Eine Journalistin, die alles aufs Spiel setzt. Ein verurteilter Mörder, der nichts zu verlieren hat. Und ein Auftrag, der sich zu einem wahren Albtraum entwickelt. Die Journalistin Milla reist für den Auftrag ihres Lebens nach Paris: Sie soll einen Leitartikel über den ehemaligen Enthüllungsreporter Robert Hoffmann verfassen, der seine Verlobte vor fünf Jahren brutal vergewaltigt und ermordet hat. Bei ihren Interviews verwirrt sie der charismatische Hoffmann jedoch zusehends mit seinem merkwürdigen Verhalten. Ein weiterer Mord, eine bedrohliche E-Mail und beunruhigende Zeugenbefragungen veranlassen Milla schließlich, sich eingehender mit dem Jahre zurückliegenden Mordfall zu befassen. Doch welche Pläne verfolgt der verurteilte Mörder in Wirklichkeit? Kann Milla ihrem Instinkt trauen, der ihr immer stärker signalisiert, dass bei der Verurteilung offensichtlich Fehler begangen wurden? Dass Hoffmann die Wahrheit sagt, wenn er hartnäckig behauptet, unschuldig zu sein? Nach einem brutalen Zwischenfall im Gefängnis trifft Milla eine folgenschwere Entscheidung, die nicht nur Roberts Leben, sondern auch ihr eigenes grundlegend verändert …

E-Book: 3,99 €

ePub: 978-9963-53-404-3
Kindle: 978-9963-53-405-0
pdf: 978-9963-53-403-6

Zeichen: 638.332

Printausgabe: 13,99 €

ISBN: 978-9963-53-317-6

Seiten: 389

Kaufen bei:  Amazon Beam iTunes Thalia Weltbild

Silke Ziegler

Silke Ziegler
Silke Ziegler begann 2013 mit dem Schreiben. Im Oktober 2014 wurde ihr Debütroman „Tödlicher Verrat“ veröffentlicht und auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt. 2015 veröffentlichte sie bei bookshouse ihre zweite Thrillerromanze „Am Ende der Unschuld“. Im Juli 2017 kommt ihr mittlerweile fünfter Krimi heraus. Momentan schreibt sie an ihrem sechsten Manuskript. Sie lebt mit Mann, zwei Kindern und ihrem Hund in Weinheim an der Bergstrasse. Hauptberuflich arbeitet sie an der Universität Heidelberg. Schon in ihrer Jugend hat sie eine große Verbundenheit zu Frankreich entwickelt, wo auch die meisten ihrer Geschichten spielen. In ihrer Freizeit liest sie gern, wenn sie nicht gerade schreibt. Sie reist viel mit ihrer Familie und geht gern wandern.

Autorenseite

Leseprobe

Laden Sie sich gern unsere XXL-Leseprobe im gewünschten Format (pdf, ePub oder Kindle (mobi)) herunter.

pdf-Datei mobi-Datei ePub-Datei

... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog
Paris, 19. Juli 2008

Das vertrocknete Gras stach wie kleine stumpfe Nadeln in ihren Rücken. Verzweifelt richtete Simone ihren Blick in den Himmel, der sich in undurchsichtigem Schwarz über ihr erstreckte, bis sie einen einsamen Stern entdeckte. Der einzige Beobachter dieses unfassbaren Geschehens. Wie hatte es so weit kommen können? Warum nur war die Situation urplötzlich außer Kontrolle geraten?
   Als sie ihre trockenen Lippen befeuchtete, berührte ihre Zunge die Stelle, die er ihr mit der Faust aufgeschlagen hatte. Die Schmerzen trieben ihr Tränen in die Augen.
   Wie konnte er ihr das antun? Er liebte sie doch. Zumindest hatte sie das geglaubt. Vorsichtig versuchte sie, sich unter ihm zu bewegen, stattdessen drückte sein schwerer Körper sie nur stärker auf den Boden.
   Sie schloss die Augen, dachte an das winzige Wunder, das in ihrem Körper heranwuchs. Inständig hoffte sie, dass es noch zu klein war, um zu fühlen, was seiner Mutter in diesem Moment widerfuhr. Dass es nicht spürte, wie die Frau, die ihm das Leben schenken würde, auf die erdenklich schlimmste Weise geschändet wurde.
   Simone wagte einen weiteren Versuch, ihn zur Vernunft zu bringen. »Liebling?«
   »Halts Maul, du Schlampe. Du hast alles kaputtgemacht.« Seine Stimme klirrte in ihren Ohren. Er drückte ihre Hände fester in das trockene Gras über ihrem Kopf.
   Jeder einzelne Stoß schien ihren Unterleib zum Bersten zu bringen. Rücksichtslos hielt er seinen Rhythmus bei, ehe er nach einer gefühlten Ewigkeit von ihr abließ. Er gab abrupt ihre Hände frei und ordnete in aller Ruhe sein Haar.
   Simone fixierte den Stern, der weiterhin strahlte und funkelte, als wäre in den vergangenen Minuten nicht ihr bisheriges Leben in Trümmer zerbrochen. Während sie ihren dröhnenden Kopf hob, sah sie an sich hinab. Ihr Kleid war zerrissen und verschmutzt. Neben der Verletzung an ihrer Lippe spürte sie eine Beule an der rechten Wange, obwohl sie sich nicht erinnern konnte, dass er sie dort getroffen hatte. Wenn sie ehrlich war, wusste sie auch nicht mehr, wann er ihr das Kleid zerrissen hatte. Wahrscheinlich hatte sich ihr Verstand in dem Augenblick verabschiedet, als der Mann, den sie für die Liebe ihres Lebens gehalten hatte, völlig ausgerastet war. Was hatte sie bloß falsch gemacht? Sie hatte doch nur ihr süßes Geheimnis mit ihm teilen wollen. Hatte Zukunftspläne schmieden und sich gemeinsam mit ihm dem Glück werdender Eltern hingeben wollen. Statt sich über die Nachricht zu freuen, war er ausgerastet.
   Vorsichtig blickte sie zu ihm auf. Mittlerweile hatte er seine Hose hochgezogen und sah wieder aus wie ein gewöhnlicher Partygast, der den lauen Sommerabend in Gesellschaft kultivierter Menschen verbrachte. Nur Simone wusste es besser und kannte sein wahres Gesicht. Eine hässliche brutale Fratze, verborgen hinter der Fassade eines liebevoll und charmant wirkenden Mannes, gesellschaftlich anerkannt und bewundert. Eines Mannes, der aufgrund seines Berufs oft in der Öffentlichkeit stand und allseits geachtet wurde. Wie wollte er diesen Zwischenfall erklären?
   Als sie aufzustehen versuchte, gehorchten ihre Beine nicht. Simone erwartete, dass er ihr aufhelfen würde, doch erneut sah sie in seinem Blick nichts als Hass und Verachtung. Die sonst so sanften Augen wirkten im Mondlicht kalt und gefährlich.
   Von der Terrasse her schallte Gelächter zu ihnen herüber. Die Party war in vollem Gange. Niemand schien bemerkt zu haben, dass sie verschwunden waren. Wie sollte sie ihren Zustand verbergen, wenn sie zurückkehrte? »Könntest du mir vielleicht unauffällig ein anderes Kleid aus meinem Zimmer besorgen? Bitte.«
   Er lachte. »Wie kann man so naiv sein? Denkst du, ich lasse mir von dir meine Zukunft ruinieren? Jahrelang habe ich geschuftet, um mir meinen Stand zu erarbeiten. Für eine dahergelaufene Hure wie dich werde ich bestimmt nicht alles aufgeben.«
   Bei seinen Worten musste sie schlucken. Erneut versuchte sie, sich aufzurichten, doch er stieß sie zurück. Erschöpft krallte sie ihre Finger in den trockenen Untergrund. »Wie soll ich denn in diesem Aufzug unbemerkt ins Haus gelangen?«
   »Denkst du wirklich, ich lasse dich zurück zur Feier gehen?«
   Trotz der hochsommerlichen Temperaturen liefen eisige Schauder über Simones Körper. Sie zitterte. »Hör zu, ich erzähle niemandem etwas. Die Sache kann unter uns bleiben. Ich werde einfach hier warten, bis alle Gäste gegangen sind.«
   »Du bist dümmer, als ich dachte.« Bedauernd schüttelte er den Kopf und zeigte auf ihren Bauch. »Dieses Ding zwingt mich zu drastischeren Maßnahmen. Du weißt, dass ich nie Kinder wollte.« Er trat einen Schritt auf sie zu. Seine Silhouette bedeckte groß und bedrohlich den Sternenhimmel.
   Simone wich zurück. »Nein, bitte. Ich schwöre dir, niemand erfährt etwas. Es ist auch dein Kind. Das kann dir doch nicht gleichgültig sein.« Mittlerweile klang ihre Stimme so heiser, dass sie sich selbst kaum noch hörte.
   Er näherte sich einen weiteren Schritt. »Tut mir leid, das Risiko ist einfach zu groß.« Er beugte sich zu ihr herab und presste beide Hände auf ihren Kehlkopf.
   Simone konnte nicht mehr schreien.
   Sie versuchte, ihn von sich zu stoßen, doch er war stärker. Sie hatte keine Chance. Ihr schwindelte. Unaufhaltsam verließen die Lebensgeister ihren Körper. Der letzte Gedanke galt ihrem ungeborenen Kind, das sie nicht hatte retten können. Das von seinem Vater eiskalt zum Tod verurteilt worden war.

Kapitel 1
Frankfurt, 27. November 2013

»Verdammter Mistkerl!« Milla warf ihr Handy auf den Schreibtisch und ließ ihre Umhängetasche folgen. Reichte es nicht, dass Sebastians Verhalten seit drei Jahren an ihren Nerven zerrte? Nein, dazu kam immer und immer wieder ihr Vater.
   Sie schob einige Zettel beiseite und schaltete den Monitor ein. Prompt blinkten mehrere Nachrichten auf, darunter eine ihres Chefredakteurs. Milla zögerte, das Nachrichtensymbol anzuklicken. Noch mehr Ärger konnte sie wirklich nicht gebrauchen. Wenn sich Karsten außerhalb der Redaktionssitzungen meldete, konnte das nichts Gutes bedeuten, oder? Schon gar nicht an einem Tag wie heute. Hatte sie etwa den Abgabetermin für einen Artikel vergessen?
   Sie schielte zum leeren Bürostuhl ihrer Kollegin, die kurz vor der Mittagspause zu einem Termin aufgebrochen war. Trotz des trostlosen Wetters wünschte sich Milla an ihre Stelle, egal, wohin – nur nicht in dieses Büro, in dem ihre Enttäuschung die Luft zum Atmen verdrängte. Mühsam riss sie sich zusammen. Was hatte ihr Privatleben am Arbeitsplatz zu suchen? Sie musste sich besser unter Kontrolle halten.
   Noch immer zögernd klickte sie die Nachricht an.

Hallo Milla,
   ich würde gern etwas mit dir besprechen. Könntest du bitte in mein Büro kommen?
   Gruß Karsten

Milla überzeugte sich mit einem raschen Blick in den Terminkalender, dass sie tatsächlich keinen Abgabetermin versäumt hatte. Der Bericht über den mausgrauen neuen Bürgermeisterkandidaten hatte noch Zeit. Also schnappte sie sich erneut Handy und Tasche und machte sich auf den Weg.
   Der Chefredakteur war in der Regel ein Freund der klaren Worte. Diese Geheimniskrämerei sah ihm nicht ähnlich.
   »Herein!«
   Sie betrat das Büro. Karsten Maler saß im gleichen Stockwerk wie sie auf der dem Main zugewandten Seite.
   »Milla, schön, dass du da bist.« Er wies auf eine einladende schwarze Ledersitzgruppe vor den bodentiefen Fenstern. »Bitte setz dich doch.«
   Verschiedene Titelseiten der letzten Jahre hingen an der Wand neben dem Sofa. Der Mainkurier erschien alle zwei Wochen und verstand sich als Informationsjournal für Frankfurt und Umgebung. Inoffiziell sprach Karsten oft vom Frankfurter Stern. Insgeheim bezweifelte Milla jedoch, dass der Stern diesen Vergleich gutheißen würde. Dafür waren sie ihrer Meinung nach doch eine Nummer zu klein.
   »Möchtest du etwas trinken?«
   »Nein, danke. Wie geht es deiner Frau und deiner Tochter?«
   Er war nur fünf Jahre älter als sie, sah durch seine kurz geschorenen grauen Haare allerdings um einiges älter aus.
   »Danke, sehr gut. Und bei dir?«
   Karsten legte großen Wert auf einen persönlichen Umgang mit seinen Mitarbeitern. Mit seiner offenen Art schaffte er es spielend, nicht nur berufliche, sondern auch private Probleme aus den Leuten herauszukitzeln, und niemand würde ihm jemals unterstellen, dies aus anderen Gründen als reinem Interesse an der jeweiligen Person zu tun. Auch Milla hatte ihm schon öfter das Herz ausgeschüttet. Es tat dem Arbeitsklima spürbar gut, nicht nur als Arbeitstier, sondern als Mensch wahrgenommen zu werden.
   »Mister Notorischer-Fremdgänger weigert sich noch immer, die Scheidungspapiere zu unterzeichnen. Seit mittlerweile drei Jahren!«
   Karsten bedachte sie mit einem nachdenklichen Blick, ehe er sich zum Fenster wandte und auf das Wasser des träge dahinfließenden Mains hinaussah.
   Die Büros des Mainkuriers befanden sich im zweiten Stock in einem der vielen Wolkenkratzer Mainhattans. Milla stand auf und stellte sich neben den Chefredakteur. »Selbst bei diesem Wetter ist der Blick einfach unglaublich.«
   Karsten brummte etwas Unverständliches. »Was ist los mit dir, Milla? Die Antwort mit Sebastian hast du mir schon ein halbes Dutzend Mal gegeben. Was bedrückt dich wirklich?«
   Mit seinem Feingefühl hätte er Psychiater werden sollen. Trotz ihres abwehrenden Gedankens öffnete sie den Mund beinahe wie ferngesteuert. Nur in letzter Sekunde schaffte sie es, nicht mit ihrem Frust herauszuplatzen. »Seit der Trennung hasse ich diese Jahreszeit. Als ich noch mit Sebastian zusammengelebt habe, war das anders. Nach der Arbeit haben wir uns oft vor den Kachelofen gesetzt und Tee getrunken. Diese gemütliche Zweisamkeit konnte nur an solch kalten, trüben Tagen entstehen.«
   »Trauerst du ihm etwa doch nach?«
   Die Frage saß. »Auf keinen Fall.« Und das meinte sie aus tiefster Seele.
   »Dann sag mir, was dich wirklich bedrückt.«
   Tatsächlich war Sebastian meistens der Grund für ihre schlechte Laune. Dieses Mal handelte es sich allerdings um ihren Vater. Ihre Mutter war sehr früh gestorben, Milla ging noch nicht einmal zur Schule. Seither hatte er es auf drei neue Ehen und ebenso viele Scheidungen gebracht. »Weihnachten im Familienkreis fällt mal wieder ins Wasser.« Milla seufzte. »Dank Cynthia.« Sie schob einige Haarsträhnen hinter ihr Ohr, damit sich diese sofort wieder verabschieden konnten, um ihr erneut über die Wange zu fallen.
   »Cynthia?«
   »Seit sechs Monaten seine neue Auserwählte. Dreiunddreißig Jahre alt, Friseurin. Meine Stiefmutter in spe ist zwei Jahre jünger als ich. Ist das nicht grandios?«
   Karsten warf ihr einen unergründlichen Blick zu.
   »Die Dame möchte dieses Jahr an Weihnachten in der Sonne liegen. Cocktails am Strand statt Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt. Und mein Vater bevorzugt es, das Fest der Liebe mit seinen jungen Gespielinnen zu verbringen, anstatt die Feiertage nur ein einziges Mal dazu zu nutzen, mir einen Besuch abzustatten. Bin ich so unwichtig?«
   Karsten legte ihr freundschaftlich eine Hand auf die Schulter. »Keineswegs. Du bist eine sehr kluge und interessante Frau, Milla. Lass dich nicht unterkriegen. Irgendwo wartet das Glück ganz bestimmt auch auf dich.«
   Nichts als Floskeln. Trotzdem tat sein Mitgefühl gut.
   »Weihnachten wird sowieso überbewertet. Wo gibt es denn noch die Vorzeigefamilie, die selig lächelnd unter dem Baum sitzt und selbst gebackene Plätzchen vertilgt? Ehrlich? Ich kenne keine einzige.«
   »Nicht einmal deine eigene?« Ungläubig starrte sie ihren Chef an. Machte er ihr etwas vor, um ihr die Bitterkeit zu nehmen? Oder hatte er tatsächlich Probleme, von denen keiner seiner Mitarbeiter auch nur etwas ahnte?
   »Es ist okay«, sagte er. »Aber der Kommerz überschattet auch bei uns alles. Leider sieht das meine Frau anders.«
   »Ich erinnere mich dunkel an schöne Feste, als meine Mutter noch lebte, aber das ist fast dreißig Jahre her. Vielleicht sind es diese verklärten, unerreichbaren Kindheitserinnerungen, die uns vorgaukeln, dass wir auch als Erwachsene aus Weihnachten den schönsten Tag des Jahres machen müssen. Dadurch setzen wir uns unter Druck, und der Frust steigt ins Grenzenlose.« Sie schwieg einen Moment. »Vielleicht hat mein Vater sogar recht. In die Sonne fliegen und Weihnachten ausfallen lassen ist möglicherweise gar keine schlechte Idee.«
   Karsten nahm wieder auf dem Sessel Platz und bedeutete Milla, sich ebenfalls zu setzen. »Ich hätte eine Aufgabe für dich, die dich ganz sicher auf andere Gedanken bringt. Wie lang bist du jetzt bei uns, Milla?«
   »Etwas länger als ein Jahr.« Er hatte sie also doch nicht zu sich einbestellt, um Small Talk zu führen. An seiner Miene erkannte sie allerdings nicht, was er im Schilde führte.
   »Es gefällt dir gut hier, oder?«
   Sie strich sich erneut eine Haarsträhne hinter das Ohr. »Warum bin ich hier, Karsten?«
   Er erwiderte ihren Blick offen. »Kennst du Robert Hoffmann, den ehemaligen Enthüllungsjournalisten?«
   Robert Hoffmann. Wie lange war ihre Begegnung her? Damals war sie noch nicht mit Sebastian verheiratet gewesen. Sein Abschiedssatz hatte sich in ihrem Gedächtnis eingebrannt. »Dein Verlobter muss ein sehr glücklicher Mann sein.« So glücklich, dass er sie unverfroren unzählige Male mit Sekretärinnen, Kolleginnen und Gott weiß wie vielen anderen Frauen betrogen hatte.
   Robert Hoffmann, der Abend in Paris. Der Journalistenkongress.
   »Milla?«
   »Tut mir leid, Karsten. Mir war gerade etwas eingefallen. Ja, ich kenne ihn.«
   »Du weißt, dass er in Frankreich im Gefängnis sitzt?«
   »Er soll vor einigen Jahren seine Freundin ermordet haben.«
   »Er wurde wegen Vergewaltigung und Mordes an seiner Verlobten zu lebenslanger Haft verurteilt.«
   Milla schloss die Augen. Mord, Vergewaltigung. Erneut dachte sie an den Mann, dem sie vor neun Jahren in der Lobby des Pariser Hotels begegnet war. Sie fand keine Verbindung zwischen dem gut aussehenden, charmanten Mann, der ihr damals unmissverständlich zu verstehen gegeben hatte, dass sie ihn interessierte, und diesem abscheulichen Verbrechen, das vor fünf Jahren ganz Frankreich zutiefst schockiert hatte. »Was ist mit ihm?«
   »Wir möchten einen Leitartikel über ihn und das damalige Verbrechen bringen. Wie es ihm mittlerweile geht. Was er zu der Tat fünf Jahre danach zu sagen hat. Eventuell auch Interviews mit Familienangehörigen und Zeugen von damals. Immerhin stammt er ursprünglich aus Frankfurt und ist dadurch für unsere Leser interessant.«
   »Soll ich die Koordination der Termine übernehmen? Der Bericht über den Bürgermeisterkandidaten ist beinahe fertig. Unglücklicherweise gibt es über den Mann nicht allzu viel zu schreiben.«
   »Dafür über Robert Hoffmann umso mehr. Du sollst den Artikel schreiben.«
   Milla meinte, sich verhört zu haben. »Wie meinst du das? Ich bin doch erst seit einem Jahr hier. Es gibt viel erfahrenere Kollegen. Soll ich etwa einfach ins Gefängnis spazieren und Hoffmann dort befragen?«
   Karsten stand auf und kam auf Milla zu. Während er sich neben ihr auf das Sofa setzte, sah er sie prüfend an. »Genau das sollst du tun, meine Liebe. Der Gefängnisdirektor, übrigens ein überaus kompetenter Mann, ist bereits über dein Kommen informiert.«
   Milla schaffte es nicht, den Mund zuzuklappen. Ein Leitartikel über das schlimmste Verbrechen der letzten Jahre mit Hintergrundinformationen und Interviews mit dem prominenten Täter. Hatte sie nicht all die Jahre auf solch eine Chance gewartet? Sie hätte sich vielleicht ein etwas weniger brutales Thema gewünscht, aber möglicherweise lag genau in dieser Thematik ihre Chance. Sie konnte versuchen, den Menschen zu zeigen, der sich hinter der Maske des brutalen Mörders verbarg, die Emotionen herausarbeiten, die zweifelsfrei bei allen Beteiligten bis heute vorhanden waren. Ihres Wissens nach hatte Hoffmann bis zum Schluss seine Unschuld beteuert. Vielleicht war es sogar von Vorteil, dass sie Robert Hoffmann bereits vor diesem furchtbaren Verbrechen in einem normalen Umfeld kennengelernt hatte. »Ich kenne Robert Hoffmann.«
   »Das sagtest du bereits.«
   »Nein, ich meine, ich kenne ihn persönlich. Ich bin ihm vor Jahren einmal auf einem Journalistenkongress in Paris begegnet.«
   »Tatsächlich?«
   Milla ließ ihren Blick über das grau schimmernde Wasser des Mains schweifen. »Er war damals noch ganz am Anfang. Hatte erst ein oder zwei seiner berüchtigten Artikel herausgebracht. Kurz darauf ging es mit seiner Karriere steil bergauf.«
   »Der Mann hat eine beachtliche Laufbahn hingelegt, bevor er sich durch seinen Ausraster ins Aus katapultiert hat.« Karsten kratzte sich am Kinn und blickte Milla mit seinen dunklen Augen aufmerksam an.
   Sie erwiderte seinen Blick. »Warum ich?«
   Er rückte von ihr ab und zögerte, während Milla ihn abwartend ansah. »Du bist die Einzige in der Redaktion, die fließend Französisch spricht. Hoffmann hat den Interviews übrigens nur unter der Bedingung zugestimmt, dass man ihn nicht als mordendes Monster darstellt.«
   Schweigsam folgte sie Karstens Blick hinaus auf den Main und entdeckte einen einsamen Kanuten, der sich mit monotonen Armbewegungen vorwärtsbewegte.
   »Du schaffst das, Milla. Daran habe ich keine Zweifel.«
   »Wann?«
   »Sofort. Es sei denn, du brauchst noch Bedenkzeit.«
   »Nein, Elke kann den Artikel über Schmitt allein fertigstellen. Andere Aufträge habe ich momentan nicht. Ich könnte morgen in Paris sein.«
   »Reservier dir ein Hotelzimmer. Wenn möglich, nicht das Ritz. Die Kosten bekommst du selbstverständlich als Spesen nach deiner Reise zurück.«
   »Eine gute Freundin aus Montpellier wohnt in Paris. Ich werde sie anrufen. Vielleicht kann ich bei ihr unterkommen.« Sie hasste Hotels. Die unpersönlich eingerichteten Zimmer lösten immer ein schreckliches Gefühl der Einsamkeit aus.
   Karsten stand auf und ging zu seinem Schreibtisch. »Natürlich kannst du gern bei deiner Bekannten übernachten, wenn dir das lieber ist. Du musst nur bedenken, dass Hoffmann in Fresnes sitzt. Das ist ein Stück von Paris entfernt. Leider gibt es keine öffentlichen Verkehrsmittel, die eine Anbindung an das Gefängnis haben.« Er nahm eine Mappe und kehrte zu Milla zurück. »Nicht, dass das die Insassen stören würde. Für ihre Überführung dorthin sorgt der Staat, und nach Hause laufen sie zur Not, wenn sie entlassen werden. Hier sind alle relevanten Informationen. Alte Artikel über den Fall, Adressen und Kontaktdaten der Angehörigen. Die Namen der Polizeibeamten, die den Fall bearbeitet haben.«
   Milla nahm die Mappe an sich.
   »Ich überlasse es dir, wie du den Artikel aufziehst. Vielleicht verschaffst du dir vor Ort erst mal einen Überblick der damaligen Ereignisse und überlegst dir, was relevant ist und welche Blickwinkel du wiedergeben möchtest.«
   »Ich danke dir.« Sie war fest entschlossen, diese Chance zu nutzen und den besten Artikel ihrer Karriere zu schreiben.
   »Du hast es verdient. Mach was draus. Und Milla? Im Gefängnis muss Französisch gesprochen werden, da du mit Hoffmann nicht allein sein wirst und das Personal dem Gespräch folgen können muss.«
   »Kein Problem, das habe ich mir schon gedacht.«
   »Viel Erfolg und gute Reise.«

Als sie an ihren Arbeitsplatz zurückkehrte, kramte sie unverzüglich ihr Telefon aus der Handtasche. Sie suchte den Eintrag mit der Nummer ihrer Freundin. Seit Sandrine und sie nicht mehr in Montpellier arbeiteten, hielten sie in unregelmäßigen Abständen Kontakt. Sandrine arbeitete seit geraumer Zeit bei einem Pariser Modejournal, während Milla vor sechs Jahren mit Sebastian nach Deutschland zurückgekehrt war, weil er das verlockende Angebot bekommen hatte, bei einer deutschen Großbank in den Vorstand zu wechseln.
   Nach dem dritten Klingeln meldete sie sich. »Sandrine Bonnet, oui?«
   Ein Gefühl der Vertrautheit und der Nähe durchströmte Milla. »Hier ist Milla. Wie geht es dir?« Problemlos wechselte sie in die französische Sprache.
   »Milla! Wie schön, von dir zu hören. Die letzten Tage habe ich öfter an dich denken müssen. Rate mal, wo ich gerade bin?«
   »Du bist nicht in Paris?«
   »Mon dieu, nein. Paris im November. Gibt es etwas Schlimmeres?«
   Frankfurt im November, antwortete Milla im Stillen.
   »Ich kann fast das Meer sehen«, fuhr Sandrine fröhlich fort. Ihr vertrautes Lachen drang durch die Leitung. »Chérie, ich bin in Montpellier. Ist das nicht herrlich? Ich begleite eine Fotoserie, weil ich mich hier ja doch recht gut auskenne, wie du weißt.«
   Milla schmunzelte. Wahrscheinlich gab es in ganz Montpellier niemanden, der sich dort so gut zurechtfand wie Sandrine. Sie hatte eine Leidenschaft für diese Stadt entwickelt, die über das normale Maß weit hinausging. Deshalb hatte Sandrine lange mit sich gehadert, ob sie das Angebot aus Paris wirklich annehmen sollte, doch der finanzielle Aspekt hatte sie schließlich überzeugt. Mit dem Ergebnis, dass sie jeden Urlaub, den sie seitdem genommen hatte, ausnahmslos in ihrer Lieblingsstadt im Süden des Landes verbrachte.
   »Milla, wie geht es dir? Ich rede mal wieder nur von mir«, bemerkte sie leichthin, doch Milla konnte ihrer Freundin nicht böse sein. Sogar durchs Telefon verströmte diese Frau eine Lebensfreude und Quirligkeit, die Milla schmerzlich vermisste, seit sie Hunderte von Kilometern voneinander entfernt wohnten.
   »Es geht mir gut. Ich habe einen Auftrag in Paris bekommen und hatte gehofft, dass wir uns vielleicht sehen könnten. Aber da du nun …«
   »Du kommst nach Paris? Das ist toll. Wann?«
   »Mein Chef ist der Meinung, je schneller, desto besser.«
   »Hör zu, du kannst auf jeden Fall bei mir wohnen. Noch drei oder vier Tage, dann bin ich zurück. Die meisten Aufnahmen haben wir bereits im Kasten.«
   »Ich möchte dir wirklich nicht zur Last fallen«, erwiderte sie zögerlich.
   »Unsinn! Ich freue mich total. Dann lernst du gleich meinen neuen Mitbewohner kennen. Anfangs ist er etwas zurückhaltend, aber wenn er erst mal merkt, dass du es gut mit ihm meinst, taut er auf. Und dann ist er eine wahre Schmusebacke.«
   Irritiert schob Milla ihre Brille zurecht. Eigentlich war Sandrine nicht der Typ für eine WG, doch auch wenn Milla lange nicht mehr in Paris gewesen war, kannte sie doch die schwindelerregend hohen Mieten.
   »Meine Nachbarin, Madame Sullah, hat den Schlüssel zu meiner Wohnung. Sie kümmert sich während meiner Abwesenheit um Minou. Ich werde sie gleich anrufen und ihr sagen, dass du diese Aufgabe ab sofort übernimmst«, erklärte Sandrine.
   Milla schluckte. Sie musste in Paris arbeiten. Wie sollte sie sich da um Sandrines verstockten Mitbewohner kümmern?
   »Um was für einen Auftrag geht es denn?«, fragte Sandrine neugierig.
   Ihre Karrieren hatten sich nach dem Weggang aus Montpellier in verschiedene Richtungen entwickelt. Sandrine beschäftigte sich bei La belle, einer großen Frauenzeitschrift, vorwiegend mit Frauenthemen im Allgemeinen, wozu unter anderem auch Reiseberichte und Städtebesichtigungen gehörten. Milla hatte sich dagegen auf zwischenmenschliche Themen mit ernsterem Hintergrund spezialisiert. »Ein Leitartikel über Robert Hoffmann.« Sie sprach den Namen Französisch aus, verschluckte das T des Vornamens und das H des Nachnamens.
   »Hoffmann? Was gibt es über dieses Monster noch zu schreiben, was nicht jeder schon weiß?«
   »Sandrine, bitte. Es geht um das Portrait eines Mannes, dessen Leben in dieser Tragödie gipfelte. Mit Interviews der Beteiligten über die furchtbare Tat, den Fakten des Verbrechens und natürlich mit Hoffmanns Stellungnahme.«
   »Willst du ihn etwa im Gefängnis treffen? Hoffmann gibt keine Interviews. Was denkst du, wer schon alles bei ihm angefragt hat? Vergiss es.«
   »Wie kommst du darauf, dass er keine Interviews gibt?«
   Sandrine lachte auf. »Süße, schließlich lebe ich in Paris. Es gibt keine einzige französische Zeitung, die noch nicht bei ihm angefragt hat. Es ist ein offenes Geheimnis, dass er jeden hat abblitzen lassen.« Sie machte eine kurze Pause. »Wie heißt dein Arbeitgeber eigentlich?«
   »Mainkurier.«
   »Sei mir nicht böse, aber kein Mensch in Frankreich hat je von dieser Zeitung gehört. Ich denke wirklich, du kannst dir die Fahrt sparen. Sicher wird er nicht mit dir reden.«
   »Es ist bereits alles arrangiert, Sandrine. Er wird mit mir sprechen.«
   Ihre Freundin schwieg einige Sekunden lang und atmete laut aus. »Was habt ihr ihm geboten? Das glaube ich einfach nicht. Bisher hat er alle Anfragen ausnahmslos abgelehnt.«
   Milla hatte noch nicht darüber nachgedacht, warum Robert Hoffmann ausgerechnet mit einem kleinen Regionalmagazin wie dem Mainkurier zusammenarbeiten wollte. War es letztlich doch noch nicht sicher, dass er mit ihr reden würde? Wollte Karsten sie nur in Sicherheit wiegen? Vielleicht war es ein Test, der zeigen sollte, ob sie in der Lage war, unüberwindbare Hürden zu meistern. »Ich fahre morgen nach Paris. Dann werden wir ja sehen, ob Hoffmann redet.« Milla war sich plötzlich sicher, dass sie sich nicht von ihm würde abwimmeln lassen. Sie hatte einen Auftrag bekommen, vielleicht den wichtigsten ihrer Karriere, und sie würde ihn ausführen. Kostete es, was es wolle.
   Sie ließ sich von Sandrine noch erklären, wie sie zu deren Wohnung gelangte, und legte beinahe gut gelaunt auf.

Kapitel 2
Paris, 28. November 2013

Als Milla siebenundzwanzig Stunden später aus dem TGV am Bahnsteig Gare de l’Est ausstieg, atmete sie tief durch und ließ das geschäftige Treiben einen Moment lang auf sich wirken. Ein gewöhnlicher Donnerstag Ende November in Paris. Die meisten Leute waren auf dem Weg nach Hause, niemand achtete auf sie.
   Sie ging zu einem Kartenautomaten und löste ein Wochenticket für die Métro. Die einhundert Jahre alte Untergrundbahn war in Paris nach wie vor das Verkehrsmittel Nummer eins.
   Ihr schlug eisige Kälte ins Gesicht, als sie den Vorplatz betrat. Es musste mindestens fünf Grad kälter sein als in Deutschland.
   Das alte Bahnhofsgebäude ragte vor ihr in den Himmel. Die geschwungenen Rundbögen, die in langen Säulen endeten, das große, kreisförmige Fenster über dem Haupteingang. Milla war schon Dutzende Male hier angekommen, doch diesmal war es anders. Diesmal hatte sie einen Auftrag zu erledigen, der ihr ganzes Leben verändern konnte.
   Zuversichtlich dachte sie an die Unmengen von Zeitungsartikeln, die sie während der Fahrt durchforstet hatte. Viele Details waren ihr nicht bekannt gewesen. Sie war erschrocken darüber, welche Ausmaße der Fall damals genommen hatte. Simone Dubois, das Opfer, war eine beliebte Schauspielerin, der ganz Frankreich zu Füßen gelegen hatte. Immer wieder hatte Milla in das makellose Gesicht der Blondine geschaut, während sie mit Grauen die Artikel neben den Fotos gelesen hatte. Mittlerweile bezweifelte sie, ob es ihr wirklich gelingen würde, Robert Hoffmann unvoreingenommen zu begegnen und nicht den brutalen Killer vor Augen zu haben, den die Zeitungen in allen Facetten beschrieben. Auch Hoffmanns Foto war mehrmals bei ihren Recherchen aufgetaucht. Bei seiner Verhaftung hatte er noch genauso ausgesehen, wie Milla ihn in Erinnerung hatte. Groß, gut aussehend, hellblondes dichtes Haar, der intensive Blick aus diesen unverschämt grünen Augen. Selbst wenn sie ihre ganze Fantasie zusammennahm, sie konnte sich Robert Hoffmann nicht als brutalen Frauenmörder vorstellen. Andererseits gab es mehr als genug Beweise, die sein Anwalt nicht glaubwürdig hatte widerlegen können. Hoffmann war schuldig, daran bestand kein Zweifel.
   Der grausamste Aspekt der Geschichte war Milla bis heute nicht bekannt gewesen. Simone Dubois war bei ihrer Ermordung im vierten Monat schwanger gewesen, was sich erst bei der Autopsie herausstellte. Niemand in ihrem Umfeld hatte davon gewusst. Auch Hoffmann behauptete bis heute, dass Simone ihm nichts von dem Kind erzählt hatte.
   Milla schloss die Augen. Irgendwo in ihrem Hinterkopf bahnte sich ein unangenehmer Schmerz seinen Weg. Genervt hängte sie sich den Gurt der Laptoptasche über die Schulter, umschloss die Reisetasche fester und stieg die Treppe zur Métro hinab. Wie erwartet war der ankommende Zug so voll, dass sich Milla nur mit größter Anstrengung einen Stehplatz an der Tür erkämpfen konnte. Sie musste zweimal umsteigen, bis sie in der richtigen Bahn saß, die sie nach Joinville-Le-Pont bringen würde. Sandrine wohnte in einer kleinen Seitenstraße des Vorortes südöstlich von Paris.
   Als sie in der RER endlich einen Sitzplatz ergattert hatte, lehnte sie sich erschöpft zurück. Ihr gegenüber saß ein junger Mann, der ununterbrochen auf seinem Telefon herumtippte. Fasziniert beobachtete sie, wie seine Finger über die Tasten flogen. Ob schon einmal jemand auf die Idee gekommen war, die Geschwindigkeit zu messen, mit der junge Leute heutzutage ihre Nachrichten per Internet in die Welt hinausschickten? Milla fühlte sich mindestens fünfzig Jahre älter. Natürlich kannte auch sie sich mit Smartphones, Internet und Laptops aus. Ihr Beruf brachte die Notwendigkeit mit sich, immer und überall an Informationen kommen zu können, doch in ihrem Privatleben beschränkte sie die Kommunikation per Mobiltelefon strikt auf Telefongespräche. Sie schickte grundsätzlich keine Textnachrichten, von E-Mails ganz zu schweigen.
   Als ihr Telefon klingelte, sah sie überrascht aufs Display. Irene. Ihre Noch-Schwiegermutter rief mal wieder im ungünstigsten Moment an, doch wenn sie nicht dranging, würde sie es den ganzen Abend weiter versuchen. Irene Kampert konnte sehr hartnäckig sein, wenn es darum ging, Milla davon zu überzeugen, es noch einmal mit ihrem Sohn zu versuchen. Genervt nahm sie das Gespräch an. »Irene, hallo, wie geht es dir?«
   »Wo bist du, Milla? Ich habe bereits in der Redaktion angerufen, doch deine Kollegin sagte, du seist momentan wegen eines neuen Auftrages unterwegs. Ich störe doch nicht?«
   »Ich sitze gerade in der Métro. Ich habe einen großen Auftrag bekommen und werde einige Zeit nicht in Frankfurt sein.«
   »In der Métro? Du meinst, du bist in Paris?«
   »Ich bin auf dem Weg zu Sandrine und werde einige Tage bei ihr wohnen.«
   Am anderen Ende der Leitung ertönte ein zufriedenes Geräusch. »Das ist gut. Dann bist du nicht allein.« Irene schwieg für einen Moment. »Was ist das denn für ein Auftrag? Ich dachte, ihr seid ein Regionalmagazin.«
   Ja, das dachte sie eigentlich auch. »Hör zu, Irene, ich muss gleich aussteigen. Am besten, ich erzähle dir alles, wenn ich wieder zu Hause bin.«
   »Weiß Sebastian, wo du bist?«
   »Wir haben uns vor drei Jahren getrennt. Daher geht es ihn überhaupt nichts mehr an, was ich wo mache. Wenn du mir einen Gefallen tun möchtest, dann sag ihm, dass er endlich die Scheidungspapiere unterschreiben soll.«
   Irene seufzte. »Ach, Milla, vielleicht solltet ihr einfach noch mal miteinander sprechen. Ihr wart ein so tolles Paar.«
   »Das hat dein Sohn leider anders gesehen. Vielleicht erinnerst du dich, dass er es war, der mich immer wieder betrogen und belogen hat.«
   »Ich weiß doch. Der Junge war einfach noch nicht reif für die Ehe. Aber glaub mir, er liebt dich noch immer. Er bestätigt es mir jedes Mal, wenn wir über dich reden.«
   Milla atmete tief durch, während sie weiter den Blick ihres Sitznachbarn auf sich spürte. Zum Glück konnte er sie nicht verstehen. »Diese Diskussion bringt nichts. Sebastian ist schon lange kein Teil meines Lebens mehr. Bitte akzeptiere das.« Sie machte eine Pause. »Ich muss jetzt wirklich Schluss machen. Ich melde mich, wenn ich wieder in Frankfurt bin.« Angespannt steckte Milla ihr Telefon weg und blickte in die Finsternis, die vor dem Zugfenster herrschte.
   Irene Kampert war eine Mutterfigur für Milla, die sie selbst so früh verloren hatte. Leider hatte sie nur einen Fehler: Sie war Sebastians Mutter. Seit sie sich kannten, hatte sich Irene immer liebevoll um sie gekümmert, auch nach dem Scheitern ihrer Ehe. Irene war früh Witwe geworden. Am Anfang ihrer Beziehung hatte Milla die Tatsache, dass Sebastian ebenfalls Halbwaise war, als Schicksalsfügung gesehen, die sie miteinander verband. Mittlerweile war ihr klar, dass eine gute Beziehung durch andere Faktoren geprägt wurde als zufällige Gemeinsamkeiten im Lebenslauf. Sie mochte Irene von Herzen gern, doch ihre ständigen Versuche, sie wieder mit Sebastian zusammenzubringen, gingen ihr auf die Nerven. Daheim würde sie ein ernstes Wort mit ihr reden müssen.
   Wenige Minuten später fiel Tageslicht in das Abteil, weil der Zug nun überirdisch fuhr. Bei der nächsten Haltestelle musste Milla aussteigen. Erleichtert nahm sie ihre beiden Taschen und erhob sich.
   Der junge Mann zwinkerte ihr zu und lächelte verschmitzt.
   Milla sah ihn fragend an.
   »Ciao, schöne Frau.«

Zehn Minuten später, als das Taxi vor einem weitläufigen Grundstück hielt, glühte ihr Gesicht noch immer. Rasch nahm sie die mannshohe Mauer in Augenschein. Hatte sich der Fahrer in der Adresse geirrt? Sicherheitshalber wiederholte sie sie, doch er nickte und zeigte auf das Grundstück.
   Milla fand kein Tor, deshalb ging sie an dem Nachbargrundstück vorbei und bog links in einen schmalen Weg ein. Als sie am Ende auf eine kleine Straße stieß, wurde sie endlich fündig. Eilig stieg sie die drei Stufen zur Haustür hinauf und beugte sich hinab, um das Namensschild zu lesen. Hier war sie richtig. Sandrine Bonnet. Erleichtert steuerte sie auf das Nebenhaus zu. Hier musste Madame Sullah wohnen. Milla klingelte und wartete.
   »Oui?« Eine braun gebrannte Frau in einem orangefarbenen Sari starrte Milla neugierig an. Sie hatte schwarze lange Haare und dunkle Augen. Auf ihrer Stirn leuchtete ein roter Punkt. Milla schätzte die Frau auf Anfang sechzig.
   »Bonjour, Madame. Mein Name ist Milla Seifert. Ich bin eine Freundin von Sandrine.«
   Die Frau verzog ihr faltiges Gesicht zu einem Lächeln. »Bonjour, Madame. Kommen Sie doch bitte herein. Sandrine hat mir Ihr Kommen bereits angekündigt.«
   Milla folgte der Älteren durch einen knallgelb gestrichenen Flur ins Wohnzimmer.
   »Nehmen Sie doch Platz.« Madame Sullah zeigte einladend auf eine rote Plüschcouch. »Ich hole den Schlüssel. Möchten Sie etwas trinken?«
   »Nein, danke.«
   Madame Sullah fegte aus dem Raum.
   Milla wusste nicht, wo sie zuerst hinschauen sollte. Das Zimmer war ein Gesamtkunstwerk indischer Einrichtungskultur. Schwere dunkle Holzmöbel, dicke farbenfrohe Teppiche und Unmengen kitschiger Bollywood-Bilder an der Wand. Hier erfüllten sich sämtliche Klischees, die sie je über Indien gehört hatte.
   Kurz darauf kam Madame Sullah zurück und gab ihr den Schlüssel. »Nehmen Sie sich vor Minou in Acht. Er kann ganz schön verschlagen sein. Lassen Sie sich bloß nicht von seinem harmlosen Aussehen täuschen. Er hat es faustdick hinter den Ohren.«
   Milla lächelte. »Ich werde mich bemühen.«
   Sie kehrte zügig zu Sandrines Haus zurück und schloss die Tür auf. »Hallo?« Vorsichtig tastete sie die Wand ab, bis sie endlich den Lichtschalter fand. Bereits der Flur trug unverkennbar Sandrines Handschrift als absolute Ordnungsfanatikerin. Über eine komplette Wand erstreckte sich ein überdimensioniertes Holzregal, in dem Unmengen von Schuhen nach Farben sortiert in Reih und Glied standen. Müde stellte Milla ihre Reisetasche ab. »Hallo?«
   Vielleicht war Minou nicht zu Hause. Sie atmete auf und betrat das Wohnzimmer. Die gleiche akkurate Ordnung. Sofa, Schränke, Tisch, nirgends lag eine Zeitschrift oder auch nur ein Notizblock herum. Milla würde sich zusammenreißen müssen, um das Haus nicht in einen Chaoshaufen zu verwandeln. Sie mochte es lieber ungezwungen und nicht allzu aufgeräumt, was gleichbedeutend war mit gemütlich und pflegeleicht. Als sie den Kamin in der Ecke entdeckte, musste sie lächeln. Nun ja, gemütlich konnte sie es sich hier dann wohl auch machen.
   Ein Geräusch aus dem Nebenzimmer ließ sie erstarren. Warum hatte dieser ominöse Mitbewohner nicht geantwortet, als sie gerufen hatte? Beinahe empört steuerte sie auf den Raum zu. »Minou? Hallo?« An der Tür zur Küche wich sie zurück. Der ganze Fliesenboden war mit braunen Kügelchen übersät. »Was ist denn das?« Sie bückte sich und betrachtete argwöhnisch das unförmige Etwas in ihrer Handfläche. Als sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung auf der Arbeitsfläche wahrnahm, fuhr sie herum und glaubte, ihren Augen nicht zu trauen. Auf dem Herd saß eine weiße Katze und starrte Milla vorwurfsvoll an.
   »Ich vermute mal, du bist Minou?« Kein verschrobener Mitbewohner, nur ein randalierender Kater. Milla musste schmunzeln. »Du hast wohl Hunger gehabt. Wenn dein Frauchen diese Unordnung hier sehen könnte.« Kopfschüttelnd öffnete sie mehrere Schranktüren, bis sie einen Kehrbesen mit Schaufel fand. Minou starrte sie noch immer regungslos an. Milla schüttete das Futter zurück in die Packung und verstaute die Tüte in einem der Küchenschränke. »Ich hoffe, Türen öffnen gehört nicht zu deinen Spezialitäten.« Langsam näherte sie sich dem Kater. Das Fell leuchtete weiß wie Schnee und die stahlblauen Augen blickten sie unverwandt an. Auch, wenn sie keine Ahnung von Katzen hatte, war sie sich doch sicher, dass es sich bei diesem Vertreter um ein besonders schönes Exemplar handelte. Vorsichtig streckte sie eine Hand aus und wartete geduldig ab. Der Kater saß weiter teilnahmslos auf seinem Platz und musterte sie aus schmalen Augen. Sachte berührte sie ihn. Das Fell fühlte sich weich und glatt wie Seide an. Sie strich ihm behutsam über den Rücken. Als sie seinen Kopf berührte, schmiegte er sich dichter an ihre Hand. »Na, du bist doch ein ganz Lieber. Ich wurde nämlich mehrfach vor dir gewarnt.« Milla schüttelte den Kopf. Jetzt unterhielt sie sich schon mit einer Katze. Musste sie sich langsam Sorgen machen? Sebastian hätte sicher nur Spott für sie übrig, wenn er sie so sehen könnte. Pft. Wen interessierte eigentlich, was dieser Mistkerl dachte?
   Nachdem sie sich mit den nötigsten Lebensmitteln versorgt hatte und frisch geduscht in einem der gemütlich aussehenden Ledersessel vor dem kalten Kamin saß, sah sie erneut ihre Unterlagen durch und griff zum Telefon. Sie wählte die Nummer der Haftanstalt in Fresnes. Eine Tonbandstimme meldete sich und begrüßte Milla, als ob sie bei einem Fünfsternehotel gelandet wäre. Der Directeur des Gefängnisses schien früh Feierabend zu machen. Zu gern hätte sie heute noch abgeklärt, ob das Treffen mit Robert Hoffmann morgen früh stattfinden würde.
   Sie stellte ihr Laptop auf die breite Sessellehne. Es dauerte nicht lang, bis sich der Kater heranschlich. »Na, Minou, Lust auf ein bisschen Gesellschaft?«
   Er sprang auf ihren Schoß und rollte sich zusammen. Während sie seinen weichen Bauch streichelte, blickte sie konzentriert auf den Monitor, von dem eine blonde, äußerst attraktive Frau sie anlächelte. Corinne Mercier, Robert Hoffmanns Exfreundin, die nach seiner Verhaftung behauptet hatte, dass er sie ebenfalls geschlagen und vergewaltigt habe. Der Artikel war vor fünf Jahren in einem großen französischen Boulevard-Magazin erschienen. Vielleicht wäre es interessant, sich auch mit dieser Dame zu unterhalten. Während ihrer Recherchen hatte Milla bereits einige vielversprechende Interviewpartner entdeckt. Die Schwester des Opfers, Roberts bester Freund, der ebenfalls am Abend der Tat auf der Party von Simone Dubois’ Eltern war, Roberts Eltern. Inständig hoffte sie, dass die Leute bereit wären, mit ihr zu sprechen. Als sie sich einen Artikel über den Vater des Opfers, Roger Dubois, einem hohen Tier im französischen Außenministerium, herunterladen wollte, klingelte ihr Telefon. Die Nummer war unterdrückt.
   »Ja?«
   »Ich bin’s, Sandrine.«
   Sie hatte schon befürchtet, dass Irene Sebastian dazu überredet hätte, Kontakt mit ihr aufzunehmen.
   »Sandrine, bonsoir.«
   »Ist alles in Ordnung? Geht es dir gut? Wie benimmt sich Minou?« Typisch Sandrine. Sie nahm sich wieder einmal keine Zeit zum Luftholen.
   »Dein Haus ist einfach toll. Ein richtiger kleiner Palast. Minou liegt auf meinem Schoss und genießt ein paar Streicheleinheiten.«
   Milla hörte ihre Freundin ins Telefon schnauben. »Minou macht was? Ich glaube, ich hab mich verhört.«
   Unsicher blickte sie den Kater an. »Er liegt hier und lässt es sich gut gehen.«
   »Minou lässt sich von niemandem anfassen außer von mir. Bist du sicher, dass du dich im richtigen Haus befindest?«
   Sie starrte das Fellbündel auf ihren Oberschenkeln an. »Er liegt hier und schläft.«
   Am anderen Ende der Leitung machte Sandrine ein undefinierbares Geräusch. Milla konnte sich lebhaft vorstellen, wie ihre Freundin ungläubig den Kopf schüttelte und Grimassen zog. »Minou ist das scheueste Katzenvieh in ganz Paris, ach, was sage ich, in ganz Frankreich. Wenn er dich gleich am ersten Tag in sein Herz geschlossen hat, kommt das einem kleinen Wunder gleich.«
   Milla hatte noch nie Haustiere besessen. Sie spielten einfach keine Rolle in ihrem Leben, daher verwunderte sie Sandrines Bemerkung.
   »Ich wollte mich bei dir entschuldigen«, riss Sandrine sie aus ihren Gedanken.
   »Warum?«
   »Wegen gestern. Ich habe etwas ungehalten auf deinen Auftrag reagiert, aber schließlich ist das unser Job. Ein Leitartikel, mon dieu. Das ist eine Riesenchance, die du auf jeden Fall nutzen musst. Man kann es sich schließlich nicht aussuchen, über was man schreibt.«
   »Danke, Sandrine. Das weiß ich wirklich zu schätzen. Ehrlich gesagt hätte auch ich mir ein anderes Thema gewünscht. Ich möchte auf jeden Fall versuchen, auch mit den Angehörigen des Opfers zu sprechen, damit der Artikel nicht zu einseitig ausfällt. Ich hoffe nur, sie wollen mit mir reden.«
   »Ich kenne Marie Dubois, Simones Schwester. Sie arbeitet als Model und ich habe vor ein paar Monaten eine Fotostrecke mit ihr gemacht. Wenn du magst, kann ich sie anrufen.«
   »Das wäre nett. Weißt du denn schon, wann du in Montpellier fertig bist?«
   »Wenn es nach mir ginge, würde ich noch ein paar Tage dranhängen. Du weißt ja, hier ist die Heimat meines Herzens. Aber ich denke, in zwei, drei Tagen bin ich zurück.«
   »Ich freue mich. Wir haben uns eine Ewigkeit nicht mehr gesehen.«
   »Meine Crew wartet. Fühl dich wie zu Hause. Ich melde mich morgen wieder.« Sie machte eine Pause. »Und Milla?«
   »Ja?«
   »Nimm dich vor Hoffmann in Acht. Er ist ein brutaler Mörder, der andere Menschen ohne Skrupel für seine Zwecke manipuliert. Lass dich bloß nicht von ihm einwickeln.«
   »Ich werde aufpassen, versprochen.«

Kapitel 3
Paris, 29. November 2013

Die Ziffern auf dem Wecker zeigten erst zehn Minuten nach sechs. Milla fühlte sich wie durch den Fleischwolf gedreht. Sie hatte schlecht geschlafen und war immer wieder hochgeschreckt. Unruhig drehte sie sich auf die Seite und zog die Decke fester über sich. Was würde sie heute erwarten? Gestern Abend hatte sie noch einige Daten zu Fresnes herausgesucht. Drittgrößtes Gefängnis Frankreichs, genauso hoffnungslos überbelegt wie alle anderen Haftanstalten in diesem Land. Das Gefängnis war Ende des neunzehnten Jahrhunderts erbaut und während des Zweiten Weltkriegs von der Gestapo für Vernehmungen und Folterungen französischer Widerstandskämpfer benutzt worden. Ein Ort, mit dem man nur Negatives verbinden konnte, ein Ort des Bösen.
   Vorsichtig stieg sie aus dem Bett. Minou streckte alle viere von sich und nahm die gesamte Breite der Matratze ein. Ein süßes Kerlchen war er schon, das konnte sie nicht bestreiten.
   Nachdem sie geduscht hatte, überlegte sie, was sie anziehen sollte. Schließlich wollte sie Robert Hoffmann den Eindruck einer seriösen und kompetenten Journalistin vermitteln. Nach einigen Überlegungen entschied sie sich für eine schmal geschnittene beige Hose und eine weiße Bluse, über der sie einen dunkelbraunen Blazer tragen würde. Prüfend blickte sie in den Spiegel. Sie brauchte sich keine Sorgen zu machen, dass sie Hoffmann in irgendeiner Weise mit ihrem Aussehen beeindrucken würde. Unter ihren Augen hatten sich dunkle Ringe gebildet, die sie vorsichtig berührte. Sie schminkte sich und setzte ihre Brille auf.
   Als sie in die Küche kam, schlich Minou bereits um seinen Futternapf. »Guten Morgen, Langschläfer. Hast du Hunger?« Während sie die Tüte mit dem Trockenfutter aus dem Schrank holte und eine großzügige Portion in die Schüssel schüttete, beobachtete Minou sie ununterbrochen aus seinen schmalen, blauen Augen. »Guten Appetit.«
   Sie lehnte sich an den Küchenschrank und wartete, bis der Kaffee fertig war. Sie würde bei Hoffmann nicht mit der Tür ins Haus fallen. Auf keinen Fall wollte sie ihn verärgern. Sie musste ihn wie jeden anderen Interviewpartner behandeln. Das Verbrechen, das er begangen hatte, musste sie auszublenden versuchen, sonst würde sie es wahrscheinlich nicht schaffen, sich auf einer neutralen Ebene mit ihm auseinanderzusetzen. Erst später wollte sie ihn mit seiner Tat konfrontieren. Hoffentlich ging ihr Plan auf. In ihrer bisherigen Laufbahn hatte sie Artikel zu unzähligen unterschiedlichen Themen verfasst, daher war sie flexibel in ihrer Denk- und Arbeitsweise, doch noch nie war sie mit einem derart brutalen Gewaltverbrechen konfrontiert worden. Würde ihre übliche Strategie, die Themen von ihrer emotionalen Seite aufzuziehen, auch in diesem Fall von Erfolg gekrönt sein?

Zwei Stunden später stieg Milla vor der Haftanstalt aus dem Taxi. Kurz ließ sie das riesige Backsteingebäude auf sich wirken. Auf dem weitläufigen Gelände standen vier große Komplexe parallel zueinander. Milla meinte, sich zu erinnern, dass in einem der Gebäude sämtliche weiblichen Häftlinge untergebracht waren. Die anderen drei unterteilten die männlichen Insassen nach der Schwere ihrer Straftaten. Sie vermutete, dass Hoffmann bei den besonders schweren Jungs untergebracht war. Zumindest konnte sie sich kein abscheulicheres Verbrechen vorstellen.
   Langsam ging sie auf ein großes, ausladendes Tor zu, wo sie den Haupteingang vermutete. An der Pforte saß ein Justizbeamter in dunkelgrauer Uniform.
   »Bonjour, Monsieur, mein Name ist Milla Seifert. Ich bin Journalistin. Robert Hoffmann erwartet mich.«
   Der Beamte nickte knapp und griff zum Telefon. Als er auflegte, wandte er sich ihr wieder zu. »Directeur Zodaine erwartet Sie in seinem Büro.«
   Milla bedankte sich und ging durch die Tür, die der Beamte mit einem Knopfdruck öffnete.
   Hinter der Mauer erstreckte sich ein riesiges Freigelände, das durch mehrere Zäune in unzählige Gänge und Räume, die großen Käfigen glichen, aufgeteilt war. Sie ging auf ein imposantes Gebäude zu, vor dem ein weiterer Justizangestellter stand und in ein Funkgerät sprach. Als sie sich dem Mann näherte, beendete dieser sein Gespräch.
   Der Beamte trug die gleiche Uniform wie der Mann an der Pforte. Im Gegensatz zu seinem Kollegen war er allerdings bewaffnet. »Madame Seifert?«
   Sie nickte.
   »Bitte folgen Sie mir.« Er öffnete die stählerne Sicherheitstür des Hauptgebäudes durch die Eingabe eines Codes.
   Dahinter befand sich ein langer, schmaler Gang, von dem rechts und links unzählige Türen abgingen. Gespannt folgte sie dem Mann, bis er vor einer Tür stehen blieb und klopfte.
   »Oui?« Der Directeur saß hinter einem großen, überladenen Schreibtisch. Bei ihrem Eintreten erhob sich der etwa Sechzigjährige und kam auf sie zu.
   Henri Zodaine war nicht besonders groß. Milla schätzte ihn etwa auf ihre Größe. Ein Bart umrahmte sein kleines, rundes Gesicht. Auf dem Oberkopf war er kahl, an den Seiten trug er sein graues Haar raspelkurz. Kluge Augen hinter einer dünnen Metallbrille musterten sie. »Bonjour Madame Seifert. Ich hoffe, Sie haben gut zu uns gefunden.«
   »Directeur Zodaine, bonjour. Ja, ich bin mit dem Taxi gekommen.«
   Zodaine wies auf einen Stuhl vor seinem Schreibtisch. »Bitte nehmen Sie Platz, Madame.«
   Milla wartete, bis auch er wieder auf seinem Schreibtischsessel saß.
   »Ich möchte Ihnen vorab einige Informationen zu unserer Institution geben. So können Sie sich ein Bild von der Einrichtung machen. Hoffmann wird Ihnen sicher Verschiedenes erzählen. Oft sind solche subjektiven Meinungsbilder ohne weitere Hintergrundinformationen schwer einzuordnen.«
   »Directeur Zodaine …«
   »Monsieur Zodaine ist völlig ausreichend«, unterbrach er sie freundlich.
   »Monsieur Zodaine«, begann sie erneut, »ich weiß es sehr zu schätzen, dass Sie mir Ihre Zeit schenken. Es ist mir durchaus bewusst, dass Sie ein viel beschäftigter Mann sind. Selbstverständlich werde ich Hoffmanns Äußerungen ganz genau hinterfragen, bevor ich sie wiedergebe.«
   Zodaine winkte ab.
   »Ich möchte auf keinen Fall Unruhe in den laufenden Betrieb hineinbringen. Da ich einige Tage in Paris bleiben werde, kann ich mich zeitlich ganz nach Ihren Wünschen richten.«
   »Ich weiß natürlich nicht, was Sie sich vorgestellt haben. Unsere regulären Besuchszeiten sind nachmittags. Prinzipiell könnten Sie sich von unserer Seite aus jeden Vormittag mit Hoffmann zusammensetzen. Da Sie unsere Sprache sehr gut sprechen, wird es kein Problem für Sie sein, die Interviews auf Französisch zu führen, damit der anwesende Beamte dem Gespräch folgen kann.«
   Milla nickte.
   »Unser Gefängnis hat Kapazitäten, um elfhundert Gefangene aufzunehmen, davon ein Drittel Frauen. Die männlichen Insassen sind in drei Kategorien unterteilt. Hoffmann gehört zur dritten Kategorie, schwere Kapitalverbrechen. Verständlicherweise hat diese Gruppe den größten Personalbedarf.« Zodaine runzelte die Stirn. »Wie jede andere französische Haftanstalt sind auch wir bis zum Anschlag überbelegt. Momentan leben hier 1544 Insassen.«
   Milla hatte einen Notizblock aus der Tasche gezogen und notierte die Eckdaten. »Das heißt, das Personal arbeitet am Limit.«
   Zodaine lächelte. Hinter der strengen Miene des Gefängnischefs schien sich ein sympathischer Mensch zu verbergen, den sie sich gut als Großvater vorstellen konnte, der sich liebevoll um seine Enkel kümmert. »Da haben Sie recht, Madame. Das Personal arbeitet am Limit. Leider richtet sich der Personalbedarf nicht nach der tatsächlichen Anzahl an Häftlingen, sondern nach der vorgeschriebenen. Wir müssen immer mehr Häftlinge aufnehmen, bekommen aber keinen einzigen zusätzlichen Beamten.« Er blinzelte sie verschwörerisch an. »Madame, ich erzähle Ihnen das im Vertrauen. Ich möchte, dass Sie meine Mitarbeiter verstehen, wenn Sie sich vielleicht über deren Verhalten wundern. Zwanzigstundenschichten sind leider nicht ungewöhnlich. Eine Rund-um-die-Uhr-Bewachung ist nicht mehr möglich. Nur alle fünfzehn Minuten überprüft ein Beamter die Überwachungskameras. Selbstverständlich wissen das die Häftlinge nicht, und Sie können sich sicher vorstellen, was hier los wäre, wenn das bekannt würde. Dann könnten wir den Laden dichtmachen.«
   Nachdenklich rückte Milla ihre Brille zurecht. »Monsieur Zodaine, ich werde in dem Artikel nichts davon erwähnen. Darauf können Sie sich verlassen. Es ist absolut nicht meine Art, Ärger zu provozieren. Das Thema meines Artikels lautet Robert Hoffmann. Diese unfassbar traurige Tat und die unterschiedlichen Zeugenaussagen der Angehörigen.«
   »Mir ist schon zu Ohren gekommen, dass Sie Ihre Gesprächspartner außerordentlich fair behandeln, sonst hätte ich Ihnen das nicht erzählt. Aber lassen Sie sich bloß nicht von Hoffmann für seine Zwecke benutzen. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Sie sind sehr attraktiv, und Hoffmann war vor seiner Zeit im Gefängnis kein Frauenverächter.«
   »Keine Angst, Monsieur Zodaine. Mein Interesse an Robert Hoffmann ist ausschließlich beruflicher Natur.«
   Zodaine lachte auf. »Nichts anderes wollte ich Ihnen unterstellen. Aber Hoffmann ist ein manipulativer Mensch, der die Leute benutzt, wie es ihm passt, wenn es für ihn von Vorteil ist.«
   »Monsieur, Sie sind nicht der Erste, der mich vor ihm warnt.«
   Prüfend sah Zodaine sie an. »Allerdings wundert es mich schon, dass sich Hoffmann auf diesen Artikel eingelassen hat. Bisher hat er sämtliche Anfragen der Medien ausnahmslos abgeblockt. Nun ja, nichts für ungut.« Er stützte seine Hände auf dem Schreibtisch auf, was Milla als Hinweis deutete, dass das Gespräch für ihn beendet war.
   Sie steckte ihren Notizblock zurück und erhob sich.
   Auch der Directeur stand auf und steuerte auf die Tür zu. »Ein Mitarbeiter wird Sie in den SS3-Trakt bringen, Madame Seifert. Dort wird noch eine Sicherheitskontrolle durchgeführt, bevor Sie Hoffmann treffen.«
   Milla reichte dem Gefängnischef zum Abschied die Hand.
   »Sollten Sie weitere Fragen haben«, Zodaine hob seine rechte Hand und bewegte sie im Halbkreis um sich herum, »egal, um was es geht, kommen Sie bitte auf mich zu.«
   Milla bedankte sich und verließ das Büro. Als sie auf den Flur trat, drehte sich der Sicherheitsbeamte, der sie zu Zodaine gebracht hatte, vor der Tür um.
   »Was bedeutet SS3-Trakt?«
   »Sicherheitsstufe 3, die höchste, die es gibt. In diesem Trakt sitzen ausschließlich Häftlinge, die als extrem gefährlich eingestuft wurden. Kommen Sie, Madame.«
   Milla folgte dem Mitarbeiter aus dem Gebäude. Trotz des trüben und regnerischen Wetters hatte sie das Gefühl, nach ihrem Aufenthalt in dem dunklen Verwaltungsgebäude vom Tageslicht geblendet zu werden. Sie kniff die Augen zusammen und blieb stehen.
   »Madame, alles in Ordnung? Wir müssen hier entlang.« Der Beamte wies auf einen großen Backsteinbau, der sich etwa fünfzig Meter entfernt befand.
   An ihrem Ziel angekommen öffnete er erneut eine graue Stahltür mithilfe eines Codes. Milla fröstelte. Sie fühlte sich einerseits nervös, gleichzeitig seltsam aufgewühlt, weil sie nicht wusste, was sie erwarten würde.
   Der Vorraum erinnerte an die Sicherheitskontrolle an Flughäfen. Vor ihr stand ein Scanner mit Fließband. Die Wände waren kahl, der Boden hell gefliest. Die sterile Atmosphäre des Kontrollraumes strahlte eine Tristesse und eine Hoffnungslosigkeit aus, die zweifellos untrennbar mit dieser Einrichtung verbunden waren. Hinter dem Sicherheitsscanner entdeckte Milla eine weitere Tür, hinter der sie die Gefängniszellen vermutete. Obwohl sie noch ihren warmen Mantel trug, schauderte sie.
   »Madame? Würden Sie bitte Ihre Tasche hier ablegen?« Abwartend blickte der Justizbeamte sie an. Er war noch jung, Milla schätzte ihn auf Mitte zwanzig. Im grellen Licht der Neonröhren wirkte seine Haut teigig und bleich.
   Sie reichte ihm ihre Handtasche.
   »Haben Sie ein Mobiltelefon dabei?«
   »In der Tasche.«
   »Telefone sind leider verboten. Daher müssen Sie es hierlassen.«
   Nachdem sie ihm das Handy gegeben hatte, trat sie einen Schritt zurück und wartete, bis ihre Besitztümer auf der anderen Seite des Scanners wieder auftauchten. Hastig griff sie nach ihrer Tasche und dem Mantel.
   »Sie können Ihre Jacke gern hier lassen, Madame.« Nachdem er sie mit dem Körperscanner kontrolliert hatte, öffnete er die Tür, hinter der Milla die Zellen vermutete.
   »Bitte, nach Ihnen.« Der junge Beamte zeigte in den Gang, der sich vor ihnen erstreckte. Er wandte sich zur linken Seite.
   Milla folgte ihm durch den kargen, in kaltes Neonlicht getauchten Flur. »Wie lange arbeiten Sie schon hier, Monsieur?«
   »Im Sommer habe ich meine Ausbildung in Paris beendet. Seit August bin ich fest hier in Fresnes angestellt.«
   »Der Directeur scheint sehr nett zu sein.«
   »Ich kann mich nicht beschweren. Viele der Kollegen sind zwar unzufrieden mit den Arbeitsbedingungen, aber mir macht die Arbeit Spaß. Man trifft immer wieder auf interessante Leute.«
   Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was an Gewaltverbrechern interessant sein sollte, doch sie schwieg. Der Beamte sprach mit so viel Enthusiasmus, dass sie ihn nicht vor den Kopf stoßen wollte. »Was halten Sie von Hoffmann?«
   »Robert Hoffmann? Wissen Sie, Madame, Sie werden in ganz Frankreich niemanden finden, der auch nur ein freundliches Wort über ihn verlieren würde. Aber ich möchte ehrlich sein.« Er blieb stehen. »Er ist sehr nett. Ich meine, man kann sich gut mit ihm unterhalten. Der Mann hat Niveau.« Als er Millas Überraschung bemerkte, sprach er eilig weiter. »Machen Sie sich einfach Ihr eigenes Bild. Natürlich hat er etwas Schreckliches getan, aber ich bin der Überzeugung, dass in jedem Menschen ein Gewalttäter schlummert, der durch das Zusammentreffen unglücklicher Umstände zu Dingen fähig sein könnte, von denen er vorher nicht mal geträumt hätte.«
   Unruhig packte Milla ihre Tasche fester.
   »Hoffmann ist anders als die meisten Häftlinge. Er hat Stil und Bildung. Ein Großteil der Insassen hatte vor ihrer Zeit hier kein nennenswertes Leben. Hoffmann aber hat sehr viel verloren.« Der Beamte senkte seine Stimme. »Manchmal tut er mir richtig leid. Er hat es hier nicht leicht. Ein Außenseiter, den die anderen Häftlinge abgrundtief hassen. Und meine Kollegen gehen auch nicht gerade zimperlich mit ihm um.«
   Milla ließ seine Worte auf sich wirken. Trotz seines jungen Alters schien der Angestellte über enormes Feingefühl und gute Antennen für zwischenmenschliche Schwingungen zu verfügen.
   »Hier sind wir.« Er öffnete eine Tür und ließ Milla eintreten. »Monsieur Hoffmann wird gleich von einem Kollegen zu Ihnen gebracht. Bitte warten Sie und verlassen Sie auf keinen Fall den Raum. Bis später.«
   Milla ließ ihren Blick über die weiß getünchten Backsteinwände schweifen. In der rechten Mauer war in etwa zwei Meter Höhe ein Fenster eingelassen. Dicke Gitterstäbe unterteilten das Tageslicht in einzelne Rechtecke, die auf dem abgewetzten PVC-Boden des erstaunlich großen Raumes ein graues regelmäßiges Muster hinterließen. Milla zählte zehn Stahltische, um die jeweils vier bis sechs Stühle standen. Vermutlich befand sie sich im offiziellen Besucherraum der Anstalt. Wie musste es sein, wenn man Menschen, die man liebte, nur noch in dieser deprimierenden Umgebung sehen durfte? Andererseits, wie fühlte sich ein Häftling, für den dieser Raum die einzige Abwechslung zu seinem tristen Alltag in seiner Zelle darstellte? Tiefe Traurigkeit erfasste Milla. Die Welt vor dem Fenster hatte mit den Menschen hier nichts mehr zu tun. Augenblicklich sehnte sie sich nach frischer Luft, nach dem Gefühl, das der Wind auf ihrer Haut hinterließ. Sogar der lästige Nieselregen von heute Morgen würde ihr in diesem Moment reichen, um sich frei und lebendig zu fühlen. Was war nur los mit ihr? Sie war nicht einmal eine halbe Stunde hier und schon stand sie kurz vor dem Durchdrehen. Das konnte ja heiter werden. Wütend zwang sie sich, Haltung zu bewahren. Schließlich würde sie diesen Ort heute Mittag wieder verlassen können.
   Robert Hoffmann betrat den Raum. Er trug einen grauen zweiteiligen Arbeitsanzug, eine Hose aus dickem, grobem Stoff und eine langärmlige Jacke. Fußfesseln hinderten ihn an einem normalen Gang. Ein älterer Justizbeamter hinter ihm nickte ihr kurz zu.
   Entschuldigend hob Robert seine ebenfalls aneinandergeketteten Hände. »Milla, wie schön, dich wiederzusehen.«
   Als sie auf ihn zugehen wollte, ließ sie die bellende Stimme des Gefängnisangestellten innehalten. »Hoffmann, sprich Französisch. Madame, halten Sie bitte Abstand zu dem Gefangenen.«
   »Entschuldigung, Monsieur, aber sind die Fesseln wirklich nötig?«, fragte sie den Beamten in perfektem Französisch, ohne den Blick von Robert abzuwenden.
   Der spöttische Ausdruck, der sein Gesicht nie ganz verließ, verstärkte sich.
   Der Beamte zuckte gleichgültig mit den Schultern.
   Milla zeigte auf den Tisch, der am nächsten stand. »Wollen wir uns setzen?«
   »Ich entschuldige mich für die Umgebung, in der wir uns hier treffen müssen. Damals hätte ich mir für ein Wiedersehen mit dir einen weitaus ansprechenderen Ort gewünscht.« Robert humpelte in seinem Entengang auf einen Stuhl zu.
   Während er seine gefesselten Hände auf dem Tisch ablegte, holte Milla das Aufnahmegerät aus ihrer Handtasche. »Monsieur Hoffmann, vielen Dank für Ihre Bereitschaft, dem Mainkurier ein Exklusiv-Interview zu geben. Da ich aus rein beruflichen Gründen hier bin, würde ich es bevorzugen, dass wir unser früheres, privates Aufeinandertreffen ausklammern.« Zufrieden registrierte sie, dass ihre Stimme sachlich und geschäftsmäßig klang.
   Er blickte ihr fest in die Augen, während sie ihn musterte. Die vergangenen Jahre waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Er sah älter aus als in ihrer Erinnerung. Allerdings war eine lange Zeit seit ihrem Kennenlernen bei dem Journalistenkongress vergangen. Auch sie war schließlich keine fünfundzwanzig mehr. Sein dichtes blondes Haar war kürzer geschnitten als damals. Vermutlich war die neue Frisur dem Gefängnisaufenthalt geschuldet, doch die größte Veränderung bemerkte sie in seinen Augen. Diese grünen Augen, die ihr noch Wochen und Monate nach ihrer ersten Begegnung im Kopf herumgespukt waren. Nie zuvor hatte sie vergleichbare Augen gesehen, die so intensiv strahlen konnten. Doch dieses Strahlen war verschwunden.
   Noch immer blickte er sie an. Fast vermittelte er das Gefühl, ihre Gedanken erraten zu können.
   »Aha, also ganz professionell«, sagte er spöttisch. »Wie Sie möchten, Madame. Aber vielleicht können wir zumindest beim Vornamen bleiben. Was meinen Sie?«
   Milla nickte und machte sich an ihrem Aufnahmegerät zu schaffen. Obwohl sie ihn nicht mehr ansah, wusste sie, dass er sie weiter beobachtete. »Haben Sie etwas dagegen, wenn ich unser Interview aufnehme? Ich halte nicht viel davon, mir Notizen zu machen, sondern möchte mich voll und ganz auf unser Gespräch konzentrieren können.«
   »Natürlich. Auch ich habe immer mit diesen Geräten gearbeitet. Bei schriftlichen Notizen kann man später nicht mehr den Tonfall und die Schwingungen in der Stimme des Befragten nachempfinden. Habe ich recht?« Robert faltete seine Hände wie zum Gebet.
   »Schön. Dann können wir beginnen.« Sie sprach die Eckdaten des Interviews auf das Gerät und nannte zum Schluss die Uhrzeit. »Fangen wir ganz allgemein an. Wie geht es Ihnen, und wie sieht Ihr Alltag hier in Fresnes aus?« Erst jetzt bemerkte sie, dass sich der Justizbeamte an einen Tisch schräg neben ihnen gesetzt hatte. Obwohl er keine Miene verzog, war Milla überzeugt, dass er ihrem Gespräch zuhörte.
   Robert folgte ihrem Blick, wandte sich ihr aber sofort wieder zu. »Danke der Nachfrage, ich kann mich nicht beschweren. Schließlich bekomme ich drei Mahlzeiten am Tag und habe viel Freizeit. Man könnte also fast sagen, dass hier paradiesische Zustände herrschen.«
   Sie bemerkte den provozierenden Unterton in seiner Stimme, riss sich aber zusammen. Sie musste Ruhe bewahren. Wenn Hoffmann nicht kooperierte, war der Auftrag erledigt, bevor er überhaupt begonnen hatte. »Warum nutzen Sie die Chance nicht, um der Welt da draußen mitzuteilen, was Ihnen seit fünf Jahren auf der Seele brennt?« Sie versuchte, einen aufmunternden Gesichtsausdruck aufzusetzen.
   »Milla.« Er betonte ihren Namen voller Wärme. »Ich habe heute nichts anderes zu sagen als vor fünf Jahren. Die Welt da draußen«, seine Stimme klang bitter, als er ihre Worte wiederholte, »will schon lange nichts mehr von mir wissen.« Plötzlich wirkte er genauso hoffnungslos, wie sie sich wenige Minuten vor seinem Kommen gefühlt hatte.
   Instinktiv streckte Milla ihre Hand aus.
   »Abstand halten«, knurrte der Justizbeamte, bevor sie die gefesselte Hand erreicht hatte.
   Schnell zog sie den Arm zurück und hob beschwichtigend die Hände. »Also wollen wir nun weitermachen?«
   »Was möchten Sie wissen?«
   »Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?« Robert Hoffmann würde mitarbeiten, obwohl sie nicht sagen konnte, warum. Als sie ihre Hand ausgestreckt hatte, schien diese Geste etwas in ihm ausgelöst zu haben.
   »Ich habe eine Einzelzelle. Seit meiner zweiten Nacht hier im Staatshotel genieße ich das Privileg, allein schlafen zu dürfen.«
   »Warum seit Ihrer zweiten Nacht? Was ist in der ersten vorgefallen?«
   Er sah sie gleichgültig an. »Sie wollen die Wahrheit? Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit?« Sein Ton wurde schärfer. Einen Moment starrte er auf seine Hände, als ob er sich erst daran erinnern müsste, was damals geschehen war. »Nun, ich lag danach sechs Wochen auf der Krankenstation. Schließlich kam der Directeur zu dem Schluss, dass er meine Sicherheit nicht gewährleisten könne, daher bekam ich eine Einzelzelle.« Abwesend starrte er weiter auf seine Finger, die er noch immer ineinander verschränkt hielt.
   »Was ist passiert?«
   Als der Beamte protestierend aufstehen wollte, hob sie ihre Hand und sah ihn warnend an. »Directeur Zodaine hat mir bei der Interviewführung völlig freie Hand gelassen. Also halten Sie sich bitte zurück, Monsieur. Ich bin hier, um die Wahrheit zu erfahren. Die Presse- und Redefreiheit ist in Frankreich ein hohes Gut.«
   »Ich kam im Januar 2009 hierher. Der Prozess war zu Ende, und ich war zu lebenslanger Haft verurteilt worden.« Sein Blick blieb an einem Punkt knapp über Millas rechter Schulter hängen. »Damals gab es einen Häftling, einen gewissen Jabar. Marokkaner oder Algerier, ich bin mir nicht sicher. Er hatte hier das Sagen, war sozusagen derjenige, der über Freund oder Feind entschied. Außerdem kannte er mich noch von einem Artikel, den ich kurz zuvor veröffentlicht hatte.« Vorsichtig hob er beide Hände, um sich über sein Haar zu fahren. »Er war dabei nicht allzu gut weggekommen, was wohl am Thema lag.«
   Fragend hob Milla ihre Augenbrauen.
   »Gewalt im Gefängnis.« Er zuckte mit den Achseln und starrte wieder abwesend in den Raum. »Wir waren in jener ersten Nacht in derselben Zelle untergebracht. Er, ich und etwa zehn seiner Gefolgsleute. Jeder durfte sich mal an mir austoben.« Mittlerweile hatte seine Stimme jegliche Gefühlsregung verloren. »Ich hatte sechs gebrochene Rippen, mein linker Arm war zertrümmert und mein Gesicht sah aus, als ob es unter einen Schwertransporter geraten wäre. Die Platzwunden und Messerstiche waren dabei nur Nebensache. Wäre in jener Nacht nicht zufällig ein Wärter vorbeigekommen, hätten sie mich wahrscheinlich totgeprügelt.«
   Beklommen fixierte Milla die Tischplatte. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Als sie wieder aufsah, hatte sich Robert so weit gefangen, dass er ihr sogar ein kleines Lächeln präsentierte.
   »Tja, das war mein erstes Abenteuer hier, aber seitdem läuft es wirklich gut. Ich habe meine eigene Zelle. Der Hofgang findet für mich ebenfalls als Soloveranstaltung statt. Nur beim Essen habe ich Kontakt zu Mithäftlingen.«
   Anteilnehmend musterte sie den Mann, der ihr gegenübersaß, obwohl ihr bewusst war, dass er der Täter und nicht das Opfer war. Sie dachte an Simone Dubois, die Frau, die Robert Hoffmann vergewaltigt und erwürgt hatte. Aus unerfindlichem Grund schaffte er es, dass sie Mitleid mit ihm empfand. Während sie seinen Blick erwiderte, lenkte sie ihre Gedanken auf das furchtbare Verbrechen, das er verübt hatte. Der Grund, warum er hier vor ihr saß. Auch er sah sie weiter an, wobei sie erneut das unangenehme Gefühl beschlich, er könnte ihre Gedanken erahnen.
   Abrupt wandte sie den Kopf ab und blickte zu dem Justizbeamten, der scheinbar gelangweilt auf einen Punkt neben der Tür starrte. »Wollen Sie mir weismachen, dass Zodaine Sie absichtlich in die Zelle mit den Schlägern gesteckt hat, sozusagen als kleine Kostprobe, was die nächsten Jahre hier für Sie bereithalten?« Ihre Stimme klang provokant, doch sie musste ihm gegenüber eine klare Stellung beziehen. Außerdem hatte der Directeur auf sie nicht den Eindruck gemacht, dass er solch unlautere Methoden gutheißen würde. Zudem war Robert selbst schuld, dass er hier saß.
   Sichtlich überrascht von ihrem Tonfall, verzog er sein Gesicht zu einem spöttischen Grinsen. »Stimmt, ich vergaß. Sie sind die Frau mit dem Schwarz-Weiß-Denken. Geschieht ihm doch ganz recht, schließlich hat er seine Frau umgebracht. Was beschwert er sich also?« Seine Hände zitterten. »Zodaine kam erst vor vier Jahren hierher. Folglich hatte er nichts mit der Zelleneinteilung damals zu tun. Ob es Absicht war oder nicht, kann ich nur vermuten. Modal, der damalige Directeur, war allerdings eine linke Bazille. Auf jeden Fall hatte er ahnen können, was passieren würde. Wie auch immer. Ich habe es überlebt.« Er verzog das Gesicht zu einer Grimasse. »Worüber einige sicher nicht sehr erfreut sein mögen.«
   »Wo arbeitet Monsieur Modal jetzt? Oder ist er im Ruhestand?«
   »Modal war damals noch jung, Mitte vierzig, schätze ich. Er ist bei einem Autounfall gestorben. Das Interview mit ihm wird wohl ausfallen müssen.«
   »Was ist mit dem jetzigen Directeur? Kommen Sie mit ihm gut zurecht, oder fühlen Sie sich von ihm ebenfalls ungerecht behandelt?« Zodaine hatte einen sympathischen Eindruck gemacht. Deshalb war sie gespannt, wie Hoffmann den Anstaltsleiter einschätzte.
   »Sie mögen ihn. Er wirkt auf Sie wie ein netter älterer Herr, der ebenso mit seinen Enkeln zum Fußball gehen könnte.«
   Sie fühlte sich ertappt. Langsam begann sie zu erahnen, was Hoffmanns Talent ausmachte. Er las in anderen Menschen wie in einem offenen Buch. Sie würde sich in acht nehmen müssen, wenn sie sich nicht von ihm manipulieren lassen wollte. Sandrine hatte sie gewarnt. Auch Zodaine hatte ihr nahegelegt, vorsichtig zu sein. »Sie mögen ihn also. Ein älterer, fußballspielender Großvater, der nebenbei eine Justizvollzugsanstalt in Paris leitet.«
   Für einen Moment starrte Robert sie fassungslos an, bevor er sich andeutungsweise vor ihr verneigte. »Eins zu null für Sie, Milla. Anscheinend habe ich Sie unterschätzt, doch Sie haben recht. Er ist mir tatsächlich nicht unsympathisch. Mögen kann ich unter den gegebenen Umständen nicht wirklich behaupten. Aber an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit könnte ich ihn mir durchaus als interessanten Gesprächspartner vorstellen.«
   Zufrieden lehnte sich Milla zurück. Jetzt wusste sie, wie sie ihn zum Reden bringen konnte. Wiege ihn in Sicherheit, bevor du ihn mit einer für ihn unvorhersehbaren Bemerkung aus dem Konzept bringst. Immerhin war sie diejenige, die hier die Fragen stellte, sie würde sich also bestimmt nicht von ihm instrumentalisieren lassen.
   »Sie sind gut. Sie können es weit bringen. Ich wette, die Leute reden gern mit Ihnen.« Wieder versuchte er, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken.
   Demonstrativ blickte sie auf ihre Armbanduhr. »Okay, wir haben nicht mehr viel Zeit. Wie ist es nun mit Zodaine? Macht er Ihnen das Leben schwer, oder verhält er sich fair?«
   »Zodaine ist in Ordnung. Abgesehen von der Tatsache, dass er mich hier nicht rauslässt, weil er mich für ein Monster hält, habe ich ihm nichts vorzuwerfen. Aber mit seiner Meinung steht er schließlich nicht allein da, nicht wahr?«
   Die Traurigkeit in seinen Augen wollte nicht zu seinem Auftreten passen, berührte sie aber in ihrem Innersten. Sie nannte die Uhrzeit und schaltete das Aufnahmegerät ab. Während sie aufstand, bedeutete der Justizbeamte Hoffmann, dass er warten solle.
   »Wann sehen wir uns wieder?«
   »Morgen Vormittag, wenn es Ihnen recht ist.«
   »Wie lange bleiben Sie hier, Milla?«
   »So lange, bis ich genug Material habe. Ich werde mit den Angehörigen von Simone sprechen, ebenso mit den ermittelnden Polizeibeamten. Das wird sicher einige Tage in Anspruch nehmen.«
   »Ich weiß, dass Sie einen guten Job machen werden.«
   Seine Worte verursachten ihr Gänsehaut.

*

Der Anruf kam um kurz vor eins. Als sie die Nummer im Display erkannte, wusste sie, dass es Probleme gab. »Oui?«
   Die Stimme am anderen Ende zögerte. »Madame, es könnte sein, dass uns Ärger bevorsteht.«
   Seufzend zog sie sich in ihr Büro zurück und schloss die Tür. »Was ist passiert?«
   »Hoffmann hatte Besuch von einer deutschen Journalistin. Scheinbar hat sie von Zodaine die Genehmigung, mehrere Gespräche mit ihm führen zu dürfen.«
   »Wer ist sie? Warum spricht er mit einer Deutschen?«
   »Ich kenne sie nicht. Aber ich werde ihren Namen herausfinden, Madame. Keine Sorge.«
   »Über was haben sie denn gesprochen?«
   Sie lauschte der Wiedergabe des Gesprächs. Das hörte sich ziemlich harmlos an. Trotzdem musste sie vorsichtig sein. Hoffmann sollte man nicht unterschätzen. Sicher hegte er irgendwelche Hintergedanken. Niemals würde er sich auf ein belangloses Interview mit den Medien einlassen, wenn er nicht eigennützige Motive hätte. »Liefern Sie mir den Namen der Frau sowie ihren Arbeitgeber. Durchleuchten Sie sie und geben Sie mir einen kurzen Überblick über ihr bisheriges Leben. Und lassen Sie die beiden nicht aus den Augen. Ich möchte über jedes Wort informiert werden, was zwischen ihnen gesprochen wird. Haben Sie mich verstanden?«
   »Ja, Madame. Ich werde mich sofort um die Beschaffung der Informationen kümmern.«
   Genervt legte sie auf. Sie hätte sich schon viel früher um Hoffmann kümmern sollen. Schließlich war er nicht der Typ Mensch, der tatenlos seine Haftzeit absitzen würde. Eher wunderte sie sich, dass er sich nicht schon früher zurückgemeldet hatte. Männer wie Robert Hoffmann verursachten immer Ärger.

*

»Madame Mercier?« Die junge Frau blickte zu ihr auf.
   »Ich bin Milla Seifert. Vielen Dank, dass Sie sich bereit erklärt haben, mit mir zu sprechen.« Sie nahm der Frau gegenüber Platz. »Ein sehr schönes Café. Ein Geheimtipp?« In dem kleinen Raum befand sich nur etwa ein halbes Dutzend Tische. An den Wänden hingen zahlreiche Fotos im Retrolook, die berühmte Pariser Sehenswürdigkeiten zeigten. Milla zählte mindestens zehn Bilder des Eiffelturms aus allen erdenklichen Perspektiven.
   »Dieses Café ist einer meiner absoluten Lieblingsplätze im Quartier Latin«, antwortete Corinne Mercier mit stolzem Unterton. »Klein und gemütlich. Und vor allem in keinem Reiseführer zu finden. Hier treffen Sie nur Pariser.« Sie lächelte.
   Nach dem Verlassen des Gefängnisses hatte Milla auf ihrem Smartphone eine Textnachricht von Sandrine vorgefunden, die nicht nur für morgen einen Termin mit Marie Dubois vereinbart, sondern ebenfalls Corinne Mercier kontaktiert hatte. Diese hatte sich sofort bereit erklärt, Milla kurzfristig zu treffen. Das kleine Café in der Rue des Bernardins im Quartier Latin, das sich südlich von Notre Dame befand, war Corinnes Idee gewesen.
   Da Milla ihren Laptop im Gefängnis nicht dabeigehabt hatte, hatte sie sich ein Internet-Café gesucht, um sich auf das Treffen vorzubereiten. Wie sie in dem Artikel gestern bereits erfahren hatte, war Corinne Mercier vor Simone Dubois mit Robert Hoffmann zusammen gewesen. Nach deren Ermordung hatte sie behauptet, Robert sei auch ihr gegenüber gewalttätig gewesen.
   Es überraschte sie, wie jung Mercier war. Milla schätzte sie etwa sechs bis acht Jahre jünger als sich. Das würde bedeuten, dass sie Anfang zwanzig gewesen war, als sie Hoffmann kennenlernte. »Allzu viele Orte wird es hier nicht geben, an denen man den Touristenströmen entkommen kann, nehme ich an.«
   Lachend stimmte Corinne zu. »Nicht wirklich, schließlich sind wir in Paris, der wohl berühmtesten Stadt der Welt.«
   Milla holte ihr Aufnahmegerät heraus und legte es auf den Tisch. »Darf ich?«
   Zustimmend hob Corinne eine Hand. »Bitte.«
   Als die Bedienung kam, bestellte sich Milla einen Kaffee. »Madame Mercier …«
   »Bitte nennen Sie mich Corinne.«
   »Corinne, erzählen Sie mir bitte von Robert Hoffmann. Ihre Beziehung mit ihm, wie Sie sich kennengelernt und auch, wieso Sie sich getrennt haben.«
   Während Corinne überlegte, betrachtete Milla die junge Frau. Corinne Mercier war äußerst attraktiv. Mit etwas gutem Willen konnte man sie fast für eine jüngere Kopie von Simone Dubois halten. Ihr langes blondes Haar wellte sich bis über ihre Schultern. Sie war sehr schlank und trug ein elegantes, teuer wirkendes hellblaues Etuikleid. Neben der Französin kam sich Milla wie eine Landpomeranze vor, obwohl auch sie durchaus Modegeschmack besaß. Aber dieser zeitlose Stil, überall und in jeder Situation perfekt und doch nicht aufgedonnert auszusehen, war wohl allein den französischen Frauen vorbehalten.
   »Ehrlich gesagt war ich ziemlich überrascht, als Sandrine mich anrief und mir mitteilte, dass sich jemand mit mir über Robert unterhalten möchte. Eigentlich dachte ich, gehört zu haben, dass er keine Interviews gibt.«
   Milla erwiderte nichts.
   »Wir haben uns 2007 kennengelernt. Damals war ich noch ziemlich unbekannt und Robert auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Wir trafen uns auf einer Party.« Kokett stützte sie ihren Kopf mit einer Hand ab und sah Milla neugierig an. »Sie haben ihn bereits getroffen, oder? Damals war er richtig heiß, mon dieu. Und er interessierte sich für mich. Ich muss zugeben, ich war ganz schön verknallt in ihn.« Abrupt hielt sie inne und versank in Schweigen.
   Milla gab ihr die Zeit, die sie benötigte.
   »Damals war ich noch so jung. Robert Hoffmann wollte mit mir ausgehen. Wow! Ich fühlte mich sehr geehrt.« Sie schüttelte den Kopf, als könnte sie es selbst nicht glauben.
   »Hoffmann ist mittlerweile weiter als der Nordpol davon entfernt, heiß zu sein. Außerdem hat er seine Verlobte umgebracht.« Millas Stimme klang sachlich.
   »Denken Sie, das ist mir nicht bewusst? Ich habe Simone gekannt, schließlich habe ich die beiden miteinander bekannt gemacht. Können Sie sich das vorstellen? Hätte ich es nicht besser wissen müssen? Ich stelle ihm Simone Dubois vor, woraufhin er mich abserviert, weil er voll auf sie abfährt. Natürlich, damals spielte Simone in einer anderen Liga als ich. Aber ich habe mich nach unserer Trennung einfach furchtbar gefühlt.«
   Milla versuchte, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. »Sie sagten nach Hoffmanns Verhaftung aus, dass er auch Sie vergewaltigt habe. Warum haben Sie das nicht viel früher angezeigt?«
   Während Corinne ihre Lippen fest aufeinanderpresste, spannte sie die Schultern an. Unruhig wanderte ihr Blick zwischen Milla und der Eingangstür hin und her.
   »Wenn Sie nicht darüber reden möchten …«
   »Doch, doch, natürlich. Schließlich ist das der Grund für unser Treffen, oder nicht? Es ist nur, es fällt mir sehr schwer, weil … ja, es war furchtbar.« Nervös verschränkte sie ihre Finger ineinander.
   Unwillkürlich musste Milla an Robert Hoffmann denken, der seine aneinandergeketteten Hände heute Morgen genauso verschränkt hatte.
   »Zu dem besagten Zeitpunkt waren wir gerade drei Monate zusammen«, erklärte Corinne mit nüchtern klingender Stimme. »Wir hatten uns mit Olivier und Yvonne getroffen und waren gemeinsam in einer Bar.«
   »Meinen Sie Olivier Jarreau, Roberts Kumpel? Wer ist Yvonne?«
   »Robert ist schon seit Ewigkeiten mit Olivier befreundet. Er und Yvonne waren damals ebenfalls noch nicht lange zusammen. Mittlerweile sind die beiden verheiratet. Jedenfalls waren wir an jenem Abend zu viert unterwegs, bis es mir irgendwann nicht mehr allzu gut ging.« Abwehrend hob sie ihre Hände. »Nicht, was Sie jetzt denken. Ich hatte definitiv nicht zu viel getrunken. Es ging mir einfach nicht gut. Ich vermute, dass es noch nicht einmal besonders spät war, sicher noch weit vor Mitternacht.« Sie schluckte. »Wir verabschiedeten uns von Olivier und Yvonne. Robert brachte mich nach Hause. Zumindest nehme ich das an, denn ich kann mich an nichts mehr erinnern, nachdem wir die Bar verlassen hatten. Danach weiß ich überhaupt nichts mehr. Absoluter Filmriss.« Entschuldigend hob sie ihre Schultern.
   Mitfühlend betrachtete Milla die junge Frau und versuchte, den Wahrheitsgehalt des eben Gehörten einzuschätzen. »Was ist dann passiert? Sie sagten, Sie wurden vergewaltigt. Aber wie können Sie das wissen, wenn Sie sich an nichts mehr erinnern?«
   Langsam fasste sich Corinne an die Stirn. »An jenem Abend hat Robert mich angeblich nach Hause gebracht. Allerdings war er am nächsten Morgen verschwunden. Als ich aufwachte, war ich allein.« Trotzig blickte sie Milla an. »Meine Oberschenkel waren mit blauen Flecken übersät. Mein Unterleib brannte. In dem Moment, als ich in meinem Bett erwachte, wusste ich, dass etwas Schlimmes passiert sein musste, etwas Furchtbares. Ich fühlte mich wund und beschmutzt. Dieses Gefühl habe ich mir auf keinen Fall eingebildet.«
   Prüfend sah Milla Corinne an. Zu ihrem Leidwesen war sie versucht, ihr zu glauben.
   Die junge Frau zitterte. »Ich bin nicht zum Arzt gegangen. Und nein, ich habe Robert nicht darauf angesprochen. Nach dieser Nacht habe ich ihn zwei Wochen lang nicht gesehen, weil er für einen Artikel unterwegs war.« Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. »Wenn er arbeitete, konnte es sein, dass er tagelang nichts von sich hören ließ. Doch zwei Wochen waren selbst für ihn eine ungewöhnlich lange Zeit. Eigentlich hatte ich schon damals befürchtet, dass er sich überhaupt nicht mehr melden würde.«
   Angespannt rückte Milla ihre Brille zurecht. »Was denken Sie? Warum hat er das getan?«
   »Das habe ich mich sehr oft gefragt, aber ich kann es Ihnen nicht sagen. Robert ist ein Mensch, der gern die Kontrolle behält. Außerdem hält er sich für intelligenter als alle anderen. Vielleicht wollte er testen, ob er damit durchkommt. Ich bin mir relativ sicher, dass er mir K.-o.-Tropfen verabreicht hat. Immer und immer wieder habe ich darüber nachgedacht, was passiert sein könnte. Auf keinen Fall hatte ich an jenem Abend so viel getrunken, dass ich mir selbst das Licht ausgeknipst habe.«
   »Haben Sie irgendjemandem von diesem Vorfall erzählt? Eventuell Yvonne, der Freundin von Olivier?«
   »Nein, ich habe mich geschämt. Außerdem kannte ich Yvonne nur über Robert. Sie war einige Jahre älter als ich, etwa in Ihrem Alter, schätze ich. Wir hatten keinen weitergehenden Kontakt.« Sie nippte an ihrer Tasse. »Als sich Robert nach diesen zwei Wochen wieder meldete, trafen wir uns nur noch wenige Male. Ungefähr vier Wochen später lernte er Simone kennen und trennte sich von mir.« Corinne fixierte Milla mit einem seltsamen Blick. »Bei mir hat er wenigstens noch K.-o.-Tropfen benutzt«, merkte sie mit bitterem Unterton an. »Simone hatte nicht das zweifelhafte Glück, bewusstlos zu sein. Wahrscheinlich war das ihr Todesurteil.«

Später dachte Milla noch lange über das Gespräch mit Corinne Mercier nach. Während sie vor dem wärmenden Kamin in Sandrines Wohnung saß, streichelte sie geistesabwesend Minous seidiges Fell, bis der Kater wohlig schnurrte.
   Corinne hatte erzählt, dass Simone zu Beginn überhaupt kein Interesse an Robert gezeigt hatte. Allerdings schien er nicht der Typ Mann zu sein, der nach der ersten Abfuhr aufgab. Die junge Frau erzählte, wie er immer wieder am Set aufgetaucht war und Simone so lange umgarnt hatte, bis sie schließlich mit ihm ausging. Die Tatsache, dass er so hartnäckig geblieben war, fand Milla seltsam. Hoffmann hatte ihres Erachtens nach keine Probleme gehabt, Frauen kennenzulernen. Bei Simone Dubois schien es ihn tatsächlich erwischt zu haben.
   Bei ihrem ersten Aufeinandertreffen hatte er Milla sehr schnell in seinen Bann gezogen. Ja, er war heiß. In dieser Hinsicht musste sie Corinne zustimmen. Wäre sie damals nicht verlobt gewesen … Wer weiß, was sich an jenem Abend hätte entwickeln können. Sein Interesse an ihr war unübersehbar gewesen. Und auch sie hatte noch lange danach an ihn denken müssen. Ohne Zweifel war er ein faszinierender Mann gewesen. Gewesen? Fand sie ihn nicht noch immer interessant? Ja, als Thema für ihren Artikel, aber sicher nicht mehr als Mann. Schließlich war Robert Hoffmann ein Mörder und Vergewaltiger.
   Keine Sekunde zweifelte Milla an der Version von Corinne Mercier über die angebliche Vergewaltigung. Eigentlich hatte sie eine Frau erwartet, die um jeden Preis mit ihrer Geschichte die Öffentlichkeit suchte, doch Corinne hatte nicht den Eindruck gemacht, dass sie weiter auf den damaligen Geschehnissen herumreiten wollte. Im Gegenteil, unter den gegebenen Umständen hatte sie sich extrem fair und neutral über Robert geäußert.
   Auch die Tatsache, dass Corinne am Todesabend von Simone mit ihrem damaligen neuen Freund und jetzigem Ehemann zu Gast auf der Party von Simone Dubois’ Eltern war, zeugte von einem entspannten Umgang mit ihrem Exgeliebten und dessen neuer Lebensgefährtin. Milla war sich ziemlich sicher, dass Corinne nichts von ihrer Geschichte erfunden hatte. Hätte er Simone nicht ermordet, hätte sie vielleicht sogar bis heute geschwiegen, doch sie hatte die Sache nach Simones Tod öffentlich gemacht, um den Beweisen gegen Robert Hoffmann noch mehr Gewicht zu verleihen, wollte dem Opfer dadurch einen Hauch von Gerechtigkeit verschaffen.
   Sie seufzte, als sie spürte, wie Minou seine Schnauze fordernd gegen ihre Hand drückte, um sich in Erinnerung zu bringen. Unbewusst hatte sie aufgehört, ihn zu kraulen. Während Milla erneut begann, mechanisch ihre Hand zu bewegen, schweiften ihre Gedanken zurück zu Hoffmann. Warum hatte er Simone Dubois ermordet? Was brachte einen Menschen zu einer solchen Wahnsinnstat? Sie hatte gelesen, dass die beiden an jenem Abend auf der Party laut mehreren Zeugenaussagen miteinander gestritten hätten. Robert hatte dies jedoch immer geleugnet.

*

Sie starrte auf das Bild, das sich auf ihrem Bildschirm geöffnet hatte. Eine attraktive Frau mit langem dunklem Haar blickte ihr entgegen. Die braunen Augen wirkten sanft und klug. Milla Seifert. Der Name sagte ihr nichts. Daher schloss sie den Anhang mit dem Foto wieder und überflog gespannt die Informationen, die in der E-Mail zusammengefasst waren. Eine deutsche Journalistin, die einige Jahre in Frankreich verbracht hatte, lebte in Scheidung und war bei einem kleinen Nachrichtenblatt in Frankfurt angestellt. Nichts Spektakuläres, der Artikel über Hoffmann schien der erste dieser Art zu sein. Bisher hatte sie nur über weitaus weniger Sensationelles geschrieben. Ein Artikel über ein leukämiekrankes Kind war hervorgehoben, doch da sie sich nicht wirklich für die früheren Arbeiten dieser Seifert interessierte, verzichtete sie auf die entsprechende Übersetzungsfunktion. Stattdessen öffnete sie ein aktuelleres Foto der Deutschen und musterte das Bild, auf dem die Journalistin das Haar kürzer trug und das Gesicht von einer dunklen Brille geprägt wurde, die ihr ein strengeres, härteres Aussehen verlieh. Erstaunt registrierte sie den Unterschied. Was war in der Zeit zwischen den beiden Bildern passiert? Aus eigener Erfahrung wusste sie, dass, wenn eine Frau ihr Aussehen und in diesem Fall auch ihre Ausstrahlung dermaßen änderte, meist ein Mann dahintersteckte. Seifert lebte in Scheidung. War der Exmann der Grund für die Veränderung? Letztlich war es ihr gleichgültig. Anscheinend hatten die Deutsche und Hoffmann keine gemeinsame Vergangenheit. Zumindest stand nichts davon in der E-Mail. Wo sollten sich ein Starjournalist wie er und eine Reporterin aus der Provinz auch begegnet sein? Es war unwahrscheinlich, dass sich die beiden bereits vor diesem Interview gekannt hatten. Sie würde auf jeden Fall veranlassen, dass sie kein Wort zwischen der Journalistin und Hoffmann verpasste. Irgendetwas schien sie trotzdem zu übersehen. Wieso sprach er überhaupt mit dieser Frau? Wieso stellte er sich ihren Fragen? Hoffmann war gefährlich. Sie würde ihn nicht mehr aus den Augen lassen. Entsprechende Schritte hatte sie bereits eingeleitet.

Kapitel 4
Paris, 30. November 2013

Es regnete in Strömen, als Milla am Gefängnis von Fresnes ankam. Sie fluchte, weil sie sich heute Morgen für ein knielanges Strickkleid entschieden hatte und die Strumpfhose oberhalb der Stiefel vom Regen völlig durchnässt war. Direkt im Anschluss hatte sie einen Termin mit Marie Dubois, der Schwester des Opfers, und die Zeit war zu knapp, um nach Hause zu fahren und sich umzuziehen. Also hatte sie sich notgedrungen entschlossen, sich etwas eleganter zu kleiden, da die Familie Dubois zur Elite Frankreichs gehörte, wie Sandrine ihr nachdrücklich erklärt hatte. Milla war klar, dass sie für das bevorstehende Treffen mit Robert Hoffmann unpassend gekleidet war. Sie wappnete sich für einen entsprechenden Kommentar und zupfte am Saum ihres Kleides. Im grellen Licht der Neonröhren erschien es ihr plötzlich noch mal zwanzig Zentimeter kürzer.
   Als Hoffmann den Raum betrat, erhob sie sich hastig. Der Justizbeamte starrte sie unverhohlen an. Wieder zog sie an dem Kleid, obwohl sie nichts mehr ändern konnte.
   Langsam ging sie Hoffmann entgegen, dem man wieder Füße und Hände aneinandergekettet hatte. Unter seinem Blick fühlte sie sich noch unwohler. »Bonjour Robert. Wie geht es Ihnen?«
   »Bei diesem Anblick schon wesentlich besser. Womit habe ich das verdient?«
   Sie räusperte sich und zeigte auf die Stühle vor dem Tisch. Bereits in dem Augenblick, in dem sie mit dieser verlegenen Geste auf seine Frage reagierte, ärgerte sie sich, dass er sie erneut in eine Rechtfertigungsposition brachte, die der Situation in keiner Weise angemessen war. Doch es war zu spät. »Im Anschluss habe ich noch einen wichtigen Termin«, hörte sie sich sagen.
   Der spöttische Ausdruck auf seinem Gesicht verstärkte sich. »Wichtiger als die Verabredungen mit mir? Ts, ts. Das kränkt mich nun doch.«
   Ohne auf seinen Sarkasmus einzugehen, setzte sie sich und wartete, bis Robert ihr folgte. Nachdem sie das Aufnahmegerät herausgeholt hatte, nannte sie Datum, Uhrzeit und anwesende Personen. »Robert, ich habe mich gestern mit Corinne Mercier getroffen. Sie hat mir einige äußerst interessante Dinge mitgeteilt«, begann sie ohne Umschweife und sah Robert abwartend an.
   Er erwiderte ihren Blick, bevor er den Kopf nach wenigen Sekunden senkte. Schweigend betrachtete Milla den Mann ihr gegenüber.
   Robert Hoffmann presste die Lippen fest aufeinander und sah ihr erneut trotzig ins Gesicht. »Gut, also Corinne. Die Frau leidet unter, wie soll ich sagen?« Er versuchte, mit den Händen einen Kreis neben seiner Schläfe anzudeuten, was nicht so einfach war. »Am Anfang schien sie ganz normal zu sein, attraktiv, nett, sympathisch, vielleicht etwas jung.« Nachdenklich wiegte er den Kopf hin und her.
   »Am Anfang? Was soll das heißen?«
   »Sicherlich hat sie Ihnen doch erzählt, was ich ihr während unserer Beziehung angeblich angetan habe.«
   Seine Reaktion kam ihr merkwürdig schwach vor. Noch einmal versuchte sie, ihn aus der Reserve zu locken. »Wollen Sie etwa behaupten, sie habe sich nur eingebildet, vergewaltigt worden zu sein? Sie hat auf mich gestern einen äußerst vernünftigen Eindruck gemacht. Trotz ihres jungen Alters.« Milla war sich durchaus im Klaren, dass sie ihn provozierte, aber sie wollte Antworten. Bisher hatte sie noch nichts wirklich Interessantes für ihren Artikel bekommen.
   Seufzend verzog Robert den Mund, als langweilte ihn das ganze Thema. »Ja, sie ist etwas jünger als ich. Na und? Bin ich deshalb ein schlechter Mensch? Ich glaube nicht. Aber was sie sich einbildet oder auch nicht, kann ich nicht beurteilen. Nur eines weiß ich sicher. Ich habe sie nicht vergewaltigt. Warum sollte ich? Schließlich waren wir zu jenem Zeitpunkt zusammen, als sie diesen angeblichen Filmriss hatte.« Wieder setzte er diesen überheblichen Ausdruck auf. »Ich musste mir noch nie etwas mit Gewalt nehmen.«
   Seine Worte verursachten ihr eine Gänsehaut. Auf keinen Fall durfte sie jetzt die Fassung verlieren. »Das sahen der Richter vor fünf Jahren und fünfundneunzig Prozent der französischen Öffentlichkeit aber anders«, erwiderte sie nach kurzem Zögern mit sarkastischem Unterton. Es war gemein und unfair. Eigentlich war diese Art des Schlagabtauschs nicht ihr Stil, doch bei diesem Mann kam sie mit ihrer üblichen Vorgehensweise nicht weiter. Irgendetwas an seinem Verhalten ließ ihren Verstand teilweise aussetzen. Obwohl sie wusste, dass sie sich nicht professionell verhielt, konnte sie es nicht ändern. Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie es überhaupt ändern wollte.
   Das Leuchten in Hoffmanns Augen war erloschen. »Oha, das tat weh. Aber wahrscheinlich habe ich es nicht anders verdient.«
   »Möchten Sie noch etwas zu Corinnes Anschuldigung sagen?« Um einen neutralen Ton bemüht, hoffte sie, dass er das leichte Zittern in ihrer Stimme nicht bemerken würde.
   Er blickte zu dem Justizbeamten, der unbeteiligt auf einem Stuhl in der Nähe der Tür saß.
   Milla folgte seinem Blick. Erst jetzt fiel ihr auf, dass die Wände über und über mit Rissen übersät waren. Sie erinnerte sich daran, was sie über das Gefängnis gelesen hatte. Das ganze Gebäude war marode und benötigte dringend eine Überholung, doch in Zeiten leerer Staatskassen war eine Gefängnissanierung sicher das Letzte, was man den Bürgern plausibel verkaufen konnte.
   »Ich lernte Corinne auf einer Party kennen.« Roberts Stimme klang seltsam distanziert. »Ich fand sie wirklich süß. Sie haben sie ja bereits kennengelernt. Schon damals war zu erkennen, dass sie Potenzial hat. Keines dieser naiven Blondchen, die meinen, die Filmwelt hätte genau auf sie gewartet. Corinne war intelligent und«, er machte eine kurze Pause, um Milla offen ins Gesicht zu sehen, »wie Sie ganz richtig bemerkt haben, sehr vernünftig. Sie schätzte ihre Chancen durchaus realistisch ein.« Er rieb sich vorsichtig über die Wange. Leise fluchend warf er dem Justizbeamten einen wütenden Blick zu.
   Milla hob eine Hand. »Ich werde mit Monsieur Zodaine sprechen. Vielleicht kann bei meinem nächsten Besuch auf die Handschellen verzichtet werden.«
   Beinahe unmerklich schüttelte er den Kopf. »Das ist der Vorführeffekt. Die französische Justiz hat ihre Schwerverbrecher gut im Griff. Keine Sonderbehandlung für niemanden.« Er lachte verächtlich.
   Milla erinnerte ihn unerbittlich an ihr Thema. »Corinne?«
   »Ja, Corinne. Wir hatten eine schöne Zeit, obwohl mir von Beginn an klar war, dass wir nicht zusammen alt werden würden.«
   »Warum nicht?«
   »Wir hatten unseren Spaß, aber letztlich war uns beiden klar, dass wir zu verschieden waren. Der letzte Funke, der eine gute Beziehung ausmacht, fehlte einfach. Solange wir dies akzeptierten, lief es wirklich gut, bis …« Sein Gesichtsausdruck veränderte sich, und seine Lippen zitterten.
   Milla wollte ihn jetzt nicht davonkommen lassen. »Bis Sie Simone Dubois kennenlernten?«
   »Woher …? Ach so, Corinne.«
   »Sie haben Corinne verlassen, nachdem sie Sie mit Simone bekannt machte. Nicht gerade die feine englische Art.«
   Seine grünen Augen fixierten sie. »Haben Sie das jemals erlebt? Sie begegnen jemandem, und dieser Jemand lässt Sie nicht mehr los, fasziniert Sie auf eine ganz eigene Art. Ist Ihnen das schon einmal passiert?«
   Er spielte auf ihre Begegnung auf dem Journalistenkongress an. Und ja, damals hatte sie dieses Gefühl ansatzweise verspürt, doch das würde sie hier und jetzt ganz sicher nicht zugeben. »Da ich verheiratet bin, ist mir dieses Gefühl nicht ganz unbekannt.«
   Enttäuscht verzog er das Gesicht zu einer Grimasse. »Ach ja, wie geht es dem werten Gemahl überhaupt?«
   Milla wollte noch nicht aufgeben. »Simone Dubois war also die große Liebe, für die Sie Corinne Mercier in die Wüste geschickt haben?«
   Gleichgültig blickte Robert auf das Aufnahmegerät. »So könnte man es durchaus ausdrücken.«
   »Und warum die Vergewaltigung? Wollten Sie sich damit beweisen, dass Sie mit einer solch abscheulichen Tat durchkommen?«
   »Schreiben Sie doch, was Sie wollen. Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass ich niemanden vergewaltigt habe. Niemals würde ich einer Frau so etwas Furchtbares antun.«
   Er war ein verdammt guter Schauspieler. Fast hätte sie ihm sein Leugnen abgenommen. Er blieb also weiter bei seiner Unschuldsbeteuerung. Sie hatte sich mehr erhofft.
   »Enttäuscht?«, fragte er, wieder den spöttischen Ausdruck um den Mund.
   »Nicht direkt enttäuscht«, erwiderte sie leichthin, »aber ich habe tatsächlich gedacht, Sie würden diese Chance nutzen, um endlich Ihre Sicht der Dinge darzulegen. Anscheinend habe ich mich getäuscht.«
   Robert lachte bitter. »So schnell geben Sie auf?«
   »Ich gebe niemals auf«, widersprach sie schärfer als beabsichtigt und blickte demonstrativ auf ihre Armbanduhr.
   »Vielleicht sollten Sie mal darüber nachdenken, warum Corinne erst nach Simones Tod von ihrer angeblichen Vergewaltigung berichtet hat. Würde eine vernünftige Frau, wie Corinne eine ist, nicht direkt zu einem Arzt gehen und sich untersuchen lassen?«
   Diese Überlegung war nicht von der Hand zu weisen. Natürlich hatte sie bereits darüber nachgedacht, doch nach ihrem Treffen mit Corinne war sie sich sicher gewesen, dass die junge Frau die Wahrheit gesagt hatte. »Sie hat sich geschämt. Vielen Vergewaltigungsopfern geht es so. Obwohl sie das Opfer sind, fühlen sie sich schuldig.«
   In dem hellen Licht wirkte sein Gesicht wie versteinert. Sie würde nicht mehr an ihn herankommen. Die Konfrontation mit der Tatnacht musste sie wohl oder übel auf morgen verschieben, daher schaltete sie das Aufnahmegerät aus, räumte es in ihre Tasche und stand auf.
   Langsam hob er den Kopf, und sie erschrak, als sie die Traurigkeit in seinem Gesicht erblickte. »Das Kleid sieht wirklich klasse aus, Milla«, sagte er tonlos. »Viel Erfolg bei Ihrem wichtigen Termin.«

*

Die Gefangenen im Hochsicherheitstrakt von Fresnes hatten einen durchgetakteten Alltag, der keinerlei Spielraum für Abweichungen zuließ. Routine war der Hauptgrund für den reibungslosen Ablauf.
   Das Frühstück und das Abendessen bekamen die Gefangenen in ihren Zellen serviert. Das Mittagessen bestand aus einer warmen Mahlzeit, die in zwei Schichten gemeinsam im großen Speisesaal eingenommen wurde. Alles war akribisch organisiert. Die kleinste Störung konnte zu gefährlichen Situationen für die Wärter führen. Früher hatte es in unregelmäßigen Abständen immer wieder Schlägereien gegeben, die nicht selten auf der Krankenstation endeten, doch seit vor einiger Zeit vom Gefängnispersonal ein Sitzplan ausgetüftelt worden war, der Befindlichkeiten, persönliche Abneigungen und die verschiedenen Aggressionsgrenzen der Häftlinge berücksichtigte, verliefen die Mittagessen weitgehend friedlich und reibungslos.
   Umso erstaunter war Robert, als er von seinem Platz aus beobachtete, wie Jabar, der Nordafrikaner, der ihn in seiner ersten Nacht krankenhausreif geprügelt hatte, in der Schlange an der Essensausgabe anstand. Jabar war aus gutem Grund in der zweiten Essensschicht eingeteilt, sodass Robert ihm seit Jahren nicht mehr begegnet war. Als er Milla gestern von seiner ersten Nacht in Fresnes erzählt hatte, war er sich nicht einmal sicher gewesen, ob der aggressive Nordafrikaner überhaupt noch einsaß.
   Lustlos stocherte er in seinem Reis herum und verfolgte, wie Jabar an die Reihe kam und kurz mit dem Servierer sprach. Jabar unterhielt Verbindungen zu vielen Angestellten der Haftanstalt. Zweifelsohne war er der ungekrönte König von Fresnes. Keiner würde sich freiwillig mit dem für seine brutalen Gewaltausbrüche bekannten Häftling anlegen.
   Als der dunkelhäutige Gefangene auf Roberts Tisch zusteuerte, senkte er instinktiv den Kopf.
   Ein Schatten erschien auf seinem Essen. »Na, Starreporter? Lange nicht gesehen. Wie geht’s?«
   Zögernd blickte Robert auf und wies auf den freien Platz ihm gegenüber. Vermutlich würde sein üblicher Tischnachbar heute wohl nicht auftauchen.
   Jabar grinste, während er sich umständlich setzte. Als er sein Tablett abgestellt hatte, stocherte er wie selbstverständlich mit seiner Gabel in Roberts Essen herum. »Ich darf doch?«
   Robert nickte gleichgültig, während er sein Besteck neben den Teller legte. Er sah sich unauffällig um. Keiner der Angestellten beachtete Jabar, der genüsslich erst Roberts Portion und dann seine eigene vertilgte.
   »Schade, dass du keinen Hunger hast, Hoffmann. War wirklich gut.« Als Jabar bemerkte, dass Robert ihn ansah, verzog er den Mund zu einem breiten Grinsen. »Hab gehört, dass du hohen Besuch bekommst. Die Kleine soll ja ganz schön scharf sein. Ich persönlich finde Brillen zwar absolut abtörnend, aber wem’s gefällt …«
   Schweigend starrte Robert ihn an.
   »Glotz nicht so, Hoffmann. Du weißt doch, dass der Flurfunk hier gut funktioniert.« Der Häftling lehnte sich über den Tisch. Jabars Atem stank nach Zigaretten und Alkohol.
   Der Dunkelhäutige sah sich um, vergewisserte sich, dass keiner der Wärter ihn im Visier hatte. »Ich geb dir einen Tipp, Schönling. Schick die Kleine fort. Einige Leute sind sehr besorgt, dass sie unsere schöne Anstalt in falschem Licht darstellen könnte. Wär doch jammerschade, wenn die Braut einen Unfall hätte. Vielleicht erinnerst du dich an dein Einstandsgeschenk?« Mit diesen Worten erhob er sich und klopfte Robert auf die Schulter. »Nichts für ungut, Hoffmann.«
   Robert blieb minutenlang regungslos auf seinem Platz sitzen, während er angestrengt nachdachte. Als er sich erhob, um zu seiner Zelle zurückzukehren, verbarg er ein zufriedenes Lächeln. Die Reaktion war schneller erfolgt, als er erwartet hatte. Aber er war bereit. Das Spiel konnte beginnen.

*

Während der Taxifahrer Milla aus Paris hinausfuhr, hatte sie weder Augen für die langsam einsetzende Natur noch für die in großen Abständen angelegten Villen, die sich auf riesigen, parkähnlichen Grundstücken befanden. Immer noch aufgewühlt grübelte sie über das Gespräch mit Robert Hoffmann. Warum konnte sie ihn nicht einfach als brutalen Mörder sehen? Wieso empfand sie immer wieder Mitleid mit ihm? Schließlich sprachen die Fakten für sich. Es gab nicht den geringsten Zweifel an seiner Schuld, und doch schaffte er es immer wieder, dass sie nicht Simone Dubois, sondern ihn als Opfer sah.
   Endlich hielt der Fahrer vor einem etwa vier Meter hohen Zink-Gittertor und drehte sich zu ihr um.
   »Ist das Belle maison?«
   Nickend bestätigte er ihr die Adresse und stieg aus, um an der Sicherheitsanlage zu läuten. Während er wartete, ließ Milla ihren Blick über die weiß getünchte Steinmauer schweifen. Sie konnte nicht erkennen, wie weit sich das Grundstück der Familie Dubois erstreckte. So residierte also eine Politikerfamilie der französischen Oberschicht. Bilder der Kennedys und deren feudale Wohnsitze kamen ihr in den Sinn. Ähnlich wie sie hatte auch die Familie Dubois ihre persönliche Tragödie zu ertragen.
   Als der Fahrer wieder in den Wagen stieg, öffnete sich das Tor, und sie fuhren eine breite Auffahrt hinauf, die von großen alten Ahornbäumen gesäumt wurde. Nach etwa zweihundert Metern tauchte Belle maison auf, das sich als überdimensionierte Villa herausstellte. Milla stieg aus und bat den Fahrer, vor dem Grundstück zu warten.
   Eine ausladende, beige schimmernde Marmortreppe führte zu einer weißen Eingangstür. Belle maison, schönes Haus, war die größte Untertreibung, die sie sich vorstellen konnte. Schön war dieses Anwesen, dagegen konnte sie nichts sagen, aber die Bezeichnung Haus war genauso passend für dieses außergewöhnliche Gebäude wie Straßenkater für den edlen Minou. Die Villa war dreistöckig, ein Bauwerk aus Stahl, Beton und Glas. Da sich Milla mit Architektur nicht auskannte, konnte sie die Stilrichtung nicht benennen, doch in jedem Fall hatte sie mit einer altherrschaftlichen Villa gerechnet, die den Mittelpunkt dieses riesigen, mit altem Baumbestand bepflanzten Gartens bildete. Ein modernes Yuppieschloss hätte sie als Allerletztes erwartet, aber das war genau die richtige Bezeichnung für diesen spektakulären Bau.
   Langsam stieg sie die Stufen hoch. Während sie nach dem Läuten wartete, zupfte sie erneut ihr Kleid zurecht und ging noch einmal die Fakten über die Familie Dubois durch. Vater Politiker, Ehefrau Wohltätigkeitsorganisatorin, zwei Töchter. Die ältere Simone, Schauspielerin und Opfer von Robert Hoffmann, die jüngere Marie, Model.
   Als die Tür geöffnet wurde, erstarrte Milla. Hatte sie gestern in Corinne Mercier mit etwas Fantasie die jüngere Kopie von Simone Dubois gesehen, so stand sie nun dem exakten Spiegelbild der Toten gegenüber.
   »Sie wussten es nicht. Habe ich recht?«, reagierte das Ebenbild von Simone Dubois gereizt, bevor Milla ihre Sprache wiederfand.
   Beschämt schüttelte sie den Kopf und stellte sich vor. Nach kurzem Zögern ergriff die Frau ihre Hand.
   »Wieso wurde das nirgends erwähnt? In allen Artikeln, die ich gelesen habe, spricht jeder von Simones jüngerer Schwester.«
   »Simone war zwanzig Minuten älter als ich. Da Sie nicht wussten, dass wir eineiige Zwillinge sind, gehe ich davon aus, dass Sie weder mich noch meine Aufträge kennen«, erklärte die Zwillingsschwester immer noch sichtlich genervt.
   »Ich schreibe nicht für Frauenmagazine, daher sind Modethemen nicht mein Schwerpunkt. Momentan arbeite ich für ein regionales Nachrichtenmagazin in Frankfurt.«
   »Das erklärt natürlich Ihr Interesse an diesem Schwein.« Marie Dubois trat einen Schritt zur Seite.
   Die Eingangshalle war nach drei Seiten offen mit Glas verkleidet und erstreckte sich über die gesamte Höhe des Hauses. Milla hatte noch nie etwas Vergleichbares gesehen.
   »Bitte folgen Sie mir.« Marie Dubois schritt voran in ein weitläufiges Wohnzimmer, dessen Glasfront einen unbeschreiblichen Blick auf ein Gartenparadies der Extraklasse offenbarte. Beeindruckt ließ Milla ihren Blick über die parkähnliche Anlage schweifen. »Wunderschön«, murmelte sie.
   »Möchten Sie sich nicht setzen, Madame?«
   Milla riss sich von dem Anblick los und ließ ihren Blick durch das tanzsaalgroße Wohnzimmer wandern.
   Schwarz gefliester Boden mit weich aussehenden, weißen Polstermöbeln. Auch die wenigen Schränke waren in diesen beiden Farben gehalten. Der Raum wirkte wie ein Einrichtungsbeispiel, das Milla einmal bei einem Besuch mit Sebastian in einem Fertighauscenter gesehen hatte. Steril, ohne Leben, kein Anzeichen von Gemütlichkeit, was auf eine Benutzung durch die Hausbewohner hindeuten würde.
   Nachdem sich Marie in einen der zahlreichen Sessel gesetzt hatte, wartete sie, bis Milla ebenfalls Platz genommen hatte. Simones Schwester trug eine weiße Lederhose mit schwarzer Bluse, als hätte sie sich absichtlich passend für diesen Raum gekleidet.
   »Mademoiselle Dubois …«
   »Madame Dubois«, wurde sie missbilligend unterbrochen, »ich bin seit einem Jahr verheiratet.«
   »Pardon, Madame«, entschuldigte sich Milla, »darf ich unser Gespräch aufzeichnen?«
   Gleichgültig zuckte Marie mit den Schultern und schlug ihre langen Beine übereinander.
   Nachdem Milla das Aufnahmegerät eingeschaltet hatte, bedankte sie sich bei Marie für deren Bereitschaft, ihr für ein Interview zur Verfügung zu stehen.
   Mit einer wegwerfenden Handbewegung bedeutet diese, dass sie nicht ewig Zeit habe.
   »Madame Dubois, mich würde interessieren, wie Ihr Verhältnis zu Robert Hoffmann war, bevor er, nun, vor dieser furchtbaren Tat.«
   Marie Dubois strich sich über ihr langes blondes Haar und hielt einen Moment inne. Die Ähnlichkeit mit Simone war verblüffend. Sogar die Frisur war gleich, allerdings strahlte Marie nicht diese besondere Aura aus, die Simone bei ihren Auftritten stets umgeben hatte. Die tote Schwester war eindeutig die Liebenswertere, Charmantere gewesen. Milla vermutete, dass es zwischen den Schwestern sicher einige Konkurrenzkämpfe gegeben hatte. Da Marie es nur zum Model geschafft hatte, während ihre Schwester mit exakt demselben Aussehen den Schauspielolymp Frankreichs bestiegen hatte, war Roberts Verlobte mit Sicherheit der Star der Familie gewesen.
   »Hoffmann ist ein brutales Schwein. Was erwarten Sie von mir? Er hat meine Schwester ermordet. Sicher wird er von mir kein Dankesschreiben erwarten.« Sie kniff ihre Augen zusammen, während sie Milla musterte.
   Abwartend erwiderte sie den Blick. Meist redeten die Leute von selbst weiter, wenn man sie nur ließ.
   »Hoffmann war mir von Anfang an unsympathisch. Er passte einfach nicht zu meiner Schwester, hatte nicht annähernd ihre Klasse. Als sie ihn kennenlernte, fand sie ihn anfangs überhaupt nicht interessant, doch er hat sich immer wieder um sie bemüht, bis sie schließlich einwilligte, mit ihm auszugehen. Keine Ahnung, wie er sie letztendlich von sich überzeugen konnte.«
   »Hat Ihre Schwester Ihnen nichts davon erzählt? Immerhin sind Sie Zwillinge.«
   »Was wollen Sie damit sagen? Dass Simone mich über alles hätte informieren müssen, was mit diesem Weiberhelden damals gelaufen ist?«
   »Nein, das wollte ich in keiner Weise andeuten. Ich könnte mir nur vorstellen, dass zwischen Zwillingen eine, wie soll ich sagen, eine besondere Verbindung existiert. Ich selbst habe leider keine Geschwister, kann daher nur vermuten.«
   »Mit Sicherheit hatten wir eine besondere Beziehung. Aber trotzdem kannte ich nicht jedes Detail ihrer Beziehung mit diesem Mistkerl. Sprechen Sie mal mit Corinne Mercier. Sie kann Ihnen sicher auch noch einige interessante Einzelheiten zu Hoffmann erzählen, da sie die Vorgängerin von Simone war.«
   Milla ging nicht auf Maries Vorschlag ein. »Wie oft haben Sie Hoffmann während seiner Beziehung zu Ihrer Schwester getroffen?«
   Marie Dubois legte ihren Kopf schief, während sie nachdachte. »Simone lebte nicht hier, sondern hatte ein Apartment in Paris«, antwortete sie schließlich emotionslos. »Während ihrer Beziehung mit diesem Schwein haben wir uns nicht allzu oft gesehen. Sie drehte oft, und ich hatte damals ebenfalls viele Aufträge. Meist trafen wir uns schnell auf einen Kaffee in der Stadt, wenn es gerade passte. Hoffmann bin ich eigentlich nur begegnet, wenn wir bei meinen Eltern zum Essen eingeladen waren. Damals habe ich ihn vielleicht fünf-, sechsmal getroffen, zum letzten Mal bei der Party.«
   Marie war schmaler als Simone, hatte nicht die weiblichen Kurven der Schauspielerin. Dadurch wirkte das Gesicht verhärmter, die Wangenknochen zeichneten sich deutlicher unter der porzellanfarbenen Haut ab. Simone hätte sich nicht zum Model geeignet, wohingegen Marie eindeutig die Ausstrahlung fehlte, die gute und erfolgreiche Schauspieler ausmachte. Es schien, als ob beide ihre wahre Berufung gefunden hatten.
   »Was hat Sie an Hoffmann gestört? Sie deuteten an, dass Sie ihn von Beginn an nicht mochten.«
   »Zum Teufel, sie war meine Schwester, und der Mann war ein Weiberheld, der alle paar Wochen mit anderen sogenannten Berühmtheiten in den Klatschblättern der Stadt auftauchte. Wie hätte ich eine solche Beziehung gutheißen können?« Ihre Stimme triefte vor Sarkasmus.
   »Durch andere Aussagen habe ich durchaus den Eindruck vermittelt bekommen, dass er Ihre Schwester tatsächlich geliebt hat. Glauben Sie das nicht?«
   Marie Dubois lachte verbittert auf. »Ja, klar, deshalb hat er sie auch vergewaltigt und erdrosselt. Das nenne ich wahre Liebe.« Ungläubig schüttelte sie den Kopf. »Hoffmann hat an einem der Abende, als wir mit meinen Eltern beim Essen saßen, versucht, sich an mich ranzumachen. Können Sie sich das vorstellen? Simone saß mit Maman und Papa im Esszimmer, während er in der Küche nebenan daran gearbeitet hat, mich flachzulegen. Hört sich das für Sie etwa nach wahrer Liebe an?« Trotzig blickte sie Milla an.
   Bei Maries Worten zuckte sie innerlich zusammen, äußerlich versuchte sie, ruhig zu bleiben. »Hoffmann hat versucht, Sie zu verführen?« Gespannt beugte sie sich in ihrem Sessel vor.
   »So können Sie es auch nennen. Aber bitte«, zum ersten Mal zeigte sie Milla gegenüber einen Ansatz von Schwäche, »meine Eltern wissen nichts davon. Und ich möchte, dass dies auch so bleibt.«
   »Haben Sie das der Polizei gegenüber damals nicht erwähnt?«
   Marie schüttelte den Kopf.
   »Ihre Aussage hätte doch den Vorwurf gegen Hoffmann verstärkt, dass er ein Mann ohne jegliche Moral ist.«
   Marie Dubois ließ erneut ihr bitteres Lachen erklingen. »Die Beweise waren so erdrückend, dass es keiner weiteren Vorwürfe bedurfte. Meine Schwester«, ihre Stimme zitterte, »die Leiche meiner Schwester wies am ganzen Körper Spuren seiner DNA auf. An allen nur erdenklichen Stellen.«
   Bevor Milla das eben Gehörte verinnerlichen konnte, wurde die Tür, die zur Eingangshalle führte, abrupt aufgerissen, und ein großer grauhaariger Mann stürmte in den Raum. Sofort erkannte Milla, dass es sich um Roger Dubois handelte.
   Als er sie entdeckte, blieb er schlagartig stehen. »Marie«, rief er überrascht aus, während er in normalem Tempo auf die Sitzgruppe zukam. »Ich wusste nicht, dass du Besuch hast, insbesondere, dass ihr euch hier aufhaltet.« Fragend blickte er Milla an.
   Sie erhob sich und streckte ihm die rechte Hand hin. Als sie ihren Namen nannte, lief Roger Dubois’ Gesicht rot an.
   Wütend wandte er sich an seine Tochter, die ihn trotzig anstarrte. »Marie, hatten wir nicht darüber gesprochen, dass wir keine Interviews mehr zu diesem Thema geben? Ich dulde es nicht, dass der Name dieses Hurensohns in meinem Haus fällt. Ich dachte, ich hätte mich gestern deutlich genug ausgedrückt.«
   Während der zornigen Worte ihres Vaters war Marie aufgesprungen und stand ihm nun genauso erzürnt gegenüber. Sie bedeutete Milla mit einer kurzen Handbewegung, sich nicht von der Stelle zu rühren. »Genau, du hattest etwas gegen dieses Interview. Du möchtest nicht mehr von Robert Hoffmann sprechen.«
   »Denk an deine Schwester. Du wirst ihren Namen in diesem Haus nicht durch den Dreck ziehen.« Die Augen zu kaum erkennbaren Schlitzen zusammengekniffen, zeigte er mit dem Zeigefinger auf sie.
   »Verstehst du denn nicht, dass du diesen Artikel nicht verhindern kannst? Sollte dann nicht wenigstens auch unsere Sicht dieser furchtbaren Tat erwähnt werden? Willst du nicht zumindest versuchen, Hoffmann in die Suppe zu spucken? Verhindern, dass er uns noch aus dem Gefängnis heraus verhöhnt und verspottet? Hat er uns nicht genug angetan?«
   Schweigend standen sich Vater und Tochter unversöhnlich gegenüber. Schließlich schüttelte Roger Dubois bekümmert den Kopf und wollte den Raum verlassen, als eine Frau durch die Tür trat, die Milla auf Anhieb als Mutter der Zwillingsschwestern erkannte. Sie war die exakte, etwa dreißig Jahre ältere Ausgabe ihrer Töchter. Auch sie besaß die elegante Ausstrahlung von Simone, trat aber weniger selbstbewusst auf.
   Mit besorgter Miene eilte sie zu ihrem Mann und legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter. »Roger, was ist denn los? Euer Geschrei hört man ja durch das ganze Haus. Marie, warum regst du deinen Vater dermaßen auf? Und wer sind Sie?«, wandte sie sich an Milla.
   Bevor sie antworten konnte, ergriff Roger Dubois das Wort und erklärte seiner Frau nicht besonders freundlich, wer sie war. Milla vermutete, dass er davon ausging, dass sie ihn nicht verstand. Momentan war sie auch noch nicht daran interessiert, das zu ändern. Sie schwieg.
   »Warum kann ich nicht mit ihr sprechen?«, fragte Marie ihre Mutter.
   Bekümmert sah diese ihren Mann an und senkte den Blick. »Marie, du weißt doch, was es für hässliche Gerüchte über deine Schwester nach ihrem Tod gab. Dein Vater möchte einfach nicht, dass unsere Familie wieder in den Schlagzeilen auftaucht. Irgendwann muss es einfach gut sein.« Warnend sah sie zu Milla. »Warum muss überhaupt über diesen Mistkerl berichtet werden? Wen interessiert denn noch, was er zu sagen hat? Es ist unangebracht und respektlos, brutalen Mördern eine Plattform zu bieten. Er wurde vor langer Zeit verurteilt, und zwar zu Recht. Was könnte er jetzt noch zu sagen haben, um irgendetwas an dieser schrecklichen Situation zu ändern?« Mittlerweile liefen ihr Tränen über die Wangen. Bestürzt schlug sie sich eine Hand vor den Mund.
   Ihr Mann nahm sie in die Arme und wiegte sie langsam hin und her. Auch Marie hatte während des Monologs ihrer Mutter feuchte Augen bekommen.
   Erschüttert betrachtete Milla die Familie, für die das Leben niemals wieder so sein würde wie vor Simones Tod, deren Leben für immer zerstört worden war. Obwohl sie bei den Worten von Madame Dubois aufgehorcht hatte, hielt sie es für einen angemessenen Zeitpunkt, sich zu entschuldigen und das Haus zu verlassen. Sie wandte sich an Marie. »Madame Dubois, es tut mir sehr leid. Ich wollte Ihnen keinen Kummer machen.« Anschließend drehte sie sich zu deren Mutter um. »Madame, entschuldigen Sie bitte meinen Besuch. Seien Sie versichert, dass ich sehr genau prüfen werde, was mir der Mörder Ihrer Tochter erzählt. Auf keinen Fall wird er es ein zweites Mal schaffen, Ihnen Schaden zuzufügen. Darauf gebe ich Ihnen mein Wort.«
   Überrascht blickten Maries Eltern sie an.
   Roger Dubois fasste sich als Erster. »Sie sprechen unsere Sprache?« Erbost wandte er sich an seine Tochter. »Hättest du uns das nicht gleich sagen können?« Erneut hob er den Zeigefinger und fuchtelte wenige Zentimeter vor Millas Gesicht herum. »Nichts von dem, was Sie hier soeben gesehen oder gehört haben, werden Sie schreiben. Haben Sie mich verstanden?« Obwohl er sie drohend anblickte, hielt sie seinem Blick stand. »Ich denke, Sie wissen, mit wem Sie es zu tun haben. Ab sofort lassen Sie meine Familie in Frieden. Sollte ich nochmals von Ihnen hören, werden Sie es bis zu Ihrem Lebensende bereuen. Gehen Sie und vergessen Sie den Artikel. Was kann Ihnen ein Stück Scheiße schon erzählen, was nicht bereits bekannt wäre?«
   Milla schluckte, nickte Marie ein letztes Mal zu und verließ ohne ein weiteres Wort das Haus.
   Als sie draußen im Regen stand, atmete sie tief durch. Ihre Gedanken rasten, während sie die Auffahrt hinunterlief. Was war hier gerade passiert? Die Familie trauerte um ein Familienmitglied, das brutal ermordet worden war. Doch da war noch etwas anderes. Was hatte Madame Dubois gesagt? Welche Gerüchte hatte es damals gegeben? Zumindest waren Milla in den Artikeln, die ihr vorlagen, keine Spekulationen in dieser Richtung aufgefallen. Warum drohte ihr Roger Dubois? Ein Politiker seines Formats sollte sich eigentlich besser unter Kontrolle haben. Milla war sich sicher, dass sie soeben in ein Wespennest gestochen hatte. Als sie am Taxi ankam, war sie komplett durchnässt, doch sie spürte die aufsteigende Kälte kaum. Zufrieden stieg sie ein und dachte erneut angestrengt nach. Ihr fiel nur ein Grund ein, der das Verhalten von Roger Dubois plausibel erklären würde. Er hatte Angst, dass sie bei ihren Recherchen etwas herausfinden könnte, was bis jetzt geheim gehalten worden war. Sie hatte keine Ahnung, um was es sich handelte, doch nun war ihr Reporterinstinkt vollends geweckt. Sie würde nicht lockerlassen, bis sie es herausgefunden hatte. Das Geheimnis, das mit Simone Dubois’ Tod zusammenhing, dem Verbrechen, das einst ganz Frankreich erschüttert hatte.
   Als Milla die Tür zu Sandrines Haus aufschloss, erkannte sie sofort, dass etwas anders war. Ihre Schuhe, die sie im Flur für ihre Verhältnisse ordentlich in Reih und Glied aufgestellt hatte, waren verschwunden. »Sandrine?«
   Im gleichen Augenblick stürmte ihre Freundin bereits aus dem Wohnzimmer auf sie zu.
   Eng umschlungen hielten sie sich fest, bis Minou herangeschlichen kam und hocherhobenen Hauptes um ihre Füße strich.
   »Wie geht es dir?«, fragte Sandrine, während sie Millas Hand weiter in ihrer hielt.
   »Ich bin so froh, dass du da bist, Sandrine. Ich hatte noch gar nicht mit dir gerechnet. Es könnte keinen besseren Zeitpunkt für deine Rückkehr geben.«
   Während der fast einstündigen Rückfahrt nach Joinville hatte Milla ununterbrochen über den vergangenen Tag nachgedacht. Plötzlich schien der Auftrag Dimensionen zu umfassen, die nicht absehbar gewesen waren.
   Besorgt musterte Sandrine sie. »Ehrlich gesagt hatte ich befürchtet, dass dir diese Gespräche nahegehen würden. Daher habe ich mich beeilt, um so schnell wie möglich nach Hause fahren zu können.« Ungeduldig zog sie Milla hinter sich her ins Wohnzimmer, ohne weiter auf den Kater zu achten, der ihnen beleidigt folgte.
   Als sie saßen, wollte Sandrine wissen, wie weit Milla mit ihren Interviews war und mit wem sie bereits gesprochen hatte.
   Milla berichtete von ihren Besuchen im Gefängnis sowie von den Gesprächen mit Corinne und Marie. Ohne sie auch nur einmal zu unterbrechen, hörte Sandrine zu und nickte nur ab und zu. Diese Eigenschaft schätzte Milla an ihrer Freundin. Sandrine war stets so quirlig, dass man aufpassen musste, überhaupt mit ihr mithalten zu können, doch wenn es darauf ankam, war sie die beste Zuhörerin und Ratgeberin, die sich Milla vorstellen konnte. Als sie noch in Montpellier gearbeitet hatten, war es Sandrine gewesen, die Milla immer wieder darin bestärkt hatte, sich von Sebastian zu trennen, der ihr durch seine ständigen Affären weder Respekt noch Achtung entgegengebracht hatte. Doch es bedurfte noch einiger weiterer Jahre des Leidens, bis Milla endlich den längst überfälligen Schlussstrich gezogen hatte.
   Als sie ihre Ausführungen beendet hatte, herrschte für einige Minuten nachdenkliches Schweigen. Minou, der die Gunst des Augenblicks zu nutzen wusste, sprang auf Millas Schoß. Abwesend begann sie, den Kater zu streicheln und betrachtete das ernste Gesicht ihrer Freundin, deren rotes Haar im Schein der kleinen Stehlampe, der einzigen Lichtquelle im Raum, dunkel und geheimnisvoll leuchtete. Der Kontrast zu ihrer hellen Haut wurde durch diesen Effekt noch verstärkt.
   »Milla, ich weiß nicht, was ich sagen soll.« Bekümmert schüttelte Sandrine den Kopf. »Keine Ahnung, was in Dubois gefahren ist. Das sieht ihm jedenfalls überhaupt nicht ähnlich. Gewöhnlich ist er ein sehr besonnener und beim Volk beliebter Politiker. Natürlich hatte die Familie nach dem Tod von Simone schwere Zeiten durchzustehen, aber dieser Wutausbruch …«
   »Welche Gerüchte meinte die Mutter?«
   »Ich kann es dir nicht sagen. Natürlich existierten einige Verschwörungstheorien. Die gibt es doch immer, wenn ein Prominenter auf eine solche Weise stirbt. Dass die politische Opposition hinter dem Mord steckt als Warnschuss für Dubois. Das war alles Quatsch.« Sandrine setzte sich zurück und ließ für einen Moment ihren Kopf an die Lehne fallen. »Es wurde auch gemunkelt, Simone hätte Affären gehabt, die ihr zum Verhängnis geworden sind. Leider gibt es immer irgendwelche Neider, die ihr Gift versprühen müssen. Letztendlich war der Tathergang eindeutig und ihr Mörder so schnell und zweifelsfrei identifiziert worden, dass sämtliche Spekulationen verstummten.«
   »Vor was hat Dubois dann Angst?«, fragte Milla nach wenigen Augenblicken in die Stille hinein.
   Mit ernstem Blick sah Sandrine sie an. »Genau das solltest du herausfinden. Aber Milla?« Besorgt beugte sie sich vor. »Sei bitte vorsichtig.«

Kapitel 5
Paris, 1. Dezember 2013

»Wie meinen Sie das?« Fassungslos starrte Milla Henri Zodaine an. »Sechs bis acht Wochen Trocknungszeit?«
   Beschwichtigend erhob der Directeur seine Hände und schüttelte bedauernd den Kopf. »Madame Seifert«, begann er erneut, »die Gebäude der Haftanstalt sind sehr alt. Wir haben es hier immer wieder mit Wasserschäden und anderen altersbedingten Renovierungsarbeiten zu tun. Leider. Es wird an allen Ecken und Enden geflickt. Natürlich wäre es wesentlich effektiver, die Gebäude in einem Aufwasch generalzuüberholen. Aber sagen Sie das mal unserer Regierung.« Seine Stimme klang bitter.
   Milla hatte nicht den Nerv, mit ihm eine Grundsatzdebatte über die Verwendung von Steuergeldern zu führen, auch wenn sie seine Verärgerung nachvollziehen konnte. Entscheidend war einzig die Tatsache, dass der Besucherraum im Gebäudetrakt SS3 für die nächsten Wochen nicht nutzbar war, weil am späten gestrigen Abend im Duschraum neben dem Besucherraum ein Wasserrohr gebrochen war. Sie stützte ihre Ellenbogen auf dem Schreibtisch ab, legte den Kopf in die Hände und verharrte einige Sekunden in dieser Position, obwohl ihr bewusst war, dass Zodaine sie abwartend musterte. Als sie den Kopf wieder hob, legte sie einen flehentlichen Blick auf. »Monsieur Zodaine, bitte. Ich hatte noch nicht einmal die Gelegenheit, Hoffmann wegen seiner Tat zu befragen. Es muss doch irgendwo in diesem Riesenkomplex einen unbenutzten Raum geben, auf den man ausweichen kann.« Wie sollte sie Karsten erklären, dass die Interviews beendet waren, bevor irgendetwas Brauchbares dabei herausgekommen war? Sie versuchte, das Ziehen in ihrer Magengegend zu ignorieren, dachte kurz an Roberts Gesichtsausdruck, als sie gestern gegangen war. Die Traurigkeit, die sie auf eine Art berührt hatte, die mit professionellem Journalismus nicht vereinbar war. Aber genau das machte schließlich die Qualität ihrer Artikel aus. Emotionen und Gedanken zu formulieren, die auf den ersten Blick nicht ersichtlich waren. Wobei ihr durchaus bewusst war, dass sie von ihren Lesern nicht erwarten konnte, dass diese Mitgefühl mit einem verurteilten Mörder aufbringen würden.
   »Madame, glauben Sie mir. Ich kann Sie voll und ganz verstehen, aber ich hatte Ihnen bereits in unserem ersten Gespräch die Situation in unserer Einrichtung dargelegt. Wir sind überbelegt und haben viel zu wenig Personal, um sämtliche Sicherheitsbestimmungen erfüllen zu können. Die Anstalt platzt aus allen Nähten. Schließlich können Sie nicht einfach in Hoffmanns Zelle marschieren, um ihm einen Besuch abzustatten.«
   Zodaine hatte sie mit seinen Worten aus ihren Gedanken gerissen, doch beim letzten Satz hielt sie inne. Das war doch die Lösung. »Aber warum geht das denn nicht?«, erwiderte sie aufgeregt. »Schließlich ist Hoffmann in seiner Zelle eingesperrt. Also werden doch alle Sicherheitsmaßnahmen eingehalten, oder etwa nicht?« Hoffnungsvoll wartete sie auf die Antwort ihres Gegenübers.
   »Bei allem Respekt, Madame, aber es geht mir in erster Linie um Ihre Sicherheit und nicht um die Hoffmanns. Ich werde sehr wahrscheinlich keinen Mitarbeiter finden, der sich freiwillig mit Ihnen und Hoffmann in einer Zelle einschließen lässt. Das ist einfach nicht üblich.« Abwesend starrte er auf einen imaginären Punkt auf der Schreibtischplatte.
   Noch wollte sie nicht aufgeben. »Hoffmann ist in seiner Zelle doch gut gesichert. Ich unterschreibe Ihnen, dass ich auf eigenes Risiko und ohne Begleitung eines Justizangestellten die Befragungen in der Zelle durchführe.«
   Zodaine musterte sie. »Ist Ihnen klar, was Sie da sagen? Der Mann ist ein Gewaltverbrecher. Er hat mindestens eine Frau vergewaltigt und getötet. Warum wollen Sie ein solches Risiko eingehen?«
   Milla wusste es selbst nicht. Abgesehen von der Tatsache, dass sie nach wie vor keine Verbindung zwischen Robert und dieser furchtbaren Tat herstellen konnte, war es wohl ihr unbezwingbarer Wille, diese einmalige Chance zu nutzen, um mit diesem Artikel endlich den Schritt zu einer beachteten Journalistin zu schaffen, der man durchaus anspruchsvolle Themen zutrauen konnte. »Monsieur Zodaine, bitte lassen Sie ein entsprechendes Schriftstück aufsetzen, in dem ich auf jegliche Haftung und Sicherheitsbestimmungen des Gefängnisses mir gegenüber verzichte. Ich werde Robert Hoffmann auf eigenes Risiko in seiner Zelle weiter befragen. Natürlich nur, wenn er damit einverstanden ist.«
   »Madame Seifert, ich halte Sie wirklich für eine kluge Frau, oui? Doch ich denke, dass Sie sich in etwas verrennen. Bei diesem Verbrechen gibt es kein einziges Detail und sei es noch so unbedeutend, das nicht vor fünf Jahren lang und breit in der Öffentlichkeit dargelegt und diskutiert wurde. Das Gericht hat ein gerechtes Urteil gesprochen. Daher frage ich Sie ganz direkt, was erwarten Sie sich von Ihrer Aktion?«
   »Die Wahrheit, Monsieur«, antwortete Milla in überzeugtem Ton und ohne nachzudenken. »Im Gegensatz zu Ihnen habe ich das Gefühl, dass es durchaus noch Aspekte bei diesem Mord gibt, die möglicherweise nicht ausreichend beachtet wurden. Die Familie Dubois verbirgt meiner Meinung nach etwas Wichtiges.«
   Zodaine verengte seine Augen. »Seien Sie vorsichtig, Madame Seifert. Roger Dubois kann sehr unangenehm werden, wenn der Name seiner Familie in der Presse auftaucht. Ich versichere Ihnen, wenn es in diesem Fall ungeklärte Fragen gegeben hätte, wäre er der Erste gewesen, der auf die Beantwortung selbiger gedrängt hätte. Und glauben Sie mir, Dubois hat die entsprechenden Mittel und den Einfluss, um alle Hebel in Bewegung setzen zu können. Es tut mir leid, aber der Fall war so klar und eindeutig wie die Rechenaufgabe eines Erstklässlers.«
   Er überzeugte sie nicht. Irgendetwas stimmte in dieser Familie nicht, und sie würde herausfinden, inwieweit diese Spannungen mit dem Mord zusammenhingen. »Monsieur Zodaine, ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir gestatten, meine Befragung in der Zelle von Hoffmann fortzuführen.«

Die Leseprobe hat dir gefallen?
Hol dir das E-Book in einem der
zahlreichen, bekannten Onlineshops.

Viel Spaß beim Weiterlesen.