„Meine Hand war schneller als ich und öffnete den Tab wieder. Die kleine Eins an der Seite starrte mich vorwurfsvoll an.“ Eine Facebook-Nachricht ihrer Jugendliebe Arndt reißt Sarah unverhofft in einen Strudel aus Gefühlen. Zwischen Erinnerungen an schöne Momente und liebevolle Berührungen, sticht immer wieder der Schmerz des Verlustes hervor. Arndt hat sie schon einmal verlassen, was sollte dieses Mal anders sein? Noch während Sarah in ihren Gefühlen forscht, erreichen sie Drohungen einer Ex-Freundin Arndts, doch ist wirklich alles so, wie es scheint? Sarah muss entscheiden, ob ihre Gefühle stark genug sind, um Arndt eine neue Chance zu geben, während ihr immer wieder neue Gründe dagegen in den Weg gelegt werden.

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Elena Swan

Elena Swan
Bianca Stark wurde 1990 in Bremen geboren und wohnt noch immer im kleinsten Bundesland Deutschlands. Nach dem Abi hat sie ein FSJ in einer Kleinkindgruppe gemacht. Dort machte es nach einer langen Pause endlich wieder Klick, und seit Beginn 2013 hat sie jeden Tag an ihren Projekten gearbeitet. Vor allem in den Bereichen Fantasy, realistisches Jugendbuch und Romance fühlt sie sich wohl. Dabei zeigt sie gerne auf, dass nicht alles immer so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Unter dem Pseudonym Elena Swan schreibt sie Romance.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

Als ich die Nachricht auf meinem Bildschirm aufblinken sah, glaubte ich nicht, dass er mir noch einmal geschrieben hatte. Nach dem, was beim letzten Mal geschehen war, bin ich davon ausgegangen, nie wieder ein Wort von ihm zu hören. Alles in mir sträubte sich, die Nachricht zu öffnen. Hatte er mich wirklich bei Facebook gesucht? Okay, schwer war es nicht, mich zu finden. Aber hatte er sich tatsächlich die Mühe gemacht? Es fiel mir schwer, das zu glauben. Auch, dass er meinen Namen noch kannte. Meinen vollen Namen.
   Ich lief vor meinem Computer auf und ab. Eigentlich musste ich einen Beitrag für meinen Blog vorbereiten. Deswegen setzte ich mich wieder hin und schloss den Facebook-Tab. Nein, ich konnte mir das nicht geben. Ich sollte mir das nicht geben. Reichte es nicht, dass er mir schon zweimal das Herz gebrochen hatte? Musste er es noch ein drittes Mal tun?
   Schnell öffnete ich den Tab wieder. Die kleine Eins an der Seite starrte mich vorwurfsvoll an. Ich müsste die Nachricht nur lesen, brauchte nicht antworten. Doch ich konnte mich nicht durchringen, auf die Konversation zu klicken. Was wollte er?
   Wahrscheinlich machte ich mir sowieso wieder zu viele Gedanken. Sicher wollte er nichts Wichtiges. Mein Mauszeiger wanderte zu dem Fenster am unteren Rand der Seite.
   Sollte ich? Ich könnte es ignorieren. Er würde es sehen, wenn ich es gelesen hätte und nicht antwortete. Ignorieren war der bessere Weg. Ich nickte und klickte auf das Kreuz an der Seite. Damit musste ich das kleine Gesprächsfenster nicht mehr sehen.
   Nur störte mich die Eins am Rand noch mehr. Ich würde noch verrückt werden. Warum musste ich auch immer alles so zerdenken? Konnte ich nicht einmal normal sein und eine Nachricht öffnen, wenn sie ankam? Irgendetwas stimmte doch nicht mit mir, wenn ich bei solch einer überraschenden Nachricht ausrastete.
   Meine Katze sprang auf den Schreibtisch und wuschelte mir mit ihrem Schwanz im Gesicht herum. Abwesend streichelte ich ihr graues Fell, was ihr scheinbar ausreichte, denn sie legte sich auf meinen Schoß und schnurrte.
   »Hm … Was meinst du? Was soll ich machen?«, fragte ich sie leise.
   Zur Antwort bekam ich ein weiteres Schnurren. Ich seufzte. Manchmal kam ich mir bekloppt vor, weil ich mit meiner Katze redete, doch die meiste Zeit war es für mich leichter, als mit Menschen zu reden.
   Eine Freundin von mir nannte meine Katze auch immer Katze, weswegen es mittlerweile zu ihrem Namen geworden war. Katze hatte die blöde Angewohnheit, wenn sie sich wohlfühlte, ihre Krallen in meine Beine zu schlagen. Ich schrie auf, als sie genau dies nun auf meinen Oberschenkeln bewies. Katze sprang von meinem Schoß auf den Boden. Sie rannte auf die andere Seite des Zimmers und schaute mich böse an. Ich fühlte mich ein bisschen schlecht, weil sie so traurig aussah.
   »Nein, komm wieder her. Wenn du willst …«
   Als Antwort legte sie sich auf den Boden vor die Heizung, starrte mich aber weiterhin an. Irgendwann sollte wirklich jemand etwas erfinden, womit man mit Tieren kommunizieren konnte. Ich würde zu gern wissen, was sie dachte, wenn sie mich so ansah.
   Mein Blick fiel wieder auf den Bildschirm. Die Ablenkung mit Katze war nur von kurzer Dauer gewesen. Ich sollte es einfach hinter mich bringen. Dann könnte ich es gut sein lassen. Vielleicht war es nichts. Wenn er fragte, ob ich ich bin, könnte ich einfach Nein sagen, und damit hatte sich die Sache erledigt.
   Ich drehte mich zurück zu meinem Bildschirm. Die kleine Eins und ich lieferten uns ein Blickduell. Da kam mir eine Idee. Vorsichtig wanderte der Mauszeiger nach oben rechts. Ich könnte mir die ersten paar Wörter ansehen, ohne die Nachricht zu lesen. Ha! Ich war ein Genie.
   Hallo Sarah, wie geht es dir so? Ich wollte …
   Das war alles? Mehr konnte ich nicht sehen? Ich verdammte das blöde Häkchen bei Facebook, das mich verraten würde. Tief durchatmen, Sarah. Zumindest wusste ich, dass er sich sicher war, die Richtige gefunden zu haben. Ansonsten wäre das doch die erste Frage gewesen, oder?
   Ich warf meinen Kopf in den Nacken, wobei die kleinen Glöckchen an meinen Ohren ein leises Klingeln vermeldeten. Wie konnte man nur so durchdrehen? Katze kam zurück auf den Schreibtisch gesprungen. Sie schaute mich an und leckte mir einmal durchs Gesicht.
   »Soll mich das jetzt aufmuntern?«
   Ein Mauzen kam von ihr zurück.
   Ich konnte mir nicht vorstellen, was er wollte. Vor allem jetzt. Wieso? Ich öffnete einen neuen Tab und gab seinen Namen bei Google ein. Arndt Sandermaier. Vielleicht brauchte er eine Niere und hoffte, dass ich ein kompatibler Spender war? Horrorstorys setzten sich in meinem Gehirn fest, bevor Google Ergebnisse ausspucken konnte.
   Auf den ersten Blick fand ich nicht viel. Ein paar Fotos von seiner Band, die ich mir besser nicht ansah, ansonsten würde ich nur weich werden. Anscheinend hatte er das Schlagzeugspielen nicht aufgegeben. Ein Grinsen huschte über meine Lippen. Es freute mich immer zu sehen, wenn Leute ihren Träumen nachgingen, selbst wenn es jemand wie Arndt war. Ich suchte weiter, fand jedoch nichts. Sein Facebook-Profil war privat, aber er hatte mir eine Freundschaftsanfrage geschickt. Wenn ich die annahm, würde ich auch auf seine Nachricht antworten müssen.
   »Ah, ich glaub, ich werde verrückt.«
   Ich stand auf und ging in die Küche. Auf dem Weg dorthin stolperte ich über meinen Nähkasten, den ich gestern nicht mehr ordentlich weggepackt hatte. Manchmal war es nicht leicht, in einer Do-it-yourself-Wohnung zu wohnen.
   Wenigstens konnte ich damit meinen Unterhalt finanzieren, also war alles gut. Zu Beginn hätte ich nie gedacht, wie viele Menschen etwas über Do-it-yourself wissen wollten, doch mein Blog wurde schon nach wenigen Monaten regelmäßig besucht. Schnell fand ich Sponsoren, und mittlerweile verdiene ich das meiste Geld damit. Ab und an half ich bei meiner Mutter im Büro aus, um noch einen Bonus zu bekommen. Es lief gut für mich, und ich war jeden Tag dankbar dafür.
   Nun sollte das alles durcheinandergebracht werden, weil Arndt mir schrieb? Ich griff nach dem grünen Kochlöffel und schmetterte ihn in einen der sauberen Töpfe, die ich schon auf dem Herd stehen hatte. Ich stapfte in der Küche auf und ab, bis mir auffiel, dass kein Wasser in dem Topf war. Auch den Herd hatte ich nicht angeschaltet. Die bunten Verzierungen an meinen Nudelgläsern schienen sich mit ihrer Fröhlichkeit über mich lustig zu machen. Am liebsten hätte ich sie alle gegen die Wand gepfeffert. Stattdessen ließ ich den Herd aus und ging zurück zu meinem Computer.
   Ich würde keine Ruhe haben, bevor ich die Nachricht nicht las. Es würde mich nicht loslassen, bevor ich nicht wüsste, was Arndt von mir wollte. Meinen Tag würde ich mir sicher nicht von ihm vermiesen lassen.
   Ich schaute auf meine To-do-Liste, die direkt neben meinem Bildschirm hing. Es war alles durchgestrichen. Natürlich musste ich genau heute so fleißig sein, dass ich nichts anderes mehr zu tun hatte. Zum Kochen hatte ich keine Ruhe. Außerdem zu viel Angst meine Küche abzufackeln, weil ich zu sehr in Gedanken versunken war. Vielleicht könnte ich meinen Schreibtisch aufräumen?
   Die Stifte waren alle in ihrem Becher, die Schere ebenfalls. Kleber, Bänder und alles andere, was ich für die kleineren Projekte brauchte, waren sauber verstaut. Katze streifte um meine Beine und mauzte mich fordernd an.
   »Okay, ich mach ja schon«, murmelte ich vor mich hin.
   Ich legte meine Hand zitternd auf die rote Maus. Lange hatte ich gesucht, bis ich eine fand, die zum Rest der Wohnung passte. Mit der wilden Farbwahl für alles, konnte ich mir keine graue oder schwarze Maus zulegen. Ein letztes Mal starrte ich auf die grüne Wand hinter meinem Bildschirm. Es kam nichts dazwischen. Nichts, was mich daran hindern würde, die Nachricht zu lesen. Die Welt meinte es heute nicht gut mit mir.
   Also öffnete ich sie. Meine Augen flogen über die Nachricht, übersprangen Zeilen. Ich erfasste die grobe Aussage. Ein schnelles Pochen startete in meiner Brust. Mein Herz verriet meine Aufregung. Instinktiv knetete ich meine Hände. Die Gedanken überschlugen sich, und ich entschied mich, die Nachricht noch einmal zu lesen. Dieses Mal langsamer als zuvor.
   Hallo Sarah, wie geht es dir so? Ich wollte fragen, ob du schon die Einladung für das fünfzehnjährige Grundschul-Klassentreffen bekommen hast? Ich weiß, ich habe beim letzten Treffen kein gutes Bild von mir hinterlassen, aber ich muss oft an dich denken. Ich würde gern mit dir zusammen zum Klassentreffen gehen. Melde dich doch bitte. Arndt.
   Ich hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Klassentreffen? War es wieder so weit? Beim letzten Mal war kaum jemand gekommen, weswegen ich angenommen hatte, dass es keine Wiederholung geben würde. Mein Blick fiel auf die kleine Uhr am Rande des Bildschirms. Es war kurz vor drei. Der Postbote sollte längst da gewesen sein. Ich wusste sowieso noch nicht, was ich antworten sollte, also stand ich auf, um nachzusehen.
   Als ich meine Haustür öffnete, konnte ich auf die Briefkästen sehen, und bei mir war eindeutig etwas drin. Ich wusste nicht, ob ich beten sollte, eine Einladung zu haben oder nicht. Wenn ich eine hätte, wüsste ich zumindest, dass der Vorwand stimmte. Theoretisch könnte es so weit sein, obwohl ich mir dadurch extrem alt vorkam. Wenn nicht, könnte ich ihn ignorieren. Wobei, könnte ich das nicht auch so? Mein Innerstes lachte mich aus. Ich war viel zu neugierig und würde mich immer ärgern, wenn ich seine Nachricht ignorierte.
   So schnell es in meinen Eulen-Puschen ging, machte ich mich durchs Treppenhaus auf zum Briefkasten. Es waren nur ein paar Schritte, aber sie kamen mir wie ein Marathon vor.
   »Ah, Frau Schmidt«, hörte ich eine bekannte Stimme.
   Ich steckte meinen Schlüssel in den Briefkasten, drehte mich um und versuchte so freundlich wie möglich zu lächeln. Ich war mir absolut unsicher, ob es klappte oder man mir meine Nervosität ansah. »Herr Korte, hallo.«
   Mein Vermieter stand in einem Anzug vor mir. Seine dunklen Haare lagen eng an seinem Kopf an, der südländische Touch in seiner Haut ließ ihn noch mehr erstrahlen. Ich konnte nur hoffen, nicht rot zu werden, denn wenn ich ehrlich war, fand ich ihn unglaublich gut aussehend. Wenn ich ein wenig älter wäre und er keine Frau hätte, na, wer weiß, was da alles passieren könnte. O Gott, Sarah. Du kannst doch jetzt nicht über so etwas nachdenken. Und da spürte ich die Hitze schon in meinen Wangen.
   »Am nächsten Wochenende kommen die Handwerker, um das Treppenhaus zu sanieren. Dadurch kann es sehr laut werden.«
   »Kein Problem, ich habe ja Kopfhörer.« Was sagte ich da bitte schön? Fehlte nur noch, dass ich ihm verschwörerisch zuzwinkerte.
   »Gut, ich wollte gerade den Zettel dafür aufhängen. Schönen Tag noch.«
   Ich nickte ihm zu, schnappte mir schnell meine Post aus dem Briefkasten und verschwand in meiner Wohnung. In meinen sicheren vier Wänden ließ ich mich gegen die Tür sinken. Spontane Interaktionen mit Menschen waren mal so überhaupt nicht mein Ding. Ich konnte einfach keinen Small Talk und schon gar nicht, wenn ich nicht darauf vorbereitet war.
   Gerade wollte ich durch meine Briefe gehen, als es klopfte. Ich atmete tief durch, bevor ich die Tür öffnete.
   »Ja?«, fragte ich.
   Herr Korte stand davor und hielt meinen Schlüssel hoch. »Den haben Sie im Briefkasten vergessen.«
   Katze kam angelaufen und blinzelte meinen Vermieter verschlafen an. Er reichte mir meinen Schlüssel, kniete sich hin und streckte Katze seine Hand hin, die sie sogleich erschnüffelte.
   »Nicht beleidigt sein, wenn sie weggeht. Normalerweise mag sie keine …« Katze schnurrte und ließ sich direkt von Herrn Korte streicheln. »Ich glaub das nicht«, flüsterte ich.
   »Anscheinend bin ich ein Sonderfall.« Er schaute mir in die Augen und setzte ein riesiges Lächeln auf, das keineswegs gespielt wirkte. Vorsichtig nahm er Katze auf seinen Arm.
   »Ihr Anzug«, sagte ich und spielte schon mit dem Gedanken, eine Fusselrolle zu holen.
   »Ach, das ist kein Problem. Sie kann ja nichts dafür. Wie heißt die Schönheit denn?«
   Flirtete mein Vermieter gerade mit Katze? O Gott, er hatte nach ihrem Namen gefragt. Normalerweise störte es mich nicht, jemanden ihren Namen zu verraten, aber irgendwie war es nun doch peinlich. »Katze.« Mehr brachte ich nicht heraus. Ich versank vor Peinlichkeit beinah in den Boden.
   »Lustig. Da hat es sich dein Frauchen aber einfach gemacht, was?«, sagte er in einer hohen Stimme.
   Stand da wirklich mein superseriöser Vermieter vor mir?
   »Wenn Sie mal jemanden brauchen, der auf Katze aufpasst, können Sie sich gern melden.«
   Viel konnte ich dazu nicht sagen, deswegen nickte ich nur erstaunt. »Es tut mir leid, aber ich müsste auch …« Ich trat von einem Fuß auf den anderen und hoffte, dass er den Wink mit dem Zaunpfahl verstehen würde.
   »O ja, entschuldigen Sie. Sie haben sicher noch viel zu tun.«
   Ich nickte, obwohl es nicht stimmte. Alles, was ich machen musste, war meine Post durchzugehen und zu verstehen, was Arndt von mir wollte. Den Blogeintrag würde ich heute sowieso nicht mehr schreiben können. Herr Korte ließ Katze wieder auf den Boden zurück. Er streichelte ihr noch über den Rücken, bevor er sich verabschiedete. Als ich die Tür schloss, schaute Katze mich böse an, ganz so, als hätte ich ihr ihren persönlichen Assistenten weggenommen.
   »Ich streichle dich nachher, okay?«
   Beleidigt setzte sich Katze vor mir auf den Boden und begann sich zu putzen. Ich seufzte. Wie konnte man sich sogar mit seiner Katze streiten?
   Ich schüttelte den Kopf und ging zurück zum Schreibtisch. Als ich an meinem offenen Bücherregal vorbeikam, rutschte ich beinah aus, weil ich mich vor dem lauten Pling von Facebook erschreckte. Gerade konnte ich mich noch am Regal festhalten, wobei ich aber den ersten Harry Potter-Band auf den Boden warf. »Tut mir leid«, sagte ich und hob das Buch auf.
   Misstrauisch starrte ich auf meinen Bildschirm. Ich betete, dass es eine Freundin war, die mir geschrieben hatte, doch diese Bitte wurde nicht erhört. Als ich näher kam, konnte ich sehen, dass es das Gesprächsfenster mit Arndt war, das blinkte. Ich ließ die Schultern hängen, als ich mich auf meinen Bürostuhl fallen ließ.
   Die Briefe legte ich neben meine Tastatur. Ich musste zuerst sehen, was Arndt geschrieben hatte, bevor ich sie durchsehen konnte.
   Sarah? Bist du da? Ich habe gesehen, dass du die Nachricht gerade gelesen hast.
   Verdammtes Facebook. Hatte Zuckerberg denn keine Ahnung von Privatsphäre? Ich musste mir ein Lachen verkneifen bei der Frage. Kopfschüttelnd griff ich nach dem Stapel Briefe. Es war kurz nach Monatsanfang, weswegen es ein paar mehr waren. Die ersten drei konnte ich weglegen, das waren die Bezahlungen für meine Blog-Promotions, die ich im vergangenen Monat gemacht hatte. Ein weiterer Brief war Werbung. Außerdem zwei neue Angebote für meine Seite. An manchen Tagen fühlte ich mich unter all den Angeboten zerdrückt. Es war schön, nicht mehr jedes annehmen zu müssen, aber es war auch schwer, schöne Angebote abzulehnen.
   Als Letztes fand ich den Brief, vor dem ich Angst hatte. Ich kannte die Absenderin. Seit knapp drei Jahren hatte ich nicht mehr mit Melanie gesprochen, um genau zu sein, war es beim letzten Klassentreffen gewesen. Es konnte nur die Einladung sein, von der Arndt gesprochen hatte. Dieses Mal würde es eine runde Zahl sein, vielleicht würden da mehr kommen. Ich öffnete den Brief mit zittrigen Händen, zog die Karte heraus. Kleine Schmetterlinge waren am Rand ausgestanzt worden. Wenn ich nicht so aufgeregt gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich noch darüber gestaunt. Das letzte Mal war die Einladung eine simple Facebook-Nachricht gewesen. Ich klappte die Karte auf und mir flog eine Feder entgegen. Katze kam sofort angelaufen, um die Feder als Spielzeug zu beanspruchen. Ich ließ sie.
   Die Karte war in einem simplen Schwarz-Weiß-Design. Ich schaute auf das Datum. Das Klassentreffen würde in drei Monaten stattfinden. Es sollte ein Ball sein. Die gesamte Schule versammelte sich. Ich schaute die Karte ungläubig an. Wo sollte man Ende November ein schönes Ballkleid auftreiben? Normalerweise bestellte ich alles im Internet, aber bei Kleidern wollte ich sie gern vorher anprobieren. Ich seufzte. Nicht einmal auf meinem Abiball war ich gewesen, wieso sollte ich also hier hingehen?
   Ein erneutes Pling riss mich aus meinen Gedanken. Arndt hatte wieder geschrieben.
   Bitte antworte mir. Ich möchte mich wirklich gern entschuldigen, auch wenn du nicht mit mir zum Klassentreffen gehst.
   Ich legte meine Hände auf meine Tastatur. Überlegte, was ich schreiben sollte. Begann zu tippen, löschte es wieder.
   Ha, ich wusste doch, dass du da bist, schrieb Arndt.
   Natürlich! Ich hatte vergessen, dass man sehen konnte, ob jemand tippte. Ein weiterer Fluch über Facebook drang mir über die Lippen und ich beschloss, dass es nichts mehr gab, was mich aufhalten konnte. Hallo, tippte ich in das Fenster.
   Hallo Sarah :), kam es prompt zurück.
   Sein Smiley regte mich auf. Ich spürte dieselbe Wut, wie vor drei Jahren in mir. Spürte, wie ich anfing zu kochen. Doch gleichzeitig zog die Unruhe wieder in meinen Körper. Der Schmerz. Eigentlich hatte ich gedacht, darüber hinweg zu sein, aber dafür hatte ich noch zu oft an ihn gedacht. Was willst du?, fragte ich ihn.
   Ich möchte mich entschuldigen. Ich war ein Idiot.
   Ich lachte laut auf. Das war die Untertreibung des Jahres. Er war nicht nur ein Idiot gewesen, er war das größte Arschloch der Geschichte gewesen. Reichlich spät dafür.
   Ich weiß, aber ich habe mich verändert.
   Er tippte immer noch, hörte dann wieder auf, bevor er erneut begann. Ich konnte seinem Gedankenspiel zusehen. Es blinkte Arndt tippt auf, nur um wieder zu verschwinden. Einen Moment fragte ich mich, ob ich ihm glaubte. Glaubte ich diesem Mann, dass er sich verändert hatte? Seitdem er mir vor drei Jahren mein Herz herausgerissen hatte, war ich nur in einer festen Beziehung gewesen, in der ich mich nie wirklich fallen lassen konnte.
   Meine beste Freundin Nieke versuchte immer wieder, mich zu verkuppeln. Ich hatte sogar zugesagt. Ihr versprochen, mich demnächst mit einem ihrer Kommilitonen zu treffen. Es war, als hätte Arndt das geahnt und mich extra deswegen angeschrieben. Als hätte er gemerkt, dass ich drohte, seinem Griff zu entkommen und er mich erneut festzurren müsste. Ich lachte mich aus. Ich wies Arndt also übernatürliche Kräfte zu, anstatt zu glauben, dass er sich verändert hatte. Sagte das etwas über mich oder über ihn aus?
   Mein Blick lag noch auf dem kleinen Fenster, als er wieder zu tippen begann. Obwohl ich es hätte erwarten müssen, zuckte ich bei dem Pling zusammen.
   Können wir uns treffen? Ich würde es dir gern persönlich sagen.
   Ich starrte die Nachricht an. War das dreist? War es ehrlich? Was sollte ich glauben? Wie sollte ich mich mit ihm treffen? Ich hatte ihn seit Jahren nicht gesehen. Er hatte kein Wort mit mir gewechselt. Und jetzt sollte ich einfach so einem Treffen zustimmen? Ich weiß nicht, tippte ich. Löschte es, bevor ich es absendete. Warum sollte ich dem zustimmen?, schickte ich ab.
   Normalerweise bemühte ich mich, nett zu sein, aber jetzt musste ich mich schützen. Ich griff nach meinem Blackberry, suchte die Nummer von Nieke und rief sie an. Das Tuten der Leitung wirkte unendlich, bis sie ans Telefon ging.
   »Sarah? Was ist los? Ich habe nicht viel Zeit, ich muss gleich zur Uni.«
   »Arndt hat mir geschrieben«, sagte ich.
   »Okay, ich bin in zehn Minuten da. Ignorier ihn solange!« Nieke legte auf.
   Ich schaute auf meinen Bildschirm und beschloss, ihrem Rat zu folgen. Mit einem Klick schaltete ich den Ton aus und dann auch den Bildschirm. Ich schnappte mir eins meiner Bastelmagazine und ging damit zum Sofa. Katze kam ebenfalls angelaufen. Sie hatte noch Reste der Feder am Maul, die ich ihr wegnahm, bevor sie sich an meine Beine kuschelte. Ich blätterte abwesend in dem Heft herum, während sich meine Gedanken darum bemühten, sich so viele verschiedene Szenarien wie möglich auszumalen.

Kapitel 2

Die zehn Minuten, bis Nieke endlich vor der Tür stand, kamen mir wie zehn Stunden vor. Sie hatte einen Becher Eis dabei und eine Packung Taschentücher.
   »Wie schlimm ist es?«, fragte sie.
   Einen Moment war ich erbost, aber dann dankbar. Nieke hatte meinen Schmerz vor drei Jahren hautnah erlebt. Sie hatte gesehen, was für ein Wrack ich gewesen war. Arndt war meine erste große Liebe gewesen. Eigentlich meine Grundschulliebe, die ich danach noch einmal getroffen und mir eine zweite Chance erhofft hatte. Sie wusste, wie sehr mein Herz an ihm hing, obwohl ich es längst hätte aufgeben sollen. »Ganz so schlimm ist es noch nicht. Im Februar ist ein Klassentreffen. Er hat gefragt, ob ich mit ihm hingehe.«
   Nieke klappte der Mund auf. Es war nicht leicht, sie sprachlos zu machen, doch in diesem Moment fehlten ihr die Worte. »Wie bitte? Wer glaubt er eigentlich, wer er ist?«
   »Er sagt, er hätte sich verändert«, warf ich ein.
   »Du glaubst ihm doch nicht etwa?«
   Sie hatte das Talent, auszusprechen, was ich mich fragte. Ich zuckte nur mit den Schultern und ließ sie endlich in die Wohnung.
   »Katze«, rief sie und machte Schmatzgeräusche mit ihrem Mund.
   Sogleich kam Katze angetrottet, um sich von Nieke durchkraulen zu lassen.
   »Sie hatte heute schon eine Portion Streicheleinheiten. Mein Vermieter hat mit ihr geflirtet.«
   »Der Heiße?«
   Ich spürte mich rot werden und nickte. Nieke würde ich eh nichts vormachen können.
   »Und?« Sie zwinkerte. »Wollte er dich auch streicheln?«
   »Nieke!«
   »Sorry, du weißt doch, wie ich das meine.«
   »Er hat eine Frau und Kinder. Ich habe ihn getroffen, als ich zum Briefkasten gegangen bin.«
   Nieke warf mir einen vielsagenden Blick zu, den ich, so gut es ging, ignorierte. Sie warf ihre Stiefel in eine Ecke und hing ihre Lederjacke an meine Garderobe. Den Hut, den sie auf ihrem Kopf trug, ließ sie dort. Das war Nieke. Unter dem Hut versteckten sich ihre knallig pink gefärbten Haare. Das hatte sie gerade letzte Woche erst gemacht, weil sie beweisen wollte, dass es sie nicht interessierte, mit welcher Haarfarbe sie herumlief. Seitdem trug sie auch den Hut. Ich versuchte, ihr dort keinen Zusammenhang zu unterstellen.
   »Okay, zurück zu deinem eigentlichen Problem.« Nieke warf sich auf meinen Schreibtischstuhl, ganz so, als wäre sie hier Zuhause.
   Was sie in gewisser Hinsicht war. Nieke hatte einen Schlüssel für meine Wohnung, sie wusste, wo alles stand. Sie gehörte quasi zum Inventar.
   Ich nahm einen anderen Stuhl von meinem Basteltisch, auf dem immer noch verschiedene Schleifenbänder verstreut lagen. Bevor ich von Arndts Nachricht abgelenkt wurde, arbeitete ich an einem Karten-Bastelset, das ich geschickt bekommen hatte. Zum Glück hatte ich noch knapp einen Monat Zeit dafür. »Eigentlich ist es noch kein Problem«, begann ich.
   »Sobald der Name Arndt fällt – sei froh, dass du mir das Versprechen abgenommen hast, ihn bei seinem Namen zu nennen –, gibt es auch ein Problem.«
   Nieke grinste mich an. Sie wollte mir helfen, das wusste ich, aber gleichzeitig fühlte ich mich bemuttert. Das Eis hatte sie neben meine Tastatur gestellt, obwohl sie wusste, dass ich das nicht mochte. Vorsichtig nahm ich es hoch und legte ein Tuch darunter.
   »Entschuldige«, sagte sie. »Ich will nur nicht, dass es dir wieder schlecht geht.«
   »Hm.« Eigentlich war ich Nieke dankbar dafür, dass sie herkam und die Uni für mich sausen ließ.
   »Was hat er denn geschrieben?«
   »Er hat gefragt, ob wir gemeinsam aufs Klassentreffen gehen, und danach wollte er sich entschuldigen, aber persönlich.«
   »Er will sich mit dir treffen?«
   Meine Ohrringe klimperten zum Takt meiner Kopfbewegung. »Ja.«
   »Kannst du die Dinger rausnehmen? Die lenken mich vollkommen ab.«
   Nieke wies auf meine Ohrringe. Normalerweise würde ich dem Wunsch nicht nachkommen, aber es war Nieke, und für sie tat ich es. Ich legte sie in eine kleine Schachtel, die neben dem Stiftebecher stand. Wenn ich sie liegen ließ, wäre nur Katze gekommen und hätte mit ihnen gespielt.
   »Hat er noch irgendwas gesagt seitdem?«
   Ich zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung, du hast gesagt, ich soll ihn ignorieren, bis du da bist.«
   »Dann lass uns mal nachsehen.«
   Ich griff an Nieke vorbei und schaltete den Bildschirm wieder an. Sofort sah ich die neuen Nachrichten von Arndt.
   Ich weiß, dass du keinen Grund hast, mir diese Chance zu geben und ich auch nicht das Recht habe, dich darum zu bitten, aber ich muss so oft an dich denken. Ich fühle mich schlecht … Wie ich dich behandelt habe …
   Sarah? Bist du noch da?
   Ich kann verstehen, wenn du nicht antworten willst.
   Tut mir leid, dich belästigt zu haben. Wenn du es dir anders überlegst, kannst du mir hier einfach schreiben.
   Es tut mir wirklich leid, Sarah. Ich habe mich geändert und würde es dir echt gern zeigen.
   Nieke las die Nachrichten genauso schnell wie ich, sodass wir uns gleichzeitig ansahen, als wir durch waren.
   »Wow«, sagte sie nur.
   Sie lehnte sich zurück in den Stuhl, wobei ihr Hut ein wenig verrutschte. Ich stimmte in ihr Wow ein. Noch immer hatte ich keine Ahnung, was ich denken sollte. Natürlich könnte ich Arndt glauben. Ich könnte ihm glauben, dass er sich geändert hatte. Mich mit ihm treffen, um mich davon zu überzeugen. Doch genauso gut, könnte ich es sein lassen und ihn weiterhin aus meinem Leben gestrichen haben.
   »Was willst du tun?«, fragte Nieke nach einigen Minuten der Stille.
   Ich schaute mich Hilfe suchend nach Katze um, doch die saß auf ihrem Kratzbaum neben dem Schreibtisch und schaute uns zu. Anstatt etwas zu sagen, gab ich Nieke die Einladung zum Klassentreffen.
   »Oh, ein Ball? Das ist cool. Du könntest deinen Abiball nachholen.«
   Sie meinte es als Scherz, doch mir versetzte es einen Stich. Obwohl ich es mir nie anmerken ließ, störte es mich, dass ich mich damals nicht auf meinen Abiball getraut hatte. »Was sagst du zu den Nachrichten?«, versuchte ich, das Thema wieder auf Arndt zu lenken.
   »Ich weiß nicht. Ich glaube nicht daran, dass sich Menschen ändern, aber ich glaube an zweite Chancen.«
   Ich nickte. Es war oftmals so, dass Nieke verschiedene Theorien vertrat, die sich widersprachen, aber es machte Sinn, wenn sie es erklärte.
   »Er hatte seine zweite Chance und hat sie nicht genutzt«, warf ich ein.
   »Findest du wirklich, du kannst ihm vorwerfen, was er als Junge in der Grundschule getan hat? Wofür er nicht einmal etwas konnte, weil seine Eltern weggezogen sind?«
   Ich schaute Nieke erstaunt an. »Was ist denn mit dir los? Ich dachte, du bist Team Anti-Arndt.«
   »Bin ich auch, aber ich bin auch Team Pro-Sarah, und du solltest dich ansehen. Du strahlst.«
   Instinktiv wollte ich Nieke widersprechen, doch da war dieses Gefühl tief in mir drin, dass sie recht hatte. Obwohl ich die Nachricht zunächst nicht lesen wollte, hatte ich mich gefreut. Er war als Erstes eingebrochen. Er hatte mich angeschrieben. Ich war nicht schwach geworden und hatte ihn über Facebook oder andere Seiten gestalkt. Ich hatte mich ehrlich darüber gefreut, war es auch seinetwegen?
   »Ich weiß nicht, was ich dir raten soll, Sarah, aber ich sehe, dass du fröhlich bist, und möchte für dich glauben, dass er sich geändert hat. Was macht schon ein Treffen aus?«
   Was ein Treffen ausmachte? Beim letzten Mal hatten wir uns auch nur einmal getroffen, nachdem er mir einen Monat lang erzählt hat, wie sehr er mich vermisst hatte. Eins meiner Lieblingslieder war bis zum heutigen Tag durch ihn zerstört worden, weil er behauptet hatte, dass er bei Here without you immer an mich denken musste.
   Doch das sagte ich nicht. Nieke hatte ich eine etwas andere Geschichte davon erzählt. Für sie hatten wir mehr Treffen gehabt, weil ich wusste, wie seltsam sie es fand, wenn ich mit Leuten online schrieb. Deswegen wurden ein paar von den Gesprächen, die ich mit Arndt geführt hatte, einfach zu Treffen in Cafés oder Kinos. »Ich weiß nicht«, sagte ich leise.
   Nieke sah auf ihre Uhr. Ich war mir sicher, dass sie es noch pünktlich zur Uni schaffen könnte, wenn ich nicht zu schwierig war.
   »Vielleicht hast du recht. Es ist nur ein Treffen, und wer weiß …« Den letzten Gedanken ließ ich unausgesprochen, weil ich mir unsicher war, was ich damit sagen wollte.
   Nieke drehte sich zu mir, sodass sie mich angucken konnte. »Ich weiß, wie es beim letzten Mal für dich war, aber du bist jetzt eine andere Person. Du bist viel stärker und weißt, was du willst. Es ist nur ein Treffen, und wenn er immer noch ein Idiot ist, kannst du es ihm wenigstens ins Gesicht sagen.«
   Wahrscheinlich würde ich mich das nicht trauen, aber ja, eigentlich hatte sie recht. »Okay.«
   Nieke stand auf und sah mich entschuldigend an. »Sorry, aber wenn ich mich beeile, komme ich noch pünktlich zu meinem Kurs. Wenn irgendwas ist, kannst du mich die ganze Zeit per SMS erreichen, okay? Ich lege mein Handy auf den Tisch.«
   »Danke, mach dir keine Sorgen.«
   »Um dich mach ich mir immer Sorgen.« Sie zwinkerte mir zu, rannte aber schon zu ihren Stiefeln, um sie anzuziehen. Als sie nach ihrer Lederjacke griff, nickte sie mir zu. »Du schaffst das! Und pack das Eis weg, das schmilzt sonst.«
   Ihr Lachen schallte durch meine Wohnung und steckte mich an.
   »Danke, Nieke«, sagte ich und drückte sie zum Abschied.
   »Vielleicht sehe ich deinen heißen Vermieter noch.«
   Ich seufzte auf, lächelte jedoch noch immer. Sie trat in den Hausflur. Ich schloss die Tür hinter ihr. War ich nun schlauer als vorher?
   Katze schaute mich mit zusammengekniffenen Augen an, als ich zurück zum Schreibtisch kam. Sie blieb auf ihrem Kratzbaum sitzen.
   »Dann werde ich ihm wohl mal antworten, was?«
   Mein Blackberry vibrierte. Ich schaute schnell darauf. Eine SMS von Nieke. Und nimm seine Freundschaftsanfrage an, dann können wir die Tage mal auf seinem Profil herumschnüffeln.
   Nur Nieke konnte so etwas schreiben, ohne vollkommen creepy zu wirken. Ich schrieb ihr zurück, dass ich dafür etwas bei ihr gut hätte, und bekam einen Zwinker-Smiley zurück. Die Zeit der Ablenkung war vorbei. Ich klickte auf das Freunde-Icon und nahm seine Freundschaftsanfrage an. Sofort sah ich den kleinen grünen Kreis neben seinem Namen in dem Gesprächsfenster.
   Huch?, schrieb er.
   Entschuldige, eine Freundin ist gerade da gewesen, deswegen war ich nicht mehr am PC. Ich log nicht, aber ich sagte auch nicht die ganze Wahrheit. Arndt sollte sich damit ja auskennen. Oh, bittere Gedanken. Die musste ich abschalten, wenn ich herausfinden wollte, was das alles auf sich hatte.
   Okay, sieht jetzt wohl ganz schön doof aus, was ich alles geschrieben habe, oder? Dazu ein rot gewordener Smiley.
   Ist schon okay. Ich hätte nur nicht erwartet, dass du so schnell aufgibst.
   Wer sagt denn, dass das mein letzter Versuch gewesen wäre?
   Ich starrte auf den letzten Satz, zusammen mit dem Zwinker-Smiley. War das immer noch seine Art? Sofort zu flirten? Ich wurde mir unsicher, ob es eine gute Idee war, überhaupt mit ihm zu reden.
   Auf jeden Fall habe ich nicht ganz verloren, schließlich hast du meine Freundschaftsanfrage angenommen, setzte er hinterher, als ich nicht antwortete.
   Anscheinend. Obwohl ich Nieke gern glauben wollte, dass mich das hier glücklich machte, hatte ich doch meine Zweifel. Sollte ich mich darüber freuen, dass er versuchte, mich um seinen Finger zu wickeln? Machte mich das wirklich glücklich? Ich schaute zu Katze, die beruhigt auf ihrem Kratzbaum schlief. Wenn ich das doch nur auch könnte.
   Du musst dich nicht mit mir treffen, wenn du nicht willst. Ich muss damit klarkommen. Schließlich bin ich daran schuld. Er schrieb noch weiter.
   Ich hatte nicht einmal die Zeit, über die Dinge nachzudenken, die ich sagen wollte. Doch die Neugier in mir überwog, dazu kam noch meine Angewohnheit, es jedem recht machen zu wollen. Nein, ist okay. Wann und wo?
   Dieses Mal dauerte es ein paar Minuten, bis eine Antwort zurückkam. Wie wäre es mit morgen im Alex? Fünfzehn Uhr?
   Okay. Ich muss jetzt los, hab noch ein paar Dinge zu tun.
   Danke, Sarah. Ich freue mich.
   Mein Herz verriet mich, denn es machte einen großen Sprung, als ich die letzten Worte las. Ich antwortete ihm nicht. Morgen würde ich ihn sehen? Wie war das nur passiert? Vor wenigen Stunden hatte ich nicht einmal vorgehabt, seine Nachricht zu lesen. Ich griff nach meinem Blackberry und schrieb Nieke eine SMS.

Kapitel 3

Katze sprang zu mir ins Bett und setzte sich fordernd auf meinen Bauch. »Mau«, schrie sie mich an.
   Ich schaute auf den Wecker neben meinem Bett. Es war gerade halb sieben. »Katze«, murrte ich. »Wieso tust du mir das jeden Morgen an?«
   Ich sollte dankbar sein. Katze war der beste Wecker, den man sich vorstellen konnte. Hatte sie nicht spätestens um sechs Essen im Napf, wurde ich geweckt. Meistens blieb ich wach, nur an manchen Tagen legte ich mich wieder hin. Was Katze nicht hinbekam, war, mich an den Tagen zu wecken, an denen mein Wecker versagte. Genau an diesen Tagen schien sie absolut keinen Hunger zu haben und sich vollkommen darauf zu verlassen, dass ich sie schon irgendwann füttern würde.
   Die Decke schob ich beiseite, bevor ich mich langsam aufsetzte. Katze lief mir über die Beine und lehnte sich dabei an mich an.
   »So kann ich doch nicht aufstehen, Süße.«
   Ich streichelte ihr über den Kopf und stand endgültig auf. Mich streckend ging ich in die Küche, in der noch die Sektgläser vom Vorabend standen. Nieke war noch vorbeigekommen und hatte sich mit mir ein Outfit ausgesucht. Mein müdes Gehirn war sich sicher, dass ich das geträumt haben musste. Niemals hätte ich zugestimmt, mich mit Arndt zu treffen.
   Gähnend füllte ich Katzes Napf auf und setzte mich an den Küchentisch. Es war ein kleiner Tisch, an dem gerade mal zwei Personen Platz hatten, aber ich mochte ihn. Ich hatte ihn vor einigen Jahren selbst gebaut, als ich meine Phase für Holz hatte. Mittlerweile wollte ich keine Säge mehr sehen, weil sie mich an die unzähligen Splitter in meinen Fingern erinnerte. Der Tisch stand am Fenster, und ich konnte über die Stadt sehen.
   Ich wohnte an einer Hauptstraße, gegenüber von mir lag ein kleines Einkaufszentrum, in das schon die ersten Leute strömten. Der Supermarkt machte um sieben Uhr auf, der Bäcker noch früher. Als ich an den Bäcker dachte, lief mir das Wasser im Mund zusammen. Ich hatte ziemliche Lust auf Brötchen.
   Im Badezimmer schaute ich kurz in den Spiegel. Meine Schlafanzughose sah okay genug aus, um mit ihr herauszugehen. Die kleinen Kätzchen, die darauf waren, könnte man aus der Ferne für Punkte halten. Schnell putzte ich mir die Zähne, bevor ich in den Flur trat. Ich zog mir eine dicke Jacke an und meine Winterstiefel. Meine Haare hatte ich in einem unordentlichen Dutt zusammengebunden. Für die zehn Minuten, die ich draußen sein würde, war das Outfit vollkommen okay.
   Vor der Tür kroch die Kälte über meine Beine. Es war schon ziemlich kalt für diesen Monat. Ich fragte mich, ob das Strickkleid, das Nieke für mich ausgesucht hatte, für das Treffen mit Arndt nicht doch zu dünn war. Wenn ich fror, wurde ich schnell ungemütlich.
   An der Ampel musste ich kurz stehen bleiben.
   Der frühe Morgen strahlte etwas Ruhiges auf mich aus. Es waren kaum Menschen unterwegs, und obwohl die meisten gehetzt wirkten, war es angenehm.
   Am liebsten mochte ich es, wenn ich um diese Uhrzeit noch wach war und den Menschen beim Aufstehen zusehen konnte. Nur war das mittlerweile kaum noch machbar. Viele meiner Kunden verstanden leider nicht, dass sie mich entweder um acht Uhr morgens oder erst gegen Abend erreichten, auch dass ich lieber per E-Mail arbeitete, ignorierten sie. Deswegen hatte ich meinen Schlafrhythmus zügig umgestellt. Ich konnte meine Aufträge nicht verlieren, nur weil ich anderen Menschen beim Aufstehen zusehen wollte. Dafür hatte ich die Tage, an denen ich schon um diese Zeit aufstand.
   »Frau Schmidt, das zweite Mal in so kurzer Zeit.«
   In Gedanken versunken hatte ich die Straße überquert und meinen Vermieter am Eingang des Einkaufszentrums nicht stehen sehen. Er hatte eine Zigarette in der Hand. Das würde Nieke nicht gefallen. Sie mochte niemanden, der rauchte. »Hallo Herr Korte, Sie können mich aber ruhig Sarah nennen.«
   Ich hatte ihm schon öfter das Du angeboten, deswegen nahm ich an, dass er meinen Namen einfach immer wieder vergaß und auf meinen Nachnamen zurückgriff, den las er schließlich öfter.
   »Entschuldigung, Sarah. Ich bin Michael.«
   »Weiß ich doch«, sagte ich und lachte.
   »So früh auf? Oder noch?«
   Er schaute an mir herunter, da wurde mir klar, wie ich aussah. Meine Wangen wurden von einer Hitze erfüllt, die mich die kalte Luft vergessen ließ. »Katze hat mich geweckt, sie hatte Hunger.«
   Sein Lachen erfüllte die Ruhe, die von der Straße ausging. Es war ein langsames Lachen, aber es klang schön. Ich trat von einem Fuß auf den anderen, weil ich nicht wusste, was ich noch sagen sollte.
   Herr Korte, äh Michael – okay, vielleicht war er nicht der Einzige, der sich schwertat mit dem Vornamen – schaute auf seine Uhr. »Ich habe gleich noch einen Termin.«
   »Ich auch, mit meinem Frühstück.«
   Als Michael wieder lachte, schaute ich zu Boden. Wie konnte ich nur solche Sprüche ablassen? Sicher lachte er mich aus.
   »Guten Appetit, Sarah.«
   Er betonte meinen Namen extra. Dann ging er die Straße hinab und winkte mir noch ein letztes Mal zu. Im Einkaufszentrum klopfte mein Herz noch unruhig. Warum hatte immer ich dieses Glück, Menschen zu treffen, wenn ich so aussah wie jetzt? Schlimmer konnte es also nicht mehr kommen.
   »Sarah?«, hörte ich eine Stimme hinter mir.
   Deswegen hatte ich mir vorgenommen, niemals zu denken, dass es nicht mehr schlimmer kommen konnte. Es trat grundsätzlich ein. Die Stimme kam mir nicht bekannt vor, aber sie war männlich. Ich drehte mich um, und meine Lunge gab auf. Ich bekam keine Luft mehr.
   Ich musste noch schlafen. Das hier musste ein Traum sein, anders konnte ich mir mein Pech nicht erklären. Vor mir stand Arndt. Er sah genauso aus, wie auf seinem Profilbild, das ich gestern mit Nieke noch mindestens eine Stunde angestarrt hatte. Um seinen Mund rankte sich ein sauber geschnittener Bart, der aber zu ihm passte. Seine braunblonden Haare waren mittellang. Sie waren locker nach hinten gekämmt. Seine Schultern breit. Obwohl er eine dicke Jacke trug, konnte man die Muskeln darunter erahnen. Oder zumindest konnte ich es, weil ich das Foto, das ihn Oberkörper frei zeigte, gestern noch ein wenig zu lange angesehen hatte.
   »Arndt?«, fragte ich, als ich endlich Worte bilden konnte. Es machte sowieso keinen Sinn, wegzulaufen. Spätestens heute Nachmittag würde er mich treffen, und dann müsste ich ihm erklären, warum ich so getan hatte, als hätte ich ihn nicht erkannt. Ich könnte ihm natürlich auch erzählen, dass ich meine verlorene Zwillingsschwester gefunden hätte. Warum passierte so etwas immer mir?
   Sofort bildeten sich Grübchen auf seinen Wangen. Er zeigte mir seine strahlend weißen Zähne und kam näher. Hoffentlich waren seine Augen so schlecht, dass er die Kätzchen nicht erkannte.
   »Ich dachte, wir treffen uns erst um drei?« Sein Lächeln wurde breiter, als er das sagte.
   »Ich wollte eigentlich nur schnell Brötchen holen.« Er stand direkt vor mir. Ich war mir unsicher, ob ich ihm die Hand geben sollte. Ob ich ihn umarmen sollte? Ich hatte damit gerechnet, dass ich noch mindestens sechs Stunden hatte, um mich damit zu beschäftigen, wie ich auf ihn reagieren sollte, wenn ich ihn endlich sähe.
   »Deswegen bin ich auch hier, wollen wir zusammen gehen?«
   Es klang unschuldig in seinem Mund, aber ich hatte keine Ahnung, ob er es auch so meinte. »Wohnst du hier in der Nähe?«, fragte ich.
   Wir gingen los. Der Weg kam mir nicht schaffbar vor, ohne vorher zusammenzubrechen. Hatte das Zusammentreffen mit meinem Vermieter nicht gereicht? Musste ich wirklich noch den Mann treffen, der mich schon genug verwirrte, wenn er sich nur kurz meldete?
   »Ja, ich bin vor Kurzem zurück in die Stadt gezogen. Ich habe einen Job beim Theater bekommen.«
   »Was ist mit deiner Band?« Und da offenbarte ich, dass ich ihn gestalkt hatte. Es schien ihn nicht zu stören, stattdessen schaute er betreten zu Boden. Ganz so, als wäre es ihm peinlich, dass ich davon wusste.
   »Wir wohnen mittlerweile alle verteilt in Deutschland. Deswegen machen wir das meiste getrennt. Wir treffen uns alle paar Monate mal, um neue Sachen aufzunehmen, aber ich glaube nicht, dass es noch lange halten wird.« Traurigkeit legte sich über seine Stimme.
   Ich wusste noch vom letzten Treffen, da hatte sich die Band gerade gegründet, dass er unglaublich glücklich darüber gewesen war, endlich Leute gefunden zu haben.
   »Aber seien wir ehrlich: Die Band hätte es eh nie zu etwas gebracht, dafür war sie für den Großteil nur ein Hobby.«
   Oh, kam da Bitterkeit in seine Stimme? »Tut mir leid für dich«, sagte ich, weil ich nichts Besseres wusste.
   Mit seinen Fingern klopfte er an seine Jackentasche einen Rhythmus, den ich nicht kannte. »Ach, muss es nicht. So habe ich genug Zeit, um mir was Neues zu suchen und bin unabhängiger.«
   Ich bemühte mich, zurückzulächeln, doch mir war mein Aussehen in den Kopf gemeißelt. Wenn ich wenigstens meine Haare anständig gemacht hätte oder mein Gesicht eingecremt. Irgendwas, damit ich nicht aussah, als wäre ich gerade erst aus dem Bett gestiegen.
   »Stehst du immer so früh auf?«, fragte er.
   »Nicht immer, meine Katze weckt mich oft um diese Zeit, aber meistens lege ich mich noch mal hin. Heute hatte ich Lust auf Brötchen.«
   »Dann war es wohl Schicksal, dass wir uns über den Weg gelaufen sind.«
   Ich zog fragend die Augenbrauen nach oben, doch Arndt schaute mich weiterhin ernst an. Bis er es nicht mehr aushalten konnte und lachte. Ich stimmte mit ein. Es war leicht, mit ihm zu reden. Leichter, als ich es erwartet hätte.
   »Wohnst du in der Nähe?«
   »Direkt gegenüber.« Mein Dutt lockerte sich, aber ich bemühte mich, nicht darauf zu reagieren. Normalerweise hätte ich ihn schon mindestens fünf Mal neu gebunden.
   »Das ist echt nicht weit.«
   Ich nickte und hasste es, so passiv zu sein, aber ich wusste einfach nicht, was ich sagen sollte. Nieke hatte mir Themen vorgeschlagen, mir gesagt, womit ich anfangen sollte, doch mein Gehirn war wie leer gefegt. Deswegen sagte ich das Einzige, was mir einfiel. »Wollen wir zusammen frühstücken?«
   Scheinbar war ich nicht die Einzige, die darüber erstaunt war, denn auch Arndt hatte es für wenige Sekunden die Sprache verschlagen.
   »Gern. Unglaublich gern.«
   Was brockte ich mir da gerade ein? Schnell bestellte ich meine Brötchen beim Bäcker, die Arndt um seine Bestellung erweiterte. Ich griff in meine Jackentasche, um mein Portemonnaie herauszuholen, aber griff ins Leere.
   »Scheiße«, fluchte ich.
   »Was ist los?«
   »Ich hab mein Geld zu Hause vergessen.«
   »Doppeltes Glück, mich getroffen zu haben.«
   Arndt zückte einen Zwanzigeuroschein und legte ihn auf den Zahlteller. Mir fiel ein, dass ich Nieke gestern Geld geliehen hatte und dafür mein Portemonnaie aus der Jacke genommen hatte. Ich sollte mir dringend angewöhnen, immer alles dahin zu packen, wo ich es herhatte.
   Oh, oh.
   Wie sah meine Wohnung aus? Konnte ich Arndt überhaupt hineinlassen? Normalerweise war ich recht ordentlich, aber Nieke war da gewesen, da blieb oft etwas liegen.
   »Alles okay?«, fragte Arndt mich.
   Anscheinend hatte ich nicht auf seine Frage reagiert. »Alles gut, lass uns gehen.« Wenn ich Nieke hiervon erzählte, würde ich mir etwas anhören dürfen.

Kapitel 4

Erstaunlicherweise war meine Wohnung vollkommen in Ordnung gewesen. Arndt hatte nicht schlecht über den ganzen Krimskrams gestaunt. Ich hatte ihn schnell in die Küche gelotst und stand nun im Badezimmer, um mich umzuziehen. Grob kämmte ich meine Haare, während ich nebenbei eine SMS an Nieke schrieb. Er ist in meiner Wohnung. Was habe ich getan? Von Nieke kam keine Antwort, was auch klar war. Sie schlief noch.
   Ich versuchte, mich zu beruhigen oder wenigstens mein Herz. Seitdem ich Arndt das erste Mal angesehen hatte, schlug es wie wild. Ich konnte mich kaum auf etwas anderes konzentrieren. Wie sollte ich ein ganzes Frühstück mit ihm überstehen, ohne einen Kollaps zu bekommen?
   Nach einem letzten Blick in den Spiegel, der mir sagte, dass ich okay aussah, verließ ich das Badezimmer. Ich hatte mir schnell das Kleid übergezogen, was für das Treffen gedacht war und meine dicke Wollstrumpfhose. Dazu meine Puschen. Dieser Anblick sollte nicht so schlimm sein wie noch vor wenigen Minuten.
   Bevor ich in die Küche trat, rief ich mir ins Gedächtnis, dass sich Arndt nicht entschuldigt hatte und ich immer noch böse auf ihn sein sollte. Ich durfte mich nicht von seinem Aussehen, dem schönen Lächeln oder seinen leuchtenden Augen ablenken lassen.
   »Oh, die Kätzchen mochte ich lieber«, sagte Arndt, als ich die Küche betrat.
   Ich lief rot an. Nieke in männlich saß mir gegenüber und sah dabei erschreckend gut aus.
   »Hey, war nur ein Scherz«, schob er hinterher.
   Ich schaute mich in der Küche um. Wo war Katze? Normalerweise ließ sie niemanden in die Wohnung, den sie nicht wenigstens einmal inspiziert hatte. Als ich nach den Brotbrettern griff, schüttelte ich ihre Leckerli-Box. Da kam sie auch gleich angetrottet.
   »Was ist denn mit dir los? Noch zu verschlafen?«
   »Wie bitte?«
   Ich drehte mich zu Arndt, der mich fragend ansah. Mit dem Finger deutete ich auf den Boden. Katze und er starrten sich an, bis Katze den ersten Schritt auf ihn zumachte. Sie hatte kein langes, dafür aber weiches Fell.
   »Hier, gib ihr was davon, dann mag sie dich.« Mit einer Hand warf ich ihm die Leckerli-Box zu.
   Sofort setzte sich Katze vor ihn.
   »Geht das mit dir auch so leicht?«
   »Ähm«, entgegnete ich nur.
   »Tut mir leid. Ich sollte lieber meine Klappe halten, bevor du mich rauswirfst.«
   Anstatt etwas dazu zu sagen, ging ich zum Kühlschrank. Meine Hände zitterten, aber Nieke hatte recht. Ich war nicht böse. Ich fand es nicht schlimm. Es machte Spaß, mit ihm zu reden. Der Gedanke erschreckte mich. Nachdem sich Arndt beim letzten Mal eingeschleimt und bis gestern verschwunden war, hatte ich ihn gehasst. Er hatte etwas in mir zerstört, das mich die vergangenen Jahre immer wieder verfolgt hatte. Ich hatte keine Beziehung führen können, ohne nicht jeden Moment damit zu rechnen, dass der andere spurlos verschwand.
   Durch meinen gestrigen Einkauf war mein Kühlschrank prall gefüllt. Ich deckte verschiedene Wurstsorten und Marmelade auf. Als ich in die Schublade griff, um Messer zu holen, hatte ich dort nur noch meine Kindermesser. Die hatte ich von Nieke zum Einzug geschenkt bekommen. In der Schublade lag das Messer mit dem Giraffen-Griff und das mit dem Schlangen-Griff. Danke Nieke, fluchte ich.
   Doch eigentlich schämte ich mich nicht dafür. Wer in meine Wohnung kam, sollte schnell merken, dass ich nicht ganz normal war, was solche Dinge anging. »Giraffe oder Schlange?«
   »Äh, Giraffe?«
   Ich reichte ihm das Messer. Er runzelte kurz die Stirn, aber das hielt nicht lange an.
   »Du hast eine eigenwillige Einrichtung.«
   »Das meiste ist selbst gemacht.«
   »Ach? Cool. Von dir?«
   Ich griff nach einem Körnerbrötchen und schnitt es auf. »Ja, es ist irgendwie mein Job geworden.«
   Erstaunt legte Arndt sein Brötchen zurück auf den Teller. Er bewegte seinen ganzen Körper, um sich in der Küche umzusehen. An manchen Gegenständen blieb er länger hängen – die Nudelgläser, dem Wochenplan, die Schranktüren. Ich hatte an ihnen allen etwas verbessert oder zumindest verschönert.
   »Der Tisch ist auch von mir«, sagte ich stolz.
   Arndt legte seine Hand auf das Holz und inspizierte den Tisch. Er wirkte ehrlich begeistert. »Wow, du hast Talent dafür.«
   »Das meiste ist Übung.«
   »Ach komm, spiel das nicht so herunter. Ich bin mir sicher, dass ich nichts davon könnte.«
   Ich zuckte mit den Schultern. Er hatte nichts Falsches gesagt, dennoch nervte mich seine Aussage. Es ärgerte mich, wie er mich hochlobte, obwohl er mich nicht mehr kannte. Er konnte nicht wissen, wie viel Arbeit ich hineinsteckte.
   Still biss ich in mein Brötchen. Katze hatte sich zu Arndt an die Beine gesetzt und wartete, ob er ihr noch ein paar mehr Leckerlis geben würde. Es war so leicht, ihre Sympathie zu bekommen.
   Zwischen uns legte sich eine unangenehme Ruhe. Ich fühlte mich, als müsste ich ihn unterhalten, schließlich war er mein Gast. »Wenn du willst, kannst du gleich bei einem Projekt helfen. Dann siehst du ja, ob du es kannst oder nicht.« Ich schaufelte mir mein Grab weiter.
   »Ich weiß nicht, ob das so gut ist«, begann er. »Ich meine, eigentlich wollte ich etwas anderes, und nun sitze ich an deinem megacool selbst gebauten Esstisch und frühstücke mit dir.«
   Ich legte mein angebissenes Brötchen auf den Teller vor mich, richtete meinen Blick auf ihn. Da war er wieder, mein plötzlicher Selbstbewusstseins-Boost, sobald ich merkte, dass ich einmal die Überhand bekam. »Und was willst du eigentlich?«
   Arndt legte sein Brötchen ebenfalls auf seinen Teller, doch erwiderte meinen Blick nicht. Er rang mit seinen Worten. Als er hochschaute, meinte ich, Schmerz in seinen Augen zu erkennen. Sein Mund öffnete sich, um etwas zu sagen. Ich starrte auf seine Lippen, die umgeben von seinem Bart unglaublich verlockend aussahen. Schnell zwang ich mich, ihm lieber in die Augen zu sehen, was im Endeffekt auch keine gute Idee war.
   Sie hatten eine ähnliche Farbe wie meine. Mir fielen die kleinen Gemeinsamkeiten ein, die ich mit Arndt hatte. Wir hatten nicht weit voneinander Geburtstag. Die gleiche Augen- und Haarfarbe. So viele Kleinigkeiten, bei denen wir uns früher einig waren, wobei ich nicht wusste, was davon Wahrheit war und was er nur gesagt hatte, um mich um seinen Finger zu wickeln.
   »Ich wollte mich entschuldigen, wirklich. Als ich dir gestern die Nachricht geschrieben habe, gab es nichts anderes, was ich in meinem Kopf hatte. Aber jetzt sehe ich dich hier vor mir sitzen, und ich glaube nicht, dass ich es verkraften würde, wenn du die Entschuldigung nicht annimmst.«
   Ich runzelte meine Stirn, verschränkte meine Arme und schaute ihn fragend an. Es fiel mir schwer, den Blick aufrechtzuerhalten, aber ich würde ihm nicht zeigen, welche Wirkung er auf mich hatte, nicht, wenn meine Knie unter dem Tisch so unglaublich zitterten.
   »Ich glaube nicht, dass du meine Entschuldigung annehmen würdest – im Moment. Nachdem du mich gestern gefragt hast, warum du überhaupt einem Treffen zustimmen solltest, habe ich nachgedacht. Du hast keinen Grund. Du brauchst keinem Treffen zuzustimmen, und genauso brauchst du meine Entschuldigung nicht anzunehmen.«
   »Ich verstehe nicht, was du gerade sagen willst.«
   »Wenn ich mich entschuldigen würde, wären es für dich nur leere Worte. Ich möchte dir zeigen, dass ich mich wirklich verändert habe, aber ich kann verstehen, wenn du das nicht willst.«
   Nun wandte ich doch meinen Blick ab, der direkt auf die Sektgläser vom Vorabend fiel. Wenn ich eins davon haben könnte, wäre das alles hier sicher viel leichter. Ich spürte mein Blackberry in meiner Tasche vibrieren. Eine willkommene Flucht. »Gib mir ein paar Minuten«, sagte ich, sprang auf und zog das Smartphone aus meiner Tasche.
   »Schmidt?«, fragte ich.
   Es war zu früh, um Nieke zu sein, also musste es ein Kunde sein.
   »Ich bin gerade aufgewacht, und meine Augen lesen die Nachricht des Jahrhunderts. Wie hast du das denn bitte geschafft?«
   Ich lächelte, weil es doch Nieke war. Leise ging ich ins Wohnzimmer, während ich ihr von dem Treffen im Einkaufszentrum erzählte.
   »Solange er dich nicht stalkt«, witzelte sie, doch der Gedanke setzte sich fest.
   Vielleicht hatte er genau gewusst, wo ich wohnte und nur einen passenden Moment abgewartet. »Danke für die Horrorvorstellung.«
   »Gern geschehen. Den heißen Vermieter hast du auch getroffen und das alles in deinem Schlafanzug?«
   »Er heißt übrigens Michael und raucht.«
   »Oh, nicht mehr so heiß.«
   Ich lachte. Im Wohnzimmer lief ich auf und ab, während Nieke mir aufzählte, welche Gründe dafür sprachen, Arndt eine Chance zu geben und welche dagegen. Eigentlich kannte ich sie alle genau, hatten wir sie doch gestern erst besprochen, aber es beruhigte mich, sie von ihr zu hören. Ich drehte mich zur Tür, während Nieke mir noch gut zusprach, und sah Arndt in der Tür stehen.
   »Ich geh mal«, flüsterte er.
   »Nein, warte noch kurz, bitte«, sagte ich.
   »Ist er gerade da?«, fragte Nieke mich.
   »Ja, er will gerade gehen, weil du mich nicht vom Telefon lässt.«
   »Gib ihn mir.«
   Ich erstarrte. »Wie bitte?«
   »Gib ihn mir. Ich will mit ihm reden.«
   »Ähm, Nieke. Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist.«
   »Komm schon, Sarah. Ich bin auch nett zu ihm.«
   Ich schaute Arndt an, der verwirrt in der Tür stand. Sein Blick war noch auf mich gerichtet, aber er wirkte traurig. Wahrscheinlich war er sich sicher, dass ich ihm keine Chance geben würde. »Nieke will mit dir reden«, sagte ich und reichte ihm mein Blackberry.
   Er nahm es an und hielt es sich sofort ans Ohr. »Hallo?«
   Ich konnte meinen Blick nicht von ihm lösen. Was würde Nieke zu ihm sagen? Sie war immer direkt. Gerade war vielleicht nicht der beste Moment, um sie auf ihn loszulassen. Hatte er sich eben noch geöffnet, könnte Nieke diese Tür schnell wieder zuschlagen. Wie sollte ich mit ihm reden, wenn er von Nieke die volle Breitseite bekam?
   »Hatte ich nicht vor, aber danke für den Hinweis«, hörte ich Arndt sagen.
   Mein Herz pochte schneller.
   »Nein, ich will ihr nicht wieder wehtun.«
   Als er das sagte, schaute er mich an. Ich glaubte zu erkennen, wie schlecht er sich fühlte. Glaubte, sein Bedauern in den Augen zu sehen. In dem Moment tat er mir leid.
   »Danke für die Warnung«, sagte er.
   Sein Lächeln war zurückgekehrt, als er mir das Handy reichte.
   »Nieke?«, fragte ich nur.
   »Keine Sorge, es ist nichts Schlimmes. Gib ihm eine Chance und gut ist. Danach wissen wir mehr.« Mit diesen Worten legte sie auf und ließ mich zurück mit all den Entscheidungen, die ich nun treffen musste.
   »Tut mir leid«, murmelte ich.
   Arndt kam auf mich zu. Er blieb vor mir stehen. Ein süßlicher Duft stieg mir in die Nase, der nur von ihm kommen konnte. Jetzt, da er so nah vor mir stand, fiel mir auf, dass er einen recht engen, dünnen Pullover trug. Ich konnte seine Brustmuskeln vor mir sehen, weil er viel größer war als ich. Um nicht rot zu werden, schaute ich schnell nach oben.
   »Es ist gut zu wissen, dass ich mich um meine Gesundheit sorgen muss, falls ich etwas falsch mache. Gibt noch einmal mehr Ansporn, mich gut zu verhalten.«
   Ich lachte. »Nieke hat dir nicht wirklich Schläge angedroht, oder?«
   »Doch, und sie war sehr überzeugend.«
   »Tut mir leid«, sagte ich erneut, dieses Mal begleitet von einem Glucksen.
   »Hey, du brauchst dich nicht zu entschuldigen«, sagte er und mit einem Mal legte er seine Arme um mich.
   Ich spürte seine Wärme durch meine Kleidung sickern. Fühlte, wie sie meinen Körper umhüllte und mich in sich einschloss. Zuerst blieb ich starr stehen, aber dann hob ich meine Arme ebenfalls.
   »Ich freue mich wirklich sehr, dich wiederzusehen, und auch wenn ich das beim letzten Mal schon gesagt habe, dieses Mal meine ich es ernst.«
   Ich ließ meine Arme sinken. Was tat ich hier eigentlich? Wo waren meine Mauern, an denen all die anderen Typen in den letzten Jahren gescheitert waren? Wie konnte ich mich so schnell auf ihn einlassen? »Lass uns fertig frühstücken«, sagte ich und wand mich aus seiner Umarmung.
   Mehr wusste ich nicht zu sagen. Der Rest des Frühstücks verlief still, aber nicht mehr so schlimm wie zuvor. Am liebsten hätte ich Nieke herbeordert. Wenn sie hier wäre, würde ich mich nicht so seltsam benehmen. Würde mich bemühen, normal zu sein.
   »Was ist das für ein Projekt, von dem du gesprochen hast?«
   »Eine Promotion für meinen Blog. Eigentlich sollte Nieke mir dabei helfen, aber sie hat keine Zeit. Ich habe ein Bastelset von einer Firma bekommen und soll es testen.«
   »Damit verdienst du echt dein Geld? Mit basteln?«
   Ich grinste. Seine Ungläubigkeit war nicht negativ gemeint. »Ja, die meiste Zeit schon. Ich arbeite zwischendurch noch bei meiner Mutter im Büro, um eine regelmäßige Einnahmequelle zu haben, aber der Blog läuft echt gut.«
   »Cool. Steht das Angebot noch?«
   Ich brauchte einen Moment, um zu verstehen, was er meinte. »Ach so, ja klar, wenn du willst. Dann kann ich gleich sagen, ob es für Anfänger geeignet ist.« Ich zwinkerte ihm zu, damit er es nicht als Beleidigung auffasste, doch das tat er wohl so schon nicht. Er sah mich immer noch breit lächelnd an. Ob seine Wangen irgendwann davon wehtun würden?
   »Ich mag es, mit dir zu reden«, sagte er leise und biss von seinem Brötchen ab.
   Nach dem Essen räumte ich schnell die Spülmaschine ein. Katze schmeichelte mir dabei um die Beine. Anscheinend hatte sie es bei Arndt bis auf Weiteres aufgegeben. Ich stellte ihr ein wenig Katzenmilch hin, damit sie uns gleich nicht nerven würde und ging mit Arndt ins Wohnzimmer.
   »Hast du hier auch alles selbst gemacht?«, fragte er, als er sich umschaute.
   Ich ging kurz mein Wohnzimmer durch, wobei viele es wohl nicht als solches bezeichnen würden, weil ich sowohl meinen Arbeitstisch als auch den Basteltisch im selben Raum hatte. Dafür gab es eine kleine Sitzecke mit Fernseher und einem hellen Sofa. Die Anschaffung hatte ich bereut, kurz, nachdem ich Katze bekommen hatte.
   »Das Sofa ist nicht von mir.«
   Ich versuchte, mich wohler zu fühlen. Es war mein Zuhause. Arndt hatte gezeigt, dass er zumindest nicht sofort wieder wegrennen würde und sogar Nieke hatte mich bestärkt. Wenn ich diesen Tag überstand, würde ich einen ordentlichen Schritt vorwärts gemacht haben.
   Arndt zeigte auf ein Regal, das über meinem Basteltisch hing. Der Basteltisch stand neben meinem Schreibtisch, war jedoch frei stehend, sodass ich von allen Seiten daran arbeiten konnte. Das Regal war ein Teil dessen gewesen, was ich in meiner Holzphase gebaut hatte. Ich wollte eines dieser schiefen Zackenregale nachbauen, hatte aber auf ganzer Linie versagt.
   Ich nickte. »Ja, das habe ich gemacht.«
   »Sieht gut aus. Verkaufst du auch was?«
   Mein Mund klappte auf. Bisher hatte ich Kleinigkeiten verkauft, aber nie an große Dinge gedacht. »Ich arbeite nicht mehr mit Holz.«
   »Oh.«
   »Dafür habe ich lauter andere Sachen. Ich verkaufe Schlüsselanhänger, Ketten, Schmuck, Karten, alles Mögliche eigentlich. Man kann Anfragen stellen.«
   Arndt nickte. Er schaute sich noch ein weiteres Mal um, bevor er seine Aufmerksamkeit auf mich richtete. »Ich glaube, ich muss auch mal eine Anfrage senden. Meine Zimmer sehen im Gegensatz ganz schön leer aus.«
   »Du bist doch gerade erst umgezogen.«
   Seine Schultern sackten hinab. Er ging an mir vorbei und stellte sich vor den Basteltisch. Momentan war er noch hochgefahren, weil ich oft im Stehen arbeitete. Man konnte den Tisch aber auch nach unten fahren, sodass man sich hinsetzen konnte.
   »Willst du sitzen oder stehen?«, fragte ich ihn.
   »Das, was besser ist?«
   Ich ließ den Tisch oben. Arndt stellte sich neben mich, während ich das Karten-Set auspackte. Mit geübten Griffen legte ich es auf den Tisch und holte meine Kamera. »Ich muss die Dinge fotografieren und auch zwischendurch wie gut wir vorankommen, damit man sich das auf dem Blog angucken kann. Wenn du auf den Fotos nicht zu sehen sein willst, musst du es sagen.« Arndt schaute mich fragend an, aber ich ging nicht darauf ein, sondern schoss die ersten Fotos. »Wahrscheinlich werden sowieso nur deine Hände zu sehen sein.«
   »Okay, kein Problem.«
   Als ich das Material fotografiert hatte, gab ich ein komplettes Set an Arndt und mir ein weiteres. Es waren einfache Karten, normalerweise kein Job, den ich annehmen würde, weil es mich langweilte, aber hier gab es einen extra Stanzer, mit dem man arbeiten konnte.
   Schnell hatte ich meine Karte ausgeschnitten und machte die ersten Fotos, als Arndt mich anstupste. »Ich habe keine Ahnung, was ich machen soll.«
   Seine Sachen lagen noch vor ihm. Ich griff zu ihm herüber, zog die einzelnen Pappen auseinander und reichte ihm die Schere. Dabei berührten sich unsere Hände für einen Moment. Ich atmete scharf ein. Meine Hand zog ich sofort weg. »Einfach am Rand ausschneiden, die schweren Sachen kommen gleich erst noch.«
   »Und du machst das gern?«
   Er lachte, aber ich konnte seine Ungewissheit heraushören. Da wurde mir klar, was ich gerade tat. Ich hielt ihn auf Abstand. Ich half ihm nicht einmal. »Es tut mir leid«, sagte ich. »Ich bin es nicht gewohnt, dass jemand mitmacht. Komm wir fangen von vorn an und ich zeig dir, wie es geht okay?«
   Ich fuhr den Tisch herunter, holte zwei Stühle und setzte mich neben Arndt. Zum Glück bestand das Set aus vier Karten.
   »Such dir eine aus.«
   »Herz«, sagte er und grinste.
   Meins klopfte so laut, dass ich Angst hatte, er würde es hören. Vielleicht tat er das sogar, denn er wandte seinen Blick nicht ab.
   »Gut, wir müssen die Karte erst einmal vorbereiten. Hier ein bisschen ausschneiden, und dann kommt der Rest.«
   Es dauerte nicht lange, bis die Karte fertig war. Mit meiner Hilfe schaffte Arndt es in kurzer Zeit, alles auszuschneiden, zusammenzukleben und sogar zu stanzen. Immer wieder schienen wir uns wie durch Zufall zu berühren und verfielen schnell in unsere gewohnte Art, miteinander zu sprechen. Wenn ich ihn ansah, konnte ich noch den Jungen aus der Grundschule sehen, doch dieser Gedanke erinnerte mich jedes Mal an unseren ersten Kuss, weswegen ich es vermied, Arndt überhaupt anzuschauen. Was mich wunderte, war, dass er viel mehr wie der Grundschuljunge aussah, als wie der Typ von vor drei Jahren. Etwas hatte sich in ihm verändert, und vielleicht glaubte ich ihm sogar. Oder wollte es zumindest.
   »Machst du doch ganz gut«, sagte ich, als Arndt die fertige Karte auf den Tisch legte. Bis eben hatte er sie noch festgehalten, damit die geklebten Teile an ihrem Platz blieben. Er lächelte mich an wie ein kleiner Junge, der gelobt wurde. Ich sagte ihm nicht, dass seine Kanten zu eckig waren und man außerdem überall die Kleberückstände sehen konnte. Für den ersten Versuch war es nicht schlecht.
   »Ich muss kurz ins Bad«, sagte ich.
   Arndt nickte mir zu, inspizierte aber noch seine Karte. Im Badezimmer atmete ich erst einmal tief durch. Mein Blackberry hatte ich in der Tasche und einen Moment überlegte ich, ob ich Nieke schreiben sollte. Nur was sollte das bringen? Dennoch beruhigte es mich, es in der Hand zu halten. Ich schaute auf die Uhr, mittlerweile war es schon zwölf Uhr. Ich hatte nicht mitbekommen, wie die Zeit vergangen war. Meine Blogeinträge plante ich im Voraus, sodass es da kein Problem geben würde.
   Langsam beruhigte ich mich, obwohl ich mir noch nicht sicher war, was ich überhaupt denken sollte. Ich konnte auf jeden Fall nicht bestreiten, dass Arndt mich nicht kalt ließ. Er sah gut aus, und es war unglaublich leicht, mit ihm zu reden. Genau da lag auch das Problem. Es war so leicht, alles Vergangene zu ignorieren, obwohl ich es nicht sollte. Ja, ich hatte Nieke versprochen, ihm zuzuhören, aber es ging alles viel zu schnell.
   Wenn das nicht aufhörte, würde ich mich wieder auf ihn einlassen, als hätte ich nichts vom letzten Mal gelernt. Ich versuchte herauszufinden, was ich dachte, was ich wollte, doch stieß nur auf Leere. Ich seufzte, bevor ich aufstand und mir die Hände wusch.
   Als ich zurück zu meinem Basteltisch kam, konnte ich Arndt nirgends entdecken. Auch auf dem Sofa saß er nicht. »Arndt?«, rief ich durch die Wohnung, doch es kam keine Antwort.
   Ich schaute an die Garderobe. Seine Jacke war verschwunden. Seine Schuhe ebenfalls. Hatte er mich einfach sitzen gelassen? Kopfschüttelnd ging ich auf meinen Tisch zu. War ja klar. Ich hätte es wissen sollen. Als ob er sich wirklich geändert hatte. Ohne es zu merken, hatte ich schon mein Handy am Ohr und rief Nieke an. »Er ist weg«, sagte ich, als sie abnahm. »Ich war kurz auf Toilette, komme zurück und er ist weg.«
   »Bist du dir sicher?«
   »Natürlich bin ich mir sicher. Er ist viel zu groß, um sich hier verstecken zu können. Die Jacke ist auch nicht mehr da.«
   »Scheiße.«
   Ich ging zurück zum Basteltisch, da ich die letzten Fotos machen und dann alles wegräumen musste, bevor Katze auf die Idee kam, damit zu spielen. Momentan lag Katze noch seelenruhig auf dem Sofa und schlief. Anscheinend hatte sie Arndts Abflug auch nicht mitbekommen.
   »Ja, keine Ahnung … Ich dachte, es lief gut, wir würden uns verstehen.« Mit einer Hand begann ich den Müll vom Basteltisch zu nehmen, machte den Kleber zu und steckte die Schere zurück in ihren Becher. Wirklich Lust auf das Retten der anderen Karte hatte ich nicht. Ich nahm meine Kamera und machte ein letztes Foto von der fertigen Karte, die Arndt liegen gelassen hatte.
   »Ich kann nicht verstehen, was da passiert ist«, sagte Nieke am Telefon. »Soll ich vorbeikommen, nach der Uni? Hat er was gesagt, ob ihr euch trotzdem noch um drei trefft?«
   »Keine Ahnung.«
   Nieke redete weiter, stellte Theorien auf, die sein Verschwinden erklären würden, doch ich wollte sie nicht hören. Sie schwankte zwischen Notfall und Arbeit als die Wahrscheinlichsten. Nur keine ihrer Erklärungen verriet mir, warum er mir nicht einmal Bescheid gesagt hatte.
   Ich klappte die Karte auf, um sie von innen zu fotografieren, als ich sah, dass sie beschrieben war. Nieke, die mir immer noch ins Ohr sprach, legte ich beiseite. »Warte mal kurz«, sagte ich lauter. Ich nahm die Karte in die Hand. Arndts Handschrift war unsauber, wirkte wie hingeklatscht.

Tut mir leid, aber ich glaube, ich sollte besser gehen. Wenn du dich später noch treffen willst, schreib mir eine SMS, hab dir meine Nummer aufgeschrieben. Wenn nicht, können wir auch noch warten. Es war ein schöner Morgen. :)

Ich tastete nach meinem Blackberry. Seine Nummer stand unten auf der Karte. »Nieke? Bist du noch da?«
   Ich las ihr die Karte vor und brachte sie damit zum Schweigen. Sie hatte auch keinen Rat, was ich tun sollte.
   »Ich sollte es sein lassen, so bringt das doch nichts. Es ist genau wie beim letzten Mal. Verabschieden geht nicht.«
   »Und wenn er Angst hat?«, fragte Nieke vorsichtig.
   »Wovor sollte er Angst haben? Er sieht unheimlich gut aus, ist nett und hat mich beinah wieder eingewickelt, wäre er nicht einfach gegangen.«
   »Ich weiß es auch nicht, Sarah. Ich will nur, dass es dir gut geht, aber ich muss auflegen, der Prof ist gerade reingekommen. Schreib mir eine SMS, wenn du dich entschieden hast.«
   »Ist okay. Viel Spaß bei der Vorlesung.«
   »Ha ha, danke.«
   Sie legte auf, ließ mich mit der Stille zurück. Ich konnte nicht sagen, was ich machen würde. Die Stille machte mich verrückt. Wie sollte ich mich so konzentrieren? Ich ging zu meinem PC, fuhr ihn hoch und schaltete Musik ein. Als die ersten Noten aus meinen Boxen klangen, ging ich mit der Karte zu meinem Sofa. Katze legte sich auf meine Beine. Abwesend streichelte ich sie, während ich versuchte, Sinn in meine Gedanken zu bekommen.
   Während ich die Karte noch zwanzigmal las, kuschelte sich Katze weiter an mich. Die Uhr an meinem Handy lief jedoch weiter. Es war mittlerweile halb zwei und ich wusste nicht, ob es zu spät war, noch zu- oder abzusagen. Das Lied endete gerade, als ich den Facebook-Sound hörte, dass ich eine neue Nachricht hatte.
   Konnte mir schon denken, von wem die Nachricht kam, dennoch schaute ich nach. Am PC war ein neues Gesprächsfenster aufgeploppt. Verwirrt setzte ich mich davor. Kati Tastisch kannte ich nicht.

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