Es geht heiß her zwischen Juliette und Tom. Sex ist in Ordnung, Liebe nicht. Eine junge Prostituierte wird tot aufgefunden, nackt und mit auffallender Sonnenbrille, die auf erschreckende Weise der von Juliette gleicht. Sie glaubt an einen Zufall, bis eine weitere Frauenleiche geborgen wird, mit einem Ring am Finger und einer Gravur, die ihr einen Schock versetzt. Noch ahnt sie nicht, dass jemand ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen will, um ihr auf skrupellose Weise einen Spiegel vor das Gesicht zu halten. Als ein dritter Mord geschieht und nur einer von dem mysteriösen Fundstück wissen kann, nämlich Tom, beschleicht sie der Verdacht, dass seine Absichten nicht die sind, die er ihr weismachen will. Was für ein dunkles Geheimnis verbirgt er? Oder ist der Grund ein völlig anderer, ein noch unheilvollerer?

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ISBN: 978-9963-53-445-6

Seiten: 309

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Helena Grass

Helena Grass, ein Kind der kreativen Sechziger, wandelt mit Vorliebe auf dem Grad zwischen Wirklichkeit und Fantasie. Als junge Erwachsene tobt sie sich in der Malerei aus. Später erfindet sie Geschichten für Teenager, noch später Romane für Erwachsene. Heute lebt sie, unsportlich entgleist, zusammen mit ihrer rennradverrückten Familie an einem bezaubernden Seerosenteich inmitten von duftenden Kräutern im schönen Sachsen-Anhalt ... und schreibt.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog
Zwanzig Jahre zuvor

Er hatte die Frage nicht verstanden, weil sein Kopf zur Seite geschleudert wurde und sein Ohr von der harten Backpfeife rauschte. Die Haare hingen ihm in die Stirn, blutverkrustet wegen der alten Verletzung, die wieder aufgebrochen war. Fragend sah er auf, in das Gesicht seiner Mutter. Rot gefärbt vom Zorn bohrte sich ihr verächtlich strenger Blick in seinen, mit einem Ausdruck tief drinnen, der einer Faust ähnlich auf ihn eindreschen wollte. Er sah ihre fettverklebten Strähnen, die schweißig an ihrem Kopf pappten, spürte ihren Atem. Wie immer stank sie nach Knoblauch, wie alles im Haus, Möbel, Teppiche, Tapeten. Aus Angst, sich übergeben zu müssen, hielt er die Luft an. Das Blut in seinen Ohren pulsierte sofort lauter. Wären es doch die donnernden Wellen des Sees, denen er so gern zuhörte, wenn es stürmte. Warum konnte er nicht einfach den angesammelten Hass hinunterschlucken, allen Schmerz und die undefinierbare Wut auf seine Eltern? Warum ging das nicht? Er duckte sich, um sich klein zu machen, vielleicht übersah sie ihn oder hatte wenigstens Mitleid mit ihm. Manchmal hatte das schon geklappt.
   Diesmal hatte er Pech. Sie riss sein Kinn hoch, sein Körper ruckte. Er spürte die Stricke, die ihn an den Stuhl fesselten, wie sie tiefer in seine dünnen Handgelenke schnitten und den schmerzenden, noch nicht verheilten Bruch im linken Knie, als er versuchte, sich dagegenzustemmen. Nicht sie hatte es zertrümmert, sondern sein Adoptivvater, vor dessen streng religiöser und konservativer Auffassung sie kuschte und alles tat, was er von ihr verlangte.
   »Zum letzten Mal«, keifte sie hyänengleich, »wo hast du dich so lange herumgetrieben? Pünktlichkeit ist eine Tugend. Das habe ich dir hundertmal gepredigt.«
   Er kniff die Augen vor Schmerz zusammen und tat, als überlegte er. Je mehr sie ihn drangsalierte, desto heftiger musste er sich verbeißen, ihr seine Wut ins Gesicht zu schreien. Sie nahm ihn am Hals, zwickte mit ihren Fingernägeln in seine Haut, zerrte und drückte, bis er nach Luft japste.
   »Raus mit der Sprache. Ich schlag dich grün und blau, wenn du nicht gleich deinen Mund aufmachst.«
   Ihr speicheldurchtränkter Atem traf sein Gesicht. Er drehte den Kopf weg. Was sollte er ihr antworten? Dass er den Bus verpasst hatte, weil er nicht schnell genug laufen konnte, wegen der Schiene an seinem Bein? Das zuzugeben, traute er sich nicht. Sie würde ihm die Schuld geben und der Wunsch nach einem Fahrrad wäre in noch weitere Ferne gerückt. Also log er notgedrungen und berichtete von der Lehrerin, die ihn aufgehalten hätte, um den Namen seines behandelnden Arztes zu erfahren. Gefragt hatte sie ihn das wirklich, nur viel früher.
   Die Alte grinste ihn an und offenbarte damit die Zahnlücke rechts unten in ihrem Gebiss. »Neugierde ist eine Untugend. Nur Verrat ist schlimmer. Der bringt Kriege mit sich. Das muss im Keim erstickt werden.« Sie schluckte hart und löste ihre Hände, dann schüttelte sie ihn heftig. »Dass du in der Schule ja die Klappe hältst. Noch sind deine Zähne schön. Noch.«
   Züchtigung durch Strenge nannte sie das, wobei seine Lehrerin aufgrund der zahlreichen blauen Flecke und Striemen von Kindesmisshandlung sprach und drohte, die Eltern anzuzeigen, falls sie den Vorwurf nicht hinreichend entkräften konnten. Da mochte er noch so inständig beteuern, hingefallen zu sein wegen seiner Verletzung am Knie. Die Lehrerin nahm ihm das nicht ab. Sie bestand auf einer Aussprache mit seinen Eltern, was bedeutete, dass er zwischen die Fronten geraten würde, egal, ob er bei der Wahrheit blieb oder nicht.

Eine Woche später, an einem Nachmittag, der See unweit des Hauses badete im Glanz der August-Sonne, meldete sich Frau Hauser zu einem Hausbesuch an.
   Es sollte ihr erster und gleichzeitig ihr letzter sein.

Kapitel 1

Tom war unglaublich, dachte Juliette und ließ mit einem himmlischen Glücksgefühl das Handy sinken. Seine Worte entlockten ihr ein Grinsen und einen wohlig prickelnden Schauder, der ihr, einem hauchzarten Federstrich gleich, eine Gänsehaut bescherte. Er hatte ihr mit verführerischer Stimme versprochen, sie so oft zum Orgasmus zu bringen, bis sie ihn anflehte, aufzuhören.
   Um seine Sehnsucht anzustacheln, schob sie ihr Shirt hoch und knipste ihre Brüste. Mit der Bemerkung »Das erwartet dich!« sandte sie das Foto ab.
   Aufgeregt und mit gespannter Erwartung, was er alles mit ihr anstellen würde, stellte sie sich vor den hohen Spiegel in ihrem Schlafzimmer und zog die Bauchmuskeln ein. Mit einem Meter achtundsiebzig war sie zu groß geraten. Das galt auch für ihre Oberweite. Früher, als Pubertierende, hatte sie sich darüber geärgert. Heute war sie froh – über beides.
   O Gott, wie ich aussehe. Eilig riss sie sich die Kleider vom Leib. Sie war völlig verschwitzt vom Joggen und reif für die Dusche. Bevor der erste Tropfen Wasser ihre Haut berührte, durchzuckte der schrille Ton der Haustürklingel das Geräusch der hell prasselnden Brause. Erwartungsvoll spähte sie durch das Fenster hinunter auf die Straße über die grüngoldene Blätterpracht des mächtigen Ahorns, unter dem Tom seinen nagelneuen VW Caddy manchmal parkte. Aber sie konnte ihn nicht entdecken. Bestimmt hat er ihn woanders abgestellt, weil die Sperlinge immer sein Dach vollmachen, dachte sie belustigt und flitzte, nackt, wie sie war, zur Eingangstür, an der es nun heftig pochte. Sie riss sie auf und erstarrte. Nicht Tom stand vor ihr, sondern Robert Kant, ihr Nachbar. Robert war fünfundzwanzig Jahre alt, arbeitete als Krankenpfleger in einer Münchner Klinik und besaß die unschuldigsten und schwärzesten Augen, die sie je gesehen hatte.
   »Oh, hallo …« Mehr brachte er nicht heraus, weil sein Blick verlegen auf ihrem wogenden Busen lag.
   In dem Moment wurde sich Juliette unangenehm bewusst, dass sie nackt war. Erschrocken hopste sie hinter das Türblatt und sah nur mit dem Kopf hervor. »Hallo Robert. Was gibt es?«
   Robert schnappte schockiert nach Luft. Sonst ruhig und gelassen, wischte er mit den Händen fahrig über seine abgeschnittene Jeans. »Ähm, sorry, … ich hab mich ausgesperrt und wollte eigentlich nur nach einem Schraubenzieher fragen«, stotterte er nervös. »Eine Scheckkarte würde mir auch reichen.«
   Mit abschätzendem Blick zog Juliette die Augenbrauen hoch. Sie mochte den einsiedlerischen Robert, seine leise, geheimnisvolle Art, die legere Kleidung und die unordentlich wirkenden, immer zerzausten, langen Haare, die sich scheinbar nur bändigen ließen, wenn er sie in einen Zopfgummi zwängte. Trotz der fünf Jahre, die er jünger war als sie, machte er aus seiner Zuneigung ihr gegenüber keinen Hehl. Sie waren sogar mal kurz zusammen.
   »Bitte, Juliette«, drängelte er mit einer Stimme, die so dunkel wie seine Augen war. »Tu mir den Gefallen und lass mich rein. Mein Abendbrot brennt sonst an.«
   »Ja, klar. Warte einen Moment. Wie du siehst, wollte ich gerade unter die Dusche.«
   Robert hatte bereits einen Fuß in den Türspalt gesetzt und trat nun zurück. »Ach, deshalb. Verstehe.« Er lachte leise auf. »Soll ich lieber draußen warten?«
   »Ach wo. Komm schon rein. Aber mach die Augen zu.«
   Irgendwie fand sie es unhöflich, ihn einfach abzuweisen. Allerdings wusste sie auch, dass er ihr auf den Hintern starren würde, sobald sie ihm den Rücken zuwandte. Rasch angelte sie einen dünnen Mantel vom Kleiderhaken, schlüpfte hinein und hastete los. In der Küche hob sie den Karton mit dem Werkzeug aus der untersten Schrankschublade und balancierte ihn auf den Tresen. Dabei klaffte der Mantel über ihrer Brust auseinander, was Robert, der ihr nachgekommen war, ein freches Grinsen entlockte und garantiert der Grund war für die Wölbung in seiner Hose. Ihr Körper reagierte sofort. Lust und Hitze zogen durch ihren Unterleib, ihre Brustspitzen richteten sich auf. Mit heißen Wangen blinzelte sie zum Herd auf die Zeitanzeige der eingebauten Digitaluhr. Gerade einmal zehn Minuten waren seit Toms Anruf vergangen. Sie stöhnte innerlich auf, weil sie beinah wünschte, dass er nicht so schnell kommen würde und sie sich nicht beherrschen müsste.
   Sollte sie auf Robert eingehen, auf die Gefahr hin, von Tom erwischt zu werden? Wegen eines Quickies? Sie schwankte einige Sekunden, bevor die Vernunft siegte und die Ernüchterung die Oberhand bekam. Himmel nein, dieser Peinlichkeit wollte sie sich nicht aussetzen. Nicht schon wieder. »Ich muss dich jetzt rausschmeißen, Robert«, sagte sie zögernd, »bevor du noch dein Abendessen vergisst und ich meine gute Erziehung. Ich bekomme gleich Besuch.«
   »Ach ja?« Roberts Nasenflügel blähten sich und das Lächeln in seinem Gesicht gefror. »Das sah aber gerade noch anders aus. Ist es Tom?«
   Juliette wusste, dass Robert Tom nicht leiden konnte und es auf Gegenseitigkeit beruhte. Wenn Tom aufkreuzte und ihn sah, gab es Ärger. Das konnte sie momentan nicht gebrauchen. Sie musste sich mit dem Duschen sputen, bevor die beiden zusammentrafen. »Ist doch egal, wer es ist.« Sie schloss die Augen, um ihn nicht ansehen zu müssen. »Geh’ einfach. Bitte.«
   Mit lautstarkem Pfeifen sog Robert die Luft ein, machte ruckartig kehrt und stolzierte inmitten des feinen Wasserdampfes, der in Schwaden aus dem Badezimmer waberte und inzwischen den halben Korridor eingenommen hatte, zur Eingangstür. Juliette blickte ihm nach. Er hatte immer noch diese Anziehungskraft, die sie kirre machte.
   Froh darüber, dass eine Begegnung mit Tom ausgeblieben war, hüpfte sie in die Dusche und verrieb unter wohligem Schaudern das süß duftende Shampoo auf ihren Rundungen, als sie einen Luftzug verspürte und gleich darauf zwei starke Hände, die vorsichtig, aber eindringlich von hinten nach ihr tasteten. Schmetterlinge sausten durch ihren Bauch und ihre Haut begann zu kribbeln. Tom. Unweigerlich musste sie lächeln. Damit hätte sie rechnen müssen, dass er nach dem langen Tag ausgiebig duschen wollte. Er riss sie ungestüm an sich und küsste ihren Nacken. Juliette seufzte auf vor Begierde. Verlangend presste sie sich an ihn, um willig seiner Aufforderung zu folgen und die schmerzhaft prickelnde Lust in sich zu besänftigen.
   Tom war ein äußerst attraktiver Typ, ein bisschen draufgängerisch und nicht immer ehrlich, was das andere Geschlecht anging. Als Manager eines renommierten Münchner Hotels traf er viele schöne Frauen, was unzweifelhaft zu einigen Sexaffären geführt hatte. Eine Tatsache, die er nicht leugnete, denn er tolerierte auch ihre Affären. Misstrauen und Eifersucht waren kein Thema zwischen ihnen. Seine Lebensphilosophie entsprach der ihren. Sie wollten ihren Spaß haben, unkompliziert und in vollkommener Unabhängigkeit, ohne Gefühle oder gar Liebe. Es war die perfekte Lösung, und es funktionierte seit nunmehr zwei Jahren zu ihrer beider Zufriedenheit.
   Juliette spürte Lippen an ihrem Ohr, dann Hände, die sanft und zielsicher ihre Brüste massierten und oberhalb ihrer Pobacken etwas Großes, Hartes. Sie stutzte. Wieso so weit oben und nicht dazwischen? Tom war auf Augenhöhe mit ihr. Einem Impuls folgend, drehte sie sich um und bemerkte eine beharrte Brust. Scheiße! Tom war rasiert.
   Eilig trat sie zurück, um in dem dichten Dampf etwas erkennen zu können. Ihr Gegenüber war größer als sie. »Robert! O mein Gott.« Paralysiert durch den Schock, wich sie zurück.
   »Teufel noch mal«, stöhnte er in dem Versuch, sie an sich zu ziehen. »Du bist so verdammt sexy.«
   Juliette war empört. Sein Gestammel bewirkte genau das Gegenteil von dem, was er sich erhoffte. Sie versuchte, seine Hände abzuwehren. Es gelang ihr nicht. »Wie kannst du es wagen?« Sie stieß heftig gegen seine Brust. »Besser, du gehst jetzt.«
   Seine Mundwinkel zuckten. Es schien, dass er ihrer Bitte nicht nachkommen wollte.
   »Verdammt, Robert!« Sie schubste ihn gewaltsam aus der Dusche. »Zwinge mich nicht …« Sie vermochte nicht, weiterzureden, etwas in ihr hinderte sie daran.
   »Bitte Juli.« Er wirkte angespannt, erschrocken, beinah eingeschüchtert.
   »Verdammt, Robert, so geht das nicht.«
   »Ist ja schon gut. Ich hab’s kapiert.« Er trat zurück, machte eine Kehrtwende und verschwand.
   Kurz darauf krachte die Tür ins Schloss.
   Verdammter Idiot, auch noch beleidigt sein. Was dachte der sich eigentlich? Dass sie leicht zu haben war? Scheißegal. Sollte er doch. Was juckte es sie? In Zukunft würde sie ihm aus dem Weg gehen.
   Aufgebracht strich sie ihr nasses Haar aus dem erhitzten Gesicht. Die absonderlichsten Gedanken schwirrten durch ihren Kopf. Sie sollte die Sache vergessen, doch ein Beben tief in ihr drinnen verhinderte das. Immer wieder sah sie seine schwarzen funkelnden Augen mit den langen Wimpern, in denen perlende Wassertropfen hingen, spürte seine sanften Küsse im Nacken, seine Hände, die hungrig ihre Brüste anhoben und sie unendlich zart berührten. Ihn abzuweisen, war ihr schwerer gefallen, als sie sich eingestehen wollte.
   Unwillkürlich schloss sie die Augen. Nicht nur ihr Kopfkino drehte komplett am Rad, auch ihr Körper rebellierte verräterisch. Verdammt, Roberts Auftauchen hatte sie komplett aus der Bahn geworfen.
   Hastig schwenkte sie den Wasserhebel auf kalt, was Abhilfe schaffte und ihr Gemüt abkühlte, bevor sie sich abtrocknete, das Badfenster ankippte und die Straße überschaute. Die Parklücke, in der Tom wie üblich sein Auto abstellte, war nach wie vor leer. Schnell föhnte sie im Schlafzimmer ihr kastanienbraunes Haar, bis es in weichen Wellen ihre Schultern und ihr Gesicht umrahmte. Dabei betrachtete sie ihr Spiegelbild. In ihren blauen Augen stand noch immer das ungläubige Entsetzen wegen Roberts Unverfrorenheit und ihrem jähen Entschluss, ihn hinauszuwerfen. Bereute sie es schon? Instinktiv verglich sie ihn mit Tom. In Aussehen und Eleganz schnitt Robert nicht gut dabei ab. Aber er besaß andere hervorstechende Eigenschaften; Höflichkeit, Charme und eine unwiderlegbare Ausstrahlung, die trotz seiner Zurückhaltung einen gewissen Reiz auf sie ausübte. Da konnte Tom nicht mithalten.
   Bilder von Roberts feurig dunklen Augen fluteten durch ihr Hirn. Sie dachte an den harten Druck an ihrem Hinterteil, seinen aufgerichteten Schwanz. Sie betrachtete ihre Brustwarzen, die sich hart aufstellten und ihr Adrenalin in Schwung brachten. Beschämt senkte sie die Lider. Die Ernüchterung war ebenso peinlich wie die Zweifel bezüglich ihrer Entschlusskraft. Beinah wäre es schiefgegangen. Dass Robert noch so eine Wirkung auf sie hatte, beunruhigte sie. Um sich abzulenken, durchforstete sie ihren Kleiderschrank nach etwas Aufreizendem, um sich für Tom in Schale zu werfen. Es wurde Zeit, dass er kam, bevor ihr Verdrängungsmodus endgültig versagte.

*

Tom stieß einen Stoßseufzer aus. Der Tag war anstrengend genug gewesen, und nun musste er zusätzlich seinen Feierabend opfern, weil Jack Reedmann, der Direktor des Münchner Hotels, seinen fünf Ressortleitern etwas Wichtiges mitzuteilen hatte. Tom war Finanzexperte und Hotelmanager für Personal, Marketing und Buchhaltung. Er konnte sich der Aufforderung seines Vorgesetzten kaum entziehen.
   Leicht verspätet betrat er den dicken Teppichboden des schlichten Büros. Das Sonnenlicht fiel in Streifen durch die Jalousien und tauchte den kargen Raum in ein goldenes Licht. Die Wände waren beige, ohne Bilder, ohne Regale. Ein großer, fast leerer Schreibtisch stand vor einem bis auf den Boden reichenden Fenster. Lediglich zwei stattliche Blattpflanzen dienten als Schmuck.
   Zu den sechs Anwesenden zählte Jack Reedmann selbst, hinter vorgehaltener Hand Jackie genannt, seine Frau Irmgard, Besitzerin des Hotels und bekannt als die hässliche Irmi, außerdem die vier Ressortleiter. Tom warf eine Begrüßungsfloskel in den Raum, unbeachtet von Jackie, der auf sein Skript blickte und sein Lieblingsthema erörterte – die Errichtung dreier Nobelsuiten und das Renovieren der übrigen Zimmer. Tom nickte gelangweilt. Er hatte nichts anderes erwartet. Jackie beklagte wie so oft das unzeitgemäße Mobiliar der Zimmer, den fehlenden Pomp und Luxus, der sie modern und teuer aussehen lassen würde. Keinesfalls wollte er mit einer profitablen Investition länger warten.
   Tom registrierte die ablehnenden Blicke seiner Kollegen. Er kannte deren Meinung zu einem Umbau, der weitere Einbußen zur Folge hätte, wenn die Kosten auf die Preise der Übernachtungen aufgeschlagen werden müssten und womöglich Personaleinsparungen drohten. Dabei waren die Zimmer gar nicht so schlicht, sondern in ihrer Extravaganz sogar einmalig. Irmgard Reedmann hatte vor Jahren die Idee gehabt, das alte, historische Ambiente des Hauses mit dem Komfort der Neuzeit zu vereinen. In aufwendiger Restauration ließ sie altes Gebälk erneuern, verborgene jahrhundertealte Holzdielen freilegen und aufarbeiten. In Kombination mit einer extrem farbintensiven Wandgestaltung und hypermodernem Mobiliar war das Ergebnis außergewöhnlich beeindruckend und entsprach sehr wohl dem modernen Standard von heute. Jedes Zimmer war ein absoluter Hingucker und bestach durch ein anderes Flair. Mal waren es die Zwanziger-, Sechziger- oder Siebzigerjahre, mal die typisch bayrische Gemütlichkeit, dann wieder wurde mehr auf stylishe Vollausstattung Wert gelegt. Das Hotel, es erhielt damals seinen jetzigen Namen In Harmonie und Farbe, war gut gebucht. Das änderte sich, als vor zwei Jahren Jack Reedmann in Irmgards Leben trat. Er begann, sich einzumischen, tat sich hervor und wusste alles besser. Irmgard schien das nicht zu bemerken, auch nicht, als die Probleme nach ihrer Eheschließung eskalierten. Sie erhob ihn zum Direktor und ließ ihm freie Hand. Mit fatalen Folgen. Erst bestand er auf eine hauseigene Sauna, kurz darauf auf einen beheizten Pool auf dem Dach, das deswegen aufwendig umgebaut werden musste, und jetzt die Suiten. Dabei war das Hotel gerade wegen seiner konkurrenzlosen Einzigartigkeit so super ausgelastet gewesen. Bedingt durch die Neubauten waren die Übernachtungspreise um das Doppelte angestiegen, mit dem Resultat, dass die Buchungen erheblich einbrachen. Irmgard traute sich leider nicht, ihrem Mann Einhalt zu gebieten. Dabei war es ausgesprochen schade um ihre geniale Idee.
   Tom stöhnte innerlich. Ihm war die enorme Kreditbelastung und die mäßige Auslastung des Hotels natürlich bekannt. Deshalb hätte er es begrüßt, wenn Jackie die längst überfällige Diskussion zum Abbau der Überstunden thematisieren würde. Bereits mehrfach hatte er um eine Aussprache gebeten, doch statt den Mitarbeitern den Ausgleich zu zahlen, vertröstete Jackie die Belegschaft auf einen späteren Zeitpunkt. Schlechte Zukunftsaussichten, wie Tom fand.
   Jackie lächelte selbstgefällig von einem zum anderen. »Ein bisschen mehr Begeisterung, wenn ich bitten darf«, unterbrach er mit autoritärer Stimme das allgemeine Schweigen. »Seht es doch mal so: Wir wären der Platzhirsch in der Gegend und die da drüben«, er zeigte aus dem Fenster zum Hotel gegenüber, »hätten mit ihren winzigen Zimmerchen das Nachsehen.«
   Tom hob die Augenbrauen. Jackies Euphorie gefiel ihm nicht, und wie er den Mienen der anderen entnahm, war er nicht der Einzige.
   »Tom.«
   Jackies Stimme ließ ihn zusammenzucken. Na bitte, er hatte es geahnt. »Ja, Herr Reedmann?« Seine Antwort klang gepresst.
   »Ich könnte mir gut vorstellen, Tom«, fuhr Jackie fort, »dass Sie als mein Assistent längst berechnet haben, wie hoch wir unser finanzielles Budget belasten können?«
   Tom sah entsetzt auf. Er presste die Lippen aufeinander und schwieg.
   »Tom?« Jackie zog die Stirn kraus. »Im Zweifelsfall stehen Sie doch hinter mir? Kann ich sicher sein?«
   Das einsetzende Getuschel verstummte, gab einer beklemmenden Stille Raum.
   Tom erstarrte. Damit hatte er nicht gerechnet. »Entschuldigung, Herr Reedmann«, stieß er hervor. »Das hätten Sie vorher anordnen müssen. Ich kannte das Thema der heutigen Besprechung nicht.« Er fand Jackies Ansinnen ausgesprochen unverschämt.
   »Ach ja?« Reedmann sandte einen verbissenen Blick in Toms Richtung. »Das finde ich äußerst bedauerlich. Sie haben bisher immer den Eindruck erweckt, als könnten Sie über Ihren Tellerrand hinaussehen. Ich habe auf Ihre Fähigkeiten gezählt, mein Lieber.«
   Tom presste die Hände gegeneinander. Es war unfassbar, was sich Jackie herausnahm. Er war sich sicher, dass ihn dieser Großkotz eiskalt abservieren würde, falls er nicht mitspielte. Was dachte der sich dabei? Wollte er jeden ersetzen, der sich nicht für seine Interessen opferte? Wahrscheinlich kam er sich noch wunder wie toll dabei vor. Tom wollte sich nicht in die Enge treiben lassen.
   Ein dezentes Klopfen unterbrach seine Gedanken. Ein südländischer Typ um die sechzig erschien im Türrahmen. Er war auffallend farbig gekleidet, was eher zu einer jüngeren Version seiner selbst gepasst hätte und daher albern aussah. Die quietschbunte Mütze auf dem Kopf mit dem keck zur Seite geschobenen Lederschirm unterstrich den Eindruck noch. Er setzte ein professionelles Lächeln auf und winkte in die Runde, als glaubte er, erwartet zu werden. Dass dem nicht so war, zeigten die distanzierten Blicke der Anwesenden.
   Jackie wies auf den einzigen freien Stuhl. Der Mann dankte mit einem stummen Kopfnicken und einem freudigen Strahlen in seinen schwarzen hervorstehenden Augen. Bevor er der Aufforderung nachkam, sich zu setzen, legte er seine Mappe auf dem Boden ab. »Hallo«, sagte er mit fröhlicher, etwas zu hoher Stimme. »Ich bin Ricardo, der Architekt.« Er entblößte große, sehr weiße Zähne, lächelte dauernd und schien um Aufmerksamkeit bemüht.
   Irmgard Reedmann wandte den Kopf. Der Neuankömmling saß neben ihr. Tom betrachtete sie heimlich. Im Profil sah ihre flache Nase noch flacher aus, fast wie breitgedrückt in dem groben Gesicht.
   »Und Sie wollen?« Ihre Frage klang gereizt und irgendwie überrascht. Ob auch sie von ihm nichts gewusst hatte?
   »Ich habe dich nicht informiert, weil …«, unterbrach Jackie seine Frau mit einer für ihn typischen herablassenden Miene.
   »Ach ernsthaft? Wolltest du das wirklich?«, widersprach Irmgard, sonst die Güte in Person, ihrem Mann. Der aggressive Ton ihrer Stimme verhieß nichts Gutes.
   Jackie schien überrascht. Peinliche Stille und angespannte Aufmerksamkeit erfüllten den Raum.
   »Nun zu Ihnen, Herr … Herr … Ricardo«, wandte sich Irmi erneut an den Architekten und ließ sich nicht beirren. »Erzählen Sie uns bitte, warum Sie hergekommen sind.«
   »Hör zu, Liebling«, warf Jackie kleinlaut ein, »bevor du was in den falschen Hals …«
   »Still! Du bist nicht dran.« Irmi machte eine wegwerfende Handbewegung, ohne ihren Mann anzusehen. »Also, Herr Ricardo, ich höre.«
   Der Angesprochene blickte mit großen Augen von Jackie zu Irmi und wieder zurück. »Na ja …« Er druckste unsicher. »Ich bin angehalten worden, Ihnen einige Vorschläge zu unterbreiten.«
   Seine gedehnte Stimmlage erinnerte Tom an die Konsistenz von braunem Rübensaft, dessen Gebrauch im Hotel strikt untersagt war, weil er sich überall zäh fließend verteilte und alles klebrig machte.
   »Ich nehme an von ihm.« Irmis finsterer Blick galt ihrem Mann. »Weiter. Was für Vorschläge sind das?«
   Ricardo überlegte kurz, schnappte nach seiner Mappe und überreichte Irmi einen Stoß Blätter. »Mir wurde gesagt, dass es eine Überraschung sein soll. Für Sie, Frau Reedmann glaube ich, zum Geburtstag.«
   »Ah so? Hm …« Aufmerksam blätterte Irmi in den bunt bedruckten Papieren.
   »Es eilt ja nicht«, plapperte Jackie mit brüchiger, leicht bebender Stimme dazwischen. »Lass uns das bitte in aller Ruhe besprechen, Liebling. Unter vier Augen, wenn möglich.«
   Irmis Lider zuckten nervös. »Warte. Lass mich raten. Du willst mir eine wunderschöne Suite schenken? Zum Geburtstag? Was für eine hübsche Idee. Sicherlich als Dank, weil ich die unerklärlichen Fehlbeträge in den Bilanzen immer wieder ausgleiche.« Sie verzog das Gesicht, ihre Stimme höhnte. »Weil es mein Geld ist, du gottverdammter Schmarotzer!« Den letzten Satz schrie sie ihm ins Gesicht.
   »Aber Irmi, ich bete dich a…«
   »Mich? Wie lustig.« Irmi verfärbte sich knallrot. »Für die Lüge müsste man dich verprügeln, du Heuchler.«
   Ricardo räusperte sich sichtlich pikiert. »Wenn ich Sie mal kurz unterbrechen dürfte«, wagte er anzumerken. »Ich habe bereits sehr viel Arbeit in die Vorbereitung gesteckt. Es wäre sehr schade, wenn es umsonst gewesen wäre. Ich könnte Ihnen preislich entgegenkommen, falls Sie daran festhal…«
   »Schweigen Sie endlich«, unterbrach Jackie ihn unwirsch und sandte seiner Frau einen versöhnlichen Blick. »Bitte, Liebling. Müssen wir das unbedingt jetzt besprechen? Hier? Vor unseren Angestellten?«
   Irmi lachte hell auf. »Unsere Angestellten? Jack? Du bist so unverschämt und überzeugt von dir, dass es mir in der Seele wehtut, dir einmal vertraut zu haben. Aber damit ist Schluss. Ab sofort habe ich hier wieder das Sagen, und zwar nur ich, ganz allein. Du bist von deinem Posten entbunden. Bis du einen neuen Job gefunden hast, darfst du gern bezahlten Urlaub nehmen. Und Ihnen, Herr Ricardo«, wandte sie sich hoheitsvoll an den verdutzten Architekten, »kann ich nur danken für Ihr Kommen, auch wenn Ihre Anwesenheit nun keinen Sinn mehr macht. Für Ihren Aufwand werde ich Sie selbstverständlich entlohnen.«
   »Das ist doch lächerlich«, protestierte Jackie empört, bevor Ricardo zu Wort kam. »Das kannst du nicht machen, und das weißt du auch.«
   »Und ob ich das kann«, versetzte sie scharf. »Ich kann sogar noch viel mehr.«
   Tom verfolgte erstaunt die Auseinandersetzung. Normalerweise war Irmgard noch weniger mit dem Geschäft vertraut als Jackie. Aber nun zeigte sie Stärke und erwies sich als äußerst kompetent. Es zeigte ihm, wie zerrüttet ihre Ehe mittlerweile sein musste. Diese Auseinandersetzung vor dem Team ließ Verantwortungsbewusstsein vermuten, und das brachte Irmi eine gehörige Portion Sympathiepunkte bei ihm ein.
   Jackie betrachtete seine Frau mit deutlicher Unsicherheit. »Super!« Er verzog das Gesicht. »Jetzt rechnest du wohl mit Applaus vom Personal. Vielleicht sollten sie abstimmen, ob ich gehen soll.«
   Pikiert senkten alle den Kopf. Der Architekt, der schon im Gehen war, duckte das Haupt gleich noch tiefer, während er zur Tür schlich.
   »Ich schicke Ihnen die Rechnung, wenn es recht ist«, wisperte er Jackie zu, während sein Blick zur Chefin glitt. »Ich wünsche einen schönen Tag allerseits.«
   Irmi nickte, und Tom bemerkte einen feuchten Schimmer in ihren wachsblauen Augen. Es schien eine Art emotionaler Trauer zu sein, wie er sie von Beerdigungen her kannte.
   »Geld hin oder her.« Jackie schien ehrlich entrüstet und wollte sich nicht beruhigen. »Es gibt Gesetze, die so was regeln. Man kann einen Ehemann nicht einfach feuern. Schließlich ist das Hotel erst durch mich zu dem geworden, was es ist. Du hast dich immer schön ausgeruht, während ich mich um das Geschäftliche kümmern musste.«
   Irmis Augen funkelten gefährlich. »Du verdrehst die Tatsachen. Wer weiß, welche Gelder du noch verschwendet hast, während ich angeblich auf der faulen Haut gelegen habe? Das meintest du doch damit, richtig?« Das Zittern in ihrer Stimme verriet, dass sie nicht so taff war wie sie vorgab und sich sehr wohl Sorgen machte wegen der Konsequenzen. Wahrscheinlich wusste sie auch, dass eine anspruchsvolle, für Jackie entsprechende Tätigkeit nicht einfach so auf der Straße herumlag, und dass sie ihn noch lange Zeit aushalten musste.
   Drohend beugte sie sich vor zu ihm. »Du hast mir nichts zu verbieten. Nie mehr.«
   Jackie duckte sich förmlich unter ihren Worten, und es war anzunehmen, dass er mit seinen hektisch herumfliegenden Blicken, von einem zum anderen, Beistand erhaschen wollte. Doch die Wirkung war gleich null. Er wurde lediglich mit einem kollektiven Schmunzeln bedacht. Niemand schien sich für sein flaches Gejammer zu interessieren.
   Tom hatte schon lange bemerkt, dass Jackie voller Komplexe steckte, die er bislang gut hinter einer Fassade von gewählten Ausdrücken verbarg. Insofern war das für Tom ein Augenblick triumphaler Freude. Endlich passierte das, worauf er lange gehofft hatte. Ohne Jackie würde alles wie vorher werden, zumindest nicht schlimmer. Tom lehnte sich zurück. Für heute hatte er genug, er wollte einfach nur noch seine Ruhe haben. »Gestatten Sie mir eine kleine Anmerkung, Frau Reedmann?«, fragte er aufs gerade Wohl.
   Irmi sah ihn an und nickte zu seiner großen Erleichterung. Nichts Befremdliches stand mehr in ihren Augen. Kälte und Hass waren verschwunden. »Aber natürlich, mein lieber Tom«, sagte sie anstandslos, beinah beschwingt. »Schießen Sie los.«
   Tom starrte eine Sekunde zu Jackie. »Nun ja. Ich hoffe nur, es ist nicht allzu unpassend. Hätten Sie vielleicht die Güte, da alles gesagt ist, das Meeting zu beenden?«
   Irmi sah auf ihre Armbanduhr. »Oje. Da haben Sie freilich recht. Eines möchte ich allerdings noch loswerden, und es betrifft Sie, Tom.«
   Tom erschrak. Er ahnte nicht einmal ansatzweise, was Irmi von ihm wollte.
   »Also Tom …« Irmi räusperte sich vernehmlich. »Ich möchte Ihnen einen Vorschlag unterbreiten, über den Sie das ganze Wochenende nachdenken sollten.« Mit einem lauernden Blick bedachte sie ihren Ehemann und schien es zu genießen, als er daraufhin Tom ansah und blass wurde.
   »Was halten Sie davon«, fuhr Irmi an Tom gewandt fort, »wenn ich Ihnen die Stelle des Management-Direktors anbiete? Ihr Grundgehalt würde sich verdoppeln.«
   Tom schluckte fassungslos. Es war faktisch Jackies Posten, den sie ihm anbot und irgendwie fühlte sich das in dessen Anwesenheit falsch an.
   »Tom? Haben Sie mich verstanden?«
   »Ja, ja. Natürlich, Frau Reedmann«, entgegnete er angesichts Jackies bestürzter Miene. »Wollen Sie das nicht erst intern, äh, ich meine, in der Familie abklären?«
   Jackie starrte ihn an und Tom bemerkte den Wechsel in seinem Blick, wie das Freundliche wich und einem bösen Ausdruck Platz machte, ähnlich einer unausgesprochenen Drohung. Schlag aus, sonst …
   Heißer Zorn wallte in Tom auf. Jackie war ein despotischer, selbstsüchtiger Arsch, der seine Mitarbeiter wie Dreck behandelte. Warum sollte er Gewissensbisse haben, wenn er Jackie den Job wegnahm? Im Gegenteil, er könnte ihm auf die Finger klopfen.
   Er holte tief Luft, um seinen Entschluss kundzutun. Eva Martens, die Leiterin des Personalressorts und einzige Frau in der Geschäftsleitung, außer Irmi natürlich, erhob sich in genau diesem Moment und zog mit ihrer Wahnsinnsfigur alle Blicke auf sich. Sie war jung, ausnehmend hübsch und bestach allem voran mit Klugheit, Kompetenz und einer beachtlichen Begabung, sich meisterhaft in Szene setzen zu können. Ihr Ruf, immer zu bekommen, was sie wollte, eilte ihr voraus.
   »Ich würde mich gern dazu äußern«, sagte sie mit rauchiger Stimme und einer ordentlichen Portion Selbstbewusstsein. Ihren Worten folgte ein unterschwelliges Lächeln, das ihre hohen Wangenknochen betonte und die braunen Mandelaugen zum Strahlen brachte.
   Mit verkniffenen Lippen musterte Irmi Evas makellos geschminkte Gesichtszüge, die von einem langen schwarzen Pony reizvoll unterstrichen wurden. Gegen Evas Schönheit wirkte sie noch blasser und unscheinbarer als gewöhnlich.
   »Aber bitte nur kurz, in Anbetracht der knappen Zeit«, entgegnete sie mit einem leisen Seufzer in der Stimme.
   Tom ahnte, wie sehr Irmi Eva um ihr Aussehen beneidete, das ihr nicht gegeben war, sah ihre gnadenlos schweifenden Blicke über den gertenschlanken Körper der Jüngeren gleiten, die alles bis ins letzte Detail aufnahmen. Bei Evas Shirt, das wie eine zweite Haut ihren Busen umspannte, wandte sie den Blick ab.
   Eva gab sich unbefangen und nickte. Sie war berühmt für ihre exzellente Auffassungsgabe und ihre außerordentliche Entschlusskraft. »Ich gehe davon aus«, begann sie scheinbar unbeeindruckt, »dass Tom Ihr Angebot annehmen wird, Frau Reedmann, und somit das Ressort Marketing und Buchhaltung frei wird.« Sie strich über ihren perfekt sitzenden Kostümrock, ein siegessicheres Lächeln auf den Lippen. »Um es gleich vorwegzunehmen, ich möchte mich hiermit offiziell auf Toms Stelle bewerben und ich garantiere Ihnen, dass ich die Richtige dafür bin.«
   Irmi hob eine ihrer sorgfältig gezupften Brauen und starrte Eva sprachlos an.
   »Sie wissen so gut wie ich, Frau Reedmann, dass ich herausstechende Führungsqualitäten besitze und somit die Einzige bin, die für den Job infrage kommt. Außerdem entfallen zeitaufwendige Ausschreibungen. Herr Krug, mein Stellvertreter, ist so weit eingearbeitet, dass er die Leitung meiner Abteilung ohne Weiteres übernehmen könnte.«
   Irmi verzog die Lippen. »Ein bisschen viel Geltungsbedürfnis, was Sie an den Tag legen. Meinen Sie nicht auch?«
   Eva blickte sie ungerührt an. »Ist es nicht genau das, was Sie wollen? Ehrgeiz und Streben nach Erfolg?«
   Tom war von Evas Auftreten und ihrer punktgenauen Schlagfertigkeit beeindruckt, aber deutlich mehr von ihrem Lächeln, das häufig ihm galt, vor allem seit sie wieder Single war. Sein Puls beschleunigte sich, und wie üblich, wenn ihm eine verlockend schöne Frau Aufmerksamkeit schenkte, übermannten ihn sexuelle Fantasien. Er stöhnte unterdrückt und kämpfte mit einer Erektion, die sich unkontrolliert entwickelte. Nur das nicht. Er spürte Evas Blicke, schlug verlegen die Beine übereinander und wischte sich möglichst unauffällig die Schweißperlen von der Stirn. Wie sollte er die Fassung bewahren, wenn ihn diese Frau anschmachtete?
   Um sich abzulenken, versuchte er, an Juliette zu denken, an das aufregende Foto von ihrer halbverhüllten Oberweite. Das schwächte zwar seine Erregung nicht, lenkte aber seine Gedanken um. Trotzdem musste er Eva ganz automatisch wieder ansehen. Sie musterte ihn auch. Lächelnd und mit glänzenden Augen wirkte sie genauso entflammt wie er. Könnte da wirklich was laufen, oder spielte sie nur mit ihm?

*

Schlecht gelaunt verließ Jack sein Büro. Okay, er hatte es übertrieben mit seiner Überrumplungsaktion. Es war voraussehbar, dass Irmi irgendwann dahinterkommen musste, dass er Gelder veruntreute. Nun gut, er hatte sie unterschätzt und es vermasselt. In Schuldgefühlen würde er deshalb nicht versinken. Es war schließlich von Anfang an sein Plan gewesen, und das Risiko, dass es schiefgehen könnte, hatte er einkalkuliert. Noch war nichts verloren. Mithilfe der gebunkerten Gelder würde es locker bis zur Scheidung reichen, bis der Nachschub kam.
   Jack wandte sich um und starrte zurück auf die Tür. Was wussten die da drinnen schon? Reich und verwöhnt, wie sie allesamt von Hause her waren, konnten sie nicht mitreden. Außer Tom vielleicht, der beeindruckend gescheite Emporkömmling. Unvermittelt überkam ihn das zornige Verlangen, zurückzugehen und ihnen in die gepflegten Gesichter zu brüllen, was er von ihnen hielt – nämlich nichts. Ihm wurde kein Übermaß an Wohlstand in die Wiege gelegt. Er musste von Kindesbeinen an kämpfen und beizeiten für seinen Unterhalt sorgen.
   Aufgewühlt zwang er seine Gedanken zu dem Moment, als Mutter verkündete, er solle sich vom Acker machen, weil sie seiner kriminellen Ader nicht mehr habhaft werden könne. Da war er gerademal vierzehn und noch ein Kind. Er hatte mit seinen Diebstählen nur versucht, die Familienkasse aufzubessern. Dass er die Schule schmeißen musste, war auch dessen geschuldet. Das Leben auf der Straße machte ihm nichts aus, dort ging es ihm besser als daheim, wo er jedermanns Abtreter war. Er schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch und konnte sich im Gegensatz zu manch anderen gut über Wasser halten. Drogen und Alkohol waren nie ein Thema, er reduzierte seine Ansprüche auf ein Minimum. Irgendwann hatte er jedoch genug von diesem Leben. Er begriff, dass er es nur zu etwas bringen konnte, wenn er rücksichtslos nach Höherem strebte. Erfolg zu haben, hing zu zehn Prozent von der eigenen Leistung ab, die restlichen neunzig, wie man sich vermarktet. Nichts anderes tat Jack. Er tummelte sich auf den exzessiven Partys der Reichen und verkaufte sich erfolgreich an gut betuchte, unbefriedigte Ladys. Auf einem dieser Events hatte er Irmi getroffen. Nicht unbedingt schön, nannte sie immerhin ein großes Haus, einen protzigen Porsche und ganz nebenbei ein hübsches Hotel ihr Eigen. Irmi war die bislang verlockendste Kandidatin, um Macht und Wohlstand zu erlangen. Einem derart augenscheinlichen Reichtum konnte Jack nicht widerstehen.
   Er grinste, weil er daran dachte, dass sich das kleine Vögelchen nicht so einfach fangen ließ. Irmis Eltern, sie verfügten über Millionen, hatten ihre Tochter zum wachsamen Umgang mit ihrem Vermögen erzogen. Jack hatte es trotzdem geschafft, sie mit Komplimenten zu umgarnen, bis sie seine Avancen ernst nahm und ihn regelrecht anbetete, ein Umstand, den er schamlos für seine Zwecke ausnutzte. Es war nicht schwer, den nächsten Schritt zu wagen, nachdem sie offiziell ein Paar waren, den Zugang zu ihrem Vermögen. Trotz seiner Bemühungen musste er allerdings schnell einsehen, dass sein Wunschdenken nicht mit Sex und zärtlichen Worten erreichbar war. Egal, was er versuchte, sie vertraute ihm nicht. Also fuhr er härtere Geschütze auf, um sie in schönster Sicherheit zu wiegen. Dabei half ihm ein simpler Trick. Er tat, als unterwerfe er sich ihr, was freilich nicht bedeutete, dass er sich ihr unterordnete, sondern sie nur dahin gehend manipulierte, ihr genau das Glauben zu machen. Er borgte sich Geld von ihr, mehrmals und immer wieder aufs Neue, um mit den neuen Schulden möglichst schnell die alten zu begleichen, was Vertrauen schaffte. Doch Jack hatte Bedürfnisse, die ein pünktliches Rückzahlen von Mal zu Mal erschwerten. Er ging auf Distanz und verweigerte ihr das, wonach sie am meisten gierte – körperliche Liebe.
   Wie damals machte Jacks Herz einen Sprung, weil sich das Problem in Luft auflöste. Irmi gewährte ihm plötzlich Zugang zu ihrer Villa und gestand ihm sogar einen eigenen Schlüssel zu. Er dachte daran, wie er jeden Winkel durchstöberte, wenn er sich unbeobachtet glaubte. Seinem geübten Auge entging weder der teure Kitsch noch der wertvolle Schmuck, der offen herumlag. So wechselte ein nicht unerheblicher Teil von Irmis persönlichen Sachen den Besitzer, ohne dass es ihr auffiel. Von dem Erlös beglich Jack seine Schulden bei dem leichtgläubigen Schaf, das ihn zum Lohn mit Geschenken überhäufte. Irmi zu hintergehen, war so lächerlich einfach. Leider hielt der Zustand nicht lange an. Schon bald fühlte er sich erdrückt von ihrer Affenliebe, bekam in ihrer Anwesenheit kaum noch Luft. Das wurde nicht besser, als sie die Leitung des Hotels auf fünf Ressorts verteilte, um mehr Zeit für ihn zu haben.
   Sexuell ausgehungert nach Jahren ohne Mann, fiel Irmi nun mehrmals am Tag über ihn her. Zeitweilig hatte er sogar Angst um seine Potenz. Aber er hielt durch, schließlich war es eine Investition in seine Zukunft. Leider wurde der Sex mit der Zeit eintöniger und stieß ihn obendrein ab. Was bei Irmi Hochstimmung hervorrief, bereitete ihm von Tag zu Tag mehr Probleme. Körperliche Reize besaß sie nicht. Genauso gut hätte er sich eine Euter schwingende Kuh ins Bett holen können. Er brauchte ihr Ehegelöbnis, um sich nicht länger prostituieren zu müssen. Da Irmis Eltern einer Heirat mit ihm nie zustimmen würden, griff er noch tiefer in seine Trickkiste. Warum nicht ihre Glücksüberschwänge nutzen, die ihre lautstarken Orgasmen mit sich brachten?
   Noch am gleichen Abend stellte er Champagner bereit und warme Flüssigschokolade, die er auf ihrem Körper verteilen wollte. Der Putzfrau steckte er etwas Geld zu, sie sollte im angrenzenden Zimmer die Fenster reinigen. Als Zeugin könnte sie unter Umständen Irmis genauen Wortlaut bestätigen, falls diese alles abstritt. Damit das Schloss zu ihrem Schlafzimmer nicht ineinandergreifen konnte, denn durch den Spalt musste die gute Frau etwas hören können, klemmte er einen dünnen Holzkeil zwischen Tür und Angel.
   Jack biss sich auf die Lippen, in Anbetracht der Gedanken, die nun zu dem Augenblick zurückschweiften, auf den er lange hingearbeitet hatte und der ihn an das millionenschwere Erbe seiner zukünftigen Ehefrau bringen sollte, dem Ziel seiner Träume. Wie das abgelaufen war, ließ ihn noch im Nachhinein schaudern.
   Als er den Raum betrat, lag Irmi bereits halb ausgezogen, in übermütiger Pose und mit leichter Champagnerlaune auf dem Bett und streckte ihm die Füße entgegen, um sich die schwarzen Seidenstrümpfe von den stämmigen Beinen rollen zu lassen. Als die gefallen waren, versuchte sie, den Reißverschluss ihres viel zu engen Rockes zu öffnen, der jedoch klemmte. Unbeholfen zerrte sie den Stoff hoch. Wie üblich trug sie nichts darunter.
   Jack schloss die Augen, als er das nun Kommende in Gedanken Revue passieren ließ. Anfangs hatte er noch einen Steifen bekommen beim Anblick ihrer spärlich behaarten, dicklippigen Scheide, doch nachdem sie ihm mit einem lüsternen Grinsen die Jeans hinuntergerissen hatte, war da nur noch tote Hose. »Tu mir den Gefallen und nimm ihn in den Mund«, zischte er in einer verzweifelten Anwandlung von Selbsterhaltungstrieb.
   Ungeachtet des trostlosen Bildes warf Irmi ihm ein paar verheißungsvolle Blicke zu, bevor sie sich an seinem Glied zu schaffen machte. Jack blieb nichts anderes übrig, als sich zurückzulehnen, auch wenn er das, was Irmi mit ihrer Zunge tat, schon weitaus besser erlebt hatte. Einzig und allein die Vorstellung trieb ihn an, dass sobald er in Irmi drin wäre, er auch in ihrem schönen Leben sein würde. Kurz darauf hatte Irmi ihr Ziel tatsächlich erreicht – er stand. Freudestrahlend und mit abscheulich wackelndem Hinterteil setzte sie sich verkehrt herum auf ihn.
   Jack hatte es noch genau im Kopf. Wie damals stöhnte er auf. So wollte er sie nie wieder sehen müssen.
   Leider war seine Potenz von kurzer Dauer gewesen. Dass es überhaupt geklappt hatte, war dem Bild einer anderen Frau geschuldet. Es hatte Dutzende in seinem Leben gegeben, aber nur eine, die ihm im Gedächtnis haften geblieben war – Juliette Kramer.
   Er seufzte wehmütig. Die Erinnerung an sie erregte ihn noch immer. Als er sie das erste Mal vor zwei Jahren auf einer Party sah, war er bei ihrem Anblick förmlich in eine Schockstarre gefallen. Hübsches Gesicht, Titten dick wie Melonen und Beine bis unter die Achselhöhlen. Sie war die absolut schönste Frau, der er je begegnet war. Sein Sohn war an dem Tag überraschend in sein Leben getreten, nach achtundzwanzig Jahren. Er war adoptiert worden, und Jack hatte bis dato verdrängt, dass ein Mädchen von ihm schwanger geworden war.
   Vage erinnerte er sich an sie. Er war achtzehn und sie siebzehn, als sie eine Liaison hatten. Weil sie minderjährig war, musste er die Unterschrift zur Einwilligung in eine Adoption geben. Er hatte sich nie darum gekümmert und das Kind nie gesehen, bis dieser junge Mann aufgetaucht war und ihm eine Unterschrift unter die Nase gerieben hatte, die er kannte.
   Jack hatte seinen Sohn kurzerhand mit auf die Party geschleppt und musste mit Bedauern feststellen, dass dieser, ganz der Vater, ebenfalls nicht abgeneigt war, was Juliette betraf. Er hatte sie den ganzen Abend beobachtet und förmlich aufgefressen mit seinen leidenschaftlichen Blicken, allerdings ohne anzugreifen. Um ihn loszuwerden, war Jack auf sein Angebot eingegangen und hatte ihm die verlangten zehntausend Euro gezahlt. Dann hatte Funkstille geherrscht zwischen ihnen.
   An Juliette war er trotzdem nicht herangekommen. Tom hatte sie ihm weggeschnappt. Dennoch hatte sich ihr Anblick bis heute tief in ihm eingebrannt, ihm geholfen, bei Irmi seinen Mann zu stehen und sie in den siebten Himmel katapultiert, als er sich mit ihrem Jawort Macht über ihr Imperium erschlich.
   Es war ein infamer Plan, den er geschickt eingefädelt hatte und bei dessen Erinnerung er wie jedes Mal lächeln musste.
   Weil Irmi mit ihrem breiten Hintern wie ein Torero, dem der Stier durchgebrannt war, auf ihm herumritt, musste er sie schnell zum Höhepunkt bringen, um nicht völlig platt gewalzt zu werden. Gott sei Dank war er geübt in solchen Dingen, also ließ er den Ringfinger seiner rechten Hand zu ihrem Anus gleiten und penetrierte ihn kreisend. Irmi gefiel das, sie sträubte sich nicht. Deshalb beließ er den Finger dort und versenkte ihn schließlich sogar. Dabei dachte er verbissen an Juliette. Bei Irmi kündigte sich unterdessen ein gigantischer Orgasmus an. Bevor sie ihn herausschrie, entfernte er flugs den Finger aus ihrem Allerwertesten. »Willst du mich heiraten?«, schmetterte er ihr die Frage entgegen.
   Irmi, im Ritt ihres Lebens, warf die Arme hoch. »Ja, Teufel noch mal, ja, aber steck deinen verdammten Finger wieder rein.«
   Was kam, war so unvorstellbar, dass es Jack sein Leben lang nicht vergessen würde. Natürlich folgte er ihrer Aufforderung, wenn auch mit Unbehagen, denn im Grunde genommen hasste er jede Art von körperlicher Perversion. Irmi verkrampfte sich plötzlich im Orgasmusrausch, und er konnte nicht rechtzeitig reagieren. Sie plumpste auf die Knie und riss ihn mitsamt seinem Finger hinterher.
   Er hatte in seinem Leben mancherlei amüsante Dinge gemacht, um an Geld zu kommen. Aber das war alles andere als lustig. Während er wie ein Hund auf Irmi hockte und schon die Zwangsamputation seines Fingers erwog, kreischte Irmi wie angestochen auf und ließ ihn seinen abgrundtiefen Ekel vergessen. Mit sanften Worten versuchte er, sie zu beruhigen, damit sie um Himmels willen ihre Gesäßmuskeln entspannte. Wenigstens stellte sie zunächst ihr Geschrei ein, ohne jedoch seinen Finger freizugeben, der unter dem Druck mittlerweile immens schmerzte. Um ihn nicht gänzlich zu verlieren, massierte er mit der anderen Hand die Delle oberhalb ihrer Pobacken. Er hatte mal gelesen, dass das bei schreienden Babys wahre Wunder bewirken sollte. Glücklicherweise tat es das bei Irmi auch. Mit einem leisen Plopp flutschte sein Finger heraus.
   Angewidert war er ins Bad gestürmt, um sich die Hände zu schrubben und so lange zu duschen, bis er krebsrot war. Nie wieder würde er sich einer derart beschämenden Situation aussetzen, das hatte er sich damals geschworen. Irmi betrachtete den Vorfall als besonderen Liebesbeweis, somit stand einer Hochzeit nichts mehr im Wege. Aus Scham, seine Freunde könnten angesichts seiner unschönen Braut in mitleidiges Gelächter ausbrechen, fand die Eheschließung heimlich statt. Irmi war es egal. Sie schwelgte so im Glück, dass sie ihm gewährte, was er verlangte, sogar einen expliziten Posten im Firmenvorsitz, den er kurz nach der Eheschließung forderte. Er brauchte es nicht einmal behutsam angehen. Irmi war begeistert von dem Vorschlag. Menschen, die einander liebten, müssten alles teilen, so ihr Statement dazu. Ihr Vermögen reichte schließlich für beide.
   Endlich schwamm Jack im Geld. Dreist und resolut setzte er Neuerungen durch, wo keine nötig waren, nur um an Investitionsgelder zu kommen, die er abzweigte. Egal, was er Irmi vorlegte, sie nickte alles ab.
   Das spielte alles keine Rolle mehr. Die Fronten hatten sich verhärtet, eine Scheidung war unabänderlich. Umgehend zückte Jack sein Smartphone, um nach Harry Sommers Nummer zu suchen, einem befreundeten Anwalt, der ihm noch eine Menge schuldete. Als Jack ihn kennenlernte, war Harry ein schwermütiger Mensch. Es schien, als trüge er die Bürde der gesamten Menschheit auf seinen Schultern. Jack verstand das nicht. Harry war ein erfolgreicher Jurist und hätte ein sorgloses Leben führen müssen. Er sah ihn häufig in seinem zitronengelben Luxuscabrio mit offenem Verdeck herumfahren, mit Frauen an seiner Seite, deren lange Haare im Fahrtwind flatterten, eine besser aussehend als die andere. Zugegeben – der Reichtum machte Harry sexy, sah man davon ab, dass er übergewichtig und zu klein war, für seine achtundzwanzig Jahre kaum noch Haare auf dem Schädel hatte und zudem leicht vertrottelt wirkte. Jack machte da eine weitaus bessere Figur, aber was war das schon gegen Harrys Reichtum? In Jacks Augen war ein Mensch nur mit Geld begehrenswert. Woher sollte er ahnen, dass Harrys Verschleiß an Frauen einen Grund hatte? Keine blieb länger als zwei Tage bei ihm. Durch Susen, sie war eine von Harrys Schönen, kam er dahinter, weshalb alle nach kurzer Zeit Reißaus nahmen. Obwohl Susen ein fürstliches Schweigegeld erhielt, plauderte sie aus, dass der Anwalt eine kleine Schwäche hatte, die er sich lieber hätte verkneifen sollen, weil sie ihn auf die andere Seite der Anklagebank bringen könnte. Harry war kein Blümchensexliebhaber, er stand auf gefährliche, dominante Würgespiele. Susen erklärte Jack, dass Harry nur Lust empfand, wenn er mit seinen Händen Druck auf die Kehle seiner Partnerin ausübte. Ihr hatte er einreden wollen, dass die Einschränkung der Sauerstoffzufuhr einen sexuellen Kick hervorriefe. Arglos und dumm, wie Susen war, gab sie ihre Einwilligung. Sie durfte wählen zwischen einer Strumpfhose und ihrem grobmaschigen Schal und entschied sich für letzteres, die richtige Entscheidung, denn der brüchige Stoff zerriss, bevor sie durch die Atemreduktion ohnmächtig wurde. Sie beendete das riskante Spiel auf der Stelle und verließ Harry mit einer üppigen Belohnung in der Tasche und der Option, den Mund zu halten. Bevor sie Jack das alles erzählte, nahm sie ihm sein unbedingtes Versprechen ab, sie nicht an Harry zu verraten.
   Mit dieser brisanten Information, die Harry schnell zu einem handfesten Psychopathen degradieren könnte, schlich sich Jack gezielt in dessen Leben. Er spielte ihm Caroll zu, eine mittellose Domina, von der er wusste, dass sie in einer delikaten Angelegenheit einen Rechtsbeistand benötigte. Zwar war es nicht ungefährlich für Caroll. Aber was blieb ihr übrig? Als Anwalt kümmerte sich Harry um ihren Fall und half ihr aus der Patsche. Im Gegenzug stimmte sie zu, seine Sexspielchen mit ihm zu praktizieren. Von dem Augenblick an änderte sich Harrys Leben. Caroll nahm ihm den Leidensdruck, mehr noch, sie lebte seine Neigung aus und empfand wie er Vergnügen dabei. Das steigerte sein Selbstwertgefühl und ließ ihn regelrecht aufblühen. Harry wurde noch erfolgreicher.
   Großzügig beglich er Carolls Schulden und heiratete sie bald darauf. Jacks Strategie war aufgegangen. Harry bot ihm Geld für seine Unterstützung, doch Jack schlug es aus. Ihm war an einer anderen Art von Bezahlung gelegen. Mit Harry im Rücken hatte er nichts zu befürchten. Aus Dankbarkeit würde er ihm ein Leben lang aus der Hand fressen. Machtausübung nannte er das.
   »Jack, mein einziger Freund«, meldete sich Harry auf seinen Anruf hin. Seine Stimme kippte beinah, er schien sich ehrlich zu freuen.
   »Ich brauche dich«, begann Jack ohne Umschweife. »Ich stecke in Schwierigkeiten, du musst mir da raushelfen.« Er schilderte den Vorfall mit Irmi und eröffnete, dass er die Scheidung wollte. »Ich bin mir nicht sicher, wie spitzfindig Irmis Anwälte den Ehevertrag aufgesetzt haben«, setzte er hinzu.
   »Keine Angst, mein Freund, es findet sich immer ein Haar in der Suppe, egal, wie inhaltlich ausgewogen so ein Vertrag ist«, redete Harry ihm zu. »Ich brauche umgehend die Fakten, um die Angelegenheit zu prüfen. Sollte ich nur einen einzigen Punkt finden, der den Kriterien nicht standhält, ist der gesamte Wisch hinfällig. Also keine Panik. Wir werden die Dame schon kleinkriegen. Am Ende wird sie froh sein, wenn wir ihr das Dach über dem Kopf lassen.«
   Jack lachte kehlig. »Dann sollten wir uns schnell treffen, Harry. Darf ich dich zum Abendessen einladen?«
   »Gern, Jack, … aber da müsstest du dich nach Hamburg bequemen. Ich bin hier an einem Riesending dran, das Großprojekt eines Investors. Es wird mir eine ziemliche Stange Geld einbringen.«
   »Wie lange hast du dort zu tun?«
   »Och, … zwei Wochen sind es bestimmt noch.«
   »So lange kann ich nicht warten, Harry. Ich komme, so schnell es geht. Hier habe ich im Moment sowieso nichts verloren.«
   »Sag mir Bescheid, in welchem Hotel du absteigst, dann können wir uns verabreden. Ach, Jackie, … und vergiss die Vertragskopien nicht. Alles andere kannst du getrost mir überlassen.«
   Ein seliges Gefühl ergriff Jack, als der Druck der letzten Stunden wich. Er wusste, dass Harry wegen der alten Geschichte alles für ihn tun würde. Zufrieden steckte er sein Smartphone ein. Wenn Irmi wüsste, welche Summen bereits in seine Taschen geflossen waren; sie würde ihn nicht nur verprügeln, sie würde ihn umbringen. Aber das arme Ding hatte nicht die leiseste Ahnung. Damit das so blieb, musste er schnellstens die offenen Gelder auf ein Schwarzgeldkonto überweisen, bevor sich Tom, dieses Schlitzohr, einen Überblick über die Finanzlage des Hotels verschaffen konnte. Jack traute ihm das durchaus zu. Zufrieden riss er sich die seidene Krawatte vom Hals und rannte zum Fahrstuhl. Wenn er als Sieger auf seinen Posten zurückzukehren gedachte, musste er sich sputen.
   Schon in der Vorhalle war sein Frust wie weggeblasen. Entsprechend gelaunt verließ er das Gebäude und rief sich ein Taxi. Im Schatten einer der riesigen Yuccapalmen, die, in große Kübel gepflanzt, den Eingangsbereich flanierten, wartete er. Er musste unbedingt vor Irmi am häuslichen Tresor sein, um in Ruhe alle Dokumente zu kopieren und sich vorsorglich einige ausgewählte Wertgegenstände zu sichern. Ein paar von den edlen Weinflaschen aus dem alten Bestand ihres Vaters könnten das Sahnehäubchen des Ganzen sein. Jack fand das in Ordnung. Warum sollte er nicht einen angemessenen Lohn für zwei seiner wertvollsten Jahre kassieren, die er für Irmi geopfert hatte? Das war nur recht und billig.
   Er kicherte. Dumm gelaufen für die Gute. Mithilfe ihres Daddys würde sie die grausame Ironie des Schicksals schon verkraften, die auf sie wartete.
   Ein Taxi steuerte auf das Hotel zu. Jackie stieg ein und nannte die Adresse.

*

Mit einem energischen Ruck kippte Tom die Sonnenblende seines Wagens ab, um die letzten Strahlen der untergehenden Sonne auszusperren. Die Autobahn, die ihn aus München hinausdirigierte, war wie immer um diese Zeit überfüllt. Er fühlte sich unfassbar geschlaucht von dem langen, ereignisreichen Tag, der hinter ihm lag. Gewaltsam konzentrierte er sich auf die schemenhaft vorbeifliegenden Fahrzeuge der Raser, die nur Zeit schinden wollten und sich und andere unnütz in Gefahr brachten. Besonders nervig waren die drängelnden Lückenhopser, die dauernd die Fahrspur wechselten, ohne den Blinker zu setzen. Fahrt euch doch tot, ihr Hornochsen, grummelte er mit zusammengekniffenen Augen.
   Sein Leben hatte sich in den letzten zwei Stunden total verändert, er würde sogar behaupten, es stand auf dem Kopf. Nichts war mehr wie vorher. Mit dem neuen Jobangebot hatte es begonnen, dann ließen plötzlich Evas lustvolle Blicke seine Gedanken Amok laufen. Nach dem Meeting waren sie gemeinsam in den leeren Fahrstuhl getreten und kaum schloss die Tür, hatte Eva seinen Kopf umklammert und ihn wild und ungehemmt geküsst. Ihr Körper war fest und durchtrainiert wie der einer Sportlerin. Nicht unbedingt Toms Fall, für ihn musste eine Frau weich und kurvig sein. Trotzdem wollte er Eva, mehr als er sich eingestand. Immer wieder blitzte die Erinnerung an ihre inbrünstige Hingabe und die unglaublich verruchte Lust in ihren Augen auf, die ihn unerträglich lodernd zu verbrennen drohte. Ihr hinreißendes Lächeln und ihr gehauchtes: Vergiss mich nicht, verfolgte ihn, seitdem er in die Lobby getreten war. Die Frau war so unglaublich sexy. Er bekam sie nicht aus dem Kopf.
   Unkonzentriert überblickte Tom die hitzeflimmernde Landschaft, die einem stummen Begleitfilm gleich an seinem angenehm klimatisierten Auto vorüberflog. Um sich abzulenken, schaltete er das Radio ein. Ein Sprecher mit näselndem Unterton beendete soeben die Nachrichten. Das Wochenende bliebe so heiß und schwül, versicherte er abschließend. Dann erklangen die Töne eines Liebessongs, eine lustvoll weibliche Stimme, die Toms Vorstellungskraft den nötigen Schub gab, um Evas Finger lebendig werden zu lassen. Zärtlich und trotzdem ungestüm waren sie durch sein Haar gewirbelt, und wenn er länger darüber nachdachte, kam es ihm übertrieben vor. Könnte sie ihm ihre Geilheit vorgespielt haben? Tom fiel plötzlich ein, dass Eva seit Kurzem eine gescheiterte Beziehung hinter sich hatte. Es wurde gemunkelt, sie habe das Sagen gehabt, während der Typ an ihrer Seite, ein langweiliger Dozent, nur fürs Geldverdienen gut war. Was, wenn Eva einen neuen Trottel suchte und sich wieder fest binden wollte? Ganz oder gar nicht, hatte sie das nicht einmal verlauten lassen?
   Stöhnend fuhr sich Tom über die Augen. Für eine Schrecksekunde ging ihm auf, dass dieses Superweib alles andere als ein Techtelmechtel wollte. Sie hatte es auf ihn abgesehen, jetzt, wo er auf dem neuen gut bezahlten Posten saß. Wahrscheinlich sah sie sich schon mit ihm zusammen an der Spitze des Hotels. Scheiße! Nichts macht mehr sexy als Macht. So sehr ihm der Gedanke missfiel, so schnell kam ihm ein anderer. Was, wenn ihre Avancen ernst gemeint waren? Dann hätte er ein richtig fettes Problem mit vielleicht folgenschwerem Ausmaß. Der Preis wäre seine Freiheit. Die Erkenntnis schockte ihn dermaßen, dass ihm die Luft wegblieb und die Panik seinen Puls in die Höhe jagte. Nein, das durfte er nicht zulassen. Er wollte selbst bestimmen, wie sein Leben verlief, und dafür war Juliette genau die Richtige. In dem Zusammenhang wurde Tom klar, dass das Sehnen nach ihr nicht unbedingt mit Sex zu tun hatte, sondern mit ihren Erwartungen an ihn. Wie oft hatte er mit einer anderen Frau geschlafen, bevor er bei ihr aufgekreuzt war, ohne Gewissensbisse haben zu müssen, weil sie es ebenso wenig genau nahm mit auswärtigen Eskapaden. Würde Eva auch so reagieren? Er verspürte einen Stich im Bauch, der ihm verbot, weiter über Eva nachzudenken, weil es ihn zu sehr mit sinnloser Erregung erfüllte. Eva würde seine Flexibilität bremsen und sein Privatleben stören. Auch wenn er es sich ungern eingestand, wäre es das Beste, er beließ es bei der Szene im Fahrstuhl, bevor sie auf dumme Gedanken kam. Ihm fiel ein, dass Eva wusste, wo er wohnte. Er konnte nicht nach Hause, er musste zu Juliette fahren. Plötzlich verspürte er eine schreckliche Sehnsucht nach der Vertrautheit mit ihr. Am Telefon hatte er ihr versprochen, sie so oft zum Orgasmus zu bringen, bis sie ihn anflehte, aufzuhören. Und genau das würde er tun.
   Andächtig drosselte er die Geschwindigkeit, um schwungvoll die Ausfahrt zu dem Wohn- und Geschäftsviertel zu nehmen, in dem sie wohnte. Sie würde ihn schon mit ihren unfassbar üppigen Brüsten auf Touren bringen und von Eva ablenken. Da war er sich sicher.

*

Juliette horchte auf. Trommelte da nicht jemand gegen ihre Tür? Mit nichts als einem leichten Negligé bekleidet, denn trotz der späten Stunde herrschten noch immer subtropische Temperaturen, hüpfte sie los, um zu öffnen.
   »Großer Gott, Tom. Da bist du ja. Ich hab mir schon Sorgen gemacht.« Sie zog ihn in die Wohnung und musterte ihn abschätzend. Er wirkte abgespannt. »Du siehst durcheinander aus. Hattest du eine Panne?«
   Tom schüttelte den Kopf. »Wir hatten ein Meeting. Bei der Gelegenheit bin ich befördert worden.«
   »Wie jetzt?« Juliette hob die Brauen. »Und da guckst du so miesepetrig? Das müssen wir feiern.«
   Schmollend stülpte er die Unterlippe vor. Auch wenn es sexy aussah, glaubte sie, einen Schatten auf seinem Gesicht zu erkennen.
   »Ja, das sollten wir, wenn ich nur nicht so kaputt …«
   »Und wie wir das sollten«, unterbrach sie ihn unvermittelt. »Kaputt kannst du hinterher immer noch sein. Los, erzähl schon.«
   Tom stieß hörbar die Luft durch die Zähne. »Lass mich erst ankommen. Bitte.« Er stellte seine Tasche ab, gab ihr sein Jackett, das er über dem Arm trug und ging ins Bad, um sich Gesicht und Hände zu waschen, wie er es immer tat. Als er zurückkam, lächelte er. »Sorry Juli, aber ich muss erst umschalten.« Er zog sie an sich und umarmte sie.
   Sofort bohrten sich Juliettes Knospen durch den großmaschig durchbrochenen Spitzenstoff ihres Hemdchens. Tom brauchte nur die Schleife darüber zu lösen, dann würde er ihren Vorbau in voller Pracht genießen können. Doch er tat es nicht. Scheinbar bedrückte ihn etwas. Kurzerhand zog sie die Bänder selbst auf und grinste ihn neckisch an. Tom stierte auf ihren Busen, als sähe er ihn zum ersten Mal. Seine Augen bekamen einen sehnsüchtigen Glanz und verdunkelten sich. Angenehm kühl vom kalten Wasser umfasste er ihre Brüste und spreizte die Finger um ihre Nippel, was wohlige Schauder in ihren Unterleib zauberte und ihr Innerstes zum Zittern brachte. Sie fühlte Feuchtigkeit im Schritt und Gänsehaut überall, selbst auf der Kopfhaut. Voll gieriger Erwartung wanderten ihre Hände zu der beträchtlichen Ausbuchtung unter seiner tadellos sitzenden Anzugshose. Als sie mit den Fingernägeln über den dünnen Stoff kratzte, stöhnte er auf und schwitzte augenblicklich.
   »Zeit, dein Versprechen einzulösen«, schnurrte sie, während sie an seinem Gürtel riss und anschließend an seinem Reißverschluss. Dann ging sie in die Knie.
   »Du bist verrückt«, stieß er kurzatmig aus. »Ooooh.« Seine Beine zitterten und ein langer, tiefer Atemzug entfuhr seiner Brust. »Mach weiter. Nicht aufhören. Bitte.« Einen Moment später krallte er sich in ihre Mähne und brüllte keuchende, unartikulierte Laute.
   Juliette schielte zu ihm hoch. Er hielt die Augen geschlossen, das zuckende Gesicht wie unter Zwang verzerrt, als hätte er fürchterliche Schmerzen. Zu sehen, wie er kam, war immer wieder aufregend.
   Heftig atmend zog er sie hoch, nahm sie bei der Hand und führte sie ins Schlafzimmer. Mehr aufgeregt als glücklich verfiel Juliette in Schnappatmung bei seiner sich neu regenden Männlichkeit.

*

»Warte, die Kerzen noch …« Juliette wollte aufstehen, doch Tom hielt sie fest.
   »Unwichtig«, krächzte er mit Blick auf ihre Brüste, die in der Bewegung einem wankenden Wackelpudding ähnelten. Er musste danach greifen, sie festhalten, er konnte nicht anders.
   Juliette betrachtete ihn mit jenem verträumten Lächeln, das sie stets aufsetzte, wenn sie mit ihm schlafen wollte. »Ich halte es kaum noch aus«, raunte sie mit hungrigem Blick auf sein Glied, das stark angeschwollen steil nach oben zeigte.
   Ehe er sich versah, hatte sie seine Hände beiseite gestoßen und saß auf ihm. Ihre Zunge fuhr über seine Lippen, fordernd, kreisend, bevor sie endgültig seinen Mund eroberte und ihn wild küsste. Ihre Brüste quetschten sich gegen seine Rippen und quollen wegen ihrer Größe seitlich heraus. Er vermochte kaum, dagegen zu halten. Genüsslich senkte sie die Lider und drückte sich noch enger an ihn, wenn das überhaupt möglich war. Ihre Oberschenkel umklammerten seinen Unterleib und ihr Becken begann zu rotieren. Er schloss die Augen und gab sich der Bewegung hin. Ihre Energie war unglaublich. Plötzlich wurde sie langsamer, hielt inne und tat schließlich das, was er so innig liebte: Sie massierte seinen Schwanz mit der Muskelkraft ihrer Vagina, sanfter, als Finger es je bewirken könnten. Tom spürte in seiner unermesslichen Erregung, wie sein Höhepunkt nahte, aber auch, dass Juliette noch nicht so weit war.
   Tom mochte die kehligen Laute und wie sie sich über die Lippen leckte in ihrer unermesslich sexuellen Gier, bevor sie kam. Er wollte das nicht verderben durch seine Eile. Also riss er sich zusammen, auch wenn er Qualen litt und der ungeheuer aufgestaute Druck des Hinauszögerns ihn wahnsinnig machte. In seiner Verzweiflung umschlang er ihre Pobacken und knetete sie. Lächelnd, verstehend und mit einem unruhigen Flackern im Blick lehnte sich Juliette zurück. Ihre Hände verkrampften sich vor Lust auf seinen Unterschenkeln. Er senkte den Blick und gewahrte die einladend herausspringende Knospe zwischen den klaffenden Schamlippen, die förmlich schrie: Bediene dich. Flugs benetzte er einen Finger und glitt langsam darüber hinweg. Juliette zog die Unterlippe ein und dankte es ihm mit einem ausgedehnten Seufzer. Ihre Kinnpartie bebte vor Lust. Tom rieb schneller und schneller, bis sie den Rücken durchdrückte und die Augen verdrehte. Erst dann löste er den Blick von ihrem aufgerissenen, ekstatisch zuckenden Mund und verfolgte ihre Nippel, die sich groß und lang aufgerichtet in den zusammengezogenen Warzenhöfen erhoben. Wie jedes Mal machte ihn das ungemein an und wie jedes Mal sprang der Funke auf ihn über und ließ ihn punktgenau mit ihr zusammen explodieren. Eng aneinandergeklammert schrien sie ihre Erlösung heraus, bis Juliette ermattet auf ihm liegen blieb und Tom fühlte, wie sein Glied aus ihrer schlüpfrigen Scheide glitt.
   »So kann das Wochenende weitergehen«, murmelte sie, eng an seinen Hals geschmiegt. »Wir bleiben im Bett und lieben uns tot.«
   Tom spürte das Hämmern ihres Herzens an seiner Brust und wie es nach kaum einer Minute merklich leiser wurde, weil sie eingeschlafen war. Eine Welle von inniger Zuneigung überspülte ihn. Sie war unglaublich und hatte ihn Eva vergessen lassen, genau wie all die anderen zuvor. Er war überzeugt, dass es keine Bessere für ihn geben konnte.

*

Mit ein wenig Muskelkater in den Beinen, aber gut ausgeschlafen, erwachte Juliette. Sie blinzelte gegen die helle Morgensonne an, die trotz des transparenten Rollos bereits auf ihrem Gesicht brannte. Während sie registrierte, dass der Platz neben ihr leer war, hörte sie Tom in der Küche herumwerkeln. Die Vorstellung auf ein Frühstück im Bett war grandios. Schmunzelnd nahm sie ihr Smartphone zur Hand und drückte auf sein Bild. »Allerhöchstens fünf Minuten«, tippte sie ein.
   »So lange brauche ich nicht«, kam zurück.
   »Nicht doch du.«
   »Was dann?«
   »Na, die Eier.«
   »Meine?
   Sie kicherte. »Ja, die auch.«
   »Autsch. Dann wird Eiersalat draus.«
   »Keine Angst.« Sie verfiel ins Glucksen. »Das weiß ich zu verhindern.«
   Das nächste Piepsen kam so unverhältnismäßig schnell, dass Tom es nicht sein konnte. Sie starrte auf das Display. Eine Nachricht von Robert. Bist du daheim? Ich habe keine Lust, meinen Kaffee allein zu trinken. In dem Moment, als sie ihn abwimmeln wollte, erschien Tom in der Tür. In der rechten Hand balancierte er ein Tablett, die Linke umfasste eine Thermoskanne.
   »Bin schon da, du kleiner Nimmersatt.« Er grinste. »Ach übrigens – Happy Birthday.«
   Juliette strahlte. Tom, die Vergesslichkeit in Person, hatte an ihren Geburtstag gedacht, noch dazu, wo sie ihn mit keiner Silbe erwähnt hatte. Den Dreißigsten zu feiern war auch blöd für eine Frau. Das war beinah ein Generationssprung. Aber egal. Was beschwerte sie sich? Sie sah immer noch super aus, war schlank und rank wie eh und je und glücklich mit ihrem Leben. Sogar ihr Job als Krankenschwester im besten Seniorenheim der Stadt machte ihr Freude. Wer konnte das schon von sich behaupten?
   Ungeduldig strampelte sie die Decke beiseite und sprang auf. Es klopfte an der Tür. Sie blickte auf. Robert. Oje, den hatte sie völlig vergessen.
   Tom stellte das Tablett ab. »Bleib hier, ich schau nach.«
   Sie versuchte ein vorsichtiges Lächeln.
   Tom schien zu begreifen. »Lass mich raten, die lausige Rastalocke von nebenan.«
   »Nenn ihn nicht so. Was kann er dafür, wenn sich seine Haare kringeln?«
   Er rümpfte die Nase. »Mal kämmen vielleicht?«
   »Wer bist du, Tom, dass du ihm das immer unterstellst? Das ist nicht fair.«
   »Der hat ’ne Matte am Körper wie ein wildes Tier. Vielleicht sollte er öfters duschen.«
   »Das tut er«, zischte Juliette. »Er ist schließlich Krankenpfleger. Das Schwarze an seinen Armen und Beinen ist seine Behaarung.«
   »Noch schlimmer«, grummelte Tom. Es klang abwertend. »Ich würde den nicht an mich ranlassen.«
   Er ging hinaus und Juliette hörte am Knarzen der Tür, wie heftig sie aufflog.
   »Ach sieh mal an.« Toms bissige Stimme. »Wo fehlt es denn diesmal?«
   »Oh, Tom. Entschuldige vielmals, wenn ich störe.« Robert klang mehr entsetzt als verlegen. »Juliette wollte mir etwas Kaffeesahne leihen. Ist sie da? Könnte ich sie sprechen?«
   »Sie liegt im Bett und wartet auf mich. Du verstehst. Ach ja, und Kondensmilch ist aus. Bitte ruf sie heute nicht mehr an. Du störst uns.«
   »Ich will ihr zum Geburts…«
   Rumms, die Tür knallte zu.
   »Der merkt wohl nichts mehr«, echauffierte sich Tom, wieder drinnen.
   »Was ist schlimm dran, wenn er mir gratulieren will? Ich finde das nett.«
   »Nett?« Tom zuckte die Schulter. »In Roberts Fall ist nett der kleine Bruder von: Ich will dich flachlegen, Baby. Ist jedenfalls meine Analyse.«
   Juliette sah ihn entgeistert an. »Wie bist du denn drauf?« Ihr lag eine barsche Bemerkung auf der Zunge, doch sie wollte keinen Streit. »Es ist nun mal nicht meine Art, jemanden etwas zu verweigern, äh … ich meine, was die Kondensmilch betrifft.«
   Tom fing ihren Blick auf. Sie sah das Schmunzeln in seinen Mundwinkeln, als unterdrückte er ein Lachen.
   »Ich weiß«, erwiderte er. Seine Augen glänzten plötzlich. »Wo wir schon dabei sind, könnten wir uns vor dem Frühstück einen kleinen Geburtstagsfick genehmigen.«
   Juliette, die Roberts enttäuschtes Gesicht förmlich vor sich sah, dachte an die triebhafte Episode mit ihm in der Dusche. Urplötzlich versteiften sich ihre Brustwarzen und sie verspürte tatsächlich einen unbändigen Drang nach Sex.
   Tom boxte grinsend in die Luft. »Jepp, du willst es auch. Ich wusste es. Du willst dir bestimmt dein Geburtsgeschenk verdienen.«
   »Mal schauen, was ich dir wert bin«, sagte sie und streckte eifrig die Arme nach ihm aus. »Bitte, zeig es mir.«
   »Anschließend.« Er zog sie zum Bett. Der Ständer in seinem Slip verriet, dass er nicht warten konnte.
   »Okay.« Sie riss das Hindernis hinunter und nahm lächelnd sein steifes Glied in eine Hand. Die andere spielte zärtlich mit seinen Hoden.
   Er starrte sie an und keuchte vor Erregung.
   »Fass mich auch an«, sagte sie und schloss die Augen, als er seinen Mittelfinger in sie hineinsteckte. Sein unrasiertes Kinn kratzte über ihre Haut auf der Suche nach einer ihrer Brustwarzen. Er saugte daran. Die andere nahm er zwischen Daumen und Zeigefinger und drehte sie.
   Juliette erschauderte in wonnevoller Erstarrung. Eine unglaubliche Ekstase wallte in ihr auf. »Du Schuft! Du weißt genau, dass ich das nicht lange aushalten kann«, keuchte sie erstickt. Kaum ausgesprochen überspülte sie ein heftiger Orgasmus. Angenehm entspannt spürte sie, wie sich Tom auf sie legte und in sie eindrang, sie ganz ausfüllte.
   »Küss mich«, raunte er stöhnend, fordernd.
   Sie tat es, zuerst sacht, dann stürmisch, dabei schob sie neben ihrer Zungenspitze einen Finger in seinen Mund.
   »Was bist du für ein Biest«, knurrte er durch die Zähne, begleitet vom Klatschen seiner Lenden gegen ihre Hüften.
   Schmunzelnd hob sie das Gesicht. Sie wusste, dass er sich nicht lange zurückhalten konnte. Und tatsächlich.
   »Ich komme«, wimmerte er leise, dann noch einmal, diesmal lauter und eine Sekunde später spürte Juliette seinen schießenden Samen in ihrem Unterleib, begleitet von seinem erlösenden Schrei.

*

Tom erwachte mit einem Mordshunger. Er sah an sich hinunter und verspürte das dringende Bedürfnis zu duschen. Im Bad traf er auf Juliette, die im Bademantel gehüllt, ihre Zähne putzte.
   »Hallo. Na?« Zärtlichkeit lachte aus ihren Augen. »Was treibt dich in meine Arme? Ein knurrender Bauch oder die Lust nach Wiederholung?«
   »Bedarf das einer Frage?«, konterte er und zog sie an sich.
   »Nee, nee.« Sie zeigte zur Dusche. »Erst da rein, und dann will ich mein Geschenk.«
   Er bedachte sie mit einem verschmitzten Grinsen, bevor er im Wassergeprassel verschwand.

*

Der zugeklebte Umschlag in Juliettes Hand ähnelte einem großen, dicken Brief. Prüfend drehte sie ihn hin und her, drückte und bog ihn neugierig. Für einen Gutschein oder eine Glückwunschkarte war er zu dick, und Geld würde ja wohl nicht drin sein. Vielleicht eine Gebrauchsanweisung für etwas? Da Tom selbst von sich sagte, einfallslos zu sein, erhoffte sie sich nicht allzu viel. Er war noch nie gut im Überraschen gewesen, ebenso wenig wie im Verpacken.
   »Na los! Mach schon auf«, drängte er. »Ich will wissen, was du dazu sagst.«
   Juliette genoss den Augenblick der Spannung. Ihre Vorfreude auszukosten, bereitete ihr schon als Kind Vergnügen. Zwischen Spannung und Neugier schwankend löste sie den Klebestreifen des Kuverts und entnahm ihm ein dickes, in Folie verpacktes Bündel. Zuoberst lagen zwei Tickets für Das Phantom der Oper, dazu allerhand Prospekte. Zutiefst gerührt sah sie auf. »Da wollte ich schon immer hin. Woher wusstest du davon?«
   »Das ist noch nicht alles. Sieh richtig nach.«
   »Noch eine Überraschung?« Aufgeregt blätterte sie in dem bunten Papierstapel herum und entdeckte ganz zuunterst einen Buchungsbeleg für eine Übernachtung im Fünf-Sterne-Luxushotel Vier Jahreszeiten, ausgestellt auf ihre Namen. »Oh, Tom.« Verzückt begutachtete sie die Unterlagen, und plötzlich fuhr ihr der Schreck in die Glieder. »Was, nächstes Wochenende schon? Da muss ich sehen, ob ich freibekomme.«
   Tom winkte ab. »Alles schon geregelt. Euer Dr. Amtmann hat das erledigt. Er richtet im Übrigen seine Glückwünsche aus.«
   Eine ungewohnte Leichtigkeit bemächtigte sich ihrer. Es war schön und beruhigend zugleich, wenn jemand die Initiative ergriff und für sie mitplante. Das erinnerte sie an ihre Kindheit, als ihre Eltern sie mit Ausflügen überrascht hatten und sie vor Freude ausgeflippt war, wenn sie ihr einen heiß ersehnten Wunsch erfüllten. Warum mussten sie nur so früh sterben? Tränen stiegen ihr in die Augen. Das war immer so, wenn sie ihrer gedachte.
   »Ach, Tom.« Sie fiel ihm um den Hals. »Du bist wunderbar. Lass uns rausfahren ins Grüne und später schick essen gehen.«
   »Kein Problem. Ich stehe dir bis morgen zur Verfügung.«
   »Hoffentlich hast du bei Amtmann nicht ausposaunt, dass ich dreißig werde.« Sie grinste. »Der schickt mich glatt in Rente.«
   Tom rümpfte kichernd die Nase. »Das musste ich leider wegen der besonderen Angelegenheit. Du hättest sonst arbeiten müssen.«
   Ein schrilles Klingeln unterbrach ihre Unterhaltung. Tom nahm sein Smartphone zur Hand. »Sorry, Juli. Es ist die Reedmann. Ich kann sie nicht wegdrücken.«
   »Schon klar. Geh ruhig ran.«
   Er wandte sich ab und sprach mit leiser, knapper Stimme, aber betont höflich. Seiner betretenen Miene nach verhieß das Gespräch nichts Gutes. »Hör zu«, sagte er sichtlich betroffen, nachdem er das Handy zugeklappt hatte. »Meine Chefin hat kurzfristig eine Fortbildung für mich organisiert. Du weißt, wegen des neuen Postens. Ich werde noch heute Abend in Berlin erwartet.«
   »Ausgerechnet an meinem Geburtstag.« Unwillkürlich stöhnte sie auf. »Ach, was soll’s? Dann verschwinde ich halt in der Badewanne und versüße mir den Abend mit einem sauteuren Rotwein.«
   Tom schluckte. »Oh, Mann, da wäre ich gern dabei.«
   »Wann bist du zurück?«, fragte sie und grinste.
   »Am Freitag … allerspätestens. Dann fliegen wir nach Hamburg.«
   Eiligst kippte er seinen Kaffee hinunter. »Nicht böse sein, Juli. Wir holen es nach. Versprochen.«
   Er verabschiedete sich und Juliette begab sich ins Bad und ließ Wasser einlaufen. Wankend zwischen enttäuscht sein und hilfloser Einsamkeit glitt sie in den duftenden Badeschaum, fest entschlossen, es mindestens eine Stunde darin auszuhalten.
   Hauchzarte Schaumbläschen umspülten ihre Haut, die, sobald sie zerplatzten, ein herrliches Grapefruitaroma hinterließen und bei denen, die ihre Knospen umschlossen, ein schmerzliches Verlangen nach Zärtlichkeit. Für einen Augenblick erwog sie, bei Robert zu klingeln, um den Rotwein mit ihm zu trinken. Das verwarf sie schnell und ging stattdessen, ohne den Rotwein anzurühren, mit einer Liebesschnulze zu Bett. Jammerschade, dass sie allein war.

Kapitel 2

Am nächsten Morgen, Juliette war wie immer spät dran, wenn sie zur Frühschicht musste, räumte sie noch rasch das Bettzeug zusammen. Sie konnte Unordnung nicht ausstehen. Zunächst bemerkte sie das längliche, hübsch verschnürte Päckchen oberhalb des Kopfkissens nicht, ein Zipfel verdeckte es. Erst, als sie die Federn aufschüttelte, fiel ihr Blick darauf.
   »Was ist das?« Freudig überrascht setzte sie sich und riss es auf. Es enthüllte ein Lederetui in mattem Lila. Sie öffnete den Deckel und presste beim Anblick der stylish coolen Sonnenbrille die Hand vor den Mund. Sie besaß schmale schimmernde Doppelbügel, deren Enden mit jeweils einem flachen zart lilafarbenen Amethyst, ihrem absoluten Lieblingsstein, zusammengehalten wurden.
   »Oh, Tom. Du bist verrückt«, flüsterte sie aufjauchzend, während sie die außergewöhnlich filigrane Arbeit bewunderte. Hastig hüpfte sie vom Bett zum Spiegel, um sich zu betrachten. Die Brille saß perfekt. Euphorisch vor Freude drehte sie den Kopf hin und her. Dabei bemerkte sie, dass die Gläser ihrer minimalen Sehschwäche angepasst waren. Seltsam, dass Tom davon wusste. Sie konnte sich nicht erinnern, es ihm gegenüber erwähnt zu haben.
   Wie automatisch griff sie zum Handy und rief ihn an.
   »Juli«, sagte er gehetzt. »Lieb von dir, dass du dich meldest, aber ich bin in Eile. Das Seminar beginnt gleich.«
   »Ist nicht schlimm.« Im Geiste sah sie, wie er sich schnellen Schrittes an anderen Teilnehmern vorbeikämpfte, immer seine Armbanduhr im Auge. »Ich wollte dir nur schnell für die süße Idee danken«, hauchte sie. »Manchmal glaube ich, du kannst Gedanken lesen.«
   »Kein Ding, Juli.« Er lachte auf. »Sorry, aber ich muss dich abwürgen. Ich schaffe es sonst nicht.«
   Er klang atemlos, aber auf eine seltsame Art fürsorglich. Das mochte Juliette an ihm. Höflichkeit und Anstand waren ihr wichtig. So war sie erzogen worden.
   Sie stand auf, um zu gehen. Ihr Blick fiel auf etwas Rotes in der Ritze zum obersten Bettgiebel. Sie angelte danach. Es war ein weiteres Schächtelchen, diesmal unverpackt. »Tom, du Geheimniskrämer«, sagte sie aufgewühlt. Sie klappte es auf.
   Oh, wie hübsch, dachte sie und drückte die Hände gegen die Brust. Ein mit Edelsteinen besetzter Ring lag darin. Er funkelte violett und sah wertvoll aus. Juliette hielt ihn ins Sonnenlicht. Auf der Innenseite war etwas eingeritzt. Für immer und dein – 1. Juli 1984. Voller Ungläubigkeit starrte sie auf die Gravur und konnte erst nach einigen Herzschlägen die Bedeutung erfassen. Die Erkenntnis flog wie ein eisiger Luftzug durch sie hindurch, blieb irgendwo zwischen Lunge und Herz stecken und nahm ihr mit einer unerwarteten Heftigkeit die Luft. Das war ein Antrag. Augenblicklich verrauchte ihre Freude, und ihr wurde schlecht. Warum sollte Tom sie heiraten wollen? Ihm musste klar sein, dass sie ablehnen würde. Er wusste, dass sie sich nicht binden wollte. Damit verdarb er alles. Sie wollte ihn anrufen und fragen, ob er sich einen Scherz mit ihr erlaubt hatte. Da er bestimmt keine Zeit haben würde, unterließ sie es. Mit Schweigen demonstrierte sie ihre abweisende Haltung am besten. In Hamburg konnte sie immer noch mit ihm reden. In dem Versuch, ihrer Aufgebrachtheit Herr zu werden, fiel ihr ein, wie unglaublich nervös Tom war, als er ankam und wie göttlich der Sex war, genauso wie er es ihr am Telefon versprochen hatte. O Gott. Sie lachte jäh auf. Was für eine Närrin sie war. Klar, Tom hatte sich verliebt in sie. Eine andere Bedeutung konnte diese lächerliche Inschrift nicht haben. Sie legte den Ring in die Schachtel und sah zur Uhr. Sie musste los. In knapp einer Stunde begann ihr Dienst. Schnell raffte sie ihr Haar zusammen und flocht es im Nacken zu einem dicken Zopf. Nach einem letzten Blick in den Spiegel schnappte sie ihre Tasche und verließ die Wohnung.

Trotzig biss sich Juliette auf die Lippen. Die ganze Woche hatte sie nichts von Tom gehört. Keine Nachfrage, ob ihr der Ring gefiel, keine Mail, nichts. Er schien nicht mal ansatzweise zu wissen, was er damit angerichtet hatte.
   Sie beschloss, ebenfalls nicht darüber zu sprechen, bis er das Thema von selbst anschneiden würde. Vielleicht bekannte er in Hamburg Farbe, wenn er bemerkte, dass sie den Ring nicht trug. Sollte er nichts sagen, würde sie ebenso schweigen, bis Gras über die Sache gewachsen war.
   Im Treppenhaus begegnete sie Robert. Die Hände in den Hosentaschen musterte er sie mit einem herausfordernden Lächeln. Sein aufgesetztes Grinsen weckte Erinnerungen in ihr. Um nicht Wasser auf die Mühlen zu gießen, tat sie gleichgültig, damit er nicht in die Verlegenheit kam, sie anzusprechen.
   »Bin ich ein Aussätziger?«, fragte er. »Oder warum behandelst du mich so? Tom hat wohl ganze Arbeit geleistet.«
   »Wieso Tom?« Juliette zögerte einen Moment. »Du warst es doch, der mich ausnutzen wollte. Ich sage nur Dusche.«
   Seine verblüffte Miene drückte Ergebenheit aus. »Ich dachte, du wolltest es auch.«
   Sie hob die Brauen. »Das war Hausfriedensbruch, Robert. Dafür könnte ich dich anzeigen. Gehst du immer in Wohnungen, ohne dich anzukündigen?«
   »Jetzt übertreibst du aber, findest du nicht auch?« Er fasste sie beim Arm, aber sie entzog sich ihm. »Verflixt noch mal, Juliette. Hör auf, mich als Vergewaltiger hinzustellen, nur weil ich schwach geworden bin. Du hast es provoziert.«
   An seiner Mimik merkte sie, wie verletzt er war, wusste, dass er recht hatte und es ehrlich meinte. Sie bedauerte ihre harschen Worte. »Das habe ich nicht gesagt.« Es sollte beschwichtigend klingen, doch Robert wandte sich um und ging in seine Wohnung, ohne ihr einen Blick zu widmen.

Freitag, sehr früh am Morgen klingelte es Sturm an Juliettes Tür, kurz darauf klopfte es heftig. Sie rieb sich die Augen, wickelte sich in ihre Decke und stapfte fluchend los, um zu öffnen. »Robert, du schon wieder. Weißt du, wie spät es ist?«
   »Ich schon, aber du anscheinend nicht«, versetzte er nicht minder bissig. »Da unten steht ein Taxi und hupt sich die Seele aus dem Leib. Der Fahrer beharrt darauf, dass du es bestellt hättest.«
   Panik überfiel sie. »Scheiße ja. Ich habe verschlafen.« Sie schlug sich gegen die Stirn. »Könntest du ihm bitte sagen, dass ich in fünf Minuten unten bin?«
   »Ich lege lieber noch zehn drauf. So wie du aussiehst, brauchst du die.« Er machte eine Kinnbewegung auf die riesige Reisetasche, die an der Garderobe stand. »Soll die mit?«
   Sie nickte. Unten hupte es erneut.
   Ohne zu zögern, schulterte Robert die Tasche und machte eine einlenkende Handbewegung zur Treppe. »Ich bringe sie schon mal runter, wenn’s dir recht ist, damit der Taxifahrer beruhigt ist.«
   »Danke«, entgegnete sie leise, mit einem Puls, der verrücktspielte und einem Herz, das taktgleich mitflatterte. Robert brachte sie immer noch aus dem Gleichgewicht.
   Sie hörte ihn die Treppen runterstapfen. Völlig konfus warf sie die Tür zu und flitzte ins Bad. Zähneputzen, Wasser ins Gesicht werfen und Haare über Kopf kämmen und zusammenbinden waren eins, Slip, Jeans und T-Shirt an – fertig. Nur gut, dass sie am Abend alles zurechtgelegt hatte, eine ihrer Grundregeln für einen guten Start in den Tag. Frühstücken würde sie ausnahmsweise unterwegs müssen.
   Durch die offene Tür im Treppenhaus hörte sie, wie Robert auf den Taxifahrer einredete. »Sie haben wohl noch nie verpennt, was? Die fünf Minuten holen sie doch locker wieder auf. Ach, da kommt sie ja schon … Ups. Siehst ein bisschen blass um die Nase aus, Kleines.« Seine kohlschwarzen Augenbrauen zuckten in Höhe Treppenabsatz. »Ich hoffe, Tom wird sich trotzdem freuen. Also viel Spaß, was auch immer ihr vorhabt. Lass es nicht allzu wild werden.«
   O Gott, diese traurigen Augen, dachte Juliette und schluckte schwer. Am liebsten hätte sie über sein feuchtes, nach hinten gebundenes Haar gestrichen, das im Nacken tropfte und sein T-Shirt bekleckerte. Er hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, es abzutrocknen, nur um ihr zu helfen. Zuzüglich ihres schlechten Gewissens verspürte sie einen dicken Klumpen Beklommenheit in sich aufsteigen, der einem nassen Waschlappen gleich ihren Magen verbarrikadierte. Bei aller Vorfreude auf Hamburg musste sie sich eingestehen, dass sie viel lieber daheim geblieben wäre. Sie ärgerte sich über ihre Unsicherheit, während sie sein vertrautes Gesicht musterte.
   »Ich danke dir, Robert«, sagte sie zögerlich. »Auch für deine Freundschaft.«
   Die feinen Linien um seine Augen verlängerten sich, wie immer, wenn er lächelte. Wie konnte er höflich sein, obwohl sie ihm ständig wehtat?
   »Können wir endlich?« Der Taxifahrer, ein fülliger Mann, ging um das Auto herum und hielt die Beifahrertür auf. Sein griesgrämiges Gesicht, mit den Einkerbungen eines Rauchers, zuckte zu Robert. »Sie wollen nicht mit, oder?«
   »Richtig erkannt.« Robert schenkte ihm ein mattes Lächeln. »Einer muss hier die Stellung halten. Blumen gießen und so.« Mit einem merkwürdig verschleierten Ausdruck im Blick sah er Juliette an. »Wenn du zurück bist, würde ich dir gern dein Geburtstagsgeschenk geben.«
   »Lieb von dir, Robert«, entgegnete sie zaudernd, stieg ein und knallte die Autotür zu, ohne ihn noch einmal anzusehen, auch wenn er ihr leidtat. Es hätte nichts gebracht, ihm Hoffnungen zu machen, so gern sie es täte. Sie dachte sowieso viel zu oft über ihn nach. Im Grunde genommen schon, seitdem er in die Wohnung neben ihr eingezogen war, in der Mutter gewohnt hatte. Noch einmal fühlte Juliette die Qualen jenes schweren Tages in sich aufsteigen, schmerzhafter noch, als sie bei Vaters Tod gelitten hatte. Sie war mit knapp fünfundzwanzig Jahren plötzlich über Nacht Besitzerin eines Wohn- und Geschäftshauses geworden, das inmitten eines wunderschönen Grundstückes in einer der exponiertesten Lagen Münchens stand. Seufzend erinnerte sie sich an Mutters schwache Worte am Vortag ihres Todes und wie sie mit kraftloser Bewegung beschrieb, wo sie die Unterlagen aufbewahrte, die für das Objekt vonnöten waren. Es zu betreuen, oblag nun den Erben, also ihr, was für eine junge Frau ihres Alters eine ungeheure Last mit sich brachte.
   Als die erste Trauer vorüber war, hatte sie die Verbindungstür zwischen ihren vier Wänden und denen ihrer Mutter zumauern lassen, um die freigewordenen Räume vermieten zu können. Das Haus beherbergte nun fünf Wohnungen, inklusive ihrer und den zwei gut gehenden Arztpraxen im Parterre. Aus den dreißig Bewerbern für den neu geschaffenen Wohnraum waren nur drei infrage gekommen, darunter auch Robert. Seine angenehm sanfte Art war ihr schon am Telefon aufgefallen. Sie hatte letztendlich den Ausschlag für den Mietvertrag mit ihm gegeben.
   Das Taxi glitt durch eine mit noblen Villen flankierte Straße an einer Einkaufspassage vorbei in den Strudel des stärker werdenden Morgenverkehrs. Froh, Roberts Blicken entronnen zu sein, lehnte sich Juliette zurück und ließ die Fahrgeräusche auf sich wirken. Sie konnte nicht umhin, ihren Gedanken nachzuhängen, die nicht von Robert loskamen. Kurz nach seinem Einzug hatte sie sich zu einer heißen Affäre mit ihm hinreißen lassen, obwohl sie Tom gerade kennengelernt hatte. Eine Zeit lang pendelte sie zwischen den beiden hin und her, weil sie sich auf keinen festlegen wollte, bis Robert ihr die Entscheidung abnahm. Er gestand ihr ehrlicherweise, dass er fünf Jahre jünger war als sie, eine Erkenntnis, die sie gewaltig störte, weil sie sich im Vergleich zum ihm uralt vorkam. Wahrscheinlich lag es daran, dass sie ein generelles Problem mit Männern hatte, die jünger waren als sie.
   Auf Robert hatte sie sich eingelassen, weil er ihr aufgrund seines Taktgefühls und seiner angenehm reifen Verhaltensweise älter erschienen war. Schon als sie ihn zum ersten Mal sah, hatte sie sich zu ihm hingezogen gefühlt, war total verzaubert von seiner stillen Art. Ihm war es ebenso ergangen, verriet er ihr, als sie Tage später die Kontrolle über sich verloren und übereinander hergefallen waren. Wäre die Sache mit dem Altersunterschied nicht gewesen, hätte sie garantiert Tom den Laufpass gegeben. Robert war zutiefst schockiert von dem Grund ihrer Entscheidung. Er fand ihr Getue kindisch und wollte ihr glaubhaft machen, dass man ihr das Alter nicht ansähe. Sie konnte trotzdem nicht über ihren Schatten springen und behauptete stattdessen, Tom zu lieben, was nicht stimmte, aber die plausibelste Ausrede war. Dummer Stolz war nicht immer erklärbar, das wusste sie mittlerweile. Robert war seitdem verschlossen und behandelte sie kurz angebunden, wenn sie einander begegneten. Bis zu jenem Nachmittag, an dem er sie nackt an ihrer Wohnungstür gesehen hatte. Kein Wunder, dass alles in ihm verrücktspielen musste und er zu ihr in die Dusche gestiegen war. Es war peinlich gewesen, aber auch irgendwie wunderschön.

Als Juliette in die große, beeindruckende Lobby des Hamburger Fairmont Hotels trat, auch Vier Jahreszeiten genannt, pumpte sie wie ein Maikäfer. Das war wieder klar. Tom hatte seinen Flug nach München verpasst und informierte sie nun per WhatsApp, dass er kurzfristig umgebucht hätte und direkt von Berlin nach Hamburg flöge. Sie möchte bitte im Hotel auf ihn warten und es sich derweil gemütlich machen, auf seine Kosten natürlich.
   Man bot ihr an, falls sie außerhalb des Zimmers auf ihren Begleiter warten möchte, dies auf der Dachterrasse in einem der gemütlichen Strandkörbe zu tun und den fantastischen Blick über die Hansestadt zu genießen. Juliette lehnte ab, sie wollte allein sein.
   Das Hotelzimmer war ein Traum. Exzellent eingerichtet war es mit seiner funktionalen Rundumbestückung von höchstem Niveau. Es befand sich in der dritten Etage und erwartete sie mit einem entzückenden Blumenarrangement und einer kleinen Geburtstagstorte. Versöhnt trat Juliette auf den hübsch möblierten, sommerstaubigen Balkon mit Blick auf die Binnenalster, die in der Hitze der Mittagssonne wie ein krakelierter Spiegel wunderschön glitzerte. Sie beugte sich über die Brüstung, sah den kreischenden Möwen, die sich um Essensreste balgten, und den bunt angezogenen Menschenmassen zu, die entlang der langen Baumalleen am Ufer flanierten. Von der offenen Terrasse des Restaurants schräg unter ihr wehte leichter Kaffeeduft herauf, der Appetit machte. Sie holte sich etwas von der Torte nach draußen und sah kauend auf das malerische Panorama des grün bewachsenen Ufers auf der gegenüberliegenden Seite des Wassers. Es war ein atemberaubendes Bild und sie überlegte, was sich in diesem Moment für Schicksale hinter den unzähligen Fenstern der Hochhäuser abspielten. Davon abgelenkt hörte sie nicht, wie jemand das Zimmer betrat. Erst, als ein lautes Poltern sie erschreckte und ein zaghaftes Hallo ertönte, ging sie hinein.
   »Tom!«
   Kaum hatte sie seinen Namen ausgesprochen, riss er sie überschwänglich in die Arme. Der Duft seines teuren Aftershaves nebelte sie ein, und sie müsste sich eigentlich freuen, dass er endlich da war. Aber es war ihr nicht möglich, ihn ebenfalls so stürmisch zu begrüßen.
   »Oje. Du bist böse.« Er ließ sie los und verzog reumütig das Gesicht. »Komm mal her.« Er zog sie erneut an sich. »Ich bin ein Scheißkerl, ich weiß, und es war eine Zumutung, dass du im Alleingang herkommen und auf mich warten musstest. Es tut mir schrecklich leid, Juliette. Aber jetzt bin ich da. Bist du bereit?«
   Misstrauisch schlängelte sie sich aus seinen Armen und krauste die Nase. Hoffentlich fiel er nicht auf die Knie und hielt um ihre Hand an. »Bereit? Wofür?« Ein unheilvolles Hämmern breitete sich in ihrem Kopf aus, als sie ihn ansah.
    »Hallo? Für das Phantom vielleicht? Was dachtest du, was ich meine? Och, Juliette, guck doch nicht so.« Er sah sie an wie ein unschuldiges Kind. »Ich habe mich schon entschuldigt. Soll ich vielleicht noch auf die Knie fallen? Ich habe alles so schön organisiert, und ob du es glaubst oder nicht, ich wollte dich sogar über die Schwelle des Hotelzimmers tragen.«
   Also doch … Das Herz rutschte ihr beinah in die Hose.
   Tom ließ sich ungezwungen in einen der hochgepolsterten Sessel fallen und lehnte sich behaglich zurück. »Das Zimmer ist toll, oder?« Sein Blick schweifte über die modernen Kunstwerke an den Wänden. »Ich hoffe, meine Auswahl hat dich zufriedengestellt.« Auf sein begeistertes Lächeln folgte ein missbilligendes Stirnrunzeln. »Was ist los mit dir, Juliette? Du wirkst so geknickt.«
   »Ach, nichts. Was soll sein?« Seine Ausweichmanöver ärgerten sie. Warum rückte er nicht endlich mit der Sprache heraus? Sie hatte das merkwürdige Gefühl, er suchte nach dem richtigen Zeitpunkt.
   »Du könntest dich wenigstens ein bisschen freuen«, sagte er.
   »Das tue ich doch.« Sie versuchte, vergnügt auszusehen. »Ich hatte nur einen ziemlich anstrengenden Tag.«
   Er sprang auf und kam zu ihr. Der schwere Teppich dämpfte seine Schritte. »Du bist regelrecht blass geworden, als ich hereingekommen bin.« Er fasste ihr unter das Kinn. »Hab ich etwas falsch gemacht?« Er nahm ihre Hände und zog sie an seine Lippen. Dann streichelte er ihr zart über die Wange. »Hast du vielleicht Hunger? Warte. Wenn du möchtest, lassen wir uns eine Kleinigkeit aufs Zimmer kommen. Also, worauf hast du Appetit? Wir könnten auch unten im Restaurant etwas essen.«
   Juliette war froh, dass Tom den Ring mit keiner Silbe erwähnte und keine Anstalten machte, sie zu bedrängen, sondern sich Sorgen um ihre Gesundheit machte. Das beklemmende Gefühl in ihr ebbte ab und sie entspannte sich ein wenig.
   »Anderer Vorschlag«, sagte sie im gelösten Ton und mit einem extra langen Blick auf das breite Bett. »Wir ruhen uns ein wenig aus. Der Abend könnte noch lang werden.«
   »Wirklich?« Verwunderung lag in seinem Blick. »Ich bin tatsächlich ziemlich erschöpft.«
   »Dann wäre schlafen genau das Richtige«, sagte sie und schürzte die Lippen.
   Wärme und Zärtlichkeit schlichen sich in Toms Augen, was ein leises Kribbeln in ihren Bauch zauberte. »Von nichts anderem habe ich gesprochen.«
   Sie sah ihn an und sortierte ihre Gedanken. Er war kein bisschen unsicher und ungezwungen wie immer. Er hatte kein einziges Mal auf ihre Hand geschielt, was nur bedeuten konnte, dass er sich einen Spaß gemacht hatte mit dem Ring. Wer weiß, was ihn geritten hatte, als er ihn gekauft hatte. Vielleicht wollte er austesten, wie sie darauf reagierte. Ernst war es bestimmt nicht gemeint.

*

Tom bemerkte das verschämte Aufblitzen in Juliettes Augen. Ihr Blick zu dem Bett war garantiert als Aufforderung gemeint. »Du kannst unglaublich ungezogen sein«, raunte er, während er seine Hand gegen ihren Hinterkopf legte und im Blau ihrer Augen versank. Sie stöhnte, als er seine Lippen auf ihren Mund presste, die Zunge hineinstieß und sich an ihr festsaugte, wild, ungehemmt, fordernd. Die Anspannung ihres Körpers ließ nach und machte der altbekannten Sinnlichkeit in ihr Platz, ließ sie Wachs werden unter seinen Händen.
   Süchtig nach ihrer Wärme schob er seine Finger unter den groben Stoff ihrer engen Jeansweste, die sich einer Epidermis gleich um ihr trägerloses T-Shirt schmiegte. Er registrierte freudig, wie sie unwillkürlich den Atem anhielt.
   »Ui. Du trägst keinen BH«, raunte er voller Begierde und strich über ihre prallen Nippel. Ihre Finger glitten durch seine Haare und für einen klitzekleinen Augenblick kam ihm Eva in den Sinn. Mit einem Ruck sprengte er die Druckknöpfe ihrer Weste und schob das T-Shirt hoch. Holla die Waldfee, dachte er und schnappte aufgeregt nach Luft bei dem Anblick. Da konnte Eva wahrlich nicht mithalten.
   Mit der Zungenspitze fuhr er erneut über ihre Lippen, dabei knöpfte er ihre weite Chiffonhose auf, die raschelnd zu Boden rauschte. Im Rückwärtsgang schob er sie zu dem blau-grau gesteppten Bett und plumpste über ihr in die gleichfarbigen Kissen. Ihre schweren Brüste wankten kurz, dann kullerten sie seitlich weg. Flugs drückte sie sie zusammen, mit vor Lust vibrierenden Augenlidern und einem Blick, der sein Blut zum Kochen brachte.
   In Tom stieg zunehmende Erregung auf. »Mach nur weiter so«, brachte er mühsam hervor, dann brach seine Stimme und ging in einem hastigen Atmen unter.
   Japsend kniete er über ihr und sah zu, wie sie seine Hose öffnete und grinsend sein steifes Glied herausholte. Um seine Vorfreude in den Griff zu bekommen, denn jede Zelle seines Körpers sehnte sich nach dem, was sie hoffentlich vorhatte, atmete er tief ein und aus. Mit einem aufreizenden Blick in seine Augen schlüpfte sie aus seinen Armen und rutschte auf seinen Unterleib zu. Ihre Lippen öffneten sich und umschlossen seine Eichel. Ein heißer Wonneschauder jagte durch seine Lenden und nach einigen halbherzigen Versuchen, sich ihr zu entziehen, was ihm nicht gelang, stöhnte er. »Juliette, bist du des Wahnsinns?«
   Noch hartnäckiger krallte sie sich an seinem Hosenbund fest und während er glaubte, vor Geilheit zu vergehen, hörte er das schmatzende Geräusch ihrer Zunge. Ihm blieb nichts anderes übrig, als ergeben die Augen zu schließen und sich gehen zu lassen … bis er kam, in ihrem Mund.
   »Du bist dran, Juli Kramer«, zischte er mit vom Röcheln heiserer Stimme. »Ich werde dich vögeln, bis der Arzt kommt.«
   »Hm …« Sie hob die Augenbrauen, linste mit unverschämt geilem Blick auf seinen halb erigierten Schwanz. »Du denkst aber schon noch daran, dass das Phantom nicht auf uns wartet.«

Es war kurz nach vier Uhr nachmittags, als sie ihr Zimmer verließen und zu einem Regenerationsspaziergang aufbrachen, wie Juliette es so schön nannte, wobei sie zweifellos einen Shoppingausflug meinte. In ihrem luftigen Sommerkleidchen, das sich im Takt ihrer frisch gewaschenen Haare bei jedem Schritt bewegte, kam sie Tom sehr begehrenswert vor. Es erfüllte ihn mit Stolz, wenn andere Männer sich nach ihr umdrehten und ihn neidvoll betrachteten. Leidenschaftlich umschlang er ihre Taille und drückte sie noch enger an sich.
   »Mist.« Juliette blieb stehen und wühlte in ihrer Handtasche herum. »Ich muss noch mal zurück. Meine neue Sonnenbrille liegt oben.« Sie drehte sich um und flitzte los. »Bin gespannt, was du sagst, wie sie mir steht.«
   »Mach nur langsam«, rief er ihr nach. »Ich warte unten am Wasser auf dich.«
   Vor Freude presste Juliette den Mund zusammen, als sie ihr Spiegelbild in den Glasflächen der Lounge in Augenschein nahm. Sie sah umwerfend aus mit der Brille.
   Die Portaltür schwang auf und sie trat in den Sonnenschein. Von schwülheißer Luft umfangen, ließ sie auf der Suche nach Tom ihren Blick an der Alster entlangschweifen. Alle Tische in Ufernähe waren besetzt.
   Ein Mann rieb eine Serviette über seine schweißglänzende Glatze. Seine großen, klobigen Hände wollten nicht so recht zu seiner untersetzten Figur passen. Er nahm die Speisekarte zur Hand und sah auf. Für einen Moment trafen sich ihre Blicke, worauf er scheinbar interessiert seine Brille absetzte und an den Gläsern herumwischte. Dabei umspielte ein dünnes Lächeln seine Lippen. Juliette spürte ein merkwürdiges Unwohlsein in sich aufsteigen. Ohne Brille glaubte sie den Kahlkopf schon einmal gesehen zu haben.
   Ihm gegenüber, ihr den Rücken zugewandt, saß ein hochgewachsener Mann im edlen Ringel-T-Shirt und weißer Hose über offenen Sneakers. Bläulicher Zigarettendunst waberte vor ihm in die Höhe. Er schien älter zu sein als der andere. Das ließen seine fülligen, leicht angegrauten Haarbüschel vermuten, die unter seiner ebenso weißen Mütze und an den Schläfen hervorquollen. Der Kahle sagte etwas zu ihm, woraufhin er einen schnellen Zug von seiner Kippe nahm, sie ausdrückte und sich mit einem flüchtigen Seitenblick den Hals in ihre Richtung verdrehte. Mit einem untrüglichen Gefühl trat Juliette in den Schatten eines stattlichen Baumes, weshalb sie nur das Profil des Mannes erkennen konnte. Er trug eine verspiegelte Sonnenbrille, was ihn bedeutend jünger erscheinen ließ, als sie angenommen hatte, auch ihn glaubte sie, schon einmal gesehen zu haben. Doch sie kam nicht drauf, wo und wann es war und verwarf den Gedanken, zumal die Männer wieder angeregt im Gespräch vertieft an ihren Weingläsern nippten. Ihr Gesichter-Erkennungs-Gedächtnis ließ sie in letzter Zeit oft im Stich.
   Ein lautes Gejohle lenkte sie ab. Eine Gruppe Teenager lümmelte auf einer kurz geschorenen sommergrünen Rasenfläche, die Mädchen aufreizend gekleidet und grell geschminkt, die Jungs hoch aufgeschossen und mit lässig in den Knien hängenden Jeans. Frohgestimmt, sicherlich aus der Ferienlaune heraus, stießen sie mit bunt etikettierten Flaschen an. Die Mülleimer an den üppig bewachsenen Blumenbeeten waren bereits übervoll davon. Der Funke sprang auf Juliette über und ließ Erinnerungen an ihre Kindheit aufglimmen, als sie im selben Alter war wie diese Kinder hier. Das Bild des Fasaneriesees, er lag nördlich von München, schob sich in ihr Gedächtnis. Der vertraute Geruch des Wassers, gemischt mit dem Duft der frisch gemähten Wiese und dem Holz der Tannen, stieg ihr in die Nase. Am Ufer hatte sie zusammen mit Mutter gesessen und Kränze aus wilden Kamillenblüten und pinkfarbenen Steinnelken geflochten oder im Gras gelegen und in den fliegenden Wattewolken Figurenraten gespielt. Sie schloss die Augen und hörte das leise Klappern des Picknickkorbes, den Vater regelmäßig plünderte, obwohl er wegen seines Übergewichts strenge Diät halten sollte. Auch wenn er sich bemühte, schaffte er es nicht, sich zu zügeln. Wahrscheinlich wusste er damals schon, dass er totgeweiht war und ihn seine Fressattacken ins Grab stürzen würden. Hungern kam trotzdem nicht infrage für ihn und erst recht nicht der Verzicht auf seine geliebten Zigaretten. Er verstarb kaum fünf Jahre später an den Folgen seiner verstopften Koronargefäße, sprich einem Herzinfarkt. Es war der Preis für seine Genusssucht.
   Mom, die gerade in Rente gegangen war, bekam kurz darauf die Diagnose Brustkrebs. Juliette zuliebe kämpfte sie zwar noch, doch es stellte sich heraus, dass der Tumor bereits gestreut hatte. Sie überlebte Paps gerade mal sechs Monate. Immer wenn Juliette der beiden gedachte, zog sich ihr Herz schmerzhaft zusammen und trieb ihr Tränen in die Augen. Sie vermisste sie jeden Tag, jede Stunde, eigentlich immer und sie war dankbar, solch liebevolle Eltern gehabt zu haben.
   Tief bewegt wendete sie sich von den Jugendlichen ab. Aus den Augenwinkeln spürte sie eine Bewegung und schnellte herum. »Tom. Hast du mich erschreckt.«
   Das Sonnenlicht blitzte in seinen grünen Augen und tauchte die feinen Härchen seiner Augenbrauen in einen rötlichen Ton. Schmunzelnd sah sie an ihm hinunter. Wieso trug er immer diese langen Hosen, egal, wie warm es war? So würden seine Käsebeine nie braun werden.
   »Ich habe dich beobachtet. Wo warst du nur mit deinen Gedanken?« Breit grinsend zeigte er zum Wasser. Ein Alsterdampfer schipperte vorbei. Die Fahrgäste schwenkten übermütig die Arme und Tom winkte begeistert zurück. »Sympathisches Völkchen, die Hanseaten«, sagte er mit einem melancholischen Blick auf das sich kräuselnde Wasser, das hinter dem Schiff eine Schleife zog. »Da müssen wir unbedingt auch mal mit. Man bekommt direkt Lust, ein bisschen Meeresluft zu schnuppern. Weißt du was? Lass uns morgen nach dem Ausschlafen zum Hafen fahren. Siehst übrigens süß aus mit deiner neuen Brille. Toller Kontrast zu deinen Haaren.«
   »Danke.« Sie gab ihm einen Kuss. »Das beweist, dass du einen guten Geschmack hast.« Sie lächelte ihn an. »Du hast recht. Es ist zauberhaft hier. Warum nicht? Hamburger Hafen klingt gut. Wir haben morgen bis zum Nachmittag Zeit, aber jetzt brauch ich erst mal einen Espresso.«
   Sie steuerten den Jungfernstieg in Richtung Gänsemarkt an, eine der schönsten Flaniermeilen Deutschlands. Schnellimbisskioske warben auf Kreidetafeln für alle möglichen Köstlichkeiten, angefangen von gebrannten Nüssen in gläsernen Behältern, über selbst gepresste Fruchtdrinks, bis hin zu frisch gebackenen Crêpes und Bratwürstchen. Doch Juliette wollte es gediegen und die Beine unter einen Tisch strecken. Das lichtdurchflutete Ambiente des Alsterpavillons mit direktem Blick aufs Wasser zog sie mehr an. Sie tranken und aßen eine Kleinigkeit. Anschließend stürzten sie sich ins Einkaufsgetümmel, entlang der aufwendig gestalteten Blickfangfassaden auf der gegenüberliegenden Seite, wo aneinandergereihte, exklusive Einzelhandelsgeschäfte und schattige Passagen lockten. Besonders angetan war Juliette von den teils recht eigenwilligen Boutiquen, die sich mit ihren Angeboten geradezu übertrumpften. Dort, wo es ihnen gefiel, probierten sie ein Kleidungsstück an, wobei der jeweils andere, oftmals mit einem Gläschen Sekt in der Hand, seinen Kommentar abgeben durfte. Tom hob vorrangig den Daumen, wenn sie raffiniert geschnittene und eng sitzende Teile präsentierte und dabei den Kopf hochschraubte wie ein Model. Sie hingegen plädierte mehr für das Legere, Ungezwungene an ihm, es ließ ihn entspannter und nicht so beherrscht erscheinen.
   Bepackt mit vollen Einkaufstüten traten sie den Rückweg zum Hotel an, als Juliette vor der besonders hübsch dekorierten Auslage eines Juweliergeschäftes stehen blieb. Ihr kam der Gedanke, bei dieser Gelegenheit Tom einen Wink mit dem Zaunpfahl zu geben, um die Sache mit dem Ring ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen. Sie schob eine Haarsträhne zurück, die ihr in den Mund geweht war, und betrachtete den kleinen blassrosa Aufsteller mit der Aufschrift: Brautausstattung.
   Auf Toms Stirn zeigten sich Ansätze eines Stirnrunzelns. »Was guckst du so offensichtlich auf die Eheringe?«, erkundigte er sich.
   Die Frage verursachte ein unsicheres Gefühl in Juliette. Fast lag ihr eine dumme Bemerkung auf der Zunge, die sie schnell hinunterschluckte und stattdessen sein Gesicht kritisch musterte. »Sie sind schön, nicht?«, sagte sie mit einem gewissen Überschwang in der Stimme, der Frauen des Träumens bezichtigte. »Trotzdem finde ich sie überflüssig, wenn du weißt, was ich meine. Ich denke, man sollte allen Heiratswilligen per Gesetz eine Übergangszeit aufbürden. Dann gäbe es nicht so viele Scheidungen.«
   Tom drehte sein Gesicht zeitlupenartig von ihr zu den ausgestellten Schmuckstücken und zurück, was Juliette in leichte Bedrängnis brachte.
   »Nun …« Er drückte ihr einen Kuss ins Haar und reichte ihr die Hände. »Wie wäre es damit: Der Gesetzgeber setzt eine gewisse Frist fest, sagen wir mal fünf Jahre. Die Eheleute müssen bis spätestens dahin ihr Gelübde erneuert haben, sonst läuft ihre Ehe automatisch aus, ohne dass extra eine Scheidung eingereicht werden müsste. Ich persönlich sähe viele Vorteile darin. Geld sparen zum Beispiel, denn so eine Trennung ist mitunter mit mehr Kosten verbunden als eine Hochzeit, ganz zu schweigen von dem Nervenaufwand, den diese Rosenkriege mit sich bringen. Die Scheidungsanwälte würden aussterben, weil sie und die Richter mehr Zeit hätten, sich um Wichtigeres zu kümmern.«
   »Du meinst eine Bindung auf Zeit?« Seine Worte lösten Qualen des Unbehagens in Juliette aus. Er würde wohl nicht …
   »Andersherum«, fügte er mit andächtig verzogenen Brauen hinzu, »muss man sich nicht gleich binden, nur weil man scharf aufeinander ist. Die Meisten überstürzen es mit der Ehe.« Mit einer unwirschen Handbewegung winkte er ab. »Das ganze Heiratsgetue ist sowieso out.«
   »Ach ja?« Juliette lächelte erleichtert. Der Dämpfer hatte offensichtlich gewirkt. Seine Worte klangen eindeutig nach: Ich habe es eingesehen und behaupte das Gegenteil. Damit war das Hindernis zwischen ihnen ausgeräumt, ein für alle Mal.
   Froh gelaunt drehte sie sich um und wollte weitergehen, doch Tom hielt sie am Arm fest.
   »Als Ausgleich möchte ich dir gern etwas kaufen«, beharrte er und schob sie in den Laden. »Such dir was Schönes aus.«
   Juliette verspürte keine Ambitionen, sich von dem arschteuren Zeug etwas aufschwatzen zu lassen. Das, was in den Glasvitrinen vor sich hinschlummerte, war nicht ausgepreist und roch förmlich nach richtig viel Geld. »Das musst du nicht, Tom. Du hast schon viel zu viel Geld für mich ausgegeben.«
   »Ich möchte es aber, sozusagen als Andenken an Hamburg.« Schmunzelnd schob er sie hinein. »Es muss auch kein Ring sein.«
   »Na gut, überredet.« Sie ließ sich zu ein paar Blicken hinreißen. »Sieh’ mal, die niedlichen Ohrringe dort. Wenn ich nur nicht solchen Schiss vor dem Stechen hätte.«
   Die aufgedonnerte, modeldünne Verkäuferin reagierte sofort. »Einen ausgezeichneten Geschmack, die Dame und der Herr, wenn ich das mal erwähnen darf«, rief sie über den breiten Verkaufstresen hinweg mit spitzen rot gefärbten Lippen. »Die Anhänger sind von bester Qualität, aus echtem Bernstein und das Faszinierende daran ist, dass die Einschlüsse darin winzigen Schmetterlingen ähnlich sehen. Es sind Einzelexemplare, absolute Unikate, was natürlich den Preis rechtfertigt.« Sie legte das offene Schächtelchen auf das dicke Glas und Tom drehte unverzüglich das kleine weiße Schildchen um. »Was? Fünftausend Euro? Ganz schön saftig.« Kritisch musterte er Juliettes Ohrläppchen. »Hoffentlich gibt es die nicht zum Anklipsen.«
   Mit Schwung reckte die Spindeldürre das spitze Kinn nach vorn. Ihr Gesicht wirkte wie eine Maske. »Bedaure, wenn ich Ihnen nicht weiterhelfen kann«, flötete sie im überfreundlichen Ton, wobei ihre kleinen schwarzen Igelaugen von einem zum anderen flitzten. »Aber etwas anderes …, äh, passenderes werden Sie hier leider nicht finden.« Sie schoss Juliette einen fragenden Blick zu, die schwieg jedoch. Das schien die Frau zu irritieren. »Na dann …« Sie verzog die Lippen.
   In dem Moment schwoll der Türgong und ein junges Pärchen betrat das Geschäft, das Mädchen langhaarig und etwas zu nuttig aufgedonnert, der Mann sonnenverbrannt und mit Bürstenhaarschnitt. Auf der Stelle legte die Verkäuferin die Ohrringe zurück, offensichtlich froh, Juliettes Wünschen nicht länger ausgesetzt zu sein, und eilte mit gekonnt wackelndem Hinterteil unverzüglich zu den neuen Opfern, die selbstbewusst auf eine Kette hinwiesen.
   »Das ist etwas ganz Besonderes, was Sie sich da ausgesucht haben«, merkte Miss Hungerhaken mit Raubtierblick an. »Sie haben einen ausgezeichneten Geschmack, die Dame und der Herr, wenn ich das mal erwähnen darf …«
   »Ich muss gleich kotzen«, zischte Tom mit verzerrter Stimme in Juliettes Ohr. »Die labert bei jedem das Gleiche. Komm raus hier, bevor ich dem Klappergerüst den Hals umdrehe.«
   »Ich glaube, das kannst du dir sparen. So schwindsüchtig, wie die aussieht, geht die eh an Magersucht ein.«
   In einem Anfall von lautem Prusten grapschte Tom nach ihrer Hand und zerrte sie mit sich auf die Straße. Hier waren Licht und Luft, hier pulsierte das Leben und das tat gut nach dem geistigen Mief.

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