Als Annas Baby stirbt, sie ihren Mann beschuldigt und sich trennt, gesteht Bardo ihr endlich seine Liebe. Obwohl er sich rührend um sie kümmert, kann er ihr Herz nicht erobern. Er bedrängt Anna so sehr, dass sie sogar in eine andere Stadt flieht. Bardo folgt ihr heimlich. Weil sie inzwischen mit Mario zusammen ist, wirbt er nicht offensiv um sie, sondern mailt er ihr über eine Internetpartnerschaftsagentur als Thomas. Als Anna ihn tatsächlich treffen will, zögert Bardo. Was passiert, wenn Anna entdeckt, dass Thomas ihr alter Freund Bardo ist? Und muss er Mario nicht erst von ihr wegtreiben? Besessen taktiert Bardo immer gewagter und verstrickt sich in sein Netz aus Lügen und Intrigen. Dabei kommt Anna ihm auch noch auf die Spur. Hat er nun endgültig verloren? Oder kann es für ihn und Anna doch noch die ersehnte große Liebe geben?

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ISBN: 978-9963-53-781-5

Seiten: 449

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Linne van Sythen

Linne van Sythen
Linne van Sythen ist das Pseudonym der Autorin Ursula Wohlfart. Sie studierte Soziologie und Pädagogik und veröffentlichte viele Fachbücher. In der Belletristik startete sie mit einem Geschichtenband über Liebesturbulenzen in der Weihnachtszeit und einem Krimi „Zucker auf der Fensterbank“. Die Autorin lebt mit ihrem Mann Paul und ihrer Bernhardinerhündin Paula in einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen. Sie arbeitet in der beruflichen Weiterbildung. Wenn sie belletristisch schreibt, kreist sie um Frauen und Männer, die eine ausgefallene Geschichte haben und vom Leben und in der Liebe besonders herausgefordert werden.

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TEIL I




Kapitel 1
Juli 1996

Bardo schlug mit der flachen Hand auf seinen Schreibtisch. Der Bildschirm wackelte, die Tastatur erzitterte.
   »Der muss im Vollrausch geschrieben haben!« Was für ein langatmiges Geschwafel, welch ein unsortierter Erguss. Wie konnten die ihm nur fünfundvierzig Seiten als Vorlage schicken? Eine Zumutung! Er würde Stunden brauchen, um einen aussagekräftigen, kurzen Text für den Flyer zu schreiben. Wenn er nur nicht schon morgen früh einen Entwurf an Domino liefern müsste. Hätte er mit diesem unseligen Auftrag bloß eher begonnen.
   Bardo schenkte sich Kaffee nach, zündete sich eine Zigarette an, inhalierte tief. Erst mal die Kernbotschaften aus der Textvorlage herausfiltern und in eine sinnvolle Reihenfolge bringen. Widerwillig schaute er wieder auf das Geschreibsel vor ihm auf dem Bildschirm.
   Es schellte.
   Er stöhnte auf, tippte auf sein Mousepad. Er würde nicht öffnen, er musste ranklotzen. Missmutig überflog er die erste Seite.
   Es klingelte erneut. Länger, dringender.
   »Nein, nein, nein«, fluchte er. Er hatte keine Zeit. Für nichts, für niemanden.
   Wieder läutete es.
   Bardo seufzte. Er lief in den Flur und drückte auf den Summer für die Sprechanlage. »Ich komme gerade aus der Badewanne und bin nicht zu sprechen.«
   Keine Antwort. Dafür klopfte jemand gegen seine Wohnungstür. Er rieb sich den Nacken. Bestimmt die Mohnholz. Bestimmt wollte sie ihn mal wieder mit spitzer Zunge ermahnen, seine Wäsche abzunehmen und den Trockenboden für sie freizumachen. Heute hatte er keine Zeit für Hausarbeit. Bardo riss die Tür auf, gepfefferte Worte bereits auf der Zunge.
   Vor ihm stand Anna. Sie hielt Sven-Martin auf dem Arm, eingehüllt in seine hellblaue Kuscheldecke. Ihm fiel sofort auf, wie schick sie sich gemacht hatte. Die weiße Spitzenbluse und der hellrote Blazer mussten neu sein. Eine feine Woge Blumenparfum wehte ihm entgegen.
   Anna schmunzelte. »Du bist ja gar nicht nackt.« Ihre Miene wurde ernst. »Es tut mir so leid. Ich weiß, dass du arbeitest, aber ich hab keine andere Lösung. Ilona ist nicht da und Birgit hat Geigenunterricht.« Ihre Stimme kiekste. »Hab beide angerufen.«
   »Nun mal ganz ruhig, Anna.« Besorgt schaute er zu ihr auf. Wie sie da auf seiner dicken Fußmatte stand, kam sie ihm noch ein Stück größer vor als sonst. »Wo brennt’s denn?«
   »Ich hab gleich den Termin mit den Restaurantchefs. Muss dringend los.« Sie trat von einem Fuß auf den anderen. »Du weißt doch, das Event im Herbst. Duisburg bittet zu Tisch. Und Pit ist noch nicht da.«
   Bardo musterte sie besorgt. Die Hektik sprang ihr aus blitzenden Augen.
   »Pit hat versprochen, um halb sechs zurück zu sein.« Anna hieb mit der Faust gegen den Türrahmen. »Schon wieder kommt er zu spät.«
   Sven-Martin kreischte los. Anna schaukelte ihn, pustete auf seine Stirn.
   Bardo schloss kurz die Augen, atmete tief aus. »Gib schon her.« Er streckte die Arme nach dem Kleinen aus. Da würde er wohl eine Nachtschicht schieben müssen. Als Freiberufler konnte er es sich nicht leisten, nicht termingerecht zu liefern.
   »Ich weiß gar nicht …«
   »… wie ich dir danken kann?« Er winkte ab. »Komm, lass.«
   Anna drückte ihm Sven-Martin in den Arm. Bardo umfasste ihn zärtlich. Der Kleine roch angenehm nach einer Mischung aus Zwieback und Zimt.
   »Hier ist das Fläschchen.« Sie zog es aus der linken Tasche ihres Blazers. »Du brauchst es nur warm zu machen.«
   Er nahm es, stellte es auf seinen Schuhschrank. Schwungvoll hob er Sven-Martin hoch über seinen Kopf. »Ganz ruhig, mein Kleiner. Onkel Bardo ist ja da. Und gleich gibt’s was Leckeres zu futtern.« Sven-Martin hörte auf zu schreien, jauchzte.
   »Vergiss das Bäuerchen nicht.« Anna zerrte zwei Pampers aus der rechten Tasche ihres Blazers. »Hab ihn eben noch frisch gemacht. Aber falls er …«
   Bardo griff nach den Windeln. »Ich weiß doch. Wann bist du zurück?«
   »So gegen zweiundzwanzig Uhr, aber Pit kommt bestimmt gleich. Hab ihm einen Zettel geschrieben, dass Sven-Martin bei dir ist. Er holt ihn sicher in der nächsten halben Stunde ab.«
   Er zog die Augenbrauen hoch. Ob sie das wirklich glaubte? So, wie er Pit kannte … »Der Lütte und ich kommen schon klar. Wir sind ein unschlagbares Team.« Er stupste dem Jungen auf die Nase.
   »Du bist der Beste, Bardo. Tschüss. Bis morgen bei Kaffee und Kuchen, ja?«
   Er nickte. Morgen wurde Sven-Martin ein Jahr alt, und er hatte noch kein Geschenk.
   Anna rannte los. Er blieb stehen, sah ihr nach, lächelte versonnen. Erst, als das Klappern ihrer Pumps auf der Holztreppe nicht mehr zu hören war, schloss er die Wohnungstür.

Oh, wie so trügerisch sind Weiberherzen … Der Klingelton seines Handys riss ihn aus dem Schlaf. Missmutig schaute er auf seinen Wecker. Kurz nach neun Uhr. Heute hätte er gern mal länger geschlafen. Erst gegen drei Uhr früh hatte er den Textentwurf für den Flyer endlich fertig gehabt und an Domino gemailt. Sven-Martin war glücklicherweise schnell eingeschlafen, kaum hatte er sein Fläschchen ausgetrunken. Und Bardo hatte recht behalten. Nicht Pit, sondern Anna hatte den Kleinen kurz vor dreiundzwanzig Uhr abgeholt.
   Wer rief so früh an? Bestimmt die Werbeagentur mit irgendeiner blöden Kritik an seinem nächtlichen Arbeitsergebnis. Wie er es verabscheute, vor der ersten Tasse Kaffee geschäftliche Gespräche zu führen. Er griff nach seinem Handy, wälzte sich aus dem Bett und lief auf bloßen Füßen in die Küche. Erst dort nahm er das Gespräch an. »Ja, Kiesenberg.« Er hustete, verfluchte die vielen Zigaretten in der Nacht und griff nach der Kanne seiner Kaffeemaschine.
   »Pennst du etwa noch, Alter? Hörst dich an wie ’ne verrostete Türangel.«
   Thomas. Ob er etwa aus Spanien anrief? Verrückt, so was. Die Kosten! Und was trieb den so früh aus den Federn? Da musste was passiert sein. Bardo schluckte. Hoffentlich hatte er nicht sein Prachtstück zu Schrott gefahren. Er schloss die Augen, sah es zerbeult und traurig auf dem Hänger eines Abschleppwagens. »Was ist los?«
   »Ich hab dein Frühstück fertig. Alles vom Feinsten.«
   Bardo stutzte. Das blecherne Lachen seines Freundes klang ihm im Ohr.
   »Ich steh gegenüber am Park. Bis gleich, Alter.«
   Er verdrehte die Augen und stellte die Kaffeekanne auf den Kühlschrank. Thomas hatte also gerade Mal knappe zwei Wochen durchgehalten statt sechs.
   Er begnügte sich mit Zähneputzen und einer Katzenwäsche. Hastig zwängte er sich in seine Jeans, schlüpfte in eines seiner weißen kurzärmeligen Oberhemden und zog seine Joggingschuhe an. Er griff nach dem Schlüsselbund und seinen Zigaretten und lief die Treppe hinunter.
   Vor Annas Wohnungstür machte er kurz halt, lauschte. Anna musste längst zur Arbeit gefahren sein. Er hörte Sven-Martin brüllen und schüttelte den Kopf. War Pit zu blöd, seinen Rat zu beherzigen? So oft hatte er ihm schon empfohlen, Sven-Martin in der Wohnung herumzutragen, wenn er schrie. Meist hörte er dann auf. Besonders wenn er Gegenstände gezeigt bekam. Bardo reckte den Hals. Bei ihm klappte die Strategie prima. »Schau mal«, flüsterte er dem Kleinen zu, wenn er ihn durch Annas Wohnung trug, »das ist eine Uhr, das ist eine Blume und das da kennst du doch, nicht? Dein kleiner Elch.«
   Er stapfte hinaus in die Sonne. Heute kam es ihm viel wärmer vor als in den letzten Tagen. Offenbar bescherte die Dunstglocke, die über dem Rhein lastete, diese drückende Schwüle.
   Sein Blick schweifte hinüber zu dem kleinen Park, der genau gegenüber dem Mietshaus begann, in dem er wohnte. Er entdeckte sein Zebra unter einem der Ahornbäume.
   Mit schnellem Schritt überquerte er die Straße und lief an Mehmets Döner-Imbiss und Ellas Würstchenbude vorbei. An seinem schwarz-weiß gestrichenen Bulli angekommen, den er dem Freund für seine Liebeskummervergessensreise geliehen hatte, atmete er auf. Sein Schatz war heil, strahlte frisch gewaschen. Von Thomas keine Spur.
   Bardo umrundete sein Unikum und entdeckte ihn ein paar Meter weiter. Thomas hockte auf einem der Klappstühle auf einem Rasenstück, das noch im Schatten mehrerer Linden lag. Auf dem kleinen Campingtisch, den er genau wie die zwei Stühle vor seiner letzten Italienreise angeschafft hatte, erspähte er frische Brötchen, Käse und Schinken, aufgeschnittene Tomaten und Oliven. Neben dem Tisch brutzelten auf seinem Gaskocher Spiegeleier. Der Geruch des Specks lockte seinen Magen. Gestern im Arbeitsrausch hatte er kaum etwas gegessen.
   »Hättest dich mir zu Ehren wenigstens kämmen können.« Thomas deutete auf den zweiten Klappstuhl.
   Bardo fuhr sich durch die Haare. »Besser so?«
   »Komm, greif zu.« Thomas grinste und legte ihm zwei Spiegeleier auf den Teller.
   Er setzte sich. »Offenbar habe ich die Wette gewonnen, was? Du kannst jederzeit anfangen, meine Küche zu renovieren.«
   Thomas seufzte. »Nur nichts überstürzen.« Er schenkte Kaffee in zwei blaue Becher.
   Bardo trank ein paar Schlucke und nahm den ersten Bissen. Knusprig, so wie er Spiegeleier liebte. Er lauschte auf das Gezwitscher der Vögel. Draußen zu frühstücken hatte was.
   Thomas schnitt sich ein Brötchen auf. »Hab den Trip an die Costa de Luce ohne Veronika einfach nicht genießen können.«
   Er nickte und streute Pfeffer auf seine Eier. »Also schiebst du weiter Liebeskummer?«
   Thomas grinste. »Besser, der schiebt mich.«
   »Wenn du mich fragst, hast du viel zu schnell aufgegeben«, nuschelte er mit vollem Mund.
   Thomas leckte sein Messer ab, mit dem er Butter auf sein Brötchen gestrichen hatte. »Allein reisen ist für mich wie allein schlafen.«
   Bardo zog die Augenbrauen hoch. Wenigstens sah Thomas nicht mehr so leichenhaft blass aus wie an dem Tag, als er mit seinem Bulli losgefahren war. Sogar seine Glatze zeigte ein gesundes Braun.
   »Hab ich meine Wette vielleicht auch gewonnen?« Thomas blitzte ihn an.
   Bardo säbelte sich eine Scheibe Gouda ab und legte sie auf sein Spiegelei. Andächtig schob er sich den nächsten Bissen in den Mund.
   »Also hab ich.« Thomas feixte. »Du bist die ganze Zeit, die ich weg war, nicht ausgegangen, was? Kein Bar-Besuch und so, stimmt’s? Du hast noch nicht mal eine einzige schöne Frau ins Visier genommen.« Er streckte die langen gebräunten Beine von sich und musterte Bardo durchdringend. »Gib’s zu, du hast nur an diese Anna gedacht.«
   Er entgegnete nichts. Die Wahrheit kommentieren? Wie langweilig.
   Thomas spießte eine Olive auf und funkelte Bardo an. »Also auf in den Flirtkurs.«
   Bardo verdrehte die Augen.
   Thomas riss sich sein schwarzes T-Shirt vom Körper. »Hier kommt’s mir heißer vor als in Spanien.«
   Er sah weg. Thomas’ Waschbrettbauch zu sehen, deprimierte ihn. Vielleicht hätten sie bei ihrem Rotweinbesäufnis vor Beginn der Sommerferien besser wetten sollen, dass er einen der Fitnesskurse im Sportverein besuchen sollte, anstatt den Flirtkurs an der Volkshochschule, falls er es nicht schaffte, während Thomas’ Reise eine Frau kennenzulernen? »Nur nichts überstürzen, mein Lieber.« Er schenkte sich Kaffee nach. »Erst will ich meinen Auftrag fertig haben. Endlich mal einer, der mich elektrisiert.«
   »Ein spannender Auftrag?« Thomas biss in sein Brötchen. »Das höre ich selten von dir.« Er pickte eine weitere Olive auf.
   »Glaub mir, dieser Auftrag fasziniert mich tatsächlich. Eine Sternstunde.« Mit dem trockenen Stoff dieses blöden Auftrags der Nacht nicht zu vergleichen, dachte er. Er erzählte Thomas, dass er für die Duisburger Ehe- und Familienberatungsstellen Interviews zu der Frage Was hält Paare zusammen? auswertete.
   Thomas nahm einen großen Schluck Kaffee. »Schade, dass du daran nicht schon eher gearbeitet hast.« Er seufzte. »Hättest mir was raten können. Vielleicht wären Veronika und ich noch zusammen?«
   Bardo zog die Schultern hoch. »Vermutlich hätten dich meine Erkenntnisse total deprimiert. Ich hab in den letzten Tagen erstaunlich viele Interviews von der Tonbandaufnahme abgeschrieben, in denen Männer und auch ein paar Frauen die heimliche Liebesaffäre als Durchhaltefaktor für lange Beziehungen anpreisen.«
   Thomas schluckte und zündete sich eine Zigarette an. Nach einer Weile flog ein spitzbübisches Lächeln über sein Gesicht. »Für dich müsste doch eine Studie Was bringt Paare zusammen? viel interessanter sein?«
   Bardo schnitt sich eine Tomate auf. »Komm, lass uns über was anderes reden als über unglückliche Liebe.«

Nach dem fürstlichen Frühstück mit Thomas stürzte sich Bardo in die Arbeit. Er überflog die Notizen auf seinen Karteikarten. Was hält Paare zusammen? Kinder, gemeinsame Interessen und Freunde, Treue, gegenseitige Freiräume, Geld, Bequemlichkeit, Wahrhaftigkeit.
   Mal schauen, was er noch herausfinden würde. Er las das nächste Interview auf seinem Bildschirm.
   Treu sein? Nee, würde ich mal nicht so sagen. Hab ich wohl gedacht, als Jeanette und ich geheiratet haben, aber man lernt ständig interessante Frauen kennen. Und dann driftet es eben stark in Richtung Bett. Mit Jeanette ist alles so vertraut. Langweilig? Muss man wohl so sehen. Da tut Frischfleisch gut.
   Bardo stockten die Finger über den Tasten. Verdammt, schon wieder einer, der das Fremdgehen als Beziehungselexier beschwor. Er zog sein Headset ab und strich sich die Haare hinter die Ohren. Mit einem Stofftaschentuch wischte er sich den Schweiß von der Stirn. Wie dieser Marco ihn anwiderte, dieser Topmanager aus der Autobranche. Er speicherte ab und schenkte sich Zitronenlimo nach. Wasser wäre besser, das wusste er. Weniger Kalorien. Aber Wasser war so dröge. Er starrte auf das Foto von Anna auf seinem Schreibtisch. Wie überirdisch sie ihn anlächelte. Wann würde sie endlich begreifen, dass sie mit Pit nicht glücklich war? Was gäbe er dafür, mit ihr und Sven-Martin zu leben.
   Oh, wie so trügerisch … Sein Handy riss ihn aus seinen Träumereien.
   »Kiesenberg?«
   »Anna.«
   »Ja?«, sagte er weich. Hatte sie gespürt, dass er an sie dachte?
   »Feierst du heute Abend mit mir und Sven-Martin?«
   »Ich dachte, ich soll zum Kaffeetrinken kommen?«
   »Mir ist es lieber, wenn du heute Abend bei mir bist.«
   Er runzelte die Stirn. »Sag, du hörst dich so merkwürdig an. Weinst du etwa?«
   »Quatsch. Ich bin nur wütend. Pit will heute Abend unbedingt zu seiner Multikulti-Initiative.«
   »Aha!« Bardo meinte zu spüren, dass Anna die Tränen mühsam unterdrückte.
   »Ein wichtiges Plenum.«
   »Pit ist da eben engagiert, Anna.« Bardo sog die Lippen in den Mund. Warum verflucht entschuldigte er den Rivalen?
   »Ja, ja, ich weiß. Aber unser Kind wird ein Jahr alt und Pit ist es wichtiger, die Ausländer zu integrieren.«
   »Du kannst doch später noch mit ihm anstoßen.« Bardo rieb sich die Nase. Schon wieder stellte er sich quasi auf Pits Seite. Dabei freute er sich doch. Mal wieder ein Abend mit Anna allein. Ein unerwartetes Geschenk. »Okay, also heute Abend. Ich koche uns was Schönes.«
   »Pit kapiert einfach nicht, wie wichtig dieser Tag für mich ist. Wir müssen als Familie zusammen feiern. Weißt du, Bardo, ich werde heute früher Feierabend machen und für Pit und mich was Leckeres zum Mittagessen kochen.«
   Kaum hatte Anna den Hörer aufgelegt, fragte er sich, ob ihr seine Worte von damals nicht in den Ohren klingen mussten. Als sie ihm zwei Monate vor Sven-Martins Geburt erzählte, Pit wolle Elternzeit nehmen, wenn Sohnemann drei Monate alt sein würde, hatte er es nicht glauben wollen. Pit war so umtriebig, so voller Pläne. Bardo erinnerte sich noch genau, wie er Annas Ankündigung weit ironischer kommentiert hatte, als er eigentlich wollte. »Dann hat er ja mehr Zeit für seinen Sport und für seine Multikulti-Initiative, oder? Außerdem will er endlich mit seiner Promotion beginnen. Und das Kind, Anna? Er will sich also um das Kind kümmern, an seiner Karriere basteln, ein zweiter Arnold Schwarzenegger werden und der Welt Gerechtigkeit bescheren. Ob das gut geht?«
   Bardo konnte nicht mehr am Schreibtisch sitzen bleiben. Er stapfte durch seine Wohnung. Was hielt Anna und Pit zusammen? Das Kind? Gemeinsame Interessen? Sex? Er musste aufstoßen.
   Nachdenklich griff er nach seinem Teddybären, presste ihn gegen seine Wange. Wie muffig er roch. Noch gestern Abend hatte er ihn vom obersten Brett seines verstaubten Bücherregals genommen und auf die Liege hinter seinem Schreibtisch gesetzt. Zärtlich zupfte er ein paar Flusen vom Jogginganzug des Teddys. Heute Abend würde er Ochsen, seinen treuen Kindheitsbegleiter, Sven-Martin schenken. Bestimmt würde Anna verstehen, was für ein besonderes Geschenk er ihrem Sohn zum ersten Geburtstag machte.
   Er streichelte Ochsen über die Stirn. Ob es Sven-Martin wohl störte, dass dem Bär ein Auge fehlte? Und wenn Anna ihn fragte, warum der Bär Ochsen hieß? Bardo wusste es nicht mehr. Genauso wenig erinnerte er sich, bei welchem Ritterkampf der Bär sein linkes Auge eingebüßt hatte.

Bardos Finger flogen über die Tastatur. Matthias, Bernd und Max. Wie freimütig und stolz auch sie über ihre Seitensprünge erzählten. So von sich überzeugt, so selbstherrlich. Sieger, die sich alles nahmen. Sie hatten eine feste Beziehung und Affären. Ihn würden sie bestimmt mitleidig belächeln. Mit sechsunddreißig Jahren lediglich drei One-Night-Stands. Und das nur, weil ihm ein paar Zentimeter Körpergröße fehlten? Ein paar Kilos weniger hätten seine Frauenbilanz sicher auch verbessert.
   Bardo stieß die Luft mit einem lauten Pss aus. Marco, Matthias und wie sie alle hießen. Die würden Anna mit allen Tricks umwerben, egal ob es einen Pit gab oder nicht.
   Ob sich Anna auf eine Affäre mit ihm einlassen würde? Er griff nach einem Bleistift und pikste sich die Spitze mehrmals in die Handfläche. Verdammt, nun brachte ihn seine Studie auf solch eine absurde Idee. Thomas hatte recht. Auf Anna zu hoffen, war unsinnig. Er sollte sich schnellstens nach einer anderen Frau umsehen. Aber eine Frau in einer Bar ansprechen, so wie Thomas es ihm geraten hatte? Wie sollte er das anfangen? Was sollte er sagen?
   Bardo hieb mit der Faust auf seinen Schreibtisch. Diese verdammte Wette! Würde so ein verdammter Kurs ihm wirklich helfen, flirten zu können?
   Wie er sich nach einem Glas Rotwein sehnte. Er schmeckte das würzige Aroma eines Barolos bereits auf der Zunge. Bardo mahnte sich. Wenn er erst mal die Flasche öffnete, würde es nicht bei einem Glas bleiben. Der Arbeitstag wäre in den Wind geschrieben. Und bei Anna später mit einem Schwips auftauchen? Nein, nie.
   Er schaute aus dem Fenster hinter seinem Schreibtisch und sah, wie über dem Rhein eine bedrohlich graue Wolkenwand aufzog. Blitze jagten über den Himmel. Wetterleuchten. Ein Gewitter würde guttun, die Schwüle davonjagen. Und nach einem kühlenden Gewitterregen würde er heute Abend mit Anna auf ihrem kleinen Balkon sitzen und dort das Festmahl zu Sven-Martins Geburtstag genießen. Bestimmt begeisterte Anna seine berühmte Lachspastete im Kräuterbett. Erst recht sein Lieblingsbarolo. Und zum Nachtisch …
   Verdammt! Schon wieder bei Anna gelandet. Bardo sprang auf, lief in die Küche und holte sich die WAZ vom letzten Samstag. Im Wochenendmagazin schlug er die Kontaktanzeigen auf. Wenn er eine oder gar mehrere beantwortete … Vielleicht könnte er so eine Frau auftun? Schreiben konnte er bestens. Mit Worten spielen und locken. Einen charmanten Text hinlegen, sicher kein Problem.
   Sollte er gleich beginnen? Aber die Studie? Bardo griff nach seiner Schere. Jetzt oder nie! Er suchte ein paar ansprechende Anfragen von Frauen heraus und schnitt sie aus. Mit Verve formulierte er einen Entwurf für einen Bewerbungstext. Er schmunzelte. Ein Anfang. Immerhin. Wenn Thomas ihn hier sähe, würde er ihm garantiert gratulieren.

;Eine halbe Stunde später schreckte Bardo das Tatütata eines Rettungswagens aus seinen Frauensehnsüchten auf. Er blickte durch sein weit geöffnetes Fenster nach draußen. Inzwischen war Wind aufgekommen. Die Blumen in den Balkonkästen des grauen Mietshauses gegenüber flatterten, genauso wie die T-Shirts, Jeans, Handtücher und Badeanzüge, die die Bewohner auf selbst gezogenen Leinen aufgehängt hatten. Hier im dritten Stock schien es ihm, als flöge der Rettungswagen heran.
   Das Geheul wurde lauter und lauter. Es brach ab. Hatte der Wagen genau vor seinem Haus angehalten? Er sprang auf und streckte den Oberkörper aus dem Fenster hinter seinem Schreibtisch. Tatsächlich, der Wagen mit Blaulicht auf dem Dach quetschte sich schräg in eine zu kleine Parklücke direkt vor dem Eingang. Die Warnlichter vorn und hinten blinkten. Zwei Sanitäter rannten auf die Haustür zu.
   Zu wem wollten sie? Himmel, bitte nicht zu Anna. Er zog den Kopf aus dem Fenster zurück, spürte, wie er noch mehr schwitzte.
   Bardo hastete zur Wohnungstür, riss sie auf und beugte sich über das Treppengeländer. Die Sanitäter polterten die alte Holztreppe hinauf. Sehen konnte er sie nicht, nur ihre zwei weißen Kittelarme mit roten Streifen, die sich auf dem Geländer immer weiter nach oben schoben. Im zweiten Stock verschwanden die Arme. Also wollten die Retter tatsächlich zu Anna. Die Raabes, die bei Anna und Pit gegenüberwohnten, waren um diese Zeit nicht zu Hause, arbeiteten in ihrem Buchladen.
   Anna! Wenn Anna was passiert war!
   Bardo stürzte nach unten. Er sah sich vor wie noch nie, auf der frisch gebohnerten Treppe nicht auszurutschen. Kaum stand er vor Annas Wohnungstür und wollte klingeln, stellte er fest, dass die Tür nur angelehnt war. Bestimmt hatten die Sanitäter sie offen gelassen.
   Mit ausholenden Schritten stapfte er den Flur entlang. Beinah stolperte er über eine volle Einkaufstüte vor der Küchentür, aus der Porreestangen und ein Baguette herausragten. Sein Blick schweifte kurz in die Küche. Abwaschberge auf der Spüle, das Frühstücksgeschirr noch auf dem Tisch. Es roch nach angebrannter Milch.
   Bardo blieb stehen und lauschte auf die Stimmen. Sie mussten aus dem hinteren Teil der Wohnung kommen. Er lief weiter. Die Tür zu Pits Arbeitszimmer war geschlossen. Im Schlafzimmer erspähte er ein leeres verwühltes Bett. Davor lagen wie hingepfeffert eine Jeans, ein gelbes Hemd, eine karierte Boxershorts und gelbe Socken. Bardo erreichte das Kinderzimmer und blieb in der offenen Tür stehen.
   Mitten im Zimmer stand Anna und hielt Sven-Martin an ihre Brust gedrückt. Sie beugte ihr Gesicht tief über das Baby. Die beiden Sanitäter, die dicht bei ihr standen, schauten auch auf das Kind. Bardo atmete auf. Anna war unverletzt. Was war mit Sven-Martin?
   Einer der Sanitäter, offenbar der Notarzt, presste ein Stethoskop auf Sven-Martins Brust. Bardo schaute zu Pit. Er stand etwas abseits, lehnte am Kinderbett, die Augen weit aufgerissenen, die dunkelblonden Locken wild zerzaust. Mit beiden Händen umfasste er seine Schultern, so als wollte er sich selbst festhalten. Neben ihm auf dem Wickeltisch entdeckte Bardo einen kleinen, runden Schokoladenkuchen mit einer Kerze in der Mitte. Ihm stockte der Atem.
   Blitze schossen ihr grelles Licht in den Raum. Es donnerte zwar verhalten in der Ferne, aber der Wind hatte erheblich zugenommen. Es stürmte. Die Jalousie vor dem Fenster schlug klopfend gegen die Scheibe.
   Der Notarzt nahm Anna sanft, aber entschieden das Baby aus den Armen, hielt es waagerecht und musterte es mit besorgtem Blick. Bardo starrte auf das blau-bleiche Gesichtchen und presste die Handflächen gegeneinander. Sven-Martins Wangen, die Nase und Stirn wirkten wie aus Wachs modelliert. Annas weit aufgerissene Augen suchten eine Antwort im Gesicht des Mannes, der ihr Baby fachkundig betrachtete. So blass hatte er sie noch nie gesehen. Er erschrak. Wie stumpf ihre braunen Augen aussahen. Der Arzt sog scharf die Luft durch die Zähne, sein Mund verzog sich. Kaum merklich schüttelte er den Kopf und strich dem Baby zärtlich über die Stirn. Bardo begriff sofort.
   Anna faltete die Hände und presste sie gegen Mund und Nase. Diese Geste zeigte Bardo, auch sie wusste es, ohne dass der Arzt nur ein Wort sagen musste. Sven-Martin war tot. Jegliche Farbe wich aus ihrem Gesicht.
   Es donnerte lauter. Bardo verbot sich energisch den Gedanken, dass der Himmel dieses so überaus traurige Ereignis kommentierte. Er musste aufstoßen, begann zu frieren.
   »Wir müssen die Kripo informieren«, sagte der Arzt leise.
   Anna taumelte und sackte zu Boden. Der Sanitäter griff blitzschnell nach ihr, verhinderte, dass sie mit dem Kopf auf den Stuhl aufschlug, der neben dem Kinderbett stand. Bardo wollte zu Anna, wollte sie wieder aufrichten, wollte sie in die Arme nehmen, aber er bremste sich. Pit war ihr Mann. Und der Vater. Warum tat er nichts, verdammt? Er klammerte sich am Kinderbett fest und schaute von Anna zu seinem Sohn und wieder zu Anna. Auf Bardo wirkte er wie gelähmt, wie jemand, der in einen Albtraum gestürzt war und hoffte, gleich aus dem Grauen zu erwachen.
   Der Sanitäter hob Annas Beine an. Bardo beobachtete, wie ihr Gesicht wieder ein wenig Farbe bekam. Sie öffnete kurz die Augen und schloss sie wieder.
   »Frau Mahler! Frau Mahler!« Der Sanitäter klopfte sanft auf ihre Wangen.
   Anna öffnete die Augen wieder. Bardo seufzte erleichtert.
   »Ein Jahr, nur ein Jahr«, stöhnte sie. Ihr Kopf fiel zur Seite.
   Er fing ihren Blick auf. »Bardo, Bardo«, flüsterte sie.
   Auch die Rettungssanitäter und Pit schauten kurz zu ihm. Der Arzt legte Sven-Martin in sein Bettchen und deckte ihn zu, so als sollte er seinen Mittagsschlaf halten.
   Der Sanitäter ließ Annas Beine zurück auf den Boden sinken. Der Arzt öffnete seine große schwarze Tasche. »Wir spritzen Ihnen Valium«, sagte er zu Anna.
   Anna riss die Augen auf. »Bardo«, rief sie.
   Es schien ihm so, als sagte sie seinen Namen so entschieden und gleichzeitig so flehend, wie er es noch nie von ihr gehört hatte. Das traf ihn ins Herz. Das traf ihn mehr als alle anderen Worte und Sätze, die Anna je zu ihm gesagt hatte.
   Er trat ins Zimmer, hockte sich neben Anna und ergriff ihre Hand. Eine schweißnasse und dennoch kalte Hand. Der Arzt zog die Spritze auf.
   »Nein, nein, nicht hier«, wimmerte Anna. »Die Spritze nicht hier! Bitte nicht!« Sie versuchte, sich aufzurichten. »Bitte oben bei dir, Bardo.« Sie schluchzte auf, zitterte. »Hier bleibe ich nicht.«
   Er drückte ihre Hand. »Ich nehme dich mit, wenn du es willst«, sagte er leise. »Komm, ganz ruhig.« Er sah hinüber zu Pit. Der nahm seine Nickelbrille ab und bohrte den Bügel in seine rechte Wange. Kaum merklich nickte er und presste die Lippen fest aufeinander.
   Bardos Gedanken jagten. Warum war Sven-Martin gestorben? Wie konnte das geschehen? So ein gesundes Kind! Und warum wollte Anna zu ihm und nicht in ihr eigenes Bett?

Kapitel 2
Juli 1996

Gemeinsam mit dem Arzt brachte Bardo Anna in seine Wohnung und legte sie in sein Bett. Den missbilligenden Blick des Mediziners bemerkte er wohl. Mit flinken Händen schob er den vollen Aschenbecher und die Ausgaben des Handelsblatts, die sich am Fußende stapelten, unter das Bett. Anna bekam die Spritze und schloss die Augen.
   Bardo setzte sich in seinen Lesesessel neben Anna. Sie schlief schnell ein. Inzwischen tobte das Gewitter über Duisburg. Es war fast dunkel im Zimmer. Die Donnerschläge krachten so laut, dass er sich wunderte, wie Anna bei diesem Getöse schlafen konnte. Vermutlich wirkte das Valium.
   Wie angestrengt sie aussah. Ihm schien es, als würde sie die Augen zusammenpressen, so als wollte sie sich von der Welt abschotten. Er strich ihr zärtlich über die Stirn. Der vertraute Duft ihres Parfums umwehte ihn. Ihre streichholzlangen rotbraunen Haare standen nicht mehr aufrecht, sondern lagen ihr platt am Kopf.
   Bardo streichelte über Annas kalte Hände, die ineinandergeschlungen auf der Bettdecke lagen. Wie warm ihre Hände gewesen waren und wie fest ihr Händedruck, als er ihr das erste Mal gegenübergestanden hatte.
   Die aparte Frau mit den blitzenden braunen Augen stand eines Abends vor seiner Tür, hinter ihr Pit, und streckte ihm die Hand entgegen. »Wir sind gerade eingezogen und wollen uns vorstellen.«
   Ihr Lächeln hatte ihm bereits bei dieser ersten Begegnung einen mysteriösen Schauder über den Rücken gejagt. Er hatte nichts entgegnen, nichts sagen können, sie nur angestarrt.
   Bardo stopfte seine Bettdecke fest um Annas Füße. Vermutlich waren sie genauso kalt wie ihre Hände.
   Liebe auf den ersten Blick? Ja, die hatte er damals empfunden. Und gleichzeitig daran gedacht, für wie verrückt er alle hielt, die so etwas behaupteten. Er fasste wieder nach Annas Händen, stülpte seine über ihre.
   »Die Nachbarn erzählen, der kleine Mann im dritten Stock sei ein Eigenbrötler, habe einen seltsamen Job und liebe Rotweine.«
   Wie verschmitzt sie ihn damals angestrahlt hatte. Den kleinen Mann hatte er aus ihrem Mund erstmals wie ein Kompliment empfunden.
   Anna schlug damals vor, sich demnächst bei einem guten Tropfen kennenzulernen. »Rotwein entfacht innovative Impulse, stoppt die Langeweile, gibt was zu entdecken auf, macht träumerisch und hebt den Alltag in andere, nie entdeckte Sphären«, schwärmte sie und ihre Augen funkelten.
   Bardo starrte die schlafende Anna an. Nichts wünschte er sich mehr, als mit ihr über Rotweine zu philosophieren, wenn sie erwachte. Welch ein absurder Gedanke! Konnte eine Mutter etwas Schrecklicheres erleben? Warum, verdammt, traf eine solche Katastrophe gerade Anna?

Es klingelte an der Haustür. Bardo schreckte auf, schaute auf die Uhr. Bereits mehr als zwei Stunden saß er bei Anna. Er öffnete die Wohnungstür, fest entschlossen, jeden abzuweisen. Heute durfte es für ihn nur Anna geben.
   Pit stand vor ihm. Bardo musterte ihn schweigend. So dunkle Augenringe, so eingefallene Wangen. Pit konnte er wohl nicht wegschicken. Mit einer stummen Handbewegung lud er ihn ein, hereinzukommen, aber Pit schüttelte den Kopf und knetete seine Hände.
   »Kann Anna kurz herunterkommen? Dr. Bürger, unser Hausarzt, ist da und will mit uns sprechen.« Pits Stimme glich einem Krächzen.
   Bardo wehte eine Alkoholfahne entgegen. »Anna schläft. Rede mit dem Arzt allein, aber nimm vorher ein Pfefferminz!«
   Pit sah ihn nur an, senkte den Kopf.
   Sofort tat Bardo seine harsche Ermahnung leid. Wie furchtbar musste das alles auch für ihn sein. Auch er brauchte dringend Zuspruch und Trost. »Ich denke, es ist nicht gut, Anna zu wecken«, sagte Bardo leise. »Das Valium … Soll ich mitkommen?«
   Pit nickte.
   Bardo schaute kurz nach Anna. Sie schlief immer noch fest.
   »Pit, ich kann sehr gut mit dir mitfühlen«, sagte er, als sie hintereinander die Treppe hinuntergingen.
   Pit blieb abrupt stehen und drehte sich zu ihm um. Bardo prallte beinah gegen ihn.
   Pit schluckte. »Sie hat dir nichts erzählt?«
   »Was denn?« Bardo forschte in Pits Gesicht, erschrak, als er seine geröteten Augen sah.
   »Sie hat dir wirklich nichts gesagt?« Pits Stimme bebte.
   Bardo schüttelte den Kopf. »Sie schläft, seit sie in meinem Bett liegt.«
   Pit stieg weiter die Treppe hinunter.
   Bardo bemerkte, wie er schwankte und sich am Treppengeländer entlanghangelte.
   »Du wirst mich hassen«, murmelte Pit vor sich hin.

Anna erwachte. Es war bereits einundzwanzig Uhr dreißig. Ihr Blick fiel auf die hohe Palme am Fenster.
   »Baum schwankt im Nebel«, murmelte sie. »Wo bin ich? Nicht mein Bett … So müde, so schwer … Wo ist Sven-Martin?«
   Bardo saß schon lange wieder neben ihrem Bett und las in ihrem Gesicht, wie die Erinnerung gewaltsam und unverrückbar zurückkehrte. Mit einem Schluchzer schloss Anna wieder die Augen. Er nahm ihre Hand und hielt sie fest. Anna weinte und weinte. Bardo bekam Magenschmerzen. Er unterdrückte den Impuls, sie in den Arm zu nehmen oder tröstend auf sie einzureden. Sicher war es gut für sie, wenn sie ihre Verzweiflung herausließ.
   Nach einer langen Weile, Anna starrte apathisch an die Zimmerdecke, forderte Bardo sie liebevoll, aber energisch auf, etwas zu essen. Er hatte gekocht, kaum war er nach dem Gespräch mit Dr. Bürger in seine Wohnung zurückgekehrt. Was Leichtes. Hühnerfrikassee mit Reis, ein Gericht, das ihm seine Mutter immer zubereitet hatte, wenn er krank war. Anna erhob sich mühsam und folgte ihm in die Küche.
   Ob er eine Jacke für sie habe, fragte sie, sie friere.
   Bardo mochte es kaum glauben. In der Wohnung war es immer noch stickig warm, obwohl er alle Fenster geöffnet hatte, um die kühle Luft hereinzulassen, die das Gewitter beschert hatte. Er holte seinen blauen Pullover, den sie über ihr weißes Top zog. Er betrachtete sie. Wie gut ihr sein Pulli stand. Anna, das erste Mal in einem seiner Kleidungsstücke.
   Wie konnte er das denken? Sie tat ihm so leid, wie sie da am Tisch saß, blass und zusammengesunken. Besorgt beobachtete er, wie Anna im Frikassee herumstocherte, nur zögernd immer mal wieder einen Bissen nahm. Aber wenigstens aß sie ein bisschen.
   Später kochte Bardo Kaffee.
   Anna verfolgte apathisch jeden seiner Handgriffe. »Du wolltest streichen«, murmelte sie matt in das Gurgeln der Kaffeemaschine.
   Er nickte. Wie oft hatte er ihr und Thomas schon vorgejammert, er könne diese roten Hängeschränke und den roten Tisch nicht mehr sehen. Möbel, die ihm die Vormieter hinterlassen hatten. Er stellte die Thermoskanne und zwei schwarze Kaffeebecher auf den Tisch.
   Wieder griff er nach ihrer Hand. Er musste mit ihr reden. Keinesfalls über seine rote Küche. »Anna, Pit will unbedingt mit dir sprechen. Als du geschlafen hast, war ich bei euch unten. Euer Hausarzt war da. Der Notarzt hat ihn informiert, und er ist so schnell wie möglich gekommen.«
   Sie schien durch ihn hindurchzublicken.
   »Hast du gehört?«
   »Ich will Pit nie mehr sehen«, sagte sie erstaunlich laut und bestimmt. »Heute nicht, morgen nicht, nie mehr.«
   Er drückte ihre Hand. »Aber Anna …«
   »Er hat mein Baby umgebracht!«
   Sie weinte wieder. Bardo wollte ihr Kaffee nachschenken.
   »Hast du nicht einen Cognac?« Anna schluchzte.
   »Lieber nicht bei dem Valium, besser Kaffee.« Bardo füllte ihren Becher. »Anna, hör mir bitte zu. Pit hat Sven-Martin nicht umgebracht.«
   »Was weißt du denn schon!« Anna richtete sich auf, funkelte ihn an.
   Bardo holte tief Luft. »Dr. Bürger meint, Sven-Martin könnte den plötzlichen Kindstod gestorben sein, denn er war ein gesundes Baby. Für diese Diagnose müssen zunächst alle anderen möglichen Ursachen ausgeschlossen werden.»
   »Was?« Annas Augen weiteten sich.
   »Dr. Bürger hat auch gesagt, es kommt nicht so selten vor, dass Kinder im ersten Lebensjahr unerwartet sterben. Meist fehlt jegliches Anzeichen. Bis heute hat man keine eindeutige Erklärung dafür. Man vermutet verschiedene Ursachen, die wohl zusammenhängen. Eine Störung im zentralen Nervensystem, die Umweltverschmutzung oder noch was anderes. Die Babys haben einen Atemstillstand. Wie der genau ausgelöst wird, weiß man noch nicht so genau.«
   Anna starrte ihn an. Ihr Blick kam ihm unstet, wie vernebelt vor. Langsam strich sie durch ihr Haar. »Pit ist schuld, ich weiß das.«
   Bardo schüttelte den Kopf. »Nein, Anna. Nein.« Konnte sie seinen Erläuterungen nicht folgen, weil sie so apathisch von der Spritze war? »Der Arzt des Notfallwagens vermutet auch, es könne der plötzliche Kindstod sein. Das muss geprüft werden. Auf jeden Fall haben die Rettungssanitäter die Polizei alarmiert.«
   »Die Polizei?« Anna umklammerte ihren Kaffeebecher.
   »Ja, die muss ermitteln, wenn ein Mensch aus unerklärlichen Gründen zu Tode kommt.« Bardo hielt inne, schluckte. »Und das bedeutet …«
   »Muss nicht ermitteln. Alles klar.« Anna sah durch ihn hindurch und setzte sich mühsam gerade auf. »Pit hat diese Frau, diese Kindfrau, diese Schlampe …, na ja …, gefickt.«
   Bardo zuckte zusammen, starrte Anna nun an.
   »Während …, ja, ist so …, während mein Kleiner geweint hat. Hunger …«
   Er runzelte die Stirn. »Welche Frau?«
   Anna sog die Luft scharf in die Lungen, hob die Hände. »Pit lag mit ihr im Bett.« Sie klang bitter. »Ich habe heute früher als sonst Feierabend gemacht.« Sie weinte wieder. »Pit hat Sven-Martin bestimmt ewig schreien lassen, während er mit der …«
   Bardo presste die Fingerspitzen an die Stirn. Anna! Oh, Anna, nein! Er sprang auf und stapfte mit großen Schritten auf seinen Balkon. Er musste einen Moment allein sein. Tief sog er die klare Regenluft in die Lungen. Dennoch schwitzte er so stark wie den ganzen Tag lang nicht.
   Dieser Marco klang ihm in den Ohren. Aber man lernt einfach interessante Frauen kennen. Und dann driftet es eben stark in Richtung Bett. Mit Jeanette ist alles so vertraut … Frischfleisch!
   Da hatte er vorhin etwas vom Fremdgehen gelesen, während genau das in der Wohnung unter ihm geschehen war. Merkwürdig, unheimlich, nicht zu fassen.
   Er hörte Pit. Du wirst mich hassen. Und gleich wieder diesen Marco: Die Verletzung …, die Gefühlshysterie … Ich setze nur noch auf Maul halten und genießen.
   »Bardo? Bardo, was ist denn?« Annas klang besorgt, gebrochen, schluchzend.
   Er kehrte an den Küchentisch zurück, setzte sich wieder und trommelte auf den Küchentisch.
   »Ich wollte mit Pit und Sven-Martin feiern, wollte ein Festtagsmenü kochen, wollte … Du weißt ja.« Anna schniefte.
   Bardo nahm sie in den Arm, sah die Einkaufstüte im Flur vor sich mit all den Zutaten für das Festessen.
   »Ich hab als Erstes nach Sven-Martin geschaut. Der Lütte schlief, aber hat so merkwürdig blau ausgesehen. Habe ihn hochgerissen. Er kriegte keine Luft. Ich hab Panik bekommen, habe nach Pit geschrien, aber er kam nicht. Du weißt, meist schläft er mittags auf seiner Couch im Arbeitszimmer. Ich bin hingerannt. Da war er nicht. Bin ins Schlafzimmer … Und da liegt er mit dieser Frau im Bett! Beide nackt. Sie hat rot lackierte Fußnägel.«
   Bardo umfasste Anna noch fester, schluckte. Deshalb hatte sie unbedingt zu ihm gewollt. Deshalb hatte Pit zugestimmt. Jetzt verstand er auch Pits Frage auf der Treppe.
   Anna knallte ihren Becher hart auf den Tisch und blitzte ihn an. »Wer weiß, wie oft die schon da gewesen ist. Und jedes Mal hat er das Kind vernachlässigt. Genau wie heute. Er hat Sven-Martin auf dem Gewissen.«
   Bardo zündete sich eine Zigarette an. Was redete sie da bloß? Gut, aus ihrer Sicht … Bei ihrem Schmerz … Vielleicht hatte sie sogar ein bisschen recht? Pit hatte beim Vögeln bestimmt nicht an das schlafende Kind gedacht.
   »Nein, nein, Anna. Es ist bestimmt der plötzliche Kindstod. Um das genau feststellen zu können, muss, muss …« Verdammt! Er presste die Finger gegen seine Schläfen. Was gäbe er dafür, ihr das nicht sagen zu müssen.
   »Was? Was denn?«
   Er schluckte, schaffte es nicht, die Worte herauszubringen.
   »Nun sag endlich.«
   »Sven-Martin muss obduziert werden.«
   »Nein!« Anna legte ihren Kopf auf den Tisch, weinte jämmerlich.
   Bardo sah es vor sich: Einen weiß gekachelten Raum. Mehrere Tische, auf denen Leichen liegen. Ihr kleines Baby auf einem der Tische. Ein grün gekleideter Gerichtsmediziner sticht mit einem großen Messer in den Bauch von Sven-Martin. Das Blut …, so viel Blut.
   »Nein, oh, nein!« Anna wimmerte.
   »Doch, Anna, das ist notwendig. Dr. Bürger hat gesagt, fast alle Eltern, deren Kinder plötzlich sterben, haben Schuldgefühle. Sie grübeln darüber nach, was sie wohl falsch gemacht haben, aber oft haben sie nichts falsch gemacht.«
   »Pit hat alles falsch gemacht«, brüllte Anna.
   »Komm, Anna. Das ist nicht ausgemacht. Du jedenfalls hast dir nichts vorzuwerfen. Du hast in der Schwangerschaft nicht geraucht, keinen Alkohol getrunken. Und auch andere Risikofaktoren treffen nicht zu. Sven-Martin war keine Frühgeburt. Ihr habt sein Zimmer immer gut gelüftet, dafür gesorgt, dass er nicht auf dem Bauch schläft. Übermäßig geschwitzt hat er auch nicht.« Bardo holte tief Luft. »Ich denke, Dr. Bürger hat recht. Es ist Schicksal. Da kann keiner was dafür. Anna, ich weiß, wie furchtbar das ist. Die Obduktion wird Klarheit bringen.«
   Anna hob den Kopf, stierte vor sich hin. Mit dem Zeigefinger zeichnete sie unsichtbare Bilder auf die rote Tischplatte. »Ich will Pit trotzdem nicht mehr sehen«, sagte sie nach einer Weile, die ihm wie eine Ewigkeit vorkam, entschieden. »Ich will die Trennung.«
   Bardo griff nach Annas Hand. »Ich versteh dich ja. Aber bloß nichts überstürzen. Ein Seitensprung …« Er hörte wieder diesen Marco aus dem Interview. Da tut was Neues gut, hat seinen Reiz. »Sieh es mal nüchtern: So furchtbar ist das auch wieder nicht. Kommt immer wieder vor.«
   Anna zog ihre Hand fort. Wie sie ihn ansah …
   Bardo erschauderte. Ihr Blick kam ihm so vor, als sähe sie einen Alien von einem weit entfernten Stern. Er mahnte sich. Wie redete er bloß daher? Wie ein Soziologe, wie ein Statistiker. Wie ein Tölpel! Er schämte sich. Da entdeckte Anna, dass ihr Liebster fremdging, und wenige Minuten später starb ihr Kind. Zwei Katastrophen! Konnte eine Frau etwas Schlimmeres erleben? »Entschuldige.« Er griff nach ihrer Hand.

Am nächsten Morgen bereitete Bardo ein fürstliches Frühstück vor. Er brutzelte sein Spezialrührei, in das er Schinkenwürfel, klein geschnittene Champignons und Schnittlauch einrührte. Dazu toastete er Vollkornbrot und presste frische Orangen aus. Den Kaffee braute er extra stark.
   Er hatte auf der Couch im Wohnzimmer kaum geschlafen, aber nicht nur, weil es dort eng und unbequem war. Die Sorge um Anna hatte ihn wach gehalten, auch die Hoffnungen, die in ihm aufkeimten. Weit nach Mitternacht hatte er sich eine Flasche Rotwein geholt. Annas Worte klangen ihm in den Ohren: Ich will diesen Mann nie mehr sehen. Heute nicht, morgen nicht, nie mehr. Wenn sich Anna wirklich von Pit trennen würde … Wie ihn der Gedanke elektrisierte. Aber je mehr Rotwein er trank, desto nüchterner fühlte er sich. Er ermahnte sich. Keinesfalls durfte er so denken. Wenn er Anna wirklich liebte, musste er das Beste für sie hoffen, nicht für sich. Bestimmt würde sie Pit verzeihen, wenn sich herausstellte, dass es tatsächlich der plötzliche Kindstod gewesen war. Er sollte besser schnellstens auf die ein oder andere Kontaktanzeige antworten.
   Anna setzte sich an den Tisch. Blass, verweinte Augen. Ihre Hände bebten. Sie nippte an ihrem Kaffeebecher. »So ein schönes Frühstück. Das ist so lieb von dir. Aber ich kann nichts essen.«
   »Doch, du kannst. Du musst.« Bardo strich ihr sanft über die Hand. »Du brauchst Kraft für die nächsten Tage. Komm, wir nehmen immer eine Gabel voll Rührei gemeinsam.«
   Anna leerte ihren Teller wenigstens zur Hälfte. Er lächelte ihr zu. Kaum hatte sie ihren Orangensaft ausgetrunken, gab er sich einen Ruck.
   »Hast du schon überlegt, was du tun willst?«
   Sie brach in Tränen aus. »Ich will ins Krankenhaus. Will Sven-Martin noch einmal sehen.«
   Er nickte, fasste nach ihrer Hand. »Ich komme mit.«
   Sie weinte. »Und Pit will ich nicht mehr sehen, reden mit ihm schon gar nicht. Nie mehr.«
   Bardo dachte an seine Überlegungen in der Nacht. »Anna, du brauchst Zeit und Ruhe, alles zu verdauen. Ich rate dir, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Ich denke, du solltest erst mal nicht in eure Wohnung zurück, du brauchst Abstand.«
   Anna wischte sich die Tränen mit der geblümten Serviette von den Wangen, die er neben ihren Teller gelegt hatte. »Du hast recht. Ich kann die Wohnung nicht betreten. Wenn ich das Kinderzimmer sehe …« Sie schluchzte wieder los.
   Bardo stand auf, trat hinter sie und umfasste ihre Schultern ganz fest. »Du kannst bei mir wohnen bleiben.«
   Sie wandte sich zu ihm herum. »Danke. So ein nettes Angebot, aber ich will dir nicht zur Last fallen.«
   »Anna, du belastest mich nicht. Nie. Ich bin dein Freund, ich bin immer für dich da.«

Gegen elf Uhr war Bardo wieder zu Hause. Er versuchte zu arbeiten, schaffte es aber nicht. Der Besuch bei Sven-Martin wühlte ihn immer noch auf.
   Anna hatte nicht geweint. Er sah es immer noch vor sich: Zärtlich schaute sie das Baby an, griff nach seiner kleinen Hand. Sie drückte dem Kleinen einen festen Kuss auf die Stirn und murmelte »Flieg, flieg, mein Liebster. Gute Reise. Ich bin immer bei dir, wohin dein Weg dich auch führt.«
   Bardo war nur noch nach Heulen zumute.
   Es schellte. Bardo sprang auf. War Anna bereits zurück? Das konnte nicht sein. Nach dem Besuch bei Sven-Martin hatte er sie zu ihrer Hausärztin gefahren, damit diese sie für die nächsten zwei Wochen krankschrieb und später zu ihrer Freundin Ilona. Bardo hatte Ilona das Versprechen abgenommen, Anna zu ihm zurückzubegleiten. Anna allein auf der Straße, gar in der Straßenbahn zu wissen, machte ihm Angst.
   Thomas stapfte zu ihm herauf. Er schleppte einen Farbeimer und mehrere Pinsel. Zwei Tapetenrollen hatte er unter den Arm geklemmt. Er trug eine farbbekleckerte Jeans und ein offenbar uraltes T-Shirt mit Löchern auf den Schultern. Verdammt! Thomas und seine Renovierungsaktion hatte er total vergessen.
   »Da bin ich«, dröhnte ihm Thomas entgegen. »Hoffe, du hast die Küche bereits ausgeräumt. Ich lege sofort los.«
   Bardo ließ ihn herein. »Thomas, es tut mir wirklich leid, aber wir müssen die Streicherei verschieben.«
   »Wieso? Glaub mir, ich stör dich nicht bei der Arbeit.«
   Bardo schüttelte den Kopf. »Nein, natürlich nicht. Aber es ist etwas Schreckliches passiert.«
   Er dirigierte Thomas in die Küche, setzte Kaffee auf. Mit knappen Worten erzählte er. Es tat ihm gut, wie mitfühlend Thomas reagierte. Er wollte alles wissen, auch was Bardo über den plötzlichen Kindstod wusste.
   »Aber wieso kann ich nicht deine Küche renovieren?«, fragte er schließlich.
   »Anna wird vorübergehend hier wohnen.«
   »Ach so.«
   Bardo spürte den forschenden Blick des Freundes. »Sag es nicht, brauchst du nicht.«
   »Doch, ich sag’s.« Thomas umfasste seinen Kaffeebecher. »Ich muss. Verrenn dich nicht, Bardo. Du bist ihr Freund. Mehr nicht. Und mehr ist genauso unwahrscheinlich wie bisher, auch wenn sie sich von diesem Pit trennen wird.«
   Bardo blickte zu Boden.
   »Volltreffer.«
   »Nein, du irrst.« Bardo zündete sich eine Zigarette an. Er erzählte dem Freund von seiner Kontaktanzeigenaktion.
   Thomas fingerte sich eine Zigarette aus Bardos Schachtel. »Hört sich gut an. Okay, verschieben wir das Renovieren.«
   Aber so, wie Thomas ihn musterte, mit diesen hochgezogenen Augenbrauen, spürte Bardo deutlich seine Zweifel.

Am späten Nachmittag kam Anna zurück. Sie erzählte, wie gut ihr der Besuch bei Ilona getan habe. Bestimmt könne sich keine ihrer Freundinnen so einfühlen. Ilona habe nämlich vor Jahren ihre dreijährige Tochter verloren, die an Leukämie erkrankt war.
   Anna holte tief Luft. »Bardo, ich werde erst mal bei Ilona wohnen. Das hat sie mir sofort angeboten. Sie hat ein großes Haus.«
   Bardo schluckte, griff wieder nach seinen Zigaretten. »Du kannst auch hierbleiben. Ich hab zwar nicht so viel Platz, aber ich bin immer für dich da.«
   »Ich weiß, das ist lieb von dir. Doch sicher ist es besser für mich, wenn ich hier aus dem Haus komme. So störe ich dich auch nicht.«
   Er wollte ihr widersprechen, ihr sagen, dass sie ihn nie stören würde. Aber dann dachte er an seine Kontaktanzeigenpläne und an Thomas’ Mahnung. Er nickte. Wenn er sich bloß nicht so maßlos enttäuscht fühlen würde.

Am nächsten und übernächsten Tag hörte Bardo nichts von Anna. Seine Gedanken kreisten nur um sie. Mit Mühe konnte er sich wenigstens ein bisschen auf seine Arbeit konzentrieren. Er verbot es sich, Anna bei Ilona anzurufen, auch wenn sie ihm die Telefonnummer der Freundin gegeben hatte.
   Inzwischen hatte er mit aller Willenskraft, die er aufbringen konnte, einen Antwortbrief auf eine Kontaktanzeige formuliert. Mehr als eine Flasche Rotwein war dabei draufgegangen. Die Frau schien interessant zu sein. Gleiches Alter, Moderatorin bei einem Lokalradio. Sie suchte einen spritzigen Alltagsmann und einen liebevollen Vater für ihre fünfjährige Tochter.
   Bardo schaffte es nicht, den Brief abzuschicken. Bestimmt konnte er den Text noch einfühlender und pfiffiger formulieren.
   Wie froh war er, als Anna ihn endlich anrief. Sie bat ihn, ihr bei der Vorbereitung der Beerdigung zu helfen. Ilona müsse die ganze nächste Woche zu einer Messe nach Frankfurt und würde auch bei der Beerdigung nicht dabei sein können. Bardo versprach sofort, ihr zu helfen. Er würde in den nächsten Tagen nur in den Abend- und Nachtstunden arbeiten.
   Nie hätte er sich vorstellen können, wie schwer es sein würde, Anna zu unterstützen. Sie weigerte sich, auch nur den kleinsten Schritt mit Pit abzustimmen. Alles wollte sie nur mit Bardo tun. Er akzeptierte mit Bauchgrummeln. Mit ihm wählte sie den kleinen weißen Sarg aus. Mit ihm schrieb sie den Text für die Todesanzeige. Mit ihm plante sie das Blumenarrangement für die Kapelle. Als sie sich sogar weigerte, das Gespräch mit dem Pfarrer gemeinsam mit Pit zu führen, griff Bardo energisch ein.
   Sven-Martin zuliebe müsse sie sich mit Pit zusammenraufen, beschwor er sie. Sie widersprach ihm entschieden, schrie ihn an. Sie solle mit dem Mann, den sie fortan auf ewig hassen würde, ins Pfarrhaus gehen und über Sven-Martin sprechen? Bardo gab nicht auf und schließlich lenkte Anna ein, bat ihn jedoch, Pit und sie zu begleiten.

Vorn, unter dem großen Holzkreuz, strahlte der weiße Sarg im Licht der Kerzen. Über ihm schwebten bunte Luftballons. Bardo schien es, als tänzelten sie fröhlich und wollten ihn, Anna und alle anderen Trauergäste ermahnen, an das Leben zu glauben.
   Arm in Arm schritt er mit Anna in der Friedhofskapelle den Gang zwischen den Sitzreihen entlang. Sie hielt den Kopf hoch erhoben und schaute dem Sarg entgegen. Bardo spürte, wie ihr Körper bebte. Das untere Lid seines linken Auges zuckte. Ein Körpersignal, das er bei Stress nur zu gut kannte. Je näher die Beerdigung rückte, desto öfter hatte er es wahrgenommen.
   Die Trauergäste musterten ihn und Anna verstohlen. Kein Wunder. Sie gaben ein seltsames Paar ab. Eine schlanke Frau im schwarzen, trägerlosen Kleid, neben ihr ein Mann von korpulenter Gestalt, der fast einen Kopf kleiner und dem sein schwarzer Anzug zu eng geworden war. Bestimmt fragten sich viele der Trauergäste, wer er wohl war, und wunderten sich, dass nicht Pit sie bei ihrem schwersten Gang begleitete. Anna hatte das rigoros abgelehnt.
   Die Sonnenstrahlen, die durch die bleiverglasten Fenster einfielen, blendeten Bardo. Hier in der Kapelle kam es ihm kaum kühler vor als draußen auf dem Friedhof. Die schwüle Hitze der vergangenen Tage strömte unerbittlich durch die offenen Seitentüren, vor denen sich Trauergäste zusammendrängten, die keinen Platz mehr gefunden hatten. Er senkte den Kopf und hätte sich am liebsten mit seinem Stofftaschentuch den Schweiß von der Stirn gewischt, doch Anna loszulassen, wäre ihm so vorgekommen, als wollte er sie verlassen.
   Vor dem Sarg angekommen entzog Anna ihm sanft ihren Arm. Sie stellte ihren Weidenkorb voll mit Klatschmohnblüten ab, kniete nieder und küsste den Sargdeckel. Bedächtig legte sie eine rote Blüte nach der anderen darauf.
   Bardo faltete seine Hände und betete für sie.
   Musik erklang. Der anrührende Song von Eric Clapton Tears in Heaven. Bardo sog die Unterlippe in den Mund. Anna hatte ihm vor der Beerdigung die Refrainzeile vorgelesen und mit geschlossenen Augen geflüstert, wie gut sie passe.
   Bestimmt erinnerten sich viele der Trauergäste an die Zeitungsberichte über Eric Claptons Sohn, der mit vier Jahren aus dem Fenster eines Hochhauses gefallen und sofort tot gewesen war. Bardo meinte zu spüren, wie die Trauerschar den Atem anhielt.
   Er half Anna, sich aufzurichten, und drückte fest ihre Hand. Sanft schob er sie zur ersten Sitzreihe. Er setzte sich neben ihre Mutter und zog Anna an seine rechte Seite. Hildegard, die er von ihren Besuchen bei Anna kannte, hob den schwarzen Schleier ihres Huts und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, bevor sie seine Hand drückte.
   Bardo beobachtete, wie Pit mit wehenden Locken auf den Sarg zustapfte. Er trug eine schwarze Jeans und ein weißes kurzärmeliges Hemd. In den Händen hielt er einen Bagger von einem halben Meter Höhe aus blauen und grünen Legosteinen. Bardo biss sich auf die Lippen. Pit hatte die Steine mit der Bauanleitung bereits vor Sven-Martins Geburt gekauft. Immer wieder hatte er ihm vorgeschwärmt, wie er mit Sohnemann den schönsten und größten Bagger der Welt aufstellen würde. Vor dem Sarg angekommen blieb Pit einen Moment reglos stehen. Dann bückte er sich, schob ein paar von Annas Blüten beiseite und stellte das Baugerät mitten in das rote Blumenmeer.
   Anna atmete scharf ein. Bardo ahnte, wie furchtbar sie es fand, dass Pit sein Abschiedsgeschenk für Sven-Martin zwischen ihre heute Morgen selbst gepflückten Wildblumen platzierte.
   Pit setzte sich auf den freien Platz neben Anna und streckte ihr die Hand entgegen. Anna ergriff sie nicht, schnitt stattdessen mit der rechten Hand unwirsch durch die Luft. Bardo machte die Geste Angst. Er drückte Annas Arm, so fest er konnte.
   Kaum war das Clapton-Lied verklungen, trat der Pastor vor. Mit Handschlag begrüßte er Anna und Pit und reichte dann auch Bardo die Hand. Er stellte sich vor die Kanzel und zupfte an der Spange seines Mozartzopfs. Eine Weile blickte er in die Gesichter der Trauergäste, bevor er sein Gebet begann. »Lieber Gott, wir bitten dich, sei bei allen, die Sven-Martin nahestanden und seinen Tod nicht verstehen können, sei ein guter Vater für Sven-Martin und gib ihm ein neues Daheim.«
   Anna presste die Hand an den Mund. Bardo wandte ihr den Kopf zu und sah, wie ihre Augen empört blitzten. Bestimmt wühlten sie die Worte »guter Vater« auf. Sanft legte er seine Hand auf ihre.
   »Schenke uns allen deinen Segen und lasse uns an diesem schweren Tag nicht allein.«
   Ein kleiner Chor, bestehend aus sechs Frauen, sang das Lied Weißt du, wie viel Sternlein stehen. Einige der Trauergäste stimmten ein.
   Der Pastor trat hinter das Rednerpult.
   Bardo gefiel außerordentlich, was er sagte, besonders als er mit warmer Stimme betonte, nicht nur Sven-Martins Eltern, sondern auch viele andere hier hätten sich sicher gewünscht, noch viel Zeit mit Sven-Martin zu verbringen, mit ihm zu spielen, ihn lachen zu hören, seine ersten Streiche zu beschmunzeln, mit ihm Mathe zu üben. Er sprach über den unheimlichen plötzlichen Kindstod, bedauerte, dass noch niemand so genau wisse, was ihn letztlich auslöse.
   Anna atmete scharf ein. Er grub seinen Daumen in ihre Handfläche und ersehnte ihr Ausatmen. Aber es kam nicht. Ihm schien es, als hätte sie das Atmen eingestellt. So fest er konnte, umklammerte er ihre Hand.
   »Wir alle hier, die mit Ihnen trauern, fragen mit Ihnen, klagen mit Ihnen, weinen mit Ihnen«, sagte der Pastor.
   Bardo erschrak maßlos, als Anna ihm ihre Hand entriss und aufsprang. Sie taumelte etwas, fing sich und blieb vor dem Rednerpult stehen. Langsam drehte sie sich zu den Trauergästen herum. Bardo entdeckte rote Flecken auf ihrem blassen Gesicht.
   »Ich klage, ja, und ich klage an!« Sie schrie völlig außer sich. »Es war Mord! Nicht der plötzliche Kindstod! Und der Mörder sitzt unter uns, nicht Gott.«
   Bardo stürzte zu ihr hin. »Anna, nicht, Anna komm …« Mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, schob er Anna auf ihren Platz. Nicht nur sein Augenlid zitterte. Er zitterte am ganzen Körper. Wieder fasste er Annas Hand. Eine so kalte Hand.
   Der Pastor trat vor Anna hin. »Frau Mahler, Sven-Martin kann nicht zu uns sprechen.« Er sprach weich und streng zugleich. »Aber ich weiß, er bittet Sie, ja, uns alle um eine würdige Abschiedsfeier. Eine Feier, die ihm guttut auf seinem Weg in die andere Welt.«
   Anna brach in Tränen aus. Pit hielt den Kopf gesenkt, starrte auf seine Schuhspitzen.
   Der Pastor begann, das Vaterunser zu beten. Bardo nahm wahr, dass Anna stumm blieb. Noch bevor das Gebet zu Ende war, drückte sie ihr Gesicht an seine Schulter.
   »Du bist mein einziger Halt«, flüsterte sie.

Nach der Grabsetzung brachte Bardo Anna gemeinsam mit ihren Eltern in seine Wohnung. Nach dem Eklat in der Kapelle war er froh, dass sich Anna und Pit gegen das übliche Kaffeetrinken mit den Trauergästen entschieden hatten. Er hatte ihnen ursprünglich dazu geraten, nicht darauf zu verzichten.
   Nun verfrachtete er Anna in sein Bett und zwang sie, wieder Valium zu schlucken. Mit ihren verstörten Eltern trank er noch einen Kaffee in seiner Küche und versprach ihnen, sich weiterhin um Anna zu kümmern.
   Kaum waren die Eltern gegangen, schenkte sich Bardo ein Glas Rotwein ein, setzte sich auf den Balkon und rauchte. Er spürte, wie seine Anspannung langsam nachließ. Immer wieder klangen Annas Worte in seinen Ohren. Du bist mein einziger Halt. Ja, er würde für sie da sein, würde ihr helfen, wieder ins Leben zu finden.
   Er stierte hinüber zum Nachbarhaus. Dort entdeckte er einen blauen Kinderwagen auf dem Balkon. Sven-Martins Wagen war ebenfalls blau. Er erblasste. Tränen stiegen ihm in die Augen. Er hatte sich nicht wirklich von dem Kleinen verabschieden können, der ihm so ans Herz gewachsen war. Bei der Grabsetzung hatte er sich nur auf Anna konzentriert.
   Er schüttete den Rotwein in der Küche in den Ausguss, fuhr zum Friedhof und lief zu Sven-Martins Grab. Bei der drückenden Hitze schwitzte er so sehr, dass ihm das Hemd feucht am Rücken klebte. Mit gefalteten Händen las er die Inschriften auf den Schleifen der Kränze und Blumenarrangements. Am liebsten hätte er nach den sirrenden Wespen geschlagen, die die Blüten umkreisten. Annas Zeilen rührten ihn am meisten. Flieg, mein Süßer, flieg in eine bessere Welt. Ihm rannen Tränen übers Gesicht. Er drückte seinen Teddy Ochsen ganz fest an die Brust und legte ihn sanft zwischen die Blumen.

Kapitel 3
August/September 1996

Fünf Tage nach Sven-Martins Beerdigung stapfte Bardo mit seinen Einkäufen die Treppe hinauf. Pit kam ihm entgegen. Er schleppte einen großen Koffer und eine prall gefüllte Reisetasche. Bardo musterte ihn erstaunt.
   Pit blieb auf dem Treppenabsatz stehen, setzte sein Gepäck ab und rieb sich mit dem Handrücken über die Stirn. »Halte es in der Wohnung nicht mehr aus.«
   Wie schlecht er aussah … Blass, dunkle Augenringe, Dreitagebart. Vermutlich hatte er tagelang nicht geschlafen. Bardo konnte sich nur zu gut vorstellen, dass es Pit nicht viel besser ging als Anna. Sie war am Tag nach der Beerdigung wieder zu Ilona gezogen. Wahrscheinlich stand Pit noch unter dem Schock der Szene, die Anna ihm in der Friedhofskapelle beschert hatte. Was hatte er vor? Wollte er verreisen? Wollte er ausziehen?
   Pits verhärmtes Gesicht rüttelte Bardo auf. Er mahnte sich. Durfte er daran denken, wie inständig er sich wünschte, dass sich Pit und Anna trennten? Ob Pit in den letzten Tagen überhaupt mit jemandem geredet hatte? Er machte meist alles mit sich aus. Bardo beschwor sich, auch für Pit da zu sein, obwohl er eigentlich nur für Anna da sein wollte. Zwar war Pit für ihn in den letzten zwei Jahren kein Freund geworden wie Thomas, aber ein vertrauter Bekannter. Wie oft hatte er Pit bei der Betreuung von Sven-Martin unterstützt, damit sich Anna bei der Arbeit keine Sorgen machen musste. Wie oft hatte er auf Sven-Martin aufgepasst, damit Pit in Ruhe einkaufen oder im Fitnessstudio trainieren konnte. Wie oft hatte er Sven-Martin mit in seine Wohnung genommen, damit Pit an seiner Promotion arbeiten konnte.
   »Sollen wir einen Kaffee miteinander trinken?« Bardo lächelte Pit zu.
   Pit nickte. »Komm, wir trinken den Kaffee bei mir.« Er schleppte seinen Koffer und die Reisetasche wieder nach oben.
   Bardo folgte ihm in die Küche. Erschrocken schaute er sich um. Neben dem überquellenden Mülleimer standen mindestens zwanzig leere Bierflaschen und auch zwei leere Wodkaflaschen. Wie säuerlich es roch. Der Gestank musste aus dem Topf auf dem Herd kommen. Am meisten aber erschütterte ihn das Chaos auf dem Küchentisch. Das Fläschchen, ein bekleckertes Lätzchen, der Kicker, eine gelbe Schwimmente, schmutziges Frühstücksgeschirr.
   Pit hob entschuldigend die Hände und setzte die Kaffeemaschine in Gang.
   Sollte er Pit nicht ein Ei kochen und ein paar Brote zubereiten? Bardo öffnete Pits Kühlschrank und zuckte zurück. Da schimmelten nur ein paar Tomaten und ein Stück vertrockneter Camembert vor sich hin. Am besten er lief nach oben in seine Wohnung und schmierte dort ein paar Stullen für Pit.
   »Nun setz dich doch.« Pit räumte den Stapel Tageszeitungen vom Küchenstuhl.
   Die Kaffeemaschine gurgelte. Bardo nahm Platz. Sein Blick schweifte wieder durch die verlotterte Küche. Hier könnte ich es auch nicht mehr aushalten. Schon gar nicht mit Sven-Martins Schwimmente und seinen Bauklötzchen vor Augen.
   Pit schenkte Kaffee in zwei Becher und nahm eine angebrochene Packung mit Butterkeksen aus dem Regal. »Greif zu.«
   Bardo nahm einen Schluck Kaffee und zündete sich eine Zigarette an. Pit sagte nichts. Bardo hielt sich zurück. Sicher besser, wenn Pit das Gespräch begann. Doch Pit schwieg weiter, stützte den Kopf in die Hände und starrte in seinen Kaffeebecher.
   Bardo räusperte sich. »Pit, es tut mir so leid wegen Sven-Martin. Und ich sage Anna immer wieder, dich trifft keine Schuld.«
   Pit schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Die Kaffeebecher tanzten.
   »Kein Wort mehr«, schrie er. »Ich will nicht darüber reden.«
   Bardo schaute ihn erschrocken an, erwiderte nichts. Er schüttete den Kaffee in sich hinein, inhalierte tief. Worüber wollte Pit reden? Bardo gab sich einen Ruck. »Was hast du vor? Wohin willst du mit deinem Gepäck?«
   Pit umklammerte seinen Kaffeebecher. »Mit Anna hat das keinen Sinn mehr. Nach allem.«
   Bardo widersprach ihm nicht. Er wollte nicht lügen. »Wenn nun irgendetwas ist? Anna doch mit dir reden will? Wo bist du zu erreichen?«
   »Ich hab auf dem Garderobenschränkchen eine Telefonnummer für Anna hinterlegt. Wohne vorübergehend bei meiner neuen Flamme.«
   »Da wird Anna bestimmt gern anrufen.« Bardo biss ich auf die Lippen, kaum war der Satz heraus.
   »Komm, lass die Ironie!«
   Bardo schluckte. »Machst du es dir nicht zu einfach? Haust einfach ab?«
   »Anna ist gegangen!«
   »Was hättest du an ihrer Stelle getan?«
   Pit zog eine Zigarette aus Bardos Schachtel. Er kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, musterte Bardo. »Willst du dich als Richter aufspielen?« Er zündete die Zigarette an, inhalierte tief.
   »Quatsch! Aber kannst du dich wirklich in Anna einfühlen?«
   »Geht dich nichts an!«
   »Ach, meinst du? Ich bin Annas Freund.« Bardo hielt inne. »Und deiner auch«, setzte er nach. »Ich will nicht mit ansehen, wie ihr …« Er brach ab. Besser nicht lügen. »Ist die Neue es wert?«
   Pit lachte höhnisch. »Die sollte nur ein kleines Abenteuer sein. Und jetzt … Ach, ich weiß nicht. Wohne eben bei ihr, bis ich was Besseres habe.«
   Bardo stocherte die Zigarette in den Aschenbecher und zündete sich eine neue an. »Ich versteh dich, du brauchtest Abwechslung. Anna war total auf ihren Job und auf das Baby konzentriert. Und da hast du …«
   »Bla, der feinsinnige Analytiker! Was verstehst du schon von Frauen?«
   Bardo wiegte den Kopf hin und her, spitzte die Lippen. Was war mit Pit los? Vorhin im Treppenhaus schien es doch so, als wollte er reden?
   »Ein Zwerg wie du hat eben keine Chance bei Klasseweibern. Ich hab sie eben. Und nehme sie mir.«
   Bardo riss die Augen auf. Was erlaubte der sich? Oder reagierte er nur so angriffslustig, weil er so verzweifelt war? »Du meinst also, ich kann nicht mitreden, weil ich mit Frauen nicht so viel Glück habe wie du?« Bardos Stimme bebte.
   Pit biss krachend in einen Keks. »Genau. Entschuldige, Bardo, du bist ein patenter Typ. Du weißt, dass ich deinen politischen Sachverstand schätze, wie sehr ich deine schlagfertige Art bewundere. Und zugegeben, mit Sven-Martin hast du immer ein besseres Händchen gehabt als ich. Aber was Frauen betrifft … Mach dir nichts vor. Da bist du ein Versager.«
   Bardo schluckte. Musste er als Blitzableiter für Pits Trauer und Frust herhalten? Am liebsten wäre Bardo auf der Stelle gegangen, aber er konnte Pits Worte so nicht stehen lassen. »Ich gäbe weiß Gott was dafür, wenn ich das nicht gehört hätte. Doch ich hab’s gehört.« Er schlug mit der Hand auf den Küchentisch. »Das schafft Klarheit zwischen uns. Eine neue Klarheit.«
   Pit starrte ihn aus geröteten Augen an. »Nun dramatisiere nicht gleich. Wir sind nicht in einer deiner Opern!« Er wischte mit den Händen durch die Luft. »Ich hab’s nicht so wild gemeint.«
   »Aha!«
   »Es ist immer leicht, über andere zu urteilen, wenn man mit Frauen und der Liebe nichts am Hut hat. Du bist klein, Bardo. Okay. Aber fett musst du nicht sein. Das törnt die Frauen ab. Das weißt du auch. Wie oft habe ich dir angeboten, mit ins Fitnessstudio zu kommen?«
   Bardo sprang auf. »Du widerst mich an! Was für ein arrogantes Menschenbild hast du bloß! Zählen für dich nur Zentimeter, Schlankheit, Schönheit und Fitness?«
   Pit grinste. Bardo hätte ihn am liebsten geohrfeigt. Er riss sich zusammen. Pit tobte wohl unkontrolliert im Schmerz.
   »Komm lass, Bardo. Spiel dich nicht auf. Glaubst du, ich hab die ganze Zeit nicht kapiert, dass du auf Anna scharf bist? Ich bin doch kein Depp! Aber glaub mir, bei Anna hast du keine Chance!«
   Bardo zog den Kopf ein. Scheiße, der durchschaute ihn. »Was unterstellst du mir? Ich hab Anna nie Avancen gemacht, nie.«
   Pit grinste wieder. »Nee, so direkt schaffst du das nicht, aber du hast Anna doch immer wieder zeigen müssen, dass du der bessere Vater bist als ich.«
   Bardo sprang auf, schaute auf Pit hinunter. »Jetzt bist du zu weit gegangen!« Er stürmte aus der Küche und schlug krachend die Wohnungstür hinter sich zu.

In seiner Wohnung entkorkte Bardo sofort den Sagana, einen Rotwein, den ihm sein Händler beim letzten Einkauf wortreich empfohlen hatte. Er trank den Sizilianer in wilden Zügen.
   Was hatte Pit ihm wirklich sagen wollen? Du bist kein richtiger Mann!
   Bilder rasten an Bardo vorbei. Das Sommerfest bei Joe, außerhalb von Duisburg auf dem Land im einsam gelegenen Kotten. Eine heiße Sommernacht vor vier Jahren. So viele Leute, angeheitert, bekifft und stoned. Tanz auf der großen Diele. Die Rolling Stones, die Lords, Simon & Garfunkel.
   Bardo wirbelt Karin herum und hält sie eng umschlungen. Bridge over Troubled Water. Sie schwankt in seinen Armen, küsst ihn begehrlich. Bei so viel Glück braucht er kein Bier, keine Bowle, keinen Wodka. Um zwei Uhr fährt er sie nach Hause. Sie zieht ihn in ihr Bett, reitet ihn, stöhnt, schreit, genießt. Er kann es kaum fassen.
   Am nächsten Morgen flüstert er ihr glücklich ins Ohr, wie schön es sei, sie endlich zur Freundin zu haben. Sie kichert, wuschelt durch ihre Locken und springt aus dem Bett.
   »Nun übertreibst du aber. Ich hab’s gebraucht, du auch. Sexueller Notstand eben.« Sie blitzt ihn an. »Doch einen Freund, auf den ich herunterschauen muss? Ich mach mich nicht lächerlich. Wenn du noch wächst …«
   Sie kichert wieder, kichert höhnisch. Für Bardo klingt es zerschmetternd, gar nervtötend wie eine Gabel, die über den Porzellanteller kratzt.
   Wie Pits Worte, dachte er und schenkte sich vom Sizilianer nach. Bardo kam es so vor, als wären all seine kurzen Episoden mit Frauen ein Nichts gewesen. Er fühlte sich mal wieder wie einer, der mit Frauen noch mal anfangen muss im Leben.

Eine Woche nach der Beerdigung rief Anna ihn an. Bardo atmete auf. Endlich! Er hatte es sich verkniffen, sie bei Ilona anzurufen. Anna bat ihn um ein Gespräch.
   Am späten Nachmittag kam sie. Bardo drückte sie an sich. Wie schön, dass sie längst nicht mehr so verhärmt und blass aussah wie am Tag nach der Beerdigung.
   Gestern sei sie in der Universitätsbibliothek gewesen, erzählte sie, kaum hatte sie seine Wohnung betreten. Sie habe unbedingt mehr darüber herausfinden müssen, was es mit dem plötzlichen Kindstod auf sich habe.
   Bardo freute sich. Anna begann, ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen. So kannte er sie. So schätzte er sie. Bei Herausforderungen, Problemen oder Kummer ließ sie sich nie lange hängen.
   Anna nahm auf Bardos Couch Platz. »Pits Schuld ist für mich wirklich bewiesen«, rief sie aufgeregt.
   Bardo zog die Augenbrauen hoch.
   Sie zog ein Buch aus ihrer Umhängetasche, legte es auf seinen Couchtisch. Dann reckte sie ihr Kinn. »Dieser Autor, dieser Psychoanalytiker, hat etwas sehr Aufschlussreiches geschrieben.« Sie tippte auf das Buch und verschränkte die Arme vor der Brust, so als müsste sie sich selbst festhalten. »Eine Ursache für den plötzlichen Kindstod könnte ein Rückzug des Babys aus seiner lieblosen Umwelt sein. Es spürt, dass es von der Mutter abgelehnt wird.« Anna hieb mit der flachen Hand neben sich auf das Polster.
   Bardo runzelte die Stirn. »Ich kapiere nicht. Der schreibt doch über die Mutter, nicht den Vater.«
   »Aber Bardo«, ereiferte sich Anna. »Überleg mal. Pit hat im letzten halben Jahr die Mutterrolle innegehabt. Er ist mit Sven-Martin überfordert gewesen. Das weißt du. Er hat sich eingezwängt und gegängelt gefühlt. Immer wieder hat er sich genervt beklagt, wenn ich aus dem Stadtmarketing nach Hause gekommen bin: Sven-Martin hat wieder eine ganze Stunde lang geschrien. Nie will er nach dem Fläschchen sofort einschlafen. Soll ich ihn stundenlang durch die Wohnung tragen, bis er schläfrig wird? Wie soll ich so mit meiner Promotion weiterkommen? Anna, du hast ihn total verwöhnt!«
   »Komm, nun übertreibst du. Pit war nicht immer genervt. Lieblos auch nicht.« Ganz unrecht hatte Anna jedoch nicht. Pit war mit Sven-Martin oft reichlich überfordert gewesen.
   »Ach, und wie oft hat er Sven-Martin schreien lassen? Der hat Sven-Martin nie wirklich geliebt. Glaub mir. Er hat ihn in den Tod getrieben!« Sie rang die Hände, schluchzte auf. »Ich hätte Sven-Martins Tod verhindern können! Hätte ich bloß eher energisch eingegriffen.«
   »Aber …« Bardo zündete sich eine Zigarette an. Wie sollte er ihr bloß widersprechen? Sie verrannte sich. Und jetzt, nach dieser Lektüre, offenbar noch mehr als vor der Beerdigung.
   »Kein Aber«, brüllte Anna. Sie strich sich durch die Haare. »Ich könnte einen guten Schluck vom Roten vertragen.«
   Bardo nickte. »Ich auch.«
   Aus seiner Speisekammer holte er einen Bardolini, entkorkte ihn und schenkte ein. »Du hast Sven-Martin reichlich Zuwendung und Zärtlichkeit gegeben«, sagte er mit fester Stimme, als er sich wieder setzte.
   Anna lachte auf.
   Er zuckte zusammen. Wie unecht ihr Lachen klang.
   »Glaubst du, ich konnte nach der Arbeit all das wiedergutmachen, was Pit den ganzen Tag angerichtet hat?«
   »Nun gut, ein Supervater war Pit wohl wirklich nicht.«
   »Ich habe genauso viel Schuld wie Pit.« Anna heulte los.
   Bardo versuchte, ihr Weinen auch heute nicht zu sehr an sich herankommen zu lassen. Schuld. Hatte er nicht auch schuld? Schuld, dass Anna ihr Kind verloren hatte. Er hatte genau wie Anna erkannt, wie wenig reif Pit für die Vaterrolle war. Hätte er Pit noch mehr unterstützen können? Oder hätte er Anna und Pit nicht vorschlagen müssen, eine Tagesmutter zu engagieren? Bardo schob die Selbstvorwürfe beiseite. Heute war es nur wichtig, Anna zu stärken.
   »Rede dir nichts ein. Das tun so viele Eltern, deren Kinder den plötzlichen Kindstod gestorben sind. Sie zermürben sich, quälen sich mit Selbstvorwürfen. Das hast du wohl auch gelesen, oder?«
   Anna ignorierte seinen Einwurf. »Ich hätte zu Hause bleiben sollen, aber ich war ja so froh, endlich meinen Wunscharbeitsplatz zu haben. Ich habe mich gedrückt, keine Verantwortung übernommen. Ich habe Pit machen lassen. O Gott, ich …«
   »Schluss!« Bardo hieb mit der Faust auf den Tisch. »Du tappst in die eigene Falle, Anna. Denk dran, du hast immer kritisiert, wenn sich Frauen, deren Männer in die Elternzeit gehen, wie Rabenmütter fühlen.«
   Anna schniefte in ihr Taschentuch und lächelte gequält. »Stimmt. Da war ich noch Theoretikerin. Frauenbewegt belesen, aber ohne Erfahrung mit einem eigenen Kind.«

Kaum war Anna gegangen, erwischte sich Bardo bei dem Gedanken, dass er es immer besser fand, wie kritisch Anna über Pit dachte. Durfte er so denken? Durfte er so fühlen? Wenn ich Anna wirklich liebe, dann nicht, beschwor er sich. Aber wer, verdammt, wollte ihm so einen Altruismus verordnen? Gott? Bardo trank Gott mit Rotwein ins Nirwana. Diesen Gott, den es für ihn nur im Zeigefinger seiner toten Eltern gab. Regierte für ihn nicht das Schicksal? Bescherte es ihm nicht eine Chance auf Anna? Er dachte an die zwei Absagen, die ihm die Frauen geschickt hatten, die er auf ihre Kontaktanzeige hin angefragt hatte. Die eine hatte wenigstens ehrlich geschrieben, dass er ihr zu klein war.

Zwei Wochen später besuchte Anna ihn zum Abendessen. Inzwischen arbeitete sie wieder. Bardo hatte bei mehreren Telefonaten mitbekommen, wie gut ihr das tat. Sie war gefordert, trauerte nicht den ganzen Tag lang, wütete nicht ständig wegen Pit und kreiste weit weniger um ihre Schuldgefühle.
   Bardo hatte gedünstete Forellen in Alufolie zubereitet.
   »Pit hat mir einen Brief geschrieben«, platzte Anna heraus.
   Fast wäre ihm die heiße Schüssel mit den Forellen aus den Händen gerutscht, die er mit Topflappen umklammert hielt. »Was hat er denn geschrieben?« Er stellte die Schüssel auf das Marmorbrettchen auf dem Küchentisch und legte sich und Anna eine Forelle auf den Teller.
   Anna zerlegte die Forelle so gekonnt, als würde sie tagtäglich nichts anderes tun. »Auch er trauert um Sven-Martin. Ich mag’s kaum glauben.«
   »Anna, bitte!« Bardo stieß die Gabel in eine der Kartoffeln und pellte sie.
   »Es tut ihm so leid, dass er mich betrogen hat.« Anna kicherte böse und verdrehte die Augen.
   »Und weiter?« Bardo bugsierte die Haut seiner Forelle auf den Grätenteller.
   »Echt lecker! Mit was hast du die Forelle gefüllt?«
   »Mit Petersilie, Dill und Schnittlauch, auch ein bisschen Knofi. Und ein Schuss Sekt.«
   »Also, Pit schreibt, wir sind gescheitert. Schön, dass er das endlich kapiert. Er will neu anfangen. Und weißt du, was er vorhat?« Anna blitzte ihn an.
   »Er will mit dieser Blonden …« Bardo zögerte, den Satz zu vollenden.
   Anna wischte mit der Hand durch die Luft. »Das hab ich auch vermutet. Aber er ist wohl weiser, als ich dachte. Was soll er auch mit so einer Kindfrau anfangen, als mit der in die Kiste zu gehen?« Sie trommelte mit den Fingern auf den Küchentisch. »Er hat sich auf die Schulleiterstelle der deutschen Auslandsschule in Rom beworben. Und er hat sie bekommen. Prost, Bardo. Der wird also nach Italien verschwinden.«
   Bardo ließ Messer und Gabel sinken und hob Anna sein Glas entgegen. Eine gute Nachricht. Er mochte es noch kaum glauben. »Darauf stoßen wir an.«
   Anna prostete ihm erneut zu. »Ich bin erleichtert, Bardo. Einen Weg zurück zu Pit hätte es für mich nie gegeben.« Sie nahm einen großen Schluck vom Wein. »Dass du auch so tolle Weißweine kennst.«
   »Das ist ein Grauer Burgunder aus dem Badischen.«
   »Wunderbar. Und noch wunderbarer, dass der Scheißkerl ganz weg aus meinem Leben ist.«
   Bardo nickte. Er sah Thomas’ mahnenden Zeigefinger vor sich. Sollte er den immer noch ernst nehmen? Schließlich gab es immer noch keine Kontaktanzeigenfrau, die sein spritziger Brief begeisterte, die sich mit ihm treffen wollte. Viel wichtiger: Er liebte Anna mehr als je zuvor. Und nun, nach Pits Wegzug, durfte er auf sie hoffen. Nein, heute würde er Anna noch nicht gestehen, was sie ihm bedeutete. Es war zu früh. Er trank und beschwor den Hoffnungsfunken, der in ihm aufloderte.

Bardo entkorkte einen Barolo. Es war sechs Wochen nach Sven-Martins Tod. Er saß mit Anna nach dem Abendessen im Wohnzimmer. Sie lehnte sich im Sessel zurück und sog genießerisch das Aroma des Weins ein. Bardo nickte ihr zu. Dieser Wein betörte. Heute würde er ihr endlich sagen, was er für sie fühlte.
   »Nicht für mich!« Anna lächelte und schob ihm ihr Weinglas herüber. »Ich war heute bei meiner Ärztin.«
   Bardo schaute überrascht auf und musterte Anna besorgt.
   »Seit Sven-Martins Tod ist meine Regel ausgeblieben. Ich habe das auf den Schock und den Stress geschoben. Aber es blieb so, bis heute. Da habe ich mich durchchecken lassen.«
   »Du bist schwanger.« Bardo sagte es sachlich, obwohl ihm Hitze in die Wangen flammte.
   »Genau.« Anna strahlte ihn an.
   Bardo nahm einen großen Schluck. Pits Kind. Was gäbe er dafür, es wäre seins. Ein Kind mit Anna, die Hoffnung auf Zukunft mit ihr. Endlich eine Familie.
   »Ich wollte immer ein zweites Kind. Pit nicht. Kein Wunder.« Sie lehnte sich zurück.
   Bardo zündete sich eine Zigarette an. Verdammt, sie hatte sich ein zweites Kind von Pit gewünscht? Bei all den Erfahrungen mit ihm? Er presste die Hände auf seine Knie. »Du hast dir sicher überlegt, was das für dich bedeutet?«
   Anna nickte. »Aber ja.« Sie strich über ihre Fingernägel, so als müsste sie prüfen, ob der Lack abgeplatzt wäre. »Nach der Geburt werde ich nach einer halbjährigen Pause weiterarbeiten. Ich brauche eine Tagesmutter, später eine Kinderkrippe. Ich werde kaum noch Zeit für mich haben, aber das kenne ich ja. Das war mit Sven-Martin und Supervater Pit auch nicht anders.«
   »Was sagt Pit?« Bardo hörte, wie seine Stimme vibrierte.
   »Pit?« Anna winkte ab. Ihr Mund verzog sich zu einem spöttischen Lächeln.
   »Du willst ihm nichts sagen?«
   »Ganz richtig! Nie im Leben. Das ist nur mein Kind. Ich werde es vor Pit schützen.« Ihre Stimme bebte. »Ich hoffe so sehr, es wird eine Tochter.«
   Bardo zündete sich eine neue Zigarette an und blies Rauchringe in die Luft. Sie wollte also ein zweites Kind von dem Mann, den sie hasste. Er verstand es nicht. Oder glaubte sie, ein neues Kind würde ihre Wunde wegen Sven-Martin heilen?
   Bardo gab sich einen Ruck. »Du hast Sven-Martins Tod noch nicht verarbeitet, Anna. So denke ich jedenfalls. Brauchst du nicht noch Zeit, um dich überhaupt wieder auf ein Kind einlassen zu können?«
   »Soll ich etwa abtreiben?«, brauste Anna auf. »Willst du mir das vorschlagen?«
   »Anna«, sagte Bardo sanft. »Ich mache mir Sorgen um dich.«
   Sie sprang auf und lief im Zimmer umher. »Das musst du nicht. Ich werde dieses Mal allein die Verantwortung für das Kind übernehmen. Ganz allein. Und alles wird viel besser werden als mit Pit.«
   Bardo betrachtete Anna. Ein ungeheurer Gedanke blitzte in ihm auf. Konnte das Kind nicht eine Chance für ihn sein? Vielleicht gut, dass es so gekommen war.
   Er räusperte sich. »Anna, ich könnte dich unterstützen, wenn du willst. Noch mehr als bei Sven-Martin.« Kaum waren die Worte heraus, zitterten ihm die Knie.
   Anna blieb vor ihm stehen, schaute ihn an. »Wie lieb, Bardo. Wie toll von dir. Aber deine Aufträge? Und denk dran, jetzt bin ich allein.«
   »Ich habe mir immer ein Kind gewünscht. Und für Sven-Martin hab ich auch Zeit gehabt.« Er spürte ein Prickeln im ganzen Körper. Welch neue Perspektive! Er sah sein neues Leben mit Anna glasklar vor sich. Sie würden Annas Kind gemeinsam aufziehen. Die Chance, Anna zu beweisen, was für ein guter Vater, was für ein guter Partner er sein konnte. So einer, den sie sich wünschte.
   Er schnappte nach Luft. »Es ist alles einfach. Du ziehst zu mir. Ich arbeite meist von zu Hause aus. Da kann ich auf das Baby aufpassen, es füttern und windeln. Später wirst du sicher nicht nur mit Krippe, Kindergarten oder Tagesmutter auskommen. Da werde ich da sein.«
   Anna setzte sich wieder, funkelte ihn an. »Das alles würdest du für mich tun?«
   Bardo schluckte. »Ich würde noch mehr für dich tun.«
   »Was meinst du?«
   »Du musst einen Vater angeben.« Bardos Wangen wurden heiß.
   Anna senkte den Blick und umfasste ihre Knie. »Danke, Bardo, das ist nicht nötig. Ich werde keinen Vater angeben. Ich weiß, das ist ungewöhnlich, doch ich brauche keinen Kindesunterhalt. Ich verdiene genug. Das Kind soll nur mein Kind sein.«
   Bardo biss sich auf die Lippen. »Gut, dann werde ich dem Kind ein prima sozialer Vater sein.«
   Anna lächelte ihn gerührt an und fuhr sich durch die kurzen Haare.
   Bardo frohlockte. Glücksgefühle durchströmten ihn. Er nahm einen großen Schluck vom Barolo. Wie sich die Dinge im Leben manchmal anders als erwartet ordnen. Soviel besser als erwartet. Anna will mich also als Ersatzvater. Und wer weiß, was sie noch von mir will? Vielleicht wagt sie nur noch nicht, es zu sagen. Meine Anna!
   Er strahlte sie an. »Also abgemacht. Wir ziehen dein Kind gemeinsam groß, leben zusammen, werden glücklich. Platz ist hier genug. Mein Gästezimmer wird das Kinderzimmer. Du bekommst mein Schlafzimmer. Ich schlafe auf der Couch in meinem Arbeitszimmer.« Erst mal.
   Ihr durchdringender Blick irritierte ihn. Glaubte sie ihm etwa nicht? »Es ist mein voller Ernst, Anna.«
   »Bardo«, sagte sie sanft, »du bist mir ein so guter Freund. Ich danke dir von Herzen für alles, was du in der letzten Zeit für mich getan hast. Und ich danke dir schon jetzt für alles, was du für mich und mein neues Kind tun willst. Aber …« Sie hielt inne, legte die Hände in den Nacken.
   Ihm schien es so, als presste sie ihren Kopf in eine aufrechte Position.
   »Da ist noch etwas, was ich dir sagen muss.« Annas Stimme zitterte.
   »Ja?« Er spürte ein Vibrieren im ganzen Körper. Würde sie ihm endlich sagen, wie sehr sie ihn liebte?
   »Ich will wieder in meine Wohnung ziehen.«
   Bardo starrte sie entgeistert an.
   »Ich weiß, was du sagen willst.« Anna flehte mit den Augen.
   Nein, sie wusste es nicht. Er zündete sich wieder eine Zigarette an.
   »Du willst sagen, dort kann ich nie mehr glücklich werden. Alles wird mich an Pit und Sven-Martin erinnern. Die Vergangenheit wird nicht ausziehen.«
   Er nickte. Genau das wollte er sagen. Auch! Am liebsten hätte er ihr außerdem gestanden, wie sehr er sie liebte und dass sie bei ihm bleiben musste. Er brachte die Worte nicht über die Lippen.
   Anna beugte sich vor. »Ich werde die Wohnung zu einer neuen Wohnung machen. Ich werde die Wohnzimmereinrichtung verkaufen und das Bett. Ich nehme einen Kredit auf, um mir neue Möbel zu kaufen. Die Zimmer werde ich anders einteilen.« Sie strahlte euphorisch. »Sven-Martins Zimmer wird mein Arbeitszimmer. Mein Arbeitszimmer wird das neue Kinderzimmer. Das Schlafzimmer wird Gästezimmer. Pits Arbeitszimmer wird mein Schlafzimmer.« Sie holte tief Luft. »Gut, das Wohnzimmer bleibt Wohnzimmer. Ich werde es weiß streichen und einen apricotfarbenen Teppichboden verlegen. Ich kaufe mir ein knallrotes Sofa und schwarze schlichte Sesselstühle. Die Plakatbilder vom Janssen kommen weg. Ich habe da vor zwei Monaten mehrere fröhliche Drucke einer portugiesischen Malerin gesehen. Bei Sommers, in der Galerie.«
   Bardo sagte nichts. Er konnte nichts sagen.
   »Bardo, bitte schau nicht so enttäuscht. Versteh mich. Ich muss neu anfangen.« Sie klang beschwörend. »Natürlich auch mit deiner Unterstützung. Du hilfst mir doch bei der Wohnung?«
   Er nickte matt, schluckte. Musste er sie nicht verstehen? Machte sie ihm nicht gleichzeitig ein Angebot, ein kleines Vertröstungsangebot, auf das er setzen konnte? Mit Mühe führte er sich seine Chancen vor Augen. Er würde also zunächst Annas Renovierungshelfer werden, dann der Vater ihres Kindes und später vielleicht noch mehr. Ich muss mich anstrengen, muss abwarten, darf hoffen. Hoffen wie noch nie. Und bin ich darin nicht geübt, seit ich Anna kenne? Aber … Er sprang auf. Jetzt oder nie!
   »Anna, du musst nicht wieder in deine Wohnung ziehen. Du musst da nicht mühsam alles umgestalten. Es wird immer die Wohnung bleiben, in der du mit Pit ins Unglück gestürzt bist. Das wirst du nie ausmerzen können, auch wenn du noch so viel veränderst. Bitte glaube mir. Es ist besser, wenn du hierbleibst, hier bei mir. Das ist der wirkliche Neuanfang für dich.«
   Anna knetete ihre Hände im Schoß. »Bardo, du bist mein Freund. Der liebste Freund überhaupt.« Sie sah ihm zwingend in die Augen. »Aber ich muss meinen Weg gehen. Bitte versteh mich.«
   Als sie gegangen war, trank Bardo noch eine Flasche Barolo. Von Schluck zu Schluck beruhigte er sich. Das Wichtigste war, dass Anna wieder ins Haus zog. Und sie hatte zugestimmt, ihr neues Kind mit ihm aufziehen zu wollen. Was bedeutete schon die eine Treppe zwischen ihnen? Nichts. Er musste positiv nach vorn schauen. Er würde Annas Lebenspartner sein, einer, der sie wie kein anderer unterstützte. Die Liebe würde sich mit langsamen Schritten entwickeln. Er musste sich nur anstrengen und ihr Zeit geben.

TEIL II

Kapitel 4
Oktober 1997

Anna radelte durch die Stadt nach Hause. Sie genoss die Fahrt. Endlich wieder Sonne, nach zwei Wochen Dauerregen. Der warme Fahrtwind streichelte ihr Gesicht, erinnerte sie an längst vergessene Sommergefühle. Nie hätte sie sich vorstellen können, dass der Altweibersommer im Oktober noch einmal so schön aufleben würde.
   Heute hatte sie früher als sonst Feierabend gemacht. Bardo hatte sie am frühen Nachmittag im Stadtmarketing angerufen und einen Ausflug mit Überraschung angekündigt. Dafür müsse sie aber spätestens um fünfzehn Uhr da sein. Er hatte euphorisch und gleichzeitig angespannt geklungen. Was er wohl plante?
   Vor ihrem Haus angekommen entdeckte sie ihn bei seinem Golf. Er schnallte Mo im Kindersitz fest und trug eine knielange Jeans und Turnschuhe. Sie betrachtete seine kurzen dicken Waden. Er sollte besser lange Hosen tragen. Sie rief ihn.
   Er zog den Kopf aus dem Auto, strahlte sie an. »Schnell, schnell, zieh dich um. Dann geht es sofort los.«
   Sie schmunzelte. »So aufgeregt? Wo geht’s denn hin?«
   »Das sage ich dir gleich auf der Fahrt. Und keine Sorge, ich habe alles dabei. Windeln und auch ein Fläschchen für Mo.«
   Anna lief in ihre Wohnung hinauf. Endlich einmal fühlte sie sich nicht so geschafft wie in den letzten Tagen. Mo hatte ausnahmsweise mal durchgeschlafen.
   Sie betrat ihr Arbeitszimmer und stellte die Aktentasche neben den Schreibtisch. Missmutig schaute sie sich um. Auf der Arbeitsplatte stapelten sich neben Bardos Laptop Aktenmappen und eine Menge ausgedruckter Texte. Dazwischen ein überquellender Aschenbecher und ein halb leerer Kaffeebecher. Anna rümpfte die Nase. Es stank eklig nach kaltem Rauch. Sie riss das Fenster auf. Konnte Bardo nicht etwas mehr Rücksicht nehmen? Und warum packte er seit ein paar Tagen seine Arbeitsutensilien eigentlich nicht mehr in das kleine Regal? Er hatte es doch extra für seine Ordner und Fachbücher aufgebaut. War das Arbeitszimmer eigentlich noch ihres?
   Anna mahnte sich. Sie musste ihm dankbar sein. Seit sie ihre Arbeit im Stadtmarketing stundenweise wieder aufgenommen hatte und von zwölf bis achtzehn Uhr arbeitete, betreute er ihre Tochter jeden Nachmittag.
   Sie lief ins Schlafzimmer, schlüpfte ebenfalls in eine knielange Hose und wählte ein T-Shirt mit kurzen Ärmeln. Wo war nur ihre dunkelblaue Strickjacke? Die brauchte sie unbedingt. Später gegen Abend würde es kühl werden. Sie riss ein paar ihrer Pullover aus dem obersten Schrankfach, wollte sie auf ihr Bett werfen, hielt aber inne. Auf dem Bett lagen die fünf Blusen, die sie gestern gewaschen und an die Stangen der Wäschespinne über der Badewanne aufgehängt hatte. Bardo hatte sie gebügelt. Verdammt, das musste er nicht, auch wenn er gern bügelte. Sie wusste, er bügelte jeden Morgen sein Oberhemd und seine Hose für den Tag und hörte dabei Radio. »Meine Morgenmeditation«, sagte er. Anna biss sich auf die Lippen. Ihre Haushaltshilfe sollte Bardo nicht auch noch werden.

»Es tut mir leid, Bardo, aber durch diese blöde Umleitung habe ich die Orientierung verloren.« Anna seufzte und starrte verbissen auf die Straßenkarte.
   Bardo nahm seine Hand vom Lenkrad und drückte ihren Arm. »Wir finden den Parkplatz schon, keine Sorge.«
   Pit wäre längst ausgeflippt, zumal sie die Straßenkarte verkehrt herum auf den Knien hielt, um besser links oder rechts ansagen zu können.
   »Da schau, der Vorwegweiser.« Bardo wandte ihr den Kopf zu und lächelte. »Gleich haben wir es geschafft.«
   Anna nickte. »Genau, da vorn an der Kreuzung musst du rechts abbiegen. Jetzt bin ich sicher.«
   Sie freute sich, dass er diesen Ausflug an den Wildförstersee geplant hatte. Schon so oft hatte sie ihm von der schönen Gegend rund um den See vorgeschwärmt. Und Abwechslung würde ihr wirklich guttun. Seit Mos Geburt hatte sie das Haus meist nur zur Arbeit, für notwendige Einkäufe und Kinderarztbesuche verlassen.
   Endlich parkte Bardo seinen Golf auf dem kleinen Parkplatz ein. Hier begann ihr Lieblingsweg entlang der Duisburger Sechs-Seen-Platte. Anna stieg aus und reckte sich.
   Bardo sprühte sich Autan auf die nackten Arme, den Hals und die Waden »Komm, nun du.«
   Sie tat es ihm nach. »Und Mo?«
   »Ich hab Mo bereits zu Hause mit so einer Kindercreme gegen Insekten eingerieben.«
   Über Annas Gesicht flog ein gerührtes Lächeln. Bardo dachte immer an alles. Fast war er ihr deswegen ein wenig unheimlich.
   Er schnallte Mo aus dem Kindersitz los, hob sie aus dem Auto und half Anna, die Kleine in ihr Tragetuch zu setzen.
   Anna lief voran. Sie sog die Waldluft tief ein, meinte Pilze zu riechen. Warum nur war sie so lange nicht mehr hier gewesen? Wie oft hatte sie hier ihre innere Balance wiedergefunden, wenn sie über Pit oder über ihre Ärgernisse im Job nachgedacht hatte.
   Sie hörte Bardo hinter sich schnaufen und drehte sich zu ihm um. »Gehe ich zu schnell?«
   »Nein, nein.« Er wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß vom geröteten Gesicht.
   Anna zwang sich, langsamer zu gehen. Er hatte offenbar überhaupt keine Kondition. Hatte er in der letzten Zeit nicht sogar noch zugenommen? Sie biss sich auf die Lippen. Seit er Mo betreute, kam er kaum noch aus dem Haus. Wann war er wohl das letzte Mal spazieren gegangen?
   Anna spürte diesem mulmigen Gefühl nach, das sie seit Wochen begleitete. Bardo war immer da. Aufopferungsvoll, fleißig, immer auf ihr und Mos Wohlergehen bedacht. Was gab sie ihm? Genug?
   Energisch verdrängte sie den Anflug schlechten Gewissens. Sie wusste genau, wie sehr Bardo es genoss, mit ihr und Mo als Familie zu leben. Für ihn hatte sich ein Traum erfüllt. Anna stapfte wieder schneller voran. Vermutlich könnte für ihn alles noch schöner, noch perfekter sein, wenn sie wirklich ein Paar wären. Bestimmt hoffte er, endlich mit ihr zu schlafen. Anna seufzte auf und dachte an seine sehnsüchtigen Blicke, wenn er sich abends verabschiedete und in seine Wohnung hinaufging. Wie sollte sie nur reagieren, wenn er eines Tages über Nacht bleiben wollte?
   Nach etwa zehn Minuten wich Anna vom Weg ab, lief in den Laubwald hinein. »Eine schöne Abkürzung zum See«, rief sie Bardo zu.
   Unter dem Baumkronendach der Rotbuchen, Eichen und Erlen war es deutlich kühler als auf dem sonnenbeschienenen Weg. Das würde Bardo gefallen. Anna verlangsamte ihr Tempo wieder. Er war zurückgeblieben. Ihre und Bardos Schritte knisterten leise auf dem verwelkten Laub des Vorjahres.
   Die Vögel schrien so laut. Wollten sie die Hasen, Eichhörnchen und Wildschweine vor ihr und Bardo warnen? Oder sprachen sie zu ihr? Fragten sie sie, wo ihr eigenes Leben geblieben war? Anna stöhnte auf. Bardo verbrachte inzwischen mehr Zeit in ihrer Wohnung als in seiner. Wenn er bloß mal um achtzehn Uhr gehen würde, wenn sie nach Hause kam. Er hatte immer schon das Abendessen vorbereitet. Ihn wegzuschicken, schaffte sie nicht. Sie aßen zusammen. Er erzählte ihr von den Erlebnissen mit seiner »kleinen Prinzessin«, lobte ihre Fortschritte beim Begreifen der Welt. Meist sahen sie später gemeinsam fern, wenn Mo schlief.
   Anna seufzte tief. Sollte sie Bardo nachher am See nicht sagen, dass sie auch mal einen Abend ohne ihn verbringen wollte? Durfte sie ihm den Nachmittag verderben, den er so liebevoll vorbereitet hatte? Sie spannte sich immer mehr an.

Sie erreichten den Wildförstersee.
   »Wie schön es hier ist«, rief Bardo aus. »Anna, schau doch, das glitzernde Wasser. Und niemand hier. Wir sind ganz allein.«
   Anna schmunzelte. Er konnte sich ja freuen wie ein kleiner Junge.
   »Am liebsten würde ich ins Wasser springen.«
   »Das lass lieber. Hier im Naturschutzgebiet ist Baden verboten.« Anna hob Mo aus dem Tragetuch. »Komm, wir machen eine Pause.«
   Sie wählte einen Platz nah am Ufer, direkt neben einer riesigen Trauerweide. Mo legte sie in den Schatten der Weide auf die Decke, die Bardo mitgebracht hatte. Sorgfältig stopfte sie dem Baby das zusammengefaltete Ende unter den Kopf.
   Bardo setzte sich neben sie. Mit geschlossen Augen sog Anna die frische Luft ein und hielt ihr Gesicht in die Sonne. Es war so still!
   Bardo zog eine Flasche Rotwein und zwei Gläser aus seinem Rucksack. »Der wird uns guttun. Für mich aber nur ein Glas, muss ja fahren. Ich hab auch Mineralwasser dabei, ein Baguette und etwas Käse. Alles in meiner kleinen Kühltasche.« Er zog sie aus seinem Rucksack.
   Anna lächelte ihm zu. Dass er sogar an Wein gedacht hatte. Er schaute hinaus auf den See. Anna folgte seinem Blick. Das Wasser bewegte sich kaum. Auf der spiegelglatten Wasseroberfläche tanzten ein paar Libellen.
   Sie lehnte ihren Kopf gegen den Stamm der Trauerweide, nippte vom Wein. Das kam ihr so vertraut vor. Sie krampfte ihre Finger ineinander. Zu vertraut, zu nah, zu eng.
   Bardo fasste nach ihrer Hand. »Wie gut haben wir es miteinander, nicht?«
   Anna nickte. Sollte sie nicht die Gelegenheit ergreifen und ihm sagen, wie oft sie sich mit ihm auch eingezwängt fühlte? Sie setzte sich auf, trank einen großen Schluck Rotwein. Jetzt oder nie!
   »Du kennst dich mit Filmen doch gut aus, nicht?«
   »Ja, aber längst nicht so gut wie du.«
   »Manchmal genügt nur ein Satz, um Gefühle auszudrücken.«
   »Hm.« Sie blinzelte in die Sonne, die sich bereits rot gefärbt hatte und in den nächsten Minuten untergehen würde.
   Bardo beugte sich über sie, fasste ihr sanft mit der rechten Hand unter das Kinn. »Ich seh dir in die Augen, meine Schöne, meine Große.«
   Sie riss die Augen auf. »Bardo!« In ihr zog sich alles zusammen. Casablanca.
   »Ich hab dich schon geliebt, Anna, als ich dich das erste Mal gesehen habe.« Er holte tief Luft. »Und jetzt, nach so langer Zeit … Du bist mir die Liebste, die Schönste, die … Ach, was rede ich? Ich liebe dich. Und Mo.«
   Er starrte sie unverwandt an. Sie meinte, ein glänzendes Flattern in seinen Augen zu sehen.
   »Ich will mehr für dich sein als nur dein guter Freund. Ich will dich, Anna. Keine andere, nie eine andere.«
   Anna rückte ein wenig von ihm ab und umfasste ihre Knie. Sie fror. Nun war also der Moment gekommen, vor dem sie sich schon eine ganze Weile fürchtete. Dennoch erwischte sie sein Geständnis heute völlig überraschend. Oder? Hätte sie nicht etwas ahnen können? Bei seinem Anruf im Stadtmarketing hatte er anders als sonst geklungen. Hatte er den romantischen Ausflug heute bewusst geplant, um ihr hier seine Liebe zu gestehen? Sie starrte in die Sonne, die rot in den See tauchte. Blut. Sie dachte an die Obduktion von Sven-Martin, stellte sich das vor und schloss die Augen. Welch unpassender Gedanke. Sie atmete tief ein und aus.
   Als sie die Augen wieder öffnete, war die Sonne verschwunden und ein kühler Hauch wehte ihr ins Gesicht. »Bardo, ich …« Sie fasste nach seiner Hand. Wie kalt sie war. »Du bist mein bester Freund. Ich kann mir keinen Besseren vorstellen. Ich liebe dich auf meine Weise. Ich verdanke dir so viel.«
   Er entzog ihr seine Hand, zündete sich eine Zigarette an. Angst stieg ihr den Nacken hoch, Angst, ihn als Freund zu verlieren. Aber wenn sie nicht endlich ehrlich war … »Bardo, wie mutig von dir, so offen zu sein.« Sie hielt inne, verschränkte ihre Finger ineinander. »Aber ich kann nicht.« Sie schluckte. »Es tut mir so leid.«
   Er versteifte sich, rückte von ihr ab.
   Sie schaute auf den See hinaus. »Bardo, bitte glaube mir, ich habe noch nicht über eine neue Liebe nachgedacht. Sie scheint mir so fern. So fern wie …« Ihr versagte die Stimme. Sie legte ihre Hand auf seinen Unterarm. »Bitte versteh mich. Und«, sie schluckte und sprach sich Mut zu, »ich möchte abends auch gern mal wieder allein sein.« Es war heraus. Trotzdem war ihr nach Heulen zumute.
   Bardo stocherte seinen Zigarettenstummel in den Waldboden. Er schaute von ihr weg über den See. Ihr schien es, als verkrampfte sich in ihm alles.
   »Anna, ich hab verstanden«, sagte er nur.

Kapitel 5
September 1999

Bardo wirbelte durch ihre Küche. Im großen Schmortopf briet er die in Würfel zerteilte Lammkeule an. Auf drei verschiedenen Holzbrettern schnitt er Paprika, Möhren und Tomaten in kleine Stücke. Die Bohnen hatte er bereits geschnippelt. Als das Fleisch angebraten war und der herbe Geruch die Küche erfüllte, übergoss er das Lamm mit Fleischbrühe und gab das Gemüse dazu.
   Anna betrachtete ihn gerührt. »Bardo, du machst mir mit deinem Spezialeintopf ein so schönes Geburtstagsgeschenk. Der kommt bestimmt bei meinen Gästen bestens an.«
   Er nahm einen Schluck Rotwein und hielt ihr sein Glas hin. »Probier mal, der Artero passt hervorragend zu dem deftigen Gericht. Ein vollmundiger, ausdrucksstarker Spanier.«
   Anna kaute den Wein. »Köstlich. Die Flaschen zahle ich dir. Es ist ja meine Geburtstagsfeier.«
   Bardo winkte ab. »Nein, nein, die schenke ich dir auch.« Er band sich ihre weiße Schürze mit den roten und schwarzen Kochlöffeln darauf ab, legte sie über den Stuhl und zog ein Päckchen aus der hinteren Hosentasche seiner Jeans. »Hier, ich hab noch was für dich. Nur Essen und Wein sind mir zu unpersönlich als Geschenk für deinen halbrunden Geburtstag. Fünfunddreißig Jahre, das ist doch was Besonderes.«
   Anna fegte mit den Fingern durch ihre Haare. Noch ein Geschenk? »Bardo, das ist doch zu viel.«
   »Nun nimm schon.« Er drückte ihr die kleine, mit einem Goldband verzierte Schachtel in die Hände. »Mein Dank dafür, dass ich mit Mo und dir leben darf. Ihr bedeutet mir so viel.«
   Sie schluckte. »Und du bedeutest mir so viel. Heute möchte ich dir besonders für all deine Unterstützung danken. Ohne dich hätte ich nicht wieder arbeiten können.«
   Anna knüpfte sorgfältig das Goldband auf, das sie aufheben würde, um es später mal für eine Geschenkverpackung zu verwenden. Aus dem schwarzen Papier, übersät mit lauter goldenen kleinen Sternen, zog sie ein Kästchen mit dem Aufdruck Juwelier Hagenbusch. Ihr stockte der Atem. Schmuck? Passte das als Geschenk eines Freundes? Sie hatte ihm doch gesagt, sie wünsche sich ein Buch über die Entstehung des Weltalls und die Entstehung des Lebens. Sie schaute zu Bardo hin und sah, wie er die Hände ineinander verkrampfte.
   Hoffte er insgeheim immer noch, sie würde ihn als Liebhaber erhören? Sie schloss für einen Moment die Augen. Wie sie ihn bewunderte. Er stand ihr nach wie vor so selbstlos und hilfreich zur Seite, obwohl sie ihn damals am Wildförstersee zurückgewiesen hatte. Und wie viel einfühlsamer er handelte. Er räumte ihr Arbeitszimmer auf, leerte seinen Aschenbecher, lüftete. Doch weit wichtiger, er fragte sie jeden Abend, ob er bleiben oder gehen solle.
   Mit zitternden Fingern hob sie den Deckel des Kästchens. Eine Halskette aus schwarz schimmernden Perlen. Sie sog tief die Luft ein. So ein schönes Geschmeide, ganz nach ihrem Geschmack. Es musste ihn ein Vermögen gekostet haben.
   »Oh, wie schön.« Anna nahm die Kette, spürte die glatten, kühlen Perlen. Sie drückte ihm einen Kuss auf die Wange. »So lieben Dank. Ich werde die Kette heute Abend tragen. Sie wird hervorragend zu meinem roten Kleid passen.«
   Sein enttäuschter Gesichtsausdruck verriet ihr, dass sie richtig vermutet hatte. Offenbar wollte er ihr mit der Kette seine Liebe zeigen und sie sagte nichts dergleichen. Anna schenkte sich nun auch ein Glas vom Artero ein, obwohl sie vor ihrer Feier noch nichts trinken wollte. Sie prostete Bardo zu, spürte, wie ihre Hand bebte. »So lieben Dank, Bardo. Was für ein Geschenk. Mein bester Freund könnte mir kein Schöneres machen.«
   Er beugte sich über den Suppentopf. »Man muss immer wieder Schaum abschöpfen.« Er hantierte mit dem Schaumlöffel. »Und jetzt ist der letzte Schliff dran.«
   Er nickte ihr zu, hackte Zwiebeln und Knoblauch fein und wischte sich über die tränenden Augen. Anna musterte ihn. Tränten seine Augen nur wegen der Zwiebeln? Sie unterdrückte den Impuls, ihn in den Arm zu nehmen.
   Zwiebeln und Knoblauch gab er in den Topf, würzte mit Salz, schwarzem Pfeffer und Bohnenkraut. Das köstliche Aroma der Suppe zog durch die Küche und lockte ihren Magen. Sorgfältig verschloss Bardo den Topf wieder mit dem Glasdeckel. Er stellte ihren Küchenwecker, goss sich vom Artero nach und versprach, in zwei Stunden wieder da zu sein. Er müsse noch arbeiten. Das gefüllte Glas nahm er mit hinauf in seine Wohnung.
   Anna war froh, dass er für eine Weile weg war, aber die Spannung, die sie spürte, haftete in ihrer Küche, genau wie das intensive Aroma des Bohnenkrauts.

Später, gegen neunzehn Uhr, kam Bardo zurück. Er schaute sofort nach dem Eintopf und verkündete, der sei fertig, sollte nur noch auf ganz kleiner Temperatur heiß gehalten werden.
   Anna tänzelte zu ihm hin. »Schau, wie gut deine Kette passt.« Sie hatte das neue rote Kleid mit dem tiefen Ausschnitt angezogen, das sie extra für ihren fünfunddreißigsten Geburtstag gekauft hatte.
   Er musterte sie, schluckte.
   Sie meinte, seine Blicke auf ihrem Körper brennen zu spüren.
   »So schön wie heute Abend hast du noch nie ausgesehen. Das taillierte Kleid betont deine tolle Figur. Und dieses Rot …«
   Anna lächelte ihn an. »Danke. Komplimente höre ich ja nicht so oft. Hilfst du mir beim letzten Schliff für das Ambiente?«
   Er folgte ihr ins Wohnzimmer. Hektisch flog ihr Blick hin und her und prüfte, ob alles gut hergerichtet war. Sie bat Bardo Erdnüsse, Cracker und Chips in kleine Glasschalen zu schütten, die sie in ihrem Wohnzimmer überall verteilen wollte. Mit seinem Feuerzeug entzündete er die vielen Teelichter und silbernen Kerzen in den Ständern.
   Ab neunzehn Uhr dreißig trafen nach und nach die Gäste ein. Freundinnen aus dem Frauenzentrum, Eltern aus Mos Kindergruppe, Kollegen aus dem Stadtmarketing. Anna stellte Bardo immer wieder als ‚mein Freund Bardo‘ vor. Mochten die Gäste, die nicht ihre engsten Freundinnen waren, doch spekulieren, Bardo sei ihr Lebenspartner. Er war es ja, zumindest was den Alltag mit Mo betraf.
   Anna schaute zu ihm hin. Er strahlte. Offenbar genoss er es, als ihr Lebensgefährte präsentiert zu werden. Sie staunte, wie fröhlich und selbstbewusst er alle begrüßte. Und wie galant er Bier und vom Artero einschenkte und den Lammeintopf servierte, der alle begeisterte.

Nach dem Essen schob Anna CDs in die Musikanlage. Oldies sowie Mambo No. 5 von Bega, Believe von Cher, Livin’ la vida loca von Ricky Martin und Smooth von Santana.
   Die Gäste riss es von Sesseln und Stühlen, sie auch. Alle tanzten ausgelassen in der Mitte des Wohnzimmers auf dem apricotfarbenen Teppichboden, den sie so liebte. Die Wohnung dampfte im Rauch der Zigaretten, im Essensgeruch und im Schweiß, den die Tanzenden ausströmten.
   Anna war froh, dass ihre Eltern Mo für ein paar Tage abgeholt hatten. Die Kleine hätte bei diesem Lärm nie schlafen können.
   Bardos Blicke sogen sich immer mehr an ihr fest. Leichtfüßig schwebte sie durch den Raum. Sie tanzte auch immer wieder mit Bardo. Und er überraschte sie. Er tanzte am besten. Er führte exzellent, wirbelte sie herum, ohne dass sie das Gefühl bekam, die Orientierung zu verlieren, so wie bei Hans, einem ihrer Kollegen im Stadtmarketing.
   Ihre Kollegin Iris folgte ihr in die Küche, als sie Getränkenachschub holte. »Dein Bardo gefällt mir«, flüsterte sie Anna zu. »So ein netter Mann und so witzig. Mit dem kann man prima reden. Nicht so einer, der nur Stuss daherlabert.«
   Anna nickte und hob stolz den Kopf. Bardo imponierte ihr heute auf neue Weise. Wie sicher und wie charmant er als Gastgeber auftrat. Noch nie hatte sie ihn in Gesellschaft erlebt. Endlich konnte sie glauben, wie beliebt er bei seinen Auftraggebern war, und wie gern diese mit ihm als beredten und zugewandtem Auftragnehmer zusammenarbeiteten. Wenn er ihr das erzählt hatte, waren ihr immer Zweifel gekommen. Sich ihn als Eigenbrötler aufgeschlossen und spritzig vorzustellen, war ihr nie recht gelungen. Vielleicht hätte sie längst einmal mit ihm ausgehen sollen, um die gesellig-kommunikative Seite an ihm zu entdecken?
   Sie genoss ihre Geburtstagsfete. Sie trank reichlich vom Artero und ermahnte sich, es nicht zu übertreiben. Ihr Lachen klang schon reichlich beschwipst. Wenn sie nach Bardo schaute, der auch immer wieder mit ihren Freundinnen tanzte und offenbar Spaß hatte, fühlte sie sich glücklich, weil er Glück ausstrahlte. Ihr schien es, als hätten sie sich heute Abend mit Glückseligkeit angesteckt.

Früh am Morgen, gegen zwei Uhr, gingen die letzten Gäste. Anna drehte die Musikanlage wieder auf. I Am What I Am von Gloria Gaynor. Nur Bardo war noch da.
   Sie tanzte allein vor sich hin. Wirbelte durch das Zimmer, drehte sich, schneller und immer schneller. Bardos verzücktes Gesicht bemerkte sie sehr wohl. Sie wusste, was er sah: ihr schwingendes rotes Kleid, das sie umwehte wie eine Flamme. Den dünnen Träger, der ihr immer wieder von ihrer linken Schulter rutschte. Ihr erhitztes Gesicht.
   Sie lachte, lachte ihn an, tänzelte zu ihm hin. Sie zerrte ihn wieder auf die Tanzfläche, wirbelte ihn herum. Alles drehte sich um sie. So schön, zu schweben, Bardo hielt sie ja fest. Anna keuchte, sie konnte nicht mehr. Die Wände sanken auf sie zu. Bardo war zweimal da. Er packte sie, zog sie ganz nah neben sich auf das Sofa. Sie kicherte, strahlte ihn an und umfasste ganz fest seinen Arm. »Was für ein schöner Abend, danke für alles, Bardo.«
   Er hielt sie wieder fest, dennoch schwankte ihre kleine Welt. Ihre Augen suchten einen Halt, einen Punkt, der das Drehen stoppte. Den gab es nicht. Ihr Bücherregal schlug Wellen, der Couchtisch mit den vielen Gläsern drauf wogte auf und ab. Die Musik zerfloss in ihren Ohren.
   Bardo umarmte sie. Sie spürte, wie er den Träger ihres Kleides auf der linken Schulter sanft hinunterschob. Sie wollte ihn wieder hinaufschieben, aber es gelang ihr nicht. Sie lachte, kniete sich auf ihr Sofa und presste ihr heißes Gesicht an seinen Hals. Er schlang seine Arme fester um sie.
   »Anna, meine Anna«, murmelte er in ihr Haar.
   Seine Hände strichen über ihren Rücken. So weich, so vorsichtig. Er streichelte ihre Wangen und ihre schweißnasse Stirn. Zärtlich fuhr er durch ihre Haare.
   Anna spürte ein Prickeln im ganzen Körper, spürte, wie Bardo langsam den Reißverschluss ihres Kleides aufzog und seine kleinen, dicken Hände auf ihre Brüste schob. Sie stöhnte wohlig. Irgendwo ganz hinten in ihrem Kopf flüsterte eine Stimme. Unmöglich. Eine Echostimme, die wiederholte und immer leiser wurde.
   Sex. Anna wollte Sex. Auf der Stelle. Es war so lange her. Bardo zerrte ihr das Kleid vom Leib. Sie riss an seinem gelben Schlips und dem weißen Oberhemd. Er drängte sie sanft, aber entschieden in die Liegeposition. Sie gab sich hin, atmete tief, flüsterte seinen Namen. Er küsste ihren Bauch, ihre Brüste, ihre Schultern, ihre Stirn. Anna genoss, schloss die Augen. So schön. Endlich mal wieder.
   Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie, dass Bardo seine Hose auszog. Die Echostimme tönte wieder. Unmöglich. Wollte sie wirklich? Und wieder dämmerte die Stimme weg. Das ganze Zimmer drehte sich vor ihren Augen. Da war nur noch so eine süße, verlockende Welle, in die sie eintauchen mochte.
   Wie von weit her hörte sie Bardos Stimme. »So lange habe ich gewartet.«

Als es zu dämmern begann, erwachte Anna. Sie fror, suchte nach ihrer Bettdecke. Keine Decke, aber ein warmer Körper. Erschrocken setzte sie sich auf. Sie lag nicht in ihrem Bett. Wo war sie? Auf ihrer Couch. Anna riss die Augen auf. Bardo! Er nackt, sie nackt. Das konnte nicht wahr sein.
   Auch Bardo erwachte. Er rekelte sich. Kaum hatte er die Augen geöffnet, griff er zärtlich nach ihrem warmen Körper, zog sie dichter zu sich heran. Sie drückte ihn mit den Armen zurück. Im Morgenlicht fing sie seinen Blick auf. Einen unglaublich strahlenden Blick.
   Anna konnte Bardo nicht anschauen. Das hier war alles nicht wahr. Ein Traum. Aber … Torkelnd erhob sie sich, raffte ihr Kleid vor dem Busen zusammen und lief, so schnell sie konnte, ins Bad.
   Sie machte das Licht an und zuckte zusammen, als sie in den Spiegel sah. Wie sie aussah! Blass, verschmierte Wimperntusche auf den Wangen, strubblige Haare. Hatte sie mit Bardo geschlafen? Anna presste sich die Hand vor den Mund. O nein, sie wusste es nicht mehr. Sie wusste überhaupt nichts mehr. Nur, dass sie getanzt hatte, nachdem alle Gäste aufgebrochen waren.
   Sie stellte sich unter die Dusche, blieb eine Ewigkeit reglos unter dem warmen Wasserstrahl stehen. Was war bloß passiert? Was hatte sie getan? Sie trocknete sich ab und tappte in ihr großes Badehandtuch gehüllt ins Schlafzimmer. Erschöpft kroch sie ins Bett. Sie fühlte sich benommen, und hinter ihrer Stirn pochte es. Kopfschmerzen. Hatte Bardo sie verführt? Oder sie ihn? Mein Gott, hätte sie bloß nicht so viel getrunken.
   Nach einer Weile hörte sie Geschirrklappern. Bardo räumte also auf. Am liebsten wäre sie aufgestanden und hätte ihm befohlen, auf der Stelle in seine Wohnung zu verschwinden. Sie musste allein sein. Einschlafen, bloß nicht mehr denken. Sie nahm eine Kopfschmerztablette, dämmerte dahin und schlief irgendwann ein.

Kaum erwachte Anna wieder, starrte sie an die Zimmerdecke und betrachtete die kleinen gelben Kreise, die das Morgenlicht durch ihre Gardine mit den gelben Punkten ins Zimmer warf. Obwohl sie sich noch eine Wolldecke über ihr Steppbett gezogen hatte, fror sie erbärmlich. Ihr war übel. Wann hatte sie das letzte Mal so viel getrunken? Sie konnte sich nicht erinnern. Wie gern hätte sie sich einen Pfefferminztee gekocht. Den hatte ihr ihre Mutter immer bei Magenverstimmungen zubereitet. Aber sie befürchtete, dass Bardo noch auf ihrem Sofa lag. Ihm zu begegnen, schien ihr genauso unmöglich, wie wieder einzuschlafen.
   Sie hatte mit Bardo geschlafen. War das wirklich ihr Bedürfnis gewesen? Hatte er sie gestern als Supertänzer und begnadeter Unterhalter so viel mehr fasziniert als sonst? Liebte sie ihn vielleicht doch?
   Anna fror immer noch. Sie sehnte sich nach ihrer Wärmflasche, die so guttat, wenn ihr von allein nicht warm wurde. Verdammt, wenn sie bloß wüsste, ob sie den Sex mit ihm genossen hatte.
   Filmriss. Anna hasste sich. Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, wie sie mit Bardo auf der Couch gelandet war. Ihr Herz pochte wieder so rasend wie vorhin, als sie ins Bad gestürzt war. Wie schrecklich. Besonders für Bardo. Sie hatte ihm Hoffnungen gemacht. Hoffnungen, die sie enttäuschen musste. Hätte sie auch nüchtern mit ihm Sex haben wollen?
   Sie schluchzte in ihr Kopfkissen. Wie verwirrend das alles war. Was sollte sie nur tun? Sie setzte sich im Bett auf und fasste nach ihrem grünen Noppenball, den sie gern benutzte, um ihre Hände zu erwärmen. Sie rollte den Ball zwischen den Handflächen hin und her. Was hatte sie nur getan? Eine Dummheit? Oder hatte sie betrunken ihr Herz sprechen lassen?
   Anna spürte heftige Magenstiche. Auf jeden Fall musste sie ihm sagen, wie verwirrt sie sich fühlte. Er hatte Ehrlichkeit verdient wie kein anderer. Doch wie sollte sie ihm ihr Gefühlschaos verständlich machen, ohne ihn allzu sehr zu verletzen?

Am späten Nachmittag klingelte es. Anna hatte inzwischen aufgeräumt und abgewaschen. Das konnte nur Bardo sein. Tatsächlich, er stand mit Rosen vor ihrer Tür. Wenn sie recht vermutete, waren es fünfunddreißig Rosen, die er da in den Händen hielt. Sie lächelte schwach, spürte, wie ihr ein Schauder den Rücken hinunterlief.
   »Meine Anna.« Mehr sagte er nicht.
   Zögernd nahm sie die Rosen. »Die sind aber schön.« Sie atmete tief durch. »Ich mach uns einen Kaffee, ja?«
   Sie ging ihm in die Küche voran. Seinen Strauß legte sie in die Spüle. Er trat auf sie zu und streckte seine Arme nach ihr aus.
   Sie wich zurück. »Deine Rosen müssen ins Wasser.« Sie nahm eine Vase aus dem Küchenschrank, füllte sie und schnitt die Stängel der Rosen an. »Nimm bitte schon mal Kaffeebecher, Milch und Zucker mit ins Wohnzimmer.«
   Als sie mit ihrer weißen Thermoskanne zu ihm kam, wollte er sie ihr abnehmen und einschenken, doch sie trat einen Schritt zurück und stellte die Kanne energisch auf das kleine Tischchen vor dem Sofa. »Bardo, wir müssen reden.«
   Er nickte, strahlte sie an. »Ja klar, jetzt, wo endlich alles anders ist mit uns beiden.«
   Anna setzte sich nicht neben ihn auf das Sofa, auf die Liebesstätte der vergangenen Nacht. Sie rückte einen der schwarzen Sessel heran, bevor sie den Kaffee einschenkte. Kaum saß sie und schaute ihn an, rieb sie mit dem Zeigefinger der linken Hand ihre rechte Handfläche. »Ich weiß nicht, ob alles anders ist«, presste sie heraus.
   Er verschränkte die Arme vor der Brust und kniff die Augen zusammen.
   Was hätte sie dafür gegeben, ihn jetzt nicht enttäuschen zu müssen, doch es ging nicht anders.
   »Es tut mir so leid, Bardo.« Sie hielt inne, atmete wieder tief durch. Fast schien es ihr so, als hätte sie Asthma und bekäme keine Luft. »Du weißt ja, ich mag dich sehr. Ich habe keinen besseren Freund. Aber heute Nacht …« Sie hielt inne und presste die Fingerspitzen gegen die Schläfen.
   Er hob abwehrend die Hände, flehte mit den Augen.
   »Ich fühle mich so verwirrt. Es tut mir so leid, dass ich nicht klarer bin, dir nicht spontan in die Arme fallen kann. Weißt du, ich verstehe mich ja selbst nicht. Ich weiß nicht, was ich wirklich für dich fühle, jedenfalls nicht für den Mann, mit dem ich heute Nacht geschlafen habe.« Sie rieb sich mit den Zeigefingern die Nase. »Umso vermessener mag es für dich klingen, wenn ich dich bitte, ganz dringlich bitte, mich zu verstehen. Und mir Zeit zu lassen.« Kaum waren die Sätze heraus, schaute sie auf den Boden. Sie entdeckte Krümel von Brot und Zigarettenasche unter dem Sofa. Später musste sie noch mal staubsaugen. Verdammt, wie konnte sie das jetzt denken?
   Sie hob den Kopf, schaute ihn an. »Bitte, lass mir Zeit, um mir über meine Gefühle für dich klar zu werden.« Sie knetete ihre Hände. »Nochmals, es tut mir so leid, dir das sagen zu müssen, aber dich werde ich nie belügen. Du bist mir so viel wert. Das weißt du.«
   Er schaute sie so an, als hätte sie ihn geschlagen. Anna stiegen Tränen in die Augen. Sie spürte eine unbeschreibliche Leere in ihrem Kopf und konnte nichts mehr sagen.
   »Mir schwindelt. Anna, wie mir schwindelt. Ich soll das schönste Erlebnis meines Lebens infrage stellen? Auf Zeit? Wie lange?« Wie ein Verlorener umklammerte er seinen Kaffeebecher.
   Anna schluchzte auf. »Ich weiß nicht wie lange, Bardo.« Warum ging er nicht? Es war alles gesagt. Musste er sie so gequält anschauen?
   Als hätte er ihre Gedanken gehört, erhob er sich. Anna atmete auf. Aber er ging nicht. Mit roten Flecken auf dem Gesicht schaute er auf sie herunter. »Warum verflucht leugnest du, dass du mich liebst?«, fragte er sanft. »Warum kannst du dir nicht endlich eingestehen, was du schon jahrelang willst?«
   Sie schlug die Hände vors Gesicht.
   »Anna, ich hab doch nichts falsch gemacht? Du hast es genossen.« Kopfschüttelnd stapfte er zur Wohnzimmertür.
   Anna sah ihm mit tränenverschleiertem Blick hinterher.
   An der Tür drehte er sich um. »Ich werde für uns kämpfen, Anna. Ja, auch für dich. Du brauchst meine Hilfe. Ich werde dir all deine Zweifel aus Herz und Verstand pusten. Ich bin für dich der beste Mann der Welt. Und das weißt du schon lange.« Er knallte die Wohnungstür hinter sich zu.

Kapitel 6
Dezember 1999 – Februar 2000

Wieder ein Brief von Bardo. Anna stöhnte auf. Bloß nicht schon wieder lesen müssen, wie sehr er sie liebe, dass sie endlich zu ihren Gefühlen stehen solle, sie füreinander bestimmt seien.
   Von Tag zu Tag schaute sie mit immer mehr Widerwillen in ihren Briefkasten, wenn sie nach Hause kam. Seit ihrem Geburtstag schrieb Bardo ihr fast täglich.
   Anna stapfte hinaus in den Hof und riss den Deckel der Mülltonne hoch, aber der Brief schien an ihren Fingern festzukleben. Sie brachte es nicht übers Herz, ihn ungelesen zu entsorgen. Anna stieg in ihre Wohnung hinauf, Bardos Brief in den Händen. Sie hielt ihn so, wie sie einen verschmutzten Zettel anfassen würde, der längst in den Abfall gehörte.
   In der Küche riss sie den Briefumschlag unwirsch auf.

Für Dich, meine liebste Anna:
   Möcht’ mich als Staub vor die Füße dir legen,
   Will dich bewegen wie die Winde das Laub.
   Wollt Küsse dir geben, so viel Tropfen im Regen,
   Liebe ist blind, doch du, Geliebte, bist taub.

Dieses Mal also kein flehender Brief, keine Opernzitate. Ein Gedicht von Dauthendey. Bardo hatte die Strophen in akkurater Handschrift niedergeschrieben.
   Anna fasste sich an den Hals, als wollte sie eine Schlinge wegziehen, die ihr die Luft nahm. Sie las die weiteren Zeilen nicht und zerknüllte das Blatt Papier in den Händen. Nun machte er ihr sogar mit Gedichten Vorwürfe. Doch du, Geliebte, bist taub. Anna schmiss das Blatt in den Mülleimer und donnerte den Deckel so heftig zu, dass es durch ihre Wohnung schallte. Zitternd öffnete sie sich eine Flasche Bier, trank hastig, ohne ihren Mantel ausgezogen zu haben.
   Viola kam aus dem Kinderzimmer und lächelte ihr zu. Die Studentin betreute Mo neuerdings ab fünfzehn Uhr, wenn Bardo sie aus der Kinderkrippe abgeholt, ihr ein Mittagessen gekocht und sie ihren Mittagsschlaf gemacht hatte.
   Anna war froh, sich bezüglich der Studentin Bardo gegenüber durchgesetzt zu haben. Endlich war sie nicht mehr nur von ihm abhängig, was die Betreuung von Mo betraf. Natürlich ahnte er, dass sie auf diese Weise Distanz zu ihm schaffen wollte, und ihr Argument, ihn zu entlasten, nur vorgeschoben war. Aber immerhin hatte er das neue Arrangement, ohne allzu sehr zu murren, akzeptiert.
   »Hallo Frau Mahler. Sie müssen ja einen tollen Verehrer haben. Drei Sträuße hat der Bote geliefert. Wahnsinn! Ich hab tatsächlich für alle eine Vase gefunden.«
   Anna lief ins Wohnzimmer. Auf dem Wohnzimmertisch, im Sideboard und auf der Fensterbank standen Sträuße mit ihren Lieblingsblumen. Rosen, Gerbera und Nelken. Der Duft der Blumen erfüllte das Zimmer, nebelte sie ein. Anna wurde übel.
   Sie raste in die Küche, öffnete den Küchenschrank und riss eine der Plastiktüten heraus, die sie für den Müll sammelte. Zurück im Wohnzimmer stopfte sie die Sträuße Violas erstaunte Blicke ignorierend in die Tüte. Dabei stach sie sich an den Dornen der Rosen, jammerte auf. »Sie gehen jetzt bitte!«
   Kaum war das Kindermädchen weg, brach Anna in Tränen aus. Wann würde Bardo endlich begreifen, dass er sie unter Druck setzte? Glaubte er wirklich, seine Zeilen beglückten sie? Glaubte er, sie bewundere seine Kunstwerke, für die er wohl jeden Abend stundenlang Liebesgedichte und Liebeslieder aus seinen Opern studierte?
   Mo kam herbeigelaufen und schaute sie ängstlich an. Anna nahm die Kleine in die Arme.
   »Schon gut, Mama ist nicht böse auf dich. Nur ein bisschen genervt. Wir spielen gleich Katze und Maus, ja? Bau das Spiel schon mal auf.«
   Mo rannte in ihr Kinderzimmer.
   Anna zog ihren Mantel aus, hängte ihn an die Garderobe und sah, dass der Anrufbeantworter ihres Festnetztelefons auf dem Garderobenschränkchen blinkte. Bardo! Bestimmt wieder Bardo! Ihr kamen die Tränen.
   Sie stürzte ins Bad, wischte sich die Wimperntusche ab, die ihre Tränen auf Wangen und Augenlidern verschmiert hatten. Nein, heute würde sie seine Ansage ungehört löschen.
   Sie sah so blass aus. Anna wunderte das nicht. Sie schlief kaum mehr eine Nacht durch. Meist wälzte sie gegen vier Uhr morgens ihr Bardo-Problem vor sich her und schaffte es nicht, wieder einzuschlafen. Weder lesen noch Honigmilch half, geschweige denn fernsehen.
   Anna hielt ihre Hände unter den warmen Wasserstrahl, schloss die Augen und versuchte, sich zu entspannen. Sie bekam Kopfschmerzen. Was sollte sie nur tun? Unbedingt musste sie ihm sagen, wie sehr sie sich durch seine Briefe und Anrufe unter Druck gesetzt fühlte. Warum verflucht hatte sie das nicht längst geschafft?
   Anna war sich ihrer Ausrede nur zu bewusst. Natürlich musste sie ihm hoch anrechnen, dass er Mo weiterhin betreute, obwohl sie ihn als Liebhaber an ihrem Geburtstag erneut zurückgewiesen hatte. Wie schaffte er es bloß, trotz seiner Enttäuschung weiterhin so fürsorglich zu sein? Aber viel wichtiger: Warum ließ er ihr keine Zeit, sich über ihre Gefühle für ihn klar zu werden?
   Anna drehte das Wasser ab, trocknete sich die Hände ab und ging in den Flur zurück. Sie kam sich manisch, ja unverbesserlich vor, als sie nun doch den Anrufbeantworter abhörte.
   Natürlich Bardo! Anna begann zu frieren und zu zittern wie alle Tage zuvor. »Anna, bitte! Du weißt doch, du hast in meinem Herzen ein Feuer entfacht, das nie mehr verlöschen wird.« Was für ein Kitsch! Anna verdrehte die Augen und knallte den Hörer zurück auf die Station. Sie lief in die Küche und riss ein zweites Bier aus dem Kühlschrank. Sie rollte es über ihre erhitzte Stirn, bevor sie es öffnete.
   »Mama, komm doch!« Mos Stimme drang an ihr Ohr. Anna seufzte und stürzte das Bier hinunter. Sie fühlte keine Kraft mehr, mit Mo zu spielen. So weit war es schon gekommen.

Ein paar Tage später schloss Anna ihre Wohnungstür auf. Bardo lief ihr entgegen und half ihr aus dem Mantel. »Schön, dass du endlich kommst. Wie war dein Tag?«
   »Wie immer.« Sie wandte sich ab, zupfte vor dem Spiegel ihren Pony in die Stirn. Ob er froh war, dass sich Viola den Knöchel verstaucht und eine Weile nicht mehr würde kommen können? Seit ihrem Unfall blieb Bardo den ganzen Nachmittag bei Mo, bis Anna nach Hause kam.
   Anna war stolz auf sich, dass es ihr wenigstens gelang, ihm ansonsten konsequent auszuweichen. Sie lud ihn nicht mehr zum Abendessen ein. Sie ging nicht auf seine Vorschläge zu Wochenendausflügen ein, die er ihr wegen Mo vorschlug, und gab vor, arbeiten zu müssen oder etwas mit ihren Freundinnen und deren Kindern und Mo unternehmen zu wollen.
   »Mo hat heute toll gemalt«, verkündete Bardo. »Ein Hexenhäuschen, einen kleinen Jungen mit kurzer Hose und ein Mädchen im geblümten Kleid. Ich habe ihr nämlich Hänsel und Gretel vorgelesen.«
   »Das ist ja schön.« Ihre Stimme klang belegt.
   Sie ging in die Küche. Erschrocken sah sie, er hatte gekocht, die Küche geputzt und Mos Spielsachen aufgeräumt. Anna spürte nur einen Impuls: Weg! Raus aus der Wohnung. Sie lief in den Flur zurück, griff nach ihrem Mantel.
   Bardo musterte sie erstaunt.
   »Ich muss noch einkaufen. Wir haben keine Milch und keine Haferflocken mehr.«
   »Brauchst du nicht. Hab alles mit Mo vorhin besorgt. Sie geht doch so gern einkaufen.«
   Anna seufzte. »So ein kleiner Gang durch den Stadtteil hätte mir gutgetan.«
   »Bitte setz dich doch. Das Essen ist gleich fertig. Es gibt Fischstäbchen.«
   Anna stürmte ins Bad, meinte seinen irritierten Blick im Rücken zu spüren. Den Schlüssel drehte sie zweimal im Schloss. Nun ging das mit den gemeinsamen Abendessen wieder los. Anna verfluchte Viola und ihren Sturz. Sie riss die Tür des Badezimmerschränkchens auf, griff nach den Baldriantropfen und tröpfelte eine zu große Menge in ihr Zahnputzglas. Angewidert trank sie das bittere Gebräu.
   Als sie zurück in die Küche kam, stand Bardo am Herd und wendete die Fischstäbchen. Er hatte ihre rot-schwarz-gestreifte Schürze umgebunden. Anna runzelte die Stirn. Am liebsten hätte sie ihm ihre Schürze vom Bauch gerissen.
   Sie deckte den Tisch. Lieblos knallte sie Teller und Besteck auf den Holztisch.
   Bardo drehte sich besorgt zu ihr hin. »Bist du wütend? Hast du Ärger im Job gehabt? Mal wieder mit Marion?«
   Anna schüttelte den Kopf. Der merkte nichts, aber auch gar nichts, aber er erinnerte sich haarklein an alles, was ihr wichtig war, ihr Sorgen machte. Sie seufzte. Wie oft hatte sie sich schon bei ihm beklagt, dass die Kollegin ihr wichtige Anfragen vorenthielt, sie selbst beantwortete und dabei immer wieder falsch informierte?
   Mo kam herbeigelaufen und kletterte auf ihren Kinderstuhl. Bardo füllte die Teller. Zum Fisch servierte er Kartoffelpüree und gekochte Möhren.
   »Riecht lecker«, krähte Mo.
   »Schön langsam essen, ja?«, mahnte Bardo und band Mo das Lätzchen mit dem Bären um. »Nicht schlingen, sonst verschluckst du dich.«
   Anna stocherte in ihrem Essen.
   Bardo lächelte ihr zu und hob sein Weinglas. »Schmeckt es dir auch?«
   Anna rührte ihren Wein nicht an, stürzte ihr Glas Mineralwasser hinunter. »Danke, dass du gekocht hast.« Sie würgte die Worte heraus. Im gleichen Moment wurde ihr übel. Sie raste ins Badezimmer und übergab sich.
   Als sie wieder in die Küche kam, hatte Bardo das Geschirr bereits in die Spülmaschine geräumt und die Pfanne gespült. Er hatte ihr einen Pfefferminztee gekocht. Die Tasse stand dampfend auf dem Tisch.
   »Quält dich wieder diese schreckliche Migräne, die du immer kriegst, bevor du deine Tage bekommst?«
   Anna stöhnte auf. Wenn er wüsste! Sollte sie ihm endlich sagen, wie sehr er ihr auf den Keks ging? Aber dann hätte sie niemanden mehr, der Mo betreute. Verdammt!

Kaum war Bardo endlich gegangen, kippte Anna den Pfefferminztee in den Ausguss. Sie ließ sich Badewasser ein und tauchte in die wohltuende Wärme. Nur eines konnte sie denken: So konnte es nicht weitergehen! Sie fühlte sich krank. Vier Kilo hatte sie seit ihrem Geburtstag bereits abgenommen. Unmöglich, weiterhin jeden Tag nach Hause zu kommen und auf Bardo, den fürsorglichen Mo-Vater und treuen Freund, zu treffen. Unmöglich, den werbenden Liebhaber zu erleben, der sie einkreiste und ihr die Luft zum Atmen nahm. Wenn bloß Viola bald wieder da wäre.
   Anna rieb sich sanft mit ihrem Naturschwamm über Brüste und Bauch. Plaudern mit Bardo so wie früher, ausgeschlossen! Mit seinen elenden Briefen und Anrufen kam er ihr vor wie eine Schallplatte, eine, die stecken geblieben war. Was erwartete er bloß? Sollte sie sich jeden Tag aufs Neue rechtfertigen, weil sie ihre Gefühle für ihn noch prüfte? Jedes Wort, das sie sagen würde, jede Zeile, die sie ihm schreiben würde, würde ihn verletzen, würde Anlass zu Missverständnissen geben, würde ihn vermutlich zu noch mehr Liebesschwüren herausfordern.
   So konnte es nicht weitergehen!
   Annas Magen krampfte sich zusammen. Wie schaffte er es bloß, den ganz normalen Alltagsfreund herauszukehren und so zu tun, als merkte er nicht, wie sehr er ihr auf die Nerven ging? Er musste das doch spüren. Wenn sie nur endlich die Kraft aufbringen könnte, ihn zu konfrontieren, ihm ihren Missmut entgegenzuschreien. Aber ihre verdammten Schuldgefühle.
   Anna duschte sich lauwarm ab, rubbelte sich trocken und cremte sich mit der teuren Lotion ein, die so fein nach Rosenöl duftete. Das bisschen Luxus tat so gut. Ihr ging es wieder etwas besser. Gleich würde sie Mo noch eine Gutenachtgeschichte vorlesen und sich dann mit einer Wärmflasche ins Bett kuscheln und Mord im Morgengrauen auslesen. Morgen war auch noch ein Tag, um ein klärendes Gespräch mit Bardo zu führen.
   Anna schlüpfte in ihren bodenlangen weißen Bademantel und die grünen Hausschuhe mit den Froschgesichtern. Sie öffnete ihren Badezimmerschrank und hielt das Fläschchen mit den Magentropfen über ihren Zahnputzbecher, zählte bis zwanzig, stellte es zurück und griff nach den Baldriantropfen. Auch davon ließ sie zwanzig Tropfen in den Becher fallen, gab warmes Wasser hinzu und stürzte das bittere Gebräu hinunter.
   Sie lief zum Kinderzimmer. Wie angewurzelt blieb sie in der Tür stehen und blickte auf Mo in ihrem Bettchen hinunter. Immer noch angezogen lag die Kleine auf der Tagesdecke und hielt die Augen fest geschlossen. Sie rollte ihren Kopf hin und her. Dabei schaukelte sie auch mit dem Oberkörper von links nach rechts und summte vor sich hin. Ein Männlein steht im Walde …
   Anna klammerte sich am Türrahmen fest. Wurde Mo verrückt? Waren das die ersten Anzeichen von autistischem Verhalten? Offenbar spürte die Kleine genau, dass mit Bardo und Anna nicht alles in Ordnung war.
   Anna fror, obwohl die Hitze des Bades noch durch ihren Körper flutete. Das war der Preis. Das war die Strafe, weil sie Bardo nicht ausdrücklich sagte, er solle ihr Zeit lassen, so wie er es versprochen hatte. Jetzt musste sie dringend eingreifen.

*

Der verführerische Geruch nach Apfelpfannkuchen erfüllte die Diele. Anna liebte ihn. Er erinnerte sie an ihre Kindheit. Liebevoll hatte ihre Mutter ihr in der Adventszeit immer Pfannkuchen gebraten und Kakao dazu gekocht.
   Aber Bardo!
   Als sie die Küche betrat, stellte er gerade die Pfanne in die Mitte des Tisches. Mo jubelte. Anna setzte sich, und Bardo schob ihr die Glasschüssel mit Zucker und Zimt zu. Sorgfältig schnitt er für Mo einen halben Pfannkuchen in mundgerechte Stücke. Die Kleine spießte immer zwei Häppchen gleichzeitig auf und stopfte sie sich in den Mund.
   Anna brachte mal wieder kaum einen Bissen hinunter. Sie stocherte auf ihren Teller herum.
   »Was ist bloß los mit dir?« Bardo musterte sie besorgt. »Warum hast du in der letzten Zeit kaum noch Appetit? Du hast abgenommen, Anna. Deine Wangen wirken so eingefallen. Hast du Stress im Job? Vielleicht kann ich dir helfen?«
   Anna blieb die Luft weg. Aber vor Mo loszuschreien, kam nicht infrage.
   Kaum legte die Kleine ihre Kindergabel hin und verkündete, sie platze gleich, streckte Anna ihren Rücken durch. So entschieden, wie sie nur konnte, blickte sie Bardo in die Augen. »Wir reden gleich, wenn Mo im Bett ist«, zischte sie.
   Sie sah, wie er zusammenzuckte. Offenbar hörte er an ihrem Ton, dass es keinesfalls um ihren Job gehen würde.
   Anna wandte sich Mo zu. »Komm, du legst dich jetzt hin. Heute lese ich dir keine Geschichte vor. Morgen wieder. Versprochen. Aber du darfst die CD mit den Liedern vom Hasen Augustin hören, ja?«
   »Ich räume derweil die Küche auf.« Bardo erhob sich und stellte das Geschirr zusammen. »Bestimmt willst du über meinen Vorschlag sprechen, am nächsten Wochenende mit Mo den Zoo in Gelsenkirchen zu besuchen?«
   »O ja, in den Zoo, zu den großen Bären«, krähte Mo.
   Anna zog sie mit sich und wandte sich zu Bardo um. »Darüber sprechen wir nicht«, sagte sie energisch.

Als sie eine halbe Stunde später in die Küche zurückkehrte, öffnete Bardo gerade eine Flasche Rotwein. Er musste sie inzwischen aus seiner Wohnung geholt haben. Andächtig wollte er ihr ein Glas einschenken.
   »Ich will keinen Wein!« Anna zog ihm ihr Glas weg, schloss die Augen und lauschte konzentriert auf das gleichmäßige Ticken ihrer schwarzen Wanduhr. »Bardo«, sagte sie und umfasste ihr Gesicht mit beiden Händen, »ich möchte dir so ehrlich wie möglich schildern, wie mir schon lange zumute ist. Ich muss dir endlich sagen, was mich schier verrückt macht.«
   Er zog den Kopf zwischen die Schultern.
   »Du täuschst dich, wenn du glaubst, dass ich so für mich klären kann, was ich für dich empfinde.« Anna hielt inne, senkte den Kopf und presste Zeigefinger und Daumen an die Stirn.
   Er musterte sie bestürzt. »Was heißt das? Was heißt so?«
   »Immer bist du da. Deine Briefe, deine ständigen Anrufe«, brach es aus Anna heraus. »Du nimmst mir die Luft zum Atmen.« Sie hob beschwichtigend die Hände. »Ich weiß ja, du willst das nicht, aber offenbar nimmst du überhaupt nicht wahr, wie du mich bedrängst.«
   Er schluckte. »Ich will dir doch nur zeigen, wie sehr ich dich begehre, wie wichtig du mir bist. Und wie wichtig mir Mo ist.«
   »Das glaube ich dir.« Anna holte tief Luft. »Ich kann nur wiederholen, lass mir Zeit. Und das heißt auch, lass mir Raum, meinen Raum. Wenn du so weitermachst … Ich kann nicht mehr.«
   Er zündete sich eine Zigarette an, inhalierte heftig. »Was willst du mir wirklich sagen?« Er stürzte den Wein hinunter.
   Anna presste ihre Hände auf die Brust. Sie wich seinem forschenden Blick aus, atmete tief durch. »Ich habe Mo ab nächsten Monat in einem Ganztagskindergarten angemeldet. Ich werde sie dort nachmittags um sechzehn Uhr abholen und dann zu Hause arbeiten. Das habe ich mit meinem Chef besprochen. Ich kann zukünftig auch Telearbeit machen. Ich möchte also nicht mehr, dass du Mo betreust. Jedenfalls vorübergehend nicht. Wir sollten uns eine Weile nicht mehr sehen. Abstand gewinnen. Das wird nur so gehen.«
   Bardo riss die Augen auf.
   Anna wusste, ihre Worte trafen ihn wie ein Hagelschauer. »Bitte versteh doch!«
   Er sprang auf. Beide Gläser fielen um, und der Rotwein ergoss sich über den Küchentisch. »Das ist nicht wahr«, keuchte er.
   »Doch, das ist wahr. Ich kann nicht mehr.« Anna blieb sitzen und sah zu, wie der Rotwein von der Tischplatte auf ihre beigefarbene Hose tropfte.
   Bardo starrte sie an. Sein Kinn bebte, doch er hastete hinüber zur Spüle und holte Lappen und Eimer. Er wischte wie wild, schluchzte leise.
   Am liebsten wäre Anna hinüber zu Mo gelaufen, um sich bei ihr unter der Bettdecke zu verkriechen.
   Kaum waren Tisch und Fußboden wieder blitzblank, der Eimer geleert und der Lappen ausgespült, setzte sich Bardo wieder, schenkte sich Wein nach und zündete sich eine neue Zigarette an. »Ich kapiere, Anna. Ich habe dich mit meinen Briefen genervt. Ich habe geglaubt … Gut, ich werde das lassen.« Er blies einen exakten Rauchring in die Luft. »Auch keine Blumen mehr, keine Gedichte. Ich werde nur dein Freund sein, Anna. Und Mos Papa.«
   Anna zitterte am ganzen Körper. »Erst mal brauche ich eine Pause. Ich muss Ruhe finden.« Sie schlug die Hände vors Gesicht, weinte.
   »Anna«, begehrte er auf. »Ich kann mich ändern. Vor deinem Geburtstag …«
   »Aber den hat es gegeben. Nichts ist mehr wie vorher. Ich kann kaum noch schlafen. Und Mo …« Sie erzählte ihm, warum sie sich solche Sorgen um Mo machte.
   Bardo trank immer schneller, rauchte immer wilder. »Es geht dir hauptsächlich um Mo, nicht wahr?«
   »Ja, auch. Aber es geht vielmehr um mich.«
   »Das glaube ich dir nicht.« Seine Stimme krächzte. »Es ist wie bei Sven-Martin, nicht? Damals hast du Pit die Schuld gegeben. Und bei Mo gibst du sie mir nun auch.« Er stand auf und trat ans Küchenfenster, schaute nach draußen in die Dunkelheit. »Du meinst also, ich verursache Mos Kopfrollen. Das darf nicht wahr sein!«
   »So habe ich das nicht gesagt.« Anna starrte auf seinen bebenden Rücken. »Sie spürt unsere Spannungen. Das belastet sie enorm. Bitte glaub mir.« Anna holte tief Luft. »Ich will mein Kind nicht weiter gefährden. Und ich muss zur Ruhe kommen. Dringend. Bitte, versteh doch.«
   Er drehte sich um, kam zum Tisch, setzte sich wieder. »Ach, und wenn ich nicht mehr komme, denkst du, Mo geht es besser? Wie willst du ihr das erklären? Und soll ich sie gar nicht mehr sehen? Denkst du bitte daran, dass ich für sie wie ein Vater bin?« Er hieb mit der Faust auf den Tisch. Rotweinflasche und Gläser tanzten. »Ja, ich bin ihr Vater! Und du handelst unverantwortlich!«
   Er sprang auf, stob mit ausholenden Schritten in den Flur. »Das machst du nicht mit mir! Das lasse ich mir nicht gefallen, du Zicke!« Er knallte die Wohnungstür hinter sich zu.

Als es am nächsten Tag klingelte, zögerte Anna, die Tür zu öffnen. Bestimmt Bardo! So ausfallend wie gestern hatte sie ihn noch nie erlebt. Zicke!
   Ehe sie sich versah, rannte Mo zur Tür und riss sie auf. »Bardo, Bardo!«
   Schon stand er vor ihr. Wie ihre Hände zitterten. Er bat sie, kurz hereinkommen zu dürfen. Sie nickte schwach.
   »Es tut mir leid. Anna, bitte glaube mir, da sind gestern die Pferde mit mir durchgegangen. Ich hab mich selbst nicht mehr gekannt. Bitte verzeih mir! Bitte! Ich schwöre, das wird nie wieder vorkommen.«
   Er streckte ihr ein kleines Päckchen entgegen, setzte sich an den Küchentisch und nahm Mo auf den Schoß. »Auch für dich hab ich was.« Er drückte der Kleinen einen Kuss auf die Stirn und zog eine kleine Ballerinapuppe aus seiner Hosentasche. Mo jubelte los.
   So zerknirscht und so flehend, wie er sie anschaute, konnte Anna nicht anders, als ihm zuzulächeln. Da saß der langjährige Freund vor ihr, nicht der quälende Eroberer. Wie lieb von ihm, auch für Mo ein Geschenk mitzubringen. »Schon gut, Bardo, war ja auch hart, was ich dir gestern gesagt habe.«
   Widerstrebend packte sie sein Geschenk aus. Ein Ring mit rotem Rubin. »Nein, den kann ich nicht annehmen.«
   »Bitte, Anna. Nur so weiß ich, dass es wieder gut zwischen uns ist.«
   Anna zögerte, aber dann sah sie Mo vor sich, wie sie in ihrem Bettchen hin und her schaukelte. »Nein, ich bleibe bei meinem Entschluss. Mo kommt in den Ganztagskindergarten.«
   »Ist gut, Anna.« Er erhob sich, setzte Mo ab und nahm sie in den Arm.
   Anna versteifte sich.
   »Ich kapiere, du brauchst erst mal Abstand von mir, aber ich flehe dich an. Alles muss so bleiben wie bisher. Ich werde nur dein guter Freund sein. Der Freund, der immer alles für dich und Mo tun wird. Wir können wenigstens an den Wochenenden etwas mit Mo unternehmen.«
   Anna meinte, im Sog seiner Worte zu ersticken. Warum, verflucht, hatte sie ihn bloß hereingelassen?

Zwei Wochen nach ihrer Aussprache mit Bardo holte Anna Mo wie immer vom Kindergarten ab. Olga begrüßte sie erstaunt.
   »Hallo, Frau Mahler, ich dachte, Sie müssen heute länger arbeiten. Jedenfalls hat der Herr Kiesenberg das gesagt. Er hat Mo vor etwa einer halben Stunde abgeholt.«
   Anna starrte die junge Erzieherin an. Das durfte nicht wahr sein! Was fiel ihm ein? Sie meinte, keine Luft mehr zu bekommen.
   »Ist was nicht in Ordnung?« Olga musterte sie erschrocken. »Herr Kiesenberg ist doch der Vater, oder? Das hat er gesagt. Und Mo ist sofort begeistert auf ihn zugestürmt. Da hab ich natürlich gedacht …«
   »Schon gut.« Anna riss sich zusammen. Sie konnte ihr keine Vorwürfe machen. Bestimmt hatte Bardo einen Charmeauftritt hingelegt. Mühsam rang sie sich ein Lächeln ab. »Da haben Herr Kiesenberg und ich uns vorhin wohl missverstanden.« Sie schaute Olga streng in die Augen. »In Zukunft lassen sie Mo bitte nur mit jemandem mitgehen, wenn ich vorher angerufen habe.«
   Olga nickte zerknirscht.
   Anna raste nach Hause. Je näher sie ihrer Wohnung kam, desto größer wurde ihre Wut. Hatte sie es nicht geahnt? Bardo gab nicht auf. Nichts war besser geworden. Im Gegenteil. Von wegen Abstand. Sie schluchzte auf. Wie dreist, Mo einfach abzuholen. Wie dreist, Olga zu belügen.
   Anna stürmte die Treppe zu Bardos Wohnung hinauf und klingelte Sturm. Er öffnete und strahlte sie an.
   »Anna, du wirst staunen. Ich hab Mo beigebracht, Mama zu schreiben.«
   Anna würdigte ihn keines Blickes, drängte ihn beiseite und rannte in sein Wohnzimmer. Mo saß an Bardos Couchtisch und kritzelte mit Farbstiften auf einem Block herum. Anna zog sie hoch. Mo heulte los. »Will weiterschreiben, will bei Bardo bleiben.« Sie zappelte und versuchte sich loszureißen.
   »Das wirst du nicht.« Anna brüllte. Sie packte Mo so fest, wie sie konnte, und schob sie zur Wohnungstür.
   Bardo stellte sich ihr in den Weg. »Anna, was kann Mo dafür? Du bist hysterisch. Komm, beruhige dich. Ich wollte meine Kleine doch nur wieder mal sehen.«
   »Wenn du dich noch einmal an Mo vergreifst, wirst du was erleben«, kreischte Anna. »Weg! Geh beiseite. Ich will hier raus.«
   »Mama, Mama, nein.« Mo streckte Bardo ihren rechten Arm entgegen.
   Anna fasste ihren linken umso fester und zerrte sie an sich. Grusche, die liebende Mutter aus dem Kaukasischen Kreidekreis, kam ihr in den Sinn. Sie wollte Mo schon loslassen, aber sie packte noch heftiger zu und zog Mo ins Treppenhaus. Sie war die Mutter, sie musste sich gegenüber Bardo behaupten und Mo vor seiner Besessenheit schützen. Mit aller Kraft nahm sie die zappelnde Mo auf den Arm und stapfte, so schnell sie konnte, die Treppe hinunter. Mo brüllte, Anna liefen Tränen übers Gesicht.

Mo fragte jeden Tag nach Bardo. Eines Samstags entdeckte Anna, dass sie nun auch tagsüber auf ihrem Bett hin und her schaukelte und dabei vor sich hin summte. Anna fasste es nicht, heulte los.
   Sie rannte ins Bad und schöpfte sich kaltes Wasser auf die Wangen. Als sie sich das Gesicht abgetrocknet hatte, fiel ihr Blick auf die Waschmaschine voll mit Bettwäsche. Sie seufzte auf. Die musste sie unbedingt noch aufhängen. Nur heute und morgen durfte sie laut Hausplan den Trockenraum Nr. 1 auf dem Dachboden benutzen.
   Anna legte die nassen Bettbezüge und Spannbetttücher in ihren roten Wäschekorb, lief ins Kinderzimmer und sagte Mo, sie sei kurz mal eben weg und würde die Wäsche aufhängen. Sie nahm ihren Schlüssel vom Brett, öffnete die Wohnungstür und hielt inne. Nein, sie durfte sich auf keinen Fall mit ihren Pumps auf den Weg nach oben machen. Wenn Bardo ihre Schritte hörte! Vielleicht würde er seine Tür öffnen und mit ihr über ihren letzten Auftritt bei ihm reden wollen. Garantiert würde er ihr vorwerfen, sie habe wie eine Furie herumgebrüllt und Mo total verunsichert.
   Anna setzte den Wäschekorb ab und griff nach den dicken Wandersocken im Schuhschrank. Sie streifte sie über, nachdem sie ihre Pumps von sich geschleudert hatte, nahm den Korb wieder auf und zog die Wohnungstür leise hinter sich zu. Auf der Treppe trat sie so katzenhaft auf, wie es ihr mit dem schweren Korb in den Armen möglich war. Kaum war sie an Bardos Wohnung vorbei, atmete sie tief durch.
   Oben angekommen schaltete sie das Licht im Vorraum zu den beiden Trockenräumen ein. Sie bemerkte, dass die Tür des Trockenraums Nr. 1 ein Stück weit offen stand und dort Licht brannte. Merkwürdig. Vielleicht nahm Frau Gneisering, die neben Bardo wohnte, gerade ihre Wäsche ab. Die alte Frau vergaß immer mal wieder, den Raum rechtzeitig freizumachen.
   »Frau Gneisering, hallo, sind Sie da drin?« Anna stapfte auf die Tür zu. Keine Antwort. Wahrscheinlich hatte die Nachbarin vergessen, das Licht auszumachen. Anna schob die Tür mit den Ellenbogen auf und betrat den Raum.
   Wäsche hing keine mehr. Mitten unter den gespannten Leinen stand ein Stuhl. Ein Seil baumelte von einem der Dachbalken herunter. Anna erschrak dermaßen, dass ihr der Korb aus den Händen rutschte und polternd auf dem Beton aufschlug. Entsetzt schaute sie sich um. Wollte sich hier jemand umbringen?
   Bardo? Anna presste die Hand vor den Mund und lauschte. Kein Laut war zu hören. Schlagartig schwitzte sie heftig, fühlte die Nässe unter ihren Achselhöhlen.
   Energisch ermahnte sie sich, ruhig zu bleiben. War sie verrückt geworden? Ein Seil. Ein Stuhl. Wenn da nun jemand nur versucht hatte, eine neue Leine zu spannen? Verdammt, der ganze Stress mit Bardo trieb sie in die Hysterie. Das durfte nicht sein. Reiß dich zusammen, Anna.
   Und dann hörte sie Schreie. »Mama, Mama, wo bist du?« Mo kreischte im Treppenhaus.
   Anna stürmte nach unten. Auf den gewienerten Holzstufen konnte sie mit den Wollsocken nicht so schnell laufen. Vor Bardos Wohnungstür rutschte sie aus und schlug der Länge nach hin. Sie spürte keinen Schmerz. Hoffentlich hatte Bardo nichts gehört. Nur weg! Weiter! Sie rappelte sich auf und hastete weiter nach unten.
   Mo stand schluchzend in der Wohnungstür. Anna nahm sie in den Arm. »Ich habe dir doch gesagt, ich hänge nur eben die Wäsche auf. Komm, wir starten gleich ein Wettrennen mit deinen Hasen. Stell sie schon mal auf, ja. Und ich will den rosa Hasen, ja?«
   Die Kleine wischte sich die Tränen aus den Augen. »Nee, den rosa Hasen will ich. Du kriegst den grünen mit den langen Schlappohren.«
   »Auch gut.« Anna streichelte Mo über das Haar. »Nun hänge ich schnell noch die Wäsche auf, ja?«
   Als Anna wieder auf den Dachboden kam, stand Bardo da. Anna stockte der Atem. Der wollte sich tatsächlich umbringen. Ihretwegen. Weil sie ihn nicht erhörte? Sie schrie los, schrie wie von Sinnen.
   Bardo stürzte auf sie zu und packte sie grob am Arm. »Still, hör auf! Oder willst du, dass alle hier nach oben kommen?«
   Anna riss sich los. Sie zitterte. Er packte sie erneut. Sie versuchte, zurückzuweichen, aber er hielt sie fest umklammert.
   »Was ist denn los? Ich hänge nur deine Wäsche auf. Damit du dich um Mo kümmern kannst. Ich hab ihr Geschrei gehört.«
   Anna sagte nichts, deutete mit der rechten Hand auf den Stuhl und das Seil, das vom Dachbalken herabhing.
   Bardo schüttelte den Kopf. »Du hast gedacht … hast gedacht …, ich würde …?«
   Anna nickte stumm.
   »Du musst verrückt sein.«
   Sie starrte ihn an, schluchzte und presste die Hände gegen die Wangen. Bardo trat dicht an sie heran. Sie wich zurück. Es schien ihr so, als wollte er sie in den Arm nehmen.
   »Weiß der Himmel, wie Stuhl und Seil hierherkommen. Vielleicht hat jemand nur eine zusätzliche Wäscheleine spannen wollen.«
   Sie wich noch mehr zurück. »Du redest dich nur heraus«, keuchte sie. »Natürlich wolltest du dich nicht umbringen. Du wolltest mir Angst einjagen.« Ihre Stimme kiekste. »Den Druck auf mich erhöhen. Du weißt, dass ich an diesen Tagen den Trockenraum nutze. Du bist verrückt.«
   Bardo musterte sie entsetzt. »Mir so was zu unterstellen. Ich will das nicht glauben, Anna.« Er wandte sich ab und hängte seelenruhig weiter ihre Wäsche auf.
   Anna blieb wie angewurzelt stehen, verfolgte jede seiner Bewegungen. Schweißtropfen rannen ihr den Rücken hinunter. Meinte er es wirklich wieder einmal nur gut?

Anna konnte sich nicht auf das Hasenwettrennen konzentrieren. Sie zitterte immer noch, ihre Gedanken rasten. Vielleicht hatte Bardo wirklich keinen Selbstmordversuch vortäuschen wollen. Wie auch immer, mit ihm würde sie nie glücklich werden. Er hatte es vermasselt. Er würde sich nicht ändern, würde sie weiter bedrängen.
   »Mama, was ist denn? Du bist dran.«
   Anna würfelte. Eine Vier. Mo frohlockte. »Mein Hase ist viel schneller.«
   Anna seufzte tief. Bardo glaubte nur, sie zu lieben. Wer wirklich liebte, trieb den anderen nicht in eine so fatale Enge. Sie musste ihn aus ihrem Leben fernhalten. Aber wie? Bestimmt gelang das nie, wenn sie weiterhin mit ihm in einem Haus lebte.
   »Nun pass doch auf«, nörgelte Mo.
   Anna würfelte erneut. Eine Sechs. Mo zog einen Flunsch. Anna lächelte, wunderte sich, dass sie das schaffte. »Grüne Hasen haben nicht nur lange Ohren, sondern auch lange Beine und spurten davon.«
   Mo nahm ihren rosafarbenen Hasen auf und pustete ihm auf die Stirn. »Streng dich an«, flüsterte sie.
   Sollte sie sich eine andere Wohnung suchen? In einem anderen Stadtteil? Garantiert würde Bardo jeden Tag vor ihrer neuen Haustür stehen. Mit Blumen, mit einem noch schöneren Ring, mit tausend Geschenken für Mo. Nein, sie musste weiter wegziehen. So wie Pit. Es musste ja nicht gleich das Ausland sein.
   Anna sprang auf. »Mo, ich glaube mein Hase braucht Futter. Ich hole ihm ein paar Lakritzstangen vom Kiosk.«
   Mo jubelte auf. »Für meinen Hasen auch.« Sie rieb sich den Bauch, leckte sich über die Lippen. »Und für mich.«
   »Gut, also ganz viel Lakritz«, versprach Anna und rannte in den Flur. Sie schlüpfte in ihren Mantel und ihre Pumps. Im Treppenhaus stoppte sie, gerade noch rechtzeitig. Bardo! Sie zog ihre Schuhe aus, nahm sie in die Hand und tappte ganz leise nach unten zur Haustür. Draußen hastete sie durch den Schneematsch zum Kiosk und wäre auf ihren leichten Schuhen fast ausgerutscht.
   Heute war Freitag. Morgen würden die Zeitungen voll von Stellenanzeigen sein. Die Zeit war es schon heute. Anna kaufte die neuste Ausgabe der Wochenzeitung und wählte sorgfältig verschiedene Lakritzsorten aus, die in den Gläsern auf dem Tresen standen.

Am zweiten Januar klingelte es. Anna seufzte auf. Bestimmt Bardo. Sie hatte Weihnachten und Silvester mit Mo bei ihren Eltern in Hameln verbracht und dort ruhige und entspannte Tage genossen. Ihre Eltern bestärkten sie wider Erwarten, aus Duisburg wegzuziehen. Anna mochte nicht mehr daran denken, wie erschüttert und besorgt sie reagiert hatten, als sie ihnen erzählte, was sie in der letzten Zeit mit Bardo erlebt hatte.
   Tatsächlich stand er vor ihrer Tür. Im Weihnachtsmannkostüm. Anna schnappte nach Luft.
   »Wir feiern Weihnachten nach.« Er strahlte sie an und hob einen hellbraunen Sack aus Nesselstoff von seinen Schultern. »Geschenke für Mo.«
   Anna dankte ihm bewusst freundlich und gab vor, gleich zur Neujahrsfeier des Stadtmarketings zu fahren. »Viola wird bei Mo bleiben und mit ihr die Geschenke auspacken.«
   Bardo schnaubte, hob seinen Sack wieder auf die Schultern. »Meine Geschenke für Mo packe ich mit ihr und dir aus. Ich komme morgen wieder.« Er funkelte sie an.
   »Nein, kommst du nicht«, stieß Anna hervor. »Übermorgen auch nicht. Denk dran, wir haben Abstand vereinbart.«
   »Den haben wir zur Genüge gehabt.« Bardos Gesicht rötete sich. »Du bist einfach weggefahren, ohne mir was zu sagen. Und das an Weihnachten!« Er holte tief Luft. »Das reicht. Denkst du bitte auch mal an Mo!«
   »Mir reicht der Abstand nicht. Denkst du bitte auch mal an mich!« Anna knallte ihm die Wohnungstür vor der Nase zu.
   Bereits am nächsten Tag quatschte Bardo wieder auf ihren Anrufbeantworter, beschwor den guten Freund, der er im Neuen Jahr für sie sein wolle. Am übernächsten Tag fand sie einen Flehbrief im Briefkasten vor. Anna stöhnte auf. Alles ging wieder von vorn los.

Jeden Tag redete sich Anna aufs Neue zu, gelassen zu bleiben, wenn sie Bardos Briefe las. Sie würde ja nicht mehr lange in Duisburg wohnen. Vor ein paar Tagen war sie zu einem Vorstellungsgespräch nach Rosenburg eingeladen worden und hatte die Stelle im Stadtmarketing der kleinen Stadt im Süddeutschen bekommen. Dort bezahlte man sie zwar schlechter als in Duisburg, aber das war ihr egal.
   Bei ihrer Reise hatte sie noch am gleichen Tag einen Makler aufgesucht und eine Dreizimmerwohnung im Erdgeschoss eines kleinen Fachwerkhauses angemietet. Zwar fand sie die Wohnung zu dunkel, aber wenn sie erst mal in Rosenburg lebte, würde sie sich in Ruhe eine Bleibe suchen, die ihr wirklich gefiel. Seit langer Zeit fühlte sie sich mal wieder richtig optimistisch.
   Als Bardo ihr ein riesiges Paket mit achthundert Tafeln ihrer Lieblingsschokolade schickte, Joghurtschokolade von Milka, und ihr immer wieder im Treppenhaus auflauerte und sie beschwor, gemeinsam etwas mit Mo zu unternehmen, wusste Anna, wie richtig ihr Entschluss war, Duisburg zu verlassen.

Eines Abends, als sie ihren Umzug plante und aufschrieb, was sie dafür alles zu erledigen hatte, fragte sich Anna, wie es ihr wohl gelingen könnte, auszuziehen, ohne dass Bardo es mitbekam. Die Szene, falls er es mitbekam, konnte sie sich nur zu gut vorstellen. Keinesfalls durfte Bardo erfahren, wohin sie zog. So besessen, wie er von ihr war, würde er sie bestimmt nach Rosenburg verfolgen. Zumindest aber würde er sie garantiert dort mit Briefen und Anrufen unter Druck setzen.
   Anna zitterte am ganzen Körper und heulte los. Was sollte sie nur tun?
   Nach einer langen Weile quälender Grübelei sprang sie vom Küchenstuhl auf, stürzte in den Hausflur und klingelte bei den Nachbarn. Lore und Mark gehörten zu ihrem entfernteren Freundeskreis. Anna kaufte alle Bücher in ihrer kleinen Buchhandlung. Sie wusste, wie sehr die beiden auf treue Kunden angewiesen waren, zumal sich auch in Duisburg Buchhandelsketten immer mehr verbreiteten.
   »Ich weiß, es ist schon spät«, schluchzte Anna, als Lore ihr öffnete, »aber ich weiß nicht mehr ein und aus.«
   Die große Frau mit den halblangen roten Haaren zog Anna spontan in ihre Arme. »Komm, ganz ruhig.« Sie streichelte ihr sanft über den Rücken. »Es gibt bestimmt eine Lösung.« Sie schob Anna energisch ins Wohnzimmer.
   Mark, der auf der rot-weiß-gestreiften Couch lag und einen Roman las, sprang auf.
   »Ich will nicht stören«, sagte Anna matt.
   »Unsinn.« Mark schob das Gummi nach oben, das seine schulterlangen braunen Haare zu einem Mozartzopf zusammenhielt. »Komm setz dich.« Er nahm einen Stapel Bücher vom roten Sessel und legte ihn auf den Esstisch.
   »Was ist los, Anna?« Lore schenkte ihr ungefragt einen Cognac ein. Anna leerte das Glas in einem Zuge. »Meine Geschichte ist herb. Bisher wissen nur meine Eltern Bescheid.« Sie presste die Hände zwischen die Knie und erzählte von Bardo. Erst stockend, dann immer schneller. Es sprudelte nur so aus ihr heraus. Sie erzählte den beiden nicht jedes Detail. Bardo völlig bloßzustellen, brachte sie nicht übers Herz. Lore und Mark musterten sie immer ungläubiger.
   »Wir haben uns schon gedacht, dass ihr Konflikte habt.« Lore schob ihre roten Haare hinter die Ohren. »Schon eine ganze Weile sehen wir Bardo nicht mehr mit Mo.«
   Mark schenkte sich nun auch einen Cognac ein.
   »Warum hast du ihn nicht längst angezeigt?« Lore beugte sich zu Anna hin. »Der stalkt doch. Mensch, das hätte ich ihm nicht zugetraut.«
   Anna winkte ab. »Er hat so viel für mich getan.«
   Mark rieb sich den Nacken. »Das sagen viele, die von Liebeswahnsinnigen verfolgt werden, und drehen dann durch wie du.«
   Anna schaute auf die kleinen braunen Figuren am Rand des weißen Berberteppichs. »Ich hab schon an eine Anzeige gedacht, Mark. Häufig wird Stalkern ein Abstandsgebot auferlegt. Doch wie soll das bei mir und Bardo gehen? Wenn wir nicht im gleichen Haus wohnen würden … Bitte versteht mich. Ich habe anders entschieden. Ich ziehe weg.«
   Lore und Mark warfen sich einen vielsagenden Blick zu. Anna erzählte ihnen von ihrer Bewerbung in Rosenburg. »Aber wie kann ich umziehen, ohne dass er was mitbekommt?« Sie weinte wieder.
   »Wir helfen dir, Anna. Ist doch klar.« Mark umfasste sein Kinn mit der Hand. »Es ist wirklich ein Problem. Bardo ist fast immer zu Hause. Dem entgeht garantiert nicht, wenn die Möbelpacker kommen und einen Umzugslaster vor der Tür parken.« Er schmunzelte. »Am besten, wir entführen ihn an dem Tag.« Er winkte ab. »Entschuldige, Anna.«
   Anna bat um einen weiteren Cognac. »Ich brauche keinen Möbelwagen«, erklärte sie. »Ich habe eine Nachmieterin gesucht, die meine Möbel übernimmt. War nicht so schwer.«
   »Aber deine Sachen?« Lore musterte sie. »Kleidung, Spielzeug, Bücher, dein PC und … Die passen nicht in deinen Polo!«
   »Genau.« Anna seufzte und raufte sich mit beiden Händen die Haare. »Ich brauche einen Bulli, aber auch meinen Miniumzug muss ich vor Bardo verheimlichen.«
   Über Lores Gesicht flog ein stolzes Lächeln. »Ich denke, ich habe eine grandiose Idee.«

Annas letzter Tag in Duisburg präsentierte sonniges Vorfrühlingswetter. Sie packte den Rest ihrer Habseligkeiten und Mos Spielzeug in Umzugskartons. Dabei hörte sie die Songs, die sie an ihrem Geburtstag gespielt hatte, und wunderte sich, wie wenig wehmütig ihr zumute war. Sie freute sich auf ihr neues Leben in Rosenburg, auch wenn ihr durchaus etwas mulmig wurde, wenn sie an das Kleinstadtleben dachte. Am allermeisten hoffte sie, Mo würde die einschneidende Veränderung gut verkraften.
   »Kommt Bardo mit?«, hatte die Kleine gefragt, als Anna ihr den bevorstehenden Umzug ankündigt hatte.
   Anna fand es auch heute noch richtig, Mo belogen zu haben. »Er kommt uns besuchen, und wir besuchen ihn«, hatte sie Mo getröstet. Sie hoffte, Mo würde ihn vergessen, wenn sie erst mal in Rosenburg lebte und neue Freundinnen und Freunde im Waldorfkindergarten fand.
   Gegen vierzehn Uhr standen alle Umzugskisten und Koffer im Flur. Anna räumte den Kühlschrank aus und warf die Lebensmittelreste in den Müll. Sie kochte sich einen Kaffee, setzte sich mit einem Block auf den Knien nahe an das Wohnzimmerfenster und hielt ihr Gesicht in die Sonne.
   Sie schrieb Bardo einen Abschiedsbrief, in dem sie ihm erklärte, warum sie Duisburg verließ. Sie bat ihn eindringlich, sie zu verstehen und ihren Entschluss zu akzeptieren. Je mehr sie auf das Ende des Briefes zuschrieb, umso trauriger wurde sie. Ein Lebensabschnitt ging zu Ende. Sie verlor einen guten Freund. Alles, was Bardo je für sie getan hatte, lief vor ihrem inneren Auge ab wie ein Film. Wenn sie bloß an ihrem fünfunddreißigsten Geburtstag nicht so viel getrunken hätte …
   Als sie schließlich heftig weinte und zart begann, ihren Entschluss zum Umzug anzuzweifeln, rief sie sich energisch zur Vernunft. Wehmut durfte sie sich nicht leisten. Sie musste ein neues Leben beginnen. Sie klebte den Brief zu, schob ihn in ihre Handtasche und machte sich auf, Mo vom Kindergarten abzuholen. Hoffentlich erlebte Mo dort einen schönen Abschied. Olga hatte ihr versprochen, Mos Wegzug mit allen Kindern fröhlich zu feiern. Es würde sogar eine ausgefallene Hasentorte geben, und jedes Kind habe ein kleines Abschiedsgeschenk für Mo.

Um neunzehn Uhr kamen Mark und Lore. Wie verabredet, trugen sie Annas Umzugsgut in ihre eigene Wohnung. Anna holte derweil den Bulli ab, den sie für ihre morgige Fahrt nach Rosenburg angemietet hatte.
   Kaum stand der Bulli vor der Tür, verdrückte sich Anna in ihre Wohnung und brachte Mo ins Bett. Mark und Lore trugen ihre Kisten eine nach der anderen hinunter.
   Später besuchte Anna die beiden. In ihrem Weidenkorb brachte sie das Abschiedsessen mit. Eine Quiche Lorraine, die sie gebacken hatte, dazu einen Elsässer Gewürztraminer.
   Lore füllte die Weingläser und kicherte. »Du bist eine Hellseherin, Anna!«
   Anna verstand sofort. »Bardo hat nachgeschaut?«
   »Ganz genau. Wir haben gerade mal die vierte Kiste hinuntergetragen, als er mit einer Mülltüte von oben herunterkam.«
   Mark schmunzelte auch und hielt Anna sein Glas entgegen. »Was treibt ihr denn so spät noch?«, ahmte er Bardo nach.
   »Morgen ist doch Bücherflohmarkt in Essen, Bardo, hab ich gesagt«, lachte Lore. »Wir haben unseren privaten Bestand geplündert. Kein Platz mehr für neue Bücher. Den brauchen wir aber dringend. Du weißt doch, als Buchhändler erhalten wir so viele Leseexemplare zu den Neuerscheinungen. Die meisten lesen wir. Wir müssen unsere Kunden ja gut beraten können.«
   Anna strahlte. Lores Idee war also aufgegangen. »Bardo ist kein bisschen misstrauisch geworden?«
   Lore schüttelte stolz den Kopf.
   Am nächsten Morgen startete Anna mit Mo in ihr neues Leben. Ihren Brief an Bardo nahm sie mit. Den würde sie nicht abschicken. Vorbei war vorbei.

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