Durch einen schweren Schicksalsschlag wird der Bodyguard Vince Hanson zu einem einsamen Wolf. Dies ändert sich, als er der faszinierenden Kelly Jones begegnet. In ihrer Nähe fühlt er sich zum ersten Mal seit Jahren wieder lebendig. Sie stellt seine Gefühlswelt komplett auf den Kopf, und obwohl er kaum etwas von ihr weiß, verliebt er sich unsterblich in sie. Doch Kelly ist nicht die Person, für die sie sich ausgibt. Viel zu lange verbirgt sie ihre wahre Identität vor Vince. Als ihre Vergangenheit sie plötzlich einholt, geraten die Menschen in ihrem Umfeld in tödliche Gefahr. Um Kelly zu retten, muss Vince den Kampf mit einem skrupellosen Gegner aufnehmen, der auch vor Mord nicht zurückschreckt.

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ISBN: 978-9963-53-597-2

Seiten: 283

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Romina Gold

Romina Gold
Romina Gold fand bereits als Jugendliche ihre selbst erschaffene Fantasiewelt spannender als das reale Leben. Damals begann sie, ihre Lieblingsgeschichten aufzuschreiben. Ihre Träume hat sie sich bis heute ebenso bewahrt wie die Leidenschaft fürs Schreiben. Rominas Bücher sind eine Mischung aus Romantik und Abenteuer, mit denen sie ihren Lesern eine unterhaltsame Auszeit schenken möchte. Ihre schriftstellerische Bandbreite reicht von rasanten Thrillern über dramatische Beziehungsromane bis hin zu zauberhafter Fantasy, jedoch immer garniert mit einer wundervollen Liebesgeschichte. Die freiberufliche Autorin und Lektorin lebt mit Mann und Hund im sonnigen Südwesten Deutschlands. Ihr Erlebnishunger sowie ihr Faible für fremde Länder finden sich in ihren Romanen ebenso wieder wie ihr Glaube an die wahre Liebe.

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Leseprobe

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Kapitel 1
Sausalito, Kalifornien

Das Klingeln seines Smartphones riss Jason aus der Konzentration. Sein Blick glitt zur Wanduhr, die fast Mitternacht zeigte. Er faltete die Financial Times zusammen und griff nach dem iPhone. Außer seinem Vater gab es nur eine Person, die ihn so spät abends anrief. »Hi Linda«, begrüßte er seine Cousine.
   »Hallo Jason. Hab ich dich geweckt?«
   »Nein.«
   »Du klingst müde.«
   »War mal wieder ein langer Tag.«
   »Bei mir auch.«
   »Alles klar bei dir?«
   »Nun, wenn du so direkt fragst: Ich könnte deine Hilfe brauchen. Wäre schön, wenn du morgen kurz vorbeikommen würdest.«
   Er zögerte. »Um was geht es konkret?«
   »Um eine Unterbringung. Komplizierte Geschichte … Ich kann diese Frau nicht ins übliche Programm geben, sie benötigt besonderen Schutz.«
   »Und wie soll ich dir dabei helfen?«
   »Das würde ich gern persönlich mit dir besprechen.«
   Jason zögerte erneut. Er unterstützte das Frauenhaus, das Linda leitete, finanziell großzügig, aber für weiteres Engagement fehlte ihm die Zeit. Auch den morgigen Samstag hatte er bereits verplant.
   »Jason, bitte. Es ist Wochenende, da wirst du doch mal eine Stunde für mich übrig haben.«
   »Hm … Wie wäre es am Nachmittag?«
   »Um drei? Zum Kaffee?«
   »Kaffee klingt gut. Überredet! Wir sehen uns morgen.«
   »Ja, bis dann! Ich freu mich auf dich.«

Das Frauenhaus lag in einer Seitenstraße des Mission Districts in San Francisco, wo es sich unauffällig zwischen die Wohnhäuser reihte.
   Jason folgte Linda in die gemütliche Küche. »Hallo Sue«, begrüßte er die Sozialarbeiterin Susana Rodriguez, die sich mit Linda die Leitung teilte.
   »Hi Jason.« Sie lächelte ihn an, stellte eine Teekanne und die Zuckerdose zu den Tassen auf dem großen Esstisch und ließ seine Cousine und ihn allein.
   Jason fixierte das Arrangement. »Hattest du mich nicht zum Kaffee eingeladen?«
   »Keine harten Drogen in meinem Haus.« Linda feixte, bevor sie sich zur Küchenzeile umwandte, wo sie die Kanne von der Wärmeplatte der Kaffeemaschine zog und ihm einschenkte.
   Jason setzte sich schmunzelnd. Sie wollte wohl wirklich etwas von ihm. »Dann leg mal los.«
   Sie nahm ebenfalls Platz und strich sich eine blonde Strähne aus der Stirn. »Eine meiner Frauen, sie nennt sich Kelly Jones, will wieder ein normales Leben führen. Job, eigene Wohnung.« Linda zögerte. »Kelly ist geflohen, nachdem ihr Mann sie verprügelt und die Kellertreppe hinuntergestoßen hatte. Leider zu spät. Ihr Baby kam tot zur Welt.«
   Jason sog scharf die Luft ein.
   »Der Typ hat zwei Gesichter«, fuhr Linda fort. »Laut Kelly kann er andere Menschen wunderbar manipulieren, und wenn’s sein muss, ist er total nett und hilfsbereit. Er hat sich in der Stadt so beliebt gemacht, dass er sogar zum Sheriff gewählt wurde. Niemand weiß, dass er seine Frau schlägt. Kelly hat die Prügel regelmäßig über sich ergehen lassen und die Spuren vertuscht.«
   Jason hörte nicht zum ersten Mal von diesem Verhalten.
   »Sie befürchtet, dass er nach ihr sucht, um sie wieder unter seine Kontrolle zu bringen. Wenn herauskommt, was er ihr angetan hat, war’s das mit seiner Karriere. Außerdem weiß er nichts von der Totgeburt, und er will seinen Sohn.«
   Jason sah Linda fassungslos an. Seine Unterstützung war für ihn bislang eine saubere, abstrakte Sache gewesen. Aus der Stiftung floss Geld, sie dokumentierte den Verwendungszweck, seine Assistentin kümmerte sich um den Papierkram, er warf regelmäßig einen Blick darauf. Und nun wurde er plötzlich mit einem Schicksal konfrontiert.
   Linda ignorierte seine entsetzte Miene. »Ich habe Kelly eine neue Identität besorgt und sie äußerlich verändert. Doch ihr Mann muss nur hartnäckig genug suchen, dann wird er sie finden. Jeder Mensch hinterlässt Spuren, und ihre sind noch frisch. Zu viele Leute erinnern sich an sie.«
   »Die Arme.« Jason kam bittere Galle hoch bei der Vorstellung, dass ein Mann seiner Frau das Baby aus dem Leib prügelte. »Was für ein kranker Typ!«
   »Ja, Kelly ist einer meiner schlimmsten Fälle.« Linda schüttelte traurig den Kopf. »Dabei stammt sie aus geordneten Verhältnissen. Sie hat keine Vorstrafen oder Drogenprobleme wie so viele andere, die hierherkommen.«
   »Womit kann ich helfen?«
   Linda verschlang die Finger ineinander und starrte auf die Tischplatte. »Wie schon gesagt, Kelly möchte wieder auf eigenen Füßen stehen. Doch mir gefällt der Gedanke nicht, sie gehen zu lassen. Die Sache mit ihrem Mann, dass er sie verfolgt …« Sie sah Jason an. »Am liebsten wäre mir, sie würde in einem überschaubaren Umfeld leben.«
   Ihm schwante etwas. »Und welche Rolle hast du mir zugedacht?«, hörte er vorsichtig nach.
   »Deine Assistentin bekommt doch bald ihr Baby, und du brauchst eine Nachfolgerin. Kelly hat jahrelang im Büro gearbeitet, sie wünscht sich eine neue Chance und würde sich sehr engagieren. Sie ist fleißig, gewissenhaft und sieht gepflegt aus. Ich finde, sie passt in dein Unternehmen.«
   »Ich habe schon einen Ersatz für Nicole«, wandte er ein. »Außerdem hätte Mrs. Jones als Direktionsassistentin hauptsächlich mit Männern zu tun. Alphamännern wohlgemerkt.«
   »Miss Jones. Niemand darf wissen, dass sie verheiratet ist. Das gehört zu ihrer Tarnung«, korrigierte Linda. »Ich hatte auch nicht an dein Büro in der Stadt gedacht.«
   »Sondern?«
   »Kelly benötigt eine sichere Unterkunft. Sie könnte als Privatsekretärin für dich arbeiten, in deiner Villa, und du stellst ihr ein Zimmer zur Verfügung.«
   »Du willst Miss Jones in einen Junggesellenhaushalt stecken?«, vergewisserte er sich.
   »Ach, Jason. Du bist doch die meiste Zeit unterwegs. Und in deinem Palast könnte sich eine Horde Pfadfinder verirren. Kelly und du, ihr würdet euch tagelang nicht begegnen.«
   »Du übertreibst mal wieder maßlos.«
   Linda zog ihn bei jeder Gelegenheit mit seiner riesigen Villa auf, die für ihn allein tatsächlich viel zu groß war. Beim Kauf der Immobilie hatte er geglaubt, die Räume würden sich bald mit Leben füllen. Mit Kinderlachen. Doch das war ein Wunschtraum geblieben. »Und was ist mit meiner Security?«, gab er zu bedenken. »Ein Wachmann ist immer auf dem Gelände.«
   »Perfekt! Das ist der beste Schutz für sie. Wer käme denn auf die Idee, bei dir nach einer Frau auf der Flucht zu suchen?«
   Jason ließ sich Lindas Argumente durch den Kopf gehen. »Was hält Miss Jones davon?«, fragte er schließlich.
   »Kelly weiß noch nichts. Ich wollte erst mit dir reden.«
   »Mich weichklopfen, meinst du«, brummelte er.
   Linda lächelte. »Das hast du gesagt.«
   Er wurde wieder ernst. »Miss Jones muss qualifiziert sein für die Stelle, ich muss mich auf sie verlassen können. Win-Gate-Solutions ist kein Wohltätigkeitsverein.«
   »Mach dir keine Gedanken. Kelly schafft das, sonst hätte ich dir den Vorschlag nicht gemacht.«
   Jason rieb sich nachdenklich das Kinn. »Wenn sie für den Job nicht geeignet ist, kann sie trotzdem bei mir wohnen. Mein Gästehaus steht leer«, äußerte er nach einem Moment.
   Lindas Augen leuchteten auf. »Der Bungalow. Super! Ich wusste, dass du mir hilfst.« Sie sprang auf und umarmte ihn. »Ich hole Kelly, damit ihr euch kennenlernen könnt.«
   »Hältst du das für eine gute Idee?«
   »Jason, sie will raus hier. Irgendwann muss sie den ersten Schritt machen. Und du bist mit Sicherheit keine unangenehme Begegnung für eine Frau.« Sie zwinkerte ihm zu und verließ die Küche.
   Er starrte ihrer hochgewachsenen Gestalt mit gemischten Gefühlen hinterher.
   Jason besaß den Ruf, ein knallharter Verhandlungspartner zu sein, doch bei Linda versagten seine Strategien, sie kochte ihn immer weich.
   Einige Minuten später kehrte seine Cousine zurück, begleitet von einer Frau mit kurzen schwarzen Haaren und dunkelbraunen Augen.
   »Das ist mein Cousin, Jason Wingate«, stellte Linda ihn vor.
   »Hallo«, murmelte Kelly, setzte sich auf den Stuhl neben Linda und versank fast unter dem Tisch.
   Jason, der bei ihrem Erscheinen aufgestanden war, nahm wieder Platz. Sein Blick glitt über ihre schmale Gestalt. Sie wirkte nicht, als wäre sie schon bereit, Lindas schützendes Nest zu verlassen.
   »Kelly, ich möchte dir einen Vorschlag machen.«
   Sie umklammerte die Teetasse, die Linda vor sie hingestellt hatte, mit beiden Händen und hörte regungslos zu. Danach hob sie den Kopf und sah Jason an.
   Er schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln.
   »Das würden Sie für mich tun, Mr. Wingate?« Ihr direkter Blick, der im Gegensatz zu ihrer verschüchterten Körperhaltung stand, erstaunte ihn.
   Er nickte. »Sie können in meinem Gästehaus wohnen und, falls Sie die Qualifikation dazu mitbringen, auch für mich arbeiten.«
   »Ich würde alles tun, um Linda nicht länger auf der Tasche zu liegen. Sie war für mich da, als …« Ihre Stimme erstarb.
   »Du kannst so lange hierbleiben, wie du willst, das weißt du doch.« Linda legte ihr eine Hand auf den Arm. »Niemand drängt dich, zu gehen.«
   Kelly biss sich auf die Unterlippe und senkte den Kopf.
   »Es gibt da noch etwas, Miss Jones«, unterbrach Jason die aufkeimende Stille. »Ich lebe allein. Ich hoffe, das ist für Sie in Ordnung? Sie haben im Gästehaus Ihre Ruhe vor mir, das verspreche ich Ihnen. Außerdem bin ich oft auf Geschäftsreise.« Er wartete, und nach einem Moment nickte sie.
   »Vom Personal ist aber immer jemand da«, warf Linda ein.
   »Richtig. Meine Haushälterin unter der Woche und die Security rund um die Uhr.«
   Kellys Kopf ruckte hoch. »Security?«, stieß sie hervor.
   »Die Wachmannschaft. Meine Villa liegt außerhalb der Stadt auf einem großen Gelände.« Jason bemerkte, wie sie blass wurde. »Meine Männer sind Profis, Miss Jones. Sie bewachen und schützen. Keiner wird Ihnen zu nahe treten.«
   Seine Äußerung hätte sie beruhigen sollen, doch Kelly schlug die Hände vors Gesicht. Jason und Linda wechselten einen Blick.
   »Ich muss los«, sagte er und stand auf. »Ich habe noch eine Verabredung.«
   Kelly ließ die Arme sinken und sah zu ihm hoch.
   Jason lächelte sie aufmunternd an. »Denken Sie in Ruhe über meinen Vorschlag nach.« Aus der Innentasche seiner Lederjacke zog er ein silbernes Etui und entnahm ihm eine Visitenkarte, die er ihr reichte. »Falls Sie noch Fragen haben, können Sie mich jederzeit anrufen.«
   »Danke für deinen Besuch.« Linda erhob sich und umarmte ihn.
   »Danke für den Kaffee. Wir hören voneinander.«

Kapitel 2

Am Montag rief Linda an und teilte Jason mit, dass Kelly sein Angebot annehmen würde. Sie verabredeten ihren Umzug für den kommenden Samstag.
   Gedankenverloren drehte er nach dem Gespräch seinen Füllhalter zwischen den Fingern. Er hatte sich von Lindas Enthusiasmus und seinem Mitleid beeinflussen lassen und eine spontane Zusage gegeben. Ein für ihn untypisches Verhalten, das der Situation und Kelly Jones’ offensichtlichem Leid geschuldet war. Inzwischen zweifelte er an seiner Entscheidung. Er wollte helfen, doch er war kein Therapeut. Es gab so vieles, was er im Umgang mit Gewaltopfern nicht wusste. Seufzend griff er nach dem Telefon, um sich von Linda einige Ratschläge zu holen.

Jason saß nach dem Fitnesstraining beim Frühstück, als ihm Vince Hanson, sein Sicherheitschef, Lindas Ankunft meldete. Er trank seinen Kaffee aus und verließ die Küche. Seine Gefühle waren noch immer zwiegespalten, doch er hatte sein Wort gegeben, und dazu würde er stehen. Ein Wingate kniff nicht. Niemals.
   Sobald das Auto auf der gepflasterten Fläche neben der grauen Granittreppe zum Stillstand gekommen war, öffnete Vince die Beifahrertür. »Bitte, Ma’am«, sagte er von seiner imposanten Höhe herab, aber die Frau rührte sich nicht.
   Linda kam unterdessen um den Wagen herum. »Ich mach das schon, danke, Vince.« Sie berührte kurz seinen Arm und er erwiderte ihr Lächeln.
   Ebenso wie mit Jason verband Vince auch mit Linda seit Jahren eine enge Freundschaft. Er schätzte ihre warmherzige Art sehr, und ihr Engagement für misshandelte Frauen und Kinder nötigte ihm Respekt ab. Linda lebte für ihren Beruf, sehr zum Leidwesen von Vince’ Kollegen, Dylan Gabriel, den sie trotz aller Bemühungen nicht wahrzunehmen schien.
   »Komm, Kelly, wir sind da.«

*

Wie betäubt verließ Kelly die schützende Hülle des Wagens. Ihre Nervosität hatte sich während der Fahrt auf der von Pinien, Eukalyptusbäumen und Wermutbüschen gesäumten Zufahrtsstraße immer mehr gesteigert. Das monumentale Anwesen, das in Alleinlage oberhalb von Sausalito thronte, raubte ihr den Atem. Hier sollte sie zukünftig wohnen?
   Linda schob eine Hand unter Kellys Arm. Zusammen stiegen sie die Treppe hoch, wo Jason Wingate sie vor dem Eingangsportal aus Edelstahl und Glas erwartete.
   In Jeans und Kapuzensweater, mit verwuschelten dunklen Haaren und einem jungenhaften Lächeln entsprach er so gar nicht Kellys Vorstellung von einem erfolgreichen Unternehmer.
   Nach seinem Besuch im Frauenhaus hatte sie Linda über ihn ausgefragt und erfahren, dass ihr Cousin, obwohl erst vierunddreißig Jahre alt, CEO der Softwarefirma Win-Gate-Solutions war. Das Familienunternehmen wuchs unter seiner Leitung rasant und expandierte aktuell in Europa.
   Mr. Wingate bat sie ins Wohnzimmer, wo seine Haushälterin Kaffee servierte.
   »Kelly hat eine Bewerbung geschrieben«, sagte Linda nach dem ersten Schluck.
   Auf das Stichwort hin holte Kelly eine Dokumentenmappe aus ihrer Tasche und reichte sie ihm. Er überflog kurz den Lebenslauf.
   »Bis auf den Namen stimmen die Angaben«, bemerkte Linda.
   Jason Wingate sah hoch. »Bist du wieder unter die Ausweisfälscher gegangen?«
   Sie grinste. »Du Quatschkopf.«
   Seiner Äußerung entnahm Kelly, dass sie nicht die Erste war, der Linda eine neue Identität besorgt hatte.
   Kelly Jones war zweiunddreißig Jahre alt und in Georgetown, einer kleinen Stadt am Fuß der Rocky Mountains, aufgewachsen. Nach Abschluss der Highschool hatte sie beim Bezirksgericht gearbeitet. Seit ihrer Heirat lebte sie in einem Touristenstädtchen in den Bergen, wo sie zuerst in einem noblen Sporthotel an der Rezeption jobbte, bis sie ins Büro des Sheriffs wechselte.
   »Sie kennen sich mit den gängigen Computerprogrammen aus?« Jason Wingate sah von der Bewerbungsmappe hoch und suchte ihren Blick.
   Trotz ihrer Nervosität fielen Kelly seine Augen auf. Sie wirkten lebhaft. Intelligent. Und die ungewöhnliche Farbe zog sie in ihren Bann. Azurblau.
   Sie nickte. »Ich war bis zu meiner … Flucht im Januar berufstätig.«
   »Gut, dann schlage ich vor, dass Sie probeweise ein paar Tage für mich arbeiten. Danach sehen wir weiter. Sie werden meine persönliche Korrespondenz erledigen und die Stiftungen betreuen.«
   »Vielen Dank, dass Sie mir eine Chance geben, Mr. Wingate. Ich komme zwar aus einem anderen Fachgebiet, doch ich lerne schnell.«
   »Das hört sich schlimmer an, als es ist, Miss Jones. Ich mache nicht viel Arbeit.«
   »So’n Quatsch«, mischte sich Linda ein. »Alle Männer machen Arbeit.«
   Er zog arrogant eine Braue hoch. »Ich nicht«, entgegnete er blasiert und zwinkerte Kelly zu.
   Sie lächelte.
   »Kommen Sie, ich zeige Ihnen das Gästehaus.« Er stand auf, und Linda und Kelly folgten ihm.
   Unterwegs begegneten sie der Haushälterin.
   »Ann Sanders, sie sorgt dafür, dass ich mich nicht nur aus der Mikrowelle ernähre«, stellte Jason Wingate die Frau vor. »Ann, das ist Kelly Jones, sie wird ab heute im Bungalow wohnen.«
   Ann Sanders begrüßte Kelly freundlich, konnte ihr Erstaunen jedoch nur schlecht verbergen. Offensichtlich war es nicht üblich, dass Linda ihre Schützlinge hier einquartierte.
   Vom weitläufigen Wohntrakt traten sie in den Flur.
   »Oben ist mein Privatbereich, unten sind Pool, Trainingsraum und die Hauswirtschaftsräume«, erklärte Mr. Wingate. »Sie können den Fitnessbereich gern nutzen. Außer mir trainiert noch mein Securitychef hier. Ich werde Ihnen Mr. Hanson nachher vorstellen, Sie sind ihm bei der Ankunft bereits kurz begegnet.«
   Kelly konnte nur nicken, sie fühlte sich wie erschlagen von dem Luxus. Gegen die großzügigen Räume mit der exquisiten Einrichtung kam ihr das winzige, schlichte Zimmer, das sie im Frauenhaus bewohnt hatte, schäbig vor.
   Jason Wingate stoppte vor einer Tür, zog eine Karte durch den Schlitz am Lesegerät und tippte eine Zahlenfolge ein. »Der Gang führt direkt ins Gästehaus.«
   Kelly stand am Anfang einer Glasröhre, die den nur wenige Meter entfernten Bungalow mit dem Haupthaus verband. »Wie praktisch«, entfuhr es ihr.
   Er ging voraus, öffnete den Zugang am anderen Ende und bat sie mit einer Geste herein.
   Der Wohnbereich war mit skandinavischen Möbeln aus honigfarbener Buche eingerichtet, sowie zwei kleinen, rot-beige gemusterten Sofas und passenden Sesseln. Ein offener Kamin versprach Gemütlichkeit an kalten Abenden. Durch die Panoramafenster flutete Sonnenlicht ins Haus. Kelly trat zur Glasfront und sah hinab auf das flirrende Wasser der Richardson Bay und die Halbinsel Belvedere gegenüber.
   »Kelly, komm, sieh dir die anderen Räume an«, rief Linda.
   Sie warf einen Blick in die einladende Wohnküche. Auf der gegenüberliegenden Seite befanden sich zwei Schlafzimmer mit angrenzenden Bädern. Kelly entschied sich spontan für den Raum mit der Aussicht über die Bucht. Die weißen Möbel, Teppichboden und Bettwäsche in Blautönen sowie maritime Dekogegenstände verbreiteten mediterranes Flair.
   Kelly spürte, wie ihr Tränen der Dankbarkeit in die Augen stiegen. »Das ist eine wunderschöne Wohnung. Danke, Mr. Wingate«, brachte sie stockend hervor.
   Linda legte ihr einen Arm um die Schultern und drückte sie beruhigend.
   Sobald sich Kelly gefasst hatte, kehrten sie in die Villa zurück, wo Jason Wingate ihr Vince Hanson vorstellte.
   »Ich hatte es ja schon erwähnt. Mr. Hanson ist der Leiter meiner Security. Das Team besteht aus fünf Leuten.«
   Kelly sah zu dem blonden Hünen auf, der ihr die Autotür aufgehalten hatte. Er nickte ihr freundlich zu. Sie schätzte ihn auf mindestens einen Meter neunzig. Der Anzug betonte seine muskulöse Statur, wachsame meerblaue Augen umfassten ihre Gestalt. Alles an ihm wirkte einschüchternd. Umso mehr erstaunte sie sein Händedruck. Der Griff seiner großen warmen Hand fühlte sich beruhigend an.
   »Vince wohnt auf dem Gelände in einem Apartment im Seitentrakt. Sie werden also nie allein sein.«
   Kelly fiel plötzlich das Atmen schwer. Erneut zweifelte sie an ihrer Entscheidung. Lindas Argumente hatten überzeugend geklungen, doch im Grunde war sie hier ebenso gefangen wie bei ihrem Mann. Eine Gefängniszelle, eingetauscht gegen einen goldenen Käfig.
   Linda schien ihre Skepsis zu erahnen. »Wir bringen jetzt mal deine Sachen rüber, damit du dich einrichten kannst.«
   »Ich hoffe, es gefällt Ihnen hier, Miss Jones«, äußerte Jason Wingate.
   »Ja, sehr. Ich habe mich im Bungalow sofort wohlgefühlt.« Sie lächelte. »Das ist viel mehr, als ich erwartet hatte. Sie sind sehr großzügig. Danke, Mr. Wingate.«
   »Nennen Sie mich doch bitte Jason«, bot er an.
   »Gern. Wenn Sie Kelly zu mir sagen.«
   Er nickte und wandte sich an Vince. »Miss Jones braucht eine Codekarte.«
   »Ich kümmere mich sofort darum.« Er nahm die beiden Taschen, die Kellys Habseligkeiten enthielten, und folgte ihnen ins Gästehaus.
   Sobald er gegangen war, sank Kelly seufzend auf eine Couch.
   Linda setzte sich neben sie. »Alles klar?«
   Kelly nickte und schüttelte gleich darauf den Kopf.
   Linda lachte. »Was denn nun?«
   »Ach, Linda!« Ihr standen schon wieder Tränen in den Augen. »Ich kann’s nicht fassen, dass Jason mich so herzlich aufnimmt.«
   »Mach dir darüber mal keine Gedanken. Hier ist massig Platz. Ich hab noch nie verstanden, wofür er dieses riesige Haus braucht. Ihm würde ein Bett in seiner Firma reichen.«
   »Wieso lebt er allein?«, rutschte es Kelly heraus. Es wollte ihr nicht in den Sinn, warum ein erfolgreicher und gut aussehender Mann wie Jason keine Partnerin hatte.
   Linda zuckte die Schultern. »Es gab ein paar Freundinnen, aber die Richtige war noch nicht dabei. Für Jason kommt Win-Gate-Solutions an erster Stelle, und welche Frau macht so was schon mit?«
   »Ich freue mich darauf, für ihn zu arbeiten. Hoffentlich ist er zufrieden mit mir.«
   »Das bekommst du hin. Du bist gut in dem, was du tust.«
   Kelly hätte am liebsten widersprochen, doch sie schwieg. Seit dem Verlust des Babys fühlte sie sich wertlos. Sie war schuld an seinem Tod, weil sie Steven nicht rechtzeitig verlassen hatte.
   Ein melodischer Gong ertönte, und Linda öffnete die Haustür. »Vince, komm rein.«
   Er betrat das Wohnzimmer. In dem kleinen Raum wirkte er noch größer und breiter als in Jasons offenem Wohnbereich. Kelly konnte den Blick nicht von ihm nehmen.
   Er bemerkte es und lächelte ihr zu. »Ich habe die Karte für die Verbindungstür, Miss Jones.«
   Ihr Bann löste sich bei seinen Worten, und sie stieß ein »Danke« hervor.
   »Ich zeige Ihnen, wie man das Schloss bedient, Ma’am.«
   Sie stand auf und folgte ihm.
   Er reichte ihr die Codekarte und erklärte die Benutzung. Zum Schluss tippte er eine Nummernfolge ein, die er laut aufsagte. »Die Ziffern müssen Sie sich merken. Sollte die Karte einmal nicht funktionieren, dann rufen Sie mit dieser Taste. Es meldet sich jemand vom Wachdienst.«
   Kelly konnte nur nicken. Seine Präsenz verschlug ihr den Atem. Die Vitalität, die von ihm ausging, brachte die Luft in seiner Nähe zum Vibrieren.
   Vince warf ihr einen Blick zu, bemerkte ihre Anspannung und vergrößerte den Abstand zwischen ihnen. »Das war alles, Ma’am«, sagte er förmlich.
   Sie fixierte das Lesegerät, als wäre es hochexplosiv. »Jeder, der eine Karte hat, kommt hier rein.«
   »Nein«, widersprach er. »Es gibt nur diese Karte mit dem aktuellen Code. Außer Ihnen kann niemand die Tür öffnen.«
   »Tut mir leid.« Sie legte den Kopf in den Nacken, um ihn ansehen zu können. »Ich wollte nichts unterstellen. Vielen Dank, Mr. Hanson.«
   »Gern geschehen. Und bitte nennen Sie mich Vince.« Er lächelte erneut.
   Kelly starrte ihn an, ihr Gehirn war leer gefegt. Ob er einen Waffenschein besaß für dieses Lächeln?
   Vince deutete eine Verbeugung an und ging.
   Sie betrat die Küche, weil sie Linda dort herumkramen hörte.
   »Der Kühlschrank ist voll, du wirst also nicht verhungern«, bemerkte diese, bevor sie auf Kellys Gesichtsausdruck reagierte. »Was ist denn los?«
   »Nichts.« Kelly schüttelte den Kopf, als wollte sie böse Geister vertreiben.
   »Vince ist total nett, er tut nur immer so reserviert.«
   Sie sank auf einen Stuhl, stützte die Ellenbogen auf die Tischplatte und vergrub das Gesicht in beiden Händen. »Er ist ziemlich … beeindruckend.«
   Linda grinste. »Beeindruckend? Au Mann, sonst fällt dir nichts zu ihm ein? Vince ist ein echter Kerl, stark und gut aussehend.«
   Kelly spreizte die Finger und warf ihr einen Blick zu. »Na, danke. Von echten Kerlen bin ich erst mal bedient.«
   »Du wirst ihn kaum zu Gesicht bekommen.«
   »Dreht er denn nicht seine Runden?«
   »Nein. In diesem Palast ist alles hochmodern. Überall sind Kameras. Vince sitzt die meiste Zeit im Überwachungsraum.«
   »Wie aufregend.«
   »Tja, ruhiger Job. Dadurch hat er eine Menge Zeit zum Trainieren.« Linda verdrehte übertrieben die Augen.
   Kelly feixte. »Er gefällt dir.«
   »Vince sieht super aus, aber ich und ein Mann …« Linda zuckte mit den Achseln. »Ich habe meine Erfüllung in meiner Arbeit gefunden. Außerdem ist Vince … kompliziert.« Ein Schatten huschte über ihr Gesicht. »Vergiss es«, sagte sie mehr zu sich selbst und griff nach ihrer Handtasche. »So, meine Liebe, ich fahre jetzt. Du bist hier gut versorgt.« Sie legte Kelly beide Hände auf die Schultern. »Du hast eine Wohnung, einen Job, stehst wieder auf eigenen Beinen. Mach das Beste daraus.«
   »Das habe ich vor.«
   »Ich weiß, dass du es schaffen wirst. Wegen deiner Therapie: Du solltest weiterhin an unseren Gruppengesprächen teilnehmen. Einer von Jasons Jungs wird dich in die Stadt fahren.«
   Kelly stand auf. »Vielen Dank noch mal, Linda. Wie kann ich dir jemals zurückgeben, was du für mich getan hast?«
   »Red nicht solchen Mist. Du hast heute den ersten Schritt in deine neue Selbstständigkeit gemacht, und das ist für mich das größte Erfolgserlebnis.« Sie umarmte Kelly.
   Die Tür fiel hinter Linda ins Schloss. Kelly durchquerte langsam den Wohnraum, ließ ihre Blicke über die geschmackvolle Einrichtung schweifen und blieb schließlich vor der Panoramascheibe stehen. Lange sah sie hinaus in die beruhigende Weite.
   Dies war also ihre neue Zuflucht. Ein gemütliches Häuschen, abgeschottet von hohen Mauern und rund um die Uhr bewacht. Würde sie hier endlich zur Ruhe kommen? Nach einer Odyssee durch den halben Kontinent und Monaten voller Kummer, Selbstvorwürfen und Angst. Ihre Gedanken glitten zurück zum schlimmsten Tag ihres Lebens. Ihrem letzten Tag als Helen Devine.

Kapitel 3
Colorado, Rocky Mountains
Fünf Monate vorher

Helen kam blinzelnd zu sich, Dunkelheit umhüllte sie. Nicht das diffuse Nachtblau ihres Schlafzimmers, sondern absolute, erdrückende Schwärze.
   Träge sickerten weitere Details durch ihre Benommenheit: Sie lag auf dem Rücken, ihr Körper steif vor Kälte. Das linke Handgelenk pulsierte, ebenso ihr linkes Knie. Muffig-feuchter Kellergeruch stieg ihr in die Nase.
   Erschrocken richtete sie sich auf, ein glühender Schmerz schoss durch ihren Unterleib. O nein, nicht mein Junge! Helen stöhnte und sank auf den Betonboden zurück.
   Sie tastete über ihren Babybauch hinab zu ihrem Schritt. Der Jeansstoff fühlte sich trocken an. Vor Erleichterung traten ihr Tränen in die Augen.
   Mit der Angst um das Kind kam die Erinnerung an den Streit. Stevens Fäuste in ihrem Gesicht, seine derben Hände, die sie packten und schüttelten, bevor er sie wie einen Hund im Genick schnappte und die Kellertreppe hinunterstieß. Er war mal wieder ausgeflippt. Wegen ein paar Widerworten …
   Sie musste hier raus.
   Helen stemmte sich hoch und stützte sich gegen das rohe Mauerwerk. Ihr Schädel dröhnte, ihr war schwindlig. Der schmale Streifen Helligkeit am Ende der Treppe, wo das Tageslicht unter dem Türspalt hindurchschimmerte, wies ihr den Weg in die Freiheit.
   Stufe um Stufe zog sie sich am Geländer nach oben. Das verletzte Knie trug sie kaum, doch die Angst um ihr Baby trieb sie weiter. Steven hatte sie schon einmal über Nacht in den eisigen Keller gesperrt. Panik überrollte Helen bei der Erinnerung, wie entkräftet sie damals gewesen war. Das durfte nicht noch einmal passieren! Nicht in ihrem Zustand. Sie brauchte Wasser, Nahrung, Wärme.
   Endlich erreichte sie den Treppenabsatz und ertastete den Lichtschalter. Der grelle Schein der nackten Glühbirne wirkte tröstlich. Sie drehte am Knauf, doch die Tür war verschlossen. Erschöpft lehnte sie sich gegen das massive Holz, klopfte und flehte. Auf der anderen Seite blieb es still. Steven ließ sie schmoren. Eine seiner Lieblingsstrafen.
   Sie sammelte ihre Kräfte, drehte erneut den Knopf und rüttelte daran. Das Klicken, mit dem das verklemmte Schloss aufsprang, schien sie zu verhöhnen. Helen schluchzte vor Erleichterung.
   Sie spähte den Flur entlang in der Erwartung, ihren Mann an der Wand lehnen zu sehen, die Arme vor der Brust verschränkt und höhnisch grinsend. Doch der lange Gang war leer. Helen verharrte. Lauschte. Im Haus herrschte Todesstille. Schließlich hinkte sie zur Eingangstür und sah durch die Buntglasscheibe in der oberen Hälfte nach draußen. Schemenhaft erkannte sie den Pick-up, der auf seinem gewohnten Platz parkte. Sie zog die Tür ein Stück auf. Stevens Dienstwagen fehlte. Ihr Blick huschte zum Ablagebord. Seine Brieftasche war weg. Er war weg!
   Erleichtert sackte sie gegen die Wand. Der Spiegel neben der Garderobe fing ihr Bild ein. Die rotbraunen Strähnen wirkten fremd in ihrem hellen Haar, und erst nach einem Moment realisierte sie, dass es sich um getrocknetes Blut von einer Platzwunde an der Schläfe handelte. Sie drehte den Kopf. Eine großflächige Verfärbung zog sich von ihrem linken Auge über die Wange, an ihrer Nase klebte verkrustetes Blut. Helen senkte den Blick auf ihr schmerzendes Handgelenk, das grotesk geschwollen war.
   Wut auf Steven kochte in ihr hoch. In seiner Raserei machte er noch nicht einmal vor seinem ungeborenen Sohn halt. Also war die Freude auf das Baby auch nur geheuchelt gewesen, eine Lüge, wie so viele davor. Für ihn zählte einzig die Anerkennung. Mit dem Kind hätte er mal wieder im Mittelpunkt gestanden. Der tolle Kerl, ein Mann, der Söhne zeugte. Der Beste für das Amt des Sheriffs …
   Wie im Zeitraffer sah Helen die Zukunft ihres Babys vorbeitakten. Seine Kindheit und Jugend, geprägt von einem gewalttätigen Vater, der jedes Fehlverhalten im Keim erstickte. So lange, bis der Junge genauso perfekt funktionierte wie seine Mutter. Oder ebenfalls zu einem Schläger wurde.
   Ihre Hoffnung auf ein normales Familienleben zersplitterte in diesem Augenblick. Steven würde sich nie ändern. Und sie konnte ihr Kind nicht schützen. Sie besaß weder körperlich noch mental die Kraft, sich gegen ihren Mann zu wehren.
   Plötzlich fielen alle Emotionen von ihr ab. Angst, Wut, Schmerz, dafür blieb jetzt keine Zeit. Das Schicksal hatte ihr eine Chance geschenkt, um ihr Leben und das des Babys zu retten.
   Helen mühte sich die Treppe zum ersten Stock hinauf. Ihre Beine zitterten, ihr Rücken schmerzte und heftiger Schwindel zwang sie zur Vorsicht.
   Im Bad betrachtete sie ihren gewölbten Leib. Ein großes Hämatom prangte darauf, ansonsten wirkte alles normal. Sie streichelte sanft darüber. »Er wird dir nichts antun«, murmelte sie. »Ich passe auf dich auf.«
   Kurz überlegte sie, ob sie einen Krankenwagen rufen sollte, aber dann würde sie nie von Steven wegkommen. Du suchst nur wieder eine Ausrede für deine ewige Feigheit!, warf sie sich vor.
   Helen hatte schon mehrmals mit dem Gedanken gespielt, wegzulaufen, doch dann wurde sie schwanger, und Steven verwandelte sich in den Mann zurück, in den sie sich einst verliebt hatte. Bis zu diesem Morgen, als sein Zorn aus heiterem Himmel über sie hereingebrochen war.
   Eilig wusch sie das Blut von Gesicht und Haaren, bevor sie das Geld, das sie seit Langem aus der Haushaltskasse abzweigte, aus seinem Versteck nahm. Zusammen mit dem Zweitschlüssel ihres Chevys, der im Anbau hinter dem Haus stand.
   Steven hatte ihr vor einiger Zeit den Autoschlüssel abgenommen. Eine weitere seiner Schikanen, um ihren Bewegungsradius einzuengen. Angeblich, damit ihr und dem Baby nichts passierte. Schwangeren Frauen wurde es ja öfter mal übel am Steuer. Wie besorgt er getan hatte. Und wie wütend er geworden war, als er den zweiten Schlüssel nicht finden konnte.
   Das Geräusch rollender Reifen auf Schotter, das gedämpft an ihre Ohren drang, riss sie aus ihren Gedanken. Helen erstarrte. Er durfte noch nicht zurückkommen! Ein scharfer Stich Angst übertönte die aufkeimende Resignation. So schnell ihr verletztes Bein sie trug, hastete sie ans Fenster. Erleichtert lehnte sie die Stirn an die Scheibe, als das unbekannte Auto an ihrem Haus vorbeifuhr und in das Waldstück dahinter einbog.
   Helen wandte sich ihrem Kleiderschrank zu, warf mehrere Garnituren Unterwäsche und einige Kleidungsstücke in einen Rucksack. Ein letztes Mal glitt ihr Blick durch den Raum. Alles wirkte akkurat, so, wie Steven es haben wollte. Sie schlüpfte in eine Winterjacke und humpelte die Treppe hinab.
   Der Innenraum des Autos roch muffig, und auf der Windschutzscheibe lag eine Staubschicht. Kein Wunder, der Chevy stand seit Monaten. Ob er überhaupt noch ansprang? Helen steckte den Schlüssel ins Zündschloss. Diverse Lämpchen am Armaturenbrett leuchteten auf, das Batteriesymbol fiel ihr ins Auge. Müsste das nicht ausgehen? Es hatte sie nie interessiert. Und nun hing plötzlich ihr Leben von einer winzigen Anzeige ab. Sie verdrängte den Gedanken und startete, doch der Motor blieb stumm. Panik flutete über sie hinweg. Ihre Blicke huschten durch den Innenraum. Die Automatik stand auf Parkposition, die Tanknadel zeigte halbe Füllung, die Cockpitbeleuchtung funktionierte. Und die Warnleuchte für die Batterie war erloschen! Mit neuem Mut drehte sie den Schlüssel. Sie stieß heftig die Luft aus, als der Wagen zum Leben erwachte.
   Es gab nur eine Straße, die aus dem Touristenstädtchen hinausführte. Das Haus der Devines lag am Ortsrand, und sie musste fast die ganze Stadt durchqueren, vorbei am Sheriff’s Office. Stevens reservierter Parkplatz war leer.
   Er kurvt hier rum, er wird mich sehen!
   Erneut griff die Panik nach ihr. Helens Blicke sprangen zwischen dem Gegenverkehr und dem Rückspiegel hin und her, sie rechnete jede Sekunde mit blitzenden Signalleuchten und dem Aufheulen einer Sirene. Am liebsten hätte sie Vollgas gegeben. Endlich passierte sie die Stadtgrenze.
   Helen beschleunigte, ihre Verletzungen zwangen sie jedoch zur Vorsicht. Ihr geschwollenes Auge tränte, und das Lenkrad konnte sie nur mit der rechten Hand halten. Die kurvenreiche Strecke hinunter ins Tal, an deren Rändern sich der geräumte Schnee türmte, verlangte ihr alles ab. Sie kroch durch die Serpentinen und fuhr an einsehbaren Stellen mittig.
   Plötzlich brüllte eine Hupe hinter ihr. Steven! Helen schrak zusammen und verriss das Steuer. Sie packte das Lenkrad mit beiden Händen, ein glühender Schmerz schoss in ihr Gelenk und einzig die geringe Geschwindigkeit bewahrte sie davor, in einen Schneehaufen zu schleudern.
   Ein brachialer Geländewagen hing in ihrem Kofferraum, blendete auf und setzte zum Überholen an. Sie wich nach rechts aus und entging nur knapp der Kollision mit einer Felswand. Der Drängler raste an ihr vorbei.
   Helen stoppte entnervt. Vollidiot! Erschöpfung, Erleichterung und Schmerz trieben ihr Tränen in die Augen, und weinend sank sie über das Lenkrad.

Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichte sie die Kurve, an der eine Steilwand bis zum Talgrund senkrecht abfiel und in einem reißenden, wild um rund geschliffene Steine gurgelnden Gebirgsfluss endete. Vor wenigen Tagen war ein Lkw bei Glatteis an dieser Stelle durch die Leitplanke gebrochen. Helen, die im Büro des Sheriffs arbeitete, hatte den Unfallbericht verfasst. Ein Streifen Polizeiband zwischen zwei Sicherheitsbaken diente als provisorische Sperre, und nachts warnten blinkende Leuchten.
   Panik wallte in ihr hoch, doch nun gab es kein Zurück mehr. Steven würde sie bis ans Ende der Welt jagen, solange er sie am Leben glaubte. Einen Mann wie ihn verließ man nicht ungestraft.
   Sie wollte den Wagen schon anrollen lassen, da fiel ihr Blick auf das Handschuhfach. Ob sich ihr Führerschein noch darin befand? Seit Steven ihr den Autoschlüssel abgenommen hatte, war sie nicht mehr an dem Chevy gewesen. Sie öffnete die Klappe und durchwühlte den Krimskrams darin. Eine einzelne Dollarnote flatterte zu Boden. Helen steckte sie ein und suchte weiter. Sie entdeckte ein Ledermäppchen, zog den Reißverschluss auf, und ein USB-Stick rutschte heraus. Verdutzt betrachtete sie ihn. Wie kam das Ding hierher? Es konnte nur Steven gehören. Aber warum bewahrte er es im Auto auf? Das passte so gar nicht zu seiner Pedanterie. Kurz entschlossen schob sie den Stick in die Hosentasche.
   Ihre Hand zitterte sekundenlang über dem Schalthebel. Würde sie es rechtzeitig aus dem Wagen schaffen? Mit dem dicken Bauch und dem verletzten Knie? Helen unterdrückte die Fantasien, die vor ihrem inneren Auge aufstiegen. Bevor der Mut sie verließ, stellte sie den Hebel auf D, nahm den Fuß von der Bremse und glitt wimmernd aus dem anrollenden Auto.
   Angespannt beobachtete sie, wie das Fahrzeug das gelb-schwarze Band zerriss und über die Abbruchkante kippte, hörte das nervtötende Kreischen von Blech, das an Felsen entlangschrammte. Sie wartete nicht, bis der Chevy im Flussbett aufschlug, sondern duckte sich hinter die Büsche am Straßenrand. Falls jemand sie zufällig sehen würde, wäre ihre Flucht gescheitert. Sie musste Abstand zwischen sich und die Unfallstelle bringen.
   Helen tauchte in den dunklen Wald ein und kämpfte sich bergab durch den Nadelforst, dessen schneelastige Zweige bis zum Boden hingen. Sie versank abwechselnd im Neuschnee oder stolperte über verharschte Flächen. Ihre Beine gaben immer öfter unter ihr nach, Bauchkrämpfe nahmen ihr die Luft. Erschöpft blieb sie stehen und betastete ihren Leib. Er war hart. Vorzeitige Wehen! Sie versuchte, sich mit Atemübungen zu entspannen, doch die Krämpfe verstärkten sich.
   Motorengeräusche wiesen ihr den Weg zur Landstraße, die sie zurück in die Zivilisation bringen würde. Mit letzter Kraft schleppte sich Helen in diese Richtung.
   Die Bäume lichteten sich, sie rutschte eine kleine Böschung hinab und torkelte auf die Fahrbahn. Eine Hupe ertönte, erschrocken fuhr sie herum. Ein sengender Schmerz schoss durch ihren Leib, und ihre Beine ließen sie nun endgültig im Stich. Hart landete sie auf dem verletzten Knie. Sie schrie auf, versuchte, sich abzustützen, doch der Schwindel verstärkte sich und legte sich wie ein schwarzer Schleier über sie. Türenschlagen und aufgeregte Stimmen drangen gedämpft an ihre Ohren. Jemand berührte ihren Arm, redete auf sie ein. Helen spürte noch, wie sie hochgehoben wurde, bevor sie in erlösender Stille versank.
   Das penetrante Piepsen eines Überwachungsmonitors tröpfelte in ihr Bewusstsein und holte sie in die Realität zurück. Ihr erster Blick fiel auf den Infusionsbeutel, der an dem Ständer neben ihrem Bett hing. Helen bewegte sich und bemerkte dabei den Gipsverband an ihrem linken Unterarm.
   Schlagartig kam sie vollends zu sich. Mein Baby!, schoss es ihr durch den Kopf.
   Sie legte eine Hand auf ihren Bauch. Er war flach! Ihre Finger tasteten weiter, bis sie den Verband berührten, der ihren Unterleib bedeckte. Kaiserschnitt. Dann war das Kind auf der Welt! Erleichterung durchflutete sie, und mit neuer Energie richtete sie sich auf.
   Kurz darauf traten zwei Frauen an ihr Bett.
   »Unsere Jane Doe ist aufgewacht«, stieß die junge Krankenschwester hervor.
   Die Ärztin warf einen Blick auf den Monitor, bevor sie sich an Helen wandte. »Ich bin Dr. Leeburgh, Ma’am. Sie hatten einen Unfall. Erinnern Sie sich?«
   Unfall? Helen schüttelte den Kopf und setzte zu einer Entgegnung an, hielt jedoch inne. Jane Doe hatte die Schwester sie genannt. Man kannte ihren Namen nicht. Ihre Gedanken wirbelten durcheinander. Wo war der Rucksack mit ihren Papieren?
   Die Ärztin zog eine Pupillenleuchte aus ihrer Kitteltasche und beugte sich zu Helen.
   »Geht’s meinem Jungen gut?«, murmelte sie.
   Langsam richtete sich die ältere Frau auf. Bedauern lag in ihrem Blick.
   »Ich will ihn sehen.«
   »Es tut mir sehr leid, Mrs. …«
   Als Helen nicht reagierte, sprach Dr. Leeburgh weiter. »Wir mussten einen Notkaiserschnitt machen. Leider kam die Hilfe für das Baby zu spät.«
   »Aber … ich bin in der fünfundzwanzigsten Woche.«
   »Das Kind wäre lebensfähig gewesen«, stimmte die Ärztin zu. »Doch seine Verletzungen waren zu schwer. Wir haben wirklich alles probiert, Ma’am. Ich bin froh, dass wir Sie retten konnten.«
   Fassungslos starrte Helen die Frau an. Er hat seinen Sohn getötet!, hämmerte es in ihrem Kopf.
   Mit einem klagenden Laut schloss sie die Augen und ließ den Tränen freien Lauf.

Kapitel 4

Vince stand auf dem Balkon seines Apartments und starrte auf Sausalito und Belvedere hinab, die im nächtlichen Lichterglanz erstrahlten. Ein eisiger Wind zerrte an seinem Shirt, doch er spürte die Kälte nicht. Seine Gedanken kreisten um die Ereignisse des Tages. Was war nur in Jason gefahren, dass er eine fremde Frau bei sich aufnahm? Noch dazu eine, die offensichtlich riesige Probleme mit sich herumschleppte. Ihr Einblick gewährte in seine geschäftlichen Belange. Was verband ihn mit Kelly Jones?
   Er sah sie vor sich, ihre zarte Gestalt, steif vor Anspannung. Die ausdrucksvollen Augen, die seinem Blick nicht standhalten konnten. Verschüchtert … oder eher ängstlich.
   Vince stützte beide Hände auf die Brüstung und legte den Kopf in den Nacken. Zwischen den dahinjagenden Wolkenfetzen blinkten vereinzelte Sterne auf. Er beschloss, Linda anzurufen, um herauszufinden, was es mit dieser Angelegenheit auf sich hatte.

*

Am Tag darauf lud Jason Kelly zum Kaffee in die Villa ein. Heute wirkte sie erholter auf ihn und nicht mehr so nervös. Sie plauderten über das Anwesen, und Kelly brachte nochmals ihre Dankbarkeit zum Ausdruck.
   »Warum tun Sie das für mich, Mr. Wingate?«, fragte sie unvermittelt.
   Erstaunt blickte er sie an. »Was meinen Sie?«
   »Sie lassen mich hier wohnen, obwohl Sie mich nicht kennen. Bieten mir einen Job an, für den hunderte anderer Frauen besser qualifiziert wären. Sie sind ein Geschäftsmann, und ich bin ein Kostenfaktor. Warum also tun Sie das? Aus reiner Nächstenliebe?«
   Ihre offenen Worte nötigten ihm Respekt ab. »Eine ehrliche Antwort?«, bot er an.
   Kelly nickte.
   »Ich war zuerst skeptisch, als Linda mich gebeten hat, Sie aufzunehmen. Aber dann dachte ich mir, wieso es nicht einfach mal probieren. Seit Jahren unterhalte ich eine Stiftung für misshandelte Frauen und Kinder, ab und zu begleite ich Linda zu einem Wohltätigkeitsball. Das war’s auch schon mit meinem Engagement. Ich wollte endlich einmal aktiv helfen und nicht nur Schecks ausschreiben.«
   Ihr ernsthafter Blick ruhte auf ihm. »Danke für die offenen Worte. Jetzt verstehe ich Ihre Beweggründe.«
   Jason fühlte Verlegenheit in sich aufsteigen und wechselte das Thema. »Sie fahren morgen mit mir ins Büro. Dort befinden sich die Stiftungsunterlagen, und meine Assistentin kann Ihnen die Arbeit erklären.«
   Kelly strahlte ihn an. »Darauf freue ich mich. Und danke für die Mühe, die Sie sich für mich machen, Mr. Wingate.«
   »Jason«, erinnerte er sie. »Ich fliege bald nach Europa und bin dann für einige Wochen weg. Bis dahin sollten Sie so weit eingearbeitet sein, dass Sie mein Privatsekretariat führen können.«
   Kelly entging nicht, wie er das Wort betonte. Mit schief gelegtem Kopf sah sie ihn an.
   Er bemerkte ihren Blick. »Das war Lindas Idee. Ich wäre nie darauf gekommen, dass ich eine zweite Assistentin brauche.«
   »Sie werden zufrieden mit mir sein, das verspreche ich Ihnen.«
   Lächelnd nahm er ihren Eifer zur Kenntnis. Er hatte schon viele Bewerbungsgespräche geführt, und sein Gefühl trog ihn selten. Kelly würde gewissenhaft und engagiert ihre Arbeit erledigen.
   Nachdem Kelly gegangen war, rief er Linda an.
   »Alles klar bei euch? Wie geht’s Kelly?«, meldete sie sich.
   Jason musste schmunzeln. Seine Cousine kam wie üblich direkt auf den Punkt.
   »Sehr gut. Wir haben gerade Kaffee getrunken, und sie war viel lockerer als gestern. Ich denke, sie wird sich schnell einleben. Morgen fahren wir zusammen in die Firma.«
   »Warum?«
   Der alarmierte Tonfall ließ ihn aufhorchen. »Weil Nicole Kelly einarbeiten muss.«
   »Sie soll nicht draußen herumlaufen!«
   Jason seufzte. »Wird sie auch nicht. Sie fährt mit mir und lernt nur Nicole kennen.«
   »Aber …«
   »Sie will doch ein normales Leben führen«, fiel er Linda ins Wort. »Dazu gehört, dass sie ihre Arbeit beherrscht.«
   »Du hast ja recht. Ich bin mal wieder zu gluckenhaft.«
   »Ich berichte dir, wie es gelaufen ist.«
   »Okay. Und danke, dass du dich so um Kelly bemühst.«

Kapitel 5

Kelly blieb kurz die Luft weg bei Jasons Anblick. Sie hatte ihn bisher nur in lässiger Kleidung gesehen, doch heute stand der perfekte Businessmann vor ihr. In dem anthrazitfarbenen Maßanzug, dem weißen Hemd und der dezent gemusterten, bordeauxroten Krawatte wirkte er souverän und Respekt einflößend.
   »Guten Morgen, Kelly. Bereit für den ersten Arbeitstag?«
   »Ja … sicher. Guten Morgen, Jason.« Nervosität schwang in ihrer Stimme mit.
   »Dann wollen wir mal los.« Er wies auf die silberfarbene S-Klasse, neben deren Beifahrertür Vince Hanson wartete. Er trug einen dunklen Anzug, und die Morgensonne malte goldene Lichter in sein Haar.
   Kellys Atem stockte erneut. Sie starrte ihn an, saugte seinen Anblick förmlich in sich auf. Sein massiver Körper wirkte unerschütterlich, wie ein Fels in der Brandung. Sekundenlang hielt er ihren Blick fest, sein hübsches Lächeln blitzte auf. Erst als er sich abwandte und die Tür zum Fond öffnete, brach der Bann. Kellys Füße setzten sich in Bewegung.
   »Guten Morgen, Miss Jones.«
   »Guten Morgen, Mr. Hanson«, hauchte sie und huschte an ihm vorbei. Sie glitt auf den Rücksitz aus cremefarbenem Leder.
   Er schloss die Tür und nahm hinter dem Steuer Platz. Jason saß bereits auf dem Beifahrersitz und scrollte durch die Kontaktliste seines iPhones. Während der Fahrt telefonierte er. Vince schwieg konzentriert.
   Kellys Anspannung legte sich nach ein paar Minuten, und an ihre Stelle trat Aufregung. Sie war neugierig auf Win-Gate-Solutions und auf Jasons Assistentin, die sie sich zum Vorbild nehmen wollte.
   Sie überquerten die Golden Gate Bridge. Kurz darauf rauschte die Limousine in die Tiefgarage und stoppte neben einem Lift. Vince stieg aus, sah sich um, anschließend öffnete er die Tür für Kelly.
   Der Aufzug brachte sie direkt in die oberste Etage des Hochhauses. Jason steuerte auf eine Tür aus Satinglas und Chrom zu, die dem Lift gegenüber lag, und öffnete mit einer Chipkarte.
   Sie betraten sein Vorzimmer. Eine Frau erhob sich und kam ihnen entgegen.
   »Meine Assistentin, Mrs. Dennison«, stellte Jason sie vor.
   »Guten Morgen, Miss Jones. Ich bin Nicole.« Sie lächelte.
   Kelly erwiderte den Gruß mechanisch, doch ihr Blick klebte auf dem Babybauch der Frau. Wie ein glühender Dolch stach der Verlust in ihr Herz.
   Nicole legte eine Hand auf ihren Leib. »Ich weiß, ich sehe aus wie eine reife Melone. Es ist aber erst in sechs Wochen so weit.«
   »Behauptet dein Arzt«, warf Jason trocken ein.
   Nicole grinste ihn an. »Jason hat nur Angst, dass das Kind hier zur Welt kommt und ihn vom Arbeiten abhält«, sagte sie zu Kelly.
   »In die Direktionssitzung platzt«, setzte er feixend drauf.
   Kelly riss gewaltsam ihren Blick von Nicoles Bauch los.
   »Ich muss ins Finanzmeeting.« Jason sah auf seine Patek Philippe. »Nicole, zeige Kelly bitte alles, was mit den Stiftungen zu tun hat. Die Unterlagen nehmen wir später mit.« Er wandte sich an Kelly. »Vince fährt Sie zurück, wenn Sie hier fertig sind.«
   Es fiel Kelly schwer, sich auf die Erklärungen der Assistentin zu konzentrieren. Immer wieder wanderte ihr Blick zu deren Mitte.
   »Haben Sie Kinder?«, fragte Nicole nach der Einarbeitung.
   Sie schüttelte den Kopf. Ein Kloß saß in ihrem Hals.
   »Es ist mein Erstes«, plauderte Nicole weiter. »Ein Junge. Ein angehender Footballspieler, sagt mein Mann, weil er so lebhaft ist.«
   Das Telefon unterbrach sie. Kelly nutzte die Gelegenheit und stapelte die Unterlagen, die sie mitnehmen würde, in einem Karton.
   Anschließend rief Nicole Vince an. Dieser klemmte sich die Kiste unter den Arm und zusammen betraten sie den Lift. Die Türen glitten zu, seine Präsenz füllte den Raum. Kellys Puls beschleunigte sich, und unwillkürlich wich sie bis zur Kabinenwand zurück. Als der Aufzug in der Tiefgarage stoppte, merkte sie, dass sie die Luft angehalten hatte.
   Vince verstaute den Karton im Kofferraum, und Kelly sank auf den Rücksitz. Erschöpft schloss sie die Augen. Die Begegnung mit Nicole hatte sämtliche Wunden wieder aufgerissen. Verstohlen legte sie eine Hand auf ihren Bauch. Er war flach und leer. Sehnsucht und Kummer überrollten sie.

*

Während der Fahrt blickte Vince mehrmals in den Rückspiegel. Er sorgte sich um Kelly. Als er Nicoles Büro betreten hatte, war sie leichenblass gewesen, und in ihren Augen hatte unsägliche Qual gestanden. Nun saß sie zusammengesunken in ihrem Sitz. Weinte sie? Er überlegte, ob er sie ansprechen und seine Hilfe anbieten sollte, unterließ es aber, als er sich an ihre Anspannung im Aufzug erinnerte. Ihre Angelegenheiten gingen ihn nichts an. Der zarte Orangenduft, den er heute Morgen an ihr wahrgenommen hatte, stieg ihm erneut in die Nase. »Ma’am … Miss Jones?«
   Kelly schrak auf. Vince hatte vor dem Haupteingang der Villa angehalten und hielt die Wagentür für sie auf. Die junge Frau sah verwirrt zu ihm hoch. Ihre Tränen hatten rötliche Spuren auf den Wangen hinterlassen.
   »Wir sind da, Ma’am.« Er streckte ihr eine Hand entgegen, um ihr beim Aussteigen zu helfen.
   Kelly ergriff sie mechanisch, murmelte eine Entschuldigung und eilte die Treppe hinauf. Er folgte ihr mit dem Karton, den er im Arbeitszimmer abstellte.
   »Danke, Mr. Hanson.«
   »Bitte. Brauchen Sie noch etwas?«
   »Nein, vielen Dank.«
   Er blickte sie nachdenklich an, bevor er sich mit einem kurzen Nicken verabschiedete.
   Vince fuhr den Wagen in die Garage und blieb eine Weile sitzen. Kellys offensichtlicher Kummer berührte ihn, und er fragte sich, warum. Sie war eine Fremde, ihre Probleme konnten ihm egal sein. Doch ihre traurigen Augen, die Tränenspuren auf ihren filigranen Zügen und ihr schreckhaftes Wesen weckten den Wunsch in ihm, sie in die Arme zu nehmen und alles Üble von ihr fernzuhalten.

Kapitel 6

Die ersten beiden Wochen vergingen wie im Flug. Kellys Tage waren ausgefüllt mit der Arbeit für Jason und den Neuerungen in ihrem Privatleben. Sie hatte den sicheren Kokon von Lindas Frauenhaus verlassen und musste sich nun wieder den Herausforderungen des Alltags stellen. Der Weg zurück in einen normalen Tagesablauf, während die ständige Angst, ihr Mann könnte sie aufspüren, über ihr hing, laugte sie aus.
   Kelly fühlte sich noch immer schwach, die schwere Operation, die Trauer um ihr Kind und die Albträume, in denen Steven die Hauptrolle spielte, hatten an ihr gezehrt.
   Sie betete darum, dass er sie für tot hielt. Eine vage Hoffnung, denn sie kannte seine Verbissenheit. Solange er ihren Leichnam nicht vor sich sah, würde er nicht aufhören, nach ihr zu suchen. Und dann gab es noch diesen mysteriösen USB-Stick. Mittlerweile verfluchte sie ihre Spontaneität. Alle Versuche, an die passwortgeschützten Dateien zu gelangen, waren erfolglos gewesen.
   Lindas Besuche und die Therapiegespräche halfen Kelly, mit ihren Ängsten und den veränderten Umständen zurechtzukommen. Linda erkundigte sich regelmäßig, wie es ihr in der Villa gefiel und ob der Job sie nicht überforderte. Kelly schwärmte in den höchsten Tönen von der angenehmen Zusammenarbeit mit Jason und dem wundervollen Häuschen, in dem sie sich sehr wohlfühlte. Sie hätte nie geglaubt, dass sie sich so schnell einleben würde.
   Heute jedoch saß sie an ihrem Schreibtisch und starrte ins Leere. Steven war wieder da. Aufdringlich wie immer hatte er sich in ihren Kopf geschlichen und hielt sie von der Arbeit ab. Sorgte dafür, dass Angst und Kummer sie lähmten. In ihrer Versunkenheit bemerkte sie Jason erst nach einer Weile.
   »Ich wollte mich verabschieden«, sagte er. »Ab heute sind Sie hier der Boss.« Er streckte ihr die Hand hin.
   Kelly stand auf. Sie würde ihn vermissen. »Ich wünsche Ihnen eine angenehme Reise, und genießen Sie Ihren Aufenthalt in London. Eine faszinierende Stadt. Ich habe gegoogelt, dort ist immer etwas los. Also, wenn Sie Freizeittipps brauchen, ich habe eine Liste mit interessanten Veranstaltungen zusammengestellt. Die ist so lang, dafür müssten Sie mindestens zweihundert Jahre alt werden.« Sie feixte.
   »Gut zu wissen. Falls mir tatsächlich mal langweilig sein sollte.« Er griff nach der Mappe mit den Reisedokumenten, die sie ihm hinhielt. »Ich melde mich, sobald ich gelandet bin. Machen Sie es gut, Kelly. Und wenn Sie etwas brauchen, Vince ist für Sie da.«
   »Keine Sorge, ich komme zurecht. Guten Flug.«

Am Nachmittag traf sie in der Küche auf Vince Hanson, der an der Frühstückstheke stand und in einer Tasse rührte. Für Ann und Kelly war diese Kaffeepause inzwischen zu einem Ritual geworden. Sie hatten sich vom ersten Moment an gut verstanden und genossen ihren täglichen Austausch.
   Zögernd blieb Kelly an der Tür stehen, doch Ann winkte ihr zu. »Komm rein, ich habe Vince auf einen Kaffee eingeladen.«
   »Hallo Mr. Hanson.«
   »Hallo Miss Jones.« Das warme Timbre seiner Stimme bewirkte ein wohliges Kribbeln in ihrem Bauch.
   »Mr. Hanson? Miss Jones?« Ann lachte. »So förmlich?«
   Kelly fühlte Verlegenheit aufsteigen. »Nennen Sie mich bitte Kelly. Ich hätte Ihnen das schon früher anbieten sollen, aber wir sehen uns so selten.«
   »Mach ich doch glatt.« Er grinste.
   Kelly sah ihn irritiert an. Der lockere Ton stand im krassen Gegensatz zu seinem üblicherweise reservierten Verhalten. Zögernd lächelte sie zurück.

*

Vince versuchte, Kellys Blick festzuhalten, doch sie wich ihm aus. Er seufzte lautlos. Warum war sie nur so schüchtern? Ständig auf der Hut und sprungbereit zur Flucht. Wie ein scheues Reh. Sein Gespräch mit Jason kam ihm in den Sinn. Dieser war eines Abends kurz nach Kellys Einzug mit einer Flasche Single Malt bei ihm aufgetaucht.
   »Lust auf einen Männerabend?« Jason hielt den Talisker hoch.
   »Immer rein damit.«
   Jason ließ sich auf der Couch nieder, und Vince holte zwei Gläser. Nachdem sie sich zugeprostet und den ersten Schluck genossen hatten, sah Vince seinen langjährigen Freund fragend an.
   »Kelly Jones?«, kam er auf den Punkt.
   Jason nickte. »Linda hat sie mir anvertraut.« Beim letzten Wort malte er mit beiden Händen imaginäre Anführungszeichen in die Luft. »Ihr Mann sucht angeblich nach ihr. Er soll über Möglichkeiten und Beziehungen verfügen, mit denen er sie aufspüren kann. Deshalb wollte sie Kelly nicht in einer der üblichen Wohnungen unterbringen und ihr auch keinen Job mit Publikumsverkehr besorgen. Kellys Flucht ist außerdem noch nicht lange her, ihre Spur noch frisch.«
   »Sie ist verheiratet?«, entfuhr es Vince. Er wusste von Linda, dass Kelly aus einer Beziehung geflohen war, aber diese Information enttäuschte ihn herb.
   »Ja. Damit niemand auf die Idee kommt, nach ihrem Mann zu fragen, nennt sie sich Miss Jones.«
   Vince drängte seine widerstreitenden Gefühle zurück und wechselte das Thema. »Und weswegen versteckst du sie hier? Deine Privatsphäre war dir doch immer heilig. Eine sichere Wohnung hätte es auch getan.«
   Jason seufzte. »Linda hat mich mal wieder um den Finger gewickelt. Normalerweise hätte ich ihr finanziell geholfen und es damit gut sein lassen …«
   »Die Frau ist dir unter die Haut gegangen«, mutmaßte Vince.
   »Nicht so, wie du denkst. Ich habe kein persönliches Interesse an ihr.« Jason seufzte erneut. »Bei unserem ersten Treffen wirkte sie total hilflos. Verängstigt. Und Linda tat, als wäre ich Kellys letzte Rettung. Ich brachte es nicht übers Herz, abzulehnen.« Er sah Vince lange an. »Bitte achte auf sie, aber diskret, damit sie sich nicht überwacht fühlt.«
   »Okay.«
   »Sie soll auch nur in Begleitung das Gelände verlassen.«
   »So ernst ist es?«
   »Ja. Ihr Mann hat …« Jason brach ab. »Tut mir leid, Vince, ich musste Linda versprechen, Kellys Geschichte vertraulich zu behandeln. Es ist ihre Entscheidung, wem sie davon erzählt. Nur eins, der Kerl ist gefährlich. Ein ehemaliger Cop, der es bis zum Polizeichef gebracht hat. Skrupellos, mit dem Recht auf seiner Seite und extrem gewalttätig. Kelly hat zu Linda gesagt, er würde sie eher töten, als sie freizugeben.« Jason fuhr sich mit beiden Händen durch das wellige Haar. »Ich wollte es erst nicht glauben, aber du kennst Linda, sie übertreibt selten.«
   »Danke, Ann.« Kellys Stimme riss Vince aus seinen Gedanken.
   Die Haushälterin hatte soeben eine Tasse Kaffee vor Kelly hingestellt. Diese goss Milch hinein und rührte um. Der Löffel landete klappernd auf dem Unterteller. Seine Gegenwart machte sie eindeutig nervös. Kurz spielte er mit dem Gedanken, sich zurückzuziehen, doch er blieb. Sie hatte ihn vom ersten Moment an fasziniert und nun bot sich endlich die Chance, einige private Minuten mit ihr zu verbringen. Vince ahnte, dass mehr in ihr steckte, dass sie ihr Temperament und ihre Intelligenz hinter einer Fassade verbarg. Vermutlich hatte sie ihr unauffälliges Erscheinungsbild über Jahre kultiviert. »Hast du dich inzwischen eingelebt?«

*

Kelly nickte, hielt den Blick jedoch stur auf ihre Tasse gerichtet. »Es ist schön hier«, sagte sie leise. »So ruhig.«
   »Manchmal zu ruhig für meinen Geschmack. Auf Dauer ist das doch öde. Willst du nicht mal was unternehmen, nach Frisco rüberfahren zum Shoppen oder abends ausgehen?«
   Sie sah verwirrt zu ihm auf. Wollte er mit ihr ausgehen? Was für ein absurder Gedanke. Wieso sollte er sich mit ihr abgeben? Bei seinem Aussehen konnte er die attraktivsten Frauen haben. »Ich … Nein, ich habe alles, was ich brauche.« Sie atmete krampfhaft ein. Vince versuchte nur, nett zu sein. Es gab keinen Grund, mehr hineinzuinterpretieren. »Ich bin ein Landei und mich machen Städte nervös.«
   »Sausalito ist gemütlich. Klein und überschaubar, nicht so hektisch wie San Francisco. Meld dich einfach, wenn du mal hinwillst, dann fährt dich jemand.«
   Kelly nickte. Eigentlich brauchte sie Kleidung. Die Sachen, die sie trug, stammten aus dem Fundus des Frauenhauses oder von dem Geld, das Linda aus Jasons Stiftung erhielt. Ihr Fluchtgeld war schon lange aufgebraucht. Von Jasons großzügigem Gehaltsvorschuss könnte sie sich eine eigene Garderobe zulegen. Es wurde Zeit, dass sie wieder selbst für sich sorgte. »Vielleicht in ein paar Tagen.«
   »Okay.« Er lächelte sie an, bevor er sich Ann zuwandte und ihr mit einem bittenden Blick seine leere Tasse hinschob.
   Ann stellte sie amüsiert unter den Auslauf des Vollautomaten. »Eigentlich gibt es um diese Uhrzeit nur eine Tasse«, sagte sie zu Vince.
   Dieser lehnte sich auf die Theke und beugte sich zu ihr. »Ich bin ein großer Junge, ich vertrage das.«
   Ein Hauch seines Duftes streifte Kelly bei dieser Bewegung, und ihr Herz schlug einen Salto.
   Ann lachte. »Na gut, ausnahmsweise.« Sie reichte ihm die volle Tasse. »Willst du auch noch einen?«, wandte sie sich an Kelly.
   »Nein, danke. Ich muss weitermachen.« Fast fluchtartig kehrte Kelly an ihren Arbeitsplatz zurück. Während sie die Post sortierte und ablegte, schweiften ihre Gedanken zu Vince. Seit der Fahrt zu Jasons Firma hatte sie ihn immer nur kurz gesehen, doch jedes Mal, wenn seine große Gestalt in ihrem Blickfeld auftauchte, musste sie sich zwingen, ihn nicht allzu offensichtlich anzustarren. Die Kombination aus kerniger Männlichkeit, sanften blauen Augen und seinem hübschen Lächeln zog sie unwiderstehlich an. Die Begegnung in der Küche hatte ihr den Rest gegeben. Er war charismatisch und duftete fantastisch. Eine gefährliche Mischung.
   Kelly seufzte. Es wäre am vernünftigsten, sich von ihm fernzuhalten. Sie hatte ohnehin keine Chance bei ihm. Von ihren sonstigen Problemen einmal abgesehen und der Tatsache, dass sie verheiratet war. Der Gedanke an Steven machte ihre gelöste Stimmung zunichte.

Kapitel 7

Kelly sah erstaunt hoch, als Vince das Arbeitszimmer betrat und einen Stapel Briefe auf ihren Schreibtisch legte. Üblicherweise brachten ihr Dylan Gabriel oder Jake Brandell, die Männer von der Tagschicht, die Post. Vince war um diese Uhrzeit gewöhnlich mit Jason unterwegs, doch der hielt sich in London auf.
   »Guten Morgen, Kelly.« Er strahlte sie an. »Ich spiele heute mal den Postboten.«
   Sie erwiderte sein Lächeln, gleichzeitig erwachten die Schmetterlinge in ihrem Bauch. »Guten Morgen, Vince.«
   »Falls du in einem Umschlag Geld findest, sag mir Bescheid. Wir machen dann zusammen einen drauf.«
   Verwirrt fuhr sie sich durch ihr Haar und zerzauste es dabei. »Sorry, ich stehe gerade auf dem Schlauch. Erwartest du Post?«
   »Nein, das war ein Scherz.« Er betrachtete sie einen Moment, und sein intensiver Blick beschleunigte ihren Puls. »Ich wollte dich nicht stören.« Mit einem freundlichen Nicken wandte er sich ab und verließ den Raum.
   Kelly verfluchte ihre Reaktion. Warum benahm sie sich so verklemmt, sobald er in ihre Nähe kam? Verdammt noch mal! Viel lieber hätte sie locker mit ihm gescherzt und gelacht. So wie früher, vor Stevens Zeit. Da war sie allen Menschen offen begegnet, mit jedem schnell ins Gespräch gekommen. Doch Steven hatte ihr das ausgetrieben, sie immer mehr von anderen isoliert, bis sie sich nur noch um ihn kümmerte und er zu ihrer einzigen Bezugsperson wurde.
   »Du bist ihn los«, murmelte sie vor sich hin, griff nach dem Stapel Briefe und schlitzte die Kuverts auf. Dabei nahm sie sich vor, bei der nächsten Begegnung mit Vince nicht wieder wie ein verschrecktes Huhn zu reagieren.

*

Seit Jasons Abreise hielt sich Vince hauptsächlich in der Villa auf und nutzte jede Gelegenheit, um Kelly zu sehen. Er fühlte sich von ihr angezogen, obwohl ihm sein Verstand riet, die Finger von ihr zu lassen.
   Er brachte ihr vormittags regelmäßig die Post. Nachmittags gesellte er sich zur Kaffeerunde und unterhielt die Frauen mit seinem Geplauder. Kelly taute allmählich auf, lachte über seine Späße und konterte schlagfertig seine gutmütigen Neckereien.
   Des Weiteren übernahm er den Chauffeurdienst, wenn Kelly zu ihren Therapiegesprächen nach San Francisco musste oder Linda besuchen wollte. Dabei entdeckten sie ihre gemeinsame Vorliebe für Rockmusik.
   Als sie auf einer dieser Fahrten mit ihm den Refrain von Tykettos »Forever Young« schmetterte und ihn glücklich anstrahlte, brach das letzte Eis zwischen ihnen.
   »Wie wär’s heute Nachmittag mit einem Ausflug nach Sausalito?«, schlug Vince vor. »Ich muss Jasons Wagen bewegen und könnte dich mitnehmen.«
   Sie wussten beide, dass dies nur ein Vorwand war, um sie aus dem Haus zu locken, doch Kelly stimmte zu. »Ich sehe nur noch schnell die Post durch, ob etwas Eiliges dabei ist, dann können wir los«, sagte sie.
   »Mach langsam, ich bin in der Garage. Komm einfach rüber, wenn du fertig bist.«
   Eine halbe Stunde später verließ Kelly das Gästehaus. Sie hatte sich umgezogen und ihr Make-up aufgefrischt. Vince stand im Schatten neben den geöffneten Rolltoren der Halle, die er als Garage bezeichnet hatte, und sah ihr entgegen. In dem langärmeligen Shirt mit der Spitzenborte, den Röhrenjeans und den Sneakers wirkte sie mädchenhaft.
   Sie blieb neben ihm stehen und ließ fasziniert ihren Blick über Jasons Fuhrpark schweifen.
   »Oh«, murmelte sie. »Das ist ja wie bei einer Automobilausstellung.«
   Vince grinste.
   Obwohl sie schon einige Zeit hier wohnte, betrat sie heute zum ersten Mal die Garage. Bisher hatte immer ein Wagen vor der Villa auf sie gewartet.
   Kelly umrundete einen achatgrauen Porsche 911 GT3, dessen Metalliclack in den hereinflutenden Sonnenstrahlen glitzerte.
   »Bitte nicht den Porsche.«
   Erstaunt drehte sie sich zu ihm um.
   »Der ist mir in den Schultern zu eng.« Er feixte.
   Ihr Blick glitt über seinen Körper und nahm Maß. Vince spürte, wie ihm heiß wurde.
   »Okay«, sagte sie gedehnt, riss den Blick von ihm los und ließ ihn über das runde Dutzend schöner und teurer Autos schweifen. »Wo passt du rein?«
   Er zeigte auf einen BMW M6 Gran Coupé mit getönten Scheiben und rubinschwarzer Lackierung.
   »Dann nehmen wir doch den. Obwohl …« Kelly entdeckte den John Cooper Works, der halb von einem kobaltblauen Aston Martin DB9 GT verdeckt wurde, und steuerte darauf zu. »Ich liebe Minis!«
   Dieser Wagen war ein besonders schickes Exemplar. Schwarz, mit rotem Dach und roten Außenspiegeln. Ihre Begeisterung entlockte Vince ein Stöhnen.
   »Auch zu eng?«
   Er nickte gequält.
   »Ja, wer fährt denn die Autos während Jasons Abwesenheit?«
   »Jake bekommt die kleinen und ich die großen.«
   Amüsiert zog sie die Brauen hoch und ließ die Finger über den schimmernden Lack gleiten.
   »Willst du ihn mal fahren?«
   Kellys bislang so gelöstes Gesicht verschloss sich. »Ich, äh … nein.«
   Er sah sie forschend an, während er sich fragte, warum sie plötzlich dichtmachte.
   »Ich haue bestimmt eine Beule rein«, murmelte sie fast entschuldigend.
   »Ach was. Der Kleine ist zwar eine echte Rakete, lässt sich aber gut beherrschen. Genau das Richtige für zierliche Frauen. Probier’s mal aus, es lohnt sich, damit macht die Strecke ins Tal einen Riesenspaß.«
   Kelly schüttelte den Kopf. »Wir werden einen großen Kofferraum brauchen, ich will die Stadt leerkaufen.«
   »Dann nehmen wir doch den Jeep.« Vince wies auf einen kirschroten Jeep Grand Cherokee. »Darin bleibe ich wenigstens nicht stecken.«
   Ein Lächeln legte sich über ihr Gesicht.
   Er warf ihr einen amüsierten Blick zu, bevor er sich abwandte, um den Schlüssel aus einem Wandsafe zu holen.
   »Für was braucht ein Mensch so viele Autos?«
   Vince lachte. »Das ist Jasons einzige Leidenschaft. Er hat keine schicke Jacht, keine Villa auf den Bahamas oder anderen Millionärs-Schnickschnack.«
   »Aber er kann doch immer nur einen Wagen fahren.«
   »Er fährt sie alle. Regelmäßig. Meistens nachts, um den Kopf frei zu kriegen.« Vince öffnete die Beifahrertür und legte Kelly sanft eine Hand auf den Rücken. »Komm, steig ein.«

*

Vince lenkte den Geländewagen über die kurvige Strecke Richtung Sausalito. Seine Nähe beschleunigte Kellys Puls. Er hatte das Jackett ausgezogen und die Ärmel des Hemdes bis zu den Ellenbogen umgeschlagen. Verstohlen musterte sie ihn unter halb gesenkten Lidern. Sein markantes Profil, die kräftigen Unterarme und die sehnigen Hände, die sicher das Lenkrad hielten. Wie es wohl wäre, seine Finger auf ihrer Haut zu fühlen?
   »Was brauchst du denn aus der Stadt?«, fragte Vince und riss sie aus ihren Gedanken.
   »Hauptsächlich Kleidung.«
   »Und was genau?«
   »Och, eigentlich alles. Jeans und T-Shirts, ein paar Businesssachen, vielleicht ein Kostüm und ein Kleid.«
   »Wie konnte ich das vergessen. Frauen brauchen immer alles.« Er nahm kurz den Blick von der Straße und zwinkerte ihr zu. »Dann weiß ich, wo wir hingehen.«
   Kelly stöhnte innerlich. Dieses Lächeln brachte sie noch um den Verstand.
   Sie erreichten Downtown Sausalito und bogen auf den Bridgeway ein, die Einkaufsstraße direkt am Meer. Kelly erhaschte einige Blicke auf die Marina, wo sich die Jachten sanft in der Dünung wiegten.
   Vince parkte, stieg aus, umrundete den Wagen und öffnete die Beifahrertür, doch Kelly machte keine Anstalten, auszusteigen. Sie saß wie versteinert auf dem Sitz, die Finger vor der Brust ineinander verkrampft.
   Da vorn ging Steven!
   Sie erkannte ihn an seinen energischen Schritten, der hageren Figur und dem schwarzen Haar.
   »Kelly? Kelly!«
   Sie spürte eine Hand auf ihrer Schulter, ein großer Körper beugte sich in den Wagen. Abwehrend hob sie den Arm.
   Vince wich ein Stück zurück. »Was ist denn los?« Seine besorgten Worte plätscherten an ihre Ohren.
   Steven kam direkt auf sie zu. Gebannt hingen ihre Blicke an seiner Gestalt. Und dann sackte sie erleichtert zusammen. Das war nicht Steven, nur ein Mann, der ihm ähnelte.
   Ein nervöses Lachen kroch ihre Kehle herauf. Kaum verließ sie einmal ihre selbst gewählte Isolation, da sah sie auch schon Gespenster. »Tut mir leid«, murmelte sie. »Ich …«
   »Wenn du dich nicht wohlfühlst, fahren wir zurück.«
   »Nein, ist okay.« Sie griff hinter sich und zog Handtasche und Jacke vom Rücksitz.
   Vince wich zur Seite und ließ ihr Raum zum Aussteigen. Besorgt musterte er sie. Als sie schwankte, legten sich seine Hände stützend auf ihre Oberarme und Kelly sank gegen ihn. Sein Körper strahlte eine beruhigende Stärke aus, tröstliche Wärme umfing sie. Und sein Duft. Eine Mischung aus frischer Meeresbrise und Sandelholz. Verführerisch. Kurz genoss sie seine Nähe, bevor ihr Verstand wieder die Oberhand gewann. Was tat sie da?
   Hastig wich sie zurück, und er gab ihre Arme frei.
   »Alles in Ordnung?«, vergewisserte er sich.
   Kelly rang sich ein Lächeln für ihn ab. »Wo wollen wir zuerst hin?«, fragte sie betont munter.
   Sein sanfter Blick ruhte noch einen Moment auf ihr, doch dann ging er auf ihr Ablenkungsmanöver ein.

Die Shoppingtour wurde ein voller Erfolg.
   Kellys anfängliche Nervosität legte sich rasch dank Vince’ beruhigender Gestalt an ihrer Seite. Er wirkte souverän, und sie mochte seine geduldige Art. Sie fühlte sich wohl in seiner Nähe, viel zu wohl. »Das reicht für heute«, sagte sie und deutete auf die voluminösen Tragetaschen, die er für sie schleppte.
   »Im Ernst? Wir haben doch gerade erst angefangen.«
   »Ich dachte nur, bevor du zusammenbrichst.«
   »Wie bitte?« Vince tat gekränkt.
   »Nun, du siehst ziemlich erledigt aus.«
   Er lachte gutmütig, und sie konnte den Blick nicht von seinen attraktiven Zügen lösen. Die charmanten Grübchen in den Wangen zogen sie magisch an. Die Verkäuferin, die Kellys Einkäufe in eine Tüte gepackt hatte, schien der gleichen Meinung zu sein. Ihre Blicke klebten ebenfalls an Vince’ Gesicht.
   »Ich könnte eine Erfrischung vertragen«, sagte er auf dem Weg zum Auto. »Wie wär’s mit einem Eis?«
   »Du isst Eis?« Sie sah ihn erstaunt an. »Ich dachte, ein Muskelprotz wie du ernährt sich nur von Proteinshakes und riesigen Steaks.«
   Er blieb stehen und zog eine Braue hoch. »Muskelprotz? Dafür hältst du mich?«
   Sie stoppte ebenfalls. »Pure Schmeichelei«, erwiderte sie und grinste.
   Sekundenlang hielt er ihren Blick fest, und Kelly wurde es warm. »Es gibt nur wenige Dinge, bei denen ich willenlos werde. Eines davon ist Schokoladeneis.« Der verlockende Unterton, der in seiner Stimme mitschwang, beschleunigte ihren Pulsschlag.
   Rasch unterbrach sie den Blickkontakt und setzte ihren Weg fort.

*

Sie verstauten die Tüten im Wagen und saßen Minuten später in einer gemütlichen Eisdiele mit Blick über die Bucht.
   »Danke für deine Hilfe«, sagte Kelly. »Ich hoffe, du hast dich nicht zu sehr gelangweilt.«
   »Mir hat’s Spaß gemacht, es war ein unterhaltsamer Nachmittag.« Vince strahlte sie an. »Ich komme nur selten in die Stadt. Meistens begleite ich Jason zu seinen Terminen und auf Geschäftsreisen, da bleibt nicht viel Zeit für Privates. Das hier«, seine Geste umfasste die Eisdiele und die Bucht, »ist mal eine angenehme Abwechslung.«
   Er dachte an die heftige Diskussion mit Jason vor dessen Abflug. Vince hätte ursprünglich mit nach Europa fliegen sollen, doch Jason änderte den Plan und bestand darauf, dass er zu Hause blieb und für Kellys Sicherheit sorgte. Vince widerstrebte der Gedanke, seinen Boss einem angeheuerten Bodyguard anzuvertrauen.
   »Wie lange arbeitest du schon für Jason?«, fragte Kelly.
   »Seit fast zehn Jahren. Wir kennen uns allerdings viel länger.«
   »Ihr wirkt auch eher wie Freunde.«
   Er lächelte. »Das sind wir. Unser Arbeitsverhältnis hat sich erst später ergeben.«
   Sie tauchte den Löffel in die Sahnehaube auf ihrem Eis und schob ihn sich in den Mund. Vince’ Blick klebte an ihren Lippen, seine Gedanken drifteten in eine gefährliche Richtung. Erst als Kelly nervös an einer Haarsträhne zupfte, wurde ihm bewusst, dass er sie anstarrte.
   Sie ist nicht dunkelhaarig, schoss es ihm durch den Kopf. Jetzt wusste er, was ihn seit der ersten Begegnung störte. Er war auf ihre schwarz gefärbten Brauen und die braunen Kontaktlinsen hereingefallen. Linda besaß wirklich Talent dafür, ihre Frauen mit einem neuen Look zu tarnen.
   In seiner Fantasie sah er Kelly mit blonden Haaren und hellen Augen vor sich. Farben, die besser zu ihrer zarten Haut passten.
   »Wie habt ihr euch kennengelernt?«, unterbrach sie sein Sinnieren.
   »Äh, beim Football.«
   »Klar. Blöde Frage.«
   »Ich hätte auch im Fitnessstudio sagen können«, konterte er amüsiert.
   »Oder das. Männer und Sport …«
   »Hat Jason dir den Fitnessbereich in der Villa gezeigt? Trainingsraum, Pool und Sauna? Du kannst gern alles nutzen. Ich trainiere auch dort.«

*

Kelly nickte. »Er hat mich herumgeführt.« Sie erinnerte sich an den großen Indoorpool mit Verbindung zum Außenschwimmbecken. An die dreistufige Sauna, die wie der Poolraum mit einer verspiegelten Fensterfront Richtung Bucht verglast war. Der Fitnessraum bot Geräte für Kardiotraining und Muskelaufbau, außerdem einen Bereich fürs Boxen. Kein Wunder, dass Vince und Jason so gut aussahen bei diesen Trainingsmöglichkeiten.
   »Brauchst du auch Sportkleidung?«, fragte Vince.
   Kelly überschlug kurz ihr Budget. Sie hatte mehr ausgegeben als geplant, weil Vince eifrig bei der Kleidersuche mitgeholfen hatte. Für einen alleinstehenden Mann besaß er ein gutes Gespür für Frauenmode. Sie korrigierte sich. Wieso sollte er keine Partnerin haben? Nur weil er in Jasons Haus wohnte, hieß das noch lange nicht, dass er Single war. Sie beschloss, Ann bei Gelegenheit danach zu fragen.
   »Nein, vorerst nicht.«

Gegen Abend betrat Kelly mit einem Korb Schmutzwäsche den Keller. Auf dem Weg zum Hauswirtschaftsraum kam sie am Fitnessbereich vorbei. Das rhythmische Klirren von Metall drang an ihre Ohren. Vince. Sie dachte an seinen Traumkörper, dem sie heute mehrmals sehr nahe gewesen war. Erneut keimte der Wunsch nach seiner Nähe in ihr auf. Nach seiner Stärke, seiner Vitalität. Und diesem Gefühl der Geborgenheit, das sie bei ihm empfand.
   Sie füllte die Waschmaschine, verließ den Raum und wäre beinahe in das Objekt ihrer Begierde hineingelaufen. Vince stand im Flur und sah ihr entgegen. Er trug dunkelblaue Sportkleidung – eine kurze Hose und ein Muskelshirt – die seine Figur modellierte. Ein feiner Schweißfilm schimmerte auf der gebräunten Haut.
   »Hab ich doch richtig gehört.«
   Kelly verschlug es den Atem. Die eng sitzende Kleidung verbarg nichts von seinem durchtrainierten Körper. Sie kannte ihn nur im Anzug, und dieser Anblick warf sie fast um.
   »Willst du auch trainieren?«, fuhr er fort, bevor ihr Starren peinlich wurde.
   Plötzlich verlegen schüttelte sie den Kopf. »Nein. Ich hatte Wäsche. Äh … ich meine, ich habe eine Maschine Wäsche laufen.« Sie kam sich blöd vor mit ihrem Gefasel, doch sie konnte momentan keinen klaren Gedanken fassen.
   »Ach so. Ich dachte schon, du wolltest mich ein wenig antreiben.«
   »Du siehst nicht aus, als bräuchtest du einen Tritt«, rutschte es ihr heraus.
   Er hob langsam einen Arm und wischte sich mit dem Handtuch, das er bei sich trug, über das verschwitzte Gesicht. Danach legte er es um seinen Nacken und schloss die Finger um beide Enden. Fasziniert beobachtete sie das Spiel seiner Arm- und Schultermuskeln. Ihr Mund wurde plötzlich trocken.
   »Jason und ich trainieren gewöhnlich zusammen, das beste Mittel gegen den inneren Schweinehund. Wenn er noch länger wegbleibt, schrumpfe ich garantiert«, scherzte Vince.
   Kelly lächelte. »Oh, das geht gar nicht. Ich schreibe ihm sofort eine Mail und pfeife ihn zurück.«
   Vince legte den Kopf schief. »Dir fällt es also auch schon auf«, sagte er mit Leidensmiene.
   »Was?«
   »Dass ich immer weniger werde.«
   »Ja, du siehst aus wie ein Hobbit.«
   Sein warmes Lachen jagte ihr wohlige Schauer über den Rücken. »Wenn das so ist, dann können wir morgen einen Ausflug mit dem Mini machen«, wagte er sich vor.
   »Hobbits müssen aber in den Kofferraum.«
   Er war während des Gesprächs zu ihr aufgerückt, und Kelly trat einen Schritt nach hinten. Sie tat das nicht, weil ihr seine Nähe unangenehm war, sondern weil sie sich zu wohl bei ihm fühlte. Sein vom Training erhitzter Körper strahlte eine anziehende Wärme ab, und sein männlicher Duft lockte sie. Plötzliches Verlangen pulsierte durch ihre Adern. Ein unbekanntes, verwirrendes Gefühl.
   »Ich muss wieder rüber, sonst brennt mein Abendessen an«, schwindelte sie spontan.
   »Und ich muss weitermachen.« Vince gab die Treppe frei.
   Kelly nahm zwei Stufen und drehte sich zu ihm um. So waren sie auf Augenhöhe. »Gute Nacht. Und danke noch mal für den schönen Tag. Du bist ein toller Modeberater.«
   Er lächelte. »Ich fand den Tag auch schön«, sagte er leise. »Schlaf gut, Kelly.«
   Sie drehte sich hastig um und lief nach oben.
   Kelly betrat die Küche, goss sich ein Glas Saft ein und sank auf einen Stuhl. Was für ein Prachtkerl! Seufzend schloss sie die Lider, doch als sich das Bild seines halb nackten, muskulösen Körpers in ihrer Fantasie materialisierte, riss sie die Augen schnell wieder auf.
   Sie brauchte keine weiteren Probleme. Ihr Leben war ein einziges Chaos, sie versuchte gerade mühsam, auf eigenen Beinen zu stehen. Was sollte sie mit einem neuen Mann?
   Du musst ihn ja nicht gleich heiraten, raunte ihre innere Stimme, und Kelly gab sich kurz der Vorstellung hin, mit Vince eine Affäre zu haben. Die Ernüchterung schwemmte alle erotischen Anwandlungen davon. So, wie sie aussah, wollte sie doch keiner. Sie hatte in den letzten Monaten stark abgenommen, ihre Haut war schlaff, und auf ihrem Bauch prangte rot und hässlich die frische Narbe.
   Nervös sprang sie auf und lief ins Wohnzimmer. Auf dem Tisch erblickte sie die Duftkerze, die Vince heute für sie gekauft hatte. Das Glas war ihr wegen des hübschen nostalgischen Etiketts ins Auge gefallen. Vanilla Dream stand darauf. Als Vince ihren verzückten Blick bemerkte, hatte er ihr kurzerhand die Kerze geschenkt.
   Wenig später erfüllte cremiges Vanillearoma den Raum. Kelly stöhnte. Selbst der Duft erinnerte sie an ihn. Wieso bekam sie diesen Mann nicht aus dem Kopf?
   Um sich abzulenken, schaltete sie den Fernseher ein, doch sie konnte sich auf die Sendung nicht konzentrieren. Lustlos zappte sie durch die Kanäle. Nachrichten, eine Talkshow, ein Actionfilm mit Keanu Reeves … nicht einmal er schaffte es, sie auf andere Gedanken zu bringen. Frustriert warf sie die Fernbedienung auf die Couch.

*

Vince stieg nach dem Training langsam die Treppe zu seinem Apartment hinauf. Seine Gedanken kreisten um Kelly. Die Wohnung kam ihm heute besonders leer vor, und er verspürte den Drang nach Gesellschaft. Nach Kellys Gesellschaft, um genau zu sein. Ob sie sich ebenso einsam fühlte wie er?
   Er dachte über ihren fast fluchtartigen Abgang nach. Hatte er diese Reaktion ausgelöst? Und falls ja, mit was?
   Er rief sich die Shoppingtour in Erinnerung, wie nahe er ihr dabei gekommen war. Mehrmals hatte er wie zufällig ihren Arm gestreift oder seine Hand auf ihren Rücken gelegt, und sie hatte es zugelassen. Es konnte nicht an ihm liegen.
   Nachdenklich trank er seinen Proteinshake leer und ging ins Bad, wo er sich aus der Trainingskleidung schälte. Enge Shorts, die nur bis zur Mitte der Oberschenkel reichten, und ein ärmelloses Shirt. Er betrachtete das Häufchen Stoff zu seinen Füßen. Viel hatten die Klamotten von seinem Körper nicht verborgen. War sie deswegen so verlegen gewesen? Sie kannte ihn schließlich nur im Anzug.
   Bei dem Gedanken wurde ihm heiß. Sollte sie tatsächlich auf ihn reagiert haben? Seinen Körper attraktiv finden? Die meisten Frauen zogen weniger massige Männer vor, und sie war so ein zartes Persönchen. Seine Laune hob sich bei der Vorstellung, dass er ihr gefiel.

Kapitel 8

Zusammen mit der Post überreichte Vince Kelly ein kleines Paket. Sie blickte verwirrt zu ihm hoch.
   »Für dich«, sagte er und sah, wie sie blass wurde.
   »Es weiß doch niemand, dass ich hier bin.«
   »Die Sendung kommt aus England.« Er schob das Päckchen über den Schreibtisch auf sie zu. »Der Absender ist eine Hermès-Boutique in London. Das muss von Jason sein.«
   Sie starrte den Karton an und machte keine Anstalten, ihn zu öffnen.
   »Wir durchleuchten sämtliche Post. Da ist keine Bombe drin«, bemerkte er grinsend.
   »Wie schön, dass ich zu deiner Erheiterung beitrage.« Das Zucken in ihren Mundwinkeln stand im Widerspruch zu den tadelnden Worten. Kelly schlitzte das Paketband auf, nahm einen Umschlag aus dem Karton und eine quadratische Schachtel in gedecktem Orange. Sie entfaltete den Brief, überflog die handgeschriebenen Zeilen und blickte zu Vince auf. Ihre Augen leuchteten. »Du hast recht, es ist tatsächlich von Jason«, sagte sie und las vor.

»Liebe Kelly,

danke für Ihren Tipp mit dem Musical und dass Sie noch eine Karte für mich ergattern konnten.
Sie hatten recht, London ist eine faszinierende Stadt. Wussten Sie, dass meine Familie ursprünglich von hier stammt? Bei Gelegenheit mache ich mich auf die Suche nach dem alten Familiensilber.«

Sie hielt inne und sah Vince an. »Dahinter hat er ein Smiley gemalt«, sagte sie und las dann den Rest vor.

»Betrachten Sie das Tuch bitte als kleines Dankeschön für Ihre Bemühungen und Ihre exzellente Arbeit.

Herzlich, Ihr Jason Wingate.«

Kelly legte den Brief zur Seite und wandte sich der Schachtel zu. Auf dem Deckel prangte das Firmenlogo von Hermès. Sie nahm ihn ab und entfaltete das Einschlagpapier. Ein Seidentuch schimmerte hervor. Sie hob es heraus, stand auf und breitete es aus. Es zeigte ein geometrisches Muster in abgestuften Silber- und Grautönen, das strahlenförmig von innen nach außen verlief. Darüber verteilt waren galoppierende Pferde zu sehen. Das Tuch wirkte durch die metallischen Farben und den zarten Glanz der Seide modern und gleichzeitig elegant. »Wie schön«, murmelte sie. »Das wäre doch nicht nötig gewesen.«
   »Jason wollte dir eine Freude machen. Er schätzt deine Leistung sehr.«
   »Aber Hermès …«
   Vince ahnte, was ihr durch den Kopf ging. Kurz war er versucht zu sagen, dass dieses Geschenk Jasons Bankkonto nicht wehtat, doch er schwieg.
   Kelly faltete das Tuch zu einem Dreieck und legte es um die Schultern. »Er ist so nett, so aufmerksam.« Schwungvoll drehte sie sich einmal um sich selbst. »Wie sehe ich aus?«
   Vince betrachtete ihre Gestalt in der hellblauen Bluse, dem nachtblauen Bleistiftrock und den eleganten Pumps und hätte beinahe »zum Anbeißen« gesagt. Doch er bremste sich im letzten Moment. »Das Tuch steht dir gut«, sagte er stattdessen. »Es sieht toll aus zu deinen dunklen Haaren.«
   Sie strahlte. »Ach, da kommt mal wieder der Modeberater durch.«
   Er deutete eine Verbeugung an. »Immer wieder gern, Ma’am.«
   Sie drehte sich noch einmal und blieb dicht vor ihm stehen. »Hast du noch mehr Komplimente auf Lager?«
   Am liebsten hätte er ihr das spitzbübische Grinsen weggeküsst, doch stattdessen nutzte er ihre gelöste Stimmung. »Ich finde, der neue Schal sollte ausgeführt werden. Wie wär’s mit einer Runde im Mini?«
   Kelly zögerte. »Wirst du mich begleiten oder Jake?«
   »Such’s dir aus.«
   Sie zuckte mit den Schultern. »Ich dachte nur, weil du nicht so gern mit dem Wagen fährst.«
   Freude wallte in ihm hoch, als ihm die tiefere Bedeutung ihrer Worte aufging.
   »Solange ich nicht stundenlang darin sitzen muss, ist es erträglich«, meinte er mit einer Leidensmiene, die sie zum Schmunzeln brachte. »Wann bist du hier fertig?«, wechselte er das Thema, bevor sie es sich anders überlegen konnte.
   »Ich brauche schätzungsweise noch zwei Stunden.«
   »Gut, dann treffen wir uns doch um …«, er warf einen Blick auf seine Armbanduhr, »halb zwölf beim Auto. Bitte in Freizeitkleidung und mit dem neuen Schal.«

*

Kelly betrat die Garage und erblickte Vince, der den Mini belud. »Hobbits in den Kofferraum!«
   Er richtete sich auf und schenkte ihr sein hübsches Lächeln. »Hab’s gerade probiert, ich passe noch nicht rein.«
   Interessiert glitt ihr Blick über ihn. Er hatte den üblichen Anzug gegen Jeans und Hemd getauscht. Darüber trug er eine gesteppte Weste. Das Hemd stand am Hals offen und ließ einen Teil seiner muskulösen Brust sehen, die lässig aufgerollten Ärmel gaben seine starken Unterarme frei.
   Kellys Kehle wurde trocken.
   »Du siehst hübsch aus«, unterbrach er die aufkeimende Stille.
   Sie hatte sich für graue Jeans und eine dunkelgrüne Tunika entschieden, zu der das silbergraue Tuch einen eleganten Kontrast bildete. Eine Fleecejacke trug sie über dem Arm.
   Seine Bemerkung trieb ihr die Röte in die Wangen. »Das liegt nur an dem Schal.«
   Vince überging ihre Verlegenheit. »Gib mir deine Sachen.« Er streckte eine Hand danach aus und verstaute Handtasche und Fleece. Anschließend hielt er die Fahrertür auf. »Du fährst.«
   Kelly zögerte nicht lange, sondern glitt auf den Sitz. Nachdem sie Platz genommen hatte, trat Vince neben sie und beugte sich in den Wagen. Während er ihr die wichtigsten Funktionen erklärte, kam er ihr sehr nahe, streifte einmal ihren Arm, und der Duft seines frischen Eau de Toilette stieg ihr in die Nase. Ihr Puls beschleunigte sich. Verdammt! Seine unverschämt erotische Ausstrahlung würde sie irgendwann komplett um den Verstand bringen. Zum Glück beendete Vince soeben die Einweisung und ging zur Beifahrerseite. Fasziniert sah sie zu, wie er zuerst eines der langen Beine ins Auto bugsierte und dann seinen großen Körper nachschob. Die Tür ließ sich tatsächlich noch schließen.
   Kelly feixte. »Passt wie angegossen.«
   Er sah sie leidend an. »Schneide mich nachher bitte mit dem Dosenöffner raus.«
   »Wir sollten vielleicht besser den Beifahrer-Airbag abschalten.«
   »Spotten Sie etwa über mich, Ma’am?«, fragte er bemüht ernst, doch seine Augen blitzten amüsiert.
   »Das würde ich mich nie wagen«, antwortete sie im gleichen Tonfall. Kelly umfasste das Lederlenkrad mit beiden Händen und ließ ihre Finger langsam darübergleiten, bevor sie den Motor startete, der mit einem satten Brummen zum Leben erwachte. »Los geht’s!« Sie fuhr bis an das Metalltor und öffnete es mit der Codekarte, die Vince ihr reichte. »Wie komme ich eigentlich vom Gelände?« Bisher hatte sie keinen Gedanken daran verschwendet, das Anwesen ohne Begleitung zu verlassen. Sie fühlte sich in dieser abgeschlossenen Welt sicher und geborgen.
   »Neben dem Scanner ist ein Rufknopf«, antwortete er. »Du kannst aber auch gern eine Karte haben.«
   Sie nickte.
   »Du solltest nur nicht allein wegfahren. Mit Linda ist abgesprochen, dass dich immer jemand begleitet.«
   Wieder eingesperrt, kam es Kelly in den Sinn, doch dieses Mal diente es ihrem Schutz und war keine Schikane eines kontrollsüchtigen Mannes. Trotzdem ernüchterte sie der Gedanke an Steven und warum sie sich bei Jason verstecken musste.
   »Alles in Ordnung?« Vince mit seinem feinen Gespür bemerkte ihren Stimmungsumschwung sofort.
   Sie wandte ihm den Kopf zu. »Nur eine alte Erinnerung.« Kelly lenkte das Auto geschickt über die kurvige Strecke den Hügel hinab, folgte der Küstenstraße und nutzte jede Gelegenheit zum Gasgeben. Der Wagen war ein Traum. Klein und wendig, mit einer süchtig machenden Beschleunigung. »Der totale Wahnsinn«, stieß sie nach einer rasant genommenen Kurve hervor. »Tolle Kiste. Fährt Jason tatsächlich damit?«
   Vince sah sie verständnislos an. »Klar, wieso nicht?«
   »Nun, er ist fast so groß wie du und auch ziemlich breit. Wie passt er hier rein?«
   Vince lachte. »Ich habe einfach von allem ein bisschen zu viel. Jason ist etwa fünfzehn Kilo leichter als ich.«
   »Wie viel wiegst du denn?«
   Er sagte es ihr und sie schluckte. Das war mehr als das Doppelte von dem, was sie auf die Waage brachte. »Tja, einen Tod muss man sterben«, murmelte sie, bevor sie wieder aufs Gas trat und den Motor aufheulen ließ.
   Schmunzelnd lehnte sich Vince im Sitz zurück. Zumindest die paar Zentimeter, die er noch Spielraum hatte. Minuten später dirigierte er Kelly zu einem Parkplatz in Strandnähe, wo sie den Wagen verließen. Er streckte sich und stöhnte. »Erst mal die Knochen sortieren.«
   »So schlimm?« Amüsiert beobachtete sie ihn. Er war schon eine Augenweide.
   Anschließend öffnete Vince den Kofferraum, nahm einen Picknickkorb und eine Decke heraus.
   »Picknick?«, entfuhr es ihr.
   »Eine Idee von Ann. Ich hoffe, du magst das.« Er wirkte ein wenig verlegen, was Kelly besonders süß fand.
   »Ja. Natürlich.« Sie folgte ihm die Stufen zum Strand hinab.
   Eine Läuferin mit Hund kam ihnen entgegen, ansonsten schien der Küstenstreifen verlassen. Die kühle Brise zerzauste Kellys Haar und drückte die Tunika eng an ihren Körper. Sie schlüpfte fröstelnd in die Fleecejacke.
   Vince steuerte einige fast mannshohe, eng stehende Felsblöcke an und zwängte sich hindurch. Dahinter gab es ein Fleckchen Strand, das die Steine vor dem ärgsten Wind schützten. »Ist der Platz okay?«, wandte er sich an Kelly. »Da draußen ist es so windig, da würden wir nur Sand essen.«
   Sie nickte. Die Stelle wirkte einladend, die Wand in ihrem Rücken strahlte Sonnenwärme ab und durch die Lücken zwischen den Felsen konnte sie das Meer aufblitzen sehen.
   Minuten später saßen sie auf der Decke und genossen Anns Köstlichkeiten.
   »Iss nicht zu viel«, neckte sie. »Sonst passt du nicht mehr ins Auto.«
   Er grinste. »Zur Not kannst du mich aufs Dach schnallen.«
   »Oder hinterherschleifen.« Sie zwinkerte ihm zu.
   Vince’ gutmütiges Grinsen wurde noch eine Spur breiter.
   »Kommst du öfter hierher?«, wollte sie wissen.
   Er nickte. »Ich bin gern am Wasser.«
   Kelly, die in den Bergen aufgewachsen war, kannte die See nur von einem Urlaub mit ihren Eltern. »Ich war erst einmal am Meer«, sprach sie ihre Gedanken aus. »In Florida, ist schon ewig her.«
   »Dann bist du nicht von hier? Von der Westküste, meine ich.«
   »Nein. Ich habe in den Rocky Mountains gelebt.« Sie hielt die Information bewusst vage in Anbetracht dessen, was Linda ihr eingebläut hatte, und lenkte das Gespräch in eine andere Richtung. »Was machst du in deiner Freizeit? Außer dich in der Folterkammer abzurackern.«
   »Folterkammer?« Er lächelte. »Im Sommer gehe ich gern surfen.«
   Kellys Fantasie schenkte ihr direkt ein Bild. Sein sportlicher Körper, nackt bis auf Badeshorts, wie er auf einem Surfboard über einen schäumenden Wellenkamm jagte. »Was noch?«
   »Reicht das nicht?«
   Sie bemerkte, dass er sich über ihre Fragerei amüsierte. »Nun, ich dachte an das Übliche. Bier trinken mit ein paar Kumpels oder ein Spiel ansehen.«
   Vince zuckte mit den Schultern. »Das ist ziemlich eingeschlafen. Die Jungs sind wie ich beruflich sehr eingespannt, da gehören die Wochenenden der Familie.«
   »Und du hast keine Familie?«, rutschte es ihr heraus.
   »Meine Eltern und einen jüngeren Bruder. Frau und Kinder habe ich keine, falls du das meinst.«
   Sie spürte, wie ihre Wangen heiß wurden. »Sorry, ich frage zu viel«, entschuldigte sie sich.
   Er sah sie ernsthaft an. »Du darfst mich alles fragen, Kelly«, sagte er warm und berührte kurz ihre Hand.
   Sie hielt seinen Blick fest. »Okay. Wenn das so ist … Wie alt bist du?«
   »Siebenunddreißig«, antwortete er mit einem kleinen Lachen.
   »Ich bin zweiunddreißig.«
   »Und was machst du in deiner Freizeit?«
   Kelly senkte den Kopf. Was sollte sie ihm erzählen? Sie war einmal sehr aktiv gewesen, doch Steven hatte ihr systematisch alle Hobbys, die sie in Kontakt mit anderen Menschen brachten, verleidet. Zuletzt bestand ihr Leben aus dem Job im Sheriff’s Office, der Versorgung des Haushalts und aus den Veranstaltungen, auf denen er sich gern zeigte. Steven genoss die Anerkennung der Gemeinde, mit ihr als perfekter Vorzeigefrau an seiner Seite. »Früher habe ich viel Sport gemacht, hauptsächlich Skilaufen. Eine Freundin von mir ist Schlittenhunderennen gefahren, da habe ich bei den Wettkampfvorbereitungen geholfen. War ein Riesenspaß mit den Hunden.« Wehmut überfiel Kelly. »Und zwei Jahre lang hatte ich in den Sommerferien einen Job als Aushilfs-Rangerin in einem Nationalpark. Betreuung der Ferienkindergruppen …« Ihre Stimme verklang. »In den letzten Jahren habe ich mich in unserer Gemeinde sehr engagiert«, fügte sie hinzu.
   Vince knüllte schweigend die Papierserviette zusammen, lehnte sich zurück, stützte sich mit den Ellenbogen auf der Decke ab und legte den Kopf in den Nacken.
   Kelly betrachtete ihn verstohlen. Die Sonne tupfte goldene Reflexe in sein Haar, und das klare Licht betonte die maskulinen Züge. Ihr Blick glitt tiefer. Das Hemd zeichnete die Form seines Oberkörpers nach. Die Weste war verrutscht, und sie bemerkte unterhalb der linken Achsel eine Ausbuchtung. Die Konturen eines Holsters. »Du trägst eine Waffe?«, entfuhr es ihr.
   Vince setzte sich auf. »Ich trage im Dienst immer eine Waffe.«
   »Im Dienst? Jetzt?« In ihre Verblüffung mischte sich ein Hauch Entsetzen.
   Er lächelte beruhigend.
   Sie starrte ihn fassungslos an, als ihr die tiefere Bedeutung seiner Worte aufging. Jasons wundervolles Haus, der neue Job, Linda, Ann und vor allem Vince – das alles war nur eine schöne Scheinwelt. Draußen lauerte ihr Mann, um sie wieder in die Berge zu schleppen.
   »Kelly?«
   Sie fühlte seine Hand auf ihrem Arm. Warm und beruhigend.
   »Mach dir keine Sorgen. Ich kann mit Waffen umgehen, und ich benutze sie nur im Notfall.«
   Sie schüttelte den Kopf. »Es ist nicht deinetwegen oder wegen der Waffe, Vince. Ich bin froh, dass du bei mir bist.« Sie atmete krampfhaft ein. »Ich nehme an, du weißt, dass ich vor meinem Mann geflohen bin?«
   Er nickte.
   »Ich musste gerade an ihn denken. Er wird nie aufhören, nach mir zu suchen.«
   »In der Villa bist du sicher. Sie ist ein super Versteck. Und falls er dich tatsächlich finden sollte, muss er erst mal an mir vorbei.« Vince’ Stimme klang beherrscht, doch auf seinem Gesicht spiegelte sich Zorn. Mit den blitzenden Augen und der kantigen Miene sah er gefährlich und gleichzeitig höllisch attraktiv aus. Sein Blick legte sich auf Kelly, die Wut verflog und seine Augen fanden zu ihrem sanften Meerblau zurück. »Du siehst ihn überall, nicht wahr?«, fragte er leise.
   Sie schaute perplex zu ihm hoch.
   »An dem Tag in Sausalito, da warst du auf einmal wie erstarrt, nur weil ein Mann am Auto vorbeiging.«
   Kelly seufzte. »Du bemerkst ja alles.«
   »Das ist mein Job. Ich achte instinktiv auf Unregelmäßigkeiten.«
   »Es ist wie ein Fluch«, murmelte sie. »Nicht nur, dass er mich in meinen Träumen verfolgt, ich …« Sie verstummte, zu verlegen, um Vince an ihren Gefühlen teilhaben zu lassen.
   »Keine Sorge. Linda ist gut darin, Spuren zu verwischen, und die neuen Identitäten, die sie besorgt, halten jeder Prüfung stand.«
   Kelly sog scharf die Luft ein. »Du weißt von dem Programm?«
   »Ja. Meine Männer und ich haben schon ein paar Mal geholfen, wenn Gefahr im Verzug war. Das heißt, Dylan hauptsächlich.« Vince schmunzelte. »Er ist hoffnungslos in Linda verliebt.«
   »Nur zu verständlich. Bei ihrem Aussehen.« Ein warmes Gefühl stieg in Kelly auf bei dem Gedanken an Linda, die ihr inzwischen eine Freundin geworden war. »Ich verdanke ihr sehr viel.«
   »Sie ist ein Engel. Leider denkt sie nur an die Arbeit.«
   Kelly neigte den Kopf zur Seite. »Vielleicht müsste Dylan etwas deutlicher werden«, schlug sie vor.
   Vince sah sie lange an. »Ist das bei allen Frauen so? Muss ein Mann deutlicher werden?«, fragte er leise.
   Sie hielt seinen Blick fest. »Wenn er ans Ziel kommen will«, hörte sie sich murmeln. Mein Gott, was tat sie da? Ihr letzter Flirt lag Ewigkeiten zurück. Sie wusste kaum noch, wie das ging. Nervös leckte sie sich über die Lippen.
   Vince hob ihre Hand zu seinem Mund und berührte zart ihre Fingerknöchel. »Männer mögen es auch, wenn Frauen etwas deutlicher werden.«
   Kelly spürte seinen warmen Atem, der die federleichten Küsse begleitete. Ein wohliger Schauder überlief sie. Am liebsten hätte sie beide Hände in seinem Haar vergraben und ihn an sich gezogen. Warum reagierte sie nur so heftig auf ihn? Eigentlich müsste dieser kraftvolle Körper sie abschrecken, doch stattdessen fühlte sie sich geborgen in seiner Nähe. »Vince«, murmelte sie.
   Er sah sie aus funkelnden Augen an, und ein verführerisches Lächeln verzauberte seine Züge. »Zu Ihren Diensten, Ma’am.« Seine Zunge glitt über ihre Handinnenfläche.
   Kelly stieß den Atem aus und lehnte sich gegen ihn. Seine Muskeln spannten sich, er legte eine Hand auf ihre Taille und zog sie näher an sich. Langsam senkte er den Kopf, und ihre Lippen trafen sich.
   Ein Beben lief durch Kellys Körper, und der Wunsch nach mehr wurde übermächtig. Sie vertiefte den Kuss, angespornt von seinem Zögern. Vince gab seine Zurückhaltung auf, als sie eine Hand auf seinen Nacken legte und ihn an sich zog. Er eroberte ihren Mund, seine Finger auf ihrer Taille schienen sich durch die Kleidung zu brennen. Sie schmiegte sich an ihn, wünschte, er würde ihre bloße Haut berühren. Dieses heftige Verlangen war neu für Kelly, und verunsichert löste sie sich von ihm.
   Verwirrt sah sie ihn an und blickte in seine glühenden Augen. Es musste ihn immense Kraft kosten, sich zurückzuhalten. Und plötzlich verstand sie: Er wollte sie nicht überrollen mit seiner Leidenschaft. Ihr Herz flog ihm zu. »Danke«, flüsterte sie.
   »Wofür?« Seine Stimme klang rau.
   »Für deine Rücksichtnahme. Und diesen wundervollen Kuss.«
   Er erwiderte verliebt ihr Lächeln, während seine Finger über ihre Wange glitten. »Nachschlag gefällig?«, fragte er mit einem amourösen Zwinkern.
   Sie nickte und versank in seinen Zärtlichkeiten.

Stunden später kehrten sie zum Wagen zurück. Kelly fühlte sich wie berauscht, ihr ganzer Körper prickelte. Es war neu für sie, dass sich ein Mann zurückhielt, seine Begierde nicht in den Vordergrund stellte. Was für ein Unterschied zu Steven, der nie lange gefackelt hatte.
   Vince schloss den Kofferraumdeckel und wandte sich ihr zu. Sie legte die Arme um seine Mitte und schmiegte sich an ihn. Er küsste sie, seine Hände glitten über ihren Rücken hinab zu ihrem Po. Kelly drängte sich noch enger an ihn.
   »Kelly.« Die Sehnsucht in seiner Stimme verlieh ihr Mut.
   Ihre Finger berührten seinen Hosenbund, schoben sich ein Stückchen darunter. Trotz des Shirts fühlte sie die straffen Muskeln.
   »Du spielst mit dem Feuer, Chérie«, raunte er, und sein dunkles Timbre hallte in ihrem Bauch wider.
   Am liebsten hätte sie ihn auf der Stelle vernascht. »Wir sollten zurückfahren«, stieß sie hervor.
   Vince starrte in ihre Augen. »Ich passe nur leider nicht mehr in den Mini.«
   »Wieso nicht?«
   Er sah mit einem vielsagenden Blick an sich hinunter. Sie bemerkte die Ausbeulung in seinem Schritt und brach in befreiendes Gelächter aus, in das er mit einstimmte.
   »Und was nun?«, kicherte sie.
   »Das ist alles deine Schuld«, beklagte er sich. »Mach was dagegen.«
   Sie wies mit dem ausgestreckten Arm Richtung Meer. »Wie wär’s mit einer Abkühlung?«
   »Ich hatte eigentlich eine etwas angenehmere Lösung im Sinn.«
   »Aber nicht hier«, hauchte sie.
   Er rollte mit den Augen. »Wenn du so weitermachst, kommen wir nie nach Hause.«

Sie erreichten Jasons Anwesen am Abend und blieben auf dem Treppenabsatz vor der Eingangstür stehen, um den Blick auf die Bucht zu genießen. Die untergehende Sonne übergoss die Umgebung mit ihrem milden rötlichen Licht. Von hier oben sahen die Schiffe in der Richardson Bay und die Häuser am gegenüberliegenden Ufer aus wie Miniaturen. Alles wirkte friedlich und idyllisch.
   Vince hatte einen Arm um Kellys Schultern gelegt. Sie schmiegte sich in die Wärme seines Körpers, ein Schutz gegen den Wind, der über die Kuppe blies und an ihrer Kleidung zerrte.
   »Du strahlst vielleicht eine Hitze ab«, bemerkte sie. »Ist das immer so?«
   Er sah sie zärtlich an. »Hm … im Winter halte ich warm, und im Sommer spende ich Schatten.«
   Sie lachte. »Dann bist du ja doch zu etwas zu gebrauchen.«
   Vince schnaubte. »Komm, wir gehen rein, bevor dein dreistes Mundwerk einfriert«, murmelte er an ihrer Wange und zog sie mit sich zur Haustür.
   Kelly knuffte ihn in die Seite.
   In der Küche der Villa saßen sie wenig später über dampfenden Kaffeetassen. Kelly hatte kurz mit dem Gedanken gespielt, ihn zu sich in den Bungalow einzuladen, doch dann verließ sie ihre Courage. Jasons Küche war ein neutraler Ort, um diesen schönen Tag ausklingen zu lassen.
   Vince zauberte eine Schachtel mit Schokoladentäfelchen aus dem Schrank.
   »Oh, Schokolade.« Kelly grinste.
   »Meine zweite Leidenschaft.«
   Sie hielt seinen liebevollen Blick fest und spürte auf einmal Tränen hinter den Lidern brennen.
   Er bemerkte ihren Stimmungsumschwung, obwohl sie ihn zu verbergen versuchte. »Hey, alles okay mit dir?«
   »Ja. Es war ein wundervoller Nachmittag. Danke, Vince.«
   Er griff über die Küchentheke nach ihrer Hand und drückte sie kurz. »Wir können das jederzeit wiederholen.«
   Sie nickte zögerlich. »Willst du dir das wirklich antun?«, fragte sie leise. »Ich meine, mich.«
   »Was ist denn so schlimm an dir?«
   »Mein Leben ist kompliziert, ein einziges Chaos.« Sie seufzte. »Ich weiß nicht, wie es weitergehen wird. Die Arbeit für Jason und dass ich hier wohnen darf, das ist nur eine Lösung auf Zeit.«
   Er schritt um die Theke herum, trat an den Barhocker, auf dem sie saß. Tröstend zog er sie in seine Arme. »Mach dir keine Sorgen. Linda und Jason haben dir geholfen und werden dich weiter unterstützen. Du musst keine übereilten Entscheidungen treffen. Und ich bin auch für dich da. In jeder Hinsicht.«
   Kelly konnte nur nicken. Ein dicker Kloß saß in ihrem Hals.
   Er küsste sie auf die Stirn. »Lass dir alle Zeit, die du brauchst. Uns läuft nichts davon.«
   Etwas später suchten sie ihre Wohnungen auf.
   Kelly löste den Knoten des Seidenschals und faltete ihn zusammen. Jasons Geschenk hatte ihr auf mehrere Arten Freude bereitet. Lächelnd rief sie sich die wundervollen Stunden mit Vince in Erinnerung, durchlebte erneut den Nachmittag. Bald jedoch drifteten ihre Gedanken ab zu den ungeklärten Dingen in ihrem Leben und zu Steven. Obwohl sie ihn hasste und es tausend Gründe dafür gab, warum sie ihn verlassen hatte, war sie vor dem Gesetz immer noch seine Frau. Durfte sie es zulassen, dass sich ein anderer Mann in sie verliebte? Durfte sie Vince mit ihren Problemen belasten, ihn vielleicht sogar in Gefahr bringen? Nicht auszudenken, wenn Steven sie aufspüren würde. Er war krankhaft eifersüchtig und in seiner Rage zu allem fähig. Einmal hatte er zwei Männer übelst schikaniert, nur weil sie mit Kelly scherzten. Und sie hatte es oft genug büßen müssen, dass seine Fantasie mit ihm durchging.
   Um sich von den düsteren Gedanken abzulenken, duschte Kelly und gönnte sich ein Körperpflegeprogramm. Zum Abschluss frisierte sie ihre Haare, deren ungewohnte Kürze sie noch immer störte. Sie cremte ihren Körper mit einer duftenden Bodylotion ein und vergaß auch die Narbenpflege nicht. Dabei übermannte sie einmal mehr die Trauer um ihr totes Kind. Es hätte die Frühgeburt überleben können, doch es war in ihrem Bauch gestorben. Durch die Schläge seines Vaters. Sie spürte den gewohnten Zorn in sich aufsteigen.
   Linda hatte ihr geraten, Steven anzuzeigen, aber Kelly scheute diesen Schritt. Vielleicht würde sie den Prozess gewinnen, doch ihre Anklage stand auf wackligen Füßen. Was, wenn man ihn freisprechen würde? Dann wäre sie vor ihm nicht mehr sicher. Momentan kannte er ihren Unterschlupf nicht, hielt sie hoffentlich für tot, und Kelly bekam so zumindest eine Chance auf ein neues Leben.
   Der mysteriöse USB-Stick fiel ihr wieder ein. Irgendwann hatte sie die unzähligen Versuche, das Kennwort zu knacken, eingestellt und den Stick Linda anvertraut, die ihn in ihrem Safe aufbewahrte. Trotzdem ließ sie der Gedanke, was darauf gespeichert sein könnte, nicht los. Was war so wichtig, dass Steven es außerhalb des Hauses versteckte?

*

Vince hätte gern den restlichen Abend mit Kelly verbracht, doch er wagte es nicht, sie in sein Apartment einzuladen oder mit in den Bungalow zu gehen. Ein Bett in der Nähe würde ihn nur auf dumme Ideen bringen. Sein letzter intimer Kontakt lag Ewigkeiten zurück.
   Er lümmelte sich mit einer Fertigpizza aufs Sofa und ließ den Tag Revue passieren. Mit dem Ausflug hatte er sie ablenken und aus dem Alltagstrott reißen wollen. Es war nie seine Absicht gewesen, sich ihr zu nähern, trotz der Anziehungskraft, die sie auf ihn ausübte. Doch nun fühlte er sich wie neugeboren. Mit geschlossenen Augen meinte er, ihre weichen Lippen zu spüren, ihre Hände, die seinen Körper erkundeten. Zarter Orangenduft stieg ihm in die Nase, und ihr seidiges Haar kitzelte seine Wange. Ein leises Seufzen entglitt ihm und holte ihn in die Realität zurück.
   Ihr Mann kam ihm in den Sinn, und Wut kochte in ihm hoch. Der Kerl war ein Kontrollfreak, der seine Frau als sein Eigentum betrachtete. Vermutlich hatte sie ihre Hobbys auf seinen Druck hin aufgegeben. Die meisten brutalen Männer beschränkten sich nicht aufs Prügeln, sie zogen ihren Kick aus der Dominanz über Schwächere. Vince wagte nicht, sich vorzustellen, was Kelly durchgemacht haben musste.

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