Johanna arbeitet Tag und Nacht, um genügend Geld zusammenzukratzen. Sie zahlt einen horrenden Kredit ihres nichtsnutzigen Bruders ab, um die kränkelnden Eltern vor der Pfändung des Eigenheims zu schützen. Jo schämt sich für ihre Familie und verheimlicht ihre Situation. Als sie eines Nachts in einer Diskothek ihren Frust im Alkohol ertränkt, wirft sie sich auf peinliche Weise einem Traumtypen an den Hals. Einige Tage später muss sie feststellen, dass es sich um den Besitzer des Café Anderson handelt – ihren neuen Chef. Es prickelt gewaltig zwischen Mike und Jo, doch ihre Lage erlaubt ihr nicht, ihn an sich heranzulassen. Sie begegnet ihm mit beißender Arroganz, woraufhin er ihr spöttisch den Spitznamen Kaktus verpasst. Als ihr Bruder ins Café einbricht und die Tageseinnahmen stiehlt, bricht Johannas Lügengerüst zusammen und sie muss sich entscheiden, was ihr im Leben wirklich wichtig ist.

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ISBN: 978-9963-53-273-5

Seiten: 244

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Bea Lange

Bea Lange
© Kiki Beelitz
Bea Lange ist das Pseudonym, unter dem Sabine Bruns Romane veröffentlicht. Jahrgang 1962, EDV-Kauffrau, Dozentin in der Erwachsenenbildung, Fachjournalistin und Autorin von Fachbüchern. Sie lebt mit Mann, Pferden, Hunden und Katzen in einem kleinen Dorf in Norddeutschland.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss, und sie zuckte zusammen. Neun Jahre, drei Monate und eine Woche lang hatte sie jeden Abend beim Verlassen des Büros das Klicken dieser Tür gehört, und nie war ihr aufgefallen, wie viel Hässlichkeit, Härte und Feindseligkeit dieses Geräusch enthielt.
   Jo atmete tief ein und hob den Blick. Ihr Herz klopfte plötzlich ganz laut, und ihre Knie fühlten sich an wie Watte. Als müsste sie in einem Auto ohne Bremsen nach Hause fahren. Albern. Es war das Ende eines Jobs, nicht das Ende des Lebens. Ein letzter Arbeitstag, ein letztes Mal Freitag Dienstschluss, nicht mehr. Nur ein letzter Tag in einem Büro, in dem die Arbeit sowieso nicht gerade viel Spaß gemacht hatte. Ja, es war gut so. Bloß keine Wehmut.
   Von sich aus hätte sie nie gekündigt. Sie wäre bis ans Ende ihrer Tage in diesem Familienunternehmen geblieben, was nichts anderes hieß, als tagein, tagaus Mädchen für alles zu spielen. Die Kündigung war eine Chance. Ihr Leben würde sich ändern. Etwas Neues konnte beginnen, etwas Besseres. Ja, es war ein Neubeginn.
   Jo hob das Gesicht gegen die Sonne. Frühling. Die Luft roch nach Wärme und frischem Grün. Ein guter Tag, um einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Das Sonnenlicht blendete so stark, dass der Fußweg der Admiralstraße hinter einem Tränenschleier verschwamm. Sie blinzelte und senkte den Kopf, während sie automatisch in großen Schritten vorwärts lief. Rechter Fuß, linker Fuß, rechter Fuß, linker Fuß, rechter …
   »Vorsicht.«
   Ruckartig blieb sie stehen und starrte den Mann an. »Entschuldigung.«
   »Machen Sie doch die Augen auf.« Er schüttelte den Kopf und ging weiter.
   Jo atmete aus, zog energisch die Schultern zurück und sah nach vorn. Das graubraune Bremer Bahnhofsgebäude wirkte heute noch unsympathischer als sonst. Sie wollte da nicht hinein. Beim Überqueren des Bahnhofvorplatzes wurden ihre Füße schwerer, das Gehen anstrengender und im Magen bildete sich dieser Betonklotz. Sie biss die Zähne zusammen und eilte weiter in das Gebäude, durch die große Halle und hinauf zu den Gleisen der Regionalbahn. Eine halbe Stunde Fahrt bis nach Mahndorf, dem Vorort von Bremen, in dem sie wohnte, dann noch fünfzehn Minuten zu Fuß.
   Auf dem Bahnsteig empfing sie ein unangenehm kühler Luftzug. Schon wieder Tränen in den Augen und ein blöder, dicker Kloß im Hals, der sich nicht hinunterschlucken ließ. Oder war der Betonklotz aus dem Magen bis in den Hals gewachsen? Ihre Hand suchte in der Jackentasche nach dem Handy und umfasste es fest. Eigentlich sollte sie feiern heute. Maike, ja, sie musste Maike anrufen, das war das Richtige. Plötzlich zitterten die Finger, als sie eilig durch die Kontakte scrollte, bis sie auf die richtige Nummer tippen konnte.
   Maike war sofort dran. »Hey, Jo.«
   Ihre Stimme klang wie immer locker und fröhlich.
   Jo fühlte sich sofort leichter. »Hi Mädel, ich hatte heute meinen letzten Arbeitstag beim alten Petermann. Wie siehts aus, feierst du mit mir?«
   »Klar, was für eine Frage. Wo bist du jetzt?«
   »Am Bahnhof.«
   »Kehr um, komm zu mir. Ich hab ’ne Flasche Sekt im Kühlschrank und anschließend reißen wir ein paar Typen auf. Jetzt hast du ja endlich mal wieder Zeit für die lustigen Seiten des Lebens.«
   Jo grinste. »Das wollte ich hören. Bin schon unterwegs.«
   Drei Stationen Straßenbahn und zehn Minuten Fußweg später stand sie in der Brunnenstraße vor Maikes Haus. Gleich nach dem Klingeln brummte der Türöffner. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend eilte Jo die Treppen in den zweiten Stock hinauf.
   Maike grinste ihr entgegen. »Da bist du ja schon. Gut.« Sie stutzte kurz und rümpfte die Nase. »Hey, du siehst aber scheiße aus. Hast du schon wieder abgenommen?«
   Johanna verdrehte die Augen. »Tolle Begrüßung, danke.«
   Maike kicherte. »Ich kann nun mal meine liebste Johanna nicht anlügen.«
   Sie musterte ihre Freundin von oben bis unten. Maike war nicht so schlank wie sie, aber sie wirkte trotzdem sportlich und gut proportioniert. Sie trug eine enge Jeans, eine helle, weite Bluse und die Haare als knapp über das Ohr reichenden peppigen Stufenschnitt mit roten Strähnen im blonden Haar. »Dafür siehst du schon wieder unverschämt gut aus. Neue Frisur?«
   Maike verzog ihr fast asiatisch wirkendes Gesicht zu einem breiten Grinsen. »Ja, fetzt, oder? Ich finde, ich sehe wieder aus wie achtzehn.«
   Jo lachte. »Kein nennenswerter Unterschied zu unseren tatsächlichen nur achtundzwanzig Jährchen.«
   Sie lachten und umarmten sich.
   »Los, komm rein, der Sekt wartet.« Maike zog sie am Arm in die Wohnung und schob sie ins Wohnzimmer. »Hol mal Gläser raus«, befahl sie, während sie in die Küche abdrehte.
   Jo öffnete die Vitrine, griff nach zwei Sektkelchen und ließ sich seufzend auf die Couch fallen.
   Schon kam Maike mit der Flasche in der Hand zurück. »War schon ein komisches Gefühl, letzter Tag, oder?«
   »Ja, klar, immerhin über neun Jahre.«
   »Bist du traurig?«
   »Ach, Quatsch. Ich bin ganz froh. Klar, es war ein sicherer Job, aber der alte Petermann auch manchmal ein ganz schöner Arsch.«
   Sie prosteten sich zu.
   Maike kniff die Augen zusammen. »Hat er dir immer noch so gern an den Arsch gefasst?«
   »Klar, was denkst du denn.«
   »Wieso hat er dir gekündigt?«
   »Kein Geld mehr. Die Firma steht kurz vor der Pleite. Seine Frau macht jetzt meinen Job, das ist billiger.«
   »Mist. Und du? Wie gehts bei dir weiter?«
   Jo trank einen großen Schluck. »Weiß noch nicht.«
   »Du musst dich ja auch nicht beeilen. Wohnst bei deinen Eltern, hast kein Auto. Du brauchst ja nicht viel Geld.«
   Falscher Satz. In Jos Magen formte sich dieser monströse Betonklotz, der ihr in den vergangenen Wochen zum treuen Begleiter geworden war. Jedes Mal, wenn sie eine Absage zu einer Bewerbung im Briefkasten fand, drehte er sich in ihrem Magen. Wenn sie nachts schlaflos im Bett lag und an die Decke starrte, drückte er gegen die Magenwände. Wenn sie im Kreise der Familie eine Mahlzeit zu sich nehmen sollte, sorgte er dafür, dass sie nichts essen mochte, weil die Übelkeit als bitterer Geschmack auf der Zunge lag. Bei dem Gedanken an ihr Elternhaus tauchte bedrohlich wie eine riesige Gewitterwolke die fünfstellige Kreditsumme vor ihrem inneren Auge auf. Aber davon hatte Maike keine Ahnung. Niemand hatte davon eine Ahnung. »Ja. Werde schon was finden.« Sie nahm einen großen Schluck. Verdammt, sie musste etwas finden, und zwar schneller als schnell.
   »Willst du denn einen vergleichbaren Job oder was anderes?«
   »Ich weiß nicht. Hab schon einige Bewerbungen geschrieben, aber als Bürokauffrau mit meinen speziellen Fortbildungen gibt es einfach zu wenige Stellen. Für die einen bin ich überqualifiziert, für andere nicht qualifiziert genug. Die einen zahlen zu schlecht und die anderen denken, ich werde sowieso bald schwanger.«
   Maike kicherte. »Ja, du bist im richtigen Alter. Nimm bloß nicht so einen unterbezahlten Job an. Du hast doch eine Weile Anrecht auf Arbeitslosengeld. Genieß die freie Zeit und suche dir in Ruhe was richtig Interessantes.«
   Gute Idee, doch vom Arbeitslosengeld konnte man keine Kredite abzahlen. »Lass uns von was anderem reden.«
   »Klar. Was machen wir heute Abend? Ich schlage vor, Pizza wie in alten Zeiten im San Martin und anschließend gehen wir in die Eule und rocken richtig ab. Was meinst du?«
   »Die Eule? Diskothek? Dafür hab ich überhaupt nichts anzuziehen. Ich dachte eher an Kneipe, in Erinnerungen schwelgen und ein paar Flaschen Wein leeren.«
   »Das ist doch langweilig. Wir waren, seit du diesen Nebenjob angenommen hast, nicht mehr richtig unterwegs. Was ist überhaupt damit? Machst du den immer noch?«
   Jo nickte. »Klar.«
   »Wie kann man nur so geldgierig sein. Zwei Jobs und sich dann nicht mal eine eigene Wohnung leisten. Du musst ja ordentlich was auf die hohe Kante gelegt haben in den vergangenen Jahren.«
   »Jetzt könnte ich keine Wohnung bezahlen.«
   »Ja, ist aber doch nur ein Übergang. Du denkst immer viel zu viel an Arbeit und Geld statt ans Vergnügen. Ich sag dir was, ich leih dir die richtigen Klamotten und dann angelst du dir heute Nacht einen reichen Typen und brauchst überhaupt nicht mehr arbeiten.«
   Jo warf den Kopf in den Nacken und brach in schallendes Gelächter aus. »Nur über meine Leiche.«
   Maike grinste. »Meine Klamotten oder den reichen Typen?«
   »Beides.«

Kapitel 2

»Das war die blödeste Idee des Jahrhunderts, ich falle gleich auf die Nase.«
   Maike kicherte und zog sie unbarmherzig weiter. »Keine Angst, ich stütze dich.«
   Sie waren im Steintor, dem Viertel, wie man in Bremen die Nachtleben-Szene nannte, und schlängelten sich durch Gruppen und Grüppchen von Menschen, die auf dem Weg zu Kneipen oder Diskotheken den Bürgersteig entlangschlenderten.
   »Ich kann in solchen Schuhen nicht laufen und dieser Rock ist viel zu eng und rutscht immer hoch. Man sieht bestimmt meine Unterhose.«
   »Johanna, halt den Mund. Du siehst absolut heiß aus in den Klamotten. Wolltest du deinen komischen grauen Bürohosenanzug anbehalten? Da denken die Typen doch, du bist ’ne Domina.«
   »Ja, klasse. Das wäre genau der richtige neue Job. Ob man damit wohl viel verdient?«
   »Keine Ahnung. Achtung, Bordsteinkante, fall nicht.«
   »Hoppla. Wir hätten nicht die ganze Flasche Wein zum Essen bestellen sollen. Ich bin so viel Alkohol nicht gewohnt.« Kichernd hakte sie sich bei Maike unter. »Stütz mich, treue Freundin, sonst breche ich mir in deinen Tretern noch die Beine.«
   »Du hättest deine Pizza aufessen sollen, anstatt die Hälfte zurückgehen zu lassen, dann würdest du den Wein nicht so merken. Wir sind gleich da, die nächste rechts, dann kannst du den Laden schon sehen.«
   »Wie soll ich eine ganze Pizza essen, wenn ich vorher schon eine halbe Flasche Sekt in meinen Magen geschüttet habe? Lass uns umkehren, ich bin schon viel zu betrunken für die Öffentlichkeit.«
   »Jo, ich will nichts mehr davon hören. Wie alt bist du eigentlich? Zu Hause sitzen kannst du, wenn du Oma bist, jetzt werden heiße Typen klar gemacht.« Grinsend wedelte sich Maike mit einem imaginären Fächer vor dem Gesicht herum. »Ich spüre die Hitze der heißen Typen schon.«
   Jo verdrehte die Augen. »Wenn die mich auf diesen Stelzen rumwackeln sehen, flüchten die sowieso sofort. Lass uns umkehren, ich muss mich umziehen.«
   »Papperlapapp. Wenn du auf den Schuhen nicht laufen kannst, fällst du den Männern einfach in die Arme. Denk bloß an Kondome, Baby, das ist am wichtigsten.«
   »Ich geh doch nicht mit irgendeinem Typen ins Bett.«
   »Nein? Warum nicht? Wann hattest du eigentlich das letzte Mal was mit einem Typen, war da überhaupt mal einer nach Stefan?«
   »Klar, Baby, Hunderte.«
   »Sag nicht, du bist seitdem konstant solo.«
   »Was denkst du denn? Ich habe gearbeitet, jeden Tag, meistens auch am Wochenende, denn Reisebusse sind immer unterwegs. Und zweimal in der Woche zusätzlich abends die Buchführung vom Klempnernotdienst. Da ist keine Zeit mehr für Typen.«
   »O Gott, Jo. Das sind ja mindestens zwei Jahre ohne Sex. Wie hältst du das aus?«
   Es waren fast drei, aber sie würde diese minimale Fehleinschätzung bestimmt nicht korrigieren. »Sex wird völlig überbewertet. Verdammt, mir dreht sich schon alles. Ich kann so nicht in die Diskothek.«
   Maike kicherte. »Wir rocken gleich ordentlich ab, dann schwitzt du Sekt und Wein ruckzuck aus.«

In der Diskothek war es brechend voll. Jo lehnte an einem Pfeiler und beobachtete die Tanzfläche, auf der sich Maike zu heißen Rhythmen bewegte. Sie schmunzelte. Ihre Freundin wusste genau, wie sie ihren prallen, runden Hintern für Männeraugen aufreizend bewegen musste und sie genoss es sichtlich, die Blicke auf sich zu ziehen. Maike kannte keine Komplexe oder Hemmungen. Sie war nicht besonders schön, sie hatte weder besonders lange Beine noch einen großen Busen, aber sie liebte das Leben. Diese sorglose Leichtigkeit strahlte sie aus und zog damit die Männer an wie eine Lichtquelle in einer Sommernacht die Mücken. Scheinwerfer jagten bunte Blitze durch den Raum, Bässe dröhnten, Menschen schwitzten, flirteten und tranken.
   Jo war anders, ernsthafter. Sie provozierte nicht mit ihrem Körper und war intelligent, pflichtbewusst und fleißig. Sie wollte geachtet werden. Kritisch blickte sie in Richtung Ausgang und wieder zurück zur tanzenden Maike. Raus oder bleiben? Ihre Blicke trafen sich, Maike strahlte und winkte.
   »Komm her.«
   Raus oder bleiben?
   Raus oder bleiben?
   Heute Abend beneidete sie die Freundin um ihre Lebensfreude. Die Sehnsucht nach Sorglosigkeit schmerzte geradezu. Tränen sammelten sich in ihren Augen. Warum eigentlich nicht? Jo hatte auch ein Recht auf Spaß. Sie war jung und sie hatte sich diesen ganzen Mist nicht ausgesucht. Warum sollte sie diesen Abend nicht genießen, ausflippen, frei sein? Eine Nacht ohne Betonklotz im Magen, spüren, wie es ist, wenn man keine Sorgen hat. Waren doch alles Fremde hier, die sie nie wiedersehen würde. Also, warum nicht?
   Nicht an morgen denken. Morgen stand unweigerlich der Totalzusammenbruch bevor. Morgen musste sie den Eltern reinen Wein einschenken, bevor der Gerichtsvollzieher das tun würde. Es gab keinen Ausweg mehr, sie hatte keinen neuen Job gefunden. Heute konnte sie für ein paar Stunden alles vergessen. Nicht mehr denken. Eine Nacht Freiheit. Ja.
   Entschlossen stieß sie sich vom Pfeiler ab, drängte auf die Tanzfläche und ließ sich von der Musik mitreißen. Egal, alles egal.
   »Yeah.« Lachend schlank Maike die Arme um sie, wirbelte sie herum und warf die Hände in die Luft. »Geile Mucke.«
   Sie überließen sich der Musik, bewegten sich und hörten auf zu denken.
   Maike flirtete mit jedem Mann, der sie anlachte, und hielt irgendwann plötzlich Whiskygläser mit fröhlich darin klimpernden Eiswürfeln in der Hand. »Von Julian, hier trink.«
   »Wer ist Julian?«
   »Der Blonde da vorn und daneben, der mit den längeren Haaren, der fragte eben, wie du heißt.«
   »Okay, her damit, trinken wir uns den Knaben mal schön.« Mit einem Zug kippte sie den Whisky hinunter und wandte sich dem jungen Typen zu, der sie schüchtern angrinste. Maike kicherte und warf sich ihrem Auserwählten an den Hals.
   Jo legte ihm die Hand auf die Brust und lächelte. »Wie heißt du?«
   »Kevin.«
   »Gibst du noch einen aus, Kevin?« Fordernd hielt sie ihm ihr leeres Glas entgegen.
   Er grinste. »Klar. Lauf nicht weg.«
   Drei Whisky und zwei Tänze später umfasste er ihre Taille und drückte seinen Mund auf ihren. Er fühlte sich schwammig weich an. Okay, noch ein paar Whisky, dann ging das. Grinsend schob sie ihn weg. »Durst, Kleiner.«
   Frech kniff er ihr in den Po, zog sie an seinen Körper. »Ich weiß was Besseres.« Jo lehnte sich kichernd an ihn. »Später, kleiner Kevin, erst brauch ich noch Sprit in den Tank.«
   Julian kam mit der nächsten Runde, dann war da plötzlich eine Lena mit ihrem Freund, der ebenfalls Runden spendierte und mal wieder Kevin, der ihr ein – das wievielte es wohl sein mochte? – frisches Glas in die Hand drückte. Jo nahm es, trank es in einem Zug leer, legte ihm die Arme um den Hals und zog ihn zu sich heran. Sie drehten sich halb, ein weißer Lichtkegel schwenkte durch den Raum, sie hob den Kopf und ihr Blick wurde eingefangen von blauen Augen, die auf ihr ruhten, nur eine Sekunde, die sich zu einer gefühlten Zeitlupenminute ausdehnte, bis das Licht weiterhuschte und die Farbe wechselte.
   Das war er, das war der Richtige für diese Nacht. Groß, breite Schultern, Muskeln. Blonde kurze Haare, Seitenscheitel, ein paar Haarsträhnen in der Stirn. Das Gesicht eher schmal, ernst, ein ausgeprägtes, kantiges Kinn mit Grübchen, eine gerade gemeißelt wirkende Nase, sorgfältig rasiert, ernste Züge um den Mund, oder traurig? Oder eher arrogant?
   Er stand ein paar Meter entfernt mit dem Ellenbogen auf einen Stehtisch gestützt da. Den Ärmel des hellen Hemdes halb aufgekrempelt. Ihr Blick wanderte über einen muskulösen Unterarm und eine große Hand mit langen Fingern. Er drehte den Kopf weg und sagte etwas zu dem Typen neben ihm.
   »Moment mal.« Entschlossen drückte Jo den irritierten Kevin zur Seite und bewegte sich auf ihn zu. »Hey.« Sie tippte ihm mit dem Zeigefinger gegen den Arm.
   Sein Blick wanderte in ihre Richtung und schließlich zu ihr herunter. Er hob die Augenbrauen. »Ja?«
   »Ich bin Jo.«
   Seine Lippen verzogen sich zu einem kaum sichtbaren Schmunzeln. »Hi Jo.«
   »Du hast mich gerade angesehen.«
   »Kann sein.«
   »Wie findest du meinen Körper?«
   Er sah hinunter auf ihre Füße und wieder hoch. »Bisschen dünn.«
   Sie grinste. »Gertenschlank.« Mit einem Schwung drehte sie sich, um sich aufreizend zu präsentieren und kippte gegen ihn. Ihre Nase berührte fast sein Hemd, sein Duft umfing sie, gemixt mit einer Nuance Aftershave, genau die richtige individuelle Note. In ihrem Unterleib begann etwas, zu vibrieren. »Ups.« Schelmisch legte sie die Hand auf seine Brust und grinste zu ihm hoch. »Ich bin solche Schuhe nicht gewohnt.«
   Er umfasste fest ihren Oberarm und schob sie ein Stück zurück, stabilisierte sie und hielt sie auf Abstand. »Alkohol anscheinend auch nicht.«
   »Nein, aber das macht nix. Heute ist alles egal.« Sie wedelte mit den Händen. »Heute bin ich frei.«
   »Schön für dich.« Er ließ sie los. »Dein Freund wartet.«
   »Das ist nicht mein Freund. Das ist Kevin. Der will nur mit mir ins Bett.«
   »Na, dann viel Spaß.«
   »Junge, Junge, du bist ja echt ’ne Stimmungskanone.«
   »Okay, Jo.« Er drehte sie sachte in Richtung Kevin. »Vielleicht gehst du jetzt einfach wieder.«
   »Nein, ich will Sex mit dir.«
   Seine Mundwinkel zuckten. »Sorry, Baby, kein Interesse.«
   Neben ihm lachte jemand dunkel. Jo wendete den Kopf. Da stand noch so ein Traumtyp, dunkle, kurze Haare, groß, Muskeln. »Hey, was gibts da zu lachen?«
   Er boxte den Blonden gegen die Schulter. »Los, Mike, greif zu, so ein Angebot kriegt man nicht alle Tage.«
   Jo kicherte. »Genau, Mike, er hat recht. Greif zu.« Aufreizend streckte sie ihm ihre Brüste entgegen. »Fass ruhig mal an.«
   Er verdrehte die Augen. »Nimm du sie doch.«
   Der andere hob abwehrend die Hände. »Sie will dich, Kumpel.«
   »Danke. Ich steh nicht auf Schnapsleichen.«
   »Hey, ich bin keine Leiche.«
   »Noch nicht, aber ziemlich bald, würde ich sagen.«
   Sie legte ihm weich die Hand auf den Arm. »Ich bin echt gut im Bett.«
   »Ein andermal, okay? Geh brav wieder rüber zu deinem kleinen Freund. Der ist schon ganz traurig.«
   Er wollte sie an den Schultern anfassen und umdrehen, doch sie war schneller, griff nach seiner Hand, legte sie auf ihre Brust und lehnte sich rückwärts gegen seinen Körper. O Gott, das fühlte sich gut an. Das wollte sie. Seufzend legte sie den Kopf zurück und schloss die Augen. »Küss mich.«
   »Okay. Nun ist es genug.« Entschlossen entzog er ihr seine Hand und schob sie vorwärts, während sich sein Freund vor Lachen kaum halten konnte. »Hey, Kevin, pass mal auf dein Mädel auf. Du solltest sie nach Hause bringen.«
   Kevin grinste. »Bettreif.«
   Er schlang den Arm um ihren Nacken und zog sie an sich heran. Seine Lippen legten sich auf ihren Mund, seine Zunge drängte hart. Jo versteifte, wollte ihn wegschieben, doch er ließ sie nicht los. Egal, viel zu betrunken, um zu denken. Er küsste sie, als wollte er mit seiner Zunge bis in ihren Magen vordringen.
   »Los, wir gehen«, raunte er in ihr Ohr und sie nickte.
   »Klar, warum nicht?« Sie ließ sich mitziehen und starrte zurück in blaue Augen, die ihr einen letzten spöttischen Blick zuwarfen, während sich dieser muskulöse Arm lässig um lange blonde Haare auf ewig langen Stelzen legte. Ein heißer Stich der Eifersucht durchfuhr sie.
   Draußen traf sie die frische Luft wie ein Hammer. Sie torkelte neben diesem Typen her. Wie hieß er noch? Er schien es eilig zu haben, zog sie mit in eine Seitenstraße hinein. Egal, wenn da nur nicht plötzlich diese Übelkeit wäre. Sie wollte ihn wegdrücken, doch sein Griff wurde fester.
   »Hey, komm her.«
   Wieder diese weichen, schwammigen Lippen auf ihrem Mund. O Gott, ihr Magen drehte sich unaufhaltsam wie das Karussell in ihrem Kopf. »Hör auf.« Dann schwappte es auch schon aus ihrem Mund heraus.
   »Ah, du Schlampe! Spinnst du? Meine Hose. Verpiss dich bloß. Wie widerlich.«
   Sie spürte einen Ruck, war frei, torkelte und dann war nur noch alles schwarz.

Kapitel 3

Jo spürte die Kopfschmerzen, bevor sie richtig wach war. Sie versuchte krampfhaft, weiterzuschlafen, doch das gelang nicht. Ihre Gehirnzellen ließen sich nicht davon abhalten, ihre Arbeit aufzunehmen. Vorsichtig öffnete sie die Augen. Ihr Blick fiel auf zwei Sektgläser neben einem Paar hochhackiger Sandalen auf einem niedrigen, dunklen Couchtisch, dahinter ein Fenster und heruntergelassene Rollos. Maike. Das war Maikes Wohnzimmer, und sie lag unter einer Wolldecke auf der Couch. Richtig, sie hatten einen draufgemacht.
   Stöhnend setzte sie sich auf. Ihr Mund fühlte sich an, als hätte jemand Sand hineingeschüttet. Sie stand auf, kämpfte kurz gegen das Schwindelgefühl und hangelte sich an der Wand entlang in Richtung Flur und weiter ins Bad. Wasserhahn auf und erst mal den Mund drunterhalten. Trinken. Aufatmen. Besser. Beim Aufrichten dröhnten wieder die Kirchenglocken im Kopf. Der Blick in den Spiegel gab ihr den Rest. Das dick von Maike aufgetragene Make-up hatte sich mit der schwarzen Farbe rund um die Augen zu einem seltsamen Gemisch vereint. Die Wimpern des rechten Auges waren verklebt. Jo schminkte sich normalerweise nicht und wenn, dann nur äußerst sparsam und unauffällig. Was ihr jetzt entgegenblickte, war das völlig verschmierte Gesicht einer fremden, alten Frau. Die braunen schulterlangen Haare hingen in Strähnen hinab. Ihr Blick wanderte weiter nach unten. Braune Flecken auf dem glänzenden Satin-Top, Maikes Minirock lag in Falten hochgezogen auf der Hüfte. Sie hatte sich das Knie aufgeschlagen. Jetzt erst spürte sie den Schmerz. Kurz entschlossen zerrte sie alle Kleider vom Leib, sprang unter die Dusche und drehte das kalte Wasser auf. Die Luft blieb ihr weg, ihr Körper verkrampfte, aber sie flüchtete nicht, sondern hielt das Gesicht in den eiskalten Strahl, bis sich ihr Körper taub anfühlte.
   Nachdem sie sich trocken gerubbelt hatte, ging es etwas besser. Ihr Bürooutfit lag bei Maike im Schlafzimmer. Das Handtuch um den Körper geschlungen lauschte sie vor der Tür. Drinnen war leises Schnarchen zu hören. Lautlos drückte sie die Klinke und lugte hinein. Maike lag nackt auf dem Bauch neben einem ebenfalls nackten Typen, den sie noch nie gesehen hatte. Beide schliefen fest. Auf Zehenspitzen schlich sie hinein, griff sich ihre Sachen und huschte wieder hinaus. Anziehen und weg hier.
   Während die Haustür hinter ihr ins Schloss fiel, blickte sie sich unschlüssig um. Am besten über den Sielwall zum Ostertorsteinweg und dann in der Straßenbahn zum Bahnhof. Ihr Kopf dröhnte immer noch, und langsam kehrte die Erinnerung zurück. Sie hatte Whisky getrunken, nein, in sich hineingeschüttet, und war durch eine Diskothek getorkelt. Sie hatte die Hand eines wildfremden Typen auf ihre Brust gelegt, sich wie eine rollige Katze an seinem Körper gerieben und um Sex gebettelt. O Gott, peinlicher ging es wohl kaum. Sie war geküsst worden, widerlich schwammige Lippen und eine eklige Zunge in ihrem Mund. Dieser Kevin, verdammt, sie hatte ja wohl nicht …? Nein, ihre Beckenregion fühlte sich nicht so an, als ob sie Sex gehabt hätte. Wie war sie zu Maike auf die Couch gekommen? Mist. Klassischer Filmriss.
   Sie erreichte die Hauptstraße und bog in Richtung Ostertor ab. Es war Samstag, gerade mal halb acht. So richtig nüchtern fühlte sie sich noch nicht. Wie hatte sie sich nur so gehen lassen können? Und nun mit dem Kater nach Hause und den Eltern beichten, dass sie demnächst alle auf der Straße sitzen würden. O Gott. Bei dem Gedanken wurde ihr übel. Sie blieb stehen, stützte sich kurz gegen eine Hauswand und atmete tief durch. Nicht auf die Straße kotzen. Sie hatte Kevin auf die Hose gekotzt, es fiel ihr wieder ein. In einer Seitenstraße, und dann? Filmriss. Immer noch Filmriss.
   Schwer atmend ging sie weiter und erreichte am Ostertorsteinweg ein Straßencafé, bei dem schon die Tür offen stand. Auf der großen Glasscheibe prangte in großen geschwungenen Lettern Andersons Café. Sie sah hinein. Vor dem Tresen bückte sich eine junge, schlanke Frau mit blonden hochgesteckten Haaren. Sie putzte energisch das Glas einer Kuchenvitrine.
   Jo räusperte sich. »Guten Morgen. Gibts hier schon Kaffee?«
   Die Frau richtete sich auf und drehte sich halb um. »Samstags erst ab acht Uhr dreißig.«
   »Oh, schade. Entschuldigung.«
   Sie zögerte kurz, dann winkte sie Jo zu sich. »Ach Quatsch, komm rein. Ich bin ja sowieso schon hier, und du siehst aus, als ob du einen Kaffee dringend nötig hast.«
   »Echt? Danke. Ja, mehr als dringend.«
   Die andere grinste. »Durchgemacht?«
   »Mit Filmriss.«
   »Wow. Setz dich an den Tresen. Ich mach dir einen extra starken.«
   Jo seufzte. »Damit rettest du mein Leben.«
   Die junge Frau grinste. Das herrliche Brummen der Kaffeemaschine ertönte, und sie stellte ihr den Becher hin. »Was gabs denn?«
   »Whisky.«
   »Iiih, so was trinkst du?«
   »Sonst nicht. War eine Ausnahme.« Sie hob den Becher an und merkte, dass ihre Hände zitterten.
   »Liebeskummer?«
   »Was?«
   Die Blonde grinste. »Ob du Liebeskummer ertränken wolltest?«
   »Nein.« Ihr Ton klang wohl nicht gerade freundlich. Die andere verzichtete auf weitere Fragen. Sie widmete sich mit Wischlappen und Handtuch den Tischen am Fenster, während Jo in Gedanken versunken an ihrem Kaffee nippte. Ihr Magen war zwar nicht besonders begeistert, aber der Kreislauf freute sich deutlich über das Koffein. Sie musste nach Hause fahren. Alles in ihr sträubte sich gegen diesen Gedanken. Sie kam sich vor, als müsste sie die Stadt für immer verlassen, als wäre sie nach dieser Fahrt in den Vorort für den Rest ihres Lebens in der miefigen, kleingeistigen Welt ihres Elternhauses eingesperrt. Und dabei würde es das bald nicht mehr geben. Wie wohl so eine Zwangsversteigerung funktionierte? Wann sie wohl ausziehen müssten? Und wohin? Der Becher war leer. Seufzend erhob sie sich vom Barhocker. »Was bekommst du?«
   »Leg zwei Euro auf den Tresen.«
   »Danke.« Sie wühlte in der Tasche nach dem Portemonnaie, legte zwei Euro fünfzig neben den Becher und trat hinaus. Aus den Augenwinkeln nahm sie das weiße Schild in der Tür wahr, zögerte kurz, ging weiter, zögerte noch einmal, noch ein paar Schritte, dann kehrte sie entschlossen um. Sie blieb im Eingang stehen und räusperte sich.
   Die Blonde blickte sie an. »Ja?«
   »Ist der Job noch zu haben?« Sie zeigte auf das Schild, auf dem in dicken schwarzen Buchstaben die Worte Bedienung gesucht standen.
   Die Frau nickte. »Suchst du Arbeit?«
   »Ja.«
   »Schon mal so was gemacht?«
   »Nein.«
   Die Blonde trocknete sich zögernd die Hände ab, als brauchte sie Zeit, um sich eine passende Antwort zu überlegen.
   »Okay, versteh schon.« Jo wollte wieder hinaus.
   »Nein, warte. Komm erst mal rein.«
   Plötzlich klopfte ihr Herz schneller. Ein winziger Hoffnungsschimmer erwachte. Erwartungsvoll näherte sie sich dem Tresen, an den sich die Blonde gelehnt hatte.
   »Also, wir suchen jemanden für fünfunddreißig Stunden die Woche mit flexiblen Arbeitszeiten. Neun Euro die Stunde während der Einarbeitung, im ersten Jahr zehn, ab dem zweiten zwölf Euro, und es gibt meistens ganz gut Trinkgeld. Das ist für die Branche viel, aber dafür suchen wir auch jemanden, der nichts anderes macht.«
   Jo überschlug in Windeseile wöchentliche Stundenzahlen, Bruttosummen und Nettoeinkommen. Für den Kredit und die restlichen festen Kosten würde es zusammen mit dem Nebenjob beim Klempner reichen. Wenn die Trinkgelder noch dazu kämen, hätte sie auch etwas Taschengeld. Für eine Zeit lang könnte es gehen. Eilig nickte sie. »Das wäre okay.«
   »Wirklich?«
   »Ja.«
   »Wir wollen aber jemanden, der wirklich nichts anderes macht. Es nervt, wenn eine Mitarbeiterin dauernd ausfällt, weil sie auch noch andere Verpflichtungen hat. Bei der letzten war das so. Deswegen suchen wir jemanden, der nichts anderes dazu macht.«
   Jo schluckte. Irgendwie musste es gehen. Das hier war der Rettungsanker, und wenn nur für kurze Zeit. Plötzlich wollte sie unbedingt diesen Job. Sie hasste es zu lügen, aber es ging ja vor allem um Zuverlässigkeit und für die konnte sie garantieren. »Ich verstehe«, sagte sie schnell.
   Die Bedienung deutete auf den Barhocker vor dem Tresen. »Setz dich. Ich mach uns noch einen Kaffee. Mein Name ist Christin Anderson.«
   »Johanna Martin, du kannst mich aber Jo nennen. Gehört das Café dir?«
   »Nein, Besitzer ist mein Cousin, aber ich führe es.«
   »Der Name klingt ausländisch?«
   »Unsere Urgroßeltern sind aus Schweden eingewandert.«
   Jo sah nervös zu, wie Christin mit routinierten Griffen die große Kaffeemaschine bediente. Sie wirkte etwas jünger als Jo, machte aber einen sehr selbstsicheren, souveränen Eindruck. Christin stellte zwei Becher auf den Tresen und sah sie an. »Erzähl mal, was hast du denn sonst schon so gemacht?«
   »Ich bin Bürokauffrau, habe bei Busreisen Petermann, einem Familienunternehmen, gelernt und gearbeitet. Ich war über neun Jahre dort. Das Büro ist in der Nähe des Hauptbahnhofs. Ich wurde entlassen, weil sie einsparen müssen.«
   Christin runzelte die Stirn. »Busreisen Petermann kenne ich. Wieso willst du hier als Bedienung arbeiten, wenn du so eine Ausbildung hast?«
   »Ich finde keinen neuen Job in meinem Beruf. Meine Ausbildung und Tätigkeit war zu speziell auf das Angebot dieser Firma ausgerichtet.«
   »Und woanders? Ich meine, Bremen ist nicht gerade der Nabel der Welt.«
   Jo senkte den Kopf und verkrampfte die Finger auf dem Schoß ineinander. »Ich kann nicht weg. Meine Eltern leben in Mahndorf, die brauchen meine Unterstützung.«
   »Wann könntest du anfangen?«
   »Sofort.«
   Christin brach in schallendes Gelächter aus. »Nee, heute musst du erst mal deinen Kater auskurieren.«
   Jo grinste. »Stimmt, das kann ich nicht leugnen.«
   »Gut. In der Woche haben wir von morgens um sieben bis abends um sieben auf. Am Wochenende fangen wir um halb neun an. Wir sind mit dir vier Vollzeitkräfte, ich arbeite aber nicht immer mit im Service, weil ich die Verwaltung und den ganzen Bürokram machen muss. Zusätzlich haben wir ein paar Studenten als Aushilfen, die springen ein, wenn jemand krank ist oder Urlaub hat. Wir haben keine Küche. Das meiste, Brötchen und Kuchen, wird immer frisch geliefert, ein paar Snacks und Suppen haben wir eingefroren und wärmen sie in der Mikrowelle oder dem Backofen auf. Hier ist noch eine Kochplatte, damit wir zum Frühstück auch Rührei anbieten können. Durch unsere Lage hier zwischen Steintor und Marktplatz haben wir Touristen und Stammgäste aus dem Viertel. Also eine ziemlich gemischte Klientel. In den Stoßzeiten arbeiten wir in der Regel zu zweit, aber oft ist auch nur einer allein da. Ich brauche jemanden, der in der Lage ist, selbstständig und allein den Laden zu schmeißen und dem auch was dran liegt, dass alles gut läuft, verstehst du? Jemanden, der Spaß und Freude an dem Job hat.«
   Jo nickte. »Ja, ich verstehe, was du meinst.«
   »Gut. Komm nächste Woche morgens um sieben, dann arbeite ich dich ausgiebig ein, und wenn du allein klarkommst, planen wir dich flexibel Vollzeit mit ein. Ich hoffe, du hast nichts gegen Wochenendarbeit?«
   Jo strahlte. »Kein Problem, ich kann immer.«
   Christin streckte ihr die Hand hin. »Okay, auf gute Zusammenarbeit.«
   Ohne zu zögern, schlug Jo ein. »Danke.«

Kapitel 4

Wie immer wenn sie den Flur betrat, rief sie ihr obligatorisches »Ich bin da.« gegen die Garderobe, während sie die Jacke auszog und einen freien Haken suchte.
   Die Küchentür ging auf. »Johanna. Endlich. Ich habe mir Sorgen gemacht.«
   Sie drehte sich um. Mutter stand wie immer da, hager, gebeugte Schultern wie bei einer alten Frau, gekleidet in ausgeleierte Jeans und ein ausgebleichtes, zu großes T-Shirt, die Arme vor der Brust verschränkt, Sorgenfalten auf der Stirn im schmalen Gesicht. »Hallo Mama. Ich habe in der Stadt übernachtet.«
   »Warst du bei einem Mann?«
   Sie lächelte. »Und wenn, würde es dich nichts angehen. Ich bin erwachsen.«
   »So meine ich das doch nicht. Das weißt du genau. Ich mache mir bloß Sorgen.«
   »Ich weiß, Mama. Nein, ich war bei keinem Mann, nur bei Maike.«
   »Daniel ist auch eben erst nach Hause gekommen.«
   »Wie gehts Papa?«
   »Er hat schlecht geschlafen, hatte wieder diese Atemnot. Ich habe ihm die neuen Tabletten gegeben, aber davon bekam er Magenschmerzen. Ich werde wohl nächste Woche noch mal mit Dr. Berg sprechen, ob er nicht doch die alten Tabletten weiternehmen soll. Hast du Hunger? Isst du mit uns? Ich habe Gulasch gekocht.«
   Sie betraten die Küche. Jo blickte in Richtung Fenster. Auf der Eckbank am Tisch saßen ihr Bruder und ihr Vater vor ihren Tellern.
   Sie hoben kurz die Köpfe, aßen aber gleichgültig weiter, ohne sie zu begrüßen.
   »Nein, ich habe vorhin auf dem Bahnhof etwas gegessen.« Sie öffnete den Hängeschrank, holte ein Glas heraus und bediente sich aus der Mineralwasserflasche auf dem Tisch. »Ab nächster Woche habe ich einen neuen Job. Ich fange morgens früher an.« Sie sah erwartungsvoll in die Runde, doch die beiden Männer reagierten nicht.
   Mutter zog irritiert die Augenbrauen hoch. »Was?«
   »Ich bin bei Petermann entlassen worden. Ab Montag arbeite ich vorübergehend in einem Café als Serviererin.«
   Jetzt hob Daniel den Kopf und grinste. »Der Alte hat dich rausgeschmissen? Was hat meine unfehlbare Schwester verbrochen?«
   Jo warf ihm einen eisigen Blick zu. Daniel war anderthalb Jahre älter als sie, doch er benahm sich immer mehr wie ein gegen seine Familie revoltierender Halbwüchsiger. »Die Firma steht kurz vor der Pleite. Er konnte mich nicht mehr bezahlen.«
   »Und dann nimmst du den erstbesten Job an? Serviererin? Da wird man doch völlig unterbezahlt.«
   Jo biss die Zähne zusammen und musterte ihn. Er sah ungepflegt aus, sein schmaler Körper steckte in einem ausgeleierten T-Shirt und er hatte sich nicht rasiert. Die kurzen, fast schwarzen Haare hingen fettig in alle Richtungen, als wäre er gerade erst aus dem Bett gestiegen.
   »Immerhin ist es ein Job, und ich kann weiterhin deine Schulden bezahlen.«
   »Ja, ja, Schwesterherz, ich weiß. Die heilige Johanna rettet die Familie.«
   »Es wird knapp, bis ich wieder eine vernünftige Arbeit habe. Es könnte nichts schaden, wenn du auch etwas dazuverdienst.«
   Mit einem Knall landete sein Besteck auf dem Tisch. »Ich weiß, ich bin der faule, dumme, nichtsnutzige Bruder. Kann ich was dafür, dass ich keinen Job kriege?«
   »Im Supermarkt suchen sie Aushilfen fürs Leergut«, warf Mutter vorsichtig ein.
   »Mama, das ist ein Job für Schüler, total unterbezahlt. Außerdem kann ich mit meinem Rücken nicht schwer heben, das weißt du doch.« Sein Gesicht verzog sich zu einer leidenden Maske. »Ich will arbeiten, aber wenn man ständig Schmerzen hat, kann man nun mal nicht jeden Job machen.«
   Jo verdrehte die Augen. »Ist ja gut. Reg dich nicht gleich wieder auf. Dein Unfall ist drei Jahre her. Ich versteh, dass es schwer für dich ist, aber du willst doch nicht den Rest deines Lebens hier rumsitzen und dich von deiner Mutter durchfüttern lassen, oder?«
   »Was soll ich denn tun? Ich habe mich doch bemüht. Ich bin eben zu dumm für Berufe am Schreibtisch.«
   »Kann ich noch Kartoffeln haben?«
   Alle Blicke wendeten sich Vater zu, der den Teller hochhielt und auffordernd in Richtung Schüssel nickte.
   »Natürlich, Hans.« Seufzend nahm Mutter den Löffel und füllte neu auf.
   Jo atmete geräuschvoll aus. »Ich geh in mein Zimmer.« Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ sie die Küche. In ihrem Zimmer zog sie die Büroklamotten aus und einen bequemen Jogginganzug an. Dann ließ sie sich erschöpft aufs Bett fallen.
   Der Raum mit der schrägen Wand und dem Dachfenster wirkte heute noch enger als sonst. Sie schlief immer noch in ihrem Jugendbett. Der Raum war so klein, dass nur noch ein Kleiderschrank, ein kleiner Schreibtisch und ein Stuhl hineinpassten. Die vor Jahren mal weißen Wände wirkten genauso grau wie der alte Teppich. Sie fühlte sich hier nicht wohl, weigerte sich aber auch, es sich wohnlicher einzurichten. Es war, als müsste sie sich beweisen, dass das Wohnen in diesem Raum nur eine Übergangsphase war. Sie sehnte sich nach einer eigenen Wohnung, doch sie war gefangen in diesem Haus und ihrem alten, verwohnten Jugendzimmer. Würde sie je frei sein?
   Ein zaghaftes Klopfen ließ sie aufblicken. »Ja, Mama, komm rein.« Sie wusste, was kommen würde.
   Mutter trat ein, Tränen in den Augen und ein zerknülltes Taschentuch in der Hand. »Johanna, sei ihm nicht böse.«
   »Nein, Mama, ich bin ihm nicht böse.«
   »Wird denn das Geld noch reichen?«
   Sie setzte sich auf und verkrampfte die Hände im Schoß. Sie wollte Mutter in den Arm nehmen und trösten, doch ein innerer Widerwille siegte. Sie konnte Mutter nicht berühren. »Ja, Mama, mach dir keine Gedanken. Es wird zwar knapp, aber es reicht.«
   »Ach Kind, wenn ich dich nicht hätte. Du bist so stark und verlierst nie den Mut. Ohne dich säßen wir schon längst auf der Straße. Von Papas Rente könnten wir nicht mal die Zinsen bezahlen.«
   »Ist schon gut, Mama. Mach dir keine Sorgen. Geh jetzt, dein Essen wird doch kalt.«
   Endlich fiel die Tür wieder ins Schloss. Jo biss die Zähne zusammen, um die Tränen zu unterdrücken. Ja, sie war immer stark. Der Vater herzkrank und depressiv, die Mutter ebenfalls immer kränkelnd, ängstlich und hilflos, Daniel seit seinem Unfall ein physisches und psychisches Wrack, nur Jo, die war gesund und stark und sorgte für ihre Familie. Ob sie jemals frei wäre? Ob jemals jemand für sie sorgen würde?
   Das Handy brummte. Sie runzelte die Stirn, blickte aufs Display und nahm das Gespräch an. »Hi Maike.«
   »Hey Jo. Wo bist du?«
   »Zu Hause.«
   »Warum hast du dich so klammheimlich rausgeschlichen?«
   »Ich wollte euch nicht wecken.«
   Maike kicherte. »Hey, wie gehts dir heute? Du hast dir den Whisky reingeschüttet wie Wasser.«
   Jo stöhnte. »Hör bloß auf. Nie wieder. Ich hab einen Filmriss. Wie bin ich zu dir auf die Couch gekommen?«
   »Als ich mit Julian rauskam, saßest du auf dem Kantstein vor der Disco. Wir haben dich in die Mitte genommen und halb getragen.«
   »Oje, wie schrecklich.«
   »Kannst du dich nicht erinnern? Du bist mit Kevin gegangen, wie wars denn mit dem Kleinen?«
   »Nichts war mit dem Kleinen. Das Letzte, was ich weiß, ist, dass ich ihm auf die Hose gekotzt habe.«
   Maike brach in schallendes Gelächter aus. »Der Arme.«
   Jo grinste. »Und du? Wars gut mit Julian?«
   »Total gut. Wir wollen uns wiedertreffen.«
   »Wow. Herzlichen Glückwunsch.«
   »Er ist so süß. Hat mir heute Morgen Kaffee ans Bett gebracht.«
   »Ich freu mich für dich. Lass uns morgen noch mal telefonieren. Ich bin total kaputt und brauche einen Mittagsschlaf.«
   »Klar, kein Problem. Ich wollte nur wissen, ob bei dir alles okay ist.«
   »Alles bestens. Hab sogar einen neuen Job. Nichts Tolles, aber für den Übergang okay.«
   »Tatsächlich? Wo denn?«
   »Bei dir um die Ecke, im Café Anderson am Ostertorsteinweg. Als ich heute Morgen von dir weggegangen bin, habe ich da einen Kaffee getrunken. Sie hatten ein Schild im Fenster, dass eine Bedienung gesucht wird. Montag fange ich an.«
   »Hey, das ist ja klasse. Dann können wir uns in Zukunft öfter sehen.«
   »Ja, gern.«
   »Okay, dann bin ich gespannt, wie es dir in dem Laden gefällt. Melde dich nächste Woche mal.«
   »Mach ich, und dir viel Spaß mit Julian.« Jo ließ das Handy neben sich auf die Matratze fallen. Maike, die Glückliche. Die hatte keine Familie, um die sie sich kümmern musste. Im Gegenteil, sie konnte sich jederzeit auf die Hilfe ihrer Eltern verlassen, wenn das Geld mal knapp war oder sie krank wurde. Maikes Eltern waren toll, noch jung und unternehmungslustig, gönnten sie ihrer einzigen Tochter ein sorgloses Leben. Maike studierte und genoss ihre Freiheit hemmungslos.
   Wehmütig erinnerte sich Jo an alte Zeiten. Sie waren zusammen zur Schule gegangen. Danach hatten sich ihre Wege getrennt. Während Maike nach dem Abitur für ein Jahr ins Ausland gegangen war, hatte Jo die Ausbildung bei Petermann begonnen. Die Lehre in einem Busreiseunternehmen schien ihr damals eine gute Entscheidung. Sie konnte ihre Fremdsprachenkenntnisse verbessern und wollte anschließend im Ausland arbeiten. Der Unfall ihres Bruders war dazwischengekommen. Daniel hatte als leidenschaftlicher Motorradfahrer zusammen mit seinem Kumpel Stefan, ihrem damaligen Freund, eine Werkstatt aufgemacht. Für das Startkapital hatten die Eltern eine Hypothek auf das Haus aufgenommen, ungeachtet Johannas Warnungen wegen des hohen Risikos. Mama und Papa waren voller Vertrauen, dass der smarte Daniel es schaffen würde. Nach nur einem halben Jahr hatte er mit dem Motorrad eines Kunden, das Stefan zuvor repariert hatte, während einer Probefahrt einen Unfall verursacht. Mehrere Autos waren beteiligt gewesen, der Schaden immens. Daniel hatte sich das Becken mehrfach gebrochen und lange im Krankenhaus gelegen. Weil er die Werkstatt nicht ausreichend versichert hatte, war der Schuldenberg seitdem noch höher. Stefan musste nichts bezahlen, da Daniel offiziell als alleiniger Inhaber eingetragen war. So begleitete er das Scheitern des gemeinsamen Projektes nicht nur ohne wirklichen Schmerz, sondern so leicht und locker, wie er auch die Beziehung zu ihr immer gesehen hatte. Jo hatte sich von ihm getrennt, nachdem er jede Verantwortung von sich geschoben hatte.
   Seit über drei Jahren bezahlte sie nun jeden Monat Zinsen und Kredite, um das Elternhaus vor der Zwangsversteigerung zu retten. Sie verzichtete auf eine Wohnung, auf Urlaube, auf ein Auto und jeden anderen Luxus.
   Ihr Vater war Frührentner und depressiv, ihre Mutter schwach und hilflos. Einen Umzug in eine Sozialwohnung konnte sie ihren Eltern nicht zumuten. Das kleine Einfamilienhaus war ihr ganzer Stolz und sollte ihnen ein sicherer Altersruhesitz sein.
   Jo verfluchte dieses Haus. Ihre Eltern hatten sich krank geschuftet, um das Eigenheim zu finanzieren. Sie waren nie wie ihre Freundinnen in den Urlaub gefahren, und Jo hatte sich ihr Taschengeld immer durch kleine Jobs verdienen müssen. Die ganze Hoffnung der Eltern hatte auf Daniel und seinen ehrgeizigen Plänen gelegen. Sie bewunderten ihren Sohn und unterstützten seine Firma, wo sie nur konnten. Als alles zusammenbrach, standen sie hilflos vor einem Scherbenhaufen und klammerten sich an Johanna, die Einzige, die das Haus retten konnte.
   Am Anfang hatte Jo noch gehofft, Daniel würde irgendwann wieder arbeiten und seine Schulden abbezahlen, doch obwohl die Ärzte ihn als gesund bezeichneten, jammerte er über Rückenschmerzen und warf jede Umschulung und jede Arbeit, die man ihm angeboten hatte, nach wenigen Wochen hin. Seit einigen Monaten trieb er sich nur noch nachts mit irgendwelchen Typen herum und lag tagsüber auf der Couch vor dem laufenden Fernseher.
   Ob das Geld in den nächsten Monaten wirklich reichen würde? Wie viel Trinkgeld man wohl als Serviererin verdiente? Was, wenn die Heizung kaputtginge oder die Waschmaschine oder der Herd in der Küche? Unruhig wälzte sich Jo auf ihrem Bett hin und her. So müde sie war, schlafen konnte sie nicht.
   Seufzend richtete sie sich auf und griff nach ihrem Tagebuch. Sie schrieb seit ihrer Kindheit alle Sorgen und Nöte auf, allerdings verschlüsselt, seit sie das Buch einmal im Büro vergessen und ihre Kollegin darin geblättert hatte.
   Seitdem benutzte sie Abkürzungen für Personen und Orte und schrieb nicht mehr in der Ichform, sondern in der dritten Person. Sie blätterte einige Seiten zurück. Die letzte Eintragung war vom Dienstag:

J. sitzt im Bahnhof und mag nicht nach Hause fahren. Die Familie ist wie zäher Schleim, an dem man hängt und sich nicht befreien kann. Alle wollen immer nur was. Und J. sehnt sich nach einer starken Schulter und streichelnden Händen.
   J. findet keinen neuen Job. Was wird passieren? Was wird aus ihren Eltern? Irgendwas muss es doch geben?
   In der Nacht wieder einer dieser Träume. Diesmal lag J. auf einer Straße und konnte die Beine nicht mehr bewegen, und sie war froh, Menschen zu sehen, die sich um sie kümmern würden, doch dann kam keiner. Die Leute liefen vorbei und beachteten sie nicht. Sie schrie und jammerte, während ein Auto auf sie zufuhr, doch niemand half ihr.


Träume dieser Art hatte sie oft. So, wie andere Menschen Sexfantasien hatten, wünschte sie sich manchmal, krank oder verletzt zu sein und von einem liebevollen Mann umsorgt zu werden. Wenn sie tatsächlich einschlief, folgten Albträume wie der auf der Straße, in denen niemand zu Hilfe kam.
   Seufzend schlug sie die Seiten wieder um bis zum ersten leeren Blatt, griff zum Stift und schrieb über die vergangene Nacht, den neuen Job und ihre Angst, nicht alles bezahlen zu können. Kevin. Oje. Ob sie wirklich mit ihm geschlafen hätte, wenn ihr nicht übel geworden wäre? Kevin mit den schwammigen Lippen. Bei der Erinnerung schüttelte sie sich. War sie zu wählerisch? Gingen andere Frauen mehr Kompromisse ein, um nicht allein zu sein?

Kapitel 5

Der Wecker klingelte um halb fünf. Stöhnend donnerte sie mit der Hand auf das Monstrum, um es zu töten, doch dann läutete auch schon die Uhr im Handy los und das lag zu weit weg. Um nicht in Versuchung zu geraten, es auszustellen und wieder einzuschlafen, hatte sie es auf die Fensterbank gelegt. Sie musste also aufstehen, um ihre gequälten Ohren zu befreien.
   Mit geschlossenen Augen tastete sie sich ins Bad, zog das Schlaf-Shirt über den Kopf und stellte sich unter die Dusche. Erster Arbeitstag. An das frühe Aufstehen würde sie sich erst gewöhnen müssen, und wie sie die Dienstage und Donnerstage organisieren wollte, wusste sie auch noch nicht.
   An diesen Abenden begann um zwanzig Uhr ihr Nebenjob. Sie machte bei Carsten Feldmann, einem ehemaligen Mitschüler, der nach seiner Ausbildung als Mechaniker für Heizung und Sanitäranlagen eine kleine Firma gegründet hatte, die Buchführung und Rechnungsschreibung. Eigentlich hatte Mutter, die auch als Kauffrau ausgebildet war, diesen Job angenommen, um einen Beitrag zur Schuldentilgung zu leisten, doch die Arbeit war ihr schnell zu anstrengend geworden und nach und nach hatte Jo den Job vollständig übernommen. Die Abrechnung lief noch über den Namen ihrer Mutter. Vielleicht könnte sie die Abendtermine flexibler passend zu den Arbeitszeiten im Café planen? Nein, die Rechnungen, Mahnungen und Buchungssätze mussten ja termingerecht jede Woche zum Steuerberater.
   Carsten hatte sich auf Notfalleinsätze mit Vierundzwanzig-Stunden-Service spezialisiert. Jo arbeitete abends in seinem winzigen Büro. Es hatte nur einen Schreibtisch, deshalb konnte sie die Buchführung nur außerhalb der normalen Arbeitszeiten machen. Er war der Einzige in ihrem Freundeskreis, der wusste, dass sie die Schulden ihres Bruders abbezahlte. In der Regel arbeitete sie von zwanzig bis zwei Uhr bei ihm. In ihrem alten Job hatte sie mittwochs und freitags die Gleitzeitregelung genutzt, um trotz der Nachtarbeit genügend Schlaf zu bekommen. Als Bedienung im Café ging das nicht und in der Nacht nach Hause zu fahren lohnte sich nicht. Sie musste irgendwo die Zeit von zwei bis sieben Uhr verbringen. Das kleine Werkstattbüro eignete sich nicht unbedingt für erholsamen Schlaf. Vielleicht könnte sie ab und zu bei Maike auf der Couch ein paar Stunden ausruhen. Doch wenn Maike nun in Julian frisch verliebt war, würde es sie sicher nerven, wenn Jo zweimal in der Woche mitten in der Nacht in ihrer Wohnung auftauchte.
   Seufzend massierte sie sich das Shampoo in die Haare. Vielleicht konnte sie mit Christin die Arbeitszeiten so absprechen, dass es besser zum Zweitjob passte, aber das ging erst, wenn sie eingearbeitet war.
   Sie rubbelte sich schnell trocken und zog sich an. Jeans, weißes T-Shirt, dunkelblaue Sweatjacke, bequeme Turnschuhe. Die Haare band sie zu einem einfachen Pferdeschwanz zusammen. Ihr Bürooutfit würde sie in der nächsten Zeit nicht brauchen. Das gefiel ihr. So fühlte sie sich jünger.
   Als sie die Treppe hinunterkam, schimmerte Licht durch den Türspalt zur Küche. »Die wird doch nicht …« Stirnrunzelnd trat sie ein. Tatsächlich. Ihre Mutter stand da in Nachthemd und Bademantel. Fertig geschmierte Brote lagen in einer Tüte auf dem Tisch, eine Thermoskanne wartete darauf, dass die Kaffeemaschine fertig sein würde.
   »Mama, was machst du? Warum schläfst du nicht?«
   »Ach Kind, du musst doch frühstücken.«
   »Ich mag morgens nichts, das weißt du doch.«
   »Deswegen habe ich dir ein Paket fertig gemacht. Du kannst im Zug essen.«
   Jo verdrehte die Augen. »Mama, du hast den ganzen Tag lang genug damit zu tun, dich um deinen Mann zu kümmern und Dr. Berg schimpft sowieso, dass du dich übernimmst. Untersteh dich, noch einmal so früh aufzustehen. Ich komme schon klar.«
   »Du machst dir doch nichts, und du bist so dünn, Kind. Ich verstehe sowieso nicht, warum du nicht mehr mit uns isst.«
   »Mama, ich bin kein Kind und ich esse, wenn ich Hunger habe.«
   Ihre Mutter zuckte zusammen. »Ich habe es ja nur gut gemeint.«
   Jo atmete tief durch und versuchte, freundlich zu klingen. »Ist schon gut, Mama. Fang bitte nicht an zu weinen. Ich verspreche dir, ich esse genug und jetzt leg dich noch mal hin. Wer soll sich um Papa kümmern, wenn du krank wirst? Bitte.«

Vor dem Bahnhofsgebäude ließ sie die Tüte mit den Broten in einem Mülleimer verschwinden. Alles in ihr krampfte sich vor lauter schlechtem Gewissen zusammen, doch sie konnte schon lange nicht mehr essen, was aus der Küche ihrer Familie stammte. Es hatte vor gut einem Jahr angefangen. Zuerst hatte sie sich noch gezwungen, an gemeinsamen Mahlzeiten teilzunehmen, doch es war immer schlimmer geworden und irgendwann hatte sie diesen Übelkeit verursachenden Betonklotz schon gefühlt, wenn sie die Küche nur betrat. Seit einem halben Jahr aß sie nichts mehr mit der Familie gemeinsam. Ihre Kehle war wie zugeschnürt, wenn sie versuchte, in Mutters Küche irgendetwas hinunterzuschlucken. Bisher hatte sie tagsüber in den Arbeitspausen immer irgendwo in der City gegessen und sich zu Hause von Kekspackungen in ihrem Zimmer ernährt. Mit dem neuen schmalen Einkommen würde sie sich das nicht mehr leisten können. Sie hoffte, dass sie im Café frühstücken könnte, alles andere müsste sich dann ergeben.
   Als sie in den Zug stieg, spürte sie zum ersten Mal die Schmetterlinge im Bauch. Lampenfieber. Hoffentlich stellte sie sich nicht zu dumm an. Ihre ganze Hoffnung stützte sich im Moment auf diesen Job, nicht auszudenken, wenn Christin mit ihr nicht zufrieden wäre.

Christin nickte zustimmend. »Klasse, Jo, du hast dich wacker geschlagen. Jetzt ist erst mal Pause. Das Frühstücksgeschäft dauert nie länger als bis halb zehn, danach ist es den Rest des Vormittags ruhiger.«
   Aufatmend setzte Jo das Tablett mit dreckigem Geschirr ab und schob Teller und Becher durch die kleine Luke in den hinteren Arbeitsraum. Hier gab es auf der einen Seite die große Geschirrspülmaschine, eine Gefriertruhe und einen Kühlschrank und auf der anderen Seite einen Schreibtisch mit Aktenschrank. Dazwischen lagerten Kisten und Kartons mit allen möglichen Verbrauchsgütern des Cafés auf hohen Lagerregalen. »Ja, meinst du? Ich komme mir ziemlich unbeholfen vor.«
   Christin lachte. »Hey, du machst das zum ersten Mal. Dafür bist du wirklich gut. Ist sie doch, oder Laura?«
   »Ja, ist sie.« Die Kollegin war gerade dabei, die Geschirrspülmaschine einzuräumen. Jetzt schob sie den Kopf durch die kleine Luke und grinste. »Wenn sie mir auch noch einen Coffee to go macht.«
   »Mach ich. Danke, freut mich, wenn ich euch nicht nur im Weg herumgestanden habe.«
   Laura winkte ab. »Die gefühlten fünfhundert Mal gewöhnen wir dir schnell ab.«
   Christin lachte.
   Jo mochte Laura auf Anhieb. Sie war groß, breitschultrig und trug die blonden Haare streichholzkurz. Sie hatte Jo am frühen Morgen mit einem kräftigen Handschlag und munterer Stimme begrüßt. Laura wirkte fast etwas männlich, nahm kein Blatt vor den Mund, hatte manch frechen Spruch auf Lager und ging auch mit den Gästen burschikos lässig um.
   Christin klopfte Jo lobend auf die Schulter. »Du hast nicht im Weg gestanden, hör nicht auf sie. Wenn du etwas essen willst, hol dir aus dem Kühlschrank, was du magst. Ich halte hier die Stellung.«
   »Gern.«
   Dankbar wechselte Jo in den Nebenraum. Die ersten Stunden im neuen Job waren anstrengend gewesen und ihr Magen knurrte nun laut und fordernd. Laura deutete auf die Arbeitsplatte, wo Butter, Brötchen und Aufschnitt bereitlagen. »Bediene dich und pack dann bitte alles in den Kühlschrank. Ich habe es heute etwas eilig.«
   Jo nickte. Während sie aß, räumte Laura weiter auf. Laura war so unkompliziert. Sie trug zu einer bequemen weiten Baumwollhose ein weißes einfaches T-Shirt. Sie pfiff den ganzen Morgen lang fröhliche Melodien, während sie flink und effizient ihren Job erledigte.
   »Hast du jetzt schon Feierabend?«
   »Ja, ich bin während deiner Einarbeitung nur zu den Stoßzeiten hier. Den Rest des Vormittags schafft ihr allein.«
   Christin lugte um die Ecke. »Und Jo? Wie gefällt dir der Job bis jetzt?«
   »Gut. Ich habe zwar das Gefühl, dass ich viel zu wenig von dem, was du mir erklärst, behalten kann, aber das Servieren macht Spaß. Es ist schön, mit Menschen zu tun zu haben, anstatt vor einem Computer zu sitzen.«
   »Mach dir keine Gedanken, du lernst schnell. Bis Ende der Woche kannst du selbstständig allein arbeiten. Wir haben ja keine große Küche. Das Einzige, was etwas komplizierter ist, ist die Wartung der Kaffeemaschine und die Bedienung der Registrierkasse.«
   Jo nickte erleichtert. Ihr fiel ein Stein vom Herzen. Nicht auszudenken, wenn Christin sie nach Hause geschickt hätte.
   »Bring nächste Woche deine Papiere für den Arbeitsvertrag mit, falls du es dir mit dem Job nicht noch anders überlegst.«
   »Nein, bestimmt nicht. Nur an das frühe Aufstehen muss ich mich gewöhnen, alles andere ist wirklich okay.«
   »Wann klingelt denn dein Wecker?«, fragte Laura, während sie sich die Jacke überzog.
   »Halb fünf.«
   »Was? So früh?«
   »Ja, ich wohne in Mahndorf und komme mit dem Zug.«
   Laura zog die Augenbrauen hoch. »Puh. Das wäre mir zu aufwendig. Willst du dir nicht lieber in Bremen eine Wohnung suchen?«
   »Vielleicht«, antwortete Jo ausweichend.

Kapitel 6

»Bitte sehr, drei Euro fünfzig zurück. Vielen Dank.« Aufatmend steckte Jo das Kellnerportemonnaie wieder in die Schublade am Tresen. Die letzten Frühstücksgäste verließen das Café. Es war Mittwoch, ihr dritter Arbeitstag und der erste nach einer in Carstens Werkstattbüro verbrachten Nacht. Sie hatte versucht, es sich auf zwei zusammengeschobenen Bürostühlen halbwegs bequem zu machen und etwas zu schlafen, doch sie hatte kein Auge zugetan. Nun steckte ihr die Müdigkeit gewaltig in den Knochen.
   Laura verabschiedete sich gerade, und Christin blickte auf ihre Armbanduhr. »Hey Jo, traust du dir zu, die nächsten zwei Stunden allein zu arbeiten? Ich muss unbedingt Büroarbeiten erledigen. Du kannst mich aber jederzeit rufen, wenn du mich brauchst.«
   Jo nickte. »Klar. Das bekomme ich hin.«
   Jo freute sich, dass Christin ihr schon zutraute, allein zu bleiben, denn je eher sie selbstständig arbeiten konnte, desto eher konnte sie auf flexiblere Arbeitszeiten hoffen. Christin war schon erfreut gewesen, als Jo erklärte, dass es ihr nichts ausmachen würde, oft am Wochenende zu arbeiten und dafür in der Woche einzelne Tage freizuhaben.
   Als sie allein war, sah sie sich um. Die Ausstattung des Cafés erinnerte sie an die Pariser Straßencafés. Während eines Urlaubs hatte sie eine Bustour nach Frankreich mitgemacht und diese kleinen, gemütlichen Cafés lieben gelernt. Es gefiel ihr, in einer solchen Atmosphäre zu arbeiten.
   Der in dunklem Holz gestaltete Tresen nahm die ganze Längsseite der hinteren Wand ein. Wenn man dahinter stand, hatte man einen guten Überblick über fast alle Tische, die drei mitten im Raum, die aus vier Tischen bestehende Reihe vor dem großen Fenster und die vier draußen vor der Tür unter der Markise. Nur die etwas versteckten Ecktische mit Wandbänken, vom Fenster aus betrachtet, rechts an der Wand, wo auch der schmale Gang zu den Toiletten entlangführte, sah man vom Tresen aus nicht.
   Sie machte sich daran, die letzten Reste vom Frühstücksgeschäft aufzuräumen. Dann füllte sie an allen Tischen die Zuckerbehälter und Serviettenständer auf. Ein junges Pärchen kam herein und bestellte ein spätes Frühstück. Jo brachte ihnen die Getränke, flitzte an den Kühlschrank, um Aufschnitt zu holen und füllte den Brötchenkorb. Während sie das Tablett zum Tisch trug, überfiel sie ein kleiner Schauder des Glücks und der Erleichterung. Ja, sie fühlte sich erschöpft, aber es war erst der dritte Tag im neuen Job und sie arbeitete bereits selbstständig. Ja, die Füße taten weh, aber das Servieren machte Spaß, Kollegen und Gäste waren nett. Ja, sie trug die Tabletts noch etwas wacklig und verschüttete manchmal etwas, aber sie wurde jeden Tag sicherer. Ja, sie verdiente zu wenig Geld, aber es reichte, um die Familie vor dem Gerichtsvollzieher zu schützen. Die Zukunft sah nicht mehr so schwarz aus, wie noch vor wenigen Tagen.
   Sie verteilte die Teller und Schälchen auf dem Tisch und wünschte dem Paar ein herzliches »Guten Appetit«.
   Als sie sich umdrehte, nahm sie wahr, dass inzwischen ein weiterer neuer Gast gekommen war. Er saß mit dem Rücken zu ihr in einer der gemütlichen Nischen an der Wand und hielt eine Tageszeitung ausgebreitet in den Händen.
   Sie trat an den Tisch heran. Das fröhliche »Guten Morgen« blieb ihr fast im Hals stecken, als er die Zeitung sinken ließ und den Kopf hob. Sie sah in sein Gesicht und wünschte sich in der nächsten Sekunde, der Boden möge sich öffnen und sie mit Haut und Haaren verschlingen.
   Einen Moment lang musterte er sie irritiert, dann zuckten seine Mundwinkel. Der Blick seiner blauen Augen traf sie bis ins Mark. Ihr Herz klopfte so laut, dass es vermutlich bis auf die Straße zu hören war. Sie fühlte, wie ihre Ohren heiß wurden, ein untrügliches Zeichen dafür, dass sie knallrot anlief.
   Seine Augen wanderten ihren Körper hinab, wieder hinauf und blieben an ihrem Gesicht haften. »Wieder nüchtern?«
   Jo räusperte sich. »Äh … Ja.«
   Er grinste. »Wars nett mit Kevin?«
   Endlich fasste sie sich wieder, und augenblicklich ärgerte sie sich über seinen anzüglichen Tonfall. »Glaube kaum, dass dich das was angeht«, erwiderte sie schnippisch.
   Er lachte. »Stimmt, interessiert mich auch nicht wirklich. Was machst du hier?«
   »Arbeiten.«
   Er runzelte die Stirn. »Wie ist dein Name?«
   »Ich denke, das geht dich auch nichts an. Willst du was bestellen?«
   »Bring mir bitte einen Orangensaft.«
   »Kommt sofort.«
   Sie flüchtete hinter den Tresen und wischte die schweißnassen Hände ab. Musste ihr dieser Typ über den Weg laufen? O Gott, vielleicht war er ein Stammgast! Sie spähte vorsichtig zu ihm hinüber und begegnete prompt seinem Blick. Schnell bückte sie sich und öffnete den Kühlschrank. Peinlicher ging es wohl kaum. Mit fahrigen Bewegungen füllte sie das Glas. Als sie sich auf den Weg zu seinem Tisch machte, spürte sie, dass ihre Hände zitterten. So ein Mist! Sie atmete tief durch und sah ihn nicht an, als sie den Saft auf den Tisch stellte. »Bitte schön.«
   »Danke.«
   Sie drehte sich mit der Geschwindigkeit eines Windrades im Orkan.
   »Wo ist Chris?«
   Seine Stimme hielt sie auf. »Äh … Im Büro.«
   Er nickte. »Setz dich.«
   Irritiert zog sie die Augenbrauen zusammen. »Was? Nein.«
   Er faltete die Zeitung und legte sie beiseite. »Doch. Ich bin …«
   »Hey Mike, da bist du ja«, unterbrach ihn Christin fröhlich. Sie sprang an Jo vorbei und fiel ihm von hinten um den Hals.
   Er strich freundschaftlich liebevoll über ihre Unterarme. »Na Kleines, alles klar?«
   »Sicher doch. Nenn mich nicht Kleines, alter Chauvi.«
   Sie wühlte ihm durch die Haare, und er schob sie weg. »Lass meine Frisur in Ruhe, du Monster.«
   Christin lachte. »Wie war es in Berlin?«
   »Wie Arbeitsreisen so sind. Anstrengend.«
   »Ich sehe, ihr habt euch schon kennengelernt?« Sie deutete in gespielter Gentleman-Manier von ihm zu ihr. »Mike, Johanna, Johanna, Mike.«
   Jo zeigte anscheinend keinen besonders geistreichen Gesichtsausdruck, denn Christin sah sich genötigt, deutlicher zu werden. »Jo, das ist Michael Anderson, der Besitzer des Cafés, also genau genommen unser Chef.«
   »Ach so, ich dachte … äh …«
   Christin lachte. »Ich bin die Geschäftsführerin und organisiere alles. Mike ist mein Cousin und offiziell betrachtet unser Chef. Ihm gehören das Haus und der Laden. Aber keine Angst, für gewöhnlich lässt er uns in Ruhe. Er ist wegen deines Arbeitsvertrages gekommen.«
   »Ach so. Äh … Entschuldigung.« Nervös drehte sie das Tablett in den Händen.
   Mike grinste. »Wir haben uns Freitagnacht schon kennengelernt. Sie wollte Sex mit mir.«
   Augenblicklich brannte ihre Haut, als ob sie vierundzwanzig Stunden lang auf einer Sonnenbank gelegen hätte. »Danke«, zischte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
   Christin kicherte. »Die Whiskynacht?«
   Jo nickte und verdrehte die Augen.
   »Du wolltest Sex mit ihm? Kann ich verstehen, er sieht ja auch zum Anbeißen aus. Wenn wir nicht verwandt wären, hätte ich vielleicht auch Interesse.«
   Jo schloss die Augen. »Ich war betrunken.«
   Christin drehte sich zu Mike. »Seit wann treibt es dich in Diskotheken? Das ist mir ja ganz neu.«
   »Claire wollte dort ihren Geburtstag feiern.«
   »Oh, Claire also. Da konntest du natürlich nicht Nein sagen.« Sie wandte sich an Jo. »Claire ist eine blonde langhaarige Schönheit, die ihm gerade den Kopf verdreht. Die davor hieß Mona, und die davor …«
   »Chris, lass es.« Sein Tonfall klang warnend.
   Sie grinste. »Okay, okay, ich höre schon auf. Jo, setz dich und mach mit ihm den Arbeitsvertrag, umso eher kann er wieder zu Claire ins Bett hüpfen. Oder will sie heute lieber mit dir shoppen gehen?«
   »Christin …«
   »Bin schon weg.«
   Sie verschwand im Durchgang zum hinteren Raum. Jo sah ihr sehnsüchtig hinterher. Am liebsten wäre sie mit ihr geflüchtet.
   »Nun setz dich schon endlich.« Ungeduldig zeigte er auf den freien Stuhl und griff zu einem Schnellhefter, der neben ihm auf dem Tisch lag.
   Sie setzte sich ihm gegenüber, doch als er sie ansah, zuckte ihr Kopf nach unten. Der Blick aus diesen blauen Augen war einfach nicht auszuhalten. Sie fühlte sich, als könnte er durch ihre Kleider hindurch auf ihren nackten Körper sehen. Sie starrte krampfhaft auf sein dunkelblaues Hemd, den offenen Kragen und den Ansatz seines kräftig bemuskelten Halses.
   »So schüchtern habe ich dich überhaupt nicht in Erinnerung.«
   Sie runzelte die Stirn und zwang sich, ihm in die Augen zu sehen. »Okay, ich war betrunken. Können wir es vielleicht einfach dabei belassen?«
   Er grinste kurz, dann wurde sein Ton geschäftlich nüchtern. »Klar. Was du privat machst, geht mich natürlich nichts an, aber während der Arbeit bitte keinen Alkohol und keine privaten Geschichten.«
   Empört richtete sie den Oberkörper auf. »Natürlich, das ist ja wohl selbstverständlich.«
   Schon wieder dieses belustigte Zucken der Mundwinkel. Arsch.
   »Dann sind wir uns ja einig. Warum willst du hier arbeiten? Chris sagte, du hast eine kaufmännische Ausbildung.«
   Sie zuckte mit den Schultern. »Ich fand keinen Job im Büro und hatte Lust, mich zu verändern.«
   Er musterte sie kritisch, als wollte er mit seinen Röntgenaugen ihre Gedanken lesen. »Du verdienst hier viel weniger.«
   »Ich weiß.«
   »Willst du den Job nur als Übergang? Machst du noch etwas anderes?«
   Plötzlich fühlte Jo eine kalte Schlinge an ihrer Kehle, die ihr drohte, die Luft abzuschnüren. Unwillkürlich fasste sie sich an den Hals und starrte ihn an. »Nein.« Sie verschluckte die Lüge fast. »Ich brauche den Job. Länger.«
   Seine Augen wurden kaum merklich schmaler. Eine ewig lange Sekunde hielt er ihren Blick. Dann nickte er langsam. »Okay. Hier ist dein Vertrag. Lies ihn dir in Ruhe durch.«
   Mit zittrigen Fingern nahm sie das Papier. Sie konnte sich kaum auf die Buchstaben konzentrieren. Er saß schweigend vor ihr, und sie fühlte ständig seinen Blick auf sich gerichtet. Am liebsten wäre sie unter den Tisch gekrabbelt oder hätte ihm kräftig auf den Fuß getreten oder ihm seinen verdammten Saft ins Gesicht geschüttet. Sie tat natürlich nichts dergleichen, sondern versuchte, sich auf den Vertrag zu konzentrieren.
   Als sie fertig war, nickte sie. »Das ist in Ordnung so.«
   »Keine Fragen?«
   »Nein.«
   »Hast du deine Unterlagen dabei, Steuernummer, Krankenkassennachweis und so weiter?«
   »Das ist noch bei meinem alten Arbeitgeber.«
   Er nickte. »Kein Problem, ich wohne hier im Haus, ganz oben. Wirf mir einen Umschlag in den Briefkasten, wenn du alles beisammenhast.«
   »Okay.«
   Er zog einen Kugelschreiber aus der Hemdtasche und hielt ihn ihr hin. »Gut, dann unterschreib, oder willst du es dir noch überlegen?«
   Sie schüttelte den Kopf, griff nach dem Stift und unterschrieb beide Vertragskopien. Er folgte, steckte eine wieder in den Hefter und reichte ihr die andere. »Auf gute Zusammenarbeit, Johanna.« Er hielt ihr die Hand hin.
   Sie schluckte und schlug ein. »Danke. Einfach Jo reicht.«
   »Okay, Jo. Mich nennen alle Mike.«
   Ihre Finger berührten sich den Bruchteil einer Sekunde länger, als es normal gewesen wäre. Sein Händedruck war warm, weich und trotzdem kräftig. Sie spürte ihn noch, als der Kontakt längst vorbei war und sie aufstand, um in Richtung Tresen zu flüchten. Sie hechtete dahinter, drehte sich zum Spülbecken und prallte mit dem Kopf rückwärts gegen seine Brust. Erschrocken sprang sie herum und fühlte seinen Griff an ihrem Arm.
   »Bist du wirklich heute nüchtern?«
   Wütend starrte sie auf seinen zu einem Grinsen verzogenen Mund. Er hob die Hand, fasste an ihrem Kopf vorbei an eine Schranktür und öffnete sie. Jos Herz klopfte schneller, überdeutlich nahm sie seinen Geruch wahr, unaufdringliches Aftershave gemischt mit einem herben Deo und seinem männlichen Eigengeruch.
   Er zeigte auf eine in die Innenseite der Schranktür geklebte Visitenkarte. »Hier hängt meine Telefonnummer. Speichere sie dir am besten im Handy unter einer Kurzwahl ab. Wenn es Probleme gibt, kannst du mich anrufen.«
   »Ja.« Sie klammerte sich mit den Händen am Tresen fest, um sich nicht abwehrend gegen seine Brust zu stemmen.
   Er nickte noch einmal und trat in den Durchgang zum hinteren Raum. »Chrissy, ich gehe.«
   Sie kam um die Ecke. »Okay, alles klar mit dem Vertrag und so?«
   »Ja, alles geregelt.« Er warf einen Blick auf Jo. »Gib ihr genug zu essen, sonst hält sie den Job nicht lange durch.«
   Christin grinste. »Sie ist zu dünn, finde ich auch. Jo, du hast es gehört, ab sofort zwei Brötchen morgens.«
   Er wartete keine Antwort ab, sondern ging zur Tür. Sie konnte nicht anders, als auf seinen strammen Hintern in der engen Jeans zu starren.
   »Er hat Leichtathletik gemacht. Wettkämpfe. Und er ist fünfunddreißig, genau das richtige Alter.«
   Jo zuckte zusammen, und Christin grinste.

Kapitel 7

Den ganzen Tag über sah sie immer wieder sein Gesicht vor sich und hörte seine Stimme in ihrem Kopf. Er wirkte so verdammt selbstsicher, dass es sie wütend machte. Als wenn es ihm nie passieren könnte, versehentlich zu viel zu trinken. Arroganter Arsch. Als sie mittags Feierabend hatte und im Zug fast einschlief, erlebte sie immer wieder diesen Moment, als er hinter dem Tresen so nah vor ihr gestanden und die Schranktür geöffnet hatte. Wenn es Probleme gibt, kannst du mich anrufen. Sie nickte ein. Wenn du Sex willst, kannst du mich anrufen, hörte sie seine dunkle, ruhige Stimme.
   Ihr Sitznachbar hustete, und sie schreckte auf.
   »O Gott!« Sie konnte sich nicht erinnern, dass ihr jemals in ihrem Leben ein Mann begegnet war, der so arrogant auf sie herabgesehen und sie trotzdem so durcheinandergebracht hatte. Es ärgerte sie, dass er diese Wirkung auf sie hatte. Selbst, als sie in Stefan verliebt gewesen war, hatte seine Nähe nie diese Wirkung auf sie, noch nicht mal, wenn er sie geküsst hatte. Wenn sich Stefan ihr genähert hatte, um Zärtlichkeiten auszutauschen, war es ihr meistens schnell zu eng geworden, vor allem nach der Insolvenz der Werkstatt, als er den ganzen Tag lang nur darauf gewartet hatte, sie abends zu sehen und sich von ihr verwöhnen zu lassen.
   Auf Mike reagierte sie, ohne dass er sie berührte. Jede Zelle hatte vibriert, als er sie angesehen hatte, ohne dass sie es auch nur im Geringsten hätte beeinflussen können. Sie bekam sogar noch weiche Knie, wenn in der Erinnerung in ihrem umnebelten Geist sein Gesicht auftauchte. Er hat eine blonde Traumfrau als Freundin und garantiert kein Interesse an einer dürren grauen Maus, also komm wieder runter, Johanna Martin.
   Ob sie ihm wohl oft begegnen würde? So wie sie Christin verstanden hatte, mischte er sich im Café nicht ein, sondern überließ die gesamte Organisation ihr. Aber er wohnte oben im Haus. Sie sollte die Unterlagen in den Briefkasten werfen. Zum Glück hatten sie noch nie daran gedacht, den Arbeitsvertrag mit Carsten zu korrigieren, so war die Lüge eigentlich nicht ganz so schlimm.

Als sie endlich zu Hause in ihrem Zimmer auf dem Bett lag, schloss sie die Augen und erinnerte sich an diesen Moment, als sie gegen ihn geprallt war. Er hatte ihren Arm gehalten und gelächelt. Okay, es war ein spöttisches Lächeln gewesen, trotzdem summte es in ihrem Unterleib bei der Vorstellung, er könnte sie noch einmal so ansehen, berühren, sich herunterbeugen und mit seinem glatt rasierten Kinn ihre Wange streifen.
   Was war bloß dran an diesem selbstgerechten Mistkerl? Ärgerlich drückte sie sich das Kopfkissen gegen das Gesicht. Ein fast schmerzhaftes Ziehen aus der Mitte ihres Körpers herauf ließ sie sich danach verzehren, in seine kräftigen Arme zu sinken, sich halten zu lassen und alles zu vergessen, was ihr Sorgen und Kummer bereitete. Dabei war er arrogant und hatte sie ausgelacht. Was musste es für ein Gefühl sein, von so einem Mann geliebt zu werden? Sie schüttelte den Kopf. Seit Stefan hatte sie nie wieder das Bedürfnis nach Liebe verspürt. Nach Sex, ja, aber nicht nach einer Beziehung. Es reichte ihr, für die Eltern und den Bruder zu sorgen. Nebenbei noch einen Mann glücklich zu machen, dafür war keine Kraft mehr da. Und ausgerechnet bei diesem arroganten Typen sehnte sie sich danach, von starken Armen gehalten zu werden? Jo stöhnte gequält auf und rief sich energisch zur Vernunft. Quatsch. Er hatte ein anziehendes Gesicht und einen ziemlich heißen Körper. Beides zusammen verfehlte seine Wirkung auf Frauen nicht. Und das wusste er genau. Wahrscheinlich machte es ihm Spaß, sie durcheinanderzubringen. Sie musste sich dagegen wehren. Er hatte sich köstlich über sie amüsiert und sie verspottet. Er war definitiv ein unsensibles Arschloch.

Am Freitag um neun Uhr klingelte das Telefon hinter dem Tresen.
   »Kannst du rangehen?«, rief Christin, die gerade an einem Tisch bediente.
   Jo nickte und nahm den Hörer ab. »Hallo, Café Anderson, Sie sprechen mit Johanna Martin.«
   »Hier ist Mike. Guten Morgen.«
   Augenblicklich schlug ihr Herz doppelt so schnell. »Guten Morgen.«
   »Kannst du mir hinten in der Nische ein Frühstück für zwei Personen vorbereiten?«
   »Ja, sicher.«
   »Okay, danke dir. Äh … Ein bisschen nett, bitte, mit Rührei und so, ja?«
   »Ja.«
   »Danke. Bis gleich.«
   Christin kam hinter den Tresen, holte für neue Gäste Kaffeebecher aus dem Regal und stellte sie unter den Hahn der Kaffeemaschine. »Wer war dran?«
   »Mike, er will Frühstück für zwei Personen in der Nische hinten.«
   Christin verdrehte die Augen. »Claire ist da.«
   Irritiert zog Jo die Augenbrauen hoch. »Äh, wie?«
   »Claire hat sich über Nacht bei ihm eingenistet. Kommt selten genug vor, meistens sorgt er dafür, dass das nicht passiert.«
   »Und dann frühstücken sie nicht bei ihm in der Wohnung?«
   »Nein, das ist ihm zu persönlich.« Christin grinste. »Aber er kann auch nicht so unhöflich sein, sie ohne wegzuschicken.«
   »Aha. Seltsame Beziehung.«
   »Für Mike gibt es keine Beziehungen, nur Bettgeschichten. Er hat mal mit einer Freundin ziemlich miese Erfahrungen gemacht.«
   »Oh.«
   »Ist schon vier oder fünf Jahre her. Seitdem verliebt er sich nicht mehr, sondern treibt es nur noch mit Frauen, für die er nichts fühlt. Sie müssen unabhängig und selbstständig sein und ihr Leben im Griff haben. Sobald eine anhänglich wird oder Schwächen zeigt, lässt er sie fallen wie eine heiße Kartoffel.«
   Sie lief mit ihren Bestellungen wieder los. Jo sah ihr nach und dachte mit Schrecken daran, wie sie sich ihm in ihrem Whiskywahn an den Hals geworfen hatte und wie sie in ihren Tag- und Nachtträumen schwach in seinen starken Armen lag.
   Sie richtete den bestellten Frühstückstisch her und beobachtete vom Tresen aus, wie Mike die Tür öffnete und Claire höflich den Vortritt ließ. Sie stolzierte herein, und Jo wusste sofort, dass es die Frau war, deren Rücken sie in der Diskothek in seinem Arm gesehen hatte. Sie war perfekt geschminkt. Die hellblonden glatt glänzenden Haare hingen offen, beeindruckend lang, über den Rücken bis zur Lende. Sie trug knallenge Jeans und Pumps mit ziemlich hohen Absätzen. Nachdem sie sich kurz umgesehen hatte, bewegte sie sich mit geschmeidig wiegenden Hüften auf den reservierten Tisch zu.
   Mike kam an den Tresen, legte Christin freundschaftlich den Arm um die Schultern und nickte Jo zu. »Guten Morgen. Alles klar bei euch?«
   »Natürlich.« Christin grinste. »Bei dir auch?«
   »Bei mir auch.«
   Jo räusperte sich. »Kaffee oder Tee?«
   Er lächelte sie an und winkte ab. »Das mache ich schon, danke.«
   Augenblicklich tanzten die Schmetterlinge in ihrem Bauch. Der Blick aus diesen blauen Augen und ein kleines Lächeln genügten, um sie völlig aus der Fassung zu bringen. Sie biss die Zähne zusammen, nickte ihm zu und griff sich ein Tablett, um den Tisch der letzten Gäste abzuräumen.

Während der nächsten halben Stunde versuchte sie, so normal wie möglich ihren Job zu machen, doch ohne, dass sie sich dagegen wehren konnte, glitt ihr Blick immer wieder in die Ecke, in der die beiden saßen, frühstückten und sich leise unterhielten. Als sie aufstanden und sich anschickten, das Café zu verlassen, wischte Jo gerade einen Tisch vor der großen Glasfront sauber. Sie blickte kurz hoch und sah Claire ins Gesicht.
   Die stockte und runzelte die Stirn. »Ich habe dich Mittwoch früh aus der Sunny Bar kommen sehen.«
   Jo fühlte, wie sich der Betonklotz in ihrem Magen ausbreitete. Sie öffnete den Mund, doch kein Ton kam heraus, eine gefühlte Ewigkeit starrte sie die blonde Frau vor sich an.
   »In Hemelingen. Die Sunny Bar«, bekräftigte Claire, und Jos Gehirn begann, wieder zu arbeiten.
   »Ich schätze, du verwechselst mich.« Ihre Stimme klang etwas zu laut.
   Claire zögerte, schien unsicher zu werden. Dann schüttelte sie den Kopf. »Seltsam. Ich könnte schwören, du warst das.«
   Ohne Jo weiter zu beachten, ging sie zur Tür. Sie umarmte Mike, er küsste sie kurz auf die Wange, dann verschwand sie. Er betrachtete Jo, doch sie tat, als würde sie es nicht bemerken. Endlich drehte auch er sich zur Tür und lief in den Eingang zum Treppenhaus.
   Jo atmete auf. Nicht auszudenken, wenn ihr Nebenjob auffliegen würde. Sie musste es bald beichten. Sobald Christin sehen würde, dass sie zuverlässig arbeitete, musste sie es erzählen, bevor ein dummer Zufall es zutage fördern würde.

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