Elizabeth Crane kehrt nach Jahren an den Ort ihrer Kindheit zurück. Sie nimmt die Stelle der Oberärztin am St. Elwine Hospital an und widmet sich mit großem Elan ihrer Arbeit. Dank des Einflusses ihrer Freundin Rachel schließt sich Liz der örtlichen Patchworkgruppe an. Bereits nach wenigen Wochen trifft sie auf ihren alten Gegenspieler aus der Highschool - Joshua Tanner. Glaubt er, noch immer der unwiderstehliche Herzensbrecher zu sein? Elizabeth ahnt: Irgendetwas hat sich geändert. Sie kann nicht verhindern, dass ihr Leben erneut kompliziert wird und schon bald steht sie vor der schwersten Entscheidung ihres Lebens ...

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ISBN: 978-9963-724-63-5

Seiten: 512

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Britta Orlowski

Britta Orlowski
Britta Orlowski wurde im Jahr 1966 geboren – eine Schnapszahl, ich weiß, meine Eltern hätten gleich stutzig werden sollen. Stattdessen zogen sie mich mit viel Liebe, Wärme und schönen Geschichten auf. Sie nahmen meine zahlreichen kreativen Experimente gelassen hin und nährten meine ohnehin uferlose Fantasie noch mit zauberhaften Erzählungen über Spielzeug, welches zum Leben erwacht, sobald ich des abends eingeschlafen sei. So wuchs ich also in meiner Geburtsstadt Rathenow auf, absolvierte die zehnklassige polytechnische Oberschule und erlernte den Beruf der stomatologischen Schwester in der Kreispoliklinik. Ich angelte mir einen netten Mann, dem ich sage und schreibe im taufrischen Alter von fünf Jahren zum ersten Mal begegnete und ihn sogleich aus tiefstem Herzen verabscheute. Zum Glück änderte ich später meine Meinung - wir heirateten und gründeten eine Familie. Ihm verdanke ich meine lieben Söhne, die überhaupt die schönsten Babys der Welt waren. Im Erziehungsurlaub wurde mir rasch langweilig. Beim Aufräumen stieß ich auf die Manuskripte aus meiner jugendlichen Sturm- und Drangzeit. Ich begann erneut, Geschichten zu schreiben - nur so für mich. Wenige Jahre später infizierte ich mich mit dem Patchworkvirus und hänge seitdem an der Nadel. Doch auch das Schreiben ließ mich nicht mehr los. Nach einigen Überlegungen kam ich zu dem Schluss, dass es bestimmt einen Weg gibt, beide Hobbies zu verbinden. So entstand mein erster Roman „Rückkehr nach St. Elwine“. Da mir der Abschied von meinen Hauptfiguren am Ende so schwer fiel, war die Idee geboren, daraus mehr zu machen. Eine lockere Serie mit in sich abgeschlossenen Geschichten, die stets am gleichen Ort, dem fiktiven Küstenstädtchen in der Chesapeake Bay, spielen. Nach langem Suchen habe ich ein begeisterungsfähiges Verlagsteam gefunden.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

1. Kapitel


Elizabeth stieg aus dem Jeep und atmete tief ein. Es duftete wunderbar nach Meer. Dieser unverwechselbare Geruch, eine Mischung aus Salzwasser, Seeluft, Essensdüften und Mensch hatte sich unwiderruflich in ihr Gehirn eingegraben. Sie verband ihn mit einem einzigen Ort auf der Welt, St. Elwine, ihrem Zuhause.
   Sie schmeckte bereits wieder das Salz auf ihrer Zunge.
   Jetzt verstand sie selbst nicht mehr, wie sie so lange hatte fortbleiben können. Vor zehn Jahren jedoch wollte sie nur alles endlich hinter sich lassen – die erdrückende Enge der Kleinstadt, die mitleidigen Blicke der Leute, wenn ihr Vater mal wieder betrunken durch die Straßen torkelte – wenn sie mit zerrissenen Schnürsenkeln herumlaufen musste oder im Laden um die Ecke anschreiben ließ.
   Sie sah alles so deutlich vor sich, als wäre es erst gestern gewesen. Das kleine Häuschen, das sie und ihr Vater bewohnten, heruntergekommen, mit abblätternder Farbe, einer Gartenpforte, die den Namen kaum verdiente, nur in einer Angel hing und im Wind herumschlug, leise und quietschend. Dann war da noch der Garten gewesen, verwildert und klein, mit wenigen Büschen und Sträuchern. Die Blumen, die aufs Geratewohl wuchsen, waren nie durch die Hand eines Menschen in ihrem Frieden gestört worden. Dafür hatte Liz keine Zeit gehabt neben der Schule, dem Führen des Haushalts und den zahlreichen Jobs, um wenigstens das Notwendigste bezahlen zu können.
   Liz war von jeher ehrgeizig und zielstrebig gewesen und hatte zudem genau gewusst, was sie wollte. Daher verband sie Intelligenz und Fleiß geschickt zu einer effizienten Kombination, die sie zu einer der jahrgangsstärksten Schülerinnen an der Highschool werden ließ. Es bereitete ihr logischerweise keine größeren Probleme, von einer Universität angenommen zu werden. Somit hatte sie sich ihren lang gehegten Traum vom Medizinstudium erfüllen können.
   Dieser Weg war alles andere als traumhaft gewesen, sondern steinig und lang. Aber wer hatte schließlich schon ein leichtes Leben? Sie war Chirurgin geworden und hatte nun sogar eine Stelle als Oberärztin im Krankenhaus von St. Elwine angeboten bekommen.
   Ihre Kollegen hatten nur verständnislos den Kopf geschüttelt. Sie hätte schließlich eine so vielversprechende Laufbahn vor sich. Liz startete gar nicht erst den Versuch, ihnen ihre Beweggründe plausibel zu erklären.
   »Warum willst du unbedingt in dieses kleine Kaff?«, hatte Tom sie zu guter Letzt gefragt und etwas wie Wehmut klang in seiner warmen Stimme mit.
   Sie hatte ihn stets gemocht, mochte ihn noch immer für seine ruhige, souveräne Art, mit Menschen umzugehen. Sein Verständnis für die Patienten hatte Elizabeth stets beeindruckt. Er war immer ausgeglichen. Nichts schien ihn aus der Ruhe bringen zu können. Doch so widersinnig es klang, genau das war es, was sie an seiner Art gestört hatte. Nie hatte es Auseinandersetzungen zwischen ihnen gegeben, weder einen Streit noch die kleinste Diskussion. Die flüchtige Affäre, die sie für kurze Zeit miteinander verbunden hatte, hatte nichts in ihr ausgelöst. Er war stets rücksichtsvoll und zärtlich gewesen. Es hatte keinen Grund gegeben, sich über ihn zu beschweren. Doch eine nicht näher zu erklärende Rastlosigkeit war von Tag zu Tag in ihr herangewachsen. Lange bevor sie es benennen konnte, hatte Elizabeth gespürt, dass die Zeit für Veränderungen in ihrem Leben gekommen war. Doch trotzdem hatte sie zunächst in einem seltenen Anflug von Selbstkritik angenommen, dass sie wahrscheinlich einfach zu viel von einer Beziehung erwartete. Jemandem nahe sein, das war es, wonach sie sich in Wirklichkeit sehnte. Nach reiflichen Überlegungen hatte sie allerdings befürchtet, für diese Art von Lebensgemeinschaft nicht geschaffen zu sein. Sie hatte nie eine richtige Familie gehabt. Ihre Mutter starb, als Liz noch ein kleines Mädchen war. Was bewog ihre Mitmenschen dazu, sich für ein Leben zu zweit zu entscheiden? Wahrscheinlich wussten die meisten es selbst nicht mal genau. Auch ihr würde es wohl immer ein Rätsel bleiben.
   Der Beruf als Ärztin ließ ihr ohnehin kaum Zeit für Privates, also war es überflüssig, an einer oberflächlichen Bindung festzuhalten. Schließlich war es ihr nur recht, voll in ihrem Beruf aufzugehen. Mit einer neuen Herausforderung würde auch ihre innere Zufriedenheit zurückkehren und letztlich fand sie ganz bestimmt auch ihren alter Ehrgeiz wieder.
   Nun war sie tatsächlich heimgekehrt, aus Gründen, über die sie sich noch immer nicht ganz im Klaren war.

»Liz, schläfst du? Ich habe dich gefragt, ob es okay ist, dass du vorläufig in unserem Gästeapartment wohnst? Ich denke, es macht sich einfach besser, wenn du dir selbst deine spätere Bleibe suchst.« Rachel sah sie an und erwartete eine Antwort.
   »Das ist schon okay. Ich hatte fast vergessen, wie wunderschön es hier ist.« Liz hatte das Gefühl, sich an allem sattsehen zu müssen. Ein Anflug von Wehmut huschte flüchtig durch ihre Gedanken. Sie fand das geradezu absurd, schließlich hatte sie damals unbedingt fortgewollt. Nicht nur, um Medizin zu studieren. Sie ertappte sich sogar bei der Einbildung, dass sie eigentlich nie vorgehabt hatte, hierher zurückzukommen. Nun, wie gesagt, manchmal war es besser, man kannte seine näheren Beweggründe nicht.
   »Robert ist sehr neugierig, dich kennenzulernen. Ich habe ihm schon viel von dir erzählt«, plauderte Rachel unbeschwert. Sie lachte kurz und schnatterte bereits weiter. »Ich freue mich ehrlich, Liz, dass du wieder hier bist. Hoffentlich lässt deine Arbeit dir ein wenig Zeit und Freiraum für ein Privatleben. Du wirst sehen, es ist hier sicher nicht so verrückt wie in deiner Notaufnahme in Houston. Die meisten Touristen sind unvernünftig und holen sich deshalb gleich am Anfang ihres Urlaubs einen Sonnenbrand. Dazu kommen wahrscheinlich die üblichen Allergien oder vielleicht klemmt sich Joe wieder die Finger in der Drehtür zu Tonis Café ein. Viel mehr passiert hier nicht. Die Menschen, die in St. Elwine zu Hause sind, werden selten krank. Gott sei Dank, wenn du mich fragst. Das liegt mit Sicherheit an der guten Seeluft, glaub mir. Hat schon meine Großmutter immer behauptet und die musste es wissen.«
   »Sie hat diesen Ort nämlich nie verlassen und wurde – lass mich überlegen, achtundneunzig Jahre alt«, fügte Elizabeth hinzu und lachte. Diesen Satz hatte Rachel bereits früher häufig benutzt.
   Ihre Freundin grinste. »Sieh an! Du hast es nicht vergessen. Aber es war sechsundneunzig – und sie hatte völlig recht mit ihrer Auffassung. Im Übrigen hast du dich kaum verändert, Elizabeth Crane.« Rachel stemmte ihre Hände in die Hüften und ließ abschätzend ihren Blick über Liz gleiten. »Allerdings bist du nicht mehr so furchtbar dürr. Und deine Blässe ist hier in null Komma nichts weg. Wart’s ab!«
   »Ist das hier so was wie ’ne Viehauktion?« Liz gab ein undamenhaftes Schnauben von sich, das ihre Freundin mit einem Kichern beantwortete.
   Vor sechs Jahren, zur Beerdigung ihres Vaters, war Elizabeth für einen Tag in St. Elwine gewesen. Rachel war natürlich auch zur Beisetzung erschienen. Sie war damals schwanger und hatte innere Stärke und diese besondere Art grenzenloser Zuversicht ausgestrahlt. Schwangere Frauen sahen wunderschön aus, war Liz damals spontan durch den Kopf gegangen. Ein merkwürdiger Gedanke während einer Beisetzung.
   Jetzt war ihre Freundin Mutter von drei kleinen Mädchen und um die Hüften herum etwas kräftiger geworden. Ihr rothaariger Pferdeschwanz war verschwunden und durch eine gleichermaßen modische wie praktische Kurzhaarfrisur ersetzt. Sie sah glücklich aus, und Elizabeth wurde mit einem Mal bewusst, wie sehr sie Rachel in all den Jahren vermisst hatte.
   »Ach, ich freue mich so. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass du Dr. Elizabeth Crane bist – eine richtige Frau Doktor. Nach allem …« Sie kicherte fast ein wenig zu albern, als schien sie hastig den peinlichen Moment überspielen zu wollen. Schließlich brauchten sie sich gegenseitig nichts vorzumachen. Dafür kannten sie sich viel zu gut und wussten fast alles über den anderen. In diesem Augenblick sah ihre Freundin genauso aus wie die Rachel von damals.
   »Was hältst du davon, wenn ich dir jetzt deine Zimmer zeige? Später machen wir es uns dann so richtig gemütlich«, schlug sie vor.
   Elizabeth streckte sich, ihre Muskeln reagierten auf die lange Reise mit Verspannung. »Erzähl mir von deinen Mädchen, deiner Arbeit in der Boutique. Ich muss alles wissen.« Sie brannte mit einem Mal darauf, die vergangenen Jahre lebendig werden zu lassen.
   Rachel tat ihr im Laufe des Abends oft und nur zu gern diesen Gefallen. Liz hörte ihr fasziniert zu und ihre Neugier auf die kleine Stadt wuchs. Sie wollte sich unbedingt umschauen und so viel wie möglich erkunden. Morgen würde noch genug Zeit für solche Dinge sein.
   »Ich werde mich erst in aller Ruhe etwas in St. Elwine umschauen, bevor ich am Mittwoch meine Arbeit aufnehme«, informierte sie ihre Freundin.
   »Ich wollte dir gerade diesen Vorschlag machen.« Rachel lächelte und nicht zum ersten Mal wurde Liz bewusst, wie verwandt ihre beiden Seelen zu sein schienen.
   Das Haus der Gandertons gefiel Elizabeth. Es war sehr geräumig mit ausreichend Platz für eine große Familie. Die riesigen Fenster ließen viel Licht herein. In der Ecke neben dem Kamin im Wohnzimmer stand ein Quiltständer mit einer eingespannten Arbeit. Ein Blütenpotpourri verströmte einen angenehmen Duft. Es erstaunte Elizabeth, dass Rachel trotz Job und Kindern noch immer die Zeit für ihr Hobby fand. Überall im Haus zeugten Quilts von dem Fleiß und der unglaublichen Kreativität ihrer Freundin. Außerdem schien sie nichts von der Fähigkeit verloren zu haben, die Gedanken ihrer ältesten Freundin zu erraten.
   »Kann denn irgendjemand tatsächlich damit aufhören? Du musst unbedingt zum monatlichen Treff unserer Patchworkgruppe mitkommen«, rief Rachel begeistert aus.
   »Ich fürchte, es ist viel zu lange her. Ich glaube kaum, dass ich noch weiß, wie es überhaupt geht.«
   »Unsinn.« Rachel schüttelte entschieden den Kopf. »Solche Dinge kann man nicht verlernen. Entweder man ist mit dem Patchworkvirus infiziert oder man ist es eben nicht. Wenn ich mich recht erinnere, hast du damals sehr schöne Quilts genäht. Verlernt – wie kommst du nur auf so eine absurde Idee? Noch dazu, wo du tagtäglich Leute zusammenstichelst. Brr – was für ein grässlicher Gedanke.« Sie stellte eine Flasche Wein, Gläser und Knabberzeug auf den Tisch. »Robert meinte, er würde heute Abend bloß stören und wir hätten sicher eine Menge zu erzählen.«
   »Kluger Mann.« Liz lachte.
   »Ja, und damit auch er seine Ruhe haben kann, hat er ganz uneigennützig gemeint, wir sollten es uns doch in deinen Räumen so richtig gemütlich machen. Ist er nicht ein wahrer Schatz? Und so furchtbar selbstlos«, gab Rachel zu bedenken.
   Sie prusteten beide um die Wette.
   Ja, es war richtig, dass sie zurückgekehrt war. Goldrichtig sogar. Elizabeth fühlte sich so zufrieden wie seit Langem nicht mehr und es drängte sie, noch mehr über die Menschen, die sie von damals kannte, zu erfahren. »Erzähl, wie geht es eigentlich Doris Ross?«, wollte Liz als Erstes wissen.
   »Oh, gut. Sie arbeitet jetzt noch für ein paar Stunden im Blumengeschäft von Mabel Cooper.«
   Doris Ross hatte seit dem Tod von Elizabeths Mutter den Haushalt bei den Cranes geführt. Irgendwann jedoch, als Frederick Crane fast nicht mehr nüchtern wurde, blieb sie fort – allerdings erst, nachdem sie monatelang vergeblich auf ihren Lohn gewartet hatte. Zum Glück war Liz zu diesem Zeitpunkt bereits alt genug und hatte von da an die Führung des Haushalts übernommen. Mit dem ersten selbst verdienten Geld hatte sie Doris den lange geschuldeten Lohn ausgezahlt.
   Rachel sprang auf. »Warte mal, ich hole rasch die Fotoalben meiner Mutter.«
   Liz blätterte sofort das Album aus der Highschoolzeit durch. Sie lachten, als die gemeinsamen Erinnerungen machtvoll über sie herfielen. Oft genug stießen sie sich gegenseitig an, um zu sagen: »Weißt du noch?«
   Das Foto auf der nächsten Seite zeigte einen schwarzhaarigen Jungen mit unglaublich langen Wimpern. Ein amüsiertes, leicht spöttisches Lächeln lag auf seinen Lippen.
   »Ha!« Liz schnaubte. »Joshua Tanner, wie er leibt und lebt.«
   »Ja, der gute alte Josh. Hat lange Zeit in Europa verbracht und dann Daddys Firma übernommen«, berichtete Rachel.
   »War ja weiß Gott nicht anders zu erwarten. So geht’s den Leuten, die mit einem goldenen Löffel im Mund geboren werden. Können sich nichts Eigenes aufbauen, weil ihr Leben schon im Voraus dazu bestimmt ist, in Daddys Fußstapfen zu treten. Es ist ein Kreuz«, sagte Liz bissig.
   Rachel lachte nur. »Immer noch so zynisch, Lizzy? Was hat er dir eigentlich getan, dass du stets so wütend wurdest, wann immer er genau dort aufkreuzte, wo auch du warst?«
   »Gar nichts. Ich mag ihn nur nicht. Das war immer schon so.« Sie wich dem Blick ihrer Freundin aus und blätterte hastig auf die nächste Seite.
   »Dabei sieht er doch verdammt gut aus.« Verträumt seufzend schlug Rachel die Lider nieder.
   »Eben, und er weiß es. Das ist dir doch wohl klar. Er ist eingebildet und arrogant und bekam stets, was er wollte. Schon immer, falls du dich recht erinnerst. Und außerdem brauchte er kaum den kleinen Finger zu rühren. Anstrengung war ein Fremdwort für ihn. Es existierte wahrscheinlich nicht mal in seinem Wortschatz. Wenn ich nur daran denke, wie die Mädels ihn angehimmelt haben. Er hat doch jede genommen, die nicht bei drei auf dem Baum war.«
   »Nun ja, was konnte er schon groß dagegen tun? Die Mädchen bestürmten ihn geradezu.«
   »Jetzt fängst du auch noch an. Das ist hoffentlich nicht dein Ernst. Es reichte schon, dass Doris und Martha ihn immer verteidigten, den armen Jungen. Du bist jetzt schließlich eine verheiratete Frau, Rachel Ganderton, also benimm dich gefälligst auch so und mach mir keine Schande.«
   Sie lachten schon wieder. Gott – wie hatten ihr die witzigen Diskussionen mit ihrer Freundin gefehlt.
   »Natürlich! Bei allem Respekt, da hört der Spaß doch auf.« Rachel tat empört. »Aber schließlich bin ich nicht blind und auch nur eine schwache Frau, Liebes«, fuhr sie kurz darauf verschmitzt grinsend fort. »Allerdings ganz so schlimm, wie du glaubst, ist Josh nicht. Jedenfalls wirbelt er nicht mehr so viel Staub auf wie damals. Er arbeitet viel und trainiert die Jungs. Baseball – als ehrenamtlicher Coach.«
   »Welche Jungs? Hat er ’ne ganze Baseballmannschaft gezeugt oder was? Wundern tät mich das nicht.«
   »Nein, ganz sicher nicht«, sagte Rachel. »Er hat keine Kinder. Ich beziehe mich da auf die Jungen, die hier in der Stadt aufwachsen. Du weißt schon. Ach übrigens, da fällt mir etwas ein. Hat er nicht auch öfter versucht, bei dir zu landen? Da war doch mal etwas in der Halloweennacht bei Martha im Pub. Du hast mir nie verraten, was eigentlich los war. Hatte er tatsächlich Erfolg?«
   Elizabeth ging absichtlich nicht weiter darauf ein, sondern versteckte ihre Verwirrung hinter einer fadenscheinigen Gegenfrage.

Jetzt lag sie zufrieden zusammengekuschelt in ihrem Bett und die Erinnerungen an ihre Zeit in St. Elwine kehrten unerwünscht zurück. Ja, Joshua Tanner hatte mehrmals versucht, mit ihr auszugehen. Das hatte ihre Freundin richtig in Erinnerung behalten. Flirten tat er ohnehin andauernd. Liz glaubte sogar, er konnte gar nicht mehr anders. Es schien, als hätte er diese besondere Fähigkeit bereits mit der Muttermilch aufgesogen. Sie jedenfalls hatte ihn jedes Mal abblitzen lassen, und zwar auf die uncharmante Art.
   »Zieh ab, Tanner – ich bevorzuge richtige Männer und keine Jungs«, hatte Liz zuckersüß gesäuselt und dabei gehofft, dass sie halbwegs überzeugend klang.
   Bis zu jenem Halloweenabend vor elf Jahren. Es gab eine Riesenparty drüben im Pub bei Martha. Die Jungen hatten mehreren Mädchen irgendetwas in ihre Drinks gemixt. Um diese Jahreszeit war in der kleinen Stadt an der Küste nicht mehr viel Betrieb. Die Touristen besuchten fast ausschließlich in den warmen Sommermonaten diesen idyllischen Ort. Die Gästezimmer über dem Pub waren demnach nicht vermietet, und der Einfachheit halber steckten die Schlüssel von außen in den Türen. Allerdings nicht an diesem Abend. Da hatten die Jungen sie nach und nach verschwinden lassen, absichtlich. Sie steckten selbstverständlich kurze Zeit später von innen, die Türen waren abgeschlossen worden, und in den Räumen dahinter lagen Teenager in den großen Gästebetten, die ihrer Neugier nicht mehr längeren Einhalt gebieten wollten. Sie waren heiß auf Sex gewesen, wie die meisten von ihnen in dem Alter. Nirgendwo sonst konnten sie sich schließlich so ungestört vergnügen.
   Eine große Anzahl der Mädchen wäre auch ohne manipulierte Drinks bereitwillig nach oben gegangen. Aber Liz nicht. Schon gar nicht mit Joshua Tanner, dem diese Tatsache absolut klar sein musste. Unter dem Vorwand, Rachel sei oben und warte dort auf sie, überredete er Liz, ihm schließlich die Stufen hinauf zu folgen. Ihr war komisch gewesen an diesem Abend. Sie hatte sich albern gefühlt und federleicht und, ja, fast frei von den Sorgen, die täglich von Neuem über sie herzufallen drohten. Sogar richtig unbeschwert, was mehr als ungewöhnlich für sie war.
   Josh öffnete anscheinend einfach irgendeine Tür. Liz war noch nie hier oben gewesen. Sie taumelte hinterher. Er berührte ihre Schulter und schob sie vorwärts in das muffige, ungelüftete Zimmer. Auf dem Bett lag eine vergilbte Tagesdecke.
   »Hat auch schon bessere Tage gesehen«, nuschelte Liz mit schwerer Zunge. Sie meinte damit die alte Patchworkdecke.
   »Ja, stimmt schon. Aber das ist mir jetzt eigentlich egal.« Josh lachte hinter ihr und nahm sehr wahrscheinlich an, dass ihr das Zimmer nicht zusagte.
   »Wo ist denn nun Rachel?«, wollte sie stattdessen wissen.
   »Wieso?« Josh grinste und gab ihr einen leichten Schubs.
   Sie plumpste auf das Bett. »Hey Tanner, was soll das?«
   In ihrem Kopf schleuderte alles durcheinander. Sie hörte ihr Blut rauschen. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht. Sie begriff nur sehr langsam. Wie durch einen wabernden Nebel hörte sie seine Stimme. Aber die Worte wollten sich einfach nicht zu einem Sinn machenden Ganzen fügen. Liz verstand ihn nicht.
   Er zog unterdessen die Vorhänge vor das Fenster und knipste die Nachttischlampe an. Dann ließ er sich neben ihr auf das Bett fallen und begann langsam, die Knöpfe ihrer Bluse zu öffnen. Der weiße, praktische Baumwoll-BH passte zu ihr. Sachte ließ er seine Finger über ihre Brüste streifen.
   »Hey Lizzy, heute bist du gar nicht so kratzbürstig. So gefällst du mir schon viel besser. Warte, wie du schnurren wirst. Wie ein Kätzchen.«
   Dann zerrte er an seinem T-Shirt und zog es sich über den Kopf.
   »Warte mal«, nuschelte Liz. Sie versuchte, sich krampfhaft auf, ja, auf was eigentlich, zu konzentrieren. Verdammt noch mal, was war mit ihr los? Was zum Teufel ging hier vor sich? Ganz allmählich lichteten sich die Nebelschwaden in ihrem Kopf. Die Umrisse der Möbel konnte Elizabeth jetzt wieder klar ausmachen. Sie hörte sogar überdeutlich das Geräusch, als Josh den Reißverschluss seiner Jeans hinunterzog. Ihr Kopf fuhr hoch.
   »Du willst also einen richtigen Mann, ja, Lizzy?«, raunte er heiser. »Nun, den sollst du haben. Ich mag deine bernsteinfarbenen Augen. Sie haben diese verrückten kleinen Goldsprenkel, weißt du? Besonders, wenn deine Augen funkeln und du nach richtigen Männern verlangst.«
   Ihre trockene Zunge fühlte sich wie ein Fremdkörper in ihrem Mund an. Sie überlegte angestrengt, was sie tun konnte. Ob sie schnellstens zur Tür spurten oder lieber aus dem Fenster hüpfen sollte. Doch leider rechnete sie sich bei beiden Möglichkeiten keine allzu großen Chancen aus. Josh war beinahe zwei Köpfe größer als sie, und mit Sicherheit besaß er Kraft.
   Du musst etwas tun. Lass es nicht zu. Er darf das nicht mit dir machen, wenn du nicht willst, formten sich zögernd die Gedanken in ihrem Hirn. Kräftemäßig war sie ihm klar unterlegen. Ihre Gedanken schwirrten immer wieder um diesen Punkt. Bleib ganz ruhig! Nur keine Panik! Josh ist nicht so. Der spuckt bloß große Töne.
   »Was soll das, Tanner? Bist du übergeschnappt?«
   Er hob überrascht die Brauen ob ihrer festen Stimme.
   »Hast du dein Glas nicht ausgetrunken?«, wollte er stattdessen wissen.
   Jetzt dämmerte es ihr endlich, doch mit einem Mal waren seine überraschend sanften Hände plötzlich überall. Auf ihren Brüsten, in ihrem Haar und strichen schließlich sogar zärtlich über ihren Rücken. Wie unglaublich zärtlich Josh mit ihr umging. Seine Nähe verwirrte sie beinahe mehr, als seine streichelnden Hände es taten. Sie hatte den Eindruck, dass er zu wissen schien, dass ihm nicht mehr allzu viel Zeit blieb, bis sie wieder klar denken konnte. Trotzdem fuhr er ohne jede Hast fort.
   Ihr Atem ging jetzt irgendwie rascher und ihr gehetzter Blick flog zur Tür. Langsam schob er ein Bein über sie.
   »Komm schon, stell dich nicht so an und sei ein braves Mädchen. Du wirst es ganz sicher nicht bereuen. Ich denke, du bist genau so heiß wie ich. Gib es zu, mein Schätzchen.« Er flüsterte sehr nah an ihrem Ohr, zu nah, überlegte sie verschreckt.
   Ehe sie etwas sagen konnte, lag er in seiner beachtlichen Größe voll auf ihr. Liz blieb die Luft weg. Seine dunklen Augen standen nun dicht über ihrem Gesicht, sie schienen nachtschwarz und gefährlich in dieser Sekunde. Joshua verschlang sie regelrecht mit seinen Blicken. Sie fühlte sich bereits vollkommen nackt. Eine Furcht begann sich in ihrem Bauch zu manifestieren. Schon legte sich sein Mund auf den ihren, ganz sachte. Das führte jedoch nur zu einer kurzen Verzögerung der Verstärkung ihrer aufkeimenden Ängste. Im Bruchteil einer Sekunde biss sie ihm deshalb kräftig in seine Unterlippe.
   Josh fuhr heftig zurück. »Verdammt. Was zum Teufel soll das? Du hast doch nach einem Mann verlangt oder etwa nicht?«
   Er hatte bereits die Träger ihres BHs über ihre Schultern geschoben, wie Elizabeth jetzt erst begriff. Mit seiner rechten Hand hielt er sie mühelos fest. Die Finger der linken Hand berührten vorsichtig ihre Brustwarze, die sich daraufhin sofort aufrichtete.
   »Na also«, murmelte er dicht an ihrem Ohr.
   Er spürte, wie sie erzitterte, zog jedoch selbstgefällig, wie er war, die falschen Schlüsse. Ihr Atem ging jetzt immer rascher. Es klang wie ein kleines, lustvolles Schniefen. Dann schien sich ihr Tonfall plötzlich zu verändern und formte sich zu einem leisen, kehligen Schluchzen. Irritiert starrte er in ihr Gesicht und bemerkte, dass ihre Augen in Tränen schwammen. Augen, die vor Entsetzen aufgerissen waren und aus denen nun unaufhörlich Tränen kullerten. Er hielt mitten in der Bewegung inne.
   Liz nahm seinen forschenden Blick wahr und glaubte zu spüren, wie er sich innerlich versteifte. Josh rollte sich hastig von ihr runter.
   »Hey, hab ich dir wehgetan?« Er schien verunsichert und sprach ganz leise zu ihr. Fast flüsterte er.
   War das tatsächlich die Stimme von Joshua Tanner, die sonst immer so großspurig klang?
   Wieder schüttelte sie ein Schluchzen.
   »Okay, okay – ganz ruhig. Keine Angst! Ich tue dir nichts, verstehst du mich?« Zutiefst erschüttert versuchte er, die Träger ihres BHs wieder zu richten. »Es sollte doch nur ein Spaß sein. Ich konnte nicht wissen, dass du … War ’ne blöde Idee. Vergiss es einfach. Hörst du?« Er klang alarmiert.
   Liz konnte einfach nicht antworten, vernahm jedoch sehr wohl seine sanften, geflüsterten Worte. Seine Hände berührten behutsam ihre wilden Locken und das allein genügte, wie sie erstaunt registriert hatte, um ihren Pulsschlag wieder in geordnete Bahnen zu lenken.
   »Es tut mir leid, wirklich«, murmelte Josh ruhig. Dann stand er auf, zog sein T-Shirt an und stopfte es rasch in die Jeans. »Ähm … ich geh jetzt besser. Du … du kommst doch klar, oder? Ich meine, es ist schließlich nichts passiert. Nicht wirklich, jedenfalls. Es tut mir leid«, wiederholte er noch einmal und klang tatsächlich glaubwürdig.
   Dann war sie allein und hatte gequält die Augen geschlossen. Morgen würde die ganze Schule über sie herfallen und sich schieflachen, wenn sie davon erfuhr. Was für tolle Aussichten standen ihr bevor. Einfach klasse, hatte sie gedacht.
   Aber das war nicht passiert, wie sich Liz erinnerte. Joshua hatte dichtgehalten. Er hatte es niemandem erzählt und sie ebenfalls nicht. Nicht einmal Rachel.
   Jedenfalls war sie ihm dafür wirklich aus tiefstem Herzen dankbar gewesen. Heute konnte Liz über solchen Kinderkram nur lachen.
   Es war herrlich, wieder zu Hause zu sein. Zuhause – sie musste lächeln. Das klang einfach großartig. Viel zu lange hatte sie dieses Wort vermissen müssen, doch noch mehr seine wahre Bedeutung.

2. Kapitel


Liz erwachte aus einem langen, traumlosen Schlaf. Durch ihre aufreibende Arbeit in der Notaufnahme war sie es gewohnt, mit wenig Schlaf auszukommen. Diese Nacht hatte sie es tatsächlich fertiggebracht, acht Stunden am Stück zu schlafen. Was für ein sagenhafter Luxus. Jeder Assistenzarzt hätte für diese Aussicht fast einen Mord begangen. Sie war ein ausgesprochenes Glückskind – jawohl.
   Lachend sprang sie aus dem Bett und verschwand frisch und voller Tatendrang im Bad. Nach dem Frühstück würde sie sich im Krankenhaus vorstellen und anschließend einfach durch die Straßen der Stadt bummeln. Sie hatte ja schließlich alle Zeit der Welt – heute.
   »Guten Morgen, Schlafmütze.« Rachel kam aus der Küche. »Ich gehe heute extra deinetwegen später zur Schatztruhe, um mit dir frühstücken zu können. Komm nach draußen. Kate hat uns den Tisch auf der Veranda gedeckt. Das Wetter ist super. Toller Start in dein neues Leben.«
   »Herz, was willst du mehr?« In einer theatralisch anmutenden Geste drückte sich Liz die Hand auf ihre linke Brust. »Ich schätze, deine achtundneunzigjährige Großmutter hätte das als gutes Omen gesehen.«
   »Meine sechsundneunzigjährige Großmutter hätte das in der Tat. Darauf kannst du wetten.«
   »Kaffee oder Tee? Schönen guten Morgen, ich bin Kate.«
   Liz blickte in ein freundliches, offenes Gesicht. Sie schätzte die Frau auf Mitte fünfzig. Ihr glattes, aschblondes Haar war zu einem lockeren Knoten im Nacken gebunden, und sie lächelte Elizabeth an.
   »Oh, guten Tag. Ich bin Elizabeth Crane. Ich habe hier in St. Elwine gelebt – früher, als Mädchen.«
   »Rachel erzählte mir davon. Ich bin vor fünf Jahren hergezogen. Mein Mann liebte diese Gegend. Wir verbrachten hier oft unseren Urlaub, bis er mich schließlich überreden konnte, für immer in St. Elwine zu leben. Leider starb er bereits ein Jahr danach.«
   »Oh, tut mir leid.« Liz hasste solche Wendungen, die ein Gespräch ohne weitere Vorwarnung nehmen konnte.
   »Nun, er war wesentlich älter als ich und ich denke, es kommt immer, wie es kommen muss. Das nennt man wohl Schicksal.« Kate hob die Schultern und Elizabeth begriff, dass sie eine Frau vor sich hatte, die das Leben zu akzeptieren schien, wie es war, und ohne groß nach dem Warum zu fragen.
   »Jedenfalls bin ich froh, dass Kate hier ist.« Rachel entfernte mit der Zunge einen Krümel von ihrer Lippe. »Ich wüsste nicht, was ich ohne sie täte. Und quilten kann sie erst, einfach himmlisch. Fast zehn Stiche auf einen Inch. Du glaubst es nicht.«

Elizabeth klopfte an die Tür ihres zukünftigen Chefs.
   »Herein!«, brüllte Dr. Jefferson laut, aber freundlich.
   »Guten Tag Sir, ich bin Elizabeth Crane.« Sie war entschlossen, sich von ihrer besten Seite zu präsentieren und lächelte.
   »Dr. Crane.« Dr. Jefferson erhob sich aus seinem Sessel. Er ergriff ihre Hand so zart, dass Liz ob dieser Leichtigkeit verblüfft blinzeln musste. Der sanfte Druck stand in krassem Widerspruch zu seiner unglaublichen Pranke.
   Er schien ihre Gedanken zu erraten und ließ wieder sein dröhnendes Lachen hören. »Ich weiß, ich weiß, die meisten Menschen haben den gleichen erstaunten Ausdruck in den Augen, wenn ich ihnen die Hand drücke.«
   »Na ja.« Liz räusperte sich verlegen.
   »Ihre Referenzen sind hervorragend, das muss ich schon sagen. Ihre Mentoren waren offenbar zufrieden mit Ihnen. Wie kommt es, dass Sie mit Ihrem Talent in St. Elwine arbeiten wollen? An so einem unbedeutenden Krankenhaus?«
   Ha, er wollte sie offenbar testen. Jetzt kam es auf die richtige Antwort an. Liz war sich nicht sicher, was er zu hören wünschte. Immerhin gingen ihn ihre Beweggründe nichts an. Andererseits wollte sie keineswegs unhöflich erscheinen. Daher folgte sie einfach ihrer Intuition.
   »Ich bin hier aufgewachsen«, antwortete sie anfangs zögernd. »Und jetzt wollte ich einfach nach Hause zurückkehren. Es gibt schließlich keinen Grund dafür, warum ein noch so unbedeutendes Krankenhaus nicht eine erstklassige Ärztin haben kann.«
   »Der Punkt geht an Sie.« Wieder dröhnte sein Lachen durch das Büro. »Also, am besten, Sie machen morgen den Tagesdienst von sieben bis fünfzehn Uhr. Ich bin Ihr direkter Vorgesetzter und gleichzeitig Chefarzt der Chirurgie. Ich habe leider zu viel Papierkram am Hals, deshalb muss ich mich auf Sie verlassen können. Ihre Referenzen sprechen für Sie. Jetzt brauchen Sie es mir nur noch zu beweisen. Enttäuschen Sie mich nicht, Kindchen. Die Oberärzte wechseln hier bedauerlicherweise viel zu oft. Ich stelle mich ungern ständig auf neue Gesichter ein.«
   »Ich habe vor, zu bleiben«, sagte Liz fest und war erstaunt, wie überzeugt ihre Stimme klang.
   »Entschuldigen Sie mich jetzt bitte. Morgen pünktlich um sieben Uhr in meinem Büro. Ich zeige Ihnen dann das Krankenhaus.«
   Das konnte ja heiter werden mit so einem Riesen als Chefarzt. Neben ihm fühlte sie sich noch kleiner als sie war. Fast, wie wenn Josh … Lieber Himmel, was spielten ihre Gedanken ihr denn da für einen dummen Streich?
   Zurück zum Ausgangspunkt ihrer Überlegungen. Ihr Chef besaß forschende, blaugraue Augen, denen offenbar nichts zu entgehen schien. Sie würde es einfach darauf ankommen lassen. Schließlich wusste sie, was sie konnte und das sollte reichen, um Dr. Jefferson zufriedenzustellen. Sie lachte in sich hinein. Es würde alles gut werden.

Nicht viel später betrat Liz einen herrlichen Blumenladen. Der war eindeutig neu. Früher gab es in St. Elwine kein Floristikfachgeschäft. Nun ja, immerhin war sie zehn Jahre fort gewesen. Sie konnte schlecht erwarten, dass alles so geblieben war. Natürlich nicht. Die Stadt war verändert. Unmerklich hatte jemand ihrem Gesicht seinen Stempel aufgedrückt. Es schien, als hätte dieser Jemand begriffen, wie man die zahllosen Touristen zugunsten von St. Elwine benutzen konnte, ohne den Charme und den Charakter der kleinen Stadt zu zerstören. Ihr war bis jetzt nicht bewusst gewesen, wie sehr ihr das alles gefehlt hatte.
   »Lizzy, Kleines. Ich habe bereits gehört, dass du wieder da bist.«
   Elizabeth fühlte, wie zwei kräftige Arme sie an eine große Brust drückten. Der unverwechselbare Duft nach Pfefferminzdrops stieg ihr in die Nase.
   »Mrs. Ross.« Liz spürte eine wohlige Wärme in sich, die sich langsam ausbreitete.
   Doris Ross war sogar noch ein bisschen kleiner, als Liz sie in Erinnerung hatte. Ihr Haar war mittlerweile ergraut und der Einfachheit halber beließ sie es auch dabei. Aber die Augen blickten sie noch immer so an, als wäre sie keinen einzigen Tag älter geworden. Dabei musste Doris jetzt etwas über sechzig sein.
   »Dr. Crane – ich kann’s gar nicht glauben. Mein kleines Mädchen und Oberärztin in unserem Krankenhaus. Hast du dich schon umgesehen? Es gibt vieles im Städtchen, was du noch nicht kennst.«
   »Hab ich bereits gemerkt.« Liz blies sich eine widerspenstige Locke aus dem Gesicht.
   »Na, deine braunen Locken sind wohl immer noch nicht zu bändigen.« Doris lachte und ließ jetzt erst Elizabeths Schultern los.
   »Wer hat sich denn St. Elwines so angenommen?«, wollte Liz wissen. »Es hat sich viel verändert.«
   »Nun, die ansässigen Unternehmen. Allen voran die Tanners.«
   »Natürlich, die Tanners, wie konnte es auch anders sein? Hätte ich selbst drauf kommen können. Wie dumm von mir, was anderes anzunehmen«, stieß Liz hervor.
   »Na, na, da hegt jemand doch nicht etwa immer noch den alten Groll?«, stellte Doris mit sicherem Instinkt fest. »Die Tanners haben viel für diese Stadt getan«, erklärte sie weiter. »Aber natürlich nicht nur sie. Andere wurden ermuntert, mitzumachen, und gemeinsam sorgten sie dafür, dass sich neue Unternehmen im Ort niederließen. Sie sind klug vorgegangen. Die Stadt ist regelrecht aufgeblüht. Peter Tanner ist sehr intelligent. Jetzt führt Joshua die Geschäfte, und er stellt sich ebenfalls mehr als geschickt an.«
   »Ja, Rachel erwähnte so etwas. Mich wundert, dass er überhaupt arbeitet.«
   Liz erinnerte sich, wie Josh an sonnigen Tagen mit seinem blauen Cabriolet durch die Gegend gerast war, während sie aufräumen, Wäsche waschen oder bügeln musste. Ganz zu schweigen von den schweren Einkaufstüten, die häufig zu schleppen waren. Sie hatte sich oft genug damit abgeplagt. Hin und wieder hatte er seinen Wagen gestoppt, wenn er sich auf gleicher Höhe mit ihr befunden hatte.
   »Steig ein. Ich fahr dich nach Hause.« Er zeigte stets sein gewinnendes Lächeln. Seine unerhört langen Wimpern überschatteten dabei die dunklen Augen.
   So konnte Liz unmöglich sehen, was wohl in ihm vorging.
   »Verschwinde und geh zu deinen Blondchen, Tanner. Die lauern doch bereits schmachtend hinter den Gardinen. Du solltest sie nicht allzu lange warten lassen. Das mögen Mädchen nun mal nicht. Hat dir deine Mom das nicht beigebracht? Tz, tz. Sie gehört doch nicht etwa zu diesen antiautoritären Hippiemüttern, oder? Nun, dann wird mir so einiges klar, armer Junge.«
   »Wie du willst.« Er setzte mit einer coolen Geste seine Sonnenbrille auf und rauschte davon.
   Das breite Grinsen jedoch, das nach solchen Wortgefechten auf seinem ausgesprochen hübschen Gesicht zu finden war, ärgerte Elizabeth. Dafür hatten Doris Ross und so manch andere ihre helle Freude daran gehabt, wenn Josh grüßend und fröhlich winkend an ihnen vorbeigefahren war.

Inzwischen hatte Liz eine volle Arbeitswoche hinter sich gebracht. Sie hatte mehrere Wunden genäht, eine Gallenblase entfernt und ein ramponiertes Nasenbein gerichtet. Sie hatte zu tun gehabt, jedoch nicht ständig unter Zeitdruck arbeiten müssen. Diese Tatsache stellte sich als eine neue, sehr angenehme Erfahrung heraus.
   Die chirurgische Abteilung war nicht sehr groß. Dazu gehörte eine angegliederte Notaufnahme. Vier Ärzte und zehn Schwestern bildeten das Team. Sie hatten alle Elizabeths Autorität respektiert, obwohl sie gerade erst dreißig war. Doch Dr. Jefferson musste den Mitarbeitern seinen Standpunkt unmissverständlich klargemacht haben.
   Er ließ ihr ziemlich freie Hand, obgleich er oft lautlos aus dem Nichts aufzutauchen schien. Nicht selten stand er plötzlich hinter ihr und sah ihr über die Schulter. Aber das war schließlich sein gutes Recht. Liz ignorierte ihn dann stets, so gut es ging, und konzentrierte sich auf ihre Arbeit. Ihre Handgriffe waren sicher und ihre Vorgehensweise routiniert. Sie brauchte nicht lange, um festzustellen, dass das Krankenhaus erstaunlich gut ausgerüstet war. Von der Stationsschwester erfuhr sie den Grund. Regelmäßige, großzügige Spenden besserten den lächerlich kleinen Etat auf. Sie brauchte nicht erst nach dem Namen der edlen Spender zu fragen. Tanner und Co., fügte Schwester Green hinzu und lächelte.
   »Wie könnte es auch anders sein«, murmelte Elizabeth vor sich hin.
   Wie dumm, überhaupt danach zu fragen. Mr. Charming persönlich – wow. Welch eine Gnade war es doch für sie, in diesem ehrwürdigen Haus zu arbeiten. Halleluja.
   Liz hoffte von ganzem Herzen, dass sie nicht eines Tages den Boden des Krankenhauses würde küssen müssen.

3. Kapitel


»Wann sind wir denn endlich da, Mutti?« Kevin blickte gelangweilt aus dem Fenster.
   Floriane lächelte. Sie liebte es, wenn er das deutsche Wort Mutti gebrauchte. Jedes Mal, wenn ihr Sohn es mit seinem amerikanischen Akzent aussprach, wurde ihr warm ums Herz. Das gab dem Ganzen einen lustigen Klang. Für den Bruchteil einer Sekunde fühlte sie sich stets in die Vergangenheit zurückversetzt, in ein Land, das es nicht mehr gab und in das sie nicht zurückkehren konnte. Sie war damals im Zorn gegangen und hatte ihre Familie sehr verletzt. Doch nun war es zu spät, zu bereuen. Viel zu spät. Eine Träne löste sich aus ihrem Augenwinkel und lief an ihrer Wange entlang. Verstohlen wischte Floriane sie fort.
   Kevin schnaufte bereits erneut gelangweilt. Er kramte im Handschuhfach herum.
   »Suchst du was, Schatz?«
   »Mir ist warm.« Nach einer kurzen Pause fuhr er fort. »Was zu trinken.«
   »Du hast die letzte Flasche bereits vor einer Stunde geleert. Ich hab dir gleich gesagt, teils dir ein bisschen ein. Im Übrigen hast du mir nicht einen einzigen Schluck abgegeben.«
   Wie immer, wenn Kevin sich schuldig fühlte, wurde er bockig. »Wer hat denn in dem blöden kleinen Laden nicht mehr Flaschen eingepackt?«
   »Kevin, ich muss mit dem Geld, das wir noch haben, genau haushalten. Wie oft muss ich dir das eigentlich noch erklären? Es wächst nämlich leider nicht auf Bäumen und wartet brav darauf, nur abgepflückt zu werden.«
   »Blöder Spruch«, nörgelte er, während er an seinem Fingernagel herumknabberte.
   »Hör auf zu knabbern!«
   »Ich hab Durst. Wenn nichts zu trinken da ist, muss ich wenigstens knabbern.«
   Floriane seufzte und hoffte, dass sie bald einen Ort erreichten. Wenn sich Kevin erst in diese Phase hineinsteigerte, würde er unausstehlich werden. Darauf hatte sie heute keine Lust mehr.
   Plötzlich huschte irgendetwas über die Straße. Eine Katze oder etwas in der Art. Floriane reagierte blitzschnell und riss das Lenkrad herum, um das Tier, was immer es auch war, nicht zu verletzen. Dabei geriet der Wagen ins Schlingern und knallte mit dem rechten Vorderrad gegen einen Meilenstein.
   »Auch das noch!« Sie fuhr sich durch das Haar. Der Schreck saß ihr in den Gliedern. »Bist du okay, Schatz?«
   Doch Kevin war bereits nach draußen gesprungen und pfiff durch die Zähne. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass er absolut okay war, gottlob.
   »O Mann, der Reifen ist hin, Mutti. Kein Problem, wir versuchen einfach, das Rad zu wechseln. Kann nicht schlimm sein.«
   Ihr schoss ein böser Gedanke durch den Kopf. Hatte nicht ihr Exmann vor einem guten Jahr ein Rad gewechselt und dann vergessen … Mit einem Satz war Floriane aus dem Kombi geklettert und öffnete die Kofferraumklappe.
   Mist!
   »Na klasse«, entfuhr es ihr, wobei sie nicht genau einordnen konnte, in welchem Maß sich ihr Zorn gegen Val oder sich selbst richtete.
   Kevin legte seine kleine Hand kurz auf ihre Schulter. Er wollte sie trösten, und allein diese Tatsache rief ihren Optimismus wieder auf den Plan.
   »Na schön, wir werden einfach warten. Irgendwann wird sicher jemand vorbeikommen und uns helfen.«
   »Das kann ja ewig dauern.«
   Sie wusste nur zu genau, wie recht Kevin damit hatte.
   »Also, was sollen wir dann deiner Meinung nach tun, Schlauberger?«
   »Ich stelle mich hier jedenfalls nicht stundenlang hin. Kannst du voll vergessen.«
   Floriane bekam Bauchschmerzen. Sie war nicht sicher, ob es an dem teils wütenden, teils enttäuschten Gesicht ihres Sohnes oder an der allmonatlichen Plage der Frauen lag, die bei ihr stets in einem heftigen Chaos ausartete. Sie fasste kurzerhand einen Entschluss.
   »Wir schnappen unsere Rucksäcke, verschließen den Wagen und machen uns auf den Weg in den nächsten Ort.«
   Kevin musterte sie skeptisch, schien aber ansonsten ihrem Vorschlag nicht abgeneigt zu sein.
   So marschierten sie in der glühenden Mittagssonne eine staubige Landstraße entlang, ohne einen winzigen Tropfen zu trinken im Gepäck, was nicht gerade dazu angetan war, die allgemeine Stimmung zu heben.
   Floriane versuchte trotzdem krampfhaft, so etwas wie Frohsinn auszustrahlen. Mittlerweile war ihr klar, dass sie vor ungefähr zwei Stunden mit dem Wagen an dem falschen Abzweig abgebogen sein musste. Sie erinnerte sich an die Kreuzung und daran, wie sie ratlos den linken Blinker eingeschaltet hatte. Es schien nun überfällig, sich einzugestehen, dass sie absolut nicht mehr wusste, wo sie sich befanden. Sie hatten sich verirrt, und das nicht nur mit der falschen Straße. Flo seufzte.
   Kevin blieb stehen, sein Gesicht war gerötet und verschwitzt. Aller Wahrscheinlichkeit nach sah sie nicht wesentlich besser aus. Ihr schlechtes Gewissen meldete sich. Sie hatte dem Jungen eine Abenteuerreise versprochen. Stattdessen brannte ihnen nun die Sonne unermüdlich auf ihre Schädel und die kurzen Windzüge, die aufkamen, schleuderten ihnen nichts als Sandkörner in ihre trockenen Kehlen.
   Kevin spuckte bereits zum wiederholten Male aus. Er machte dabei widerliche Geräusche.
   »Muss das sein?«
   »Ja.«
   »Komm lieber weiter. Umso schneller sind wir da.«
   Kevin schnaubte nur und schwieg. Dann plötzlich, mitten in die Stille hinein, sagte er etwas, das ihr einen Schauder über den Rücken jagte. »Daddy und du, ihr lasst euch scheiden, stimmt’s?«
   Sie hätte ihm erklären müssen, dass Val und sie bereits seit Monaten geschieden waren, doch sie brachte es nicht über sich. Sie fühlte sich schuldig. Flo konnte nur nicken, sah Kevin dabei aber in die Augen und zog ihn fest an sich.
   Woher wusste dieses Kind nur immer solche Dinge? Wo nahm er immer dieses untrügliche Gespür her?
   »Ich will nicht mehr weiterreisen. Ich dachte, Daddy holt uns zurück. Aber er wird nicht kommen, oder?«
   »Nein, er wird nicht kommen.«
   »Es ist meinetwegen. Er hat oft gesagt, dass ich eine Nervensäge bin. Auch wegen der scheiß Schule.«
   Floriane schnitten seine Worte mitten ins Herz. Sie konnte ihm unmöglich sagen, dass er recht hatte, dass sein Daddy der Belastung nicht mehr gewachsen war. Kevin war hyperaktiv. Die Ärzte nannten das AD/HS-Aufmerksamkeitsdefizit beziehungsweise Hyperaktivitätsstörung. Wunderbare Bezeichnungen hatten sie ja immer parat.
   Nun, was Val betraf, hatte er sich nie damit abfinden können, dass sein Sohn anders war als die meisten Kinder. Den Gedanken an ihn musste sie fortschieben. Sie zwang sich dazu, sich auf etwas anderes zu konzentrieren. Das hatte sie schließlich in den vergangenen Monaten wunderbar hingekriegt. Es war ungemein wichtig, ihrem Körper Befehle zu erteilen, sodass er wie ein Automat funktionierte. Sie brauchte ihre tägliche Routine, um nicht an ihren Ängsten und Zweifeln zu ersticken. Immer suchte sie dann nach etwas Greifbarem und fand es auch.
   Ihr fiel ein, dass sie nicht darauf geachtet hatte, ob Kevin heute sein Ritalin geschluckt hatte. Zum Glück waren Schulferien, und Kevin und sie mussten nicht ständig fremden Forderungen gehorchen. Manchmal hing ihr so ein strenger Tagesablauf zum Halse raus.
   Trotz all ihrer Sorgen verblüfften sie Kevins Beobachtungsgabe, der Scharfsinn und seine Intelligenz immer wieder aufs Neue. Es war ihr Kind. Sie konnte gar nicht anders, als darauf stolz zu sein. Obwohl mehr als die Hälfte seiner Lehrer ihr etwas anderes einzureden versuchten. Sein jetziger Kummer tat ihr körperlich weh. Sie wollte auf keinen Fall, dass er seinen Vater so einschätzte, so schwach und auf seine Bequemlichkeit bedacht. Ein Kind brauchte die Liebe seiner Eltern, und zwar beider Elternteile, selbst wenn sich diese Liebe später als eine Art Illusion herausstellen sollte. Später, wenn Kevin erwachsen war, so hoffte sie jedenfalls, konnte er dies alles ganz sicher besser verstehen.
   Endlich hatte sich ihr Herzschlag so weit beruhigt, dass sie ihm eine Antwort geben konnte. »Nein, das stimmt nicht.« Flo suchte fieberhaft nach den richtigen Worten. »Daddy und ich, wir hatten Probleme miteinander.« Sie startete einen weiteren Versuch, ihn zu trösten und zog ihn wieder an sich. »Er ist anders als ich.« Liebevoll strich sie durch sein zerzaustes Haar. »Wir haben kaum gemeinsame Interessen. Ich habe andere Vorstellungen vom Leben als er, und irgendwann haben wir gedacht, dass es besser wäre, sich für unbestimmte Zeit zu trennen.«
   Kevin musterte sie skeptisch.
   »Sieh mal, das passiert andauernd. Du hast doch selbst gesagt, dass Julies Eltern sich scheiden lassen oder dass Rogers Mutti einen neuen Mann heiraten will.« Sie sah genau, dass es hinter seiner Stirn arbeitete wie in einem Uhrwerk. Vorsichtig fragte sie schließlich: »Weißt du noch?«
   »Stimmt«, murmelte er. »Ich will trotzdem nicht mehr weiterreisen. Können wir uns in dem nächsten Ort, den wir erreichen, eine Wohnung suchen? Egal, wohin wir kommen.«
   »Wenn es dort eine Schule gibt, bin ich einverstanden.«
   Warum auch nicht? Wenn schon ihr ganzes Leben so vermurkst war, könnten sie auch gut und gern dieses Risiko eingehen.
   Kevin grinste sie an. Dann nahm er ihre Hand und sie gingen gemeinsam ihrer neuen Heimat entgegen. Es störte ihn nicht im Geringsten, dass er nicht wusste, wo das sein würde.
   Floriane rann der Schweiß den Rücken hinunter. Es juckte unangenehm unter ihrem Rucksack.
   »Erzählst du mir von früher?«, bat Kevin.
   »Was willst du denn hören, Kumpel?«
   »Wie war das, als ich auf die Welt kam?«
   Kevin liebte es, den Geschichten zu lauschen, die sie ihm erzählte. Er sah die Vergangenheit dann stets lebendig vor seinen Augen entstehen.
   »Also, gut. Zum wievielten Mal die Geschichte der Geburt des Kevin Usher?«
   »Zum neunundachtzigsten Mal.«
   Sie lachte über seinen Humor.
   »Es war ein lausig kalter Tag. Nicht so eine brütende Hitze wie heute. Seit Monaten stand meine Tasche bereit. Mein Bauch war bereits so dick geworden, dass ich nicht mehr sehen konnte, welche Schuhe ich trug. Am Abend vorher habe ich mir im Fernsehen einen Krimi angesehen. Der war sehr spannend gewesen und hat mich total aufgewühlt. Sie haben dort einen kleinen Jungen umgebracht, und ich wusste plötzlich, dass ich auch einen kleinen Jungen bekommen würde, und wollte ihn vor allem Bösen beschützen.«
   »Wusstest du nicht, dass ich ein Junge werde?«
   »Nein. Natürlich hat der Arzt Ultraschalluntersuchungen gemacht. Da kann man genau erkennen, welches Geschlecht das Baby hat. Aber ich wollte mich unbedingt überraschen lassen.«
   Kevin nickte vielsagend.
   Flo musste sich auf die Lippen beißen, um nicht zu lachen. »Jedenfalls an dem Morgen, an dem du geboren wurdest, war ich mächtig aufgeregt. Ich bin schon sehr früh aufgewacht, weil ich Rückenschmerzen hatte. Dein Daddy schlief noch tief und fest und ich schlich mich ins Badezimmer, um zu duschen. Ich wollte Val nicht aufwecken. Dann hab ich ihm Frühstück gemacht, und die Rückenschmerzen wurden immer schlimmer. Schließlich rüttelte ich ihn vorsichtig wach und flüsterte in sein Ohr: Schatz, heute wird dein Pupi geboren.«
   Bei dem Wort Pupi zog Kevin die Stirn kraus und verzog den Mund.
   Floriane fuhr unbeirrt fort. »Dein Daddy schoss wie von der Tarantel gestochen aus dem Bett. Zuerst dachte er, ich hätte nur einen Witz gemacht, aber dann begriff er wohl, dass es mein voller Ernst war. Er flitzte ins Bad, kam frisch geduscht, aber nackt wieder zum Vorschein und kramte in dem großen Kleiderschrank herum. Was tust du denn da, zum Kuckuck?, wollte ich wissen. Schatz, sagte er mit einem sonderbaren Gesichtsausdruck. Würde es dir etwas ausmachen, wenn du an meiner Hose die Tasche an meinem Hintern wieder annähst? Eine Ecke hat sich gelöst.
   Bist du nicht bei Verstand?, hab ich zu ihm gesagt. Du hast doch wohl noch mehr Hosen im Schrank als nur diese eine. Ich habe jetzt andere Sorgen, also wirklich.
   Ach Flo, bitte. Verstehst du denn das nicht?
   Offensichtlich nicht, vielleicht kannst du mir das mal erklären.
   Das hier ist meine Lieblingsjeans und ich möchte sie unbedingt tragen, wenn unser Pupi auf die Welt kommt. Das geht doch aber nicht mit zerlumpter Potasche.
   Ich war so gerührt, dass ich es sofort tat. Ich kramte Nadel und Faden aus dem Nähkasten und begann, die Jeans auszubessern.
   Daddy schüttete sich in der Zeit einen Kaffee hinunter, futterte einen Toast und dann wuchtete er meine Tasche aus dem Schlafzimmer in den Flur. Ich biss den Faden mit den Zähnen durch und reichte ihm seine heiß geliebte Jeans. Er strahlte über das ganze Gesicht, als er mit dem Fuß in das Hosenbein fuhr. Dann bretterten wir in rasantem Tempo ins Krankenhaus und keine vier Stunden später kamst du auf die Welt.«
   »Du hast die Geschichte ziemlich abgekürzt.« Kevin klang leicht vorwurfsvoll.
   »Ach was?«
   »Ach ja. Ich weiß es genau. Erzählst du mir von dem Land, wo du als Mädchen gelebt hast? Du weißt schon, das mit dem komischen langen Namen.«
   »Du meinst die Deutsche Demokratische Republik – die DDR.«
   Kevin nickte nur und blinzelte gegen die hoch stehende Sonne.
   »Nun, ich hatte eine wunderbare Kindheit dort. Zuerst hab ich in einem kleinen Dorf gewohnt. Es hieß Bützer. In der Havelstraße, die tatsächlich direkt zur Havel führte. Der ganze Ort war irgendwie ein großer Abenteuerspielplatz. Natürlich nicht wirklich, aber mir kam es damals so vor.«
   Gott – diese Hitze machte ihr mehr zu schaffen, als ihr lieb war. Floriane verspürte schrecklichen Durst. Ihr Bauch wiederholte jetzt immer öfter seinen erbarmungslosen Trommelwirbel. Sie mussten bereits eine Stunde zu Fuß unterwegs sein.
   Endlich tauchte ein Hinweisschild auf. Noch eine Meile bis nach St. Elwine. War das nun mehr oder weniger als einen Kilometer? Diese amerikanischen Bezeichnungen waren für sie immer noch ein Rätsel. Sie brachte sie ständig durcheinander. Na, auch egal, sie mussten die Strecke so oder so zurücklegen. Ihr war nahezu jeder Ort recht, wenn es nur etwas zu trinken gab. Noch eine Meile, eine klitzekleine Meile. Das musste doch zu schaffen sein.
   »In der Schule haben sie erzählt, dass die Menschen in der DDR nicht frei leben konnten. Nicht verreisen, nicht alles sagen und es gab nicht viel zum Einkaufen. Hattet ihr da nichts zu essen?«
   Flo lächelte ihren Sohn an. »Natürlich hatten wir zu essen. Es gab nur nicht diese riesige Auswahl.«
   »Dann gab es nur Brot und ein Stück Käse?«
   »Unsinn. Es gab Brot, Brötchen, Käse, Wurst, Fleisch, Obst, Gemüse, eigentlich alles. Nur nicht immer in ausreichender Menge und zu jeder Zeit. Nimm zum Beispiel Erdbeeren. Die gab es nur, wenn von Mai bis Juli die Früchte in den Gärten reif wurden. Da musste man sich daran satt essen, bis es zu den Ohren wieder herauskam, weil man dann ein Jahr lang darauf warten musste.«
   »Ach, so ist das gemeint.«
   »Ja, und wenn man am Sonntag Filet essen wollte, konnte man nicht zum Fleischer gehen und welches kaufen. Weil meistens keins im Laden war. Also hat man was anderes genommen. Gab es irgendwann wieder Filet, wurde es rasch gekauft und eingefroren, sodass man dann zu bestimmten Anlässen welches im Haus hatte. Alles nur eine Frage der Organisation, mein Schatz.« Sie verzog vor Schmerz das Gesicht.
   »Stimmt was nicht, Mutti?«
   »Ich hab etwas Bauchweh.«
   »Wir sind bestimmt bald da.«
   »Hm.«
   »Und denk dran, du hast mir versprochen, dass wir dortbleiben.«
   »Versprochen? Na, eigentlich nicht.«
   »Doch.«
   »Ich sagte vielleicht. Wenn dieser Ort eine Schule hat.«
   »Aber wenn es dort eine Schule gibt, bleiben wir, ja?«
   In ihrem gegenwärtigen Zustand hätte Floriane zu allem ja gesagt. »Also versprochen.«
   »Versprochen.« Sie seufzte und blickte auf die Uhr.
   »Komm, schlag ein, Mutti.«
   Sie tat ihm den Gefallen.
   Endlich tauchte das Ortsschild von St. Elwine auf. Kurz darauf erschienen mehrere bunte Hinweisschilder.
   »O Mutti, wow, hier gibt’s sogar einen Hafen. Cool.«
   Flo hatte die letzten Meter schweigend zurückgelegt. Sie war nicht mehr zu einer Plauderei aufgelegt. Ihre Augen suchten nur noch mechanisch eine Bank zum Sitzen und ein Geschäft, um etwas zu trinken zu kaufen. Plötzlich nahm sie alles mehr oder weniger verschwommen und unklar wahr. Ihre Knie gaben nach und sie sank wie in Zeitlupe zu Boden.
   »Mutti.«
   Flo hörte Kevins erschrockene Stimme wie aus weiter Ferne. Dann wurde es still um sie herum.

»Na endlich, da ist sie ja wieder. Sie sind im St. Elwine Hospital, Mrs. Usher. So ist doch Ihr Name?«
   Flo nickte und sah sich benommen um.
   »Ich bin Schwester Leslie Burg. Sie hatten einen Kreislaufkollaps.«
   »Wo ist Kevin, mein Sohn?«
   »Er wartet auf Sie. Keine Sorge. Im Moment ist er in der Cafeteria. Der Junge weiß sich zu helfen. Er hat dafür gesorgt, dass wir uns um Sie kümmern konnten. Warten Sie einen Augenblick, ich schicke Ihnen gleich einen Arzt.«
   »Schön, dass es Ihnen wieder besser geht. Ich bin Dr. Crane. Ihr Sohn sagte, Sie seien einfach zusammengebrochen, drüben auf der anderen Straßenseite.«
   Was die freundliche Ärztin ihr erklärte, war keine Neuigkeit für Flo. Ansonsten hatte sie wohl Glück gehabt, dass sich das Krankenhaus direkt gegenüber befand und man ihr rasch helfen konnte.
   »Wir hatten eine Autopanne und sind meilenweit durch die Gegend gelaufen.«
   »Oh, das erklärt alles.«
   »Der Wagen und alle unsere Sachen stehen noch irgendwo an der Landstraße.« Flo sah sich gezwungen, noch eine Erklärung abzugeben. »Wir sind dabei, uns eine neue Bleibe zu suchen.«
   »Mutti.« Kevin lief herein und schmiegte sich an sie.
   »Hallo Großer, danke für deine Hilfe. Du hast sicher einen Riesenschreck bekommen.«
   »Och, das krieg ich schon hin.«
   Doch da er sich immer noch ganz dicht an sie drückte, wusste Floriane, wie es wirklich um ihn stand.
   »Ich habe in der Cafeteria die Kassiererin gefragt, hier gibt’s ’ne Schule. Sogar mehrere.«
   »Na dann ist ja alles klar.«
   Kevin grinste sie mit einem leicht verschlagenen Lächeln an.
   »Schatz, warte bitte draußen noch einen Moment, bis ich mit der Ärztin gesprochen habe, okay?«
   Er zog gehorsam von dannen.
   »Sie wissen nicht zufällig, ob es hier in der Stadt eine preiswerte Wohnung gibt, oder?«
   »Tut mir leid, nein.«
   »Hätte ich mir denken können. Wenn schon etwas schiefgeht, dann richtig.«
   »Soll das heißen, wenn ich jetzt Ihre Entlassungspapiere fertig mache, gehen Sie erst mal auf Wohnungssuche?«
   »So sieht’s aus. Außerdem muss jemand meinen Wagen abschleppen, von dem ich nicht mal genau sagen kann, wo er steht. Außer vielleicht der vagen Behauptung, einfach die Straße lang runter.«
   »In diesem Fall wäre es wohl besser, Sie blieben über Nacht zur Beobachtung im Krankenhaus.«
   »Das geht nicht. Was soll mit Kevin werden? Mir geht’s schon viel besser. Jetzt, wo Sie meinen Flüssigkeitspegel in die Höhe getrieben haben.« Flo deutete lächelnd auf die Infusionsflasche, die noch immer über einen dünnen Plastikschlauch mit ihrem Arm verbunden war.
   »Schön und Ihre starke Menstruationsblutung?«, warf Elizabeth ein.
   »Das geht mir andauernd so. Ich hab schon fast alles ausprobiert, doch es lässt sich nicht ändern. Mein Pech.«
   »Warten Sie hier, vielleicht gibt es noch eine Möglichkeit. Ich kann nichts versprechen, okay?«
   Flo schloss die Augen und wunderte sich, dass die Ärztin sie schon wieder ansprach. War sie nicht gerade erst zum Telefonieren rausgegangen?
   »Mrs. Usher?«
   Sie riss die Augen auf.
   »Oben über Marthas Pub ist noch ein Zimmer frei. Dort können Sie preiswert übernachten. Und die Straße runter befindet sich eine Autowerkstatt.« Dr. Crane schrieb ihr Marthas Adresse auf einen Zettel. »Viel Glück.«
   »Danke, Dr. Crane. Ich bin Ihnen wirklich sehr dankbar.«
   »Keine Ursache. Wäre schön, wenn Sie sich in einer guten Woche mal hier blicken lassen. Ich würde gern noch mal Ihren Blutdruck überprüfen.«

4. Kapitel


Josh war schon fast zur Tür hinaus, als das Telefon klingelte.
   »Auf Leitung eins Ihre Mutter, Mr. Tanner«, säuselte seine Sekretärin aus dem Vorzimmer.
   Er spurtete zurück an den Apparat.
   »Ich bin nicht mehr da«, rief er in den Hörer und lachte.
   »Josh, wie schön, dich mal anzutreffen.«
   Er rollte mit den Augen. »Mom, du siehst mich mindestens ein Mal in der Woche. Ich hab’s eilig. Heute trainiere ich die Kids.«
   »Du bist immer in Eile. Ich wollte nur wissen, ob ich am Wochenende mit deinem Besuch rechnen kann?«
   Es war ein altes Spiel zwischen ihnen, dass sie stets so tat, als wäre sie eine vereinsamte Lady. Er sah sie im Geiste vor sich und grinste. »Mom, wenn ich mich nicht irre, hast du am Sonntag Geburtstag. Ich werde natürlich kommen. Das weißt du doch.«
   »Schon gut, dann will ich dich nicht länger aufhalten.« Sie legte rasch auf.
   Typisch seine Mutter. Hauptsache, sie hatte einmal am Tag seine Stimme gehört, auch wenn sie dann nur Albernheiten austauschten. Ihr wäre es lieber, wenn er wieder in Tanner House einziehen würde, statt in seinem eigenen kleinen Heim am Strand zu leben. Natürlich war mehr als genug Platz auf Tanner House. Das Anwesen lag etwas außerhalb der Stadt, umgeben von einem wunderschönen Garten. Doch Joshua wollte lieber direkt auf das Meer blicken, wenn er am Morgen erwachte.
   Er schnappte sich seinen Aktenkoffer und sah auf die Uhr. »Verdammt, schon so spät. Bis morgen, Carry.« Bereits im Vorbeigehen lockerte er seine Krawatte und hob flüchtig zum Abschied die Hand.

»Bis morgen, Mr. Tanner.« Seufzend stand Carry auf. Nun arbeitete sie seit über zwei Jahren als Sekretärin für Joshua Tanner, aber mehr als ein unverbindliches Lächeln hatte er bisher nicht für sie übrig gehabt.
   Dabei sah er so unglaublich gut aus. Groß, über eins neunzig, breite Schultern, schmale Hüften und unglaublich lange Beine. Sein fast blauschwarzes Haar trug er modisch kurz geschnitten, seine Haut schimmerte bronzefarben. Sicher verdankte er diesen Umstand irgendwelchen indianischen Vorfahren, schoss es Carry durch den Kopf. Seine unglaubliche Männlichkeit war im ganzen Gebäude präsent. Dabei überschatteten diese lächerlich dichten, langen Wimpern, um die ihn jede Frau beneiden musste, seine dunklen, funkelnden Augen.
   Einmal nur, wünschte sich Carry, wollte sie von seinem schön geformten Mund geküsst werden.
   Nur ein einziges Mal. Das war doch nicht zu viel verlangt.
   »Träum nicht, dumme Gans«, schalt sie sich. Sie kannte die meisten Gerüchte über ihn. Es hieß, dass er viele Affären einging. Nichts Ernstes. Wahrscheinlich, kam sie zu dem Schluss, bevorzugte er One-Night-Stands. Die waren für Männer wie ihn immerhin herrlich unkompliziert. Warum auch nicht?
   Sie jedenfalls wäre nicht abgeneigt, wenn er ihr auch nur eine Nacht schenken würde. Na ja, für heute war erst mal Feierabend. Carry rief sich in die Realität zurück.

Josh fuhr nach Hause. Er stürzte ins Schlafzimmer, dann flog bereits die Krawatte auf das Bett, danach der Anzug und auch das seidene Hemd. Er öffnete den Schrank, nahm ein frisches Sweatshirt sowie eine lange Sporthose heraus. Josh schlüpfte in die Klamotten, schnappte noch das Basecap vom Bord und joggte zum Sportplatz in der Nähe des Hafens.
   »Hey, Josh – spät dran.«
   »Tut mir leid, Billy. Ich hatte heute viel um die Ohren. Aber jetzt kann’s losgehen.« Josh sah sich um. »Wo ist denn Zach?«
   Die Jungen lachten. »Hat sich angesteckt bei seiner Zwillingsschwester – Windpocken.« Sie kicherten alle miteinander.
   »Armer Kerl, ist ’ne verteufelte Juckerei. Ihr solltet Zach lieber bedauern, statt euch über ihn lustig zu machen.«
   »Schon klar, Josh, nur – es ist ’ne verdammte Babykrankheit.« Der zehnjährige Billy gluckste noch immer erheitert und klang mehr als schadenfroh.
   »Nun ja, ich schätze, einen erwischt es früher, den anderen später. An deiner Stelle wäre ich lieber ruhig.«

Gegen Ende der Trainingszeit fuhr pünktlich auf die Minute Billys Mutter mit ihrem klapprigen Kombi vor. Sie zuckelte einmal um den gesamten Sportplatz, ehe sie stoppte und schließlich ausstieg.
   »Tag, Mr. Tanner.«
   »Hey, Josh«, funkte Billy dazwischen. »Du warst zehn Minuten zu spät. Also musst du das noch nachholen. Alles andere bedeutet, dass du uns aufs Kreuz legen willst.«
   »Billy!« Erschrocken riss Jacky Martin die Augen auf und funkelte ihren Sohn an.
   »Na ja, irgendwie hat er schon recht.« Josh grinste und rieb sich über das Kinn. »Aber genau genommen waren es nur sieben Minuten.« Er wandte sich wieder den Kindern zu. »Wollt ihr, dass wir die Zeit jetzt dranhängen?«
   Die Jungen nickten.
   »Ich warte dann«, rief Mrs. Martin, während sie bereits auf die leeren Zuschauerränge zusteuerte.
   Die Gruppe bildete jetzt eine Traube um Joshua Tanner, der ihnen offensichtlich gerade etwas erklärte. Ein echt gut aussehender Typ.
   Jacky schob sich die Sonnenbrille zurecht, um Josh Tanner ungeniert zu betrachten.
   Josh drückte Stuart den Schläger in die Hand. »Ich verrate euch jetzt mal einen Trick aus meiner Highschool-Zeit.«
   Die Kinder hingen förmlich an seinen Lippen. Sie schienen ihn anzuhimmeln, als wäre er ein Rockstar. Das war gut so, denn die Jungen brauchten auch außerhalb der Familie jemanden, an den sie sich wenden konnten.
   »Aber …«, Josh machte eine bedeutungsvolle Pause, »… ihr müsst genau zuhören. Ansonsten geht’s in die Hose. Stuart, du schlägst so fest zu, wie du kannst. Billy, nimm den Handschuh. Alle auf ihre Positionen. Hat noch jemand Fragen?«
   »Nö, alles klar.«
   »Also dann, los gehts.«
   Stuart holte weit aus. Er führte den Schläger in einer eleganten Seitwärtsbewegung aus und – Volltreffer.
   Josh sackte in sich zusammen, fiel auf die Knie und kippte seitlich weg.
   Jacky sprang auf. »Mr. Tanner, oh Gott!«
   »Mom, er ist ohnmächtig.«

Liz bekam den Funkspruch des Rettungswagens, als sie gerade ihre Kaffeepause machte. Zum Glück würde er gleich hier eintreffen, denn das Krankenhaus befand sich in der Nähe des Hafens. Als der Sanitäter die Verbindung abbrach, war sie bereits über die Fakten des Unfalls informiert. Schnell ließ sie einen prüfenden Blick durch eines der Untersuchungszimmer gleiten. Die Fächer waren erst vor einer Stunde auf Vollständigkeit kontrolliert worden. Sie hasste es, nach einem Instrument greifen zu wollen und das Gewünschte nicht in Reichweite zu finden.
   »In die Eins«, rief sie den Sanitätern zu. Die betteten den Patienten um, der wieder zu sich gekommen war.
   »Vorsicht«, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
   »Schon klar, Sir.«
   Liz sah vom PC auf und musterte ihren Patienten durch die offen stehende Tür des Ärztezimmers.
   So ein Mist! Der ungekrönte König von St. Elwine. Sie hatte Joshua Tanner sofort erkannt, obwohl die weichen Züge eines Highschool Jungen aus seinem Gesicht verschwunden waren, was seiner Attraktivität allerdings keinen Abbruch tat. Ganz im Gegenteil.
   Er hielt die Augen geschlossen. Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Offensichtlich ging es ihm nicht gut.
   Oder spielte er ein bisschen Theater? Wollte er sie auf die Probe stellen, wie so oft in der Vergangenheit? Sicher hatte er längst erfahren, dass sie in der Stadt ihren Dienst angetreten hatte.
   Na schön, das konnte er haben. Bisher war sie ihm noch jedes Mal gewachsen gewesen. Manche Dinge änderten sich wohl nie. Sie seufzte und ging hinüber ins Untersuchungszimmer.
   Er sah sofort auf und verzog den Mund zu einem Lächeln, das jedoch seine dunklen Augen nicht erreichte. Ein ganz neuer Wesenszug an ihm. Anscheinend waren seine schauspielerischen Leistungen nicht mehr so gut wie früher.
   »Elizabeth Crane, sieh an, sieh an. Nun, Schwester, hol deinen Chef, sodass ich heute irgendwann noch nach Hause komme.« Er klang genervt und sein Ton war überheblich wie eh und je.
   »Ich bin die Oberärztin der Chirurgie im St. Elwine Hospital.« Liz betonte jedes Wort und zog sich die Untersuchungshandschuhe über, ohne ihn aus den Augen zu lassen.
   Nur langsam schienen ihre Worte zu ihm durchzudringen, und die Erkenntnis spiegelte sich auf seinem Gesicht wider. Er sah so ehrlich erschrocken aus, dass Liz beinahe aufgelacht hätte. Ein leiser Zweifel meldete sich wegen ihrer anfänglichen Vermutung, doch sie schob ihn vorerst beiseite.
   »Nun, Mr. Tanner, was ist passiert auf dem Sportplatz?« Sie wählte bewusst die förmliche Anrede.
   »Ich habe den Baseballschläger abbekommen. In eh …« Er hatte Mühe, die geeigneten Worte zu finden.
   »Ich verstehe. Na, dann werde ich mir das jetzt mal ansehen«, antwortete Liz in ihrem professionellsten Ton.
   Sein Kopf fuhr erschreckt hoch.
   Nicht schlecht, Tanner, fast würde ich dir die Nummer abnehmen.
   »Moment! Gibt … gibt …«, begann er zu stottern. »Gibt es noch jemanden, der heute hier Dienst hat?« Er fuhr sich nervös über die Lippen, als ahnte er ihre Antwort bereits.
   »Es ist niemand hier, Mr. Tanner«, säuselte sie zuckersüß. »Jedenfalls kein anderer Arzt«, stellte Liz nicht ohne einen Funken Genugtuung klar. »Das meinten Sie doch wohl?«
   Er ging nicht auf ihre Frage ein. Nun gut.
   »Ich möchte jetzt gern feststellen, wie schwer Sie verletzt sind. Wenn Sie damit ein Problem haben, dürfen Sie selbstverständlich nach Hause gehen. Das ist allein Ihre Entscheidung. Nur besteht durchaus die Möglichkeit, dass ich schnell handeln muss, um Spätfolgen zu vermeiden«, setzte Liz mit sorgenvoller Miene noch eins drauf.
   Er war offensichtlich noch der gleiche gottverdammte Idiot. Sie ließ sich die Gedanken nicht anmerken, sondern fixierte ihn streng mit ihrem Blick.

An einem anderen Tag, wenn Josh im Vollbesitz seiner Kräfte gewesen wäre, hätte er mit Sicherheit gegrinst und gedacht, was Elizabeth doch für eine kleine Hexe sein konnte. Auf alle Fälle hätte er ernsthaft daran gezweifelt, dass sie ihm weismachen wollte, dass kein anderer Arzt in der Nähe war. Er hätte ihr wahrscheinlich böse Absichten unterstellt, um mal wieder ihre kleinen Rachefeldzüge gegen ihn auszuführen. Nun bot sich ihr immerhin die Gelegenheit, auf die sie sicher schon seit Jahren gewartet hatte. Sie wurde ihr sogar auf dem sprichwörtlichen Silbertablett serviert, zumindest im metaphorischen Sinne. Doch in diesem Augenblick fühlte er sich einfach viel zu elend. Er sah sich außerstande, einen Ausweg aus der Situation zu finden.
   Die Schmerzen nahmen an Intensität zu. Er wünschte, er könnte sich irgendwohin verkriechen, wo ihn keiner sah und sich einfach nur zusammenrollen.
   Josh unterdrückte mit aller Kraft ein Stöhnen. Vor Lizzy würde er sich nicht die Blöße geben. Lange jedoch konnte er das nicht ertragen, das war ihm nur allzu bewusst.

»Ist Theo, ich meine, Dr. Jefferson da?«, fragte er leise.
   Natürlich, er wollte zum Chefarzt höchstpersönlich. »Nein, soviel ich weiß, hatte er noch einen wichtigen Termin außer Haus.« Das war nicht mal gelogen, überlegte Liz.
   Ein kurzes Flackern huschte über seine Lider.
   Diese albernen, weiblichen Wimpern überschatteten seine Augen. Trotz des dunklen Teints sah er ungewöhnlich blass aus.
   Das konnte man nicht spielen, oder? Liz war sich nicht sicher. Er schien wirklich starke Schmerzen zu haben. Fast tat er ihr leid.
   »Also?«, fragte sie deshalb wesentlich sanfter. »Vertrauen Sie mir?« Sie beobachtete ihn unentwegt. Es verging eine schier endlose Pause.
   »Helfen Sie mir. Bitte.« Er sagte es so leise, dass Liz es kaum verstand.
   »Haben Sie Schmerzen?«
   Er nickte, sah sie jedoch nicht an.
   »Wo?«
   Er legte eine Hand auf seinen Unterleib.
   Nein, er markierte keinesfalls. »Ich gebe Ihnen jetzt ein Medikament gegen die Schmerzen. Dann können Sie sich etwas entspannen.« Liz ging zum Schrank und zog eine Injektionsspritze auf.
   »Ich mag keine Nadeln.« Er hörte sich an wie ein kleiner, verängstigter Junge.
   War das der Joshua Tanner, den sie in Erinnerung hatte? Warum um alles in der Welt berührten seine rau geflüsterten Worte ihr Herz?
   Liz desinfizierte die Haut oberhalb des Gesäßes und stieß die Nadel in den Muskel.
   »O Gott«, murmelte er und zuckte zusammen.
   »Schon geschafft.« Sie lächelte aufmunternd, wie sie es meistens bei Kindern tat. »Machen Sie sich bitte frei.«
   Unter der Jogginghose trug er helle Seidenboxershorts, die allerdings mit Blut befleckt waren. Das war nicht gut, ganz und gar nicht gut. Er hatte keineswegs geblufft. Fast schämte sie sich ein bisschen. Es war keine Zeit, um dumme Spielchen aus der Vergangenheit zu verfolgen.
   Er zog die Shorts über seine schmalen Hüften. Ein großes Hämatom hatte sich ausgebreitet.
   »Bitte entspannen Sie sich und legen Sie sich ganz locker hin, okay?«
   Liz war erschrocken, aus seinem Penis sickerte tröpfchenweise Blut. Um ihn abzulenken und sich zu beruhigen, plapperte sie einfach drauflos. Über St. Elwine und die vielen Veränderungen, die ihr bereits aufgefallen waren.

Um Himmels willen, wie sollte man sich da entspannen? Warum muss ausgerechnet mir so etwas passieren? Und zu allem Unglück auch noch im Beisein von Lizzy! Er wollte sich gar nicht vorstellen, was sie mit ihm tat, und starrte an die Decke. Dann jedoch schloss er die Augen.
   Josh hörte nur mit halbem Ohr hin. Der Schmerz nahm ihn in die Zange, benebelte seine Sinne und nur der sanfte Klang von Lizzys Stimme durchbrach diesen Nebel und hüllte ihn ein. Er spürte, wie ihre Hände vorsichtig tastend seine Hoden untersuchten, und stöhnte leise, weil die Schmerzen immer größere Wellen auszusenden schienen.
   Anschließend benutzte Liz ein Ultraschallgerät.
   Ein pulsierendes Ziehen hatte jetzt alles erfasst, was sich unterhalb seines Bauchnabels befand.
   »Ich werde spiegeln, um Genaueres sehen zu können.«
   Er nickte leicht unter geschlossenen Lidern. Josh verstand ohnehin nicht den Sinn ihrer medizinischen Fachausdrücke. Er hörte nur das Wort »einführen«, riss die Augen auf und versuchte, sich aufzusetzen.
   »Ganz ruhig«, murmelte Liz. »Ich bin sehr vorsichtig.« Sie tupfte zunächst das Blut ab, benutzte ein Gleitmittel und schob behutsam das Endoskop in die Harnröhre.
   Josh stieß zischend den Atem aus. »Hör auf! Du tust mir weh, bitte!« Hasste sie ihn so sehr, um sich auf diese Weise an ihm zu rächen? Das war doch sicherlich gesetzwidrig. Er hätte nie geglaubt, dass sie zu so etwas fähig war. Hastig richtete er sich auf und schob sich bis an den äußersten Rand des Kopfendes zurück.
   »Vorsichtig! Du musst ruhig liegen bleiben.« Liz klappte an jeder Seite des Untersuchungstisches eine schalenförmige Halterung hoch, legte je eines seiner Beine ein und zog einen Gurt oberhalb der Knie fest.
   »O nein, ist das wirklich notwendig?« Seine Stimme klang heiser und kraftlos, als hätte er all seine Reserven verbraucht.
   »Ich denke, es ist vor allem sicherer. Ich möchte dich nicht zusätzlich noch verletzen«, erklärte sie ruhig.
   Er zog scharf die Luft ein, als Liz von Neuem begann.
   »Ich glaub, mir wird schlecht«, stieß er hervor.
   Seine Augen waren jetzt wieder geschlossen, aus seinem Gesicht jegliche Farbe gewichen. Joshs Hände krallten sich so stark an den Rand der Liege, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Sie bemerkte sehr wohl, wie er versuchte, sich gegen den Schmerz zu wappnen.
   Liz griff nach einer Schale und stellte sie neben seinem Kopf auf der Liege ab. »Ich weiß, dass ich dir wehtue. Es muss leider sein«, sagte sie leise. Vorsichtig schob sie die Sonde tiefer, während sie sein Gesicht nicht aus den Augen ließ. In ihrem Magen spürte sie noch immer den kalten Knoten, der sich beim Klang seiner verzweifelten Stimme gebildet hatte.
   »Herrgott.« Ihm entwich ein lautes Aufstöhnen.
   Liz legte ihre linke Hand flach auf seinen Bauch. Seine Muskeln waren bretthart angespannt und zitterten. Behutsam vollführte ihre Hand kleine, kreisende Bewegungen, um die Anspannung zu lösen.

Voll aufsteigender Panik wurde ihm bewusst, dass er die Übelkeit nicht mehr lange würde unterdrücken können. Er schluckte den gallebitteren Geschmack hinunter.
   »Versuch, dich zu beruhigen, Josh. Atme tief in meine Hand hinein, die auf deinem Bauch liegt. Du hast es gleich geschafft. Schön weiteratmen. So ist’s gut.«
   Wieder schluckte er heftig und spürte, wie er zitterte. »Lizzy, warum tust du mir das an?« Seine Stimme war nur mehr ein Flüstern. Dann schnappte er sich die Schale, hielt sie sich vor das Gesicht und übergab sich. Erschöpft und schweißgebadet ließ er sich zurücksinken. »Es tut mir leid«, krächzte er. »Das wollte ich nicht.«
   »Ist schon okay, so was passiert. Ich höre jetzt auf. Bin bereits auf dem Rückweg. Ganz langsam – so.«
   Ihr angeblich ganz langsamer Rückzug war fast so schlimm wie das drängende Vorwärtsschieben. Am liebsten hätte er geschrien. Stattdessen entfuhr ihm ein Wimmern. Zu seinem Entsetzen klang es wie das Winseln eines Welpen.
   »Überstanden, Josh.«
   »Mhm.«

Liz löste die Gurte und half ihm, die Beine wieder aus der Halterung zu nehmen. Nachdem sie ihn diskret mit einem Laken zugedeckt hatte, sah sie ihn direkt an. »Ich muss operieren.«
   »Was?«
   »Ich sagte, ich muss dich operieren.«
   »Gütiger Gott, du willst mir doch nichts abschneiden, oder?«
   »Im Gegenteil. Ich will retten, was zu retten ist. Die Frauen von St. Elwine werden mir dankbar sein«, fügte sie leise hinzu. »Wann hast du das letzte Mal etwas gegessen?«
   »Zum Mittag. Wieso?«
   »Wegen der Narkose.«
   »Wann … wann wirst du operieren?«
   »Jetzt. Ich möchte nicht mehr viel Zeit vergehen lassen. Du verstehst …«
   Josh nickte zwar, doch Liz hatte das Gefühl, dass er sie verständnislos und voller Angst anstarrte.
   Er sah unglaublich müde aus. Flüchtig strich sie über seine Hand. Niemals zuvor hatte sie ihn so hilflos gesehen. Sie stand rasch auf und holte zwei Patienteninformationsblätter. Die Situation war ihr unangenehm und sie wollte sie mit Geschäftigkeit überspielen. Zunächst konnte sie Josh ausführlich den Eingriff erläutern.
   »Erspar mir lieber die Einzelheiten. Ich unterschreibe alles, was du willst.«
   Interessant. Er schien ihr also blind zu vertrauen. »Na gut, deine Entscheidung. Soll ich jemanden anrufen?«
   Josh suchte ihren Blick und sah sie fragend an.
   »Deine Frau zum Beispiel?«
   Ein bitterer Ausdruck flackerte in seinen Augen auf, der aber so rasch wieder verschwand, dass sie sofort glaubte, ihn sich nur eingebildet zu haben.
   »Nein … ich … wir sind geschieden.« Er sprach zögernd.
   »Tja, dann.« Sie nahm aus einem Schubfach einen Wegwerfrasierer. »Es wird nicht lange dauern, gehört einfach zu den Vorbereitungen.«
   »Was?« Josh schloss die Augen und auf seinem Gesicht breitete sich Resignation aus. Wahrscheinlich hatte er jetzt den absoluten Tiefpunkt erreicht.
   Im Stillen gab Elizabeth ihm recht. Sie konnte es ihm nachfühlen. Es hatte ihn hart erwischt. Jetzt erst fiel ihr auf, dass sie im Laufe ihrer Begegnung begonnen hatte, ihn wieder zu duzen.