Die schüchterne Melina hat gelernt, sich hinter einer Maske zu verstecken. Thomas dagegen ist cool und amüsiert sich über die „verklemmte Schachtel“, bis er in Todesgefahr gerät und ausgerechnet Melina ihn rettet. Thomas ist in seinen Grundfesten erschüttert und traumatisiert. Von Albträumen und Flashbacks geplagt, sucht er die Nähe seiner Retterin. Er ignoriert ihre schroffe Abwehr, und völlig überrumpelt lässt sie ihn in ihr Leben. Es prickelt und sie haben heißen Sex, bis sich Melina unerwartet wieder in ihr Schneckenhaus zurückzieht. Doch Thomas lässt sich nicht so einfach abservieren. Zwei mutige Protagonisten mit Ecken und Kanten nehmen uns mit auf eine romantische und nicht alltägliche Reise. Genauso muss Liebe sein.

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ISBN: 978-9963-53-487-6

Seiten: 297

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Bea Lange

Bea Lange
© Kiki Beelitz
Bea Lange ist das Pseudonym, unter dem Sabine Bruns Romane veröffentlicht. Jahrgang 1962, EDV-Kauffrau, Dozentin in der Erwachsenenbildung, Fachjournalistin und Autorin von Fachbüchern. Sie lebt mit Mann, Pferden, Hunden und Katzen in einem kleinen Dorf in Norddeutschland.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog
Sommer 2010

Melina öffnete die Augen. Sie lag auf der Seite und ihr Blick fiel auf das Ziffernblatt des Weckers. Halb fünf. Seufzend drehte sie sich auf den Rücken und starrte im Dämmerlicht des beginnenden Tages gegen die Zimmerdecke.
   Die Redaktionssitzung vom gestrigen Nachmittag fiel ihr ein und augenblicklich zog sich in ihrer Brust etwas zusammen. Vermutlich das Zwerchfell. Das hatte ihr mal ein Arzt erklärt. Wenn man Stress hat und der Körper in den Verteidigungsmodus wechselt, werden die Atmungsmuskeln hyperaktiv. Der Instinkt ist der Meinung, für den bevorstehenden Kampf oder die Flucht viel Sauerstoff zu benötigen. Da man aber im zwanzigsten Jahrhundert nicht mehr kämpft, sondern unbeweglich sitzen bleibt, fühlt sich das dann an, als ob der Brustkorb von einem breiten, stählernen, viel zu engen Gürtel umschlossen wird.
   Sie atmete tief ein und ließ die verbrauchte Luft geräuschvoll durch die fast geschlossenen Lippen entweichen, doch die stählerne Ummantelung löste sich nicht.
   Sie musste unbedingt gelassener werden. Es gab absolut keinen Grund für Stress. Sie war gut. Sie war erfolgreich. Sie hatte es geschafft, sich durchzusetzen.
   Sie lag sicher in ihrem Bett und die Redaktionssitzung war ein absolutes Highlight für ihren beruflichen Aufstieg gewesen.
   Sie, Melina Albert, bekam eine eigene Serie. Sie, Melina Albert, hatte den Artikel über die Bremer Drogenszene so gut recherchiert, dass sie eine Serie bekam. Eine eigene Serie! Sie, Melina. Sie hatte es geschafft. Eine eigene Serie. Eigene Serie! Eigene Serie! Eigene Serie!
   Davon hatte sie immer geträumt. Eine Welle freudiger Erregung rauschte durch ihren Körper. Sie wollte aufklären, guten Journalismus machen, politisch aktiv sein. Yeah, Melinas eigene Serie!
   Ärgerlich steckte sie die Hand unter die Decke. Diese blöde Kauerei. Mal wieder erwischt. Dumme Angewohnheit aus der Kindheit.
   Dieses Druckgefühl in der Brust war nur Lampenfieber. Schließlich gab es auch Neider in der Redaktion, die nichts dagegen hätten, sie scheitern zu sehen. Aber sie würde nicht scheitern.
   Ihre Eltern sollten stolz sein. Noch nicht mal ein Jahr im Volontariat und schon eine eigene Serie.
   Die Sachbearbeiter im Rathaus würden ihr nicht gerade willig Auskunft erteilen, doch sie schaffte das. Sie würde sich durchsetzen. Ganz sicher. Ein Gespräch mit dem Senator brauchte sie auch. Und am besten mit jemandem aus der Opposition. Wie bekam man einen Termin bei einem Politiker zu einem unbequemen Thema? Okay, das hatte Zeit. Erst mal musste sie Betroffene aufsuchen. Manche würden ihr nicht freundlich begegnen. Egal, sie schaffte das.
   Eigentlich war sie noch so müde, aber sie wollte einfach nicht wieder einschlafen. Ärgerlich wälzte sie sich auf die andere Körperseite. Vielleicht sollte sie autogenes Training lernen? Oder meditieren? Irgendwas gegen Nervosität und für ruhigen Schlaf.
   Sven war neidisch. Garantiert. Er hatte sie so verkniffen angesehen, als der Chef ihr die Serie angeboten hatte. Immerhin arbeitete er bereits ein Jahr länger in der Redaktion. Aber ihr Artikel hatte nicht nur den Chef überzeugt. Mehrere Tage lang waren Leserbriefe auf ihrem Schreibtisch gelandet. Natürlich auch einige kritische, doch das störte niemanden. Ausschlaggebend war die Resonanz. Der Chef liebte es, wenn sich Leser angesprochen fühlten und reagierten.
   Klar, man brauchte ein dickes Fell. Einige aus der Kategorie böse Mails und Briefe trafen sie schon.
   Wieder atmete sie tief durch. Als Journalistin durfte man Kritik nicht persönlich nehmen.

»Ruf doch einfach an.« Kalle zuckte gleichgültig mit den Schultern.
   Melina nickte. Klar, warum rief sie nicht einfach an?
   Jetzt arbeitete sie schon so lange in der Redaktion und immer noch fiel es ihr schwer, Leute einfach anzusprechen oder anzurufen. Wenn die Kollegen wüssten, wie viel Überwindung es sie kostete, im Büro eines Senators anzurufen oder einen Obdachlosen auf der Straße anzusprechen, würden sie ungläubig den Kopf schütteln. Als Journalistin sollte man solche Hemmungen nicht kennen. Sie biss die Zähne zusammen. Sie schaffte das. Jeden Tag und immer wieder.
   Für die erste Folge ihrer Serie hatte sie eine Woche. Eine ganze Seite in der Sonntagsausgabe war für sie reserviert. Was, wenn sie es nicht schaffte? Quatsch, natürlich schaffte sie es.
   Ihr Herz schlug schneller und ihre Hände zitterten, als sie zum Hörer griff. Mist! Anrufbeantworter. Schnell legte sie auf. Sie würde am Nachmittag noch mal anrufen.
   »Na, erreicht?«, fragte Kalle.
   »AB. Ich versuch’s nachher noch mal.«
   Er winkte ab. »Wenn jetzt der AB läuft, ist da den ganzen Tag keiner. Geh ins Bürgerbüro am Steintor und flirte mit dem Schlesinger. Das ist der dünne Blonde. Wenn der dich mag, organisiert er dir mit jedem aus dem Vorstand einen Termin.«
   Melina kniff für einen Moment die Lippen zusammen, zwang sich dann mit äußerster Disziplin zu einem Lächeln und nickte lässig. »Danke für den Tipp.« Blöder Besserwisser.
   Kalle senkte den Kopf und warf ihr einen tiefen Blick zu. »Melli-Maus, soll ich dir helfen?«
   »Eine meiner leichtesten Übungen, Picture-Hero«, entgegnete sie schnippisch und warf ihm ein Grinsen vor die Füße, während sie aufsprang und nach der Tasche griff. »Bin heute Nachmittag wieder da.«
   Er lächelte und die Kollegen nickten gelangweilt. Sie riss die Jacke vom Garderobenhaken und eilte in Richtung Fahrstuhl.
   Wieso war sie schon wieder so wütend? Es gab keinen Grund. Warum dachte er, dass sie es nicht allein schaffte? Blöder Affe! Der sollte seinen Fotoapparat nehmen und sich um seinen eigenen Kram kümmern.
   Auf der Straße atmete sie tief durch. Wieder fühlte sich ihre Brust so eingeklemmt an. Sie hasste das. Warum konnten sie nicht einfach alle in Ruhe lassen? Sie ging in großen Schritten die Straße entlang in Richtung Marktplatz und Steintor-Viertel. Eine Straßenbahn bimmelte neben ihr und sie zuckte zusammen. Verflucht! Ihr fehlte eindeutig Schlaf. Warum wachte sie auch dauernd nachts oder morgens viel zu früh auf?
   Sie erreichte das Café Anderson. Ein Becher pechschwarzes Koffein würde ihr guttun.
   Ferienzeit. Touristenzeit. Die Tische waren alle besetzt und vor dem Tresen hatte sich eine Schlange gebildet. Sie stellte sich hinten an. Zwei Jugendliche schlenderten an ihr vorbei, betrachteten den Kuchen und die belegten Brötchen in der Auslage, sahen sich um, als ob sie das Ende der Schlange suchten, und reihten sich frech vor ihr ein.
   Wie bitte?
   Nur weil sie ihrem Vordermann nicht so dicht auf die Pelle rückte, dass sie dessen Schweiß riechen musste, war doch deutlich zu sehen, dass sie das Ende der Schlange bildete.
   Sie ballte die verschwitzten Hände zu Fäusten. Sie biss die Zähne zusammen. Nicht aufregen. Das war es nicht wert. Schon wieder zitterten ihre Finger. Warum zitterten ihr immer gleich die Finger? Verdammt! Es machte sie wütend, wenn so mit ihr umgegangen wurde. Stand Verarsch mich auf ihrer Stirn geschrieben? Sie verschränkte die Arme vor der Brust und starrte voller Hass auf die Rücken der beiden Typen vor ihr. Schweiß stand ihr auf der Stirn und plötzlich wurde ihr kalt. Gänsehaut. Was war denn bloß mit ihr los?
   »Hallo? Sie sind dran.«
   Was wollten die alle von ihr? Was, verdammt noch mal, sollte das? Mit welchem Recht benahmen sich immer alle so, als gehörte ihnen die Welt? Das war zu viel. Sie konnte das nicht mehr. Ihre Knie wurden weich, der Blick verzerrte sich durch einen Tränenschleier. Melina sackte kraftlos auf den Boden, rollte sich wie ein Kind zusammen und versteckte das Gesicht unter dem Arm, während harte Schluchzer unaufhaltsam tief aus ihrer Kehle emporstiegen.

1
September 2014

Fröhlich vor sich hin pfeifend sprang Thomas aus der Straßenbahn und sah sich um. Ah, da links war es ja. Café Anderson, prangte in großen, geschwungenen Lettern auf der Glasscheibe.
   Draußen standen fünf runde Tische, drei waren besetzt. Eine Serviererin bediente gerade. Er pfiff leise durch die Zähne. Lange Beine, praller Po in enger Jeans. Wenn alle Kolleginnen so süße Mäuse wären, würde er den Job lieben.
   Als er den Gastraum betrat, sah er auf die Uhr. Auf die Minute pünktlich. Gut, dass Kalle ihn aus dem Bett geschmissen hatte, sonst wäre er, wie immer, mindestens fünfzehn Minuten zu spät gekommen.
   Er lief über die Fahrbahn. Ein Auto hupte und er hob beschwichtigend den Arm. »Schon gut, bin ja schon weg.«
   Gemütlich, der Laden. Erinnerte an die Straßencafés in Paris, der gleiche Stil. Die meisten Tische waren leer.
   Die langen Beine mit dem prallen Po in enger Jeans standen inzwischen seitlich am Tresen. Wow, der Vorbau konnte sich auch sehen lassen, wie geschaffen für Männerhände. Darüber blonde Haare und ein pfiffiges Gesicht. Sie unterhielt sich mit einer anderen, die hinter dem Tresen Gläser spülte. Auch ziemlich jung, schlank und nicht gerade hässlich, braune schulterlange Haare und etwas ernsterer Gesichtsausdruck.
   Als er näher kam, drehten sich beide zu ihm um.
   Er grinste. »Hallo, die Damen, ich bin der Neue.«
   Die neben dem Tresen verdrehte die Augen, drehte ab und marschierte ohne ein Wort in ein Hinterzimmer. Die andere sah ihn irritiert an.
   »Ähm …, ja?«
   »Thomas Carstensen. Ich hatte angerufen, wegen des Jobs.«
   In ihrem Gesicht verzog sich keine Miene. »Ah ja. Und du glaubst, du hast die Stelle schon?«
   Er zwinkerte. »Klar, was Besseres als mich könnt ihr nicht finden.«
   Ihre Mundwinkel zuckten, aber sie erlaubte sich nicht, zu lachen. Stattdessen wanderte ihr Blick abschätzend seinen Körper hinunter und wieder hinauf. Ihre Blicke trafen sich. Er grinste breit und entlockte ihr nun doch ein Schmunzeln.
   »Unter Komplexen leidest du jedenfalls nicht«, stellte sie gelassen fest.
   Er grinste. »Mit wem muss ich sprechen?«
   »Mit mir.«
   »Das ist dein Café?«
   »Nein, ich leite es zurzeit als Vertretung. Mein Name ist Johanna. Möchtest du was trinken?«
   »Kaffee bitte.«
   »Okay. Setz dich schon mal. Ich komme gleich.«
   Er ließ sich an einem Ecktisch nieder. Das Café gefiel ihm. Der große, dunkle Tresen nahm die ganze hintere Wand ein. Davor gab es drei Tische mitten im Raum, vier direkt vor den großen Fenstern und an der Seite noch drei gemütliche Nischen mit Zwischenwänden. Das Publikum schien recht gemischt zu sein, Yuppies und Studenten neben typischen Touristen. Auf großen Tafeln wurde das übliche Angebot für ein Café dieser Art angepriesen: Frühstück, Kuchen, Eis und natürlich alle Sorten Getränke.
   Sie kam mit zwei Bechern und setzte sich ihm gegenüber. »Du bist der Student, der Journalist werden will.«
   »Richtig. Kommunikations- und Medienwissenschaften.«
   Sie musterte ihn schweigend.
   »Was ist, bin ich nicht hübsch genug?«
   Sie grinste. »Wohl eher zu hübsch.«
   »Hübsche Kellner ziehen Frauen an. Ist nur gut für das Geschäft.«
   Lachend lehnte sie sich zurück. »Da könntest du recht haben.«
   Er zwinkerte. »Fein. Habe ich den Job?«
   »Wo wohnst du?«
   »Bürgermeister-Reuter-Straße.«
   »Das ist in der Vahr, oder?«
   »Stimmt. Ihr habt vielleicht komische Namen für eure Stadtteile.«
   Johanna lachte. »Man gewöhnt sich daran.« Sie drehte in Gedanken versunken ihren Kugelschreiber zwischen den Fingern.
   »Also, krieg ich den Job oder doch?«
   »Ich bin mir nicht sicher. Um ehrlich zu sein, wir sind nur Frauen hier. Du wärst der einzige Typ. Ich habe ein bisschen Angst, dass es zu …, na ja, sagen wir mal …, Komplikationen führen könnte.«
   Er legte den Kopf schräg. »Okay, ich verspreche, nur mit dir zu flirten.«
   »Schlechte Idee. Ganz schlechte Idee. Ich bin mit dem Besitzer zusammen.«
   Er warf mit gespielt schmerzverzerrtem Gesicht den Kopf in den Nacken. »Oohuu! Fettnäpfchen voll getroffen.« Er grinste sie wieder an und wechselte abrupt in den normalen Gesprächston zurück. »Okay, ich verspreche, nicht mit dir zu flirten.«
   Sie lachte und trank einen Schluck. Dann sah sie ihn wieder an. »Was hast du bisher gemacht? Du bist doch kein Schulabgänger?«
   »Nein. Meine Eltern sind beide Anwälte und wollten, dass ich in ihre Fußstapfen trete, deshalb habe ich ein Jurastudium begonnen. Ich bin achtundzwanzig. Je länger ich studierte, desto sicherer wusste ich, dass ich mein Leben nicht in einer Kanzlei verbringen will. Ich habe abgebrochen, bin eine Weile lang durch die Welt getrampt und nun hier in Bremen gelandet. Meine Eltern sind stinksauer und haben mir die Kohle gestrichen, deshalb brauche ich den Job.«
   »Hast du so was schon mal gemacht?«
   »Yes. Ich habe schon als Schüler an den Wochenenden in Diskotheken gejobbt, und seit ich studiere, arbeite ich in allen Semesterferien in der Gastronomie. Außer im letzten Jahr, da war ich auf Weltreise.«
   »Wann könntest du anfangen?«
   Er zuckte mit den Schultern. »Sofort?«
   Sie nickte nachdenklich. »Okay. Es ist so. Der Besitzer des Cafés ist Michael Anderson. Er wohnt oben im Haus, arbeitet aber nicht selbst hier. Seine Cousine leitet das Café normalerweise. Sie fällt aber für einige Monate aus, deswegen brauchen wir jemanden. Wie viel Zeit hast du?«
   »So viel ihr wollt. Ich habe erst für nächstes Jahr einen Studienplatz und arbeite solange nur gelegentlich abends für die Bremer Nachrichten. Ein Kumpel hat mich da eingeschleust. Ich darf schon mal zum Üben den einen oder anderen Artikel schreiben. Ansonsten bin ich vollständig flexibel.«
   »Das hört sich gut an.« Johanna drehte gedankenverloren den Kaffeebecher zwischen ihren Fingern. »Es ist hier nicht wie in vielen anderen Gastronomiebetrieben. Wir sind ein echtes Team. Wir verstehen uns alle, wir sind Freunde. Es gibt auch für alle mehr Geld als in vergleichbaren Jobs. Wir wollen jemanden, der die Arbeit gern macht, auf den wir uns verlassen können und der flexibel ist.«
   Er nickte. »Bestens. Wann soll ich anfangen?«
   »Morgen früh zur Probe? Viertel vor sieben machen wir auf.«
   »Ähm … Wann?«
   Sie grinste. »Zu früh?«
   Er verzog das Gesicht. »Ich dachte eher ans Nachmittagsgeschäft.«
   »Wir arbeiten alle mal morgens und mal abends. Wenn dir das nicht passt …«
   »Doch, klar. Muss mich nur dran gewöhnen, ich schlafe gern lange.«
   Die andere Serviererin lief an ihnen vorbei. Johanna hielt sie auf. »Thomas, das ist Laura, Laura, das ist Thomas. Er ist ab morgen früh zur Probe dabei.«
   Sie zog die Augenbrauen hoch und musterte ihn abschätzend. »Hi. Ich hoffe, du hast mehr drauf als nur freche Sprüche.«
   Er wackelte schelmisch mit den Augenbrauen. »Darauf kannst du wetten.«
   Laura wandte sich Johanna zu. »Jo, glaubst du wirklich, der passt zu uns?«
   Sie zuckte mit den Schultern. »Bin mir nicht sicher, aber wir brauchen dringend jemanden. Er kann sofort anfangen, ist flexibel und kein Anfänger. Also, einen Versuch ist es wert.«
   Laura nickte seufzend. »Okay, versuchen wir es. Sophie wird nicht begeistert sein.«
   Johanna winkte ab. »Ich rede mit ihr. Am Anfang achten wir darauf, dass sie nicht allein mit ihm ist.«
   Thomas sah von einer der Frauen zur anderen und fühlte sich ein kleines bisschen wie ein Kleinkind, das sich im Kaufhaus verlaufen hatte und am Informationsschalter deponiert worden war. Er räusperte sich. »Ähm …, ich kann sehr einfühlsam und nett sein.«
   Die beiden Frauen sahen ihn an, als ob er ihnen gerade fünf Orgasmen in einer Stunde versprochen hätte.
   Laura räusperte sich. »Fein, dann fang doch am besten morgen früh um viertel vor sieben damit an.«
   Zwei Stufen auf einmal nehmend erreichte Thomas das zweite Stockwerk und schloss die Wohnungstür auf. »Bin wieder da und habe Brötchen mitgebracht«, rief er in den leeren Flur hinein.
   »Geht das auch leiser? Ich versuche, zu arbeiten«, grummelte es aus der geöffneten Wohnzimmertür.
   Thomas warf einen Blick hinein. »Sorry, Babe.«
   »Nenn mich nicht so, nachher denken die Nachbarn noch, wir sind ein schwules Pärchen.«
   »Wäre das dramatisch?«
   »Ja, die Nachbarin links ist jung und ledig.«
   Thomas lachte, während er die kleine Küche betrat. »So dünn sind die Wände nun auch wieder nicht.«
   »Die Balkontür steht offen.«
   Thomas zog die Kaffeekanne aus der Maschine und hielt sie unter den Wasserhahn. »Hey, Kalle, mein Liebster, magst du ein Ei zum Frühstück?«, säuselte er dabei im fröhlichen Singsang von Raum zu Raum.
   Eine Tür im Flur klapperte und das typische klatschende Geräusch nackter Füße auf Laminat wurde lauter.
   »Moin Jungs. Ich nehme ein Ei.«
   Die Badezimmertür schepperte. Die Klospülung dröhnte, wieder Türenschlagen und Schritte. Thomas wandte kurz den Kopf. Paul stand im Türrahmen. Nackt bis auf Boxershorts, die langen Haare ungekämmt und auf der rechten Wange prangte ein deutlicher Kopfkissenabdruck. Verschlafen kratzte er sich das stoppelige Kinn.
   »Moin Paul. Hast du heute keine Vorlesungen?«
   »Nein, ich hatte heute Nacht Anna.«
   Thomas grinste. »Die kleine, sportliche Blonde?«
   Paul nickte. »Genau die. Voll cool, die Frau.«
   Kalle schob Paul von hinten ganz in die Küche, trat an ihm vorbei und ließ sich auf einen Stuhl fallen. »Mist, Jungs, ich muss Bilder dieser Bürgerinitiative gegen den Abriss der alten Gewürzfabrik auswählen. Das ist der mieseste Job seit Langem.«
   Paul setzte sich an die andere Seite des Tisches. »Wieso, klingt doch cool, was die vorhaben.«
   Kalle stöhnte. »Ist es auch, und ich habe gestern so geniale Fotos von der alten Hütte gemacht, dass ich ein Buch füllen könnte. Das Problem ist, es gibt nur Platz für drei Bilder, und ich kann mich nicht entscheiden, welche Motive die Leser am stärksten für das Projekt begeistern würden.«
   Thomas hatte den Eierkocher bedient und drehte sich um. Mit vor der Brust verschränkten Armen lehnte er sich an den Küchenschrank. »Entscheidet das nicht der, der den Text schreibt?«
   »Ausnahmsweise habe ich den geschrieben, weil sich Sven gestern nach dem Termin noch ein paar Bier gegönnt und dabei die Hand gebrochen hat. Er ist erst heute früh aus dem Krankenhaus entlassen worden.«
   »Wie übel. Dann ruf die Vorsitzende noch mal an und frag, was ihr am wichtigsten ist.«
   Kalle fuhr sich durch die kurzen Haare und verzog das Gesicht. »Ich muss objektiv bleiben und weiß jetzt schon nicht, ob ich das überhaupt noch bin. Schließlich kostet das Projekt genügend Steuergelder.«
   Paul legte den Kopf in den Nacken und stöhnte. »Ist der Kaffee noch nicht fertig?«
   Thomas grinste. »Wirst du alt, mein Freund? Schafft dich neuerdings eine Liebesnacht?«
   »Komm du erst mal in mein Alter. Außerdem hatten wir keinen Sex. Wir sind stundenlang durch den Bürgerpark gewandert, haben Sterne betrachtet und geredet. Dann habe ich sie nach Hause gebracht und mich mit einem Kuss, der ihr hoffentlich Lust auf mehr gemacht hat, verabschiedet.«
   »Wow.«
   »Mehr als wow. Ich bin verknallt. Richtig verknallt.«
   Thomas drehte sich dem Kühlschrank zu, öffnete ihn und suchte alles heraus, was sich für ein Frühstück eignete.
   »Ich muss heute waschen, ich hoffe, die Maschine ist leer.« Kalle sah fragend in die Runde.
   Paul grinste. »Du und dein Waschzwang.«
   »Hey, Hemden muss man nun mal waschen und Jeans auch. Und rot darf nicht zu weiß.«
   Paul zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Ich trage nur dunkle T-Shirts. Die können mit den Hosen zusammen in die Maschine und ich brauche keine großen Gedanken daran verschwenden.«
   Mit gerunzelter Stirn schnupperte Thomas an einer geöffneten Milchpackung. »Ähm …, ich glaube, heute gibt es nur schwarzen Kaffee.«
   Kalle zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Schwarzer Kaffee macht schön. Paul, gib mal Teller rüber.«
   Paul gehorchte, drehte sich auf dem Stuhl und öffnete im Sitzen die Schranktür hinter ihm. Dabei musterte er Thomas. »Wieso bist du eigentlich heute Morgen schon unterwegs gewesen?«
   »Ich hatte den Termin im Café wegen des Jobs.«
   »Und? Hat‘s geklappt?«
   »Yes, Sir. Ab jetzt könnt ihr euch auf meinen regelmäßigen Beitrag zur Miete verlassen.«
   Paul nickte zufrieden. »Das Küken hat einen Job. Wie schön. Wo ist der Laden?«
   »Zwischen Steintor und Marktplatz.«
   »Das ist nicht weit von der Redaktion. Zehn Minuten zu Fuß«, stellte Kalle fest.
   Thomas nickte. »Aber von hier aus eine halbe Stunde mit der Straßenbahn. Das wird hart.«
   Paul grinste. »Du bist durch die ganze Welt getrampt und findest eine halbe Stunde mit der Straßenbahn hart?«
   »Ich muss morgen früh um viertel vor sieben anfangen.«
   Paul nickte ernst. »Das ist hart. Gab’s keine anderen Jobs? Nur Nachtarbeit?«
   »Die Bezahlung ist spitze.«
   Kalle grinste. »Und wahrscheinlich laufen da eine Menge junger, heißer Kolleginnen herum.«
   »Der Kenner genießt und schweigt.«
   Paul zog ein Brötchen aus der Tüte und stieß das Messer seitlich hinein. »Wusstet ihr eigentlich, dass uns die Mädels damals im Schwimmverein uns die drei Musketiere genannt haben?«, fragte er beiläufig, während er die zwei Hälften mit Margarine bestrich.
   Thomas setzte sich auch an den Tisch und griff nach einem Brötchen. »Woher hast du das denn?«
   »Ich habe Helen auf Facebook gefunden und gestern mit ihr gechattet. Da hat sie es gebeichtet.«
   »Ist das positiv oder negativ?«
   »Kannst stolz drauf sein. Mehrere Mädchen sollen in den Verein nur eingetreten sein, weil du Wettkämpfe geschwommen bist.«
   Thomas lachte. »Tatsächlich?«
   »Klar, Schwimmtraining rentiert sich. Frauen stehen auf starke Männer mit Muskeln. Vielleicht wollten sie sich auch mal von dir vor dem Ertrinken retten lassen.«
   Paul nickte. »Und deine grünen Augen. Die wirkten auch. Ich habe damals darüber nachgedacht, mir hellgrüne Kontaktlinsen zu beschaffen.«
   Thomas lachte. »Quatsch. Du hast doch mit deinem treuen Dackelblick jede, die du haben wolltest, mühelos um den Finger gewickelt.«
   Seufzend lehnte Paul sich zurück. »Hoffentlich funktioniert der auch bei Anna.«
   Kalle warf ihm einen schrägen Seitenblick zu. »Dich hat‘s ja tatsächlich richtig erwischt.«
   Thomas grinste. »Wird auch Zeit, dass ihr alten Herren mal sesshaft werdet.«
   »Mach uns vor, wie das geht.«
   »Hey, ich bin drei Jahre jünger als ihr, ich habe noch Zeit.«
   Kalle forschte intensiv in Pauls Gesicht. »Du hast Muffe, dass du es versaust.«
   »Scheiße, ja.«
   »Du machst das schon.«
   »Was ist eigentlich mit dir? Tommi hatte ja noch nie den Drang nach was Festem, aber du? Hast du dich immer noch nicht von Nicole erholt?«
   Kalle zog mürrisch die Stirn kraus. »Ich habe im Moment in der Redaktion genug zu tun.«
   »Ah, ja.«
   »Lass deine blöden Kommentare. Gib lieber die Kaffeekanne rüber.«

»Laura, Schätzchen, ich habe dir das Tablett für Tisch vier fertig gemacht. Bekomme ich dafür einen Kuss?«
   Sie grinste. »Nenn mich noch einmal Schätzchen und du bekommst einen Pferdekuss.«
   Thomas zog die Augenbrauen hoch. »Was, bitte schön, ist ein Pferdekuss?«
   »Das ist ein Tritt von einem Pferd, der einen Abdruck auf deinem Hintern hinterlässt.«
   Er grinste. »Da hier kein Pferd anwesend ist, bezeichnest du dich also als Pferd, das mir einen Knutschfleck auf dem Po hinterlassen will. Ist das so richtig interpretiert?«
   Sie grinste frech zurück. »Das heißt, dass ich wie ein Pferd treten kann. Tisch drei möchte zahlen.«
   Der neue Job gefiel ihm. Laura war ein echter Kumpel, für jeden Spaß zu haben, unkompliziert und schlagfertig. Bisher hatte sie noch auf jeden seiner frechen Sprüche eine passende Antwort parat gehabt. Das machte Spaß. Und als er am dritten Morgen zum ersten Mal verpennt hatte, war sie ihm nicht an die Gurgel gegangen, sondern hatte zugestimmt, ihn den Rest der Woche zur Sicherheit anzurufen, wenn sie selbst aufstand.
   Auch Johanna war unkompliziert und nett. Obwohl er in der ganzen Woche noch keine anderen Kollegen kennengelernt hatte, verstand er schon, was sie mit den Begriffen Team und Freundschaft gemeint hatte.
   Schwungvoll riss er die Schublade am Tresen auf, griff sich das Portemonnaie und lief zum Tisch drei. »Die drei hübschesten Gäste des Vormittags möchten bezahlen?«
   Die Mädchen nickten und kicherten. Sie waren höchstens sechzehn.
   Er lächelte sie nacheinander an. »Habt ihr die Schule geschwänzt?«
   »Nein«, antwortete eine der beiden Blonden, »wir sind auf Klassenfahrt. Wir reisen morgen wieder ab.«
   »Wo kommt ihr her?«
   »Aus Essen.«
   »Bleibt hier, Bremen ist viel schöner.«
   »Das geht doch nicht.«
   Er zwinkerte. »Schade.«
   Sie lief rot an, kicherte wieder und senkte den Kopf.
   Die Dunkelhaarige kicherte nicht. Die fand ihn anscheinend doof. »Was bekommen Sie?«
   Er lächelte. »Geht das zusammen oder getrennt?«
   »Getrennt, bitte.«
   »Mmh … Moment, das sind … einmal vier siebzig, einmal vier Euro und noch mal vier siebzig.«
   Nachdem er kassiert hatte und die drei aufstanden, machte er eine gekonnte Verbeugung. »Gute Heimreise, Mädels, und wenn ihr achtzehn seid, kommt ihr wieder, damit ich euch das Bremer Nachtleben schmackhaft machen kann, okay?«
   Kichernd liefen sie davon.
   Er stapelte sich fachmännisch das Geschirr auf den linken Arm und drehte sich um. Johanna stand, lässig an die Theke gelehnt und die Arme vor der Brust verschränkt, neben einem großen, breitschultrigen, dunkelhaarigen Typen, der seinen Arm über ihre Schultern gelegt hatte.
   Sie grinste. »Mike, das ist Thomas. Wie du siehst eine echte Stimmungskanone.«
   Er zwinkerte und trat hinter den Tresen, um das dreckige Geschirr in die Durchreiche zum hinteren Raum zu stellen. »Ich sorge dafür, dass die Mädels wiederkommen. Das ist gelebtes Marketing.«
   »Nur weiter so.« Schmunzelnd hielt Mike ihm die Hand hin. »Hi. Ich bin Michael Anderson.«
   »Hi. Thomas oder Tom oder Tommi, wie ihr wollt. Freut mich, dich kennenzulernen.«
   Laura kam von draußen herein. »Hey Mike!«
   »Hi Laura.«
   »Thomas, Schatzi, machst du mal drei Milchkaffee für Tisch zwei?«
   »Klar doch, Purzelchen, kommt sofort.«
   Laura grinste Mike an. »Gib ihm einen Vertrag, damit er nicht wieder wegläuft.«
   Er schmunzelte. »Sicher? Wollt ihr ihn behalten?«
   »Klar, ist gut zu gebrauchen, der Kleine.«
   Thomas verdrehte die Augen. »Da habe ich aber Glück gehabt.«
   Johanna lachte. »Ein bisschen erziehen müssen wir ihn noch, aber im Großen und Ganzen ist er in Ordnung.«
   »Okay, wie ihr meint. Willst du überhaupt?«
   Thomas grinste. »Wenn ihr es mit mir aushaltet.«
   Mike nickte. »Okay, komm nach oben, wenn es hier ruhiger ist, dann können wir den Vertrag fertig machen.«
   »Alles klar, mache ich. Danke.«
   Mike drückte Johanna einen schnellen Kuss auf den Mund und wandte sich zum Gehen. Sie sah ihm verliebt hinterher. Als er schon an der Tür stand, drehte er sich noch mal um.
   »Hat er schon mit Sophie gearbeitet?«
   Johanna schüttelte den Kopf. »Noch nicht. Aber wir lassen sie erst mal nicht mit ihm allein.«
   »Okay.« Er hob grüßend die Hand. »Bis später.«
   »Schon wieder so ein Spruch. Als ob ich ein Monster wäre. Was soll denn das? Was ist mit dieser Sophie?«, fragte Thomas.
   »Sophie ist eine Kollegin. Sie hatte irgendwann ein traumatisches Erlebnis und hat seitdem Probleme mit Männern. Sie braucht eine Weile, um jemandem zu trauen.«
   Er zog die Augenbrauen zusammen. »Ist sie vergewaltigt worden oder so was?«
   Johanna zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Sie redet nicht darüber, und das akzeptieren wir hier alle. Nächste Woche arbeiten wir ein paar Tage lang zu dritt. Dann lernst du sie kennen.«
   Er nickte. »Ihr macht es ja spannend.«
   Johanna zog einen Autoschlüssel aus der Tasche und wandte sich an Laura. »Ich fahre zum Großhandel. Ihr kommt allein klar?«
   Laura nickte. »Natürlich, Tommi ist ja kein Frischling.«
   »Gut. Bis nachher.«
   Thomas sah ihr nach, bis Laura ihm derbe den Ellenbogen zwischen die Rippen stieß.
   »Au!«
   »Starr sie nicht so an, sie ist fest vergeben.«
   Entrüstet stemmte er die Hände in die Seiten. »Ich habe sie nicht angestarrt.«
   »Deine Augen haben an ihrem Arsch geklebt.«
   »Quatsch.«
   Laura grinste. »Ich kann’s verstehen, würde ich auf Frauen stehen, würde ich ihr auch hinterhersehen.«
   »Ist sie schon lange mit dem Boss liiert?«
   »So richtig glücklich erst seit ein paar Wochen.«
   »Aha.«
   Laura schmunzelte. »Sie sind vorher eine Weile umeinander herumgeschlichen.«
   Er grinste. »Das war bestimmt lustig.«
   »Na ja, nicht immer. Er hat ihr den Spitznamen Kaktus verpasst.«
   »Au, so stachelig?«
   Laura grinste. »Jepp. Fang keinen Streit mit ihr an.«
   »Aber sie wohnen nicht zusammen?«
   »Nein. Mike gehört das ganze Haus hier. Er wohnt oben. Jo kommt aus einem Vorort und ist vor ein paar Wochen nebenan in eine kleine Wohnung gezogen.«
   »Warum arbeitet er nicht hier im Café mit, wenn es ihm doch gehört?«
   Er ist freiberuflicher Programmierer und hat das Haus als Altersversorgung gekauft. Damals war in den Räumen hier eine ziemlich heruntergekommene Kneipe. Mike wollte eigentlich eine Wohnung draus machen, aber seine Cousine Christin hat ihn überredet, das Café einzurichten. Sie ist eigentlich die Geschäftsführerin, fällt jetzt bloß für länger aus.«
   »Was ist mit ihr?«
   »Sie ist krank.«
   »Was fehlt ihr?«
   »Das wissen wir nicht so genau. Sie hatte wohl einen Nervenzusammenbruch und hat sich im Moment vollkommen abgeschottet.«
   Er nickte. »Wen gibt es sonst noch?«
   Laura zuckte mit den Schultern. »Ein paar Aushilfen, die meisten sind Studenten.«

2


   elina stellte das Mineralwasserglas auf dem kleinen Blumenhocker ab, den sie auf ihrem kleinen Balkon als Tisch nutzte, und lehnte sich im Liegestuhl zurück. Sie legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Die Sonne wärmte angenehm ihre Haut. Rechts und links vom Balkon hörte man die Geräusche und Stimmen ihrer Nachbarn. Sehen konnte sie hier dank der großen Rankengitter niemand.
   Sie hatte das Handbuch für Mikes neue Software korrigiert und in ein ansehnliches Layout gebracht. Der Schreibtisch war leer. Erst um siebzehn Uhr hatte sie den Abgabetermin vereinbart und neue Schreibtischarbeit gab es erst morgen. Ein Student wollte eine Facharbeit zur Korrektur schicken. Es war also Zeit für eine gemütliche Mittagsruhe auf dem Balkon. Oder sollte sie einkaufen gehen? Nein, das reichte auch morgen.
   Eigentlich müsste sie sich noch einen weiteren Job suchen, aber es gab nicht so viele Angebote für jemanden, der ausschließlich Heimarbeit annahm. Zum Glück hatte ihre Großmutter ihr die Wohnung und die Lebensversicherung hinterlassen. So musste sie nur das verdienen, was sie zum Leben brauchte, und das war nicht viel.
   Neben ihr auf dem kleinen Tisch vibrierte das Handy. Da nur ein Mensch regelmäßig montags mittags anrief und sie diesen mit einem eigenen Klingelton versehen hatte, nahm sie das Gespräch gelassen an. »Hallo.«
   »Melina?«
   »Ja, Vater, ich bin es.«
   »Warum meldest du dich nie mit dem Namen, wie es sich gehört?«
   Sie seufzte. »Du weißt doch, wo du anrufst.«
   »Ich könnte mich doch mal verwählt haben.«
   »Du hast nicht gewählt, sondern meine Nummer in deinem Speicher.«
   Er lachte. »Du hast auch immer eine Antwort. Das ändert sich nicht mehr, was?«
   »Lass dir neue Sprüche einfallen.«
   »Wie geht es dir?«
   »Gut.«
   »Wann nimmst du wieder am Leben teil?«
   Melina griff nach dem Wasserglas und trank einen großen Schluck, ehe sie antwortete. »Ich bin zufrieden, so wie ich lebe.«
   »Das glaubst du doch selbst nicht.«
   »Papa, bitte. Ich lebe so, wie ich mich wohlfühle.«
   »Du verpasst so viel. Du bist intelligent. Du könntest Karriere machen.«
   »Hör auf. Lass mich damit in Ruhe. Ich habe keine Lust mehr, jede Woche diese Diskussion zu führen.«
   Er stöhnte. »Ist ja gut. Ich verstehe dich nur einfach nicht. Du bist doch gesund, oder verschweigst du uns was?«
   »Ich verschweige nichts und ja, ich bin gesund. Es ist mein Leben.«
   »Warum bist du bloß so anders als dein Bruder?«
   Genervt verdrehte sie die Augen. »Weil die Menschen nun mal unterschiedlich sind. Papa, hör zu, ich habe zu tun. Ich muss hier was fertig korrigieren. Das ist eilig. Wir telefonieren ein andermal länger, okay?«
   »Ja, Melina. Wie du meinst. Am Mittwoch feiern wir Mamas Geburtstag. Wirst du kommen?«
   »Ich muss arbeiten.«
   »Sie wäre sehr traurig, wenn du dieses Jahr schon wieder nicht kommst.«
   »Ich sagte doch, ich muss arbeiten. Ich rufe sie an.«
   Verärgert warf sie das Handy auf den Tisch. Sie war zweiunddreißig. Konnte ihre Familie nicht endlich aufhören, ihr Leben zu kritisieren? Wenn sie sich dazu aufraffte, an einer Familienfeier teilzunehmen, geschah sowieso nur immer das Gleiche. Vater meckerte, Mutter machte sich Sorgen und ihr Bruder schüttelte in völligem Unverständnis den Kopf. Kein Wunder, dass sie keine Lust hatte.
   Verdammt! Schnell senkte sie die Hand. Jetzt hatte sie schon wieder an der Nagelhaut gekaut.
   Missmutig stand sie auf, ging hinein und sortierte die frisch gewaschene Wäsche, die sie vorhin vom Wäscheständer auf dem Balkon abgenommen hatte, in den Schrank. Ihr Blick fiel in den Spiegel. Kritisch betrachtete sie ihren Kopf und fuhr sich durch die Haare. Die waren schon wieder viel zu lang. Sie wechselte ins Bad, nahm die große Schere, beugte den Kopf, sodass die Haare Richtung Fußboden hingen, und schnitt beherzt ein ordentliches Stück gerade ab.
   Sie kämmte die Haare zurück. Jetzt hingen die längsten nur bis auf die Schulter. Zufrieden nickte sie ihrem Spiegelbild zu. »Für so einen Stufenschnitt bezahlen andere sechzig Euro.«

*

Gespannt richtete Thomas den Blick auf die weit offen stehende Tür. Ob sie wohl hereinkam? »Ja, ja, da ist die Tür, komm nur näher, hübsches Mädchen, komm rein zum lieben Onkel Thomas«, flüsterte er im meditativen Singsang säuselnd, als ob er die knackige, blonde Traumfrau telepathisch hypnotisieren könnte.
   »Was stehst du hier rum? Hast du nichts zu tun?« Johanna fasste ihn von hinten an den Oberarmen, um sich zur Schublade mit den Quittungsblöcken vorbeizudrängeln.
   Er ließ sie durch, ohne den Blick von der Tür abzuwenden. »Sprich mich nicht an, ich bin auf der Jagd.«
   Sie schmunzelte. »Wer ist das Opfer?«
   »Die Frau da, die blonde, die kommt jetzt rein. Siehst du diese Beine? Ich habe ihr meine Gedanken geschickt. Das kostet mich alle erdenkliche Fantasie und Selbstbeherrschung.«
   Johanna kicherte. »Du lässt wohl nichts anbrennen?«
   Er grinste. »Du willst ja nichts mit mir zu tun haben.«
   Sie schubste ihn strafend und er trat lachend einen Schritt zur Seite. Die Blonde kam wirklich herein. Johanna zwinkerte ihm zu. »Ich geh mal eben zur Bank und ein paar Einkäufe erledigen. Du kommst für eine halbe Stunde allein klar?«
   Er nickte, immer noch grinsend. Sie verschwand. Er setzte sein Flirtgesicht auf und ging der Frau entgegen, um sie an einen Tisch zu komplimentieren.
   »Hi. Möchtest du hier sitzen oder lieber in der Ecke?«
   Ah. Gut. Blondie lächelte.
   »Hallo«, wisperte sie gespielt schüchtern und sah mit großen Kulleraugen zu ihm auf. »Ich möchte ein Eis.«
   Wow, das war ja ein Volltreffer.
   Das Telefon klingelte. Mist. Ganz blöder Zeitpunkt.
   »Wir haben das beste Eis Bremens hier. Setz dich. Bin sofort für dich da. Eine Sekunde.«
   Zähneknirschend drehte er ab und lief hinter den Tresen.
   Als er abgehoben hatte, meldete sich Mike. »Hi, ich muss dich um einen Gefallen bitten.«
   Thomas nickte. »Kein Problem, was liegt an?«
   »In fünf Minuten, kommt eine dunkelhaarige, junge Frau und wird bei mir klingeln. Das ist Melina Albert. Ich bin mit ihr verabredet, stehe aber im Stau und werde mich verspäten.«
   »Okay, ich gebe ihr einen Kaffee aus.«
   »Darum wollte ich dich bitten. Es ist wichtig, dass sie wartet. Leider erreiche ich sie nicht mit dem Handy.«
   »Alles klar, ich bitte sie herein, wenn sie bei dir klingelt.«
   »Danke dir. Bis später.«

*

Melina sah auf die Uhr. Halb fünf. Sie musste los. Zum Glück war das Café Anderson nah genug, um mit dem Rad zu fahren. Bei der Hitze hätte sie keine Lust, in die stickige Straßenbahn zu steigen.
   Sie packte ihren Laptop in den Rucksack, dazu den Stick und die Unterlagen von Mike. Er musste das Handbuch heute noch in die Druckerei schicken.
   Nach einem Blick auf das Handy verdrehte sie die Augen. Aus. Vergessen aufzuladen. Okay, für diesen Termin brauchte sie kein Handy. Sie würden die Texte zusammen durchgehen, noch die drei Absätze ändern, die er unverständlich formuliert hatte und dann war der Auftrag erledigt. Ein gedrucktes Handbuch, so eine Arbeit hatte sie schon lange nicht gehabt. Es war eine Software für die Verwaltung eines Handwerksbetriebes und der Seniorchef wollte ein echtes Handbuch an jedem Schreibtisch.
   Normalerweise regelten sie solche Vorgänge per E-Mail, aber da es diesmal so dringend war, hatte er geradezu darum gebettelt, dass sie sich trafen. Sie atmete tief durch. Okay, dieses eine Mal würde sie das mitmachen. Er sollte sich bloß nicht einbilden, dass sie das in Zukunft öfter so handhaben würden.
   Sie radelte mit gesenktem Kopf zwischen den Autos die Straße entlang. Am Steintor war wiedermal Stau. Sie stieg ab und schob das Rad auf dem Gehweg weiter. Wieso waren bei der Hitze so viele Fußgänger unterwegs? Wo wollten die alle hin? Hatten die nichts Besseres zu tun? Und so viele Touristen. Rücksichtslos! Wenn sie es nicht eilig hatten, sollten sie doch an der Seite bleiben, damit man nicht ständig um sie herumschlängeln musste. Manche stanken sogar von Weitem schon nach Schweiß.
   Drei Jungs schlenderten nebeneinander den Bürgersteig entlang. Da kam doch kein Mensch mehr durch! Klar, die wollten provozieren. Sie alberten herum und schubsten sich gegenseitig. Melina überholte sie eilig im weiten Bogen, starrte auf den Boden vor ihren Füßen und hielt das Rad eng an den Körper gepresst.
   Schweißtropfen liefen ihr zwischen den Brüsten entlang auf den Bauch. Ekelhaft.
   Da war das Anderson. Endlich. Der Eingang zu den oberen Wohnungen lag neben der geöffneten Glastür des Cafés. Als sie davorstand und das richtige Klingelschild suchte, berührte sie eine Hand an der Schulter und sie sprang einen Schritt zur Seite.
   »Hola, nicht so eilig«, murmelte eine tiefe Stimme amüsiert.
   Irritiert drehte sie sich um und starrte kurz in ein selbstgefällig lächelndes, junges Männergesicht mit hellgrünen Augen und braunen kurzen, zerzausten Haaren. Er sah genau so aus, wie man sich einen arroganten, abgebrühten Frauenhelden vorstellt. Reflexartig senkte sie den Blick.
   Er hob in demonstrativ sich ergebender Geste die Hände. »Entschuldigung, ich wollte dich nicht erschrecken.«
   Sie zog die Augenbrauen zusammen. Der Typ fand sich ja wohl ganz toll. Meinte anscheinend, alle Frauen fuhren auf Muskelpakete ab. Sie starrte demonstrativ geradeaus auf seine Brust. Er trug ein enges weißes T-Shirt mit Knopfleiste, die natürlich offen stand. Um keinen Preis würde sie zu ihm aufsehen und ihn in seiner Arroganz auch noch bestätigen. »Was willst du?«
   »Wow!«
   Nun zuckte ihr Blick doch hoch. Sein Gesicht hatte sich zu einem frechen Grinsen verzogen.
   »Du bist ja ein echter Stimmungsheber. Entschuldige vielmals, dass ich dich angetippt habe. Ich hatte dich angesprochen, aber du hast mich wohl wegen des Straßenlärms nicht gehört.«
   Sie kniff die Lippen zusammen und drehte sich wieder zu den Klingelschildern.
   »Du bist Melina, richtig?«, fragte der Blödmann.
   Sie zuckte wieder herum. »Was?« Er hatte den Ellenbogen am Türrahmen abgestützt, einen Fuß über den anderen gelegt und sah lässig auf sie hinab. Jetzt erst kapierte sie, dass er der Kellner aus dem Café war.
   »Mike hat eben angerufen. Er verspätet sich etwas. Du möchtest bitte warten.«
   Verdammt. Was sollte das denn? Unentschlossen sah sie auf die Uhr. »Was heißt etwas? Wann kommt er denn?«
   »Er rief eben an, dass er im Stau steht, mehr weiß ich nicht.«
   »Ich fahre wieder. Er soll mich anrufen, wenn er da ist.«
   Der Typ drehte sich und zeigte einladend ins Café. »Ich habe Befehl, dich nicht gehen zu lassen. Komm, trink einen Kaffee bei mir.«
   Er machte sich lustig über sie. Was bildete sich dieser Hampelmann ein, in diesem Ton mit ihr zu reden? »Ich habe keine Zeit. Mike soll mich zu Hause anrufen.«
   Sie machte einen Schritt zur Straße, doch er wagte es tatsächlich, sie am Rucksack festzuhalten, sodass sie aus dem Gleichgewicht kam und mit albern wackelnden Armen nach hinten kippte.
   Mit einem Ruck riss sie sich los. »Was fällt dir ein!«, fauchte sie und er wich zurück.
   »Mann, bist du empfindlich.« Er schüttelte mit einem genervten Gesichtsausdruck, als hätte er ein trotziges Kind vor sich, den Kopf. »Mike sagte ausdrücklich, es wäre sehr wichtig, dass du wartest. Ruf ihn wenigstens an und verabrede was mit ihm, wenn du unbedingt gehen willst.«
   Verdammter Mist! Wie sie so was hasste! Warum hatte Mike sie nicht angerufen, dann wäre sie einfach später losgefahren? Warum nahmen die Leute sie einfach nicht ernst? So konnte man nicht mit ihr umspringen.
   Abrupt drehte sie um und betrat das Café. Es war fast leer. Nur eine andere Frau saß hinten an der Wand. Alle anderen Gäste besetzten die Tische draußen. Vor dem Tresen blieb sie stehen. Der Kellner überholte sie, griff nach dem Telefon und hielt es ihr hin. Als sie zugreifen wollte, merkte sie, dass sie die Hände zu Fäusten geballt hatte. Warum ließ sie sich bloß von diesem arroganten Schnösel so beeindrucken? Warum konnte sie nicht einmal, wenigstens dieses eine Mal, cool sein? Entschlossen wollte sie nach dem Telefon greifen, doch in diesem Moment zog er es wieder weg.
   »Warte, ich suche eben die Nummer raus.« Er tippte auf dem Ding rum und reichte es ihr grinsend noch einmal. Ja, ja, verdammt lustig, wenn einer Frau die Hände zittern. Arschloch.

*

Nachdem Thomas ihr das Telefon in die Hand gedrückt hatte, drehte er sich abrupt um. Blöde Kuh. Was der wohl für eine Laus über die Leber gelaufen war? Er verzog sich zu seinem weitaus wichtigeren Gast, der niedlichen, kleinen Blonden. Lächelnd zwinkerte er ihr zu. »Hey, schmeckt dir das Eis?«
   Die Blonde kicherte und ihre Wangen färbten sich hübsch rosa. »Mmh, schmeckt lecker.«
   Sie warf mit gekonntem Schwung die Haare über die Schulter. »Sag mal, weißt du, wie spät es ist? Ich warte auf meine Freundin, die wollte um fünf hier sein.«
   Er sah kurz hoch zur Wanduhr hinter dem Tresen. »Erst fünf nach fünf, sie kommt bestimmt gleich.« Er stützte sich lässig auf der Lehne des freien Stuhls neben ihr ab und sah mit schrägem Blick auf sie hinunter. »Ich leiste dir gern Gesellschaft, wenn du dich einsam fühlst.«
   Sie kicherte wieder. »Ich bin Evi.«
   »Eviii für Evelyn?«, ahmte er schmunzelnd ihren Tonfall nach.
   Immer noch Kichern, jetzt aus einem kirschroten Gesicht. »Mhm.«
   Okay, vielleicht war sie doch nicht so sein Fall. Was machte eigentlich Grufti? Er sah sich um. Wow, sie hatte sich tatsächlich dazu herabgelassen, an einem Tisch Platz zu nehmen. Die Haare hingen ihr glatt und strähnig ins Gesicht. Hatte die noch nie was von einem Friseur gehört? Seufzend schlenderte er hinüber. »Na, hast du ihn erreicht?«
   Sie nickte und wandte sofort den Kopf ab, um konzentriert aus dem Fenster zu sehen. Als ob es da was Interessantes gäbe. »Möchtest du einen Kaffee oder lieber was anderes?«
   Sie runzelte die Stirn, als hätte er gefragt, Sex lieber an der Wand oder auf dem Tresen. Um Himmels willen. Als ob irgendein Mann auf der Welt auf dieses mürrische Bleichgesicht Bock haben könnte.
   »Wasser bitte.«
   Wow, sie hatte bitte gesagt. »Gern doch, kommt sofort«, antwortete er übertrieben ironisch mit einer höflichen Verbeugung. Vom Tresen aus sah er zu ihr hinüber. »Mit Zitronenscheibchen?«
   »Nein.«
   Pah, was für ein Kotzbrocken. Wer die Nase so hoch trägt, muss doch Kopfschmerzen von der dünnen Luft da oben haben. Wahrscheinlich bekam ihr die Hitze nicht. Kein Wunder, so wie die angezogen war. Sie trug eine Jeans, aber was für eine …, labbrig, mindestens zwei Nummern zu groß, lang auf dem Boden hängend und dazu eine braune …, nein, er hatte sich wirklich nicht verguckt, sie trug tatsächlich eine kackbraune langärmelige Bluse. Die musste schwitzen wie ein Straßenarbeiter. Und diese bleistiftlangen platten Haare. Die sahen aus, als ob sie ein Pferd abgekaut hätte. Ein Wunder, dass sie auf der Straße ihren Weg fand. Durch dieses lange Gestrüpp war es doch unmöglich, etwas zu sehen. Wie konnte eine Frau so rumlaufen? Jetzt begann sie auch noch, an ihren Fingernägeln zu kauen.
   Draußen winkte ein Gast. Er stellte ihr mit einem säuselnden »Bitte schön« das Wasser hin, griff sich das Portemonnaie und lief hinaus.
   Während er einer Gruppe Touristen den Weg ins Bremer Altstadtviertel Schnoor erklärte, näherte sich Mike in großen Schritten aus Richtung seiner Garage.
   Thomas sah ihm entgegen und nickte, als er nach Melina fragte. »Grufti sitzt drinnen.«
   Mike schüttelte schmunzelnd den Kopf. »Na, wer wird denn da unhöflich über die Gäste reden? Lass das nicht Jo hören.«
   »Ich bin nicht unhöflich. Im Gegenteil. Aber die …, die ist einfach unmöglich. Ich kann froh sein, dass sie mir nicht die Augen ausgekratzt hat, als ich es wagte, sie anzusprechen. Wie kannst du mit so jemandem zusammenarbeiten?«
   Mike zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Sie arbeitet schnell, gut und zuverlässig. Ihr Charakter interessiert mich nicht.«
   Er lief hinein und streckte ihr die Hand hin. »Hi Melina, danke, dass du gewartet hast. Wäre sonst echt blöd gewesen, weil ich nachher noch einen Termin habe.«
   Sie erwiderte kurz den Handschlag und stand mit unbeweglicher Miene auf. Thomas nickte zufrieden. Wenigstens war sie nicht nur ihm gegenüber so ein hochnäsiger Kotzbrocken.

*

Stöhnend warf sich Melina im Bett herum. Immer wieder sah sie im Geiste diesen widerlich arroganten Typen vor sich stehen. Wie er über ihre zitternden Hände gelacht hatte, oder ihren Schreck vorher an der Tür.
   Ihre Nackenmuskeln schmerzten. Stöhnend rückte sie das Kissen zurecht, um besser liegen zu können.
   Immer wieder sah sie, wie er spöttisch die Mundwinkel verzog. Sie hasste es, wenn man über sie lachte. Was bildeten sich die Menschen ein, über andere zu lachen und zu urteilen, ohne sie überhaupt zu kennen?
   Diese Selbstgefälligkeit. Allein schon die Frisur. Wenn man einen kurzen Haarschnitt hat, sollte man auch regelmäßig zum Friseur gehen. Er ging extra nicht und ließ die Zotteln so zerzaust in die Stirn fallen, weil er das lässig fand. Damit wollte er doch bloß Frauen abschleppen. Und dieses Grinsen. Dieser freche, direkte Blick. Diese ekelhaft grünen Augen. Warum, verdammt noch mal, hatte sie nicht cool bleiben können? Warum, verdammt noch mal, hatten ihr wiedermal die Hände gezittert? Wieso konnte sie immer noch nicht ihre Gefühle verbergen? Warum regte sie sich überhaupt über einen total unwichtigen Scheißkerl dermaßen auf?
   Als es draußen zu dämmern begann, hatte sie das Gefühl, noch keine Sekunde geschlafen zu haben. Ein Hammer schlug regelmäßig auf ihre Schädeldecke ein. Migräne. Natürlich. Wie immer nach solch ätzenden Nächten.
   Um sechs Uhr hielt sie es nicht mehr aus. Stöhnend krabbelte sie aus dem Bett und stellte sich unter die heiße Dusche.
   Sie schloss die Augen und hielt das Gesicht und den Oberkörper in den harten Wasserstrahl. Die prasselnden Tropfen reizten ihre Brüste. Seufzend fuhr sie darüber. In ihrem Becken pulsierte es. Gott, sie sehnte sich so sehr nach Berührung und Geborgenheit, nach Umarmungen, nach Zärtlichkeit, nach Sex.
   Doch statt einem netten, geduldigen Mann traf sie nur immer arrogante Arschlöcher wie Grünauge.
   Nein. Kein Selbstmitleid. Sie war nicht dämlich und nicht naiv, sondern Realistin genug, um die Tatsache zu akzeptieren. Es war allein ihre Schuld, dass sie niemanden kennenlernte. Sie hatte viel zu viel Angst und benahm sich jedem Fremden gegenüber so reserviert, dass sie einen netten Mann überhaupt nicht erkennen würde. So war es nun mal, sie konnte nicht anders und sie hatte sich damit abgefunden. Basta.
   Das Wasser tat gut und beruhigte. Ihre Finger wanderten über den Bauch wieder hinauf zu ihren Brüsten. Sie umkreiste die Brustwarzen, fasste die Nippel mit Zeigefinger und Daumen und knetete zärtlich. In ihrem Becken pulsierte es. Sie lehnte sich an die Wand, stellte einen Fuß auf den kleinen Absatz der Duschwanne und suchte mit einer Hand ihren Intimbereich auf. Stöhnend streichelte und neckte sie sich, bis die weichen, warmen Wellen eines Orgasmus angenehm durch ihren Körper zogen.

3


   homas wischte fröhlich vor sich hin pfeifend durch das Kuchenbuffet, während Laura die Stühle hochstellte, damit der Boden gefegt werden konnte.
   »Du hast ja beste Laune heute«, stellte sie fest.
   Thomas nickte. »Jepp. Morgen muss ich erst nachmittags arbeiten und heute Abend treffe ich mich mit einem Kumpel und seiner Noch-nicht-ganz-Freundin für einen Zug durch die Kneipen dieser schönen Stadt. Komm mit, wenn du Lust hast.«
   »Nein danke, ich muss morgen früh allein den Laden aufmachen, weil Sophie einen Arzttermin hat. Wo wollt ihr hin?«
   Er zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung, Paul meinte, erst mal ins Viertel. Welches er gemeint hat, weiß ich allerdings nicht.«
   Laura lachte. »Das ist hier, du Depp. Mit Viertel meint man in Bremen die Straßen rund ums Steintor, also einfach draußen rechts abbiegen und immer geradeaus. Da spielt sich unser Nachtleben ab. Und was heißt Noch-nicht-ganz-Freundin?«
   Thomas grinste. »Sie sind noch in der Annäherungsphase, aber er ist total verknallt.«
   Laura beäugte ihn mit schräg gelegtem Kopf. »Dann bist du ja das fünfte Rad am Wagen? Ist dir das nicht zu blöd?«
   »Ich beabsichtige nicht, mich so lange mit den beiden allein zu beschäftigen. Ich muss dringend mehr Leute kennenlernen, damit ich in meiner Altherren-WG nicht vereinsame. Ich hoffe, das Bremer Nachtleben lohnt sich?«
   »Wir haben einige nette Kneipen, Cafés, Diskotheken, in manchen ist mittwochabends Livemusik. Wie groß ist eure WG?«
   »Ich wohne mit zwei Freunden zusammen, die ich seit meiner Jugend kenne. Paul, Kalle und ich waren im gleichen Schwimmverein. Ich bin drei Jahre jünger als die beiden.«
   »Hast du Leistungssport gemacht?«
   Grinsend baute er sich vor ihr auf. »Sieht man doch, oder?«
   Sie verdrehte die Augen. »Jetzt, wo du es sagst.«
   »Hey, jede Frau steht auf gute Männerkörper.«
   Schmunzelnd winkte sie ab. »Ich habe vier Brüder, mich kann so schnell nichts beeindrucken. Studieren deine Freunde auch?«
   »Paul. Er will Lehrer werden. Kalle hat eine Fotoausbildung gemacht und arbeitet seit ein paar Jahren als rasender Reporter für die Bremer Nachrichten.« Thomas schloss die gläserne Schiebetür der Kuchenauslage. »Ich muss wirklich dringend Leute kennenlernen.«
   Sie grinste frech. »Leute oder Frauen?«
   Er ahmte ihr Grinsen nach. »Was sich so ergibt?«
   Die Türglocke bimmelte und sie hoben die Köpfe.
   »Wir haben geschlossen«, sagte Laura.
   Thomas winkte ab. »Das ist Paul, mein Mitbewohner.«
   »Ach so.« Sie nickte ihm grüßend zu und wandte sich wieder an Thomas. »Du kannst gehen. Ist ja alles fertig.«
   »Super. Dann bis übermorgen.«
   »Okay, viel Spaß.«
   Er griff sich seine Jacke, warf sie über die Schulter und verließ mit Paul das Lokal. »Wo ist deine Anna? Ich dachte, ich lerne sie heute kennen?«
   »Wir treffen uns im Piano.«
   »Eine Disco?«
   »Das ist eine Kneipe im Viertel. Da können wir eine Kleinigkeit essen und uns anschließend überlegen, was wir weiter machen wollen.«
   
   Wenig später erreichten sie die Kneipe. Es war noch früh und sie fanden schnell einen Platz.
   Anna kam nach ihnen, eine Stunde weiter trafen sie in der nächsten Bar Kommilitonen von Paul und noch eine Stunde später hielt Thomas einen fröhlichen braunen Lockenkopf samt wohlgerundetem Körper im Arm, trank sein … zehntes? … Bier und begrüßte den Vorschlag, in eine Diskothek in Hemelingen zu wechseln.

*

»Warum, verdammt noch mal, habe ich mich überreden lassen?«
   Melina knallte die Balkontür zu und verriegelte sie. Viel lieber als das würde sie den lauen Sommerabend auf ihrem Balkon mit einem guten Glas Wein und einem kitschigen Liebesroman verbringen. Aber sie hatte sich von Mutters weinerlicher Stimme überreden lassen, doch am Abend zur kleinen familiären Geburtstagsfeier vorbeizukommen. Mist!
   Sie hängte sich die Handtasche um, griff nach dem Beutel mit der als Geschenk verpackten Topfpflanze und warf noch einen prüfenden Blick in die Küche auf den Herd und den Bildschirm des Computers im Arbeitszimmer. Es war alles ausgeschaltet. Sie konnte gehen.
   Missmutig verließ sie das Haus.
   Ihre Eltern wohnten in einem Reihenhaus am äußeren Rand des Bremer Stadtteils Oberneuland. Sie konnte noch nicht mal die normale Straßenbahnverbindung nutzen, weil in Bremen mal wieder eine Kreuzung umgebaut wurde und die Linie 1 ausfiel. Sie musste mit der Straßenbahn nach Sebaldsbrück und dort in den Bus umsteigen. Sie würde mindestens vierzig Minuten unterwegs sein, und das alles nur, um sich wiedermal anhören zu müssen, was für eine Enttäuschung sie war.
   Die Straßenbahn war voll, der Bus zum Glück fast leer. Zwei Reihen vor ihr saß ein junger, blonder Typ. Er hatte den Kopf gesenkt und scrollte auf seinem Smartphone. Sie konnte sein Gesicht trotzdem gut erkennen, weil er schräg gegenüber auf einem der gegen die Fahrtrichtung angebrachten Sitzbänke saß. Jetzt lächelte er. Sicher schrieb er sich romantische Nachrichten mit seiner Freundin. Er sah nett aus.
   Er hob den Kopf und Melina erschrak, als sich ihre Blicke kurz begegneten, doch er hatte sie gar nicht wahrgenommen, sah gelangweilt einen Moment lang aus dem Fenster und beschäftigte sich dann wieder mit seinem Handy.
   Schnell drehte sie den Kopf weg. Mit Mark hatte sie sich auch immer Nachrichten geschrieben, aber eher zweckmäßige. Wann kommst du? Wie lief der Termin? Hast du an das Geburtstagsgeschenk für Michael gedacht? Gehen wir noch auf ein Bier?
   Mark war auch nicht so der romantische Typ gewesen. Deshalb waren sie gut miteinander ausgekommen. Allerdings hatte er ihre Beziehung beendet. Ob es ihm doch nicht eng genug gewesen war? Wer weiß, vielleicht wären sie heute noch zusammen, wenn sie ihn mehr …
   Sie schüttelte unvermittelt den Kopf. Blöde Gedanken.
   Der Typ vorn tippte wieder und schmunzelte. Er sah wirklich nett aus. Jetzt stand er auf und ging zur Tür. Der Bus hielt und er sprang heraus. Durchs Fenster beobachtete sie ihn. Ah, da war ja seine Freundin, eine niedliche schlanke, etwas kleiner als er, mit langen, glänzenden Haaren. Sie hatte auf ihn gewartet und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. Nun umarmte er sie und küsste sie auf den Mund.
   Ach Mann, wäre sie bloß zu Hause geblieben.
   Der Bus rollte wieder. Noch zwei Stationen, dann musste sie auch aussteigen.
   Hier sah es anders aus als in der Innenstadt. Viel Grün, viele Einfamilienhäuser, dazwischen alte Villen wohlhabender, alteingesessener Bremer Familien mit parkähnlichen, gepflegten Gärten. Ihre Eltern hatten das Reihenhaus hier gekauft, als sie und ihr Bruder noch klein waren. Sie wollten unbedingt in einem der besseren Stadtteile wohnen, obwohl sie hier viel mehr zahlen mussten als für ein gleichwertiges Häuschen zum Beispiel in Osterholz oder dem Neubaugebiet in der Vahr.
   Der Bus hielt und sie stieg aus. Den Weg zu ihrem Elternhaus würde sie auch blind finden. Seit dem ersten Schultag war sie hier jeden Tag zu Fuß entlanggelaufen. Die dicken Eichen säumten wie zeitlos verlässliche Kameraden nach wie vor die alte Hauptstraße durch den Stadtteil. Nun bog sie schon in die ruhige Wohnstraße ab und sah das Haus von weitem.
   Als die Reihenhäuser hier gebaut worden waren, hatten sich einige der alteingesessenen Familien gewehrt. Mutter erzählte immer noch gern vom ersten Jahr im neuen Heim, als die Nachbarn sie »wie Asoziale« misstrauisch beäugt hätten, sodass der Lebensmitteleinkauf zum Spießrutenlauf geworden war. Inzwischen gehörten sie dazu und weitere neuere Häuser waren gebaut worden.
   Sie stieß das kleine Gartentörchen auf, stieg die drei Stufen zur Haustür hinauf und klingelte. Ihr Bruder öffnete. »Na, Mehlsack, haste dich belabern lassen?«
   Den gemeinen Spitznamen hatte er ihr verpasst, als sie noch Kinder waren. Ob er sie wohl jemals in ihrem Leben bei ihrem richtigen Namen nennen würde?
   Gelangweilt drehte er um, ohne auf eine Antwort zu warten.
   »Guten Abend, Michael. Ich freue mich auch, dich zu sehen.«
   Er brummte irgendetwas unverständliches, während sie ihm durch den Flur ins Wohnzimmer folgte.
   Michael war drei Jahre älter als sie und lebte in Hamburg. Er bewohnte mit seiner Freundin eine teure Wohnung in Altona. Sie hatten gute Jobs in großen Konzernen, verdienten entsprechend und lebten ein sorgloses und relativ luxuriöses Leben. Heute trug er Jeans und ein dunkelblaues Poloshirt. Seinen Arm zierte eine protzige goldene Uhr. Er wirkte, als ob er eigentlich in die Bar eines der teuren Hotels an der Alster gewollt und sich in die einfältige Atmosphäre des elterlichen Wohnzimmers nur verlaufen hätte.
   »Bist du allein gekommen?«, fragte Melina.
   »Lena ist die ganze Woche auf einem Kongress in München. Sie lässt grüßen.«
   »Danke. Grüße zurück.«
   Vater stand auf der Terrasse und verteilte mit einer langen Gabel glühende Kohlen in der Grillwanne. Melina schlenderte hinaus.
   »Guten Abend, Papa.«
   Er sah auf und nickte ihr zu. »Guten Abend, Melina. Du kommst genau richtig, der Grill ist bereit.«
   Sie nickte. »Wo ist Mama?«
   »In der Küche. Wenn du reingehst, sag ihr, sie kann das Fleisch bringen.«
   Melina nickte und ging zurück ins Haus.
   Mutter stand in der Küche an der Spüle. Sie trug Shorts und ein ärmelloses rotes Shirt. Die kurzen grauen Haare wirkten zerzaust. Sie schien noch dünner geworden zu sein.
   »Guten Abend, Mama.«
   »Melina! Wie schön. Du warst so lange nicht hier.« Sie trocknete sich die Hände ab, kam ihr entgegen und breitete die Arme aus.
   Melina befreite sich schnell aus der Umarmung und hielt ihrer Mutter die Topfpflanze entgegen. »Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Ich hoffe, die passt zu den anderen auf deiner Blumenbank im Wohnzimmer.«
   »Natürlich, ich danke dir. Aber das wäre doch nicht nötig gewesen. Dein Kommen ist Geschenk genug.«
   Warum wirkte diese Begrüßungsfloskel immer auch wie ein Vorwurf? War es ein versteckter Vorwurf? Egal. Melina erwiderte nichts. Es war der gleiche Spruch, den Mutter immer brachte, wenn sie ihr zu Weihnachten oder zum Geburtstag etwas schenkte und sie erwartete keine Antwort darauf.
   »Papa sagt, der Grill ist fertig.« Sie nahm die Platte mit dem rohen Fleisch, die auf dem Küchentisch stand und wandte sich zur Tür. »Soll ich sonst noch was mit rausnehmen?«
   »Nein, alles schon da und ich komme jetzt auch.«
   Auf der Terrasse schenkte Michael Wein ein.
   Mutter strahlte mit der tief stehenden Sonne um die Wette. »Wie schön, dass meine Kinder gekommen sind. Setzt euch. Wir haben uns so viel zu erzählen.«
   Der Tisch sah genauso aus wie immer an Mutters Geburtstag. Ein Besuch im Elternhaus verlief jedes Mal wie ein Déjà-vu. Sofort fühlte sie sich zurückversetzt in die letzten Schuljahre und das erste Jahr in der Redaktion, während dem sie noch zu Hause gewohnt hatte.
   Still hörte Melina zu, wie ihr Bruder von Karriereerfolgen und Urlaubsplänen erzählte. Sie wusste, wie der weitere Abend verlaufen würde. Und dann kamen sie auch schon, die Fragen. Was treibst du so? Willst du denn nicht mal wieder was anderes machen? Reicht dir das denn zum Leben? Meinst du nicht, die Zeitung würde dich wieder nehmen?
   Michael konnte sowieso nicht verstehen, warum sie so zurückgezogen lebte, Vater wollte sie am liebsten schütteln, in den Hintern treten und an den Haaren aus ihrer Wohnung herauszerren und Mutter machte sich mal wieder seufzend zerknirscht Vorwürfe, bei ihrer Erziehung alles falsch gemacht zu haben.
   Als es endlich dreiundzwanzig Uhr und damit definitiv spät genug war, um sich zu verabschieden, ohne unhöflich zu sein, stand Melina entschieden auf.
   Mutter ließ enttäuscht die Mundwinkel hängen. »Warum bleibst du nicht über Nacht? Trink doch noch ein Glas Wein.«
   »Ich habe morgen einen Abgabetermin und muss früh aufstehen«, erwiderte Melina.
   »Nimm dir ein Taxi«, riet Vater und sie nickte.
   »Ja, mache ich, an der Bushaltestelle stehen ja immer welche.«
   Noch einmal eine Umarmungsorgie, dann war es endlich geschafft. Aufatmend schloss sie die Gartenpforte hinter sich und lief los in Richtung Hauptstraße. Um diese Zeit fuhren in diesem Teil der Stadt kaum noch Autos und Melina genoss die Stille. Je länger sie allein wohnte, desto mehr nervte sie oberflächliches Gerede. Nur von Weitem hörte man Motorengeräusche, mal ein Lachen aus einem der Gärten oder ein Hupen von weiter entfernten Straßen. Natürlich nahm sie kein Taxi, das konnte sie sich nicht leisten.
   An der Haltestelle studierte sie den Fahrplan. Mist, um diese Zeit fuhren kaum Busse. Zu Fuß bis zur nächsten Straßenbahn? Nein, viel zu weit.
   Seufzend setzte sie sich auf die schmale Bank und wartete.
   Als sie eine Stunde später in Sebaldsbrück endlich in die Straßenbahn umstieg, fielen ihr vor Müdigkeit fast die Augen zu. Zum Glück war das mit dem Abgabetermin eine Notlüge gewesen und sie konnte ausschlafen.
   Fast alle Sitzbänke waren leer, trotzdem stank es nach menschlichen Ausdünstungen. Melina setzte sich in den hinteren Bereich an ein Fenster. Als die Bahn an der nächsten Haltestelle langsamer wurde, stöhnte sie genervt auf. Eine Gruppe, Typen in Jeans und Lederjacken, stand da und würde zusteigen. Hoffentlich nervten die nicht zu sehr. Als sie die zwei Stufen in die Bahn sprangen, war es mit der Ruhe vorbei. Begleitet von dämlichen Sprüchen, Gelächter und kumpelhaftem Anrempeln bewegten sie sich in ihre Richtung. Es schienen Studenten zu sein. Mindestens acht Typen und zwei Frauen, alle deutlich alkoholisiert.
   Unruhig zog Melina die Jacke enger zu. Sie saß allein im hinteren Teil des Waggons und die Gruppe verteilte sich auf mehrere Sitzbänke vor, neben und hinter ihr. Unauffällig musterte sie die Gesichter. Die Typen wirkten harmlos, waren aber definitiv nicht nüchtern. Die jungen Frauen gehörten anscheinend zu zweien der Männer. Sie hingen in deren Armen und kicherten.
   Melina wäre am liebsten aufgesprungen und weggelaufen, doch dann hätte sie zwei der Typen ansprechen müssen, die lässig ihre langen Beine auf den Gang hinausragen ließen und ihr damit den Weg versperrten. So blieb sie mit angespannt hochgezogenen Schultern sitzen und sah starr aus dem Fenster in die Dunkelheit hinaus.
   Einer der beiden mit Frau im Arm drehte sich halb, wohl um seinen Kumpels hinter ihm etwas zu erzählen, stockte und starrte sie an. »Dich kenne ich doch.«
   Melina zuckte zusammen und spürte sofort, wie ihre Wangen heiß wurden. Sie tat so, als hätte sie nichts gehört, doch der Typ ließ sich nicht beirren. »Du bist diese arrogante Schnepfe, die für Mike arbeitet. Martina oder so?«
   Sie zuckte herum und starrte in die grünen Augen des Kellners aus dem Café Anderson. Er grinste sie frech an. O Nein! Sie presste die Lippen zusammen.
   »Nicht Martina, Melina heißt du, richtig?«
   Jetzt drehte sich auch die Frau um und grinste. »Hallo.«
   »Hallo.« Melina drehte sich demonstrativ wieder zum Fenster, doch dieser arrogante Blödmann hatte es darauf angelegt, sie zu reizen.
   »Hey, habe ich dir was getan? Wieso bist du schon wieder so ein Kotzbrocken?«
   Sie starrte ihn an.
   Die Frau kicherte. »Mann, Thomas, halt den Mund. Wie redest du denn mit der?«
   Er hob den Zeigefinger und wedelte undefiniert in der Luft herum. »Ich bin ein netter Mensch, immer, zu allen Leuten, aber die behandelt mich völlig ohne Grund wie einen Hampelmann. Als wenn ich ihr was getan hätte. Und jetzt kann sie nicht mal Guten Abend sagen. Das ist keine Melina, das ist eine Melona.«
   Allgemeines Gelächter.
   »Guten Abend. Und nun hätte ich gern wieder meine Ruhe«, presste Melina hervor und zwang sich, wieder aus dem Fenster zu sehen. Ihr Herz donnerte bis in den Hals hinein und ihre Hände zitterten längst wie Espenlaub.
   Doch Giftgrünauge merkte gar nichts. Er zog den Arm von den Schultern seiner Freundin und lehnte sich zu ihr hinüber. »Hey, Melina oder Melona oder so, warum? Sag mir warum und ich entschuldige mich. Also, was habe ich verbrochen?«
   Ein anderer Typ zog ihn am Ärmel. »Hey Tom, lass die Frau in Ruhe, die will nicht mit dir reden.«
   Er lehnte sich wieder zurück. »Die hat mich behandelt wie ein blödes Arschloch und kann mir nicht mal sagen warum. Blöde Tussi.«
   Seine Freundin kicherte wieder, der andere Typ winkte ab. »Ist doch egal. Ist doch sowieso nicht dein Geschmack, oder stehst du neuerdings auf Mauerblümchen?«
   Alle grölten los. Thomas schüttelte den Kopf. »Das ist kein Mauerblümchen. Mauerblümchen sind schüchtern und niedlich, die hier ist hässlich und arrogant.«
   Wieder allgemeines Gelächter.
   Melina hielt es nicht mehr aus. Sie sprang auf. »Lass mich durch.«
   Thomas grinste. »Bleib sitzen, Schnecke, keine Panik. Ich hör schon auf und anfassen will dich von uns hier keiner.«
   Wieder allgemeine Erheiterung.
   »Lass mich durch!«
   Ihre Stimme klang schrill und vorn sahen sich die anderen der Gruppe um, die anscheinend noch nichts mitbekommen hatten. Der andere Typ mit Freundin schien nüchtern und vernünftig zu sein. Er zog missmutig die Augenbrauen zusammen.
   »Thomas, zieh die Beine an und lass die Frau durch. Was soll das?«
   »Ja, ja, schon gut.« Gemächlich rutschte er weiter in die Bank hinein und zog die Beine unter den vorderen Sitz.
   Melina hastete an ihm vorbei und hörte ihn hinter sich lachen.
   Zum Glück erreichten sie gerade eine Haltestelle und die Bahn bremste. Sie sprang hinaus und lief zitternd los, ohne sich umzudrehen, als ob die Typen hinter ihr her sein könnten. Das waren sie natürlich nicht.
   Melina lief die Straße entlang, ohne zu denken. Immer noch klopfte ihr Herz viel zu schnell und immer noch zitterte sie am ganzen Körper. So ein Arschloch! So ein widerlicher, mieser Sack! Was hatte sie dem getan? Warum ging der so mit ihr um? So ein Monster!
   Als sie endlich ruhiger wurde, sah sie sich um. Sie hatte keine Ahnung, in welche Richtung sie überhaupt gelaufen war. Zum Glück war es die richtige. Sollte sie an der nächsten Haltestelle wieder in eine Bahn steigen? Nein, keine zehn Pferde würden sie in dieser Nacht noch einmal in eine Straßenbahn bringen. Zum Glück war es nicht mehr so weit bis nach Hause. Sie würde den Rest des Weges laufen.
   Ohne nach rechts oder links zu sehen oder sich von feixenden und grölenden Betrunkenen ablenken zu lassen, lief sie gebeugt an den Häusern entlang und atmete auf, als sie endlich den Schlüssel in die Haustür stecken konnte.

*

»Pah! Viel zu früh.« Fluchend zog sich Thomas die Decke über den Kopf, doch es nutzte nichts. Der Hammer im Kopf donnerte so aufdringlich gegen die Schädeldecke, dass an Weiterschlafen nicht zu denken war. Außerdem schwitzte er und in der Kehle kratzte es wie nach einem Wüstenmarsch.
   »Verdammter Alkohol.« Stöhnend schob er die Decke weg und drehte den Kopf, um auf den Wecker zu sehen. Zehn Uhr.
   Seine Augen wanderten durch das Zimmer. Die Tür des alten Kleiderschranks stand offen und seine Jeans lag auf dem Fußboden. Der Schreibtisch sah genauso aus wie gestern und der Stuhl stand auch davor. Irgendwie wirkte sein Zimmer immer noch wie das ehemalige Gästezimmer der WG. Ob er mal ein paar Bilder an die Wand hängen sollte? Er drehte den Kopf und stöhnte, weil sich gleichzeitig eine tonnenschwere Betonkugel in seinem Gehirn drehte, als hätte er sie durch die Kopfbewegung so richtig in Schwung gebracht. Er schloss die Augen, zählte langsam bis zehn und öffnete sie wieder. Ah, besser.
   Er stand auf, kam ins Torkeln und stützte sich gegen den Kleiderschrank. »Alter! Nicht zu fassen.«
   Nach einer Minute hatte sich sein Kreislauf an die geänderte Körperhaltung gewöhnt. Er zog ein T-Shirt über und verließ sein Zimmer. Im Flur duftete es nach Kaffee. »Na wenigstens etwas.«
   Er folgte seiner Nase, betrat die Küche und stolperte direkt an die Kaffeemaschine.
   »Moin.«
   »Moin.«
   Ein Seitenblick bewies ihm, dass er kein Echo im Kopf hatte. Paul und Kalle saßen am Tisch und frühstückten. Beide sahen erschreckend fit aus. »Moin«, krächzte er, füllte sich einen Becher und ließ sich auf den letzten freien Platz fallen.
   Paul grinste. »Junge, Junge, du hast dir gestern ja richtig die Kante gegeben.«
   Thomas stöhnte. »Fuck. Warum hast du mich nicht aufgehalten?«
   »Du warst nicht aufzuhalten. Du hast die Biere so schnell in dich reingekippt, als ob es heute keine mehr gäbe.«
   »Die Biere waren nicht das Schlimmste. Warum zum Teufel mussten wir noch die Flasche Whisky köpfen?«
   Er warf einen Blick über den reich gedeckten Tisch und runzelte die Stirn. »Was sitzt ihr hier überhaupt mitten in der Woche in aller Ruhe herum? Habt ihr nichts zu tun?«
   »Ich habe heute meine Vorlesungen geschwänzt und Kalle fährt erst nachmittags in die Redaktion«, erklärte Paul gelangweilt. Kalle schmunzelte. »Wo ist deine Begleitung? Schläft sie noch?«
   Irritiert sah Thomas auf. »Wer?«
   »Der Lockenkopf. Schlank, fröhlich und ebenfalls ziemlich hinüber.«
   Stöhnend ließ Thomas die Stirn auf die Tischplatte sinken. »Ich habe keine Ahnung. In meinem Bett war ich jedenfalls allein.«
   Er nahm einen Schluck Kaffee und starrte konzentriert in die Tasse, als ob die dunkle Brühe ihm beim Denken helfen könnte. »Wir waren in dieser Diskothek, dann Straßenbahn, dann hier. Stimmt, da war sie noch dabei. Verdammt, wie hieß die bloß?«
   »Manja. Sie ist eine Freundin von Anna und du hast den ganzen Abend mit ihr geflirtet«, erklärte Paul trocken.
   »Und dann?«
   Kalle lachte. »Dann hast du sie hier auf der Couch befummelt. Mehr weiß ich nicht, weil ich ins Bett gegangen bin.«
   Thomas kratzte in Gedanken versunken über das stoppelige Kinn. »Ich glaube nicht, dass ich Sex hatte. Daran müsste ich mich erinnern, oder?«
   Seine Mitbewohner betrachteten ihn schweigend, aber durchaus interessiert.
   »Echt jetzt, ich habe mich in meinem ganzen Leben immer erinnert, wenn ich Sex hatte.«
   Paul zuckte mit den Schultern. »Ich glaube, sie hat auf der Couch geschlafen und ist heute früh mit Anna zusammen gegangen.«
   Kalle drehte ihm grinsend das Gesicht zu. »Dann hat Anna bei dir geschlafen? War es nett?«
   Paul zwinkerte. »Könnte man so sagen.«
   »Seid ihr jetzt fest zusammen?«
   »Jepp.«
   Thomas rieb sich knurrend die Augen. »Das ist doch völlig unwichtig. Sagt mir lieber, ob ich irgendwas Peinliches gemacht habe.«
   Paul verzog die Lippen und köpfte mit einem gut gezielten Messerhieb sein Frühstücksei. »Wenn man mal davon absieht, dass du diese Alte in der Straßenbahn derbe angepflaumt hast, hielt sich alles andere im Rahmen.«
   »In der Straßenbahn?«
   »Exakt. Ich weiß überhaupt nicht, was das sollte. Du wirst doch sonst nicht aggressiv, wenn du trinkst.«
   »Aggressiv? Ich?«
   »Ja, du. Streng deine wenigen verbliebenen Gehirnzellen an. Ich spreche von dieser dunkel gekleideten Frau mit dem verkniffenen Gesicht. In der Straßenbahn. Auf dem Rückweg vom Aladin. Dämmert was?«
   Thomas ließ sich rückwärts gegen die Stuhllehne sinken. »Aladin?«
   »Mann! Die Diskothek.«
   Endlich zuckten Bilder durch sein Gehirn und Thomas stöhnte laut auf. »Fuck. Ich erinnere mich. Das war Grufti, diese Tussi, die mich im Café so abgekanzelt hat. Mist. Das gibt Ärger. Die arbeitet für meinen Boss.«
   Kalle lachte. »Dann bin ich mal gespannt, wie du dich aus dem Grab wieder rausschaufeln willst.«
   Thomas schlug sich vor die Stirn. »So was Blödes. O Mann. Wieso muss ausgerechnet Grufti mir über den Weg laufen, wenn ich betrunken bin?«
   Paul biss unbeeindruckt in seine dick mit Erdbeermarmelade beschmierte Brotscheibe. »Was hat sie dir getan, dass du so sauer auf sie bist?«
   »Sie arbeitet für Mike Anderson. Er hatte einen Termin mit ihr, verspätete sich und rief an, dass ich ihr einen Kaffee ausgeben solle. Das habe ich getan. Aber die Frau hat so dermaßen arrogant und frech reagiert, dass ich total angefressen war.« Er sah auf, starrte in die ausdruckslosen Gesichter seiner Freunde und warf einen verzweifelten Blick gegen die Zimmerdecke. »Ehrlich. Ich habe sie wirklich total freundlich angesprochen, und die hat sich benommen, als ob ich sie beschimpft oder ihr an die Titten gepackt hätte.«
   Er zuckte mit den Schultern. »Eigentlich total unwichtig. Solche Gäste hat man immer mal in dem Job. Die vergisst man und denkt nicht weiter darüber nach.« Er trank einen Schluck und schüttelte noch mal den Kopf. »Die hatte so was von offensichtlich einen Vogel. Lief in brauner langärmeliger Bluse rum. Bei diesem Wetter. Dazu blass im Gesicht wie ein Zombie und die Haare anscheinend mit der Nagelschere gestutzt.« Er stützte sich auf und fuhr sich über das Gesicht, stöhnte wimmernd wie unter stärksten Schmerzen und lehnte die Stirn gegen die Fäuste. »Aber die Bekloppten haben normalerweise nichts mit dem Chef zutun. So ein Mist! Ausgerechnet die muss mitten in der Nacht Straßenbahn fahren. Warum? Warum konnte sie nicht eine Bahn früher nehmen? Oder eine später?«
   Paul winkte ab. »Hör auf zu jammern. Besorg dir ihre Adresse und bring Blumen vorbei.«
   »Blumen? Für diese arrogante Schnepfe? Nur über meine Leiche!«
   »Dann lass es. Aber jammere nicht, wenn du deinen Job verlierst.«
   »Fuck.« Er stand auf und stellte seinen Kaffeebecher in die Spüle. »Ich gehe erst mal duschen.«

Pünktlich um dreizehn Uhr betrat Thomas das Café. Laura verteilte gerade diese umwerfend leckere Zitronenjoghurttorte auf verschiedene Teller, sah auf und grinste.
   »Na, wie war die Kneipentour?«
   Thomas winkte ab. »Kräftezehrend.«
   Kichernd stellte Laura noch ein Glas und eine kleine Flasche Saft auf das Tablett und marschierte an ihm vorbei zu einem der besetzten Tische.
   Thomas schlenderte in den hinteren Raum, um seine Jacke abzulegen und stutzte. »Ups, hallo.«
   Eine dunkelhaarige Frau stand mit dem gebeugten Rücken zu ihm an der Geschirrspülmaschine, zuckte nun aber, anscheinend erschrocken, herum und starrte ihn an. »Was?«
   Sie war etwas kleiner als er, nicht ganz so schlank wie Laura und trug die braunen Haare als fröhlichen, offenen Lockenkopf, zeigte dazu allerdings ein nicht ganz so fröhliches Gesicht.
   Thomas grinste und hielt ihr die Hand hin. »Sorry. Ich wollte dich nicht erschrecken. Du musst Sophie sein. Ich bin Thomas. Der Neue.«
   Sie beachtete seine Hand nicht, presste ein leises »Hallo« heraus und drehte sich wieder um. Thomas verdrehte die Augen. O Gott, noch so eine. Er hängte seine Jacke auf und ging wieder nach vorn.
   Laura lief, beladen mit dreckigem Geschirr, an ihm vorbei nach hinten. Mit Sophie im Schlepptau kam sie wieder heraus. »Sophie, das ist Thomas, Thomas, das ist Sophie.«
   Er nickte gleichgültig. »Wir sind uns gerade schon begegnet.«
   Sophie sah ihn einen Moment lang mit zusammengekniffenen Lippen an. »Entschuldigung. Ich wollte nicht unfreundlich sein«, stammelte sie und lief an ihm vorbei nach draußen.
   Er sah ihr mit hochgezogenen Augenbrauen nach und beobachtete, wie sie an den unbesetzten Tischen Stühle zurechtrückte, die bereits akkurat angeordnet waren. Er hasste schwierige Frauen.
   Laura zwinkerte. »Einfach nicht beachten. Sophie ist total nett, nur etwas schüchtern.«
   »Dann hat sie ja den perfekten Beruf gewählt«, stellte Thomas trocken fest, und Laura kicherte.
   »Gib ihr etwas Zeit, du wirst sie mögen.«
   Er seufzte. »Na klar. Kein Problem.«
   Johanna betrat das Café, Sophie nahm draußen Bestellungen auf und Laura spülte Gläser.
   Irritiert blickte Thomas von einer zur anderen. »Drei Kolleginnen da? Mit wem arbeite ich denn heute?«
   Johanna grinste. »Mit Sophie und ich mache hinten Büroarbeiten.«
   Er zog die Augenbrauen zusammen. »Musst du aufpassen, dass ich ihr nichts antue?«
   »Nur ein paar Tage, bis sie dich ein bisschen kennt. Versuch einfach, normal zu sein und bedränge sie nicht.«
   Er seufzte. »Okay. Sag mal, ist Mike zu Hause?«
   Während sie sich schon in Richtung Hinterzimmer drehte, nickte sie. »Ja, der sitzt oben am Schreibtisch.«
   Thomas trat hinter den Tresen, atmete tief durch, nahm den Hörer vom Telefon und wählte die Kurzwahl eins.
   »Hallo, hier ist Thomas.«
   »Moin. Was gibt’s?«
   »Also …« Er räusperte sich und tippte geistesabwesend mit dem Zeigefinger in einer kleinen Wasserpfütze auf dem Tresenblech herum. »Ich habe Scheiße gebaut. War gestern Abend betrunken und habe Gruf… ähm …, diese Melina oder Martina oder wie die gleich noch hieß in der Straßenbahn getroffen.«
   »Melina Albert. Und?«
   »Ich habe ein paar blöde Sprüche losgelassen, für die ich mich entschuldigen muss. Kannst du mir ihre Adresse geben?«
   Er hörte Mike durch das Telefon lachen und verdrehte die Augen. Klar, unheimlich lustig.
   »Schubertstraße siebenundachtzig. Ich glaube aber nicht, dass sie sich über einen Besuch freut.«
   »Ich wollte ihr auch nur ein paar Blumen vorbeibringen und gleich wieder gehen.«
   »Na dann, viel Spaß.«

*

Melina saß an ihrem Computer, als es an der Tür klingelte. Irritiert warf sie einen Blick auf die Armbanduhr. Sie erwartete keinen Besuch. Vielleicht ein Paketdienst?
   Ihr Arbeitszimmer sah mal wieder chaotisch aus. Falls es Vater wäre, würde sie ihn nicht hereinlassen. Sie ging durch den Flur und schob noch schnell die Schuhe, die sie am Abend mitten im Weg ausgezogen hatte, in das Schlafzimmer. Dann drückte sie auf den Knopf der Gegensprechanlage. »Ja?«
   »Hallo? Hier ist Thomas. Aus dem Café. Kann ich dich kurz sprechen?«
   Grünauge? Augenblicklich donnerte ihr Herz so laut und aufdringlich, dass er es wahrscheinlich durch die Leitung hören konnte. Was wollte dieser arrogante Widerling von ihr? Im Geiste sah sie ihn frech grinsen. Sie hasste Menschen, die glaubten, ihnen gehörte die ganze Welt. »Warum?«, fragte sie nach einer endlosen Sekunde der Stille.
   Er räusperte sich. »Ich möchte mich entschuldigen. Wegen heute Nacht. Ich war betrunken, es tut mir leid.«
   Sie schluckte. Sie musste irgendetwas antworten. Ihr fiel kein Wort ein, und schon gar kein passender Satz. Das war doch nicht echt. Sicher kam er nur wegen Mike. Arschloch.
   »Hallo? Bist du noch da?«, hörte sie ihn fragen.
   »Ja. Schon gut. Vergiss es einfach.«
   »Kann ich kurz hochkommen?«
   »Nein. Ich ähm …, ich hab gerade keine Zeit.« Sie sprang von der Anlage weg, als könnte er durch die Leitung direkt in ihre Wohnung krabbeln. Schon wieder zitterten ihre Hände. Blödmann. Er sollte einfach verschwinden.
   Sie lief in ihr Arbeitszimmer und kauerte sich auf den Stuhl vor dem Computer. Sie fühlte sich beobachtet. Als könnte er sie sehen. So ein Quatsch.
   Eine Weile saß sie mit immer noch laut klopfendem Herzen da und wartete, ohne zu wissen, worauf. Es blieb still und sie wollte sich gerade aufatmend wieder dem Text auf ihrem Bildschirm zuwenden, als es noch einmal klingelte. Sie zuckte zusammen und zog reflexartig den Kopf ein. Das war die Wohnungstür. Wie war der Widerling ins Haus gekommen?
   Zitternd schlich sie in den Flur. Er klingelte noch einmal. Was sollte sie tun? Verdammt. Was sollte sie bloß tun?
   Schließlich öffnete sie die Tür einen Spalt und warf einen grimmigen Blick hinaus. Er grinste. Natürlich grinste er. Arschloch. Er war viel größer als sie und stand bedrohlich nah vor ihr. Sie zog die Augenbrauen zusammen und fixierte ihn mit festem Blick. Bloß nichts anmerken lassen. »Ich sagte doch, ich habe keine Zeit. Wie bist du reingekommen?«
   Er streckte ihr einen kleinen professionell zusammengesteckten Blumenstrauß mit weißen und gelben Blüten entgegen. »Ich weiß. Ich wollte auch gehen, aber dann kam eine Nachbarin von dir und öffnete die Tür. So bin ich doch eben hochgekommen. Ich verschwinde auch sofort wieder.«
   Sie rührte sich nicht und er stöhnte genervt.
   »Bitte nimm meine Entschuldigung an. Es tut mir wirklich leid.« Er zuckte mit den Schultern. »Irgendwie hatten wir einen blöden Anfang. Ich weiß eigentlich nicht, warum, und heute Nacht war ich betrunken.«
   Sie streckte die Hand aus und nahm den Strauß. Ihre Finger zitterten. »Danke. Wäre nicht nötig gewesen.«
   Er warf ihr einen fragenden Blick zu. »Bist du noch sauer?«
   »Nein, schon gut.«
   Jetzt grinste er schon wieder. »Danke. Und wenn du das nächste Mal ins Anderson kommst, gebe ich einen Kaffee aus, okay?«
   Unwillig schüttelte sie den Kopf. »Nicht nötig. Also … ähm …, danke. Ich muss jetzt …«
   Ehe er noch etwas sagen konnte, hatte sie die Tür zugeschlagen. Einen Moment war es still, dann hörte sie seine sich entfernenden Schritte auf der Treppe.
   Er musste sie für total durchgeknallt halten. Ach Scheiße, war sie ja auch. Und anstatt besser wurde es von Jahr zu Jahr nur immer schlimmer.
   Sie betrachtete den Blumenstrauß. Niedlich. Wann hatte ihr zuletzt jemand Blumen geschenkt?
   Plötzlich war sie traurig. Sie schlenderte durch die stille Wohnung in die Küche und spähte aus dem Fenster die Straße entlang, aber sie sah ihn nirgends mehr. Seufzend füllte sie eine Vase mit Wasser, stellte den Strauß hinein und nahm ihn mit zu ihrem Schreibtisch. Sicher war er nur gekommen, weil er Angst hatte, sich mit Mike Ärger einzuhandeln.
   Ein Blumenstrauß. Sie hatte von einem Mann einen Blumenstrauß bekommen. Ihr war, als wäre sie Gast in einem Film. Immer wieder an diesem Nachmittag strich sie mit den Fingerspitzen über eine der kleinen Blüten, was nicht dazu beitrug, die sentimentale Stimmung zu vertreiben und als sie den Rechner ausstellte, nahm sie den Strauß mit ins Wohnzimmer und stellte ihn auf den niedrigen Tisch vor der Couch.

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