit errichtet hatte.
   Ihre Familie …
   Sie musste an sich halten, um nicht wie ein Gossenjunge auszuspucken.
   Henrique durfte daheim in Lissabon zur Schule gehen, sie dagegen war in Internate abgeschoben worden. Internate, die möglichst weit entfernt von Portugal lagen. Der Sohn des Hauses flog in den Ferien mit Mutter und Vater zur Walbeobachtung auf die Azoren, segelte rund um Madeira und reiste zu Fußballspielen nach Brasilien. Unterdessen machte sie Reiterferien in der Bretagne oder Spanien. Ihre Angst vor Pferden kümmerte niemanden.
   Endlich wusste sie, warum sie, abgesehen von ihren schwarzen Haaren, keine Ähnlichkeit mit Vater, Mutter oder Henrique entdecken konnte, wenn sie vor dem Spiegel stand. Die leichte Mandelform ihrer Augen, von der andere behaupteten, sie gäbe ihr etwas Geheimnisvolles, trieb sie allmorgendlich in den Wahnsinn, wenn sie mit Maybellines Hilfe darum kämpfte, eine Lidfalte hinzuzumogeln, die die Natur bei ihr vergessen hatte. Heute Morgen hatte sie darauf verzichtet, eine Falte aufzumalen, die auf ihrem Oberlid nicht existierte. Mutter Natur vergaß nichts. Chinesen besaßen einfach keine Lidfalte …

»Wie kannst du darauf bestehen, dass ich einen Mann heirate, der mich schlägt und erniedrigt?«
   »Ich verbitte mir diesen patzigen Ton!« Ungehalten fegte Mutter die fassungslosen Worte beiseite, als wäre sie das Schmollen eines verhätschelten Kleinkinds über das falsche Spielzeug satt. »Dein Vater hat nie die Hand gegen dich erhoben. Aber nach dem, was er mir über dein unsägliches Verhalten berichtet hat, wäre es besser gewesen, er hätte es getan.«
   »Wozu? Diesen Job habt ihr doch meinen Lehrern in Hongkong übertragen.«
   »Offensichtlich haben sie dich den Rohrstock nicht oft genug spüren lassen. Du bist eine undankbare Rotzgöre! Aber dieses Mal kommst du damit nicht durch. Du wirst Rodrigo heiraten und unseren Namen nicht in den Schmutz ziehen. Du nicht!«
   Sie klammerte die Hände um die Sessellehnen. Dennoch zuckte Savannah zurück, als erwartete sie eine Ohrfeige. Kaum ließ Mutter ihr gegenüber jegliche Maske fallen, ergoss sich ihr offenbar über Jahrzehnte hinweg angestauter Hass wie siedendes Öl. Je länger Savannah ihren Schimpftiraden zuhörte, desto mehr wurde ihr bewusst, wie sie ihr Leben lang manipuliert worden war. Wie eine Wachsfigur hatte man sie geformt, sie zu einem willenlosen Geschöpf gemacht, das zum Einsatz kam, wo es am besten passte. Geld spielte keine Rolle, solange jemand dafür sorgte, dass sie niemandem im Weg stand und nicht aufzumucken wagte. Rodrigo war nur ein weiterer Kerkermeister, in dessen Obhut sie übergeben wurde. Was er mit ihr tat, blieb allein ihm überlassen. Die einzige Regel lautete, in der Öffentlichkeit anmutig das Gesicht zu wahren.
   Ihre Nerven lagen blank, sie wusste, dass sie sich wie die Beute im Netz der Spinne wand, um dem Unvermeidlichen zu entkommen, doch Mutter gewährte ihr nicht die geringste Chance. In dem Versuch, sich vor diesem brennenden Zorn zu schützen, verschränkte sie die Arme vor der Brust. Die Bewegung löste heiße Schmerzwellen aus. Sie kniff die Lippen zusammen, keuchte und ballte die Hände zu Fäusten und musste mit ansehen, wie Mutter ihre sichtliche Pein mit bewusst aufgesetzter Langeweile kommentierte. Hilflos schüttelte sie den Kopf. »Warum zwingst du mich, einen perversen Schläger zu heiraten? Rodrigo behandelt mich wie eine Sexsklavin!«
   »Wer dich reden hört, meint, wir würden dich an einen Harem verkaufen! Hör auf mit dem Theater, und sei froh, dass ein derart gestandener Kerl dich will. Du hättest es weiß Gott schlechter treffen können.«
   »Was bist du für eine Mutter, die ihre eigene Tochter an einen erektionsgestörten Irren ausliefert?«
   Mutter prustete sarkastisch. »Glaub mir, Herzchen, ich würde jedem Kerl, der es wagt, meiner Tochter ein Haar zu krümmen, höchstpersönlich die Eier abschneiden. Da du aber nicht meine Tochter bist …«
   Savannah musste sich festhalten, als ihre Knie zu zittern begannen. Als legte sich eine Schlinge um ihren Hals, wurde jeder Atemzug zur Qual. Sie fror. Es war so bitterkalt im Raum! Das Gesicht zu einer hässlichen, triumphierenden Fratze verzogen, strömte Mutter eine Kälte aus, die alles zu Eis erstarren ließ, was sich in ihrem Umfeld aufhielt. Ihr überhebliches Lachen gab ihr das Aussehen eines todbringenden Dämons. Savannah kam es vor, als blickte sie seit Stunden in dieses Gesicht und doch waren es nur wenige Augenblicke, bis das Fallbeil auf ihr gesamtes bisheriges Leben niederging.
   »In diesem Fall sehe ich keine Veranlassung, einen Skandal heraufzubeschwören. Rodrigo ist ein Gewinn für unser Unternehmen und du wirst dafür sorgen, dass ihr eine lange, fruchtbare Ehe führt. Nun entschuldige mich.« Sie griff nach einem Dokument und widmete ihre Aufmerksamkeit dem Papier. »Ich habe zu arbeiten. Du wirst nicht dafür bezahlt, mir die Zeit zu stehlen.«

Neue Krämpfe schüttelten sie durch. Sie stolperte über ein Loch im Straßenpflaster und rutschte aus. Bevor ihre Knie einknickten, klammerte sie sich an einen Hauseingang. Wie eine Betrunkene auf dem Weg von einer Kneipe zur anderen lehnte sie die heiße Stirn gegen die kühlen Azuleios, mit denen die Fassade gefliest war. Galle verätzte ihr die Kehle, wenn sie an das Gespräch zurückdachte. Als die Sekretärin sie ins Allerheiligste zitiert hatte, war für einen Moment Hoffnung in ihr aufgekeimt. Zumindest in ihrer Mutter musste sie doch eine Verbündete finden! Ihre Beziehung mochte von Gletscherkälte geprägt sein, aber als Frau musste Mutter verstehen, dass ihre Tochter keinen Tag länger mit einem derart brutalen Mann zusammenleben konnte. Kaum in dem von Antiquitäten, Kunstobjekten und Gesetzestexten dominierten Büro angekommen, wusste Savannah, dass die Frau, die sie Mutter genannt hatte, sie eher höchstpersönlich an den Haaren zum Altar schleifen, als ihr helfen würde.
   … nicht meine Tochter bist …
   Der Satz ratterte von einem Ende ihres Hirns zum anderen und zurück wie die Electrico 28E zwischen der Praça Martim Moniz und dem Friedhof Prazeres. Nach diesem Schock hätte es sie nicht überrascht, zu erfahren, dass Anibal ebenso wenig ihr Vater war. Sie wollte ihn zur Rede stellen. Natürlich war Ana-Maria ihr zuvorgekommen. Als sie in den elterlichen Palast stürmte, saßen Vater und Ana-Maria in ostentativer Eintracht auf dem Sofa. Blutrot schimmernden Port in ihren Gläsern, erlaubten sie ihr, Platz zu nehmen, als gälte es, über die Zimmerkontingente der Stadt- und Strandhotels für die nächste Saison zu verhandeln. Zusammengefasst unterschied sich ihr Leben allerdings wirklich nicht von einer unrühmlichen Seite in der Firmenbilanz.
   Ihre leibliche Mutter war eine namenlose Akrobatin in einem chinesischen Zirkus gewesen. Zu Kolonialzeiten leitete Vater das Cinco Estrelas Macao. Ana-Maria erledigte die juristischen Belange des Unternehmens. Sie und der damals vierjährige Henrique hielten den Herrn des Hauses nicht davon ab, abseits des heimischen Schlafzimmers Zerstreuung zu suchen. Die junge Artistin war seine Gespielin, solange der Zirkus im Casino Macao gastierte. Von Vater ad acta gelegt, als die Künstlertruppe weiterzog. Neun Monate später entdeckte ein Küchenjunge einen brüllenden Korb am Lieferanteneingang des Hotels. Außer dem Säugling, einem kleinen Mädchen, fand sich darin eine chinesische Porzellanpuppe. Wenige Zeilen auf einem Blatt Papier informierten darüber, dass es im Leben der Akrobatin keinen Platz für ein Baby gab, außerdem fürchtete sie Probleme mit der heimischen Staatsgewalt. Ein diskret durchgeführter Test bestätigte, dass die Kleine Anibals Tochter war. Unter der unmissverständlichen Auflage Ana-Marias, das Kind nicht in ihrer Nähe zu dulden, wurde es von Kindermädchen aufgezogen. Eines von ihnen litt und liebte mit einer Romanheldin namens Savannah. So bekam der Findling wenigstens einen Namen. Ehe Portugal die Souveränität Macaos an China abtrat, verkaufte die Cinco Estrelas-Gruppe das Hotel an asiatische Investoren. Vater, Ana-Maria und Henrique kehrten nach Lissabon zurück. Mittlerweile schulpflichtig, wurde Savannah in ein Internat in Hongkong abgeschoben. Den Rest der Geschichte konnte sie in fließendem Portugiesisch, Englisch, Französisch, Spanisch und Kantonesisch sowie nicht ganz einwandfreiem Deutsch erzählen. Für die Worte Liebe, Zuhause und Geborgenheit fehlten ihr in allen Sprachen die entsprechenden Übersetzungen.
   Sie war ein lästiges Anhängsel, an der äußersten Peripherie des Familienuniversums geduldet, um unappetitliche Schlagzeilen zu vermeiden. Seit ihrer Geburt wurde sie dafür bestraft, dass der mächtige Anibal Santiago seine Triebe nicht allein im Ehebett auslebte. Ohne mit der Wimper zu zucken, schob er sämtliche Verantwortung von sich. Nannte sie einen nutzlosen Bastard und wies sie darauf hin, dass ihre leibliche Mutter sie wie einen Korb Müll abgestellt hatte. Sie solle mal überlegen, dass sie ohne die Güte der Santiagos in einem chinesischen Waisenhaus verrottet wäre. Nein, schließlich war man im christlich katholischen Glauben aufgewachsen. Zwar wusste man nichts mit dem Balg anzufangen, dennoch gab man ihm ein Dach über dem Kopf, die Milch einer Amme und eine teure Schulbildung. Und was war der Dank dafür? Am Ende zeigte sich wieder einmal, dass man Anstand und Ehre niemandem einimpfen konnte, dem diese Werte nicht von Geburt an in den Genen steckten. Statt Dankbarkeit und Respekt schleuderte das nutzlose Gör ihren Wohltätern Worte wie Verrat und Verkauf an den Kopf. Sie solle sich schämen, den Namen Santiago tragen zu dürfen. Schämen, sich einen Teil der Familie zu nennen, wenn sie für diese Familie nichts als Abscheu empfand. Um ehrlich zu sein, erwartete man nichts anderes von einem Streuner, den man in der Gosse fand und aus purem Mitleid durchgefütterte.

So war es endlos weitergegangen. Wenn sie im Nachhinein darüber nachdachte, musste sie Gott dafür danken, fernab von Ana-Marias Kälte aufgewachsen zu sein. Härter und herzloser konnte kein chinesischer Erzieher sein. Was wäre aus ihr geworden, hätten ihre Lehrer nicht frühzeitig ihr Sprachtalent erkannt? Dass sie bereits als Zehnjährige problemlos mit mehreren Fremdsprachen jonglierte, machte sie für den Hotelkonzern interessant. Daraufhin holte man sie nach Europa. Ihr Glück, dass sie Vokabeln aufsog wie ein Schwamm und naturgemäß ins Hotelgewerbe strebte. Was Vater im stillen Kämmerlein mit Rodrigo ausgehandelt hatte, wollte sie nicht wissen. Das Geld und die Papiere im Tresor sagten überdeutlich, dass ihr Äußeres nur das Sahnehäubchen auf seiner Hochzeitstorte dargestellt hätte.
   Wieder zockelte eine Electrico vorüber. Autos hupten, ein Motorrad blies ihr eine bläuliche Abgaswolke ins Gesicht. Hustend rappelte sie sich auf, um dem stinkenden Qualm zu entkommen. Aus der nächsten Gasse hörte sie die melancholischen Klänge eines Saxofons, wurde von der Musik angezogen wie von einem Magneten. Nach wenigen Schritten fand sie den Mann, dessen Instrument ihrem Seelenschmerz eine Stimme gab. Er saß in der Sonne auf einer Bank. Die Augen hinter einer Sonnenbrille verborgen, eine Baskenmütze auf dem Kopf, war er inmitten der Touristenscharen in sein Spiel versunken. Ein Hut stand auf dem Boden, ein Stück von seinen ausgestreckten Beinen entfernt, als wollte er mit dem Geld, das hin und wieder jemand hineinwarf, nichts zu tun haben.
   Die Töne schnitten ihr ins Herz, das Saxofon weinte, was sie nicht durch die Kehle bekam. Eine von Klematis berankte Hauswand im Rücken, sank sie auf die Knie, umfasste ihre Schultern und wiegte sich zur Musik. Den Kopf auf die Brust gelehnt, ließ sie den Tränen freien Lauf, während die Melodie sie einlullte und ihre Schluchzer intonierte.
   Ihr Kopf, ihr Herz, ihr ganzes Ich war leer. Die Musik das Einzige, das den Weg in ihr Innerstes fand und einen Hauch Wärme verbreitete wie heißer Tee an einem kalten Winterabend. Fernab jeglicher Realität sang das Saxofon davon, dass man seine Träumen leben und dem Herzen folgen sollte. Egal, wohin, denn am Ende wartete stets das Glück.
   Doch wovon durfte sie noch träumen?
   Ein Stück den Hügel hinauf, immer den Gleisen der Linie 28E nach und an der Padaria nach links. Am Wegweiser zum Mirador quer über die Straße. In das Gebäude mit dem sonnengelben Anstrich, für dessen Apartment in der dritten Etage der Schlüssel in ihrer Handtasche steckte. Nur war ihre Wohnung kein Ort zum Träumen, sondern ein Kerker, in dem Albträume an der Tagesordnung waren. Sie musste weg und wusste nicht, wohin.
   Die Melodie verklang. Das Geschnatter der Passanten übernahm die Herrschaft, wurde untermalt vom Knattern der Autos und der ratternden Tram. Wacklig stand sie auf. Sie zog einen Geldschein aus ihrem Portemonnaie und legte ihn in den Hut. Behutsam drückte sie ihn in die Falten des Futterstoffes, damit er nicht wegfliegen konnte. Der namenlose Saxofonist nickte ihr zu, doch seine dunkle Brille verhinderte den Blickkontakt.
   »Obrigada«, dankte sie von Herzen.
   Er neigte den Kopf, dann setzte er zum nächsten Lied an. Widerstrebend zog sie weiter. Der Schmerz, den die Saxofonklänge in ihr auslösten, tat zu weh, als dass sie ihn länger ertragen konnte.
   Sie stolperte zurück auf die Rua do Barao. Bergab. Immer weiter bergab. Weg von dem Haus mit der schrecklichen Realität hinter der einladenden Fassade. Wieder rutschte sie auf den glatten weißen Kopfsteinen aus, fing sich an einer Mauer, fühlte, wie der raue Putz ihr über die Handflächen scheuerte. Als sie aufsah, stellte sie fest, dass es keine Hauswand war, die ihr Halt gab. Das braungelbe Gemäuer bildete die mächtige Wand der Kathedrale Sé. Ein schmiedeeisernes Tor verwehrte den Weg ins Seitenschiff, ließ ihr jedoch genügend Platz auf der marmornen Stufe, um in die Nische zu gleiten. Die Arme um die Knie geschlungen klebte sie am Gestein. Keinen halben Meter neben ihr ging das Leben weiter. Die Tram, die Touristen, die Tuktuks, Autos und Motorroller, alle eilten vorbei, ohne sie zu bemerken. Das Schicksal wehte sie in die Nische der Kathedrale, doch wie es schien, wollte selbst Gott ihr keine helfende Hand reichen.
   Wovon träumen? Wohin gehen? O Gott, wohin nur? Nicht zurück. Um Himmels willen, nicht zurück! Auf keinen Fall zu ihm zurück. Aber wohin dann? Wohin?
   Aus einem winzigen Lokal auf der anderen Straßenseite zog der Duft von gegrillten Sardinen herüber. Das verlockende Aroma mischte sich mit Kochgerüchen aus einem offenen Küchenfenster im oberen Stockwerk. Prompt knurrte ihr der Magen. Sie dachte angestrengt nach, konnte sich aber nicht an den letzten Happen zwischen ihren Zähnen erinnern. Die Kratzer auf ihrer Handfläche brannten. Richtig, sie war gegen die Wand gestolpert. Sie vermutete, dass ihr Kreislauf nichts gegen etwas Nahrung und ein Glas Wasser einzuwenden hätte. Besser noch einen Espresso. Die intensiven Gerüche weckten Gedanken an die deftigen Mahlzeiten, mit denen Rodrigo seinen Hunger stillte und sie vor einem vollen Teller hungern ließ.
   Sie stand auf, ungelenk und steif wie eine Marionette, deren Glieder sie einzeln aufrichten und in Position bringen musste. Die neugierigen Blicke der Passanten, die teils fragend, teils abfällig über sie hinwegglitten, prallten von ihr ab.
   Planlos schwankte sie auf unsicheren Beinen weiter, fort von der Kirche und dem Ort, der nicht mehr ihr Zuhause war. Immer bergab, in die Baixa mit ihren lebhaften Boulevards, Geschäften und Cafés.
   Vanilleduft zog ihr in die Nase. Das Schaufenster einer Pastelaria lockte sie an. Mit Puderzucker bestäubte Bolos de Arroz türmten sich neben einem Blech mit Pasteis de Nata. Daneben lagen fluffige Pão de Deus auf einem Silbertablett. Sie wollte weitergehen, sich an den Häuserwänden und Straßenbegrenzungen entlanghangeln, doch die süßen Köstlichkeiten hielten sie fest. Ihre Zunge ertrank im eigenen Speichel, so lief ihr das Wasser im Mund zusammen. Ein einziges Stück aus der Auslage enthielt mehr Kalorien als alles, was sie ihrem Magen normalerweise im Laufe eines ganzen Tages genehmigte. Rodrigo rastete aus, wenn … Rodrigo war in London!
   Niemand im Café hätte geglaubt, dass sie erstklassige Tischmanieren besaß, wenn er beobachtete, wie sie das erste Pao de Leite verschlang. Gierig spülte sie die Bissen mit Milchkaffee hinunter. Zum Glück kümmerte sich auf den Plastikstühlen entlang der Resopaltische jeder nur um das Essen vor seiner Nase, den dröhnenden Fernseher unter der Decke oder die Zeitung auf dem Tisch.
   Während sie die Füllung eines Pasteis von ihren Fingern schleckte, fiel ihr eine Unterhaltung mit einem alten Chinesen ein. Der Mann in der New Yorker Chinatown war der Ansicht gewesen, dass sein Volk genetisch mit schier endloser Geduld gesegnet war. Anders konnte er sich nicht erklären, wie seine Landsleute über Jahrhunderte hinweg Unterdrückung, Ausbeutung und von Menschenhand erzeugtes Leid mit stoischer Ergebenheit ertragen hatten. Solange man davon überzeugt war, seine Lage nicht ändern zu können, schwamm man mit dem Strom. Doch wehe, der entscheidende Tropfen fiel ins Fass.
   Zwischen einem Bolo de Arroz und einem Mil Folhas sickerte der Gedanke an Revolution in ihre dritte Tasse Galão.
   Ihr war übel, trotzdem biss sie in einen Keks, dessen Mitte mit Marmelade bestrichen war. Statt sie als Bastard zu verstoßen, schmiedete die vereinte Front auf dem Sofa andere Pläne. Ohne mit der Wimper zu zucken, opferte man sie auf der Schlachtbank, die sich Altar nannte. Sie betrachtete den Diamanten an ihrem Ringfinger. Er und sein zukünftiger Gefährte würden die einzig nach außen hin sichtbaren Fesseln sein, die sie zeitlebens trug.
   Aufgeregte Stimmen am Nachbartisch lenkten sie von ihren Grübeleien und den Keksen ab. Amerikanische Touristen zeigten auf den Fernseher. Sechs Personen unterschiedlichen Alters redeten wild durcheinander.
   »Unsere Delight! Da, seht doch! Unsere Kabine. Gut, dass wir die Fahne an den Balkon gehängt haben …«
   Vor dem Hintergrund eines Kreuzfahrtschiffes sprach ein Reporter in die Kamera. »… heißen wir das jüngste Baby der Flotte für wenige Stunden in Lissabon willkommen. Seit ihrer Abreise aus Hamburg hat die Mermaid Delight bereits in den Häfen von Dover, Le Havre und Vigo die Schaulustigen an die Kaimauern gelockt. Heute liegt sie am Ufer des Tejo vor Anker, ehe sie nach einem letzten Stopp auf den Azoren Europa den Rücken kehrt. Ziel der Jungfernreise ist Miami, von wo aus der Ozeangigant zukünftig die karibischen Inseln ansteuern wird. Seien Sie dabei, wenn es heute Abend um achtzehn Uhr heißt: Boa Viagem! und die Delight von einem großen Feuerwerk begleitet in See sticht.«
   Letzte Bilder aus der Vogelperspektive zeigten die unglaubliche Größe des Schiffes, ehe das Programm zu einem Werbespot für Zahnpasta wechselte. Savannah wickelte die restlichen Kekse in eine Serviette und schob sie in ihre Handtasche. Wenn sie noch länger hier saß, würde sie nie wieder aufhören, zu essen. Ein Spaziergang an der frischen Luft würde ihr guttun. Sie schlüpfte in ihre Jacke und trat auf die Straße hinaus.

Sie lehnte an der Mauer eines Shops, in dem Alkohol, Zigaretten, Wasserflaschen, Süßigkeiten und Souvenirs zu überhöhten Preisen feilgeboten wurden. Urlauber schleppten schwere Taschen oder zogen Koffer hinter sich her. Sie ignorierte das Treiben und bestaunte, was ihre Augen erfolglos an ihr Hirn weiterzuleiten versuchten. Genaugenommen war zweitrangig, was da vor ihr gen Himmel strebte, andererseits verscheuchte es für eine Weile die düsteren Gedanken. Das allein rechtfertigte, sich in sinnfreiem Grübeln zu verlieren. Schließlich flüsterte das Saxofon in ihrem Kopf immer noch die traurige Melodie der Träume, die sie nicht zu träumen wagte.
   Ein eiserner Stabgitterzaun trennte die Pier von einem Parkplatz und ebenerdigen roten Giebelbauten, die unter anderem das Terminal von Santa Apolónia beherbergten. Vereinzelt standen weitere Autos jenseits des Zauns. Aufkleber oder Schriftzüge auf Seitentüren und Heckscheiben wiesen sie als Dienstfahrzeuge der Hafenbehörde aus. Die weiße Stahlwand, die dahinter senkrecht in die Höhe wuchs, degradierte die Kleinwagen zu putzigen Spielzeugautos. Savannah verschwendete keinen Blick an die Seats und Polos. Hatte der Koloss auf dem Bildschirm schon riesengroß ausgesehen, sprengten die gigantischen Dimensionen des Originals jegliche Vorstellungskraft. Das Ding konnte unmöglich schwimmen! Das musste jemand für alle Zeiten direkt ans Ufer des Tejos gebaut haben. Vielleicht sollte es ein neues Wahrzeichen des Hafens darstellen?
   Die von Balkonen gesäumte Wand sah aus wie ein Straßenzug in einem Apartmentviertel, wo man mit dem Gehalt eines Zimmermädchens keine Designermöbel auf das Parkett pflanzte. Zugegeben, die Adresse wäre merkwürdig für ein Gebäude dieser Preisklasse. Noble Wohnklötze erwuchsen selten aus brackigem Hafenwasser, wenn ein Haufen gelangweilter Scheichs vorher keine Palmeninseln ins Meer drapierte. Die Palmen hatte man vergessen. Es waren auch keine Scheichs in Sicht.
   Kreisrunde Fenster, die auf gleicher Höhe mit der Pier ein Muster in die Stahlwand malten, weckten immerhin Erinnerungen an ein Schiff. Architekten haben bekanntermaßen oft seltsame Ideen, warum sollte ein Wohnblock nicht zur Abwechslung mal Bullaugen haben, wenn er schon von den Fluten des Tejo umspült wurde? Auf den nächsten Stockwerken ersetzten große Fenster die runden Gucklöcher, was die Idee mit dem Schiff wieder zunichtemachte. Zumindest, bis sich das Auge eine Etage weiter hinaufhangelte. Dort versperrten Rettungsboote vom Ausmaß manch stolzer Jacht die Sicht nach oben. Wollte sie bis zum obersten Deck hinaufschauen, musste sie ein Stück zurücktreten – am besten bis zum westlichen Ende Portugals. Erst, als sie bereits den Atlantik in ihren Kniekehlen zu spüren glaubte und den Kopf in den Nacken legte, konnte sie das MC-Logo am Schornstein entdecken. Endlos reihten sich gläserne Balkonbrüstungen aneinander und übereinander. Wieder dachte sie an moderne Wolkenkratzer außerhalb der City. Allerdings wurden luxuriöse Apartmenthäuser nicht über scheppernde Gangways mit der Straße verbunden. Außerdem lieferten auf künstlich angeschaufelten Emirinseln eher exklusive Cateringfirmen ihre Delikatessen ab, anstatt palettenweise Mehlsäcke, Toilettenpapierkartons und Salatkisten abzuladen. Kein Wohnblock, kein arabisches Sandbankemirat. Dafür Zigtausend Passagiere, die von der Küchenmannschaft mit ordentlich Hüftgold versorgt werden wollten. Außerdem bekam die Crew heutzutage bestimmt nicht nur Schiffszwieback und Stockfisch vorgesetzt. Was die Gabelstapler an Bord hievten, machte jedenfalls einem Bananenfrachter alle Ehre. Savannah vermutete, dass das Wenigste davon in seiner ursprünglichen Form sein Ziel erreichen würde.
   Fasziniert umrundete sie die roten Häuschen und schlenderte ein Stück am Zaun entlang, um eine bessere Sicht auf den Bug zu erhaschen. Im New Yorker Hafen zählten luxuriöse Spaßdampfer zum Alltagsbild. Besuchte man Liberty Island, konnte man den Passagieren winken, wenn sie an der Freiheitsstatue vorbeizogen. Einem derart riesigen Seeungeheuer wie diesem hier begegnete sie allerdings zum ersten Mal. Zwanzig Decks ragten in die Höhe. Die Delight war länger als manche Straße und konnte mit der Breite amerikanischer Highways konkurrieren. Lust, Vergnügen, Freude, Wonne – angesichts der Bemalung brauchte man kein Wörterbuch, um den Schiffsnamen zu verstehen. Glücklich dreinschauende Delfine tummelten sich im sonnendurchfluteten Blau und vollführten ausgelassene Kapriolen in der Gischt der Wellen. In ihrem Bilderbuchozean führten sie ein friedliches Dasein mit Mantarochen, Meeresschildkröten, Pottwalen und Trompetenfischen.
   Ein Scheppern ließ sie zusammenfahren. Aufgebrachtes Stimmengewirr folgte. Sie wandte ihre Aufmerksamkeit von der Findet-Nemo-Idylle ab und reckte den Hals, bis sie die Ursache des Tumults entdeckte. Im Ladebereich war ein Lkw mit einem Gabelstapler kollidiert. Ein Haufen Koffer lag auf dem Beton. Im Laufschritt eilten Männer in Arbeitsoveralls heran, um das Chaos zu beseitigen.
   Wenn doch einer dieser Koffer meiner wäre …
   Sie erschrak. Woher kam diese absurde Idee in ihren Kopf? Bei jedem Schritt scheuerte ihr Slip auf den Striemen auf ihrem Po. Ihr Magen revoltierte gegen den ungewohnten Zuckerschock, ihre Nerven tanzten Fandango von zu viel Koffein. Nicht auszudenken, mit welch perversem Vergnügen Rodrigo sie auf solch einem Fressdampfer quälen würde.
   Wäre er allerdings nicht an Bord … Die Vorstellung ging in ihrem Oberstübchen vor Anker wie die Delight vor der Kulisse der Ponte 25 de Abril. Massig, unübersehbar, alles andere verdrängend. Im Automatikmodus glitt ihr Blick über die Fische am Bug, weiter an der Außenwand entlang. Stoppte an der Gangway, an deren Fuß zwei Männer in weißen Uniformen die Gäste begrüßten, die stehen blieben, um Selfies zwischen Handgepäck und Welcome-Drink zu knipsen. Auf der Gangway gab es keine Tränen wegen eines schmerzenden Hinterns, wunder Brüste und blutendem Selbstwertgefühl. Da heulte man höchstens, weil akutes Reisefieber das Blut zum Kochen brachte und das Adrenalin wilder schäumte als Sekt aus einer geschüttelten Flasche. Ein oder zwei Wochen Delight – Wonne, Lust und sorgloses Vergnügen. Ohne Rodrigo …
   Sie krallte ihre Finger um die Gitterstäbe wie eine Gefangene um die eisernen Stangen vor ihrer Zelle. Als wäre der Zaun zwischen dem Parkplatz und dem Pier die unüberwindliche Mauer, die ihr Verlies umschloss. Dahinter lag die Freiheit. Plötzlich erschien ihr das stolze Schiff wie das fliegende Pferd, das sie vor dem feuerspeienden Drachen retten konnte.
   Ein Beben raste durch ihren Körper, machte den Schrei nach Freiheit in jeder Nervenzelle spürbar. Lebe deinen Traum!, tönte das Saxofon in ihrem Herzen.
   Ihre Hände umkrampften derart fest das Gitter, das sich ihr Zittern auf das Metallgeflecht übertrug und dessen Vibration in ihren Armen widerhallte.
   Das Smartphone musste von allein aus der Handtasche an die Oberfläche getrieben sein. Jedenfalls war sie überzeugt, es nicht hervorgezogen zu haben. Dennoch hielt sie es in der Hand. Sekunden später leuchtete die Google-Startseite auf.
   »Herzlich willkommen bei Mermaid Cruises. Mein Name ist Silvie, was kann ich für Sie tun?«, fragte eine freundliche Frauenstimme, kaum dass Savannah das Telefonhörersymbol berührte.
   In diesem Moment wusste sie, dass der schwimmende Wohnblock Lissabon nicht ohne sie verlassen würde.

4. Kapitel

»Leg ab. Leg bitte, bitte endlich ab.« Ihr Betteln und Flehen stand im krassen Widerspruch zu der ausgelassenen Partystimmung an jedem öffentlich zugänglichen Platz auf der Mermaid Delight. Achtzehn Uhr war lange vorüber. Starke Scheinwerfer auf dem Pier sorgten dafür, dass die Fahnen und Girlanden zu Ehren des neugeborenen Schiffes trotz Dunkelheit deutlich sichtbar flatterten. Auf der anderen Seite der Avenida Infante Dom Henrique glitzerten die Lichter der Alfama wie tief liegende Sterne an den Hügeln. Stimmengewirr und Musik drangen durch die geöffnete Balkontür herein. Auf dem Parkplatz heizte eine Band den Angestellten ein, die den Passagieren den Weg ins Schlaraffenland geebnet hatten. Koffer und Nudelsäcke waren verstaut, nun zelebrierten Hafenarbeiter und Schalterbedienstete den bevorstehenden Abschied.
   In ihrer Kabine wickelte sich Savannah in den türkisgrünen Vorhang vor der Balkontür. »Leg ab, leg ab, leg ab …« Die Worte rasten in Endlosschleife durch ihren Kopf und steppten auf ihren Lippen. Neue Zweifel nagten wie eine Horde Ratten an ihrem Nervenkostüm. Besaß sie wirklich den Mut, sich auf ihren Traum einzulassen?
   Sie zitterte, dass ihre Zähne aufeinander schlugen. Sobald sie Stimmen auf dem Gang hörte, erwartete sie, dass jemand an ihre Kabinentür klopfte. Als ob Rodrigo oder Vater anklopfen würden …
   Der Boden unter ihren Füßen vibrierte. Gleichzeitig bestätigte ein leises Knacken der Wände, dass die Schiffsmotoren funktionierten. Vor einer Stunde hatte sie die fremden Geräusche und das sanfte Beben freudig willkommen geheißen. Inzwischen wusste sie, dass ein Schiff nicht unbedingt losfuhr, sobald es unter der Haube brummte. Wagte sie, unter der Kapuze ihres Hoodies verborgen, den Sprung auf den Balkon, musste sie feststellen, dass mächtige Taue das Schiff nach wie vor an die Betonpfeiler am Kai fesselten. Heute Nacht würde sie von niemandem an irgendetwas gefesselt werden! Vorausgesetzt, der Mann mit den vier goldenen Streifen auf seinen Schulterklappen tat endlich, was zu tun war, um diesen Megapott ins offene Meer zu steuern. Nicht ausdenken, was geschah, sobald Rodrigo bemerkte, dass sie mitsamt ihrer Ausweispapiere und den wenigen Habseligkeiten, die ihr wirklich etwas bedeuteten, das Weite gesucht hatte. Noch schwerer als der Verlust seiner dressierten Sexpuppe würde ihn allerdings die gähnende Leere im feuerfesten Metallkasten hinter dem farbgewaltigen Gemälde treffen.
   »Worauf wartest du, Käpt’n?« Wer ihre Stimme hörte, musste glauben, ein angriffslustiger Tiger stünde sprungbereit vor ihr, während der Retter mit der Flinte seelenruhig seine Munition polierte. Sie zog ein weiteres Mal die Kapuze in die Stirn und flitzte nach draußen. Der Balkon war keine Terrasse, bot aber ausreichend Platz für zwei bequeme Stühle und einen kleinen Tisch. Dennoch klebte sie an der Trennwand zum benachbarten Freisitz, als müsste sie sich durch ein Abflussrohr zwängen. Ängstlich lugte sie an der Bordwand entlang nach oben. Direkt vor ihrer Nase ragte der gläserne Flügel der Brücke über die Steuerbordseite. Schemenhaft waren Personen zu erkennen, ungesund beleuchtet von den grünlichen Lichtern auf Computern und Geräten.
   »Fahr endlich los. Bitte!« Tonlos flogen die Worte zur Brücke. Dieses Mal erhörte der Kapitän ihr Flehen. Die Vibration wurde stärker. Ein Beben erfasste das Schiff, die Kabinenwände knarzten. Auf dem Pier übertönten aufgeregte Rufe die Musik, tumultartig wurde geschwenkt, was immer sich schwenken ließ. Erste Raketen explodierten am dunklen Himmel und ergossen sich in einem rotgrünen Funkenregen über dem Fluss. Dumpfes Rumpeln ließ sie zur Tür sehen. Bange Sekunden lang lauschte sie, davon überzeugt, dass jemand hereinstürmen würde. Jemand, der sie aus ihrem gestohlenen Traum riss und in Rodrigos Käfig zurückwarf. Doch wider Erwarten wagte niemand, das Do not disturb-Schild an der Klinke zu missachten.
   Das Rütteln ging in ein stetiges Brummen über, das schwach unter ihren Füßen rumorte. Zentimeter um Zentimeter schoben die hochmodernen Azipods die Delight von der Kaimauer weg. Das anhaltend tutende Signalhorn verkündete, dass das Schiffsbaby seinen Weg nach Hause angetreten hatte.
   Sturzbäche aus ihren Augen setzten Balkon 12712 unter Wasser. Sie winkte den Zurückbleibenden unter erleichterten Schluchzern ein letztes Adeus zu. Schnell nahm das Schiff Fahrt auf. Vor den Prachtbauten auf der Praça do Comércio brachten die Schaulustigen den Verkehr zum Erliegen. Silvesterknaller schossen Schlag auf Schlag gen Himmel, auf das Gewitter der abgefeuerten Böller folgte der farbenprächtige Regen glühender Funken. Der Kapitän antwortete mit stetigem Dröhnen des Signalhorns. Kamerablitze zuckten durch die Nacht. Adeus! Boa viagem! Sprechchöre sandten dem Schiff ihre Abschiedsgrüße hinterher. Nicht minder enthusiastisch tönten Schreie und Musik von den Decks zu den Zurückbleibenden hinüber.
   Es wurde ruhiger, in Anfahrt auf die Ponte 25 de April mussten die Wohngebiete dem Containerhafen weichen. Savannah sah zur Hängebrücke hinauf, die als stolze Kopie der Golden Gate Bridge den Tejo überspannte. Sie wusste, auf einem Hügel am anderen Ufer stand Christo Rei. Sie war nicht sonderlich gläubig, dennoch betete sie, dass die riesige Christusstatue ihre schützenden Arme über ihr ausbreitete. Die Mermaid Delight war zu ihrer großen Reise über den Atlantik aufgebrochen. Die Flucht in eine hoffentlich bessere Zukunft kostete sie mehrere Tausend Euro. Dennoch fühlte sie sich wie ein blinder Passagier unter einer Plane im Rettungsboot.

Kalter Wind trieb sie in die Kabine. Nie wieder frieren! Trotzdem ließ sie die Balkontür ein Stück weit geöffnet. Jede Welle, die gegen den Schiffsrumpf klatschte, bestätigte, dass sie sich von Lissabon entfernte. Hämmerte man lange genug auf die roten Balken an der Klimaanlage ein, wurde es trotz des Fahrtwinds mollig in der Hütte.
   Seit die Delight aus der Mündung des Tejo in den Atlantik gesteuert war, versank die Welt in nächtlicher Schwärze. Eine geschlossene Wolkendecke verdeckte Mond und Sterne. Zum ersten Mal sah sie sich in der Kabine um, die zumindest für die nächsten drei Tage ihr Zuhause darstellte. Weiter wagte sie nicht, zu denken. Spätestens morgen fand ihre Familie heraus, wohin sie ausgerissen war. Die Dame am Telefon mochte äußerst nett gewesen sein, dennoch wollte sie für die Reservierung der Schiffspassage eine Kreditkartennummer hören. Wer vier Stunden vor Abfahrt buchte, konnte die Scheinchen nicht persönlich überbringen. Damit war ihr Weg nachvollziehbar, obwohl das Rückholkommando zumindest ihre Abreise verpasst hatte. Vaters Flüche, weil sie nicht zur Arbeit erschienen war, klingelten ihr in den Ohren, ohne sie vernommen zu haben. Eine Santiago feierte nicht krank wie das arbeitsfaule Gesindel, mit dem man sich umgeben musste, um den Betrieb am Laufen zu halten. Eine Santiago funktionierte unter allen Umständen. Andererseits war sie keine echte Santiago.
   Tatsächlich existierten keine Fehltage in ihrem Lebenslauf. Die Internate ließen ihren Zöglingen keine Gelegenheit für derartige Flausen. Eltern zahlten kein Vermögen dafür, dass ihre Töchter ihr prämenstruelles Syndrom auslebten. Vaters Sekretärin anzurufen und sich mit einem lausigen »Ich komme nicht zur Arbeit, mir geht es nicht gut« vor seinen Pflichten zu drücken, grenzte an Befehlsverweigerung. Auf unerlaubtes Entfernen von der Truppe stand zweifellos sofortiges Erschießen. Unverwandt betrachtete sie ihren Koffer. Eine simple Kugel in den Kopf wäre ein schöner Tod gegen das, was Rodrigo mit ihr anstellte, sobald er sie in die Finger bekam.
   Sie wollte ihre Kabine erkunden! Mit einem Ruck drehte sie dem Samsonite den Rücken zu – und begegnete sich im Spiegel, der einen Großteil der Wand bedeckte. Ein fahles Mausgesicht mit Monolid und leicht schräg nach oben verlaufenden Augen blickte ihr entgegen. Weitere Hinweise auf die Frau, die ihr Baby wie einen Sack Reis hinter dem Hotel abgestellt hatte, fand sie in ihrem Gegenüber nicht. Anibals Gene waren stärker gewesen. Doch die typischen Merkmale ihrer stolzen Landsleute konnte sie auch nicht finden. Glaubte sie ihrem Reisepass, war sie ein offizielles Mitglied der Republik Portugal. Tatsächlich lebte sie erst seit drei Jahren in Lissabon. Machte sie das zur Portugiesin?
   Ehrlich gesagt empfand sie für kein Land, in dem sie je gelebt hatte, sogenannte Heimatgefühle. Sie war wie dieses Schiff, das hintrieb, wohin der Kapitän es steuerte. Noch bezweifelte sie, am Ruder zu stehen. Die Frau im Spiegel wies jedenfalls keine Ähnlichkeit mit einem Kapitän auf, der sein Schiff souverän durch die rauen Gewässer des Lebens manövrierte. Eher drohte ihr Kutter bei dem Gedanken an die nächste Kollision mit Rodrigo umgehend zu kentern.
   Im Koffer lagen Fotos, auf denen ihre unbändige Freude am Leben aus jeder Pore aufs Bild drängte. Momentaufnahmen, die nichts mit dem ausgemergelten Flüchtling vor ihren Augen gemeinsam hatten. Das Praktikum im Waldorf Astoria war kein Spaziergang im Central Park gewesen, doch wie sehr hatte sie diesen Job fernab aller familiären Zwänge genossen! Sie war mit Freunden wie eine typische New Yorkerin durch Bars, Shows und Galerien gezogen und aus einer Laune heraus shoppen gegangen. Auf Kinobesuche folgten nächtelange Diskussionen im Pub. Die männlichen Gemüter diskutierten über das letzte Spiel der Giants, die Girls überlegten, ob George Clooney oder Brad Pitt der bessere Mr. Perfect war. Picknicks auf Coney Island und durchtanzte Nächte über den Lichtern der Stadt … Seither wusste sie, wie normales Leben aussah. Die Erinnerung erschien ihr wie ein ferner Kosmos. Ihr sah nur eine panische Frau entgegen, die am liebsten unter das Bett gekrochen wäre, sobald sie Stimmen auf dem Gang hörte.
   Abgesehen vom ungewohnten Grundriss unterschied sich die Kabine lediglich durch ihre verhältnismäßig geringe Größe von einem Standardzimmer im Cinco Estrelas-Hotel. Ihr Reich mochte drei Meter breit und etwa sechs Meter lang sein und konnte mithilfe des Schlafsofas, auf dem zur Zeit der Koffer ruhte, drei Gäste beherbergen. Cremefarbene Wände harmonierten mit hellbraunen Möbeln und blauen Stoffen. Dicke Matratzen auf dem Doppelbett vor den raumhohen Balkontüren versprachen bequeme Nächte, und wer die Kabine dem Live-Entertainment vorzog, konnte auf einem Flachbild-TV zwischen bordeigenen Kanälen, Satellitenprogrammen und einer internen Videothek wählen. Die Anrichte unterhalb des Spiegels war Abstellfläche und Schreibtisch zugleich. In einem der Schränke darunter enthielt die diskret verborgene Minibar die üblichen Verdächtigen. Auf dem meeresblauen Teppichboden schwammen sandfarbene Fische. Das Bad war keine Wellnessoase, dennoch für Waschtisch, Toilette und Dusche großzügig bemessen. Hochwertige Frotteeware lag in den Ablagefächern bereit, Seife, Duschgel und Bodylotion lockten mit unaufdringlich frischem Duft und cremiger Textur. Die Fachfrau in ihr nickte anerkennend in den Raum. Design und Ausstattung verdienten die auf dem Prospekt ausgewiesenen fünf Sterne durchaus.
   Am Ende ihrer Inspektion landete sie wieder vor ihrem Koffer. Wenn sie nicht ausschließlich in Jeans und einem alten Sweatshirt herumlaufen wollte, musste sie ihn wohl oder übel öffnen. Drei Nächte und zwei Tage auf See lagen zwischen Lissabon und Ponta Delgada. Sollte sie nach dem Stopp auf den Azoren wider Erwarten weiterhin an Bord sein, konnte sie immer noch auspacken. Der Koffer enthielt alles, was ihr etwas bedeutete. Dafür war er verdammt klein und trotzdem nicht voll. Abgesehen von zwei dicken Plastikbeuteln, über deren Inhalt sie nicht nachdenken wollte, gab es in ihrem Leben erstaunlich wenig, was zu behalten ihr wichtig war. Die Kleidungsstücke hatte sie ausschließlich nach sinnvollem Nutzen für die Reise ausgewählt. Warme Pullover und eine dicke Jacke für die Atlantiküberquerung, luftige Shirts und Röcke für die Tage in der Karibik, falls sie zu diesem Zeitpunkt noch an Bord war. Ein Kinderbuch. Zärtlich strich sie mit den Fingerspitzen über das Cover. Der schneeweiße Hase brachte seit jeher einen Lichtschimmer in ihre dunkelsten Nächte. Die chinesischen Schriftzeichen unter den Illustrationen waren ihr so vertraut wie die englischen Worte daneben. Vorsichtig wickelte sie einen länglichen Gegenstand aus einem golddurchwirkten Paschminaschal. Zum Vorschein kam eine Porzellanpuppe in einem blumenbedruckten Kimono. Aus ihrem weißen Kopf ergossen sich glatte schwarze Haare bis auf ihre zierlichen Handgelenke. Schwarze Mandelaugen und ein kleiner rot bemalter Mund dominierten das Gesichtchen, das von unendlicher Traurigkeit geprägt war. Kratzer im Puppen-Make-up zeigten, dass das Kunstwerk heiß geliebt und nicht mehr neu war.
   »Nho Lilu«, begrüßte sie die Puppe auf Chinesisch. Normalerweise schmunzelte sie, wenn ihr auffiel, dass sie niemals eine andere Sprache für den Dialog mit ihrer engsten Vertrauten benutzte. Heute neigte sie demütig den Kopf vor der einzigen Begleiterin, die sie anstelle ihrer Mutter als Schutzengel durchs Leben begleitete. Lilu, ihres Zeichens Erster Offizier auf der kümmerlichen Brücke der MS Savannah, erwiderte ihren ernsten Blick.
   »Ich weiß nicht, wohin uns Meer und Wind treiben werden, kleine Freundin, aber wir müssen einen Weg finden, unsere Verfolger abzuschütteln.« Sie schob die Spitze ihres Zeigefingers in die winzige Porzellanhand. »Wir können nicht zurück, Lilu. Egal, wie weit wir kommen und wann sie uns finden, wir gehen nicht zurück.«

Ihr Kopf war zu voll, um dem Schlaf eine Chance zu geben. Lilu in ihrer Armbeuge lauschte sie der Musik des Meeres. Der Wind blies durch die einen Spaltbreit offenstehende Balkontür, fing sich in der Nische zwischen Eingang und Badezimmer, wo er gespenstisch durch die Metallteile der Sprinkleranlage pfiff. Wie sich das machtvolle Hörspiel aus Wind und Wellen von Rodrigos furchteinflößender Stimme und seinem nervtötenden Schnarchen unterschied. Mit Leichtigkeit konnten die Naturgewalten den Stolz der Schiffsbauer in eine dem Untergang geweihte Nussschale verwandeln. Dennoch könnte kein Hurrikan Savannah jemals dermaßen in Panik versetzen wie ein erneutes Zusammentreffen mit der Bestie, die sie um Haaresbreite geheiratet hätte.
   Sie wusste schon lange, dass sie aus seinem Käfig ausbrechen musste, ehe es zu spät war. Angst, Gehorsam und Disziplin hatten sie davon abgehalten. Möglicherweise ahnte er noch nicht, dass er die letzten Barrieren in ihr endgültig zerschlagen hatte. Nichts und niemand würde sie zu ihm zurückbringen. Nicht zu ihm und nicht zu einer Familie, in der man sie rücksichtslos wirtschaftlichen Interessen opferte. Eher sprang sie zusammen mit Lilu ins Kielwasser der Delight.
   Draußen dämmerte der Morgen. Sie schlug die Decke zurück und schob die Beine über die Bettkante. Zumindest auf weichem Untergrund nahm ihr Po mittlerweile die Arbeit ohne Protest wieder auf.
   Sie beäugte den tellerförmigen Duschkopf wie ein bedrohliches Monster. Ohne die Duschkabine zu betreten, streckte sie den Arm aus und legte die Finger um den Temperaturregler. Sie schraubte den silbernen Knauf bis zum Anschlag in Richtung heiß. Anschließend drehte sie die Wasserzufuhr auf, zog ihren Arm zurück und schlug die Glastür zu. Fasziniert beobachtete sie, wie dahinter dichte Schwaden aufwallten. Das sah aus, als ob sie den Sprung ins Nass wagen könnte. Trotzdem testete sie mit den Fingerspitzen die Temperatur bevor sie den ersten, zögerlichen Schritt tat.
   Schnell wich die Furcht dem wohligen Genuss unter samtweichem Wasser. Sie verteilte viel zu viel duftendes Gel aus dem Spender auf ihrem Körper und verrieb es wie die Streicheleinheiten eines zärtlichen Liebhabers vom Scheitel bis zu den Zehenspitzen. Wahre Sturzfluten aus Seifenschaum flossen aus ihren Haaren ihren Rücken hinab, kitzelten sie in der Taille und glitten tröstend über Striemen, blaue Flecken und blutige Krusten. Erst, als sie glaubte, ihr Blut müsste in der Hitze mittlerweile Blasen werfen, stellte sie das Wasser ab. Die Nasszelle glich einer Sauna. Die Möbel konnte sie durch den dichten Nebel nur erahnen, der Spiegel war dermaßen beschlagen, dass die Schwaden kaskadenartig über das Glas rannen. Für das Auffinden des Bademantels war ein Navi vonnöten. Die Feuchtigkeit verdrängte jeglichen Sauerstoff. Sie riss den Mund auf, rang nach Luft und überlegte, ob ein Teebeutel auf ihrer Zunge dem heißen Wasser wohl Geschmack verliehe. Sie sah an sich hinab. Ein Kichern gluckste durch ihren Rachen. Aus dem Kichern wurde ein zaghaftes Lachen. Sie riss die Badezimmertür auf und stolperte in die frische, salzgeschwängerte Luft der Kabine. Dank eines ausgeprägten Tastsinns doch noch in flauschigen Frottee gewickelt, lachte sie, bis sie Schluckauf bekam. Sie stürmte zurück ins Bad. Drehte nochmals die Wasserzufuhr auf. Konnte kaum fassen, dass die Schwaden wie beim ersten Mal erneut allen Sauerstoff verdrängten. Der Bademantel glitt zu Boden. Mit einem Satz stand sie wieder unter dem heißen Regenschauer. Lachte Tränen, die sich mit dem Wasser aus der Dusche mischten. In der nächsten Sekunde zappelten ihre Nerven zwischen hilflosen Schluchzern und befreitem Gelächter hin und her. Das Lachen siegte. Sollte es kein Badewasser mehr an Bord geben, war ein Defekt in Kabine 12712 daran schuld. Na und? Rund um die Delight gab es nichts als Wasser. Die Entsalzungsanlagen im Schiffsrumpf würden für ausreichend Nachschub sorgen.
   Als sie in Jeans und einem blauen Kaschmirpullover ihre Haare zu einem Knoten aufsteckte, fühlte sie sich, als hätte sie jeden Kontakt von Rodrigos Fingern auf ihrer Haut fortgespült. Die Tränen waren versiegt, das Lachen verstummt. Zwei Punkte standen ganz oben auf ihrer To-do-Liste: nie wieder frieren und nie wieder hungern. Ihre schmale Taille signalisierte überdeutlich, dass sie dringend Punkt zwei in Angriff nehmen musste. Sie schob die Schlüsselkarte in ihre Hosentasche und machte sich auf die Suche nach dem Büfettrestaurant.

*

»Ich habe mit sämtlichen Krankenhäusern telefoniert. Nirgendwo ist eine Frau eingeliefert worden, die Ähnlichkeit mit Savannah hat. Allerdings würde sie uns bestimmt keine Abschieds-MMS schicken, wenn sie nach einem Unfall in einer Klinik läge.« Henriques Worte brachten das allgemeine Gemurmel zum Erliegen. Drei Augenpaare richteten sich auf ihn. Er zog sein Smartphone aus der Jackentasche. »Macht euch keine Sorgen um mich, und sag allen, dass ich freiwillig gegangen bin. Mir geht es so gut wie noch nie zuvor in meinem Leben. Sucht nicht nach mir, ich komme nicht zurück. Lasst mich bitte einfach in Ruhe. Savannah.«
   »Sie hat nicht den Mumm, sich die Pulsadern aufzuschneiden oder vom Dach zu springen.«
   »Mutter!« Er schoss herum, als hätte sie ihm einen ihrer Gesetzeswälzer in den Magen gerammt.
   »Sei ehrlich, das klingt schwer nach großem Drama.« Gelangweilt nippte Mutter an ihrem Kaffee. »Sie war ein wenig überreizt nach unserem letzten Gespräch, und wir wissen alle, wie gern sie sich in den Vordergrund spielt. Wenn sie meint, uns mit derartigen Botschaften irritieren zu müssen …« Sie stellte die Tasse ab und lehnte sich im Sessel zurück, als säße sie mit Freundinnen in der Pastelaria. Ein Bein über das andere geschlagen, begann sie, in einem Wirtschaftsmagazin zu blättern.
   »Ich denke auch, dass wir einen Suizidversuch ausschließen können.« Zwar schien Vater die Nachricht über Savannahs Verschwinden ebenfalls relativ gelassen aufzunehmen, immerhin wirkte er aber eine Spur nervöser als Mutter. »Wäre sie«, er zögerte tatsächlich, »verletzt, hätten wir umgehend davon erfahren.« Er seufzte schwer. »Wir müssen der Tatsache wohl ins Auge sehen, dass sie gekidnappt wurde.«
   »Nein, Vater, ich denke nicht, dass sie entführt worden ist. Oder hat einer von euch eine Lösegeldforderung erhalten?« Allgemeines Kopfschütteln antwortete ihm.
   »Das will nichts heißen.« Im Stehen wischte Rodrigo über sein iPad. Dafür, dass er seine Verlobte entweder tot oder in den Händen geldgieriger Krimineller glaubte, wirkte er überaus beherrscht. »Die Entführer haben sie gezwungen, diesen Text zu schreiben und …«
   »… bisher keinerlei Forderungen gestellt«, fiel Henrique ihm ins Wort. Er hielt ihm das Handy entgegen. »Sieht so eine Frau aus, die entführt wurde oder an Selbstmord denkt?« Das Selfie zeigte eine ungewohnt strahlende Savannah vor einem in verschiedenen Blautönen schimmernden Hintergrund. »Sie ist nicht entführt worden, Rodrigo«, wiederholte er und musterte die Anwesenden einen nach dem anderen. Ihre merkwürdigen Reaktionen bestätigten seinen Verdacht: Sie war geflohen, und außer ihm kannte jeder im Raum den Grund dafür.
   Ihre Botschaft kam aus heiterem Himmel, während er mit seinen Kindern spielte. Auf seinen Rückruf reagierte sie nicht. Stattdessen meldete eine Computerstimme, dass die gewünschte Nummer derzeit nicht erreichbar sei. Ein schneller Besuch in ihrer Wohnung bestätigte, dass sie nicht leblos im Flur lag. Rodrigo war mit dem nächsten Flieger aus London zurückgekehrt. Seit geraumer Zeit tagte der Familienrat, aber Henrique wurde das Gefühl nicht los, dass nüchterne Geschäftigkeit über Angst und Sorge dominierte.
   »Gab es einen Streit zwischen euch?«, fragte Vater scharf und nahm seinem möglicherweise doch nicht mehr zukünftigen Schwiegersohn das Smartphone aus der Hand. Ohne eine Miene zu verziehen, betrachtete er das Foto. Der Blick, mit dem er ihn anschließend bedachte, erinnerte Henrique an einen Adler, der drauf und dran war, seinen tödlichen Schnabel in die Eingeweide seiner Beute zu hacken.
   »Selbstverständlich nicht«, wies Rodrigo die Frage von sich, als hätte Vater ihm einen unsittlichen Antrag gemacht. »Warum sollte ich die wenige freie Zeit, die uns vergönnt ist, mit Streit vertrödeln? Wir sind zivilisierte Menschen. Wenn wir unterschiedlicher Meinung sind, was selten genug vorkommt, reden wir sachlich über unsere Differenzen. Außerdem«, er machte eine dramatische Pause und zuckte ergeben mit den Schultern, »wer wollte mit einer derart bezaubernden Frau streiten? Ich lasse ihr ihren Willen und erfreue mich daran, dass sie glücklich ist.«
   »Dieser Nachricht zu Folge scheint sie eure Glücksgefühle nicht zu teilen.« Henrique nahm ihm das Telefon weg. Ihm gingen ihre traurige Augen auf dem Herbstball, ihr magerer Körper in seinen Händen, nicht aus dem Kopf. Vater kümmerte nur, wie man die Einmischung der Polizei und den damit verbundenen Skandal umgehen konnte.
   Mutter legte die Zeitung beiseite und sah aus dem Fenster. Ihre Miene machte keinen Hehl daraus, dass sie das An- und Abfahren der Taxen und Limousinen vor dem Hoteleingang interessanter fand als Savannahs Verschwinden. Über das iPad hinweg hielt er Rodrigo das Handy ein weiteres Mal unter die Nase.
   »Im Gegensatz zu euch Politikern, die jedes Wort drehen, wie es ihnen gerade in den Kram passt, steht hier klipp und klar, dass sie abgehauen ist.« Er konnte und wollte das zufriedene Grinsen nicht unterdrücken, das er unterhalb seines Schnauzbarts spürte. »Für mich heißt das, sie hat nicht vor, in absehbarer Zeit zurückzukehren. Ehrlich gesagt klingt Liebe zwischen Sofia und mir anders.«
   »Sie hat Angst vor der Hochzeit, das ist alles«, brachte sich Mutter ohne großen Elan zurück ins Gespräch. Sie breitete madonnenhaft die Arme aus und legte anschließend die Handflächen vor ihrem Busen gegeneinander. »Frauen reagieren immer etwas nervös, sobald der große Tag näherrückt. Erst können sie nicht schnell genug das Kleid kaufen, aber kaum veranstalten die Hormone ihren monatlichen Ringelpiez … Davon habt ihr Männer keine Ahnung.« Das kalte Lächeln auf ihren Lippen erreichte ihre Augen nicht. »Mag sein, dass der Zeitpunkt dieses pubertären Aufbegehrens arg spät kommt, ich bezweifle allerdings, dass es lange anhalten wird. Sobald das Geld ausgegeben ist, kehrt sie reumütig in den Schoß der Familie und an deine Seite zurück«, setzte sie an Rodrigo gewandt hinzu.
   »Ihre Kreditkarten weisen uns den Weg«, sagte Vater nüchtern. »Obwohl ich ihr den Geldhahn am liebsten sofort zudrehen würde und …« Sein Telefon klingelte. Er machte eine Geste, die alle umgehend zum Schweigen brachte, ehe er den Hörer abnahm. »Stellen Sie durch, Inès. … In Ordnung. Warten Sie weitere Anweisungen ab.« Damit legte er auf. Sein Brustkorb hob und senkte sich deutlich, während er einen ungewöhnlich tiefen Atemzug nahm. Seine Hände trommelten ein seltenes Stakkato auf den Tisch. »Wir haben sie gefunden.«
   Die Härte in seiner Stimme bestätigte Henrique erneut, dass pure Torschlusspanik vor der Hochzeit nicht die Ursache für Savannahs Verschwinden war.
   »Gemäß ihrer Kreditkartenabrechnung befindet sie sich auf einem Kreuzfahrtschiff namens Mermaid Delight.« Er hob die Hand, um das ausbrechende Gemurmel zu unterbinden. »Das Schiff hat vorgestern Abend in Lissabon abgelegt. Die Routenbeschreibung sieht einen letzten Stopp morgen in Ponta Delgada vor, von dort aus geht es ohne weitere Unterbrechung nach Miami.«
   »Das Foto muss an Deck entstanden sein.« Henrique betrachtete das Bild genauer. Der Knoten in seinem Magen wurde von einer Welle der Erleichterung fortgespült. »Savannah ist auf Kreuzfahrt.« Er grinste Rodrigo an. »Schätze, du wolltest mit in die Flitterwochen. Da ist aber was richtig dumm gelaufen, wenn die Braut allein in den Sonnenuntergang segelt.«
   »Ich wüsste nicht, was dich das angeht.« Nervös korrigierte er den Sitz seines Krawattenknotens. »Wir sollten verhindern, dass die Presse Wind davon bekommt.«
   Vater schnippte eine Fluse von seinem Jackett. »Einer meiner Angestellten ist äußerst geschickt darin, derart unappetitliche Kleinigkeiten diskret zu erledigen. Sie scheint damit zu rechnen, dass wir ihre Konten sperren. Gemäß meines Informanten hat sie von einem Geldautomaten den höchstmöglichen Betrag abgeholt. Die Schiffspassage wurde über ihre Karte gebucht. Ihr Pech, dass der Grundsatz ohne Kreditkarte kein Zimmer offensichtlich auch für schwimmende Hotels gilt.«
   Rodrigo rückte seine Brille zurecht und glättete seine Haare. Allem Bemühen zum Trotz konnte er sein Unbehagen nicht verbergen. Er räusperte sich mehrfach. »Darüber hinaus verfügt sie über Bargeld aus unserem Safe«, gab er mühsam beherrscht zu. »Außerdem hat sie sämtlichen Schmuck mitgenommen.«
   »Sie hat die Haushaltskasse geplündert?« Henrique nickte anerkennend. »Cleveres Mädchen! Nur Bares ist Wahres, wenn man Reißaus nimmt und keine Spuren hinterlassen will. Hat sie ordentlich was mitgehen lassen?«
   »Über welche Summe reden wir?«
   Vaters strafende Miene konnte seine innere Genugtuung nicht aus dem Takt bringen. Er beobachtete, wie Rodrigo zu schwitzen begann. Umständlich putzte er seine Brille, setzte sie wieder auf und räusperte sich erneut. Ein weiteres Mal ruckelte er am perfekt ausgerichteten Knoten seiner Krawatte.
   »Rodrigo?«
   »Etwa … fünfzigtausend Euro.«
   »Hast du gerade fünfzigtausend gesagt?« Henrique musterte ihn. Er bedachte das Schweigen mit einer abfälligen Grimasse. »Gehst du in den Puff, wenn Savannah Migräne hat, oder wozu hast du derart viel Bargeld im Haus?«
   Souverän ignorierte Rodrigo die unflätige Bemerkung. »Manchmal ist es … nützlich, kleine Scheine bereitzuhaben. In meiner Position sollten nicht alle finanziellen Transaktionen schwarz auf weiß nachvollziehbar sein.«
   »Das scheint sie ähnlich zu sehen.« Er amüsierte sich köstlich über die wachsende Verlegenheit seines aalglatten Gegenübers. »Grob überschlagen ist sie demnach mit insgesamt rund sechzigtausend Euro und einer Handvoll Schmuck unterwegs. Kein schlechtes Taschengeld für ein – wie nanntest du es doch, Mutter – ein pubertäres Aufbegehren?«
   Sie schnaubte verächtlich. »Es mag ein Griff in die Portokasse sein, aber wenn sie es vernünftig anstellt, sollte das Sümmchen reichen, bis ihre Trotzphase vorüber ist. Geht sie sparsam damit um, umso besser. Was mich betrifft, kann sie bleiben, wo der Pfeffer wächst.«
   »Eine Balkonkabine auf einem Luxusdampfer nach Amerika klingt für mich nicht sonderlich vernünftig«, versuchte Rodrigo, einen winzigen Rest seiner verlorenen Ehre zu retten.
   »Leider doch«, widersprach Vater. »Das Schiff ist mit vier leeren Suiten unterwegs, doch sie hat die billigste Kabine gewählt, die noch zu haben war.« Leidenschaftslos musterte er ihn. »Ohne dir zu nahe treten zu wollen, es wäre klüger gewesen, du hättest die Portokasse nicht im gleichen Safe deponiert wie Savannah ihre Perlen.«
   »Das habe ich nicht.« Eine leichte Röte schlich sich über seinen sonnengebräunten Teint. »Weshalb ich dachte, dass bei uns eingebrochen und sie entführt worden wäre.«
   »Soll heißen?« Henrique verspürte ein unbändiges Verlangen, den schleimigen Wichtigtuer mit seiner eigenen Krawatte zu strangulieren. Stattdessen füllte er seine Kaffeetasse nach und häufte Zucker in die schwarze Brühe, um seine Hände zu beschäftigen.
   »Sie hat …« Sein Adamsapfel hopste auf und nieder. »Ich weiß nicht, woher sie die Kombination kannte.« Der nächste Griff an die Krawatte folgte. »Um ehrlich zu sein, …«
   »O weh, ein Politiker droht mit ehrlichen Worten.« Angewidert wirbelte er den Löffel herum, dass dem Zucker schwindlig wurde.
   Vater brachte ihn mit einem indignierten Zischen zum Schweigen. »Fahr fort, Rodrigo.«
   Der fand seinen Stolz scheinbar im Windsorknoten wieder. »Ich muss leider sagen, dass Savannah mich schändlichst hintergangen hat. Es überrascht mich, dass sie überhaupt vom zweiten Safe und dessen Inhalt wusste. Wie sie die Kombination herausfinden konnte, ist mir ein Rätsel. Außerdem hätte ich ihr nie zugetraut, dass sie über eine derartig kriminelle Energie verfügt, mich zu bestehlen!«

*

Im Gegenteil, er wusste es haargenau. Sie hatte im Rahmen einer Dinnerparty zu vielen Kerlen gestattet, ihr zur Begrüßung ihre schmierigen Lippen auf die Wangen zu pressen. Eine ausgiebige Reinigung war unumgänglich gewesen. Außerdem sprach sie an diesem Abend dem Alkohol mehr zu, als es in seinen Augen schicklich war. Das ständige Nippen am Champagnerglas würde sie vorerst nicht vergessen, mochte sie noch so oft beteuern, dass es Sprudelwasser enthielt. Nur der Knebel verhinderte, dass ihre Zähne aufeinanderschlugen, während ihr blau gefrorener Körper trocknete. Ihm war zu spät aufgefallen, dass ihre Augenbinde verrutscht war. Vermutlich hatte die verlogene Schlampe sie trotz der Handschellen verschoben. So konnte sie beobachten, wie er das Bündel Geldscheine zu den übrigen legte und das Gemälde wieder an seinen Platz rückte. Für diesen Ungehorsam musste sie schwer büßen! Derzeit trat er sich insgeheim allerdings in den eigenen Hintern, weil er versäumt hatte, anschließend die Safekombination zu ändern.
   »Wenn du ein attraktives Dummchen zur Frau wolltest, hättest du besser meinem Onkel die Begleitung ausgespannt. Savannah taugt nicht als hirnloses Aushängeschild.«
   Diesen arroganten Scheißkerl von Bruder hätte er zu gern mal … Warum konnte Beachboy nicht in seinem Faulenzerresort versauern? Typisch für jemanden, dessen Karriereleiter in einem Strandhotel endete, war er unprofessionell genug, nicht einmal seine Schadenfreude zu verbergen.
   »Sie ist dir weggelaufen, Rodrigo, und sie wird ihre Gründe dafür haben.«
   »Darum geht es nicht, Henrique«, wies Anibal ihn endlich barsch in die Schranken. »Jetzt zählt nur, dass wir sie umgehend zurückholen.«
   »Holen?« Beachboy hob eine Augenbraue. »Du willst jemanden, der freiwillig das Weite gesucht hat, zwingen, zurückzukommen? Noch dazu, wo Mutter bereits verkündet hat, dass Savannah hier nicht länger willkommen ist? Wenn das bekannt wird, dürfte unser Premierminister in spe sein Konterfei demnächst öfter auf der Titelseite des Correio da Manhã und den übrigen Schmierblättern wiederfinden, als ihm lieb ist.«
   Dem eingebildeten Lackaffen troff die Ironie aus allen Poren. Es kostete ihn, Rodrigo, sämtliche Beherrschung, ihm nicht umgehend das Maul zu stopfen.
   »Schätze, mit der Schlagzeile Hotelerbin läuft aufstrebendem Politikergatten davon bekommst du haufenweise kostbare Sendezeit in einer Talkshow eingeräumt. Allerdings wird man weniger an deinem Wahlkampfprogramm als an deinem Privatleben interessiert sein. Wenn ich meine Mutter richtig verstehe, bist du als potenzieller Schwiegersohn ebenfalls zum Wackelkandidaten geworden. Du stehst auf der Abschussliste, mein Freund.«
   »Ich gedenke nicht, ganz Portugal an einem Disput zwischen meiner Verlobten und mir teilnehmen zu lassen.«
   »Wenn das so ist, wirst du wenig Chancen haben, diesen Disput in absehbarer Zeit mit deiner Verlobten auszudiskutieren.« Beachboy rieb sich die Hände und grinste dämlich. »Savannah ist weg!«
   »Dieses Schiff legt morgen in Ponta Delgada an?«
   »Die Delight hat dort acht Stunden Aufenthalt«, bestätigte Anibal mit einem Blick auf seinen Tabletcomputer.
   »Gut.« Er überlegte. Acht Stunden sollten genügen, um das Flittchen in die Wirklichkeit zurückzuschleifen. »Ich werde nach São Miguel fliegen und sie holen.«
   »Und sie dir vor den Augen von Zigtausend Passagieren über die Schulter werfen, um sie von Bord zu tragen?« Henrique brach in Gelächter aus. »Sehr ökonomisch gedacht, mein Bester. Eure Likes auf YouTube und Facebook werden alle Rekorde sprengen. Nur bezweifle ich, dass sie bei dieser Aktion fotogen in die Kameras lächelt.«
   »Dieses Hickhack bringt uns nicht weiter, Henrique«, Anibal legte das Tablet beiseite. »Fakt ist, dass wir derzeit kaum eine Möglichkeit haben, sie aktiv zur Rückkehr zu bewegen. Ich weiß, Rodrigo.«
   Er biss sich auf die Zunge. Was fiel Anibal ein, ihm das Wort abzuschneiden, noch ehe er den Mund aufmachen konnte?
   »Mir passt die Situation ebenso wenig wie dir, und im Gegensatz zu meinem Sohn kann ich absolut nichts Amüsantes an Savannahs Verhalten finden. Sie wird sich dafür zu verantworten haben, sobald sie zurück ist.«
   Oh, war der Herr etwa anderer Meinung als die fette Kuh mit dem Doktortitel, deren Aufmerksamkeit nach wie vor dem Geschehen auf der Avenida da Liberdade galt?
   Anibal fuhr mit dem Daumen nachdenklich an seinem Kinnbart entlang. »Wenn wir jegliches Aufsehen vermeiden wollen – und ich gehe davon aus, dass das in unserem beiderseitigen Interesse liegt?«
   Er nickte widerwillig, während Beachboy seelenruhig das nächste Plätzchen aus dem Sortiment auf dem Kaffeetisch auswählte.
   »In diesem Fall muss ich Ana-Maria beipflichten. Vorerst haben wir tatsächlich keine andere Möglichkeit. Wir müssen abwarten, bis ihr das Geld ausgeht.«
   Wie bitte? Anibal schlug allen Ernstes vor, auszuharren, bis die nichtsnutzige Schlampe von allein zurückgekrochen kam? Er sollte tatenlos zusehen, wie das verlogene Luder sein Erspartes verplemperte? Darüber würden sie unter vier Augen reden! Nicht in Gegenwart der Paragrafenhexe und des albernen Schnösels, der vor lauter Lachen fast an den Kekskrümeln erstickte.
   »Das Leben in Miami ist teuer, selbst wenn sie darauf verzichtet, in gehobenen Etablissements abzusteigen«, fuhr Anibal fort. »Sie besitzt kein Visum für die USA, also kann sie nur als Tourist einreisen. Das bedeutet, die Amis schmeißen sie nach maximal neunzig Tagen raus.«
   »Das heißt, sie könnte im äußersten Fall drei Monate weg sein. In wenigen Wochen beginnt der Wahlkampf. Ich habe Verpflichtungen!« Im letzten Moment hinderte er sich daran, wieder nach seinem Krawattenknoten zu greifen. Stattdessen schob er die Hände in die Hosentaschen. »Öfter als ein oder zwei Mal ohne meine Verlobte in der Öffentlichkeit zu erscheinen, wird die Gerüchte schüren.« Es kostete ihn gewaltige Anstrengung, seinen Ärger im Zaum zu halten. Fahrig nestelte er an den Knöpfen seines Jacketts. »Nein, das kommt nicht infrage. Ich werde in die USA fliegen und sie abfangen, wenn sie das Terminal in Miami verlässt.«
   »Ein Vorgehen, über das wir uns Gedanken machen werden, wenn wir ein wenig zur Ruhe gekommen sind. Noch ist das Schiff unterwegs. Sollte sie allerdings vor Ort nicht gewillt sein, mit dir zu gehen, dürfte es schwierig sein, kein Aufsehen zu erregen. Du weißt, wie riskant es ist, auf amerikanischen Airports zu agieren. Das wird im Hafen nicht anders sein. Wer für Unruhe sorgt, hat umgehend die Homeland Security am Hals.« Anibal schürzte die Lippen. »In meinen Augen wäre es sinnvoller, sie diskret in einem Hotelzimmer zu überraschen. Entkommen kann sie uns nicht. Mit jedem Einsatz ihrer Kreditkarte verrät sie uns ihre Schritte. Das Bargeld hilft ihr nicht weiter, kein anständiges Hotel vermietet ihr ohne Karte ein Zimmer. Bis dahin …«, er entsandte einen missmutigen Seufzer in die Runde, »pustet ihr die Seeluft ihre kindlichen Flausen hoffentlich aus dem Kopf.«

*

Ana-Maria legte das Besteck beiseite und betupfte ihren Mund mit der Damastserviette. Anibal tat es ihr nach und erhob sich. Umgehend eilte das Dienstmädchen ins Zimmer.
   »Sie können abräumen, Luisa«, beantwortete Ana-Maria ihre stumme Frage. »Wir nehmen den Kaffee im Kaminzimmer ein.«
   »Sehr wohl, Senhora.«
   Vor den raumhohen Glastüren fegte der Wind das Laub über die Terrasse, dichter Regen verwehrte wie ein grauer Vorhang die Sicht in den parkähnlichen Garten. Drinnen sorgte ein knisterndes Feuer für wohlige Wärme an diesem stürmischen Herbstabend. Wuchtige Ledersofas und dunkle Hölzer bildeten eine exquisite Einheit mit kostbaren Gemälden und edlen Teppichen. Ein dicht bestücktes Bücherregal füllte eine komplette Wand aus. Obwohl sie nicht plante, den Abend mit Lektüre zu verbringen, blieb Ana-Maria vor der Ansammlung Hunderter ledergebundener Bände stehen und ließ den Blick über die Buchrücken schweifen. Wortlos wartete sie ab, bis der Espresso serviert wurde. Mit einem Wink entließ sie das Mädchen. Luisa knickste, nahm ihr Tablett und zog sich zurück. Ana-Maria wählte ein Werk von José Saramago und studierte den Klappentext, bevor sie kerzengrade im Sessel Platz nahm. Sie schlug ein Bein über das andere. Dabei achtete sie penibel darauf, dass der Bleistiftrock ihres olivgrünen Kleids ein Stück weit ihre Oberschenkel hinaufrutschte. Das Buch ungeöffnet auf ihren Knien haltend, verfolgte sie, wie Anibal Portwein in zwei Kristallgläser einschenkte. Sorgfältig drückte er den kronenartig geschliffenen Verschluss auf die Karaffe, ehe er den Raum durchquerte. Er stellte die Gläser neben die Kaffeetassen und ließ sich ihr gegenüber in die Tiefen des cognacfarbenen Leders sinken. Sie hob die hauchdünne Porzellantasse, über der ein aromatisch duftendes Wölkchen schwebte, an die Lippen, während sie die Untertasse auf der anderen Hand balancierte.
   »Ich habe mich noch einmal mit Rodrigo unterhalten und versucht, ihn davon zu überzeugen, dass wir Ruhe bewahren sollten«, eröffnete er das Gespräch.
   Über den Rand der Tasse hinweg verfolgte sie jede Regung auf seinem Gesicht. Es waren die kleinen Gesten, die ihr verdeutlichten, wie ungern er dieses leidige Thema zur Sprache brachte. Das Wischen mit der Fingerspitze entlang der feinen Linie zwischen Oberlippe und Barthaaren. Zuvor das überzogene Spiel mit der Glaskaraffe. Das Wippen seiner Fußspitze, die in der Luft hing, seit er die Beine übereinandergeschlagen hatte. Der Blick auf ihre Oberschenkel, der signalisierte, wonach ihm mehr gelüstete als nach heißem Koffein in geblümten Erbstücken. Sie genoss den Kaffee ebenso wie seine Nervosität und wartete ab.
   »Ich konnte ihn nicht umstimmen, er will um jeden Preis nach Miami fliegen.« Er beugte sich vor, nahm ein Plätzchen aus der Gebäckschale und hielt es fest, ohne davon abzubeißen. »Natürlich wird er uns nicht die volle Wahrheit darüber sagen, was zwischen den beiden vorgefallen ist. Es geht uns nichts an, das sollen die jungen Leute unter sich ausmachen. Angesichts dieser überraschenden Flucht wage ich jedoch zu bezweifeln, dass sie ihm in die Arme fallen wird, wenn er am Pier steht.«
   »Es interessiert mich nicht länger, was Savannah macht. Selbst wenn es ihm gelingt, eine Versöhnung herbeizuführen, ist die Heirat für mich vom Tisch.« Sie stellte die Tasse ab und legte das Buch daneben. »Mit diesem kindischen Firlefanz hat sie das Fass endgültig zum Überlaufen gebracht. Mir reicht es! Sie wird unseren guten Ruf nicht in den Schmutz ziehen, weil sie sich für die Prinzessin auf der Erbse hält.«
   »Rodrigo hat mir versichert, dass er sie niemals verletzen würde. Nicht mit Worten, geschweige denn mit Taten. Ihre Vorwürfe, er würde sie schlagen, kann er überhaupt nicht verstehen. Im Gegenteil, er war ehrlich schockiert, dass sie ihn dahingehend beschuldigt. Du kannst dir vorstellen, wie peinlich es ihm war, mit mir über derart intime Dinge reden zu müssen.« Er konzentrierte sich auf die Mandel, die das Zentrum seines Plätzchens markierte. Kein Zweifel, das Thema war nicht nur Rodrigo unangenehm. »Er hat zugegeben, dass sie seiner … Ich nenne es mal hitzigen Leidenschaft …« Er räusperte sich. »Dass sie seiner ungestümen Art im Schlafzimmer wohl nicht immer zugetan ist. Sie ist natürlich äußerst zierlich und trotz ihres Alters noch verhältnismäßig mädchenhaft …« Er nahm einen Schluck Port und ließ den Blick über ihre, Ana-Marias, Kurven schweifen. »Zum Glück waren uns derartige Differenzen immer fremd, nicht wahr, meine Teuerste?«
   »Ich wüsste nicht, worüber ich mich beklagen sollte.« Sie erwiderte seinen Blick und fuhr mit den Fingerspitzen einladend über den Bereich, den der tiefe V-Ausschnitt ihres Kleids zur Schau stellte. Er öffnete den obersten Hemdkragen. Zufrieden schob sie ihren Busen vor und strich mit den Händen an ihren Rippen entlang. Er sog die Luft ein. Sofort hielt sie mitten in der Bewegung inne. »Allerdings geht es hier nicht um dich und mich, sondern um Savannahs absolut unentschuldbares Verhalten.« Sie nahm das Glas zur Hand und ließ den Wein darin kreisen. Der Lichtschein im Kristall vervielfachte dessen Rubinrot wie ein Kaleidoskop. Er ächzte enttäuscht.
   »Was glaubt die kleine Kröte, wer sie ist?« Sie kostete ausgiebig einen Schluck Wein und leckte lasziv an ihrer Oberlippe entlang. In stillem Triumph verfolgte sie, wie er seine Sitzposition kaum merklich änderte. Sie stellte das Glas zurück auf den Tisch und verschränkte die Arme unter der Brust. Dadurch hob sich ihm ihr Dekolleté ein Stück weit entgegen. »Wenn Rodrigo mit ihr im Schlepptau anmarschiert kommt, wird sie eine böse Überraschung erleben. Ich dulde nicht, dass sie unsere Großzügigkeit mit Füßen tritt und obendrein einen ehrenwerten jungen Mann der Lächerlichkeit preisgibt.«
   »Ich verstehe deinen Zorn, Ana-Maria«, erwiderte er in ungewöhnlich verständnisvollem Ton. »Ich versichere dir, dass ich ihr ein derartiges Verhalten keinesfalls ungestraft durchgehen lassen werde. Aber meinst du nicht, dass …?«
   »Nimm sie nur wieder in Schutz!« Mit einem wütenden Ruck sprang sie auf. »Sie macht uns zum Gespött der Stadt, ach, was rede ich, der ganzen Nation, und du spielst den nachsichtigen Vater!« Sie schnaufte mehrmals und fächerte sich Luft zu. »Du weißt, dass ich immer hinter dir stehe, Liebster.« Wieder besonnen legte sie ihre Hand auf seine Schulter. »Deine kleinen Eskapaden … Mein Gott, denkst du, mir ist nicht klar, dass ein Mann wie du mehr braucht, als eine einzige Frau ihm geben kann? Du warst immer Gentleman genug, dich diskret mit deinen Mätressen zu vergnügen. Außerdem kann ich nicht behaupten, dass mir in unserer Ehe etwas fehlen würde.« Ihre Hand mit dem diamantgefassten Smaragdring wanderte über seinen Nacken, verheißungsvoll ließ sie ihre Finger an der Innenseite seines Kragens entlanggleiten. »Und dieses unselige Intermezzo mit Savannahs Mutter …« Mit einem Schulterzucken kehrte sie zu ihrem Sessel zurück. »Seien wir ehrlich: Sie weiß den Wert einer Familie nicht zu schätzten. Ihr mangelt es an Loyalität. Jenes Ehrgefühl, das nur über Generationen hinweg in einem Menschen wachsen kann, ist ihr fremd. Das hat sie spätestens jetzt deutlich bewiesen. Schon ihre Mutter ist davongelaufen, als es Probleme gab.«
   Sie leerte ihr Glas und hielt es ihm auffordernd entgegen. Umgehend ging er damit zur Bar.
   »Stellt uns das Balg vor die Tür und ist weg.« Die Erinnerung an den brüllenden Korb rang ihr ein verärgertes Schnauben ab. »Und die Göre macht genau dasselbe! Man plant die Hochzeit, sucht das Kleid aus, bemüht sich, ihren zahllosen Sonderwünschen nachzukommen, aber bei der ersten Meinungsverschiedenheit sucht sie das Weite.«
   Anibal war vollauf mit der Portweinkaraffe beschäftigt.
   »Es mag hart klingen«, sie mischte ein Quäntchen Anteilnahme in ihre Stimme, »doch deinen väterlichen Gefühlen zum Trotz muss ich anmerken, dass sie nie wirklich in unsere Familie gepasst hat. Wir sollten froh sein, dass sie weg ist.« Zwar wandte er ihr den Rücken zu, dennoch zeigten seine bebenden Schultern, dass ihre harten Worte ihn bis aufs Mark erschütterten. Umständlich sortierte er die Karaffe zwischen Brandy- und Whiskyflaschen ein, ehe er mit den Gläsern an den Tisch zurückkehrte.
   »Du weißt, ich bin dir bis heute von Herzen dankbar, dass du diese unselige Episode damals derart großherzig akzeptiert hast.« Er reichte ihr ein Glas, stellte sein eigenes auf den Tisch und lüpfte seine Hosenbeine über den Knien, bevor er sich setzte. »Im Großen und Ganzen muss ich dir zustimmen. Was Henrique und Gonçalo in den Genen tragen, musste man Savannah mühsam eintrichtern. Obwohl es mir in der Seele wehtut, das zu sagen, gebe ich zu, dass sie weder im Kreis der Familie noch im Geschäft eine klaffende Lücke hinterlassen wird. Dennoch …« Ein seltener Ausdruck des Schmerzes spiegelte sich auf seiner Miene wider. »Sie ist meine Tochter, Ana-Maria. Es tut mir leid, dich daran erinnern zu müssen, doch sie ist trotz allem eine Santiago.«
   »Sie trägt deinen Namen, mehr nicht», wischte sie den Einwand mit einer wegwerfenden Handbewegung beiseite. »Wie du siehst, ist ihr dein Name nichts wert. Tief drin wird sie immer ein kleines Zirkuskind bleiben, genau wie ihre Mutter.« Sie schüttelte verbittert den Kopf. »Mach dir nichts vor, Anibal. Sie wollte weg und ich bin überzeugt davon, dass diese leidige Angelegenheit mit Rodrigo nur Mittel zum Zweck war.« Das Portweinglas in Händen trat sie ans Fenster und sah auf die nächtliche Terrasse hinaus. »Wir sollten froh sein, dass sie ihre Entscheidung vor der Hochzeit getroffen hat«, fuhr sie in harten Worten fort. »Unangenehm für ihn, als gehörnter Bräutigam in der Öffentlichkeit zu stehen, aber das ist sein Problem. Wenn er nicht in der Lage ist, seine zukünftige Frau rechtzeitig an die Kandare zu nehmen, muss er mit den Folgen leben. Sie ist im Kreise unserer Familie nicht länger erwünscht. Außerdem hat sie uns auf eigenen Wunsch verlassen, wenn man ihrem albernen Schreiben Glauben schenkt.« Über ihre Schulter hinweg sah sie Anibal an. »Henrique ist unser Sohn«, sagte sie nachdrücklich. »Ihm allein steht die Fortführung unserer Hälfte der Hotelgruppe zu, nicht diesem chinesischen Bastard.« Zufrieden registrierte sie, dass er unter dem Begriff zusammenzuckte, als hätte sie ihn geohrfeigt. »Ich hoffe, du siehst das ebenso und leitest entsprechende Maßnahmen ein, um seine Ansprüche zu vertreten.«
   Er presste die Hände in den Nacken und dehnte den Hals nach rechts und links. Seine schweren Atemzüge verrieten, welch inneren Kampf er ausfocht. Gelassen trank Ana-Maria einen neuen Schluck Wein, dessen herbe Süße durch ihre Kehle rann. Er dagegen griff nach seinem Glas und leerte es in einem Zug. Nochmals atmete er tief durch, ehe er ihr die Hand entgegenstreckte und aufstand. Gnädig ließ sie zu, dass er ihre Finger mit seinen Lippen berührte. Er legte seine freie Hand auf ihre Hüfte.
   »Du hast recht, meine Liebste. Savannah hat ihre Entscheidung getroffen und sollte sie zurückkommen, muss sie die Konsequenzen akzeptieren. Ich werde umgehend alles in die Wege leiten, um sie aus der Erbfolge zu streichen. Darüber hinaus werde ich mir eine Stellungnahme überlegen, sollte die Presse Fragen stellen.« Der gewohnt unerbittliche Ausdruck verdrängte jeglichen Schmerz aus seinem Antlitz. »Lass uns zu angenehmeren Themen übergehen, um unseren Feierabend zu genießen.« Er ging zur Stereoanlage. Sekunden später füllte Arthur Rubinstein den Raum mit den emotionalen Klängen Chopins.
   Er führte Ana-Maria zum Sofa. »Ich habe mir überlegt, dass wir einige Tage verreisen sollten. Was hältst du Anfang Dezember von einem Abstecher nach São Vicente? Wir waren schon viel zu lange nicht mehr dort.«
   Eine Reise in die Villa auf der lebensfrohen kapverdischen Insel. Hitze eroberte ihren Schoß und ihre schweren Brüste lechzten nach Berührung. Sein Körper antwortete mit einem Schauder, kaum dass ihre Hand über seinen Oberschenkel strich. Eine Reise nach São Vicente sagte ihr, dass sie gewonnen hatte. Sich jeder ihrer Gesten vollauf bewusst, begann sie, die Knöpfe an seinem Hemd mit verzehrender Langsamkeit zu öffnen.
   »Komm, Liebster«, raunte sie mit kehliger Stimme. »Zeig mir, warum ich dich immer noch begehre wie am allerersten Tag …«

*

Mit konstanten achtzehn Knoten pflügte die Delight Florida entgegen. Egal, in welche Richtung man schaute, das Bild blieb das Gleiche: Zu allen Seiten des Schiffes breitete sich eine Wasserwüste aus. Dieses Bild würde sie die nächsten sechs Tage und Nächte lang begleiten. Irgendwo auf der Strecke wechselte das Wasser unter dem Kiel den Namen, sobald aus dem Atlantik die Karibik wurde. Ein entsprechendes Hinweisschild fehlte an dieser denkwürdigen Stelle, dabei hätte bestimmt jeder Passagier davon ein Selfie geknipst. Auf die Idee, eine künstliche Insel ins Meer zu setzen und darauf eine Rumpunsch schlürfende Palme in einer Hängematte zu drapieren, waren die Werbefuzzies noch nicht gekommen.
   Blieb zu hoffen, dass jenseits der unsichtbaren Grenze zur Abwechslung die Sonne schien. Schließlich musste sie über den Bahamas einen Ruf wahren. Dagegen flog niemand zum Sonnenbaden auf die Azoren. Leider plante der schnittige Ozeanliner keinen Stopp in Nassau ein, obwohl der zukünftige Heimathafen bereits in blauen Lettern am Heck prangte, sondern ging erst am Zielort Miami vor Anker. Jede Wette, dass es einen Haufen Passagiere an Bord gab, die diesem Tag entgegenfieberten, denn aktuell machte sich der Atlantik einen Mordsspaß daraus, mit dem Schiff Ping Pong zu spielen.
   Nebelfeuchte Luft waberte über der Gischt, die der Sturm gegen die Steuerbordseite klatschte. Wer einen Schritt auf seinen Balkon wagte, bekam sogar auf den oberen Decks kalte Duschen ab. An der gläsernen Brüstung rannen Rinnsale wie Tränen hinab. Weiße Flecken aus getrocknetem Salz klebten auf der Balustrade. Nicht minder salzig schmeckten Savannahs Lippen, wenn sie darüberfuhr. Feuchte Haarsträhnen wehten um ihren Kopf. Gegen die heftigen Böen kam ihr French Twist nicht an. Derart derangiert konnte sie unmöglich die Kabine verlassen.
   Du bist frei, schoss es ihr durch den Kopf. Du bist frei! Noch fiel es ihr schwer, ihrem mentalen Ich zu glauben. Doch auch im Hafen von Ponta Delgada hatte sie niemand aus der schützenden Umklammerung ihrer Kabine gezerrt. Wer das Versäumte nachholen wollte, brauchte vorerst einen Armeehubschrauber, um die stetig wachsende Entfernung vom Festland zu überbrücken. Dermaßen bekloppt war nicht einmal Rodrigo!
   Sie könnte diese Portion Freiheit ansatzweise durchaus mal testen. In Etappen sozusagen. Für die volle Ladung fehlte ihr der Mut, doch wie wäre es mit einem Probierhäppchen?
   Mit zitternden Fingern betastete sie die Klammern an ihrem Hinterkopf. Zögernd zog sie erst eine, dann die Nächste heraus. Dicke Strähnen lösten sich aus dem festen Verbund. Schon eine Spur mutiger landeten die übrigen Klemmen auf der Anrichte. Wie ein dunkler Wasserfall fiel ihr das Haar über die Schultern. Ein Ruck durchzuckte ihre Haarwurzeln, als die Mähne ihre volle Länge erreichte und wie von einem aufwehenden Fallschirm gebremst wurde. Sie bewegte den Kopf. Zaghaft, als hätte sie Angst, die Pracht könnte wie eine schlecht sitzende Perücke abrutschen. Stattdessen spürte sie, wie ihre Haare der Bewegung folgten, ihr über den Rücken strichen. Das Gefühl ließ sie kichern. Der kleine Teufel, der sie aufs Schiff gelockt hatte, blies die Wangen auf und wuchs spürbar zu neuer Größe heran. Er schrie nach mehr. Im ersten Moment erschrak sie, als die Stimme des wachsenden Wichts das Rauschen der Wellen zu übertönen begann. Alles in ihr zuckte, während das Teufelchen in rasendem Tempo über ihre Nervenbahnen galoppierte. Es dachte nicht daran, seine Reise in die Freiheit zu beenden. Sie eilte zum Spiegel, davon überzeugt, einen überdrehten Kobold auf ihrer Stirn, ihren Wangen zu entdecken. Fühlen konnten sie ihn von der Schädeldecke bis in die Kniekehlen. Als er am rechten Mundwinkel vorbeischoss, zuckte dort ein vorwitziger Muskel. Zwei Sekunden später stand das Teufelchen breitbeinig in ihren Augen und wedelte mit den Armen, bis ein erstes Aufbegehren den angstvollen Ausdruck verdrängte wie der Bug der Delight das Wasser des Atlantiks. Auf der Weiterreise schraubte er mit zahllosen Pirouetten ihren linken Mundwinkel nach oben. Ihr blieb nichts anderes übrig, sie musste ihr Spiegelbild anlächeln. Außerdem sorgte so viel Aktivität an frischer Seeluft dafür, dass dem Kobold der Magen knurrte. Probierhäppchen wurden serviert, damit man Appetit auf mehr bekam und zusammen mit dem steppenden Teufel verspürte sie einen Mordshunger auf das komplette Menü. Sie rannte erneut nach draußen, dorthin, wo die Natur zeigte, wie ausgelassen und unbezähmbar das Leben sein konnte. Ihr Kopfschütteln wurde energischer, ihre Haare folgten. Sie schleuderte den Kopf so heftig wie nur irgend möglich und schloss die Augen, weil ihr schwindlig wurde. Die von der Nebelnässe schwere Mähne peitschte über ihre Wangen. Der Sturm riss an ihrer Jacke und ließ ihre Hosenbeine flattern. Mit der nächsten Böe stob die Gischt einer neuen Woge bis zu ihr hinauf. Ihr schossen Tränen in die Augen. Tränen, die nicht vom Salz des Meeres stammten und dennoch salzige Spuren hinterließen. Sie weinte und warf trotzig den Kopf in den Nacken. Spürte das Gewicht ihrer nassen Haare an der Kopfhaut zerren. Ihre Lust auf mehr wuchs und wuchs. Die Füße des Teufelchens trommelten durch ihren Körper wie ein Stepptänzer im großen Finale. Aus ihrem Appetit wurde Hunger, dann Gier. Bekam man Freiheit am Büfett? Immer wieder nachgefüllt, bis man so vollgefressen war, dass man zu platzen drohte? Konnte man vor lauter Freiheit platzen?
   Sie sah sich wie einen dicken roten Luftballon die Freiheit einsaugen. Saugen, saugen, saugen. Es folgte ein Knall, und die roten Fetzen flogen mit dem Sturm davon. Für alle Zeiten vom Wind kreuz und quer durch die Welt getrieben. Unmöglich, sie je wieder einzusammeln.
   Der Gedanke kitzelte im Hirn, sprudelte wie ein Brausebonbon im Kopf, suchte einen Weg nach draußen. Sie riss den Mund auf und lachte, dass es von den Trennwänden zu beiden Seiten des Balkons und von den hohen Scheiben hinter ihr widerhallte. Das Lachen drang durch die geöffnete Balkontür in die Kabine, fing sich im Raum, kehrte als Echo zu ihr zurück. Lachen. Tief aus dem Herzen kommendes Lachen. Es schoss durch ihre Kehle, tanzte auf ihrer Zunge, bevor es über ihre Lippen sprang und sich mit dem Fauchen des Sturms zu einer lebensbejahenden Symphonie mischte. Sie konnte schwören, dass sie diese Melodie zum ersten Mal hörte. Noch nie in ihrem Leben war ein solch urzeitliches Geräusch aus ihrem Körper in die Welt geflogen. Bis vor einer Minute wusste sie nicht einmal, dass ihr Körper einen derartigen Ton erzeugen konnte. Allerdings wusste sie bis vor einer Minute auch nicht, dass Glück eine Polka im Hirn tanzen konnte. Bisher erklangen da oben immer nur die melancholischen Töne des Fado. Der neue DJ im Oberstübchen gefiel ihr wesentlich besser. Der war engagiert. Auf Lebenszeit!
   Unter ihren Füßen rollte das Schiff in stetem Rhythmus vorwärts. Mit achtzehn Knoten in Richtung Amerika. Begleitet vom Stampfen der Maschinen und ihrem Lachen auf dem Balkon von Kabine 12712. Sie lachte mit dem Wind und den Wellen um die Wette, während ihr sämtliche Naturgewalten ins Gesicht klatschten. Sollten sie doch! Sie ließ sich nicht unterkriegen. Dieses Mal nicht. Ein Hurrikan auf dem Atlantik glich einem Regenbogen im Sommergewitter gegen das, was sie erwartete, falls sie nach Lissabon zurückkehrte. Ihr Vater würde sie mit Worten zermalmen. Was Rodrigo ihr antun würde, wollte sie sich nicht vorstellen.
   Die Kichererbse im Hinterkopf wurde schlagartig ernst, und der DJ schaltete das Mischpult aus. Der Regenbogen wich dem grau in grau eines verregneten Novembertages. In tristen Sepiatönen glitt Rodrigos Bild in den Vordergrund. Ihre fliegenden Haare wurden zu einer Reitgerte in seiner Hand. Das Leder zischte wie eine angriffslustige Schlange, während er sie mit einem Grinsen durch die Luft sausen ließ. Rodrigo ritt nicht. Zumindest keine Pferde.
   Tief in ihr klopfte der Kobold erneut an. Er wollte raus. Sie schnaubte und stampfte mit dem Fuß auf. Das war das Einzige, was sie je wieder mit einer Stute gemein hätte. Rodrigo mochte es noch nicht wissen, doch sie hatte den Dienst in seinem Stall quittiert. Sie tanzte lieber mit dem Teufel.
   Die Mermaid Delight wurde auf ihrer Jungfernfahrt ordentlich durchgeschüttelt, dennoch würde sie unbeschadet ihr Ziel erreichen. Das Ziel ihrer eigenen Jungfernreise ließ sich nicht in Längen- und Breitengraden bestimmen. Sie hatte keine Ahnung, wohin das Meer sie trieb. Sie wusste nur, dass es kein Zurück gab. Mit achtzehn Knoten in die Freiheit. Sie war zum ersten Mal in ihrem Leben frei und würde mit allen Mitteln darum kämpfen, dass niemand sie je wieder in einen Käfig sperrte.

5. Kapitel

Der Sturm war zu einem kräftigen Wind abgeflaut, der von Tag zu Tag ein oder zwei Grad wärmer wurde. Inzwischen riss die Sonne blaue Fenster in die Wolkendecke und lockte all jene ins Freie, die sich von einer frischen Brise nicht umwehen ließen. Trotzdem hoffte jeder darauf, dem in der allmorgendlichen Durchsage des Kapitäns angekündigten Sommerwetter bald zu begegnen. Im Swimmingpool kraulten nur hart gesottene Freaks, und die Sonnenanbeter auf den Liegen nahmen die von den Stewards gereichten Decken dankbar entgegen. Zum Aufheizen erfreuten sich die dampfenden Whirlpools größter Beliebtheit, daneben täuschten hochprozentige Drinks über die frischen Temperaturen hinweg. Von den fast senkrecht über zwei Decks hinabstürzenden Rutschen gellten die Schreie meist jugendlicher Verrückter herüber, weniger Mutige quietschten sich durch die knallbunten Röhren des Aquaparks. Daneben kampierten die Adrenalinjunkies von früh bis spät vor dem Hochseilgarten in der Hoffnung, das verhasste Schild mit der Aufschrift Wegen Starkwind vorübergehend geschlossen würde irgendwann davonfliegen.
   Savannah joggte über den Parcours, der sich um das gesamte Pooldeck wand, und verfolgte dabei das ausgelassene Treiben. Wie sie die Passagiere beneidete, deren Sorgen sich darauf beschränkten, in welchem Restaurant sie als Nächstes essen gehen würden.
   Sie war die einzige Frau auf der Strecke. Den Großteil der sportlicheren Gäste zog es ins hochmoderne Fitnessstudio, wo man auf Laufband und Ergometer ohne Gegenwind die Aussicht genießen konnte. In regelmäßigen Abständen wurde sie von gut gebauten Kerlen in Shorts und Muscleshirt überholt. Jedes Mal schwebte über ihren Köpfen eine wortlose Einladung an die Bar. Die hoffnungsvollen Sprechblasen verpufften, sie trabte in gleichbleibendem Tempo weiter, ohne die stummen Aufforderungen zum Tanz zu erwidern. In ihrem Leben gab es dank eines Kerls genügend Probleme. Eine neue Ladung Y-Chromosomen war das Hinterallerletzte, was sie derzeit – und aller Wahrscheinlichkeit nach bis ans Ende ihrer Tage – gebrauchen konnte.
   Statt Bildern von braun gebrannten Sixpacks ratterten Zahlenkolonnen durch ihren Kopf. Egal, wie sparsam sie lebte, ihre Ersparnisse und das, was sie Rodrigo gestohlen hatte, reichten nicht ewig. Den Schmuck konnte sie nur in zwielichtigen Pfandleihen versetzen, wenn sie nicht ihre Spur markieren wollte wie Hänsel und Gretel im dunklen Wald. Die wenigen Stücke würden ihr kein Vermögen einbringen. Ihre Kreditkarten waren wertlos. Setzte sie eine von ihnen ein, konnte sie ebenso gut eine Postkarte mit ihrer Adresse nach Lissabon schicken. Aus demselben Grund löste sich die SIM-Karte ihres Handys seit Beginn der Reise in den Chemikalien der bordeigenen Kläranlage auf.
   Flotte Beats aus dem MP3-Player trieben den Motor in ihren Beinen an, darüber hinaus mutierte Katy Perrys Stimme zur Backgroundmusik ihrer Gedanken. Sobald sie im Wechsel am vorderen oder hinteren Ende der Laufbahn aus dem Tunnel zwischen Maschinenräumen und Badelakenstation auftauchte, glitt ihr Blick über das Meer. Schob der Wind sie an Backbord mühelos vorwärts, musste sie an Steuerbord gegen dessen Widerstand anrennen. Die unsichtbare Macht von vorn bildete nicht die einzige Hürde, die es zu überwinden galt.
   Bis zur Ankunft in Florida blieben ihr vier Tage und Nächte, um zu überlegen, wie sie das Schiff verlassen konnte, ohne Rodrigo in die Arme zu laufen. Er würde am Hafen stehen, daran zweifelte sie keine Sekunde. Einem Rodrigo Pinto Marquez rannte keine Frau ungestraft davon. Inzwischen dürfte er gemerkt haben, dass sie wusste, wie er seinen Posten im Umweltministerium missbrauchte, um seine Taschen zu füllen. Wenn der Preis stimmte, war es leicht, über eine stinkende Kloake hinwegzusehen. Vater bezahlte ihn, damit die Abwässer aus dem Cinco Estrelas Lisboa ungehindert in den Tejo fließen konnten. Ein purer Zufall, eine falsch abgespeicherte Datei, hatte ihr den Hinweis vor einigen Monaten in die Hände gespielt. Für den großen Knall genügten die kleinen Skandale nicht, denen sie auf die Schliche gekommen war, dennoch würde es ihn nervös machen, dass seine Schweinereien kein Geheimnis mehr waren. Die Entdeckung des Safes war ein Geschenk des Himmels gewesen. Zwar mochte sie nicht die gläubigste Katholikin Portugals sein, trotzdem entsandte sie ein langes Dankesgebet in himmlische Sphären, kaum dass sie nach Rodrigos Züchtigung wieder klar denken konnte.
   Ohne ihr Tempo zu verändern, sah sie auf die Stelle an ihrem Finger, an der bis vor Kurzem ihr Verlobungsring saß. Ein funkelnder Diamant, gleichbedeutend mit der schweren Eisenkugel am Bein eines mittelalterlichen Ganoven. Das simple »Si« hätte sie mit Gottes Segen ohne Hoffnung auf vorzeitige Entlassung lebenslänglich seinen perversen Gelüsten ausgeliefert. Sie ballte die Fäuste und hieb auf den Wind ein. Sobald sie die hochkarätige Fessel versetzen konnte, würde der Erlös für eine Weile ihre Freiheit finanzieren.

Seit die Azoren am Horizont untergegangen waren und sie wider Erwarten noch an Bord weilte, war das Schiff zu einer aufregenden Stadt geworden, die es zu entdecken galt. Wo sonst konnte man eine Geschäftsstraße entlangbummeln und dabei bis zu den Knöcheln im flauschigen Teppichboden versinken? Zwanglos schlenderte sie an den Schaufenstern vorüber, die ihre Waren mit derselben Finesse wie die Boutiquen entlang der Avenida da Liberdade präsentierten. Das Angebot reichte von der vergessenen Zahnbürste über Windeln, Souvenirs und Handtaschen bis hin zu kostbaren Juwelen. Am liebsten schwatzte sie mit dem Personal. Die Verkäuferinnen begrüßten sie wie eine gute Freundin, sobald sie aufeinandertrafen. Allen voran zog Amaya, eine junge Frau aus Schanghai, sie stets aufs Neue in ihr Reich zwischen Bademoden und Strandkleidern, wo sie gemeinsam auf Chinesisch giggelten wie Teenager auf einer Pyjamaparty.

»Mon dieu, mon dieu, mon dieu.« Das Gemurmel verstummte, als der ältere Herr feststellte, dass er Gesellschaft im Aufzug bekam. »Goodmornieeng«, grüßte er mit einem Akzent, der mehr Nationalstolz widerspiegelte als die wehende Trikolore auf dem Dach des Èlyséepalasts.
   Savannah erwiderte den Gruß und fügte gewohnheitsmäßig ein höfliches »Comment allez-vous?« an.
   Der Mann mit dem sorgfältig auf der Fastglatze verteilten Resthaar und tiefen Querfalten auf der Stirn sah überrascht auf. »Sie sprechen Französisch, Mademoiselle?« In seiner Stimme entflammte ein Hoffnungsschimmer vom Ausmaß eines Leuchtfeuers.
   »Qui, Monsieur. Kann ich Ihnen behilflich sein?«
   Der Franzose flocht seine Finger ineinander und schickte eine Dankessalve zur verspiegelten Decke.
   Sie unterdrückte ein Schmunzeln. »Ich denke, wir benötigen momentan keine göttliche Hilfe. Was kann ich für Sie tun, Monsieur?«
   Von Altersflecken gesprenkelte Finger tätschelten ihren Arm. »Sie sind mein Engel, Mademoiselle. Meine Angelique.« Er verpasste, dass der Aufzug stoppte. Die Türen glitten auf und wieder zu, ohne dass jemand einstieg. Kaum merklich surrte der Fahrstuhl abwärts.
   »Ich fahre seit Stunden rauf und runter und laufe hin und her. Meine Odette … Sie wollte zu einer Kunstauktion. Sie hat meine Tabletten in ihrer Handtasche. … Ich war … Eh bien, ich gebe es zu, Mademoiselle, ich habe gesündigt. Wenn Odette hört, dass ich am Büfett war, wird sie böse. Aber die Croissants! Diese Croissants!« Er sog die Luft durch die Nase, als schnüffelte er an einem ofenfrischen Blech voller Hörnchen. »Der Bäcker muss Franzose sein. Mon dieu …«
   »Ich verrate Sie nicht, keine Sorge, Monsieur.«
   »Gerard.« Panik hin oder her, fiel ihm offenbar gerade auf, dass er mit einer schönen Frau allein war. Sie hätte seine Enkelin sein können, doch diese nebensächliche Tatsache blieb im Auf und Ab des Fahrstuhls auf der Strecke. Er deutete eine Verbeugung an und drückte ihr einen formvollendeten Handkuss auf. »Nennen Sie mich Gerard, Mademoiselle Angelique.«
   »Avec plaisir, Monsieur Gerard.« Sie amüsierte sich köstlich über den betagten Charmeur. Da er ihr bereits einen Namen gegeben hatte, sah sie keine Notwendigkeit, ihm mehr von sich preiszugeben. »Sie haben also heimlich Croissants genascht, worüber ich Madame gegenüber natürlich kein Sterbenswörtchen erwähnen werde.« Sie lächelte verschwörerisch. »Wer kann den sündhaften Kreationen der Schiffsküche schon widerstehen?«
   Er zwinkerte ihr aus wachen blauen Augen zu. »Sie können es vertragen, Mademoiselle. Sie sollten mehr von den Croissants essen. Oh, die mit dieser Creme aus Nugat und Schokolade … Mon dieu …« Er rieb über den Hörnchenfriedhof unter seinem Rautenstrickpulli. »Ohne meine Pillen …« Die ursprüngliche Panik verdrängte seine Träume von weiteren süßen Sünden. »Odette … Ich muss Odette finden … Sie wird schimpfen, aber … Sie hat meine Pillen. Hier spricht niemand Französisch und Odette … Sie wollte zur Auktion … Mon dieu …«
   »Ganz ruhig, Monsieur Gerard.« Sie hielt seine kalten Finger fest. »Wir finden Madame Odette, keine Sorge. Ich kenne auf Deck acht jede Menge Leute, die uns sagen können, wo diese Auktion stattfindet.« Sie drückte den Liftknopf, eine Hand weiterhin um Monsieur Gerards Finger geschlungen. »Auf geht’s, wir sind lange genug rauf und runter gefahren.«
   »Niemand kann Französisch. Niemand vom Personal. Überall sind nur diese neumodischen Fernseher an der Wand. Nur technischer Schnickschnack. Wir sind mit einer Reisegruppe an Bord, aber wenn man mal Hilfe braucht … Auf diesem Riesenschiff findet man doch niemanden.«
   »Sie haben mich gefunden, und jetzt finden wir Ihre Frau.« In einträchtigem Schneckentempo steuerten sie die Modeboutique an. Amaya bediente eine Kundin, unterdessen räumte ihre Kollegin Ware in die Regale.
   »Hola Christina, kannst du mir sagen, wo die Kunstauktion stattfindet?«
   »Klar. Warte, ich schaue nach.« Christina tippte auf ein in den Tresen eingebautes Tablet. »Rat Pack Club auf Deck sechs, praktisch genau unter uns. Richtung achtern, an der Weinbar vorbei und hinter der Zigarrenlounge rechts.«
   »Du bist ein Schatz, danke. Sag Amaya bitte, ich komme später noch mal vorbei.« Sie hakte Gerard unter und wechselte vom Spanischen zurück ins Französische. »Sehen Sie, Monsieur, Madame ist nur zwei Decks entfernt. Wir sind fast da.«
   »Mon dieu, mon dieu … Findet man auf diesem Schiff auch etwas ohne einen Computer?«
   Die Frage kam ihr bekannt vor, aber sie lächelte charmant darüber hinweg. Eine weitere Fahrt mit dem Lift und einen kurzen Spaziergang später drängte sie mit Monsieur im Schlepptau durch den gerammelt vollen Club, in dem ein Auktionator hingebungsvoll über einen Monet dozierte.
   »Da! Da ist sie! Neben dem Bild mit der karierten Frau.«
   Minuten später erlebte Savannah aus nächster Nähe, wie Madame Odette ihrer angetrauten Naschkatze die Leviten las. Sie hätte sich am liebsten verdrückt, doch die Hand ihres Findelkinds hinderte sie daran. Während ein geknickter Gerard seine Tabletten schluckte, überschüttete Odette sie mit einer wortreichen Dankesrede.
   »Ihr Mann hatte einfach Glück, dass ich in den richtigen Aufzug gestiegen bin, Madame.«
   »Trotzdem hätte nicht jeder seine Zeit verplempert, um dieses hilflose Riesenbaby zu bemuttern. Ich habe dauernd gesagt, Gerard, lern’ ein bisschen Englisch. Davon will er partout nichts hören.«
   »Lass gut sein, Odette. Schimpfen kannst du später, wenn das arme Kind nicht mehr vor Verlegenheit im Teppich versinkt.« Seine Finger klopften liebevoll auf ihren Unterarm. »Mademoiselle Angelique, würden Sie und Ihr Gatte uns heute Abend die Ehre geben, mit uns zu dinieren? Wir möchten Ihnen bei einem Glas Wein für Ihre Mühe danken.«
   »Das ist wirklich nicht nötig, Monsieur. Ich habe gern geholfen.«
   »Der Gatte möchte lieber mit Ihnen allein sein. Das verstehe ich natürlich. Schade.«
   Unter seinem Dackelblick schmolz sie dahin. »Es gibt keinen Gatten, Monsieur Gerard. Ich bin allein an Bord.«
   »Keinen Gatten? Sind Sie in einem Land voll blinder Dummköpfe zu Hause?« Er schüttelte den Kopf. »Wir können das Kind auf keinen Fall allein zu Tisch gehen lassen, Odette.«
   »Nein, natürlich nicht. Sie müssen uns Gesellschaft leisten, Mademoiselle«, bekräftigte sie seinen Wunsch. »Bitte, Angelique. Es wird ein gemütlicher Abend, das verspreche ich Ihnen.«
   »Was sollte ich machen? Sie waren dermaßen süß …«
   »Voilà, schon dinierst du ’eute Abend mit Missjö und Madam in Le Brasserie La Vie mit eine schöne Glas von die französische Wein und ganze viele Pariser Scharme.« Lange hielt Amaya ihren übertriebenen Tonfall und die gezierten Gesten ihrer Finger nicht durch. Sie musste lachen.
   »Eine Chinesin mit französischem Akzent ist mir noch nie begegnet«, fiel Savannah in das Gekicher ein.
   »Du solltest bei uns anfangen.« Amaya wurde ernst. »Wer alle Sprachen dieser Erde spricht und obendrein seinen Urlaub opfert, um verloren gegangene Süßmoppel quer durchs Schiff zurück in den Hafen der Ehe zu bringen und sie anschließend noch beim Dinner unterhält, der ist für den Dienst unter der Flagge der Bahamas geboren.«
   »Ich spreche nicht alle Sprachen dieser Erde. Monsieur Gerard ist mir einfach im richtigen Moment begegnet.«
   »Missjö würde disch ’eiraten, wenn ärr nicht schon Madam ’ätte. Lenk nicht ab, Schätzchen. Du hast doch im Hotel gelernt, hast du gesagt.« Savannah nickte. »Leute wie du werden hier immer gesucht. Du kannst mit Gästen umgehen, bist gut drauf, verstehst dich mit jedem … Und kannst so exotische Sprachen wie Französisch.«
   »Französisch ist nicht exotisch, wenn man in Portugal lebt. Das sind unsere Nachbarn. Der Exot bist du, liebes Mandelauge.«
   »Selbst Mandelauge. Willst du behaupten, alle Portugiesen sprächen Chinesisch?« Sie zog eine Grimasse. »Erzähl’ das Madam und Missjö nach dem dritten Champagner, aber niemandem, der auf den Weltmeeren Bikinis verkauft.«
   »Ich kann nicht für euch arbeiten. Ich habe keine amerikanische Arbeitserlaubnis.«
   »Meinst du, ich hätte eine?« Sie winkte mit dem Klarsichtbeutel, den sie gerade aufriss, ab. »Brauchst du nicht, wenn am Heck keine Stars and Stripes wehen und dein Schiff regelmäßig durch internationale Gewässer schippert. Du musst ja nicht unbedingt Klamotten verkaufen. An der Rezeption oder am Ausflugsschalter nähmen sie dich mit Kusshand.«
   Ein weißes Sommerkleid weckte ihre Aufmerksamkeit. »Ich nehme auch was mit Kusshand, und zwar den Fummel da.« Sie ging zum Ständer und unterzog das Teil einer genaueren Prüfung.
   »Sorry, Sweetheart.« Amaya schüttelte den Kopf. »Ist zwar Made in Hongkong, gibt’s aber trotzdem nicht in unseren Größen. Nur für …«, sie sah sich blitzschnell nach allen Seiten um, »… dicke Amis.«
   Dessen ungeachtet bummelte Savannah wenig später mit einer Tüte unter dem Arm über das Promenadendeck.
   Leute, die viele Sprachen sprechen und super drauf sind, werden hier immer gesucht. Der Satz rotierte ungebremst durch ihren Kopf. Wuchs zusammen mit dem draufgängerischen Kobold in ihr zu einer vagen Idee heran. Sie beschleunigte ihre Schritte. Für den Aufzug blieb keine Zeit, sie lief die Treppen hinunter und spurtete zurück zur Boutique.
   »Amaya?« Sie hielt sie auf, als diese in den Lagerraum gehen wollte. »Darf ich mal dein Tablet benutzen?«

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