Bahamas im Goldenen Zeitalter der Piraten
Fünf endlos lange Jahre muss Garret Carradine-Hillham der Familienehre wegen dem gefährlichen Kampf gegen die Piraten in der Karibik dienen. Als er kurz vor Ende seiner verhassten Dienstzeit auch noch gefangen genommen wird, sieht er die Chance für immer verloren, in sein altes Leben und zu seinen geliebten wissenschaftlichen Studien zurückzukehren. Doch anstatt eines furchterregenden Freibeuters steckt in der Piratenverkleidung eine faszinierende Frau, die ihn nicht nur mit ihren weiblichen Reizen fesselt, sondern auch noch seine größte Leidenschaft, die Astronomie, teilt. Sein Entschluss, nach London zurückzukehren, gerät ins Wanken, bis er feststellt, dass es noch mehr in seinem Leben gibt, das nicht so ist, wie es scheint.

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Ela van de Maan

Ela van de Maan
Ela van de Maan wurde im letzten Drittel des letzten Jahrhunderts im vorangegangenen Jahrtausend in einer Kleinstadt in Süddeutschland geboren. Seit sie lesen kann, wollte sie auch schreiben. Ihre größte Leidenschaft waren Fantasy und Abenteuerromane, die in ihrer eigenen Traumwelt immer neue Geschichten nach sich zogen. Irgendwann wurde der Geschichtenstapel in ihrem Kopf zu hoch und sie begann sie aufzuschreiben ... Ela van de Maan ist Mitglied in der DELIA - Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren und -autorinnen und im PAN - Phantastik-Autoren-Netzwerk.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog
London, England 1712

»Ich freue mich schon auf den Müßiggang. Diese Semesterferien werden herrlich.« John streckte sich genüsslich in der Kutsche, so lang er nur konnte.
   Garret lächelte nachsichtig. »Müßiggang ist reine Zeitverschwendung, wenn du mich fragst.«
   »Was bist du nur für ein Streber vor dem Herrn, Carradine. Willst du tatsächlich die halbe Nacht im Observatorium sitzen und Sternenkarten prüfen? Da weiß ich schönere Beschäftigungen.«
   »Warum nicht? Es ist eine ausgezeichnete Möglichkeit, das Wissen, das wir das Jahr über an der Universität erworben haben, zu vertiefen.«
   John lachte. »Ich werde ganz andere Dinge vertiefen.« Er lehnte sich zu Garret herüber. »Am Hafen gibt es ein neues Etablissement mit äußerst hübschen Frauen, hat mir Will geschrieben. Er hat schon die besten Plätze reserviert. Vielleicht willst du uns ja einmal begleiten? Auf einen mehr oder weniger kommt es nicht an. Nur solltest du dich auf andere Gesprächsthemen besinnen. Die Damen dort werden sicher nicht an den Naturwissenschaften interessiert sein.«
   »Danke, aber das ist nichts für mich. Und ich bezweifle, dass meine Verlobte darüber begeistert sein würde.«
   John lehnte sich wieder zurück und sah ihn nachdenklich an. »Deine Verlobte wäre sicher begeistert, wenn du in deiner Hochzeitsnacht Ahnung davon hättest, was zu tun ist. Ich glaube kaum, dass dir da deine Sternenbeobachtungen von großem Nutzen sein werden.«
   Garret sah aus dem Fenster und lächelte vor sich hin. Er wusste, was er zu tun hatte. Es gab genug einschlägige Literatur darüber, die unter dem Tresen in der Bibliothek gehandelt wurde. Dazu musste er sich wahrlich nicht erst die Syphilis holen. Zudem interessierte sich Elizabeth sehr wohl für seine Beobachtungen. Sie konnte ihm stundenlang zuhören, wenn er ihr die Theorien Halleys beschrieb, wonach es außer den Planeten noch weitere Himmelskörper gab, die in Bahnen um die Sonne kreisten. Es war ein sehr neues Feld der Astronomie und konnte noch nicht ausreichend belegt werden. Umso mehr reizte ihn dieses Forschungsgebiet, auch wenn er sich dafür jahrelang die Nächte um die Ohren schlagen musste.
   Sein Wohnhaus kam in Sicht. Die beschwerliche Tagesreise von Oxford nach London hatte endlich ein Ende. Er hatte das Gefühl, alle Knochen in seinem Leib wären durcheinandergeschüttelt worden. Doch selbst das konnte seine Vorfreude auf seine neue Semesteraufgabe nicht mindern. Am liebsten wäre er sofort nach Greenwich geeilt und hätte seine Studien aufgenommen. Bis zum Examen dauerte es nur noch ein halbes Jahr, und er wollte der Beste sein. Er wollte nicht nur wegen seines Titels den begehrten Forschungsplatz im Observatorium erhalten.
   Ein kleiner Ruck ging durch die Kutsche, als die Pferde hielten. Das monotone Klappern der Hufeisen hallte in seinen Ohren nach und Garret schüttelte ein paarmal den Kopf, um es zu vertreiben. Sofort wurde die Tür seines Elternhauses aufgerissen, und seine jüngere Schwester Muriel stürzte freudig winkend heraus.
   John räusperte sich aufgeregt und winkte zaghaft zurück. »Aber du kommst zu den Pferderennen, Carradine, nicht wahr?«
   Garret grinste. »Keine Sorge, meine Schwester wird da sein.« Er gab seinem Studienfreund einen Klaps auf die Schulter und verabschiedete sich für die nächsten paar Tage.

»Warte«, tönte Vaters Stimme durch das Haus, als Garret gerade die Stufen zu seinen Räumlichkeiten erklimmen wollte. »Wir haben dir eine wichtige Neuigkeit zu überbringen.«
   Garret drehte sich um. Seine gute Laune verschwand, als er die Stiefmutter neben Vater stehen sah. Sie hatte das Lächeln einer Kobra aufgesetzt.
   »Komm in mein Büro«, ordnete Vater an.
   Sein Tonfall ließ keine der Ausreden zu, die Garret seit jeher benutzte, wenn er seiner verhassten Stiefmutter nicht begegnen wollte. Widerwillig folgte er ihm.
   »Wie du sicherlich vernommen hast, sucht die britische Marine Offiziere für ihre Einsätze in Übersee, um diesem schändlichen Piratengesindel endlich den Garaus zu machen und den Handel wieder in Gang zu bringen«, erklärte Vater, als er an seinem Schreibtisch Platz genommen hatte.
   »Tut mir leid, das ist an mir vorübergegangen. Ich interessiere mich nicht für das Militär, wie du weißt. Meine Vorlieben gelten der Wissenschaft.«
   »Nun, mein Sohn, das wird sich ab heute ändern.«
   Garret sah auf. Sein Blick traf den der Stiefmutter, deren Schlangenlächeln immer giftiger wurde. »Wie soll ich das verstehen?«
   »Ich hoffe, du hast auch an den Fechtklassen der Universität teilgenommen, die ich dir ans Herz gelegt habe. Ich habe dich für den Dienst auf der Royal Defence angemeldet.«
   Garret musste sich am Regal hinter sich festhalten. »Ihr habt was, Vater? Aber … aber das ist unmöglich. Ich bin Student und kein Soldat. Und ich habe bis zum nächsten Semesterbeginn endlich die Stelle am Observatorium erhalten, um die ich mich seit Beginn meines Studiums bemüht habe. Ich kann sie nicht absagen.«
   »Ich habe bereits mit der Leitung gesprochen. Sie finden eine andere studentische Hilfskraft.«
   Garret wurde schwindlig. »Das könnt Ihr nicht machen!«
   »Ich bin dein Vater, und solange du nicht volljährig bist, bestimme ich, was du zu tun hast. Ich habe dir lange genug deine lächerlichen Studien durchgehen lassen. Es geht um die Ehre unseres Hauses. Wir sind eine der einflussreichsten Familien Londons. Seit jeher haben wir Offiziere gestellt und unserem Land zu Ruhm verholfen. Nun bist du an der Reihe, dies weiterzuführen.« Er stand auf und klopfte Garret hölzern auf die Schulter. »Du wirst sehen, diese fünf Jahre sind schneller um als ein Wimpernschlag, und du wirst als Mann zurückkehren und nicht als Professor irgendwelcher sinnloser Wissenschaften.«
   »Fünf Jahre?« Garret konnte immer noch nicht begreifen, was er gerade gehört hatte. »Aber die Hochzeit mit Elizabeth sollte in einem halben Jahr stattfinden! Gleich nach meinem einundzwanzigsten Geburtstag.«
   »Die haben wir bis zu deiner Rückkehr verschoben. Pack deine Sachen. Du gehst sofort an Bord, dein Schiff wird im Morgengrauen ablegen.«
   »Nein!« Muriel stand in der Tür und hielt sich die Hände vor den Mund. »Nein, Vater, das könnt Ihr nicht verlangen. Ihr wisst doch, dass von den Besatzungen der Überseeschiffe nicht einmal die Hälfte zurückkehrt«, rief sie entsetzt. »Garret ist kein Kämpfer. O mein Gott! Er wird kein halbes Jahr überleben. Er … er hat die meisten Stunden seiner Fechtklassen geschwänzt, um sich seinen Studien zu widmen. So ist es doch, Garret? Sag ihm die Wahrheit.«
   Garret starrte zu Boden. Er musste sich mit Mühe verständlich machen, dass es kein böser Traum war, der ihm gerade widerfuhr. Es war Vaters Ernst.
   »Nun, das ist sein Problem. Er hat noch nie die Ratschläge seines Vaters befolgt. Nun muss er eben die Konsequenzen tragen«, entgegnete die Stiefmutter kalt.
   »Das wird aber der Ehre der Familie nicht gerade zuträglich sein«, rief Muriel verzweifelt. »Warum kann das nicht Bradley übernehmen? Er ist älter als Garret, und da Vater ihn adoptiert hat, trägt er auch unseren Namen. Oder James? Der prügelt sich ohnehin mit Vorliebe überall, wo es geht.«
   »Schweig still, dumme Gans. Wie sprichst du von deinen Brüdern? Verschwinde auf der Stelle!«
   »Das sind nicht meine Brüder, genauso wenig wie Ihr meine Mutter seid.« Sie schluchzte laut auf und rannte zurück in ihr Zimmer.
   »Und du, Garret, packst sofort deine Sachen, wie Vater angeordnet hat. Eine Liste der Gegenstände, die du brauchst, liegt in deinem Zimmer. Die Kutsche bringt dich in einer halben Stunde zu deinem Schiff.«

Kapitel 1
Nassau, Bahamas, September 1717 – fünf Jahre später

Dorie sah verächtlich auf den Piraten, der langsam neben ihr von der Bank kippte. Mit hochgezogenen Augenbrauen und einem verschmitzten Grinsen hob sie ihren leeren Krug.
   »Consuela, noch einen.«
   Consuela holte eine versteckte Kanne mit Kokosnusswasser unter dem Tresen hervor und füllte den Rumkrug damit auf. »Die lernen es wohl nie«, kommentierte sie das Kräftemessen und lächelte.
   Dorie zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Selbst schuld. Wenn die denken, sie könnten mich unter den Tisch saufen, müssen sie früher aufstehen. Ich bin nicht so blöd wie die Kerle und kippe den Rum pur hinunter.«
   »Hey Dorie«, rief Blind Dog zur Tür herein.
   Der Hüne versperrte vollkommen die Sicht nach draußen, und sein Kopf war nur halb zu sehen. Dorie fragte sich zum wiederholten Mal, was man dem Kerl wohl in die Muttermilch getan hatte, dass er so riesig geworden war.
   »Wir sind gerade eingelaufen, falls du das wissen wolltest.«
   »Das hört sich gut an. Schick Ana zu mir herauf, ich halte hier derweil die Stellung.« Sie schob den schnarchenden Piraten unter dem Tisch ein Stück weiter und wischte den verschütteten Rum auf. Ana mochte es nicht, wenn es rundherum aussah wie im Schweinestall. Genauso wenig, wie sie sich gern die Hände schmutzig machte und den Dreck selbst aufwischte. Wäre Ana rein zufällig in einer anderen Gesellschaftsschicht geboren worden, wäre sie sicher Prinzessin geworden. Allerdings eine von denjenigen, die einen Dolch unter dem Kleid trugen. Dorie kicherte leise vor sich hin. Dieser Tag würde Freude bringen.
   Leise wie ein Schatten tauchte Ana in der Tür auf. »Hey Leute, habt ihr noch ein Plätzchen für mich?«, fragte sie in die noch fast leere Kneipe.
   Dorie grinste und klopfte auf die Bank neben sich. »Wo hast du denn so lange gesteckt? Ich dachte schon, die hätten dich erwischt.«
   Ana warf ihren schwarzen Dreispitz auf den Tisch und nahm Dorie zur Begrüßung in den Arm. »Ich war auf Tortuga. Hatte einige Probleme in der Mannschaft und musste ein paar Leute austauschen.«
   »Na, hoffentlich hast du Hollister gleich mit ausgetauscht.«
   »Eher entsorgt.«
   »Echt? Hast du ihn über die Klinge springen lassen?«, fragte Dorie.
   »Zu den Haien geschickt, er wollte das Schiff übernehmen. Dieser blöde Kerl.«
   »Weil du immer zu nett bist. Das sag ich dir schon die ganze Zeit. Von meinen Ehemännern hat nie einer versucht, mein Schiff zu übernehmen. Die waren froh, wenn sie nicht nach der ersten Nacht abdanken mussten.«
   Ana lachte und schenkte sich einen Becher ein. »Apropos, bist du wieder verheiratet?«
   »Nein, irgendwie findet sich keiner mehr.«
   »Hat sich wohl herumgesprochen, dass das gefährlich werden könnte.«
   Dorie winkte ab. »Ach, mir ist diese ständige Heiraterei zu mühsam. Dann leb ich halt unmoralisch. Kann es auch nicht ändern. Mein Vater erlebt es sowieso nicht mehr.«
   »Ich fürchte, für einen derart gestrengen Priester, wie dein Vater einer war, wäre das unverheiratete Zusammenleben mit einem Mann ohnehin das kleinere Übel an deiner Lebenseinstellung.«
   Dorie seufzte. »Da könntest du recht haben. Apropos Männer, hast du die drei neuen Militärschiffe im Marinehafen gesehen? Da sind ein paar fesche Offiziere dabei. Die könnten wir uns genauer anschauen. Was hältst du davon?«
   »Ich weiß nicht recht, ich hab eigentlich im Moment die Nase voll von Männern.«
   »Komm, ich hab mich schon so gefreut, dass wir einmal wieder unseren Spaß haben.«
   Ana schüttelte unschlüssig den Kopf. »Aber ich habe nichts anzuziehen. So kann ich kaum dort aufkreuzen.«
   Sie zog an ihren Hosen und der langen Jacke, und Dorie musste ihr im Stillen recht geben, dass ihr Aufzug wenig weiblich wirkte. »Ach was«, bestimmte sie entschlossen, »wir leihen uns etwas von Consuela, die hat sicher einige Beutekisten mit ganz famosen Kleidern herumstehen«.

*

Ana drehte sich vor dem Spiegel in Consuelas Zimmer hin und her. Dorie hatte ihr das schönste Kleid herausgesucht, das zu finden war. Sie fühlte sich verkleidet. Ihre Männergarderobe war ihr lieber. Da hatten die Herren der Schöpfung auch Respekt vor ihr. Aber als Frau?
   Dorie erschien hinter ihr im Spiegel. »Du siehst traumhaft aus! Dieses Blau schimmert wie der Nachthimmel. Fehlen nur noch die Sterne.« Sie ließ eine Kette vor Anas Nase baumeln, die mit unzähligen kleinen Diamanten besetzt war. »Die Offiziere werden sich um dich reißen.«
   »Ach Dorie, so sehen wir aus wie Damen der Gesellschaft. Das fällt doch auf, dass wir keine sind.«
   »Wieso? Wir dürfen halt nicht zu viel sprechen. Einfach lieb lächeln und ein bisschen naiv blinzeln, den Fächer vor die Nase halten und die hübschen Offiziere reden lassen, dann passt das schon. Mach dir keine Gedanken. Um die Uhrzeit ist ohnehin keiner mehr nüchtern.«
   Ana lachte. Wie lange war es her, seit sie sich mit Dorie in ein Offizierskasino geschlichen hatte? Etliche Jahre sicher. Beim letzten Mal hatte Dorie ausgerechnet mit einem der Offiziere geflirtet, mit dem sie sich wochenlang ein Katz-und Maus-Spiel auf See geliefert hatte. Schließlich hatte sie ihn so betrunken gemacht, dass er ihr seine neuesten Strategien, ihr Schiff zu verfolgen, verraten hatte. So gesehen würde es sicher lustig werden.

Albern kichernd wie zwei junge Gänse stolzierten Ana und Dorie mit vorgehaltenen Fächern durch die eigentlich streng gesicherten Hallen des Offizierskasinos. Ana amüsierte es immer wieder, wie wenig ernst Frauen genommen wurden. Dabei war bestimmt die Hälfte der versammelten Offiziere seit Jahren hinter ihren Schiffen her wie der Teufel hinter der armen Seele, wobei die Offiziere den Spruch wohl eher umgedreht und behauptet hätten: Sie, die guten Seelen wären hinter den barbarischen Teufeln her. Dabei stellten sie sich in ihrer vermeintlichen, männlichen Überlegenheit so dumm an, dass sie noch nicht einmal bemerkt hatten, dass die Kapitäne der ihnen so verhassten Schiffe weiblich waren.
   »Heute ist es aber voll hier. Ist etwas Größeres geplant?«, fragte Ana leise, nachdem sie zum zehnten Mal gerade noch ausweichen konnte, bevor ihr ein angetrunkener Offizier auf die Füße trat.
   »Sie haben zusätzlich Schiffe von Jamaica herüberverlegt«, flüsterte Dorie ihr zu. »Dieser Rogers will uns tatsächlich aus Nassau vertreiben. Hauptsache, er hockt mit seiner Plauze im Trockenen. Du solltest einmal sehen, wie fett der geworden ist, seit er sich vom Piraten zum Gouverneur hochgeheuchelt hat. Pass bloß auf, falls er hier ist, dass du ihm nicht zu nahe kommst. Nicht, dass er dich erkennt.«
   Ana verdrehte die Augen. Sie hatte sich den Abend etwas gemütlicher vorgestellt. Die ungewöhnlich zahlreichen Uniformierten und ihre stark parfümierten Damen, die ihnen auf Schritt und Tritt mit gespieltem Interesse an ihren Heldentaten folgten, raubten ihr beinahe die Luft zum Atmen. Sie wusste, warum sie das Meer und ihre Freiheit liebte. Es wurde ihr selbst in ihrem Kleid zu eng. »Ich flüchte kurz auf die Terrasse. Falls wir uns verlieren, treffen wir uns später bei Consuela wieder.«
   Dorie nickte abwesend. Sie war bereits damit beschäftigt, einem allein herumstehenden, stark alkoholisierten Offizier schöne Augen zu machen, der angetan auf ihre wilden roten Locken starrte. Ana war gespannt, mit welchen Informationen sie diesmal in der Hafenkneipe auftauchen würde.
   Eine leichte Brise ließ die Blätter der Palmen sanft auf und nieder schwingen. Nach einem tiefen Atemzug lehnte sie sich an die Brüstung der Terrasse und sah in den Sternenhimmel. Wie sehr liebte sie es, auf ihrem Schiff zu liegen und zu beobachten, wie die Sternbilder langsam über den Horizont wanderten. Sie dachte an die unzähligen neuen Karten, die ihr kürzlich in die Hände gefallen waren und die sie bisher noch nicht einmal zur Hälfte hatte studieren können. Die meisten zeigten die Standorte der Sterne je nach Jahres- und Uhrzeit. Leider waren die Beschreibungen in englischer Sprache und auch, wenn sie Englisch fast perfekt sprach, lesen konnte sie die Wörter nur mit Mühe. Aber sie war froh, überhaupt lesen zu können. Die anderen Piraten machten oft Witze über ihren Wissensdurst und vor allem über ihre Sternenleidenschaft, aber sie wussten gut genug, dass ihre Sachkenntnis ihr Vorteile in der Navigation verschaffte, die ihr keiner so schnell nachmachte. Nicht umsonst hatte sie den Ruf, im Schatten des Mondes durch die Nacht zu wandern und am frühen Morgen an einem anderen Standort aufzutauchen, als alle vermuteten. Das brachten außer ihr nicht viele fertig. Und sie navigierte am liebsten allein, denn die wenigsten verstanden ihre Vorgehensweise.
   »Welchen Stern beobachtet Ihr denn so angestrengt, Mylady?«, erkundigte sich eine dunkle Stimme.
   Ana drehte sich um. Ein hochgewachsener Offizier stand hinter ihr und betrachtete sie amüsiert. Er war ungewöhnlich blond für die Karibik, deren Männer eher südländischer Abstammung waren. Sein Haar wies hell gebleichte Strähnen auf, die sogar im Mondlicht schimmerten, aber seine Haut war braun gebrannt. Er war sicher kein Neuankömmling. »Keinen bestimmten, wenn ich ehrlich bin. Ich habe nur über die Laufbahn der Sterne nachgedacht.«
   »Und zu welchem Ergebnis seid Ihr gekommen?«, fragte er interessiert.
   »Zu welchem sollte ich denn kommen?«
   »Das kommt darauf an, zu welchem Zweck Ihr sie beobachtet.« Er lächelte sie an. Eine Reihe blendend weißer Zähne kam zum Vorschein und kleine Grübchen bildeten sich um seine Augen, deren helles Blau glitzerte wie die Schaumkronen auf dem Meer.
   Sie spürte ein angenehmes Kribbeln. Wenn der Zweck der war, dass sie ihn damit auf ihr Schiff locken konnte, würde sie auch diesen wählen. Ein kleiner warmer Schauder lief über ihren ganzen Körper. Vielleicht würde der Abend doch noch angenehm verlaufen. »Könnt Ihr mir mehr über die Sterne erzählen?«, fragte sie unschuldig. »Ich finde ihr Funkeln so faszinierend. Sie wirken auf mich wie unzählige geschliffene Diamanten am Firmament. Mir ist aufgefallen, dass sie nicht am Himmel stillstehen, wie viele denken. Sie verändern je nach Jahreszeit ihre Bahnen. Was meint Ihr dazu?«
   Er lachte leise und musterte ihr Gesicht.
   Ana befeuchtete ihre Lippen.
   Sein Blick blieb einen Moment zu lange daran hängen. Schnell räusperte er sich und lenkte seine Aufmerksamkeit wieder zum Nachthimmel. »Da habt Ihr gut aufgepasst, denn es steht tatsächlich nichts still. Alles ist in Bewegung. Wir fliegen sozusagen durch das All. Die Erde kreist auf ihrer Bahn um die Sonne. Der Mond kreist um die Erde. Und die Erde dreht sich um sich selbst. Das ist der Grund, warum die Sterne über den Nachthimmel zu wandern scheinen, während die Schrägachse der Erde uns je nach Jahreszeit das Gefühl schenkt, sie würden auf einer anderen Bahn um uns ziehen. Aber ich bin mir sicher, dass sie ebenfalls an ihren Standorten ihre Kreise ziehen. Nur dies zu beweisen, wird nicht einfach sein.«
   Ana beobachtete fasziniert seine Augen. Pure Begeisterung für die Himmelskörper spiegelte sich darin wider. War er wirklich ein Marineoffizier? Wo waren die heldenhaften Sprüche, mit denen die meisten sofort versuchten, eine Frau zu beeindrucken? Er trug noch nicht einmal einen Säbel. Und ob sich in seinem fast leeren Glas je etwas Alkoholisches befunden hatte, wagte sie zu bezweifeln. Ein Offizier der britischen Marine, der nach Mitternacht noch verständlich über die Gestirne am Himmel sprechen konnte, war ihr noch nie begegnet. »Ihr scheint sehr bewandert zu sein in der Wissenschaft der Astronomie. Oder irre ich mich?«
   Er stützte sich neben ihr an der Brüstung ab. »Ich liebe es, die Geheimnisse zu erforschen, die das Weltall noch vor uns verbirgt.«
   »Tatsächlich?« Ana drehte sich zur Seite und berührte flüchtig seinen Arm. »Ist das nicht etwas ungewöhnlich für einen Mann der Marine?«
   »Ist es nicht noch ungewöhnlicher für eine Dame, sich damit zu beschäftigen?«
   Ana lächelte kokett. Für eine Dame mochte es vielleicht ungewöhnlich sein, aber nicht für sie. Doch im Moment verspürte sie eher einen ungewöhnlich starken Drang, seine Geheimnisse zu erforschen. Es erschien ihr unwirklich, dass er zu dieser Horde von Angebern und Wichtigtuern gehörte, die sich im großen Saal des Kasinos gerade noch mit der Aufzählung ihrer Verdienste überboten hatten. Ihr Herz schlug schneller.
   »Verzeiht, dass ich so unhöflich war, mich nicht als Erstes vorzustellen, Mylady.« Er stellte sich korrekt vor sie hin, nahm ihre Hand und deutete einen Handkuss an. »Mein Name ist Garret Carradine.«
   »Nur ein Vorname und ein Nachname? Ist das nicht sonderbar für einen Offizier?«
   Er lachte. »Ihr scheint die Offiziere gut zu kennen?«
   Ana zuckte mit den Schultern. Sie kannte sie besser, als ihr lieb war.
   »Ihr habt recht. Mein voller Name ist Garret Sander Carradine-Hillham. Seid Ihr nun zufrieden?«
   »Kein Titel, kein Rang?«
   »Würden Euch Titel und Rang beeindrucken?«, flüsterte er verführerisch an ihrem Ohr.
   Sein Atem kitzelte sie leicht am Hals. Ein wohliger Schauder lief über ihren Körper. Ana lächelte und schüttelte den Kopf. Es beeindruckte sie viel mehr, welche Anziehungskraft dieser blonde Offizier auf sie ausübte. Selbst ein seltenes Ereignis am Firmament hätte sie nicht dazu gebracht, ihren Blick von ihm zu wenden.
   Sein Mund zuckte verräterisch. Er war sich seiner Ausstrahlung durchaus bewusst. Und er schien nicht abgeneigt zu sein, das Spiel der Nacht mit ihr zu spielen.
   »Darf ich ebenfalls erfahren, mit wem ich das Vergnügen zu dieser wundervollen, späten Stunde habe?«
   »Ach, hier bist du«, rief Dorie und stürzte auf Ana zu, bevor sie die Möglichkeit hatte zu antworten. »Komm, wir müssen los, äh …« Sie musterte kurz den Offizier von oben bis unten und grinste breit. »… äh, dein Vater sucht dich. Er sollte dich besser nicht hier finden.« Schnell zog sie Ana mit sich.
   »Was ist denn in dich gefahren?«, fragte Ana, enttäuscht darüber, so jäh aus diesem verführerischen Spiel gerissen worden zu sein. Sie wand sich aus Dories Griff, während sie über den Garten vom Grundstück des Kasinos eilten. »Und wer zur Hölle soll mein Vater sein?«
   »Wenn du das nicht weißt, ich kann es dir auch nicht sagen. Aber wir sollten hier schnellstens verschwinden. Hast du den Namen deines Schiffes übertüncht?«
   »Natürlich, was denkst du von mir? Und auch die Galionsfigur ausgetauscht wie immer. Ich fahr doch nicht in die Höhle des Löwen und gebe mich zu erkennen. Was ist denn los?«
   »Rogers ist aufgetaucht. Beinahe wäre ich ihm in die Arme gelaufen. Ich hatte echt verdammtes Glück. Stell dir vor, er hätte mich vor versammelter Mannschaft enttarnt.«
   Ana rollte mit den Augen. »Das wäre uns schlecht bekommen. Nur schade, dass ich den Flirt mit dem hübschen Offizier nicht weiterführen konnte. Er schien ein interessanter Kerl zu sein.«
   »Zumindest war er ansehnlicher als die anderen Kerle, denen du immer auf den Leim gehst«, stellte Dorie fest.
   »Und er kannte sich offenbar mit den Sternen aus«, fügte Ana hingerissen hinzu.
   »Ach herrje, dann war es vielleicht besser, dass uns Rogers verscheucht hat. Noch so einen Sternendeuter könnt ich nicht ertragen. Da reichst du mir schon, mit deinen Weisheiten.«
   Ana gab ihr einen Stoß.
   Dorie wich ihr lachend aus, um nicht Gefahr zu laufen, einen weiteren abzubekommen. »Wenn du mich noch einmal schubst, erzähle ich dir nicht, dass einer der Offiziere aus Jamaica mir gerade verraten hat, dass sie hinter zwei Schiffen her seien, die zwar angeblich groß und gefürchtet seien, aber gegen die Piraten auf Jamaica, gegen die er in den letzten Jahren gekämpft hätte, nur kleine Fische sein können.«
   »Wer soll denn das sein?«
   »Das habe ich mich auch gefragt. Als ich ihn äußerst ehrfurchtsvoll gefragt habe, hinter wem er denn her sei, nannte er glatt unsere Schiffe. So ein Angeber! Als ob es auf Jamaica großartigere Piraten gäbe als uns. Da sind doch nur die zu finden, die sich von den Bahamas davongemacht haben, weil es ihnen hier zu brenzlig geworden ist. Ich meine, wir sollten ihm morgen mal einen Denkzettel verpassen. Was hältst du davon?« Sie sah Ana erwartungsvoll an. »Sie wollen im Morgengrauen auslaufen und nach uns suchen. Der betrunkene Dummkopf hat mir sogar die Route genannt, auf der sie fahren wollen.«
   »Na, warum nicht?« Ana war begeistert. »Dann knöpfen wir ihnen gleich ein paar Kugeln und Schwarzpulver ab. Wir müssen ohnehin unser Munitionslager wieder auffüllen. Komm, schlüpfen wir aus diesen lästigen Kleidern und legen uns auf die Lauer.«

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