Christin, die Geschäftsführerin des Café Anderson in Bremen, hatte eine anscheinend perfekte Kindheit, sieht toll aus und alle mögen sie. Niemand kennt die echte Christin, die sich unter der Maske aus Disziplin gemixt mit Freundlichkeit verbirgt. Als ihr Lebensgefährte Leon sie betrügt, kann sie das Bild der emanzipierten, immer gelassenen Frau nicht mehr aufrechterhalten. Sie fällt in ein tiefes Loch, aus dem Luca, der Freund aus Kindertagen, sie mit ganz viel Liebe, Witz und einer gehörigen Portion Frechheit befreit.

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ISBN: 978-9963-53-616-0

Seiten: 189

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Bea Lange

Bea Lange
© Kiki Beelitz
Bea Lange ist das Pseudonym, unter dem Sabine Bruns Romane veröffentlicht. Jahrgang 1962, EDV-Kauffrau, Dozentin in der Erwachsenenbildung, Fachjournalistin und Autorin von Fachbüchern. Sie lebt mit Mann, Pferden, Hunden und Katzen in einem kleinen Dorf in Norddeutschland.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

1
Sommer 2006

Neben ihr, hinter ihr und vor ihr, überall Typen mit Mädchen im Arm, oder Typen ohne Mädchen und Mädchen ohne Typen, die sich auffällig unauffällig beäugten und taxierten. Christin gehörte definitiv nicht hierher. Keiner der Männer musterte sie. Sie rempelten sie an, als ob sie nicht existierte.
   Auch die Musik schien durch ihren Körper einfach so hindurchzudröhnen. Der Bass vibrierte bei jedem Takt unangenehm im Magen. Sie kam sich auf seltsame Weise nicht anwesend vor, für alle anderen nicht wahrnehmbar, aber doch wie ein Geist mittendrin.
   »Hey Chris! Steh da nicht so rum! Gefällt dir keiner der Jungs?«
   Nein, sie war nicht unsichtbar. Saras brutaler Ellenbogenstoß zwischen ihre Rippen bewies in diesem Moment, dass sie einen uneingeschränkt normalen Körper besaß.
   »Ich sondiere noch die Lage.«
   Sara lachte. »Vom Scheitel bis zur Sohle die zukünftige Professorin.« Ihre Haare hatten anscheinend bereits die pflegende Wirkung von Bier getestet, die Spitzen glänzten klebrig feucht. Sie schwebten nur unwesentlich entfernt neben ihrem Glas. »Ich geh eine rauchen«, schrie sie dicht an Christins Ohr und nickte in Richtung Ausgang.
   Christin sah ihr hinterher. Sara bewegte sich hüftschwingend, nach rechts und links grinsend durch die Reihen, als spazierte sie über einen Catwalk. Ihre Strategie führte zum Erfolg. Ein blonder Typ platzierte seine Hand auf ihrer Schulter, lehnte sich vor und sprach in ihr Ohr. Sara wendete sich ihm zu, grinste kokett, ließ den Kopf in den Nacken fallen und streckte die Brüste vor.
   Christin schmunzelte. Jetzt wusste sie, warum die Freundin Montagsmorgens in der Schule regelmäßig wie eine Leiche ausgesehen hatte. Waren Saras bisherige neunzehn Lebensjahre lebenswerter verlaufen als ihre? Wahrscheinlich konnte man das nur hypothetisch beurteilen, wenn man nur einmal an einem Samstagabend mitfeierte. Würde der Entschluss, mit ihr nach Paris zu gehen, sich als Fehlentscheidung entpuppen? Unwillkürlich schüttelte Christin den Kopf und straffte sich. Nein, es war verdammt noch mal kein Fehler. Paris bedeutete Freiheit. Sie würden einen Heidenspaß haben, sie würden interessante Leute kennenlernen, sie würden sich verlieben. Schließlich fuhren sie in die Stadt der Liebe. Sara mit ihrer offenherzigen, unkomplizierten Art konnte für sie beide die Türen öffnen und die Kontakte knüpfen, die Vergnügen gewürzt mit Abenteuer bedeuteten.
   Christin machte sich nichts vor. Sie war um einiges zu vorsichtig, nicht schüchtern, aber furchtbar diszipliniert und vernünftig, viel zu vernünftig, um einfach nur Spaß zu haben. Ohne die Begleitung von Sara würde sie in der fremden Stadt genauso kläglich wenig erleben wie zu Hause. Definitiv. Und wenn sie eins wollte, dann endlich richtig leben.
   Sie ließ den Blick über die Tanzfläche gleiten. Ihr Fuß tippte automatisch im Takt der Musik gegen die Wand, an der sie lehnte. Zwei Frauen kreischten und kicherten, während sie sich seltsamen Verrenkungen hingaben. Bezeichnete man das ernsthaft als Tanzen? Die verbrauchte Luft, gemixt mit Alkohol im Blut, verursachte ihr Kopfschmerzen, die Kiefergelenke schmerzten längst vom ständigen aufgesetzten Lächeln. Sie hatte schon ein paar Bier getrunken, wieso bewirkte der Alkohol bei ihr nicht, wie bei all den anderen Menschen hier, bumsfidele Heiterkeit? Okay, es war mal wieder so weit. Ihre Gedanken bekamen diesen ironisch-sarkastischen Touch, ein sicheres Zeichen, dass sie gehen sollte.
   Nein. Auf keinen Fall ging sie jetzt. Endlich hatte sie sich durchgerungen, Bremens Nachtleben kennenzulernen, nun, verdammt noch mal, würde sie genau das auch tun. Wenn es sich nicht lohnte, kämen doch nicht alle jedes Wochenende hierher? Außerdem war es das perfekte Training für Paris, besser gesagt, sie schmunzelte innerlich, das perfekte Training für Paris in Begleitung von Sara.
   »Leg deinen Panzer ab. Genieß endlich das Leben«, hatte sie am Telefon befohlen. »Du hast dein Abi in der Tasche, den Eins-Komma-Drei-Schnitt nimmt dir keiner mehr. Also entspann dich. Komm mit uns feiern.«
   »Hey.«
   Jemand tippte sie am Arm an. Sie drehte sich halb. Vor ihr stand ein Typ und grinste sie an. Mit einem Blick scannte sie ihn. Er war so groß wie sie. Braune, kurze Haare verliehen seinem rundlichen, jungen Gesicht einen halbwegs erwachsenen Touch. Die Kleidung, Jeans mit einem hellblauen Hemd, wirkte relativ normal. Der ganze Typ wirkte normal, um nicht zu sagen, angenehm ungefährlich langweilig.
   »Ja?«
   »Wie heißt du?«
   »Christin. Und du?«
   »Lars. Möchtest du ein Bier?«
   Beinahe hätte sie mit dem Kopf geschüttelt, konnte sich jedoch gerade noch bremsen. Sie war hier, um Spaß zu haben, vielleicht wäre es sinnvoll, endlich damit anzufangen. »Gern.«
   Er grinste. »Klasse. Komm.«
   Sie folgte ihm in Richtung eines langen ovalen Tresens, der so gebaut war, dass man von allen Seiten Getränke ordern konnte. Sie hatten Glück und ergatterten zwei nebeneinanderstehende Barhocker am äußeren Rund, wo es etwas ruhiger zuging.
   Lars bestellte Bier und musterte sie mit neugieriger Miene. »Bist du öfter hier?«
   Sie lehnte sich vor, um trotz der dröhnenden Musik verstanden zu werden. »Nein, zum ersten Mal.« Ein unaufdringlicher, nicht unangenehmer Aftershave-Duft umgab ihn.
   »Ich auch. Bin grad frisch nach Bremen gezogen. Ich beginne hier eine Ausbildung.«
   »Ich bin in Bremen aufgewachsen.«
   Er nickte. War sein Blick fragend? Sollte sie noch was hinzufügen? Gerade wurde das Schweigen zwischen ihnen unangenehm, da brachte der Bartyp die Biere. Sie prosteten sich zu.
   »Wie gefällt dir der Laden?«, fragte Lars.
   »Bisschen laut«, antwortete Christin, woraufhin sich auf seinem Gesicht ungläubiges Staunen ausbreitete.
   »Laut?«
   Sie wollte sich einen Schlag auf den Hinterkopf geben. Wie dämlich! Sie saßen in einer Diskothek. Er musste sie für total bescheuert halten. »Wo kommst du her?«, erkundigte sie sich schnell und trank einen großen Schluck aus ihrem Glas.
   »Aus einem winzigen Kaff in Mecklenburg.«
   »Was für eine Ausbildung machst du?«
   »Speditionskaufmann.« Er stützte sich mit dem Ellenbogen auf den Tresen und legte das Gesicht in die Handfläche. »Was treibst du im Alltag?«
   »Ich bin grad mit der Schule fertig. Übermorgen gehe ich für ein Jahr nach Paris. Ich will Kunstgeschichte studieren.«
   Er zog die Augenbrauen hoch. »Wow.« Schwer beeindruckt wölbte er die Lippen.
   Bescheiden zuckte sie mit den Schultern und senkte den Blick.
   Er stupste sanft mit dem Ellenbogen gegen ihren Unterarm, damit sie wieder aufsah. »Ich dachte mir gleich, dass du was Besonderes bist.«
   Unwillig zog sie die Stirn kraus. »Wieso das denn?«
   Er legte den Kopf schräg. »Du siehst so aus, so perfekt.«
   Christin feixte. »Du spinnst.« Kopfschüttelnd hob sie ihr Glas und trank in einem langen Zug.
   Er lachte auch. »Doch. Alles an dir ist irgendwie … so akkurat, und … na ja, glatt.« Er verzog nachdenklich den Mund. »Eigentlich habe ich nicht damit gerechnet, dass du tatsächlich mit einem normalen Typen wie mir ein Bier trinken würdest.«
   Blödmann. Glatt? Sie war doch nicht akkurat und glatt! »Wieso hast du mich dann überhaupt angesprochen?«, fragte sie schnippisch.
   »Nur so. Ich quatsche alle an, die einigermaßen nett aussehen. Die meisten winken ab. Ich wirke anscheinend eher langweilig.« Er nahm sein Glas und prostete ihr grinsend zu.
   Christin verdrehte innerlich die Augen. Toll, wie wurde sie diesen Knaller nun wieder los? Sie trank einen weiteren ordentlichen Schluck. Dabei fiel ihr Blick auf die andere Seite der Bar. Ein Schreck durchzuckte sie wie ein elektrischer Schlag. »Luca.«
   »Was sagst du?«
   Sie winkte ab. »Nichts. Hab nur gerade gegenüber einen Bekannten entdeckt.« Luca. Ausgerechnet Luca. Er hatte sie sicher noch nicht gesehen, denn er saß nicht mit dem Gesicht zur Bar, sondern hatte sich einer Frau neben ihm zugedreht. Jetzt lehnte sich die Tussi vor, damit er in ihr Ohr sprechen konnte.
   Luca. O nein! Ihre Knie fühlten sich an wie Watte. Was, wenn er sie entdeckte? Ein Teil von ihr wollte aufspringen, weglaufen, der andere unbedingt sitzen bleiben, damit er sich drehen und sie entdecken sollte. Ob er sie ansprechen würde? Vermutlich eher ignorieren, schließlich war sie nur die kindische, langweilige Cousine seines besten Freundes.
   Sie trank ihr Glas in einem Zug leer und musterte ihn unauffällig. Seine breiten Schultern fielen zwischen den anderen Menschen auf. Nur wenige Männer hatten einen so beeindruckenden Körper. Das kam durch den Sport. Mike und er hatten während ihrer Kindheit und Jugend Leistungssport betrieben. Seine dunklen Haare wellten sich bis über den Hemdkragen. Jetzt hob er den Arm, um zu trinken. Die Hemdsärmel waren bis knapp unter die Ellenbogen aufgekrempelt, sodass sie seine gewaltigen Unterarme zu Gesicht bekam. Er sah so lässig aus. Mit einem Hut auf dem Kopf konnte man ihn glatt für einen Cowboy halten.
   Wie oft träumte sie im Bett davon, in diesen Armen zu liegen und sich beschützt zu fühlen. Luca, ihr heimlicher Schwarm. Seinetwegen war sie noch Jungfrau. Sie verglich alle Kandidaten für ihren ersten Sex mit ihm, und keiner hielt stand. Sie konnte nichts dafür, er reizte sie mehr als der begehrteste Filmstar, sie ersehnte sich nur ihn, immer schon, obwohl er sie nach wie vor wie ein Kind behandelte. Sie hatte definitiv null Chance bei ihm. Er stand auf richtige Frauen wie die langbeinige Schönheit, mit der er am Tresen saß. Auch Lars würde die nicht als zu schlicht und brav bezeichnen. Ein heißer Stachel namens Eifersucht verspritzte Gift in ihre Eingeweide. Shit!
   Eine Hand rüttelte an ihrem Arm. »Hey, hörst du mir überhaupt zu?«
   Erschrocken zuckte sie herum. »Sorry. Was sagtest du?«
   »Warum du auf Kunst stehst? Ob du selbst malst?«
   »Ja. Ich zeichne am liebsten mit Kohle.« Missmutig betrachtete sie ihr leeres Glas und trank kurzerhand den letzten Schluck aus seinem. In ihr rumorte der Ärger. Sie war so eine dumme Gans! Wie war das noch mit dem Spaß haben? Entschlossen wendete sie sich Lars zu. »Ich brauch was Härteres. Du auch? Ich gebe einen aus.«
   Er nickte grinsend. Sie beugte sich vor und hob die Hand, um den Barkeeper zu rufen.
   Sie tranken drei unverschämt teure Caipirinha. Christin begann, mit Lars zu flirten, nicht etwa, weil sie ihn mochte, sondern um Luca zu demonstrieren, dass sie kein Kind mehr war. Jeden Moment würde er sie entdecken. Dann sollte er staunen, staunen und Lust auf sie bekommen. Sie hatte schon unauffällig einen zusätzlichen Blusenknopf aufgezupft, sodass man die Ansätze ihrer Brüste bis zum Rand des BHs sehen konnte, wenn sie sich vorbeugte. Neckisch die langen blonden Haare über die Schulter werfen ging leider nicht, weil sie wie gewohnt einen Zopf trug. Sollte sie das Gummi rausziehen? Aber dann musste sie sich kämmen gehen. Also Gummi drinlassen. Aus den Augenwinkeln schielte sie alle paar Sekunden zu Luca hinüber, während sie Lars breit angrinste und ermutigend zunickte, damit er weitererzählte, was auch immer er gerade von sich gab.
   Sie zuckte zusammen, als Luca plötzlich aufstand. Er durfte doch jetzt nicht gehen! Sie sprang auf, torkelte gegen ihren Begleiter und stützte sich an seiner Schulter ab. »Ups.«
   Er grinste. »Alles klar?«
   In diesem Moment drehte sich Luca mit einem Geldschein in der Hand in Richtung Bar. Ihre Blicke kreuzten sich. Er stockte. Er hatte sie erkannt. Augenblicklich donnerte ihr Herz in dreifacher Geschwindigkeit. Reflexartig senkte sie den Kopf, tat, als ob sie ihn nicht gesehen hätte, und grinste wieder Lars an, der prompt eine Augenbraue zweifelnd hochzog.
   »Was denn?«, fragte sie ungeduldig.
   »Geht’s dir noch gut? Du bist nicht so viel Alkohol gewohnt, stimmt’s?«
   Sie beugte sich in Verschwörermanier vor. »Stimmt. Schlimm?«
   »Nein, aber vielleicht solltest du zur Abwechslung ein Wasser trin…«
   »Guten Abend Chris.« Lucas sonore, maskuline Stimme versetzte ihren Unterleib reflexartig in Vibrationen. Er stand hinter ihr.
   Es kribbelte im Nacken. Sie drehte den Kopf. Von einem Ohr zum anderen breit grinsend sah sie zu ihm auf. »Hey Luca! Das ist ja eine Überraschung. Was machst du denn hier?«
   Er öffnete den Mund, stutzte und runzelte Stirn. »Bist du betrunken?«
   Sie grinste unbeirrt weiter. Ihre Nase juckte plötzlich. So was Blödes. »Nur ein klitzekleines bisschen.«
   Luca lachte nicht. Seine Augen wurden schmal, als er sich umsah. »Mit wem bist du hier?«
   Christin winkte gleichgültig ab. »Mit einer Freundin aus der Schule, aber die ist irgendwohin verschwunden.«
   »Wer ist er?« Mit eisenhartem Blick fixierte er Lars. »Ist der auch aus deiner Schule?«
   Sie gluckste albern. »Nein, der ist aus Mecklenburg.« Sie hob ihr Glas, prostete Lars zu und wollte trinken, doch Luca umfasste ihren Unterarm, nahm ihr das Getränk ab und stellte es außerhalb ihrer Reichweite auf den Tresen. »Ich denke, du hast genug.«
   »Hey!« Empört starrte sie zu ihm auf. »Spinnst du?«
   »Du spinnst. Dich hier allein zu betrinken. Nicht zu fassen!«
   Zornig entriss sie ihm ihren Arm. »Wie redest du mit mir? Du hast mir gar nichts zu sagen!«
   Lars grinste. »Hey Kumpel, ich glaube, sie mag dich nicht.«
   Lucas herb männliches Gesicht mit den sexy ausgeprägten Wangenknochen verhärtete sich zu einer undurchdringlichen Maske. »Komm Chris, keine Diskussion. Ich bringe dich nach Hause.«
   »Behandele mich nicht wie ein Kind. Ich bin erwachsen!«
   Er lachte kurz trocken auf. »Auch nur auf dem Papier, Mädel.«
   Wutentbrannt hob Christin die Arme, als ob sie ihn wegschubsen wollte. »Hör auf, dich über mich lustig zu machen. Ich bin seit fast einem Jahr volljährig. Ich bin eine Frau! Das ist nur dir Blödmann noch nicht aufgefallen«, zeterte sie und schlug seine Finger weg, die ihre Blusenhälften über der Brust zusammenziehen wollten.
   Luca verdrehte sie Augen. »Chrissy, sei vernünftig. Oder muss ich deine Eltern anrufen?«
   »Nein! Wehe!«
   Er grinste. »Dann komm mit mir.«
   »Wohin?«, fragte sie misstrauisch.
   »Ich bringe dich nach Hause.«
   Sie drehte um und reckte entschieden die Nasenspitze hoch. »Auf keinen Fall. Ich bleibe hier.«
   Er stöhnte genervt. »Chris, ich lasse dich nicht hier. Du bist viel zu naiv und unerfahren für einen Abschleppschuppen wie diesen.«
   »Dann …«, sie lächelte verschmitzt zu ihm auf, »zu dir.«
   Seine linke Augenbraue wanderte hoch. »Zu mir?«
   »Jepp.«
   »Was willst du bei mir?«
   Sie überlegte fieberhaft. »Meine Mutter darf mich nicht so erleben.«
   Er lachte trocken auf. »Ja, da gebe ich dir recht. Deine Mutter sollte dich nicht so sehen müssen.« Seufzend zuckte er mit den Schultern. »Okay. Fahren wir zu mir. Du kannst auf der Couch schlafen.«
   Siegesbewusst grinsend tätschelte sie Lars zum Abschied den Oberarm. »Das wollen wir doch mal sehen, wo ich schlafe. Tschüssi, nichts für ungut. War nett, mit dir zu trinken.«
   Lucas Mundwinkel zuckten, als er den Arm um ihre Schultern legte, um sie Richtung Ausgang zu dirigieren. Glücklich lehnte sie sich an ihn. Er war so männlich und Respekt einflößend. Alle machten Platz, und die Frauen glotzten interessiert zu ihm auf. Aber er nahm sie mit nach Hause, nicht die blöde Tussi mit dem dicken Busen und auch keine andere, sondern sie, Christin.
   Er sah amüsiert zwinkernd zu ihr herunter. »Mädel, Mädel, wenn du aufmuckst, dann gleich richtig, was?«
   »Wieso?«
   Er zupfte spielerisch an ihrem Zopf. »Nur so.«
   Draußen ließ er sie los und rief mit dem Handy ein Taxi. Dann drehte er sich zu ihr um. Er verschränkte die Arme vor der Brust wie ihr blöder Bio-Lehrer, wenn einer zu spät in den Unterricht kam. »Seit wann gehst du in solche Läden?«
   Kampflustig sah sie zu ihm auf. »Wieso sollte ich nicht? Macht doch jede in meinem Alter?«
   Seine vollen Lippen verzogen sich zu einem missmutigen Grummeln. »Du bist aber nicht jede, Christin.«
   Sie stöhnte, legte in dramatischer Geste den Kopf in den Nacken und die flache Hand auf ihr Herz. »Ich weiß, ich bin akkurat.«
   Er lachte, öffnete die Arme und zog sie an seine Brust. »Du bist intelligent, und du bist vernünftig, jedenfalls normalerweise.«
   Sie umschlang seine kräftige Taille, schloss die Augen und drückte das Gesicht gegen seine Brustmuskeln. Sie liebte seinen Geruch. Sie konnte nicht genug davon bekommen.
   Damals, als sie noch jung gewesen war, als sie mit ihren Eltern regelmäßig im Hotel von Tante und Onkel Wochenenden oder Ferien verbracht hatte, war sie immer, wenn sie zufällig sah, dass er ihren Cousin Michael besuchte, unter einem Vorwand zur Tante in die Privatwohnung rübergegangen. Mit viel Glück hatte sie dort einen unbeobachteten Moment lang ihr Gesicht in seine Jacke stecken können. Damals schon war sie süchtig nach seinem Geruch gewesen. Sie hatte davon geträumt, dass er sie gegen die Wand drängte, die Hände neben ihrem Kopf abstützte und sie küsste.
   Heute roch er nach einem Aftershave. Luca, der Mann, gemixt mit Aftershave, definitiv noch besser als Luca, der Junge, ohne Aftershave. Vielleicht würde er sie heute Abend küssen, vielleicht jetzt gleich? Ihr Herz trommelte stürmischer.
   »Hey, wird dir schlecht?«, fragte er misstrauisch.
   Sie stöhnte genervt auf. »Nein«, knurrte sie, während sie sich von ihm löste.
   Das Taxi kam und sie stiegen ein. Als sie fuhren, kuschelte sie sich an seine Seite. Wieder zog der Blödmann zweifelnd die Augenbrauen hoch. Diesmal auch noch mit einem herablassenden Grinsen im Gesicht.
   Ärgerlich rückte sie Richtung Fenster. »Lach nicht, als ob ich ein dummes Kind wäre. Ich bin beschwipst, okay, aber ich bin nicht blöd.«
   Er zog sie wieder an seinen Oberkörper. »Was ist los mit dir? Hast du Kummer? Irgendwelche Probleme?«
   »Nein.«
   »Warum hast du denn neuerdings das Bedürfnis, dich zu betrinken und irgendeinem Typen an den Hals zu werfen? Das bist doch nicht du.«
   »Vielleicht reicht es mir ja, ich zu sein.«
   Er hob ihr Gesicht mit Zeigefinger und Daumen am Kinn an. »Sag so was nicht. Du bist eine klasse Frau. Du siehst top aus, du bist intelligent, du machst nicht den gleichen Mist wie alle. Du bist was Besonderes. Was ist daran nicht gut?«
   Sie drehte den Kopf weg und heftete den Blick auf die Rückenlehne des Vordersitzes. Es tat weh, dass er sie so plump beschwichtigen wollte. Immer noch behandelte er sie wie ein Kind. »Wenn ich so toll bin, hast du ja bestimmt gerade Lust, mich zu küssen, oder?« Angriffslustig starrte sie zu ihm auf.
   Er lächelte. »Ich küsse grundsätzlich keine betrunkenen Frauen.«
   »Lügner. Die Tussi mit den großen Brüsten hat die ganze Zeit getrunken.«
   Er schob sie ruckartig ein Stück zurück. »Du hast mich schon vor unserem Zusammentreffen beobachtet?«
   Mist. Verquasselt. »Ich wollte nicht stören.«
   Kopfschüttelnd zog er sie wieder an seinen Körper. »Konntest du sehen, dass ich sie geküsst habe?«
   »Nee. Aber wenn ich nicht gewesen wäre, säße sie jetzt mit dir hier im Taxi und du würdest sie küssen, gib’s zu.«
   Er zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Nein. Sie langweilte mich.«
   Der Fahrer blinkte und hielt am Straßenrand.
   »Wir sind da.« Luca zog Geld aus der Tasche. Er bezahlte und sie stiegen aus.
   Christin sah sich um. Sie wusste, dass er in der Georg-Gröning-Straße eine Altbauwohnung besaß, war jedoch noch nie da gewesen.
   »Hier lang.« Er zeigte auf einen Hauseingang, legte seine Hand zwischen ihre Schulterblätter und schob sie sachte vorwärts. »Musst du zu Hause Bescheid sagen?«, fragte er, während sie die Treppen hinaufstiegen.
   »Nein, wie ich bereits sagte, ich bin erwachsen! Muss ich das buchstabieren? E R W A C…«
   »Schon gut! Reg dich ab. Du wohnst bei deinen Eltern. Ich wette, sie sorgen sich, wenn du nicht kommst.«
   Christin stöhnte genervt. »Ich habe gesagt, ich schlafe bei Sara. Das ist die Freundin, mit der ich unterwegs war.«
   Er schloss die Wohnungstür auf. »Tolle Freundin, die einfach abhaut.«
   »Sara ist okay. Wir gehen zusammen für ein Jahr nach Paris. In zwei Tagen geht’s los.«
   Er schob sie in den Flur und schaltete das Licht an. »Ihr solltet euch dringend besser absprechen, wenn ihr abends unterwegs seid. Und vor allem solltest du ein paar Regeln lernen, zum Beispiel die, dass eine Frau in so einem Laden nie ihr Getränk aus den Augen lässt. Schon mal was von K.-o.-Tropfen gehört?«
   »Ja, Papa.«
   Er griff ihr scherzhaft fest in den Nacken. »Sei nicht so frech.« Nachdem sie sich ihm entwunden hatte, zeigte er auf eine Tür. »Hier ist das Bad. Gegenüber geht’s ins Wohnzimmer. Fühl dich wie zu Hause. Ich hole mal Mineralwasser.«
   »Klo ist gut«, murmelte sie. Nachdem sie es besucht hatte, betrat sie das Wohnzimmer und tastete nach einem Lichtschalter. Sie fand einen Dimmer und drehte daran, bis gemütliches Licht den Raum erhellte. »Wow!« Sie stand in einem Riesenraum mit Parkettboden, hoher Decke, drei breiten Fenstern und einer Balkontür.
   Vorn gab es eine ausladende lederne Sitzgruppe, hinten einen Schreibtisch mit Computer und jeder Menge Papierkram.
   Sie ließ sich auf die Couch fallen. Eine schlichte Regalwand bis zur Decke gegenüber der Fensterfront war gefüllt mit Büchern, einer Musikanlage, Aktenordnern und seiner umfangreichen Fotoausrüstung. In einer Ecke lagen Hanteln auf dem Fußboden. An den Wänden hingen einige vergrößerte Fotos, die er selbst geschossen hatte. Naturaufnahmen, sein leidenschaftliches Hobby.
   Luca kam mit einer Flasche Wasser und Gläsern.
   Christin griff zu, als er ihr eins reichte. »Wieso kannst du dir als Student so eine Wohnung kaufen?«
   »Ich habe mit ein paar Freunden ein Spiel programmiert und erfolgreich verkauft. Außerdem ist ein Zimmer untervermietet«, erklärte er gleichmütig, während er sich zu ihr setzte und einschenkte.
   »Wir sind hier nicht allein?«
   »Doch. Mein Mitbewohner ist zurzeit verreist.«
   Neugierig wanderte ihr Blick durch den Raum. »Sieht ganz schön nach Arbeit aus.«
   »Inzwischen beschäftige ich mich vor allem mit der Programmierung von Netzwerken.«
   »Wow. Scheint sich ja wirklich zu lohnen. Ich dachte immer, es ist nur Spinnerei von euch, stundenlang vor dem Bildschirm zu hocken.«
   Er winkte ab. »Alles nur Handwerk und ein bisschen tüfteln.« Grinsend zwinkerte er ihr zu. »Aber es wird sehr gut bezahlt.«
   Sie lehnte sich zurück. »Hat Mike deswegen das Hotel verlassen? Weil es so gut bezahlt wird?«
   Er nickte. »Und weil es mehr Spaß macht, als in der Küche zu stehen.« Er zeigte auf ihr Wasser. »Trink, damit dein Kater dich morgen nicht ganz so garstig quält.«
   Seufzend hob sie das Glas und leerte es mit großen Schlucken. »Das war verdammt mutig von Mike. Seine Eltern sind immer noch sauer, dass er das Hotel nicht weiterführen wird.«
   Luca zuckte mit den Schultern. »Sie können nicht von ihm verlangen, sein Leben als Koch zu verbringen, wenn er etwas anderes will. Jeder muss die Freiheit haben, seinen Weg selbst zu gestalten.«
   Nachdenklich drehte sie das Glas in den Händen. »Ja. Da hast du wohl recht.«
   Er neigte den Kopf zur Seite und warf ihr einen väterlich freundlichen Blick zu. »Hey, Chris, ist wirklich alles in Ordnung?«
   »Ja, ja.«
   »Ist es wegen Paris? Hast du Angst, ganz allein weit weg zu sein?«
   Sie runzelte unwillig die Stirn. »Ich bin nicht allein, und ich bin kein Kind mehr. Kriegst du das immer noch nicht in deinen Schädel? Ich werde einen Heidenspaß haben.«
   Er nickte. »Du wirst dich verknallen und austoben – aber sei bitte vorsichtiger als heute Abend.« Er legte kurz seine Hand auf ihre. Seine Stimme hatte so geduldig geklungen, als ob er nicht acht, sondern achtzig Jahre älter war als sie.
   In ihrem Mund breitete sich ein bitterer Geschmack aus, doch sie biss die Zähne zusammen. Sein Blick ruhte auf ihr, als ob er auf eine Antwort wartete.
   Als die nicht kam, erhob er sich. »Ich hole dir Bettzeug.« Kurze Zeit später war die Couch zu einem provisorischen Bett umfunktioniert. Mit in die Taille gestemmten Händen baute er sich vor ihr auf. »Brauchst du noch was?«
   Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Ich komm klar. Danke.«
   Er nickte zufrieden. »Schön. Dann hau ich mich jetzt hin. Gute Nacht.«
   »Du?«
   Er stockte. »Ja?«
   »Darf ich dich was fragen?«
   »Klar.«
   »Aber du musst mir eine ehrliche Antwort geben.«
   Er zog die Augenbrauen zusammen. »Sicher. Mach’s nicht so spannend. Was willst du wissen?«
   »Wie … also … ähm … findest du, ähm … sehe ich aus?«
   Er drehte sich ihr zu, lehnte sich gegen die Tür, und ein Schmunzeln huschte über sein Gesicht. »Du siehst klasse aus.«
   Sie winkte ungeduldig ab. »Gib mir eine richtige Antwort.«
   Er neigte den Kopf zur Seite. »Du hast eine traumhafte Figur. Du hast samtweiche Haut. Du hast ausgeprägte Wangenknochen und genau die richtige Augenbrauenform. Du hast einen hinreißenden Hals und wunderschöne riesige, blaue Augen. Du hast glänzendes langes Haar, um das dich sicher so manche andere Frau beneidet. Und«, er schmunzelte, »du hast perfekte Beine.«
   Ehe ihr eine Antwort einfiel, drehte er sich zur Tür.
   »Du bist eine schöne, junge Frau, Chris. Schlaf jetzt.« Er hob grüßend die Hand und verließ sie.
   Sie zog sich die Jeans aus, kroch unter die Decke und starrte gegen die dunkle Fensterfront. Klasse. Sie war in seiner Wohnung, und er hatte null Interesse an ihr. Fiese Tränen wollten sich in ihre Augen drängen. Was reizte ihn an diesen blöden Tussis? Ging es Männern nur um Brüste? So mickrig waren ihre ja nun auch nicht. Nein, sie war nicht hässlich. Ihre Freundinnen beneideten sie um ihre langen blonden Haare. Sie hatte keine Pickel oder Narben und eine sportliche Figur. Was stimmte denn nicht?
   Sie fühlte sich ihm so nah in seiner Wohnung. Zu wissen, dass er mickrige fünf Meter entfernt in seinem Bett lag, regte ihre Fantasie und ihre Sehnsucht an. Tiefes, fast schmerzhaftes Ziehen im Unterleib wollte gestillt werden. So unbedingt. So dringend.
   Vielleicht wusste er es einfach nicht. Vielleicht fiel ihm im Traum nicht ein, dass sie Lust auf ihn haben könnte. Hätte sie deutlicher werden müssen? Sie hatte sich zwar an ihn gekuschelt, aber die Tussi mit den großen Brüsten hätte im Auto definitiv andere Taktiken angewendet, um ihn rumzukriegen. So was hatte sie noch nie gekonnt, Männer klarmachen, wie Sara es nannte. Dafür war sie nicht lässig genug. Aber eine Gelegenheit wie heute Abend würde nie wiederkehren, sie beide allein in seiner Wohnung.
   Sie wusste, er hatte kein Interesse an einer dauerhaften Beziehung. Mike und er rissen gern Witze über Männer, die sich an eine Frau binden, weil sie ihnen den Kopf verdreht.
   Er hing an seiner Freiheit, und sie hatte im Laufe der Jahre einige Frauen an seiner Seite gesehen, die im Handumdrehen wieder verschwunden waren. Warum also wollte er nichts von ihr, wenn er sie doch haben konnte? Anscheinend hatte er noch nicht kapiert, dass sie kein naives Mädchen mehr war. Das musste der Grund sein. Es lag an ihr, seine Einstellung zu korrigieren. Ja, sie würde ihm jetzt zeigen, dass sie eine Frau war, mit der er viel Spaß haben konnte.
   Entschlossen setzte sie sich auf und blickte kritisch an sich hinab. Sie trug einen rosa Baumwollslip mit Schleifchen vorn. Okay, das ließ sich jetzt nicht mehr ändern. Sie zog den BH und die Bluse aus. Dann kämmte sie mit den Fingern durch die inzwischen vom Zopfgummi befreiten Haare und tapste barfuß Richtung Flur. Sie starrte auf drei Türen. Rechts war das Bad, blieben also nur zwei weitere Möglichkeiten. Vorsichtig drückte sie auf eine Klinke und schob die Tür lautlos auf. Durch ein Fenster fiel schummriges Mondlicht in den dunklen Raum. Bingo. Da lag er, auf die Seite gedreht, mit dem Rücken zu ihr in einem großen Bett. Sie schlich auf Zehenspitzen näher und hockte sich auf den Rand der Matratze. Er atmete in tiefen, gleichmäßigen Zügen.
   Voller Sehnsucht betrachtete sie ihn. Er trug ein weißes T-Shirt. Sein kräftiger Arm lag über der Decke. Die große, schöne Männerhand ruhte entspannt vor seinem Körper auf der Matratze. Sein Haar war verwuschelt und sein Bartschatten deutlich erkennbar. Er wirkte verwegen, männlich, durch und durch maskulin, ganz anders als die Jungs in ihrer Schule.
   Sanft fuhr sie mit den Fingern über seinen Unterarm. Er seufzte, drehte sich auf den Rücken, wachte aber nicht auf. Christins Herz donnerte hart von innen gegen die Rippen. Sie schob die Decke zur Seite, legte sich neben ihn und rutschte sachte an seinen Körper heran.
   Er stöhnte, als sie ihre Hand unter sein T-Shirt schob und über die Bauchmuskeln strich. »Mhm …«
   »Scht… küss mich«, flüsterte sie, beugte sich über ihn und berührte mit den Lippen hauchzart seinen Mund.
   Wieder stöhnte er, wurde unruhig, seine Hand platzierte sich fahrig auf ihren Rücken. Er hob ihr den Kopf entgegen, sodass sie mutig erneut ihre Lippen auf seine senkte.
   Seine Zunge wischte über ihre Oberlippe und sendete elektrische Wellen in ihren Blutkreislauf. Seufzend öffnete sie den Mund, während sie mit den Fingern sanft über seine Brust strich. Er stöhnte lauter. Seine Zunge umschlang jetzt kräftig und zielgerichtet ihre. Überwältigt schloss sie die Augen. O Mann, war das gut. Noch nie war sie so geküsst worden. Fordernd, selbstsicher, erfahren. Sie drückte sich intensiver an ihn und beugte sich über seinen Körper. Seine freie Hand legte sich warm auf ihre Taille, streichelte den Rücken hinauf, während die andere eine Brust umfasste. Wieder stöhnte er und sendete damit neue Wellen der Erregung durch ihren Organismus. Sie rekelte sich über ihm, und er biss sanft in ihr Kinn, was ein stimulierendes Schaudern durch ihren Körper jagte.
   »O Gott, Luca«, keuchte sie an seinem Hals, und er schlug die Augen auf.
   Er stockte und schob sie ein Stück weg. Sein Blick irrte ziellos über ihr Gesicht. Dann stieß er sie rüde zur Seite und setzte sich auf. »Fuck!«
   Erschrocken versteifte sie sich. Er drehte sich ruckartig um, knipste eine Lampe neben dem Bett an und starrte sie wütend an. »Chris! Was, verdammt noch mal, machst du hier?«
   Augenblicklich gefror ihr Blut zu Eis, während sie gleichzeitig brennende Hitze auf den Wangen fühlte. Er gaffte sie an, als ob sie geistesgestört wäre. Sie wollte vor Scham im Boden versinken.
   »Tut mir leid«, japste sie. Aus dem Bett springen und weglaufen war eine Bewegung. Nur weg von ihm. Keine Sekunde länger konnte sie diesen schockierten Blick ertragen. Sie versuchte, die nackten Brüste mit den Händen zu verdecken, hetzte ins Wohnzimmer und griff panisch nach ihrer Bluse, um hineinzuschlüpfen. Tränen liefen ihr über die Wangen. Sie schluchzte unkontrolliert. Nur raus hier. Raus, raus, raus.
   Plötzlich stand er vor ihr und griff nach ihrem Arm. Er trug jetzt einen Bademantel.
   »Lass mich!«, kreischte sie. Sie wollte sich losreißen, doch er gab ihr einen Schubs, sodass sie auf die Couch plumpste.
   Er warf die Decke um ihren Körper, setzte sich zu ihr und zog sie in den Arm. »Beruhige dich.«
   »Verschwinde«, zeterte sie, drehte den Kopf weg und versuchte, sich zu befreien. Sie konnte ihn nicht ansehen. Nie wieder würde sie ihn ansehen können.
   »Still jetzt! Komm zur Vernunft, verdammt noch mal«, blaffte er ungeduldig, ohne sie loszulassen.
   Sie zuckte zusammen, und ihr Körper versteifte sich zu einem Stück Holz. Wütend presste sie die Lippen aufeinander.
   Er stöhnte genervt. »Es tut mir leid, ich wollte dich nicht anschreien.« Sein Brustkorb hob sich, und er atmete geräuschvoll aus. Einen Moment war es mucksmäuschenstill, dann drehte er ihr das Gesicht zu. »Was sollte das eben?«, fragte er deutlich beherrschter.
   »Tut mir leid«, flüsterte sie und senkte den Kopf.
   »Warum hast du das getan?«
   »Warum wohl?«, presste sie hervor, während sie angestrengt den Teppichboden vor ihren Füßen fixierte.
   Er sah mit gerunzelter Stirn auf sie hinab. »Ist das neuerdings dein Hobby? Betrunken zu irgendwelchen Männern ins Bett zu steigen? Mensch, Chris! Das ist doch nicht dein Niveau!«
   »Mein Niveau? So ein Scheiß! Du weißt nichts von mir«, fauchte sie, schüttelte seinen Arm ab und lehnte sich vor, um die Ellenbogen auf die Knie zu stützen und das Gesicht in den Händen zu vergraben.
   Er atmete geräuschvoll aus. »Da hast du wohl recht.« Seine Stimme klirrte vor sarkastischer Kälte. Er ekelte sich vor ihr. »Wie viele Typen hattest du schon auf diese Art? Jedes Wochenende einen anderen?«
   »Du bist so ein Arsch! Hundert natürlich! Mindestens!«
   Er stupste sie mit dem Ellenbogen an. »Mensch, Chris, was ist denn bloß los mit dir, das bist doch nicht du?«, fragte er leise. Seine Stimme klang enttäuscht.
   Sie fühlte einen fiesen Stich im Herzen, schluckte, wusste, dass sein Blick wartend auf ihr ruhte. »Noch nie. Ich bin noch nie mit einem Mann im Bett gewesen«, flüsterte sie, ohne die Hände vom Gesicht zu nehmen. Ihr Herz donnerte hart wie ein Hammer gegen ihre Rippen.
   Einen Moment war es totenstill. Dann fasste er in ihre Haare und zwang sie, ihn anzusehen. »Du bist noch Jungfrau und krabbelst einfach so in mein Bett?« Seine Augenbrauen wanderten hoch, sodass seine Stirn in Falten lag. »Hattest du vor, mir noch Bescheid zu sagen, bevor wir eine heiße Nummer schieben?« Er ließ sie los und schüttelte entgeistert den Kopf. »Mensch Mädel! Das erste Mal! Das macht man doch nicht mit irgendeinem!«
   Christin schluckte. Er begriff nichts. Er interessierte sich kein bisschen für sie. Was hatte sie sich nur eingebildet? Nie wieder würde sie ihm in die Augen sehen können.
   »Tut mir leid«, flüsterte sie noch mal.
   Er stand auf und räusperte sich. »Du hast zu viel getrunken. Versprich mir, so was nie wieder zu tun, bei keinem Mann, hörst du? Warte, bis dir der Richtige begegnet.«
   Sie nickte und starrte weiterhin auf den Fußboden.
   »Okay.« Er fuhr sich genervt durch die Haare. »Wir vergessen das jetzt. Wir sind Freunde. Die letzte Stunde ist nie passiert. Kein Wort mehr darüber, klar? Leg dich hin und schlaf.«
   Wieder konnte sie nur nicken. Er entfernte sich und schloss leise die Tür hinter sich.
   Christin ließ sich zur Seite auf das Polster fallen. Sie rollte sich zu einer winzigen Kugel zusammen und fasste den unumstößlichen Entschluss, das Kapitel Luca in ihrem Herzen ein für alle Mal abzuschließen. Paris wartete. Sie würde jetzt endlich erwachsen werden, Spaß haben, cool sein, flirten wie Sara und Männer kennenlernen, mit allem, was dazugehört.

2
Frühling 2014

»Drei Kartons, das müsste reichen«, murmelte Christin, während sie konzentriert die Preise der beiden Angebote verglich.
   Die kleine Glocke der Ladentür bimmelte hinter ihr.
   »Wir haben geschlossen. Tut mir leid«, rief sie, ohne den Blick zu heben.
   »Das ist aber schade«, ertönte eine dunkle, lässige Stimme.
   Sie drehte sich mit einem Lächeln um. »Hey Luca! Für dich ist natürlich offen.« Ihr Herz klopfte schneller, während sie ihn lässig auf sich zuschlendern sah. Obwohl das Café mit seinen neun runden Tischen und den Sitznischen an der Wand nun wirklich nicht klein war, dominierte seine beeindruckend große und muskulöse Gestalt den Raum. Es war nicht nur sein Körper. Seine Art, sich zu bewegen, der selbstsichere, entspannte Gesichtsausdruck und unbedingt auch der ruhige, starke Blick aus den fast schwarz wirkenden Augen verfehlten ihre Wirkung nicht. Erst wenn man ihm ganz nahe kam, erkannte man das Braun um die Pupillen herum. Kein Wunder, dass sich überall die Frauen umdrehten und ihm nachsahen, wenn er vorbeilief.
   Er umarmte sie und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. »Da habe ich ja Glück.«
   »Was führt dich so spät noch her?«, fragte sie, als er sich von ihr löste.
   »Ich bin mit Mike verabredet und nur reingekommen, um meiner Lieblingsfreundin einen guten Abend zu wünschen. Wie geht’s dir?«
   Sie lächelte. »Gut geht’s. Danke.«
   »Warum arbeitest du noch? Ich denke, ihr schließt um neunzehn Uhr.«
   »Ja, wir haben längst zu, ich habe nur vergessen, abzuschließen.« Sie seufzte. »Du kommst gerade richtig, um mir bei einer Entscheidung zu helfen.«
   Er breitete einladend die Arme aus. »Immer zu Diensten. Um was geht’s?«
   »Ich will neue Kaffeebecher bestellen und habe hier zwei Angebote. Sieh mal, welche gefallen dir besser?«
   Er setzte sich halb auf einen der Barhocker am Tresen und nahm die beiden Prospekte, die sie ihm hinhielt. »Was meinen denn deine Angestellten?«
   »Laura will die bunten, aber Johanna, unsere neue, meint, diese weißen verschnörkelten«, sie zeigte auf eine der Abbildungen, »passen besser zum französischen Stil der Einrichtung und Sophie ist es egal. Die findet beide gut.«
   »Mhm … mal überlegen.« Er rieb sich über das Kinn. »Nimm die bunten, die kannst du mit jedem anderen Geschirr kombinieren, ohne dass es unpassend aussieht.«
   Sie nickte. »Da hast du recht. Das ist ein wichtiges Argument. Ich danke dir. Möchtest du was trinken?«
   »Warum nicht? Rufst du oben an und sagst Mike Bescheid, dass ich da bin?«
   »Klar, und worauf hast du Lust? Wein?«
   Er nickte. »Glas Wein hört sich gut an, aber nur, wenn du eins mittrinkst.«
   »Weil du es bist.« Christin lächelte, gab schnell ihrem Cousin Bescheid und schenkte für sie beide ein. Sie prosteten sich zu.
   Als er das Glas abstellte, zwinkerte er sie fröhlich an. »Und warum bist du nach drei Monaten aus Paris geflüchtet?«
   Sie verdrehte genervt die Augen. »O Mann! Wie oft willst du mich das noch fragen?«
   Er hob spielerisch drohend den Zeigefinger. »Bis du es mir erzählst.«
   »Es ist jetzt so viele Jahre her, und ich bin zurückgekommen, weil ich das Café aufmachen wollte.«
   »Du lügst. Du hast erst nach deiner Rückkehr erfahren, dass Mike dieses Haus gekauft hat.«
   »Das stimmt nicht.« Ihre Stimme klang härter, als sie eigentlich wollte.
   Luca schien das allerdings nicht zu merken, oder es beeindruckte ihn nicht. »Das sagt er aber. Als du nach Hause kamst, hattest du die Grippe, und deine Eltern haben dir von dem Haus erzählt. Dann hast du Mike angerufen und gefragt, ob du aus der alten Kneipe ein Café machen kannst.«
   »Mike täuscht sich. Außerdem ist es egal.«
   Er warf ihr einen tiefen Blick zu. »Nein, es ist nicht egal, denn du bist verändert seit Paris.«
   Sie runzelte unzufrieden die Stirn und begann, mit harten Bewegungen die Arbeitsfläche des Tresens zu polieren. »Ich bin einfach nur erwachsen geworden.«
   Er stoppte ihren arbeitenden Arm mit einem warmen Griff und lächelte. »Irgendwann wirst du es mir erzählen.«
   Sie schubste seine Hand weg. »Schluss jetzt, sonst schmeiß ich dich raus.«
   Er hob ängstlich abwehrend die Arme. »Schon gut. Ich höre ja auf. Was gibt es sonst Neues? Regen sich die Mieter über dem Café noch wegen des Lärms auf?«
   »Das alte Ehepaar direkt hier drüber sowieso nicht, Herr Walter aus dem dritten Stock ist der Meckerer. Aber der zieht jetzt aus.«
   Luca nickte. »Dann braucht sich Mike ja nicht mehr an der Wohnungstür vorbeizuschleichen, wenn er nach oben in sein Fast-wie-ein-Penthouse-Domizil will.«
   »Nein, das ist vorbei.«
   Sie tranken beide. Nachdem er sein Glas wieder abgestellt hatte, nickte Luca anerkennend mit einem ausschweifenden Blick in den Gastraum. »Du hast aus der alten Kneipe wirklich was gemacht. Man fühlt sich wie in Montmartre. Fehlt nur der Blick auf Sacre Coeur. Es ist gemütlich. Man merkt, dass dir das Café am Herzen liegt. Wenigstens das scheint dich in Paris positiv beeinflusst zu haben.«
   Christin verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf. »Ganz schön raffiniert, Herr Johansen. So kann man auch am Thema dranbleiben.« Sie lächelte. »Gib auf, Luca. Es gibt nichts Aufregendes zu erzählen. Aber du hast recht. Die Pariser Cafés hatten es mir angetan, und es macht mir großen Spaß, es hier genauso gemütlich und nett zu machen.«
   Warum konnte er nicht endlich Ruhe geben? Es war immer das Gleiche. Mindestens einmal im Vierteljahr eröffnete er das Gespräch mit der Frage, warum sie nach nur drei Monaten zurückgekehrt war, und immer antwortete sie gleich. Es war fast zu einem Ritual zwischen ihnen geworden.
   »Und du willst es wirklich auf Dauer weiterführen?«
   »Jap.«
   Er trank einen Schluck, stützte sich mit den Unterarmen auf dem Tresen auf und sah sie nachdenklich an. »Was ist mit deinen alten Plänen? Malen, Studium? Reisen? Du hattest doch so viel vor.«
   Meine Güte, immer wieder diese dämlichen Fragen. Konnte er sie denn nicht in Ruhe lassen? Sie zuckte mit den Schultern und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich habe es mir eben anders überlegt. Außerdem habe ich zum Jahreswechsel die Wohnung gekauft und muss sie nun brav jeden Monat abbezahlen. Das geht nicht, wenn man studiert. Ich bin dazu auch schon zu a…«
   Die Türglocke bimmelte, und Mike schlenderte herein. »N’ Abend.«
   »Möchtest du auch einen Wein?«, fragte Christin, erleichtert über die Ablenkung.
   Er nickte. »Gern.«
   Schmunzelnd registrierte sie, dass sich ihr Cousin frisch rasiert hatte. Die beiden Männer waren schon Hingucker. Beide groß, breitschultrig und eindrucksvoll bemuskelt, dabei diese natürliche Selbstsicherheit und Dominanz. Mike wirkte etwas lässiger. Luca trug die Haare inzwischen ganz kurz und vermittelte einen etwas ernsteren Eindruck. Echte Leckerbissen für die weibliche Welt, alle beide, und das wussten sie sehr gut zu nutzen. »Was habt ihr heute Abend vor? Heiße Frauen aufreißen?« Den Stich der Eifersucht spürte sie längst nicht mehr. Ihre alten Gefühle ruhten sicher und verborgen in einer dunklen Ecke ihres Herzens. Außerdem war sie dafür bereits viel zu lang mit Leon zusammen, immerhin acht Jahre.
   Mike winkte ab. »Nur ein paar Kumpel treffen.«
   Luca grinste und knuffte ihn mit dem Ellenbogen in die Seite. »Du bist an der Neuen hier im Café interessiert, stimmt’s? Die superschlanke Johanna mit dem ernsten Gesicht und den großen Augen.«
   Mike schnaubte. »Ich laufe doch nicht Chrissys Kellnerinnen hinterher.«
   Christin kicherte. »Er hat Johanna den Spitznamen Kaktus verpasst. Das wird noch mal die große Liebe zwischen den beiden.«
   »Themawechsel bitte.« Mike winkte entschieden ab.
   Luca grinste und wandte sich Christin zu. »Okay, wenn du nicht über die Liebe reden willst, Chris, erzähl, wie geht’s dem Pariser Souvenir?«
   Sie runzelte die Stirn. Was sollte das denn jetzt? »Leon geht es gut.«
   »Deinem Gesicht nach zu urteilen, zu gut. Arbeitet er inzwischen eigentlich was Richtiges?«
   Unwillig zog sie die Augenbrauen zusammen. »Er schreibt immer noch Artikel über Deutschland für eine französische Zeitung.«
   »Aber nicht besonders aktiv, oder? Meistens verscherbelt er Schrottautos zu überhöhten Preisen an dumme Laien, erzählt Laura.«
   Christin verdrehte die Augen. »Er wartet auf einen Studienplatz.«
   Luca neigte den Kopf zur Seite und grinste. »Er nervt dich, oder?«
   Sie stöhnte gequält. »Quatsch. Alles in Ordnung.«
   Mike schüttelte den Kopf. »Bei Chrissy ist immer alles in Ordnung. Immer eitel Sonnenschein, nicht wahr, Cousinchen? Manchmal beneide ich dich um deine Lebenseinstellung.« Er wandte sich an Luca. »Chris kennt immer noch keine Wutanfälle, nicht mal, wenn ein Gast abhaut, ohne zu bezahlen, regt sie sich auf.«
   In ihrer Brust brodelte der Zorn. Was sollte dieses Gerede? Warum kümmerte er sich nicht um seinen Scheiß? Sie zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Hat ja auch keinen Sinn, oder?«
   »Sinn oder nicht, jeder wird doch mal so richtig stinkig. Du nicht. Wie machst du das bloß? Wie deine perfekte Mutter, die hat sich auch immer unter Kontrolle.«
   Sie seufzte. »Ja, ich weiß.«
   Luca grinste, bedachte sie aber mit einem festen Blick in ihre Augen. »Stille Wasser sind tief. Wahrscheinlich zeigt sie ihr wahres Temperament nur dem glücklichen halben Franzosen, wenn sie allein im Schlafzimmer sind.«
   Christin lachte spöttisch. »Kannst ihn ja fragen.«
   Eine leise, unangenehme Erinnerung an den Besuch in seinem Schlafzimmer zog hinter ihrer Stirn entlang, doch sie verscheuchte sie. Gefühle waren schädlich und dumm. Nur schwache Frauen ließen sich von Gefühlen verwirren. Sie war nicht schwach, sie war jetzt eine Geschäftsfrau und erfolgreich. Das allein zählte.
   Luca zwinkerte. »Ich wette, du lässt dir viel zu viel von dem Charmeur gefallen.«
   »Kümmert euch um euren Kram, Jungs.«
   Sie lachten, gaben aber Ruhe.
   Als die beiden Männer gingen, schloss sie die Tür hinter ihnen ab und spülte die Gläser aus. Sie wischte sorgfältig über das dunkle glatte Holz des Tresens und rückte die zierlichen Kaffeehaus-Stühle ordentlich vor die kleinen runden Tische. Morgen musste sie neue Blumen besorgen, die alten Sträuße wurden welk. Sie entdeckte Fingerabdrücke auf dem Glas der Kuchentheke und wischte sie ab. Dann zog sie sich die Jacke an, blickte noch einmal forschend in die Runde und nickte zufrieden. Alles ordentlich und sauber im Café Anderson. So liebte sie es.
   Zum Glück wohnte sie so nah am Steintorviertel, dass sie zu Fuß gehen und nach dem langen Tag im Café die herrliche Abendluft genießen konnte. Es roch nach Frühling. Tief sog sie die milde Luft ein. Nur noch ein paar Wochen, dann würden wieder jeden Tag Touristen nach dem Bummel über den Bremer Marktplatz und durch den Schnoor den Weg in ihr kleines Café finden. Gut, dass sich Johanna so schnell eingearbeitet hatte. Sie würde diesen Sommer eine wertvolle Hilfe sein. Diese Woche mussten sie unbedingt die Sonnenschirme aus dem Keller holen und reinigen, damit sie einsatzbereit waren. Jetzt konnte es schon jeden Tag plötzlich richtig warm werden.
   Eine Sekunde lang baute sich das Bild von dem lachenden Luca vor ihrem inneren Auge auf. Doch bevor Tränen ihre Sicht verschwimmen lassen konnten, biss sie die Zähne zusammen. Immer diese Fragerei. Männer hatten doch überhaupt keine Ahnung, wie schwer es für eine Frau war, klarzukommen, keine Schwächen zu zeigen, ihr Leben immer im Griff zu haben.
   Zu Hause angekommen meldete sie sich mit dem obligatorischen »Ich bin da«, während sie sich im Flur Jacke und Schuhe auszog. Gewohnheitsmäßig schob sie Leons Motorradboots beiseite, die er wie immer dort stehen gelassen hatte, wo sie ihm von den Füßen gefallen waren, also mitten im Weg.
   Es blieb alles still, obwohl aus dem Wohnzimmer Licht durch die halb geöffnete Tür schimmerte.
   »Leon?« Mit gerunzelter Stirn betrat sie den Raum. Auf dem Tisch standen ein benutzter Teller und ein halb ausgetrunkenes Bier. Daneben lag eine aufgeschlagene Autozeitschrift. Die Kissen auf der Couch waren zerknittert, als ob jemand darauf geschlafen hätte, und auf dem Fußboden lag ein Sweatshirt.
   »Ausgeflogen«, stellte sie fest und betrat die Küche. Auf dem Herd wartete eine Bratpfanne darauf, ausgewaschen zu werden, und neben der Spüle lag die Butter neben den Schalen von drei Eiern. »Mann! Immer bleibt alles liegen.« Genervt räumte sie auf, schmierte sich eine Scheibe Brot, legte sich auf die Couch und schaltete den Fernseher ein. Wenigstens noch Nachrichten sehen, dann ins Bett. Es war schon nach elf, und der Wecker klingelte um fünf.

»Hallo Süße«, säuselte eine nur zu bekannte Männerstimme in ihr Ohr, und ein schwerer Körper rieb sich an ihrem Hinterteil. »Leon?«, stöhnte sie schläfrig.
   »Ja, Schatz, wer sollte denn sonst in unser Bett krabbeln?«
   Sie grummelte unzufrieden. »Wie spät ist es?«
   Weiche Lippen küssten sich von ihrer Schulter langsam den Hals hinauf. »Gleich zwei.«
   »Lass mich schlafen, ich muss früh raus.«
   »Gleich«, murmelte er und küsste ihr Kinn. Eine Alkoholfahne breitete sich aus.
   »Du bist betrunken«, stöhnte sie genervt, »dreh dich um und schlaf.«
   Wieder kam ein gemurmeltes »Gleich« von hinten. Sein schwerer, warmer Atem traf ihren Nacken. Er zog an den Haaren ihren Kopf herum, sodass sich seine Zunge in ihren Mund drängen konnte. Christin wollte ihn wegdrücken, doch die Vernunft ließ sie diesen Wunsch unterdrücken. Es lohnte sich nicht, einen Streit anzufangen, wenn er angetrunken war, es kostete nur Nerven und dringend benötigte Schlafzeit. Also ließ sie ihn gewähren. Ermutigt drängte seine Zunge tiefer vor. Seine Hände schoben sich unter ihr T-Shirt, mit einer begann er, eine Brust zu kneten, die andere legte sich auf ihren Venushügel. Er stöhnte. »Oh, so geil. Ich liebe dich, Chris. Du bist die Beste.«
   Ich liebe dich auch, wollte sie sagen, doch die Worte wollten nicht über ihre Lippen.
   Sein Schwanz wurde hart und drückte gegen ihre Pobacke, seine Finger fummelten zwischen ihren Beinen und suchten ihre Klit. Es fühlte sich nicht unangenehm an, aber erregt war sie, wie immer, auch nicht. »Mhm …« Er stöhnte. »Ist das gut so, Süße?«
   Statt einer Antwort drehte sie sich auf den Rücken und legte die Arme um seinen Nacken, um das Unvermeidliche zu beschleunigen. Er stöhnte lauter, schob sich über sie und drückte ihre Beine auseinander.
   »Ah Baby, du fühlst dich so gut an. Willst du mich? Sag mir, dass du mich willst.«
   »Ich will dich, Leon«, flüsterte sie mit dem Mund an seinem Hals und hob ihm ihr Becken entgegen.
   Mit einem tiefen Brummen drang er in sie ein und begann, sich zu bewegen. Sie schlang die Beine um seine Taille und passte sich seinen Bewegungen an. Er glitt einige Male fast ganz aus ihr hinaus und stieß wieder zu, bewegte sich schneller, stöhnte, stieß härter zu, versteifte sich, knurrte während des Orgasmus auf seine typische Art und sackte auf ihr zusammen. Er kicherte. »Shit, Baby, das ging etwas schnell. Nächstes Mal bring ich es wieder ordentlich.« Er küsste sie, rollte von ihr hinunter, drehte sich um und begann fast im gleichen Moment, zu schnarchen.
   Christin drehte sich mit dem Rücken zu ihm und zog sich die Decke bis fast über die Augen. Tränen wollten aus ihren Augen drängen, Wut presste ihr den Magen zusammen, und sie konnte nicht mal sagen, auf wen sie mehr wütend war. Auf sich, weil sie keinen Humor mehr hatte, das Leben nicht mehr leicht nahm, nicht mehr fühlte wie andere Frauen, sich nicht auf spontanen Sex einlassen konnte oder auf Leon, weil er einfach seinen Spaß hatte, egal, ob mit oder ohne sie.
   Als der Wecker klingelte, fühlte sie sich wie gerädert. Leon lag nackt neben ihr und atmete laut durch den halb geöffneten Mund. Es roch nach Alkohol und Schweiß. Sie robbte sich aus dem Bett, duschte, zog sich an und machte sich auf den Weg ins Café.

»Danke. Es freut mich sehr, dass es geschmeckt hat.« Christin lächelte. »Diesen Apfelkuchen mögen alle unsere Gäste sehr gern.« Sie sah fragend von einer der Frauen zur anderen. »Geht das zusammen oder getrennt?«
   »Zusammen. Ich übernehme das«, antwortete die eine. Christin rechnete schnell. »Das sind dann vierzehn Euro fünfzig, bitte«, sagte sie freundlich.
   Nachdem sie bezahlt hatten, standen die Frauen auf und Christin begann, das Geschirr auf das Tablett zu räumen.
   Laura hatte an einem Tisch am Fenster bedient und lief grinsend an ihr vorbei zum Tresen. »Dein Schatz ist im Anmarsch. Was hat er verbrochen?«
   »Was?« Irritiert drehte sich Christin um.
   Laura hob wichtig die Augenbrauen. »Ich sage nur: Rote Rosen.«
   Christin warf einen Blick hinter sich und verdrehte die Augen. Tatsächlich. Da stand Leon in der Tür. Er zeigte ein schiefes Grinsen und hielt einem Blumenstrauß in der Hand. »Darf ich reinkommen?«, fragte er und setzte seinen Ich-bin-ein-treuer-Hund-Blick auf.
   »Ich bin mir nicht sicher«, antwortete Christin trocken, und Laura kicherte.
   Leon kam rein und legte die Rosen auf den Tresen, zog Christin in seine Arme und küsste sie zärtlich. Seine Lippen fuhren ihren Kiefer entlang, und er biss sanft in ihr Ohrläppchen. »Es tut mir leid. Bin ein bisschen versackt gestern«, flüsterte er.
   »Blödmann.«
   »Bitte, bitte, nicht böse sein, Chrissy. Es tut mir wirklich leid.«
   Sie schluckte den bitteren Geschmack hinunter. Immer machte er es sich so einfach, und würde sie nun nicht mitspielen, hätte sie Schuld, dass sie sich nicht wieder versöhnten.
   »Jaja, schon gut«, seufzte sie und schob ihn zurück.
   Er zwinkerte fröhlich. »Heute Abend mache ich es wieder gut. Ich koche für dich.«
   »Ich muss früh schlafen, hab morgen auch die Vormittagsschicht «, entgegnete sie nüchtern. »Wenn du was Gutes tun willst, dann bau lieber die neue Lampe im Flur an.«
   »Mhm, mache ich«, brummte er gleichgültig, und sie wusste, die neue Lampe würde am Abend noch genauso in ihrer Verpackung im Abstellraum liegen, wie sie seit dem Tag dort lag, an dem sie sie gekauft hatte.
   »Hey Leon, Cappuccino, wie immer?«, fragte Laura mit breitem Grinsen. Sie stand hinter dem Tresen an der großen Maschine und stellte für neue Gäste die Getränke auf ein Tablett.
   Er winkte ab. »Danke, hab heute keine Zeit.«
   »Was hast du vor?«, fragte Christin.
   »Treffe mich gleich mit einem Typen in Hemelingen wegen eines Deals.«
   »Schon wieder so ein windiges Geschäft?«
   Er küsste sie auf die Wange. »Ganz sicheres Geschäft.«
   Ohne ihrem misstrauischen Gesichtsausdruck Beachtung zu schenken, stupste er sanft auf ihre Nasenspitze. »Also, was soll ich dir kochen?«
   »Irgendwas, was die Küche nicht wieder total versaut«, brummte sie, »und nicht wieder so spät.«
   Er lachte. »Kannst du vielleicht mal ein kleines bisschen romantisch sein?«
   »Nur, wenn du nach dem Kochen auch sauber machst und es nicht erst um Mitternacht was gibt.«
   »Gebongt. Beides.« Er legte theatralisch beide Hände über dem Herzen auf seinen Brustkorb. »Ich verspreche es.«
   »Jaja, wie immer.«
   Er warf ihr einen tiefen Blick zu und zog sie in seine Arme. »Ich liebe dich, Chris. Es tut mir leid, dass ich immer so ein Nichtsnutz bin.«
   Sie seufzte. »Ja, ich weiß.«
   »Lach mal.«
   »Nein.«
   »Bitte!« Er grinste sie frech an und ihre Mundwinkel zuckten. »Meine kleine Perfektionistin«, flüsterte er liebevoll und küsste sie auf beide Wangen, ließ sie los und winkte zum Abschied Laura zu, während er schon wieder hinauslief.
   Laura lächelte verträumt. »Süßes Kerlchen. So einen will ich auch.«
   Christin klopfte ihr lachend auf die Schulter, während sie innerlich versuchte, den Felsbrocken in ihrem Magen wegzuatmen. War es ihre Schuld? Verlangte sie zu viel von einem Mann, der ihr Partner sein sollte anstatt eines Klotzes am Bein? Sollte sie dankbarer sein, so einen Traummann zu haben? »Ich leih ihn dir. Spätestens in einer Woche gibst du ihn freiwillig zurück.«
   Kichernd schob Laura die Glasscheibe der Kuchentheke auf. »Warum? Er sieht doch echt knackig aus und ist so charmant. Man könnte ihn glatt für einen echten Franzosen halten.«
   »Die mütterliche französische Hälfte reicht völlig. Er hätte ruhig ein bisschen mehr deutschen Ehrgeiz und Fleiß von seinem Vater abbekommen dürfen. Flirten und rumsülzen, das kann er, nur nicht arbeiten und pünktlich sein. Manchmal macht er mich wahnsinnig.«
   Laura stupste sie im Vorbeigehen mit dem Ellenbogen an. »Dafür ist er im Bett garantiert eine Kanone, oder?«
   »Klar, sonst hätte ich ihn schon längst rausgeschmissen.«, antwortete Christin betont cool und wandte sich einem neuen Gast zu, um bloß nicht über ihr Privatleben reden zu müssen.
   Der Tag verging wie im Fluge. Christin fand am Nachmittag Zeit, sich an den Schreibtisch im Hinterzimmer zu setzen, die Lieferantenrechnungen abzuarbeiten und Getränke zu bestellen, sodass sie sich auf einen pünktlichen Feierabend freuen konnte. Sie liebte es, wenn alles nach Plan funktionierte.
   Ihr Handy piepte, und sie sah drauf. O ja, ihre Eltern. Sie hatte sich extra einen Termin im Kalender eingetragen, um daran zu denken, ihre Eltern anzurufen, bevor sie in den Urlaub flogen.
   Schnell wählte sie, und ihre Mutter ging auch gleich ran. »Hallo, Christin, Liebes.«
   »Hallo Mutter. Ich wollte euch nur schnell eine gute Reise wünschen.«
   »Das ist lieb, mein Kind. Es läuft alles reibungslos, der Flieger ist pünktlich, und in Barcelona erwartet uns bestes Wetter.« Die Stimme ihrer Mutter klang wie immer souverän, ausgeglichen, freundlich und gelassen.
   Christin lehnte sich in ihrem Schreibtischstuhl zurück. »Das freut mich. Dann wünsche ich euch eine schöne Zeit.«
   »Danke, Christin. Pass gut auf dich auf und arbeite nicht so viel.«
   »Das mache ich, Mutter. Grüß Vater, ja? Er soll nicht wieder die Sonnencreme vergessen.«
   Ihre Mutter lachte. »O ja, das habe ich ihm auch schon gesagt. Ich muss jetzt Schluss machen, unser Flug wird aufgerufen.«
   »Okay! Kommt gut an und erholt euch.«
   Als Christin das Handy zur Seite legte, kam Johanna mit einem Stapel Teller herein, um sie in den Geschirrspüler zu räumen. Christin seufzte. »Meine Eltern haben es gut. Sie fliegen jetzt nach Barcelona.«
   Johanna lachte. »Da könnte ich grad auch gut hin.«
   Christin winkte ab. »Kommt nicht in Frage, wir brauchen dich hier.«
   »Arbeiten deine Eltern noch oder sind sie schon im Rentenalter?«
   »Sie sind Ruheständler und genießen das total. Ich beneide sie. Und deine, arbeiten die noch?«
   Johanna schüttelte den Kopf. »Nein. Auch beide Rentner, aber leider nicht mehr ganz gesund.«
   »Verstehst du dich gut mit ihnen?«
   »Geht schon«, antwortete Johanna, während sie die letzten Teller einsortierte. »Und du?«
   »Meine sind okay.«
   Laura kam um die Ecke, lehnte sich an den Türrahmen und verschränkte die Arme vor der Brust. »Deine Eltern sind perfekt, Schätzchen.«
   »Perfekt? Wieso das denn?«
   »Nenn mir einen Fehler deiner Mutter.«
   »Fehler? Mhm … lass mich überlegen.« Christin drückte in übertrieben nachdenklicher Geste die Handflächen aneinander und legte die Fingerspitzen an den Mund. »Ähm … also, mir fällt doch tatsächlich so spontan keiner ein.«
   Laura hob triumphierend die Hand. »Siehst du, das meine ich. Deine Mutter sieht toll aus, ist immer nett und akzeptiert dich und deine Lebensweise. Und dein Vater ist genauso gelassen und cool. Besser geht es doch nicht.«
   Christin nickte. »Wenn du es so siehst, hast du recht.«
   Johanna schob die Klappe des Geschirrspülers zu und schaltete ihn an. »War das schon immer so? Auch, als du noch zu Hause gewohnt hast?«
   Christin nickte. »Ja. Ich bin ein Einzelkind. Ein richtiges Familienleben hatten wir nicht. Meine Eltern waren beide berufstätig und hatten nicht die Zeit, sich um mich große Sorgen zu machen. Unser Leben war sehr geregelt.«
   Johanna zog die Augenbrauen zusammen. »Wie meinst du das?«
   »Na ja. Morgens gingen sie pünktlich aus dem Haus und abends waren sie pünktlich zum gemeinsamen Essen wieder da. Wenn ich mittags aus der Schule kam, hatte eine Haushälterin für mich gekocht und nachmittags kam eine Nachhilfelehrerin, um meine Hausaufgaben zu kontrollieren. So war es jeden Tag.«
   Laura lachte. »Du hattest konstant eine Nachhilfelehrerin? Ehrlich? Warst du so schlecht in der Schule?«
   Christin zuckte mit den Schultern. »Nein, ich war gut, sogar sehr gut, und die Lehrerinnen, meist waren es Studentinnen, waren auch sehr nett. Sie sollten einfach nur darauf achten, dass in der Schule alles glattlief, weil meine Eltern ja nicht da waren, um meine Hausaufgaben zu kontrollieren. Sie führten gemeinsam ein Schmuckgeschäft und kamen abends erst spät nach Hause.«
   »Wow. Wie sorgfältig durchdacht.«
   Christin nickte. »Meine Mutter war das. Sie organisierte unser Leben so perfekt. Mein Vater war eher der nette Mitläufer.«
   »Und es gab nie Streit wegen irgendwas?«, fragte Johanna ungläubig.
   Christin überlegte kurz. »Nein, nicht so richtig. Meine Eltern haben nie geschrien oder so was. Gab es Probleme, wurde sachlich darüber diskutiert, bis eine Lösung gefunden war.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ziemlich zivilisiert eben.«
   Laura lachte. »Das hast du geerbt, Chris, das mit der sorgfältigen Organisation von deiner Mutter und die Gelassenheit von deinem Vater. Ich kenne keinen Menschen, der ein so strukturiertes Leben führt, wie du, und ich habe noch nie mitbekommen, dass du mal so richtig stinkwütend warst.« Johanna warf ihr einen langen Blick.
   Laura grinste. »Jo, versuch gar nicht erst, es zu verstehen. Chris hat so viel Disziplin und Selbstbeherrschung wie sämtliche Lehrer eines Gymnasiums zusammengenommen.«
   Christin verkrampfte sich innerlich. Manchmal gingen ihr diese Sprüche so dermaßen auf die Nerven. Ja, sie war diszipliniert. Und? War das verkehrt? War das falsch? Fuck!
   Sie stand auf und winkte ab. »Du spinnst.« Gelassen begann sie, den Schreibtisch aufzuräumen, während Jo und Laura wieder nach vorn ins Café gingen.
   Sie war müde. Der fehlende Schlaf der letzten Nacht machte sich bemerkbar, und es ärgerte sie immer öfter, wenn alle ihre Disziplin lobten. Als ob ihr das Spaß machte.
   Leider konnte sie heute nicht früher Feierabend machen, weil Laura gleich ging und Johanna noch nicht allein mit der Kassenabrechnung zurechtkam. Also Zähne zusammenbeißen und durch. Sie straffte die Schultern, setzte das gewohnheitsmäßige freundliche Lächeln auf und betrat den Gastraum.

Als sie an diesem Abend vor der Wohnungstür stand, dröhnte Rockmusik ins Treppenhaus. Sie schloss auf, ging direkt durch ins Wohnzimmer und drehte an der Musikanlage die Lautstärke runter.
   »Hey!« Leons Protestruf kam aus Richtung Schlafzimmer. Christin ging stirnrunzelnd hin und drückte die halb aufstehende Tür auf. »Was machst du hier?«
   Er lag angezogen in Jeans und halb aufgekrempelten Hemdsärmeln auf dem Bett und streckte sich genüsslich. »Ich habe nur kurz Pause gemacht. Komm her, Süße, sag mir guten Abend.«
   Zögernd trat sie näher. Er griff ihre Hand und zog sie mit einem Ruck heran, sodass sie mit einem leisen überraschten Jauchzer auf seinem Körper landete.
   »Chrissy, Schatz, du hast mir gefehlt«, flüsterte er mit rauer Stimme und seinem typischen charmanten Lächeln.
   »Wir haben uns doch erst vor ein paar Stunden gesehen«, entgegnete sie spöttisch, ließ sich aber widerstandslos zu einem langen Zungenkuss verführen.
   »Mhm …«, stöhnte er mit halb geschlossenen Augen, schob seine Hände unter ihre Bluse und strich warm ihren Rücken hinauf. »Eben, drum. Es ist Stunden her.«
   Sie zwang sich, zu kichern, um nicht gleich wieder die Spielverderberin zu sein. »Du spinnst.«
   Er öffnete frech den Verschluss ihres BHs und fuhr mit den Daumen über ihre Brustwarzen.
   Christin seufzte und wollte sich von ihm lösen. »Lass mich erst mal ankommen, Leon. Ich bin müde und ich möchte duschen.« Sie drückte mit den Händen gegen seinen Brustkorb, doch er hielt sie mit Leichtigkeit über sich gefangen.
   »Sei nicht so spröde. Ich mache dich munter, Baby, versprochen«, raunte er verheißungsvoll, knabberte an ihrem Ohrläppchen und spreizte die Beine, sodass ihre zwischen seine rutschten und sie durch beide Hosen hindurch deutlich seinen harten Schwanz spüren konnte.
   Sie fühlte einen Kloß im Hals und Unmut in der Seele, doch sie verkniff sich den Protest. Er machte grinsend eine deutlich provozierende Beckenbewegung.
   Christin kicherte albern. »Ich denke, du wolltest kochen?«
   »Mach ich auch. Danach.« Er stöhnte an ihrem Hals. »Sei kein Spielverderber, Süße. Komm, küss mich.«

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