Harte Kämpfe, wilde Leidenschaft, eiskalte Intrigen. Luke „Cut“ Cuttler ist ein erfahrener Mixed-Martial-Arts-Kämpfer. Nach einer längeren Verletzungspause will er mit seinem neuen Trainer an alte Erfolge anknüpfen. Neben dem harten Training versucht er, seine privaten Probleme zu bewältigen. Sein Leben wird jedoch auf den Kopf gestellt, als er Natalie über den Weg läuft. Die taffe Mutter mit ihrer bewegten Vergangenheit bringt ihn um den Verstand. Aber kann er mit ihrem größten Fehler leben, wenn nicht einmal ihr Vater ihr verzeiht?

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ISBN: 978-9963-53-313-8

Seiten: 498

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K. Elly de Wulf

K. Elly de Wulf
K.Elly de Wulf wurde 1977 im heutigen Thüringen geboren. Seit vielen Jahren lebt sie im Rhein-Main-Gebiet, von wo sie nur zu gern zu langen Reisen aufbricht. Die dabei gesammelten Impressionen fließen in jede Menge neuer Ideen zu ihren Büchern ein. 2008 begann sie, mit viel Liebe zum Detail an ihren Geschichten zu schreiben und veröffentlichte diese bisher in Onlineforen oder auf anderen Plattformen.

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Kapitel 1
Erster Eindruck

Luke fluchte heftig und lautstark. Er konnte es nicht fassen, dass Scott nach nur einem halben Tag an der neuen Schule bereits im Büro des Direktors saß und er dorthin zitiert wurde. Sein gesamter Trainingsplan war damit durcheinandergebracht worden, dabei stand das wichtige Kampftraining an. Sein Sparringspartner Bryan hatte sich extra den Nachmittag frei gehalten, damit sie ausgiebig miteinander arbeiten konnten. Nun würde er wertvolle Zeit damit vergeuden müssen, einen missgestimmten Schulleiter vom guten Kern seines zehnjährigen Sohnes zu überzeugen.
   Wenn er Glück hatte, war der Mann wenigstens ein Mixed-Martial-Arts-Fan und würde sich schnell erweichen und es mit etwas Nachsitzen auf sich beruhen lassen. Was genau passiert war, wusste er noch nicht, doch mit Sicherheit hatte sich sein werter Sohn direkt in den größtmöglichen Schlamassel hineinmanövriert. Darin war er ihm verdammt ähnlich.
   Mit quietschenden Reifen hielt Luke auf dem Besucherparkplatz der Grundschule im Nordwesten von Las Vegas und stieg aus. Er hatte die Zeit zum Umziehen gespart und sich eine ärmellose Funktionsjacke über den nackten Oberkörper und die Trainingsshorts gezogen, weswegen man seine Tätowierungen am Hals, an den Armen und den Beinen gut erkennen konnte. Ihm war es egal, was andere Leute von ihm dachten, wenn sie die Tribals und den Drachenkopf sahen, schließlich war er ein MMA-Kämpfer und dies ein Zeugnis seiner wilden, unzähmbaren Persönlichkeit.
   Luke schwitzte in der prallen Sonne und rieb sich unwirsch mit dem Unterarm über den kahl geschorenen Kopf, während er auf das Hauptgebäude zujoggte. Je schneller er in diesem vermaledeiten Büro war, desto eher konnte er wieder verschwinden. Scott würde seine Standpauke später in Empfang nehmen können, das konnte er ihm schon jetzt versprechen.
   Auf halbem Wege kam er an einer drallen Brünetten vorbei, die mit zackigen Schritten und schwingendem Hinterteil ebenfalls auf das Haupthaus zuhielt. In ihrem knielangen Blümchenkleid und mit den hochgesteckten Haaren wirkte sie wie eine typische, biedere Lehrerin. Daher beließ Luke es bei einem flüchtigen Seitenblick, obwohl die wogende Oberweite der Dame mit Sicherheit eines eingehenden zweiten Blickes würdig gewesen wäre. Dafür hatte er jedoch keine Zeit. Luke musste dringend zurück ins Training.
   Sein Coach war wegen der Unterbrechung aufgebracht gewesen, und je länger es dauerte, desto wütender würde er nachher sein. Luke konnte von Glück reden, dass Lamb ihn überhaupt trainierte.
   Nach dem letzten von drei verlorenen Kämpfen hatte er eine lange Verletzungspause einlegen müssen und sich nur mühsam wieder aufgerappelt. Deswegen, und weil er mit seinen fünfunddreißig Jahren zu den eher älteren Kämpfern zählte, büßte er seinen Platz im Top-Team von Coach Roberts ein. Man konnte dort niemanden gebrauchen, der wahrscheinlich nie wieder auf die Beine kommen würde und wenig Aussicht auf Erfolg versprach. Luke hatte wie schon oft in seinem Leben gekämpft, alles gegeben und war wieder aufgestanden.
   Die Kosten für das Krankenhaus und die Reha waren astronomisch hoch und hätten wohl jeden anderen in den sicheren Ruin getrieben. Zum Glück war Luke nicht so dumm wie andere MMA-Kämpfer, die ihre gerade erkämpfte Börse oder die Sponsorengelder gleich mit der nächstbesten Schnecke verjubelten. Nein, er hatte bereits vor Jahren eine stattliche Summe gut und – vor allem vor Britney – sicher angelegt. Davon hatten sie nun zehren können, aber diese Reserven neigten sich langsam dem Ende zu. In fünf Wochen stand endlich der nächste Kampf an. Wenn er diesen gewinnen würde, wäre er wieder auf der Siegerstraße und könnte sich auf Titel und lukrative Siegprämien freuen. Dann wäre Cut zurück.
   Damit er bei Lamb trainieren durfte, übernahm er im Gegenzug die Trainerstelle für einige Kurse Jiu-Jitsu in dessen Dojo und schlug sich mit den verwöhnten Kids aus der Vorstadthölle herum. Wenigstens trainierte er auch Scott, der mit all den Veränderungen in seinem jungen Leben nicht glücklich zu sein schien. Erst die Sache mit seiner Mutter und dann der Umzug in das neue Apartment. Um Geld zu sparen, wohnte Luke nicht mehr im allerbesten Viertel, gehörte aber noch zur gehobenen Mittelschicht mit guten Jobs, Haus mit Garten und Pool und den obligatorischen zwei Autos, wovon mindestens eines ein SUV oder Pick-up war. Die Wohnung in dem Apartmenthaus, die er, statt seines Bungalows, für sich und Scott gemietet hatte, war geräumig genug für sie und konnte sogar mit einem Fitnessraum punkten.
   Sicher war Luke Besseres gewohnt, aber für einen Mann, der aus einem Trailerpark stammte, kam dies bereits wahrem Luxus gleich. Er vermisste zwar seine alte Bleibe, mit Pool und Garten, doch seit er mit seinen Reserven haushalten musste, gab er sich notgedrungen mit einer Nummer kleiner zufrieden. Hinzu kam, dass er nicht mehr nur für sich allein verantwortlich war, seit diese dumme Schlampe Britney ihm so mir nichts dir nichts seinen unehelichen Sohn vor die Tür gestellt hatte, um mit einem drittklassigen Magier aus einer bereits abgesetzten Zaubershow abzuhauen.
   Scott war ein Unfall gewesen. Entstanden in einer heißen Nacht nach einem seiner ersten Kämpfe in der MMA-Association. Jung und dumm war er damals, hatte die erstbeste Schnecke, die ihm ihre Möpse ins Gesicht drückte, mit ins Bett genommen und vor lauter Siegeseuphorie, Geilheit und Adrenalin das Kondom vergessen. Er konnte sich nicht einmal mehr an ihren Namen erinnern, geschweige denn, ob er sie damals überhaupt danach fragte, als sie ihm einige Wochen später einen Schwangerschaftstest unter die Nase hielt und was von Alimenten und Unterhalt faselte.
   Natürlich hatte er gezahlt und das nicht zu knapp, aber erst, nachdem ein offizieller Vaterschaftstest eindeutig belegte, dass Scott wirklich sein Sohn war. Das Gericht räumte ihm zu seiner Freude kein Besuchsrecht ein, was für ihn bedeutete, dass er den Jungen bis zu jenem Tag lediglich einmal zu Gesicht bekam. Ihm wäre es lieber gewesen, Britney hätte eine Abtreibung gemacht, aber diese miese Goldgräberin wollte nur sein Geld und sich damit schadlos halten.
   Als wegen der Niederlagen und der Verletzung die hohen Börsen ausblieben und seine Sponsoren absprangen, hatte sie keine Verwendung mehr für den Jungen, und so stand er vor fünf Monaten bei ihm vor der Tür, während sie mit quietschenden Reifen davonfuhr.
   Von jetzt auf gleich musste er sich um einen Jungen kümmern, den er nicht einmal kannte. Es stellte sich schnell heraus, dass Scott nicht pflegeleicht war. Ein Rüpel, der nach Aufmerksamkeit gierte und keinerlei Umgangsformen besaß. Luke wusste sich kaum mehr zu helfen, knabberte an seiner Situation und musste alles irgendwie im Lot halten. Wenigstens konnte er Scott mit ins Dojo nehmen, damit er während der Ferien ein Auge auf ihn hatte.
   Dem Jungen schien es dort zu gefallen. Er trainierte fleißig und hing förmlich an den Lippen von Lamb, wenn dieser großväterlich Anekdoten aus seiner aktiven Zeit als MMA-Kämpfer zum Besten gab. Damals, in den Achtzigern, war alles noch in den Kinderschuhen und bei Weitem nicht so organisiert wie heute. Nun gab es mit der MMA-Association einen riesigen Veranstalter mit Sponsoren, Weltmeisterschaften und hohen Siegprämien. Für Scott waren es die Geschichten, die ihn augenscheinlich faszinierten, und so konnte sich Luke getrost dem Training widmen, während Scott neben dem Sparringsbereich stand und dem Trainer nicht von der Seite wich.
   Mit der Zeit hatten sie sich angenähert, kamen immer besser miteinander klar, sodass Luke bereits Licht am Ende des Tunnels sah. Nun musste er aber gleich am ersten Schultag beim Direktor von Scotts neuer Schule antraben, und wenn sein Sohn nur halbwegs nach ihm schlug, handelte es sich sicher nicht um eine Kleinigkeit.
   Wie hatte er gehofft, dass sein Einfluss und der von Lamb den Jungen ein wenig in die Spur bringen würden. Er war nicht einmal mehr mit den anderen Kämpfern nachts um die Häuser gezogen oder hatte sich mit einer süßen Schnecke vergnügt. Seit Scott bei ihm lebte, fristete er das Dasein eines Mönchs und hatte verdammt schwer daran zu knabbern.
   Klar war er kein Kostverächter. Als erfolgreicher Fighter konnte man sich vor Angeboten williger Gespielinnen kaum retten. Er brauchte nur seine gut austrainierten Muskeln spielen lassen, dann roch er die Erregung der Damen förmlich, wenn sie ihm nicht sogar gleich ihre Hände auf den Schritt legten. Ihm hatte es nie an Gelegenheiten gemangelt, aber auf eines achtete er seit seinem Unfall mit Britney stets penibel: erst das Kondom, dann wurde gefickt.
   Zügig lief er, der Beschilderung folgend, den Gang entlang. Beim Betreten der Schule hatte er sofort bemerkt, dass sie genauso roch wie seine damals in Sacramento, woher er ursprünglich stammte. An der Tür zum Direktorat angekommen, verharrte er kurz mit der Hand am Türknopf und atmete mehrmals tief durch. Nicht weil er außer Atem war, sondern um seine innere Mitte zu finden, damit er seinen aufwallenden Ärger besser im Zaum halten konnte. Er hoffte inständig, dass Scott niemanden verprügelt oder gar seine neu erlernten Jiu-Jitsu-Kenntnisse gegen einen Mitschüler eingesetzt hatte. Er wollte nicht das Jugendamt am Hals haben und sich nicht mit aufgebrachten Helikoptereltern herumschlagen müssen, die Scott für gemeingefährlich hielten, nur weil er der Sohn eines MMA-Kämpfers war.
   Damals vor Gericht hatte man ihm deswegen das Besuchsrecht für den Jungen verweigert. Er sei ein schlechter Einfluss für ihn. Ob Britney ihm jedoch eine gute Mutter sein würde, war für den Richter in keiner Weise von Interesse. Einzig sein Lebenswandel schien für die Urteilsfindung entscheidend.
   »Sie sehen eigentlich nicht aus, als hätten Sie Schiss vor dem Direktor, oder kommen da böse Erinnerungen auf, wenn Sie vor solch einer Tür stehen?«, sagte eine warme Stimme mit einem leicht spöttischen Unterton hinter ihm. Er blickte sich nach der Quelle um. Es war die Frau im Blümchenkleid, die ihre schmale Sonnenbrille ins Haar geschoben hatte und mit einer hochgezogenen Augenbraue abwartend zu ihm aufsah.
   »Man weiß nie, was einen in solch einem Büro erwartet«, erwiderte er lax, zuckte mit den Schultern und atmete nochmals tief durch.
   »Vom Warten wird es nicht besser«, merkte sie nach einer Sekunde an, doch Luke konnte sich noch immer nicht dazu durchringen, die Tür zu öffnen. Er hoffte, dass die Frau endlich weiterging.
   »Na kommen Sie, einfach drehen, funktioniert ganz simpel, so ein Türknopf«, feixte die Frau und schien sich über ihren Scherz glänzend zu amüsieren.
   Luke hatte geglaubt, dass Scott durch die mit ihm verbrachte Zeit und den Einfluss von Lamb langsam etwas ruhiger und umgänglicher wurde. Wie sollte er nun mit ihm verfahren? Eine Tracht Prügel, so wie er sie früher von seinem Vater verabreicht bekam, stand nicht einmal ansatzweise zur Debatte.
   »Verdammte Scheiße«, fluchte Luke.
   »Männer!«, murmelte die Frau.
   »Was wollen Sie eigentlich?«, blaffte er und sah die Frau herausfordernd an. Luke baute sich vor ihr auf, stemmte die Hände in die Hüften und spannte die Muskeln an den Armen und am Bauch an.
   »Da rein, genauso wie Sie. Ich habe allerdings im Gegensatz zu Ihnen keinen Angstschweiß auf der Stirn stehen. Also was jetzt? Gehen Sie rein oder treten Sie beiseite, damit ich da rein kann. Ich hab nämlich noch was Besseres zu tun, als mir hier auf dem Gang die Beine in den Bauch zu stehen«, erwiderte sie brüsk und stemmte ebenfalls die Hände in die breiten Hüften.
   Ihr Blick aus dunkelbraunen Augen bohrte sich regelrecht in ihn hinein, woraufhin er schnell seine Niederlage eingestand und sich, mit vor der Brust gehobenen Händen, von der Tür zurückzog. Die Kleine hatte definitiv Feuer, und sich mit ihr anzulegen bedeutete, mit ihrem Mundwerk Bekanntschaft zu machen. Darauf hatte er weder Lust noch die Nerven, da in diesem Moment ein Stechen in seiner linken Schulter einsetzte.
   Er nahm den Arm sofort in eine Schutzhaltung an den Körper und verzog das Gesicht. Der Schmerz war vollkommen überraschend gekommen, und er fluchte leise, während er über die Stelle rieb, an der ihm vor zehn Monaten ein gut platzierter Tritt seines Gegners beinah das Schultergelenk vollständig zertrümmert hätte.
   Sie musterte ihn eingehend. »Alles okay?«
   Luke verzog das Gesicht und winkte ab, trat einen Schritt zurück und deutete mit der Hand auf die Tür. Die Frau öffnete diese und schritt, ohne zu zögern, in das Vorzimmer. Er folgte ihr.
   Die junge Sekretärin sah von ihrem Bildschirm auf, als sie auf den Schreibtisch zukamen.
   »Hallo, ich wurde angerufen. Mrs. Laurence, mein Sohn Joshua geht in die fünfte Klasse von Mrs. Alvarez«, erklärte sie der Sekretärin und reichte ihr über den Schreibtisch hinweg die Hand. Die zierliche Latina zuckte zusammen, was Luke vermuten ließ, dass der Händedruck dieser Mrs. Laurence ziemlich fest sein musste. Bei dem Nachnamen wurde er kurz hellhörig, hakte es aber sofort wieder ab.
   »Freut mich, ich bin Ms. Nunes. Direktor Adler telefoniert gerade, bitte warten Sie doch einen Moment«, gab sie gepresst von sich und wandte sich ihm zu. »Mr. Laurence«, begrüßte sie ihn und reichte Luke etwas zaghafter die Hand. Ihre Augen klebten förmlich an ihm. Vermutlich troff sein Erscheinungsbild geradezu vor purem Testosteron.
   »Ähm, nein, ich kenne den Herrn nicht«, erwiderte Mrs. Laurence, wobei ihre Stimme etwas verwirrt klang, da Ms. Nunes sie mit einem Mal schlichtweg ignorierte.
   »Ich bin Luke Cuttler. Ich wurde ebenfalls angerufen, wegen Scott Zanosky. Er ist mein Sohn«, stellte sich Luke vor und legte ein schiefes Grinsen auf, wovon er wusste, dass es bei den meisten Frauen ein Kribbeln im Höschen auslöste. Es schien in jedem Fall bei der Sekretärin Wirkung zu zeigen, denn sie klimperte mit ihren dick getuschten Wimpern und lächelte ihn süß an.
   »Freut mich, Mr. Cuttler«, hauchte sie, während er noch immer ihre Hand hielt und ihr tief in die Augen sah.
   Mrs. Laurence wandte sich hüstelnd ab.
   »Nennen Sie mich ruhig Luke. Wenn man mich mit Mr. Cuttler anspricht, denke ich immer, man würde meinen Vater meinen«, raunte er, zwinkerte ihr zu und ließ langsam ihre viel zu zarte Hand los, die er kaum hatte drücken wollen, aus Angst, dass sie vor Schmerzen aufschrie.
   »Oh, aber nur, wenn Sie mich Vanessa nennen«, gurrte sie, während ihr Zeigefinger eine Haarsträhne einfing und diese langsam darum wand.
   »Gern, Vanessa«, gab er mit tiefer, sonorer Stimme zurück.
   »Aha, da ist er ja, mein werter Sohn!«, sagte Mrs. Laurence scharf, bevor er seinen kleinen Flirt vertiefen konnte. Sie hatte von dem Schauspiel, welches er und diese süße, kleine Sekretärin ihr boten, keine Notiz mehr genommen und die beiden Jungen in einer Ecke des Raumes entdeckt. Wieder stemmte sie ihre Hände in die breiten Hüften und trat einige Schritte an die Delinquenten heran.
   Scott starrte mit hochrotem Kopf zu Boden, während der andere Junge, bei dem es sich wohl um Joshua handeln musste, die Schultern bis zu den Ohren hochgezogen hatte und den Kopf gleichzeitig einzog. Beide versuchten, mit der grauen Wand des Büros zu verschmelzen, aber es wollte nicht so recht gelingen.
   »Kannst du mir bitte mal erklären, was los ist? So was kenne ich nicht von dir, Josh!«, sagte Mrs. Laurence mit ruhigerem Tonfall, doch Luke konnte klar heraushören, dass sie aufgebracht war. Wahrscheinlich hatten sich Scott und Joshua geprügelt, wobei er in seinem Sohn den Auslöser ausmachte, da er Scotts Temperament zur Genüge kannte.
   »Mom, ich kann dir das erklären!«, gab Joshua kleinlaut flehend von sich. Er war ebenfalls dazu übergegangen, den Boden und seine Schuhspitzen eingehender zu studieren.
   »Na da bin ich aber mal gespannt. Dann leg mal los!«, forderte sie, ging zu dem Jungen und vor ihm in die Hocke. So musste er ihr in die Augen sehen, was ihm sichtlich schwerfiel. Das Kleid spannte über ihrem prallen Hintern. Luke nahm es zur Kenntnis, es rang ihm aber kaum eine Regung ab, da er eher auf zierlichere Frauen wie diese süße, kleine Sekretärin abfuhr. Sicherlich würde er die andere nicht von der Bettkante stoßen, wenn sie sich ihm bereitwillig anbot, aber mehr als ein kleiner One-Night-Stand würde es sicher nicht werden. Zu wenig turnte sie ihn an.
   Da Josh nur schluckte und keinen weiteren Ton hervorbrachte, nutzte Luke die Gelegenheit und baute sich vor Scott auf. Sein Sohn blickte noch immer nicht zu ihm nach oben, schien allerdings richtiggehend zu beben.
   »Siehst du! Ich hab dir doch gesagt, dass Cut Cuttler mein Dad ist! Aber du hast gesagt, ich lüge! Da ist er! Glaubst du mir jetzt?«, platzte Scott heraus, gerade als Luke den Mund aufmachen wollte.
   »Ja, man! Du hattest recht! Trotzdem heißt du nicht Cuttler! Bäh«, rief Josh und streckte Scott die Zunge heraus.
   »Das muss ich auch nicht! Selber bäh!«, erwiderte Scott.
   Tief durchatmend erhob sich Joshuas Mutter, blickte von einem zum anderen und schloss seufzend die Augen.
   »Jungs, ihr habt euch nicht allen Ernstes geprügelt, weil du, Josh, Scott nicht geglaubt hast, dass der Mann hier sein Vater ist?«, fasste sie die kindliche Auseinandersetzung der beiden Zehnjährigen kurz zusammen.
   »Mom, er heißt aber nicht Cuttler!«, protestierte Joshua und rang sichtlich um Worte für eine passende Erklärung. »Und, und … Überhaupt ist er voll doof, und ich muss mit ihm zusammenarbeiten. Dabei kann er voll wenig, und Mrs. Alvarez sagte, ich solle ihm helfen, aber er will nicht mitarbeiten, und ich wollte ihn mit dem Buch hauen, weil er mich immer Streber genannt hat. Das hat er mit dem Arm abgewehrt. Er hat sich auf mich gestürzt, und wir haben uns auf dem Boden rumgerollt, mein Stuhl ist umgekippt und dieser doofen Ziege Miley, die auch bei uns am Tisch sitzt, auf den Fuß gefallen. Die hat laut angefangen zu heulen. Mrs. Alvarez hat Scott und mich auseinandergezogen, und wir mussten jeder in eine Ecke, bis Miley aufgehört hat zu heulen und jemand kam, der sie zur Krankenschwester brachte. Miley hat nicht mal gehumpelt, so wie Theo. Mrs. Alvarez hat uns hierher gebracht. Mom, ehrlich, ich hab nix gemacht!« Joshuas Blick beschwor seine Mutter geradezu, ihm zu glauben.
   Sie seufzte tief, massierte sich dabei die Schläfe, trat an ihren Sohn heran und legte eine Hand in seinen Nacken. Sanft zog sie ihn an sich, sodass sein Kopf an ihrer Hüfte lag. Der Junge presste die Augen zusammen und schien zu warten, ob ein Donnerwetter folgte, entspannte sich allerdings nach kurzer Zeit sichtlich in ihre Berührung hinein.
   Luke musterte Scott, der noch immer mit hochrotem Kopf vor sich hinbrütete.
   »Scott, bist du okay?«, fragte Mrs. Laurence unvermittelt, woraufhin er zusammenzuckte und sie aus weit aufgerissenen Augen heraus anstarrte. Luke war von der Frage auch überrascht und sah sie irritiert an.
   »Ja, Ma’am!«, erwiderte Scott kleinlaut. Sein Blick huschte zu ihm und zu Joshua, der sich an seine Mutter drückte, die ihm sanft über das dunkel gelockte Haar strich.
   »Ms. Nunes, wissen Sie, wie es der kleinen Miley geht?«, fragte sie, woraufhin Vanessa ertappt zusammenzuckte. Luke schmunzelte. Sie hatte die ganze Zeit über neben ihm gestanden und seine Tätowierungen eingehend studiert.
   »Ähhh, sie ist okay. Ihre Mutter will aber sicher mit Ihnen sprechen«, erwiderte sie etwas zickig und verzog schnippisch die glossig glänzenden Lippen.
   »Gut, geben Sie mir bitte ihre Adresse, dann werde ich sie nachher aufsuchen«, bat Joshuas Mutter, worauf sich Vanessa etwas zögerlich in Bewegung setzte, um an ihrem Computer nach den Daten zu sehen.
   »Josh, entschuldige dich bitte bei Scott«, forderte Mrs. Laurence, was Luke und auch Scott erstaunte, der sie aus weit aufgerissen Augen heraus anblickte.
   »Wieso? Er hat doch mich zuerst geärgert!«, nörgelte Joshua, doch sie zog lediglich eine Augenbraue nach oben und blickte ihren Sohn abwartend an.
   »Menno, Mom!«
   »Joshua! Man haut niemanden, ob mit einem Buch oder mit der Hand!«
   Bei dem fordernden Klang ihrer Stimme wandte er sich seufzend an Scott. »Tut mir leid, dass ich dir nicht geglaubt und dich gehauen habe«, murmelte er an Scott gewandt.
   Abwartend musterte Mrs. Laurence Scott, der schluckend und verunsichert zu ihm aufsah, als wollte er wissen, ob er auch etwas dazu sagen würde. Luke wohnte diesem Schauspiel jedoch lediglich als Zuschauer bei und wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Er hatte damit gerechnet, dass sein Sohn der Hauptübeltäter in einem riesigen Aufruhr war, und nun stellte sich heraus, dass es sich lediglich um eine kleine Kabbelei unter Jungs gehandelt hatte. Aus einem Impuls heraus zwinkerte er Scott zu.
   »Ist schon okay, Mann«, sagte Scott, der Lukes Geste offenbar als Aufforderung verstanden hatte. »Tut mir leid wegen des Strebers und so«, fügte er zaghaft an. Diese ungewohnt leisen Töne irritierten Luke. Er musterte Scott eingehend, der seinen blonden Schopf gesenkt hielt und die Beine unschlüssig baumeln ließ. Mrs. Laurence strahlte Autorität aus, etwas, dass Scott zu beeindrucken schien.
   »Okay, ihr beiden. Jetzt reicht euch die Hände, und dann Schwamm drüber!«, forderte sie die Jungen auf, die die Gesichter verzogen und sich schnell die Hände schüttelten, als wären sie etwas vollkommen Widerwärtiges.
   »Na also, geht doch. Wie lange bist du schon auf dieser Schule, Scott?«, fragte sie mit Genugtuung in der Stimme, woraufhin Scott zu Luke aufsah und zu ihr blickte.
   »Seit heute.«
   »Oh, dann bist du also auch neu hier, genauso wie Josh«, stellte sie das Offensichtliche fest.
   »Wir dulden an dieser Schule kein solches Fehlverhalten oder ähnlich schlechtes Benehmen«, schaltete sich Vanessa ein. »So etwas wird gleich beim ersten Mal schwer geahndet!« Sie musterte Mrs. Laurence mit einem Blick, der vor Abneigung sprühte.
   »Inwiefern schwer? Wenn sich zwei zehnjährige Jungs balgen, zieht es doch nicht allen Ernstes gleich einen Verweis nach sich, oder?«, wollte Mrs. Laurence, die vollkommen ruhig blieb, wissen.
   »Wir werden sehen. Direktor Adler hat strenge Regeln für das Verhalten der Schüler festgelegt!«, giftete Vanessa, hielt ihr einen Zettel hin und wandte sich direkt ab, nachdem Mrs. Laurence ihn entgegengenommen hatte.
   »Ja, wir werden sehen«, erwiderte Mrs. Laurence lediglich und wandte sich Joshua zwinkernd zu, der sie ängstlich ansah. Auch Scott riss seine Augen weit auf, als er das Wort Verweis hörte. Luke legte ihm eine Hand auf die Schulter. Er hoffte inständig, dass diese Geste genauso beruhigend auf seinen Sohn wirkte, wie die halbe Umarmung der Mutter es bei Joshua tat.
   Gerade als Luke fragen wollte, auf welcher Schule Joshua vorher war, um wenigstens ein wenig Präsenz zu zeigen, ging die Tür des Direktors auf, und ein langer, schlaksiger Mann erschien, dessen schütteres Haar das Bild des langweiligen Lehrers vervollkommnete. Sein schlecht sitzender Anzug und die schmale Brille schrien es schier heraus, doch die nahende Glatze besiegelte es.
   Der Mann stockte in der Bewegung, als er die dralle Frau musterte, und sog scharf die Luft ein. Anscheinend mochte er es etwas üppiger, denn sein Blick glitt ungeniert über sie hinweg und blieb an der Oberweite und den Hüften hängen.
   »Natalie?«, fragte er atemlos, und sie gluckste kurz auf.
   »Steven? Ich fasse es nicht! Ich dachte, dein Vater wäre noch immer der Direktor dieser Schule, aber nein, du bist es. Unfassbar«. Sie ging mit einem breiten Lächeln auf den vollen Lippen zu ihm. Fest schloss er sie in seine Arme, drückte die Frau an sich, und Luke war sich sicher, dass der Kerl davon noch in einigen Tagen feuchte Träume bekommen würde.
   »Ich kann es nicht glauben. Natalie Laurence. Du bist wieder in Vegas, und nun geht dein Sohn auf meine Schule. Toll, wirklich toll.« Der Direktor ließ seine Hände über ihren Rücken gleiten. Dabei blitzte sein schmaler goldener Ehering auf. Als er an ihren Schultern ankam, ruhten seine Hände, und er schob Mrs. Laurence ein wenig von sich fort, um sie erneut von Kopf bis Fuß zu mustern.
   »Natalie! Wahnsinn. Du hast dich wirklich nicht verändert!«
   »Danke, du alter Charmeur.«
   »Wie lange warst du weg? Zehn Jahre?«
   »Elf.«
   »Wo hast du gesteckt? Ich habe was von LA gehört.«
   »Ähm, San Francisco, aber lass uns doch in dein Büro gehen.«
   »O ja, komm rein.«
   Direktor Adler ignorierte Luke schlichtweg und geleitete seine alte Bekannte in sein Büro. Luke folgte ihnen, ob er nun dazu gebeten wurde oder nicht. Vanessa stand der Mund offen, und sie schien zu erkennen, dass sie keinerlei Gewicht besaß, was die Entscheidungsfindung anbelangte.
   »Setz dich doch bitte, Natalie«, forderte der Direktor sie auf. Mit einem breiten Grinsen auf den schmalen Lippen führte er sie zu einem der Stühle gegenüber seines Schreibtisches und zog ihn etwas näher heran, bevor er sich zu seinem Platz begab.
   Luke schloss die Bürotür und fühlte sich für einige Augenblicke wie unsichtbar, da diese Natalie und dieser Steven ihn nicht zu bemerken schienen. Mrs. Laurence saß locker auf dem Stuhl, schlug ihre Beine übereinander und legte den Kopf leicht zur Seite. Steven Adler rollte mit seinem Bürostuhl nah an den Schreibtisch, und Luke vermutete, dass er damit ein großes Hallo verdecken wollte.
   Luke fiel auf, dass sie schöne Füße mit knallrot lackierten Zehennägeln hatte. Die offenen Sandalen schmeichelten ihnen ungemein. Erst jetzt, wo er seinen Blick über sie gleiten ließ, bemerkte er ihre wohlgeformten Beine, die glatt und gebräunt waren, wobei sie seidig glänzten.
   Langsam ging er zu dem freien Stuhl vor dem Schreibtisch, postierte sich dahinter und wartete darauf, dass der Direktor auch ihn endlich begrüßte oder zumindest wahrnahm.
   »Ich dachte eigentlich, ich würde auf deinen Dad treffen und dürfte mit ihm über alte Zeiten plaudern. Aber nun, schön, dich zu sehen, Steven.«
   »Schön, dich zu sehen, Natalie. Möchtest du etwas trinken? Wasser, Kaffee oder etwas anderes?«
   »O bitte, mach dir keine Umstände.«
   »Ach was! Wozu habe ich schließlich eine Sekretärin?« Sein Lachen war laut und wirkte aufgesetzt, dennoch behielt Natalie ihr sanftes Lächeln bei, welches ihrer Miene ein Strahlen entlockte.
   »Gut, dann nehme ich ein Wasser. Stilles Wasser bitte.«
   »Gern doch!«, erwiderte Steven und betätigte die Gegensprechanlage.
   Langsam wurde es Luke zu bunt. Er musste ins Training zurück, und zwar schnell. Gerade, als er etwas sagen wollte, kam Vanessa hereingeschossen, stellte brüsk eine kleine Flasche Wasser vor Natalie auf den Tisch und verschwand wieder.
   »Danke schön, Ms. Nunes!«, rief Natalie ihr nach.
   »Was ist denn mit der los?«, fragte Steven und lachte unbeholfen auf.
   »Oh, bestimmt nur so Weiberkram«, entgegnete Natalie süffisant und kicherte leise. Sie nahm die Flasche, öffnete sie verschmitzt grinsend und trank daraus.
   »Sie hat das Glas vergessen«, murmelte Steven betreten, doch Natalie winkte ab.
   »Lass nur, macht mir nichts aus. Kennst mich doch!«, sagte sie lachend, und er stimmte mit ein. Anscheinend kannten die beiden sich wirklich gut.
   »Also, lass uns zur Sache kommen, Stevie!«, forderte sie ihn mit einem weichen Lächeln auf, während sie mit einem Finger am Saum ihres Ausschnitts entlang fuhr. Der Blick ihres Gegenübers fing diese Geste ein und saugte sich daran fest.
   »Mr. Cuttler und ich sind wegen der beiden Delinquenten hier.«
   »Wer?«
   »Mr. Cuttler.« Sie blickte zu Luke auf, und der Direktor schien überrascht, dass noch eine weitere Person bei ihnen im Raum war. Dabei konnte man Luke allein schon wegen seines Erscheinungsbildes kaum übersehen. Mit einem Meter achtzig, der Glatze, den breiten Schultern, den schmalen Hüften und den wilden Tätowierungen fiel er eigentlich überall auf wie ein bunter Hund. Dieser notgeile Kerl musterte ihn, als hätte er ihn in eben diesem Moment überhaupt erst wahrgenommen und sofort entschieden, ihn nicht zu mögen.
   »O ja, Mr. Cuttler. Ich bin Steven Adler. Sie sind der Vater von … ähm …«, stellte er sich vor und reichte Luke über den Tisch hinweg die schweißnasse Hand.
   »Scott Zanosky«, gab Luke mit schneidender Stimme von sich.
   »Ah, ja genau. Scott Zanosky. Cuttler … Ähm, Sie sind doch der MMA-Kämpfer, oder? Hat Clive Pear Sie nicht vor zehn Monaten so übel zugerichtet? Das war ein Kampf, ich hab geglaubt, der bricht Ihnen alle Knochen. Hat er auch, oder? Bei welchem Trainer sind Sie jetzt? Roberts hat Sie ja vor die Tür gesetzt, wenn ich mich richtig erinnere.«
   Luke sog scharf die Luft ein und hob sein Kinn an, während er ihn von oben herab betrachtete. Sicherlich könnte er diesem Kerl zeigen, aus welchem Holz er geschnitzt war, doch Scott würde dies ausbaden müssen. Wozu plusterte sich der Kerl eigentlich so auf? Luke hegte keinerlei Interesse an dieser Natalie, und er würde sich nicht auf einen Schwanzvergleich mit ihm einlassen, selbst wenn es ihn mächtig juckte, weil er wusste, dass er den Längeren hatte.
   »Alles wieder in bester Ordnung. Ich bin jetzt bei Lamb Laurence«, erwiderte Luke mit aufgesetzter Ruhe, da er innerlich brodelte wie ein Vulkan, der kurz vor dem Ausbruch stand.
   Stevens Augen huschten von ihm zu Natalie, und er blickte sie überrascht an. »So, bei Lamb? Guter Coach. Nicht wahr, Nat?« Er zwinkerte ihr zu.
   »Oje, das artet hoffentlich nicht in Kampfanalysen und Statistiken aus, oder?«, gab sie zurück, rollte mit den Augen und zwinkerte Steven zu. Sie beugte sich nach vorn und ließ einen Ellenbogen auf dem Schreibtisch ruhen.
   Steven schien sein Interesse an Luke verloren zu haben, und es war eindeutig, wo seine Augen nun hineinzufallen drohten, da ihr Busen durch diese Haltung nach oben gedrückt wurde.
   »Also, was machen wir jetzt wegen dieser Sache? Eigentlich … Komm schon, Steven. Zwei Zehnjährige, beide neu an der Schule, und wir waren damals in der gleichen Klasse, sowohl hier als auch später an der Highschool. Ich will nicht klüngeln, aber ich finde, du solltest es beim Strafmaß berücksichtigen.«
   »Also … ähm, Nat … ähm, wir haben hier strenge Regeln«, sagte Steven, offenbar überrumpelt. »Wenn ich da Ausnahmen mache …«
   »Ach, komm schon, Stevie. Ich weiß, du bist ein ganzer Kerl und musst bestimmt oft durchgreifen, aber ich kenne dich und weiß, dass hinter der harten Schale ein weicher Kern steckt. Joshua wird sich ab sofort benehmen und zu einem wahren Musterschüler mutieren.«
   »Nat, wenn … Ich würde sofort, aber …«
   »Stevie, Joshua hat es mir versprochen. Er wird sich zusammenreißen. Ich gebe dir mein Wort, dass er nie wieder auffällig sein wird.« Sie nahm die noch offene Wasserflasche, setzte sie an und trank einige Schlucke. Damit drückte sie ihren üppigen Busen noch mehr zusammen, und Steven blieb fast die Luft weg. Luke hatte zwar vorher nicht genau hingesehen, aber er hätte schwören können, dass der oberste Knopf ihres Kleides, als sie dieses Büro betraten, noch nicht offen gewesen war.
   »Steven, na komm, gib dir einen Ruck!«, forderte sie.
   Er ließ sich mit einem tiefen Seufzer nach hinten fallen und hob die Arme in einer resignierenden Geste. »Na gut! Aber nur dieses eine Mal. Normalerweise gibt es für solches Fehlverhalten einen Verweis, und ich bin nur gnädig, weil ich dich gut kenne, Nat. Dein Wort drauf, dass er sich benimmt.«
   »Danke, Stevie, das hast du!«
   »Gut, dann kannst du deinen Sohn mitnehmen, die letzte Stunde hat sowieso schon angefangen. Aber Nat …«
   »Keine Sorge, Stevie, ich halte meine Versprechen noch genauso wie früher.«
   »Das weiß ich, Nat. Mensch … Ich kann es immer noch nicht fassen! Du wieder in Vegas. Weißt du, wenn du magst, können wir gern mal was essen gehen oder ein Bier trinken? Na, was meinst du?«, fragte der Direktor mit einem fast schon gierigen Brennen in den Augen und leckte sich dabei über seine kaum vorhandenen Lippen.
   Das konnte doch nicht wahr sein, oder? Grub der Direktor seines Sohnes die Frau tatsächlich an? Dieses gesamte Gespräch war eine wahre Show gewesen, doch nun ging es Luke zu weit. Er stand kurz davor, zu explodieren, da er bis jetzt noch immer nicht auf Scott zu sprechen gekommen war.
   Natalie lachte laut. »Ja klar, gern doch. Warte, ich gebe dir meine Karte, dann kannst du dich bei mir melden.« Sie öffnete ihre Handtasche, kramte darin herum, holte eine Visitenkarte hervor und reichte sie Steven. Die Augen des Direktors begannen zu leuchten, als er sie studierte und sein Adamsapfel hüpfte mehrmals auf und ab. »Danke. Ich melde mich, Nat.« Luke fiel auf, dass der Ehering an seiner Hand verschwunden war.
   »Ich freue mich jetzt schon, Stevie.«
   »Ich mich auch.«
   »Gut, dann nehmen Mr. Cuttler und ich unsere Söhne und stören dich nicht weiter.«
   »Ach herrje, als ob du mich stören würdest.«
   »Stevie, wir sehen uns.«
   »Nat, bis bald.«
   Sie erhob sich, reichte Steven, der sitzen blieb, die Hand und zwinkerte ihm zu. Luke wusste nicht, ob er mit ihr gehen oder bleiben sollte. Sie hatte nur von Joshua gesprochen, aber mit einem Mal schienen beide Jungen straffrei auszugehen. Er sah sie überrascht an, doch sie ignorierte ihn, während sie zur Tür ging. Luke entschied sich für den Rückzug, ging an ihr vorbei und öffnete die Tür, wartete aber auf der Schwelle, denn Natalie drehte sich zu Steven um.
   »Ach … Sag mal, bist du eigentlich noch mit Eliza verheiratet?«, fragte sie unvermittelt.
   Stevens Mimik entgleiste. »Ähm, ja … Liz und ich. Ja.«
   »Grüß sie mal lieb von mir.«
   »Mach ich, Nat. Mach ich.«
   »Bye Stevie.«
   »Bye Nat.«
   Sie drehte sich auf dem Absatz um und ging an Luke vorbei aus dem Büro. Er schloss die Tür und musste schlucken. Sie hatte dem Typen eine derart kalte Dusche verpasst, dass es selbst ihn fröstelte. Dabei war sie nicht einmal unhöflich oder zickig geworden, hatte die gesamte Zeit über warm gelächelt und einen natürlichen Charme versprüht, während sie ihre Brüste hochdrückte, damit dieser schmierige Kerl zu sabbern begann. Luke war sprachlos.
   »Josh! Abmarsch«, rief sie ihrem Sohn zu, schnalzte mit der Zunge und wartete an der offenen Tür zum Gang auf ihn. Luke nickte Scott zu, der genauso wie Joshua aufsprang und auf den Flur lief.
   »Bye Ms. Nunes!«, trällerte Natalie über ihre Schulter hinweg, schloss demonstrativ den obersten Knopf ihres Kleides und verließ das Vorzimmer, ohne auf Antwort zu warten. Luke winkte Vanessa kurz zu und ging ihr nach.
   Schweigend verließen sie das Schulgebäude, die Jungen wirkten noch immer schuldbewusst und zogen die Köpfe ein. Auch wenn es Luke auf der Zunge brannte zu erfahren, warum Natalie nicht nur Joshua von der Strafe befreit hatte, sondern auch Scott, ließ er es bleiben.
   Auf dem Parkplatz blieb Natalie stehen und baute sich vor ihrem Sohn auf, der trocken schluckte. »Joshua, das war dein Freischuss. Dass wir uns da verstehen, ich haue dich nicht noch einmal raus, und ich habe deinem Direktor mein Wort gegeben. Ab sofort reißt du dich zusammen, egal, was ist, du wirst dich benehmen und solche Dinge an dir abperlen lassen. So etwas wird nicht noch einmal passieren. Ach, und bevor ich es vergesse, du kannst dich für eine Woche von deiner Spielkonsole verabschieden. Nur, weil du keinen Verweis in der Schule bekommst, heißt das nicht, dass ich dich straffrei davonkommen lasse. Sobald wir zu Hause sind, baust du sie ab. Ich will nichts von dir hören.«
   »O Mom!«, gab er gequält von sich, doch sie riss lediglich die Augen auf, und er verstummte sofort. »Okay, ich baue sie ab«, murmelte er resignierend und senkte den Kopf, bis sein Kinn auf der Brust angekommen war.
   »Hast du nicht was vergessen?«, fragte sie streng und blickte ihn abwartend an, während er seinen Kopf wieder hob und sie irritiert ansah.
   »Danke, Mom!«
   »Gern mein Schatz!«, erwiderte sie, zog ihn zu sich und nahm ihn fest in den Arm.
   Luke und Scott hatten gebannt zugesehen, doch erst, als sich Natalies Arme um ihren Sohn schlossen, regte sich Scott und riss die Wagentür auf. Anscheinend wollte er so schnell wie möglich vor dieser Vorstellung fliehen.
   »Moment noch, Scott! Du solltest dich bei Mrs. Laurence bedanken. Sie hat nämlich nicht nur Joshua, sondern auch dich rausgehauen«, erklärte Luke.
   Seine Niederlage war vollkommen. Er war dort drinnen kaum zu Wort gekommen, sie hatte alles mit vollem Körpereinsatz geregelt, und er besaß zumindest genügend Rückgrat, dies auch einzugestehen. Er hätte sich mit diesem Schmierlappen von Direktor wahrscheinlich verbal angelegt und alles noch schlimmer gemacht.
   Scott starrte ihn aus weit aufgerissenen Augen heraus an, nickte zaghaft und ging zu Mrs. Laurence, die ihn mit einem warmen Lächeln empfing. Joshua blieb neben seiner Mutter stehen und sah seinem Mitschüler mit Missfallen entgegen.
   »Danke Ma‘am.«
   »Gern, Scott. Versprich mir bitte, dass du dich zukünftig benehmen wirst. So, wie ich euren Direktor kenne, macht er zwischen dir und Josh keinen Unterschied. Ich habe für euch beide mein Wort gegeben!«
   Scott nickte. »Ich verspreche es, Ma’am.« Zu Lukes Überraschung zog Natalie auch Scott an sich und drückte ihn kurz. Er schien ob der Geste verblüfft, ließ es aber geschehen und schloss sogar für einen Moment die Augen. So, wie Luke die Mutter seines Jungen einschätzte, hatte sie ihn nie derartig in den Arm genommen. Eine simple Sache, dennoch schien sie Scott viel zu bedeuten.
   Klar war er als gestandener Fighter nicht wirklich jemand, der gern Gefühle zeigte, dennoch erkannte er, wie sehr sein Sohn diese Nähe offensichtlich brauchte. Die Arme einer Mutter waren der sicherste Ort auf der Welt für ein Kind. Selbst Luke wusste dies.
   Lukes Mutter hatte sich kaum für ihn interessiert, und er hatte sich, gerade wegen der brutalen Härte seines Vaters, nach einer wärmenden Umarmung gesehnt, die sie ihm nie gewährte. Einen Teil der Abgestumpftheit, die ihn zu dem machte, was er war, führte er darauf zurück. Vermisste er es vielleicht genauso? Nein, er nahm sich, was er an zwischenmenschlicher Wärme brauchte, von den Schnecken, die gelegentlich in seinem Bett landeten. Harter Sex wirkte befreiend, reinigte ihn und gab ihm alles, was er vermisste. Wer brauchte schon all die Kuschelei und Schmuserei? Nein, ein harter MMA-Kämpfer durfte nichts fühlen, er musste wie eine Maschine funktionieren und reagieren können. Dieser ganze Gefühlskram wirkte da eher kontraproduktiv.
   »Mrs. Laurence. Danke für Ihre Hilfe«, sagte er knapp, reichte ihr die Hand und wusste sofort, warum Vanessa vorhin zusammengezuckt war. Natalies Händedruck hätte einen Stein zermalmen können. Er hielt ihr stand, drückte fester zu, als er eigentlich wollte, und sah ihr dabei starr in ihre tiefbraunen Augen.
   »Nicht der Rede wert, Mr. Cuttler.« Sie nickte ihm zu, wandte sich an Joshua und öffnete die Fahrertür ihres Wagens, während ihr Sohn seine Schultasche auf den Rücksitz des SUV warf und diesen erklomm.
   »Lass uns ins Dojo fahren.« Scott sah dem Wagen nach, und sein Blick war voller Sehnsucht. Luke trat an ihn heran, legte eine Hand auf seine Schulter, die er aber sofort abschüttelte. Wortlos und ohne ihn anzusehen stieg Scott in den Wagen.

Den gesamten Rest des Tages blieb Scott überaus schweigsam. Selbst, als der Coach ihm eine Anekdote erzählte, reagierte er kaum. Für Luke ein sicheres Zeichen dafür, dass er noch immer an dem Aufeinandertreffen mit dieser Mrs. Laurence zu knabbern hatte. Ihm lag es auf der Zunge zu fragen, ob Lamb Natalie Laurence kannte, vielleicht sogar mit ihr in einem verwandtschaftlichen Verhältnis stand. Andererseits war der Name in Vegas nicht gerade selten, und da er nach der Rückkehr ins Dojo seine Schlagschoner überzog, um sich endlich dem Sparring widmen zu können, vergaß er es.
   Erst, als er unter der Dusche in der Trainerkabine stand und das warme Wasser über seinen Körper lief, kamen ihm ihre üppigen Brüste in den Sinn. Keine kleinen Apfeltitten oder stramme Silikonmöpse. Nein, diese Dinger hatten sich bewegt, waren bei jedem ihrer Schritte hin und her geschwungen. Sie machten den Eindruck, weich und nachgiebig zu sein. Bei dem Gedanken versteifte sich sein Penis, und er atmete mehrmals tief durch, bevor er Hand an sich legte.
   Wie es sich wohl anfühlte, diese prallen Titten zu drücken und an den Nippeln zu saugen? Ihm kam ein besserer Gedanke. Er stellte sich vor, wie er ihr seinen Penis dazwischen legte und den Tittenfick genoss, während seine Spitze immer wieder zwischen ihren vollen Lippen verschwand. Gepresst stöhnte er seinen Orgasmus heraus. Verdammt, dabei hatte ihn Natalie nicht einmal angemacht. Sie war zu drall und pummlig für ihn. Nein, es lag eher daran, dass er schon seit fünf Monaten keine Frau mehr im Bett gehabt hatte. Er musste dringend Abhilfe schaffen, sonst bekam er noch blaue Eier oder würde sich auf Weiber einlassen, bei denen er früher noch nicht einmal eine Erektion bekam.
   Für das nächste Wochenende nahm er sich fest vor, auszugehen und eine süße Schnecke abzuschleppen. Vielleicht sollte er einfach morgen diese Vanessa anrufen. Ein oder zwei Drinks in einer Bar, dann zu ihr, während ein Babysitter auf Scott aufpasste. Ja, so könnte er es machen. Wieder mal richtig schön ficken. Mehr wollte und brauchte er nicht.

Das Abendessen bestand für ihn aus einem Proteinshake und für Scott aus einer bestellten Salamipizza. Der Kühlschrank war, bis auf Lukes Bier, eine Milch für Scotts Kakao und Mineralwasser sowie jede Menge Elektrolytgetränke, leer. Da er sich hauptsächlich von Eiweißkost ernährte, die er in Form von Energieriegeln und Shakes zu sich nahm, musste Scott meist allein vor dem Fernseher essen.
   Luke nutzte die Zeit, indem er seine Trainingspläne überarbeitete und seinen aktuellen Fitnessstand am Laptop überwachte. Er war auf einem guten Weg, sodass er zu seinem wichtigen Kampf in absoluter Topform sein würde. Wäre da nicht immer wieder dieses Zwicken in seiner Schulter, das es ihm immer schwerer machte, es zu ignorieren. Sein behandelnder Arzt hatte ihm bei der letzten Untersuchung nahegelegt, das Training zurückzuschrauben und die Schulter noch nicht voll zu belasten. Drauf geschissen, hatte er gedacht. Er musste trainieren und vor allem funktionieren, damit er den Kampf bestreiten konnte.
   Seine Karriere hing daran wie an einem seidenen Faden. Was sollte er sonst tun? Wieder als Türsteher von Hinterhofclubs arbeiten? Als bezahlter Schläger säumige Schuldner von Kredithaien besuchen, oder sich in zwielichtigen Abbruchgebäuden für ein paar Dollar bei illegalen Kämpfen mit noch fragwürdigeren Typen auseinandersetzen? Nein, er wollte ins Oktagon zurück und sich wieder nach oben kämpfen. Dort gehörte er hin, dort wusste er, wer er war. Dieser andere Mann wollte er nie wieder sein.
   Sich resigniert schnaufend über den Schädel reibend, ob der harten Realität, in der er lebte, öffnete er den Internetbrowser. Eigentlich hatte er seine liebste Pornoseite besuchen wollen, stattdessen gab er den Namen Natalie Laurence im Suchfeld in der Kopfzeile ein. Er war überrascht. Warum er sie suchte, wusste er nicht genau, aber es interessierte ihn plötzlich, wer diese Frau war und woher sie stammte. Als zu ihrem Namen Frauen aus New York oder Los Angeles angegeben wurden, suchte er genauer und fügte Las Vegas hinzu.
   Bei dem, was ihm angezeigt wurde, blieb ihm glatt der Mund offen stehen. Er blickte erschrocken zu Scott und versicherte sich, dass er nicht hinter ihm stand und sehen konnte, was ihm auf dem Bildschirm entgegensprang. Scott saß zum Glück noch immer vor dem Fernseher und sah sich gebannt einen der Kämpfe vom letzten Wochenende an, während er gedankenverloren seine Pizza aß.
   Luke schluckte. Es wurde gleich als Erstes ein Link mit eindeutigem Namen angezeigt, dazu ein entsprechendes Bild, das ebenfalls kaum verbarg, worum es ging. Mit aufwallender Erregung klickte er auf den Link Natalie Laurence in Action – Vegas Baby!, woraufhin sich ein Fenster zu seiner bevorzugten Pornoseite öffnete. Diese Homepage musste es schon ewig geben, denn das Datum des Videos lag fast elf Jahre zurück, aber das interessierte ihn im Moment weniger. Stattdessen sah er dabei zu, wie eine etwas schlankere und jüngere Natalie strippte, sich langsam vor dem Kameramann berührte und streichelte, bevor sie sich vor ihn kniete, um ihm die Hose zu öffnen. Es war ein Point of View-Porno, etwas wacklig, und schien eher eines der vielen hochgeladenen Privatvideos zu sein. Allerdings, wie sie sich bewegte, den Penis des Mannes in der Hand rieb und zwischen ihren Lippen verschwinden ließ, hätte es durchaus auch ein professionell produzierter Film sein können.
   Sie blies wie eine wahre Meisterin, widmete sich den Hoden des Mannes und leckte über die volle Länge des Schaftes, bis sie die Eichel in ihrem Mund verschwinden ließ. Luke wurde es heiß und kalt zugleich. Selbst, wenn er gewollt hätte, er wäre nicht von dem Anblick losgekommen. Er sah ihr in die Augen, glaubte fast, dass sie ihn anblickte, doch es war nicht seine Hand, die plötzlich auftauchte, um ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen. Die blaue Sonne auf dem Handrücken in Höhe des Daumens irritierte Luke kurz, doch sobald sie verschwunden war, konnte er das ergebene Glühen in ihren Augen weiter ungestört genießen.
   Es gab einen Schnitt, und Natalie lag ausgebreitet vor ihm, die Beine weit gespreizt, und der Typ massierte ihr mit dem Daumen die Klitoris. Wie der Kerl es geschafft haben mochte, die Kamera bei dem sich bietenden Anblick ruhig zu halten, war Luke schleierhaft.
   Natalie glühte vor Lust, streckte ihm die Arme entgegen, damit er zu ihr kam. Stattdessen kniete sich der Kerl lediglich zwischen ihre Beine, drang in sie ein und filmte ungerührt weiter. Sie gab sich ihm hin, schloss ihre Augen und stöhnte lustvoll auf.
   Luke war froh, dass er den Ton schon zu Beginn des Videos ausgestellt hatte, damit Scott nichts mitbekam. Ab und an warf er einen prüfenden Blick zur Couch, um sicherzugehen, dass Scott noch vor dem Fernseher saß. So wenig wie möglich wollte er von dem Film verpassen. Wollte sehen, wie der Typ dieses heiße Mäuschen ordentlich rannahm. Und das tat er. Immer wieder stieß er seinen Penis fest in sie hinein, sodass sogar ihre Brüste mitschwangen. Er zog sich fast vollständig aus ihr zurück, nur um wieder mit Schwung in sie hineinzustoßen.
   Genau so musste, nach Lukes Meinung, richtiger Sex sein. Hart, ohne Kompromisse. Ihr schien es zu gefallen, denn sie wirkte vollkommen aufgelöst und erregt. Als der Mann erneut damit begann, ihre Klitoris zu reiben, kam sie zum Höhepunkt, bäumte sich auf und stöhnte offenbar hemmungslos. So, wie es aussah, folgte ihr der Kerl, denn wenig später zog er seinen Penis zurück. Sein Samen lief dickflüssig aus ihr heraus, was er in Großaufnahme einfing, und auch, wie er ihn auf ihren prallen Schamlippen verrieb.
   Luke stockte der Atem. Er musste dringend ins Bad oder zumindest irgendwohin, wo er sich um sich kümmern konnte, ohne dass Scott es mitbekam. Die Wirkung des Gesehenen war immens. Bestimmt lag es daran, dass er dringend mal wieder eine Frau flachlegen musste, aber allein bei dem Gedanken an ihre Augen begann sein Glied, heftiger zu pochen.
   Genau darum ging es bei einem POV-Porno: Der männliche Zuschauer sollte das Gefühl haben, er wäre derjenige, der am Geschehen teilnahm. Eben dieses Gefühl hatte Luke, und er brauchte dringend ein Ventil, um den Druck abzulassen. Er schloss das Fenster, nachdem er schnell den Verlauf gelöscht hatte, und klappte den Laptop zu. Zwar würde Scott eher an seinem Netbook spielen, dennoch wollte er kein Risiko eingehen.
   Mit wackligen Beinen und einer dicken Beule in der Hose lief er ins Bad. Gut, er hatte sich erst vor zwei Stunden unter der Dusche befriedigt, aber er konnte schon wieder und wollte auch. Er schloss die Tür ab, machte das Wasser in der Dusche an, setzte sich auf die Toilette und lehnte sich nach hinten, während er sich mit der Erinnerung an diese heiße Flötenspielerin einen runterholte.
   Seinen Samen mit Toilettenpapier auffangend, stöhnte er so leise wie möglich, während er kam. Das Rauschen des Wassers war sicher laut genug, aber Luke wollte sichergehen. Befriedigt lehnte er seinen Kopf nach hinten an die kühlen Fliesen. In seiner Fantasie verrieb er seinen Samen auf ihren Brüsten und atmete im Hier und Jetzt tief durch.
   Verdammt, dieser kleine Film war wirklich gut gewesen. Er musste nachsehen, ob es noch mehr mit ihr gab. Natalie hatte Talent und zumindest damals eine verdammt gute Figur gehabt. Sobald sein Sohn im Bett liegen würde, wollte er weitersuchen und sich vielleicht nachher noch einmal befriedigen. Bei dem Gedanken daran lächelte er. »Geiles Fickstück!«, raunte er, seufzte und grinste beseelt in sich hinein.
   Anscheinend hätte er sie beinah falsch eingeschätzt. So langweilig und bieder sie auf den ersten Blick gewirkt haben mochte, so verrucht und hemmungslos schien sie zu sein. Zwar wusste er, dass nicht jede Pornodarstellerin auch im Privatleben ein Luder war, dennoch hatten sie alle, zumindest seiner Meinung nach, einen Hang zur Promiskuität. Sie machte anscheinend keine Ausnahme, jedenfalls ließ die Vorstellung im Büro des Direktors darauf schließen. Ihrer Wirkung auf diesen Mann schien sie sich bewusst, und sie spielte diese Karte voll aus. Was Luke ihr anrechnete, war die subtile Art und Weise, wie sie ihn sofort wieder kaltgestellt hatte. Intelligent war sie in jedem Fall und zudem nicht billig. Ihr Spielchen mit dem Mann mochte offensiv gewesen sein, aber nie so, dass es zu eindeutig oder primitiv rüberkam. Sie war sich bewusst, dass sie gewisse Reize besaß. Ja, selbstbewusst war sie. In jedem Fall nicht sein Typ, aber dennoch würde sie seine Fantasie nähren, bis sich für ihn endlich mal wieder eine richtige Gelegenheit für ein ausgiebiges Schäferstündchen ergab.

Kapitel 2
Zweiter Blick

Scotts erste Schulwoche neigte sich dem Ende zu und war ohne weitere besondere Vorkommnisse geblieben. Allerdings wirkte er wesentlich ruhiger und schweigsamer. Luke nahm es zur Kenntnis, machte sich aber keine großen Gedanken darüber. Im Gegenteil, es vereinfachte das Zusammenleben mit seinem Sohn ungemein. Selbst Coach Lamb war es mittlerweile aufgefallen.
   Als sie am Donnerstagabend zusammen im Dojo standen, sprach Lamb Luke darauf an.
   »Was hat er denn?«
   »Keine Ahnung, ist mir aber auch relativ egal, solange es anhält«, erwiderte Luke mit einem Schulterzucken, während er zu seinem Sohn sah, der neuerdings permanent an seinem Handy herumspielte. Scott hatte seine Hausaufgaben ohne Murren erledigt und sich bereits für das Jiu-Jitsu-Training umgezogen.
   »Scott, geh schon mal in den Trainingsraum, um dich aufzuwärmen. Wir fangen gleich an«, rief er ihm zu. Nicht einmal jetzt blickte er auf, nickte lediglich und verschwand wortlos in Richtung der Kursräume.
   »Beim Direktor antraben zu müssen, kann verdammt heilsam sein, was?«, merkte Lamb feixend an.
   »Anscheinend«, stellte Luke mit einem Grinsen fest, während sie sich wieder auf Valmos Suarez konzentrierten, um ihn dabei zu beobachten, wie er einen Sandsack bearbeitete.
   Seit einiger Zeit holte der Coach Luke immer dazu, wenn er den jungen Kerl, der eine vielversprechende Karriere vor sich hatte, trainierte.
   »Was meinst du, Cut?«
   »Die Beinarbeit sollte noch besser werden. Er tritt nicht hoch und nicht schnell genug. Am besten wäre es, wenn Val ein paar Einheiten Seilspringen zu seinem täglichen Aufwärmtraining absolviert. Ist Old School, aber damit wird er lockerer in den Füßen. Es fördert gleichzeitig seine Balance. Da! Siehst du? In der Zeit hätte ich ihn zweimal umgehauen. Viel zu langsam in der Drehung. Wenn er trifft, gut, doch bis es so weit ist, hat sich sein Gegner längst weggeduckt oder rammt ihm die Führhand in die Nieren.« Lamb quittierte seine Ausführungen mit einem Nicken. »Coach, mein Kurs fängt gleich an.«
   »Ja, bis später. Ach Cut, du kommst doch am Samstag, oder?«
   »Klar Coach, Scott und ich. Danke noch einmal für die Einladung.«
   »Gut, bringt beide ordentlich Durst und Hunger mit.«
   »Machen wir, Coach.«
   Die Einladung zu Lambs Geburtstagsbarbecue am kommenden Samstag war für Luke eine Ehre. Zwar würden noch einige andere aus dem Dojo dort sein, aber keiner von ihnen war erst so kurz dabei wie er.
   Schon einmal war er in Lambs großem Haus gewesen, als er seinen Vertrag mit ihm unterschrieben hatte. Bei dieser Gelegenheit lernte er Lambs Frau Janet kennen. Sie war höchstens fünf Jahre älter als Luke und mindestens zwanzig Jahre jünger als Lamb, hatte wasserstoffblonde Haare und eine Figur zum Niederknien. Jeder Mann würde sich nach solch einer Zuckerschnecke alle zehn Finger ablecken, sie war eine richtige Granate.

Nachdem alle Schüler ihre Aufstellung eingenommen hatten, eröffnete er den Kurs. Luke sah sich nie in der Rolle des Lehrers, eher als Einzelkämpfer, der, mit seinen Fäusten voran, durch jede Wand brach. Im Oktagon lag seine Bestimmung, nicht hier im Kursraum bei irgendwelchen Kids, die kaum geradeaus laufen konnten. Er musste sich mit deren Defiziten befassen, durfte nicht zu hart oder zu nachlässig sein. Eine Gratwanderung, die er jedes Mal aufs Neue mehr schlecht als recht bewältigte. Manchmal fragte er sich, warum die Kinder immer wiederkamen. Einigen von ihnen sah er an, dass sie sich schwertaten und sicherlich schon bald das Handtuch schmissen, indem sie einfach nicht mehr zum Training kamen.
   Wie dieser schmächtige Junge Luiz. Er stolperte oft über seine eigenen Füße, stand aber trotzdem jedes Mal wieder auf und versuchte es erneut. Bestimmt würde er mit ein wenig Quengeln bei den Eltern schnell erreichen, dass er sich nicht mehr abmühen musste.
   Luke beobachtete die kleine Gruppe genau, während er die Reihen abschritt und einzelne Korrekturen vornahm. Einigen der insgesamt sechzehn Kids, standen bereits nach wenigen Minuten Schweißperlen auf der Stirn. Scott wirkte dagegen eher abwesend, während er halbherzig versuchte, seine Deckung nicht ständig fallen zu lassen.
   Fast schien Scott erleichtert zu sein, als Luke das Training für den heutigen Tag beendete und er sich endlich wieder seinem Handy widmen konnte. Er ließ ihn in Ruhe, wobei er wegen des teilnahmslosen Auftretens ein wenig angesäuert war. Sonst zeigte Scott stets die beste Leistung von allen, aber heute schien er nichts richtig machen zu wollen.
   »Was ist los mit dir, Scott?«, fragte er ihn, als sie auf dem Weg in die Trainerdusche waren.
   »Nichts. Alles okay, Dad!«, antwortete Scott lapidar und zuckte mit den Schultern.
   »Wie du meinst, aber ich war heute nicht zufrieden mit dir. Du kannst all diese Übungen schon im Schlaf.«
   »Ja, Dad. Ich weiß.«
   Luke musste tief durchatmen, damit er nicht ausrastete. Solch eine Antwort hätte er seinem Vater nie geben dürfen, ansonsten wäre er grün und blau geprügelt worden.
   »Scott, du kannst mit mir immer über alles reden«, bot er an, aber sein Sohn zuckte erneut mit den Schultern und stellte das Wasser an, ohne sich weiter mit ihm zu befassen.

Als Luke und Scott das Dojo verlassen wollten, kam Lamb aus seinem Büro und rief sie zurück.
   »Gut, dass du noch da bist. Scott, ich muss deinen Vater noch ein wenig in Beschlag nehmen. Setz dich so lange da drüben auf den Stuhl«, bat der Coach, als sie in seinem Büro angekommen waren, und setzte sich hinter seinen Schreibtisch.
   Mit den Füßen schlurfend, ging Scott zu dem ihm zugewiesenen Platz und ließ sich missmutig darauf fallen. Luke schüttelte über dieses Verhalten nur den Kopf. Wenn der Junge nicht reden wollte, was sollte er tun? Er konnte es schließlich nicht aus ihm herausschütteln.
   »Coach?«, fragte er sein Gegenüber, dessen Blick auf dem Jungen ruhte. Der ältere Mann räusperte sich und lehnte sich in seinem Chefsessel zurück.
   »Luke, ich weiß, dass du mit deinem Training und den Kursen viel um die Ohren hast, aber ich wollte dich fragen, ob du mir nicht mit der Ausarbeitung der Trainingspläne für Val etwas zur Hand gehen möchtest. Er hat in sieben Wochen einen großen Kampf, wie du ja weißt, und du siehst, wo seine Defizite liegen. Was hältst du davon?«
   Luke wusste im ersten Moment nicht, was der Coach eigentlich mit ihm vorhatte. Er war hier, um für sich zu trainieren, und nicht, um Trainingspläne für Jungspunde auszuarbeiten. Sein Terminplan war bis obenhin voll, und dazu kam Scott, bei dem er dringend mehr Präsenz zeigen musste, damit ihm der Junge nicht entglitt.
   Die Ausarbeitung seiner Trainingspläne war einfach, da er aus jahrelanger Erfahrung wusste, was und wie er etwas zu tun hatte. Val und Luke waren jedoch unterschiedliche Kämpfertypen, mit ebenso gegensätzlichen Bedürfnissen und Schwachpunkten.
   Als er nach einigen Augenblicken noch immer nichts von sich gegeben hatte, runzelte Lamb die Stirn. Sein graues Haar wirkte glanzlos, doch in seinen Augen konnte Luke ein erwartungsvolles Brennen erkennen.
   »Gut, ich helfe dir gern«, sagte Luke gepresst.
   »Prima! Stell mir deine Vorstellungen zusammen. Bring am besten alles am Samstag mit zum Barbecue, vielleicht finden wir eine ruhige Minute, um uns darüber auszutauschen«, schlug Lamb vor und versetzte ihm einen Tiefschlag.
   Selbst, wenn er noch heute Abend damit anfing, würde es viele Stunden dauern, einen kompletten Plan für die nächsten sieben Wochen aufzustellen. Er brauchte dringend eine Mütze Schlaf und wollte eigentlich am nächsten Morgen mindestens zehn Meilen joggen, bevor Scott aufstand. Ganz zu schweigen von seinem Date mit Vanessa am morgigen Abend, das bereits seit Dienstag feststand. Dazu kamen sein Training im Dojo und der Kurs am späten Freitagnachmittag. Nein, bis Samstagnachmittag würde er es nie und nimmer schaffen, Lamb etwas Vernünftiges abzuliefern.
   »Ähm, Coach … Ich weiß nicht …«, setzte er an, doch sein Gegenüber fiel ihm ins Wort.
   »Ich weiß, dass du das hinbekommst. Also, abgemacht. Samstag bringst du den Plan mit. Ich verlasse mich auf dich«, sagte Lamb mit Stolz in der Stimme und zwinkerte ihm zu.
   Wie Luke es hasste, solche Worte zu hören. Er wollte nicht, dass man sich auf ihn verließ, er wollte sein Ding durchziehen. Der Ärger schlug immer höhere Wellen in ihm. Zähneknirschend nickte er und stand auf. »Gut, ich werde sehen, was ich tun kann.«
   Mit einem Zungenschnalzer nickte er in Richtung Tür, nachdem er dem Coach die Hand geschüttelt hatte, und deutete Scott damit an, dass es nun endlich nach Hause ging. Er erhob sich, ohne die Augen vom Display zu nehmen, und trottete hinter ihm her.
   Am Wagen angekommen, stieg Scott ein und überließ es ihm, seine Schultasche in den Kofferraum zu legen. Als er den Deckel so heftig wie nur möglich zuschlug, entlud sich Lukes Frust mit einem lauten Schrei.
   Er wollte all diese Verantwortung nicht. Trainieren, kämpfen und ficken wollte er. Endlich wieder sein ruhiges Leben zurückhaben und außer sich keiner Menschenseele Rechenschaft ablegen. Die Strafe für seinen Ausbruch folgte auf dem Fuße, da seine Schulter die plötzliche Bewegung nicht guthieß und ein stechender Schmerz durch ihn hindurchzog.
   »So eine verfickte Scheiße«, brüllte Luke, während er sich die schmerzende Stelle rieb und langsam zur Fahrertür ging. Die weit aufgerissenen Augen seines Sohnes holten ihn sofort auf den Boden der Tatsachen zurück.
   »Musste mal sein«, erklärte er ihm, doch Scott tauchte direkt wieder zu seinem Handy ab, ohne auch nur ein Wort von sich zu geben oder eine Miene zu verziehen.

Schweren Herzens sagte er Vanessa für den Abend ab, als er am Freitagmittag ins Dojo fuhr, um seine erste Trainingseinheit zu absolvieren. Die zehn Meilen steckten ihm in den Beinen, er hatte über dem Trainingsplan gebrütet und wollte sich nun eine Massage von Dan Rope, dem Physiotherapeuten, der schon seit Ewigkeiten für Lamb arbeitete, geben lassen. Er musste sich dringend um Lukes linke Schulter kümmern, denn erst letzte Nacht war er mit stechenden Schmerzen aufgewacht und hatte sich kaum mehr bewegen können.
   Dan konnte verdammt hart zupacken. Luke musste jedes Mal die Zähne zusammenbeißen, damit er nicht vor Schmerzen aufschrie, wenn der ältere Mann zulangte.
   Nachdem er seinen Wagen geparkt und die Sporttasche aus dem Kofferraum geholt hatte, betrat er erhobenen Hauptes das Dojo. Der Geruch von Schweiß, Adrenalin und Testosteron schlug ihm beim Betreten wie eine Faust ins Gesicht. Ja, dies war seine Welt.
   Lamb sah zu ihm herüber und hob die Hand zum Gruß, was Luke mit einem Nicken erwiderte. Während er am Morgen über dem Trainingsplan für Val gebrütet hatte, hatte er kurz überlegt, den Coach anzurufen, um ihm zu sagen, dass er es nicht schaffen würde, in solch kurzer Zeit einen Sieben-Wochen-Plan aufzustellen. Nachdem er sich jedoch von dem inneren Druck mit ein wenig Handarbeit mithilfe des Videos von Natalie, welches er sich auf seinem Handy gespeichert hatte, befreien konnte, versuchte er sich durch diese ungewollte Herausforderung zu beißen. Der Coach vertraute ihm, und er wollte den Mann, der ihm so offen begegnete, nicht enttäuschen. Nein, er musste es schaffen und ihm etwas Brauchbares abliefern.
   Luke ging in die Trainerkabine, um seine Sachen in den Spind zu schließen, und begab sich zu Dan, doch er fand dessen Büro leer vor, obwohl er normalerweise jeden Morgen mit Lamb zusammen das Dojo öffnete. Luke ging zu seinem Trainer, der am Rand der Trainingsmatten stand und zwei Kämpfern beim Sparring zusah.
   »Hey, wo steckt Dan?«, wollte er wissen, aber der Coach verzog nur das Gesicht.
   »Nicht da. Ihm geht es nicht gut. Die Pumpe will nicht mehr. Sein Kardiologe meint, er müsse dringend kürzertreten. Ich hab ihm … Verdammt, Rox! Scheiße, willst du ihm die Rippen brechen? Und du Neil, pass gefälligst auf! So eine schlechte Deckung hat nicht mal meine Frau! Verfickte Scheiße, nimm die Arme hoch«, brüllte der Coach und rieb sich resignierend über das Gesicht.
   »Alles klar«, erwiderte Luke und wollte Lamb lieber in Ruhe lassen, doch er hielt ihn auf.
   »Wo willst du hin? Hier spielt die Musik. Keine Ahnung, ob er so schnell wieder reinkommt. Er will zu seiner …«, Lamb holte tief Luft und schloss kurz die Augen, »… zu seiner Tochter, um dort ein paar Tage auszuspannen. Der alte Hund wird das beste Barbecue aller Zeiten verpassen. Na ja, Hauptsache, er wird wieder«, erklärte er ihm, die Adleraugen stets auf die Kämpfer gerichtet. Luke nickte stumm und sah den Männern ebenfalls zu, bis sich Lamb zu ihm wandte und ihn scharf ansah. »Also, Cut. Sag mir, was die zwei da alles falsch machen!«

Die Schule war gerade aus, als Luke vorfuhr, um Scott wie jeden Tag einzusammeln. Er konnte ihn nirgends entdecken, und wieder wallte Ärger in ihm auf. Normalerweise stand der Junge an der Straße, und er brauchte nur kurz anzuhalten, damit er auf die Rückbank springen konnte. Jetzt musste er anhalten und sich einen Parkplatz suchen. Eilig kramte er den Stundenplan seines Sohnes aus dem Handschuhfach, um sich zu vergewissern, dass er zur richtigen Zeit da war.
   Natürlich hätte Scott den Bus nehmen können, dummerweise hielt der aber nicht vor dem Dojo, sondern nur in den Wohngebieten.
   Die Zeit war richtig, aber sein Sohn noch immer nicht aufgetaucht. Luke checkte sein Handy. Weder ein Anruf noch eine Nachricht zeugten davon, dass sich Scott gemeldet hatte. Luke ließ seinen Blick über den Vorplatz der Schule gleiten. Einige Trauben von Kindern, die miteinander sprachen, standen herum, aber Scott war nicht dabei. Luke fluchte leise und ging den Parkplatz entlang zum Haupteingang der Grundschule.
   »Mr. Cuttler«, rief plötzlich jemand. Es war Natalie, die mit einem breiten Lächeln auf den Lippen zu ihm herüberwinkte. Als er sich langsam ihrem Wagen näherte, erkannte er, dass Scott hinten neben Joshua saß, und ihm rutschte das Herz in die Hose. Hatte sein Sohn etwa schon wieder Mist gebaut?
   »Hey! Die Jungs teilen gerade noch ihre Aufgaben für die Hausarbeit, dann können Sie ihn mitnehmen«, erklärte sie ihm, bevor er den Mund aufmachen konnte. Warum er sich in ihrer Gegenwart stets wie ein unbeteiligter Zuschauer fühlte, konnte er sich nicht erklären, doch er mochte dieses Gefühl überhaupt nicht.
   »Hallo, Mrs. Laurence«, begrüßte er sie, reichte ihr die Hand und stellte mit Genugtuung fest, dass sie diesmal weniger fest zudrückte als er. Dennoch verzog sie keine Miene, lächelte weiter, und er war froh, dass sie seine Gedanken nicht lesen konnte.
   Zum Glück verbarg die Sonnenbrille seine Blicke, welche ausnahmslos auf ihrem Busen lagen. Er fragte sich, während er diese zwei riesigen Dinger betrachtete, ob sie wirklich so weich waren, wie sie aussahen. Mit einem Mal juckte es ihn, es drauf ankommen zu lassen und sie anzufassen, doch er beherrschte sich. Mit Sicherheit würde sie ihm eine Ohrfeige geben, dass ihm der Kopf wegflog. Sich über die Lippen leckend, starrte er weiter.
   »Sie wissen schon, dass es unhöflich ist, wenn man einer Frau derart auf den Busen glotzt, oder?«
   Die Frage erwischte ihn eiskalt, und er zuckte zusammen. Wie bei einem Schuljungen kroch ihm die Schamesröte ins Gesicht, und er hätte sich am liebsten eigenhändig geohrfeigt.
   »’tschuldigung«, stammelte er, wandte sich ab und rieb sich mit der flachen Hand über den Kopf. Hinter seinen geschlossenen Augenlidern blitzten die Bilder der jüngeren Natalie auf, die den Penis dieses Typen im Mund hatte. Jetzt konnte er ihre Augen zwar wegen ihrer Sonnenbrille nicht sehen, aber ihr Blick im Video mit all der Hingabe und den Gefühlen, die darin zu sehen waren, überwältigte ihn jedes Mal. Die ersten fünf Minuten ihres Filmchens waren ihm die liebsten. Die und ihr Orgasmus bei zehn Minuten und vierundvierzig Sekunden.
   Als er sich ihr wieder zuwandte, stand sie noch immer neben ihm, tat allerdings nichts, um die Situation zu entspannen. Im Gegenteil, ihre Arme waren unter der Brust verschränkt und hoben diese zwei Dinger sogar zusätzlich an, sodass sie ihm noch mehr ins Auge fielen. Spielte sie mit ihm? War er ihr Opfer, das sie zuerst gar kochte, bis sie es eiskalt abschreckte?
   Wieder hob er die linke Hand zum Kopf, doch diesmal legte er sie in den Nacken. Eine blöde Idee, denn ein stechender Schmerz zog glühend heiß durch seine Schulter.
   »Fuck«, schrie er auf, krümmte sich und biss die Zähne aufeinander.
   »Shit! Alles okay?«, fragte sie besorgt, trat an ihn heran, doch in diesem Moment wollte er keine Nähe, sondern nur laut fluchen.
   »Lassen Sie mich mal sehen. Jetzt stellen Sie sich nicht so an!«, forderte sie, zog seinen linken Arm zu sich und schob, ohne ihn zu fragen, eine Hand in den kurzen Ärmel seines Shirts, während die andere vorn gegen seine Schulter anlag.
   Der Druck ihrer Finger war fest, aber nicht unangenehm. Kreisend bewegte sie sich zum Zentrum des Schmerzes vor, bis sie ihn, an seinem Zusammenzucken erkennend, gefunden hatte.
   »Ich habe schon am Montag gesehen, dass Sie noch immer Probleme damit haben. Kümmert sich da kein Physio darum?«
   »Doch!«, wiegelte er gepresst ab. Er biss lieber die Zähne aufeinander, als ihr eine vernünftige Antwort zu geben. Natalie kitzelte den Schmerz buchstäblich. Es schoss ihm nicht wieder in die Schulter, aber dennoch hatte sie genau den Punkt gefunden, bei dem er in die Knie hätte gehen können, weil es ihm so wehtat.
   »Mom, was ist denn?«, fragte ihr Sohn, als er mit Scott aus dem Auto stieg.
   »Nichts, alles okay. Mr. Cuttler wollte nur einen Beweis für meine heilenden Hände haben.« Sie ließ von ihm ab, schob ihre Sonnenbrille ins Haar und blickte ihn eindringlich an. »Lassen Sie das checken. Ihre Muskulatur verhärtet sich bereits, Sie brauchen dringend Tiefenmassagen, damit sich keine Fehlhaltung herausbildet. Wenn der Schmerz kommt, sollten Sie in ihn hineinatmen, dann geht es schneller vorüber.«
   Was zur Hölle sollte das werden? Er wusste selbst am besten, dass er dringend eine physiotherapeutische Massage brauchte, und wie er mit Schmerzen umgehen musste, war ihm erst recht klar. Dennoch nickte er, denn irgendwie fühlte sich seine Schulter um Längen besser an als vor wenigen Augenblicken.
   »Danke und sorry wegen … Ich wollte nicht … Ich habe nur …«, stammelte er, doch sie schürzte ihre Lippen und zog eine Augenbraue nach oben.
   »Sie wollten, und Sie haben. Egal, Sie sind weder der Erste noch der Letzte.«
   »Sorry, Mrs. Laurence.«
   Die Jungen standen daneben und musterten sie abschätzend.
   »Wie Sie meinen, Mr. Cuttler.«
   »Ich … Wir fahren jetzt.« Luke nickte seinem Sohn zu und wandte schnell den Blick ab. Ihr in die Augen zu sehen, verursachte etwas, was er am helllichten Tag vor einer Schule besser nicht haben sollte: eine Erektion.
   »Habt ihr zwei alles geklärt?«, wollte sie von den Jungen wissen, was sie mit heftigem Kopfnicken beantworteten. Joshua legte den Arm um Scotts Schulter.
   »Ja, Mom! Aber Mrs. Alvarez hat gesagt, wir sollen auch etwas gemeinsam ausarbeiten. Kann Scott zu mir kommen? Am Sonntag? Bitte?«, fragte Joshua und sah seine Mutter eindringlich an.
   »Nein, Josh, am Sonntag geht es nicht. Du weißt doch, dass Janice für zwei Tage zu uns kommt. Es wäre ihr gegenüber nicht nett, wenn sie in der Stadt ist und wir uns keine Zeit für sie nehmen. Sie freut sich schon auf dich.«
   Wer auch immer diese Janice sein mochte, Joshua war sofort überzeugt.
   »Dann nächste Woche Dienstag oder Mittwoch«, schlug Scott vor, doch bei Dienstag schaltete sich Luke ein.
   Er hätte wirklich lieber im Wagen gesessen, denn die Beule wurde immer größer, und er kämpfte heftig gegen das Pulsieren in seinem Glied an.
   »Mittwoch, am Dienstag ist Training.«
   »O Mann, Dad! Muss ich?«
   »Ich dachte, du magst Jiu-Jitsu?«, fragte Luke überrascht, was sein Sohn mit einem Augenrollen quittierte.
   »Ja, Dad, aber muss ich am Dienstag? Es ist ja schließlich für die Schule …«, quengelte er.
   »… und muss erst in drei Wochen abgegeben werden«, schritt Natalie ein. »Es macht nichts, wenn ihr erst am Mittwoch gemeinsam daran arbeitet. Du schwänzt auf keinen Fall das Training.«
   Scott sah sie mit großen Augen an, da er eine solche Ansage wohl nicht erwartet hatte. Luke tat es ihm gleich, denn schließlich war Scott sein Sohn und nicht ihrer.
   »Ja, okay. Mittwoch«, lenkte Scott ein, wobei Joshua ihn breit grinsend in die Seite knuffte.
   »Cool! Dann zeig ich dir meine Spiele. Ich hab das neuste Ultimative Fighting. Das ist genial!«
   »Schule, Josh, Schule!«, sagte seine Mutter, die die Arme unter der Brust verschränkte und ihren Sohn durchdringend ansah.
   »Ja, Mom!«, gab er genervt von sich, rollte mit den Augen und knuffte Scott zum Abschied erneut in die Seite.
   »Bis Montag, Bro!«
   »Ja, wir sehen uns, Bro!«
   Kopfschüttelnd und leise kichernd beobachtete Natalie das Geschehen, während Luke sie mit hochgezogenen Augenbrauen ansah.
   »Am Montag haben sie sich geprügelt, und am Freitag sind sie beste Kumpels?«
   »Nein, schon seit Dienstag und man nennt es nicht beste Freunde, sondern beste Bros. Ach Mr. Cuttler, die zwei sind zehn Jahre alt. Eine Freundschaft fürs Leben entsteht vor unseren Augen.«
   Das klang in seinen Ohren wie eine dunkle Prophezeiung, denn es würde bedeuten, dass sich ihre Wege zukünftig häufiger kreuzen würden.
   »Bis dann!«, verabschiedete sie sich knapp, ging um den Wagen herum und startete den Motor, sobald Joshua eingestiegen war.
   Luke musste auf Scott warten, der seinem neuen besten Freund nachwinkte, bevor er hinter ihm her zum Wagen lief.
   »Warum habt ihr euch nicht für Samstag verabredet?«, fragte Luke, als sie nur noch wenige Blocks vom Dojo entfernt waren. Er hatte die meiste Zeit der Fahrt nur daran denken können, wie sich ihre Brüste wohl in seinen Händen anfühlen würden.
   »Da haben sie auch schon was vor. Josh weiß nicht, was, aber Samstag sind sie irgendwo und es ist superwichtig«, erklärte Scott schulterzuckend.
   »Ah, stimmt! Da können wir ja auch nicht. Wir sind bei Lamb. Na, dann seht ihr euch halt erst am Montag wieder. Wirst du es so lange ohne deinen besten Freund aushalten?«, fragte Luke und beobachtete im Rückspiegel, wie Scott das Gesicht verzog und mit den Augen rollte.
   »Dad, er ist nicht mein bester Freund, er ist mein bester Bro!«
   »Ach, gibt es da einen Unterschied?«
   »Ja natürlich, Dad! Ein bester Freund kann so ziemlich jeder sein, aber ein bester Bro nicht. Mit einem besten Bro, also mit einem Bruder von einer anderen Mutter, geht man erst mal durch richtig viel Scheiße …«
   »Scott, du sollst nicht Scheiße sagen! Keine Schimpfwörter!«, mahnte Luke mit erhobenem Zeigefinger.
   »Ja, Dad! Mit einem Bro geht man erst einmal durch richtig viel Sch…, und dann erst merkt man, dass es ein Bro ist. Wie bei Josh und mir. Außerdem muss ich ihn nicht vermissen, wir texten uns die meiste Zeit eh.«
   »Aha, und ich habe mich schon gewundert, was du immer mit deinem Handy machst.«
   »Na was wohl? Wir schreiben uns Nachrichten. Ach, Dad? Kann Josh mit in den Kurs kommen? Er findet Jiu-Jitsu total cool, und seine Mom erlaubt es ihm bestimmt.«
   »Josh, der Kurs ist voll. Mehr als sechzehn Teilnehmer nehme ich nicht. Das sind sowieso mehr als genug.«
   »Und wenn einer abspringt? Kannst du nicht Luiz wegschicken? Der schafft es eh nicht.«
   »Den Teufel werde ich tun! Nein, wenn ein Platz frei wird, weil eines der Kids dauerhaft absagt, dann vielleicht, wenn seine Mom Ja sagt. Sonst kann ich nichts machen. Außerdem würde er dem Kurs doch weit hinterherhinken. Du trainierst schon seit zwei Monaten, und er wäre blutiger Anfänger.«
   »Ja schon, aber seine Mutter hat ihm auch einiges beigebracht, und den Rest zeige ich ihm. Bitte, Dad!«, flehte sein Sohn ihn an, doch Luke zuckte nur mit den Schultern, während er sich fragte, was Natalie Joshua beigebracht haben könnte, da sie beim besten Willen nicht nach einer Jiu-Jitsu-Kämpferin aussah.
   »O Mann, Dad!«, schmollte Scott, wobei er sein Gesicht verkniff und ihn böse anfunkelte.
   »Wie ich es bereits sagte: Es muss ein Platz dauerhaft frei bleiben, und er das Niveau schnell aufholen, dann nehme ich ihn in den Kurs rein.«
   »Dad, du bist doof!«
   »Scott, nun ist es genug«, schalt er ihn, was aber wenig Wirkung zeigte und nur ein bleiernes Schweigen im Wageninneren hervorrief, das mehrere Minuten lang anhielt.
   »Dad, wenn du mich irgendwann auch nicht mehr willst, kannst du mich dann zu Natalie und Josh geben?«, fragte Scott plötzlich, als sie eine Kreuzung vom Dojo entfernt waren.
   Die Frage sickerte langsam durch Lukes Gehirn, und als er sich der Tragweite der Worte voll und ganz bewusst wurde, musste er rechts ran fahren, sonst hätte er sicher einen Unfall gebaut.
   »Was hast du da gerade gefragt? Wie, um Himmels willen, kommst du auf die Idee, ich würde dich irgendwann nicht mehr wollen?«, fragte er seinen Sohn, nachdem er den Gurt gelöst hatte, damit er sich besser zu ihm umdrehen konnte.
   Scott sah ihn an und knetete unbeholfen seine Hände. »Na ja, meine Mutter hat immer gesagt, wenn sie mich nicht mehr wolle, bringe sie mich entweder ins Heim oder zu dir. Dann sei sie mich endlich los und sie habe ihr Leben wieder. Was immer das heißen mag.«
   »Sie hat was zu dir gesagt? Ich glaube, ich spinne! Diese miese, dreckige Schlampe hat was zu dir gesagt?«, forderte er von Scott eine Wiederholung ein, denn er konnte es nicht glauben und traute seinen Ohren nicht. Dabei war ihm egal, dass er die Frau, welche Scott geboren hatte, in seinem Beisein beschimpfte.
   »Meine Mutter wollte mich entweder in ein Heim oder zu meinem Dad, also zu dir, geben. Das hat sie ja auch gemacht. Mich bei dir abgesetzt und ist weggefahren. Ich war aber nicht böse oder so. Ich habe nichts gemacht!«
   Lukes Mund stand offen, und er starrte Scott kopfschüttelnd an. Dass Britney nur hinter seinem Geld her gewesen war, war sich Luke durchaus bewusst, aber dass sie Scott derlei Dinge erzählte, um ihn emotional zu erpressen, damit hatte er nicht gerechnet.
   »Scott, hör mir genau zu. Ich liebe dich von ganzem Herzen! Du bist mein Sohn, und ich werde dich nie wieder hergeben. Weder, wenn du was angestellt hast, noch aus sonst einem Grund. Ich mag früher nicht für dich da gewesen sein, und ja, für mich ist es nicht leicht, mich von jetzt auf gleich um dich kümmern zu müssen, aber wir kriegen das hin!« Er musste mehrmals tief durchatmen und schnallte sich wieder an, um die wenigen Meter zum Parkplatz des Dojo zu fahren. »Dich weggeben, ich glaube, du spinnst! Diese miese Schlampe! Na warte, wenn die mir noch einmal unter die Augen kommt«, grummelte er vor sich hin.
   »Aber wenn, gibst du …«, wandte Scott ein, doch Luke drehte sich erneut, diesmal ruckartig, zu ihm um.
   »Nein, Scott. Du bist kein Spielzeug, du bist mein Kind. Glaubst du, Natalie würde Josh einfach hergeben? Was deine Mutter da gemacht hat … Ich weiß nicht, warum, aber du kannst froh sein, dass sie es getan hat. Wärst du lieber in einem Heim oder bei fremden Leuten als bei mir?« Abwartend musterte er Scott und fragte sich, ob es ihm überhaupt bei ihm gefiel.
   »Na ja, du hast wenig Zeit, aber das ist okay. Du musst für den Kampf trainieren, und ich bin gern im Dojo, bei dir und Lamb und den anderen, aber Josh erzählt immer, dass er mit seiner Mom zusammen irgendwohin fahre oder sie gemeinsam essen oder sie ihm ab und an eine Geschichte vorlese, aber nur, wenn er zu müde zum Lesen sei. Seine Mom ist ’ne richtige Mom und … und meine wollte mich nie wirklich. Nanny Matilda war da, aber irgendwann kam sie nicht mehr, und ich war immer allein, bis Mom mich vor deiner Tür abgesetzt hat. Du kannst mich ruhig weggeben.«
   »Scott, hör bitte auf. Ich gebe dich nicht weg.« Es zerriss ihn beinah, seinen Sohn so zu sehen und solche Dinge hören zu müssen. Was hatte Britney all die Jahre mit dem armen Jungen gemacht?
   »Ich verspreche dir, dass wir ab sofort mehr Zeit miteinander verbringen und ich dir ein besserer Dad sein werde. Und noch etwas, Scott, ich gebe dich nicht weg. Weder in ein Heim noch zu Joshs Mom. Du bist mir das Wichtigste auf der Welt. Ich bin dein Dad und werde es immer bleiben. Wir zwei halten zusammen. Du magst Josh, und wenn ihr beiden miteinander spielen wollt, könnt ihr euch gern bei uns oder bei ihm treffen. Sollte es für seine Mom okay sein, auch im Dojo. Scott, du kannst immer zu mir kommen und mit mir reden. Du stehst an erster Stelle. Das, mein Sohn, schwöre ich dir, bei allem, was mir heilig ist!«
   Scott seufzte, fast, als ob eine schwere Last von ihm abfiel, und nickte zaghaft. Luke rieb sich über das Gesicht, atmete tief durch und fädelte sich in den Verkehr ein.
   Beim Seiteneingang des Dojo angekommen stieg er aus, umrundete den Wagen und zog Scott in seine Arme, bevor dieser richtig ausgestiegen war. Er hielt ihn fest, drückte ihn an sich und musste schwer mit seinen Emotionen kämpfen, damit ihm nicht das Wasser aus den Augen lief.
   »Ich liebe dich, Scott!«, raunte er, klopfte dem Jungen auf die Schulter und zerzauste sein blondes Haar.
   »Ich dich auch, Dad!«
   Es bewegte Luke tief im Inneren, denn solche Worte hatte er noch nie zu jemandem gesagt. Niemand hatte ihn je wirklich geliebt, aber sein Sohn tat es, und er liebte ihn ebenso, vollkommen selbstlos. Ein wundervolles Gefühl, das er bis zu diesem Zeitpunkt nicht gekannt hatte, breitete sich in ihm aus. Er legte die Hand auf Scotts Schulter, während sie zusammen zum Dojo gingen und gemeinsam durch die Tür schritten.

Den gesamten Freitagabend und Samstagmorgen brütete er über dem Trainingsplan und schien endlich etwas einigermaßen Brauchbares abgefasst zu haben. Luke hoffte inständig, dass es Lamb zusagte und er ihn mit diesem Thema fortan in Ruhe ließe.
   Er stieg aus der Dusche, sprühte sich Deo unter die Achseln und betrachtete sein Spiegelbild, während er sich mit den Händen auf dem Waschtisch aufstützte. Die Linien um seine blauen Augen waren tiefer geworden. Die Züge um seine Mundwinkel wirkten schärfer als noch vor einigen Jahren. Seine Muskeln waren noch immer straff und voll austrainiert, aber er konnte sein Alter kaum verheimlichen.
   Die Narbe an seiner linken Schulter teilte sein Tattoo in zwei Hälften. Die Ärzte hatten versucht, es so gut wie möglich wieder hinzubekommen, aber der Schnitt war nicht gleichmäßig gewesen. Es zerstörte das Gesamtbild, das er an seinem Körper erschaffen wollte, aber gleichzeitig kreierte er sich dadurch neu. Ein Einschnitt in seinem Leben, der alles veränderte, seine Grundfeste bis ins Mark erschütterte.
   Tief seufzte er, rieb sich mit dem Handtuch über das Gesicht und über den kahl geschorenen Schädel. Jeden dritten Tag legte er Hand an, um seinen gesamten Oberkörper, inklusive Kopf, in einer einstündigen Prozedur von Haaren zu befreien. Er nahm es gern in Kauf. Schön glatt, kein störendes Haar, nichts. An den Beinen war es ihm egal, aber nicht am Rest seines gestählten Körpers.
   Bei den Damen musste natürlich alles weg sein. Achselhaar, geschweige denn ein Busch zwischen den Beinen, kam nicht infrage. Zarte, glatte, weiche Haut, wohlgeformte, straffe Schenkel, einen flachen Bauch und schöne Apfeltitten. Die Haare gern lang, der Rest war ihm egal. Hauptsache, sie redeten nicht viel, sondern legten sich bereitwillig auf den Rücken.
   Luke schloss die Augen und wollte das Gesicht der Frau aus dem Gedächtnis holen, mit der er als letztes Sex gehabt hatte, doch es kam nicht. Stattdessen formte sich ein anderes Bild. Natalie, wie sie vor ihm kniete. Nein, nicht vor ihm, vor dem Typen mit der Kamera, dem sie in die Augen blickte.
   Wieder diese Natalie. Drall, viel zu üppig an den Hüften und mit einem ausladenden Hinterteil. Wie konnte eine Frau, die offensichtlich so wenig seinem Beuteschema entsprach, dermaßen oft seine Fantasie anregen und seine Gedanken beherrschen? Es musste an diesem verdammten Film liegen. Dem einzigen, den er hatte finden können. Fast bedauerte er es, doch vielleicht war es besser so.
   Wäre seine Suche erfolgreich gewesen und diese Filme noch anregender, hätte er sie wahrscheinlich schon längst flachgelegt. Einfach, um zu sehen, ob sie wirklich ein so guter Fick war, wie es den Anschein hatte. Ein Vollweib, das einen Golfball durch einen Gartenschlauch saugen konnte. Verdammt, er bekam allein bei dem bloßen Gedanken daran eine Erektion. Die Wölbung unter dem Handtuch, das er um seine schmalen Hüften gewickelt hatte, war eindeutig, und sein Penis pulsierte bereits heftig.
   »Kleines Fickstück!«, murmelte er, zog sich das Frottee vom Körper und schloss die Augen, während er Hand an sich legte.
   »Du willst es bestimmt richtig hart, und schlucken willst du auch!« Atemlos trieb er sich, so schnell es ging, zum Höhepunkt. Sein Penis zuckte, und sein Samen spritzte ins Waschbecken.
   »Verdammtes, geiles Stück.« Natalie, immer wieder Natalie. Er brauchte endlich eine Ablenkung und zwar am besten noch heute Abend. Doch wie? Luke konnte Scott nicht allein lassen und so schnell einen Babysitter aufzutreiben, ging erst recht nicht.
   Er spülte seinen Samen fort, wusch sich das Gesicht und das Geschlecht und begann damit, seine Schultern zu rollen. Es entspannte ihn, doch ein zaghaftes Ziehen ließ in innehalten. Der anklingende Schmerz rief ihm in Erinnerung, dass er dringend einer Massage bedurfte. Jetzt musste er sich aber für das Barbecue fertigmachen und nachsehen, ob sich sein Sohn schon vom Fernseher losgeeist hatte.
   Als er die Badezimmertür zu seinem Schlafzimmer öffnete, hörte er Scott reden und wunderte sich, mit wem er sich unterhielt. Um dies herauszufinden, schob er die Tür zum Flur auf. Es schien jemand da zu sein, denn er konnte eindeutig eine zweite Stimme erkennen, die aber ziemlich komisch klang. Er ging den Flur entlang ins Wohnzimmer, und dort saß Scott am Esstisch vor seinem kleinen Netbook und hatte anscheinend einen Videochat mit Joshua.
   »Mom ist den ganzen Tag schon so komisch. Ich glaub echt, es geht um meinen Grandpa.«
   »Meinst du? Was, wenn sie dich einem neuen Dad vorstellen will?«
   »Nee Bro, glaub ich nicht. Mom überlässt mir die Entscheidung, ob einer ihrer Freunde mein Dad sein soll. Sie meinte mal zu mir, wenn ich zu jemandem Dad sage, müsse ich es auch fühlen. Wir haben für meinen Grandpa ein tolles Fotoalbum gebastelt. Das hat sie in blaues Geschenkpapier total schön eingepackt.«
   »Vielleicht trefft ihr ja deinen Dad auf dem Geburtstag.«
   »Weiß nicht, sie erzählt nie von ihm. Wenn ich sie frage, sagt sie nichts dazu. Ich hoffe, dass er so cool ist wie dein Dad. Ich hab mal seinen Kampf gegen Venom gesehen. Mom hat DVDs mit den besten MMA-Kämpfen, und da war er dabei. Hat den Kerl richtig verkloppt.«
   »Meinst du, wir können uns den mal ansehen, wenn ich bei dir bin?«
   »Klar, Mom lässt mich öfters die Kämpfe sehen. Sie sagt aber immer, dass ich zwischen dem Käfig und dem normalen Leben unterscheiden müsse. Die Kämpfer seien normale Leute und tuen nicht jedem weh und so.«
   »Siehst du ja bei meinem Dad.«
   »Ja genau. Mom tut schon eher jemandem weh, bei der Arbeit.«
   »Echt? He?«
   »Ja, ab und an, wenn sie späte Termine hat, bin ich bei ihr im Studio, und die Männer stöhnen immer so laut und keuchen. Klingt, als ob sie was … Ja? Mom … Ja, Mom, mach ich! Bro, ich muss duschen gehen. Ich melde mich, sobald ich mehr weiß!«
   »Ja cool, mach das. Ich schreib dir, wie die Party von Lamb ist.«
   »Okay, bis dann, Bro!«
   »Bis dann, Bro!«
   »Scott, hast du schon geduscht?«, fragte Luke, und Scott zuckte ertappt zusammen.
   »Ähm, nein. Ich hab eben mit Josh gechattet«, erklärte ihm sein Sohn, der nebenbei das Netbook schloss.
   »Gut, dann geh jetzt unters Wasser, wir sind schon spät dran, und ich will nicht als Letzter dort auftauchen«, gab Luke vor, während er Scott musterte. »Was macht Joshs Mutter eigentlich beruflich? Weißt du das?«
   »Ähm, Josh hat erzählt, dass sie Leute massiere. Sie habe ein Massagestudio oder so.«
   Die Antwort ließ Luke erschaudern, und eine Gänsehaut lief über seinen Körper. Und Joshua wunderte sich, warum die Spättermine immer stöhnten und schrien. Sie war also nicht mehr im Filmgeschäft, sondern in einem anderen Metier aktiv.
   Luke konnte sich der Flut an Bildern, die vor seinem inneren Auge aufkamen, kaum verwehren, und fragte sich, ob sie ihm vielleicht sogar eigenhändig Abhilfe schaffen könnte. Wenn sie eine Professionelle war, erklärte dies auch das Leuchten in den Augen von Scotts Direktor, als sie ihm ihre Karte gegeben hatte. Wahrscheinlich hatte er noch am selben Tag einen Termin bei ihr gemacht und sich ordentlich massieren lassen.
   Luke nahm sich vor, herauszufinden, wo das Studio war. Sie spukte permanent durch seine Gedanken und sollte mal schön Hand an ihn legen und ihm den Verstand rauswichsen. Schließlich diente sie für seine häufige Handarbeit als Vorlage. Sie konnte gleich mal zeigen, ob an seinen Fantasien wirklich was dran war.

Der Trainingsplan für Val lag auf dem Beifahrersitz, während Luke und Scott zu Lamb fuhren. Das zweistöckige Gebäude mit dem saftig grünen Rasen stach kaum unter den anderen in dieser Straße befindlichen Häusern hervor. Eine gute Wohngegend, da zeigten die Leute gern, was sie hatten. Ein freier Parkplatz an der Straße war dennoch nicht zu ergattern, daher bog er um die nächste Ecke und wurde fündig. Sie mussten zwar einige Meter laufen, aber dies brachte weder Scott noch Luke um.
   Das Geschenk für seinen Coach hatte er sicherheitshalber im Kofferraum deponiert. Der dreißig Jahre alte Single Malt sollte keinen Schaden nehmen. Von Lamb wusste er, dass er einem guten Tropfen nie abgeneigt war und einige gute schottische Whiskys in seiner Bar vorweisen konnte.
   Sobald der Wagen in der Parklücke stand, sprang er hinaus. Sie waren weit später angekommen als gedacht, da sich auf der Strecke eine neue Baustelle befand und er daher einen Umweg fahren musste. Es ärgerte ihn, dass sie wohl die Letzten sein würden, und öffnete hastig die Heckklappe.
   »Scott, jetzt mach endlich«, rief er seinem Sohn zu, der noch im Wagen saß und auf seinem Handy herumdrückte.
   »Ja, Dad!«, kam es genervt zurück, und Luke fragte sich, warum ausgerechnet sein Sohn nie so funktionierte, wie er sollte. Das Geschenk unter dem Arm schlug er die Klappe zu.
   »Scott, jetzt mach endlich!«
   »Ja, Dad.«
   »So, wie du das sagst, kann es auch Leck mich doch heißen.«
   »Ja, Dad!«
   Irritiert sah er Scott an, doch er starrte noch immer auf das Display.
   »Hörst du mir überhaupt zu?«
   »Ja, Dad.«
   »Scott? Gibst du mir mal dein Handy?«
   »Ja, Dad.«
   »Aha, na dann, her damit!«, forderte Luke und nahm es ihm, ohne zu zögern, aus den Fingern. Scott wollte sich daran klammern, ließ es aber nach einem Blick in seine Augen bleiben und stieg endlich aus dem Auto.
   Luke schloss den Wagen ab, und sie machten sich auf den Weg. Mit roten Ohren trottete Scott maulend hinter Luke her, der das Smartphone in seiner Hosentasche verschwinden ließ. Vor Montagfrüh würde sein Sohn es nicht wiedersehen. Er musste endlich hart durchgreifen. Zwar hatte das Ding eine Flatrate, und der Junge konnte unbegrenzt surfen und telefonieren, aber musste er es deswegen nie mehr aus der Hand legen? Das hatte er nun davon, dass er seinem Sohn dessen Wünsche erfüllte und zu lange zu nachgiebig mit ihm umgegangen war. Damit war nun allerdings Schluss.
   »Scott, benimm dich auf der Party. Bleib in meiner Nähe und geh niemandem auf die Nerven.«
   »O Mann, Dad, warum hast du mich überhaupt mitgenommen?«
   »Weil Lamb uns beide eingeladen hat. Du magst ihn doch. Es sind bestimmt auch andere Kids da.«
   »Die kenne ich aber nicht.«
   »Na und? Dann lernst du sie kennen.«
   Luke hoffte inständig, dass dieses Kennenlernen anders ablaufen würde als mit Joshua. Die Hände seines Sohnes waren in dessen Jeans vergraben, und er schmollte wegen des abgenommenen Handys.
   »Du nimmst um dich herum nichts mehr wahr, wenn du das Ding in der Hand hast.«
   »Aber Dad, Josh hat mir grad was geschrieben, und ich wollte ihm nur noch schnell antworten.«
   »Mag sein, du bekommst es wieder.«
   »Wann?«
   »Montag!«
   »Montag?«
   »Ja, und jetzt ist Ende der Diskussion!«
   »Du bist doof, Dad!«
   »Prima, dann hätten wir das ja geklärt!«
   Das Gemurmel seines Sohnes ignorierte Luke, denn es klang verdammt nach Arschloch.

Vor der Tür zu Lambs Haus angekommen betätigte Luke die Klingel und wartete tief durchatmend, bis sie sich öffnete. Janet, in ein hautenges, knielanges Sommerkleid gehüllt, öffnete ihm die Tür. Diese Frau war einfach umwerfend hübsch und raubte ihm schlicht den Atem. Solch eine Fackel konnte er sich an seiner Seite vorstellen. Verdammt, dieser alte Schweinehund hatte ein Glück.
   »Ah, Cut! Schön, du hast es geschafft. Oh, und da ist ja auch dein Sohn, Steve«, begrüßte sie ihn, und Luke ließ es sich nicht nehmen, ihr, während sie sich die Wangen küssten, eine Hand locker auf die schmale Taille zu legen. Kurz stellte er sich vor, wie diese Granate vor ihm im Bett kniete, doch wischte er den Gedanken schnell fort. Er wollte Lamb nicht mit einer Erektion, die dessen Ehefrau bei ihm hervorgerufen hatte, zum Geburtstag gratulieren.
   »Ich heiße Scott«, nörgelte sein Sohn, doch Janet überging es mit einem Lächeln.
   »Kommt rein. Lamb ist im Garten, immer der Nase nach.«
   »Danke.«
   Luke schritt, gefolgt von Scott, durch den Eingangsbereich des Hauses, bis sie durch die offene Terrassentür hinaus in den riesigen Garten traten, in dessen Mitte ein Pool mit Jacuzzi zum Planschen einlud.
   Es waren jede Menge Leute da, die Luke kannte, und noch mehr, deren Bekanntschaft er bis jetzt nicht hatte machen können. Zwei Kampfpromoter, einige ehemalige MMA-Fighter, die früher bei Lamb trainiert hatten und große Erfolge feiern konnten. Luke erkannte einige MMA-Association-Offizielle mit ziemlich heißen Damen am Arm, die sich mit Referees unterhielten. In der Nähe der Bar entdeckte er zudem einige Kämpfer aus dem Dojo, die schon seit vielen Jahren dort waren.
   »Luke! Schön, dass du gekommen bist«, rief Lamb, und er ging schnellen Schrittes auf ihn zu.
   »Lamb! Meine herzlichen Glückwünsche zu deinem Geburtstag.« Er ergriff die Hand seines Trainers und zog ihn in eine kurze Umarmung, die dieser lachend erwiderte.
   »Danke, mein Junge. Nenn mich doch Mike. Wir sind nicht im Dojo, also lassen wir mal die Förmlichkeiten und die Kampfnamen beiseite. Ah, da ist ja die nächste Generation«, erklärte der Coach, und Scott trat schüchtern vor. Zaghaft zog er seine Hände aus den Hosentaschen und reichte die Rechte dem älteren Mann, um ihm zu gratulieren.
   »Herzlichen Glückwunsch, Coach!«, nuschelte er verlegen.
   »Danke Scott, aber nenn mich doch auch einfach Mike.«
   »Okay!«, kam es kleinlaut von Scott, der sich unter all den Erwachsenen bestimmt komisch vorkam. Es war kein einziges weiteres Kind anwesend, und Luke überlegte, ob er das konfiszierte Handy nicht wieder herausrücken sollte. Scott wäre wenigstens beschäftigt und würde keinen Unsinn anstellen.
   »Kommt, ich stelle euch ein paar Leuten vor«, rief Lamb und nickte in Richtung der Promoter, die Luke von anderen Kämpfen her kannte.
   Binnen einer halben Stunde kannte er jeden im Garten mit Namen, wusste, wer wo und vor allem wie mit Michael Bruce Laurence zu tun hatte. Außerdem musste er fast jedem erklären, dass er wieder vollkommen fit und kampfbereit war. Scott langweilte sich zu Tode, stand etwas zapplig daneben und schien flüchten zu wollen.
   Lamb hatte Luke die ganze Zeit über eine Hand auf die Schulter gelegt und stand mit stolzgeschwellter Brust neben ihm. Fast schon väterlich knuffte er ihn ab und an in die Seite, berichtete zudem vom Training und vom anstehenden Kampf. Luke fühlte sich wohl, aufgehoben und vor allem geschätzt.
   Sein Coach band ihn in die Gespräche mit ein, indem er ihn nach seiner Meinung und seinen Erfahrungen fragte. Als das Thema aufkam, wo die Zukunft des MMA läge, zögerte Luke nicht, seine Meinung offen kundzutun. Er erntete erneute Schulterklopfer seines Trainers und viele anerkennende Worte der anderen Gäste. Es kam sogar so weit, dass er sich irgendwann fragte, ob dies wirklich eine Geburtstagsparty war oder nicht vielleicht etwas anderes. Lamb führte ihn in eine Gesellschaft ein, in welcher er zwar bis dato Teilnehmer, aber nie Entscheider gewesen war. Diese Leute hatten Stimmen, bewerteten und entschieden über Schicksale. Zum ersten Mal in seiner Karriere begegnete er ihnen auf Augenhöhe. Luke wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als Lamb ihn zur Seite zog.


   »Hast du den Trainingsplan dabei?«
   »Ja, ich … Scheiße! Der liegt im Wagen. Ich hole ihn schnell.«
   »Mach das. Ich warte hier auf dich, und dann gehen wir in meinen Männerraum.«
   Luke wandte sich mit einem Nicken ab und ging schnell zu dem Pfad, der um das Haus herumführte. Auf halbem Wege hörte er Schritte hinter sich, wandte sich um. Scott kam ihm nachgelaufen. An der Ecke des Hauses holte sein Sohn ihn ein und hielt ihn am Arm fest.
   »Dad, warte!«
   »Bleib doch da, ich bin sofort wieder hier. Ich habe nur den Trainingsplan im Wagen vergessen. Zwei Minuten, Scott.«
   »Ich komme mit.«
   »Ich habe es dir schon gesagt!«, ertönte plötzlich eine schrille Stimme, gerade, als er Scott zurückschicken wollte. »Du bist hier nicht erwünscht, und diesen dreckigen Bastard kannst du gleich mitnehmen. Er will weder dich noch das da sehen. Er wird seine Meinung nicht ändern, egal, was du sagst oder tust. Du bist für ihn gestorben!«
   Scott und Luke sahen sich schockiert an und spähten um die Hausecke, damit sie sehen konnten, wen Janet abfertigte. Es war ein Reflex, dass er Scott die Hand auf den Mund legte, sobald sie sahen, wer dort stand. Niemand sollte mitbekommen, dass sie Zeugen wurden, wie Janet mit Natalie, die einen zitternden Joshua an sich drückte, redete.
   »Janet, er ist mein Vater, und wenn es so ist, wie du behauptest, kann er es mir auch ins Gesicht sagen!«
   »Glaubst du wirklich, ich würde es zulassen, dass du seinen Geburtstag ruinierst? Verschwinde, sonst rufe ich die Cops! Du hast ihm schon genug angetan, willst du ihn noch vor all seinen Freunden und Geschäftspartner bloßstellen?«
   »Ich habe meinem Vater nie etwas angetan!«
   »Ach nein? Pornofilme und Prostitution nennst du nichts? Verschwinde endlich! Du bist der letzte Dreck! Dein Vater erwähnt nicht einmal mehr deinen Namen, geschweige denn, dass er zugibt, überhaupt eine Tochter zu haben!«
   Es trat Stille ein, denn Natalie hatte die Hand vor den Mund geschlagen und drückte ihren Sohn fest an sich, der sein Gesicht an ihrem Bauch versteckte.
   »Ich habe mich nie prostituiert! Wer auch immer diese Behauptung in die Welt gesetzt hat, ist ein widerlicher Lügner!«
   »Ja, natürlich, alle haben immer nur gelogen, außer dir! Nur weiß Mike es besser und glaubt dir kein Wort mehr. Verschwinde, ich habe die Nase voll von dir! Verpiss dich endlich, du dreckige, kleine Nutte!«
   »Mom …« Joshuas hilfloser Ruf schien Natalie aus ihrer Starre zu reißen, und sie schloss die Augen und atmete tief ein.
   »Das ist unser Geschenk für Dad. Gib es ihm bitte. Wenigstens das«, bat sie mit tränenerstickter Stimme.
   Janet lachte kalt auf, schnappte sich das ihr entgegen gehaltene, in blaues Papier gepackte Präsent, wandte sich auf dem Absatz um und öffnete die Haustür, die sie kurz darauf zuschlug.
   »Komm, Josh, lass uns fahren. Wir sind hier nicht erwünscht.«
   »Mom, warum hat die Frau solche Sachen über dich gesagt?«
   »Ich weiß es nicht, mein Schatz. Lass uns gehen.«
   Natalie nahm Joshua an der Hand und ging mit ihm die Auffahrt hinunter zur Straße. Gerade, als sie aus ihrem Blickfeld hinter einer Hecke verschwanden, riss sich Scott los und rannte ihnen nach. Luke fluchte leise und trabte hinter ihm her. Sobald er um die Hecke bog, sah er sie. Natalie hatte ihre Arme um Joshua geschlungen, der sich an seiner Mutter festhielt und sie gleichzeitig stützte, während sie hemmungslos schluchzte.
   Scott stand in etwas Abstand daneben und wagte es augenscheinlich nicht, die beiden anzusprechen.
   Luke ging langsam zu ihm, legte eine Hand auf seine Schulter und blickte ihn mit ernster Miene an, als sein Sohn zu ihm hochsah. Seine Augen forderten ihn auf, etwas zu tun, er war schließlich ein Erwachsener, er konnte etwas machen.
   Sich räuspernd trat Luke näher an die beiden heran. Das Geräusch schien Natalie aufzuschrecken, denn plötzlich löste sie sich von Joshua und sah zu Luke auf.
   »Oh …«, sagte sie, wandte sich ab, um ihre Tränen zu verbergen, und wischte sich über das Gesicht. »Mr. Cuttler.«
   »Mrs. Laurence, alles okay?« Natürlich war nichts in Ordnung, sonst würde sie nicht heulend auf der Straße stehen, doch etwas Besseres fiel ihm nicht ein.
   In ihrem leichten Sommerkleid, das wadenlang ihre Figur umspielte, und der kurzärmligen Strickjacke mit den dazu passenden flachen Sandalen hätte Natalie perfekt in diese Gartenparty hineingepasst. Ihr dunkles Haar war in einen kunstvollen Knoten frisiert, und sie hatte Make-up aufgetragen, das ein wenig ramponiert wirkte.
   »Ja, natürlich«, erwiderte sie.
   »Wirklich?«, fragte er, denn ihre Tränen verunsicherten ihn. Er war ein Kämpfer, kein Tröster oder Frauenversteher. Wenn ihr jemand gedroht oder sie ungebührlich berührt hätte, würde es ihm leichter fallen zu reagieren, doch hier war Feingefühl vonnöten. Etwas, das Luke nicht sein Eigen nannte. Unsicher sah er zu Scott, der ihn verwirrt anstarrte.
   »Ja, ja. Alles gut. Wir haben nur was abgegeben.«
   Warum sie ihm nicht die Wahrheit sagte, war ihm klar, und er wollte sie nicht unbedingt wissen lassen, dass er dieses Gespräch, wenn man es denn so nennen konnte, mit angehört hatte.
   »Warum war die Frau so doof zu dir?«, fragte Scott zu seinem Entsetzen. Sein Herz blieb stehen, und er hätte ihn am liebsten unter den Arm geklemmt und wäre mit ihm zurück zur Party gerannt.
   Natalies Blick huschte von Scott zu Luke, und sie versuchte, ein zaghaftes Lächeln auf ihre Lippen zu bekommen. »Ich … Ich weiß es nicht genau, Scott, aber ich habe einmal etwas Dummes gemacht, einen großen Fehler. Das ist schon lange her, aber manche Menschen haben ein gutes Gedächtnis und vergessen so etwas nie. Die Frau ist mir deswegen noch immer böse.«
   Scott ging langsam auf sie zu und legte ihr eine Hand auf den Arm. »Hast du dich bei ihr entschuldigt?«
   »Scott, es ist so viel passiert, dass selbst das nicht mehr helfen würde. Versucht habe ich es, glaub mir.«
   »Wenn man sich entschuldigt, muss der andere einem auch vergeben!«, stellte es Scott in seiner kindlichen Logik dar.
   »Ja, so sollte es sein, doch manche Menschen können das nicht. Mr. Cuttler, ich will Sie nicht von der Party fernhalten. Bitte … Es ist alles okay«, versuchte sie, die Situation aufzulösen.
   Luke trat an sie heran und legte ihr einen Arm um die Schulter. »Soll ich Sie nach Hause fahren? Sie sind vollkommen aufgelöst.«
   Natalie blickte ihn überrascht ob seines Angebotes an. »Nein, nein. Bitte, es ist wirklich alles okay. Wir gehen zum Wagen, und ich atme ein- oder zweimal tief durch. Dann geht es schon wieder.«
   »Mrs. Laurence, ich weiß nicht, worum es da eben ging, aber …«
   »Lassen Sie einfach. Ist okay. Dad hat allen Grund, auf mich wütend zu sein, doch ich habe all diese Lügen so satt. Er hat seinen Enkel nicht einmal getroffen und … Ach, egal. Komm, Josh, wir gehen ein Eis bei Madeleine essen, schauen noch in der Arkade vorbei und spielen eine Runde an den Air Guns!« Sie klatschte in die Hände, und Luke konnte zusehen, wie sich die Stimmung ihres Sohnes in einer Sekunde von zu Tode betrübt in Himmel hoch jauchzend änderte.
   »Oh, cool! Fahren wir mit, Dad?«, fragte Scott, und seine Augen flehten ihn an.
   »Scott, wir sind hier auf einer Party eingeladen.«
   »Ja Dad, aber es ist dort voll öde und langweilig. Eine Arkade, da war ich noch nie! Bitte Dad!«, bettelte Scott, doch Luke schüttelte den Kopf.
   »Nein, Scott. Wir bringen Mrs. Laurence und Joshua zu ihrem Wagen, ich hole die Unterlagen, und wir gehen wieder zurück.«
   »O Mann, Dad!«
   »Scott, bitte …«, setzte Natalie an und ging vor ihm in die Hocke, um ihm in die Augen sehen zu können. »Du bist ein Gast auf der Party. Wie fändest du es denn, wenn deine Gäste einfach von deiner Geburtstagsparty verschwinden würden? Das wäre doch doof, oder?« Ihre Frage wurmte Scott, das konnte Luke sofort erkennen.
   »Keine Ahnung, ich hatte noch nie eine«, sagte Scott, und seine Antwort traf Luke wie ein Schlag.
   Natalies Blick war anklagend, und Scham stieg in ihm auf. »Er hat bis vor fünf Monaten bei seiner Mutter gelebt«, unternahm er den Versuch, sich zu rechtfertigen, und war total geschockt von den Worten seines Sohnes.
   »Aber du verstehst, was ich meine, oder?«, fragte sie, und Scott nickte nach einigen Augenblicken. »Siehst du.« Sie richtete sich auf, straffte ihren Rücken und unternahm den Versuch eines Lächelns. Es wirkte gequält, dennoch behielt sie es bei. »Komm, Josh.« Sie setzte ihre Sonnenbrille auf, legte ihrem Sohn den Arm um die Schultern und zog ihn mit sich.
   Luke ging mit Scott langsam hinter den beiden her. Natalie hatte direkt vor ihm geparkt, und er öffnete die Beifahrertür, nahm den Trainingsplan und verschloss den Wagen, bevor er an sie herantrat. Sie half Joshua beim Einsteigen auf den Rücksitz. Scott hatte sich mit in den Hosentaschen vergrabenen Händen neben ihr aufgebaut. Er wirkte noch immer bockig und sah Luke böse an.
   »Scott, wenn du jetzt nicht sofort aufhörst zu schmollen, bekommst du dein Handy erst in einer Woche wieder!«, knurrte er ihn an, doch es zeigte keinerlei Wirkung.
   »Scott, es gibt heute bestimmt tolle Sachen zu essen. Die Arkade läuft dir nicht weg, und dein Dad geht bestimmt auch einmal mit dir hin.« Natalies weiche Stimme schien Scotts Zorn verrauchen zu lassen, und als sie ihm die Arme entgegenstreckte, flüchtete er hinein, als wäre es etwas Lebensnotwendiges. Luke strich seinem Sohn über die Haare, während er die Arme um die Mutter seines besten Freundes geschlungen hielt.
   »Hey Fighter, du stehst das heute durch. Ein Fünfrundenkampf, genau das Richtige, damit du zeigen kannst, was für ein Kerl du bist«, erklärte sie ihm, wobei Scott zu ihr aufsah und zaghaft nickte.
   Luke erwartete beinah, dass sein Sohn ein Ja, Mom erwiderte, was er aber glücklicherweise nicht aussprach. Ein Seitenblick zu Joshua offenbarte, dass der Junge noch immer mitgenommen wirkte, von dem, was eben vor der Haustür passiert war. So wandte sich Luke an ihn, musterte ihn eindringlich und hob die Augenbrauen.
   »Alles okay bei dir, Josh?«
   »Ja, Sir«, erwiderte der Junge etwas leiser als normalerweise.
   Luke legte seine Hand auf die schmale Schulter von Joshua, drückte sie und verstrubbelte sein Haar, so, wie er es auch immer bei Scott tat. Den Blick des Jungen konnte er nicht deuten, da er zwischen Überraschung und Unsicherheit hin- und herschwang.
   Als er sich an Natalie wandte, hatte sie Scott bereits aus ihren Armen entlassen, und sein Sohn wartete auf ihn, damit sie gemeinsam in die nächste Runde starten konnten.
   »Scott, geh schon mal vor. Ich muss noch kurz mit Mrs. Laurence sprechen.«
   Scott nickte, blickte aber unschlüssig von Natalie zu Luke und wieder zurück. Erst, als Luke den Mund öffnete, um ihn nochmals aufzufordern, setzte er sich in Bewegung. Natalie schloss derweil die Wagentür.
   »Mrs. Laurence, ich soll Sie wirklich nicht fahren?«, fragte er und blickte sie besorgt an. Sie mochte sich zwar gefasst haben, doch sie war noch immer blass und erschüttert ob der Härte der Worte. Außerdem bot sich ihm eine Möglichkeit, dem Gespräch mit Lamb zu entgehen.
   »Nein, bitte, gehen Sie zurück zur Party. Sie sollten nicht auch noch im schwarzen Buch meines Vaters landen. Es reicht, wenn ich drinstehe. Sie müssen sich wegen mir nicht bei ihm in Misskredit bringen.«
   »Machen Sie sich deswegen keine Gedanken«, erklärte er ihr und strich sich über den Kopf, vergaß aber, dass er beschlossen hatte, diese Bewegung nicht mehr auszuführen. Der Grund dafür schoss sofort durch seine Schulter und ließ ihn zusammenfahren.
   »Fuck«, fluchte er, zog die Schulter ein und legte den Arm in eine Schutzhaltung.
   Sie sah ihn lediglich mit dem ‚Ich hab es Ihnen ja gesagt‘-Blick an, griff an seine Schulter und massierte sie mit gekonnten Handgriffen, bis der Schmerz abgeklungen war.
   »Hatte Dan noch keine Zeit für Sie?«
   »Nein, er ist … Es geht ihm nicht gut. Er ist bei seiner Tochter, und das Dojo bis zu seiner Rückkehr ohne Physio.«
   »Na toll, und so wollen Sie in wenigen Wochen kämpfen? Warten Sie, hier, ich gebe Ihnen meine Karte. Kommen Sie am Dienstagabend gegen zwanzig Uhr vorbei, ich schaue mir Ihre Schulter an. Haben Sie eine ärztliche Anweisung für Massagen und Physiotherapie bekommen, als Sie aus dem Krankenhaus kamen?«
   »Ähm, ja, ich glaube schon. Die hatte ich Dan gegeben.«
   »Dann hat er sie in seinen Akten. Dad soll sie Ihnen geben, dann weiß ich, worauf ich achten muss. Ach, und bitte, erwähnen Sie besser nicht, dass … Ich meine … mich.«
   »Wie Sie wollen, aber auf der Karte steht nichts drauf?«, fragte er irritiert, da lediglich ein schmaler roter Schriftzug auf einer Seite der Karte vermerkt war.
   »Oh, ich habe nur noch die schwarzen Visitenkarten. Auf den weißen steht alles drauf, hier nur die Internetseite. Wenn Sie da drauf gehen, bekommen Sie alles angezeigt. Ansonsten hat Scott Joshuas Nummer.«
   »Okay, um zwanzig Uhr. Warum so spät?«
   »Ich habe bis dahin schon Termine, einen mehr oder weniger … Egal.«
   »Gut, wenn Sie meinen.«
   »Mr. Cuttler, bis Dienstag.«
   »Ja, viel Spaß in der Arkade. Bis Dienstag.«

Kapitel 3
Mit ein wenig Druck

Luke steckte das schwarze Stück Karton in seine Hosentasche. Die Internetadresse SNL-Massagen-und-mehr sagte alles aus. Er überlegte, ob er sich nicht einen richtigen Physiotherapeuten suchen sollte, anstatt diese Frau an sich herumdoktern zu lassen, aber was konnte sie schon groß falsch machen? Bis jetzt waren die Schmerzen immer schnell abgeklungen, sobald sie Hand an ihn legte. Dazu kam, dass sie sicher auch Hand an etwas anderes legte, und somit einem weiteren dringenderen Bedürfnis Abhilfe schaffen konnte.
   Ein schöner Handjob, mit festem Griff und vielleicht ein wenig Blasen würde jede Verspannung in seinem Körper lösen können. Für die Suche nach einem kompetenten Physio hatte er immer noch genug Zeit.
   Sobald sie den Blinker setzte, um loszufahren, wandte sich Luke ab und ging zurück zur Party. Scott wartete an der Ecke auf ihn, und gemeinsam, er hatte sogar den Arm um die Schultern seines Sohnes gelegt, betraten sie den Garten.
   »Ah, da bist du ja, mein Junge«, rief ihm Lamb entgegen und klopfte ihm auf die linke Schulter. Luke versuchte, nicht zusammenzuzucken, was ihm gelang, denn allein die Worte des Trainers irritierten ihn so, dass er den Schmerz komplett vergaß.
   Seine Tochter wollte er nicht mehr sehen, aber ihn, einen vollkommen Fremden, behandelte er wie ein altes Familienmitglied. Luke sah zu Scott, der ihn fragend anblickte, und schüttelte leicht mit dem Kopf.
   »Wo um Himmels willen hast du denn geparkt? Am Strip? Ihr zwei wart eine Ewigkeit weg.«
   »Scott hat draußen einen Schulfreund getroffen«, erklärte Luke ausweichend.
   »Ah, na dann. Komm, lass uns kurz reingehen!«, forderte Lamb ihn auf. Er knuffte Luke in die Seite und nickte in Richtung Terrassentür. Luke folgte ihm in einen Raum, gleich links neben der Eingangstür. Es war ein richtiges Männerzimmer. Dort stand nicht nur ein wuchtiger Schreibtisch, sondern auch ein riesiger Flachbildschirm, bei dem Scott, der ihnen hinterhergelaufen war, der Mund offen stehen blieb.
   Luke musste tief durchatmen, da sich sein Sohn zu einer wahren Klette entwickelte. Mit großen Augen lief er durch den Raum, besah sich die Trophäen und Memorabilien, die Lamb während all der Jahre als Kämpfer und Trainer angesammelt hatte.
   »Na, Junge? Beeindruckt, was? Der kleine Gürtel dort oben war mein erster, der große, breite unten mein letzter. Danach habe ich meinen Rücktritt erklärt und mich einzig um das Training der nächsten Generation gekümmert«, erklärte ihm Lamb großväterlich. »Damals war ich vierzig Jahre alt. Heute würde kein vernünftiger Kämpfer, der seine Sinne beieinanderhat, in dem Alter noch im Käfig stehen. Nein, bis dreißig hat man es entweder geschafft, oder man ist ein Krüppel. So sieht es aus. Also, her mit dem Trainingsplan.«
   »Hier. Ich hoffe …« Luke räusperte sich verlegen und zog den Kopf ein.
   »Scheiße, hoffen tun nur Weiber. Ein Mann weiß.«
   »Gut, dann weiß ich, dass der Plan dir zusagen wird.«
   »Genauso spricht ein Kämpfer!«, erwiderte Lamb zwinkernd, öffnete die Mappe mit dem Trainingsplan und überflog jede Seite. Hin und wieder nickte er mit dem Kopf, legte ab und an seine Stirn in Falten oder verzog den Mund. Nachdem er die letzte Seite beendet hatte, hob er den Kopf und fixierte Luke mit seinem scharfen Blick.
   »Also, Junge, bist du wirklich der Meinung, ihn damit auf den Punkt für den Kampf bereitzuhaben?«, fragte Lamb mit kühler Stimme, die ihn ins Wanken geraten ließ.
   Hatte er an alles gedacht? Krafttraining, Sparring, Ruhezeiten, Cardiotraining, Beinarbeit, Technik und sogar die Ernährung und Flüssigkeitszufuhr hatte er durchgeplant. Was wollte der Mann von ihm hören? War er sicher? Scheiße, nein, aber er glaubte und hoffte es. Da ging ihm auf, was der Coach mit seinem festen Blick und der Frage meinte.
   »Ich weiß es, Mike. Ich bin mir sogar vollkommen sicher«, sagte er ihm auf den Kopf zu, mit allem Selbstbewusstsein, das er nun auch spürte.
   »Und damit hast du verdammt recht! Der Plan ist super, ein wenig Nachbessern in den Zeiten und Ernährungsdetails, aber ansonsten kann Val ab morgen schon danach trainieren. Ich bin beeindruckt, hätte nicht gedacht, dass du in der kurzen Zeit etwas dermaßen Brauchbares ablieferst«, gab Lamb mit aufgeblasenen Wangen zu.
   »Danke. Ich weiß das zu schätzen.«
   »Da bin ich mir sicher, mein Junge. Hör zu, ich will, dass du das Training mit mir zusammen überwachst. Klar, du hast viel um die Ohren mit dem kleinen Hosenscheißer dort drüben …«, erklärte Lamb, und Luke blieb beinah das Herz stehen.
   »Ich bin kein Hosenscheißer!«, sagte Scott lediglich kindlich nörglig.
   »Klar Scotti, weiß ich doch«, brummte Lamb beschwichtigend.
   »Mike, ich habe mein Training, und das geht vor. Der Kampf ist in vier Wochen, da muss ich fit sein. Es soll nicht egoistisch klingen, aber Val ist mir, ehrlich gesagt, scheißegal.«
   »Ha, wäre auch schlimm, wenn es anders wäre. Luke, hör zu, dein Kampf ist in vier, seiner in sechs Wochen. Du konzentrierst dich auf deinen Fight, und die heiße Phase übernehmen wir gemeinsam. Er kann von deiner Erfahrung und deinem Biss nur profitieren. Der Junge wird der nächste große Champ, aber nur, wenn wir ihn noch ein wenig formen. Zum Glück seid ihr nicht in derselben Gewichtsklasse, sonst müsste ich mir wahrlich den Kopf darüber zerbrechen, wie ich euch unter Kontrolle halten kann. Also, was denkst du über meinen Plan?«
   »Hm, ich denke, dass ich aus der Nummer nicht so einfach rauskomme. Du wirst mir wahrscheinlich die Hölle heißmachen, wenn ich nicht Ja sage. Also gut, ich bin dabei«, schwenkte Luke nach einigen Augenblicken ein.
   Er wusste nicht, warum er das gesagt hatte, aber allein das Vertrauen, das Lamb in ihn setzte, ermutigte ihn. Nein, er wollte kein Trainer sein oder werden. Dazu war sein Terminplan jetzt schon zum Bersten voll, und erst gestern hatte er Scott versprochen, mehr Zeit mit ihm zu verbringen. Scott zog die Augenbrauen zusammen und wirkte niedergeschlagen.
   »Aber Mike, bevor du jetzt in Jubelschreie ausbrichst, eine Bedingung hätte ich.«
   »Und die wäre?«, fragte der ältere Mann irritiert und musterte Luke eingehend.
   »Die Wochenenden sind tabu. Scott ist mir wichtig, und ich will mehr Zeit mit ihm verbringen. Unter der Woche ist er in der Schule oder danach bei uns im Dojo, doch am Wochenende will ich wie ein normaler Vater zu Hause sein und mich um ihn kümmern«, erklärte Luke mit fester Stimme, die keinen Zweifel an seiner Ernsthaftigkeit aufkommen ließ.
   »Uff, ich dachte schon, es ginge dir um eine Beteiligung an der Börse oder so. Klar, mein Junge, kann ich verstehen. Luke, du hast das Herz eines echten Fighters. Der Bedingung entspreche ich gern.«
   »Gut, dann wäre das ja geklärt. Ach … Bevor ich es vergesse: Da Dan ja noch ’ne Weile ausfällt, muss ich mir einen anderen Physio suchen. Die Schulter zwickt, und ich brauche dringend Tiefenmassagen. Ich hatte Dan den ärztlichen Befund und die Anweisungen gegeben, kannst du sie mir aus seinen Akten heraussuchen? Ich habe Dienstagabend einen Termin bekommen.«
   »Ich sehe gleich am Montagmorgen nach. Versprochen.«
   »Danke, Mike.«
   »Kein Problem. So und nun zu dir, Little Cut«, rief er Scott zu sich, der schnell zu ihm eilte.
   »Soll ich dir mal ein paar Videos zeigen? Meinen kürzesten Kampf zum Beispiel?«
   »O ja, cool«, rief Scott hellauf begeistert.
   »Mike, meinst du nicht, wir sollten zurück zu deinen Gästen gehen?«, wandte Luke ein, doch Lamb winkte lapidar ab.
   »Lass mal, Janet kümmert sich um alles. Denen fällt wahrscheinlich nicht mal auf, dass ich nicht da bin, sind eh keine engen Freunde von mir dabei. Dan ist krank, Tim und Jordan lädt sie nie ein. Sicher kann ich mit denen dort draußen was anfangen, aber glaub mir, die würden mir alle ein Messer in den Rücken rammen, wenn ich ihnen die Gelegenheit dafür böte. Janet ist immer der Meinung, ich müsse mich mehr profilieren und mehr die Schultern mit Offiziellen reiben und so ’n Scheiß.«
   Irritiert zog Luke absichtlich die Augenbrauen nach oben, kommentierte diese Aussage aber nicht. Scott sprang auf das riesige braune Ledersofa und schien gespannt wie ein Flitzebogen zu sein. Er setzte sich etwas langsamer in Bewegung und nahm neben ihm Platz, während Lamb eine DVD aus der Hülle drückte und einlegte.
   »Ich hatte die ganzen Dinger früher auf Super 8-Videofilmkassetten und habe sie vor ein paar Jahren digitalisieren lassen. Gut, die Qualität ist nicht der … Ah, da. Seht ihn euch an, diesen Pisser. Da hatte ich noch Muskeln und vor allem Haare!« Lachend setzte er sich zu ihnen auf das Sofa, verwuschelte Scotts blonde Mähne und ließ den Einmarsch in normalem Tempo laufen.
   Eine viel jüngere Ausgabe von Lamb schritt durch die schmale Gasse zwischen den Zuschauern. Die Musik dröhnte und krächzte aus den Boxen der zum Fernseher gehörigen Hi-Fi-Anlage.
   »War das damals im TV?«, wollte Luke wissen, doch Lamb schüttelte den Kopf.
   »Ne, meine erste Frau, Emanuela, hat es gedreht. Sie und … Sie war bei jedem Kampf dabei. Auch ihre anderen Filme hab ich alle umwandeln lassen.« Mit einem Mal wirkte Lamb bedrückt, und er sackte in sich zusammen. »Ich denke, ich spule mal vor.« Seine Stimme klang plötzlich heiser, aber auch unterkühlt und nüchtern. Lamb drückte den Fast Forward-Knopf, und die Bilder bewegten sich ohne Ton rasant vorwärts. Dennoch konnte Luke erkennen, warum Lamb plötzlich so komisch reagierte. Der jüngere Lamb Laurence blieb neben einem jungen Mädchen, das etwa in Scotts Alter war, stehen und ließ sich von ihr die Wange küssen. Erst dann stieg er in den Käfig, der hinter ihm geschlossen wurde.
   Luke hatte Natalie sofort erkannt. Sie war also wirklich Lambs Tochter, und seiner Reaktion nach zu urteilen, nicht mehr so geliebt wie damals.
   »Holt man sich die Siegerküsschen nicht nach dem Kampf?«, warf Luke feixend ein und wollte eigentlich nur sehen, wie sein Coach darauf ansprang.
   »Kleiner Glücksbringer von einem Fan.« Lambs Stimme war blankes Eis. Nun war sich Luke sicher, dass es besser wäre, wenn er Natalie ihm gegenüber nie erwähnen würde. Dies musste er auch Scott klarmachen, der Natalie zum Glück nicht erkannt hatte, da er zu sehr auf Lamb geachtet zu haben schien.
   »So, und jetzt geht es los!« Der Gong ertönte, und der Referee gab den Kampf frei. Eine Uhr zählte zwar nicht runter, aber Lamb ersetzte sie in Perfektion.
   »Eins, zwei, drei …«
   Die Kämpfer kamen zum Schlagabtausch zusammen.
   »Vier, fünf, sechs …«
   Lamb holte aus und knallte seinem Gegner die Faust gegen das Ohr.
   »Sieben, acht, neun …«
   Der andere Kämpfer wankte, Lamb drehte sich blitzschnell und erwischte erneut den Kopf, diesmal mit einem gut platzierten High-Kick.
   »Zehn, elf, zwölf …«
   Der Gegner fiel wie ein nasser Sack zu Boden und bewegte sich nicht mehr.
   »Dreizehn, vierzehn, fünfzehn, sechzehn!«
   Der Referee zählte den Gegner unnötigerweise an und beendete den Kampf. Sofort riss Lamb die Arme nach oben, die Sanitäter stürmten in den Käfig, um nach dem ohnmächtigen Gegner zu sehen, und man erklärte Lamb zum Sieger nach K. o. in der ersten Runde.
   »Sechzehn Sekunden. Damit halte ich noch immer den Rekord«, erklärte er einem völlig faszinierten Scott.
   »Cool, kann ich den Film Josh zeigen? Der findet ihn bestimmt auch total cool!«, bat er Lamb, der ihn fragend ansah.
   »Wem?«, wollte er wissen, und Scott sprang auf. Luke schluckte und hoffte, er würde Natalie nicht erwähnen.
   »Na, mein bester Bro! Er ist auch ein großer Fan von MMA-Fights«, erklärte Scott voller Enthusiasmus.
   »Ah, na dann. Gut, ich leihe sie dir, aber Scott, ich will die DVD so wiederhaben, wie du sie bekommen hast!« Lamb stand auf und verharrte plötzlich mit leerem Blick vor dem Bildschirm. Natalie war ihrem Vater gerade um den Hals gefallen, und eine Frau, die ihr ähnlich sah, küsste ihn leidenschaftlich.
   Sein Coach atmete mehrmals tief durch, bevor er die DVD stoppte und den Player öffnete.
   »Wer war die Frau da eben?«, wollte Scott in seiner kindlichen Neugier wissen.
   »Das war meine erste Ehefrau, Emanuela, und bevor du fragst, sie starb vor vielen Jahren an Krebs. Mehr möchte ich dazu nicht sagen. Ihr zwei geht jetzt besser wieder auf die Party.«
   Damit war das Gespräch beendet, und Lamb drückte Scott die DVD in die Hand. Der Coach wandte sich ab, zog eine andere Hülle aus der Sammlung und legte die silberne Scheibe in den Player ein, während Luke seinen Sohn näher an sich heranzog. Knapp nickte Lamb ihm zu, und sie verließen den Raum, ohne einen Blick zurückzuwerfen.

Auf dem Heimweg schwieg Scott vor sich hin, während er aus dem Seitenfenster blickte. Luke war es recht, denn so konnte er in Ruhe seinen Gedanken nachhängen. Er grübelte die ganze Zeit, warum der Coach ihn mehr in die Trainerrolle hineindrückte, wo er doch wusste, dass er noch einmal angreifen und kämpfen wollte. Was bezweckte Lamb damit? Sicherlich konnte jeder halbwegs gute Kämpfer, der seinen Körper kannte und sich nicht nur auf andere verließ, einen ebenso guten Trainingsplan aufstellen. Wahrscheinlich würde Lamb ihn bei Val sowieso nicht einsetzen, aber warum sollte er ihn dann erstellen? Außerdem hatte der Coach sogar gesagt, dass sie Val gemeinsam trainieren sollten.
   Als er es müßig war, sich den Kopf zu zerbrechen, flogen seine Gedanken zu Natalie und Lambs Reaktion, als er sie plötzlich auf dem Bildschirm gesehen hatte.
   Selbst, nachdem er etwa eine halbe Stunde später wieder im Garten aufgetaucht war, hatte seine gedämpfte Stimmung noch immer angehalten.
   Es musste etwas Schlimmes zwischen den beiden passiert sein, denn Luke glaubte nicht, dass er sie grundlos verstoßen haben mochte. War er wirklich wegen dieses Pornofilmchens dermaßen sauer auf sie oder gab es noch einen anderen Grund? Was um alles in der Welt konnte Natalie getan haben, dass ihr Vater nicht einmal ihren Namen aussprach, geschweige denn zugab, eine Tochter zu haben?
   »Warum war Lamb vorhin so doof?«, fragte Scott und riss ihn aus seinen Gedanken. »War es wegen Joshs Mom? Ich weiß nicht, was er hat, sie ist total nett, und diese blöde Janet hat gemeine Sachen zu ihr gesagt.«
   Scott bewies ihm damit, dass er weit mehr mitbekommen hatte, als er bisher gedacht hatte.
   »Du hast sie erkannt?«, fragte er sicherheitshalber noch einmal nach.
   »Ja, klar. Sie war damals schon total hübsch. Warum erkennt ihr Vater sie heute nicht mehr?« Scott wirkte vollkommen verwirrt.
   »Ich weiß es nicht, Scott, aber … manchmal … Ich weiß es wirklich nicht.« Luke überlegte krampfhaft, wie er Scott klarmachen sollte, dass es besser wäre, Natalie und Joshua gegenüber Lamb nicht zu erwähnen.
   »Dad, denkst du, es ist besser, wenn wir ihm nicht sagen, dass wir sie kennen?«
   »Ja, Scott, das denke ich. Ich suche mir zwar immer noch aus, mit wem ich befreundet bin oder nicht, doch glaube ich, dass sie ein guter Mensch ist. Sie mag einen Fehler gemacht haben, aber man sollte auch verzeihen können.«
   »Ja, Dad, eben. Ich finde das doof von Lamb. Er ist Joshs Opa, aber er kennt ihn nicht einmal, dabei ist er der beste Freund, den man sich vorstellen kann.«
   »Dann sind die beiden ab sofort unser Geheimnis. Wir erwähnen sie nicht gegenüber Lamb, und fertig.«
   »Okay!«, willigte Scott, nachdem er einen tiefen Seufzer in die Freiheit entlassen hatte, knapp ein.
   Scott wandte seinen Blick wieder aus dem Fenster, und Luke konnte sich nur über seinen Sohn wundern. Er hatte genau mitbekommen, was los war, und sogar instinktiv richtig reagiert, indem er den Mund hielt. Luke war mächtig stolz auf ihn und zwinkerte ihm im Rückspiegel zu, als sich ihre Blicke trafen.

Den Rest des Abends verbrachten sie vor dem Fernseher und sahen sich Lambs alte Kämpfe an. Er war wirklich gut gewesen. Ein schneller Fighter, mit viel technischer Finesse. Am Boden fast unschlagbar, und seine Schläge hätten wohl auch Luke in arge Bedrängnis gebracht.
   Natalie war bei jedem Kampf dabei gewesen, genau wie ihre Mutter. Beide saßen stets in der ersten Reihe, und bei jedem Einmarsch holte sich Lamb vorher einen Glückskuss bei ihr ab. Luke spürte einen Stich, wann immer er das Mädchen jubeln sah. Wie sie ihren Vater anhimmelte, und wie er sie stolz auf seine Schultern setzte. Dies zu sehen, traf ihn. Er legte den Arm um Scott und zog ihn näher zu sich heran.
   Sollte er jemals mit ihm im Unreinen sein, er würde alles daran setzen, dass sein Sohn und er wieder miteinander klarkamen. Niemand würde sich je zwischen sie drängen. Viel zu viele Jahre mit ihm hatte er bereits verloren, und er hasste Britney deshalb nur noch mehr. Wie konnte er jemals so dumm gewesen sein und den Jungen kampflos dieser miesen Schlampe überlassen? Viele verpasste Momente, unwiederbringlich zerronnen. Die ersten Schritte, die ersten Worte und alles andere. Nein, Scott würde auf ewig bei ihm bleiben. Niemand würde ihm seinen Sohn je wegnehmen.
   Scotts Kopf fiel auf seinen Schoß, und er atmete regelmäßig. Er schlief tief und fest, während er ihm sachte durchs Haar strich. Wenigstens war sein Schopf naturblond, genauso wie bei ihm. Allerdings hoffte Luke, dass sie ihm nicht auch ausgehen würden. Schließlich war er schon mit fünfundzwanzig Jahren fast kahl gewesen und rasierte sich die Restbestände seither immer ab.
   Was wohl später einmal aus Scott werden würde? Ein Kämpfer wie Luke? Wohl eher nicht, dazu fehlten Scott der Biss und der Willen. Vielleicht kam das noch? Luke hatte nie eine Wahl gehabt, wurde von seinem Vater ins Training geprügelt und durfte nie etwas anderes werden, geschweige denn darüber nachdenken.
   Worin lagen Scotts Stärken? Wieder ein Punkt, bei dem er schlucken musste. Er wusste es nicht. Konnte sein Sohn schnell laufen? War er gut in Mathematik, oder konnte er gut lesen? Es musste dringend etwas geschehen. Gleich morgen würde er sich, nachdem er seine zehn Meilen gelaufen war, viel Zeit für ihn nehmen.
   Vorsichtig hob er Scott an und trug ihn in dessen Schlafzimmer, um ihn auf dem Bett abzulegen. Er setzte sich einen Moment daneben und hörte zu, wie er leise atmete. Nach einer Weile wurden seine Glieder schwer, und er legte sich neben Scott, um ihn weiter zu beobachten. Irgendwann übermannte es ihn, und er schlief neben ihm ein.

Luke erwachte mit einem Gewicht auf der Brust, das ihn auf die Matratze presste. Er konnte kaum seinen Kopf heben, aber er erkannte sofort, dass es Scott war, der in der Nacht auf ihn gekrabbelt sein musste. Er lag eingerollt auf seinem Oberkörper, und Luke fragte sich, wie sein Sohn dieses Wunder vollbracht hatte. Seinen Kopf wieder auf das Kissen ablegend, atmete er so tief durch, wie es ihm möglich war, und genoss sogar das Gefühl des Erdrücktwerdens.
   Scott war den gesamten gestrigen Nachmittag und Abend nicht von seiner Seite gewichen, außer einmal, als er ihn mit der DVD zum Wagen schickte, damit er sie ins Handschuhfach legte. Nicht mal aufs Klo hatte er allein gehen können. Scott klebte an ihm wie ein Kaugummi unter dem Schuh.
   Hatte er tatsächlich so große Angst, allein gelassen zu werden? Bis jetzt machte es ihm nie etwas aus, wenn Luke morgens Joggen ging oder ihn, zwecks Lebensmittelbeschaffung, allein zu Hause ließ. Vielleicht waren es die fremde Umgebung und all die unbekannten Menschen gewesen, wegen denen er sich anstellte. Luke wollte abwarten, bevor er in Panik verfiel, dass sich sein Sohn zu einem Angsthasen entwickelte oder durchdrehte, wenn er einmal länger allein zu Hause blieb. Wahrscheinlich war es auch nur die Sorge, irgendwo zurückbleiben zu müssen. Schließlich hatte seine Mutter ihn einfach vor seiner Tür abgestellt und war davongerast.
   Vorsichtig schob er ihn von seiner Brust auf die Matratze. Scott rührte sich nicht einmal, als er ihm die Decke über den Körper zog und langsam aus dem Bett stieg. Draußen war es noch dunkel, und somit die beste Zeit, um sein morgendliches Laufpensum in Angriff zu nehmen. Schnell verließ er das Kinderzimmer in Richtung seines Badezimmers, damit er sich wenigstens kurz die Zähne putzen und das Gesicht waschen konnte. Duschen wollte er nach den zehn Meilen, dann würde es sich wenigstens lohnen.
   Einige Worte für Scott auf einen Zettel kritzelnd, war er auf dem Sprung hinaus, als ihm etwas einfiel. Er fischte die Jeans vom Vortag aus dem Wäschekorb, fand die Visitenkarte in der hinteren Tasche und zückte sein Handy. Im Internet suchte er die Seite und die Adresse und kopierte diese in sein Laufnavi. Das Massagestudio lag zwar nicht auf dem Weg seiner üblichen Strecken, doch es würde nur einen kleinen Umweg von einer halben Meile bedeuten.
   Er speicherte die neue Route, während ihn der Aufzug nach unten ins Erdgeschoss beförderte, und startete das Navi, als er auf den Bürgersteig trat. Nach einigen Dehnungsübungen trabte er langsam an und war in wenigen Minuten in seine übliche Laufgeschwindigkeit eingestiegen.

Das Studio lag hinter der nächsten Ecke. Luke checkte seinen Puls und die zurückgelegte Strecke, bevor er über die Straße lief. Für die sonst vorherrschenden Verkehrsverhältnisse war es noch ruhig an diesem Sonntagmorgen. Allerdings gab es in dieser Gegend hauptsächlich Geschäfte für Einheimische. Die Hotelgäste vom Strip verirrten sich kaum hierher.
   Ein paar Obdachlose wühlten in den Mülltonnen eines Lebensmittelgeschäftes und blickten erschrocken auf, als er, ohne langsamer zu werden, an ihnen vorbeilief. Der Hausnummer nach zu urteilen, war er schon in der Nähe. Er sah das Schild mit der Aufschrift: SNL – Massagen und mehr und blieb davor stehen.
   Inhaberin: Solina N. Laurence. Bei diesem Namen stutze er. Wieso nannte sie sich Solina? Bevor er jedoch weiter darüber nachdenken konnte, schreckte er zusammen, denn das Licht hinter der Milchglasscheibe der Eingangstür war angegangen. Jemand kam auf die Tür zu, und Luke blickte sich hastig um. So schnell es ging, lief er über die Straße und huschte in eine schräg gegenüberliegende Gasse, als die Eingangstür des Studios geöffnet wurde.
   Ein großer und kräftiger Mann, der an einer Krücke ging, trat, dicht gefolgt von Natalie, auf die Straße. Sie hatte sich bei ihm eingehakt und trug nur eine Leggins und ein langes Top. Er konnte selbst von seiner Position aus gut erkennen, dass sie keinen BH anhatte und ihre großen Brüste frei schwangen.
   »Babe, du hast mich heute mal wieder richtig rangenommen!«, brummte der Kerl, zog sie an sich und küsste ihre Wange, bevor er umständlich in den Pick-up stieg, der vor dem Studio geparkt war.
   »Genauso, wie du es brauchst, Theo!«, gab sie zurück, lachte, küsste seine Wange und schloss die Fahrertür. Die Seitenscheibe fuhr herunter, und der Mann lehnte sich lässig heraus.
   »Bis Mittwoch, Babe!«
   »Wir sehen uns. Halt die Ohren steif.«
   »Die Ohren? Ha, ich halte immer was anderes steif.«
   »Na, das erklärt einiges.«
   »Jupp! Bye, Babe. Grüß deine Brut von mir.«
   »Mach ich. Bye, Theo!«
   Endlich fuhr der Mann aus der Parklücke und verschwand Sekunden später um die nächste Ecke. Natalie streckte sich, ließ ihre Arme kreisen und atmete tief durch, bevor sie gähnend zurück ins Haus ging und die Eingangstür von innen abschloss.

Lukes Grinsen reichte von Ohr zu Ohr, als er eine halbe Stunde später zu Hause angekommen war. Natalie hatte es diesem großen Brocken von einem Mann also ordentlich besorgt. Fast bedauerte er, dass er sich nicht gleich als nächster Kunde an sie herangewagt hatte, doch er war zu perplex darüber gewesen, um sich auch nur von der Stelle rühren zu können. Er musste bis Dienstagabend warten, doch allein die Vorfreude bereitete ihm schon jetzt unter der Dusche jede Menge netter Fantasien.
   Allerdings kam ihm, während er sich abtrocknete, ein anderer Gedanke. Anscheinend ließ sie für ihre Kunden ihren Sohn allein. Gut, wenn er schlief, bekam er es nicht mit, aber was, wenn er aufwachte? Musste der Junge Zeuge werden, wenn sie die Männer empfing?
   Schnell schob er die Gedanken beiseite, schlüpfte ohne Unterhose in seine liebste ‚Ich muss heute nichts tun‘-Freizeithose und zog sich ein ausgeleiertes T-Shirt über. Es war Sonntag, er hatte sein Sportprogramm für heute erledigt und würde nun das Frühstück herrichten, damit Scott etwas zu essen bekam, wenn er aufwachte.
   Das Display der Mikrowelle zeigte acht Uhr dreißig an, als er sich einen Kaffee aufbrühte. Scott trank Kakao, daher öffnete er den Kühlschrank und stellte mit Entsetzen fest, dass sie nichts im Haus hatten außer sauer gewordener Milch.
   Verdammt, er hatte vergessen einzukaufen. Vor lauter Trainingsplan war ihm dieses wichtige Detail vollkommen entgangen. Die Hände in die Hüften stemmend, überlegte er, was er Scott zum Frühstück machen könnte. Da aber die Möglichkeiten überaus begrenzt erschienen, entschied er sich für die einzig reelle Alternative und ging zurück in sein Schlafzimmer, um sich schweren Herzens etwas Ordentliches anzuziehen.
   Als Scott wach wurde, scheuchte ihn Luke in sein großes Badezimmer, damit er sich den Schlaf aus den Augen waschen und schnell duschen konnte. Eilig holte er ihm einige frische Klamotten, und Scott musste sich anziehen, um mit ihm zu einem der großen Hotels am Strip zu fahren.
   Nach dem überaus üppigen Brunch, mit Pancakes, Waffeln und anderen Leckereien, beschlossen sie zum nahe gelegenen Park zu fahren. Luke wollte mehr Zeit mit Scott verbringen, normale Dinge mit ihm tun, wie jeder andere Vater auch. Er wusste nur noch nicht genau, was das beinhaltete.
   Das satte Grün des Parks wirkte surreal im Kontrast zu der nahen Wüste Nevadas. All das Wasser, das benötigt wurde, um den Rasen in einem solchen Zustand zu halten, erachtete Luke als pure Verschwendung. Dennoch fühlte es sich verdammt gut an, hier herumzulaufen und Spaß zu haben.
   »Spielst du eigentlich Baseball?«, fragte er, während sie zu einer der kleineren Freiflächen schlenderten. Die Sonne brannte und dort gab es einige Bäume, in deren Schatten sie sich aufhalten konnten. Luke erinnerte sich daran, wie die meisten Väter im Park oder im Garten mit ihren Söhnen Bälle warfen und fingen.
   »Ne. Ich mag MMA, sonst nichts. Football und Baseball sind mir zu langweilig. Da passiert kaum was und so«, wiegelte Scott desinteressiert ab.
   »Aber wir könnten doch mal ein paar Bälle werfen und sehen, ob es dir gefällt?«
   »Ähm, ne, Dad. Wir könnten sparren, wenn du willst.«
   Bei dem Vorschlag riss Luke die Augen auf und begann laut zu lachen.
   »Du gegen mich?«, hakte er herausfordernd nach.
   »Klar! Ich komme unter deiner Deckung durch und … zack!«, schlug Scott schattenboxend vor. Luke gluckste belustigt auf, zwinkerte und gebot Scott mit dem Zeigefinger, näher zu kommen.
   »Gut, dann legen wir mal los.« Luke zeigte Scott zwei neue Grundstellungen vom Jiu-Jitsu, einige Schlagtechniken vom Boxen und zum Schluss ein paar gute Kicks, mit denen man einen Gegner gegen die Brust oder sogar gegen den Kopf treten konnte.
   Sie zogen jede Menge Blicke auf sich, da sie laut lachend miteinander rangen und Scott sogar auf Lukes Rücken sprang, um ihn in den Schwitzkasten nehmen zu können. Gerade, als er Scott mit dem linken Arm über seinen Kopf hinweg nach unten heben wollte, geschah es. Ein stechender Schmerz durchzuckte seine Schulter, und Luke ging in die Knie.
   »Dad! Dad, was ist mit dir?«, rief Scott besorgt, als sich Luke mit verzerrtem Gesicht auf dem Boden kauernd die Schulter massierte. Verdammt, wie hatte Natalie so schnell den Schmerz in den Griff bekommen können? Was machte sie anders als er?
   »Na, wenn dich so ein kleiner Pisser schon zu Boden schicken kann, werde ich ja leichtes Spiel mit dir haben!«, sagte eine schneidend kalte Stimme neben Luke, und er blickte, die Zähne aufeinanderbeißend, nach oben.
   »Mit dir werde ich in vier Wochen den Boden des Käfigs aufwischen!«, knurrte Luke, während er sich langsam aufrichtete.
   »Ja klar, Cut. Sicher doch.« Blake Slayer Slane hatte sich über Luke aufgebaut und griente verächtlich auf ihn herab, während eine süße Blondine hinter ihm stand und etwas ängstlich dem Geschehen beiwohnte. In ihrer kurzen Jeansshorts und der leichten Bluse wirkte sie wie ein anständiges Mädchen, aber da sie mit Blake unterwegs war, sollte dies wohl nur Fassade sein.
   Lukes nächster Gegner war eine wahre Herausforderung. Der Kerl war fast einen Kopf größer als Luke und hatte um einiges mehr an Gewicht und Muskelmasse vorzuweisen. Wie ein breiter Turm ragte er vor ihm auf, während Luke langsam auf die Füße kam. Er erwartete keinen Angriff, dafür waren viel zu viele Leute im Park unterwegs, die jederzeit ihre Handys zücken könnten, um eine mögliche Konfrontation in bester HD-Qualität festzuhalten. Blake mochte ein Arschloch sein, aber er war immerhin kein blödes Arschloch.
   »Willst du mich dumm anmachen oder was?«, blaffte Luke, als er sich vor ihm aufbaute.
   »Lass mal, Cut. Wir sehen uns in vier Wochen. Bis dahin, genieß dein Leben und deine Gesundheit, denn wenn ich mit dir fertig bin, wirst du dir wünschen, tot zu sein. Jeden verfickten Knochen werde ich dir einzeln brechen«, prophezeite Blake giftig, doch als Luke laut zu lachen begann, schien es ihn mächtig zu irritieren.
   Die Blondine sah verunsichert von Luke zu Blake und wieder zurück, da sie die Spannungen zwischen ihnen offenbar spüren und gut sehen konnte. Scott stand derweil hinter ihm und gab keinen Laut von sich.
   »Hör zu, ich werde dir sagen, was passieren wird. Du wirst vor mir liegen, und man wird mich zum Sieger nach K. o. erklären. Danach werde ich die kleine Schnecke da, mit zu mir nehmen und es ordentlich krachen lassen. Solche Weiber wie die wollen schließlich nur einen wahren Champ im Bett und keinen aufgeblasenen Steroidhengst wie dich.«
   Luke konnte sich kaum so schnell wegducken, wie die tätowierten Fäuste von Blake schon geflogen kamen.
   »Du dreckiger Wichser! Das ist meine Schwester! Dafür bringe ich dich um«, brüllte Blake und holte weit aus, um nach Luke zu schlagen. Aus dem Nichts tauchte Scott auf und hängte sich mit seinem gesamten Körpergewicht an Blakes Arm, damit er von ihm abließ. Allerdings half es nur wenig, da er Scott mit einer ruckartigen Bewegung abschüttelte, und Scott unsanft auf dem Rasen landete.
   Ein knackendes Geräusch ertönte, was nichts Gutes bedeuteten konnte. »Aua«, schrie Scott, und es wurde klar, dass er sich verletzt haben musste.
   Dennoch konnte Luke nicht zu seinem Sohn eilen, da Blake wie ein wilder Stier auf ihn losstürmte. Erst der Schrei der blonden Frau ließ ihn herumfahren, und Luke konnte endlich zu Scott.
   »Blake! Bist du von allen guten Geistern verlassen? Du hast dem Kleinen das Bein gebrochen«, kreischte die Kleine. In Windeseile fanden sich viele Leute ein, die dem Spektakel beiwohnen wollten.
   Scott weinte laut, während er ihm vorsichtig das Bein abtastete, aber nichts finden konnte. Der Knochen war okay, doch er hatte definitiv etwas gehört, das aus Scotts Richtung kam und verdammt nach einem gebrochenen Knochen klang. Vielleicht war es ja nicht im Bein, sondern woanders in seinem Körper? Er suchte weiter, fand aber nichts.
   »Er muss in ein Krankenhaus. Schnell«, rief die Blondine, wobei Blake schuldbewusst über sie hinweg auf das Geschehen blickte.
   »Ich fahre ihn hin. Komm! Arme um meinen Hals, und ich hebe dich an. Bleib ruhig, Scott.« Luke hob ihn mühelos hoch, schritt mit Scott auf den Armen durch die kleine Traube Schaulustiger und lief schnurstracks zum Parkplatz.
   »Ey Mann! Es tut mir wirklich leid.« Blake trottete neben ihm und sah ängstlich zu Scott hinab, der sein Gesicht an Lukes Schulter verbarg. Luke ließ sich von den Worten seines baldigen Gegners nicht beirren, öffnete mit einer Hand den Wagen und setzte Scott vorsichtig auf dem Rücksitz ab. Nachdem er ihn angeschnallt hatte, schloss er die Tür und lief beinah gegen Blake, der noch immer hinter ihm stand.
   »Was? He? Was willst du Blake? Mir den Tag versauen? Hast du schon! Jetzt verpiss dich gefälligst!«, knurrte Luke und wandte sich ab, um zur Fahrertür zu gehen. Da sah er die junge Frau und musste tief durchatmen. Hätte er sie nicht beleidigt, wäre das alles nicht passiert.
   »Miss …«, setze er an, doch sie fiel ihm direkt ins Wort.
   »Walters. Mrs. Hannah Walters.«
   »Ähm, Mrs. Walters, es tut mir leid, was ich eben gesagt habe. Nichts für ungut, aber bei uns MMA ist es … Nein, es … es tut mir leid. Ich wollte Sie nicht beleidigen oder Ihnen zu nahe treten.«
   Sie nickte lediglich anerkennend, wobei ihr der Schock ins aschfahle Gesicht geschrieben stand.
   »Cut, schick mir die Arztrechnung. Ich kümmere mich darum«, murmelte Blake, doch Luke winkte ab.
   »Lass mal, es gibt nur eine Rechnung, und die begleichen wir in vier Wochen.« Er stieg in seinen Wagen und fuhr so schnell es die Geschwindigkeitsbeschränkung in der Stadt erlaubte in Richtung des nächsten Krankenhauses davon.
   Der Park lag gerade zwei Blocks hinter ihnen, da hörte Scott auf zu weinen und schniefte leise.
   »Hast du ein Taschentuch?«, fragte Luke und hob die Mittelkonsole an, um Scott ein Päckchen nach hinten zu reichen. »Tut es weh? Wo denn genau?«, hakte er besorgt nach, doch sein Sohn schluchzte nur laut auf. »Scott?«, drang er auf ihn ein, aber noch immer kam von hinten keine Antwort.
   Scott schnallte sich plötzlich an einer Ampel ab, was Luke völlig irritierte, und er wandte sich zu ihm nach hinten.
   »Was machst du? Scott?«, rief er aufgebracht und wollte seinen eigenen Gurt lösen, um nach hinten greifen zu können.
   »Dad …«, kam es leise von Scott, dem erneut dicke Tränen über die Wangen liefen.
   Luke hielt in der Bewegung inne.
   »Scott, rede! Sag mir, was ist, und schnall dich bitte wieder an. Wir sind gleich im Krankenhaus.«
   »Da … da müssen wir nicht hin.«
   »Wieso nicht? Scott, du hast dir bestimmt was gebrochen, ich habe es genau gehört.«
   »Ne … Es ist was viel Schlimmeres passiert.«
   »Schlimmer? Was kann schlimmer sein als ein gebrochener Knochen?«
   »Dad … Versprichst du mir, dass du nicht gleich ausrastest?«
   Allein bei dieser Frage hätte Luke stutzig werden müssen. »Ich … Ausrasten? Wieso? Scott, okay … Ich versuche es. Was ist los?«
   »Ich hab mir nichts gebrochen. Dad …«
   »Ja?«
   »Ich bin auf … Ich bin auf mein Handy gefallen.«
   »Und das war das Knacken?«, fragte Luke verwirrt, denn warum sollte sein Sohn wegen eines kaputten Handys derart in Tränen aufgelöst sein?
   »Ja. Ich hatte es in der Hosentasche, hinten, und da bin ich draufgefallen. Tat zwar weh, aber jetzt ist es kaputt.« Scott hielt das kleine Stück Hightech in der Hand und sah so niedergeschlagen aus, als wäre sein gesamtes Leben verpfuscht.
   »Und deshalb hast du geheult?«
   »Hm … Bist du mir jetzt böse?«
   »Warum? Weil du geweint hast? Scott, du hast dir wehgetan. Wieso hast du dich an Blakes Arm gehängt? Er hätte dich schwer verletzen oder töten können! Ist dir das klar? Blake ist zwar in meiner Gewichtsklasse, aber wo der hinschlägt, wächst normalerweise kein Gras mehr. Diese Aktion war dumm von dir. Tu das nie wieder! Ich hätte das schon mit ihm geklärt. Verdammt, Scott! Was hast du dir dabei gedacht?« Nun war Luke in Rage. Der Schock über die mögliche Verletzung seines Sohnes war blanker Wut über dessen Dummheit gewichen.
   »Dad, es tut mir leid. Ich hab nicht nachgedacht. Ich hab …«
   »Nein, nachgedacht hast du wirklich nicht! So eine verfickte Scheiße«, brüllte Luke, und Scott zuckte ängstlich zusammen. Allein diese kleine Reaktion und der Blick aus weit aufgerissenen Kinderaugen legten in ihm sofort einen Schalter um. »Verdammt! Scott, es tut mir leid, ich wollte dich nicht anschreien. Ich … ich hatte nur solche Panik wegen dir. Scheiße … Scott, wenn es eines gibt, womit ich absolut nicht umgehen kann, dann ist es Angst.«
   »Dad.«
   Luke winkte ab. Er musste sich erst einmal sammeln, bevor er sich weiter mit Scott befassen konnte. Das Hupen der Autos hinter ihm schreckte ihn auf, und er fuhr weiter, bis sie zum Parkplatz eines 24/7-Supermarkts kamen.
   »Du bleibst im Wagen!«, wies er Scott an, der sofort die Augen aufriss und ihn panisch ansah.
   »Dad?«
   »Nein, du bleibst im Wagen! Verstanden?«, blaffte er heftiger, als er es eigentlich wollte, sodass Scott ängstlich nickte.
   Luke stieg aus, schloss die Tür und begann, um den BMW herumzulaufen. Scott konnte ihn immer sehen, während er versuchte, seine Wut in den Griff zu bekommen. Ins Oktagon, da gehörte sie hin, aber dieses übermächtige Gefühl hatte weder in seiner Stimme noch in seinem Verhalten etwas verloren. Viel zu sehr hatte er als Kind unter der Wut und den Aggressionen seines Vaters gelitten. Nun musste er sich beherrschen, damit es Scott nicht genauso erging.
   Nach weiteren fünf Runden öffnete er die Tür hinter dem Fahrersitz und stieg neben Scott in den Wagen.
   »Scott, es tut mir leid, dass ich dich angeschrien habe. Es war dumm von dir, dich zwischen Blake und mich zu stellen, aber es war viel dümmer von mir, meine Wut an dir auszulassen. Das Scheißding von Handy hat mir den Hals gerettet. Meine lose Klappe hätte er mir schön gestopft. Zum Glück denkt er jetzt, er hätte dir was getan, und bei seiner Schwester hab ich mich entschuldigt. Also, gehen wir was einkaufen und fahren nach Hause.«
   »Und du bist nicht sauer?«, fragte Scott kleinlaut.
   »Wieso sollte ich sauer sein? Weil du geweint hast? Gut, es ist nicht sehr männlich, aber drauf geschissen. Ich hab auch schon geheult, glaub mir, aber erzähl das bloß keinem. Nicht mal Josh! Verstanden?« Luke rieb sich über das verschwitze Gesicht und schluckte mehrmals. Er konnte sich noch gut daran erinnern, fast, als ob es gestern gewesen wäre. Der Arzt im Krankenhaus hatte ihm gesagt, dass er auf keinen Fall wieder kämpfen dürfe. Die Schulter hielte erneute Schläge nicht aus, und er werde bei einem weiteren Kampf vielleicht zum Krüppel.
   Natürlich schmetterte ihn diese Diagnose nieder, doch er wäre nicht der, der er war, wenn er sich nicht aufgerappelt und zurückgekämpft hätte.
   »Hm, ja. Ich schwöre es. Ich sag es bestimmt keinem.«
   »Gut. Lass uns jetzt was zu essen holen und nach Hause fahren.«
   Scott nickte, schnallte sich ab und verstaute das kaputte Handy in seiner Hosentasche. Sie stiegen aus dem Wagen und betraten den Laden.
   Während sie durch die Regalreihen schlenderten, landeten viele der Dinge im Einkaufswagen, die sie vor wenigen Stunden beim Brunch probiert hatten und von denen Luke der Meinung war, sie allein und ohne Feuerwehreinsatz zu bewerkstelligen. Es musste etwas geschehen. Luke wollte sich umstellen und hoffte, Scott dadurch mehr Aufmerksamkeit und Nähe geben zu können. Vielleicht ergab es sich dann von selbst, dass er nicht mehr so sehr an ihm klebte. Denn je eingehender er über sein bisheriges Verhalten nachdachte, desto schlimmer fühlte er sich dabei, wie er seinen Sohn bisher behandelt hatte.
   »Scott? Was hältst du von Äpfeln?«
   Dem Ausdruck in Scotts Gesicht nach zu urteilen, nicht all zu viel. Allerdings sollte er zumindest einen kleinen Snack mit in die Schule nehmen können.
   »Kannst mir auch einen Schokoriegel oder so einpacken.«
   »Auf keinen Fall! Äpfel oder Bananen, du hast die Wahl.«
   »Dann lieber Bananen. Josh lässt mich auch immer von seiner Banane abbeißen. Die schmecken mir.«
   »Gut, dann Bananen.« Luke legte einen großen Strunk in den Wagen, der sicherlich für die gesamte nächste Woche ausreichen würde.
   »Okay. Sonst noch was?«
   »Ne, ich denke, das ist okay. Du, Dad?«
   »Ja?«
   »Kann ich mal dein Handy haben?«
   »Wieso? Wen willst du denn anrufen?«
   »Josh.«
   »Ich hab aber seine Nummer nicht.«
   »Aber ich.«
   »Wow, du kennst die Nummer auswendig?«
   »Nö.«
   »Und wie willst du ihn dann anrufen?«
   »Gib mir einfach dein Handy, dann zeige ich es dir.«
   »Gut, wie du meinst.« Luke zog sein Smartphone hervor und reichte es Scott, der sich direkt daranmachte, das Internet zu öffnen und etwas zu suchen.
   »Ich rufe einfach seine Mom an. Die hat ihre Handynummer auf ihrer Homepage stehen.«
   »Ah so, na dann. Woher weißt du das?«
   »Hab sie im Internet gesucht!«
   Bei diesen Worten rutschte Luke das Herz in die Hose. Scott hatte genauso nach Natalie Laurence gesucht wie er und war im schlimmsten Fall genauso fündig geworden. Nein, er hatte sogar ihre Handynummer ausfindig gemacht. Was hatte er noch gesehen? Wusste er von dem Porno? Hatte Scott die Bilder gesehen, die auftauchten, wenn man nach Natalie Laurence und Las Vegas suchte? Sein Herz hämmerte gegen seine Rippen, und er hielt den Atem an, als Scott zu ihm aufsah.
   »Alles okay, Dad?«
   »Jap, alles in bester Ordnung«, keuchte Luke. Gut, auf Scotts Netbook hatte er spezielle Filter für die Suche im Internet festgelegt, aber Scott war schlau und konnte solche Dinge bestimmt leicht umgehen oder neu einstellen.
   »Hey, Mrs. Laurence! Ich bin es, Scott. Kann ich bitte mit Josh sprechen?«
   Luke beobachtete seinen Sohn genau, während er darauf zu warten schien, dass sie das Telefon an ihren Sohn weitergab.
   »Hey, Bro! Was machst du?« Scott wartete kurz. »Ach nix, wir sind einkaufen und so. Ich bringe morgen Bananen mit.« Wieder stockte er. »Ja klar, hätte ich. Erzähle ich dir morgen. Ne, hab ich nicht gelesen. Erzähle ich dir morgen. Echt? Cool! Ne, mein Dad steht neben mir. Ist sein Handy.« Scotts Ohren wurden rot und er blickte verstohlen zu Luke. »Erzähle ich dir morgen. Weil … weil es nicht geht … Kann ich nicht. Okay, Bro. Viel Spaß noch. Wir sehen uns!« Er legte auf und reichte das Handy an Luke zurück.
   »Mann, na ihr zwei habt euch morgen aber verdammt viel zu erzählen.«
   »Ja, Dad, haben wir.«
   »Gut, lass uns zur Kasse gehen.«
   »Ja, Dad«, sagte Scott mit leicht genervtem Unterton in der Stimme, und da fiel es Luke plötzlich wieder ein, während sein Sohn bereits einige Schritte vorausgegangen war.
   »Scott«, rief er ihm warnend nach, und er blieb augenblicklich wie angewurzelt stehen.
   »Ja, Dad?«
   »Dieses ja, Dad solltest du dir abgewöhnen. Mir ist nämlich was eingefallen. Du weißt sicherlich, was ich meine, oder?«
   Scott schluckte und neben seinen Ohren färbten sich auch seine Wangen rot ein.
   »Aha! Handyverbot bis Montag. Ich hatte dir das Ding abgenommen. Wie kommt es in deine Hosentasche? He?«
   »Ich … ich …«
   »Scott?« In Lukes Stimme lag Nachdruck, der ihm klarmachen sollte, dass er jetzt auf keinen Fall lügen durfte.
   »Dad … Ich … Heute Morgen im Bad habe ich es aus deiner Hosentasche geholt. Du hast sie in den Wäschekorb geworfen, und ich hatte Angst, du würdest es darin vergessen. Ich habe es aber den ganzen Tag über nicht benutzt. Ehrlich!«
   Luke atmete tief durch und sah ein, dass er wohl oder übel recht hatte. Das Ding war in seiner Hosentasche verschwunden, und er vergaß es schlichtweg. Einzig Scotts gequengeltes Ja, Dad hatte ihn überhaupt daran erinnert. Einerseits konnte er ihm das nicht durchgehen lassen, aber andererseits hatte Scott das Ding den ganzen Tag über nicht angerührt. Er überlegte hin und her, während sie auf dem Weg zur Kasse waren, ob er ihn nun bestrafen sollte oder nicht. Dann kam ihm die rettende Idee.
   »Also Scott, zur Strafe räumst du diese Woche die Spülmaschine aus und ein.«
   »Aber Dad!«, protestierte Scott, doch Luke blickte ihn scharf an.
   »Ja, okay. Ich mache es.«
   »Und was noch?«, hakte Luke nach und wartete auf eine Entschuldigung, aber Scott sah ihn nur verwundert an.
   »Es tut mir leid, Dad?«, gab Luke vor, was Scott mit einem nachdenklichen Nicken annahm.
   »Es tut mir leid, Dad. Ich hätte das Handy nicht nehmen dürfen«, wiederholte er und seufzte herzergreifend.
   Damit war das Thema für Luke beendet, und er zog Scott an sich, legte ihm die Hände auf die Schultern und beugte sich zu ihm hinab.
   »Na, dann sind wir uns ja einig. Ich bin dir nicht böse. Komm, lass uns nach Hause fahren und uns die letzten Kämpfe von Lamb ansehen. Was hältst du davon?«
   »O ja«, rief Scott und sprang aufgeregt auf und ab, während Luke, den Wagen schiebend, hinter ihm her zur Kasse ging.

Luke parkte vor dem Massagestudio und klingelte. Es dauerte kaum zwei Sekunden, da meldete sich eine kindliche Jungenstimme an der Gegensprechanlage.
   »Hallo?«
   »Joshua? Ich bins, Scotts Dad. Luke Cuttler.«
   »Warten Sie am Fahrstuhl, ich komme runter.«
   Der Summer ertönte, und Luke schob die Tür auf. Er ging zum Fahrstuhl, der sich am Ende des Ganges befand. Der Eingangsbereich des Studios war offen und hübsch hergerichtet. Er versprühte eine richtige Wohlfühlatmosphäre.
   Die Türen der Kabine öffneten sich, und Joshua blickte ihm unsicher entgegen.
   »Hallo, Mr. Cuttler. Mom ist noch bei einem Kunden, der hat sich verspätet, und sie bittet Sie, kurz zu warten. Es ist keiner mehr im Studio außer ihr und dem Kunden.«
   »Hallo, Joshua, schön, dich zu sehen. Kein Problem, ich bin froh, dass sich deine Mutter die Zeit für mich nimmt.«
   Joshua drückte die Taste für den dritten Stock, drehte den Schlüssel, der in dem kleinen Schloss in der Konsole steckte, und der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung. Das Studio erstreckte sich über das Erdgeschoss und den ersten Stock, warum sollte er also mit in den dritten kommen? Empfing sie dort ihre speziellen Kunden? Mit einer Gänsehaut harrte er der Dinge, die ihn erwarteten, und war verblüfft, als sich die Türen öffneten.
   »Kommen Sie rein«, bat Joshua und wirkte nervös, als er vor Luke in das Apartment trat. Wahrscheinlich war er noch nie mit einem fremden Mann allein gewesen und hatte womöglich ein klein wenig Angst vor ihm. Immerhin war Luke eine Kampfmaschine und kein Spargeltarzan.
   Luke machte es ihm leicht. Mit einem breiten Lächeln und einem Zwinkern betrat er die Wohnung der beiden. Sich aufmerksam umsehend, schritt er durch den kurzen Flur in den riesigen Raum, der Wohn- sowie Esszimmer und die Küche beherbergte.
   »Nette Wohnung.« Eine Untertreibung. Natalie schien gutes Geld zu verdienen, was dieses Apartment mehr als widerspiegelte.
   »Danke. Mom sagt, wir seien noch nicht fertig eingerichtet. Zwei Zimmer sind leer. Ist ziemlich groß. Möchten Sie was trinken?«
   »Ein Glas Wasser würde ich nehmen.«
   »Okay, ich schaue mal nach. Mom hat gesagt, ich solle Ihnen was anbieten. Hab ich es richtig gemacht?«
   »Du bist ein perfekter Gastgeber.«
   »Cool!«
   Luke gluckste leise, während Joshua in Richtung der offenen Küche ging und dort aus dem Kühlschrank eine Flasche Wasser holte, um Luke ein Glas einzuschenken.
   »Bitte.« Luke war ihm langsam nachgegangen und stand neben der langen, dunklen Kochinsel mit Herd und Tresen. Allerdings gab es auch einen großen Esstisch mit mehreren Stühlen und einem riesigen Blumenstrauß. Alle Möbel und der Teppichboden waren farblich perfekt aufeinander abgestimmt, es gab nichts, was die Harmonie störte. Die Klimaanlage blies angenehm temperierte Luft in den Raum, und Luke fühlte sich wohl und entspannt.
   »Darf ich mich setzen?«, fragte er Joshua, der sofort nickte und neben Luke einen der Barhocker am Kochtresen erklomm. »Schöne Blumen.«
   »Ja, die hat Janice Mom am Samstagabend mitgebracht. Mom liebt so was total. Wir haben immer mindestens einen frischen Strauß hier rumstehen.«
   »Du magst so was nicht?« Es war eine Annahme, basierend auf dem Ton und dem Gesichtsausdruck des Jungen. Joshua zuckte mit den Schultern und wippte unschlüssig mit dem Kopf hin und her.
   »Hm, na ja, sind ganz hübsch. Sind aber Mädchenkram.«
   »Da hast du wohl recht. Deine Mom hat öfters späte Termine?« Ja, er war neugierig und wollte wissen, ob Joshua über die Aktivitäten seiner Mutter im Bilde war.
   »Nein, Mom macht normalerweise um sieben das Studio zu. Meist ist dann noch Jean da, einer der Masseure. Der Kunde jetzt ist wohl irgendein Promi, der einen Extratermin wollte und zu spät kam. Mom war echt sauer, weil ich wegen des Typs allein essen musste. Gerade, als sie dachte, er kommt nicht mehr, und sie den ersten Bissen nehmen wollte, klingelte es an der Tür. Toll! Jetzt muss Mom nachher allein essen, wenn ich schon im Bett liege.« Joshua schien ehrlich brüskiert zu sein und verzog verärgert das Gesicht.
   »Ihr esst jeden Abend gemeinsam?«, hakte Luke nach, was Joshua mit einem heftigen Nicken bestätigte.
   »Ja, jeden Abend. Mom kocht meist was vor oder macht uns einen Salat, und wir essen um Viertel nach sieben, wenn sie ihren Feierabendtee getrunken hat.«
   »Aha, klingt gut. Du magst Salat?«
   »Hm, den Mom macht, schon. Sonst eher nicht, zu viel Mayonnaise. Mom kann gut kochen. Am Samstag gab es Pizza, mit Janice zusammen. Die war wieder so gut, und gestern, als wir vom Lake Mead zurückkamen, hat Mom ihre Lasagne gemacht.«
   Luke musste schmunzeln. Diese Gerichte entstammten wohl eher Tüten oder waren Fertigprodukte, als dass Natalie sie zubereitet hatte, aber der Junge schien seine Mutter geradewegs zu vergöttern, und er würde den Teufel tun, seine Meinung über sie infrage zu stellen.
   »Janice?«, wechselte er das Thema.
   »Moms alte Chefin. Von ihr hat sie alles gelernt und auch bei ihr gewohnt, als ich noch klein war, damals in San Francisco«, erklärte Joshua, wobei seine Augen zu leuchten begannen.
   »Jetzt ist deine Mom aber hier. Warum eigentlich?« Diese Frage brannte Luke unter den Nägeln. Wieso war Natalie zurück nach Vegas gekommen?
   »Na ja, Mom hat das Studio von Janice übernommen, da war ich fünf. Als es richtig gut lief, hat sie gesagt, dass sie eine neue Herausforderung brauche und wir ein weiteres Studio in Vegas aufmachen. Sie war ein paar Mal ohne mich hier, und nach dem Ende des letzten Schuljahrs sind wir hierhergezogen.«
   »Deine Mom hat das andere Studio also verkauft?«
   »Ne, das leitet jetzt Beatrice. Die hat auch bei Janice gelernt und arbeitet für Mom. Wenn Vegas gut läuft, will sie noch eines in Phoenix eröffnen.«
   »Warum Phoenix, und nicht in LA oder San Diego?«
   »Zu viele Anbieter. Mom hat gesagt, in LA sei der Markt übervoll und die Preise tot, was immer das heißen mag. In San Diego sei es nicht besser, aber Phoenix sei gut.«
   »Dann zieht ihr also demnächst weiter?«
   »Keine Ahnung.«
   Joshua wirkte bedrückt, ob der Tatsache, dass er in naher Zukunft möglicherweise wieder umziehen musste, und starrte mit einem Mal nachdenklich vor sich hin.
   »So schnell wird das sicher nicht passieren. Immerhin ist dieses Studio ja noch nicht so lange offen.«
   »Stimmt! Mom sagt auch, dass es hier etwas anderes sei als in San Francisco.«
   Da hatte sie wohl recht, in Vegas gab es bereits ein gutes Angebot solcher Dienstleister, und die unüblichen Öffnungszeiten verwehrten was ihr einen Großteil der Kundschaft, die erst zu fortgeschrittener Stunde loszog.
   Luke trank von seinem Wasser und überlegte, was er noch alles mit Joshua reden könnte, als im einfiel, ihn nach Scott zu fragen.
   »Du und mein Sohn, ihr versteht euch richtig gut, was?«
   »Scott? Klar! Scott ist cool. Erst hab ich gedacht, er wäre ein Lügenar… ähm, nicht ehrlich, weil er behauptete, er sei der Sohn von Cut Cuttler, aber jetzt weiß ich ja, dass es stimmt und so. Er ist ein echter Freund, kein Idiot. Er mag MMA-Kämpfe und so. Kommen Sie, ich zeig Ihnen unsere Sammlung. Wir haben voll viele auf DVD, auch Ihre Kämpfe. Ich finds cool, dass Sie bald wieder in den Käfig steigen. Mom meinte zwar, dass es nicht die beste Entscheidung von Grandpa gewesen sei, Sie unter Vertrag zu nehmen, aber ich bin anderer Meinung.«
   Er zog Luke, der schwer an dieser Aussage zu knabbern hatte, hinter sich her in den Wohnbereich, der von einer riesigen cremefarbenen Couch dominiert wurde.
   Gerade, als sich Luke setzte und Joshua nach der Fernbedienung griff, ging die Fahrstuhltür auf und Natalie betrat den großen Raum.
   »Mom! Cut hat gesagt, ich sei ein perfekter Gastgeber! Ich wollte ihm gerade unsere ganzen DVDs mit den Kämpfen zeigen«, rief er ihr entgegen, was sie zum Schmunzeln brachte.
   Natalie wirkte ein wenig erschöpft, aber sie lächelte Luke freundlich entgegen.
   »Mr. Cuttler. Verzeihen Sie bitte die Wartezeit, ich hoffe, Sie sind mir nicht böse und Joshua konnte Sie gut unterhalten. Ist Scott nicht dabei?« Sie blickte sich um, als Luke ihr entgegenkam.
   »Ähm, nein, ich habe ihn zu Hause gelassen.«
   Das erste Mal allein, zwar mit Babysitter, aber immerhin ohne ihn. Zwar hatte er mit dem Gedanken gespielt, ihn mitzunehmen, es dann aber doch verworfen, da er nicht wusste, was ihn erwartete.
   Sie reichte ihm ihre Hand zum Gruß, und er ergriff sie mit sanftem Druck. Diesmal gab es kein Kräftemessen, weshalb er ihre warme Hand als ein herzliches Willkommen empfand.
   »Oh, okay. Schön, Sie zu sehen. Gut, dann gehen wir am besten nach unten ins Studio.«
   »Gern, ich folge.«
   »Schatz, bis später. Ich denke, so gegen neun, spätestens halb zehn bin ich wieder oben. Machst du den Fernseher bitte wieder aus?«
   »Ja, Mom!«
   »Danke, Sohn!«
   Luke kam Joshuas nörgeliger Tonfall bekannt vor, und er musste grinsen. Es war gut zu wissen, dass es ihm nicht allein so ging.
   Sie fuhren mit dem Fahrstuhl in den ersten Stock hinunter, wofür Natalie wieder einen Schlüssel in der Konsole drehte. Anscheinend konnte man den dritten Stock nur damit betreten oder verlassen.
   »Dient alles der Sicherheit. Man weiß ja nie, auf was für Ideen die Leute kommen.«
   »Stimmt, da haben Sie recht. Was ist im zweiten Stock?«
   »Der Servicebereich. Mehrere Waschmaschinen und Trockner für die Handtücher und ein Aufenthaltsraum für die Mitarbeiter. Dazu noch eine Kinderbetreuung, da einige meiner Angestellten kleine Kinder haben. Eine Nanny kümmert sich um die Mäuse«, erklärte Natalie, während sich die Türen des Fahrstuhls öffneten, und sie das Studio betraten.
   Sanfte Musik und leicht gedämpftes Licht empfingen ihn. Der Duft von warmen Ölen und Räucherstäbchen erfüllte seine Nase, und Luke spürte, wie diese Wohlfühlatmosphäre auf ihn eindrang und er sich allein durch seine Anwesenheit entspannte.
   »Wirft das Studio so viel ab?«
   »Hm, es hat sich gut angelassen. Ich kann mich nicht beklagen. Meine Zielgruppe sind ja auch die Einheimischen und nicht die Touristen. Die kommen eh kaum aus den Hotels raus. Höchstens für einen Ausflug zum Lake Mead und dem Hoover Staudamm oder dem Grand Canyon. Wenn Bedarf an Massagen besteht, haben die Hotels einen Wellnessbereich, und die Gäste besuchen diesen und kommen gewiss nicht hierher.«
   »Dann sind die Öffnungszeiten aber doch eher schlecht gewählt, oder?«
   »Nun ja, ich würde gern länger öffnen, aber mir fehlt das Personal dafür. Ich lege viel Wert auf gut geschulte Mitarbeiter, leider, nun ja … Wie sagt man so schön, gutes Personal ist heutzutage schwer zu finden.«
   Luke nickte zustimmend. Er konnte sich vorstellen, wie schwer es war, entsprechende Damen für ein solches Studio zu bekommen. Gut, die Kinderbetreuung fand er irritierend, aber warum nicht? Auch, dass die Einheimischen die Zielgruppe waren, gab ihm zu denken. Da aber alles um ihn herum edel und geschmackvoll wirkte, glaubte er nicht, in einem 08/15-Puff zu sein.
   »Sie haben die ärztlichen Informationen mitgebracht?«, fragte Natalie, während sie durch das Studio ging und Luke in einen schmalen Raum führte, der von einer Massageliege dominiert wurde. Sie schloss die Tür und deutete auf einen kleinen Tisch mit zwei Stühlen in einer Ecke. »Setzen Sie sich bitte, Mr. Cuttler.«
   »Danke. Ja, Lamb hat sie mir in Dans Büro herausgesucht.« Er zog einen Zettel aus der Hosentasche und reichte ihn an sie weiter.
   »Okay, wollen wir mal sehen. Ah ja. Okay.« Natalie überflog die Anweisungen, runzelte ihre Stirn und blickte Luke forschend an.
   »Mr. Cuttler, Ihr Arzt hat mit Ihnen sicherlich über diese Verletzung und deren Tragweite gesprochen?«
   »Ja, hat er. Seine Meinung ist nicht meine Meinung. Können Sie mir helfen oder nicht?«, fragte er barsch und wollte dieses Thema nicht weiter vertiefen. Wie konnte sie nur aus diesen wenigen Stichpunkten herauslesen, dass er eigentlich nie wieder kämpfen durfte?
   »Nun ja, in Anbetracht dessen, was Sie vorhaben …«
   »Ja oder nein?«
   »Mr. Cuttler, Sie sollten nicht wieder ins …«
   »Ja oder nein?«
   »Ich … Ja, okay. Ja … Ich kann das machen, aber ich werde in jedem Fall keine Garantien oder Verantwortung übernehmen. Ich tue, was ich kann, damit Sie fit genug sind, aber ich sage Ihnen gleich, dass Wunder nicht in meiner Macht stehen.«
   Ihr Ton war genauso barsch wie seiner, was ihn etwas zur Raison brachte. Luke nickte knapp und atmete tief durch. Was tat er hier? Er verließ sich darauf, dass diese Frau, die erotische Massagen anbot, ihm die Schulter für einen Kampf so weit präparierte, dass er in einen MMA-Fight gehen konnte. War er von allen guten Geistern verlassen?
   »Okay, fangen wir an. Ich kopiere mir das hier, wenn es für Sie in Ordnung ist?« Luke nickte. »Gut, dann muss ich Sie noch fragen, ob Sie irgendwelche anderen Beschwerden oder Allergien haben, beziehungsweise, ob Sie Bluthochdruck oder Diabetes haben?«
   »Nein, nichts dergleichen. Nur die Schulter. Na ja, eigentlich bräuchte ich dringend eine komplette Massage. Von Kopf bis Fuß.« Die Erregung, die allein bei diesen Worten in ihm aufkam, ließ ihn erschaudern. Ihre großen Brüste waren züchtig unter einem hellblauen Shirt verborgen, das das SNL-Logo trug.
   Natalie sah nicht aus, als ob sie darunter aufreizende Wäsche trug oder etwas anderes war als eine Masseurin. Eine wirklich perfekte Tarnung für dieses Studio. Kein Sittenwächter käme auf die Idee, dass ein Kunde hier auch das gewisse Mehr erhalten konnte.
   »Für eine komplette Massage fehlt mir heute leider die Zeit. Ich möchte meinem Sohn gern noch Gute Nacht sagen, bevor er einschläft. Sie holen Scott morgen Abend bestimmt ab, oder?«
   »Ja, hatte ich vor.«
   »Okay, dann bearbeite ich heute den Oberkörper, und morgen bekommen Sie eine komplette Tiefenmassage. Wie wir die weiteren Folgetermine am besten ansetzen, können wir morgen besprechen.« Ihr Vorschlag war akzeptabel, und Luke nickte zustimmend.
   »Prima, ich bin gleich wieder da. Sie können sich gern schon freimachen und auf den Hocker setzen.«
   Wieder nickte er und erhob sich mit ihr gemeinsam aus der kleinen Sitzecke. Natalie stellte einen Hocker neben die Massageliege und verschwand durch die Tür. Luke überlegte, ob er sie direkt auf das zusätzliche Verwöhnprogramm ansprechen sollte oder ob sich das aus der Behandlung entwickeln konnte. Unschlüssig zog er das Shirt aus und legte es auf den Sessel, schlüpfte aus seinen Flip-Flops und der Jeans. Nur noch mit einer eng anliegenden Unterhose bekleidet, die kaum verbarg, was er zu bieten hatte, wollte er gerade zu dem Hocker gehen, als Natalie zurück in den Raum kam.
   Erschrocken sah sie ihn an. »Ich habe wirklich nur Zeit für den Oberkörper, sprich, die Schulterpartie. Die Hose können Sie wieder anziehen, Mr. Cuttler.«
   »Nenn mich ruhig Luke. Es wird ja nun ein wenig intimer.«
   »Äh … okay. Trotzdem, zieh die Hose bitte wieder an. Sie wird sicher nicht schmutzig.«
   »Okay … Ähm, ich dachte nur. Okay, gut.« Er schluckte und wollte gerade nach der Jeans greifen, als er seinen Mut zusammennahm und sich stattdessen vor Natalie aufbaute, die mit einer Flasche Massagegel bewaffnet vor ihm stand.
   »Ich glaube, ich kann nicht bis morgen warten, was einen Teil der Komplettmassage anbelangt. Die Beine kannst du außen vorlassen, aber das gewisse Mehr hätte ich heute schon gern gehabt. Komm, Natalie, leg mal ordentlich Hand an.« Er griff sich in den Schritt und umfasste sein Glied, welches sich bereits aufrichtete. Natalie riss entsetzt die Augen auf und wirkte vollkommen geschockt über sein Verhalten.
   »Was um alles in der Welt fällt Ihnen ein? Das hier ist ein professionelles Massage- und Physiotherapiestudio! Ziehen Sie sich auf der Stelle an und verlassen Sie das Studio! Raus«, schrie sie entrüstet, was ihn einen Schritt zurückweichen ließ.
   »Ach, komm schon, zier dich nicht so. Wir wissen doch, dass du ein kleines Luder bist. Diesem schmierigen Direktor hast du doch bestimmt schon ordentlich einen abgewedelt. Ich bin seit Wochen in keiner Möse mehr gewesen, das dauert auch nicht lange bei mir.«
   »Raus, und zwar sofort! Sie widerliches Schwein!« Sie drehte sich um und rannte zur Tür hinaus.

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