Seit dem Tod ihrer Eltern kümmert sich die Polizistin Jamie McForest um ihre Schwester. Als ein Stalker die 17-Jährige Cindy verfolgt, versucht sie alles, um ihre Schwester zu beschützen, doch letztlich bleibt ihr nichts anderes übrig, als alle Brücken abzubrechen, und unter geänderter Identität eine neue Existenz aufzubauen. Für eine bessere Tarnung geht sie bis zum Äußersten und kauft sich sogar einen Ehemann. Dix, ein Mitglied der G.E.N. Bloods (Genetic Extraordinary New Bloods - Genetisch außergewöhnlicher Nachwuchs), lässt sich auf das Abenteuer ein und spielt Jamies Ehemann. Obwohl Jamie weiß, dass diese „Ehe“ nur ein Geschäftsverhältnis ist, steht ihr Herz in Flammen. Nicht, dass sie das dem faszinierenden Dix jemals eingestehen würde. Trotz ihrer Bemühungen spürt der Stalker sie wieder auf. Und dieses Mal ist Jamie sein Ziel.

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ISBN: 978-9963-53-467-8

Seiten: 447

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Kathy Felsing

Kathy Felsing
Kathy Felsing wurde 1964 in Nordrhein-Westfalen geboren. Nach der Fachoberschulreife jobbte sie zunächst für zwei Jahre als Redaktionsassistentin bei einer Wochenzeitung. Später absolvierte sie eine Ausbildung als Datenverarbeitungskauffrau und arbeitete viele Jahre als Programmiererin, Werbekauffrau und Web-Designerin. Bevor sie mit dem Schreiben anfing, war sie zuletzt in leitender Stellung als Ausbilderin für Fachinformatiker tätig. Ende 2006 wanderte sie mit ihrer Familie in die Republik Zypern aus. Sie lebt und arbeitet mit ihrem Mann, zwei Katzen und einem Hund in einem kleinen Bergdorf. 

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog
Freitag, 7. Januar, New Orleans

Jamie McForest zog ihre Schwester sanft heran. »Cindy, Maus, was stimmt nicht?«
   Die schmalen Schultern der Siebzehnjährigen zuckten. Die Knochen ihres mageren Körpers stachen durch das schlabbrige Sweatshirt gegen Jamies Brust. Heilige Muttergottes, Cindy hatte noch mehr abgenommen. Wie hatte sie das übersehen können? Vorsichtig darauf bedacht, ihre Besorgnis zu verbergen, ließ Jamie die Hände über Cindys Rücken gleiten. Durch den Stoff glaubte sie, jede Rippe einzeln zu spüren.
   Sorge mischte sich mit einem Anflug von Wehmut. Der ehemals leicht mollige Teenager hatte unbemerkt längst die Formen einer jungen Frau gewonnen. Hatte Cindy nicht bis vor Kurzem noch über ihre viel zu dicken Oberschenkel und ihren Elefantenhintern gejammert? Wann hatte Jamie sie das letzte Mal vor einem Spiegel stehen sehen – sich drehend, mit verrenktem Hals, sodass sie Angst bekam, Cindy würde sich das Genick brechen? Hatte Jamie ihr nicht erst vor einer Woche mit einem Lächeln über die rosigen Wangen gestrichen in einem Gesicht, aus dem noch Babyspeck hervorschaute? Jetzt fehlte der unendlich strahlende, unschuldige Kinderblick. All das lag Monate zurück. War es sogar schon ein ganzes Jahr?
   Mist! Ihr Job fraß sie auf, raubte ihr die Zeit, die sie brauchte, um den Anforderungen einer Jugendlichen gerecht zu werden. Sie tastete erneut über die zerbrechliche Gestalt, fuhr die zierliche Taille entlang, herauf bis zu Cindys Nacken und an ihren dünnen Armen hinab, bis Cindys Hände in ihren lagen. Ihre kleine Schwester litt nicht etwa an Bulimie? Sie pustete ihr eine giftgrüne Haarsträhne inmitten der schwarz gefärbten Mähne aus der Stirn. »Liebes, erzähl mir, was los ist.«
   Jamie bekam Sodbrennen, wie häufig, wenn sie nervös war oder es eilig hatte und etwas sie aufhielt. Dennoch warf sie keinen Blick auf die Uhr, deren Ticken von der Wand wie ein Ultimatum klang, lauter und bedrohlicher von Minute zu Minute. Sie kam zu spät zum Nachtdienst. Commander Bob würde sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, sie zur Strafe hart ranzunehmen. Wahrscheinlich donnerte er ihr wieder sämtliche Drecksjobs auf, die es zu erledigen gab. Die unbeliebteste Arbeit während der Schicht – das Wegputzen der dünnflüssigen Hinterlassenschaften von festgenommenen Betrunkenen aus dem Streifenwagen. Anschließend würde er sie mit dem stinkenden Fahrzeug zum nächsten Einsatz ins chaotischste Viertel der Stadt schicken. Jamie schüttelte sich innerlich. Es half nicht. Sie musste da durch, komme, was wolle. Eine weitere Stufe der Karriereleiter zu erklimmen bedeutete noch ein Vierteljahr auf der Straße. »Cindy, sprich mit mir. Ich kann dir doch nicht helfen, wenn ich nicht weiß, was dich bedrückt.«
   Bob teilte sie garantiert mit Smith zur Streife ein. Das tat er, wenn er ihr eins auswischen wollte, weil er wusste, dass Smith ihr nachstellte und sie auch diesmal Mühe haben würde, seine plumpen Annäherungsversuche abzuwehren.
   »Bradly Hurst«, flüsterte Cindy heiser.
   Jamie betrachtete das blasse Antlitz. »Von wem redest du?« Ein Kloß wuchs in ihrem Hals. Sie unterdrückte den Drang, über Cindys feuchte Wimpern zu streichen, weil sie wusste, dass sie das nicht mochte. »Wer ist Bradly Hurst?«
   Jetzt rollten Tränen über Cindys Wangen. Die Wanduhr schlug zehn Uhr. Cindy machte sich los und vergrub das Gesicht im Stoff ihrer Ärmel. Als sie aufblickte, zeugten nur noch ihre geröteten Augen vom Weinen. »Du bist viel zu spät.«
   »Ich weiß.«
   »Du wirst wieder Theater kriegen.«
   Jamie lachte auf. »Ich weiß.«
   »Lass uns morgen früh drüber reden.«
   »Versprochen?«
   Cindy hob die Rechte zum Schwur.
   Jamies Dienstjacke und ihr Holster lagen bereit. Rasch zog sie sich an. Sie nahm ihr Halskettchen ab und griff nach dem daran hängenden Schlüssel für den Waffenschrank, den sie vor Monaten mit ihrer Polizeiausrüstung gekauft hatte. Beim NOPD, dem New Orleans Police Department, entsprach es dem Alltag, dass Polizisten ihre gesamte Ausstattung auf eigene Kosten anschafften.
   Cindys Augenmerk klebte an jedem Handgriff. Begierig saugte sie den Anblick der Uniform, des Gürtels, der am Hosenbund baumelnden Handschellen auf. Das hatte sie bereits als kleines Mädchen bei Dad getan und viel eher Polizistin werden wollen, als Jamie es jemals für sich ins Auge gefasst hatte. Gott, wann hatten sie das letzte Mal über Cindys Berufspläne gesprochen? Sie stand kurz vor dem Highschoolabschluss. Langsam wurde es allerhöchste Eisenbahn. An der Tür drehte sie sich um. »Hat es wirklich Zeit bis morgen?«
   Cindy nickte. »Ich mache Frühstück.«
   »Danke. Ich freu mich drauf.« Sie warf eine Kusshand in den Raum.
   »Du siehst echt scheiße aus, weißt du das?«
   Jamie lächelte und eilte davon.
   Auf dem Weg zum Revier kreisten ihre Gedanken darum, wer Bradly Hurst sein könnte. Einen Verehrer schloss sie nach rascher Überlegung aus. Auch wenn Cindys Tränen zuerst Liebeskummer vermuten ließen, glaubte sie nicht daran. Etwas hatte im Ausdruck ihrer Schwester gelegen, das tiefer ging. Schmerz. Angst? Verlorenheit auf alle Fälle. Plötzlich erkannte sie es: Es war der Blick in eine einsame Seele, in der ein Fünkchen Hoffnung aufblitzte, als Jamie Cindy in die Arme gezogen hatte. Vertrauen, das sie nicht länger enttäuschen durfte.
   Ein bitterer Geschmack legte sich auf ihre Zunge. Sie hatte Cindy zu sehr sich selbst überlassen und das in einer tief greifenden Zeit ihres Lebens, der Pubertät. Jamie hatte die Veränderungen nur unterschwellig registriert und sie als normal abgetan. Klar, sie hatten über alles Mögliche geredet – Freundschaft, Liebe, Sex. Sie war froh, dass Cindy die Auffassung vertrat, auf den Richtigen warten zu wollen. Obwohl sie einander Vertrauen schenkten und nie ein Blatt vor den Mund genommen hatten, musste Cindy ihr irgendwann in den vergangenen Monaten entglitten sein. Sie hatte es nicht gemerkt. Oder nicht sehen wollen.
   Jamie fuhr abrupt an den Straßenrand. Zum Teufel mit Bob. Sollte er kurzfristig jemand anderen für die Schicht einteilen. Sie musste zurück und mit Cindy reden. Viel zu lange hatte alles Zeit bis morgen haben müssen und sie spürte, dieses Mal verhielt es sich anders. Cindy brauchte sie. Sie fischte das Handy aus der Tasche und rief ihren Vorgesetzten an. Nach einem knappen Gespräch beeilte sie sich, nach Hause zu fahren. Den unfreundlichen Ton im Ohr verdrängte sie. Noch so ein Vorfall, und sie würde mit einem Vermerk in ihrer Dienstakte rechnen müssen. Etwas, das sie sich nicht erlauben konnte. Beim NOPD lag die Messlatte für Polizisten besonders hoch. Selbst nach dem akribischen Background-Check zur Zulassung an der Police Academy durfte man sich nicht den geringsten Schnitzer leisten.
   Sie setzte den Blinker und bog in die Straße ein, in der das geräumige Einfamilienhaus lag, das Cindy und sie von ihren Eltern geerbt hatten. Irgendetwas stimmte nicht. Hatte sie es im Blut oder bildete sie es sich ein? Die Straßenlaternen warfen kreisrunde Lichter auf die Straße, es gab nur wenige Stellen, an denen in der Dunkelheit verborgen Gefahren lauern konnten. Die Nachbarhäuser rechts und links strahlten anheimelnde Wärme aus, ein wohltuender Kontrast zu der frostigen Nacht. Neujahr lag gerade hinter ihnen und die Temperaturen sanken nachts teilweise unter den Nullpunkt. Jamie betätigte die Fernbedienung für das Garagentor, das sich umgehend in Bewegung setzte. Da erkannte sie, was sie beim ersten Blick gestört hatte. Ihr Haus lag als Einziges wie in tiefem Schlaf. Kein Schimmer fiel aus dem Inneren, alle Rollläden waren heruntergelassen. Merkwürdig. So früh ging Cindy nie zu Bett und sie schloss die Jalousien – wenn überhaupt – üblicherweise nur im Erdgeschoss. Jetzt allerdings war auch das Obergeschoss verriegelt und verrammelt. Was war hier los?
   Nur Mom hatte immer darauf bestanden, nachts auch in den Schlafräumen die Rollläden zu schließen. Sie hatte sie aus ihrer Heimat Deutschland importieren lassen, während sich Dad beim Hausbau krummlachte, als Mom auf den Einbau bestand. Melancholie wollte Jamie gefangen nehmen, doch sie schluckte die Trauer hinunter und beeilte sich, aus dem Wagen zu steigen.
   Durch die Zwischentür von der Garage gelangte sie in einen Hauswirtschaftsraum und von dort in die stockdustere Küche.
   »Cindy?« Sie rief laut, damit es bis in die obere Etage drang.
   Ihre Schwester antwortete nicht.
   Im Vorbeilaufen drückte Jamie auf jeden Lichtschalter und steuerte geradewegs die Treppe an. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihrer Magengegend aus. Sie beschleunigte ihre Schritte, rannte, und stieß Cindys Zimmertür auf. Vielmehr versuchte sie es, denn sie prallte an der verschlossenen Tür zurück. Der Schwung ließ sie straucheln, sie landete rücklings auf ihren vier Buchstaben. Verflucht!
   Sie rollte sich auf dem Rücken ab. In einer fließenden Bewegung löste sie die Lasche des Holsters und hielt ihre Glock entsichert in der Hand. Gleichzeitig zog sie die Knie vor den Oberkörper und trat mit beiden Füßen vor die Tür. Noch während das Türblatt krachend gegen die Wand flog, preschte sie vor. Mit geübtem Blick maß sie den Raum ab und erkannte, dass keine Gefahr lauerte. Sie senkte die Waffe, blieb jedoch in Sprungbereitschaft. Hatte sich Cindy vor einem Einbrecher verschanzt? Blödsinn. Dann hätte sie wohl nicht das ganze Haus abgeschottet. »Cindy!«
   Ein klägliches Ja ertönte aus dem angrenzenden Badezimmer, das zwischen Cindys und ihrem Zimmer lag und von beiden Seiten begangen werden konnte. Einen Atemzug später stand Jamie vor der Tür. Sie holte tief Luft und griff nach dem Türknauf. Im nächsten Augenblick lag Cindy an ihrer Brust.
   »Ich bin so froh, dass du es bist.«
   Jamie hielt sie mit einem Arm und drehte sich gleichzeitig, um den Raum in ihrem Rücken im Auge zu behalten. Vielleicht verharrte doch noch jemand im Verborgenen. »Was ist passiert, Maus? Ist jemand im Haus?«
   »Nein.« Cindy schniefte. »Aber draußen.«
   Sofort gingen ihre Sinne noch stärker in Alarmbereitschaft. »Wer? Wo?«
   »Bradly Hurst.«
   Verdammt. Wer war dieser Typ und was hatte das alles zu bedeuten? Jamie schob die Dienstwaffe in das Holster, ließ es jedoch unverriegelt. »Wer ist dieser Bradly Hurst? Ein Verehrer, den du nicht loswirst?«
   »Schön wär’s.« Cindy zitterte so sehr, dass Jamie sie vor sich her zum Bett schob. Sie legte ihr eine Wolldecke um die Schultern.
   »Komm, wir gehen in die Küche und ich koche uns einen Kakao.« Lieber wäre sie hinausgestürmt und hätte nach diesem Kerl Ausschau gehalten – aber was nutzte das, solange sie nicht wusste, wer er war und was er hier zu suchen hatte? Außerdem spürte sie, dass sie Cindy jetzt nicht allein lassen durfte. »Soll ich die Cops rufen?«
   »Ich zeig ihn dir.« Cindy griff nach ihrer Hand und zog sie zum Fenster. Sie öffnete einen Flügel. Kalte Luft strömte in das Zimmer, der Luftzug musste sich einen Weg durch den Jalousienkasten bahnen, denn die geschlossenen Lamellen zeigten keine Ritze. Ihr schauderte.
   Cindy drückte das Gesicht an die graue Plastikfläche und nach einer kurzen Weile seufzte sie. »Er ist weg.«
   »Woher willst du das wissen? Was machst du da?«
   Cindy trat einen Schritt zurück und wies auf ein kleines Loch in einer der Lamellen. Jamie besah es sich genauer. Das musste Cindy hineingebohrt haben. Sie bückte sich, verengte die Lider und blickte hindurch. Die Straßenseite gegenüber lag still und verlassen. Links vom Nachbarhaus befand sich ein Zugang zum Park. Sie überblickte einige Yards den geschotterten Weg bis zu der ersten Parkbank. Auch hier wirkte alles ruhig.
   »Bis eben stand er noch unter einem Baum und hat auf mein Zimmerfenster gestarrt. Seit du weggefahren bist.« Plötzlich brach Cindy zusammen.
   Jamie schaffte es nicht, sie aufzufangen, kauerte sich aber sogleich neben ihre Schwester, die sich wie ein Embryo auf dem Boden zusammengerollt hatte.
   »Es ist wie immer. Kaum mache ich jemanden auf ihn aufmerksam, ist er weg. Du wirst mir genauso wenig glauben wie alle anderen.« Cindy weinte herzzerreißend.
   »Maus. Du kannst mir doch vertrauen. Niemals würde ich zweifeln, wenn du mir etwas so Wichtiges erzählst.«
   Etwas später saßen sie in der Küche und Jamie schob eine dampfende Tasse Kakao über den Küchentisch. Cindy weinte nicht mehr, aber ein Schluckauf quälte sie, sodass sie sich kaum in der Lage fand, zu sprechen. Es dauerte Minuten, bis sie langsam ihre Fassung zurückgewann. Währenddessen streichelte Jamie ihre Arme. »Magst du mir jetzt alles erzählen?«
   Cindy nickte. Ihre Augen glitzerten noch immer verdächtig. »Er … ich glaube, er ist ein Stalker.«
   Jamie schnappte nach Luft und schluckte ein erstauntes »Was?« hinunter. Es hätte sich angehört, als würde sie die Aussage in Zweifel stellen. Sie zwang sich zur Professionalität. Auf keinen Fall durfte sie Cindy verunsichern. Ganz so, als hätte sie eine Zeugin zu vernehmen, durfte sie keine Gefühle oder persönliche Ansichten in die Situation einfließen lassen. Mit Bedacht stellte sie die ersten Fragen und zog Block und Kugelschreiber aus der Uniformjacke. Das Leder knarzte leise. »Beschreib ihn mir.«
   »Ich weiß nicht, ob ich das so richtig kann … er ist blond.«
   »Wir werden das hinkriegen. Was für ein Blond? Nenn mir eine Person, die du kennst – vielleicht einen Schauspieler, dessen Haarfarbe seiner ähnelt.«
   »Wie du.«
   »Okay. Wie groß ist er?«
   »Weiß nicht. Vielleicht sechs Fuß? So knapp einen Kopf größer als ich.«
   Cindy war relativ klein, bei einer Kopflänge Größenunterschied konnte ihre Schätzung stimmen. Jamie stellte weitere Fragen zum Aussehen, bis Cindy nichts mehr einfiel. »Seit wann hat er sich draußen aufgehalten?«
   »Gleich, nachdem du weg warst, hab ich alles dichtgemacht. Als ich rausblickte, stand er unter dem Baum.«
   »Kommt das öfter vor?«
   »Nur freitags. Mal sofort, nachdem du zur Schicht bist, mal mitten in der Nacht oder kurz, bevor du nach Hause kommst.«
   Ihr lag die Frage auf der Zunge, warum Cindy nicht die Cops gerufen hatte, aber sie ahnte die Antwort. Weil Jamie dort arbeitete, weil der Typ wahrscheinlich weg war, bis ihre Kollegen eintrafen, weil sich Cindy nicht lächerlich machen wollte. »Und du bleibst die Nacht wach und linst aus deinem Guckloch?«
   »Oft. Ich kann nicht schlafen, wenn ich weiß, dass er da draußen steht.«
   Verständlich. O Mann, warum hatte Cindy nicht viel eher etwas gesagt? Kein Wunder, dass sie schwarze Schatten unter den Augen hatte und häufig nachmittags schlief. »Woher weißt du seinen Namen?«
   Cindy schnäuzte sich ausgiebig, bevor sie antwortete. »Ich bin ihm in der Stadt begegnet. Er kam aus dem Büro eines Hauses, an dem ein Schild mit dem Namen einer Anwaltskanzlei hängt. Hurst & Son. Danach habe ich im Telefonbuch gesucht und da steht Walter Hurst und Bradly Hurst mit der gleichen Anschrift wie das Büro.«
   »Hm.« Jamie notierte die Daten. »Könnte es sein, dass er ein Klient des Büros ist?«
   »Nein.« Cindys Gesicht nahm einen Ausdruck von Misstrauen an.
   Gott, musste sie vorsichtig sein. Die Kleine war offenbar noch viel verletzlicher, als sie vermutete. »Keine Bange, Maus. Ich will deine Aussage nicht infrage stellen, sondern nur die Fakten untermauern. Sie hob entschuldigend die Hände. »Einmal Cop, immer Cop.« Wenigstens entlockte das ihrer Schwester ein winziges Verziehen der Mundwinkel. »Was macht dich so sicher, dass es der Junioranwalt ist?«
   »Kurz bevor die Tür ins Schloss fiel, rief eine Frau nach ihm. Mr. Hurst, warten Sie bitte – ein dringender Anruf. Er ist wieder hineingegangen.«
   »Okay. Und dieser Walter kann es nicht sein, dazu ist er zu jung.«
   »Ja. Ich schätze Bradly Hurst auf Mitte dreißig – da kann er schlecht einen Sohn haben, der schon Anwalt ist.«
   »Wo bist du ihm sonst noch begegnet?«
   »Montags sitzt er in einem Bistro gegenüber der Schule. Er glotzt auf den Schulhof und beobachtet mich. Ich hab’s Rachel und Maya erzählt, aber immer, wenn ich ihn beschrieben habe und sie unauffällig hinsehen, ist er entweder weg oder anderweitig beschäftigt und beachtet mich nicht.«
   »Montags?«
   Cindy nickte heftig. »Mittwochs spielt er Tennis in dem Club neben unserem Sportplatz. Während meiner Stunde sitzt er auf der Tribüne und tut so, als beobachtete er ein Match seiner Tenniskumpel, aber ich weiß, er starrt mich unentwegt an. Nur mich.«
   »Seit wann geht das so, Cindy?« Jamie suchte ihren Blick, aber Cindy senkte rasch den Kopf. Wahrscheinlich wollte sie ihre erneuten Tränen verbergen, denn ihre Antwort klang erstickt.
   »Ich … er … ich glaube, seit mehr als drei Jahren.«
   Ein eisiger Schreck durchfuhr Jamies Glieder und erneut schluckte sie ein heftiges »Was?« hinunter. Wie konnte das sein?
   Ohne dass sie in Cindy dringen musste, fuhr diese fort. »Sicher bin ich mir erst seit einem knappen Jahr. Da fing es an, dass es mir auffiel. Ich wollte es erst nicht wahrhaben und glaubte, das alles wäre Zufall. Aber irgendwann nicht mehr. Und dann dachte ich irgendwie, ich kenn den Typ.«
   Jamie rieb sich den Bauch. Er schmerzte und sie fror, obwohl sie noch immer ihre Lederjacke trug und die Heizung auf die höchste Stufe gestellt hatte.
   »Das erste Mal habe ich ihn vor über drei Jahren bei Starbucks gesehen. An meinem vierzehnten Geburtstag.«
   »Du glaubst echt, schon da hat er dich verfolgt und beobachtet?«
   Cindy zuckte mit den Schultern. Die giftgrüne Haarsträhne fiel vor ihre Augen. »Ich weiß, du denkst, ich spinne.«
   »Ganz und gar nicht, Maus. Wir werden den Kerl jetzt das Fürchten lehren.«
   »Wirklich?«
   »Wirklich und wahrhaftig.« Jamie hielt Cindy ihre erhobene Handfläche zum Einschlagen hin. Wenn sie sich doch bloß halb so sicher fühlen würde, wie sie vorgab. Eine böse Vorahnung machte sich breit und ließ sie Galle auf der Zunge schmecken.

Sechs Monate später
Mittwoch, 6. Juli, in der Nähe von Denver

Dix saß mit geschlossenen Augen an einem Campingtisch im Zelt. Die Ellbogen hatte er auf die wacklige Platte gestützt und seinen Kopf in den Händen vergraben. Er wusste, die Zeit drängte. Ein Schweißtropfen von seiner Stirn landete auf dem Tisch und es hörte sich an, als klatschte ein dicker Haufen Walrossmist auf nackten Betonboden.
   »Dixon, strengen Sie sich gefälligst an!«
   Verdammt, was dachte sich dieser gestriegelte FBI-Korinthenkacker? Dass er mit den Hühnern der Farm in zwei Meilen Entfernung kommunizierte? Sackgesicht!
   Sie befanden sich eine gute Fahrtstunde nordwestlich von Loveland in Colorado, inmitten der Bobcat Ridge Natural Area in über 6.500 Fuß Höhe. Zwischen dem Basiscamp und der Stadt lag das Nest Masonville, und in den Wäldern zwischen dem Lager und dem Village waren von Wildhütern im vergangenen halben Jahr drei Mädchenleichen gefunden worden. Indizien führten in das Dorf. Den männlichen Bewohnern hatte man Speichelproben entnommen, und noch bevor die Laborergebnisse den Beweis erbrachten, dass die DNA eines 29-Jährigen in allen drei Fällen mit den Spuren an den Toten übereinstimmte, floh der Verdächtige in die Wälder. Auf dem Weg dorthin hatte er mutmaßlich eine junge Frau überwältigt, deren verlassenes Fahrzeug man aufgefunden hatte. Blutspuren ließen darauf schließen, dass es einen Kampf gegeben hatte. Das Einsatzkommando hegte kaum noch Hoffnung, die Entführte lebend aus den Fängen des Serienkillers zu befreien. Man hatte ein weitflächiges Gebiet auf der Landkarte abgesteckt, das der Flüchtende im Zeitraum von drei Tagen hätte erreichen können. Die Fahnder des FBI wussten, dass der Killer per Funk mit einem Freund in Masonville in Verbindung stand. Dort verharrte ein weiteres Team, um den Mann unter Kontrolle zu halten und ihn notfalls zu hindern, Informationen über die Fahndung preiszugeben. Selbst wenn er es schaffte – für den Gesuchten würde es zu spät sein. Sobald ein Kontakt zustande kam, startete Dix’ Part. Er befand sich mittels seiner Gabe in der Lage, das sendende Funkgerät binnen Sekunden zu orten. Eine halbe Hundertschaft verbarg sich in den Wäldern und wartete darauf, dass der Mann sein Versteck verließ. Man vermutete ihn in einer Höhle. Die Einsatzkräfte würden nur Minuten benötigen, um zuzuschlagen.
   Holy cow, manchmal hasste er seine Fähigkeit. Besonders dann, wenn ein Menschenleben davon abhing, dass er nicht versagte. Dann hätte er den verdammten Genforschern, die für seine Andersartigkeit Verantwortung trugen, am liebsten den Hintern bis zur Halskrause aufgerissen. Doch das war ein anderes Thema. Er musste sich konzentrieren, zur Hölle. Konzentrieren! Nach und nach schaltete er die Nebengeräusche aus. Zwar verhielt sich jeder der Männer im Zelt mucksmäuschenstill, aber sie gaben dennoch nervtötende Geräusche von sich. Selbst einen leisen Wind, der sich klammheimlich zwischen den Backen hervorschlich, hörte er, bevor andere ihn rochen. Wann immer er in diesen Zustand abtauchte, gerieten leise Atemgeräusche zu Orkanböen und mischten sich mit den Wellen, die er zu ordnen versuchte. Radio, Funk, Datenverkehr. Ein Teil seines Gehirns war sogar in der Lage, TV-Frequenzen in Bilder umzusetzen, als hätte man ihm die entsprechende Technik implantiert. Doch so verhielt es sich nicht. Eher verglich er seine Suche nach bestimmten Wellen mit einem Läusekamm, mit dem man eine verfilzte Mähne bearbeitete, bis das Haar seidig durch die engen Zinken strich und man Flöhe oder Nissen entdecken und herauspicken konnte.
   Er versank tiefer in einer Art Trance. Langsam trennten sich die Schwingungen und Wellen und gerieten zu einer leisen Melodie, die niemand außer ihm verstand oder hörte, in jeglicher Form wahrnahm und erst recht nicht zu sondieren wusste.
   Die wie perlendes Wasser vor sich hintröpfelnden Sekunden stellten seine Geduld auf eine harte Probe. Längst war ihm jegliches Zeitgefühl abhandengekommen. Es mussten Stunden sein. Hunger und Durst verirrten sich in den Tiefen seiner Eingeweide und jegliches menschliche Bedürfnis hatte hintenanzustehen.
   Ein Ruck durchfuhr seine Glieder, als es endlich so weit war. Zuerst rauschte es nur in seinem Schädel, kurz darauf verdichtete sich die Frequenz zu einer Stimme. Sie klang rauchig, nicht einmal unangenehm.
   »Wild Fox an Dreamwulf, hörst du mich?«
   Das Knacken schoss wie elektrische Impulse durch seine Muskeln. Dix unterdrückte die Kontraktionen und zwang seinen Körper zu absoluter Ruhe. Nichts um ihn herum behielt Bedeutung, drang zu ihm vor.
   »Brauche zwei Paar Stiefel und Jacken, S und XL, hier oben herrscht ein eisiger Wind. Kannst du die Klamotten an unseren Treffpunkt liefern?«
   Es dauerte nur wenige Sekunden, da schoss die Antwort durch den Äther.
   »Kein Prob, Alter. Heut Nacht, ’kay?«
   »Roger. Over and out.«
   »Nordwest, 332 Grad, Entfernung vier Meilen vom Camp«, sagte Dix. »Bewegt sich jetzt schnurgerade in Richtung Osten.« Er wollte sich bereits aus der Starre lösen, da rauschte es erneut und ein Funkspruch formte sich in seinem Kopf, ein lautes Gekreische. »Vorsicht, Wild Fox. Die Cops sind hinter …« Krächzen, Rauschen. Und plötzlich hörte er glasklar einen Schuss. Danach kam nichts mehr. Er wartete zehn Sekunden, fünfzehn und tauchte dann schneller aus der Trance auf, als es seiner Gesundheit zuträglich war. »Ich habe einen Schuss gehört. Waren das Ihre Leute?« Dix suchte den Blick des Operationsleiters, der ungeduldig abwinkte und auf seine Armbanduhr starrte.
   Der FBI-Mann legte den Kopf schräg, um über den Empfänger in seinem Ohr den Funksprüchen der Einsatzkräfte zu lauschen. »Zugriff erfolgt in zwölf, elf, zehn Sekunden.«
   Im Zelt herrschte Totenstille. Endlich kam der erlösende Ausruf: »Objekt überwältigt. Liegt am Boden.«
   Los schon, Mann. Was ist mit der Frau?
   »Opfer verletzt, aber lebend.«
   Plötzlich brach Hektik in der Runde aus. Der Hubschrauberpilot sprang auf, gefolgt von drei Sanitätern und einem Notarzt. Im Laufschritt hasteten sie zu ihrem Helikopter.

Die letzte Flugverbindung am heutigen Tag zurück nach Los Angeles hatte Dix um wenige Minuten verpasst und daher spontan entschieden, dies als Wink des Schicksals zu sehen und seinen geplanten Urlaub von Balkonien nach Las Vegas zu verlegen. Gleich morgen früh ging der nächste Flug vom sechzig Meilen entfernten Denver.
   Er riss sich die verschwitzten Klamotten vom Leib und ließ sie achtlos auf den staubfreien Boden des Hotelzimmers fallen. Das erstbeste freie Zimmer in Loveland, zumindest auf die Schnelle und speziell für Allergiker. Nicht, dass er das gebraucht hätte, er hatte lediglich keine Zeit mit einer weiteren Suche verschwenden wollen und sich nur nach einem Bad gesehnt. Außerdem trug die Mehrkosten schließlich das FBI.
   Kaum war er nackt, klingelte das Handy. Das musste Max sein, sein Teamleiter.
   Sorry, Old Daddy, dachte er, während er den Regler der Dusche auf vierzig Grad einstellte. Erst, wenn ich mich wieder wie ein Mensch fühle.
   Er brauste ausgiebig und hielt das Gesicht abwechselnd in heißes und kaltes Wasser. Leise murmelte er ein Gebet. Wieder einmal konnte ein Menschenleben gerettet werden, doch es war bereits vorgekommen, dass er oder einer der anderen Jungs Verluste auf ihr Konto schreiben mussten. Dix dachte an den vorletzten Einsatz, bei dem ihre Unterstützung zu spät gekommen war. Max weitete ständig seine Verbindungen aus, doch neben spärlichen Aufträgen von Privatleuten rief nur das FBI ihre Truppe bisher hin und wieder zu Hilfe. Für die Geiseln eines Bankräubers hatten sie nichts mehr tun können. Der Täter sprengte sich mit elf Gefangenen in die Luft, als er keinen Ausweg mehr sah. Zwei Kleinkinder befanden sich darunter. Dix und seine Begleiter trafen ein, als man gerade noch das Verhallen der Explosion hörte.
   Der Inder Narsimha, den alle Simba nannten, und der dunkelhäutige ehemalige New Yorker Street Fighter John F., genannt Jay-Eff, hatten ihrer Wut in lautstarken Flüchen Ausdruck gegeben und ihre Beliebtheit bei den FBI-Fritzen nicht gerade untermauert. Der knallharte Muskelmann Jay-Eff ähnelte dem ermordeten Präsidenten zwar nicht vom Aussehen her, aber einer ihrer Truppe hatte behauptet, seine Stimme würde sich wie die von Kennedy anhören. Niemand außer dem Boss kannte Jay-Effs wahren Namen oder wusste Näheres über seine Herkunft, und daher hatten sie ihn mit einer Flasche Budweiser kurzerhand selbst getauft.
   Dix ließ sich kaltes Wasser über das Gesicht und in den Mund laufen. Angewidert spuckte er es wieder aus. Es schmeckte ekelhaft nach Chlor und anderen Chemikalien. Er stellte die Brause ab und griff nach einem Handtuch. Vorfreude kribbelte in seinen Lenden nach den kargen Tagen im Camp und dank der Aussicht auf den ersten richtigen Urlaub seines Lebens. Gutes Essen, Frauen, Spiel und Spaß. Gleichzeitig dachte er an seine Teamkollegen. Er vermisste sie schon jetzt. Ihre Gruppe von derzeit acht Mann einschließlich Max, des Bosses, war vor einem Jahr entstanden und im Laufe der Monate auf diese Stärke angewachsen. Die meisten von ihnen hielten sich in Bezug auf ihre Vergangenheit bedeckt – doch eines war ihnen gemeinsam und sie wussten es: Sie waren die Enkel längst verstorbener Paare, an denen Forscher während des Zweiten Weltkriegs im Auftrag der Regierung Genexperimente vorgenommen hatten. Dazu hatte man Frauen und Männer der unterschiedlichsten ethnischen Volksgruppen aus aller Welt entführt und sie in geheimen Laboren menschenverachtenden Versuchen ausgesetzt. Kurz vor Kriegsende ließ man sie plötzlich frei und karrte sie in ihre Heimatorte zurück. Niemand wusste, wer genau dahintersteckte und woher dieser plötzliche Sinneswandel rührte. Max Diaz war eine Generation älter als die anderen aus dem Team und als Sohn direkt Betroffener derjenige, der anfing, auf Spurensuche zu gehen. Der Einzige unter ihnen, der keine außergewöhnlichen Fähigkeiten besaß. Allerdings hatte er eine Tochter, die über eine durch genetische Abweichung bedingte Gabe verfügte und daran zugrunde gegangen war. Nach ihrem Tod stellte Max Nachforschungen an. Ein Freund, ein Regierungsangestellter, über den er sich nicht weiter ausließ, hatte ihm eine Liste mit den Namen der von den Experimenten betroffenen Frauen und Männer zukommen lassen. Sie waren samt und sonders tot, doch Max hatte ihre Kindeskinder in aller Welt aufgetrieben und Mann für Mann zusammengebracht. Sämtliche genetischen Auswirkungen der Experimente traten erst in der zweiten Generation nach den Probanden auf.
   Das Telefon klingelte schon wieder.
   »Ungeduld ist eine schlechte Tugend. Was Mäxchen nicht lernt, lernt Max nimmermehr«, flötete er in das Gerät und erntete ein abfälliges Schnauben.
   »Wie ist es gelaufen?«
   »Täter gefasst, Opfer geborgen.«
   »Verluste?«
   »Keine.«
   »Das ist gut. Komm nach Hause, Junge.«
   »Ich hab spontan umgeplant. Ich will morgen nach Vegas jetten und …«
   »Nichts da. Eine wichtige Reise steht an.«
   »Ich dachte, ich hab ’ne Woche Urlaub?«
   »Gestrichen.«
   Dix schluckte einen Fluch. »Warum?«
   »Nicht am Telefon.«
   Wenn er geglaubt hatte, einige Tage entspannen zu können, ein paar heiße Weiber aufzureißen und beim Pokern seine Kasse aufzubessern, sah er sich elendig getäuscht. »Gut. Bin schon auf dem Weg.«
   »Ich lass dir die nächsten Flugdaten von Denver per SMS senden.«
   Dix legte auf. Wasser tropfte auf seine Schultern, es brachte im Luftzug der gerade erst eingeschalteten Klimaanlage angenehme Kühle. Er ließ sich nackt auf das Bett fallen und schloss die Augen. Mann, allein bei dem Gedanken, was ihm nun alles entging, bekam er einen hoch. Er hatte die Auszeit eigentlich mehr als verdient und bitter nötig. Wie lange hatte er keine Frau mehr gehabt? Ein Jahr? Verdammt! Immer musste man alles selbst erledigen. Den nächsten Job würde er Max knallhart um die Ohren hauen und sich weigern.
   Das Handy signalisierte den Eingang der Kurznachricht.
   Tja, würde er tatsächlich Nein sagen? Wahrscheinlich eher nicht. Jahrelang hatte er darunter gelitten, dass er keine Familie besaß und während seiner Kindheit von Waisenhaus zu Waisenhaus wandern musste. Jetzt besaß er endlich ein Zuhause: die G.E.N. Bloods, was halbwegs spöttisch für Genetic Extraordinary New Bloods stand. Genetisch außergewöhnlicher Nachwuchs. Klang toll, nur schützte ihn das nicht vor den Problemen normaler Menschen.
   Nein. Er würde seine Brüder nicht im Stich lassen und Max, der wie ein Vater für sie alle war, keinesfalls enttäuschen. Er klappte das Telefon auf und las die SMS.
   08:10 DEN – 10:40 LAX, Ticket gebucht, am United Schalter abholen.
   Typisch Max. Schneller, als die Cops erlaubten.
   Nun gut, er hatte wenigstens den Rest der Nacht. An Schlaf war nicht mehr zu denken – spätestens gegen fünf musste er sich mit einem Taxi auf den Weg zum Flughafen machen und der verfluchte Wecker zeigte bereits weit nach Mitternacht.
   Dix zog sich an, stellte seine gepackte Reisetasche bereit und schlenderte in die Hotelbar. Sie war noch gut besucht und bereits nach wenigen Sekunden, in denen er die Gäste musterte, blieb sein Blick an einer drallen Rothaarigen hängen, die augenscheinlich allein und schon leicht angesäuselt auf einem Barhocker saß, ihn mit großen Augen musterte und sich lasziv über die vollen Lippen leckte.
   Na, das nannte er doch eine Einladung …

Mittwoch, 6. Juli
Flughafen Denver

Megan und Kristy anstelle von Jamie und Cindy.
   Daran musste sich Megan noch immer gewöhnen. Überall registrierte sie merkwürdige Blicke. In ihre Zunge schien ein Knoten gewunden zu sein, wenn sie sich irgendjemandem als Megan Hannson vorstellte. Jedes Mal glaubte sie, ihr Gegenüber würde darauf warten, dass sie den Irrtum bekannte und sich korrigierte, dabei lautete so jetzt ihr nachweislicher Name. Dank eines Freundes beim Zeugenschutz war es ihr gelungen, zwei vollkommen neue Identitäten zu schaffen. Nicht ohne Mühe und auf undurchsichtigen Wegen, dafür letztlich mit neuen ID-Cards, Führerscheinen, Sozialversicherungsnummern, Geburtsurkunden. Einfach allem, was dazugehörte, sogar einer Krankengeschichte. Megan Hannson und Kristin Schwarz. Offiziell waren sie nicht einmal mehr Schwestern – ihre Lebensläufe hatten nichts gemeinsam. Eine Amerikanerin und eine junge deutsche Studentin, der sie in Kürze ein Zimmer untervermieten würde. Nur drei Dinge fehlten, um die neue Existenz zu vervollkommnen: ein Job, ein Haus, ein Ehemann. Nur!
   Gott, beinahe wäre ihr ein hysterisches Lachen aus der Kehle geschossen.
   Megan erwiderte den forschenden Blick des Sicherheitsbeamten. Starrte er nicht eine Sekunde zu lang auf ihr Ticket? Bemerkte er ihre Erleichterung, als er es zurückreichte? Sie beeilte sich, dem Strom der anderen Passagiere zu folgen und atmete auf, weil das Boarding bereits begonnen hatte und sie sofort in den wartenden Bus einsteigen konnte. Eine Abgaswolke, die den Geruch nach Diesel mit sich trug, mischte sich mit der aufsteigenden Hitze des glühenden Asphalts. Megan hielt kurzzeitig die Luft an und schlängelte sich durch den Gang, bis sie an einer Stange Platz zum Festhalten fand. Sekunden später schlossen sich die Türen mit einem Zischen.
   Eine Frau stolperte und fiel gegen sie, entschuldigte sich und richtete sich wieder auf. Megan setzte ein unverbindliches Lächeln auf und senkte den Blick, während sie die Mitreisende in die richtige Schublade einordnete. Vermutlich hätte sie zu gern ein Gespräch begonnen, wahrscheinlich in schillernden Farben von ihren Urlaubsplänen gesprochen. Fliegen Sie auch nach L. A.? Was für eine Frage. Die Maschine würde nicht an drei Dutzend Haltestellen stoppen, aber natürlich könnte es sein, dass L. A. nur eine Zwischenstation darstellte. Besuchen Sie Kalifornien zum ersten Mal? Wissen Sie, meine Kinder predigen mir seit Jahren, ich solle das Leben nutzen, um zu reisen. Seit ich Witwe geworden bin. Mein Mann – ach, was rede ich. Das alles interessiert Sie bestimmt gar nicht. Welche Sitzplatznummer haben Sie? Vielleicht will es das Schicksal, dass wir uns im Flieger weiter unterhalten können … Aus den Augenwinkeln bemerkte Megan, wie sich eine Hand auf den Hintern der Frau schob. Jung sah sie aus, gebräunt und gepflegt. Megans Blick glitt über den schlichten goldenen Ring am Finger und weiter den Arm hinauf. Sie registrierte einen kräftigen Bizeps unter den Ärmeln eines eng anliegenden T-Shirts und ein jungenhaftes Lächeln, als sie in ein Gesicht mit winzigen Fältchen um die Mundwinkel und einem Dreitagebart blickte. Elende Närrin! Nicht einmal ihre Menschenkenntnis wollte noch funktionieren. Dazu besaß die Frau, was Megan noch suchte: einen tageslichttauglichen Kerl, der Ausstrahlung besaß und in sie vernarrt schien. Der Mann, nach dem Megan suchte, sollte zudem möglichst vermögend sein, jung, dynamisch, sexy, charmant, intelligent … Sie wandte sich ab. Der Typ musste sicher zehn Jahre jünger sein als seine Angetraute, an deren Finger sie nun einen gleich aussehenden Goldring ausmachte. Ob es noch einen Mann gab, der ihrem Beuteschema entsprach und nicht unter der Haube saß? Mit ihren dreißig Jahren war sie spät dran, um auf Männerfang zu gehen. Sie würde wahrscheinlich nur noch zwischen Bodensatz und Gebrauchtware wählen können. Geschiedene Yuppies, Fremdgänger, von gehörnten Gattinnen zum Teufel gejagt oder halbglatzige Junggesellen, denen bereits Bäuche wuchsen, weil sie zu viel Fast Food in sich hineinstopften. Oder Alkohol. Und was war mit ihr? Blätterte nicht auch schon hier und da der erste Lack?
   Im Flieger lehnte sie den Kopf an die Rückenlehne und blickte durch das Fenster der Boeing auf die Rollbahn. Zum ersten Mal seit dem Morgen, an dem Kristy ihr von dem Stalker Bradly Hurst erzählt hatte, gelang ihr ein leises Durchatmen. In dem Privatsanatorium unweit von Denver, dafür über tausend Meilen entfernt ihres Heimatortes, befand sich Cindy für eine Weile in Sicherheit. Kristy, verflixt. Sie musste sich angewöhnen, auch in Gedanken ausschließlich die neuen Namen zu verwenden, wollte sie nicht riskieren, dass ihr eines Tages ein dummer Fauxpas passierte.
   Nur für kurze Zeit, hatte sie ihrer kleinen Schwester beim Abschied zugeflüstert und die Bitte an die Bedienstete, die noch wie ein Echo in ihrem Kopf tobte, stimmte sinngemäß überein mit dem Versprechen, das sie vor sechs Jahren am Grab ihrer Eltern gegeben hatte. Ich werde auf Cindy aufpassen.
   Ein Schauder lief über ihre Haut. Dieser Aufgabe, von der sie immer angenommen hatte, dass sie ein Kinderspiel wäre und meisterhaft von ihr beherrscht, war sie nicht verantwortungsbewusst nachgekommen. Schlimmer, sie hatte kläglich versagt. Warum nur hatte sich Kristy ihr nicht früher anvertraut? Unglaublich, dass dieser Hurst sie bereits seit mehr als drei Jahren verfolgte. Unmöglich, dass die Staatsmacht untätig zusah, wie dieser Kerl die Seele ihrer Schwester zerstörte. Unverantwortlich, dass sie selbst Kristys Not in all der Zeit nicht erkannt hatte. Empörung schnürte ihr die Kehle zu. Sie schloss die Augen. Nicht einmal eine Einstweilige Verfügung hatte Erfolg gebracht. Der Kerl hielt sich an die Auflage, sich ihrer Schwester nicht weiter als zwanzig Yards zu nähern. Und exakt dort tauchte er auf und starrte Kristy unentwegt an. Zwanzig Yards entfernt des Schulhofs, zwanzig Yards vom Sportplatz, zwanzig Yards vom Wohnhaus. Bradly Hurst ließ ihr am Ende keinen Raum mehr zum Atmen, obwohl er nie etwas anderes tat, als Kristy mit Blicken zu verfolgen.
   Was erwarten Sie, was wir tun sollen?, hatte der Richter Megan angefahren, als sie ihn im Gericht aufsuchte. Wir haben Mordfälle zu klären, Vergewaltigungen, Kindesmisshandlungen. Mr. Hurst ist ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft und ein erfolgreicher Jurist. Wenn er erklärt, dass die Begegnungen mit …, er hatte umständlich in seiner Akte geblättert, Cindy … rein zufällig zustande kamen, was sollen wir dann tun?
   Gott, er hatte nicht mal ihren Namen gewusst, dieser aufgeblasene Lackaffe. Es hatte ihn auch nicht interessiert, dass Megan Daten lieferte – Beweise, wann und wo sich Bradly Hurst in der Nähe ihrer Schwester aufhielt. Die Regelmäßigkeiten seines Auftauchens, die Nächte vor dem Wohnhaus. Sie haben dem Mann genug Schaden zugefügt durch Ihren Antrag auf Erteilung einer Einstweiligen Verfügung. Nur gut, dass sein Ruf keinen Kratzer abbekommen hat, weil man weiß, dass Mr. Hurst über jeden Verdacht erhaben ist. Hat er Ihre Schwester jemals bedrängt? Sie beschimpft, mit Anrufen belästigt, ihr gedroht? Hat er sie überhaupt jemals angesprochen? Nein? Sehen Sie. Wir können uns hier nicht mit den Fantasien junger Mädchen auseinandersetzen. Ich muss Sie bitten, jetzt zu gehen.
   Sie wäre dem Kerl am liebsten an die Gurgel gesprungen, doch stattdessen biss sie die Zähne zusammen, dass sie das Knirschen jetzt noch spürte. Nein, sie knirschte schon wieder mit den Zähnen.
   »Alles okay, Lady?«, sprach ihr Sitznachbar sie an.
   Sie nickte und drehte den Kopf zum Fenster. Wie meist musste erst etwas passieren, ehe sich der schwerfällige Leib des Big-Easy Polizeiapparates in Bewegung setzte. So weit würde sie es niemals kommen lassen. Es war schlimm genug, dass Kristys Psyche am Boden zerstört lag, doch wen außer sie interessierte das? Für den Arm des Gesetzes zählte nur körperliche Unversehrtheit – und eine physische Verletzung hatte Hurst Kristy nicht zugefügt.
   Während sie so tat, als studierte sie das Wolkenmeer, schielte sie auf ihre Armbanduhr. Noch zwei Stunden bis zur Landung in L. A. Mit einem Mietwagen würde sie sich sofort auf den Weg nach Santa Monica machen und am frühen Nachmittag mehrere Hausbesichtigungstermine wahrnehmen. Wenn alles gut lief, konnte sie bereits am Abend im Hotel auf Bräutigamschau gehen.

Megan erwachte von einem Rucken. Ein fremder Geruch lag angenehm und verlockend in ihrer Nase und sie brauchte Sekunden, um zwei Erkenntnisse zu erlangen. Das Flugzeug hatte gerade auf der Landebahn aufgesetzt. Das traf sich gut, denn so konnte sie der peinlichen Situation von Erkenntnis Nummer zwei entfliehen, dass ihr Kopf an der Schulter des Sitznachbarn zu ihrer Rechten gelehnt lag. Sie brachte sich in eine aufrechte Position und murmelte eine unverständliche Entschuldigung. Das unverschämte Grinsen nahm sie selbst in den Augenwinkeln wahr. Okay, okay, Typen wie ihn würde sie gleich von ihrer Liste potenzieller Heiratskandidaten streichen. Macho! Beinahe hätte sie die abfällige Bemerkung laut ausgesprochen. Sie litt eindeutig an der Polizistinnenkrankheit. Männer, die ihr im Job keinen Respekt entgegenbrachten, kannte sie zur Genüge. Das hatte die unangenehme Folge, dass sie auch im Privatleben allergisch reagierte, wenn ein Mann sie von oben herab behandelte oder sich über sie lustig machte. Sie verstand in dieser Hinsicht nicht das geringste Quäntchen Spaß. O Gott, und sie wollte künftig schon wieder in einem Männerjob arbeiten … hoffentlich würde das gut gehen.
   Die Maschine erreichte die Parkposition und stoppte mit einem leichten Ruck. Zahlreiche Passagiere hatten sich bereits von ihren Plätzen erhoben. Das Klappern der Gepäckfächer, Rascheln und buntes Stimmengewirr lenkten Megan ab, bis der Sitznachbar ihr an die Schulter tippte. Sie schrak zusammen und sah sich gezwungen, ihm ins Gesicht zu blicken, was sie bislang zu verhindern gewusst hatte.
   Augenblicklich musste sie zugeben, dass er umwerfend aussah. Wahrscheinlich ein Weiberheld, wie er im Buche stand. Einer, der nur mit den Fingern zu schnippen brauchte, um zehn Models an jedem kleben zu haben, die sich nur zu gern auf einen Drink und mehr einladen lassen würden.
   »Ist das Ihrer?« Er wedelte mit ihrem kleinen Rucksack.
   Megan nickte. Himmelblaue Augen mit einem faszinierenden Stich ins Lila blickten sie mit einem Glitzern in den Pupillen an. Sie strahlten aus einem markant-männlichen Gesicht mit schmaler Nase, scharf gezeichneten Wangenknochen, umrahmt von braunem, nach hinten gekämmtem Haar. Für eine Sekunde verlor ihr Herzschlag seinen Rhythmus, dann zwang sie sich zur Disziplin. »Ja.« Sie nahm ihr Gepäckstück entgegen und senkte den Blick. Allmählich geriet das zur Gewohnheit und sie hätte es auch besser sein gelassen. Jetzt starrte sie auf seine schmalen Hüften und das, was sich überdeutlich und groß unter der Jeans im Schritt abzeichnete. Ihr Hals trocknete binnen eines Atemzugs und zwang sie zum Schlucken. Pah! Typen wie dieser stopften sich wahrscheinlich ein Paar zusammengerollte Socken in den Schritt. Nie und nimmer konnte die Beule echt sein … es sei denn, dieser Kerl hatte gerade fast einen …! Ähm … hatte er?
   Sie blickte den Gang hinauf und hinunter. Wenigstens fiel es nicht auf, dass sie nach den halb nackten Girlies suchte, die für seinen Zustand verantwortlich zeichnen mussten. Die Passagiere in ihrem Blickfeld entpuppten sich zu ihrem Erstaunen jedoch meist als älteren Semesters und durchaus nicht aufreizend gekleidet.
   Bei der erstbesten Gelegenheit schlüpfte sie an ihm vorbei, tunlichst darauf bedacht, ihn nicht zu berühren. Ein unmögliches Unterfangen bei der Enge. Sie glaubte, fast keine Luft mehr zu bekommen, als ihre Brust seinen Oberkörper berührte und ihr Unterleib auch noch an seinen Lenden entlangstreifte. Weiteratmen! Sexuelle Gelüste waren das Letzte, was ihr fehlte und wonach ihr der Sinn stand.
   Das Aussteigen aus der Kabine glich einer Flucht. So schnell ihre Gummibeine sie tragen wollten, eilte sie zur Gepäckausgabe und wertete es als gutes Zeichen, dass das Band bereits rollte und sie nach einem kurzen Blick ihren Koffer als Anführer einer Kolonne von Reisetaschen entdeckte. Sie schulterte den Rucksack und zog den Samsonite auf Rollen hinter sich her.
   Alles lief wie am Schnürchen. Sie fand auf Anhieb den Schalter der Leihwagenfirma und hatte dazu das Glück, dass nur zwei Leute vor ihr anstanden. Peinlich stach allein hervor, dass sie den jungen Mann, während er Daten im Computer aufrief, wie einen Salatkopf beim Einkauf musterte, um welke Stellen und Ungeziefer an der Blattunterseite auszuschließen. Als wäre der Milchbubi auch nur im Entferntesten ein Heiratskandidat. Andererseits … sie sollte ihre Vorstellungen von einem Traummann besser tief und unwiederbringlich vergraben. Sie brauchte einen Ehemann, um ihrer neuen Existenz eine Grundlage zu geben und nicht, damit das Sehnen in ihrem Inneren Erfüllung fand.
   Dieser Hurst würde keine Ruhe geben, er würde auf Biegen und Brechen versuchen, Kristy ausfindig zu machen.
   Ich werde niemals von ihr ablassen, da kannst du Gift drauf nehmen!
   Wer weiß, wo Hurst als Anwalt seine dreckigen Finger im Spiel hatte, über welche lausigen Kontakte er verfügte oder welche Möglichkeiten er besaß, per Computer Informationen über landesweite Führerscheinregistrierungen oder Kreditkartenverfolgung zu erlangen. Während sich Megan vergeblich darum bemüht hatte, ihm Einhalt zu gebieten, hatte sie einiges über ihn herausgefunden, unter anderem, dass er dubiosen Figuren regelmäßig aus der Patsche half und seine Beziehungen so weit nach oben reichten wie nach unten. In jeder Klasse genoss er einen ausgezeichneten Ruf. Klar, niemand wollte es sich mit jemandem verderben, der einem wertvolle Dienste leistete. Sie musste übervorsichtig sein, jeden Schritt in ihrem neuen Leben mit äußerster Penibilität und Präzision gehen und so viele Abweichungen zu ihrer bisherigen Existenz erwirken wie irgend möglich. Anstelle der alleinstehenden Polizistin mit einer jüngeren Schwester im Schlepptau würde ein jungverheiratetes Paar Hunderte Meilen entfernt ihres alten Wohnortes ein Häuschen kaufen und zur Unterstützung der Finanzierung Zimmer an Studenten vermieten. Sie würde einen anderen Job ausüben, wenn sie Pech hatte, möglicherweise nur als Hilfskraft. Ihre Karriere als Polizistin hatte sie in die Sterne geschrieben. Dabei hatte sie erst vor einem Dreivierteljahr die Ausbildung an der Police Academy begonnen, nachdem sie feststellen musste, dass sie ihr Studium als Lehrkraft zwar erfolgreich beendet hatte, aber schon nach einem halben Jahr Unterricht an einer Primary School nicht mehr die geringste Lust verspürte, sich mit Rotznasen herumzuschlagen, die bereits im Alter von sieben, acht Jahren an Autodiebstählen, Handtaschenraub und anderen Delikten beteiligt waren oder gar mit Drogen handelten. Natürlich traf das nicht auf alle Kinder zu, dennoch stellte sie fest, dass sie die falsche Berufswahl getroffen hatte. In ihrem neuen Leben konnte sie weder die eine noch die andere Qualifikation ihrer Ausbildung vorlegen, aber sie würde das Problem meistern. Irgendwie würde es immer vorangehen, sie musste nur die richtigen Entscheidungen treffen und durfte keine Spuren von ihrem alten zum neuen Leben hinterlassen. Wie leicht Informationen zu erhalten und zu filtern waren, über das Internet und Quellen, die den Staatsmächten zur Verfügung standen, wusste sie nur zu gut. Je mehr Unterschiede sie in ihr neues Dasein legte, desto schwerer würde es werden, Kristy und sie wiederzufinden. Unmöglich musste es sein, denn in Hurst schlummerte ein gefährlicher Psychopath. Diese Überzeugung vertrat sie nicht erst, seit sie ihn sogar illegalerweise mit ihrer Dienstwaffe bedroht und ihn aufgefordert hatte, Kristy in Ruhe zu lassen. Mehr als dreist hatte er sie ausgelacht. Sein Zischen klang wie das einer Schlange und beinahe glaubte sie, dass sich seine Pupillen zu Schlitzen verengten und ihre Farbe in ein brennendes Gelb änderten.
   Pass auf, du elende Hure, dass du nicht noch vor deiner Schwester zu meinen Trophäen zählst.
   Was immer er gemeint haben mochte, seine Drohung besaß eine Gefährlichkeit, die allein ihr bewusst war. Ihr gelang es nicht, den winzigsten Beweis für ein Vergehen heranzuschaffen. Niemand glaubte ihr. Hursts Weste strahlte in einem Blütenweiß, dem nicht eine Polle anhaftete. Nachdem die Kollegen auf der Wache ihr zunächst mit Besorgnis und Unterstützung begegnet waren, verlor sich das Interesse schnell, als sie herausfanden, dass Hursts bester Freund der Polizeichef war und Hurst sogar als Trauzeuge fungierte bei dessen Hochzeit vor drei Monaten mit der Tochter des Bürgermeisters. Am Ende geriet Megan mehr und mehr ins Abseits, man behandelte sie höflich, aber gleichgültig, und bat sie letztlich, ihren Job und ihr Privatleben deutlicher zu trennen und die Beschuldigungen gegen Hurst zu unterlassen. Ihren vermeintlichen Vorteil, dass ihr Dad jahrelang beim NOPD gearbeitet hatte, hatte sie längst durch zahlreiche Fehlzeiten verspielt.
   Kristy war von Woche zu Woche mehr in sich zusammengefallen. Hurst verfolgte sie konstant auf eine derart subtile Weise, die sie an ihrem Verstand zweifeln ließ. Nachdem es selbst mit der Einstweiligen Verfügung nicht gelang, Hurst aus ihrem Umfeld fernzuhalten, verlor Kristy endgültig jegliches Vertrauen in die Umwelt und in sich selbst. Schon vor Monaten hatte sie zu hungern und sich zu verändern begonnen, um Hursts Aufmerksamkeit von sich abzulenken. Sie färbte ihre Haare tiefschwarz, brachte bunte Strähnen hinein, schminkte sich die Lippen lila und trug ein abweisendes Verhalten zur Schau – alles Dinge, die ihrer wahren Natur widersprachen. Zuletzt stand sie kurz davor, sich vollends zu verlieren, sodass Megan nur einen Schritt sah, um Kristy zu retten: Sie mussten fort. Irgendwohin, weit fort. Eine neue Existenz aufbauen, und selbst dann würde ihnen noch harte Arbeit bevorstehen, bis Kristy ihr Gleichgewicht wiederfand. Hurst hatte sie seelisch beinahe in den Ruin getrieben.
   »Miss?«
   Megan trat einen Schritt näher an den Schalter heran und zog ihre Geldbörse aus dem Rucksack. Plötzlich krachte sie mit dem Brustkorb vor die Holzkante des Tresens. Für einen Moment taumelte sie und bekam keine Luft. Im nächsten Augenblick wirbelte sie herum. Sie sah nur noch den Rücken eines Flüchtenden, der ihr einen Stoß gegeben und den Rucksack entrissen hatte. Zwar hielt sie das Wichtigste – die Geldbörse und ihre Papiere – in der Hand, doch aufgeben wollte sie ihre persönlichen Sachen dennoch nicht. »Hilfe! Haltet den Dieb!« Sie stürmte hinterher.
   Er hetzte eine Rolltreppe hinauf und Megan verlor ihn beinahe aus den Augen. Sie sah ihn hinter einer gemauerten Säule verschwinden. Als sie um die Ecke bog, prallte sie gegen einen breiten Brustkorb. Ein bekannter Duft streifte ihre Nase.
   O nein! Nicht dieser Typ!
   Sie wollte ihn schon beiseiteschubsen und weiterrennen, da bemerkte sie den zappelnden Jungen an seinem ausgestreckten Arm.
   »Suchst du den hier?«
   Er duzte sie, ließ einfach die höfliche Anrede Misses weg, was für eine Frechheit. Rasch vergewisserte sie sich, dass er den Dieb fest im Griff hatte, und riss diesem ihr Eigentum aus den Händen. »Danke.« Mehr fiel ihr nicht ein. Was sollte sie auch sagen? Er erwartete ja wohl keinen Kniefall. Sie verzog das Gesicht, als sie den jammervollen Anblick des vielleicht fünfzehn-, sechszehnjährigen Langfingers wahrnahm. »Lassen Sie ihn laufen.« Sie hatte keine Lust, ihre Zeit zu vertrödeln, indem sie eine Aussage bei der Flughafenpolizei machen musste.
   Der Muskelmann zog die Augenbrauen nach oben. »Wirklich?«
   »Wirklich.« Sie hoffte, ihre eindeutige Abwehrhaltung, die sie mit vor der Brust verschränkten Armen zu verstärken versuchte, würde ihn davon abbringen, sie mit seinem bis auf die Knochen gehenden Blick zu durchleuchten.
   Er öffnete die Faust des noch immer waagerecht ausgestreckten Arms und der Junge purzelte auf die Knie. Er rappelte sich auf und rannte davon. Dass er gleich im Vorbeirennen erneut eine Handtasche an sich brachte, entlockte Megan ein Kopfschütteln. Vielleicht hätte sie doch besser die Mühe auf sich genommen.
   Egal. Sie musste rasch an den Schalter zurück, ehe auch noch ihrem Koffer Beine wuchsen. Allerdings erwartete sie, dass der Angestellte der Leihwagenfirma ein Auge darauf haben würde. Immerhin hatte er mitbekommen, was passiert war.
   Dieser Duft. Megan legte den Kopf schräg und drehte sich zur Seite, um ihm zu entgehen. »Nochmals danke«, sagte sie und machte sich davon, ohne ihrem Retter einen weiteren Blick zu gönnen.
   Sie kam keine drei Schritte weit, da legte sich eine Pranke auf ihre Schulter, dass sie beinahe in die Knie zu sinken drohte. Himmel, das durfte doch nicht wahr sein.
   Sein Haar streifte ihre Wange. Er beugte sich von hinten über ihre Schulter und seine Lippen kitzelten über ihr Ohr. Augenblicklich richteten sich die Härchen an ihren Armen und im Nacken auf, eine Gänsehaut kribbelte bis in die Zehenspitzen.
   »Wenn du mal wieder Hilfe brauchst, ruf mich einfach an.« Er schob eine Hand um ihre Taille, und ehe sie sich versah, lag eine Visitenkarte in ihren Fingern. So ein eingebildeter … Sie knüllte sie in der Faust zusammen, brauchte eine Sekunde zu lang, sich eine Erwiderung zusammenzureimen, da war er schon weg.
   Megan drehte sich um und starrte auf seinen Rücken. Sie schnappte nach Luft, ihre Empörung brannte in der Kehle. Etwas zu hastig wandte sie sich ab und beschloss, das Vorkommnis und ihn ersatzlos aus dem Gedächtnis zu streichen. Herzklopfen und Mr. Machos standen nicht auf ihrem Zeitplan.
   Mit schnellen Schritten stapfte sie voran, hielt Ausschau nach einem Mülleimer, und als sie keinen fand, schob sie das Papier in die vordere Tasche ihrer Jeans.
   »Haben Sie ihn erwischt, Miss?«
   Okay, als Kandidat ausgeschieden. Der blonde Traum von Schwiegersohn konnte ihren vor die Brust geklemmten Rucksack nicht übersehen. Sie verkniff sich eine Antwort und nannte stattdessen ihren Namen. »Ich habe eine Reservierung gemacht.«
   Beflissen tippte der Mann auf seiner Tastatur, und weil sie stur auf ihre Hände blickte, mit denen sie unruhig auf dem Tresen herumwischte, unterband er jeden Versuch, ein Gespräch in Gang zu halten.
   Minuten später verstaute sie ihr Gepäck im Kofferraum und schob sich auf den Fahrersitz. Bis zu dem ersten Maklertermin hatte sie noch reichlich Zeit. Sie würde sich unterwegs eine Tasse Kaffee gönnen und kurz mit Kristy telefonieren. Bereits jetzt, nach nur zwölf Stunden Trennung, hatte sie das Gefühl, noch kläglicher versagt zu haben. Etwas trommelte in ihrem Inneren, das sie antrieb, schneller dafür zu sorgen, dass sie wieder beisammen sein konnten. Sie hoffte nur, dass ihre Pläne glattliefen. Was, wenn es Wochen dauern würde, bis sie Kristy zu sich holen konnte? Wenn es ihr nicht gelang, einen anständigen Kerl aufzugabeln. Wenn es kein bezahlbares Haus gab, sie keinen Job fand. Wenn, wenn, wenn …
   Sie atmete tief durch und bezwang ihre Unruhe. Das Geld, das ihr aus dem Erbe ihrer Eltern, der Lebensversicherung und dem Verkauf des Hauses in New Orleans zur Verfügung stand, würde helfen, ihre Pläne ruckzuck in die Tat umzusetzen. Also, Megan. Wie kauft man sich einen Ehemann, he? Nur zu. Sie lachte auf. Es sollte doch mit dem Teufel zugehen, wenn sie nicht schon in wenigen Tagen würde zurückfahren können, um Kristy abzuholen. Das war der Plan. Und der würde funktionieren, komme, was wolle.

Sonntag, 10. Juli
Santa Monica, Los Angeles

Sein erster Gedanke war Sex. Sein zweiter Gedanke war Sex. Sein dritter Gedanke war Sex. Sein vierter – und sekundenlang einziger - Gedanke war Schmerz!
   Dixons Beine knickten ein, er rollte sich ab und blieb zu einer Kugel zusammengekauert auf der Seite liegen. Simbas Baseballschläger sauste auf ihn herab und stoppte einen Fingerbreit vor seiner Nase.
   »Hey Dix, keine Eier im Sack heute? Was ist los, Kumpel?«
   »Penner!« Dix schlug die ausgestreckte Hand seines Trainingspartners beiseite. Seine Kniekehlen brannten wie Feuer von dem Treffer, den Simba gelandet hatte, und den er allein seiner Ablenkung zu verdanken hatte. Er rappelte sich auf und zischte einen Fluch. »Geh besser in Deckung.« Dix wirbelte herum. Eine Warnung reichte. Er schnellte auf Simba zu, stieß mit dem Fuß gegen dessen Knöchel und brachte ihn zu Fall. Im nächsten Moment hockte er über ihm und drückte ihm mit dem Baseballschläger, den Simba weiterhin umklammert hielt, auf den Kehlkopf. »Mach das nicht noch mal, du Kanalratte.«
   Simba keuchte, ließ den Schläger los und legte die Arme mit nach oben gerichteten Handflächen neben seinen Kopf. »Okay, okay, du hast gewonnen.«
   Dix schnellte empor und drückte Simba das Ende des Holzes in den Bauch. »Schön brav liegen bleiben.« Sein Blick glitt suchend durch die lange Fensterfront den dahinterliegenden Flur hinauf und hinab, aber natürlich war die Braut längst fort. Er reichte Simba eine Hand und zog ihn hoch. Wenn das nicht die Kleine vom Flughafen gewesen war, fraß er einen Besen mitsamt Putzfrau. »Schluss für heute.«
   Sein Kumpel deutete demonstrativ auf die Uhr über dem Eingang zur Sporthalle. »Wir haben noch eine halbe Stunde.«
   Dix schlug ihm auf die Schulter. »Nichts für ungut. Heute nicht.« Er eilte zu den Duschen. Bereits auf dem Weg dorthin zog er sein T-Shirt aus und lockerte das Band der Trainingshose. Kurz darauf prasselte kaltes Wasser auf seine erhitzte Haut. Er hörte, wie auch Simba den Raum betrat, aber er beachtete ihn nicht weiter, während sie sonst beim Duschen ihre Witze rissen. Er hatte es eilig, herauszufinden, welcher Gast da in den Fitnessclub gestolpert sein mochte. War sie es wirklich oder entsprang der Gedanke seiner Fantasie, weil er sich wünschte, sie wiederzusehen? Ihr Profil tanzte vor seinem inneren Auge. Blondes langes Haar wippte bei jedem Schritt auf ihrer Schulter. Eine Stupsnase, leicht nach oben gebogen, ein zierliches Kinn, ein schlanker Schwanenhals. So weit noch nichts Außergewöhnliches und nicht einmal schön im klassischen Sinne. Es musste garantiert die Kleine vom Flughafen sein, denn der kurze Anblick hatte ausgereicht, seine Hormone erneut durcheinanderzuwirbeln. Er wollte wissen, wer sie war. Sie hatte nicht reagiert wie erwartet. Normalerweise riefen ihn die Frauen, denen er seine Nummer in die Hand schob, spätestens nach drei Tagen an.
   Statt sich zu kämmen, strich er die Haare mit den Fingern nach hinten. Sie trockneten bereits, während er über den Korridor trabte. Vor der Tür zu Max’ Büro stockte er. Hoffentlich hielt sich die Besucherin noch bei ihm auf. Sie musste sich erst anmelden, obwohl das Fitnesscenter nur Show darstellte und sie gar keine Mitglieder annahmen. In Ermangelung einer anderen Unterkunft hatte Max das marode Unternehmen kurzerhand für einen Spottpreis gekauft und nur die G.E.N. Bloods trainierten hier. Irgendwann, wenn sie genug Geld verdient hatten, wollten sie gemeinsam eine neue Bleibe suchen, in der sich auch ein modernes Fitnesscenter befinden würde, doch für den Anfang mussten einfachere Gegebenheiten herhalten. Nichts leichter als das. Für seine Kumpel und ihn stellten die Baracken hinter dem Gebäude, die früher nur als Lager für ausrangierte Trimm-dich-Geräte genutzt worden waren, schon ein Zuhause dar, das mehr wog als Gold.
   Dix klopfte an und betrat den Raum.
   Die himmelblauen Augen der Blonden weiteten sich, als sie ihn erblickte. Deutlich entnahm er ihren Zügen, dass sie ihn erkannte, doch sie ließ kein Wort verlauten. Stattdessen stand sie auf und reichte Max die Hand. »Lassen Sie mich wissen, wenn der Club wieder Mitglieder aufnimmt. Mein Haus befindet sich gleich hier in der Nähe und ich würde es bevorzugen, eine Anlaufstelle sozusagen um die Ecke zu haben.«
   »Gern. Aber machen Sie sich besser keine Hoffnungen. Irgendwann werden wir endgültig schließen.« Max erhob sich und hielt die Hand der Fremden viel zu lange. Er umklammerte ihre Finger noch, während er sie zur Tür begleitete und öffnete. »Trotzdem schön, dass Sie unser altertümliches Örtchen gewählt haben, anstatt den modernen Muckibuden den Vorzug zu geben.« Er schenkte ihr ein strahlendes Lächeln.
   Was sollte das? Versuchte er etwa, zu flirten? Dix schoss Hitze in den Kopf. Das hier war seine Eroberung, sein Mädchen. Er hatte sie zuerst entdeckt. Max öffnete den Mund, doch Dix schnitt ihm das Wort ab.
   »Zeit für eine Tasse Kaffee, schöne Frau?« Mist. Musste ja mal wieder sein, dass ihm im entscheidenden Moment nur die dämlichste aller Anmachen einfiel. »Ich kenne zufällig das zweitbeste Fitnessstudio der Stadt und könnte mich überreden lassen, dir die Adresse zu verraten. Aber nur bei einem Kaffee …« Seine Worte klangen etwas zu hastig.
   Ihre Blicke streiften sich und pure Enttäuschung floss durch seine Adern. Die Augen der Schönen glitzerten wie Eis. Wie selbstverständlich hatte er erwartet, darin ein Feuer lodern zu sehen. Fuck, was musste er für ein eingebildetes Arschloch sein. Wenn er so auf sie wirkte, könnte er ihr eine frostige Abfuhr nicht einmal verübeln. Er hob beide Handflächen in einer entschuldigenden Geste. »Versprochen. Kein Gebagger, nur eine kleine Entschädigung für den vergebens gemachten Weg hierher, okay?«
   Max schob ihn voran und aus der Tür. »Ms. Hannson.« Er deutete eine Verneigung an und zog sich zurück, allerdings nicht, ohne Dix einen mahnenden Blick hinter dem Rücken der Frau zuzuwerfen.
   Ja, schon gut, dachte er. Ich weiß, dass es morgen früh losgeht. Trotzdem könntest du mir ein bisschen Erfolg wünschen, Old Daddy.
   Hannson. Siedend heiß durchfuhr es ihn, dass er sich bisher nicht vorgestellt hatte. Auch so ein Merkmal seiner Eitelkeit. Sie hatte seine Karte bekommen und sollte wissen, wie er hieß.
   »Montague Dixon. Bitte nenn mich Dix.« Er fühlte sich wie ein Schweinepriester. Dass er sich plötzlich durch fremde Augen sah, war ihm nie zuvor passiert. Der Eindruck, den er erhielt, missfiel ihm über alle Maßen.
   Wenigstens lockerte die Schönheit ihre Haltung und streckte ihm sogar ihre rechte Hand entgegen. Das Eis in ihren Augen schien jedoch zu Gletschern anzuwachsen. »Megan Hannson.« Ihre Stimme klang nicht weniger eisklirrend.
   Dix senkte den Kopf und trat einen Schritt zurück. »Können wir einfach noch mal von vorn beginnen?« Er suchte ihren Blick. »Bitte. Ich möchte es diesmal auf die höfliche Art versuchen.«
   Ein leichtes Zucken spielte um ihre Mundwinkel.
   Seine Hoffnung schnellte auf wie ein Stehaufmännchen. »Darf ich Sie auf einen Kaffee einladen? Ich könnte Ihnen die Adresse des wirklich und wahrhaftig zweitbesten Fitnessstudios der Stadt nennen.«
   Obwohl sie ihm umgehend antwortete, kam ihm die Pause wie eine Ewigkeit vor. »Nun gut. Okay, Mr. Dixon.«
   »Bitte nennen Sie mich Dix.« Er schenkte ihr seinen treuesten Hundeblick und entlockte ihr endlich ein Lachen.
   »Okay, Dix. Sag Megan zu mir.«

Zehn Minuten später saßen sie sich in einem Straßencafé gegenüber, jeder eine Tasse Caramel macchiato vor sich. Vorsichtig setzte sie das heiße Getränk an die Lippen und trank einen Schluck. Bei dem Wetter wäre eine Piña colada angebrachter, die Sonne brannte auf der Haut, obwohl es noch früher Vormittag war.
   »Ich tipp drauf, dass du neu in der Stadt bist.«
   Megan nickte, tief in Gedanken verloren.
   Gott, dieses Haar. Ihr Duft. Zu gern wäre er näher an sie herangerückt, um mehr davon zu erhaschen. Handelte es sich um ein Parfüm oder um ihr Shampoo, das so verlockend roch? Oder allein ihre Haut? Prompt stellte er sich Megan nackt vor. Die mittelgroßen Brüste, die sich formvollendet unter ihrem T-Shirt abzeichneten. Sie würden perfekt in seine Handflächen passen, sich an seine Finger schmiegen und erst recht würde es wundervoll sein, das Gesicht zwischen den Hügeln zu vergraben. Oder erst … Seine Hose wurde zu eng.
   Ihre Haut schimmerte zart gebräunt, auf eine natürliche Weise, die vermuten ließ, dass sie viel Zeit im Freien verbrachte. Nach Sonnenstudio sah es nicht aus – aber auch nicht nach einem längeren Aufenthalt in Kalifornien. Ihre Hautfarbe stellte den ersten Anhaltspunkt dar, warum er tippte, dass sie nicht von hier stammte. Den zweiten schloss er daraus, dass sie ihm auf dem Flug von Denver nach L. A. begegnet war und den dritten, weil sie kein California English, auch als schwarznigerianischer Dialekt bezeichnet, sprach. Kalifornien – Schwarznigeria, spöttisch nach seinem ehemaligen Pr(ovi)inzregenten Arnold Schwarzenegger benannt. Megans Englisch klang vollkommen akzentfrei.
   »Leider bin ich ab morgen für zwei Wochen beruflich unterwegs.« Dix rieb sich das Kinn. »Aber ich würde dich gern wiedersehen.«
   Megan reagierte nicht. Stattdessen musterte sie ihn, dass er sich vorkam wie unter einem Röntgengerät. Er schluckte. Was mochte hinter dieser süßen Stirn vor sich gehen? Suchte sie nach passenden Worten, um ihm eine endgültige Abfuhr zu erteilen? Er versuchte, in ihrem Blick zu lesen, doch sie hatte eine undurchdringliche Maske aufgesetzt.
   »Ich möchte dir ein Angebot machen.« Megan starrte auf seine Hände.
   Er lehnte sich zurück und wartete. Sein Herzschlag tat einen außerplanmäßigen Hüpfer.
   Lass uns um eine Ecke verschwinden, heißen Sex haben, und dann getrennter Wege gehen. Das ist es doch, was wir beide wollen, oder?
   Noch heißere Erregung schoss bei der Vorstellung in seine Lenden, dass sie ihm ein unsittliches Angebot machen und wie es klingen würde, wenn sie diese Sätze sprach. Holy cow, sein bestes Stück platzte fast.
   »Ich biete dir hunderttausend Dollar, wenn du mich heiratest und für fünf Jahre an meiner Seite bleibst. Nach außen hin muss alles nach einer funktionierenden und glücklichen Ehe aussehen. Was du ansonsten treibst, ist mir egal, solange es nicht an die Öffentlichkeit dringt.«
   Dix ließ die Kaffeetasse, die er gerade angehoben hatte, auf den Unterteller zurückfallen. Das restliche schwarze Gebräu verteilte sich über die Tischplatte. Einige Spritzer hinterließen hässliche Flecken auf seinem T-Shirt. Die Hitze der Tropfen brannte auf seiner Brust. O nein, es war nicht der Kaffee. Das Brennen kam von innen und schweißte ihm die Kehle zu. Er musste mehrfach schlucken und selbst dann fasste er noch nicht, was er gehört zu haben glaubte. »Könn… könntest du das noch mal sagen?«
   Megans Gesicht nahm die Farbe reifer Tomaten an. Dennoch wiederholte sie ihre Worte, wenn auch wesentlich knapper. »Heirate mich.«

*

Megan schloss die Augen. Sie brachte es nicht fertig, Dix anzuschauen. Seine Gesichtszüge wirkten nicht weniger entgleist, als sich ihr Mut anfühlte und seine Antwort wollte sie schon gar nicht mehr hören. Hätte sie doch nur den Mund gehalten und wäre ihrer ersten Eingebung gefolgt. Sie hatte gespürt, dass er ihr gefährlich werden konnte, und es wäre richtig gewesen, ihrem Instinkt zu gehorchen und Dix vor dem Büro eine Abfuhr zu erteilen. Sie brauchte eine stärkere Schutzmauer, wollte einen nüchternen Deal, keine Gefühle. Danach stand ihr nicht der Sinn. Und doch schmolz sie dahin, als er Kristys und ihre Wortwahl benutzte: »Wirklich und wahrhaftig.«
   Wie Balsam wirkten die Zauberworte, ließen ihren weichen Kern zu flüssiger Butter schmelzen und aus einem unerfindlichen Grund fühlte es sich für einen Moment an, als hätte er die tonnenschwere Last von ihrer Seele genommen. Nur deshalb hatte sie seiner Einladung zugestimmt, denn im Grunde hatte sie niemals vorgehabt, ausgerechnet ihm einen Heiratsantrag zu machen.
   Okay, der Abend im Hotel war nicht so gelaufen, wie sie es sich vorgestellt hatte. Es befanden sich offensichtlich zwei Junggesellen unter den Gästen, und den einen hatte sie sogar kurzzeitig als Kandidaten in Erwägung gezogen. Als sie ihn allerdings beim Essen beobachtete, beziehungsweise eher danach, hatte sich ihr Magen umgedreht und der Typ verschwand spurlos von ihrer Liste, die wieder eine Reinheit aufwies, als wäre sie nie beschrieben gewesen. Ungeniert hatte er sich mit den Fingern im Mund herumgepult und Speisereste entfernt, die er dann noch ableckte. Auch das Herumfahren seiner Zunge im geschlossenen Mund hatte widerlich ausgesehen. Wie seine Unterlippe sich vorwölbte, als er an den Zähnen entlangfuhr, die Wangen sich blähten. Dann wieder den Zeigefinger lang ausgestreckt, als versuchte er, sich die Mandeln zu entfernen. Megan schüttelte sich.
   Wie viele Sekunden waren vergangen? Drei? Oder dreißig? Hatte Dix ihr bereits eine Antwort gegeben? War sie im lauten Rauschen ihres Blutes untergegangen? Sie konzentrierte sich, hörte das Stimmengewirr der anderen Gäste, den vorbeifahrenden Verkehr, das Klimpern von Geschirr auf einem Tablett … nein, ihr Gehör funktionierte. Augen auf und durch. Sie öffnete die Lider und traf auf Anhieb seinen Blick.
   Hatte sie seine himmelblauen Augen schon bemerkt? Die Tiefe, in der man sich verlor? Um Gottes willen – bloß keine weiteren sexy Attribute an ihm entdecken. Es reichte, dass sein Körper die gestählte Ausstrahlung eines Bodyguards besaß, eine eindrucksvolle Erscheinung, an deren Seite sie sich als seine Frau in Sicherheit fühlen würde. Sie musste vollkommen übergeschnappt sein. Wie hatte sie überhaupt auf den verrückten Gedanken kommen können, sich einen Ehemann zu kaufen? Noch dazu, sich einfach irgendeinen Kerl herauszupicken – mit der Gefahr, dass sie vom Regen in die Traufe geriet.
   Natürlich hatte sie über Alternativen wie Partnervermittlungsagenturen nachgedacht. Ganz ehrlich, Megan – auch da könntest du einem Spinner begegnen, beruhigte sie eine innere Stimme. Wie zur Hölle fand sie einen passenden Mann, wenn sie nicht ihrem Gefühl vertraute? Und da hatte sich eindeutig etwas geregt, schon als sie sich im Flugzeug an ihm vorbeigedrängt hatte. Nur entsprach das dem unwichtigsten Verlangen, dem sie nachkommen wollte. Eine Existenz als Paar aufzubauen besaß allerhöchste Priorität. Nicht zwei Schwestern, die zusammenwohnten, sondern ein frisch vermähltes Paar und zwei oder drei Untermieter. Das sollte genug Unterschied sein, dass Bradly Hurst nicht auf ihre Spur kam. Selbst der Gedanke an ihn jagte ihr Schauder über den Rücken und eine Klaue aus Angst krallte sich um ihre Eingeweide. Der Typ war zu allem fähig. Vielleicht hätte sie besser noch mehr Abstand zwischen sich gebracht und wäre statt nach Kalifornien auf einen anderen Kontinent ausgewandert. Ins hinterste Sibirien am besten. Oder nach Deutschland, wo es entfernte Verwandte ihrer Mutter gab, die sie nie kennengelernt hatte. Mom war von ihrer Familie verstoßen worden, als sie einen amerikanischen Soldaten heiratete und ihm kurz darauf in die Staaten folgte.
   Das Schweigen dauerte zu lange. Megan erhob sich abrupt. Ihr Magen drehte und wand sich um einen unverdaulichen Klumpen, doch ehe sie sich noch mehr Blöße gab, wollte sie lieber schnell verschwinden. »Ich geh dann besser.« Sie sah Dix nicht an, und ihre Stimme klang, als hätte sie eine Wolldecke verschluckt.
   »Warte.«
   Ihr Pulsschlag vollführte einen Trommelwirbel in den Schläfen.
   »Megan … ich … es …«
   »Schon gut.« Himmel Herrgott, er fand keine Worte und glaubte, ihr in freundlichen Worten sagen zu müssen, dass sie eine Idiotin war.
   »Gibt es weitere Bedingungen?«
   Wie? Er wollte nur Zeit schinden. Sich näher damit befassen, um dann in sanfteren Worten sein Nein zu vermitteln. Oder ihr sagen, dass er bereits gebunden war. Wenigstens hatte sie ihn nicht in die Flucht gejagt. Aber änderte das etwas? Lächerlich genug hatte sie sich ohnehin gemacht. »Es war dumm von mir. Vergiss es«, presste sie hervor. Wie sollte sie mit diesem Mann einen solchen Deal eingehen? Er sprühte vor Erotik und machte sie an wie ein tobender Vulkan. Er würde sie auslachen, wenn sie ihm ohne weitere Erklärung erzählte, dass die Ehe nur auf dem Papier bestehen sollte und ansonsten jeder seiner eigenen Wege ging.
   Sie wollte flüchten, aber er verhinderte es. Hart und unnachgiebig schlossen sich seine Finger um ihren Oberarm. Er trat von hinten dicht an sie heran, berührte mit dem Brustkorb ihren Rücken und raubte ihr den Atem.
   »Lässt du mir zwei Wochen Bedenkzeit, Megan Hannson?«
   Sein Mund lag an ihrem Ohr, sein Atem streifte ihre Haut. Ihre Beine drohten, wegzuknicken, doch sie stand fest und gerade, streckte sogar den Rücken durch, um nur keine weitere Gefühlsregung zu zeigen. »Ich sagte doch, verg…«
   »Nein.« Er legte ihr seinen Zeigefinger auf die Lippen. »Ich spüre, dass du es irgendwie ehrlich gemeint hast und ich werde es mir ernsthaft überlegen, okay?«
   Megan drehte sich um. Noch immer schaffte sie es nicht, ihm in die Augen zu sehen. Seine Hand war während der Drehung an ihrem Hals entlanggerutscht und heiße und kalte Schauder wühlten sie auf.
   Er schob zwei Finger unter ihr Kinn und hob es an, sodass sie ihm ins Gesicht blicken musste. Sein Mund schwebte vor ihr und lag plötzlich an ihrer Stirn. Er hauchte einen Kuss darauf – viel zu zart, viel zu kurz. »Ich warte hier Dienstag in zwei Wochen um die gleiche Zeit auf dich. Wenn dein Angebot dann noch steht, wirst du eine Antwort bekommen.«
   Wenn sich doch nur der Boden unter ihr auftun und sie verschlingen würde.
   »Und keine Angst, Megan. Ich werde dich weder versetzen noch über dich spotten, egal, wie meine Antwort ausfällt. Lass mir diese beiden Wochen Zeit. Bitte.« Er gab ihr keine Möglichkeit, etwas zu erwidern.
   Wie schon am Flughafen starrte sie auf seinen breiten Rücken.

11. bis 24. Juli
Santa Monica und Idaho

Max Diaz’ Bass tönte klangvoll und energisch durch den kleinen Raum, in dem sich die G.E.N. Bloods versammelt hatten. Die Enge und die stickige Luft trieben Dix Schweiß auf die Stirn, aber vielleicht lag es auch an den Gedanken, die in ihm tobten. Verlangen, das ihn nicht losließ, je energischer er es abzuschütteln versuchte. Megan Hannson. Ihr Blick, ihre langen Wimpern, ihr Duft, eine Woge des Verlangens in seinem Inneren.
   »Möchtest du gern hierbleiben, Dix?«
   Er hätte sofort Ja sagen sollen. Was immer hinter ihrem ungewöhnlichen Angebot steckte, er hatte unterschwellig eine Verzweiflung gespürt und sich gefragt, was mit Megan nicht stimmen mochte. Sie sah umwerfend aus, wirkte selbstbewusst und unabhängig. Und doch irgendwie schutzbedürftig und angstvoll. Oder hatte er sich das kurze Blitzen in ihren Augen, den Moment, als ihre Gesichtszüge entgleisten und Hilflosigkeit preisgaben, nur eingebildet?
   »Dixon!«
   Er schrak zusammen.
   »Wenn du nicht augenblicklich deine Konzentration auf das Gespräch lenkst, kannst du deine Tasche wieder auspacken.«
   »Jawohl, Sir!« Die förmliche Anrede rief seinen Respekt zurück und beförderte seine Disziplin ins Hier und Jetzt.
   »Also, noch einmal, damit auch unser Mr. Montague Dixon auf dem Laufenden ist. Euer Trainer für die kommenden zwei Wochen wird General Powell sein. Wer von euch niemals eine Militärschule besucht hat, wird sich den Drill aus dem Hintern schneiden müssen. Ich erwarte höchsten Einsatz von euch, Jungs, und ich weiß, ihr packt das, auch wenn ihr eher stinkt und ausseht wie ein Haufen Lumpenpack als wie Mitglieder einer Elitetruppe. Powell ist ein pensionierter Ausbilder der US Navy SEALS. Sagt das einem von euch etwas?«
   »SEAL bezeichnet die Einsatzorte einer Spezialeinheit der Navy, Sir. Sea, air and land.« Seths Stimme klang wie aus der Pistole geschossen. Kein Wunder, er war der Einzige unter ihnen, der das Militär kannte.
   »Genau. Die Besten unter den Besten. Neben einer erstklassigen Ausbildung stellen sie sich einer ganz besonderen Herausforderung. Sie nennen diese Woche ihres Trainings Hell Week. Nur diejenigen, die sie überstehen, schaffen es zu den SEALS. Auf euch warten zwei dieser Wochen! Ich erwarte, dass ihr noch besser seid als die Härtesten der Harten. Ihr seid ein Haufen chaotischer Scheißkerle, aber ich bin sicher, ihr werdet mir keine Schande machen. Powell mag Pensionär sein, doch er wird euch die Ärsche aufreißen, dass ihr bei eurem Teampartner von unten sehen könnt, welche Happen er zu essen bekommt, noch bevor die Gabel den Mund erreicht.«
   Keiner der Jungs sagte etwas, wagte, sich zu räuspern oder überhaupt Luft zu holen.
   »Ihr seid mutig, ihr habt besondere Begabungen, und ihr werdet als Team zurückkehren, das stärker als Pech und Schwefel zusammenklebt, habt ihr verstanden?«
   »Ja, Sir!« Diesmal klang es einhellig aus sieben Kehlen.
   »Ihr werdet mich nicht blamieren!«
   »Nein, Sir!«
   »Ihr seid entlassen. Um fünf holt euch ein Hubschrauber und bringt euch ins Trainingslager. Abtreten!«
   Simba war es, der eine Frage herausbrachte. »Sir, werden Sie uns nicht begleiten?«
   »Doch. Aber ihr werdet mich während dieser Wochen nicht zu sehen bekommen. Ich werde stets in eurer Nähe sein. Wer versagt, dem reiße ich eigenhändig die Gedärme aus dem Hintern. Ist das klar?«
   »Jawohl, Sir!«

Wie sie das überstehen sollten, stellte Dix vor ein Rätsel. Keiner außer Seth besaß eine militärische Ausbildung, und wenn ihn nicht alles täuschte, hatte man den Hünen unehrenhaft entlassen. Das machte allerdings nur als Gerücht unter den Jungs die Runde, musste nichts heißen.
   Das Lager entpuppte sich als verlassene Goldgräberstadt irgendwo am Rande von Idaho, eine Entfernung, die der Hubschrauber mit einer Zwischenlandung zum Auftanken in rund sechs Stunden bewältigte. Der Pilot landete gute zweihundert Yards entfernt der ersten Gebäude, die sich gegen das Sonnenlicht nur als schwarze Schemen abzeichneten. Wortlos ließ er sie aussteigen, ohne dass sie weitere Anweisungen erhalten hatten oder wussten, wo General Powell sie erwartete.
   »Na, dann mal auf ins Vergnügen«, sagte Dix, schlug Jay-Eff auf die Schulter und marschierte los.
   Nach wenigen Schritten rann ihm Schweiß in den Kragen. Der Unterschied zwischen dem klimatisierten Hubschrauber und der frühen Nachmittagsglut brachte erbarmungslos das Blut zum Kochen. Nach weiteren zwanzig Yards hätte er sich am liebsten das T-Shirt ausgezogen und es um den Schädel gebunden. Seine Zunge fühlte sich pelzig und sandig an, als sie die ersten Häuser passierten. Er kam sich um ein Jahrhundert zurückversetzt vor und gleichzeitig in einen Wildwestfilm verschlagen. Die Türflügel eines Saloons hingen windschief in den Angeln und durch den spinnennetzverwobenen Eingang meinte er, ein altes Klavier im hinteren Bereich des Raumes zu erkennen. Eine winzige Böe schlich durch die verstaubte, mit Schotter belegte Straße. Dix wedelte sich Luft zu. Es mussten sicher 35 Grad herrschen, wenn nicht mehr. Am Horizont ballten sich dunkelgraue Wolken zusammen. Er wartete sehnlichst auf das Gewitter, das Abkühlung versprach.
   »Hey Leute«, sagte Seth, der Dix’ Blick gefolgt war. »Was haben ein Drillsergeant und ein Gewitter gemeinsam?« Er sah die anderen der Reihe nach an und prustete los. »Wenn sie sich verziehen, kann’s noch ein schöner Tag werden.«
   Aus dem Nichts peitschte ein Schuss. Seth ging wie ein gefällter Baum zu Boden.
   Jay-Eff, Simba und Dix warfen sich nach links und suchten hinter Regentonnen Schutz. Virgin, Neil und Wade spurteten in unterschiedliche Richtungen. Dix verlor sie aus dem Blick. Drei, vier endlos lange Sekunden herrschte Totenstille, nur der eigene Atem rasselte in seinen Ohren. Dann hagelte eine Maschinengewehrsalve auf den Schotter. Steine spritzten auf, Staub verdichtete sich zu Wolken und raubte die Sicht. Dix erkannte dennoch, dass die Kugeln rund um den reglos daliegenden Seth im Boden einschlugen. Gottverdammter Dreck, was war hier los? Er robbte auf dem Bauch liegend rückwärts in die Richtung, in der er die Veranda des Saloons vermutete. Sein Fuß stieß an etwas Hartes. Ein Holzbalken? Er musste ein Stück weiter nach links, dann würde er sich in den Spalt zwischen den Holzdielen und der Erde schieben können.
   Dix drehte den Kopf, um sich zu orientieren und erstarrte. Ein schwerer Stiefel drückte sich in sein Kreuz. Gleichzeitig spürte er kaltes Metall im Nacken.
   »Besser, du rührst dich nicht, Freundchen.«
   Dix breitete die Arme aus, als wollte er einen Engel in den Dreck malen. Der Fuß stellte sich auf seinen linken Arm, gleichzeitig bückte sich der Kerl und zog Dix’ rechten Arm auf den Rücken. Das Knie seines Gegners platzierte sich in Dix’ Genick.
   »Keine falsche Bewegung oder es knackt.«
   Er spürte, wie ein Kabelbinder um seine Handgelenke gezurrt wurde und sich sofort das Blut in den Händen zu stauen begann.
   »Aufstehen und vorwärts.«
   Wieder bohrte sich Metall in sein Fleisch, dieses Mal in den Rücken.
   »Arschgesicht«, hörte er einen der Jungs laut fluchen. Hörte sich nach Wade an.
   Der Staub hatte sich noch immer nicht gelegt. Dix zog die rechte Schulter hoch und versuchte, sein tränendes Auge daran zu reiben. Ein hoffnungsloses Unterfangen. Auch heftiges Blinzeln und Zusammenkneifen der Lider halfen nicht. Halb blind stolperte er voran.
   Die Mündung der Waffe in seinem Rücken lenkte ihn vor die Tür eines verfallenen Gebäudes mit einer Holzfassade.
   In einem lichtdurchfluteten Raum befahl der Mann, stehen zu bleiben. Er befreite Dix von dem Kabelbinder. Es pochte höllisch, als das Blut in die Hände zurückströmte, fühlte sich an, als bearbeitete ein Hufschmied anstelle glühenden Eisens seine Finger unter einem Hammer. Dix kniff die Lider zusammen und hielt für Sekunden die Luft an, um den Schmerz zu betäuben.
   Die rückwärtige Wand war eingestürzt, Buschwerk und Gestrüpp hatten sich breitgemacht, aber noch immer fiel genug Sonne herein, um ihn zu blenden. Er trat wie unbeabsichtigt einen Schritt zur Seite, um Schatten ins Gesicht zu bekommen. Es polterte und Virgin und Neil taumelten in den Raum. Kurz darauf folgten Wade und Simba. Zuletzt trieb ein Maskierter Jay-Eff in das Zimmer und hinter ihm schleiften zwei Männer Seth herein und ließen ihn vor Dix’ Füßen fallen. Er bückte sich und fühlte Seths Puls. Gott sei Dank! Seth lag in süßen Träumen. Sein Herz schlug ruhig und gleichmäßig. Dix zog ihn an den Schultern näher heran. Dabei entdeckte er eine Nadel, die in seinem Hals steckte. Die Schweine hatten ihn betäubt. Er zog das Metall aus der Haut und schleuderte es von sich.
   »Willkommen, meine Herren.« Eine schnarrende Stimme, wie eine vor sich hinratternde Nähmaschine. »Die Ihnen zuteilgewordene Begrüßung dürfen Sie als freundlich auslegen. Angehende SEALS kommen nicht einmal mit dem Helikopter bis in Sichtweite, da liegt der Arsch blank.« Er lachte meckernd.
   Auf Dix’ Gesicht wollte sich ein breites Grinsen einschleichen, aber er kam nicht einmal dazu, mit dem Mundwinkel zu zucken.
   Das Meckern schwand und die Stimme peitschte durch den Raum, ließ seine Gesichtsmuskeln zu Eis erstarren. »Ich bin General Powell. Steht gefälligst stramm, ihr Arschgeigen. Und dann ausziehen.«
   Er fühlte sich wie gelähmt.
   Der schwarz Vermummte stand noch immer halb hinter ihm und gab ihm einen Stoß. »Beeilung, Freundchen.«
   Als sich keiner rührte, knallte ein Schuss. Die Kugel pfiff an Dix’ Schläfe vorbei, dass die Hitze ihm die Haare versengte. Dieses Mal beeilte er sich, der Aufforderung nachzukommen. Als er nackt dastand, musste er Seth entkleiden. Fuck! Er hatte noch nie einem Kerl an den Hosen rumgefummelt. Wahrscheinlich brauchte er keine drei Sekunden, um Seth auszuziehen. Jay-Eff und Simba erhielten den Befehl, ihn zwischen sich zu nehmen und vorauszugehen. Seths Kopf schaukelte haltlos hin und her. Insgesamt zählte Dix zehn Männer plus General Powell. Die schwarze Kleidung glich Uniformen von Spezialeinsatzkommandos.
   Die Kerle schleusten sie durch die zerstörte Wand, und im gleichen Moment, als er das Platschen hörte, befand er sich auch schon in freiem Fall. Er klatschte in kaltes Wasser. Nach der Hitze drohte sein Herzschlag auszusetzen. Dix kämpfte sich an die Oberfläche und prustete.
   »Schneller, schneller, meine Herren. Das ist kein Spaßbad und die Wasserrutsche kein Freizeitvergnügen. Raus aus dem Tümpel und rechts davon in einer Reihe aufstellen.«
   Ein harter Wasserstrahl traf Dix’ Rücken und warf ihn nach vorn. Den anderen ging es nicht besser, bis der Schlamm von ihren Körpern gespült war. Seine Haut brannte wie Feuer. Die Hell Weeks begannen wirklich prächtig. Er biss die Zähne aufeinander und schielte zu Seth hinüber. Was sollte der erst sagen? Umgenietet und in eiskaltem Wasser zu sich gekommen. Seth schwankte noch leicht, als man sie nass und nackt vorwärtstrieb.

Es war nicht gerade 24/7, aber nahe dran. Zwanzig, zweiundzwanzig Stunden, manchmal rund um die Uhr triezte sie der General. Forderte er ihnen keine Langstreckenmärsche ab, an deren Ziel sie mit auf dem Boden hängender Zunge zur Umkehr aufgefordert wurden, hetzte er sie bäuchlings durchs Gelände. Schießübungen gab es nicht auf dem Schießstand, sondern mit derb schmerzender Munition in Gefechten, die sie sich mit den Black Boys lieferten. Die G.E.N. Bloods unterlagen gnadenlos. Immer und immer wieder, bis Dix am sechsten Tag Jay-Eff beiseite ziehen konnte. »Wir müssen unsere Fähigkeiten einsetzen und koordinieren, sonst wird das nie was.«
   Es dauerte einen weiteren Tag, bis die Botschaft die anderen fünf erreicht hatte und als sie kurz vor dem Morgengrauen für eine Pause, die wahrscheinlich wieder weniger als zwei Stunden betragen würde, in ihr Mannschaftszimmer gehen durften, erörterten sie einen Plan.
   Am Vormittag errangen sie den ersten Sieg und überwältigten sechs Gegner, ehe die übrigen Black Boys die weiße Flagge hissten. An Tag zwölf hatte Dix mehr Dreck gefressen als Hotdogs in seinem Leben, sein Körper fühlte sich an wie durch einen Fleischwolf gedreht, aber jeder von ihnen trug den Kopf erhoben, die Schultern gestrafft. Seite an Seite standen sie dem General gegenüber.
   »Ich bin stolz, aus einem armseligen Haufen das Beste herausgeholt zu haben. Aber ihr seid immer noch stinkende Arschgesichter. Ausziehen!«
   »Ja, Sir!« Einhellig schallte die Antwort durch die Häuserschlucht.
   Das Rattern von Hubschrauberrotoren erklang in der Ferne und näherte sich rasch.
   »Drei Minuten zum Duschen und anziehen. Eure Uniformen liegen bereit.«
   Dix trabte los. Als Erster kam er an den Außenduschen an. In einfachen Holzfächern ein Stück abseits lagen Handtücher und Wäsche. Er rubbelte sich nur die gröbste Nässe vom Körper und schlüpfte in Unterwäsche, Socken, Hose und Hemd. Noch nie in seinem Leben hatte er schneller einen Krawattenknoten gebunden und sich die Schuhe zugeschnürt. Im Laufschritt in Richtung Hubschrauber zog er das Jackett an und fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. »Fertig, Sir!«
   Die anderen waren nicht wesentlich langsamer und kamen fast gleichzeitig an.
   Powell ließ einen prüfenden Blick über sie gleiten. Er nickte, aber es wirkte noch nicht zufrieden. Die Black Boys traten aus dem Schatten eines Gebäudes, zum ersten Mal ohne Gesichtsvermummung. Breites Grinsen lag auf den Gesichtern, während sie in einer Reihe an Dix und den anderen G.E.N. Bloods vorbeischritten und ihre Hände wie Sportler auf dem Spielfeld aneinanderklatschten. Darüber hinaus geriet es zu einem stillen Abschied. Der Hubschrauber hob mit unbekanntem Ziel ab. Dix’ Gedanken wollten zu Megan wandern, zum ersten Mal seit beinahe zwei Wochen, aber noch ehe er ihren Namen zu Ende gedacht hatte, fielen ihm die Augen zu. Er erwachte erst, als Max’ Stimme in die Tiefen seines Bewusstseins drang.
   »Dixon!«
   Er schrak zusammen, stand senkrecht und stieß sich den Schädel an der Decke des Hubschraubers.
   »Aussteigen, Mann!«
   Dix sah sich um. Plötzlich rieselte ein Wonnegefühl durch seine Adern. Las Vegas! Er erkannte die anthrazitfarbene Silhouette des in Form einer Pyramide gebauten Hotels Luxor. Max stand neben einem Geländewagen, einem Hummer, und nickte mit einem auffordernden Lächeln in Richtung des Hotelkomplexes. Er öffnete die Hecktür. Acht schwarze Trollies stapelten sich im Laderaum. Max lud den ersten aus, las ein Namensschild ab und reichte Virgin das Gepäckstück.
   »Was wird das hier, Max?« Dixon wollte nur noch Ruhe. Endlich von Megan träumen, über die längst überfällige Entscheidung nachdenken – möglichst während des Schlafs –, ein anständiges Bad und ein gutes Essen. Ihre spärliche Nahrung der vergangenen Tage hatte aus kaum definierbarem, pappigem Kraftfutter, wie General Powell es nannte, bestanden und sein Magen gierte nach einem saftigen Steak.
   »Tanzen, Umgangsformen, Tischmanieren, Körperpflege, Kleiderordnungen … hopp, hopp, Jungs, keine Müdigkeit vorschützen. Ihr habt in den letzten anderthalb Tagen eurer Hell Weeks noch genug zu lernen, keine Zeit für Müßiggang. Glaubt nicht, das hier wird ein Spaziergang.«
   Bestimmt würde es einer. Jedenfalls im Vergleich zu dem, was hinter ihnen lag. Vielleicht gelang es ihm ja, seine Muskeln zumindest so weit in Form zu bringen, dass er wenigstens die Doggy-Stellung meistern würde, wenn er Megan am Dienstag ins Bett zerrte.
   Andererseits … die Vorstellung, dass sie die meiste Zeit oben verbringen würde, während er sich vom Anblick ihrer schaukelnden Brüste in den siebten Himmel tragen ließ, hatte nicht weniger Reizvolles.

Montag, 25. Juli
Santa Monica, Los Angeles

Diese Sekunde, so beschloss Megan, stellte endgültig den Beginn ihres neuen Lebens dar. Das Wort Stalker würde sie ab sofort aus ihrem Sprachschatz tilgen und mit Jeff Hall, dem Verbindungsmann, der ihre neuen Identitäten beim Zeugenschutz organisiert hatte, keinen Kontakt mehr aufnehmen. Zwar hatte er ihr versichert, dass sie das jederzeit tun könne, auch, um geheime Treffen mit alten Freunden zu organisieren, doch für unbestimmte Zeit musste das für sie Geschichte bleiben. Vielleicht für immer.
   Megan drückte einem der Möbelpacker ein paar Dollar Trinkgeld in die Hand. Eine Minute später blickte sie dem Truck hinterher und ließ sich mit dem Rücken gegen die Hauswand sacken.
   Das war es also. Sie war unwiderruflich Ms. Megan Hannson. Besitzerin eines Three-Bedroom-Bungalows samt Nebenwohnung auf dem Garagendach, Terrasse und Garten in Santa Monica im L. A. County. Dazu Eigentümerin eines brandneuen, silbergrauen Dodge Nitro, der bald geliefert werden würde. Noch-Single, Waise und hergezogen aus dem Bundesstaat Wisconsin, wo ihre Vergangenheit natürlich jeder Prüfung standhielt, um in Kürze ihren Verlobten zu ehelichen, der sich – für Nachbarn und andere Neugierige – auf einer Geschäftsreise befand und schleunigst nachkommen würde.
   Hitze staute sich unter ihrer Haut, als sie daran dachte, wie nahe die erfundene Geschichte der Wahrheit mit Dix kam. Ob er Geschäftsmann war? Dem Aussehen nach zu urteilen glaubte sie eher nicht daran, aber wie ein Bauarbeiter wirkte er auch nicht direkt. Jedenfalls abgesehen von seinen Muskelpaketen.
   Noch in New Orleans hatte sie in den vergangenen Monaten zehn Pfund zugenommen, was ihr besser stand, als sie befürchtet hatte. Sie hatte ihr Haar hellblond gefärbt und wachsen lassen, eine Nasen-OP hinter sich gebracht und versucht, ihre Hautfarbe der kalifornischen Sonne anzupassen. Bereits Wochen vor Beginn des Desasters hatte sie ihren Schneidezahn behandeln lassen wollen und es doch immer wieder vor sich hergeschoben. Bei einem ihrer letzten Einsätze war eine kleine Ecke abgebrochen, doch dank Krone sah man nun nichts mehr davon. Nichts erinnerte an die Person, die sie dreißig Jahre lang verkörpert hatte; nichts an die frischgebackene Polizistin oder die junge Lehrerin und Studentin des zurückliegenden Jahrzehnts. Auch ihr Outfit hatte sich gewandelt, sie kleidete sich jetzt etwas eleganter und fraulicher. Das Einzige, was ihr keiner nehmen würde, war ihre Muttersprache, die sie als Nachhilfekraft nun Hunderte Meilen entfernt der Heimat den Kindern kalifornischer Eltern beibringen würde. Das mit dem Job als Security-Officer in einer Werkschutzabteilung hatte leider nicht geklappt. Sie hätte es wissen sollen – Frauen bekamen in solchen Jobs selbst im modernen Amerika wenig Chancen.
   Megan gab sich einen Ruck und ging ins Haus.
   Das alles tat nicht weh, solange sie ihr Ziel im Auge behielt. Kristy fehlte ihr, aber Ms. Long, die Leiterin des Sanatoriums, mit der sie täglich telefonierte, berichtete von erfreulichen Fortschritten. Kristy schrak nicht mehr zusammen, wenn man sie unverhofft ansprach und auch konnte sie schon wieder schlafen, ohne dass ein Nachtlicht brennen musste. Nach jedem Gespräch durchrieselten Megan Glückshormone. Die Vorstellung, dass Kristy ihr bereits in wenigen Tagen folgte, war passé. Bald waren sie drei Wochen getrennt und Ms. Long hatte empfohlen, Kristys Aufenthalt auf wenigstens das Doppelte auszudehnen. Sie hätte nie gedacht, dass Kristy ihre Einwilligung geben würde, doch genau so verhielt es sich.
   Megan blieb inmitten des Wohnzimmers stehen und streckte sich. Mit hinter den Kopf gelegten Händen betrachtete sie das wilde Durcheinander aus Kartons und Möbeln, die noch an die richtigen Stellen gerückt werden mussten. Um die Packer schnellstmöglich loszuwerden, hatte sie darum gebeten, die Sachen einfach irgendwo abzustellen. Selbst schuld. Sie hätte sich einiges an Arbeit sparen können, sogar das Einräumen der Schränke. Mit einem leisen Seufzen ließ sie sich auf die Couch fallen. Die Plastikhülle knisterte. Alles roch neu. Nach frischer Farbe, Holz, Stoff, Plastik und Möbelwachs. Sobald sie sich ans Auspacken begab, würde sie nicht einmal ein Paar bereits getragener Socken finden.
   Sie schloss die Augen und versuchte, an nichts zu denken. Wenn doch ihr Kopf nur so leer wäre wie ihr Herz. Für vielleicht eine Sekunde gelang es ihr, nur Schwärze hinter ihrer Stirn zu produzieren, dann schob sich das Bild eines Mannes vor ihr inneres Auge, das sich nicht vertreiben ließ. Gott, hatte sie sich blamiert. Bis auf die Knochen. Warum nur musste sie auf diese absolut bescheuerte Idee verfallen und diesem Fremden – ausgerechnet diesem! – ihr Heirats-Kauf-Angebot vor den Kopf knallen?
   Zugegeben, er wäre ein Mann, in den sie sich verlieben könnte. Sein Äußeres sprach ihre Sinne an, sie stellte es sich prickelnd vor, seinen Körper zu erkunden. Dabei würde sie sich Zeit lassen. Sehr viel Zeit, und jede Sekunde auskosten. Wenn sie es recht bedachte, kannte sie niemanden, der mehr ihrer ganz personifizierten Versuchung entsprach als Dix. Wahrscheinlich zeichnete die Natur dafür verantwortlich, dass sie ausgerechnet ihn auserwählt hatte – ein Weibchen auf der Suche nach dem kräftigsten Vertreter der männlichen Rasse, um wohlgeratene Nachkommen zeugen zu können. Wenn es allein darum ginge, sich einen Lebenspartner zu suchen, um glücklich zu sein, um eine Familie zu gründen, wäre Dix vielleicht keine schlechte Wahl. Aber an seiner Seite zu leben und möglicherweise in ihn verliebt zu sein, während sie nur aufgrund eines Deals um eine Menge Geld beisammen waren … zu ertragen, dass er andere Frauen traf, ein vor ihr verborgenes Leben führte, dem sie nicht angehörte … die Vorstellung war unerträglich. Es durfte auf keinen Fall passieren, dass sie ihr Herz an ihn verlor, sie musste ihre Emotionen unter Kontrolle halten. Ach, was. Wozu? Er würde ihr sowieso einen Korb geben. Gab es einen einzigen vernünftigen Grund, warum er sich auf das Angebot einlassen sollte? Klar, hunderttausend Gründe, jeder einen Dollar wert. Aber reichte das … für eine Ehe? Für fünf Jahre Lügen, Heimlichtuerei, Schauspielerei?
   Ein Krachen ließ sie aufschrecken. In antrainiertem Reflex rollte sie sich vom Sofa und konzentrierte ihre Sinne. Dem Geräusch nach zu urteilen musste die Hintertür vom Garten her aufgebrochen worden sein. Dämmerung erfüllte mittlerweile den Raum. Sie musste eingenickt sein und mehrere Stunden geschlafen haben. Der Schweiß auf ihrer Haut und das Pochen an lieber unempfindlich gewünschten Stellen hauchten ihr eine Ahnung von heißen Träumen ein.
   Es raschelte und polterte aus dem Nachbarzimmer. Jemand durchwühlte die Kartons in der Küche. Megan erhob sich beinahe geräuschlos und schlich an die Wohnzimmertür. Mit zusammengekniffenen Augen starrte sie in den schräg gegenüberliegenden Raum und verharrte. Sie zwang ihr Entsetzen hinunter, das wie ein Kloß in der Kehle saß. Ein einzelner Mann, nein, ein Jugendlicher. Ein Schwarzer. Aufgeregt, unkoordiniert. Sie roch seinen Schweiß. Kein sonderlich beängstigender Gegner, konstatierte sie in Sekunden. Er drehte ihr den Rücken zu und öffnete einen weiteren Karton.
   Megan schnellte nach vorn. Mit einem Hechtsprung schoss sie auf den Einbrecher zu, packte seine Fußgelenke und riss ihn zu Boden. Zwei Kartons folgten mit lautem Scheppern. Im nächsten Atemzug warf sie sich über den Jungen und presste ihn zu Boden. Der Überraschte schrie auf, versuchte, sich zu wehren, doch als sie ihn mit einem gezielten Würgegriff am Hals packte, riss er die Hände vor sein Gesicht und begann zu husten. Megan nutzte die Gelegenheit, aufzuspringen und ihn mit sich zu ziehen. Schneller, als er reagieren konnte, hatte sie seinen rechten Arm auf den Rücken gedreht und ihn mit einem Hebelgriff fixiert. Der Junge stöhnte und ließ den Oberkörper nach vorn sacken.
   Megan schob ihn in Richtung Tür und schaltete das Licht ein. »So, wen haben wir denn da?«
   »Bitte, Ma’am … ich wollte nicht …«
   »Du hast sehr deutlich gezeigt, was du nicht wolltest. Wer bist du?«
   »Dar … Darrel.«
   »Und weiter?«
   »Darrel Hayes.«
   »Woher?«
   Es klingelte an der Haustür. Darrel und Megan zuckten zusammen.
   »Vorwärts.« Sie dirigierte ihn den Flur entlang und drückte den Lichtschalter. »Vielleicht haben wir ja Besuch von den Cops, weil ein Nachbar deinen Lärm gehört hat.«
   Seine Schultern begannen zu zucken und ein leises Schluchzen entrang sich seiner Kehle. Sie hielt ihn mit der Rechten fest im Griff und öffnete mit der anderen Hand die Holztür. Die Fliegengittertür ließ sie geschlossen. Der Blick einer älteren Frau traf sie, dann erfasste diese den Jungen und ihr Mund klappte mehrere Male stumm auf und zu.
   »Darrel Hayes!« Die Frau holte tief Luft. Darrel ließ den Kopf hängen und betrachtete stur den Fußboden. »Entschuldigen Sie, Ma’am. Hat er Ihnen Schwierigkeiten bereitet? Er ist harmlos, wissen Sie …« Sie zog ungefragt die Fliegengittertür auf und packte Darrel am Kragen. »Du hast es nicht gewagt, bei der Lady einzubrechen, oder Darrel?« Während sie ihn mit einem Ruck nach vorn zog, redete sie ohne Unterbrechung weiter. »Darrel ist ständig auf der Suche nach etwas Essbarem. Er stiehlt sogar die Hundekuchen von den Terrassen, und wenn er nichts findet, räumt er schon mal Kühlschränke und Vorratskammern aus. Aber er ist harmlos. Nur ein bisschen beschränkt.«
   Megan hatte den Jungen losgelassen, der nun einen Schubs von der Frau erhielt und nach einigen vorwärtsgestolperten Schritten losrannte.
   »Geh nach Hause und trau dich nicht noch einmal, hier aufzutauchen«, rief die Frau ihm hinterher.
   Megan rieb sich die Stirn. Zog sie in letzter Zeit nur noch Pech an? Ihr neues Leben fing verdammt zu turbulent an.
   »Verzeihung, ich habe mich noch nicht vorgestellt. Ich bin Mrs. Larrimore und wohne gleich nebenan.« Sie wies auf den Bungalow zur linken Seite, und als Megans Blick beinahe wie von allein der Richtung des ausgestreckten Arms folgte, sah sie einen älteren Mann mit schwarz-grau meliertem Haar, der ihr von der Nachbarhausveranda aus zuwinkte. Sie nickte zurück.
   »Darrel wohnt zwei Querstraßen von hier«, ließ Mrs. Larrimore wissen. »Aber ich habe schon erfahren, dass er in der gesamten Siedlung bekannt ist wie ein bunter Hund. Seine Mutter ist …«, sie wedelte mit der Hand vor dem Gesicht herum, »na, Sie wissen schon. Ebenfalls ein bisschen plemplem. Und der Vater kümmert sich nicht, verkriecht sich von früh bis spät auf der Arbeit. Er ist Bäcker. Ein schwarzer Bäcker.« Sie gackerte. »Aber wenigstens hat er einen festen Job, das können nicht viele der Schwarzen in dieser Gegend …«
   »Verzeihung«, unterbrach Megan den nicht enden wollenden Redefluss und räusperte sich leise. »Ich bin erschöpft und habe noch viel Arbeit vor mir, bevor ich zu Bett gehen kann. Was kann ich für Sie tun, Mrs. …«, sie kramte in ihrer Erinnerung, »Larrimore?« Dieser Name hatte nicht auf der Liste der direkten Nachbarn gestanden, als sie sich kundig gemacht hatte. Sie hatte mehrere Häuser zur Auswahl gehabt und sich unter anderem für dieses entschieden, weil zum einen die wenigsten Nachbarn zu verzeichnen waren, zum anderen, weil sie die Nachbarschaft im Gesamten als eher ruhig einstufte. Rentner. Zwei davon alleinstehend. Erst im sechsten Haus die Straße hinunter wohnte eine junge Familie mit zwei Kleinkindern und einem Hund. Normalerweise die perfekte Wahl, wollte man möglichst ungestört leben. Keine direkten Berührungspunkte bei den Interessen, die zwischen den Senioren und einem jungen Paar übereinstimmen und zu lästigen Nachbarschaftskontakten führen konnten, abgesehen von einem freundlichen Winken aus der Ferne.
   »Oh, ich verstehe, ich verstehe. Mein Mann und ich sind auch erst vor einigen Tagen eingezogen und noch immer steht nicht alles am richtigen Platz.«
   Daher wehte also der Wind. Wenn sie sich recht erinnerte, hatte der Makler etwas von einer verstorbenen alten Dame mit sieben Katzen erzählt. Sie überlegte fieberhaft, wie sie Mrs. Larrimore am einfachsten und schnellsten loswurde, ohne sich gleich unbeliebt zu machen. Unbeliebtheit barg einen zu großen Störfaktor. Würde sie riskieren, den Unmut eines zänkischen Nachbarn auf sich zu ziehen, konnte sie sich ausmalen, was die Zukunft brachte. Sticheleien und dummes Gerede hinter ihrem Rücken. Die Leute würden anfangen zu tuscheln. Sie würden ihre Zurückgezogenheit zum Anlass nehmen, Spekulationen anzustellen, die mit der Zeit immer ärgere Formen annehmen würden. Oh, sie kannte das zur Genüge. Häufig genug war sie mit einem Kollegen zu Einsätzen gerufen worden, in denen sich die lieben Nachbarn in den Haaren lagen. Eine Prügelei über den Gartenzaun hinweg, eine an den Kopf geworfene Bierflasche oder ein Tritt in Richtung der Nachbarkatze stellten häufig die geringsten Probleme dar, die sie zu den Akten nahmen. Megan schluckte.
   »Sie Arme«, flötete Mrs. Larrimore in akzentfreiem Amerikanisch. »Haben Sie denn Ihr Bett überhaupt schon aufgebaut? Lassen Sie uns mal helfen, Darling. Dann geht das alles ganz flott.«
   Ehe sich Megan in der Lage befand, die Hilfe freundlich abzulehnen, stieß Mrs. Larrimore einen Pfiff aus und winkte ihren Mann herbei. Der ließ sofort seine Zeitung sinken und kam zu ihnen herüber. »Quinton«, stellte Mrs. Larrimore ihn vor. »Und ich heiße Elbridge, aber alle nennen mich Elbi. Wollen wir uns nicht duzen, Liebes? Als Nachbarn …«
   »Megan Hannson«, antwortete sie schnell, ehe sich Elbi in weiteren Ergüssen vertiefte. Sie verkniff sich ein Lachen. Elbridge Larrimore. Es gab Menschen, denen das Schicksal bereits vom Tag ihrer Geburt an eine Strafe auferlegte. Die Hochzeit hatte Elbis Los nicht verbessert.
   Sie ergab sich ihrer Führung, genau wie Quentin, der freundlich brummend, aber ansonsten wortkarg, den Aufbau der Möbel vornahm. Elbi versorgte sie mit Kaffee und Kuchen und schwatzte wie ein Wasserfall. Gott sei Dank erwartete sie nicht allzu viele Antworten, sondern ergoss sich in meilenweiten Ausschweifungen, sodass Megan nur mit halbem Ohr hinhörte und ihre Gedanken immer und immer wieder um Dix kreisten, wie jeden Tag seit ihrem Kennenlernen.
   »Und wann genau wird dein Verlobter heimkommen? Wann ist der Hochzeitstermin? Wird es eine große Feier geben? Ach, wie kann der Gute dich nur den ganzen Umzug allein machen lassen … tz.«
   Endlich war es vorbei. Und der Dienstagvormittag nur noch Stunden entfernt.

Dienstag, 26. Juli
Santa Monica, Los Angeles

Dix erwachte, als die ersten Sonnenstrahlen durch die schmutzige Glasscheibe der Schlafbaracke fielen. Das Licht brach sich an einem Sprung im Glas, und ein Strahl traf ihn wie eine Laserkanone ins Auge. Murrend drehte er sich mit dem Rücken zum Fenster, wollte weiterschlafen, am liebsten drei Tage am Stück, doch im nächsten Augenblick schoss er hellwach in die Höhe. Dienstag! Heute würde er Megan Hannsons Heiratsantrag annehmen. Nur noch wenige Stunden, bis sie sich trafen.
   Er hatte Max ins Vertrauen gezogen und die 100.000 Dollar, die Dix dem Team zur Verfügung stellen wollte, gaben den Ausschlag für Max’ Segen. Die Truppe hatte das Geld bitter nötig, solange die Aufträge noch nicht sprudelten. Keine Frage, dass Dix den G.E.N. Bloods weiterhin alles geben würde, aber es sprach nichts dagegen, dass er bei Megan einziehen würde, zumal ihr Haus ihrer Aussage nach gleich um die Ecke lag, wie sich nicht nur Max erinnerte. Seinen Job konnte Dix wie ein normaler Arbeitnehmer ausführen. Dass er häufig unterwegs sein würde, musste Megan akzeptieren. In anderen Berufen kam das auch vor. Wenn sie keine Einsätze hatten, würde Dix die Tage im Trainingscenter verbringen und beim Umbau helfen, denn der Geldbetrag reichte nur für eine Sanierung der Räumlichkeiten, noch nicht für ein neues Anwesen, von dem sie alle träumten.
   Er schwang die Füße von der Matratze und griff nach der Jeans am Ende des Bettes. Kaum hatte er zugegriffen, durchschoss ihn die Erinnerung. Auch wenn er bisher einigermaßen reinlich gewesen war, regelmäßig duschte und saubere Klamotten trug, es entsprach nicht dem, was sie in Vegas an Etikette und Manieren gelernt hatten.
   Im Bad betrachtete er sein schiefes Grinsen in einem halb blinden Spiegel. Sollte er sich rasieren oder fand Megan seinen Anderthalbtagebart anziehend? Das Veilchen über dem linken Auge war mittlerweile verblasst. Wusste man es nicht, konnte es auch nur ein Schatten sein, der über dem Augenlid lag. Dix putzte sich minutenlang die Zähne, bearbeitete seine Fingernägel mit einer Feile, rasierte sich die nachgewachsenen Härchen aus Achseln und Intimbereich und duschte ausgiebig.
   Noch vor sieben stand er in der Gemeinschaftsküche und brühte sich einen Kaffee. Er hatte seine beste Jeans hervorgekramt, eine, die er normalerweise nicht mochte, weil ständig die Haare des räudigen Katzenviechs, das die G.E.N. Bloods gemeinschaftlich durchfütterten, an dem schwarzen Stoff kleben blieben. Dennoch stellte er als Nächstes eine Schale Katzenfutter in den Hof und rief mit Maunzlauten nach dem struppigen Kater. Als er ihn hinter einem Stapel Holz hervorklettern sah, ging er durch die Hintertür zurück in die Küche, denn das Tier mochte keine Gesellschaft. Nur die Polster ihrer Sitzgruppe und die rostige Hollywoodschaukel belagerte es ständig, allerdings nur, bis sich einer von ihnen auf weniger als fünf Yards näherte.
   Dix pfiff leise vor sich hin. Er trank den heißen Kaffee vorsichtig und mit vornübergebeugtem Oberkörper, damit er sich nur ja keinen Fleck auf seinem einzigen Oberhemd, das er sogar gebügelt hatte, einfing. Sein Sakko hing bereit, auch wenn es wahrscheinlich viel zu heiß werden würde, als dass er es lange tragen konnte. Doch zumindest, während er Megan sein Ja-Wort gab, wollte er angemessen gekleidet sein.
   Gnade! Er tat gerade so, als wäre sie seine seit Ewigkeiten Angebetete, die ihm endlich erlaubte, sie zum Altar zu führen. Er hatte sich nicht verliebt, oder? Das Prickeln und Kribbeln in den Lenden entstammte allein der körperlichen Anziehungskraft, die sie auf ihn ausübte. Der Rest war reines Geschäft. Okay, okay, eines, bei dem er auch noch zu seinem Vergnügen zu kommen gedachte. Um nach außen hin verliebt auszusehen und glaubwürdig zu erscheinen, mussten sie es auch miteinander treiben. Anders würde er das nicht bewerkstelligen können. Außerdem entsann er sich keiner Frau, die er jemals so attraktiv gefunden hatte und so innig begehrte wie Megan. Sie mussten einfach im Bett landen. Von ihm aus auch auf dem Küchentisch, unter der Dusche, auf den Vorder- oder Hintersitzen ihres Wagens, der Motorhaube, sogar auf nacktem Steinfußboden sollte es ihm recht sein.
   Sein Handy meldete den Eingang einer SMS. Er fischte es aus der Hosentasche. Er kannte die angezeigte Nummer nicht und drückte auf die Abruftaste.
   Bitte entschuldige, Dix. Ich habe mich zum Affen gemacht und möchte mein Angebot zurücknehmen. Ich werde nicht zu dem Treffpunkt kommen. Sei nicht böse und mach’s gut. Megan.
   Dix fiel alles aus dem Gesicht.
   Er schwankte und musste sich an der Spüle festhalten. Enttäuschung und unerfülltes Verlangen schnürten ihm die Atemwege zu, ließen ihn nach Luft japsen.
   Seine Finger flogen nur so über die winzige Tastatur. Ich hätte Ja gesagt. Bitte komm. Er drückte auf Absenden und sein Herzschlag nahm von Sekunde zu Sekunde einen härteren Rhythmus an. Bitte antworte, sofort. Sofort! Die Worte gerieten zu einem Mantra. Tatsächlich dauerte es nur eine Minute, da piepste das Gerät erneut.
   Nein, tut mir leid. Entschuldige. Ich schäme mich zu sehr und es war ohnehin eine Schnapsidee.
   Oh, verdammt! Dix trat vor Frust gegen einen Hocker. Er tippte einen Text ein. Wenn du nicht kommst, suche ich nach dir. Shit, das durfte er nicht schreiben. Nachher bekam sie noch Angst vor ihm. Er löschte die Buchstaben. Lass uns darüber reden. Nein, das klang auch nicht besser. Das sah aus, als bettelte er um ihre Gunst – oder um das Geld. Okay. Ich wünsch dir alles Gute. Nein! Nein! Nein! So auch nicht. Sein Magen rumorte. Er wollte diese Frau, nicht nur des Geldes wegen. Da lag etwas im Verborgenen, etwas, das er spürte und nicht einzuordnen wusste, das jedoch brennende Neugierde hervorrief. Was verbarg Megan? Was war sie für ein Mensch? Gott, was sollte er nur antworten? Ein einfaches Bitte hinterherschicken? Nein. Offenbar gab es keine Worte, die das trafen, was er zu sagen beabsichtigte. Megan, ich liebe dich. Lass uns heiraten. Willst du meine Frau werden? Quatsch! Völliger! Das stimmte ganz und gar nicht und er sollte sich kein X für ein U vormachen.
   Dix schob das Handy in die Hosentasche. Nun gut, dann würde er sich eben auf den Weg zu Max begeben und ihm gestehen, dass der Deal nicht lief. Was nicht heißen sollte, dass er sich so einfach geschlagen gab. Er brauchte nur etwas Zeit, um sich von den Hell Weeks zu erholen, dann würde auch sein Gehirn wieder funktionieren und ihm würde etwas einfallen.
   Zuerst ging er zurück in den Schlafraum, um sich umzuziehen. Wenn Max ihn so sah, bekam er vermutlich einen Lachanfall. Das ertrug er nicht auch noch, Megans Rückzieher traf ihn schlimm genug. Hinter der Zimmerschwelle stolperte er über Wades Stiefel. »Fuck!« Selbst bis in die Höhe seiner Nase drang der Gestank nach Käsemauken, dass einem schlecht wurde. Wie hielt Wade das nur aus? Die Funktionalität seines Riechorgans glich nicht annähernd einem Wolf oder einem Eisbären, die über Meilen hinweg ihre Beute rochen, sondern war vergleichbar mit der eines Aals, der über den besten Geruchssinn aller Lebewesen der Welt verfügte.
   Dix knöpfte sein Hemd auf. Was hatte er im Internet dazu gelesen? Gäbe man einen Tropfen einer beliebigen Geschmacksnote am Ufer eines riesigen Sees ins Wasser, und setzte einen Aal weit entfernt am gegenüberliegenden Ufer aus, er wäre in der Lage, den Tropfen zu riechen. Er mochte sich nicht vorstellen, welche Aromen in Wades Nase tobten und dachte mit einem Gruseln an Berge von Fliegenkot. Wenigstens musste er selbst sich erst in Trance versetzen, um seine Gabe zu beherrschen. Wade hingegen nahm immer und überall Gerüche auf. Wahrscheinlich steckte hier der Grund, warum er stets mit einem zum Fürchten verkniffenen Gesichtsausdruck herumlief und extrem launisch auf alles und jeden reagierte. Schon Mist, wenn einem alles stank. Dix konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
   Er griff zu dem Stapel gewaschener Wäsche, den ihre Zugehfrau, eine rüstige Lady in den Sechzigern, bereitgelegt hatte. Zweimal die Woche sorgte sie dafür, dass sie nicht im Dreck erstickten. Während er sich ein T-Shirt über den Kopf zog, fiel ihm ein, dass er es auf dem Flug von Denver hierher getragen hatte.
   Flughafen. Megan. Wade. Geruchssinn. Er riss sich den Stoff vom Leib. Mit drei langen Schritten stürmte er auf Wades Bett zu und schüttelte ihn grob an der Schulter. »Aufwachen!«
   Wade brummte vor sich hin und wickelte sich tiefer in das Laken.
   »Wade! Ich brauche deine Hilfe!«
   Noch immer erfolgte keine Reaktion. Er packte Wade bei den Oberarmen, zog ihn in eine sitzende Position und rüttelte ihn. »Wade, bitte. Es ist wichtig.«
   Der Schlafmangel hielt Wade wie im Koma. »Was’n?«, nuschelte er nur und ließ sich wieder zurückfallen.
   »Jemand hat dein Bike geklaut.«
   »Was?«
   Das war echt fies, Dix wusste das. Das Motorrad stellte Wades ganze Leidenschaft dar und er hegte und pflegte die Suzuki Hajabusa mehr als seine Augäpfel. Wenigstens war der Kerl jetzt hellwach, sprang wie der Blitz aus dem Bett und schoss in seine Jeans. An der Tür hielt Dix ihn an der Schulter zurück.
   »Sorry, Kumpel, das war gelogen.«
   Der Fausthieb in den Magen traf ihn unvorbereitet, aber gerechtfertigt. Dix brauchte einen nicht zu knappen Moment, bis er wieder Luft bekam. »Es tut mir leid, Wade.« Er japste. »Aber ich brauche wirklich dringend deine Hilfe.«
   Wades jadegrüne Augen blitzten noch immer wuterfüllt unter weibisch langen schwarzen Wimpern, doch nicht umsonst hatten sie während der Hell Weeks Beherrschung und Teamgeist gelernt. Noch ein bisschen mehr hätte Wade durchaus nicht schlecht getan, dachte Dix, während er sich den Bauch massierte.
   »Hier, schnupper mal.« Er reichte ihm das T-Shirt und kassierte einen misstrauischen Blick.
   »Warum?«
   »Ich suche eine Frau.«
   »Yeah, wer nicht?«
   »Komm schon, tu mir den Gefallen. Riech dran.«
   Wade verdrehte die Augen, kam aber seiner Aufforderung dennoch nach kurzem Zögern nach.
   »Und? Was riechst du?«
   »Natriumborat-Tetrahydrat.«
   »Zur Hölle, was ist das?«
   »Bleichmittel.« Wade grinste breit.
   »Und? Was noch?«
   »Phosphonate. Igitt. Gossypol.«
   »Mach mich nicht wahnsinnig. Was ist Gossy…dings?«
   »Der Farbstoff, der in der Baumwollpflanze enthalten ist.«
   »Mann, ich will wissen, ob du ihr Parfüm noch riechen kannst.«
   »Wenn der Gestank deines Schweißes nicht alles andere überdecken würde …«
   »Ratte! Ich hatte das T-Shirt drei Sekunden an.«
   »Schlimm genug.«
   »Komm schon, du musst doch was riechen …«
   »Muss ich?« Wade ließ die Arme sinken und blickte ihn an. Er verzog die Mundwinkel in einer spöttischen Geste und in seinen Pupillen lag ein listiges Blitzen. »Wer muss denn nachher erst mal mein Bike polieren, damit ich in Fahrt komme und vielleicht was erschnuppere?«
   Bastard! Ich polier dir ganz was anderes, wenn du nicht bald … »Ich poliere sie die nächsten drei Wochenenden, okay?«
   Wade grinste breit. »Deal. Schlag ein!«
   Dix deutete auf den Stoff. »Mach weiter. Bitte!«
   Sein Gegenüber schüttelte den Kopf. Wade war höchstens zwei Inch kleiner als er und musste ebenfalls häufig den Schädel einziehen, wenn sie durch Türrahmen schritten. Jetzt hätte er ihn am liebsten um eine Haupteslänge kürzer gemacht. Der Kerl spannte ihn so was von auf die Folter und hatte demonstrativ seinen Spaß dabei.
   »Brauch ich nicht.« Wade schleuderte das T-Shirt in eine Zimmerecke. »Ich habe alles gerochen, was es zu riechen gibt.« Er ließ sich wieder auf sein Bett fallen und rollte sich ein. »Übrigens«, die Augen fielen ihm zu, »du stinkst!«
   Oh nein! Der Drecksack würde jetzt nicht einfach weiterpennen.
   »Wade, bitte …«
   Leise Schnarchgeräusche brachten Dix zum Schweigen. Er zog das Hemd wieder an und schnappte sich seinen Wagenschlüssel. Jetzt halfen nur noch ein Burger und ein Budweiser, obwohl er ihm lieber Katzenpisse unter die Nase gerieben hätte.
   Tatsächlich kehrte nach wenigen Atemzügen das Leben in Wade zurück. Dix hatte gleich noch vier Doppelburger, zwei Portionen Chicken Tenders und ein paar Hot Dogs mitgebracht. Wenn er geglaubt hatte, dass er etwas abbekommen würde, sah er sich getäuscht. Sein Magen knurrte laut und vernehmlich, und sofort hielt Wade schützend den Arm um die große Papiertüte und knurrte in ähnlichem Ton zurück.
   Eine halbe Stunde später saß Dix auf dem Soziussitz der Hajabusa, unterdrückte das Zittern seiner Muskeln und traute sich, die Augen aufzumachen und den Helm abzunehmen. Sie hatten in einer Straße gehalten, die tatsächlich nicht mehr als eine knappe Meile vom Trainingscenter entfernt lag, doch die Fahrt dorthin hatte seinen leeren Magen unter die Fußsohlen katapultiert.
   »Danke, Mann.«
   Wade nahm ihm den Helm ab und schnallte ihn hinter sich fest. Er ließ die Maschine aufjaulen und brauste davon. Der Motorenlärm schallte durch die Vorgärten.
   Dix blickte sich um. Auf dem Rasen vor dem Haus lag ein mit einem roten Streifen überklebtes Schild For Sale. Die hölzernen Läden waren geschlossen. Er blickte auf seine Armbanduhr. Noch keine neun. Wenn Megan tatsächlich hier wohnte, hatte sie sich offenbar wieder schlafen gelegt. Er ging ein paar Schritte den Weg entlang auf die Veranda und die Haustür zu. Sein Herz klopfte zum Zerspringen.
   Was, wenn sie ihm einen Eimer kaltes Wasser entgegenschleuderte? Ihn mit Worten ungespitzt in den Boden stampfte … Und wie zur Hölle sollte er ihr erklären, wie er sie gefunden hatte? Er sollte besser gehen, ehe Megan oder sonst jemand ihn bemerkte. In weniger als fünf Minuten konnte er zurückjoggen, sich ins Bett schmeißen und einige Tage und Nächte durchschlafen. Vielleicht vergaß er sie dann.
   »Jeez«, rief eine fast schrille Frauenstimme in einem lang gezogenen Tonfall. »Da wird sich Megan aber freuen. So schnell hat sie gar nicht mit Ihnen gerechnet. Wann wird denn die Hochzeit stattfinden? Megan …«
   Die Sirene musste Tote aufwecken, stand mittlerweile neben ihm und legte ihm jovial eine Hand auf den Oberarm. Höher kam dieser Gartenzwerg nicht. Die Tür öffnete sich und Megans verstrubbelter Kopf erschien hinter dem Fliegengitter. Sie stieß es mit einem ungläubigen Stöhnen auf. Ihre Augen weiteten sich bei seinem Anblick. Hatte sie geweint?
   »Dein Verlobter, Megan, Darling. Ich kann gar nicht sagen, wie ich mich für euch beide freue, dass er doch schneller von der Geschäftsreise heimgekehrt ist als erwartet.«
   Dix stieg die Stufen zur Veranda hinauf, vor allem, um zu verhindern, dass das neugierige Weib in seinem Rücken Megans verquollene Lider sah. Mit einem eindeutigen Blick über die Schulter wies er die Nachbarin in ihre Schranken. Trotzdem schenkte er ihr ein strahlendes Lächeln. »Bis später, meine Gute.«
   Er schob Megan, die den Mund nicht zubekam, an den Schultern ins Haus und schloss rasch die Tür hinter sich.

Dienstag, 26. Juli
New Orleans

»Bradly Hurst.« Er hält den Telefonhörer ein Stück vom Ohr entfernt. Sein Schädel droht zu platzen. Die leisesten Geräusche dröhnen wie Kanonen-
   schläge durch sein Gehirn. Mit der freien Hand schiebt er sich die dritte Migränetablette an diesem Nachmittag auf die Zunge und spült sie mit einem Schluck Wasser hinunter. »Es tut mir leid, Mr. Brooks. Die Akte liegt noch zur Einsicht bei Gericht. Ich kann Ihnen noch keine weiteren Auskünfte geben.« Er lauscht halbherzig den Worten des Klienten. »Ja, natürlich, unser Büro wird sich bei Ihnen melden und einen Besprechungstermin vereinbaren, sobald die Akte eingegangen ist.« Bradly lässt den Arm fallen, verlangsamt die Bewegung in letzter Sekunde und legt den Hörer so sanft auf der Ladestation ab, als striche er mit dem Finger über eine Blüte, ohne ihre Pollen abzustauben.
   Diese bescheuerten Gefälligkeitsangelegenheiten. Leises Bedauern bahnt sich einen Weg durch den Kopfschmerz und verebbt schon wieder, während sein Blick über den leeren Schreibtisch schweift. Wann hat es aufgehört, dass er sämtliche Strafprozesse vorgelegt bekam? Von den interessanten Fällen bearbeitet er höchstens einen im Jahr und das allein, um sein Image zu polieren und aufrecht zu halten. Sein letzter Prozess liegt bereits zehn Monate zurück. Spitzfindigkeiten ausarbeiten, Lücken finden, Beziehungen spielen lassen, Zeugen im Gericht während des Verhörs den Schweiß aus den Poren treiben, sich unnachgiebige Gefechte mit dem Staatsanwalt liefern, das alles hat ihm einen regelrechten Rausch verpasst.
   Eigentlich will er still vor sich hinlächeln in Anbetracht der Tatsache, dass er sich einen neuen Kick verschafft hat, doch der erwartete Schmerz beim Verziehen der Gesichtsmuskeln hält ihn ab. Der Ausgleich entlohnt ihn so viel prickelnder, als er es sich jemals erträumt hat.
   Seit fast vier Jahren arbeiten drei Junioranwälte in der Kanzlei, allerdings verkündet das Schild an der Hauswand nach wie vor allein Hurst & Son. Solange sich keiner der Junganwälte beschwert, wird Vater kein neues Schild anfertigen lassen. Es würde nur dazu führen, dass sich nach und nach in sämtlichen Gesellschaftsschichten die Bestätigung herumspricht, dass er nicht mehr die Position des Kronprinzen besetzt.
   Du ruinierst deine Gesundheit. Ich meine es nur gut, Junge. Schone dich. Du solltest zum Arzt gehen. Ich wünsche mir doch bald einen Enkel. Und bei deinem Status und Verdienst hast du es nicht nötig, so viel zu arbeiten. Gönn dir mehr Freizeit.
    Ja, finanziell hat er es nicht nötig. Vater zahlt ihm weiterhin ein fürstliches Gehalt und seine Familie ist ohnehin von Haus aus vermögend. Eine Ungerechtigkeit, dass Vater ihm die freie Zeit förmlich aufgezwungen hat. Nur, weil er sich hin und wieder wegen seiner Kopfschmerzen entschuldigt hat und einmal ein Vertreter für ihn einspringen musste, um ein Abschlussplädoyer zu halten. Dabei ist es in diesem Fall wirklich nicht tragisch gewesen. Den Prozess hatte er weit im Vorfeld gewonnen und der letzte Verhandlungstermin entsprach nur noch einer reinen Formsache. Nachdem an diesem Tag die bunten Sterne vor seinen Augen verschwanden und er die Lider wieder zu öffnen vermochte, fuhr er ins Büro. Dort musste er erfahren, dass Vater seine nie enden wollende Überfürsorglichkeit in einen Entschluss umgesetzt hatte, dem er sich wie stets nur beugen konnte. Eine einmal beschlossene Sache gilt für Vater als unumstößlich. Seitdem verbringt Bradly mehr Stunden zur Pflege seines Images im Golf- oder Tennisclub, bei Jagden oder Männerausflügen als im Büro. Anfangs hat es ihm keinen Spaß gemacht, und er hatte sich bereits Wort für Wort ein Plädoyer zurechtgelegt, in dem er Vater auffordern wollte, ihm wieder mehr Fälle zuzugestehen, da entdeckte er eine neue Leidenschaft. Seitdem gestaltet sich seine Freizeit ausgefüllt und manches Mal viel zu knapp bemessen, obwohl die Kanzlei ihm kaum Stunden abverlangt.
   Er stöhnt auf und lässt seinen Bürosessel nach hinten wippen. Sein Gehirn scheint im Schädel Achterbahn zu fahren, an die Knochenschale zu schwappen und zurückgeschleudert zu werden. Er hält den Schmerz nicht mehr aus. Seine Hände zucken wie von allein zu der Tablettenpackung. Eine am Tag, hat der verdammte Quacksalber gesagt und das elende Zeug hilft einen Dreck. Ärzte sollen ihm gestohlen bleiben.
   Ihm schwindelt und er zittert wie im Schüttelfrost, obwohl ihm nicht kalt, sondern heiß ist. Nur der Schweiß auf seiner Stirn nicht, der fühlt sich klamm und eisig an. Eigentlich stehen fast alle Empfindungen seines Körpers in eklatantem Gegensatz.
   Wie kann er trotz der Migräne eine Erregung haben? Sein Geschlechtsorgan pocht und schmerzt, dass er es sich am liebsten mit einer Axt abhacken würde. Er braucht dringend Entspannung, und zwar die der besonderen Art. Das Gefühl, das ihn aufbaut, das seine Sehnsucht stillt, ihm Schmerzen und Frust nimmt, Befriedigung und Glückshormone verschafft. Das darf doch nicht zu viel verlangt sein.
   Dieses Mistbalg ist verschwunden. Zuerst hat er gedacht, dass sie krank ist, sich aber dann gewundert, dass alle Rollläden des Hauses heruntergelassen sind, wann immer er vorbeigefahren ist. Morgen ist der vierte Mittwoch, seit drei Wochen ist sie nicht wieder aufgetaucht. Krankheit, Urlaub, alles hat er ausgeschlossen und mittlerweile herausgefunden, dass Jamie sie ihm entzogen hat. Sie haben sich in Luft aufgelöst. Das kann er nicht hinnehmen. Niemals. Er klammert sich an seine Erinnerungen.
   Mittwoch. Der Tag, an dem Cindys Stundenplan Sportunterricht vorsieht. Sie hat seine Anwesenheit schon seit geraumer Zeit bewusst wahrgenommen. Er genießt dieses göttliche Gefühl. So prickelnd und fantastisch, wenn ihr Blick voller Argwohn unauffällig in seine Richtung gleitet, als glaubte sie, er bemerkte es nicht. Wie sie schnell den Kopf senkt, wenn sie erkennt, dass er sie im Visier hat. Jedes Zucken ihres Körpers schmeckt wie Honig, bringt sein Blut in Wallung und seine Gefühle in Einklang. Es gibt keine Qual, keinen Druck in seinem Kopf, nur weiche, wattige Emotionen, die ihn zur Ejakulation bringen, ohne dass er Hand anzulegen braucht.
   Er sieht sich auf der Tribüne sitzen. Auch wenn es draußen noch kalt ist, auf dem Sportplatz tragen die Mädchen dünnere Kleidung. Ihre kleinen festen Brüste malen sich unter den eng anliegenden T-Shirts ab, ihre runden Hintern unter schwarzen Gymnastikhosen. Viele tragen noch keinen BH, und ihre Tittchen hüpfen, wenn sie die Runde um den Platz drehen und sich warmlaufen. Die anderen interessieren ihn nur am Rande. Wichtig ist allein Cindy.
   Eine Welle des Bedauerns rast durch ihn hindurch, dass die Erinnerung an sie nicht frisch ist, sondern bereits wochenlang zurückliegt. Er lässt die Gefühle Revue passieren, versucht, Linderung daraus zu schöpfen, doch die Wirkung stellt sich nur noch unzureichend ein.
   Heute ist Dienstag, einer seiner Audrey-Tage. Aber weil er Cindy gestern wieder nicht zu Gesicht bekommen hat, spürt er schwelende Angst, ihre Eindrücke könnten vollends verschwimmen. Wenn die süße Erinnerung fehlt, wird der Kopfschmerz zunehmen und ihn umbringen. Er braucht die Hormone, die seine Adern fluten, wenn er an die Mädchen denkt. Allen voran an Cindy. Sie ist seine Favoritin und die wirksamste Schmerztherapie. Wenn nichts anderes hilft, darf man sich doch wohl selbst helfen.
   Als er sie zum letzten Mal mittwochs gesehen hat, trug sie ein Sweatshirt, während sie mit der Mädchengruppe auf den Sportplatz trabte. Nach einer Weile ist ihr zu warm geworden und sie hat es ausgezogen. Ihr Pferdeschwarz hat sich gelöst, als sie es über den Kopf zog und sie hat das Gummi nicht so schnell im Sand wiedergefunden. Die Lehrerin rief bereits ungeduldig, also hat Cindy das Haar offen gelassen. Er sieht es genau vor sich, wie es beim Lauf nach hinten flattert. Er stellt sich den Geruch ihrer schwarzen Mähne vor, gemischt mit dem Wind. Schwarz riecht nicht so gut wie Blond, aber er rechnet es Cindy hoch an, dass sie sich für ihn verändert hat. Bestimmt glaubt sie, er verliert das Interesse an ihr, wenn sie ihr natürliches Aussehen abwandelt und die Züge eines rebellischen Teenagers annimmt, doch sie irrt. Sie tut das nur für ihn, und das lässt sie in seiner Achtung steigen.
   Wenn sich die Sportstunde dem Ende neigt, sieht er Schweißtropfen auf ihrer Stirn glänzen. Sie wirken auf ihrer jungen Haut wie frischer Morgentau, nicht abstoßend, wie er Schweiß allgemein empfindet.
   Am besten gefällt ihm ihr Lachen. Sie hat es noch nicht verlernt, aber es wird schon weniger – ein Übel, das er in Kauf nehmen muss, denn anders wird sie niemals vollkommen auf ihn fixiert sein. Aber bald. Bald wird sie bereit für ihn sein und seine Trophäensammlung wird neuen Glanz erhalten.
   Heiße Wut reißt ihn aus der süßen Rückblende. Es ärgert ihn, dass sie ihn enttäuscht hat. Wie kann diese Schlampe einfach mit ihrer Schwester verschwinden?
   Er hat noch seine zweite Droge, doch die wirkt bei Weitem nicht wie Cindy.
   Dienstag und Donnerstag haben bisher Audrey gehört, das Wochenende hat er anderweitig genutzt. Die Audrey-Tage gestalten sich lange nicht so prickelnd, weil das Mädchen noch nicht auf ihn aufmerksam geworden ist, obwohl er sie seit über einem Jahr beobachtet. Sie zeigt sich einfach nicht so aufgeschlossen wie Cindy. Wer weiß, wie lange es noch dauern wird, bis Audrey ihm ihre gesamte Aufmerksamkeit schenkt, ihm mit Inbrunst ihre Hingabe widmet und ihre Gedanken ständig allein um ihn kreisen. Das entspricht dem Höchsten dessen, was er zu erreichen sucht und Cindy war nah dran. So verdammt nah. Eines nicht fernen Tages wollte er sie in sein Versteck bringen, so wie die anderen. Mit Wehmut denkt er an die Trophäen, von denen einige beginnen, ganz und gar nicht mehr schön auszusehen. Wenn die Leiber anfangen, schwarz zu werden, der flackernde Schein der Fackeln ihre Umrisse kaum noch von den Felswänden löst, dann erlischt sein Interesse und er muss das kahle Gestein mit einer weiteren Eroberung schmücken, bis auch sie verwelkt.
   Er atmet tief ein, versucht, sich den Geruch ins Gedächtnis, in die Nase, auf die Zunge zu rufen. Viel zu lange ist er nicht mehr dort gewesen. Er hat Vorsicht walten lassen. Die Zeitungen berichteten zu häufig von vermissten Mädchen und er musste etwas Wasser den Mississippi hinabfließen lassen. Zeit, in denen er seinen Eroberungen Reife angedeihen lässt.
   Er blickt auf die Uhr. Knapp halb fünf. In drei Minuten wird er aufstehen und gehen. Dienstags niemals auch nur eine Minute früher – aber auch nicht eine Sekunde später. Der Drink im Golfclub wird schon bereitstehen, und anschließend heftet er sich an Audreys Fersen, denn sie führt Punkt sechs ihren Hund Gassi. Ein blöder weißer Pudel, der ihn bereits mehrfach angekläfft hat, ohne dass Audrey aufmerksam wird; merkt, dass sie sich jeden Dienstag und Donnerstag begegnen und sich endlich sein Gesicht einprägt. Natürlich ist ihm klar, dass es für sie so aussehen muss, als wäre es reiner Zufall, dass er um diese Zeit den Club verlässt. Ihr Spazierweg führt an der Golfanlage vorbei und zwischen ihnen liegt ein Zaun. Sie braucht sich also nicht vor ihm zu fürchten. Gute fünfzig Yards trennen ihn von der Bar bis zum Parkplatz und noch einmal zwanzig den Weg entlang bis in die Ecke, in der er seinen Cadillac parkt. Audrey ist ein braves Mädchen. Pünktlich und zuverlässig. Aber noch viel zu unbedarft – es blitzt bislang keine Furcht in ihren Pupillen, ihre Blicke treffen sich nur schweifend und ohne den Adrenalinstoß des Erkennens. In diesen Momenten glaubt er, das Aroma von Panik zu schmecken und es stillt seine bittersüße Gier.
   Wie immer lenkt er den Wagen auf den angestammten Platz. Niemand würde es wagen, sich hierherzustellen, nachdem er deutlich hat verlauten lassen, dass er jeden, der ihm diesen Parkplatz wegnimmt, beim nächsten Delikt hopsgehen lassen wird. Er hat es wie einen Scherz klingen lassen, doch es zeigt Wirkung. Alle liegen ihm zu Füßen, wollen gut Freund mit ihm sein, denn die Herren der Oberschicht haben immer irgendeinen Dreck am Stecken, und sei es, dass ihre blöden Weiber nicht von einem Knöllchen erfahren dürfen, das im Rotlichtbezirk der Stadt vor einem Puff ausgestellt worden ist. Pah! Diese armseligen Säcke. Was sie zu ihrer Befriedigung brauchen, jagt ihm Schauder über den Leib. Diese tausendfach benutzten Weiber, in die ungewaschene Kerle ihre Stängel hineinstoßen. Sie haben keine Ahnung von Reinheit. Nicht nur körperlicher Art. Sie kennen nicht die ganz besondere Keuschheit der Seele. Er braucht den Geschlechtsakt nicht, um höchste Befriedigung zu erfahren. Niemals würde er seine Trophäen an ihren intimsten Stellen berühren, außer, wenn er sie in sein Versteck bringt und sie ausgiebig wäscht.
   Doch anschließend nie mehr. Die anderen wissen nicht, was ihnen entgeht. Ein Höhepunkt, der ohne jegliche Berührung zustande kommt, ohne dieses lüsterne Keuchen, verschwitzte Leiber, stinkenden Schweiß, der die Haut benetzt. Die Reinheit seiner Orgasmen wird einzig befleckt durch die Nässe in der Unterhose. Ein widerliches Übel, dem er nichts entgegenzusetzen hat und es zwangsläufig als dazugehörend toleriert.
   Schon als er den Club betritt, lässt in Anbetracht der Vorfreude wie von Zauberhand der Kopfschmerz nach. Er strafft den Rücken und schiebt sich bis an die Bar, an der die Bloody Mary auf ihn wartet. Wer sich diesen bescheuerten Namen ausgedacht hat, gehört …
   »Mr. Hurst. Schön, Sie zu treffen.«
   Er lächelt, obwohl er Brooks zur Hölle wünscht. Reicht es nicht, dass er ihm im Büro den letzten Nerv raubt? Bradly weiß seine Reaktionen unter Kontrolle und natürlich fällt es ihm nicht schwer, eine freundliche Miene aufzusetzen. Immer wieder streift sein Blick unauffällig die Armbanduhr, während er Small Talk hält. Um drei Minuten vor sechs verabschiedet er sich mit einem herzlichen Schulterklopfen, grüßt hier und dort oder sendet ein Nicken durch den Raum und schließt eine Minute vor sechs die Tür des Clubhauses hinter sich. Fröhliches Hundegebell dringt an seine Ohren, und trotz der grellen Laute stellt sich nicht der geringste Schmerz im Schädel ein.

Dienstag, 26. Juli
Santa Monica, Los Angeles

Dieses verflixte Sodbrennen. Megan schluckte Magensäure hinunter. Sie öffnete den Mund und klappte ihn wieder zu. Das war ihr noch nie passiert. Sie fand keine Worte und schaffte es zugleich nicht einmal, einen Schrei auszustoßen, obwohl ihr Innerstes schrie wie am Spieß. Ein Stalker war mehr als genug!
   Wo kam Dix plötzlich her? Schritt für Schritt wich sie zurück und hielt seinen Blick fixiert. Gott, er würde ihr etwas antun. Pure Lust brannte in seinen Augen, sie kannte diesen Blick genau. Die Gier, wenn sich Männer nicht zurückhalten konnten. Überdeutlich standen die drei Buchstaben in den Pupillen geschrieben. Sex!
   Wie kam er an ihre Adresse? Hatte er sie vor zwei Wochen verfolgt, als sie sich vor dem Lokal getrennt hatten? Das war die einzige Erklärung. Nachdem sie auf seinen Rücken gestarrt hatte, hatte sie sich umgedreht und sich zügig auf den Nachhauseweg begeben. Sie schaute nicht zurück. Zu groß lastete die Befürchtung auf ihr, dass er stehen geblieben sein könnte und sich ihre Blicke erneut trafen. Das hätte sie nicht ertragen und wäre vor Scham in Ohnmacht gefallen. Allerdings hätte sie nie und nimmer damit gerechnet, dass er ihr hinterrücks folgte. Sie erwies sich als so was von dämlich!
   »Du bist mir vom Café aus gefolgt, du Schweinehund!« Hinter ihrem Rücken tastete sie nach dem offen stehenden Waffenschrank, berührte mit den Fingerspitzen kühles Metall. Ihre Erregung wich und Sicherheit strömte durch ihre angespannten Muskeln. Sie griff zu, riss die Arme nach vorn und entsicherte die Waffe, während sie sich in Position brachte und auf seinen Oberschenkel zielte. »Bis hierher und keinen Schritt weiter.« Wie blöd. Wenn sich etwas bewegt hatte, dann allenfalls sein Blick, der ihr mit beinahe spöttischer Ruhe folgte.
   Er stand noch immer an der Tür und lehnte die Schulter gegen den Rahmen. Ein Bild von einem Mann. Hochgewachsen, lässig, männlich, sexy. Selbst im Halbdunkel des Korridors strahlten seine blauen Augen wie Edelsteine. Wie blaulila Tansanite, wunderschöne Mineralien aus dem Norden Tansanias, das sie mit ihren Eltern bereist hatte.
   »Ich musste dich sehen, Megan.«
   Ihr Herz rutschte eine Etage in den Abgrund und hämmerte lauter als ihr lieb war. »Warum?«
   »Ich hätte dein Angebot gern angenommen.«
   »Klar. Du hast hunderttausend gute Gründe, nicht wahr?« Sie lachte hart.
   Sein Blick streichelte ihr Gesicht, zärtlich, intensiv und irgendwie … traurig. »Eigentlich nur zwei.«
   »Und die wären?«
   Dix nickte in Richtung ihrer Glock. »Würdest du mir so weit trauen, das Ding da runterzunehmen, während ich es dir erkläre? Du machst mich ein bisschen nervös.«
   »Keine Panik, ich kann damit umgehen.«
   »Es ist eine längere Geschichte.«
   »Und du glaubst, ich will sie hören?« Tatsächlich brannte sie darauf, seine Gründe zu erfahren, aber das musste er nicht wissen. Sie war allerdings noch immer nicht überzeugt, es nicht mit einem Vergewaltiger, einem Psychopathen oder einfach einem geldgierigen Schmarotzer zu tun zu haben. Andererseits meldete sich das laute Pochen ihres Herzens, das nicht vor Panik schlug, sondern … nein. Keine Gefühle.
   Sie wedelte mit den ausgestreckten Händen und zeigte mit der Waffe in Richtung Wohnzimmertür, zielte aber sogleich wieder auf seinen Oberschenkel. »Rein da.«
   Er drehte ihr nicht den Rücken zu, sondern schob sich seitwärts in den Raum.
   »Setz dich auf das Sofa.«
   Der Plastikbezug, den sie noch immer nicht abgenommen hatte, knisterte. Dix schob seine massige Gestalt geschmeidig in die Polster.
   Megan blieb stehen und hielt weiterhin seinen Schenkel im Visier. »Also?«
   Dix schluckte, räusperte sich und legte diesen Hundeblick auf, den er ihr im Trainingscenter zugeworfen hatte. »Du wirst mich nicht erschießen, wenn ich die Wahrheit sage?«
   »Kommt drauf an.«
   »Ich denke, dann gehe ich doch lieber.« Er erhob sich langsam, auf jede Bewegung bedacht.
   Nein, so hatte sie das nicht geplant. Sie wollte seine Gründe wissen, und sei es aus reiner Neugierde. Daher hob sie die Waffe höher. Mit befehlsgewohnter Stimme forderte sie ihn auf, sich wieder zu setzen. »Spuck’s aus.«
   Er sah ihr geradewegs in die Augen. »Mein Arbeitgeber kann das Geld mehr als gut gebrauchen. Ich habe beschlossen, es ihm als Darlehen zur Verfügung zu stellen. Acht Arbeitsplätze hängen davon ab.«
   Etwas in seiner Stimme brachte sie zum Nachdenken. Gleichzeitig rührte es sie, dass er das Geld nicht für sich wollte, sondern es für einen sinnvollen Zweck zur Verfügung zu stellen gedachte. Er ging dabei ein nicht unerhebliches Risiko ein, es zu verlieren, ohne jemals selbst in den Genuss gekommen zu sein. Und das schlimmstenfalls sogar in wesentlich kürzerer Frist als die Verpflichtung galt, an ihrer Seite zu bleiben. Wenn er die Wahrheit sagte. Sie forschte in seinem Blick. Ob sie ihn fragen sollte, um was für eine Firma es sich handelte? Welche Jobs genau in Gefahr schwebten und weitere Einzelheiten des Vorhabens? Ehrlich gesagt ging sie das überhaupt nichts an. Sie hatte ihm ein Angebot gemacht und was er mit dem Geld anstellte, sollte allein ihm überlassen sein. Ob er es beim Blackjack auf den Kopf haute oder sonst was damit anstellte. »Und was ist Grund Nummer zwei?«
   Er schielte auf die Waffe, sah ihr aber sogleich wieder in die Augen und erwiderte ihren Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. »Ich dachte, du könntest Hilfe gebrauchen und fand es das Abenteuer wert, herauszufinden, was du verbirgst, Megan.«
   Verflucht! Las man ihr an der Nasenspitze ab, dass sie Probleme hatte? Oder war er nur ein besonders guter Menschenkenner? Was, wenn es mehr von dieser Sorte gab? Wenn sie nicht jedem etwas vorzuspielen vermochte? Sie hielt es zwar kaum für vorstellbar, dass sich irgendeine Brücke von L. A. nach New Orleans spannte, doch die Angst, Bradly Hurst könnte Kristy und ihr auf die Fährte kommen, schnürte ihr die Luft ab. Sie musste vorsichtiger sein, durfte niemanden ihre Sorgen spüren lassen. Megan zwang sich ein Lachen ab. »Ich habe nichts zu verbergen.«
   »Ah ja.« Er zwinkerte ihr frech zu.
   Sogleich ärgerte es sie, dass er nur diesen Kommentar von sich gab und ein amüsiertes Grinsen an den Tag legte, das den lustvoll glitzernden Ausdruck seiner Augen schelmisch untermalte.
   »Du nennst es also normal, dass eine Frau einem Wildfremden ein solches Angebot macht? Okay.« Er stand auf. »Am besten streife ich dann mal ein bisschen durch die Gegend und schaue, ob mir vielleicht eine über den Weg läuft, die die Offerte verdoppelt. Vielleicht ja sogar deine reizende Nachbarin?«
   Mistkerl. Er hatte sie und er wusste es. Der tratschfreudigen Elbi sprudelten die Informationen nur so über die Lippen. Verlobter. Geschäftsreise. Anstehende Hochzeit. Warum nur hatte sie so verdammt bescheuert sein müssen, ihr Dix’ Beschreibung vorzuschwärmen, als Elbi beim Kuchenessen nach dem Aussehen ihres Verlobten gefragt hatte. Ihr war auf die Schnelle kein anderer Mann eingefallen, dessen Bild so klar und deutlich vor ihren Augen stand. Jetzt wusste wahrscheinlich bereits die gesamte Nachbarschaft Bescheid und Elbi ging mit einer leeren Kaffeedose umher, um für ein Hochzeitsgeschenk zu sammeln.
   Heiliger Strohsack, in was für eine Lage hatte sie sich hineinmanövriert. Und wie lächerlich sie sich wirklich gemacht hatte, bewies er auch noch mit seinem Spott, dass er ausgerechnet Mrs. Larrimore zu ehelichen bereit wäre, böte sie ihm das Doppelte.
   »Nun, ich werde dann jetzt gehen. Leb wohl, Megan. Und nimm endlich das verdammte Ding runter. Ich werde dich nicht noch einmal belästigen.« Schneller, als sie reagieren konnte, sprang Dix auf und war zur Wohnzimmertür hinaus.
   Sie folgte ihm auf dem Fuße. Gott, wenn er jetzt ging und sie so stur bliebe, würde sie sich noch mehr blamieren. Oder das Mitleid und wahrscheinlich noch mehr die Fürsorge der gesamten Nachbarschaft auf sich ziehen, allen voran Elbridge Larrimores. Das arme, verlassene Mädchen, dessen böser Verlobter in letzter Sekunde einen Rückzieher gemacht hatte. Ließ das bedauernswerte Ding einfach mit dem Haus im Stich. So eine bodenlose Frechheit. Verdammt! »Dix, warte bit…«
   Plötzlich lag eine eiserne Faust um ihren hinabbaumelnden Arm und wand ihr die Pistole aus der Hand. Nicht einmal einen Wimpernschlag später steckte die Waffe in Dix’ Hosenbund und sie fand sich mit den Armen rechts und links neben ihrem Kopf an die Wand gepresst.
   »Einen Kuss, Megan«, raunte er, und in seiner Stimme lag ein einziges, gefährliches Versprechen. »Den bist du mir schuldig.«
   Hielte er sie nicht unnachgiebig fest, sie wäre an der Wand auf den Boden gerutscht und betäubt liegen geblieben. Sein Duft. Seine Nähe. Sein Gesicht, die funkelnden Augen vor ihrer Nase. Sie spürte seinen Atem. Je näher er kam, desto heißer brannte ihre Haut. Oh Gott, sie würde verglühen, noch bevor er seine Lippen auf ihre senkte. Sie musste das verhindern.
   Die einzige Abwehrreaktion, die ihr einfiel, befahl, das Knie nach oben zu reißen und es ihm in die Weichteile zu stoßen. Bevor sie den Gedanken in die Tat umsetzte, presste er seine kräftigen Schenkel an ihre. Seine stahlharten Muskeln zerquetschten sie beinahe. Sie hing zwischen ihm und der Wand wie in einem Schraubstock. Seine Lippen streiften ihr Haar. Eine süße Versuchung, verwirrend und beinahe magisch. Sie wollte, dass er sich von ihr löste und gleichzeitig wünschte sie, ein Mann wie er würde sie für immer so festhalten und vor allem Unheil beschützen.
   Sein Gesicht verschwamm vor ihren Augen, so dicht kam er heran. Dennoch erkannte sie noch glasklar die Herausforderung, die in seinen Augen lag. Hätte sie bei einer normalen Romanze jemals gute Vorsätze gehabt, wären sie in diesem Moment gnadenlos über den Jordan gegangen. Pures Verlangen pochte in jeder Faser ihres Körpers. Sie hatte sich schon eingestanden, dass sie ihn sexuell anziehend fand, aber dass er diese Gier hervorrief, hätte sie niemals erwartet.
   Würde er ihr jetzt auch nur einen Fingerbreit Raum geben, sich zu rühren, sie würde sich an ihn pressen, ihn anflehen, sie nicht loszulassen, sie zu berühren, überall. Nur handelte es sich hier um keine normale Romanze. Er beabsichtigte, sich etwas von ihr zu nehmen, das sie nicht zu geben bereit war. Ihr Mund öffnete sich zu einem Hilfeschrei. Dix nutzte die Gelegenheit und presste seine glühenden Lippen auf ihre. Fast glaubte sie, es müsste zischen. Sie würden sich nie wieder lösen können, wären untrennbar miteinander verschweißt. Er schmeckte gut. Nach Minze und ganz leicht nach milden Kräutern. Sein Duft passte gut dazu und umnebelte ihre Sinne zusätzlich. Sein Deo oder Aftershave roch nach Grapefruit, fruchtig-frisch mit einer leicht bitteren Note, die Euphorie weckte.
   Willig glitten ihre Lippen noch weiter auseinander, gewährten ihm Einlass und sie erwiderte das Spiel seiner Zunge. Zärtlich und herausfordernd, bis sie in einen wilden Tanz verfielen. Dix ließ ihren rechten Arm los und er plumpste kraftlos hinunter. Sein Daumen strich über ihre Wange, streifte ihren Mundwinkel und glitt am Kinn hinab. Er schob seine flache Hand über ihre Brust und sie erschauderte. Er bewegte sich fast nicht, und doch spürte sie, dass er ihre Brustwarze reizte. Mit einer unendlich langsamen, sinnlichen Reibung, die sie mehr in Ekstase versetzte, als hätte er fest und verlangend zugegriffen. Auch das mochte sie, diese Art des Reizes beförderte ihre Lust in ungeahnte Höhen. Sie wollte seinen Namen murmeln, ihr Gesicht an seinem Hals vergraben, ihn riechen und schmecken. Jede Faser seiner Haut mit allen Sinnen erkunden. Als sie scheu ihre Hand auf seine Hüfte legte, fasste er sie und schob sie zurück. Seine Zunge drang noch tiefer und härter in sie ein, nahm von ihr Besitz und machte sich ihren Willen zu eigen. Ein dumpfes leises Stöhnen entwich ihrer Kehle.
   Er ließ sie so unvermittelt los, dass sie taumelte und sich im letzten Moment an der Kommode festklammerte, sonst wäre sie zu Boden gestürzt. Wut brandete auf. »Du … du … Mistkerl!«, fauchte sie mehr, als dass sie artikuliert sprach. Oh, dieses Grinsen. Am liebsten hätte sie es ihm aus dem Gesicht … geküsst.
   Er wandte sich zur Tür. Leb wohl, hörte sie ihn sagen. Mach’s gut, erwiderte sie in Gedanken. In der Realität blieben sie beide stumm. Ihre Blicke hingen ineinander wie verkettet. Sie wusste, es lag an ihr, etwas zu sagen. Ihn zu bitten, zu bleiben. Ihr Angebot aufrecht zu erhalten oder ihm eine Erklärung zu geben, warum sie es doch nicht mehr tun wollte. Es fiel ihr unendlich schwer. Sie kannten sich doch gar nicht, verdammt!
   Und? War das wichtig? Es war doch ihre geniale Idee gewesen, die sie so perfekt gefunden hatte. Was bedeutete es schon, dass sie sich fremd waren. Für Liebe, eine Basis, um den Rest des Lebens miteinander zu verbringen – möglicherweise auch nur einen Lebensabschnitt, wie es heute viele moderne Paare bezeichneten, da wäre es wichtig gewesen. Aber in ihrer Lage? Sie hatte sich immer einen Mann gewünscht, an dessen Seite sie alt werden konnte. Der sie mit siebenundsiebzig noch genauso liebte wie mit siebenundzwanzig, doch das Date hatte sie leider verpasst.
   Er legte die Hand auf den Türknauf. Was zur Hölle würde geschehen, wenn sie weiterhin schwieg? Und welche Auswirkungen hatte es auf ihre Pläne? Kristy vertraute ihr, freute sich so sehr auf ihr Wiedersehen, auf das neue Zuhause, von dem Megan ihr in den glühendsten Farben berichtet hatte. Sie hatte Kristy erzählt, dass sie in Kürze die ersten Kiddies unterrichten würde – bei sich zu Hause, in einem eigens hergerichteten Zimmer über der Garage, wo auch Kristy ihr eigenes Reich haben würde. Und dann die Pläne mit dem Ehemann … Kristy hatte sie ausgelacht, aber auch den Ernst der Lage erkannt und ihr letztlich zugestimmt, dass es keine bessere Tarnung gab, als Megan sie ausgearbeitet hatte.
   Alles würde gut werden. Bald würden sie die Angst vergessen und aufatmen. Anfangen, wieder ein normales Leben zu führen. Kristy würde ihr Studium beginnen, einen netten jungen Mann kennenlernen, ihr erstes Rendezvous genießen.
   Die Haustür öffnete sich einen winzigen Spalt und ein Sonnenstrahl stahl sich in den von den hölzernen Läden abgedunkelten Korridor. Wie lange hatte sie noch Zeit, sich zu entscheiden? Eine Sekunde? Zwei? Sie holte tief Luft. Festigte ihren Blick und straffte die Schultern. »Dix?«
   Das Schweigen, das wahrscheinlich nur einen Atemzug dauerte, geriet zu einer Ewigkeit.
   »Ja?«
   »Bitte bleib.«
   »Und dann?«
   »Du kannst deinem Boss sagen, dass der Deal klargeht.« An den Worten erstickte sie fast und Tränen rannen ihre Wangen hinab. Sie würde sich für fünf Jahre an einen Mann binden, den sie nicht liebte und der ihr keine Gefühle entgegenbrachte außer einer animalischen sexuellen Anziehungskraft. Danach ging sie auf die sechsunddreißig zu, ein Alter, in dem sich manche Paare bereits zum zweiten Mal scheiden ließen. Die Auswahl würde immer knapper werden. Daran wollte sie jetzt nicht denken. Es ging um das Hier und Jetzt, um Kristys Sicherheit und Wohlergehen. Sie hatte sich über Jahre hinweg in einer mit der Zeit immer traumatisierenderen Situation befunden und Megan durfte zurzeit an nichts anderes denken, als dass sie endlich das Versprechen erfüllte, das sie ihren toten Eltern gegeben hatte: Ich werde auf Cindy aufpassen.
   Dix trat auf sie zu. Sie zuckte zusammen, als er die Hand hob und ihr die Tränen aus dem Gesicht wischte, doch er hatte es zum Glück nicht bemerkt. Ihr Herzschlag geriet aus dem Rhythmus, wenn er näher als auf Armeslänge kam. Sie schluckte, bemüht, sich die Verwirrung nicht anmerken zu lassen.
   »Weißt du, gäbe es nicht diese Zwangslage und würde ich diese Jungs nicht als meine Familie betrachten, hätte ich dein Angebot nur unter einer Bedingung angenommen.«
   »Oh.« Sehr geistreich. »Welche?«
   »Dass du dein Geld behältst.«
   »Welchen Grund hättest du dann gehabt, Ja zu sagen?«
   »Ehrlich?«
   »Sicher.«
   »Ich weiß es nicht. Ich muss verrückt sein, aber ich hätte es getan. Einfach so.«
   »Man heiratet nicht einfach so. Das ist ein zu schwerwiegender Schritt.«
   »Ist es das?« Gott, wie er sie anblickte. Ihre Knie drohten, sich in Pudding zu verwandeln. »Warum tust du das, Megan?«
   Sie senkte den Kopf und wehrte sich, als er ihr die Hand unter das Kinn schob und sie zwingen wollte, ihn anzusehen. »Ich kann und will nicht drüber reden, okay?«
   Er schwieg einen Moment und zog die Finger fort. Zurück blieb ein Gefühl von Leere, als die Wärme seiner Haut von ihrer schwand. »Irgendwann wirst du es mir sagen, Megan.«
   »Verlass dich nicht drauf, Dix.«
   Sie starrten sich an. Dickköpfig. Unnachgiebig. Jeder darauf bedacht, den anderen zu zwingen, als Erster den Blick zu senken. Am Ende taten sie es gleichzeitig.
   »Wollen wir jetzt unsere Verlobung nachfeiern?« Er legte ein breites Grinsen in sein Gesicht. Sein markantes Kinn schob sich nach vorn und die Schatten auf seinen Wangen verstärkten sich. Ob er sich seiner immensen maskulinen Ausstrahlung bewusst war? Er wirkte natürlich und ungekünstelt. Seine geschmeidigen Bewegungen strotzten vor Kraft. Wie gern hätte sie alles über ihn gewusst. Wo er geboren war und welche Erinnerungen er an seine Kindheit hatte. Sie hätte ihn nach seiner ersten Liebe ausgefragt, dem ersten Kuss, dem ersten Sex. Es gäbe nichts, was sie nicht von ihm würde wissen wollen.
   Wenn es sie denn etwas anginge, aber das tat es selbstverständlich nicht und so beschloss sie, die kühle Geschäftsfrau zu mimen. »Ich habe Eier im Kühlschrank. Magst du sie mit Speck? Wir können uns einen Kaffee kochen und die Regeln für unser Zusammensein festlegen. Wie klingt das?«
   »Unwiderstehlich.«
   »Aber erst will ich meine Glock zurückhaben.« Megan streckte ihm die Rechte entgegen.
   Er griff an seinen Hosenbund und zog die Pistole heraus. Ohne hinzuschauen, entfernte er das Magazin und hielt ihr Waffe und Munition getrennt entgegen. Megan verschloss sie im Waffenschrank und hängte sich das Schlüsselkettchen um den Hals. »Einen Kaffee kann ich jetzt wirklich vertragen.«
   Er folgte ihr in die Küche, in der sich noch einige Utensilien zum Wegräumen auf der Arbeitsplatte stapelten. Tupperdosen, Geschirrtücher und ein paar Kochtöpfe, alles noch in der Originalverpackung. Sie hoffte, dass er keine dummen Fragen stellen würde.
   »Woher hast du die Waffe und warum kannst du so gut damit umgehen?«
   Na bestens, das ging ja gut los. »Ich …« Die Türklingel enthob sie einer Antwort, ließ sie dafür jedoch zusammenzucken.
   »Erwartest du jemanden?«
   Sie dachte nach. Irgendetwas lag heute an, doch ihr wollte nicht einfallen, was. »Eigentlich nicht.«
   »Warum erschrickst du dann so? Ich dachte schon, es kommt jemand, mit dem ich nicht zusammentreffen soll.«
   Megan lachte und fühlte sich plötzlich befreit. »Blödsinn. Ich weiß nicht, was du für irrige Vermutungen anstellst – aber ich bin keine feindliche Agentin in geheimer Mission.«
   »Du solltest dir eine andere Türklingel zulegen«, sagte Dix, während er sie zur Haustür begleitete. »Dieses schrille, eintönige Geräusch ist zum Verrücktwerden.«
   »Habe ich schon. In irgendeiner Ecke liegt ein melodischer Dreiton-Gong herum. Eine Erinnerung an mein altes Zuhause.«
   »Das wo lag?«
   Oh nein, Junge, so überrumpelst du mich nicht. Sie grinste, schwieg und öffnete mit Schwung die Haustür. Gleich auf den ersten Blick sah sie ihn. Er funkelte und blitzte im Sonnenlicht. Megan rannte die Stufen der Veranda hinab.
   Ihr Dodge Nitro. Dass sie das vergessen hatte … tz.

*

»Wollen wir eine Probefahrt machen?« Dix beobachtete, wie Megan verlegen den Fahrzeugschlüssel in den Fingern drehte. Sie wies auf die Beifahrerseite und er atmete innerlich auf. Sie schickte ihn nicht fort. Irgendwie weigerte sich sein Verstand nach wie vor, zu glauben, dass ihr Deal stand.
   »Wohin?«
   »Was hältst du von einem Strandspaziergang?«
   Megan nickte. Er sog jede ihrer Bewegungen auf, registrierte, wie sie sich professionell durch den Verkehr schlängelte. Sie besaß eine routinierte Fahrweise. Nicht die übliche Zurückhaltung und Unsicherheit, wie es sonst bei Frauen häufig zu beobachten war. Sie trat kräftig das Gaspedal durch, um an Kreuzungen abzubiegen, schob sich mit dem Fahrzeug in kleinste Lücken zwischen längeren Kolonnen, statt hilflos stehen zu bleiben und auf eine günstigere Gelegenheit zu warten. Sie musste über eine Menge Fahrpraxis verfügen. Er streckte den Arm aus und schaltete das Radio ein. Der eingestellte Sender brachte Nachrichten und er suchte eine andere Frequenz, bis er Softrock fand. Die Lautstärke regelte er so, dass sie sich noch unterhalten konnten, allerdings fanden weder Megan noch er einen Anfang.
   Sie parkte den Wagen am Playas Santa Monica mit Blick über den breiten hellen Strand zum Meer.
   Eine warme Brise strich über seine Haut. Er ging um den Wagen herum und griff nach Megans Hand. Sie wollte sie ihm entziehen, doch er hielt sie fest. »Wir müssen doch üben, wie ein verliebtes Paar auszusehen, nicht wahr? Stell dir vor, deine Nachbarin beobachtet uns.«
   »Wird sie gerade jetzt wohl kaum«, murrte Megan, aber er spürte, wie ihr Widerstand nachließ.
   Vom Asphalt aus gelangten sie direkt an den Strand. Nach wenigen Yards zog er seine Schuhe aus und Megan tat es ihm gleich. Die Sonne hatte den Sand noch nicht so stark erhitzt, dass er die Fußsohlen verbrannte, aber er gab schon gehörige Wärme ab. Oder stammte die Hitze von Megans Fingern, die er wieder mit der Hand umschloss? Er wusste es nicht, wollte es auch nicht wissen, sondern genoss einfach nur das Gefühl, ihr nahe zu sein. Nicht schlecht. Daran konnte er sich gewöhnen.
   Bis zum Wasser mussten sie gute zweihundertfünfzig Yards laufen. Das Rauschen der sich brechenden Wellen wurde lauter. Um diese Zeit lag der Strandabschnitt menschenleer vor ihnen. Nur Hunderte Fahrzeugspuren und das Gekreische einiger Kalifornischer Schopfwachteln zeugten von Leben. Sie traten an das Wasser, bis der Schaum der Wellen ihre Füße umspülte. Das Laufen auf dem nassen Sand war angenehmer als auf dem trockenen. Sie marschierten in einer Geschwindigkeit voran, als gälte es, einen Wettbewerb im Nordic Walking zu gewinnen. Nach einer Weile bremste Dix seine Schritte und zog Megan am Arm zurück.
   »Kannst du nicht mehr oder was?«
   Er lachte. »Doch. Aber ich denke, wir sollten reden statt rennen.« Er ließ sich in den Sand fallen und zog Megan mit. Sie landete über seinen ausgestreckten Oberschenkeln und rappelte sich hastig auf, wobei sie versehentlich seinen Schritt streifte. Bingo. Er stand. Aufrecht wie ein Zinnsoldat und befände sich Klein-Dix nicht eingeklemmt, wäre er ihm wohl am Bauchnabel aus der Hose gesprungen. Nur wegen einer winzigen, unbeabsichtigten Berührung. Beinahe hätte er Megan gebeten, das zu wiederholen, aber er verkniff es sich. Er betrachtete ihr Profil. Der laue Wind legte eine blonde Haarsträhne über ihre Wange. Wie gern hätte er sie zurückgestrichen, mit den Fingerkuppen die Linie ihres Unterkiefers verfolgt, hinab zu den wundervollen Wölbungen unter ihrer Bluse. Rundausschnitt. Ein tiefes V wäre ihm deutlich lieber gewesen. »Wann wollen wir heiraten?«
   Sie blickte ihn an. Grübelte. Er sah es an den winzigen waagerechten Falten, die sich auf ihrer Stirn bildeten. Ob sie wusste, wie verführerisch sie wirkte? So verbissen um Beherrschung bemüht, um Geschäftsmäßigkeit.
   »Lass uns damit anfangen, uns ein wenig besser kennenzulernen und uns ein paar Fragen beantworten.«
   »Okay.« Er wartete darauf, dass sie loslegte, tippte, dass sie gleich mehrere auf einmal abfeuern würde, doch es kam nur eine.
   »Wie alt bist du?«
   »Zweiunddreißig.«
   »Dreißig«, erwiderte sie und strich sich endlich das verführerisch wehende Haar hinters Ohr. »Was machst du beruflich?«
   Auf diese Frage hatte er sich vorbereitet, wenn auch nur auf die Schnelle. Er hatte in Absprache mit Max beschlossen, ihr einiges an Wahrheit aufzutischen, aber nicht alles. »Max, den du im Trainingscenter kennengelernt hast, ist mein Boss. Gemeinsam mit sieben Jungs einschließlich mir ist er dabei, so etwas wie eine Security-Firma auf die Beine zu stellen. Du weißt schon … Objektschutz, Veranstaltungsschutz, Personenschutz, Begleitung von Geld- und Werttransporten, Chauffeurdienst und Detekteiservice.«
   »Und darin seid ihr qualifiziert und habt Chancen auf dem Markt?«
   »Max verfügt über weitreichende Verbindungen, und die Jungs und ich absolvieren regelmäßige Trainings. Wir lernen ständig dazu und werden in speziellen Bereichen ausgebildet.« Er legte eine Pause ein, wollte fragen, welchen Beruf sie ausübte, aber er entnahm ihrer Miene, dass ihre Wissbegierde noch nicht gestillt war. Deshalb setzte er noch eine Erklärung hinzu. »Max ist für uns wie ein Vater. Er hat einige von uns von der Straße geholt. Wir sind ihm dankbar und wollen die Gelegenheit nutzen.« Er rieb sich über das Kinn. »Ich werde hin und wieder unterwegs sein, vielleicht auch mal für ein paar Wochen.«
   Sie nickte nur, sah wehmütig aus.
   »Als was arbeitest du?«
   Megan senkte den Kopf. »Als Nachhilfekraft.«
   »Und was unterrichtest du?«
   »Deutsch.«
   Sie war also gebildet, das hatte er bereits vermutet. Ihre Ausdrucksweise klang geschliffen, aber auch befehlsgewohnt, als hätte sie eine leitende Position inne. Oder einen verantwortungsreichen Job. Auf eine Nachhilfelehrerin hätte er im Traum nicht getippt, aber okay. Im Raten erwies er sich im Allgemeinen nicht als besonders gut, dafür im Kombinieren. Allerdings wollte sich in Bezug auf Megan kein Schema ergeben, nichts, was er als Puzzlestücke zusammenfügen konnte, um sich ein Bild zu machen. Die Waffe und die professionelle Art, wie sie damit umging, passte nicht, so wie einige andere Dinge, die ihm aufgefallen waren. Megan wirkte sportlich, beinahe sehnig, würde nicht ein winziges bisschen Speck hier und da ansehnliche Rundungen formen. Es stand ihr gut. Dennoch wirkte es … er fand nicht gleich den richtigen Begriff … unecht. Ja. Es stand ihr, aber es passte nicht zu ihr.
   »Was sind deine Hobbys?« Dieses Frage- und Antwortspiel erinnerte ihn an das Herantasten an das andere Geschlecht während der ersten Klassen der Highschool. Ungewohnt, seltsam, aber irgendwie auch nicht schlecht. Es verursachte hier und da kleine Hormonstöße, die süß und prickelnd durch seinen Körper zogen. Nie hatte ihn Persönliches an seinen Partnerinnen interessiert. Meistens fragte er allenfalls nach ihren Namen. Nach dem Sex. Wenn überhaupt.
   Megan hob den Kopf und blickte in die Ferne. Genauso weit, wie ihr Blick schweifte, schienen sich ihre Gedanken in der Unendlichkeit zu verlieren. Er dachte schon, sie hätte seine Frage überhört.
   »Wenn ich recht darüber nachdenke, habe ich gar keine.«
   »Und was machst du so während deiner Freizeit?«
   Sie schüttelte den Kopf. Plötzlich wandte sie sich ihm zu. »Wir brauchen uns nicht damit abzumühen. Lass uns einfach die Regeln festlegen, ja?«
   Da war er gespannt. Er stellte sich das Zusammenleben aufregend vor. Wie er versuchen würde, nach und nach ihre Geheimnisse herauszukitzeln. Er sah sie in seinen Armen liegen, während er ihr über den nackten Rücken streichelte und sie ihm schließlich vertrauensvoll ihr Innerstes offenbarte. Kleine Megan, dachte er und Zärtlichkeit flutete seine Sinne. Sie wirkte so schutzbedürftig, trotz des Panzers, den sie um sich herum aufzubauen versuchte. Er nahm den Faden auf. »Du meinst, wir legen fest, wie wir uns wann verhalten?«
   »Ja.«
   »Erzähl.«
   »In der Öffentlichkeit muss alles echt wirken. Liebevoller Umgang, vertraute Gesten, du weißt schon …«
   »Ein Küsschen hier oder da? Ein zärtliches Über-den-Arm-Streicheln, galantes Zurechtrücken des Stuhls, Händchen halten und so etwas?«
   »Genau. Du kapierst schnell.«
   »Und hinter den Kulissen?«
   »Werden wir einfach höflich, nett und respektvoll miteinander umgehen. Getrennte Schlafzimmer. Getrennte Kasse. Getrennte Interessen und freie Gestaltung der Aktivitäten. Keine Gemeinsamkeiten, keine Sentimentalitäten, jeder ist für sich selbst verantwortlich.«
   »Das heißt, du kochst nicht für mich?«
   »Nein.«
   »Bügelst nicht meine Wäsche?«
   »Du hast sie wohl nicht alle.«
   »Wir werden keinen Sex haben?«
   »Nein!«
   Megan sprang auf und lief ein paar Schritte voran. Er beeilte sich, sie einzuholen und verstellte ihr den Weg. »Auch nicht in der Öffentlichkeit?« Er fing ihre Rechte ab, bevor sie seine Wange traf. »Baby, wenn das einer sehen würde.« Dix betrachtete schmunzelnd, wie sich das Rot in ihrem Gesicht vertiefte.
   Den Weg zum Wagen zurück gingen sie schweigend.
   »Soll ich dich irgendwo absetzen?«
   »Du könntest mich zum Fitnesscenter begleiten und mir helfen, meine Siebensachen zu packen.« Er hörte ihr heftiges Schlucken. »Ich werde doch ab sofort bei dir wohnen, oder?«
   »Ja.« Wie im Flugzeug knirschte sie mit den Zähnen.

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