Für einen winzigen Augenblick gerät Emmaline Fulham in Panik – Zeit genug, auf ihrer eigenen Hochzeit die Beine in die Hand zu nehmen. Anstatt vor den Altar zu treten, springt sie in ein hübsches Cabrio und gibt Gas. Ungewollt strandet sie im Bergstädtchen Lake Anna und findet Unterschlupf in Toby Jennings Hütte. Hier fühlt sie sich sicher und geborgen, doch die grünen Augen des Rangers ziehen sie wie magisch an. Eine Mischung, in die Emma sich verlieben könnte. Wäre da nicht ihr Verlobter Winston. Er will nicht nur sein Auto zurück, sondern auch die Braut.

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Joanne St. Lucas

Joanne St. Lucas
Joanne St. Lucas ist das Pseudonym, unter dem Jane Luc ihre romantischen Romane veröffentlicht. Es gibt nicht viele Garantien im Leben ... aber bei Joanne ist zumindest ein Happy End garantiert. Immer.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Der sanfte Wind wehte die herzzerreißende Melodie des Streichquartetts durch die offenen Terrassentüren. Emma hielt den Atem an, als die Stylistin ein letztes Mal ihre riesige Haarspraydose zischen ließ. Die Frau trat einen Schritt zurück, legte sich dramatisch die Hand aufs Herz und schniefte. »Sie sehen wundervoll aus, Emmaline. Winston wird begeistert sein.«
   Das wird er wohl, dachte Emma. »Vielen Dank, Vivianne. Würden Sie mich einen Moment allein lassen?«
   »Selbstverständlich. Genießen Sie Ihre letzten unverheirateten Minuten.« Die reichlich überschminkte Frau packte mit geübten Handgriffen ihre Folterwerkzeuge zusammen und verließ fröhlich zwinkernd die Suite.
   Emma drehte sich langsam zum Spiegel. Auch wenn Vivianne bei sich selbst deutlich übertrieb, was das Toupieren der Frisur, die Dicke des Make-ups und die Menge an Parfüm betraf, so hatte sie doch bei ihr ganze Arbeit geleistet. Andererseits hatte sie nichts anderes erwartet. Schließlich war die Frau von Winston engagiert worden. Wie auch alle anderen Helfer, die an diesem Tag – und in den vergangenen Wochen – um sie herumgewuselt waren.
   Ihr Make-up war makellos. Unaufdringlich, aber intensiv genug, ihre Augen, in denen die Kontaktlinsen brannten, hervorzuheben. Ihr Haar war auf der linken Seite kunstvoll geflochten und floss in sorgfältig drapierten Locken über die rechte Seite ihres Dekolletés. Das Diadem fing als einziger Schmuck, den sie trug, die Sonnenstrahlen ein und die Spange, mit der der filigrane Schleier an ihrem Haar befestigt war, brachte sie schon jetzt um.
   Emmas Blick glitt langsam über ihr Spiegelbild, nahm alle Details in sich auf. Das wundervolle, elfenbeinfarbene Kleid passte genau zu ihrer hellen Haut und entlockte mit Sicherheit jeder Braut ein ehrfürchtiges Seufzen und ein paar Tränen der Rührung. Wenn sich Emma betrachtete, musste sie anerkennen, dass alles sehr sorgfältig aufeinander abgestimmt war. Besser ging es nicht. Sie war die perfekte Braut. Und sie hasste es. Sie hatte kein Mitspracherecht bei der Auswahl dieses Kleides gehabt, das Sinnbild des schönsten Tages im Leben einer Frau sein sollte. Winston hatte entschieden. Genau wie über ihre Frisur, das Streichquartett, die Zeremonie, die Gäste und ihre Hochzeitsreise.
   Emma verabscheute jedes Detail dieser Hochzeit. Sie hasste das Kleid, ihre Haare, den verflixten Schleier, der an ihrer Kopfhaut zerrte. Ebenso wie die verdammte Geigenmusik, die über das weitläufige Anwesen schallte und die Fünfsterne-Suite des exklusiven Hotels auf Maui, in dem sie ihre Hochzeitsnacht verbringen würde.
   Sie versuchte, tief durchzuatmen. Vor ihren Augen tanzten Sterne. Das Mieder des Kleides war viel zu eng. Wie sollte sie atmen? Vorsichtig lehnte sie sich neben dem Spiegel gegen die Wand. Sie wollte sich nicht länger sehen. Sie musste sich beruhigen und ihre Atmung unter Kontrolle bekommen. »Das ist alles nur die Aufregung«, murmelte sie. »Bräute bekommen kalte Füße. Das ist wissenschaftlich erwiesen.« Fast jeder Frau erging es so am Tag, an dem sie vor den Altar trat. Nicht, dass sie Erfahrungen auf diesem Gebiet hatte. Sie hatte darüber gelesen. Man war kein schlechter Mensch, wenn man vor der Hochzeit eine Panikattacke bekam. Darauf wurde auf vielen Seiten im Internet ausdrücklich hingewiesen. In den unzähligen schlaflosen Nächten der vergangenen Wochen hatte sie vermutlich jede einzelne gelesen. Bräute wurden überwältigt von Angst und der Befürchtung, beim Planen der Hochzeit Fehler gemacht oder gar etwas vergessen zu haben. Der Druck und die Verantwortung, die mit einem solchen Fest einhergingen, waren gigantisch. Diese Gefühle waren also völlig normal.
   Nur war sie diesen Stressfaktoren nie ausgesetzt gewesen. Sie hatte weder das Büfett aussuchen müssen noch die Kleider für die Brautjungfern, die sie nicht einmal kannte. Sie waren Töchter und Nichten von Winstons Geschäftspartnern. Sie hatte keine Gedanken an die Sitzordnung der Gäste verschwenden müssen noch hatte sie ein Mitspracherecht gehabt, wer eingeladen worden war. Alles, was diesen Tag betraf, war an ihr vorbei entschieden worden. Sie war nur die Trophäe, die an ihrem Hochzeitstag erscheinen musste, um zum Altar geführt zu werden.
   »Oder zum Schafott.« Resigniert schloss Emma die Augen. Sie musste dringend aufhören, mit sich selbst zu sprechen. Wahrscheinlich fühlte sie sich nur ein wenig einsam und allein. Sie hatte keine Freundin, die Champagner mit ihr schlürfte und kichernd Witze über die Hochzeitsnacht riss. Ihre Mutter war nicht gekommen, um sie ein letztes Mal zu umarmen und ihr eine glückliche Ehe zu wünschen. Sie saß neben ihrem Vater in der ersten Reihe vor dem üppigen Rosenbogen, unter dem sie in ein paar Minuten ihr Eheversprechen geben würde. Wahrscheinlich war es besser so. Wirklich nahe standen sich ihre Mutter und sie sowieso nicht.
   Sie könnte Paddy anrufen, ihren besten Freund, den Winston nicht eingeladen hatte. Aus diesem Blickwinkel betrachtet war sie sich nicht sicher, ob sie überhaupt noch Freunde waren. Seit Wochen hatten sie nicht mehr miteinander gesprochen. Ihr Handy lag zudem in ihrer Handtasche in dem Wagen, der sie nach der Hochzeit zum Flughafen bringen würde.
   Die Hochzeitsplanerin – effizient und jeden Cent wert, den Winston für sie zahlte – klopfte kurz an die Tür und trat ein, ohne das Herein abzuwarten. »Oh, Emmaline, Sie sehen wundervoll aus. Winston werden die Augen aus dem Kopf fallen.« Sie zwinkerte verschwörerisch, bevor sie auf ihre Armbanduhr klopfte. »Sind Sie so weit, Schätzchen? Es geht los.«
   Emma nickte. Sie hatte das Gefühl, nur noch krächzen zu können. Ihre Kehle war wie zugeschnürt.
   »Lassen Sie es uns ein letztes Mal durchgehen. Sie warten, bis alle Brautjungfern am Altar angekommen sind. Dann schreiten Sie in dem langsamen Gang, den wir geübt haben, den Weg hinunter.« Sie trat zu Emma, zog ihre Schultern nach hinten und hob ihr Kinn an. »Halten Sie sich gerade, Schätzchen, und schreiten Sie. Schreiten.« Sie nahm den Brautstrauß aus der Vase auf dem Schminktisch und reichte ihn Emma. »Sie bekommen nur diese eine Chance, sich als perfekte Braut zu präsentieren. Also vermasseln Sie es nicht. Atmen Sie tief durch, und los geht es.«
   Emma schluckte krampfhaft. Den Brautstrauß fest an sich gedrückt, trat sie durch die Terrassentür. Sie war bereit, loszulaufen. Und wenn sie es nur tat, um dieser geschäftstüchtigen, unsentimentalen Frau zu entkommen. Ihr Weg würde sie an dem Haus entlangführen, das ab heute ihr neues Zuhause war. An der Ecke würde sie auf einen Kiesweg in den parkähnlichen Garten abbiegen. Hinter der Hecke, die ihr noch die Sicht verdeckte, fand das Spektakel statt. Sie musste nur hinübergehen und am Rand des Ligusterwalls warten, bis sich eine Brautjungfer nach der anderen auf den Weg gemacht hatte, bevor sie selbst auf den cremefarbenen Teppich trat, der zu dem Metallbogen voller weißer Rosen führte. Sie konnte die jungen Mädchen mit ihren hübschen Frisuren, den kleinen Sträußen und den Kleidern im Empirestil sehen. Sie spähten aufgeregt zu den Hochzeitsgästen, und schließlich nahm die erste von ihnen Haltung an, trat auf den Teppich und verschwand aus Emmas Blickfeld. Die anderen Brautjungfern folgten ihr mit den Blicken und geröteten Wangen. Die Zweite straffte bereits stolz die Schultern.
   Winstons Bild tauchte vor Emmas innerem Auge auf. Sie konnte sich vorstellen, wie er vor dem Altar stand. Selbstsicher. Befehlsgewohnt. Und alt. Zu alt für eine Frau wie sie. War das wirklich ihre Zukunft? Sie stolperte und hielt sich an einer steinernen Verandasäule fest. Es wurde immer schwieriger, zu atmen. Die zweite Brautjungfer verschwand hinter der Hecke. Emma musste sich beeilen. Schwankend setzte sie sich wieder in Bewegung. Ihr Blick schien in eine Art Tunnel geraten zu sein und das Blut dröhnte in ihren Ohren im gleichen rasenden Rhythmus, den sie im Brustkorb spürte. Sie stützte sich an der nächsten Säule ab und widerstand dem Drang, sich zu übergeben. Ihre Knie drohten, einzuknicken. Kalter Schweiß bedeckte ihre Haut. Was geschah mit ihr? Bekam sie eine Herzattacke? Emma versuchte, sich daran zu erinnern, was sie über Herzinfarkte wusste. Außer, dass sie mit sechsundzwanzig zu jung dafür war, fiel ihr nichts ein. Ihr Gehirn war wie leer gefegt.
   Sie musste weitergehen, also setzte sie sich wieder in Bewegung. Wie ferngesteuert schob sie einen Fuß vor den anderen. Bevor ihr bewusst wurde, was sie tat, hatte sie das Haus umrundet und trat auf den gekiesten Parkplatz. Vor ihr stand das glänzende Cabrio, das sie zu ihrem Flitterwochenflieger bringen würde. Ihre Koffer, gepackt für eine Woche auf Maui, lagen im Kofferraum, gleich neben ihrer Handtasche und dem Laptop. Alles, was sie brauchte, befand sich in diesem Wagen. Der Zündschlüssel steckte. Sie könnte einfach …
   Ohne nachzudenken trat sie über die Schnur mit den Blechdosen, die die glückliche Vermählung anzeigen sollte und setzte sich hinter das Steuer.
   Im Rückspiegel sah sie ihren Brautstrauß auf dem Boden liegen. Sie hatte nicht einmal bemerkt, dass sie ihn fallen gelassen hatte. Für den Bruchteil einer Sekunde schloss sie die Augen, dann gab sie Gas. Der Kies spritzte unter den Reifen auf und der Wind fuhr kühlend unter ihren Schleier, als sie die lange, geschwungene Auffahrt hinunterschoss.
Kapitel 1

Toby lenkte seinen Wagen auf dem Rückweg vom Bergwachttraining am Ufer des Lake Anna entlang in Richtung des Big Cloudes Passes. Im Frühjahr hatte er begonnen, sich zum Bergretter ausbilden zu lassen. Die Schulung war genau sein Ding, auch wenn es am Anfang lustiger gewesen war als jetzt. Er hatte Spaß daran gehabt, mit der hübschen Ärztin Sara Cross zu flirten, was ihren Ausbilder und stellvertretenden Leiter der Bergwacht, Max Bennett, in den Wahnsinn getrieben hatte. Inzwischen waren Sara und Max nach vielem Hin und Her ein Paar. Zudem war sie schwanger und absolvierte nur noch den theoretischen Teil des Lehrgangs. Die Praxis würde sie nach der Geburt ihres Kindes nachholen. Heute war Sara da gewesen und hatte neben ihm gesessen, während Max versuchte, ihnen die Besonderheiten des Wetters in der Bergregion, in der sie lebten, nahezubringen. Er hatte ihn den ganzen Unterricht über aus zusammengekniffenen Augen fixiert, immer noch tödlich eifersüchtig. Es brachte Toby zum Grinsen, nur daran zu denken.
   Er war froh, dass Sara zumindest den Teil, bei dem man die Schulbank drücken musste, gemeinsam mit ihm durchstand. Er konnte – oder wollte – nicht zwei Stunden stillsitzen und zuhören, wenn es so viel Praktisches zu lernen und üben gab. Ihm war natürlich klar, wie wichtig die Theorie war. Deshalb fügte er sich jeden Freitagabend nach seinem Dienst im Nationalpark zähneknirschend in sein Schicksal. Anders als sonst hatte er heute keine Lust gehabt, die Woche bei einem Drink im Crazy Bear ausklingen zu lassen. Er wollte nach Hause. Vielleicht würde er mit D noch eine Runde drehen.
   Sein SUV erklomm die steile Passstraße. Die meisten Bewohner des Tals lebten in den kleinen Städten Lake Anna und Thunder Creek oder zumindest auf der anderen Seite des Sees, wo das Land flacher war, bevor es in die unwirtlichen Berghänge überging. Auf dieser Seite hausten nur ein paar Einsiedler wie er. So gern er unter Leuten war und so viel Spaß ihm seine Arbeit im Nationalpark machte, so sehr liebte er die Stille und die Abgeschiedenheit seiner Hütte auf halber Höhe des Berges. Im Winter, wenn der Pass geschlossen war und sich niemand mehr in diese Gegend verirrte, fühlte er sich manchmal wie in seiner eigenen Welt.
   Er lenkte den Wagen mit Schwung in den Weg, der zu seinem Heim führte, trat mit einem saftigen Fluch das Bremspedal durch und kam schlingernd zum Stehen – ein paar Zentimeter vom Heck eines knallroten Dodge Viper Convertible entfernt. Das war knapp. Wenn er der Kiste einen Kratzer verpasst hätte, hätte ihm seine Versicherung vermutlich gekündigt, oder er hätte einen lebenslangen Kredit aufnehmen müssen, um den Schaden abzuzahlen. Welcher Idiot fuhr mit einer solchen Flunder in den Bergen Montanas herum und stellte sich hinter einer Kurve in die Auffahrt zu seinem Haus?
   Er stieg aus und trat an das Cabrio heran. Einen Moment blinzelte er, nicht sicher, ob er seinen Augen trauen konnte. Auf dem Fahrersitz saß eine Frau im Brautkleid und blätterte hektisch in einem Buch. Als Tobys Schatten auf sie fiel, sah sie frustriert auf.
   »Kann ich Ihnen helfen, Miss?«
   »Vermutlich nicht.« Sie zitterte vor Kälte in ihrem schulterfreien, dünnen Kleid.
   Die Sonnenstrahlen im Herbst waren trügerisch. Die Luft in den Bergen war um diese Jahreszeit bereits empfindlich kühl. Er wäre jedenfalls nicht hirnrissig genug, mit offenem Verdeck in der Gegend herumzufahren. Diese Braut anscheinend schon. »Haben Sie sich verfahren?«
   Sie schleuderte das Buch mit funkelnden Augen auf den Beifahrersitz. Es war die Bedienungsanleitung für das Cabrio.
   »Erst verfahren, dann festgefahren«, brachte sie zwischen zusammengepressten Lippen hervor. »Das rechte Vorderrad steckt fest.«
   Toby ging um den Wagen herum und sah sich den Schaden an. Nicht schlimm. Wenn das Cabrio aus dem Schlamm gezogen war, wäre es mit Sicherheit wieder fahrtüchtig.
   »Das Navi hat gesagt, ich soll mich rechts halten, und das habe ich getan«, erklärte sie. »Offenbar war das nicht der richtige Weg.«
   »Nein.« Toby kratzte sich am Kinn. »Das Navi hat eine Abzweigung ein paar Hundert Fuß weiter oben gemeint. Sie sind zu früh abgebogen.«
   »Oh.« Mehr sagte sie nicht, starrte ihn nur aus großen Augen an.
   »Ich kann Sie mit meinem Wagen aus dem Matsch ziehen. Sie wollen sicher nicht zu spät zu Ihrer Trauung kommen.«
   Sie senkte den Blick. »Ich bin nicht auf dem Weg zu einer Trauung«, murmelte sie so leise, dass er es fast nicht hören konnte.
   O verdammt! Augenblicklich wurde ihm klar, womit er es hier zu tun hatte. Eine sitzengelassene Braut. Sie war nicht auf dem Weg zu einer Hochzeit, sondern flüchtete von einer, bei der sie allein vor dem Altar gestanden hatte. Das war das Letzte, womit er sich heute Abend auseinandersetzen wollte. Das Drama, das mit einer solchen Situation einherging, kannte er nur zu gut. Plötzlich wünschte er sich, doch noch ins Crazy Bear gegangen zu sein. Vielleicht wäre sie zwei Stunden später verschwunden gewesen.
   Wäre sie nicht, sagte ihm sein Gewissen. Seine Mutter würde ihm die Ohren lang ziehen – auch wenn sie sich dafür mittlerweile auf die Zehenspitzen stellen musste – wenn er der Frau nicht half. Und es war selbstverständlich nicht seine Art, sie einfach am Straßenrand zurückzulassen. Insbesondere in der emotionalen Ausnahmesituation, in der sie sich befand. Natürlich würde er ihr helfen. »Hier oben am Pass werden Sie nichts finden, wo Sie übernachten können. Ich kann Sie nach Lake Anna zurückbringen. Dort gibt es ein Motel und ein B & B. Um diese Zeit im Jahr müssten Sie problemlos ein Zimmer bekommen.«
   »Nein«, stieß sie hervor. »Nein, bitte nicht«, fuhr sie ein wenig leiser fort. Sie senkte den Blick auf ihr Kleid und Toby verstand. Sie wollte nicht mit einem Brautkleid in einem Hotel auftauchen und sich den neugierigen Blicken der anderen Gäste aussetzen. In diesem Aufzug würde sie nicht umhinkommen, Aufsehen zu erregen. Wahrscheinlich war sie nah am Wasser gebaut, voller unterdrückter Gefühle, die nur darauf warteten, sich ihren Weg in die Freiheit zu bahnen. Nicht wenige waren bereit, nach einer solchen Erfahrung Dummheiten zu machen.
   Toby betrachtete sie. Sie wirkte blass im Zwielicht des Tages. Dunkle Schatten lagen unter ihren Augen. Trotzdem wirkte sie stark. Sie schien nicht der Typ zu sein, der ein Röhrchen Tabletten schluckte, weil er vor dem Altar stehengelassen wurde. »Wo wollen Sie die Nacht verbringen, wenn nicht in einem Hotel?«
   »Hier.«
   »Hier«, wiederholte er und schüttelte den Kopf. »Miss, Sie können auf keinen Fall …«
   »Ich muss nur dieses verdammte Verdeck zubekommen«, unterbrach sie ihn und begann wieder, in der Bedienungsanleitung des Fahrzeugs zu blättern.
   Toby biss sich auf die Innenseite der Wange, um ein Grinsen zu unterdrücken. Die Situation war ernst. Zumindest für die Frau. Er würde nicht über sie lachen. »Hören Sie, selbst wenn das Verdeck geschlossen ist, können Sie nicht hier draußen bleiben. Die Temperaturen sinken nachts unter fünf Grad. Das ist eindeutig zu kalt.«
   Sie seufzte erschöpft und ließ den Kopf auf das Lenkrad sinken. Mutlos. Bereit, aufzugeben. Dabei hatte sie gerade noch so entschlossen gewirkt. Er wollte, dass dieser kämpferische Ausdruck wieder in ihre Augen trat. Bevor er sich bremsen konnte, tat er etwas, das er normalerweise tunlichst vermied. Er redete, ohne sein Gehirn einzuschalten. »Ich kann Ihnen meine bescheidene Behausung anbieten.«
   Mit einer Mischung aus Schock und Unglauben sah sie ihn an. Verdammt, woher war das denn gekommen? Er hätte sich eine Kopfnuss verpassen können. Keine Frau, die auch nur ansatzweise bei Vernunft war, würde in der Hütte eines Wildfremden in den Bergen übernachten. Zu seiner Ehrenrettung – und um nicht wie ein geisteskranker Axtmörder zu klingen, der sein Opfer zur Schlachtbank locken wollte – wies er auf das Wappen an seinem Ärmel. »Mein Name ist Toby Jennings. Ich bin Ranger im Nationalpark.« Er lächelte sie an. »Das hilft Ihnen zwar nicht unbedingt, mir zu trauen, aber Sie können gern meinen Boss oder den Sheriff anrufen. Ich gebe Ihnen die Nummern. In Lake Anna kennt jeder jeden. Sie würden wahrscheinlich ein paar spannende Geschichten über mich zu hören bekommen, aber schließlich würde man Ihnen erzählen, wie harmlos ich bin.«
   Die Braut biss auf ihrer Unterlippe herum, auf der noch ein Rest Lipgloss schimmerte. Schließlich sah sie ihn ernst an. »Okay. Ich würde Ihr Angebot gern annehmen und mir morgen früh überlegen, wie es weitergeht. Wenn es Ihnen nicht zu viele Umstände macht?«
   Okay? War das ihr Ernst? Toby fuhr sich durch die Haare. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie auf seinen Vorschlag einging. »Es macht überhaupt keine Umstände«, log er. »Wie gesagt, ich bin Toby Jennings.«
   »Emma.« Kein Nachname. Das war nicht wichtig. Morgen würde sie aus seinem Leben verschwinden. Ihr Name spielte keine Rolle.
   Er öffnete die Wagentür und half ihr, in dem Gewusel aus Seide und Tüll auszusteigen. »Warten Sie einen Moment«, sagte er, als sie neben dem Viper stand. Er schob den Fahrersitz zurück, ließ sich in den Wagen fallen, startete den Motor und schloss das Verdeck.
   Mit blitzenden Augen funkelte sie ihn an. »Wie haben Sie das gemacht? Ich habe es hundert Mal probiert.«
   »Sie müssen die Zündung einschalten, bevor Sie auf den Knopf drücken.« Er zog den Schlüssel ab und reichte ihn ihr. Es war merkwürdig, wie wenig sie sich mit ihrem Wagen auskannte, aber das ging ihn nichts an. Viele Frauen waren nicht gerade versiert in technischen Dingen. »Haben Sie Gepäck?«
   »Im Kofferraum.« Sie zeigte ihm ihren Koffer und er hob ihn in seinen Wagen. Sie folgte ihm mit ihrer Handtasche und einem Laptop.

*


   Emma schielte vorsichtig zu ihrem Retter hinüber. Was hatte sie getan? Ihre Flucht war eine verdammt dumme Idee gewesen. Damit hatte sie alles nur noch schlimmer gemacht – und das nicht nur für sich. Als wäre das nicht genug, war sie zu einem Fremden in den Wagen gestiegen und hatte eingewilligt, in seinem Haus zu übernachten. Er behauptete, ein Ranger zu sein. Ein Beruf, der zu ihm zu passen schien. Die Uniform saß wie angegossen, seine Unterarme, die aus den aufgerollten Hemdärmeln hervorsahen, und sein Gesicht waren sonnengebräunt. Hellere Strähnen durchzogen die dunklen, einen Tick zu langen Haare, was darauf schließen ließ, dass er viel Zeit im Freien verbrachte. Falls er ein irrer Axtmörder war, geschah es ihr nur recht nach dem, was sie heute getan hatte.
   Ihre Gedanken verflüchtigten sich, als Toby seinen SUV von dem holprigen Waldweg auf eine Lichtung lenkte. Die Hütte, von der er ihr unterwegs erzählt hatte, war nach ihren Maßstäben ein wunderschönes Cottage. Holzwände, große Sprossenfenster und eine hübsche Veranda mit einer hölzernen Schaukel. Neben der Tür stand ein Blumentopf voller rot blühender Pflanzen, deren Namen Emma nicht kannte. Toby half ihr aus dem Wagen und ging voraus. Alles sah friedlich aus, doch schon im nächsten Moment schnellte ihr Puls in die Höhe. Aus dem Haus klang ihnen ein Wimmern und Fiepen entgegen. Etwas – oder jemand – kratzte von innen an der Tür. O Gott, was war das? Oder wer? Bevor sie sich mental eine Ohrfeige verpassen konnte, weil sie mit einem Fremden mitgegangen war, der sie vielleicht doch umbringen oder zumindest in seinem Haus einsperren und jahrelang gefangen halten und foltern würde, zog Toby das Fliegengitter auf und öffnete die Haustür. Erschrocken machte sie einen Satz nach hinten, als ein brauner Labrador herausgeschossen kam. Er war nicht fähig, seine unbändige Freude im Zaum zu halten und sprang wild an Toby auf und ab.
   Er kraulte das Tier zwischen den Ohren, sodass es ekstatisch die Augen verdrehte. »Ja, du bist der Beste. Ja, D. Ist gut. Du bist der Beste.«
   Emma legte eine Hand auf den rasenden Puls an ihrem Hals. Einen Moment lang hatte sie tatsächlich geglaubt, in Tobys Hütte befände sich irgendein gequältes, menschliches Wesen. Sie wurde verrückt. Sie war dabei, durchzudrehen.
   Die Bewegung ihrer Hand machte den Hund auf sie aufmerksam. Er ließ von Toby ab und schielte zu ihr herüber.
   »Nein«, sagte Toby fest. »Denk nicht mal dran.«
   Der Hund sah ihn an. Er schien zu grinsen. Dann widmete er seine Aufmerksamkeit wieder Emma.
   »Sitz«, befahl Toby. »Nicht anspringen.«
   Der Hund bellte vergnügt – und sprang. Trotz Tobys alarmiertem Blick reagierte sie nicht schnell genug. Die riesigen Pfoten des Tiers trafen sie auf Höhe ihrer Taille. Einen Augenblick hielt sie das Gleichgewicht, dann landete sie unsanft auf dem Hintern. Das Brautkleid bauschte sich wie eine weiße Wolke. Der Hund schnüffelte an dem Tüll und tapste mit der Pfote drauf, als wollte er das Material testen. Und dann schien der Befehl seines Herrchens endlich zu ihm durchzudringen. Er setzte sich sittsam neben ihre ausladenden Röcke und betrachtete sie mit schief gelegtem Kopf, als wäre sie ein Alien, der in seinem Hundeuniversum gelandet war.
   Ihr Gastgeber verzog das Gesicht. »Entschuldigen Sie bitte. Das tut mir wahnsinnig leid. Er ist manchmal einfach zu stürmisch.«
   »Wie heißt er?«
   »Der Hund? D.«
   »D? Was für ein Name soll das denn sein?«
   Toby seufzte. »Meine Nichte durfte seinen Namen aussuchen. Sie hat ihn Daisy genannt.«
   »Daisy? Gänseblümchen?«
   »Seine Männlichkeit hat darunter gelitten. Deshalb nenne ich ihn einfach D.«
   Emma versuchte, die Situation aus dem Blickwinkel einer dritten Person zu betrachten. Das half ihr manchmal, sich zu fokussieren. Sie sah sich selbst, wenig elegant auf ihrem Hintern, neben ihr ein neugieriger Hund und sein verzweifelt dreinblickendes Herrchen. In ihrer Kehle begann es zu zucken. Sie versuchte, Luft zu holen und sich zu beruhigen. Ein seltsamer Laut entschlüpfte ihr und ihr Körper bebte unter der Anstrengung, sich zu beherrschen. Dann gab sie auf. Sie ließ sich nach hinten fallen und begann schallend zu lachen.
   Ihr Lachen klang irre. Ein wenig, zumindest. Dem Hund schien es zu gefallen. Er wedelte mit dem Schwanz und stimmte bellend ein. Sein Herrchen wirkte verwirrt, was einen neuen Lachanfall auslöste.
   Als er offenbar der Meinung war, dass sie sich lächerlich genug gemacht hatte, packte er den Hund am Halsband und zog sie mit der anderen Hand hoch.
   Emmas Lachen verebbte. Entsetzt spürte sie, dass sich Tränen in ihren Augen sammelten. Ihre Gefühle befanden sich in einer Berg- und Talfahrt, die sie nicht stoppen konnte. Sie schluckte um den Kloß in ihrer Kehle herum und presste die Lippen zusammen. Sie würde auf keinen Fall anfangen zu heulen.

*


   Winston stand am Fenster seines Arbeitszimmers und starrte in die Dunkelheit hinaus. Er ließ seinen Scotch im Glas kreisen und nahm einen Schluck.
   Leo Hoff, sein Anwalt, räusperte sich hinter ihm. »Sie ist mit Ihrem Wagen verschwunden, Winston. Ihre Kleidung war im Kofferraum. Ich könnte die Polizei rufen und sie zur Fahndung ausschreiben lassen. Wir könnten sie verklagen. Sie hat Ihrem Ansehen in der Gesellschaft geschadet.«
   Winston musste innerlich über Leos Empörung lächeln. Er trug keinen gesellschaftlichen Schaden davon. Schlimmstenfalls tratschten die Leute in den nächsten Wochen über die geplatzte Hochzeit. Ein paar geschiedene Piranhas würden sich ihm an den Hals werfen, jetzt, wo er wieder zu haben war. All das interessierte ihn nicht im Geringsten. Er nippte noch einmal an seinem Drink. Die kleine Emmaline hatte mehr Rückgrat, als er angenommen hatte. Oder ihr waren einfach die Nerven durchgegangen. Was auch immer der Grund für ihre kalten Füße war, es führte dazu, dass ihre Eltern im Viereck sprangen und kurz davor waren, durchzudrehen. Genüsslich trank er noch einen Schluck. Allein dafür hatte sich ihre Flucht gelohnt, auch wenn er sie gern endlich in sein Bett bekommen hätte. Er drehte sich zu Leo um. »Ist das Notrufsystem des Viper eingeschaltet?«
   »Ja.«
   Gut. Solange er wusste, wo sich sein Cabrio befand, sah er keinen Grund, sich Gedanken zu machen. Emmaline war trotz ihrer Bewandtnis in Sachen Computer völlig unfähig, wenn es um Autos ging. Sie wäre niemals in der Lage, das GPS, das eigentlich dazu diente, im Notfall Leben zu retten, auszuschalten. Er war über jeden ihrer Schritte auf dem Laufenden. »Wir geben ihr eine Woche.« In der ihre Eltern leiden würden wie Hunde. »Dann melden wir den Wagen als gestohlen.«
   »Winston …«
   Mit einer Geste schnitt er dem Anwalt das Wort ab. »Es ist gut möglich, dass sie einfach nur kalte Füße bekommen hat. Das passiert vielen Bräuten. Emmaline hat eine Woche. Den Wagen hätte sie sowieso zur Hochzeit bekommen.« Auch wenn sie diesem Geschenk nie die notwendige Würdigung entgegenbringen würde.
   Leo nickte. »Wie Sie wünschen, Winston.«
   »Gut. Und jetzt lassen Sie mich allein.« Er wartete, bis die Tür ins Schloss gezogen wurde, bevor er den Rest seines Drinks hinunterkippte und sich einen neuen einschenkte.

Kapitel 2

Emma sah sich in der Hütte um. Sie war das Heim eines Mannes und trotzdem gemütlich. Die rechte Seite des Raumes wurde von einer alten Ledercouch mit passendem Sessel, einem niedrigen Couchtisch, Fernseher und Kamin beherrscht. Links, unter den großen Sprossenfenstern, waren eine kleine Küchenzeile und eine Essecke installiert. Drei Türen zählte sie an der Stirnseite des Wohnzimmers.
   Die Dielen knarrten, als Toby ihre Sachen hereinschleppte. »Ich habe ein kleines Gästezimmer. Eigentlich benutze ich es als Büro. Es ist nicht besonders ordentlich im Moment, befürchte ich.« Er fuhr sich durch die Haare und wirkte ein wenig verlegen.
   »Das ist schon in Ordnung.«
   »Gut. Ich zeige es Ihnen.« Er trug den Koffer in das linke der drei Zimmer.
   An der Wand stand ein schmales Bett. Auf dem Schreibtisch vor dem Fenster lagen unordentlich verteilte Papiere, unter denen ein Laptop hervorschaute. Gemeinsam füllten Toby und sie den Raum zwischen Tisch und Bett vollständig aus. Ihr ausladender Rock wurde gegen seine Beine gepresst. »Ähm.« Sie wich einen Schritt zurück, was nicht viel brachte. »Danke.«
   Toby nickte. »Ich hole Ihnen Bettzeug.« Er stellte ihren Koffer ab und presste sich an ihr vorbei. Für einen Augenblick war sie seinem Körper nahe genug, um festzustellen, dass er gut roch. Anders als Winston, der teures und exklusives Aftershave bevorzugte. Toby duftete einfach nur nach Seife, dem Wald und der Lichtung, auf der sein Haus stand.
   Sobald er verschwunden war, kauerte sich Emma vor den Koffer und öffnete ihn, nur um einen Moment später den nächsten frustrierten Laut von sich zu geben. Alles, was sich in ihrem Gepäck befand, war auf Winstons Weisung von seiner persönlichen Assistentin gekauft worden – für den Strand und die Nächte auf Maui. Sie wühlte sich durch die Kleidung. Es war nichts Brauchbares dabei. Nichts, was sie hier und in Gegenwart eines fremden Mannes tragen wollte.
   Toby kehrte zurück und warf Bettzeug auf die Matratze. Sie sah über die Schulter zu ihm auf. »Darf ich Sie um noch einen Gefallen bitten?«
   »Sicher.«
   »Hätten Sie vielleicht etwas zum Anziehen für mich?«
   Er betrachtete lange den Inhalt ihres Koffers, bevor sein Blick zu ihrem zurückkehrte. »Ich finde etwas.«

*


   Toby kramte ein T-Shirt und eine Jogginghose aus seinem Schrank. Er hatte gesehen, was in Emmas Koffer lag. Die hübschen Bikinis und Dessous konnte er sich gut an ihr vorstellen. Grundsätzlich hatte er überhaupt nichts daran auszusetzen, sie in einem solchen Outfit vor sich zu sehen. Er war schönen Frauen nicht abgeneigt, auch wenn er bei Weitem nicht mit so vielen geschlafen hatte, wie manch einer gern glaubte. In der Situation, in der sich sein Gast befand, verboten sich Gedanken an ihre Unterwäsche allerdings aus Prinzip.
   Er brachte die Kleidung in sein Gästezimmer. Emma stand mit dem Rücken zu ihm und versuchte, an die Haken zu kommen, die ihr Kleid im Rücken geschlossen hielten. Mit einem frustrierten Murmeln ließ sie die Hände sinken und drehte sich zu ihm um.
   »Kann ich behilflich sein?«
   »Allein kann ich das Ding nicht ausziehen.«
   Toby warf die Kleider zum Bettzeug und trat hinter sie. Er schob die weichen, dunkelroten Locken über ihre Schulter und öffnete das oberste Häkchen. Ihre milchweiße Haut unter seinen Fingern war warm und glatt. Sie duftete so fantastisch, dass er darüber nachdachte, wie es sich anfühlen würde, seine Nase über ihre Wirbelsäule zu reiben. Eine der Haarsträhnen rutschte zurück und wickelte sich um seinen Finger. Sanft schob er sie wieder über Emmas Schulter und genoss es einen Moment lang, seine Fingerspitzen über ihren Körper gleiten zu lassen. Sie reagierte mit einer Gänsehaut.
   Toby schluckte und versuchte, seine Hände ruhig zu halten. Langsam öffnete er ein Häkchen nach dem anderen, bis er ihren Po erreichte. Sie hielt den Stoff mit einer Hand vor dem Körper fest und angelte mit der anderen nach dem T-Shirt, das er ihr gebracht hatte. Sie zog es über und ließ das Kleid fallen. Es bauschte sich zu ihren Füßen in einer riesigen Wolke. Unfreiwillig erhaschte er einen Blick auf ihre langen Beine, die halterlosen Strümpfe und ein hellblaues Strumpfband. Er schluckte noch einmal trocken und bewegte sich rückwärts Richtung Tür. »Nehmen Sie sich Zeit. Das Bad ist nebenan. Ich warte im Wohnzimmer.«
   Gott, er war scharf auf sie. Er war angetörnt von einer Frau, die gerade vor dem Altar stehen gelassen worden war. Von einem Mann, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen wollte. Konnte er noch weiter sinken? Er fuhr sich durch die Haare und presste seine Handballen auf die Augen, um den Anblick ihrer Beine und dieses verdammten Strumpfbandes von seiner Netzhaut zu löschen. Es funktionierte nicht. Also atmete er tief durch, holte sich ein Bier und setzte sich mit D auf die Couch. Er schaltete ein Baseballspiel ein, ohne sich darauf zu konzentrieren. Seine Gedanken waren bei der Frau, die in seinem Gästezimmer und Bad rumorte.
   Als er sie endlich ins Wohnzimmer treten hörte, sammelte er sich einen Moment und setzte eine neutrale Miene auf, bevor er sich umdrehte. Sein T-Shirt reichte ihr bis zu den Oberschenkeln, die Hose hatte sie am Saum umgekrempelt. Ihre Haare waren in einem unordentlichen Pferdeschwanz zusammengefasst und auf ihrer Nase saß eine dieser Brillen mit dunklem Rahmen, die Strebern vorbehalten waren, bis irgendjemand den Coolnessfaktor in ihnen entdeckt und sie zum Modeartikel gemacht hatte.
   »Ich würde mich gern zurückziehen, wenn das für Sie in Ordnung ist«, hob sie leise an.
   »Selbstverständlich. Fühlen Sie sich wie zu Hause.«
   »Gute Nacht.« Sie zögerte. »Und vielen Dank.«
   »Schlafen Sie gut.« Er wartete, bis die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, und nahm einen großen Schluck von seinem Bier.

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