Ein Scherbenhaufen, eine Blutlache und ein anzügliches Geschenk als Dank für ihre Hilfe. Leonie weiß nicht, was sie von ihrem neuen Nachbarn Alexander halten soll, der sie trotz seiner frechen Art wie ein Magnet anzieht. Wie gut, dass sie ihm für einige Monate entkommen kann, weil sie bald nach Zypern fliegt, um eine sechsmonatige Baumaßnahme zu begleiten. Doch kaum angekommen, traut sie ihren Augen nicht.
Alexander von Aschernberg, verantwortlich für einen Brückenbau auf Zypern, hat Beziehungen erst einmal von seiner Agenda gestrichen – doch als ihm plötzlich seine Nachbarin Leonie am Einsatzort gegenübersteht, geraten seine Vorsätze gefährlich ins Schwanken. Kaum haben sich die ersten zarten Bande ergeben, drohen niederschmetternde Nachrichten, eine Leiche in seinem Keller auszugraben. Weder Leonie noch er ahnen, dass es weitaus dramatischer kommt und sie auf eine lebensgefährliche Katastrophe zuschlittern ...

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ISBN: 978-9963-53-044-1

Seiten: 219

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Evanne Frost

Evanne Frost
Evanne Frost wurde 1964 in Nordrhein-Westfalen geboren. Nach der Fachoberschulreife jobbte sie zunächst für zwei Jahre als Redaktionsassistentin bei einer Wochenzeitung. Später absolvierte sie eine Ausbildung als Datenverarbeitungskauffrau und arbeitete viele Jahre als Programmiererin, Werbekauffrau und Web-Designerin. Bevor sie mit dem Schreiben anfing, war sie zuletzt in leitender Stellung als Ausbilderin für Fachinformatiker tätig. Ende 2006 wanderte sie mit ihrer Familie in die Republik Zypern aus. Sie lebt und arbeitet mit ihrem Mann, zwei Katzen und einem Hund in einem kleinen Bergdorf.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1
Freitag, 29. Mai 2015 – Remscheid

»Scheiße!« Das schäbige Schimpfwort dröhnte bis hinunter in die Tiefgarage und übertönte selbst das beunruhigende Klirren und Scheppern, das
   überhaupt nicht enden wollte. Es klang, als hätte jemand eine Kiste voll Geschirr …
   Es klang nicht nur so. Eine Tasse, die bis auf den abgebrochenen Henkel heil geblieben war, rollte vor Leonies Füße, kaum dass sie das Treppenhaus betrat. Scherben übersäten die Stufen, der Lärm verebbte, dafür ertönte zwei oder drei Treppen höher verhaltenes Fluchen, das besser keiner der Mütter oder Väter hören sollte, die in diesem Wohnhaus lebten.
   Leonie überlegte, den Fahrstuhl zu nehmen und den armen Kerl – es war eindeutig eine tiefe, dunkle Stimme – seinem Schicksal zu überlassen. Sie war müde und ausgelaugt, hatte einen harten Arbeitstag gehabt und sich nicht einmal mehr aufraffen können, auf dem Heimweg noch etwas für das Abendessen einzukaufen. Eine Schüssel Cornflakes tat es auch. Aber dann hallte ein lautes »Autsch« durch das Treppenhaus. Offensichtlich war der Unglücksrabe allein, niemand sonst war zu hören, und Leonie fand sich plötzlich garstig und unhöflich. Jemand brauchte Hilfe und hatte sich vielleicht sogar verletzt. Musste das ausgerechnet jetzt sein? Sie schob mit dem Fuß einige Scherben beiseite und eilte die Stufen hinauf, stets darauf bedacht, nicht auszurutschen. Ihre Wohnung lag im Erdgeschoss – nur eine Treppe hinauf, doch das Fluchen kam von weiter oben.
   »Hallo?« Sie lehnte sich an das Geländer und blickte hinauf. »Sind Sie verletzt?«
   Ein Kopf beugte sich über den Spalt zwischen den Treppen in der dritten Etage, Hände schoben sich über das Geländer, und Leonie konnte gerade noch verhindern, dass ihr ein Blutstropfen mitten in das Gesicht platschte, indem sie beiseitesprang.
   »Um Himmels willen! Setzen Sie sich, ich hole Verbandszeug.« O Gott, hoffentlich hatte sich der Mann keine gefährlichen Schnitte zugezogen und verblutete ihr vor den Füßen. »Ist es sehr schlimm? Brauchen Sie einen Krankenwagen?«, rief sie, während sie bereits die Tür zu ihrer Wohnung aufschloss.
   »Halb so wild«, klang es halbherzig herab.
   Leonie warf ihre Handtasche achtlos in den Flur, eilte in das Badezimmer und schnappte sich ein Erste-Hilfe-Köfferchen aus dem Medizinschrank. Sie flitzte zurück ins Treppenhaus und nahm den Aufzug in die dritte Etage. Falls sie in ihrer Eile noch über Scherben auf den Stufen stolperte, konnten sie sich hinterher noch gegenseitig verarzten. Noch bevor sich die Türen ganz auseinandergeschoben hatten, zwängte sie sich hindurch.
   Sie sah nur das Blut und stöhnte auf. Der junge Mann hatte sich tatsächlich hingesetzt, lehnte mit dem Rücken an der Wand zwischen zwei Wohnungstüren und hielt mit der Rechten seine linke Hand umklammert, um die er den Saum seines T-Shirts gewickelt hatte. Vom ehemaligen Weiß des Stoffes war zumindest an dieser Stelle nicht mehr viel zu sehen.
   Leonie kniete vor ihm nieder. »Bitte zeigen Sie mir Ihre Verletzung.«
   Wortlos hob der Mann den linken Arm und wickelte sein T-Shirt ab. Er blutete heftig aus einer Wunde am Handballen.
   Sie kramte zwei Verbandspäckchen und eine Mullkompresse aus ihrem Köfferchen. »Ich lege Ihnen einen Druckverband an, und dann müssen Sie schnellstens in ein Krankenhaus.«
   Er verdrehte die Augen, ließ den Kopf nach hinten gegen die Wand sacken. »Verflucht! Das hat mir gerade noch gefehlt.«
   »Kann Sie jemand fahren?«
   »Nein. Mein Freund Lars ist gerade los, um die letzte Fuhre aus meiner alten Wohnung … autsch!«
   »Schon gut, nichts passiert. Das drückt ein wenig, aber ich muss das fest verbinden, damit die Blutung …«
   »Das drückt nicht, das brennt wie Hölle«, quetschte er zwischen den Zähnen hervor, ergab sich aber dennoch ihrer Hilfeleistung.
   »Ich rufe jetzt einen Krankenwagen«, sagte Leonie, nachdem sie den Verband mit Heftpflaster fixiert hatte.
   »Ich kann auch allein …«, protestierte der Mann und stand auf. Kaum war er jedoch auf den Beinen, schwankte er.
   Leonie griff ihm unter den Arm. »Hübsch stehen bleiben. Oder nein, besser, Sie setzen sich wieder hin. Haben Sie ein Handy?«
   Er war ziemlich blass um die Nase geworden, was vermutlich daran lag, dass er seine Blutlache erblickt hatte. »Nein, ja … es ist in der Wohnung.« Er nickte mit dem Kopf in Richtung der linken Wohnungstür.
   »Geben Sie mir Ihren Schlüssel, dann hole ich es.«
   »Der ist irgendwo da unten. Lag auf dem Karton.«
   O Gott! Sie würde bestimmt nicht durch den Scherbenhaufen stiefeln, um sich auf die Suche zu begeben.
   »Klingeln Sie doch eben bei den Nachbarn«, schlug er vor. »Wundert mich sowieso, dass noch keiner rausgekommen ist.«
   »Neben Ihnen wohnt Frau Hammerschmid, sie ist über neunzig und so schnell und taub wie eine Schnecke. Über ihnen wohnt ein junges Pärchen, das gerade in Urlaub ist, unter Ihnen zwei Familien, die erst spät daheim sind, nachdem sie ihre Kids im Hort und bei den Großeltern eingesammelt haben. Darunter in den beiden Wohnungen lebt eine afghanische Großfamilie, die niemals die Türen öffnen würde, selbst wenn es brennen sollte. Haben wohl leider zu schlechte Erfahrungen gemacht. Bleiben nur noch der Hausmeister und ich in den zwei Wohnungen ganz unten. Herr Wiebknecht wird vermutlich nicht da sein, sonst hätten Sie sich schon ein Donnerwetter anhören können.«
   »Danke, dass ich nun über die Nachbarschaft informiert bin. Weiterer Klatsch und Tratsch, der nicht am nächsten Kiosk um die Ecke erzählt wird?« Er grinste spöttisch.
   Leonie lag eine spitze Erwiderung auf der Zunge, doch sie schluckte sie hinunter. Lackaffe! Er sollte doch froh sein, dass ihm jemand half. »Ich hole mein Handy«, sagte sie nur und wandte sich dem Fahrstuhl zu. Die Kabinentür öffnete sich mit einem Surren.
   Wäre sie besser still und heimlich in ihre Wohnung geschlichen. Das fiese Grinsen hätte sich Mister Superman, der nicht einmal eine Kiste tragen konnte, ohne eine Katastrophe zu verursachen, sonst wohin stecken können. Als wenn er glaubte, damit witzig rüberzukommen.
   In ihrer Wohnung wählte Sie den Notruf und bestätigte, dass sie bis zum Eintreffen des Rettungswagens bei dem Verletzten bleiben würde, dann schnappte sie sich eine Wasserflasche und fuhr wieder in den dritten Stock. »Der Notarzt wird in wenigen Minuten eintreffen.« Sie trat bis auf zwei Schritte an ihren neuen Nachbarn heran und schielte unauffällig, wie sie hoffte, in Richtung seiner Wohnungstür. Er hatte noch kein Namensschild angebracht, aber sie würde sich eher die Zunge abbeißen, als ihn zu fragen. Ebenso wenig sah sie einen Grund, sich ihm vorzustellen. Nicht, nachdem sein Dank für ihre Hilfe aus diesem dreisten Grinsen bestanden hatte.
   »Danke«, murmelte er und stöhnte leise.
   Irgendwie tat er ihr ja doch leid. Leonie öffnete die Wasserflasche und hielt sie ihm hin. »Möchten Sie etwas trinken?«
   Er nickte und griff mit der unverletzten Hand zu, trank zügig einige Schlucke und gab ihr die Flasche zurück. »Danke.«
   Sie musterte ihn. Er schien noch blasser zu sein, doch das konnte auch an dem kalten Licht der Treppenhausbeleuchtung liegen. Dafür war er jedoch ziemlich wortkarg geworden. Hatte ihm der Schock jetzt die Sprache verschlagen?
   Leonie beugte sich zu ihm hinunter. In seinen Augen schimmerten Tränen? »Oh. So schlimm?« Sie streckte automatisch die Hand aus, um ihm eine Haarsträhne aus der Stirn zu schieben, zuckte aber im letzten Moment zurück.
   Er hatte den Kopf gesenkt und sie verstand die Worte kaum, die er zischte. »… weh, brennt wie verrückt.«
   »Es tut mir leid.« Leonie kniete sich erneut neben ihn. »Der Arzt wird jeden Moment …« Sie lauschte. »Hören Sie die Sirene?« Sie stand auf. »Ich gehe hinunter, um zu öffnen. Geht’s?«
   Er nickte.
   Leonie nahm erneut den Aufzug und erreichte die gläserne Haustür in dem Moment, als der Krankenwagen quer auf dem Bürgersteig stoppte. Zwei Sanitäter liefen auf sie zu. »Ein Mann mit Schnittwunden an der linken Hand. Er muss in Scherben gegriffen haben.« Sie wies auf das Chaos. Jemand musste schnellstens für Ordnung sorgen. »Nehmen Sie besser den Aufzug.«
   Die Sanitäter verschwanden in der Kabine und Leonie ging zur Wohnungstür des Hausmeisters.
   Niemand öffnete. Das war ja so was von klar. Sollte es jetzt an ihr hängen bleiben, die Sauerei zu beseitigen? Was war mit dem ganzen Blut? Müsste nicht jemand anderes … vom Ordnungsamt vielleicht, oder die Polizei … verdammt! Wütend schloss sie ihre Wohnung auf und wappnete sich mit Putzeimer und Besen. Sie zog vorsichtshalber Einweghandschuhe an.
   Als sie wieder in das Treppenhaus hinaustrat, halfen die beiden Sanitäter dem Verletzten gerade hinaus auf die Straße. Die Tür fiel hinter ihnen zu und sperrte den nervigen Signalton des ankommenden Notarztwagens auf ein halbwegs erträgliches Maß aus.
   Leonie fuhr nach oben. Sie überlegte nicht lange, ließ den Anblick von Blut und Scherben nicht an sich heran, sondern putzte, als wäre es die Lache einer geplatzten Ketchupflasche. Sie fegte die Scherben die Stufen hinunter bis auf den nächsten Treppenabsatz, lief in ihre Wohnung und wechselte das Wasser. Eine halbe Stunde später war sie im Keller angelangt und überlegte, wie sie den Scherbenberg vor sich beseitigen sollte. Zu gebrauchen war von dem Zeug nichts mehr – vielleicht noch der Kaffeebecher ohne Henkel. Noch immer war kein anderer Nachbar nach Hause gekommen und auch Hausmeister Wiebknecht glänzte weiterhin durch Abwesenheit. Vor Wut hätte Leonie am liebsten mitten in den Scherbenhaufen hineingetreten. Sie war mittlerweile so müde, dass sie wahrscheinlich nicht einmal mehr etwas essen würde, ehe sie in ihr Bett fiel. Sie wurde langsam zu alt für diese vielen Überstunden, dachte sie in einem Anflug von Selbstironie. Trotzdem würde sie das Patrick Dörmann, ihrem Chef, unbedingt einmal sagen müssen. Und unrecht hatte sie schon mal sowieso nicht. In den vergangenen drei Tagen hatte sie insgesamt höchstens zwölf Stunden geschlafen.
   Im Keller hatte sie eine alte Plastikwanne stehen und ein Kehrblech aus Metall musste auch noch irgendwo herumliegen. Sie brauchte eine weitere halbe Stunde, um die Scherben aufzufegen und lief viermal zum Müllcontainer. Bei der letzten Ladung fand sie seinen Schlüsselbund, und als sie das Treppenhaus ein weiteres Mal gewischt hatte, trudelte eine der Nachbarsfamilien aus dem zweiten Stock ein.
   »Frau Mettler … hallo.« Die Nachbarin musterte sie mit einem verwunderten Blick. »Putzen Sie neuerdings die Treppe nach oben?«
   Ihr Mann, der den fünfjährigen Sohn auf dem Arm trug, schob seine Frau vor sich her. »Komm schon, Lisa. Der Kleine muss ins Bett.«
   Seine Frau stieg in den Aufzug, ohne auf eine Erwiderung von Leonie zu warten.
   Im Grunde genommen war sie froh, jetzt nicht die Geschichte von vorn bis hinten ausbreiten zu müssen, dazu war sie viel zu erledigt. Trotzdem ärgerte sie sich über die Gleichgültigkeit des Mannes, der nicht einmal hatte wissen wollen, welchen Grund Leonie nennen würde, und kaum mehr als ein knappes Nicken zur Begrüßung übrig gehabt hatte. Die Menschen wurden immer abgestumpfter, uninteressierter. Nur nicht über den Tellerrand hinausblicken, nicht weiter, als es einen selbst betraf. Sie dachte an die bedauernswerte junge Frau, deren Schicksal vor ein paar Monaten durch die Presse gegangen war. Sie hatte eben genau das nicht getan, sondern war mutig für einen Dritten eingeschritten und hatte den höchsten Preis gezahlt, den es zu zahlen gab. Sie hatte ihr Leben verloren, doch das tröstete keineswegs darüber hinweg, dass es Menschen wie sie gab, und nicht nur solche, die einem die kalte Schulter zeigten. Dieser Preis war definitiv zu hoch gewesen. Aber eine Minute Zeit, um sich anzuhören … ach, was sollte es.
   Leonie leerte den Putzeimer im Gulli auf dem Bürgersteig und ging endlich in ihre Wohnung. Sie duschte, verzichtete auf die Cornflakes und sah zu, dass sie ins Bett kam. Al Capone kam schnurrend auf das Bett gesprungen und kuschelte sich auf die Decke am Fußende.
   Kaum waren ihr die Augen zugefallen, fuhr sie wieder hoch. »Der Schlüssel!« Sie ließ sich ins Kissen zurücksinken. »Mist!« Hatte der Typ nicht etwas von einem Freund erzählt, der die letzte Fuhre hatte holen wollen? In den anderthalb Stunden, die sie geputzt hatte, war niemand aufgetaucht. Leonie stöhnte und quälte sich aus dem Bett. Sie schnappte sich ihren Bademantel und zog ihn auf dem Weg ins Wohnzimmer über ihr Nachthemd. Die Jalousie hochzuziehen fiel ihr so schwer, als müsste sie eine Tonne bewegen, und Leonie stoppte, kaum dass sie zehn Zentimeter weit darunter hindurchblicken konnte. Vor dem Haus stand kein Transporter, auch kein Kombi oder ein anderes Fahrzeug, das nach Umzug aussah. Es lief auch niemand herum. Dann fiel ihr ein, dass der besagte Freund längst kehrtgemacht haben könnte, weil sich auf sein Klingeln niemand gemeldet hatte. Aber fuhr man dann einfach davon? Sie an seiner Stelle hätte irgendwo im Haus geklingelt und herumgefragt. Schließlich konnte dieser Helfer nicht davon ausgehen, dass sein Freund einfach ohne ein Wort zu Pizza Hut verschwand. Oder war der Kerl so ein lockerer Vogel?
   Was sollte sie jetzt mit dem Schlüssel anstellen? Wenn der Nachbar nicht im Krankenhaus bleiben musste, würde er irgendwann auftauchen und vor verschlossener Tür stehen. Er würde sie möglicherweise mitten in der Nacht aus dem Bett klingeln. Sie ging zum Wohnzimmertisch, wohin sie den aus den Scherben gefischten Schlüsselbund gelegt hatte, und nahm ihn zur Hand. Haustür-, Wohnungs- und Briefkastenschlüssel. Ein BMW-Autoschlüssel. Zaudernd ließ sie den Ring um ihren Zeigefinger kreisen. Es hatte keinen Sinn, den Schlüssel einfach von außen in die Wohnungstür des Nachbarn zu stecken, er käme nicht zur Haustür herein. Sie glaubte zwar nicht daran, unter Dieben zu wohnen, aber sie wollte auch nicht dafür verantwortlich sein, wenn ihm morgen eine teure Stereoanlage oder sonst etwas fehlte. Verflixt, sie wusste nicht einmal, in welches Krankenhaus sie ihn gebracht hatten, sonst hätte sie dort angerufen und nachgefragt, ob er über Nacht bleiben musste oder nicht.
   Leonie schleppte sich in ihre Küche. Wenn sie jetzt keinen Kaffee trank, in dem der Löffel stehen blieb, würde sie in spätestens zwei Minuten aus den Latschen kippen. Wenn sie das Gebräu hinunterwürgte, würde sie die halbe Nacht nicht schlafen können, irgendwann ins Koma fallen und der Samstag wäre vollends versaut. Dabei hatten Sina und sie so viel vorgehabt, wovon sie wohl die Hälfte würde streichen müssen.
   Nachdem ihr alter Kaffeeautomat unter Protestgetöse seinen Dienst erfüllt hatte, ging Leonie zum Wohnzimmerfenster zurück und stellte die Tasse auf das Fensterbrett. Sie zog die Jalousie weiter hoch, um bequemer auf die Straße hinausblicken zu können und schob sich den Sessel vor die Heizung.
   Das Ticken ihrer überdimensionalen Wanduhr über dem Sofa fing nach einiger Zeit an, ihr auf den Nerv zu gehen. Noch länger, und es würde sie hypnotisieren, bis sie in einen schlafwandlerischen Zustand verfiel. Leonie nahm den letzten Schluck aus der Tasse und würgte an dem mittlerweile kalten, bitteren Kaffee. Sie ließ sich entnervt in den Sessel zurückfallen und wandte den Kopf, stierte auf die Wand gegenüber, um die Uhr mit Blicken zu töten. Auf die schneeweiße Raufasertapete hatte sie mühevoll mit einer Schwammtechnik dezente schwarze Effekte aufgebracht, die mit ihren schwarz-weißen Möbeln harmonierten und interessante Kontraste auf der sonst langweiligen Wand ergaben. Rechts hing ein Regal mit schwarzem Korpus und einer weißen Tür sowie weißen Regalböden. Die wenigen Dekostücke waren ebenfalls farblos gehalten. Bücher mit weißem Umschlag und ohne Beschriftung, zwei verschieden große schwarze Vasen, zwei Schalen mit glockenförmigen Deckeln in mattem Aluminium. Die einzigen heiteren Tupfer im Raum waren die drei großen Kissen auf dem schwarzen Ledersofa. Giftgrün, knallrot, sonnenblumengelb. Darüber hatte sie die Tattoo-Wanduhr angebracht, deren Ziffern auf die Tapete geklebt waren. Eine große Zwölf, eine kleine Vier, eine mittelgroße Sieben. Alle anderen Zahlen waren als Wörter geschrieben und kreisförmig dazwischengeklebt. In der Mitte hing das Uhrwerk mit drei Zeigern, der längste maß sicher einen Meter und sprang gerade auf die Zwölf. Leonie traute sich beinahe nicht, den kleinen abzulesen. Ein Uhr. Sie musste verrückt sein. Wie lange sollte sie hier noch warten? Sie blickte erneut aus dem Fenster. Bestimmt konnte sie mittlerweile davon ausgehen, dass man ihren Nachbarn im Krankenhaus behalten hatte. Morgen würde er bei ihr anklingeln und … Leonie zuckte zusammen. Al Capone fauchte und buckelte auf ihrem Schoß.
   Aus den Schatten auf der anderen Straßenseite schälten sich taumelnd zwei Gestalten und wankten auf die Haustür ihres Gebäudes zu. Der eine trug den linken Arm in einer Schlinge. Aber wieso war er sturzbesoffen? Anders konnte wohl niemand das Torkeln auslegen, und auch der andere Typ setzte seine Schritte so bescheuert über Kreuz, dass es aussah, als bewegte das linke Bein den rechten Fuß und umgekehrt.
   Sie zog den Bademantel enger um sich und beobachtete, wie sich das Pärchen fast über der Bürgersteigkante langmachte. Jetzt hörte sie auch das Grölen der beiden. O Gott! Die würden die gesamte Nachbarschaft aufwecken. Das fing ja echt gut an mit diesem Neuzugang in ihrem Haus.
   Leonie schnappte sich den Schlüsselbund und eilte los. Sie stürmte durch den Hausflur und riss die Eingangstür auf, ehe die schrägen Vögel noch auf die Idee kamen, die Nachbarn aus den Betten zu klingeln.
   »Schnauze!«, zischte sie und lachte innerlich auf, weil sie wie ertappte Ganoven zusammenschreckten und auf der Stelle ihre Klappen hielten.
   »Jawohl, Ma’am!«, sagte der Freund ihres Nachbarn und seine Hand zuckte zum Salut an die Schläfe.
   »Hier!« Sie drückte dem straßenköterblonden Kerl den Schlüsselbund in die Hand. »Seht zu, dass ihr raufkommt, ohne einen Ton zu verlieren, sonst …« Sie brauchte keine Drohung auszusprechen, die Typen schrumpften bereits unter ihren Blicken. Leonie wandte sich um und ging zurück in ihre Wohnung. An der Tür lauschte sie noch einen Moment, doch bis auf ein letztes Poltern, mit dem das Türblatt zwei Etagen höher ins Schloss fiel, hörte sie nichts mehr.
   Leonie zerrte erneut an ihrem Bademantel. Im nächsten Moment sah sie sich auf einem Berg voller weißer Scherben tanzen, in schwarzen Pumps und mit ihrem spitzenverzierten schwarzen Nachthemd mit Spaghettiträgern. Die Hände hielt sie hoch erhoben um einen Blumentopf gelegt, der wie ein Hut auf ihrem Kopf saß. Dunkelblaue Augen in einem Gesicht mit einem spöttischen Lächeln verfolgten jede ihrer Bewegungen …

Samstag, 30. Mai

»Leo! Wach auf!«
   Die Stimme drang unbarmherzig und nervig in Leonies Bewusstsein. Sie knurrte, zog an ihrer Decke, die sich nicht bewegen lassen wollte, und grub den Kopf tiefer in das Polster.
   »Leeooooo!«
   Sie schob ihre Hände über die Ohren. Was zum Teufel …? Mühsam schlug sie ein Auge auf und blinzelte gegen die Helligkeit. Sie sah nur verschwommen und musste sich anstrengen, die Worte, die auf sie einströmten, zu verarbeiten. »Sina, hör auf, mich so zu schütteln!«
   »Leo, verdammt! Was ist mit dir los? Hast du getrunken? Warum schläfst du im Sessel?«
   Leonie streckte sich und legte eine Hand zum Schutz vor der Helligkeit über ihre Augen. »Sina.« Sie schob die Finger ihrer Freundin beiseite, die wieder an ihr rüttelten. »Lass mich, ich bin noch müde.«
   »Es ist elf Uhr, wir waren um zehn verabredet, du untreue Tomate. Was ist los?«
   »Nachtschicht«, nuschelte Leonie unverständlich und drehte sich vom Fenster weg. »Kannst du die Jalousie wieder runterlassen?«
   »Nichts da. Du stehst jetzt auf. Wir wollten …«
   »Jaja, ich weiß.« Natürlich wusste sie, was sie sich alles vorgenommen hatten. Aber das musste warten. Dann fiel ihr ein, warum sie die halbe Nacht lang wach geblieben war. Fetzen ihres Traumes zogen an ihr vorüber, dazwischen blitzten immer wieder meerblaue Augen und ein spöttisches Grinsen auf.
   Sina zog ihr mit einem Ruck den Bademantel weg, mit dem sie zugedeckt war.
   »Du bist fies und gemein!«
   »Da war eben ein Typ an deiner Tür und hat nach einem Schlüssel gefragt. Ein ungemein gut aussehender Typ.« Sina rutschte auf die Sesselkante und hopste auf und ab, sodass das Polster schwankte. »Was verheimlichst du mir? Verbringst eine Nacht mit einem heißen Kerl und versetzt mich eiskalt am nächsten Morgen.«
   »Blödsinn!«, knurrte Leonie und im gleichen Moment gab ihr Magen ein ähnliches Geräusch von sich.
   »Und warum hat dieses süße Prachtexemplar dann seine Schlüssel bei dir vergessen?«
   Wieso … »Schlüssel? Ich habe sie ihm doch heute Nacht gegeben.«
   »Offensichtlich nicht.«
   »Aber …« Das konnte sie unmöglich geträumt haben, oder? »Echt? Er hat nach einem Schlüsselbund gefragt?«
   »Hab ich’s doch gewusst!«
   »Es ist ganz anders, als du denkst.«
   »Jaja, das sagen alle.«
   »Also hast du sie ihm gegeben?«
   »Nö. Ich weiß ja nicht mal, wo …«
   »Mist! Rück mal, ich muss aufstehen.«
   »Das sag ich dir schon die ganze Zeit.«
   »Wo ist er jetzt?«
   »Keine Ahnung.« Sina stand auf. »Soll ich im Hausflur nachsehen?«
   »Auf dem Tisch liegt ein Schlüsselbund.« Leonie nahm Sina ihren Bademantel ab. »Wenn der Typ noch da ist, gib ihn ihm einfach. Ich bin im Bad.«
   »Wie jetzt? Ich meine …«
   Sie maß ihre Freundin mit einem strafenden Blick. »Wie? Also, ganz einfach. Duschtür öffnen, Wasser laufen lassen, ausziehen, drunterstellen. Ich dachte, Blondinen müssten erst montags alles neu beigebracht bekommen, weil sie über das Wochenende die einfachsten Dinge vergessen haben.« Sie sprang lachend zur Seite, als Sina nach ihr boxen wollte.
   »Du weißt genau, was ich meine. Soll ich dem Kerl irgendetwas ausrichten? Nach seiner Telefonnummer fragen? Ihm sagen, dass …«
   »Nein! Gib ihm einfach den Schlüsselbund.« Leonie huschte über den Flur und schloss mit Nachdruck die Badezimmertür hinter sich. Sie fühlte sich noch immer nicht fit, obwohl sie jetzt lange genug geschlafen haben sollte. In der vergangenen Woche hatte sie fast jeden Tag bis zu fünfzehn Stunden gearbeitet, anders waren die Vorbereitungen für ihren Auftrag nicht zu bewältigen. Aber dass sie nun schon Traum und Wirklichkeit nicht mehr auseinanderhalten konnte …? Tz, das war ihr noch nie passiert.
   Als sie wieder aus dem Bad hinaustrat, zog Kaffeeduft durch den Flur.
   Sina hatte den kleinen Wandklapptisch in der Küche mit zwei Schüsseln und Löffeln gedeckt und die Packung Cornflakes bereitgestellt. Anklagend wies sie auf das karge Mahl. »Kein Wunder, dass du völlig entkräftet bist, wenn deine Vorräte nicht mehr hergeben.«
   »Bist du den Schlüsselbund losgeworden?« Leonie griff nach der Kaffeetasse und nahm vorsichtig einen Schluck.
   »Nein, im Treppenhaus war niemand.«
   »Mist!« Jetzt musste sie dem Kerl wahrscheinlich doch noch mal gegenübertreten, dabei hatte sie gehofft, ihm aus dem Weg gehen zu können. Sie wollte keineswegs erneut von ihm bis in ihre Träume verfolgt werden und am nächsten Tag nicht wissen, was Traum und was Realität gewesen war.
   »Nun erzähl schon. Wer ist er? Sieht ja aus, als passte er genau in dein Beuteschema. Wo hast du ihn aufgegabelt? Ich dachte nach unserem Telefonat gestern, du wärst hundemüde und auf nichts weiter aus, als auf dem schnellsten Weg in dein Bett zu kommen. Jetzt weiß ich den wahren Grund.«
   »Quatsch!« Leonie erzählte Sina die Scherbengeschichte, ließ aber ihre Nachtwache aus und auch, dass sie bis vor wenigen Minuten geglaubt hatte, den Nachbarn und seinen Freund nach Hause torkeln gesehen und ihnen den Schlüsselbund gegeben zu haben.
   »Oh! Na, also, wenn du kein Interesse hast …«, Sina grinste breit, »… dann kann ich ja mal mein Glück probieren. Er wohnt im dritten Stock, sagst du?«
   Leonie nickte. Warum spürte sie diesen kurzen Stich, der sich anfühlte, als piesackte jemand ihr Herz mit einer Stricknadel? Sollte sich Sina ihn doch angeln.
   Ihre Freundin stand auf. »Ich gehe mal hoch und klingele.«
   »Er kann nicht da sein, ohne Schlüssel.«
   »Vielleicht hat er einen zweiten.« Sina schnappte sich den Schlüsselbund und huschte davon, ehe Leonie auch nur den Kopf schütteln konnte. Himmel, der Typ musste ja einen sensationellen Eindruck hinterlassen haben.
   Sie tauchte ihren Löffel in die Schüssel, rührte in der Milch, stocherte die Cornflakes noch kleiner. Lustlos aß sie zwei Löffel voll, dann schob sie die Schüssel von sich.

*

Alexander flitzte zur Tür, drückte mit dem Ellbogen die Klinke hinunter und eilte zurück ins Wohnzimmer, um den Bücherstapel abzuladen, den er auf dem unverletzten Unterarm trug. »Stell das Zeug ins Schlafzimmer«, rief er.
   Das sollte der letzte Karton gewesen sein. Ohne Lars hätte er den Umzug nicht geschafft, erst recht, nachdem er Trottel sich auch noch mit dieser Verletzung selbst ins Aus geschossen hatte. Dabei wären die Schmerzen nur halb so wild gewesen, wenn nicht diese verrückte Nachbarin ihm mit ihrem Druckverband eine Scherbe tief in den Muskel seines Handballens gedrückt hätte. Auf dem Weg ins Krankenhaus wäre er fast wahnsinnig geworden, und erst, nachdem man ihm die Hand geröntgt hatte, kam endlich ein Arzt, um ihm den dicken Splitter zu entfernen. Er hatte nicht gewusst, wie unglaublich erleichternd es war, wenn der Schmerz nachließ. Keine Sekunde zu spät, denn er hatte bereits Mordgedanken gehegt, obwohl er nicht gewusst hatte, was dieses unerträgliche Brennen und Pochen verursacht hatte. Nach dem Gespräch mit dem Arzt war er noch wütender gewesen.
   Alexander legte die Bücher auf einem Sideboard ab und schob den Stapel mit der Hüfte von der Kante zurück. Er blickte durch die Wohnzimmertür auf die noch immer angelehnte Tür im Flur. »Lars?«
   Es klopfte zaghaft.
   »Brauchst du Hilfe?«
   Die Eingangstür schwang auf. Eine junge Frau stand auf der Schwelle.
   Alexander ging auf sie zu. »Kann ich Ihnen helfen?«
   Sie lehnte sich lächelnd an den Türrahmen, streckte einen Arm aus und schwang am Finger etwas hin und her. Sein Schlüsselbund. »Ich soll Ihnen das hier bringen.«
   Jetzt erst wurde ihm klar, dass er die Blondine heute schon einmal gesehen hatte, als er vor einer Stunde im Erdgeschoss geklingelt hatte. Er nahm den Schlüsselbund entgegen und legte seine unverletzte Hand auf die Tür, schob sie halb zu. »Danke.« Mehr gab es wohl nicht zu sagen. Er wartete darauf, dass die Frau zurücktrat, um die Tür schließen zu können.
   »Wie sind Sie reingekommen?«
   O Gott. Warum wollte sie ihm jetzt ein Gespräch aufzwingen? Vorhin hatte sie ihm die Tür nicht schnell genug vor der Nase zumachen können.
   »Schlüsseldienst«, antwortete er knapp. »Ich habe gute Lust, Ihrer … Freundin die Rechnung zukommen zu lassen.«
   Sein Gegenüber lachte glockenhell. »Soll sie womöglich auch noch für Ihr Geschirr bezahlen, das sie entsorgt hat?«
   »Aber, aber«, sagte Lars, der gerade mit einem Karton in den Armen aus dem Fahrstuhl getreten war. »Wer wird denn hier gleich in die Luft gehen?« Sein Kommentar war eindeutig an die schnippische Blondine gerichtet, aber auch Alexander holte tief Luft, um seinen Frust zu dämpfen. Eigentlich hatte ihm die Nachbarin ja nur helfen wollen. Dass sie dabei mehr Schaden angerichtet hatte als ihm Gutes zu tun, hatte sie nicht wissen können. Der Schnitt hatte zwar geblutet wie Sau, aber er wäre daran nicht gestorben. Der Muskel war sogar noch unverletzt gewesen, ehe sich die Scherbe tief hineingebohrt hatte. »Schon gut«, sagte er beschwichtigend. »Ich hab’s nicht so gemeint. Richten Sie Ihrer Freundin bitte nochmals meinen Dank aus.«
   »Soviel ich weiß, gab’s da noch kein erstes Mal.« Sie grinste.
   »Ein erstes Mal?« Alexander schüttelte verwirrt den Kopf und fragte sich, was der Kommentar sollte.
   »Sie sagten, ich solle meiner Freundin nochmals Ihren Dank ausrichten. Nochmals bedeutet eine Wiederholung, aber es gab noch kein erstes Mal.«
   Lars grinste wie ein Honigkuchenpferd und versuchte, sich mit dem Karton an der Blondine und Alexander vorbeizuschieben. »Darf ich mal?«
   Alexander trat zur Seite und öffnete die Tür bis zum Anschlag.
   »Wohin mit dem Zeug?«
   »Ins Schlafzimmer.« Er wandte sich wieder der Nachbarsfreundin zu. »Okay. Ich werde es Ihrer Freundin persönlich sagen. Wenn Sie uns jetzt bitte entschuldigen …«
   »Moment!« Lars trat neben ihn. »Eine angemessene Weise, sich für die Hilfe zu bedanken, wäre doch eine nette Einladung. Wie wär’s mit einem gemeinsamen Frühstück?«
   Gott! Lars! Sein Freund ließ auch niemals etwas anbrennen. Alexander verzog das Gesicht, aber Lars bekam es nicht mit, dafür die Blondine.
   »Nein, besser nicht. Ich mag nicht plötzlich Salz im Kaffee oder verkohlte Brötchen.«
   Lars setzte sein strahlendstes Zahnpastalächeln auf. »Dann vielleicht bei einem Restaurantbesuch heute Abend? Bitte fragen Sie Ihre Freundin, ob sie uns beide«, er zeigte mit dem Finger erst auf sie, dann auf sich, »und meinen Freund Alexander begleiten möchte. Ich bin übrigens Lars.« Er hielt ihr die Rechte hin, die sie zögerlich ergriff.
   »Sina.«
   »Sehr erfreut, Sina. Bitte sagen Sie Ja. Mögen Sie Pizza? Oder stehst du eher auf Chinesisch, Japanisch, Griechisch, Jugoslawisch, Französisch …«
   »Französisch. Da gibt es …« Sie wurde puterrot, verhaspelte sich, fuhr dann aber fort. »Ich meine, es gibt da ein neues Lokal, gar nicht weit von hier. Wir können zu Fuß …«
   »Angenommen! Ist es recht, wenn wir euch um acht abholen?«
   Ihr Gesicht schimmerte noch immer in Dunkelrosa, und sie senkte den Kopf, sodass ihre langen Haare an den Seiten hinabfielen und ihre Verlegenheit halbwegs versteckten. »Okay.«
   »Also dann, bis später.« Alexander wartete nicht, bis sich Sina vollends abgewandt hatte, sondern schloss schnell die Tür. Er würde Lars erwürgen!
   Nur leider entwischte ihm sein Freund lachend ins Wohnzimmer und außerdem hätte er mit seiner verletzten Hand keine Chance gehabt, ihm tatsächlich den Hals umzudrehen. »Spinnst du eigentlich? Was denkst du dir dabei, einfach für mich eine Verabredung zu treffen?«
   Lars zuckte gleichmütig mit den Schultern. »Du bist deiner Nachbarin was schuldig. Nach dem zu urteilen, was du mir erzählt hast, muss sie Ewigkeiten gebraucht haben, um die Sauerei wegzumachen.«
   »Du weißt gar nicht, ob sie es war.«
   »Willst du runtergehen und fragen?«
   »Nein!«
   »Wieso sollte sie sonst deinen Schlüsselbund haben? Und außerdem hat der Hausmeister heute früh kein Wort gesagt, also kann er von dem Unfall nichts gewusst haben.«
   »Es könnten die Nachbarn unter mir gewesen sein.«
   »Ach komm schon, Alter. Du weißt genau, dass es die Kleine aus dem Erdgeschoss war. Und wenn ich mich nicht irre, ist sie genau dein Typ. Also, was hast du gegen ein Kennenlernen?«
   »Sie ist schuld, dass ich vor Schmerzen die Wände hätte rauf- und runtergehen können.«
   »Das hast du ganz allein zu verantworten, du Trottel. Wer stützt sich schon auf Scherben ab?«
   »Ich wäre die Treppe runtergeknallt, wenn ich nicht …«
   »Und wer belädt einen Karton so schwer mit Geschirr, dass der Boden durchreißt? Du bist selbst schuld an deinem Schlamassel.«
   Alexander wandte sich murrend ab. »Trotzdem musst du nicht gleich die halbe Nachbarschaft zum Essen einladen.« Ehrlicherweise hatte sein Freund ja recht. Die Kleine musste schwer geackert haben, um das Blut und die ganzen Scherben, die sicher bis in den Keller gefallen waren, zu beseitigen. Als er aus dem Fahrstuhl getreten war und gemerkt hatte, dass der Boden des Kartons in der Mitte nachgab, hatte er noch versucht, ihn auf dem Treppengeländer abzustellen und nachzugreifen. Es war zu spät. Die Pappe war auseinandergeplatzt wie eine Melone, die auf Beton knallt. Der Inhalt war durch den Spalt zwischen den Etagen gerauscht, vermutlich gegen sämtliche Außenkanten der Stufen gekracht und Splitter hatten sich von dort über alle Treppen bis zum Zugang zur Tiefgarage hinunter verteilt. Alexander hatte im Reflex den Karton hochgerissen – den nunmehr leeren Karton (Verdammt!) –, war von seinem eigenen Schwung gestolpert, und als er sich abfing, hatte er in die Scherben gegriffen.
   Lars hatte ebenfalls recht, dass die Nachbarin seinem Typ entsprach, doch er hatte sich geschworen, für mindestens das nächste halbe Jahr die Finger von Frauen zu lassen. Erstens würde er für diese Zeit nach Zypern gehen, um einen Brückenbau zu leiten. Zweitens stieß ihm jetzt durch den Umzug die Trennung von Sandra wieder sauer auf, obwohl er gedacht hatte, dass der Auszug aus der ehemals gemeinsamen Wohnung einen endgültigen Schlussstrich bedeutete, der ihm half, auch die letzten Erinnerungen loszuwerden. Seine Ex war schon vor vier Monaten ausgezogen. Und drittens … ach, scheiße! Es gab genügend Gründe, sich nicht drei Wochen vor der Abreise auf ein Date einzulassen. Er hatte noch genug zu tun und musste zudem hoffen, dass seine Hand bis dahin so weit verheilt war, dass sie ihn nicht bei der Arbeit behindern würde. Wenn es nur ein harmloses Essen wäre. Doch mit Lars auszugehen hieß, dass es ein Baggerabend werden würde. An den meisten gemeinsamen Abenden im vergangenen Vierteljahr hatte Lars dabei eine Frau abgeschleppt und versucht, ihn an eine andere zu verkuppeln. Sollte er gern mit dieser Sina anbändeln, Alexander würde sich ganz sicher nicht die Nachbarin schnappen.

*

»Komm schon, Leo. Du bist mir was schuldig für den versauten Samstag.«
   »Aber nicht, dass ich dafür mit dir zu einem Date marschiere, an dem ich nicht das geringste Interesse habe.«
   »Wir wollten ohnehin essen gehen. Du erinnerst dich? Wellnesstag. Massage, Friseur, Maniküre – und heute Abend leckere Sünden, die auf die Hüften schlagen.«
   »Ja, aber allein! Nur wir beide!«
   »Die Hälfte des Plans bist du mir schuldig geblieben. Wir schaffen es gerade so noch zur Maniküre. Wenn du heute Abend nicht mitkommst, werde ich Al Capone während deiner Abwesenheit zu meinem Stubentiger umerziehen.«
   »Erpresserin!«
   »Du brauchst dich nicht so anzustellen. Dein Nachbar will sich nur für deine Hilfe bedanken und dieser Lars …« Sina verzog verzückt das Gesicht. »Er ist noch traumhafter als dein Mister Right.«
   »Er. Ist. Nicht. Mein. Mister. Right. Kapiert?«
   »Jaja, ich vergaß. Du stehst nicht mehr auf dunkelhaarige Typen mit Dreitagebart und strahlend blauen Augen. Du hast ab sofort auch große, schlanke Männer mit kräftigen, aber nicht zu übertriebenen Muskeln, schmalen Hüften und einem sexy Hintern von deiner Liste gestrichen. Muss ich fürchten, dass du jetzt vielleicht Lars toll finden wirst und auf mein Beuteschema abfährst?«
   »Du bist eine Spinnerin. Ich will weder mit dem einen noch mit dem anderen …«
   »Aber mit mir! Und du wirst mir den Gefallen tun, nett sein und einfach mitkommen. Genieß das Essen, steck das Geld, das du sparst, in deine nächsten schwarz-weißen Möbelstücke, und lass uns einfach nur einen netten Abend verbringen. Was ist denn schon dabei?«
   Darauf fiel Leonie keine Antwort ein. Sie wusste selbst nicht, warum sie sich so sträubte. Sein frecher Kommentar, nur weil sie ihm etwas ausführlicher die Nachbarn vorgestellt hatte? So dermaßen ausschweifend hatte sie das überhaupt nicht gefunden. Oder war es das spöttische Lächeln, das ihr eine Gänsehaut und ein Prickeln bereitet hatte? Die blauen Augen, die sie im Traum verfolgt hatten. Ehrlich gesagt war es wahrscheinlich das Gefühl, dass dieser Mann ihr gefährlich werden könnte, das sie veranlasste, sich derart anzustellen. Sie wollte sich nicht kurz vor ihrer Abreise verlieben, wollte niemanden kennenlernen nach dem letzten Reinfall. Dabei hatte sie sich vor Monaten extra eine seriöse Partnervermittlungsagentur im Internet gesucht, hatte einige Wochen lang die Profile von Männern durchstöbert, ehe sie sich dazu entschloss, den Mitgliedsbeitrag zu bezahlen, sodass es ihr möglich war, Kontakte zu knüpfen. Mit sechs Männern hatte sie Mails ausgetauscht, sich schließlich mit einem getroffen. Und was stellte sich heraus? Die Angaben in seinem Profil waren zum Teil unwahr, sein Foto geschönt oder einige Jahre alt, seine Absichten lagen nicht in der Suche nach einer ernsthaften Beziehung. Er wollte nur schnellen Sex. Kostenlos – bis auf den Mitgliedsbeitrag. Nach der Abfuhr, die sie ihm erteilt hatte, hatte er sie wochenlang mit Mails belästigt, bis sie sich gezwungen sah, sich ein anderes Mailkonto zuzulegen und es war ärgerlich genug, dass sie all ihre Freunde benachrichtigen, ihre Zugänge in diversen Foren ändern musste, Newsletter umbestellen und, und, und. Den nächsten Versuch, hatte sie sich geschworen, würde sie frühestens wagen, wenn sie dreißig war. Mindestens. Bis dahin wollte sie lieber erst einmal ihre Karriere vorantreiben, sich etwas aufbauen, reisen. In ihrem Job als Technische Zeichnerin verdiente sie nicht schlecht. Unter ihren zwanzig Kollegen auf der Arbeit war sie eine von vier Frauen. Von den Männern waren nur fünf in etwa in ihrem Alter, und sie hatten alle eine Beziehung. Dort gab es keine Möglichkeit, jemanden kennenzulernen und abends war sie meist viel zu müde, um noch etwas zu unternehmen. Das Architekturbüro hatte im vergangenen Jahr mehrere Großaufträge an Land gezogen, und daher war es in den letzten Wochen häufiger vorgekommen, dass sie zwölf und mehr Stunden im Büro gesessen hatte. Ihr Chef hatte sich großzügig gezeigt und ihr eine satte Lohnerhöhung gegeben. Außerdem würde sie in drei Wochen für ein halbes Jahr nach Zypern gehen, um bei einem Brückenbau mitzuarbeiten.
   »Komm schon, Leo. Ich fand ihn so süß, dass ich nicht Nein sagen konnte.« Sina legte ihren Dackelblick auf. »Und es ist ja auch nicht unser letzter gemeinsamer Abend, bevor du in die Ödnis verschwindest. Ich schwöre, unseren letzten Abend in drei Wochen verbringen wir beide ganz allein.«
   »Zypern ist ein modernes europäisches Land, keine Wüste oder was immer du dir darunter vorstellst.«
   »Ja, mit knackigen Griechen, ein Adonis reizvoller als der andere. Komm schon, sag endlich Ja.«
   »Auf der Insel leben Zyprer. Eigenständige Landsleute, die mit den Griechen nur die Sprache gemeinsam haben. Oder sind Schweizer und Österreicher jetzt auch plötzlich Deutsche?«
   »Ich warte auf deine Antwort.«
   Leonie stöhnte lang gezogen. »Also gut, du Nervensäge!«
   Sinas Grinsen reichte fast von einem Ohr bis zum anderen. »Lars ist bestimmt vom Sternzeichen her Waage. Damit würde er genau zu mir passen. Das Feuerzeichen Löwe und das Luftzeichen Waage ergänzen sich in ihren Eigenschaften perfekt.«
   Leonie stöhnte erneut, diesmal noch übertrieben länger. »Wie kommst du darauf, dass er Waage ist?«
   »Ich hätte mich beinahe mit deinem Nachbarn gefetzt, obwohl wir kaum zehn Worte gewechselt hatten. Lars ist gleich beschwichtigend eingeschritten und hat die Situation mit seinem Charme ins Positive umgewandelt. Das können nur Waagen.«
   »Aha.« Ihre Freundin hatte Astrologie zu einem absoluten Hobby auserkoren und war unschlagbar darin, Charaktere nach ihren Sternzeichen zu beurteilen. Das Schlimme war, dass sie zu einem beinahe unheimlich wirkenden Großteil recht hatte. »Und dann ist der neue Mieter deiner Meinung nach ein …?«
   »Steinbock. Die Wesen eines Steinbocks und eines Löwen sind sich zu fremd. Oder Krebs, aber das glaube ich nicht, weil ich ihn nicht langweilig fand, was die meisten Löwen bei Krebsen tun. Nein, warte. Skorpion. Zwischen ihm und einem Löwen sprühen die Funken, aber eine Beziehung wird selten funktionieren. Ja, Skorpion. Darauf kannst du wetten.«
   »Klar. Fängst du schon im Vorfeld das Kuppeln an?«
   Sina zog eine Schnute. »Nur, weil er wunderbar zu dir als Fisch passen würde? Skorpione und Fische üben eine starke Faszination aufeinander aus. Du wirst schon sehen!«
   »Wenn du Arzt wärst, würde ich jetzt Quacksalber zu dir sagen.«
   Sina lachte. »Hinter der Astrologie versteckt sich viel mehr Psychologie, als du ahnst.«
   Leonie betrachtete ihre Fingernägel. »Okay. Ich komme mit, aber nur unter einer Bedingung.«
   »Und die wäre?«
   »Wir lassen den Maniküretermin auch noch sausen und ich leg mich noch zwei, drei Stunden hin. Oder du gehst allein.«
   Sina stand auf und schnappte sich ihre Handtasche. »Abgemacht. Ich bin um halb acht zurück. Um acht holen die Jungs uns ab.«

Es sollte in dieses noble, neu eröffnete französische Restaurant gehen, hatte Sina gesagt. Leonie stand vor dem Kleiderschrank und überlegte, was sie anziehen sollte. Schließlich entschied sie sich für eine schwarze Jeans, eine elegante, grau-weiß gestreifte Bluse, ihre schwarze Nappalederjacke mit dem schmeichelnd weichen Innenfutter und schwarze Pumps. Sie steckte ihr Haar am Hinterkopf zusammen und zupfte einige Fransen heraus. Auf Make-up verzichtete sie fast vollständig, benutzte nur einen Hauch Kajal. Sie hatte von Natur aus dunkle Wimpern und Augenbrauen, ihr dunkelbraunes Haar trug sie leicht aufgehellt, mit dezenten kupferfarbenen Strähnen. Dazu grünbraune Augen, mit deren Farbe sie sehr zufrieden war. Das Wenige an ihrem Körper, das nicht hätte besser ausfallen können. Je nach Lichteinfall wirkten ihre Iriden wie im Dunkeln schimmernde Katzenaugen, dann wieder strahlten sie in einem goldenen Haselnussbraun. Bei Männern jedoch bevorzugte sie blaue Augen – und ihr Nachbar hatte definitiv solche, in deren geheimnisvolle Tiefe sie sich gern hineinfallen lassen würde, darin schweben wie ein Fisch im Meer.
   Sie schüttelte den Gedanken ab. Erstens war sie nicht (mehr) auf Männersuche. Zweitens hatte sie ihn überhaupt nicht richtig wahrgenommen, konnte sich sein Gesicht nur vage in Erinnerung rufen, umso deutlicher dafür all das Blut. Drittens wusste sie noch nicht einmal seinen Namen, viertens schloss Sina gerade die Wohnungstür auf.
   Ihre Freundin hatte schon lange einen Schlüssel, so wie Leonie einen von Sinas Wohnung besaß. Was auch immer passieren mochte, sie fühlten sich sicherer, wenn sich im Falle eines Falles keine solch banalen Hindernisse auftaten. Außerdem würde Sina während der Zeit, die Leonie in Zypern verbringen würde, in ihrer Wohnung nach dem Rechten sehen und Al Capone zu sich nehmen.
   Leonie musterte ihre Freundin von Kopf bis Fuß. »Gut siehst du aus.« Ihr stand die Farbe knallrot. Es brachte ihr blondes Haar zum Leuchten und betonte ihre mandelfarbene Haut. Das Kleid reichte Sina bis knapp oberhalb der Knie, und mit ihren High Heels überragte sie Leonie um fast eine halbe Kopflänge. Als auffälligstes Make-up-Merkmal hatte Sina einen zu ihrem Kleid passenden Lippenstift aufgetragen. Sie sah Madonna zu ihren besten Zeiten nicht unähnlich, und Leonie kam sich neben ihr beinahe wie Aschenputtel vor.
   Sina ging einmal im Kreis um sie herum. »Du siehst aber auch klasse aus. Schicke Jacke, wo hast du sie her?«
   Leonie lächelte. »Galeria Kaufhof. Die hatten wirklich tolle neue Sommersachen, auch wenn nicht deine bevorzugten Labels draufstehen.« Die kleine Spitze konnte sie sich nicht verkneifen, denn Sina rümpfte in der Regel über alles die Nase, was nicht mindestens in den Modeabteilungen von Sinn & Leffers oder H & M gekauft wurde und einen angesagten Namen trug. »Du meinst also, ich kann so gehen?«
   »Klar. Wir sehen doch beide elegant aus. Bin gespannt, wie die Herren anmarschiert kommen.«
   »Ist mir egal.«
   »Schnucki, jetzt mal ab in die Küche und in den Mülleimer mit deiner schlechten Laune.« Sina schob Leonie vor sich her durch den Flur. »Du musst mir übrigens noch zeigen, wie ich dein Stepbrett an die Wii anschließe, sonst brauch ich mir das Gerät erst gar nicht auszuleihen. Du weißt ja, ich und Technik …«
   »Du lernst es nie.« Leonie lachte. »Also gut, komm. So viel Zeit bleibt uns noch, das dauert keine drei Minuten.«
   »Für einen Technikfreak wie dich«, murrte Sina, ließ sich dann aber aufmerksam den Aufbau erklären.
   »Das Ganze funktioniert kabellos und wird über Bluetooth gekoppelt. Geht komplett von allein, einfach hinstellen, einschalten, loslegen.«
   »Okay.«
   »Kann sein, dass du bald die Akkus wechseln musst.«
   »Kein Problem.«
   Es klingelte an der Tür.
   »Du gehst«, befahl Leonie.
   Sina zog sie mit sich. »Und du kommst gleich mit. Zack, schnapp dir deine Clutch und nichts wie los. Ich habe Hunger.«
   Lars und der neue Nachbar rochen gut, das war das Erste, was Leonie auffiel, als Sina die Tür öffnete. Als Zweites musste sie zugeben, dass die beiden Männer tatsächlich sehr attraktiv waren.
   »Hi.«
   »Hallo Sina.« Der Blonde wandte sich an Leonie. »Darf ich mich vorstellen? Lars Rehme.«
   »Leonie Mettler.«
   »Hallo Leonie.« Lars legte eine Hand auf die Schulter seines Freundes und schob ihn nach vorn.
   »Alexander von Aschernberg.« Er reichte erst Leonie die Hand, dann Sina.
   »Sina Käuper.«
   »Ihr seht gut aus«, startete Lars den Small Talk. »Seid ihr bereit?«
   »Klar«, sagte Sina. »Bereit zu allen Schandtaten und hungrig wie Bären.«
   »Darf ich?« Lars legte Sina eine Hand unter den Ellbogen und führte sie zur Haustür.
   Leonie wandte sich schnell ab, bevor der Herr Von-und-zu noch auf die Idee kam, sie unterzuhaken. »Ich schließe eben ab, geh ruhig schon vor.«
   Wäre das hier ein Date gewesen, hätte sie sich darüber geärgert, dass ihr Verehrer ihrer Aufforderung tatsächlich Folge leistete, aber dann wären ihr diese Worte auch nicht über die Lippen gekommen. Sie sagte, was sie meinte und meinte, was sie sagte. Zum Glück musste sie nicht länger als zwei oder drei Stunden Zeit mit diesem Mann verbringen – und in den nächsten drei Wochen würde sie ihm hoffentlich nicht mehr als flüchtig im Treppenhaus begegnen.
   Als sie auf den Bürgersteig trat, waren Sina und Lars bereits einige Meter vorausgelaufen, und Alexander wartete wenige Schritte entfernt auf sie. Mit in die Hosentaschen vergrabenen Händen, die Clutch wie eine Barriere zwischen ihnen unter den rechten Arm geklemmt, trat sie an Alexanders linke Seite. Mit der verletzten Hand konnte er ihr nicht wie dieser Lars bei Sina eine Hand unter den Ellbogen schieben – wobei … Lars Rehme zog seine Hand gerade weg und schob sie um Sinas Schultern. Begleitet von einem herzlichen Lachen der beiden zog er Sina kurz seitlich an sich heran, dann lockerte sich seine Umarmung, aber Sina machte keine Anstalten, wieder von ihm abzurücken. Also schob Lars seinen Arm zurück und sie marschierten wie ein seit Ewigkeiten vertrautes Pärchen vor ihnen her.
   »Der geht ja mächtig ran, dein Freund.« Ihn weiterhin zu siezen kam Leonie lächerlich vor. Bei der Begrüßung hatte sie ihn einer schnellen Musterung unterzogen und bestätigt gesehen, dass er in der Tat kaum älter sein konnte als sie. Zwischen zwei und fünf Jahren, schätzte sie. Ende zwanzig bis Anfang dreißig. Er sah gut aus, nachdem seine Hautfarbe zu einem normalen Ton zurückgefunden hatte und nicht mehr mit der eines Zombies in The Walking Dead zu vergleichen war. Sein braunes Haar trug er wuschelig gestylt, der Dreitagebart war einem dunklen Schatten gewichen, der seine markanten Wangenknochen betonte und das leuchtende Blau seiner Augen unterstrich. Ihr Scheitel reichte schätzungsweise bis an seinen Mund heran, er musste demnach etwa einsfünfundachtzig groß sein, vielleicht einsachtundachtzig, bedachte sie, dass sie einssiebenundsechzig maß. Ob er tatsächlich einer Adelsfamilie entstammte? Er war der erste Mensch, den sie persönlich kennenlernte, der ein »von« im Familiennamen trug.
   »Das ist Lars, wie er leibt und lebt«, sagte Alexander gelassen.
   Leonie musste einen Moment nachdenken, bis sie kapierte, worauf sich seine Aussage bezog. Sie hatte ihren Kommentar beinahe schon wieder vergessen.
   »Hey, träumst du?«
   »Nein.«
   »Keine Angst, ich habe nicht vor, dich anzubaggern.«
   »Dito«, sagte sie und warf ihm einen schnellen Seitenblick zu. Damit waren die Fronten wohl geklärt. Obwohl das Gespräch nicht gerade als charmant zu bezeichnen war, half es ihr erstaunlicherweise, sich zu entspannen. Sie fing sogar an, sich auf das Essen zu freuen, denn es war Tage her, seit sie das letzte Mal ein vernünftiges Gericht zu sich genommen hatte.
   Schon nach weiteren drei Minuten hatten sie das Lokal erreicht. Es gab einen Außenbereich, der leider noch geschlossen war. Ende Mai wollte das Wetter noch immer nicht so recht den Sommer einläuten, schon gar nicht abends.
   Lars und Sina warteten bereits.
   Alexander betrat das Restaurant und hielt Leonie die Tür auf. Nach ihr folgte Sina, zuletzt Lars. Auf dem Weg zum Tisch, den einer der beiden Männer hatte reservieren lassen, ließ Alexander ihr den Vortritt. Ein Kavalier der alten Schule, das hätte sie beeindruckt, wenn sie nicht unfreiwillig hier wäre. Viele Männer dachten heutzutage, man ließe der Frau grundsätzlich überall den Vortritt, doch bei einem Restaurantbesuch verhielt sich das tatsächlich nur in Italien so. Sie hatte erst kürzlich noch den Grund dafür gelesen. In Italien wollte man der Frau die Aufmerksamkeit der Anwesenden zuerst zukommen lassen, in Deutschland stammte die Benimmregel aus der Zeit, als es noch notwendig gewesen war, beim Betreten eines Gasthofes zunächst die Sicherheit zu kontrollieren.
   Der Tisch, zu dem sie geführt wurden, lag am Ende des Restaurants vor einem großen Rundbogenfenster, hinter dem weiches Licht einen Innenhof beleuchtete, in dessen Mitte sich ein Springbrunnen befand. In wechselndem Farbenspiel versprühte er seine Fontänen.
   Zum Glück erschien sogleich ein Sommelier, der nach ihren Weinwünschen fragte. Leonie überließ den anderen die Wahl und betrachtete den Verband um Alexanders Hand. Er sah sauber und frisch angelegt aus. Ob er die Hand vernünftig bewegen konnte, um zum Beispiel Fleisch zu schneiden?
   Die Antwort darauf erhielt sie, als er sich eine passierte Suppe mit Jakobsmuschel als Vorspeise bestellte und ein Krabbenomelett als Hauptspeise. Zum Dessert wählte er Crème brûlée.
   Seine Auswahl klang lecker und ließ sie in ihrer Entscheidung schwanken, doch sie hatte bereits die Bestellung für einen Avocado-Garnelen-Salat, Entenkeule und ein Honig-Mandel-Nuss-Parfait aufgegeben.
   Die Kellnerin mit dem süßen französischen Akzent in ihrer deutschen Aussprache entfernte sich vom Tisch.
   Alexander erhob sich. »Entschuldigt mich einen Moment. Ich muss noch einmal zur Garderobe.«
   Sie hatten ihre Jacken in einem separaten Raum gleich neben dem Eingang einer Garderobenfrau überlassen. Auch ohne Jackett wirkte Alexander gehoben gekleidet. Seine schwarze Jeans war von edler Qualität, das sah Leonie bereits am Sitz und am Schnitt. Sina hätte sicher gleich das Label nennen können. Er trug dazu ein seidenmatt schimmerndes anthrazitfarbenes Hemd, dessen oberster Knopf offen stand und ein grau-weiß gestreiftes Revers hervorblitzen ließ. Das einzig Hervorstechende an seinem Outfit war der schwarze Gürtel mit einer matten Metallschnalle, die aus zwei sich überkreuzenden Gitarren in Vintage-Optik bestand und mit dem Schriftzug Boss Orange versehen war. Sie mochte es, wenn Männer Wert auf ein gepflegtes Äußeres legten und es beherrschten, geschmackvolle Accessoires auszuwählen. Aber erstens hatte sie nicht vor, sich beeindrucken zu lassen, und zweitens hatte er wahrscheinlich eine Freundin, die ihm seine Sachen auswählte. Andererseits – wäre sie dann heute Abend nicht dabei? Schließlich wäre sie ebenfalls ihre neue Nachbarin, denn selbst, wenn die beiden nicht zusammenwohnten, würde seine Freundin doch wohl regelmäßig in ihrem Wohnhaus ein- und ausgehen.
   Alexander kam zurück und legte ein in schlichtes weißes Seidenpapier eingewickeltes Päckchen mit einer hübschen Schleife vor Leonie auf den Tisch. Er sah auf sie herab und ein Lächeln zuckte um seine Mundwinkel. »Ich möchte mich von Herzen bei dir bedanken, dass du das Chaos, das ich veranstaltet habe, beseitigt hast. Das muss dich Stunden gekostet haben.«
   Leonie stand auf. Sie wollte nicht zu ihm aufschauen, auch wenn sie dennoch den Kopf in den Nacken legen musste, um seinem Blick zu begegnen. »Nicht der Rede wert, Herr Nachbar.«
   »Wenn ich mich irgendwann einmal revanchieren kann …«
   »Vorsicht«, fiel Lars ihm ins Wort. »Er hat zwischendurch Mordgedanken gehegt.«
   »Hör nicht auf ihn«, sagte Alexander nah an ihrem Ohr. Sein Atem streifte ihre Haut und die Härchen in ihrem Nacken richteten sich unter einem wohligen Schauder auf. »Er will sich nur aufspielen.« Er rückte ihr den Stuhl zurecht und wartete, bis sich Leonie wieder gesetzt hatte.
   »Wieso denn Mordgedanken?«, fragte Leonie. Sie verstand den Zusammenhang nicht, spürte aber ein plötzliches Unwohlsein. Hatte sie etwas falsch gemacht?
   »Och«, meinte Lars salopp, »du hast nur …«
   »Sei still! Das war gestern, nicht heute, okay?«
   »Ja, was denn?«, fragte Sina neugierig. »Nun macht doch kein Drama daraus. Ich hasse Geheimniskrämerei.«
   »Na schön«, knurrte Alexander. Er griff nach Leonies Hand. »Nimm es dir nicht zu Herzen, es ist zum Glück vorbei. Du hast mir mit dem Druckverband eine Scherbe tief in den Muskel gedrückt. Deswegen hat es mich fast aus den Socken gehauen. Ich war unzurechnungsfähig vor Schmerzen und habe dich deshalb verflucht.«
   »Ach du scheiße«, rutschte es Leonie heraus und sie spürte, wie all ihr Blut in einem Affentempo in ihre Füße rauschte. »Ich … du … es tut mir leid. Wirst du … wird deine Hand völlig ausheilen?«
   »Ja, sofern sich keine Komplikationen einstellen.«
   »O Gott. Ich wollte doch nur …«
   »Schon gut. Mein Dank ist absolut ehrlich gemeint.« Alexander drückte noch einmal ihre Hand, ließ sie aber so schnell wieder los, als hätte er glühendes Eisen angefasst.
   Zwei Kellner brachten das Essen und verschafften Leonie Zeit, sich zu fassen. Am liebsten wäre sie im Boden versunken. Sie wünschte sich gleich doppelt, ihrem Nachbarn ab sofort aus dem Weg gehen zu können. So etwas Unangenehmes. Peinlich bis auf die Knochen. Sie hätte sich die Wunde erst einmal ansehen müssen, bevor sie den Druckverband angelegt hatte. Aber sie war doch keine Ärztin, nicht einmal Krankenschwester und ihr Erste-Hilfe-Kurs lag fast ein ganzes Jahrzehnt zurück. Wahrscheinlich hatte sie mit dem Druckverband richtig gehandelt, hätte ihn aber nicht direkt auf der Wunde ansetzen dürfen, oder? Gott, ihr hätte klar sein müssen, dass in diesem tiefen Schnitt und zwischen all dem Blut Scherben stecken konnten. Je länger sie nachdachte, desto mehr fiel die Unsicherheit wieder in sich zusammen. Sie hatte nichts falsch gemacht. Sie hatte die Kompresse auf die offene Wunde platziert, drei- oder viermal die Mullbinde herumgewickelt und dann eine weitere, ungeöffnete als Druckpolster daraufgelegt und mit festen Umwicklungen fixiert. »Hat der Arzt gesagt, dass ich einen Fehler gemacht habe?« In ihrem Hals steckte ein Kloß. »Ich bin mir sicher, es so im Kurs gelernt zu haben, auch wenn das zehn Jahre her ist.«
   »Nein, er hat sogar gesagt, dass du richtig gehandelt hast. Fremdkörper in Wunden dürfen nicht entfernt werden, weil es sonst noch stärker bluten könnte. Trotzdem hatte ich eine Heidenwut, einfach, weil es so geschmerzt hat. Und nach den Worten des Arztes war ich noch wütender, weil ich nun niemanden mehr hatte, den ich noch verfluchen konnte außer mich selbst.«
   »Und dann bist du mit Lars gestern Abend einen trinken gegangen?«
   Jetzt war er es, der perplex aus der Wäsche blickte. »Nein. Lars hat mich am Krankenhaus abgeholt und wir sind direkt zu ihm gefahren, weil ich nicht so spät noch bei dir auftauchen wollte, um nach meinem Schlüssel zu fragen. Wie kommst du denn darauf?«
   Leonie schüttelte den Kopf. »Schon gut.« Sie würde sich eher die Zunge abbeißen, als hier am Tisch – oder überhaupt jemandem – von ihrem Traum mit den beiden betrunkenen Torklern zu erzählen.
   »Lasst es euch schmecken«, sagte Sina und griff beherzt zu ihrem Besteck. »Sonst ist gleich alles kalt.«

Obwohl sich der Abend dank Sina und Lars noch einigermaßen locker gestaltete, war Leonie froh, als sie wieder zu Hause war. Sina hatte Lars’ Angebot angenommen, sich von ihm nach Hause bringen zu lassen und der Abschied von Alexander vor den Fahrstuhltüren war freundlich, aber kurz gewesen.
   Leonie ging ins Wohnzimmer, legte das Geschenk auf den Tisch und ließ die Jalousien herab. Sie setzte sich in den Sessel und betrachtete das Päckchen. Der Form nach hätte sie auf eine Schachtel Pralinen getippt, aber dafür war es eigentlich zu leicht.
   Wieso fühlte sie sich wie ein naives kleines Schulmädchen? Verflucht, sie hatte nichts falsch gemacht. Sie war sechsundzwanzig Jahre alt, hatte bereits einige Stufen der Karriereleiter erklommen, besaß ausreichend Selbstbewusstsein und eine gesunde Kritikfähigkeit. Wieso ließ sie sich von dieser Geschichte so weit hinunterziehen, dass sie glatt unter ihren Teppich gepasst hätte, ohne ihn auszubeulen? Immer wieder spielte sie den Abend vor sich ab, suchte nach dem Punkt, ab dem alles falsch gelaufen war. Hatte es schon begonnen, als Alexander vor der Tür auf sie gewartet hatte? Wieso hatten sie keine halbwegs nette, harmlose Unterhaltung führen können? Auch wenn sie kein Interesse daran hatte, den Abend zu wiederholen oder den Mann näher kennenzulernen, hätten sie doch zumindest freundlich miteinander umgehen können. Stattdessen hatte sie sich die ganze Zeit überflüssig gefühlt. Nicht nur wie ein fünftes Rad am Wagen, sondern als wäre sie gar nicht da. Ein Gespenst, das mit am Tisch saß, aber von niemandem wahrgenommen wurde.
   Sina und Lars schienen sich gesucht und gefunden zu haben, sie hatten den größten Teil der Unterhaltung bestritten, während sich Alexander und sie kaum zu Wort gemeldet hatten. Er war im Allgemeinen wirklich nett gewesen, und seine Entschuldigung hatte ehrlich geklungen, aber darüber hinaus hatte er kein Interesse gezeigt, ein Gespräch mit ihr zu beginnen, das über allgemeine Floskeln und das Wetter hinausging. Sie aber auch nicht, das musste sie immerhin zugeben. Dennoch ärgerte sie sich und wusste nicht einmal, warum.
   Wahrscheinlich kam sie nicht damit zurecht, dass ihr ein Mann gegenübersaß, der ihr derart die kalte Schulter zeigte. Wenn sie mit Kollegen ausging, gab es genug Gesprächsthemen, mit Freunden sowieso – und mit einem Unbekannten war sie noch nie ausgegangen, bis auf das eine Mal mit der Internetbekanntschaft. Offensichtlich hatte sie mit ihrem Nachbarn nicht die geringsten Gemeinsamkeiten, die wenigstens zu einer netten Unterhaltung ausreichten.
   Gedankenverloren griff sie nach dem Päckchen und wickelte das Geschenkpapier ab, bis sie eine neutrale weiße Schachtel in den Händen hielt. Sie schüttelte sie neben ihrem Ohr, doch das Geräusch verriet den Inhalt nicht. Leonie hob den Deckel. Sie erstarrte in ihrer Bewegung. Was zum Teufel …? Sie fischte das schwarze Etwas aus Spitze und Seide mit zwei Fingern aus seinem Bett aus knisterndem Seidenpapier. Das war ja wohl die Höhe! Wütend zog sie den String mit beiden Händen auseinander. Ein Hauch von Nichts, und im Schritt mit einem Schlitz versehen. Eine Frechheit! So eine dreiste Unverschämtheit, ihr ein solches Geschenk zu machen. Dabei hatte er sogar noch so ehrlich aus der Wäsche geguckt, als könnte er kein Wässerchen trüben. Leonie warf das Höschen in die Schachtel zurück und wischte sie mit einer heftigen Handbewegung vom Tisch. Arschloch!

Kapitel 2
Samstag, 20. Juni  – Paphos, Zypern

Die Insel empfing Leonie mit einem strahlend blauen Himmel bei herrlichen achtundzwanzig Grad im Schatten. Sogar die heiße, aber klare und reine Luft roch nach Sonne, nach Meer, nach Zitronen und Orangen, die seitlich der Terrasse ihres Ferienhauses in einem kleinen Hain wuchsen. Geradeaus erstreckte sich eine wilde Wiese bis an den Sandstrand, über den das Meer unentwegt mit seinen strahlend weißen Schaumkronen streichelte. Es sah aus wie eine zärtliche, wohltuende Massage. Leonie hörte dem einlullenden Rauschen zu und stellte sich vor, wie es in einem halben Jahr hier aussehen würde. Erst kurz vor Weihnachten würde sie abreisen, und sie hatte sich sagen lassen, dass der Sommer mindestens bis Mitte Oktober dauern würde, und dass selbst zu Weihnachten noch Temperaturen von zwanzig bis vierundzwanzig Grad herrschten. Allerdings konnten ab November heftige Gewitter und Stürme über die Insel hinwegfegen. Dann würde sich die sanfte Bewegung des Meeres zur Hand eines leidenschaftlichen Liebhabers verwandeln, der nicht mehr streichelte, sondern forderte, zugriff. Sich nahm, was er haben wollte – glutvoll, intensiv und heftig.
   O Gott! Leonie lachte und trat zurück in den Bungalow. Die Sommerhitze stieg ihr offensichtlich zu Kopfe und weckte Frühlingsgefühle, die in Deutschland schon im Keim erfroren. Vor vierzehn Tagen waren die Temperaturen zu Hause plötzlich von heute auf morgen von zwanzig auf dreißig Grad gesprungen, doch die Hitze hielt keine halbe Woche lang an, dann sank das Thermometer binnen Stunden auf sechzehn und hüpfte seitdem um zwei, drei Grad rauf und runter. Bei ihrem Abflug gestern Abend in Düsseldorf waren es sogar nur frostige acht Grad gewesen – und hier sanken die Nachttemperaturen kaum unter die Tagestemperaturen. Daran würde sich Leonie erst einmal gewöhnen müssen.
   Sie ging zurück in den Schlafraum und räumte ihre restlichen Kleidungsstücke in den deckenhohen Wandschrank, der die Garderobe einer vierköpfigen Familie hätte beherbergen können. Zum Schluss stellte sie ihre Koffer in ein freies Fach. Es war noch keine neun Uhr, und vor ihr lag ein wunderbares Wochenende, ehe sie sich am Montagmorgen mit der Bautruppe zum ersten Meeting treffen würde. Leonie schlenderte eine weitere Runde durch das Ferienhaus. Bei der Ankunft hatte sie es sich schon nicht nehmen lassen können, einen Rundgang zu machen, obwohl sie nach den vier Stunden Nachtflug zuzüglich der Anreise- und Wartezeiten am Flughafen hundemüde gewesen war. Bei Tageslicht sah alles noch freundlicher und heimeliger aus. Der Bungalow wirkte nicht wie ein Feriendomizil, sondern wie ein Wohnhaus gehobener Klasse. Es gab eine sehr gut ausgestattete Küche, in der neben einer U-förmigen Küchenzeile ein großer Esstisch Platz fand. Der Raum war doppelt so groß wie Leonies Küche daheim und mit mehr Elektrogeräten ausgestattet, als sie jemals im Leben besessen hatte. Na ja, fast. Aber es fehlte an nichts. Hinter einer der Schranktüren verbarg sich eine Waschmaschine, und der absolute Blickfang war ein Kühlschrank in amerikanischem Stil mit eingebautem Wasser- und Eiswürfelspender.
   An die Küche grenzte, abgeteilt durch einen Rundbogendurchgang, ein Essbereich mit einem weiteren Tisch für sechs Personen, dahinter schloss sich das Wohnzimmer an. Vor einem offenen Kamin stand eine Ledersitzgruppe, an der Wand hing ein Flatscreen-Fernseher. Eine fast raumbreite Fensterfront mit Schiebetüren führte hinaus auf die überdachte Terrasse und davor lag ein schätzungsweise fünf mal zehn Meter großer Pool.
   Einen Eingangsflur oder eine Diele, wie sie es aus deutschen Wohnungen kannte, gab es nicht. Trat man durch die Haustür, stand man sofort im Wohnraum. Dafür gab es zwischen Küche und Essbereich eine Tür zu einem Flur, der zu dem Schlafraum, einem Badezimmer und einem separaten WC führte. Das Häuschen war ein Traum – ein Heim, in dem sich Leonie auch dauerhaft zu leben vorstellen konnte. Die Fassade war mit großen beigefarbenen Natursteinen verkleidet, und auch eine Wand im Wohnbereich war in diesem Stil gehalten. Den Stonebuild-Charakter fand man in Zypern häufig, was den Häusern ein warmes, einladendes und gemütliches Bild verlieh.
   Leonie öffnete den Kühlschrank. Ein Lunchpaket und eine Flasche Wasser lagen im obersten Fach, ansonsten herrschte gähnende Leere. Sie trank ein Glas Wasser, hatte aber noch keinen Hunger. Obwohl sie auch die Möglichkeit hatte, im Restaurant der Hotelanlage zu essen, zu der diese Unterkunft gehörte, beschloss sie, einkaufen zu gehen. Zudem konnte sie sich dann schon einmal an ihren Leihwagen gewöhnen und sich mit dem Linksverkehr vertraut machen.
   Nicht alle Mitglieder des Teams waren derart komfortabel untergebracht, viele Arbeiter waren lokal eingestellt worden, andere wohnten in Hotelzimmern oder kleineren Apartments und teilten sich die Unterkunft mit Kollegen. Da Leonie aber die Assistentin des Bauleiters sein würde, den sie mit dem restlichen Team am Montag kennenlernen würde, musste sie zum einen mobil sein, zum anderen erwartete sie ein anstrengender Job, der durch den Komfort in ihrer knappen Freizeit ausgeglichen werden sollte. Ihr Chef war da sehr eigensinnig und hatte darauf bestanden, dass sich Leonie den Luxus zukommen ließ. Sie wäre auch mit einem normalen Hotelzimmer zufrieden gewesen und hätte nichts dagegen gehabt, das eingesparte Geld in ihrer Lohntüte zu finden. Wieder einmal grinste sie. Du bist ein Geldgeier, Leonie!
   Aber von nichts kam schließlich nichts, oder? Schließlich verdiente sie erst seit vier Jahren Geld. Davor war während ihrer Ausbildung zur Technischen Zeichnerin kaum etwas zum Sparen übrig geblieben und erst jetzt hatte sie so viel zusammen, dass sie sich die ersten größeren Wünsche hatte erfüllen können. Ihre Wohnungseinrichtung zum Beispiel. IKEA hatte Auszug gehalten – stattdessen waren individuellere Möbel eingezogen.
   Leonie zog den Fahrzeugschlüssel aus der Mappe, die ihr von einem Boten am Flughafen übergeben worden war. Die Umgebungskarte hatte sie sich schon angesehen und auch die verschiedenen Informationsbroschüren. Nicht weit entfernt gab es einen LIDL, der Weg dorthin müsste einfach zu finden sein. Sie brauchte nur die Sackgasse, an deren Ende die Hotelanlage lag, bis zur Hauptstraße zurückzufahren, rechts abbiegen, und nach drei oder vier Kilometern lag ihr Ziel auf der linken Seite. Das war für eine erste Fahrt nicht zu kompliziert. Leonie war noch nie im Linksverkehr gefahren, doch die einzige Angst, die sie hatte, war, möglicherweise verkehrt herum in einen Kreisverkehr zu geraten.
   Sie schloss die Haustür ab und schlenderte den gepflasterten Weg entlang in Richtung des hinteren Eingangs der Hotellobby. Quer hindurch war der kürzeste Weg zu dem direkt vor dem Eingang befindlichen Hotelparkplatz. Eine neue Gästegruppe war eingetroffen, die Doppeltür der Lobby stand weit offen und direkt vor den Stufen nach draußen parkte ein Reisebus. Eine gertenschlanke junge Frau mit langem blondem Haar mühte sich mit einem Koffer ab, bei dem eine Rolle gebrochen zu sein schien, gleichzeitig schleppte sie eine Reisetasche über der Schulter und eine weitere an der linken Hand.
   Leonie kam ihr zu Hilfe. »Let me help you.«
   Ein erleichterter Blick traf sie. »Danke … ähm, . Thank you.«
   »Ich spreche Deutsch. Hallo. Mein Name ist Leonie.«
   »Maja. Maja Richartz.«
   »Leonie Mettler. Freut mich, dich kennenzulernen.« Maja musste in ihrem Alter sein, und Leonie schien es angesichts der Urlaubsatmosphäre passend, einfach Du zu sagen. »Dein erster Urlaub in Zypern?«
   »Das erste Mal hier, ja. Aber kein Urlaub.«
   »Gehörst du zum Bautrupp für das Giolou-Bridge-Project?«
   Maja lachte. »Ja, woher weißt du …?«
   Leonie streckte ihr die rechte Hand entgegen. »Willkommen im Team. Ich bin die Assistentin des Bauleiters.«
   »Und ich bin die Dolmetscherin.«
   »Klasse.«
   Mittlerweile hatten sie die Rezeption erreicht und Maja sprach auf Griechisch mit einem Hotelangestellten. Kurz darauf wedelte sie mit einer Zimmerkarte. »Wäre es dreist, zu fragen, ob du noch kurz mit hinaufkommst?« Sie nickte in Richtung der herumeilenden Pagen. »Die sind alle schwer beschäftigt.«
   »Kein Problem«, sagte Leonie und schnappte sich die Reisetasche und Majas zweites Gepäckstück. »Schaffst du es mit dem Koffer?«
   »Jepp.«
   Sie betraten den Aufzug. »Woher kommst du?«, fragte Leonie.
   »Aus Weißenhorn.«
   »Ups. Nie gehört. Wo ist das?«
   »Ganz in der Nähe von Ulm, grob gesehen zwischen Stuttgart und München – oder auch zwischen Reutlingen und Augsburg.«
   »Ich komme aus Remscheid. Nordrhein-Westfalen, gute fünfzig Kilometer östlich von Düsseldorf.«
   »Da war ich schon mal auf einer Modemesse.«
   »Zufällig auf der Red Carpet? Da war ich schon häufiger.«
   »Nein, auf der Interbridge, einer Fachmesse für Hochzeits-, Braut- und Eventmoden.«
   »Bist du verheiratet?«
   »Nein, ich habe meine Schwester begleitet, sie führt ein Brautmodengeschäft. Und du?«
   »Ich bin Technische Zeichnerin mit Fortbildung zur Technikerin im Fachbereich Maschinentechnik.«
   Maja lachte. »Nein, ich meinte, ob du verheiratet bist.«
   »Zum Glück nicht.« Leonie grinste.
   »Damit ein prachtvoller Adonis dich auf der Insel der Götter erobern kann?« Maja kicherte.
   Sie erreichten das Hotelzimmer und Maja öffnete die Tür mit ihrer Codekarte.
   Leonie stellte das Gepäck vor dem breiten Einzelbett ab. »Nett hast du es hier. Mir hätte das auch gereicht.«
   »Du wohnst nicht im Hotel?«
   »Nicht direkt. Ich bewohne einen der Bungalows, die zur Hotelanlage gehören.«
   »Nicht übel.« Maja stieß einen leisen Pfiff aus. Sie inspizierte den Wandschrank und das Badezimmer.
   »Wirst du bis zum Ende der Bauzeit hierbleiben?«
   »Ja, bis zum zwanzigsten Dezember, aber ich komme schon Mitte Januar wieder her, um am nächsten Teilstück der geplanten Autobahn mitzuarbeiten.«
   »Das hat mir mein Chef auch in Aussicht gestellt, aber ich wollte mich noch nicht entscheiden. Erst mal das hier über die Bühne bringen.«
   »Ich werde für die gesamte Bauzeit hierher umsiedeln«, sagte Maja.
   »Ui. Für weitere vier Jahre?«
   »Wahrscheinlich eher fünf oder sechs. Wann ist ein Projekt schon mal pünktlich fertiggestellt worden?« Maja lachte und sang: »Über sieben Brücken musst du gehen …«
   »… sieben dunkle Jahre übersteh’n«, führte Leonie fort.
   »O bitte nicht. Keine dunklen Jahre, nur die sieben Brücken, drei Tunnel, acht Autobahnabfahrten und fünfundzwanzig Unterführungen.«
   »Ich habe an den meisten Zeichnungen mitgearbeitet. Ich finde es interessant und spannend, dass du jetzt schon planst, hierzubleiben.«
   »Ich habe Freunde hier auf Zypern, die vor acht Jahren ausgewandert sind. Und da ich nicht jünger werde, dachte ich, ich könnte schon mal ein wenig Sesshaftigkeit üben. Warum also nicht Zypern? Nach Deutschland zieht mich nichts zurück. Ich bin eine Sonnenanbeterin.«
   »Ich weiß nicht, ob ich das könnte. Das ist doch schon ein gewaltiger Schritt …«
   »Ist es dein erster Auslandseinsatz?«
   »Ja«, antwortete Leonie. »Und bei dir?«
   »Ich bin praktisch nie zu Hause, seit fünf Jahren ziehe ich von einem Ort zum anderen.«
   »Und kein Heimweh? Wie kommst du damit klar?«
   »Prima. Ich bin eine Wanderheuschrecke.«
   Leonie lachte und betrachtete Maja bewusst auffällig von Kopf bis Fuß. »Na, wie eine Heuschrecke siehst du aber nicht gerade aus.«
   Maja fiel in ihr Lachen ein. »Ich habe Hunger. Was hältst du davon, wenn wir das Restaurant stürmen? Oder musst du dich selbst verpflegen?«
   »Ich wollte gerade zu LIDL, mir einige Vorräte zulegen, aber ich kann auch im Restaurant essen, wenn ich möchte.«
   »Und? Magst du?«
   »Keine Einwände. Ich kann auch nachher noch fahren.«
   »Und ich kann die Klamotten später auspacken. Lass mich nur mal rasch im Bad verschwinden.«
   »Mach nur.« Leonie zog die Vorhänge beiseite, öffnete die Balkontür und trat hinaus. Die Aussicht war noch schöner als von ihrem Bungalow aus, weil sie aus dieser Höhe einen viel weiteren Blick genoss. Das Meer breitete sich in drei klar voneinander abgegrenzten Farbtönen bis an den Horizont aus. In Strandnähe lockte das Wasser mit einem kräftigen Türkisblau, weiter hinten folgte ein breiter Streifen in einem satten Ultramarin, dahinter verlor sich die verheißungsvolle Weite in einem kräftigen Mitternachtsblau. Die bunten Tupfer der Sonnenschirme schienen fröhlich nach ihr zu rufen. Einen Strandbesuch wollte Leonie auf alle Fälle noch an diesem Wochenende einschieben, denn sie wusste nicht, wie viel Zeit ihr ab Montag für solche Vergnügungen bleiben würde. »Du hast eine wunderbare Aussicht«, rief sie über die Schulter gewandt in den Raum hinein. »Liebst du es, an den Strand zu gehen?«
   »Sonnenanbeterin«, klang es dumpf aus dem Badezimmer. »Schon vergessen?« Maja kam heraus. »Fertig. Wenn du magst, können wir später noch eine Runde zusammen ans Wasser gehen. Und wenn du nichts dagegen hast, würde ich dich gern zu LIDL begleiten. Ich brauche noch ein paar Waschutensilien. Und Colafläschchen. Ohne die geht gar nichts. Ich hoffe nur, die gibt es hier.«
   »Aber gern. Und wenn du zukünftig was brauchst oder mitkommen willst, sag einfach Bescheid.«
   »Ich werde voraussichtlich nur ein paar Wochen im Hotel bleiben und mir in der Zeit eine Bleibe suchen. Im Dezember fliege ich dann noch mal nach Deutschland, um die Sachen auf die Reise zu schicken, die ich behalten will und meine Wohnung aufzulösen. Außerdem werde ich mir dann auch bald ein Auto kaufen. Aber bis dahin nehme ich dein Angebot sehr gern an.«

*

Alexander streckte sich auf der Sonnenliege aus. Sein Gepäck lagerte noch im Mietwagen, er hatte nur eine Badeshorts herausgefischt und sich ein Strandtuch aus seinem Bungalow geschnappt, sich umgezogen und war sofort an den Strand gelaufen. Alles andere hatte Zeit.
   Er lauschte dem Rauschen und Brausen des Wassers, und es klang wie Musik in seinen Ohren. Sieben Jahre lang hatte er keinen Urlaub mehr gemacht, es war wichtiger, seine Karriere als Bauingenieur auszubauen – und er hatte es geschafft. Ein ehemaliger Kommilitone, Inhaber des Architekturbüros Dörmann, hatte ihn auf die Ausschreibung zu diesem Projekt aufmerksam gemacht und tatsächlich hatte Alexander es geschafft, von der ausführenden Baugesellschaft als Bauleiter engagiert zu werden. Auch sein Freund Patrick Dörmann hatte eine Mitarbeiterin entsandt, eine Technikerin, die Alexander assistieren würde. Außerdem hatte er ihm die Mietwohnung empfohlen, die an einem Schwarzen Brett in seiner Firma angeboten worden war. Am Montag würde er das Team und seine künftig engsten Mitarbeiter kennenlernen. Eine Namensliste lag seit seiner Ankunft vor drei Stunden in seiner Aktenmappe, aber er hatte bislang noch keinen Blick darauf geworfen.
   Zwei Tage Entspannung. Urlaub. Er wusste, seine fehlende Bereitschaft, sich eine Pause zu gönnen, war der Grund für die Trennung von Sandra gewesen. Das – und ihre gänzlich andere Vorstellung einer gemeinsamen Zukunft. Wäre es zuletzt nach ihr gegangen, hätte er weiterhin als Angestellter seine Brötchen verdient und alsbald mit ihr eine Familie gegründet. Sandra wünschte sich zwei Kinder, wollte zur Miete in einem hübschen Reihenhaus am Stadtrand wohnen, und einmal im Jahr einen Familienurlaub möglichst an der Ostsee verbringen. Diese Vorstellungen hatte sie zu Beginn ihrer Beziehung vor vier Jahren noch nicht gehabt, damals wollte sie noch ihre Ausbildung als Floristin beenden und danach ein Gartenbaustudium beginnen. Mittlerweile war sie mit einem Oberarzt liiert und lebte in dem gewünschten Reihenhaus, das Studium war vergessen, und in Kürze würde sie stolz mit ihrem Kinderwagen durch die Siedlung spazieren und sich mit anderen Mamis zum Kinderturnen treffen. Er gönnte ihr das Glück, aber die Enttäuschung, dass sie sich während ihrer Beziehung so weit auseinanderentwickelt hatten in ihren Vorstellungen und Träumen, schmeckte trotzdem noch immer bitter.
   Es war ja nicht so, dass er sich keine Kinder und keine Familie wünschte. Aber erst in einigen Jahren. Er war neunundzwanzig, bis Mitte dreißig hatte das alles noch Zeit. Bis dahin hatte er beruflich fest Fuß gefasst, sich ein Grundkapital zusammengespart, die Voraussetzungen für eine Ehe und Kinder geschaffen – sowohl in finanzieller als auch in psychologischer Sicht. Sandra war neunzehn gewesen, als sie sich kennenlernten. Er war fünfundzwanzig, doch die sechs Jahre Altersunterschied hatten ihnen nichts ausgemacht. Als sie sich trennten, war sie dreiundzwanzig – und jetzt, kein halbes Jahr später, war sie fast schon Mami. Mal abgesehen davon, dass sie ihn betrogen hatte (sie schwor, das Kind sei nicht von ihm), fand er das wesentlich zu früh. Nicht mehr ganz nach dem Sprichwort »Wenn Kinder Kinder kriegen …«, doch für heutige Verhältnisse dennoch nicht passend. Sie hatte doch noch gar nichts erlebt. Sie war so hungrig danach gewesen, etwas mit ihm zu unternehmen, gemeinsam auszugehen, Urlaube zu machen – was er ihr stets versprochen, aber für einen späteren Zeitpunkt in Aussicht gestellt hatte. Er hatte Fehler gemacht, ganz klar. Aber Sandra hatte sich irgendwann um hundertachtzig Grad gedreht und schien nun mit ihrem Leben als Hausfrau und Mami ihre Erfüllung gefunden zu haben. Als sie einige Monate vor ihrer Trennung davon anfing, von einem Baby zu sprechen, hatte er sich völlig überfahren gefühlt. Er verstand nicht, wo ihr Lebenshunger abgeblieben war, ihre Pläne, die immer weiter in sich zusammenfielen und dem Wunsch nach einer Familie wichen. Sie gerieten immer häufiger in Streit, und es krachte so richtig heftig, als Sandra ihm mitgeteilt hatte, sie sei schwanger. Von einem anderen Mann. Sie werde ausziehen. Aus der gemeinsamen Wohnung direkt ins Heim des gerade beförderten Doktor Christian Sachteleben. Alexander hatte ihr die letzten Sachen beinahe hinterhergeworfen, unter anderem ein Geschenk, das er ihr just an diesem Abend im Anschluss an einen Besuch bei seinen Eltern hatte geben wollen, um eine erneute Annäherung herbeizuführen.
   Egal. Es war vorbei – sein Leben lag verheißungsvoll und frei vor ihm. Er konnte tun und lassen, was er wollte und würde sich für eine geraume Weile erst einmal hüten, Kontakte zu Frauen zu knüpfen. Vielleicht hin und wieder ein kurzes Vergnügen mit solchen, die seine Einstellung teilten und keine Erwartungen stellten. Nach diesem Auftrag würde er weitersehen. Ihm war in Aussicht gestellt worden, auch weitere Abschnitte des Bauprojekts zu leiten, doch er würde erst einmal diesen Brückenbau hinter sich bringen, ehe er eine Entscheidung traf. Außerdem musste er sein Können zunächst unter Beweis stellen.
   »Aaah!« Alexander sprang auf. Ein kalter Wassertropfen war auf die erhitzte Haut seines Bauches gefallen, eher ein ganzer Schwall. »Was zum Teufel …?« Er blinzelte gegen das strahlend helle Licht, das ihm auf dieser Insel viel kräftiger vorkam als zu Hause, und sah im ersten Moment nur ein freches, breites Grinsen in einem verschwommenen Gesicht.
   »Alexander von Aschernberg. Wie nett, dich hier zu treffen. Da kommen ja fast familiäre Gefühle auf. Bist du der einzige der alten Truppe?«
   Er rieb sich über den Bauch und setzte gleichzeitig seine Sonnenbrille auf. »Maja Richartz. Du freches Ding! Was machst du denn hier?«
   »Wahrscheinlich dasselbe wie du. Ich arbeite am Giolou-Bridge-Project.«
   »Willkommen im Team unter meiner Leitung.« Alexander grinste. Er war auf Baustellen bereits drei Mal in den vergangenen Jahren mit Maja zusammengetroffen, zuletzt bei einem Projekt in Kopenhagen. Tatsächlich traf sich in der Branche ein bestimmter Kern an Leuten immer wieder.
   »Ich freue mich, dass ich dieses Mal unter deiner Knute schuften darf.« Maja lachte ihn keck an. »Willst du gleich deine Assistentin kennenlernen?« Sie griff nach seiner Hand und zog ihn einfach mit sich über den Strand. Schon aus einigen Metern Entfernung winkte sie einer jungen Frau zu, die auf dem Bauch auf einer Badematte lag. »Leonie! Schau mal, wen ich aufgegabelt habe!«
   Leonie? Das weckte schmerzhafte Erinnerungen. Alexander rieb sich seine Hand an der Badehose. Er brauchte mittlerweile keinen Verband mehr zu tragen, aber die noch frische Narbe, aus der erst vor wenigen Tagen die Fäden gezogen worden waren, juckte noch häufig unangenehm.
   Die dunkelhaarige Frau hob den Kopf und legte eine Hand als Sonnenschutz über die Augen. Alexander sah, wie sie die Lider zu Schlitzen zusammenkniff. Und plötzlich jagte ein Ruck durch ihren Oberkörper und sie sprang auf.
   Maja und er waren bei ihr angekommen. »Leonie, das ist unser Bauleiter, Alexander von Asch…«
   Alexander verstand nicht genau, was Leonie stammelte, es klang nach »O Gott«. Sie riss ihr Badetuch vom Boden, wirbelte herum und rannte davon.
   Maja blickte ihr mit offen stehendem Mund nach. »Was …?« Sie plumpste auf die Bastmatte. »Kannst du dir das erklären?«
   Alexander setzte sich neben sie, zog die Beine an und umklammerte sie mit den Armen. »Leonie Mettler.«
   »Du kennst sie?«
   »Meine Nachbarin.«

*

Leonie fröstelte unter eiskalten Schaudern und schwitzte gleichzeitig Blut und Wasser unter den Hitzewellen, die durch ihren Körper jagten. In ihrem Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander wie Blätter in einem Orkan. Scheiße! Wie konnte es sein, dass ihr Nachbar plötzlich vor ihr stand? Bauleiter? Sie verstand die Welt nicht mehr.
   Sicher, sie war ein Neuling auf diesem Gebiet, nahm das erste Mal an einer Baumaßnahme teil. Sie hatte gemeinsam mit ihrem Chef Patrick Dörmann einigen Vorbesprechungen beigewohnt, wusste, dass sich der Bautrupp aus Mitarbeitern unterschiedlicher Firmen zusammensetzte, weil es kein Unternehmen gab, das all die benötigten Fachleute aus dem eigenen Personalbestand zusammenstellen konnte. Hier und dort waren auch Namen gefallen, aber nur nebensächlich. Sie war davon ausgegangen, dass sie keine bekannten Gesichter treffen würde, sondern sich als Mitglied eines komplett neuen Teams wiederfinden würde, in das sich jeder erst einarbeiten musste. Das hätte nicht das geringste Problem dargestellt. Bis jetzt!
   Sie konnte nicht mit diesem Mann zusammenarbeiten. Unmöglich!
   Dann durchfuhr sie der Gedanke, welche Alternative sie hatte? Sie wäre ihren Job los, wenn sie einfach alles hinschmiss und zurückflog. Und wenn nicht gerade das, würde ihre Karriere zumindest deutlichen Schaden nehmen. Auf keinen Fall würde sie Patrick Dörmann erzählen können, dass sie nicht mit dem Bauleiter zusammenarbeiten könne, weil ihr dieser ein schwarzes Spitzenhöschen mit einem Schlitz im Schritt geschenkt hatte.
   Mist! Mist! Mist!
   Vor Wut und Verzweiflung kamen ihr Tränen, die sie mit einer ruppigen Bewegung mit dem Handrücken wegwischte. Sie zickte herum und benahm sich dumm und unreif. Sie hätte nicht einfach davonstürmen sollen. Was sollte Maja von ihr denken? Und dieser Herr Von-und-Zu hatte nun tatsächlich einen Anlass, sie mit seinem spöttischen Grinsen zu bedenken. Ob sie sich krank stellen sollte? Durch das nächste Gebüsch strampeln, um sich einen Schlangenbiss einzufangen?
   Idiotin!
   Sie sollte sich endlich zusammenreißen. Maja würde sie vielleicht irgendwann erzählen, warum sie so kopflos reagiert hatte – je nachdem, wie sich ihr Verhältnis entwickeln würde. Ansonsten ging es sie mal rein gar nichts an. Und diesem Alexander von Aschernberg würde sie mit erhobenem Kopf und einem kühlen, professionellen Auftritt begegnen. Wie es in ihrem Inneren aussah, würde sie gut unter Verschluss halten und wenn sie ihn noch so abscheulich fand. Außerhalb der Arbeitszeiten musste sie sich nicht mit ihm befassen.
   Etwas ruhiger geworden, stand sie auf und ging ins Bad. Sie duschte halbwegs kalt – aus der Brause wollte auch bei ganz nach rechts gedrehter Armatur nur lauwarmes Wasser fließen – und zog eine kurze Jeans und ein Top mit Spaghettiträgern an. Mit ihrer Sonnenbrille auf der Nase und ihrer Handtasche unter dem Arm ging sie zum zweiten Mal an diesem Tag in Richtung Parkplatz. Dieses Mal hielten sich in der Hotellobby nur wenige Gäste auf. Ein paar ältere Damen, die an einem Tisch unter der Klimaanlage saßen und Karten spielten. Leonie erwiderte ihre Grüße mit einem Nicken und schlenderte zum Ausgang.
   Auf dem Parkplatz ging sie an den Wagenreihen vorbei und suchte nach roten Kennzeichen. Alle Mietwagen besaßen diese im Gegensatz zu den weißen und gelben Nummernschildern der Einheimischen, damit jeder die Touristen erkennen und mit Rücksicht darauf reagieren konnte, sollten sie Fahrfehler im Linksverkehr begehen. Sie drückte mehrmals auf die Fernbedienung des Fahrzeugschlüssels, bis sie einen roten Flitzer entdeckte, der brav mit den Blinkern winkte.
   Der fünftürige Ford Focus hatte erst dreitausend Kilometer auf dem Tacho. Leider war es kein Automatikwagen und es fühlte sich fremd und falsch an, mit der linken Hand zum Schaltknüppel zu greifen. Auch war Leonie zuerst auf die falsche Wagenseite marschiert, um einzusteigen. Zum Glück hatte sie niemand dabei beobachtet – es sei denn aus den Hotelfenstern, die nicht zur Meerseite hin lagen. Als Nächstes fasste sie ins Leere, um sich anzuschnallen und schüttelte über sich selbst den Kopf, ehe sie nach rechts griff. Der dritte Patzer passierte ihr, als sie an der Hauptstraße rechts abbiegen wollte und statt des Blinkers den Scheibenwischer einschaltete. Welcher Witzbold kam auf die blöde Idee, die Hebel zu vertauschen?
   Davon abgesehen schaffte sie es ohne größere Schweißausbrüche bis auf den LIDL-Parkplatz. Zum Glück hatte sie sich immer an dem fließenden Verkehr orientieren können, sodass sie das bereitgelegte Mantra »Links fahren, links fahren, links fahren« nicht in ihrem Kopf hatte abspielen müssen.
   Dass sie sich trotz der vertrauten Reklame in keinem deutschen Supermarkt befand, bemerkte Leonie gleich nach dem Eintreten. Der Eingang kam ihr falsch herum vor – und der Gang durch den Markt erfolgte in einem Rechtsbogen. In Remscheid führte der Eingang rechts herein und man durchlief die Regalreihen in einem Linksbogen bis hin zu den Kassen. Bei den Waren fielen ihr ebenfalls Unterschiede auf. Zwar fand sie einige bekannte Artikel, aber auch viele unbekannte, zum Beispiel Käsesorten, die es zu Hause nicht gab. Oliven, fertig zubereitete Salate wie Taramosalata, ein Fischrogensalat oder Tachini, eine Sesampaste. Da sie nun schon Maja nicht mitgenommen hatte, packte sie zumindest drei Päckchen Colafläschchen in den Einkaufswagen. Als Leonie in einer Schlange stand und wartete, öffnete eine weitere Kasse.
   »Dear customers. Till five is now open. Please place your items on the conveyer about.”
   »«, sagte ein junger Mann und wies auf den Gang zu Kasse fünf, um ihr den Vortritt zu lassen, obwohl er selbst nur drei oder vier Artikel auf dem Arm trug.
   Leonie lächelte und begann, ihre Einkäufe auf das Band zu legen. Es war schon auffällig, wie freundlich die Leute miteinander umgingen. Vorhin war sie etwas zu hastig um eine Ecke gebogen und beinahe einer anderen Kundin in die Hacken gefahren. Die Frau hatte Leonies Lächeln erwidert und auf ihr »Sorry« nur freundlich abgewinkt. Es war zwar bestimmt nicht ganz allgemein so, aber in Deutschland hatte Leonie schon anderes erlebt. Hier fiel es einfach auf, dass die Leute viel lächelten und fast niemand mit verkniffenen Gesichtern herumlief. Eigentlich war ihr noch kein einziger Grimmbart begegnet. Es musste an der Sonne liegen, an dem vielen Blau, an der Wärme, dass die Menschen schon mit guter Laune aufwachten.
   Auf dem Weg zurück zum Bungalow stoppte Leonie den Wagen auf einem Parkplatz, an der das Meer bis fast an die Straße heranreichte. An einem Palmenhain vorbei führte ein kurzer Weg, der in den Sandstrand mündete. Ein Schild wies dreisprachig auf gefährliche Strömungen hin und eine Zeichnung symbolisierte, wie man sich verhalten sollte, wenn man hineingeriet. Nicht dagegen anschwimmen, sondern in einem weiten Halbkreis erst in Richtung Meer und erst dann zurück zum Strand. Die Wellen waren hier viel höher als in der Bucht am Hotel, und sie rauschten nicht so schneeweiß, sondern eher graubraun heran, durchmischt mit aufgewühltem Sand.
   Die Sonne versank schon beinahe im Meer. Im Reiseführer hatte Leonie gelesen, dass die Dämmerung in Zypern viel kürzer sei als in Deutschland, was der Nähe zum Äquator geschuldet war. Sie ging zum Mietwagen zurück, holte ihr Smartphone und setzte sich in den warmen Sand. Im 30-Sekunden-Takt machte sie Fotos. Ihr erster Sonnenuntergang auf Zypern. Sie konnte regelrecht dabei zusehen, wie der Feuerball in den Fluten unterging. Mit jeder Sekunde verschwand er ein Stückchen weiter wie in einem langsam abgespielten Film, warf seine rotgoldenen Strahlen als warmen Schleier für die Nacht auf das Wasser, bis wenige Minuten später das letzte helle Blitzen nach einem Aufzucken verschwand. Zurück blieb ein orangerot gefärbter Himmel am Horizont, der sich nach oben in ein immer dunkler werdendes Blau färbte und hinter Leonie bereits Zeichen der beginnenden Nacht trug.
   Sie stand auf und spazierte zum Parkplatz zurück. Der Mond war bereits aufgegangen und die Sichel hing wie eine riesige Laterne über den dunklen Umrissen einer weit hinten liegenden Hügelkette.
   Im Auto warf sie einen Blick auf den Bordcomputer. Zehn nach sieben. Bis sie am Hotel zurück war, die Lebensmittel ausgeladen und sich umgezogen hatte, wäre es etwa Viertel vor acht. Sie beschloss, trotz ihres Einkaufs heute nicht selbst zu kochen, sondern in das Restaurant zu gehen. Das Büffet war von achtzehn bis zweiundzwanzig Uhr geöffnet, mit Glück würde sie Alexander von Aschernberg nicht begegnen. Andererseits – wenn sie das wirklich gewollt hätte, wäre sie im Bungalow geblieben und hätte sich ein paar Spiegeleier in die Pfanne gehauen. Eigentlich wollte sie ihm begegnen. Sie wollte testen, ob sie es schaffte, ihm unbeteiligt in die Augen zu blicken, ihm ihre kühle, professionelle Seite zu zeigen. Ihm einfach nur knapp zuzunicken und sich demonstrativ im entgegengesetzten Teil des Raumes einen Tisch zu suchen. Es konnte schließlich nicht sein, dass sie sich wegen eines blöden Höschens ihre Karriere ruinierte.
   Es wurde kurz nach acht, bis Leonie fertig war. Sie hatte sich hübsch zurechtgemacht, ihr Haar zu schwungvoll über ihre Schultern fallenden Wellen geföhnt und sich dezent geschminkt. Ihr weißes Maxikleid aus Chiffon fiel ihr bis über die Knöchel. Dazu trug sie weiße Plateausandalen und als einzigen Schmuck ein elegantes weiß-silbernes Collier aus Keramik und Edelstahl. Sie steckte eine Tüte Colafläschchen in ihre Clutch und verließ den Bungalow.
   Das Hotelrestaurant verfügte über mehrere Eingänge, zum einen von der Lobby aus, zum anderen aus dem Garten- und Poolbereich kommend über die große, überdachte Terrasse.
   Leonie schlenderte entlang der Poollandschaft. Die Becken waren beleuchtet, aber ab achtzehn Uhr durften sie aus Sicherheitsgründen nicht mehr benutzt werden. Sie freute sich darüber, dass ihr Bungalow über einen privaten Pool verfügte, in den sie zu jeder beliebigen Tages- und Nachtzeit hineinhüpfen konnte. Das hatte sie bereits in der letzten Nacht überlegt, weil ihr zu warm gewesen war. Heute Nacht würde sie die Gelegenheit nicht verstreichen lassen.
   Im Restaurant eilte ihr ein Kellner entgegen. »Good evening, Madam. May I have your room number?«
   »Of course. Seven – zero.«
   »Are you one of the construction team?«
   »Yes, I am.”
   »Please follow me, Madam.” Der Mann wandte sich um und eilte beflissen voran, noch ehe Leonie ihm zu verstehen geben konnte, dass sie lieber allein an einem Tisch sitzen wollte. Es war ihr jedoch zu peinlich, ihm hinterherzurufen, also folgte sie ihm.
   An dem Tisch, zu dem er sie führte, saßen acht Personen – und wie sollte es anders sein, waren auch Maja und Alexander darunter. Der Kellner zog einen Stuhl zurück, genau gegenüber ihrem Nachbarn. Leonie nahm zähneknirschend Platz. Sie lächelte den Anwesenden zu. »Hello. I am Leonie Mettler.«
   Sechs Männer stellten sich ihr vor. Als die Reihe bei Alexander ankam, legten sich Lachfältchen um seine Augen, während er sie freundlich begrüßte. So unbefangen, als wäre sie nicht heute Nachmittag kopflos davongestürmt. Einerseits war sie dankbar, dass er kein spöttisches Grinsen aufgelegt hatte, andererseits wünschte sie ihn zum Teufel, weil er einfach tat, als wäre nie etwas zwischen ihnen passiert. Als hätte er ihr niemals mit engelsgleicher Unschuldsmiene ein absolut unverschämtes, dreistes und schamloses Dankeschön-Präsent überreicht.
   »Hallo Alexander.« Sie sah gar nicht ein, ihn plötzlich zu Siezen, auch wenn er hier ihr Vorgesetzter war. Dessen Blut sie schon weggewischt hatte. Sie wandte sich rasch an ihre neue Bekannte. »Hi Maja«, grüßte sie und schüttelte fast unmerklich den Kopf, weil Maja sie mit einem Blick bedachte, den sie von Sina kannte. Was war denn nur los mit dir? Leonie zog die Süßigkeitentüte aus ihrer Handtasche und reichte sie über den Tisch. »Ich hab dir schon mal etwas mitgebracht, als kleine Entschädigung, dass ich dich vorhin doch nicht mehr mitgenommen habe. Tut mir leid.«
   »Ach wo«, sagte Maja. »Ich habe mich erst mal am Hotelkiosk eingedeckt. Aber das hier«, sie nahm die Tüte hoch und wedelte damit, »ist meine Lebensrettung. Colafläschchen gab’s da nicht.«
   »Hey«, sagte einer der anderen Männer am Tisch, »da steh ich auch drauf.«
   Maja öffnete die Tüte und reichte sie herum. Fast alle griffen zu, nur Alexander lehnte dankend ab.
   Einer der Kollegen stand auf. »Ich hole mir Nachschlag. Kommt jemand mit zum Büffet?«
   Leonie schloss sich an, froh, einer Konversation erst einmal zu entkommen. Sie füllte ihren Teller mit leckeren Häppchen, immer nur eine Gabel oder einen Löffel voll, damit sie von möglichst vielen Sorten probieren konnte.
   Am Tisch aß sie zügig und sorgte dafür, dass ihr Mund selten leer blieb. Wenn jemand sie ansprach, antwortete sie mit einem »Hm«, oder deutete auf ihre kauenden Kiefer, und endlich ließ die Neugierde nach und die Gespräche verliefen sich, ohne dass der Fokus auf ihr als Neuankömmling lag.
   Insgesamt wertete sie das Zusammentreffen bisher als Erfolg. Sie war weder unter Majas noch unter Alexanders Blicken zusammengeknickt, sie verspürte nicht einmal ein Schamgefühl für ihre Reaktion am Strand. Sollten sie einfach denken, was sie wollten.
   Sie schob ihren Dessertteller von sich und verkündete der Runde ein »Huh, bin ich voll«.
   »Magst du gleich noch mit mir auf die Terrasse kommen und ein Glas Wein mit mir trinken, Leonie?«, fragte Alexander.
   Leonie zuckte zusammen. O Gott! So hatte sie sich das nicht vorgestellt. Sie schaffte es nicht, ihr Unbehagen zu verbergen und brauchte einen Moment, um ihre Fassung zurückzugewinnen.
   »Ich lerne meine Mitarbeiter gern in einem vertraulichen Gespräch kennen. Maja war bereits vor dem Essen so nett, mir Gesellschaft zu leisten und wir kennen uns bereits von vorhergehenden Aufträgen.«
   Mist! Er hatte ihr jede Möglichkeit genommen, seine Bitte abzulehnen, indem er das zunächst privat klingende Angebot nun in eine geschäftliche Angelegenheit umgewandelt hatte. Wie würde sie dastehen, wenn sie ihm antwortete, dass der Job erst am Montag begann? »Aber sehr gern, Herr Nachbar«, antwortete sie mit einem zuckersüßen Lächeln und wandte sich an die Kollegen. »Herr Aschernberg und ich wohnen seit drei Wochen im gleichen Haus, aber wir sind uns erst ein einziges Mal begegnet.« Zu gern hätte sie erzählt, wie ihr Kennenlernen stattgefunden hatte, doch sie musste Zurückhaltung üben, um ihn als Vorgesetzten nicht in eine peinliche Situation zu bringen. Wahrscheinlich hatte sie mit diesem Hinweis auf ihr Privatleben schon zu viel gesagt, aber das war ihr im Moment egal.
   »Was für ein Zufall. Habt ihr den gleichen Arbeitgeber?«
   »Nein«, antworteten Alexander und sie gleichzeitig.
   »Wir waren beide völlig überrascht, als wir uns heute Mittag begegnet sind. Wisst ihr, da reist man nichtsahnend zweieinhalbtausend Kilometer um den Globus, um neue Menschen kennenzulernen – und wer steht unverhofft vor einem? Der Herr Nachbar!« Leonie erntete fröhliches Gelächter.
   Alexander stand auf. Er war leger gekleidet und hatte bei der Hitze auf ein Sakko verzichtet. Trotzdem sah Leonie seiner schwarzen Jeans und dem gleichfarbigen T-Shirt erneut an, dass es sich um hochwertige und elegante Modelabels handelte. Gürtel schien er zu mögen, heute trug er einen schwarzen aus leicht geriffeltem Leder mit einer silberfarben gerahmten schwarzen Schnalle und der Gravur: Giorgio Armani, Milano, Made in Italy. Sein Auftreten, das auf den ersten Blick eher nach Understatement aussah, erhielt durch solche Details den Touch eines Prahlhanses, denn zufällig wusste Leonie genau, dass es auch Armanigürtel gab, denen man ihre edle Herkunft nicht ohne Weiteres ansah. Sie hatte nämlich – angesteckt durch Sinas Labelfimmel – erst letztes Weihnachten ihrem Paps einen solchen geschenkt.
   Komischerweise hatte sie trotz ihrer Gedanken das Gefühl, Alexander unrecht zu tun. Sie spürte, dass er es nicht nötig hatte, sich in irgendeiner Form aufzublasen. Wahrscheinlich war sie ungerecht, und er fand das Design des Gürtels einfach nur schön.
   Er trat neben sie. »Bist du so weit?«
   Leonie nickte und stand auf. »Tschüss zusammen.«
   »Bis morgen oder Montag«, sagte Maja.
   Alexanders rechte Hand lag in einer leichten Berührung auf ihrem Schulterblatt, als er Leonie aus dem klimatisierten Speisesaal hinaus auf die Terrasse führte und ihr die Tür aufhielt.
   Die Hitze traf Leonie beinahe wie ein Keulenschlag. Im Speisesaal war es viel zu kühl gewesen – doch das fiel erst jetzt auf, nachdem sie sich fast zwei Stunden darin aufgehalten hatte und nun den abrupten Wechsel zu spüren bekam. Es fühlte sich nicht an, als hätte es sich auch nur ein winziges bisschen abgekühlt, und in der Nacht wirkte die Temperatur plötzlich drückend, ohne die Sonnenstrahlen auf der Haut.
   Alexander führte sie zu der Außenbar neben dem Pool. Ein Pärchen saß auf zwei Barhockern weiter hinten, und der Barkeeper wandte sofort den Blick von einem Flatscreen-Fernseher ab und kam lächelnd auf Alexander und sie zu.
   »Good evening, my lady, good evening, Sir. What would you like to drink?”
   Alexander half ihr, auf den Barhocker zu klettern. »Do you have a menu?«
   »Of course, Sir.” Er reichte eine ledergebundene Mappe an Leonie und eine weitere an Alexander.
   »Möchtest du gern einen Wein trinken oder lieber etwas anderes? Einen Drink?«
   Leonie blätterte zu den angebotenen Cocktails und brauchte nicht lange, um eine Entscheidung zu treffen. »Ich nehme einen Grasshopper.« Sahne, weiße Creme de Cacao und grüner Pfefferminzlikör. Das klang verlockend.
   Alexander bestellte sich ein Glas Bourbon.
   Fasziniert sah Leonie zu, wie der Barmixer erst Eiswürfel, dann die weiteren Zutaten zu ihrem Cocktail in einen Shaker gab und beim Schütteln eine gekonnte Show hinlegte. Er servierte ihr das Getränk in einer Cocktailschale.
   »Auf eine gute Zusammenarbeit«, sagte Alexander und hielt ihr sein Glas zum Anstoßen entgegen.
   »Ganz meine Ansicht.« Leonie trank einen Schluck. »Lecker!« Sie deutete auf Alexanders linke Hand. »Was macht die Verletzung?«
   »Alles gut verheilt.«
   Leonie beschloss, ihm zumindest beruflich eine Chance zu geben und die Sache mit dem Slip tief in einer Gedankenschublade zu vergraben. Sie hatten hier nicht privat miteinander zu tun, und wenn sie das halbe Jahr erträglich über die Bühne bringen wollte, blieb ihr wohl auch nichts anderes übrig. Trotzdem konnte sie die Verkettung von Zufällen noch immer nicht verstehen. »Wie merkwürdig, dass du als Nachbar in das gleiche Wohnhaus einziehst wie ich und dann treffen wir uns drei Wochen später an einem beinahe exotischen Ort und sind plötzlich auch noch Arbeitskollegen.«
   Alexander lachte. »Ganz so merkwürdig ist das nicht. Du arbeitest für das Architekturbüro Dörmann, nicht wahr?«
   »Ja.«
   »Patrick ist ein ehemaliger Kommilitone. Wir sind seit Jahren Freunde, sehen uns aber eher selten und meist beruflich bedingt. Er hat mich auf die Ausschreibung aufmerksam gemacht und mir außerdem die Wohnung vermittelt, weil ich einen Tapetenwechsel brauchte.«
   O Gott! Sie war auch noch selbst schuld an diesem Schlamassel. Wahrscheinlich hatte ihr Chef den Zettel vom Schwarzen Brett gepflückt, den – wer sollte es wohl sonst gewesen sein? – sie höchstselbst dorthin gehängt hatte. Und das nur, weil ihre ehemalige Nachbarin im Haus herumgefragt hatte, ob jemand jemanden wisse, der eine Wohnung suche, damit sie mit einem Nachmieter schneller aus dem Vertrag herauskomme.
   So konnte also Hilfsbereitschaft enden. Beim nächsten Mal würde sie …
   »Ich fand den gemeinsamen Abend in dem französischen Restaurant nett, hatte aber den Eindruck, du bist mir seither aus dem Weg gegangen. Hast du etwas gegen ein nettes nachbarschaftliches Verhältnis?«
   Ihre Ohren wurden leicht heiß, als sie daran dachte, dass sie sich in der Tiefgarage in eine Ecke gedrückt hatte, als sie Schritte gehört hatte und wusste, dass zu dieser Zeit keiner der anderen Nachbarn nach Hause kam. »Ich hatte viel zu tun«, antwortete sie. »Und nein, ich habe nichts gegen ein nettes nachbarschaftliches Verhältnis, aber …« … schon dagegen, dass mir ein fremder Kerl Slips mit Schlitz im Schritt schenkt. Leonie biss sich auf die Zunge.
   »Aber?«
   Sie griff nach ihrem Drink. »Ach, nichts. War eine falsche Wortwahl. Entschuldige.«
   »Okay.« Er maß sie mit einem intensiven Blick. »Dann lass es uns noch einmal klarstellen. Ich möchte dich gern kennenlernen, ich möchte ein gutes Verhältnis zu dir – als Nachbarin und als Kollegin, und ich will, dass du weißt, dass keine Anmache dahintersteckt. Ich suche keine Frau, keine Geliebte, keinen One-Night-Stand. Ich hatte nur irgendwie das Gefühl, du fürchtest genau das und gehst mir deshalb aus dem Weg. Und jetzt, wo wir für eine gute Weile miteinander auskommen müssen, würde ich einfach gern nett mit dir plaudern und hin und wieder deine Gesellschaft genießen. Ist das ein Deal?«
   Er wusste nicht, wie sehr er ihr aus der Seele sprach. Etwas Ähnliches hatte er ihr ja schon auf dem Weg zu dem Franzosen gesagt. War es nicht so etwas wie »Keine Angst, ich werde dich nicht anbaggern.« gewesen? Angst hatte sie davor nicht gehabt, eher dieses merkwürdige Gefühl, besser vor diesem Mann auf Abstand zu gehen. Sie musterte sein Gesicht. Markant. Er war nicht klassisch schön, aber mit den sanft geschwungenen Brauen, dem allgegenwärtigen Bartschatten, dem zugegebenermaßen traumhaften Blau seiner Iriden und mit den winzigen Fältchen um die Augen durchaus attraktiv. »Okay, Deal.« Irgendetwas in der Tiefe ihres Innersten warnte sie dennoch weiterhin davor, bloß nicht anzufangen, ihn nett zu finden oder sich Gedanken um sein Aussehen zu machen. Er suchte nichts, sie suchte nichts. Sie würden einfach noch einmal neu anfangen und freundlich miteinander umgehen.
   »Na dann, ! Auf dein Wohl.«
   »Auf deines.« Leonie horchte in sich hinein und stellte erleichtert fest, dass es ihr trotz des Grolls, den sie gehegt hatte, plötzlich nicht mehr schwerfiel, das Höschen in einer tiefen dunklen Ecke ihres Gedächtnisses zu vergraben.

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