Können unter der Sonne Kaliforniens Gefühle reifen wie ein edler Wein? Colin hat gerade alle Hände voll damit zu tun, seine Rebstöcke zu retten, als Lisha McTavish wieder in sein Leben tritt. Die kleine Kylie und das familieneigene Weingut halten ihn genug auf Trab, weitere Komplikationen sind unerwünscht. Sein Vater ist allerdings anderer Meinung und gibt der erfolgreichen Kellermeisterin einen Job an Colins Seite. Damit ist nicht nur Stress am Weinfass vorprogrammiert. Schon bald kürt Kylie ausgerechnet Lisha zum Ersatz für ihre Mama, aber in Colins Herzen ist kein Platz für eine neue Liebe. Kann Kylie ihren Daddy davon überzeugen, dass er sich auf der ganzen Linie in Lisha geirrt hat? Oder muss auch Kylie lernen, dass nicht alle Wünsche im Leben in Erfüllung gehen?

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ISBN: 978-9963-53-620-7

Seiten: 402

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Susan Florya

Susan Florya
Susan Florya wurde 1969 während einer Urlaubsreise in Istanbul/Türkei als Bäckerstochter geboren. Aufgewachsen ist sie in Dortmund und mitten im Rheinland. Nach dem Abitur folgte eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau, heute verdient sie ihre Brötchen als kaufmännische Angestellte eines großen Unternehmens in Düsseldorf. Schon als Kind hat sie stets Geschichten erfunden und aufgeschrieben. Bis heute ist ein Leben ohne Bücher für sie undenkbar. Ihre zweite große Leidenschaft - das Reisen - wurde ihr praktisch mit der Geburt in die Wiege gelegt. Ihre beiden liebsten Hobbys verbindet sie nun, indem sie ihre gefühlvollen Geschichten in fernen Ländern ansiedelt und ihre Leser/-innen auf diese Art an einige der interessantesten Orte der Welt entführt.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

»Ich muss Pipi!«
   »Schon wieder?« Colin schaute in den Rückspiegel, Jessica drehte sich auf dem Beifahrersitz um. Sie wurden mit dem gleichen vorwurfsvollen Blick bedacht.
   »Jaaaa!« Die Kleine schniefte und wischte sich mit dem Ärmel ihres Pullis die Nase ab.
   »Schon mal was von einem Taschentuch gehört, Kylie?« Jessica reichte ihr ein Kleenex.
   »Ich muss wirklich Pipi!«
   »Sobald der nächste Parkplatz kommt, halte ich an, aber ich kann nicht mitten auf der Straße stehen bleiben, Schatz.«
   Er sandte seiner Tochter im Spiegel ein Lächeln. Die zog einen preisverdächtigen Schmollmund, klemmte sich die Hände zwischen die Beine und zappelte in ihrem Kindersitz vor sich hin.
   Jessica drehte sich wieder nach vorn. »Wenn sie den Rhythmus beibehält, könnten wir in etwa drei Tagen zu Hause sein.«
   »Und ich hatte mich heute schon auf mein eigenes Bett gefreut …«, erwiderte er mit einem entbehrungsvollen Seufzer.
   Jessica grinste. »Wart erst mal ab, bis Junior noch tiefer rutscht.«
   Seine rechte Hand wanderte vom Lenkrad auf die Kugel unter ihrem Fleeceshirt und streichelte sie liebevoll. »Dann muss ich wieder auf der Toilette zelten, wenn ich meine Frau noch ab und zu sehen will.«
   Sie legte ihre Hand auf seine. In seligem Einvernehmen schwiegen sie.
   »Daddy, ich muss wirklich …«
   »Ich glaube, da hinten kannst du anhalten.« Ehe Kylie erneut quengeln konnte, wies Jessica auf eine Ausbuchtung neben der Straße. »Bevor Madame ausläuft.«
   Er steuerte den Land Rover über den festgefahrenen Waldboden und hielt auf der Lichtung an. Verkohlte, abgebrochene Stämme zwischen angesengten Mammutbäumen ließen darauf schließen, dass ein Feuer den Platz in der Wildnis geschaffen hatte. Vor ihnen stand ein riesiger Laster, dessen Anhänger gut zur Hälfte mit gefällten Baumstämmen beladen war.
   »Warte, bis ich da bin!«
   Ein Blick über seine Schulter stoppte Kylie. Sie hatte den Gurt ihres Kindersitzes bereits gelöst und schob ihre Beine in den Fußraum hinter dem Beifahrersitz.
   »Mach schnell, ich muss …« Ihre Worte gingen unter, als er die Autotür öffnete.
   Das wilde Tosen eines Flusses vermischte sich mit dem durchdringenden Jaulen einer elektrischen Säge. Vorbeifahrende Autos und Wohnmobile vervollständigten die Kakofonie, die absolut nicht zur friedvollen Atmosphäre des Nationalparks passen wollte. Jessica angelte nach ihren Slippern.
   »Na, komm her, du süßer Teufel.« Auf der Fahrerseite hob er Kylie aus dem Wagen. »Überschwemm nicht das Tal, wenn’s geht.«
   Sofort rannte sie um das Auto, schnappte die Hand ihrer Mama und zog sie hinter sich her ins Gebüsch. Er lehnte sich gegen die warme Motorhaube, verschränkte die Arme und genoss das beeindruckende Panorama auf das malerische Yosemite Valley. Eintausend Meter hoch ragte die hohe Granitwand des El Capitan senkrecht in den tiefblauen Frühlingshimmel. Von der Schneeschmelze gespeiste Wasserfälle stürzten an den Felswänden hinab und ließen den im Sommer ausgetrockneten Bach unterhalb der Lichtung zu einem reißenden Fluss anschwellen. Wo die Sonne auf die Gischt traf, bildeten Fragmente eines Regenbogens einen surrealen Kontrast zum grauen Gestein.
   Die triumphierende Miene in Richtung des Felsmassivs konnte er sich beim besten Willen nicht verkneifen. Der Winzling, der im Leib seiner Frau heranwuchs, würde dafür sorgen, dass er Jessica nicht länger mit dem mächtigen El Capitan und seinen Gefährten teilen musste. Kylies Geburt hatte sie nicht von den schroffen Bergen fernhalten können. Sie war der Sucht nach der Wand verfallen. Ihre drahtige, kompakte Figur, ihr eiserner Wille, jeder durchtrainierte Muskel ihres Körpers war dazu geschaffen, sich den Extremen zu stellen. Was für ihn ein grandioses Panorama darstellte, gleichzeitig aber uneinnehmbar schien, zog sie magisch an. Kein bedeutendes Massiv der Welt, das sie nicht bezwungen hatte. Damit war endgültig Schluss! Jahre, in denen die Hoffnung auf ein zweites Baby immer geringer geworden war. Er schob eine Hand in die rückwärtige Tasche seiner Jeans und lächelte, als seine Fingerspitzen die Ecke des Fotos berührten. Noch bevor die Lese der Trauben dem Zyklus des Winzerdaseins seinen Höhepunkt bescherte, würde sein Sohn das Licht der Welt erblicken.
   Er tippte zwei Finger zum Salut gegen seine Stirn. Lässig nickte er El Capitan zu. Der mächtige Berg hatte verloren. Und er seine Frau endlich für sich.
   Die muntere Kinderstimme hörte er trotz der kreischenden Säge. Er wandte den Kopf um und sah den Blondschopf hinter einem Baumgiganten verschwinden. Jessica lachte, dann huschte sie gleichfalls hinter die hölzerne Säule. Anscheinend hatte Kylie eine lebenswichtige Entdeckung gemacht. Colin stieß sich vom Kotflügel ab, ging zum Kofferraum und nahm eine Cola aus der Kühlbox. Auf das Knacken des Verschlusses folgte das Zischen der entweichenden Kohlensäure. Er setzte zum erfrischenden ersten Schluck an.
   »Iiieeh! Ich hab A-A am Schuh! … Mummy! Ich bin in A-A getreten«, übertönte Kylies Schrei allen Lärm.
   Er ließ den Kopf hängen. Die Wahrscheinlichkeit auf eine weitere Nacht im Zelt hatte soeben drastisch zugenommen. Mit einem Seufzer drehte er die Flasche wieder zu und folgte dem Katastrophenalarm in den Wald. »Ach du Scheiße!«
   »Colin!«
   »Oh, welch unangenehm riechendes Exkrement, wollte ich sagen.« Er verdrehte die Augen und rümpfte die Nase.
   Kylie hüpfte auf einem Bein herum, den anderen Fuß so weit wie möglich von sich gestreckt. An ihrem ehemals rosafarbenen Turnschuh klebte eine matschige braune Masse, deren Ursprung er nicht näher auf den Grund gehen wollte.
   »Mein Schuh! Mein neuer Schuh!« Gegen die Sturzbäche auf ihrem Gesicht mutierten die Bridal Veil Falls zu armseligen Rinnsalen. »Daaaadyyy!«
   »Ist ja gut, Schätzchen, das waschen wir ab. Davon stirbt dein Schuh nicht.« Bemüht, die Nase weitgehend von dem stinkenden Übeltäter abzuwenden, ging er neben der kindlichen Sprinkleranlage in die Hocke.
   »Warte, ich hole eine Tüte aus dem Auto.« Jessica schob sich an ihm vorbei. »Fass das bloß nicht an, sonst haben wir den Gestank gleich im Wagen.«
   »Ich packe doch nicht freiwillig in Bärenscheiße!«
   »Wer weiß … Vielleicht möchtest du deinen Merlot damit düngen.«
   »Mein Schuh … Das ist mein Lieblingsschuh …« Schniefend und schluchzend hing Kylie an seiner Schulter.
   »Das bleibt auch dein Lieblingsschuh. Keine Panik, Mama holt was zum Anfassen und dann – danke, Darling.« Er nahm den Plastikbeutel entgegen, steckte seine Hand hinein und zog ihr den Schuh aus. »Siehst du, Maus, gleich ist …«
   »Da ist A-A dran!« Voller Ekel wies Kylie auf drei braune Punkte auf ihrem pinkfarbenen Strumpf. Die nächste Flutwelle aus entsetzten Kinderaugen schwemmte über ihn hinweg.
   »Gib mir den Schuh, ich wasche ihn am Fluss ab.« Jessica griff nach der Tüte. »In der braunen Reisetasche sind Strümpfe. Gleich obendrauf. Die kannst du ihr anziehen.«
   »Das sind die grü-hüüü-hüüünen Strümpfe! Die sind doohooof!«
   »Dafür aber sauber. Rauf mit dir.« Schwungvoll hob er Kylie auf seine Hüfte. Dürre Ärmchen würgten ihn, und ihr Tränentsunami durchnässte sein kariertes Flanellhemd. Er wuchtete sich in die Höhe. »Warte, Jessy. Ich bringe die undichte Heulboje ins Auto, dann ich mache den Schuh sauber und du kümmerst dich um die Socken.«
   »Ich bin nur schwanger, Colin, nicht verkrüppelt.« Damit drehte sie sich um und bahnte sich einen Pfad durch das mickrige Gestrüpp zum Fluss hinunter.
   »Stell den Wasserhahn ab, bevor ich ertrinke, Mäuschen.« Colin verfrachtete sie auf den Rücksitz. Mit seinem Taschentuch wischte er die Mischung aus Tränen und Rotz aus ihrem Gesicht. »Am besten hält Mama dich gleich mit in den Fluss. Du siehst genauso matschig aus wie dein Schuh.« Er grinste, während er ihr den Strumpf vom Fuß schälte.
   »War das wirklich Bären-A-A?« Das stinkende Objekt nicht mehr vor der Nase entflammte Neugier unter ihre schwimmenden Wimpern.
   Er schüttelte den Kopf. »Wohl eher ein Hundehaufen.«
   »Chocolate macht nie so große Haufen.«
   »Wenn der Haufen so groß war, warum hast du ihn dann nicht gesehen, bevor du mittendrin gelandet bist?«
   Angesichts derart väterlicher Logik zog Kylie eine Schnute. »Geht das ganz bestimmt wieder ab?«
   »Na klar. Was glaubst du, warum da hinten so viel Wasser fließt? Das ist die beste A-A-vom-Schuh-abwasch-Waschmaschine, die es im Wald gibt.«
   Sie kicherte.
   »Wetten, dass Mummy gleich mit einem nigelnagelneuen nassen rosafarbenen Schuh aus dem Gebüsch kommt?« Colin hielt ihr eine Hand zur High Five entgegen. Ihre kleine Hand patschte gegen seine Finger. »Meine Schuhe sind nicht rosa, die sind pink! Rosa ist nur dein Wein.«
   »Der ist nicht rosa, sondern rosé.«
   »Rosééé«, wiederholte sie geziert. Mit übertriebener Miene schüttelte sie den Kopf. »Quatsch, der ist rosa.«
   »Lass das nicht Grandpa hören, dass du seinen geliebten Grenache rosa nennst.« Er verpasste ihr einen liebevollen Nasenstüber. »Ich geh mal gucken, ob Mama den Schuh nur sauber macht oder inzwischen zum Walmart geschwommen ist, um ein neues Paar zu kaufen. Du bleibst hier sitzen, klar?«
   »Klar.« Sie kicherte erneut. »Und pass auf. Da ist total viel A-A auf dem Weg.«
   »Schade, dass dir das vorher niemand gesagt hat.« Er ließ das Fenster ein Stück herunter und schlug die Tür zu. »Bleib drin, bevor dich ein Bär frisst. Bin gleich zurück.«
   Rückwärts winkend stieg er über das kniehohe Gebüsch. Einen guten Meter unter ihm toste der Fluss wild schäumend über ineinander verkeilte Felsbrocken hinweg. Mitgerissene Äste und Zweige hingen zwischen den Steinen, Strudel bildeten natürliche Whirlpools, ehe sie in dichten Kaskaden ins Tal drängten.
   »Autsch! Mist, verdammter!« Im letzten Moment griff er nach einem tief hängenden Ast, als er auf einem nassen Stein ausrutschte und umknickte. Das trockene Holz mit seinen spitzen Nadeln schrammte ihm die Handfläche auf. In seinem Knöchel pochte es. Matsch und ein dünner Blutstreifen zeichneten sich auf seiner Frotteesocke ab.
   »Wo steckst du, Jessy?« Er blieb stehen und suchte zwischen den graugrünen Naturtönen nach ihrem flammenfarbenen Sweater. »Jessy?« Sein Ruf ging im Rauschen des Wassers unter. »Jessy? … Jessica?«
   Vorsichtig tastete er sich von einem glitschigen Stein zum nächsten am Ufer entlang. Flussabwärts machte der Strom eine Biegung. Das Wasser floss schneller, fauchte gefährlich, als es mit Getöse über eine Kante in die Tiefe stürzte. Unterhalb des Wasserfalls funkelte der Sprühnebel über dem kochenden Höllenschlund in allen Farben des Regenbogens. Inmitten des unergründlich schwarzen Beckens trieb mit dem Gesicht nach unten ein lebloser Körper in einem orangefarbenen Sweatshirt …

1. Kapitel

Der Wagen bog hinter den schottischen Flaggen, die hin und wieder von einer leichten Brise aus ihrem Mittagsschlaf aufgeschreckt wurden, in die Einfahrt ein. Von dichtem Efeu bewachsene, haushohe Steinquader hielten den schlichten Eisenbogen, der sich von einer Seite zu anderen spannte. Die Worte Scott’s Hill Cellars hoben sich in mattem Gold vom schwarzen Hintergrund ab. Die mächtigen Flügel des schmiedeeisernen Tores standen offen und gaben den Blick auf eine breite Asphaltstraße frei. Meilenweit dehnte sich die von Weinreben gesäumte Allee aus. Ausladende Eukalyptusbäume verwehrten den Blick auf das Ziel. Im Hintergrund hoben sich die kargen graubraunen Höhenzüge der Mayacamas Mountains in scharfem Kontrast vom Blau des Himmels ab. Wattebäuschen gleich segelten vereinzelte Schönwetterwolken gemächlich dahin.
   Eher laut als schön sang Lisha den Countrysong im Radio mit und trommelte dazu auf das Lenkrad ein. Flache Natursteinmauern begrenzten die Straße. Ein der frühen Jahreszeit angemessen karger Rosenbusch markierte den Beginn jeder Rebstockzeile. Dahinter Reben, so weit das Auge reichte. In sanften Schwüngen dem Auf und Ab der Hügel folgend, wirkten sie wie Wellen eines grünen Ozeans. Wie dünne Leuchttürme ragten in regelmäßigen Abständen hohe Pfosten aus dem Pflanzenmeer, ihre Propellerflügel zum Nichtstun verdammt, bis der nächste Kälteeinbruch ihren Einsatz erforderte.
   Sie hielt an, schaltete den Motor ab. Shania Twains Stimme erstarb. Der intensive Duft junger Eukalyptusblätter drang durch das geöffnete Fenster in ihre Nase, doch es war der Geruch sich langsam erwärmender, nebelfeuchter Erde, der sie aus dem Wagen lockte. Ungeachtet dessen, dass ihre flachen Pumps nicht für Feldspaziergänge gemacht waren, stieg sie über die Mauer. Jemand hatte mit dunkelroter Farbe Merlot Lot 8 auf einen verwitterten Holzpfosten am Beginn des Areals gekritzelt. Mit Kennerblick musterte sie die ordentlich aufgebundenen Zweige, während sie ein Stück weit durch die Reihe schritt. Sie hockte sich hin, legte ihre Hand auf das schwarze Holz eines Rebstocks. Sofort bröselte morsche Rinde durch ihre Finger. Mit geschlossenen Augen registrierte sie die in winzige Krümel zerfallende Borke auf ihrer Haut. Es fühlte sich an wie Pergament und raschelte wie eine Handvoll Laub im Oktober. Knisternd bröckelte es vom Stamm, aber ein Blick auf die von unzähligen Augen bedeckten Äste bewies, was für ein immenses Leben in dem knorrigen Stamm steckte. Der Frühling meinte es bislang ausgesprochen gut mit den Winzern. Nach einem regenreichen Winter war der März überraschend mild gewesen, daher war das Blattwerk an den Ästen bereits weiter als sonst um diese Zeit entwickelt. Die jungen Triebe wirkten gesund und kräftig, und an den Gescheinen entwickelten sich bereits winzige Beeren.
   Erneut betrachtete sie den wie von einer mürrischen Hexe verdrehten Stamm, folgte seinen Windungen, bis er im Gras verschwand. Sie riss ein Büschel heraus. Rostrote staubtrockene Erde rieselte herab. Lisha griff in das Loch. Wieder schloss sie die Augen, als sie die Nase an die Erde in ihrer Hand führte. Sie sog das intensive Aroma auf. Hier wuchs ein Merlot heran, dessen kräftiger Geschmack ihr schon anhand dieses Geruchs auf der Zunge lag.
   Eine Hand um das Holz geschlungen, ballte sie ihre Faust um den wertvollen Boden. Im Laufe von Jahrzehnten hatten sich die Wurzeln ihren Weg durch das steinige Erdreich gesucht, bis sie Halt und Wasser gefunden hatten, um den Trauben Leben zu schenken. Erdbeben, Unwetter und Dürren hatten sie ebenso geformt wie die Scheren und Drähte des Winzers, dennoch besaßen sie die alleinige Macht im Tal. Nur die Rebstöcke entschieden über Gedeih und Verderb der Winzer und ihrer Familien, obwohl feste Klammern sie an die Drähte fesselten.
   Erneut atmete sie die Gerüche der Erde, Hölzer und Blätter ein. Nicht nur die Pflanzen hatten sich aus scheinbar toter Materie erneut ins Leben gekämpft. Ihre eigenen Wurzeln steckten ebenso tief in der Erde von Scott’s Hill. Es war an der Zeit, ihren Winterschlaf zu beenden.
   Sie richtete sich auf, klopfte den Staub von der dunklen Hose und warf einen Blick auf ihre Bluse. Wenigstens die war sauber geblieben. Das Knattern eines Propellerflugzeugs ließ sie gen Himmel schauen. Eine Hand über den Augen, um sie vor der Sonne abzuschirmen, verfolgte sie den Weg der Cessna, deren Motor asthmatisch hustete, bevor er erstarb. Im Segelflug verlor die Maschine an Höhe, bis das von gelegentlichen Aussetzern unterbrochene Brummen den Blechvogel weiter über das Tal trieb.
   »Du solltest mal tanken», rief sie dem Flieger nach.
   Einer zustimmenden Antwort gleich drang das Röcheln des Flugzeugs herüber. Es erinnerte stark an das morgendliche Husten eines Kettenrauchers. Dann herrschte erneut andächtige Stille über der Allee.
   Sie ging zu ihrem Wagen zurück und legte die Hände auf den Kotflügel. Wieder den markanten Geruch der Natur einatmend, ließ sie den Blick über die Reben auf der anderen Straßenseite schweifen. Ein wohliger Schauder, der nicht allein von der kalifornischen Sonne ausgelöst wurde, durchfuhr sie. Für einen Moment schloss sie die Augen, nur, um sie sofort wieder zu öffnen und den Anblick der Reben in sich aufzusaugen wie ein Schwamm. Wenn du noch lange herumstehst, schlägst du Wurzeln, und dann wachsen an deinen Händen Trauben, Lish, hörte sie die Stimme ihres Vaters im Hinterkopf. Sie rieb ihre Fingerspitzen aneinander, hob sie an die Nase und sog den jetzt nur noch schwachen Duft der Erde ein. Dann gab sie sich einen Ruck und wollte gerade ins Auto steigen, als neue Motorengeräusche sie herumfahren ließen. Vom Ende der Allee näherten sich Fahrzeuge mit hoher Geschwindigkeit. Ein Kleinlaster mit einer Horde Mexikaner auf der Ladefläche, die wie aufgescheuchte Hühner gestikulierten, raste vorneweg. Ihm folgten mehrere Pick-ups. Ohne anzuhalten, bogen die Fahrzeuge auf die Hauptstraße ab und schossen davon. Ein weiterer Laster bretterte heran.
   »Fuego!«, glaubte Lisha einen der Männer auf der Ladefläche gehört zu haben, ein weiterer hatte »caída!« gerufen.
   Ein Absturz? Feuer? Ihr fiel das hustende Flugzeug ein. Obwohl sie wusste, dass es zwecklos war, suchte sie den Himmel nach dem Flieger ab. In der nächsten Sekunde saß sie im Auto. Sie startete den Motor und raste hinter den Fahrzeugen her, von denen nur noch aufgewirbelter Staub auf dem Asphalt zeugte.

»Sonoma Creek!« Beim Anblick der weithin sichtbaren Rauchwolke gruben sich messerscharfe Klauen in Lishas Magen. »Das Ding ist über Sonoma Creek abgestürzt!« Ihr Blick hing an der schwarzen Säule, die die Sonne verdunkelte. Wie ein Atompilz stand der Qualm über der Absturzstelle, ehe die schwache Brise ihn langsam über dem gesamten Tal verteilte. Statt friedvoll gedeihender Reben erwartete sie ein loderndes Inferno. Grelle Flammen schossen gen Himmel, in deren Zentrum nur mit Mühe die Überreste der Cessna zu erkennen waren. Das Flugzeug musste explodiert sein. Selbst weit abseits des Brandherdes verwandelten brennende Trümmerteile die trockenen Rebstöcke in Funken sprühende Fackeln. Überall knackte, knallte und knisterte es, unaufhaltsam ließen neue Explosionen Metallteile scharfen Schrapnellen gleich durch die Gegend schießen.
   Männer versuchten, sich mit Wassereimern und Werkzeug einen Weg zum Brandherd zu bahnen. Andere schlugen mit Decken, Schaufeln und den Hemden, die sie sich vom Leib gerissen hatten, auf die brennenden Stämme ein. Ein weiterer Knall. Wieder überrollte eine Hitzewelle das Feld, gefolgt von hellgelben Flammen. Der Lärm übertönte die Rufe der Arbeiter, die sich in Sicherheit brachten.
   Lisha stellte ihren Wagen achtlos zwischen den Lastern und Pick-ups, die vor ihr das Ziel erreicht hatten, am Rand des Highways ab. Längst hatte sie ihr seidenes Halstuch um Mund und Nase geknotet, dennoch traf sie der beißende Gestank wie ein Keulenschlag, als sie ins Freie trat. Die giftigen Dämpfe brennenden Kerosins verätzten ihr die Atemwege. Gleichzeitig trieben ihr umherfliegende Rußpartikel Tränen in die Augen. Mühsam blinzelte sie gegen die beißende Helligkeit an.
   Sie zerrte ihren Blazer aus dem Kofferraum hervor und rannte auf die brennenden Rebstöcke zu. Mit aller Kraft schlug sie mit dem Jackett auf die Flammen ein, kickte gleichzeitig mit dem Fuß Sand auf schwelende Holzstücke am Boden. Jede gerettete Rebe ließ sie mit einem triumphierenden Schnauben den nächsten Brandherd bekämpfen. Als ihre Jacke ein Opfer der gierigen Zungen wurde, suchte sie nach einem neuen Löschgerät. Im gleichen Moment entdeckte sie einen der wenigen Weißen inmitten der Latinos. Obwohl sie nur seinen Rücken, die breiten Schultern und seine braunen Haare sehen konnte, hatte sie umgehend ein Bild seines Gesichts vor Augen.
   Sie stolperte über den unebenen Boden. Mit jedem Schritt in die Nähe des Höllenschlunds stieg die Temperatur um ein Vielfaches an. Die Hitze kroch wie ein heimtückischer Sonnenbrand über ihre Haut. Das Atmen wurde immer schwerer, die Luft schien überhaupt keinen Sauerstoff mehr zu enthalten.
   Vorneweg versuchte der Mann, sich dem glühenden Wrack zu nähern, und ebenso bemühten sich die Männer in seiner Nähe, ihn davon abzuhalten. Eine neue Feuerwalze stob aus einem der geplatzten Fenster hervor. Zwei Mexikaner rissen den Mann mit sich. Ein Funkenregen ging über sie nieder. Schon gossen andere ihre gefüllten Wassereimer über die am Boden liegenden aus. Die Männer husteten erbärmlich und rangen nach Atem, rappelten sich aber schnell wieder auf. Mit Erleichterung sah Lisha, wie sich der Weiße auf alle viere aufrichtete, das karierte Tuch vom Mund zerrte und dreckige Klumpen ausspie. Dann zog er das Tuch erneut über die untere Gesichtshälfte, stand auf und fuhr sich über die Stirn. Den Bruchteil einer Sekunde lang sah er zu ihr hinüber, und ihre Blicke trafen sich über das Schlachtfeld hinweg. Die Tücher auf ihren Gesichtern verbargen jede Regung. In der nächsten Sekunde riss er einem Arbeiter die Schaufel aus der Hand und hieb mit aller Gewalt auf die Flammen ein. Erst jetzt bemerkte Lisha den Spaten in ihren Händen. Ohne darüber nachzudenken, wie das Werkzeug seinen Weg dorthin gefunden hatte, begann sie damit, das Feuer zu bekämpfen. Als sich die Sirenen der Feuerwehr näherten, hatte sie keine Ahnung mehr, wo sie die Kraft herholte, um ohne Unterlass die schwere Schaufel auf die Flammen niedersausen zu lassen.

Es war vorbei. Beißender Qualm lag wie eine bleierne Decke über den Feldern. Nur vereinzelte Flämmchen tauchten, hüpfenden Teichfröschen gleich, mal hier, mal dort auf. Die Feuerwehr ließ den vorwitzigen Feuerzungen keine Chance.
   Kokelnde Rebstöcke fielen in sich zusammen wie die Reste des Flugzeugs. Der brüllende Lärm war einem steten Knistern und Knacken gewichen, unterbrochen vom Ächzen des glühenden Metalls, das im Laufe seines Schmelzprozesses die bizarrsten Formen angenommen hatte. Ruß, Rauch und Gestank waberten über toten Pflanzen und zerstörten Bewässerungsanlagen.
   Matt lehnte Lisha an ihrem Chrysler. Der leuchtend rote Lack des Wagens war unter einer grauen Ascheschicht begraben. Sie vermutete, dass sie nicht besser aussah. Rußpartikel rieselten wie schmutzige Schneeflocken aus ihren Haaren, ihr Gesicht glühte. Die Haut spannte über den Wangen, passte nicht mehr über Stirn und Nase. Sie war zu erschöpft, um sich Gedanken darüber zu machen. Noch weniger interessierte sie ihre von Brandlöchern übersäte Kleidung. Selbst die aufgeplatzten Blasen an ihren Händen bemerkte sie kaum, während sie den Inhalt eines Wasserkanisters gierig in ihre Kehle rinnen ließ. Das Husten nahm kein Ende. Was sie ausspuckte, hatte unverkennbare Ähnlichkeit mit den Kohlebrocken, die Grandma einst zum Befeuern des Küchenherds benutzt hatte.
   Polizei und Feuerwehr hatten das Regiment übernommen. Am Wegesrand kümmerten sich Sanitäter um verletzte Arbeiter, und jemand mit der Aufschrift Coroner auf dem Rücken seiner dunkelblauen Jacke zog einen Zinksarg aus dem Heck eines schwarzen Kombis hervor.
   Langsam löste sich der Knoten in ihrem Magen, als sie beobachtete, wie der Mann mit den aschebedeckten braunen Haaren wieder zu Kräften kam. Seine Miene machte keinen Hehl daraus, dass man ihn gegen seinen Willen zum Krankenwagen geschleift hatte. Seit seiner lautstarken Weigerung, sich auf die Trage zu legen, hockte er auf den Trittstufen des Rettungswagens, eine durchsichtige Maske auf Mund und Nase, die dazugehörige Sauerstoffflasche zwischen seinen Beinen. Die von seinem Sweatshirt übrig gebliebenen Fetzen hatten ihm die Sanitäter vom Leib geschnitten. Stattdessen wurde sein Oberkörper von einer silbernen Rettungsdecke verhüllt. Trotzdem mussten ihn die Helfer mit aller Gewalt daran hindern, aufzustehen, während sie seine Wunden versorgten.
   Ein älterer Herr, ebenso verdreckt und verschwitzt wie alle anderen, stand neben ihm. Lisha kam nicht umhin zuzugeben, dass selbst unter diesen Umständen eine unleugbare Aura der Macht von ihm ausging. Er rief den Arbeitern Anweisungen zu. Umgehend geriet Bewegung in die Truppe. Wer konnte, brachte verletzte Kollegen zu den parkenden Fahrzeugen. Andere sammelten ein, was sie zum Löschen benutzt hatten. Sie hob den Kanister erneut an ihre Lippen, aber es rann kein erfrischendes Wasser mehr durch ihre Kehle. Enttäuscht warf sie den Behälter auf den Rücksitz, stieg ins Auto und fuhr davon.

2. Kapitel

»Mann, zum Teufel, schafft ihr den qualmenden Schrott aus meinen Reben?«, brüllte Colin über das in kalten Morgennebel gehüllte Gelände.
   Seit Sonnenaufgang schleuderten Arbeiter verkohlte Äste und Stützbalken auf die Anhänger ihrer Pick-ups, andere rissen zerstörte Leitungen und Pfosten aus dem Boden. Gelbes Absperrband flatterte im Wind. Dahinter schossen uniformierte Beamte Fotos von den Trümmerteilen an der Unfallstelle und betrachteten das Wrack mit wichtiger Miene.
   »Verdammt noch mal, schmeißt den Devereauxs den Scheißvogel in den Garten, immerhin war es ihr Opa, der meine Trauben flambiert hat! Die Schnarchnasen da drüben sollen den Schrott wegschaffen! Muss man denn hier alles selbst machen?« Er schwang ein Bein über das Band. Umgehend packte eine unerbittliche Pranke seinen Ellenbogen. »Einen Schritt weiter, McNamara, und du kannst deine Verletzungen in meinem Hinterzimmer kurieren.« Der Sheriff hielt ihm Handschellen vor die Nase. »Ich habe absolut kein Problem damit, dich einzubuchten, bis wir hier fertig sind.«
   Je einen Fuß zu beiden Seiten der Absperrung verharrte er und stützte seine von dicken Verbänden umwickelten Hände in die Hüften. »Du willst mich verhaften, weil ich meinen eigenen Grund und Boden betreten will?« Er schnaubte. »Sei froh, wenn ich deine Spielzeug-Cops nicht zum Teufel jage und meine Männer hier aufräumen lasse. Das ginge wesentlich schneller, Washington.«
   »Für dich immer noch Sheriff Washington! Ich stehe nicht mit ’nem Bier neben dir am Tresen.«
   »Da kannst du lange drauf warten, bis du mich mit ’nem Bier am Tresen siehst. Pfeif deine Lakaien zurück und wickel das Paketband ein, ich habe zu arbeiten.« Er winkte den ihm am nächsten stehenden Arbeiter heran. »Zieh deine Truppe dahinten ab, Ramon. Zuerst muss dieses Gerippe hier weg, und dann …«
   »… verbringst du wegen Störung polizeilicher Ermittlungen die nächsten Tage und Nächte im Knast«, fiel ihm der Sheriff ins Wort. »Hau ab, McNamara! Ich habe Wichtigeres zu tun, als …«
   »Er hat recht, Colin. Ramon, geh und hilf deinen Leuten.« Angus gab seinem Vorarbeiter einige Anweisungen, dann legte er eine Hand auf Colins Schulter und trat zwischen die Kontrahenten.

*

»Wurde auch höchste Zeit, dass der Alte eingreift«, hörte Lisha eine befehlsgewohnte, tiefe Stimme hinter sich sagen. »Wundert mich eh, dass Washington das Großmaul nicht längst mit einem Tritt in seinen verkohlten Hintern hinter Gitter befördert hat. Obwohl er eher ins Krankenhaus gehört. Der gute Mac ist genauso verschmort wie seine Trauben.«
   Angenehm überrascht wandte sie sich vom Geschehen am Unfallort ab, das sie seit geraumer Zeit vom Straßenrand aus beobachtete. Aus einem ihr schleierhaften Grund war sie trotz grässlicher Schmerzen heute Morgen aufgestanden. Ein Blick in den Spiegel hatte sie mit roten Flecken statt dichter Augenbrauen schockiert. Abgebrannte Strähnen in ihren Haaren schrien nach einem Besuch beim Friseur, und selbst nach dem Duschen wurde sie das Gefühl nicht los, meilenweit nach Qualm zu stinken. Was von ihrem besten Hosenanzug, der sportlichen Bluse und den teuren Schuhen übrig geblieben war, lag im Müllcontainer.
   Sie blickte zu einem hochgewachsenen Mann in schlammfarbener Uniform auf. »Dwayne Sullivan, ich fasse es nicht!«
   »Hi, Lisha. Hab schon gehört, dass du wieder im Tal bist.« Der Polizist schenkte ihr ein anerkennendes Lächeln. »Gut siehst du aus.« Er bemerkte, wie sie zusammenzuckte. »Hey, das heilt wieder«, beeilte er sich zu sagen. »Du siehst echt gut aus.«
   »Danke. Du auch.« Sie schmunzelte. »Das Grau steht dir.«
   Er fuhr sich über die kurzen pfefferfarbenen Haare. »Bleibt nicht aus bei dem Job. Was machst du hier? Ich dachte, dich hätte es für alle Zeiten ans andere Ende der Welt verschlagen.«
   »Schätze, die Kiwis waren mir auf die Dauer zu britisch. Ich hätte gestern ein Vorstellungsgespräch beim alten Angus gehabt«, sie sah zu ihm hinüber, wie er auf Colin und den Sheriff einredete, »aber uns kam ein Feuerwerk dazwischen.«
   »Wenn du für ihn«, er wies mit dem Kinn in Colins Richtung, »arbeitest, bekommst du auch bald graue Haare.« Er musterte sie. »Was willst du auf Scott’s Hill? Touristen herumführen und zum Kauf einer Flasche Zinfandel animieren? Oder glaubst du wirklich, der Traubenpapst lässt dich an seine Weine?«
   »Kann ich dir erst sagen, wenn ich mit Angus geredet habe. Im Moment haben die beiden nur verkohlte Reben im Kopf.«
   Sullivan musterte sie mit unverhohlenem Interesse. »Ich habe nicht nur verkohlte Reben im Kopf«, sagte er. »Und gegen Pasta und einen kräftigen Roten mit dir hätte ich nichts einzuwenden. Morgen Abend?«
   »Stets mit Vollgas auf der Zielgeraden unterwegs, was?«
   »Wo darf ich dich abholen?«
   Sie lachte. »Um halb acht am Best Western, wenn das für dich okay ist.«
   »Ist es. Wir machen uns …«
   »Sullivan!« Sheriff Washington winkte hektisch.
   Dwayne breitete in einer Geste, die sein Bedauern über die Störung nur zu deutlich zeigte, die Arme aus. »Sorry, bin im Dienst. Dann bis morgen.« Er salutierte an einer nicht vorhandenen Mütze. »Ich werde pünktlich sein.«
   »Ich freue mich drauf.« Als sie zusah, wie er mit federnden Schritten zum Absperrband lief, musste sie sich eingestehen, dass ihre Worte der Wahrheit entsprachen.

*

»Verfluchte Scheiße, es dauert Jahre, bis hier wieder anständige Trauben wachsen«, maulte Colin, während er über Ascheberge und verkohltes Holz stapfte. »Und das nur, weil dieser Idiot sein fliegendes Spielzeug ausgerechnet in meine Reben werfen musste.«
   »Was bist du nur für ein gefühlloser Roboter!«
   Er hatte Lisha nicht kommen hören. Jetzt stand sie wie eine wütende Furie vor ihm.
   »Deine Reben wachsen wieder, aber der Pilot nicht. Der ist und bleibt für alle Zeiten tot.«
   Unbeeindruckt verschränkte er die Arme vor der Brust und musterte sie. Ihr Gesicht war von Brandwunden übersät, Wimpern und Brauen ebenso dem Feuer zum Opfer gefallen wie seine eigenen. »So ist halt das Leben«, erwiderte er kalt. »Den einen haut’s vom Himmel, andere stolpern über einen Stein.« Er sah sie an, ohne eine Regung zu zeigen. »Lisha McTavish«, sagte er nach einer geraumen Weile anstelle einer Begrüßung. »Das war ein verdammt langes Auslandssemester, Lady.«
   »Kann mir nicht vorstellen, dass du mich vermisst hast, McNamara«, erwiderte sie im gleichen abfälligen Ton.
   Er schnaubte nur. »Was willst du?«
   »Einen Job.«
   »Na, für das Vorstellungsgespräch hast du dir wirklich den optimalen Zeitpunkt ausgesucht.« Sein Auflachen entbehrte jeglichen Humors. »Falls es dir entgangen ist: Wir stehen inmitten meines qualmenden Weinbergs. Da drüben liegt ein ausgebranntes Flugzeugwrack.« Er wies unwirsch auf das deformierte Skelett, auf dessen Heck letzte Reste der Trikolore erkennbar waren. Für einen Moment zuckte er unter dem Schmerz, den die Geste auslöste, zusammen. »Bis vorhin hingen Reste des Piloten im Gurt wie Marshmallows überm Lagerfeuer, ein nicht unbeträchtlicher Teil meiner Weinstöcke ist zum Teufel – und du fragst nach einem Job? Glaubst du nicht, dass ich momentan andere Probleme habe? Ich brauche neue Pinot-Klone, keine Sekretärin!«
   »Ich weiß, dass du einen Winemaker suchst«, entgegnete sie ungerührt.
   »Und das zwitschern sogar in Neuseeland die Kiwis von den Bäumen?«
   »Nein, aber zwischen Napa und Santa Rosa brodelt die Gerüchteküche. Kommt schließlich nicht alle Tage vor, dass ausgerechnet die McNamaras solch einen Job ausschreiben.«
   »Dann kannst du dir denken, dass die Bewerber Schlange stehen und ich nicht ausgerechnet auf dich gewartet habe.«
   »So lang kann die Schlange nicht sein. Jedenfalls habe ich bisher niemanden auf Knien Richtung Scott’s Hill pilgern sehen. Nicht nur im Valley weiß jeder, was für ein arroganter Sklaventreiber du bist.«
   »Normalerweise reden mich die Leute mit Sir an, wenn sie für mich arbeiten wollen.«
   »Du suchst aber keinen, der nur einen Job will, sondern jemanden, der absolut top in Sachen Wein ist. Wann kann ich anfangen?«
   »Versuch dein Glück bei den Franzosen, denen ist gerade das Oberhaupt ihres Clans vom Himmel gefallen.« Er deutete zum Flugzeugwrack hinüber. »Mathis braucht nach Opas Tod bestimmt ein wenig Trost und Beistand.« Er grinste, als er sah, wie viel Selbstbeherrschung es sie kostete, ihm nicht umgehend eine zu scheuern.
   »Für die Tatsache, dass ich mir sämtliche Knochen verbrannt habe, um euch beim Löschen zu helfen, siehst du dir zumindest meine Unterlagen an.« Sie zog die Aktenmappe, die sie sich unter den Arm geklemmt hatte, hervor und hielt sie ihm entgegen.
   Er rührte sich nicht von der Stelle. »Ich würde dich lieber umgehend von meinem Land jagen.«
   »Dein Land? Das hier ist genauso das Land meiner Väter! Nur weil meine Eltern euch unseren Anteil in den Rachen geworfen haben …«
   In diesem Moment trat sein Vater zwischen sie. Dass er vor Kurzem siebzig Jahre alt geworden war, verrieten nur die hohe Stirn, das schlohweiße Haar und die zahllosen Leberflecke auf seinen von harter Feldarbeit gezeichneten Händen. Seine kerzengerade Haltung und sein charismatisches Auftreten ließ keinen Zweifel daran aufkommen, wer auf Scott’s Hill das Sagen hatte. Das sympathische Großvatergesicht wurde von ähnlich tiefen Falten wie das Feld unter seinen Füßen zerfurcht, die gleichermaßen von Sorgen und Lachen in die ledrige Haut gegraben worden waren. Über dem Bund seiner lehmbraunen Jeans wölbte sich ein Bauch, der ahnen ließ, dass er einen guten Wein und das dazu passende Menü zu schätzen wusste. Er reichte ihr eine von Erde verdreckte Hand. »Hallo Lisha, schön dich zu sehen. Tut mir leid, dass sich unser Termin gestern im wahrsten Sinne des Wortes in Schall und Rauch aufgelöst hat.«
   »Guten Tag, Mr. McNamara. War nicht Ihre Schuld. Wie ich sehe, geht’s auf Scott’s Hill noch genau so heiß her wie früher.«
   Im Gegensatz zu Colin lachte Vater aus vollem Hals, wovon sie sich umgehend anstecken ließ.
   »Hast gestern ’nen verdammt guten Job gemacht, Mädchen.« Er tätschelte ihr die Schulter. »Falls du keine Lust mehr auf Wein hast, solltest du bei der Feuerwehr anfangen. Obwohl …« Er brach ab und betrachtete sie. Ein zufriedenes Nicken folgte. »Bleib lieber beim Wein. Die Snobs in Napa haben uns nämlich einen Winemaker abgeworben. Dagegen sehen wir die Feuerwehr hoffentlich nie wieder. Was hältst du davon, wenn wir uns in einer Stunde auf Scott’s Hill mal wie zivilisierte Menschen«, sein harter Blick, der keinen Widerspruch duldete, prallte ungerührt an Colin ab, »miteinander unterhalten?«
   »Die Unterhaltung ist kein Problem.« Sie zwinkerte Colin zu.
   Er ignorierte sie und starrte zum Wrack hinüber.
   »Aber dafür, dass es zivilisiert zugeht, kann ich in seiner Gegenwart keine Garantie übernehmen, Sir.«
   Erneut erschütterte Vaters Lachen das Tal. »Alles andere würde mich überraschen, Mädchen! Wir sehen uns im Haus.« »Dann bis nachher, Mr. McNamara.« Ohne einen weiteren Blick an ihn, Colin, zu verschwenden, ging sie zu ihrem Wagen.
   »Was soll das, Dad?« Unwirsch zerrte er die Arbeitshandschuhe ab. Darunter kamen schmutzige Verbände zum Vorschein. »Glaubst du, mich interessiert, ob Lisha McTavish einen Job sucht, wenn ich eine Leiche zwischen meinem verkohlten Pinot liegen habe?«
   »Um die Leiche kümmert sich die Polizei, und für die Felder bin immer noch ich zuständig. Die Rebblöcke müssen wir so oder so neu pflanzen. Das hier«, Vater machte eine ausholende Armbewegung, »ist leider passiert, und wir werden damit umgehen müssen. Egal, ob wir mit ihr reden oder nicht.«
   Angesichts seines Tonfalls hielt Colin lieber den Mund.
   »Lisha hat mir letzte Woche ihre Unterlagen per Mail zugeschickt«, fuhr Vater fort, »und ich sage dir: Solch ein Ass bekommen wir nicht jeden Tag auf dem Silbertablett serviert.«
   Colin schnaubte. »Auf dem Papier kann sie dir viel erzählen. Sie war verdammt lange weg. Hast du jemals einen ihrer Weine verkostet? Weiß der Himmel, ob sie da unten nicht einfach vergorenen Kiwisaft in Flaschen gefüllt hat.«
   »Im Gegensatz zu dir, mein Sohn, bewege ich mich regelmäßig in der Welt da draußen und halte Augen und Ohren offen. Sie ist seit einigen Monaten bei Mondavi angestellt. Seither rennt ihr von Napa bis Mendocino jede namhafte Kellerei die Bude ein, um sie abzuwerben. Sie hat nicht nur in Neuseeland, sondern darüber hinaus auf zahlreichen Weingütern in Europa gearbeitet. Wir müssten reichlich blöd sein, wenn wir uns diese Erfahrung entgehen ließen.«
   »Ein rastloses Zigeunerleben nennst du Erfahrung?« Er schüttelte den Kopf. »Sie ist ein flatterhafter Schmetterling, der nach dem Nektar der nächsten Blüte schielt, während er am Honigtau nascht. Ihr ist das Land egal, sie denkt nur an sich! Wir sind garantiert nichts weiter als das nächste Gut auf ihrer Liste, das sie abhaken will, bevor sie nach Chile oder Südafrika geht. Mehr nicht.«
   »Weißt du, mein Junge, ich gebe gern zu, dass du eindeutig mehr Talent als ich hast, wenn es darum geht, billigen Most in exquisiten Wein zu verwandeln. Mir sind meine Trauben wichtiger.« Ein weises Lächeln umspielte seine Mundwinkel. »Aber als der da oben die Menschenkenntnis ausgeschüttet hat, musst du dich tief im Keller untergestellt haben. Lass dir eines von deinem alten Vater sagen: Lisha ist hier, weil sie hierhergehört. Mag sein, dass sie ihre jungen Triebe eine Zeit lang in die Welt gestreckt hat, doch ihre Wurzeln sind im Boden von Carneros genauso fest verankert wie deine und meine.«
   Colin bohrte mit der Spitze seines Cowboystiefels Löcher in den Dreck zu seinen Füßen. Lisha McTavish besaß keine Wurzeln, sondern Tragflächen, die sie möglichst schnell von einem Ort zum anderen brachten!
   »Niemand sagt, dass du sie mögen musst.« Vater ignorierte ihn. »Alles, was ich verlange, ist, dass du ihr eine Chance gibst. Wir haben nichts zu verlieren. Wenn sie sich wider Erwarten als Niete entpuppt, werden wir ihr gern beim Packen helfen. Aber zuerst sehen wir uns an, was sie zu bieten hat.«

*

Von ihrem Platz am Esstisch aus schaute sich Lisha möglichst unauffällig um. Die Sitzgarnitur aus muschelfarbenem Velours hatte die wuchtigen Ledersofas und den zentnerschweren Ohrensessel verdrängt, aber der Couchtisch mit seiner marmornen Oberfläche stand wie eh und je an seinem Platz. Statt des abgetretenen Persers lag ein Webteppich auf dem cognacfarbenen Parkett, das einen harmonischen Kontrast zu den hellen Natursteinwänden bildete. Hohe, bogenförmige Fenster erlaubten die Aussicht auf eine von Blumenkästen gesäumte Veranda.
   Der großzügige Raum nahm fast die Hälfte des Erdgeschosses ein und ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass sich hier das Leben abspielte. Auf einem violetten Minnie-Maus-Sofa warteten ordentlich aufgereihte Puppen auf das Mädchen, das mit ihnen spielte. Gegenüber stand ein liebevoll gezimmerter Kaufladen mit winzigen Käselaiben, leeren Crackerschachteln und Plastikbananen. Darüber hinaus führte der Shop ein exklusives Sortiment zierlicher Weinflaschen. Garantiert trugen die Fläschchen cremefarbene Etiketten, auf denen man mithilfe einer Lupe das Wappen von Scott’s Hill ebenso erkennen würde wie den jeweiligen Jahrgang. Sie verspürte ein warmes Gefühl von Liebe und Geborgenheit. Auch ihr Kaufladen war damals von ihrem Daddy geschreinert worden, und etwas anderes als das Original hätte er niemals in den Regalen geduldet.
   Mit aller Macht versuchte sie, das Gestern zu verdrängen und in Scott’s Hill nur ihren hoffentlich neuen Arbeitsplatz zu sehen, aber die mit der Macht einer Lawine über sie hereinbrechenden Erinnerungen ließen sich nicht einfach beiseiteschieben wie eine lästige Fliege. Nicht in diesem Raum, in dem sie auf Daddys Knien Shortbread geknabbert hatte, während dieser mit Angus Zinfandelproben verkostete.
   Colin machte sich nicht die Mühe, am Tisch Platz zu nehmen. Einen Ellenbogen auf die hohe Rückenlehne eines Stuhls gestützt, klopfte er mit dem Fuß ungeduldig auf den Boden. Verdrängte man die Spuren des Feuers aus seinem Antlitz, sah er immer noch verdammt gut aus. Seine robuste Ausstrahlung, verteilt auf einen Meter fünfundachtzig sehniger Muskeln, zeugte von harter, körperlicher Arbeit. Vierzig Jahre hatten sichtbare Falten in sein Gesicht und erste graue Strähnen in seine zerzausten Haare getrieben. Der schlaksige, lebensfrohe Twen war einem kantigen Kerl gewichen. Sie zweifelte keine Sekunde daran, dass sich jede Frau im Tal nach ihm umdrehte. Doch wer genauer hinsah, begegnete einem Paar grauer Augen, in denen sich die unergründlichen Seen seiner schottischen Wurzeln widerspiegelten. Düster wie Loch Ness an einem nebligen Novembertag. Mit einem Ungeheuer in seinen Tiefen, gegen das er einen Kampf führte, den er nicht gewinnen konnte.
   Er hatte das verschwitzte Hemd gegen ein sauberes Flanellshirt vertauscht, unter dessen kariertem Stoff sich kräftige Oberarme abzeichneten. Seine Jeans wies deutliche Spuren der Stunden zwischen verkohltem Holz auf, und die Absätze seiner Stiefel hatten bereits einige Meilen auf dem Buckel. Schwer vorstellbar, dass er überaus sympathisch aussehen konnte, wenn er nicht so bärbeißig dreinschaute wie im Moment. Seine Miene machte keinen Hehl daraus, dass er sie am liebsten mit der Schrotflinte aus dem Haus treiben und zu seinen verbrannten Pflanzen zurückkehren würde.
   Bilderrahmen reihten sich auf dem Kaminsims aneinander, darüber blickten steife Porträts von Duncan und Isobel McNamara auf die Anwesenden herab. Es überraschte Lisha nicht, dass der schwere Rahmen mit dem Gemälde ihrer eigenen Großeltern einer Luftaufnahme des Weinguts hatte weichen müssen.
   »Du bist überqualifiziert«, beendete Colin rabiat ihre Überlegungen. Die Mappe mit ihren Unterlagen flog auf den Tisch und rutschte schwungvoll über das Mahagoni. Wenige Zentimeter vor ihrer Kaffeetasse blieb sie liegen. »Ich suche einen Assistenten, der mir die lästige Routine abnimmt und keinen Designer. Den Hauptjob mache ich.«
   »Erzähl was Neues.« Sie ließ sich zu einem gelangweilten Lächeln herab.
   »Wie wär’s damit, dass du langsam genug von meiner Zeit in Anspruch genommen hast?« Demonstrativ sah er auf das bronzene Zifferblatt der alten Standuhr. »Versuch dein Glück bei den Devereauxs. Jetzt, wo Napoleons Doppelgänger den Abgang gemacht hat, steht einem Comeback der großen Liebe bestimmt niemand mehr im Weg.« Er grinste gehässig. »Mathis ist nach wie vor zu haben. Und Mathéo … Der hätte gegen ein bisschen Abwechslung von seiner Giulia garantiert nichts einzuwenden. Vor allem, wo die schwangere Primadonna gerade mal wieder mit der Anmut eines Flusspferds durchs Château trampelt. Aber fürs Erste hast du mit dem Hilfssheriff sicher genug zu tun, oder?«
   »Armer Colin. Hast es bis heute nicht verschmerzt, dass dich mal eine von der Bettkante geschubst hat, was?«
   »Darüber, wer hier wen von der Bettkante geschubst hat, müssen wir nicht ausgerechnet jetzt diskutieren! Aber …«
   »Es reicht, ihr beiden!« Angus, der seit geraumer Weile am Kopf des Tisches in einer zweiten Mappe geblättert hatte, legte die Handflächen gegeneinander und tippte gegen sein Kinn. »In einem Punkt muss ich Colin zustimmen: Du bist überqualifiziert, Lisha. Woanders könntest du mit Sicherheit einen Job als verantwortlicher Winemaker finden, anstatt hier die zweite Geige zu spielen. Du verkaufst dich drastisch unter Wert.«
   Eine winzige Geste genügte, und sie schluckte ihre Antwort hinunter.
   »Andererseits bist du keine Laborratte wie er – lass mich ausreden, Colin! -, sondern kennst dich obendrein mit Marketing und Vertrieb aus. Mal ganz abgesehen von der weltweiten Erfahrung, die du im Koffer hast.«
   »Dann geben Sie mir eine Chance, Mr. Mac.« Insgeheim schluckte sie, als ihr auffiel, dass sie automatisch die altvertraute Anrede benutzte, mit der jeder Angestellte auf Scott’s Hill dem Patriarchen seinen Respekt zollte.
   »Möglicherweise kann ich von der Laborratte«, in ihrem Ton schwang genau die beabsichtigte Menge Ironie mit, »sogar noch was lernen.«
   »Auszubildende fangen bei uns mit dem Ausheben von Pflanzlöchern an«, konterte Colin umgehend. »Und werden dementsprechend bezahlt.«
   Angus schob seinen Stuhl zurück und erhob sich. »Was hältst du davon, dich draußen ein wenig umzusehen, während ich mit der Laborratte rede?« Das Geplänkel bereitete ihm sichtliches Vergnügen. »Bleib bitte in der Nähe, es wird nicht lange dauern.«

Die helle bläulich graue Fassade und das makellose Weiß der Fensterrahmen, Verandasäulen und Geländer ließen darauf schließen, dass das zweistöckige Gebäude renoviert worden sein musste. Von seiner ebenso schlichten, wie ehrwürdigen Ausstrahlung hatte es nichts verloren. Sahen die Anwesen benachbarter Weingüter oft wie trutzige Festungen oder verspielte Dornröschenschlösser aus, hätte das Wohnhaus der McNamaras ebenso gut auf einer Farm im Mittleren Westen stehen können. Mit ausreichend Platz für drei Generationen unter dem dunkelgrauen Schieferdach wachte es von einer Anhöhe aus über einen von Magnolien gesäumten Garten. Unweit der Kellerei hockte inmitten eines Olivenhains das als Weinstube genutzte alte Farmhaus wie ein Ei im Vogelnest.
   Am Fuß der Veranda breitete sich eine von Gänseblümchen und Löwenzahn durchsetzte Wiese aus, an deren südlichem Ende üppige Trauerweiden für weitreichenden Schatten sorgten. Nur mühsam widerstand Lisha dem drängenden Wunsch, auf dem roten Plastiksitz der Schaukel wie ein Kind in den Himmel zu fliegen. Ihre eigene Schaukel hatte aus einer alten Fassbohle und zwei groben Seilen über dem Ast eines mächtigen Eukalyptusbaums bestanden. Wollte sie schaukeln, musste sie das handgenähte Patchworkkissen ihrer Granny drauflegen, damit keine Splitter in ihre Beine wanderten. Vom Schornstein eines quietschbunten Kinderhauses führte eine Rutsche direkt durch den niedrigen Eingang. Abgefressene Tennisbälle, ein mitgenommen aussehendes Gummihuhn und ein zerfleddertes Seil deuteten darauf hin, dass ein Hund zur Familie gehörte.
   Acres um Acres fachmännisch kultivierter Weinreben dehnten sich in alle Richtungen aus. In sanften Schwüngen folgten sie dem Auf und Ab der Landschaft, einem im Wind wogenden Meer aus Blättern gleich. Gemächlich schlenderte Lisha den Pfad zur Kellerei entlang, wo eine sandfarbene Mauer ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Darauf spielte ein aus Gusseisen zu einer lebensgroßen Skizze geschmiedeter Schotte auf seinem Dudelsack.
   Unwillkürlich kitzelten aufsteigende Tränen in ihrer Nase. Unter dem eleganten Schriftzug Scott’s Hill prangten die ineinander verwobenen Wappen des McNamara- und McTavish-Clans. Sie reckte das Kinn in die Höhe. Das Motiv hatte nichts mehr zu bedeuten. Es war in Stein gemeißelt, seine Farben für alle Zeiten mit dem Mauerwerk vereint. Ein edles Wappen, darunter eine historische Zahl, die auf langjährige Familientradition schließen ließ – schon ging jede Flasche für ein paar Dollar mehr über die Theke. Wen interessierte es, dass der rotblaue Tartan der McTavishs längst der alleinigen Herrschaft des von gelben Linien durchzogenen McNamara-Plaids hatte weichen müssen …
   Auf dem Vorplatz der Kellerei herrschte ungewöhnliche Ruhe. Wo normalerweise Angestellte Tanks reinigten und Besucher Flaschen zum Auto schleppten, war jegliche Betriebsamkeit zum Erliegen gekommen. Wie es aussah, arbeiteten alle auf dem Schlachtfeld von Sonoma Creek daran, die Basis für neue Pflanzungen zu schaffen.
   Obwohl sie bereits bei ihrer Ankunft gesehen hatte, dass dort, wo das zweite Wohnhaus auf Scott’s Hill gestanden hatte, nur noch Picknicktische auf Gäste warteten, verspürte sie einen Stich. Daran konnten selbst die üppig weißen Magnolienblüten nichts ändern. Sie presste die Lippen zusammen und rieb sich die Nase, als der Knall einer zugeschlagenen Autotür sie von ihrer Melancholie ablenkte. Dann raste Colins Rover an ihr vorbei, bog mit quietschenden Reifen in die Allee ein und schoss davon.
   »Ein Erdbeben«, hörte sie Angus’ ruhige Stimme sagen.
   Sie wandte den Kopf zur Seite. Er stand unmittelbar neben ihr und sah ebenfalls zu den Picknicktischen hinüber.
   »Kurz bevor Kylie geboren wurde. Daraufhin hatten wir einen Grund, unser Haus renovieren zu lassen.« Er rückte seinen verbeulten Hut zurecht. »Das Beben war nicht einmal besonders heftig. Hatten schon Schlimmere, das muss ich dir nicht sagen. Aber drüben bei euch …«, er atmete schwer durch, »mein Vormann hat dort gewohnt. Leonora, seine Frau, und die beiden Jungs waren schon unten, Louie lief über die Galerie. Dann knackte der Fußboden weg.« Sein Seufzer verriet, welchen Schmerz die Erinnerung auslöste. »Sie ist mit den Kindern in den Süden gezogen. Hielt es hier nicht mehr aus.«
   Er nahm seine Brille ab, zog ein Stofftaschentuch von der Größe einer Tischdecke aus der Hosentasche und polierte angestrengt die Gläser. Dann setzte er die Brille wieder auf, faltete das Tuch ordentlich zusammen und steckte es umständlich an seinen Platz zurück. »Wir wollten nicht, dass dort wieder jemand wohnt. Nicht nachdem … Es hatte nichts mit Elliott zu tun. Dein Vater und ich …« Er legte eine schwere Hand auf ihren Arm. »Es sollte einfach kein Ort der Trauer sein, verstehst du? Deshalb haben wir den Picknickplatz daraus gemacht.«
   Der Kloß in ihrer Kehle gab ihr keine Chance zu sprechen. Wieder eine Familie, der Scott’s Hill kein Glück gebracht hatte. Wieder ein Toter, der Schmerz und Verlust in die Herzen der Angehörigen gegraben hatte wie die Egge ihre Furchen zwischen den Rebstöcken. Sie sah zu der Stelle, wo Colins Wagen gestanden hatte. Offenbar dankbar für die Ablenkung zuckte Angus mit den Schultern.
   »Du kennst ihn, länger konnte ich ihn beim besten Willen nicht von der Absturzstelle fernhalten.« Er kratzte sich am Hals. »Hoffentlich läuft er Washington nicht wieder in die Arme, sonst muss ich garantiert ’ne Kaution für den Bengel hinterlegen.«
   »Soll ich ein anderes Mal wiederkommen, Mr. Mac? Oder …?«
   »Und ob du wiederkommen sollst, Mädchen! Morgen früh um sieben, wenn du nicht gleich am ersten Tag gefeuert werden willst.« Sein Grinsen faltete sich wie eine Ziehharmonika über sein ganzes Gesicht. »Du kennst ihn. Er dreht durch, wenn jemand unpünktlich ist.«
   »Heißt das, ich …?«
   »Komm rein und setz deinen Namen unter den Vertrag.« Mit einer Hand zwischen ihren Schulterblättern schob er sie sanft, aber unnachgiebig zurück zum Haus. »Und dann lass uns mit einem kühlen Chardonnay eine Wette darauf abschließen, wer von euch beiden Hitzköpfen zuerst das Handtuch wirft.«

3. Kapitel

»Daddy, Daddy, Daddy!«
   Die Schaukel schwang weiterhin vor und zurück, als Kylie längst winkend angelaufen kam. Beide Hunde folgten ihr mit ohrenbetäubendem Gekläff. Colin ließ den Wagen ausrollen. Ungeduldig hopste das lärmende Trio um ihn herum.
   »Sei still, Vanilla! Sitz! Ruhe, Chocolate!«
   Vanilla hockte sich mit der Grazie eines Löwenkönigs neben Kylie. Chocolate befand anscheinend, dass es ausreichte, wenn einer gehorchte, und trottete zum Spielplatz zurück.
   Colin stieg aus, versetzte der Tür einen Stoß und ging in die Hocke. »Hey, Rosinchen, komm her.«
   Anstatt in seine Arme zu fliegen, schüttelte sie den Kopf. »Du bist schmutzig«, tadelte sie im strengen Ton einer Gouvernante. »So kannst du nicht zum Essen kommen.«
   Chocolate tauchte wieder zwischen ihnen auf. Ein filzloser Tennisball fiel ihr aus der Schnauze. Auf einer Höhe mit zwei Paar hoffnungsvoller Hundeaugen griff Colin nach dem Ball, stand auf und schleuderte ihn weit in einen Feldweg hinein. Mit Lichtgeschwindigkeit rasten die Hunde los. Umgehend entbrannte ein wilder Kampf um das Spielzeug.
   »Bin schon halb unter der Dusche, Spatz.« Er gab ihr einen flüchtigen Schmatz auf die Wange, peinlich genau darauf bedacht, sie ansonsten nicht zu berühren.
   »Wenn du sauber bist, tue ich wieder Salbe auf dein Gesicht«, sagte sie. Sorgenvoll den Kopf schief gelegt, betrachtete sie seine Verbände, aus denen von Brandblasen übersäte Fingerspitzen ragten. »Tun deine Hände noch weh?«
   »Ach was.« Er winkte ab. »Ich will nicht, dass Schmutz an die Kratzer kommt, deshalb lasse ich die Verbände vorläufig dran. Wo ist Grandpa?«
   »Läuft mit dem Telefon durchs Wohnzimmer und schimpft ganz fürchterlich.«
   »Gut. Dann hat er hoffentlich einen Devereaux dran, dem er die Landegebühren für Opas Barbecue in Rechnung stellt.« Er schluckte, als er Kylies fragenden Blick bemerkte und ihm auffiel, dass er seine Gedanken laut ausgesprochen hatte. »Sag Elena, dass ich in zehn Minuten zum Essen da bin. Und hol die Hunde rein, bevor sie Familie Feldmaus einen Besuch abstatten.«
   Kylie kicherte. Tatsächlich sah man in der Ferne nur ein dunkles und ein helles Hinterteil mit wedelnden Schwänzen. Vier Vorderpfoten baggerten einen Krater aus. Staub wirbelte auf, und trockene Erdbrocken flogen im hohen Bogen in alle Richtungen. Ein durchdringender Pfiff ließ ihn zusammenzucken, als er bereits ins Obergeschoss hechtete. Im Bad öffnete er das Fenster. Er schmunzelte, als er belauschte, wie seine Tochter den Hündinnen die Leviten las. Sie folgten ihr treu ergeben, als sie zur Hintertür lief und die ganze Bande damit aus seinem Blickfeld verschwand.

*

»Freiwillig werden sie nicht zahlen, das kannst du dir von der Backe putzen.« Angus häufte Bolognese auf seine Spaghetti. Er saß am Kopf des Tisches, Kylie und Colin nebeneinander an der Längsseite.
   Chocolate und Vanilla beobachteten aus strategisch günstiger Entfernung, ob etwas zu Boden fiel, was sie aufputzen konnten, um der Haushälterin die Arbeit zu ersparen.
   »Dann sollen sich Myers und Ramirez darum kümmern. Es kann nicht angehen, dass wir den Schaden tragen, wenn der Alte uns in die Reben fällt. Das ist Sache der Anwälte. Jetzt müssen wir sehen, dass der Boden schnellstens trocken wird. Morgen kommt die fliegende Seifenkiste weg, dann haben wir freie Bahn.« Wie ein Specht am Baum hämmerte Colin mit der Gabel in seine Salatschüssel, bis mehrere Blätter auf den Zinken saßen. »Kann Moustaki genügend Klone auftreiben?«
   Angus wog den Kopf hin und her. »Als ich angerufen habe, wusste er nicht genau, wie viel er liefern kann.« Er wickelte Spaghetti auf seine Gabel. »Notfalls nehmen wir einen Teil von den Jackson Brothers. Die schlagen zwar sofort den Preis auf, wenn sie von unserer Misere hören, aber wenigstens haben sie immer volle Lager.«
   Die anstehende Rodung des verbrannten Areals und die dringend erforderliche Neuanpflanzung waren das alleinige Thema am Tisch. Bewusst vermied er, Lisha zu erwähnen. Es war ein ungeschriebenes Gesetz: Geschäftliche Themen beim Essen waren in Ordnung, gestritten wurde nur, wenn Kylie nicht anwesend war.
   Sie war still in ihre Nudeln vertieft. Ein Stück weit vornübergebeugt achtete sie sorgfältig darauf, keine Tomatensoße auf ihr Kleid zu kleckern. Nach jedem Bissen tupfte sie mit einer Serviette ihren Mund ab. Colins gelegentliche Fragen, ob er ihr mit den Nudeln helfen oder Eistee nachschenken solle, beantwortete sie mit stillem Nicken oder Kopfschütteln. Als etwas Salatdressing auf das Tischset tropfte, griff sie nach einer bereitstehenden Küchenrolle, riss ein Blatt ab und wischte das Set penibel sauber. Ihr Gesicht wirkte verschlossen, geradezu abweisend. Jeglicher Glanz in ihren kornblumenblauen Augen war einer stumpfen, ausdruckslosen Miene gewichen, der Mund zu einem geraden Strich gezogen. Die Lider halb geschlossen, den Blick starr auf ihren Teller gerichtet, wirkte sie wie von einer gläsernen Kugel umschlossen. Nach dem Essen trug sie das benutzte Geschirr mit roboterhaften Bewegungen in die Küche, wobei sie jedes Teil einzeln nahm und dabei möglichst weit von sich hielt.
   »Ich muss einen Haufen Telefonate erledigen.« Angus stand auf. »Howard soll sich um den finanziellen Kram kümmern, ich habe keine Zeit für … Wir reden später weiter«, unterbrach er sich, als er Kylie kommen sah.
   Colin legte seinen Arm um ihre mageren Schultern. »Komm, wir gehen nach oben. Du hast mir eine Wundbehandlung versprochen, Dr. Kylie. Mein Rücken schreit nach Salbe.«
   Für einen Sekundenbruchteil überzog ein Lächeln das Gesicht des Mädchens, verlosch aber sofort wieder, als Angus ihr eine gute Nacht wünschte. Steif wie ein Brett drückte sie sich an Colin. Nach außen hin ignorierte er ihren Rückzug und streichelte liebevoll mit zwei Fingern über ihre Wange.
   »Schlaf gut, Rosinchen. Und sag dem Sandmann, er soll dir einen Traum mit ganz vielen rosa Prinzessinnen schicken.«
   Nach wie vor den Arm um sie gelegt, schob Colin sie die Treppe hinauf. Sofort folgte Vanilla ihnen. Angus verdrängte die Wehmut, ihr nicht mehr der Großvater sein zu dürfen, der er früher gewesen war. »Komm, Choc, machen wir’s uns gemütlich.« Mit einem Weinglas und seinem Rätselheft bewaffnet, setzte er sich in seinen Lieblingssessel. Umgehend rollte sich Chocolate daneben auf den Rücken und ließ sich von seinen Füßen den Bauch massieren.

*

Zur gleichen Zeit saß Lisha mit Dwayne in einer rustikalen Pizzeria an der Sonoma Plaza im Zentrum der Stadt. Er hatte seine Uniform gegen Jeans, ein hellblaues Hemd und einen dunklen Blazer vertauscht. Dennoch wirkte er auf Lisha immer noch wie ein Cop in Zivil.
   Seine begehrlichen Blicke machten keinen Hehl daraus, dass er gern der schwarz-weiß-gemusterte Stoff des Kleids wäre, das sich um ihren Körper schmiegte. Zwar spürte sie die Folgen der Löschaktion noch immer in jedem Knochen, aber der Spiegel hatte ihr verraten, dass sie wieder unter die Leute gehen konnte, ohne allgemeine Mitleidsbekundungen auszulösen. Gut, dass ihre versengten Haare raffinierten Stufen gewichen waren, ohne allzu viel Länge einzubüßen. Das entsetzte Gezeter der Dame im Nagelstudio angesichts ihrer abgerissenen Fingernägel und von Blasen überzogenen Handflächen klingelte ihr immer noch in den Ohren, aber sie und die stöhnende Friseurin hatten dennoch einen prima Job gemacht. Zufrieden fuhr sie mit extrem kurzen, aber in frechem Rot lackierten Fingernägeln durch ihre Mähne.
   »Wer war der Tote eigentlich?«, fragte sie und ließ den Wein im Glas kreisen. Anschließend schnüffelte sie am Bukett des Cabernets. Sie nahm ein Schlückchen, sog mit leicht geöffneten Lippen Luft ein und schob den Wein ausgiebig über ihre Zunge. Es entging ihr nicht, wie fasziniert Dwayne jede ihrer Gesten verfolgte.
   »Emile Devereaux«, antwortete er und nahm ein Grissini zur Hand. »Hatte schon lange nicht mehr alle Birnen im Kronleuchter. Offiziell galt er als Boss des Châteaus, dabei haben seine Söhne längst das Ruder übernommen. Er flog tagein, tagaus mit seinem Spielzeug herum und nannte es Luftkontrolle.« Er zog eine Grimasse. »Der Alte hockt jetzt auf seiner Wolke und stößt mit Bacchus darauf an, dass er den McNamaras am Ende ordentlich ins Weinfass gespuckt hat.« Er schwieg, während die Bedienung das Essen servierte. Der verlockende Geruch von Linguine Marinara zog ihnen in die Nasen.
   »Dads Chianti wäre dazu ideal«, seufzte Lisha. »Der hier ist aber auch nicht schlecht«, merkte sie an, als sie die Miene ihres Gegenübers bemerkte. »Sorry, Berufskrankheit.«
   Er winkte mit dem angebissenen Grissini in seiner Hand ab. »Schon okay. … Nach der Trennung von deiner Mutter hielt ihn hier nicht mehr viel, oder? Du warst weg, Leroy war weg …«
   Sie fuhr am Stiel ihres Glases entlang. »Allein hatte er gegen zwei McNamaras keine Chance. Dad und Angus waren waschechte Winzer. Die haben sich vom ersten Tag an zusammengerauft, das hätte ewig funktioniert. Aber als Colin in die Kellerei einstieg …« Nachdenklich starrte sie in die rote Flüssigkeit. »Der Erfolg gibt ihm recht, seine modernen Methoden haben Scott’s Hill ordentlich aufgemischt. Früher wurden in erster Linie Trauben angepflanzt und es wurde nur verkauft, was sie selbst nicht trinken konnten.« Sie verteilte Parmesan über ihren Linguine. »Colin ist ein Virtuose, wenn es um Wein geht, aber zwischen ihm und Dad hätte es niemals funktioniert.«
   »Er hat wirklich wieder ganz von vorn angefangen?«
   »Er hat ein bestehendes Weingut in der Toskana gekauft. Nichts Vergleichbares. Ein paar Quadratmeilen, auf denen er hauptsächlich Sangiovese-Trauben anbaut. Und natürlich Primitivo.« Sie bemerkte seinen fragenden Blick. »So nennen die Italiener ihren Zinfandel. Dad ist glücklich damit, also war es der richtige Schritt.« Zwischen zwei Bissen nippte sie am Wein. »Deputy Sheriff … Nicht schlecht. Damals warst du noch auf der Polizeiakademie. Was macht Cynthia?«
   »Geschieden.«
   Es blieb nicht aus, dass sie die Bitterkeit hörte, die er bei diesen Worten empfand.
   »Sie fand den Immobilienmakler mit der dicken Kohle und den geregelten Arbeitszeiten interessanter als einen Bullen, der mit blutverschmierten Klamotten vom Schauplatz eines Mordes heimkommt. Lebt in einer schicken Villa in Seattle.«
   »Mist. Kinder?«
   »Zwei Jungs, elf und dreizehn.« Missmutig griff er nach seinem Glas. »Die finden seinen Porsche wesentlich cooler als meinen Pick-up.«
   »Tut mir leid.«
   »Nicht deine Schuld. – Kein Ring«, stellte er fest, nachdem eine Ladung Pasta die Reise in seinen Magen angetreten hatte. »Heißt das, am Ende der Welt wartet niemand darauf, dass du zurückkommst?«
   »Immer im Dienst, was?«
   Er grinste. »Sorry. Berufskrankheit.«
   Auch Lisha musste lachen. Dann schüttelte sie den Kopf. »Nein, da wartet niemand mehr.« Sie spürte, wie er auf eine Erläuterung wartete, dennoch sprach sie nicht weiter. Leise Musik aus versteckten Lautsprechern und einzelne Gesprächsfetzen von den Nachbartischen übertönten ihr Schweigen. »Erzähl mir den neuesten Klatsch und Tratsch aus dem Tal«, bat sie schließlich. »Wer von uns einstigen Halbstarken sitzt im Knast oder ist wider Erwarten Anwalt geworden und plädiert für den Senat?«
   »Na, damit kann ich dienen! Erinnerst du dich zum Beispiel noch an Susi Newman und Tad Carter? Du weißt schon, dieser Zwerg, der immer umfiel, wenn er einen Tropfen Blut gesehen hat …«

Die zweite Flasche Cabernet Sauvignon schmeckte schon besser, und als Dwayne sie am späten Abend zu Fuß zu ihrem Hotel brachte, alberten sie herum wie zwei Teenager. Es dauerte ein wenig, bis ihre Codekarte den Weg in den Türschlitz fand. Kaum über die Schwelle getreten, kickte sie sich die Schuhe von den Füßen. Weder der Kuss als solcher noch das drängende Verlangen, mit dem sich seine Lippen auf ihren Mund pressten, überraschten sie. Bevor seine Zunge ebenfalls aktiv werden konnte, legte sie eine Hand auf seiner Brust. »Es war ein netter Abend, Dwayne«, sagte sie freundlich, aber bestimmt. »Belassen wir es vorerst dabei, okay?«
   Er konnte einen Seufzer nicht verhindern. »Haben die Kiwis dich etwa brav und sittsam werden lassen?«
   Sie versteifte sich, kaum, dass seine Hand an ihrem Po versuchte, sie an sich zu ziehen. Mit einer Schade-wir-hätten-Spaß-haben-können-Geste wich er zurück.
   »Was dagegen, wenn ich dich anrufe?«, fragte er dennoch.
   »Nein.« Sie lächelte versöhnlich. »Nein, ich habe nichts dagegen. Gute Nacht, Dwayne.« Damit ließ sie die Tür ins Schloss einrasten. Durch die offenen Gardinen vor dem Fenster verfolgte sie, wie er, die Hände in den Hosentaschen vergraben, sichtlich enttäuscht davonging.

4. Kapitel

Haushohe, mit Nummern versehene Stahltanks dominierten die außen liegenden Produktionsstätten der Kellerei. Dicke Isolierungen schützten den kostbaren Inhalt vor der Sonne. Hoch oben führten stählerne Verbindungswege von einer Seite zur anderen und ermöglichten den direkten Zugang zum Deckel jedes Tanks. In regelmäßigen Abständen lagen sauber aufgerollte Schläuche zum Umfüllen des gärenden Weins parat, hier und da standen Behälter, Geräte und mit leeren Flaschen gefüllte Kunststoffkisten. In einer an der Vorderseite offenen Halle wartete eine Sortiermaschine auf ihren Einsatz. Unter einer Plastikplane zeichneten sich die Umrisse eines Transportbands ab. Als Lisha an Colins Seite das Gelände inspizierte, waren zwei Arbeiter damit beschäftigt, einen der riesigen Tanks zu reinigen. Der Kleinere kroch durch die einem Bullauge ähnliche Öffnung. Sein Kollege grüßte kurz, dann sprach er wieder auf Spanisch mit dem Mann im Tank.
   Alles strahlte vor Sauberkeit. Der Betrieb war effizient auf das Wesentliche reduziert worden und wirkte hochmodern. Auf den Dächern der Hallen reihten sich Kollektoren einer Fotovoltaikanlage lückenlos aneinander. Verströmten die knorrigen Rebstöcke auf den Feldern den mystischen Charme der Weinbaukunst, weckten die von Neonröhren beleuchteten Arbeitsstätten eher Vorstellungen an eine Chemiefabrik.
   »Wir haben inzwischen rund zweihundert Acres bebaute Fläche, knapp die Hälfte davon auf Carneros. Die übrigen Lagen finden sich im Sonoma Valley, im Contra Costa County sowie im Russian River Valley. Weitere vierundzwanzig Acres liegen in Glen Ellen, fünf im Alexander Valley.« Routiniert kontrollierte Colin im Vorbeigehen die Temperaturanzeigen der Tanks. »Pro Jahr kommen wir auf insgesamt dreihundertfünfzigtausend Kisten. Die Produktion verteilt sich etwa fifty-fifty auf Weiß- und Rotweine. Dank des Feuers ist ein Teil unseres Pinots zum Teufel, das bedeutet demnächst herbe Einschnitte im roten Bereich.« Er verzog das Gesicht. »Wenigstens konnten wir ein Übergreifen des Feuers auf den Cabernet verhindern. – Silas!«, unterbrach er seine Aufzählung und winkte einen dürren Burschen heran, der Wasser in einen Eimer laufen ließ.
   Seinem Äußeren nach passte er eher als Rowdy zum Rodeo als in eine Kellerei. Der Irokesenschnitt seiner blauschwarzen Haare gewährte freie Sicht auf einen Totenkopf-Ohrring, das Gegenstück baumelte zwischen seinen Nasenlöchern. Beide Arme waren mit aggressiven Tattoos übersät. Silas drehte gemächlich den Wasserhahn zu und richtete sich mit der Geschwindigkeit eines rheumatischen Rentners auf. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, bestand ein hohes Risiko, dass er innerhalb der nächsten drei Sekunden im Stehen einschlafen würde.
   »Warum bist du nicht bei den anderen auf Sonoma Creek? Ist sich der Herr zu fein dafür, im Dreck zu wühlen?«, schnauzte Colin ihn an.
   »Mich hat ja keiner mitgenommen.« Silas schob die Hände in die Taschen seines Overalls und richtete seine Aufmerksamkeit auf seine Arbeitsschuhe.
   »Du hast also schon wieder verpennt. Erscheinst du auch gelegentlich mal zur Arbeit, bevor alle anderen in die Mittagspause gehen?«
   »Ich war um …«
   »Schwing deinen Hintern zu Pepe und Tico rüber.« Er wies mit dem Daumen über seine Schulter hinweg auf die Männer, die den Tank säuberten. »Wenn ich zurückkomme und mehr als eine blechern klingende Stimme von dir bemerke, kannst du deiner Mama beichten, dass du mal wieder einen Job suchst.«
   »Ich soll aber den Eimer …«
   »Du sollst deinen Arsch in den Tank wuchten und da drin sauber machen! Und wenn’s geht, noch bevor wir zwölftausend Gallonen Most auf deinen hohlen Schädel kippen.«
   Lisha hätte sich nicht gewundert, wenn sein Stiefel Kontakt mit dem knochigen Hintern des Jungen aufgenommen hätte. Ähnliches schien Silas zu befürchten. Mit mürrischer Miene, die Schultern nach vorn hängend, latschte er in die angewiesene Richtung. Grimmig verfolgte Colin seinen Weg.
   »Länger als vier Wochen hat den Faulpelz bislang keiner ausgehalten.« Seine Worte hallten deutlich von den Tanks wider. »Der Kerl ist faul wie die Pest und qualmt wie meine Reben. Dem bringe ich das Arbeiten auch noch bei! Komm weiter.« Er ging tiefer in die Halle hinein. »Du warst noch hier, als wir damit begonnen haben, von Zinfandel-Monokultur auf eine größere Vielfalt umzustellen. Es gab die üblichen Startschwierigkeiten, aber mittlerweile erzielen wir mit Merlot, Syrah und Cabernet ebenso solide Gewinne wie mit Chardonnay und Sauvignon Blanc«, nahm er seinen Bericht wieder auf. »Flächenmäßig spielt der Zinfandel nach wie vor eine zentrale Rolle, allein hier erzielen wir Erträge von bis zu …«
   »Zehntausend Kisten jährlich«, fiel sie ihm ins Wort. »Der 2012er Sgian Dubh Ancient Zinfandel hat zwei Goldmedaillen und satte vierundneunzig Parker-Punkte kassiert. Ich gebe zu, dass ich nicht schlecht gestaunt habe, als ich das im Vintage Advocate gelesen habe.«
   Ungewöhnlich bescheiden winkte er ab. »Die alten Reben liefern nach wie vor unglaubliche Trauben, wenn auch in minimalen Mengen. Bleibt abzuwarten, ob wir den Erfolg wiederholen können. Wir bieten eine anständige Auswahl jenseits der Fünfzigdollarmarke an. In erster Linie legen wir allerdings Wert auf Qualität im bezahlbaren Segment, die eine breite Kundschaft anspricht.«
   »Weshalb du das Terroir in Glen Ellen ausschließlich für einen Grenache mit dem Namen Kylie’s Creek nutzt, der gegen deinen Willen bereits mehrfach prämiert wurde.« Zwar ging es ihr gegen den Strich, dennoch verbarg sie ihre Anerkennung für seine Erfolge nicht. »Kylie’s Creek hat das miserable Image des kalifornischen Rosé ordentlich aufgewertet. Darüber hinaus bist du einer der wenigen, die fruchtig-mineralische Chardonnays hinbekommen, denen die typische Butterkonsistenz fehlt. Und über deinen Mourvèdre sage ich nichts, sonst drückt dein Heiligenschein. An dem Tropfen habe ich seit Langem zu knabbern. Der Voignier hat mich positiv überrascht. War ein cleverer Schachzug, den in zwei verschiedenen Varianten als limitierte Edition auf den Markt zu bringen. Der Hinweis, dass etwas nur in begrenzter Menge vorhanden ist, bleibt ein unschlagbares Verkaufsargument, aber das weißt du selbst.« Sie war bemüht, nicht zu viel Lob auszuschütten. »Ich habe meine Hausaufgaben gemacht, Colin, also erspar mir die Statistiken.«
   »Entschuldige bitte, wenn ich dich mit den Grundlagen unseres Unternehmens langweile.« Er bedachte sie mit einem Blick, der es mit der Schärfe eines Samuraischwerts aufnehmen konnte. »Könntest du dennoch etwas von deiner kostbaren Zeit für einen Gang in den Keller opfern? Es erleichtert die Zusammenarbeit ungemein, wenn alle mit den Gegebenheiten vertraut sind. Oder sollen wir die Abkürzung ins Labor nehmen, damit ich dich nicht länger von der Arbeit abhalte?«
   »Erspar mir einfach dein Gesülze über alles, was ich in den Bilanzen und auf der Firmenwebsite nachlesen kann. Bisher hast du mir nur gezeigt, was jeder Tourist zu sehen bekommt, der fünf Dollar in eine Führung investiert.« Sie zuckte nicht einmal mit der Wimper. »Zeig mir, was im Keller liegt, aber komm auf den Punkt und sag, wie du die kommenden Weine angehen willst. Dein Vater hat diesbezüglich hohe Erwartungen. Also sollten wir sehen, dass wir sie erfüllen.«
   »Sehr wohl, Gnädigste.« Colin deutete eine Verbeugung an. »Wenn Sie mir dann bitte hier entlang folgen würden …«
   Sie verdrehte die Augen, vergaß ihren Groll aber umgehend, als er die Kellertür öffnete. In einem auf fünfhundert Fuß Länge in den Berg getriebenen Stollen stapelten sich Eichenfässer unterschiedlichster Größen bis unter die Gewölbedecke. Mit wachsender Begeisterung verfolgte sie seine Worte über den Ausbau deren Inhalts. Zuletzt wanderten sie an schier endlosen Reihen aufeinandergestapelter Flaschen entlang.
   Wieder draußen sperrte Colin den Keller sorgsam ab. Auf dem Rückweg zur Halle musste sie sich beeilen, um mit seinen langen Schritten mitzuhalten. Nüchterne Sachlichkeit empfing sie. An einem Büro direkt hinter dem Eingang ging er achtlos vorbei. An der nächsten Ecke ersetzte ein dicker Gummivorhang die Tür. Er schob die schweren Lamellen beiseite und bedeutete ihr, einzutreten. Im Gegensatz zur Großzügigkeit der übrigen Anlage hatte das L-förmige Labor etwa die Größe eines Schuhkartons. Listen, Tabellen und Zettel in allen Größen und Farben hingen an einer Leiste an der weiß gekalkten Backsteinwand. Darunter reihten sich auf einer Arbeitsplatte Kolben, Reagenzgläser und Geräte dicht aneinander. Obwohl sie an die Enge und schmucklose Effizienz familiär betriebener Weingüter gewöhnt war, wunderte sich Lisha stets aufs Neue, dass in derart karger Umgebung Weine kreiert wurden, für die Kenner später ohne mit der Wimper zu zucken achtzig Dollar und mehr pro Flasche hinblätterten.
   Hingerissen von der Mischung aus hochtechnischen Neuerungen und von Generation zu Generation weitergereichtem Handwerkszeug, nahm sie ihren neuen Arbeitsplatz gründlich unter die Lupe. Das ließ sie sogar verdrängen, dass Colin sie mit der Aufmerksamkeit eines Luchses beobachtete.

*

»Wo wohnst du eigentlich?« Er schrieb eine Zahl ans Ende einer Liste, dann sah er auf.
   Lisha nahm ein Reagenzglas aus einer Halterung. »Sag ich dir, sobald ich was Passendes gefunden habe.« Kritisch prüfte sie die Farbe der hellroten Flüssigkeit, schnüffelte daran und nahm einen winzigen Schluck. »Na, das Baby wäre aber gern länger bei Mama geblieben.« Sie spuckte die Probe ins Waschbecken. »Falls du den Franzosen mit ihrem Beaujolais Primeur den Kampf ansagen willst, ist das hier definitiv der falsche Ansatz.«
   Er nahm ihr das Reagenzglas aus der Hand und stellte es an seinen Platz zurück. »Lass die Finger von meinen Experimenten und kümmer dich lieber um die Wetterprognose für die nächsten Tage.« Er wies auf einen Laptop. »Das Passwort ist CabSauv05.« Dann beugte er sich wieder über seine Liste. »Das Cottage vom alten Pearson steht leer. Ist aber ’ne Weile her, seit da einer sauber gemacht hat.«
   »Ich soll auf Scott’s Hill wohnen?«
   »Was nützt mir eine Assistentin«, er betonte das Wort abfällig, »die erst ’ne Stunde im Auto hockt, wenn hier die Kacke am Dampfen ist? Solltest du ohne Boutiquen, Kino und Restaurant nicht leben können, musst du dir einen Job bei der Union Bank suchen. Oder fang in der Touristeninfo in der City Hall an. Da findest du bestimmt ein schickes Loft in unmittelbarer Nähe.«
   »Wo ist der Schlüssel fürs Cottage?«
   »Unter einem der Blumentöpfe, vermute ich mal. Wenn’s dir nicht gefällt, kannst du meinetwegen …«
   »Das Cottage ist okay, Colin.«
   »Gut. Sieh nach dem Wetterbericht. Ich habe was im Büro zu erledigen. Anschließend fahre ich rüber nach Sonoma Creek.«
   »Ich komme mit.«
   »Vergiss es!« Er ließ seinen Blick über ihre Denimbluse und die dunkle Jeans gleiten, die sie unter einem offenen weißen Kittel trug. Sie hatte ihre Haare, deren Farbe ihn an Mousse au Chocolat denken ließ, zu einem Zopf zusammengebunden. »Meine Männer sollen den abgestürzten Dreck wegschaffen. ’ne aufgetakelte Lady, die mit dem Hintern wackelt und alle ablenkt, hat mir gerade noch gefehlt.«
   »Nur gut, dass dir jegliche Art von sexistischen Anspielungen fremd ist!«
   Unbeeindruckt schob er sich zwischen die Gummilamellen. »Wenn dir mein Umgangston nicht passt, geh zurück zu Mondavi. Hier wird gearbeitet, für Primadonnen gibt’s in meiner Kellerei keinen Platz.«
   Er hörte sie etwas Undefinierbares nuscheln, dann klackerte die Tastatur des PCs. Federnden Schrittes verließ er das Labor.

*

Das alte Steinhaus lag ein gutes Stück von der Kellerei entfernt inmitten mehrerer Bäume unweit der westlichen Grundstücksgrenze. Zufrieden stellte Lisha fest, dass es genau dem Bild entsprach, das sie vor Augen hatte. Okay, etwas weniger maroder Charme wäre ihr lieber gewesen … Das rustikale Gemäuer war teilweise von Grün überwuchert, die Fensterscheiben blind vor Dreck. Unkraut wucherte zwischen den unebenen Steinstufen an der wettergegerbten Eingangstür. Die rostroten Pflastersteine vor dem Haus verbargen sich unter Disteln und Stroh. Das Cottage passte eher in die schottischen Highlands als auf ein kalifornisches Weingut und ließ erahnen, dass sich die Erbauer damit ein Stückchen Heimat in der Fremde erschaffen wollten. Das von dunklen Steinen unterbrochene Mauerwerk gab der Fassade ein sommersprossiges Gesicht. Planlos verlegte schwarze und graue Schindeln machten aus dem Dach einen Flickenteppich. Hier und da spross Moos hervor. Das Häuschen war von mehr Erdbeben durchgeschüttelt worden, als Lisha zählen konnte, und hatte Hagelstürmen und Feuerbrünsten getrotzt. Es mochte keine Wurzeln haben und war doch fest mit Scott’s Hill verankert. Sogar die Hundehütte kauerte wie eh und je an der westlichen Giebelseite.
   Sie parkte ihren Wagen vor einem Schuppen, dessen morsche Holzwände größtenteils den Naturgewalten zum Opfer gefallen waren. Die schmale Straße und der Zugang zum Haus waren nicht asphaltiert. Staubwolken stoben bei jedem Schritt von der hart gebackenen Erde auf. Ein Stückchen Wiese umgab das Haus, dahinter beherrschten Zinfandelreben die Landschaft.
   Zumindest musste hin und wieder jemand mit einer Sense vorbeigekommen sein, denn die Halme reichten ihr nur knapp über die Knöchel. Gänseblümchen wuchsen im Gras, und das Grün machte einen frischen Eindruck.
   Vergeblich suchte sie nach Blumentöpfen. Stattdessen zog eine Reihe verwitterter Weinfässer im Gestrüpp an der seitlichen Hauswand ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie machte umgehend einen Schritt rückwärts, als sie den Deckel vom ersten Fass hob. Dem Gestank nach zu urteilen, musste es als Mülltonne gedient haben. Ein Heer fetter Fliegen stob auf, bildete eine aufgeregt summende Wolke und kreiste um ihren Kopf, ehe sie davonflog. Auf dem zweiten Fass fehlte der Deckel. Vorsichtig wagte sie einen Blick über den Rand und erblickte im unteren Drittel schwarzes Wasser, auf dem tote Insekten und vergammelte Blätter schwammen. Das dritte Fass war leer.
   Sie musterte die Fässer nachdenklich, kniete sich nieder und hob das leere Fass an. Eine fette Spinne krabbelte hervor und nahm, in ihrer Mittagsruhe gestört, träge Reißaus.
   Im Sand lag ein rostiger Schlüssel.
   »Sieh an, sieh an, was haben wir denn da?« Sie schüttelte den Kopf. »Blumentopf! Als wenn Pearson gewusst hätte, was ein Blumentopf ist.«
   Das uralte Schloss jaulte schmerzerfüllt, als sie den Schlüssel darin herumdrehte, das Ächzen der Türangeln verursachte Zahnschmerzen. Rost rieselte hinab, aber die Holztür schwang auf. Sofort musste sie husten, als ihr abgestandene, staubige Luft entgegenschlug. Eine Maus nutzte die Gelegenheit zur Flucht ins Freie. Lisha wischte sich Spinnweben aus dem Gesicht und von den Armen. Ein breiter Lichtstrahl fiel durch die Tür auf einen von Mäusekot und Rattendreck übersäten Holzfußboden. Staubkörner tanzten in der Luft, Spinnennetze zogen sich kunstvoll von einem Balken zum anderen oder hingen zerrissen hinunter wie Fransen an chinesischen Laternen. Zerfressene Pappkartons konkurrierten mit den schäbigen Resten eines von Flecken starrenden Webteppichs.
   »’ne Weile her ist gut, McNamara«, knurrte sie, als sie wieder zu Atem kam. Die schimmlig riechende Luft konnte mit jedem muffig-feuchten Keller konkurrieren. Mutig wagte sie einige Schritte in den düsteren Wohnraum. »Hier hat seit Beginn der Prohibition keiner mehr sauber gemacht!«
   Ihr Fuß stieß gegen eine Flasche. Sie rollte ein Stück weit, prallte mit einem dumpfen Klirren gegen eine weitere Flasche, was eine Kettenreaktion auslöste. Mehrere Flaschen entwickelten kurzfristig ein Eigenleben, wechselten ihre Ruhestätte und hinterließen Spuren in der zentimeterdicken Staubschicht am Boden. Sie hob eine Flasche auf und wischte über das vergilbte Etikett. Sofort musste sie niesen, als ihr Staubflocken in die Nase drangen.
   »Scott’s Hill: Isobel’s Zinfandel 1998«, entzifferte sie mit einiger Mühe. »Na, wenigstens hast du dich an ’nem guten Jahrgang zu Tode gesoffen, Pearson. Hättest trotzdem vorher ruhig mal putzen können.«
   Es war ein vergammelter Saustall, das ließ sich nicht beschönigen. Trotzdem kam es ihr nicht eine Sekunde lang in den Sinn, woanders ihre Zelte aufzuschlagen. Sie riss sämtliche Fenster auf und entsorgte die Spinnweben mit einem an akutem Haarausfall leidenden Besen. Dann schritt sie über die knarzenden Dielen. Im Geiste verteilte sie bereits Möbel zwischen den wuchtigen Holzbalken. Der Wohnraum war größer als von außen angenommen und dehnte sich bis in den Dachgiebel aus. Ein wuchtiger Kamin, aus den gleichen Steinen wie die Außenwände errichtet, war aktuell von Ratten bewohnt. Sobald sie denen den Mietvertrag gekündigt hatte, würde die Feuerstelle zum attraktiven Blickfang werden und an kühlen Abenden für heimelige Wärme sorgen. Altersschwache Glühbirnen verrieten, dass das Cottage zumindest an die Stromversorgung angeschlossen war. Der Kohleofen in der Küche würde den Ratten folgen.
   Das Schlafzimmer war für eine Person mehr als ausreichend, das angrenzende Bad wider Erwarten akzeptabel, sobald ein Kanister Ajax zum Einsatz kam. Tatsächlich dauerte es nur eine knappe Viertelstunde, bis die rostige Brühe aus den Hähnen sauberem Wasser ähnelte. Für die von Sprüngen durchzogenen Porzellanbecken bot Home Depot Ersatz, ansonsten würden ein paar Gallonen Putzwasser und einige Eimer Farbe aus dem Cottage ein gemütliches Zuhause machen.

Lisha lehnte am Pfosten der Verandatreppe und genoss den warmen Sonnenschein auf ihrer Haut. Nachdem Colin sie mit Arbeit eingedeckt hatte, war er ohne weitere Erklärung gegangen. Jetzt wollte sie die verbliebene Zeit bis zu einem Meeting mit ihm und Angus für eine Stippvisite bei den Kolleginnen im Shop nutzen, aber das Lachen eines Kindes hatte sie abgelenkt. Unbemerkt beobachtete sie das Treiben auf der Wiese.
   »Du kriegst ihn nicht, du kriegst ihn nicht!« Das Mädchen mit den blonden Zöpfen zappelte herum und wedelte mit ihrem Tennisschläger durch die Luft. Ihre fröhliche Stimme klang etwas atemlos. Am unsichtbaren Rand des Spielfelds saß ein Golden Retriever, der das Match wie ein Schiedsrichter mit hoch erhobenem Haupt verfolgte. Parallel zur Kurve des Balles flog die hechelnde Zunge bei jedem Schlag von rechts nach links. Den schwarzen Labrador schien das Spiel weniger zu beeindrucken, er hatte im Schatten der Trauerweiden alle viere von sich gestreckt, knurrte im Schlaf und zuckte mit einer Hinterpfote.
   Colin fiel mit einem dramatischen Ächzen auf die Knie. In allerletzter Sekunde schob er seinen Schläger unter den gelben Softball und haute ihn zurück.
   »Träum weiter, Baby«, rief er, während er sich beeilte, wieder auf die Füße zu kommen. »Du hast keine Chance.«
   Das Mädchen rannte quer über die Wiese, umklammerte den Griff des Schlägers mit beiden Händen und traf den Ball mit voller Wucht. Er konnte nur zusehen, wie das Objekt seiner Begierde in hohem Bogen über ihn hinwegflog.
   »Hol ihn, Vanilla!« Das Mädchen lachte.
   Sofort schoss der Retriever davon.
   »Ich hab schon wieder gewonnen, Daddy.«
   »Und du hast gar kein schlechtes Gewissen, weil du deinen schwer verletzten Vater dermaßen zur Schnecke gemacht hast?« Er hielt ihr seine verbundenen Handflächen entgegen.
   Das Mädchen schüttelte den Kopf. »Nö.«
   Vanilla kehrte zurück, setzte sich und legte den Ball vor ihren Füßen ab. »Braver Hund«, lobte sie, kramte ein Leckerli aus der Hosentasche hervor und reichte es Vanilla mit spitzen Fingern. Die Hündin nahm es ihr mit den Vorderzähnen ab und zerlegte den Keks krachend in seine Bestandteile.
   »Wie wär’s mit Braver Daddy und einem Küsschen als Trostpflaster? Wozu habe ich dich gewinnen lassen?«
   »Du hast mich nicht gewinnen lassen. Du hast gespielt wie ein alter Opa!« Trotzdem schlang sie ihre dürren Arme um seine Taille und strahlte ihn an. Als er in die Hocke ging, bekam er einen schmatzenden Kuss auf die Wange. »Gehen wir schaukeln?«
   »Jau! Steig auf.«
   Schon hatte er sie gepackt und auf seine Schultern gehoben. Sie jauchzte, als er wiehernd über die Wiese trabte. Vanilla begleitete die beiden kläffend, was den Labrador aus seinem Mittagsschlaf riss. Eilig folgte er der Rasselbande.
   »Höher, Daddy! Vieeel höher!« Magere Beine in fliederfarbenen Jeans ließen Blumen bedruckte Sneakers pfeilartig gen Himmel schießen. Ein Schmetterlingsmotiv zierte ihr T-Shirt. Wieder hielt Vanilla das Geschehen im Blick, während der Labrador voller Hingabe ein abgelutschtes Seil zwischen den Pfoten hielt und die Zähne in den dicken Knoten bohrte.
   Das Summen eines Insekts ließ Lisha herumfahren. Sie wich aus und wedelte mit der Hand vor ihrem Gesicht. Das erregte Vanillas Aufmerksamkeit. Sie stand auf und bellte ein einziges Mal.
   Damit legte sie offensichtlich einen geheimen Schalter um. Das Mädchen verstummte mitten im Satz. Ihre Beine erstarrten, die Hände krallten sich um die Seile, sie fror geradezu auf dem Sitz fest. Kein Ton drang mehr über ihre Lippen. Stumm schaukelte sie ein weiteres Mal vor und zurück, ehe Colin den Schwung stoppen konnte. Über sein Gesicht fiel ein dunkler Schatten, den düsteren Vorboten eines aufkommenden Gewitters gleich. Er half ihr runter und nahm ihre Hand in seine. Auf der anderen Seite drängte sich Vanilla wie ein Bodyguard an die Kleine, den Blick fest auf die Fremde geheftet. Nur der Labrador schnappte nach seinem Seil und sprang schwanzwedelnd auf Lisha zu.
   »Entschuldigung, ich wollte euch nicht stören«, sagte sie verlegen. Dankbar, ihre Hände beschäftigen zu können, kraulte sie den Labrador, der ihr das Seil auf die Füße geworfen hatte und sie intensiv beschnupperte.
   Auch Vanillas Nase machte einem Trüffelschwein Konkurrenz, aber sie wich keinen Zentimeter von der Marionette an Colins Seite.
   »Wir spielen lieber ohne Zuschauer«, erwiderte er hart. Seine freie Hand umfasste die Schulter des Kindes. »Vor allem mögen wir es nicht, heimlich beobachtet zu werden.«
   »Ich habe euch nicht heimlich … Ich stand nur hier und … Ach, vergiss es. Du hast recht, ich hätte wenigstens Hallo sagen können. Tut mir leid.«
   »Und du Verräter hast wieder nichts mitbekommen«, rügte er den Labrador.
   Der ließ sein Hinterteil auf ihre Schuhe plumpsen und schob seine Ohren in Richtung ihrer Finger. Gehorsam begann sie mit der Massage.
   »Sind das deine Hunde?«, wandte sie sich gleichzeitig an das Mädchen, das mit stumpfem Blick durch sie hindurchschaute.
   Nichts erinnerte mehr an das Kind, das wenige Minuten zuvor unbeschwert auf der Schaukel gesessen hatte. Eine Hand auf dem Hals des Retrievers, die andere um Colins Verband geklammert, presste sie sich an ihn.
   »Das treulose Monster gehört meinem Vater«, antwortete er mit unverhohlenem Zorn in der Stimme. »Und sie«, er wies mit einem Nicken auf Vanilla, »lässt sich vielleicht in ferner Zukunft dazu herab, deine Hände in der Nähe ihres Fells zu dulden. Falls du so lange hier bist.«
   »Mach dir keine Hoffnungen, Colin. Ich werde die Villa, die du mir zugewiesen hast, garantiert nicht auf Vordermann bringen, damit ein anderer ins gemachte Nest zieht.« Unbeirrt lächelte sie das Mädchen an. »Ich heiße Lisha. Wir sehen uns bestimmt öfter. Ich arbeite mit deinem Dad zusammen in der Kellerei. Wie heißt du denn?«
   Das Mädchen schwieg.
   »Das ist Kylie. Meine Tochter.« Ein Ausdruck innigster Liebe huschte über sein Gesicht. Wärme und Zärtlichkeit in seinen Augen ließen für eine Nanosekunde deren übliche Härte vergessen, während seine Hand über die kleine Schulter rieb.
   »Das ist aber ein hübscher Name«, versuchte sie weiter, Kylies Aufmerksamkeit zu wecken.
   Ohne diesen mürrischen Zug um den Mund hatte sie niedlich ausgesehen, jetzt jedoch fühlte sich Lisha, als wäre sie durchsichtig. Verwundert betrachtete sie die ordentliche Kleidung. Selten hatte sie ein Kind gesehen, dass beim Spielen im Garten derart sauber geblieben war! Wenn sie da an ihre eigene Kindheit zurückdachte … Dreckige Klamotten, zerrissene Hosen und blutige Knie waren an der Tagesordnung gewesen, wenn sie auf Bäume geklettert war oder allen Verboten zum Trotz mit ihren Freunden im alten Weinkeller Verstecken gespielt hatte. Auf Kylies Armen gab es keine Kratzer und blauen Flecken. Nur der Wind hatte ein paar Strähnen aus ihren Zöpfen gelöst.
   »Sie ist Fremden gegenüber etwas … schüchtern«, sagte Colin. Mit dem kurzen Zögern vor dem letzten Wort verfiel er wieder in seine gewohnte Unnahbarkeit. »Mein Vater wird jeden Moment kommen. Nimm solange auf der Veranda Platz, ich bin gleich zurück.«
   Ohne ein weiteres Wort ging er mit Kylie die Treppe hinauf. Vanilla folgte. Der Labrador zögerte, hastete dann aber hinter den anderen her und hechtete ins Haus, ehe die zufallende Fliegentür ihm den Schwanz einklemmen konnte.
   »Wir haben durch das Feuer und die Löscharbeiten knapp sechzig Prozent des Pinot Noirs verloren. Bleibt zu überlegen, ob wir uns vorerst auf die Erträge aus den Küstenbereichen beschränken oder zukaufen«, fasste Colin das Ausmaß des Schadens zusammen.
   Angus thronte am Kopf des Tisches, er und Lisha zu beiden Seiten. Analysen, Fotos, Pläne und Berichte verteilten sich über die gesamte Platte. »Wir müssen zukaufen, da kommen wir nicht drum herum.« Es hielt ihn nicht länger auf seinem Stuhl. Er begann, rastlos auf und ab zu laufen. »Wenn wir die Trauben von Sgian Dubh mit einem guten Zukauf verschneiden, müsste ein anständiges Ergebnis machbar sein.«
   »Bleibt zuallererst die Frage, wer überhaupt Kapazitäten anbietet. Die meisten Winzer haben ihre Verträge längst abgeschlossen. Wer jetzt noch liefern kann, hat in der Vergangenheit eher Schrott gezüchtet.«
   Den Ellenbogen auf der Tischkante abgestützt, kratzte sich Angus nachdenklich am Kopf. »Wahrscheinlich reibt sich jeder, der nicht bereits an einen Abnehmer gebunden ist, momentan die Hände wie die alten Goldgräber auf dem Weg nach Alaska. Wenn wir zukaufen, fressen die horrenden Preise den Gewinn umgehend auf.«
   »Endlich mal jemand, der rechnen kann«, bestätigte Lisha seine Worte. »Ihr habt schon lange nichts mehr zugekauft, sehe ich das richtig?«
   »Als wir modernisiert haben, standen wir vor der Frage, ob wir den Betrieb soweit ausbauen, dass wir Trauben zukaufen müssen oder uns im etwas kleineren Rahmen lieber auf unsere eigenen Erträge verlassen. Wir haben uns dafür entschieden, unabhängig zu bleiben«, sagte Angus. »Es war der richtige Weg, um erstklassige Qualität unter dem Label eines Familienunternehmens anbieten zu können.«
   »Verdammt!« Colin schlug mit der Faust gegen seine Handfläche. »Warum ausgerechnet Sonoma Creek? Wäre der Vogel über dem Valley abgestürzt, hätte es nicht nur uns erwischt. Dann wäre der Schaden überschaubar.«
   »Seien wir froh, dass der Cabernet nicht mit abgefackelt wurde«, stellte Angus rigoros fest. »Wir müssen nach vorn schauen. Wenn wir uns für Zukauf entscheiden, sollten wir uns schnellstens nach möglichen Lieferanten umsehen.«
   »Ein Zukauf wäre Wahnsinn«, warf sie ein. Sie griff nach einer Liste und überflog die Zahlen. »Wer Qualität anbietet, wird dafür einen entsprechenden Preis verlangen. Jeder im Tal weiß, in welcher Klemme wir stecken. Ich schätze, rundherum ist niemand zu nachbarschaftlichen Spenden bereit?«
   Colin schnaubte nur, Angus winkte mit grimmiger Miene ab.
   »Okay, dachte ich mir.« Sie lehnte sich zurück und spielte mit ihrem Kugelschreiber. »Willst du wirklich die Trauben von der Küste für einen mittelmäßigen Verschnitt opfern?«
   »Freiwillig bestimmt nicht. Eher verbrenne ich den Rest auch noch, dann sparen wir wenigstens die Lohnkosten für die Pflücker ein.« Seine Ironie konnte nicht darüber hinwegtäuschen, wie sehr er unter dem Verlust der Reben litt. »Aber die günstigen Weine machen einen Großteil unseres Angebots aus. Von den hochpreisigen Flaschen allein können wir nicht existieren. Dafür spielen wir überregional eine zu geringe Rolle. Ich habe keinen Opus One im Keller liegen, Mrs. Mondavi. Uns blättert niemand dreihundert Dollar für eine Flasche hin.«
   »Alles nur eine Frage des Marketings«, wiegelte sie ab. »Mit der richtigen PR bekämst du für deinen Berry Kiss Mourvèdre deutlich mehr als siebzig Mäuse. Wert ist er es allemal.« Sie kritzelte Zahlen auf einen Block. »Nehmen wir die Fakten: Ein Großteil der Pinot-Reben ist dem Grillfest zum Opfer gefallen. Vom Rest können wir eine halbwegs ansehnliche Cuvée in beschissener Menge herstellen und unsere Kunden damit in die Arme der Konkurrenz treiben.« In die Zahlen vertieft, schüttelte sie den Kopf. »Niemand wird den Abklatsch der gewohnten Qualität konsumieren wollen. Wobei wir den Mist aufgrund der geringen Menge obendrein zu überhöhtem Preis anbieten müssten.«
   »Stell dir vor, die Idee ist mir auch schon gekommen. Ich mache den Job nicht erst seit gestern.« Genervt drehte Colin im Zimmer, während Angus auf einem Taschenrechner tippte.
   »Wir haben nur eine Chance«, fuhr Lisha fort. »Wir bringen einen neuen Wein auf den Markt. Die Fässer sind voll. Lass uns sehen, dass wir ein Feuerwerk in die Flaschen kriegen, statt es nur über unseren Reben zu zünden. So machen wir obendrein Gewinn. Finanziell und in Bezug auf das Ansehen von Scott’s Hill.«
   »Wir haben dreißig Weine auf dem Markt.« Er deutete auf ihre Unterlagen. »Dann schnipp mal mit deinen manikürten Fingerchen, damit wir Nummer Einunddreißig morgen abfüllen können.«
   »Meine Güte, wann bist du zum Langweiler mutiert? Früher wolltest du es den Franzosen immer nach Strich und Faden zeigen. Und damit meine ich nicht nur unsere flugunfähigen Nachbarn. Wo ist dein Ehrgeiz geblieben, am Image der großen Burgunder und Bordeaux zu kratzen?«
   »Das hat nichts mit mangelndem Ehrgeiz zu tun, sondern damit, dass wir kalifornische Weine herstellen und die französischen den Froschfressern überlassen.«
   »Irgendwas müssen die Franzosen richtig machen, sonst wären sie in Sachen Wein nicht das Maß aller Dinge. Warum sollen wir davon nicht profitieren, wenn es möglich ist?«
   »Scott’s Hill ist aber kein verdammtes Versuchslabor!« Seine flache Hand landete auf dem Tisch und ließ mehrere Blätter auffliegen. »Mag sein, dass du in Kiwiland Zeit für derartige Spielereien hattest, aber hier …«
   »Hier wird es Zeit, dass wir zu einer vernünftigen Lösung kommen, anstatt einen Wettstreit der Eitelkeiten auszutragen«, ging Angus scharf dazwischen. »Ramon und ich haben uns vorhin die Berichte sämtlicher Felder angesehen. Der Winter war extrem nass, das Frühjahr hat optimal angefangen. Die Reben stehen gut da. Schädlinge oder Unwetter können wir nie ausschließen, aber ein bisschen vorsichtiger Optimismus wird nach einer derartigen Katastrophe wohl erlaubt sein. Ich denke, Lishas Idee ist eine Überlegung wert.«
   »Ich will aber keine überteuerte Ambrosia für hochnäsige Snobs herstellen, die damit ihre Langeweile runterspülen. Mit Red Velvet, Costa Syrah und dem Vintage Zin haben wir genug Prestige-Objekte. Dazu der Estate Chardonnay und der Reserve, das muss genügen.« Colin schnaubte ungehalten. »Wir waren immer stolz darauf, beste Qualität bezahlbar zu halten. Aber wenn wir die Erträge derart runterfahren, wird selbst der Golden Ambition zum Luxusartikel.«
   »Mensch, Colin, du hast nicht ohne Grund von Monokultur auf Vielfalt umgestellt«, wechselte Lisha auf die diplomatische Schiene. »Eine gute Werbekampagne, schon macht Romeo seiner Julia den Heiratsantrag eben beim Sauvignon Blanc. Und den Mädels vor dem Fernseher ist es egal, ob sie George Clooney mit Grenache oder Merlot anschmachten. Was das Marketing angeht, soll dieser Duarte nicht schlecht sein, hab ich gehört?«
   »Er ist der Beste. Warte, bis du ihn kennenlernst«, erwiderte er. Er legte den Kopf in den Nacken und starrte die Decke an.
   Angus malte Trauben in abstrakter Kunst auf einen Zettel. »Wenn es Duarte gelingt, die Stammkunden für unsere Alternativen zu gewinnen, könnten wir die Misere wirklich zu unserem Vorteil nutzen«, sagte er in nachdenklichem Ton. »Ein überzeugender Newcomer, und wir stehen auf wie Phoenix aus der Asche. Da muss ich Lisha zustimmen.« Ein hinterhältiges Grinsen grub tiefe Furchen in seine Mundwinkel. »Schätze, das würde die Devereauxs mehr ärgern als sämtliche Regressforderungen.«
   »Ich würde den Château-Schnöseln schon gern mit Volldampf in den Arsch treten«, musste Colin widerwillig zugeben.
   »Dann sieh zu, dass der Tritt nicht lange auf sich warten lässt.« Angus klopfte mit seinem Stift auf den Block wie ein Auktionator, der das letzte Gebot mit dem Hammerschlag bestätigt. »Selbst wenn’s schiefgeht, was ich, ehrlich gesagt, nicht glaube, können wir ein mageres Jahr verkraften. Im Augenblick kommt in mir der alte Spieler durch.« Er winkte Colin heran. »Setz dich, wir haben zu arbeiten. Es ist ein riskantes Unterfangen, also lasst uns keine Zeit vergeuden. Gleich morgen besprechen wir alles Nötige mit Howard und Alechandro. Der soll ordentlich die Werbetrommel rühren. Lisha, wie stellst du dir die weitere Vorgehensweise vor?«
   Colins sich gerade verbessernde Stimmung verlosch zusehends. Stumm verfolgte er, wie sie zum bereitstehenden Flipchart ging. Als sie ihren Vortrag beendete, stand er auf und raffte seine Unterlagen zusammen.
   »Wo willst du hin?«, fragte Angus scharf.
   »Wie es aussieht, ist die Entscheidung gefallen.« Sein Tonfall machte keinen Hehl daraus, dass er mit dieser Entscheidung nicht einverstanden war. »Wir werden es so machen, wie du wünschst, Vater. Entschuldigt mich bitte, ich muss mich um Kylie kümmern.«
   »Er ist nur dagegen, weil die Idee von mir stammt«, sagte Lisha, nachdem seine Schritte auf der Treppe verklungen waren. »Er weiß selbst, dass wir alles auf eine Karte setzen müssen.«
   »Selbstverständlich weiß er das. Und hätte dieses Gespräch nur zwischen ihm und mir stattgefunden, wäre er mit genau dem gleichen Vorschlag gekommen, sobald wir ausgerechnet hätten, was uns der Zukauf mehrerer Tonnen Trauben kostet.« Angus lehnte sich entspannt zurück und tätschelte ihren Unterarm. »Lass ihm Zeit, damit er sich daran gewöhnen kann, dass du nicht mehr die kleine Lisha bist, die er auf dem Schulhof vor den bösen Jungs beschützt und die ihm zum Dank später die ersten feuchten Träume beschert hat.«
   Verlegen begann sie, die Papiere zu sortieren.
   Er schmunzelte. »Ich war selbst mal in dem Alter, Mädchen. Nur, weil das schon lange her ist, heißt es nicht, dass ich nicht mehr wüsste, was lange Beine und ein kurzer Rock bei einem Sechzehnjährigen auslösen.«
   »Wir sind aber keine sechzehn mehr, Mr. Mac.« Sie schüttelte den Kopf. »Er soll mich als Winemaker ernst nehmen. So, wie er es tun würde, wenn ich ein Mann wäre.«
   »Sollte er das jemals tun, werde ich ihm persönlich in den Hintern treten! Nein, Mädchen, zeig ihm ruhig, dass du eine Frau bist. Eine Frau mit einem verdammt klugen Köpfchen.«
   »Unsere Flirts sind Vergangenheit. Ich will nichts von ihm. Ich bin nur zurückgekommen, weil ich dort leben und arbeiten will, wo ich aufgewachsen bin. Mehr nicht.«
   »Ich hätte nichts dagegen, wenn es anders wäre, Lisha.« Ein leises Lächeln umspielte seine Lippen. »Er hat der Welt lange genug den Rücken gekehrt … Hol dir eine gute Flasche aus dem Keller und mach dir einen gemütlichen Abend«, sagte er, während er zur Haustür ging. Als sie auf einer Höhe waren, hielt er sie für einen Moment am Arm zurück. »Ich bin froh, dass du zurückgekommen bist«, gestand er leise. »Es war höchste Zeit, dass wieder eine McTavish in diesem Stückchen Erde wühlt.«

5. Kapitel

»Ich fahre nach San Francisco und leite alles für die neue Kampagne in die Wege. Mit dem aktuellen Angebot sollten wir den Restaurants entlang der Pier den Old Vines Mourvèdre schmackhaft machen können. Außerdem will ich den Grenache mehr in den Vordergrund stellen. Da ist auf jeden Fall Luft nach oben.«
   Alechandro Duarte war Geschäftsmann genug, seine Aufmerksamkeit gleichermaßen auf seine Partner zu verteilen. Dennoch konnte der Spanier in ihm offenbar nicht verhindern, sie etwas ausgiebiger zu begutachten, wie Lisha im Stillen feststellte. Ebenso gönnte sich die weibliche Abteilung in ihrem Oberstübchen eine ausgiebige Bestandsaufnahme ihrer neuen Kollegen, während die geschäftliche Hälfte ihres Hirns Daten und Fakten abspeicherte.
   Duarte war ein ausgesprochen attraktiver Mittvierziger mit dem Charisma eines Mannes, der es gewohnt war, im Mittelpunkt zu stehen. Unter seinem dunkelblauen Poloshirt zeichnete sich kein Gramm Fett ab. Seine ganze Erscheinung drückte aus, welchen Wert er auf sein Äußeres legte. Obwohl sie vermutete, dass sein Job ihn vorrangig hinter den Schreibtisch zwang, zeugte sein gebräunter Teint von Freizeitaktivitäten unter kalifornischer Sonne. Die Fältchen an seinen wachen dunkelbraunen Augen verrieten, dass er gern lachte. Abseits des Verhandlungstisches mochte er ein überaus angenehmer Zeitgenosse sein. Auf der professionellen Seite seiner Vita bewiesen die vergangenen beiden Stunden, dass er jeden Cent wert war, den die McNamaras ihrem ausgefuchsten Marketing Manager zahlten.
   Ihm gegenüber fütterte Howard Kendall sein MacBook mit Informationen. Der hagere Mann mit der Cäsarenfrisur und einer ebenso rand- wie farblosen Brille war ein ausgesprochen stiller Vertreter, doch wenn er den Mund aufmachte, gab es seinen Worten selten etwas entgegenzusetzen. Im Gegensatz zu Duartes gepflegter Attraktivität machte Kendalls Aussehen keinen Hehl daraus, dass er stark auf die sechzig zuging. Sie konnte sich den Finanzmanager leicht als aktiven Großvater vorstellen, der Maßanzüge und Personal Trainer für Geldverschwendung hielt. Allerdings hatte sie mit einiger Überraschung zur Kenntnis genommen, dass er nebenbei mit gefürchteten Artikeln im Wine Spectator regelmäßig für Unruhe in den Kellern zwischen Napa und Mendocino sorgte.
   Kendall war längst auf dem Heimweg, als sie zwischen Angus, Colin und Duarte zum Parkplatz ging.
   Duarte drückte auf seinen Autoschlüssel, woraufhin sich der Kofferraum eines nachtschwarzen BMW öffnete. »Sobald Mira die Entwürfe fertig hat, maile ich sie euch zu«, sagte er und legte seinen Aktenkoffer aus glänzendem Nappaleder in den Wagen. »Angus, ich rufe dich heute Abend an. Ich möchte auf jeden Fall beim nächsten Treffen mit Myers und Ramirez dabei sein, damit ich deren Strategie vertreten kann, sollte die Presse außerhalb des Valleys auf den Brand aufmerksam werden.« Er reichte erst Angus, dann Colin die Hand. »Wenn wir es richtig angehen, wird uns das Feuer jede Menge Publicity einbringen. Das sollten wir nutzen, um mit einem Produkt abseits der allgegenwärtigen Cabernets und Chardonnays die Konkurrenz nervös zu machen. Zumal ich finde, dass der hiesige Sauvignon Blanc generell zu kurz kommt, da machen wir keine Ausnahme. Aber das wird sich ändern.« Seinen Feldzug für den knackfrischen Weißen anscheinend bereits vor Augen, rieb er sich die Hände.
   »Hättest du was dagegen einzuwenden, wenn wir das Tröpfchen verschneiden, bevor du neunundneunzig Parker-Punkte auf die Etiketten drucken lässt?«, bremste Colin seinen Eifer. »Ich will nicht zentnerweise Papier im Kamin verheizen, nachdem schon meine Reben zum Teufel sind.«
   »Du bist und bleibst ein Zweifler, Colin.« Duarte lachte ungeniert. »Mach du den Wein, ich erledige den Rest.« Damit wandte er sich Lisha zu. »Ihre frischen Ideen werden Scott’s Hill guttun. Nicht nur, was die Arbeit im Labor angeht.« Er hielt ihre Hand ein wenig länger als nötig fest. »Wir müssen uns unbedingt mal in aller Ruhe über Ihre Erfahrungen im Marketing unterhalten. Was Sie über die Australier gesagt haben, klang äußerst interessant. Da lässt sich das eine oder andere übernehmen. Und mit Sauvignon Blanc kennt ihr Kiwis euch aus, das muss euch der Neid lassen.« Er nickte ihr zu. »Auf gute Zusammenarbeit, Lisha.«
   »Es wird mir ein Vergnügen sein, Alechandro.« Sie lächelte freundlich und entzog ihm dabei ihre Hand.
   Er stieg in den BMW, hob ein letztes Mal die Hand zum Gruß und fuhr davon.
   Auch Angus ging zu seinem Wagen. »Ich sehe auf dem Schlachtfeld vorbei, dann fahr ich raus zur Küste und werfe auf dem Rückweg einen Blick auf Kylies Creek«, sagte er und rutschte hinter das Steuer seines betagten, einem gepanzerten Trecker nicht unähnlichen Mercedes Geländewagens. »Zum Dinner bin ich zurück. Bye.«
   »Bye, Mr. Mac.«
   »Ja, setzt euch mal schön zusammen. Vielleicht bei einem Glas Mourvèdre, der überaus interessanten Alternative zum Pinot Noir?«, äffte Colin Duartes Stimme nach. »Wer weiß, eventuell ist ein feuriger Spanier auch eine interessante Alternative zu unserem Deputy Sheriff? Auf jeden Fall kannst du mit ihm besser fachsimpeln. Über das Marketing der Wein trinkenden Kängurus zum Beispiel.«
   »Ich denke nicht, dass es von Nachteil für Scott’s Hill wäre, wenn wir uns mal über die Verkaufsstrategien anderer Länder unterhielten.« Ihr geschäftsmäßiger Ton ließ ihn schmunzeln. »Wir holen das Beste aus unseren Trauben heraus. Also kann es nicht schaden, wenn Alechandro alles daransetzt, diese dementsprechend zu vermarkten. Ich dachte, dafür wird er bezahlt.«
   »Das hast du präzise auf den Punkt gebracht, mein kleiner Kiwi. Alechandro wäre stolz auf dich.« Er nickte, doch das vermeintliche Lob ertrank beinahe in der Ironie in seiner Stimme. »Wag es besser nicht, ihn ‚Alex‘ zu nennen. Sonst glaubst du, Montezumas Rache wäre ein neues Gesellschaftsspiel.«
   »Nenn du mich besser nie wieder Kiwi, wenn du dabei nicht mitspielen willst.« Sie funkelte ihn an.
   Er lachte nur und stapfte in sein Büro. Leise vor sich hingrummelnd, folgte sie ihm.

*

»Außerdem hätte ich gern eine Flasche von dem Wein da.« Colin kniete auf einem Kissen vor der Theke des Kaufladens. Dahinter legte Kylie einen Plastik-Camembert in einen gut gefüllten Korb, aus dem ein Baguette ragte. Sie betrachtete die Flasche, auf die er zeigte, und schüttelte den Kopf.
   »Der Grenache ist nicht gerade optimal zu Ihrer Käseplatte und den Oliven.« Fachkundig ließ sie den Blick über ihr Regal schweifen, griff nach einer anderen Miniaturflasche und reichte sie ihm. »Nehmen Sie lieber diesen hier.«
   »Merlot Carneros – Eine elegante Komposition aus vollmundigem Merlot mit der würzigen Frucht des Malbec«, las er auf dem Etikett und verzog das Gesicht. »Das ist bestimmt wieder eine Brühe, von der ich nach jedem Schluck einen Pelz wie ein alter Waschbär auf der Zunge habe.«
   So leicht konnte er sie nicht erschüttern. »Bestimmt nicht. Die exotischen Aromen des Merlots bekommen durch das Tannin des Malbecs genau den richtigen Körper, eine angenehm dichte Struktur und einen herrlich langen Abgang. Beachten Sie allein die Intensität dieser rubinroten Farbe!«
   Er musste sich das Lachen verbeißen, als er seine eigenen Worte aus ihrem Mund hörte. Unentschlossen schaute er wieder zum Regal. »Der Rosé kostet vierzehn Dollar, und ich weiß, dass er schmeckt. Und was kostet der hier?«
   »Neunundzwanzig Dollar fünfzig.«
   »Wie bitte? Ich soll dreißig Dollar für einen Wein hinblättern, der mir beim Trinken wahrscheinlich die Socken auszieht?«
   »Das ist ein hervorragender Jahrgang!« Sie stemmte sichtlich empört die kleinen Hände in die mageren Hüften. »Neunzehn Monate in französischer Eiche gereift. Wenn Sie billigen Fusel wollen, den man mit einem Teebeutel voll alter Holzspäne auf Barrique getrimmt hat, müssen Sie Ihren Wein im Supermarkt kaufen.«
   Hastig schlug er die Hände vor den Mund. Trotzdem dauerte es eine Weile, bis er sein Gelächter in einem vorgetäuschten Hustenanfall ersticken konnte. Er sollte seine Meinung über die Produkte mancher Konkurrenten besser nicht mehr bei Tisch kundtun. Nur, weil Kylie nicht sprach, hieß es nicht, dass sie nicht zuhörte. »Mein Frosch im Hals hat was gegen Ihren Rotwein«, entschuldigte er sich. Wieder betrachtete er das Etikett. »Würden Sie den auch trinken?«
   Die beleidigte Verkäuferin schüttelte den Kopf.
   »Ach nein? Aber mir wollen Sie das teure Zeug andrehen? Was würden Sie denn zu meinem Käse nehmen?«
   Sie stellte ein Tetrapak auf die Theke. »Cranberrysaft.«
   Dieses Mal lachte er lauthals. Sie stimmte fröhlich mit ein.
   »Und? Wollen Sie den Wein jetzt, oder nicht?« Wieder ernste Geschäftsfrau nahm sie ihm die Flasche weg. »Wenn Sie den noch lange festhalten, wird er zu warm.«
   »Schon gut, schon gut. Ich nehme ihn. Was macht das zusammen?«
   Die Flasche landete im Korb, dann tippte sie auf ihrer Kasse. »Dreiundsiebzig Dollar und elf Cent. Zahlen Sie bar oder mit Karte?«
   »Mal sehen, ob ich so viel dabeihabe.« Er zog sein Portemonnaie aus der Hosentasche und zählte fünfundsiebzig Spielgeld-Dollar ab. Zusammen mit dem Wechselgeld nahm er den Korb entgegen.
   »Vielen Dank. Einen schönen Tag noch«, verabschiedete Kylie ihn höflich.
   Er nickte nur, vollauf damit beschäftigt, seine eingeschlafenen Beine davon zu überzeugen, ihren Dienst aufzunehmen. Stöhnend wuchtete er sich auf und rieb seine steifen Knie, als sie die Kette mit dem Schild Geschlossen vor den Zugang zum Laden zog.
   »Nanu, schon Feierabend?«
   »Klar. Hab dir gerade fast fünfundsiebzig Dollar abgeknöpft. Das reicht für heute. Die Hunde müssen Gassi.«
   »Wie praktisch. Ein Spaziergang wird meinen morschen Gräten guttun.« Er betrachtete den Kaufladen nachdenklich. »Am besten, wir stellen das Ding auf ein Podest. Dann kann ich im Stehen einkaufen.« Seine Worte gingen im freudigen Gebell der Hunde unter, kaum, dass das Zauberwort Gassi gefallen war.
   »Sitz. Beide!« Kylies Kommando senkte den Lärmpegel umgehend auf das Hecheln zweier Mäuler und das Schlagen der Schwänze auf dem Parkett. »Daddy, das geht nicht auf.« Sie fummelte hinter ihrem Rücken an der Schleife ihrer Minnie-Maus-Schürze.
   »Böser Knoten! Pfui, so ein böser Knoten!« Er löste die verhedderten Bänder und zog ihr die Schürze über den Kopf. Nach einem Abstecher zur Toilette umfasste er ihre Hand und sie verließen das Haus.

Der Feldweg führte zwischen ausgedehnten Zinfandel-Reihen am Fuße der Mayacamas Mountains entlang. Die Wärme der letzten Tage hatte die ersten Wildblumen aufblühen lassen. Gelbe und violette Blüten wuchsen zwischen den Grashalmen. Die Luft roch nach trockener Erde und frischem Grün. Gerade breit genug für einen Trecker, stieg der Weg unterhalb der bewaldeten Hügelkette an. Bereits nach wenigen Minuten blieb die Kellerei hinter den Bäumen zurück. Die letzten Sonnenstrahlen tanzten auf den Gipfeln der Sonoma Mountains und verdrängten im Farbenspiel der Dämmerung alle Hektik des Tages. Übrig blieb die segensreiche Stunde, in der für Colin nur die schnatternde Kinderstimme an seiner Seite zählte.
   Die Hunde rannten ungestüm vorneweg, schnüffelten hier an einem Begrenzungspfahl, dort an den Stämmen am Wegesrand aufragender Baumgruppen. Ihre Pfoten erschütterten die Souterrainwohnungen diverser Feldmäuse und durchsuchten jedes Loch nach möglichen Erdhörnchen. Zu seinem Erstaunen ließ Kylie Vanilla und Chocolate gewähren, wenn diese ihre Schnauzen tief in die Erde gruben.
   Die Tatsache, dass ihr anfangs pausenloses Geplapper verstummt war, bereitete ihm gleichfalls Kopfzerbrechen. Ihre Hand haltend, schwieg er ebenfalls. Sie würde seine Fragen sowieso nicht beantworten.
   In der Ferne waren die Umrisse zweier Cottage zu sehen. Das Größere lag kurz hinter der Toreinfahrt. Schuppen und Anbauten breiteten sich zwischen Gemüsebeeten und einer formlosen Wiese aus. Es war das Reich von Ramon Gutierrez und seiner Frau Elena. Eine Horde Kinder unterschiedlichen Alters tobte über die Wiese, aber Kylie schien voll und ganz mit dem ungewöhnlichen Treiben vor dem zweiten Cottage beschäftigt, das jenseits der Zinfandel-Reben stand. Interessiert beobachtete auch Colin das Geschehen rund um einen alten Pick-up, dessen Anhänger unweit der Eingangstür mit Gerümpel beladen war. Zwei Burschen, die er als Ramons älteste Söhne identifizierte, trugen vergammelte Möbelstücke und Bretter aus dem Haus. Lisha hatte also wirklich vor, sich auf Scott’s Hill anzusiedeln. Er unterdrückte einen Stoßseufzer.
   »Wohnt die neue Frau da?«
   Hatte er das Schweigen bislang als besorgniserregend empfunden, schrak er geradezu auf, als Kylie ihn aus seinen Überlegungen riss.
   »Die Frau, die gestern da war. Wohnt sie da?«, wiederholte sie ihre Frage.
   »Ja. Sieht aus, als würde sie aufräumen, was, Mäuschen?«
   »Sie ist hübsch.«
   »Findest du?«
   Erstaunt wandte er seine Aufmerksamkeit vom Cottage ab und blickte Kylie an. Die schaute fasziniert den fleißigen Ameisen zu, die in unregelmäßigen Abständen zwischen Cottage und Anhänger pendelten.
   »Hm!« Gebannt beobachtete sie das Geschehen.
   Er amüsierte sich unterdessen mehr über eine wilde Jagd der Hunde, die ein Kaninchen für den nächsten Marathon trainierten. Er hielt sich die Ohren zu, als Kylies Pfiff Vanilla zu einer Notbremsung veranlasste, die mit Sicherheit schwarze Streifen hinterlassen hätte, wäre der Boden unter ihren Pfoten asphaltiert gewesen. Chocolate gab nicht so schnell auf. Erst ein zweiter, schriller Pfiff zwang sie zur Umkehr.
   »Geht’s noch?«, schimpfte Kylie. Breitbeinig stand sie mitten auf dem Weg.
   Er verbiss sich das Lachen, als die Hundedamen mit hängenden Schwänzen angetrottet kamen.
   »Der Hase hat euch nichts getan, also lasst ihn in Ruhe!«
   Dem drohenden Hörsturz entgangen, wagte er das Risiko, die Hände von den Ohren zu nehmen. Wieder einmal bereute er den Tag, an dem er ihr gezeigt hatte, wie man auf zwei Fingern einen Ton erzeugte. Seither fürchtete er ernsthaft um sein Trommelfell.
   »Arbeitet sie jetzt bei uns, Daddy?«
   »Arbeiten? Wer?« Einen Comic mit einem niedergeschlagen daher schlurfenden Pluto vor Augen, hatte er total den Faden verloren.
   »Na, die da.« Sie deutete mit dem Zeigefinger auf Lisha, die eine Kiste auf den Müllhaufen warf.
   »Ach so, du meinst Lisha.«
   »Komischer Name.«
   »Das ist ein afrikanischer Name und bedeutet Die Geheimnisvolle. Lishas Großmutter ist bei der Geburt ihres Vaters gestorben, und die Frau, die das Baby versorgt hat, hieß Lisha. Deshalb haben ihre Eltern ihr diesen Namen gegeben.« Wieso fiel ihm die alte Geschichte umgehend ein, obwohl er seit Ewigkeiten nicht mehr daran gedacht hatte? »Ich glaube jedenfalls, dass es so war.«
   »Und was macht sie bei uns?«
   Er seufzte stumm. Reichte es nicht, dass sie tagtäglich in der Kellerei neben ihm stand? Auf ihrem abendlichen Spaziergang konnte er durchaus auf alles, was Lisha betraf, verzichten.
   Eine Hand auf Kylies Schulter, wollte er weitergehen. Sie sah zum Cottage hinüber.
   »Arbeitet sie bei Mrs. Moretti im Büro?«
   Hatte er wirklich geglaubt, sie würde das Thema abhaken, bevor die anstehenden sieben Millionen Fragen beantwortet waren? »Nein, sie ist Winemaker. Sie ist meine Assistentin und hilft mir.« Ihre Miene sprach Bände. »So wie Phil, bevor er weggegangen ist.«
   »Aber sie ist eine Frau.« Aus tellergroßen Augen sah sie ihn an. »Kann eine Frau denn auch Winemaker werden?«
   »Natürlich. Drüben in St. Helena gibt es einige namhafte Weingüter, die Frauen gehören.« Er überlegte. »Denk mal an die Fernsehwerbung von Freixenet. Bei denen hat eine Frau vor einiger Zeit den Markt für Schaumweine ordentlich aufgewirbelt. Und vergiss nicht Gloria Ferrer. Du weißt schon, das tolle gelbe Haus auf dem Berg, nur ein Stück weiter die Straße rauf. Ihre Schaumweine zählen zu den besten der Welt.«
   »Wenn ich groß bin, werde ich auch Winemaker.« Ihr sachlich nüchterner Tonfall ließ keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit ihrer Aussage aufkommen. Dabei marschierte sie in unveränderten Schritt neben ihm her. »Dann können wir zusammen Wein machen. Du und ich.« Sie verfiel ins Grübeln. »Was ist Schaumwein, Daddy?«
   Vollkommen überrascht von der unerwarteten Eröffnung ihrer Berufspläne, setzte er zu einer Erklärung an. »Umgangssprachlich nennt man ihn meistens Sekt. Oder Champagner. Aber so dürfen ihn nur die Franzosen nennen, weil die glauben, dass der liebe Gott ihnen extra für diesen Zweck ein Stückchen Land namens Champagne geschenkt hat. Wenn man es richtig anfängt, kann man in jedem Weinbaugebiet der Welt anständigen Schaumwein herstellen. Im Prinzip ist Sekt nichts anderes als ein Wein, der im Laufe des Gärprozesses Bläschen, also Kohlensäure entwickelt. Den muss man …« Ihr fragendes Gesicht holte ihn schneller aus den wissenschaftlichen Sphären zurück, als ein Sektkorken aus der Flasche knallen konnte. Er stupste mit dem Zeigefinger gegen ihre Nasenspitze. »Hatten wir nicht abgemacht, dass du mich kneifst, sobald ich mich wie ein Collegeprofessor aufführe? Wo bleibt mein blauer Fleck?«
   »Wenn ich Winemaker werden will, muss ich das wissen«, antwortete sie ernsthaft. »Aber … Wie kommen die Bläschen in den Schaumwein? Ist da Schaum drin?«
   »Nur, während man ihn einschenkt. Stell dir einfach vor, es ist ein Blubberwein. Bei jedem Schluck springen die Bläschen auf deiner Zunge Trampolin, und gleichzeitig kitzeln sie dir rauf und runter durch die Nase.«
   »So wie ganz doll geschüttelte Pepsi?«
   »Genau.« Er konnte direkt sehen, wie es hinter ihrer Stirn ratterte.
   »Machen wir auch Schaumweine?«, folgte umgehend die nächste Frage, nachdem die ersten Informationen verarbeitet waren.
   »Nein. Ein anständiger Schaumwein bedeutet eine Menge Arbeit nebenher. Dazu benötigt man außerdem spezielle Geräte und Flaschen … Ich habe mal darüber nachgedacht, aber …«
   »Macht nichts«, bremste sie seine Ausführungen. »Dann mischen wir den Markt eben mit unserem Chardonnay auf. Davon haben wir mehr als genug.«
   Wie zuvor die Hunde blieb er abrupt stehen. Er ging in die Hocke, legte beide Hände auf ihre Schultern. Meine Güte, wie klein und schmal sie waren! Der Ernst in ihren Augen dagegen wirkte geradezu erwachsen. Er musste mehrmals schlucken, ehe er sprechen konnte. »Es wäre mir eine Ehre, mit Ihnen zusammenzuarbeiten, Miss McNamara«, sagte er feierlich.
   Sie hielt ihm die rechte Hand entgegen. »Dann schlag ein«, erwiderte sie, ohne seinem Blick auszuweichen. »Grandpa sagt, ein Handschlag ist genau so viel wert wie eine Unterschrift auf einem Vertrag.«
   Vaterstolz mischte sich mit einem schier explodierenden Glücksgefühl in seiner Brust. Sie plante selten über die Abfahrt des Schulbusses hinaus. Jetzt zweifelte er keine Sekunde daran, dass eines Tages ihr Name das Erbe von Scott’s Hill repräsentieren würde. Die weiche Kinderhand fest von seinen Fingern umschlossen, besiegelte er den unerwarteten Pakt.
   »Dann ist ja alles klar«, erklärte sie nüchtern. »Und bis ich groß bin, hast du diese Lisha, die dir helfen kann.« Damit kommandierte sie die Hunde aus dem nächsten Mauseloch zurück, griff wieder nach seiner Hand und trat den Heimweg an.

Den Rücken gegen einen Holzpfosten gelehnt, einen Fuß auf dem Handlauf, das andere Bein auf den Boden gestreckt, hockte er auf dem Geländer und blickte in die Dunkelheit. Sterne funkelten am Himmel, Grillen zirpten, und vom Haus der Familie Gutierrez drangen Mariachi-Klänge herüber.
   Die für die Reben dringend benötigte kühle Feuchtigkeit der Nacht hatte ihn veranlasst, eine Jacke über sein Sweatshirt zu ziehen. Ein leises Quietschen, dann das Zufallen der Fliegentür holte ihn aus seinen Gedanken. Im schwachen Schein einer Sturmlaterne auf dem Tisch sah er, wie sein Vater auf die Veranda trat. Wortlos führte er das Glas, das er in der Hand hielt, an die Lippen und trank einen Schluck. Vater nahm die Flasche vom Tisch und studierte im Schein der Sturmlampe das Etikett.
   »Red Velvet?« Er schenkte Wein in das Glas ein, das er mit nach draußen gebracht hatte. »Eine ungewöhnliche Wahl für einen Frühlingsabend auf der Terrasse.«
   »Für die Attrappe hat mir die Besitzerin unseres Delikatessenladens vorhin knapp dreißig Dollar abgeknöpft.« Das leise Lächeln in seiner Stimme strafte seine gespielte Empörung Lügen. »Festhalten durfte ich die Flasche auch nicht. Sie hat mir unterstellt, ich würde den Wein zu sehr erwärmen.«
   Vater lachte. »Ja, in Kylies Gourmet Shop herrschen andere Sitten als im Safeway in Sonoma. Sie kennt zwar keine Sonderangebote, führt aber immerhin nur beste Qualität.« Er wiegte den Kopf hin und her, nachdem er einen Schluck gekostet hatte. »Ihre Empfehlung in allen Ehren hättest du ihn aber trotzdem ruhig noch ein paar Minuten festhalten können. Er ist zu kalt.«
   Er ging nicht darauf ein. Stattdessen spielte er mit seinem Glas. »Sie hat mir vorhin gesagt, dass sie Winemaker werden und mit mir zusammen die Kellerei führen will.« Aufmerksam verfolgte er, wie Vater nähertrat, sein Hinterteil gegen den Rücken der Sitzgarnitur lehnte und einen weiteren Schluck trank.
   »Hast du etwas anderes erwartet?«
   »Wenn sie es mir in fünf oder sechs Jahren gesagt hätte … Nein, dann wahrscheinlich nicht. Aber heute …«
   Er hielt ihm sein leeres Glas entgegen. Vater füllte beide Gläser nach.
   »Es hat mich eiskalt erwischt«, gab Colin zu. »Nicht, dass ich es nicht wollte. Sie ist die einzige Erbin von Scott’s Hill …« Er verstummte, konzentrierte sich auf den Wein, ließ dann den Blick über die dunklen Schatten im Schein des Halbmonds schweifen. »Sie lebt in ihrer Glaskugel des Schweigens, zu der niemand außer mir Zutritt hat. Und wie oft sperrt sie sogar mich aus ihrer Welt aus.« Schmerz und Hilflosigkeit prägten seine Worte. »Manchmal habe ich Angst, dass ich den gleichen Fehler wie alle anderen mache. Dass ich sie für zurückgeblieben halte, weil sie selten vorausdenkt. Oder zumindest nicht erkennen lässt, ob sie es tut.«
   »Kylie ist weder zurückgeblieben noch dumm.« Vater trat neben ihn. Er stellte sein Glas auf das Geländer, nachdem Colin seinen Fuß hinuntergenommen hatte. »Sie ist ein cleveres Köpfchen, in dem viel mehr passiert, als sie uns sagt. Nur weil sie den meisten Menschen gegenüber Schwierigkeiten damit hat, ihre Gedanken auszusprechen, heißt es nicht, dass sie in ihrem Kopf nicht existieren.«
   »Das weiß ich. Aber es wäre einfacher, wenn sie schreien, kommandieren und sich trotzig auf den Fußboden schmeißen würde, wenn ihr was nicht in den Kram passt. Ich möchte nur ein einziges Mal sagen müssen: Sei still und geh nach oben!« Ihm entfuhr ein Seufzer. »Früher hat sie geschrien wie am Spieß, wenn sie ihren Willen nicht bekam. Mum hat mal behauptet, nicht einmal ich hätte so laut brüllen können.« Die Erinnerung schmerzte noch immer. »Es war alles viel einfacher. Damals. Als Mum und Jessy noch da waren …«
   Er fühlte eine kraftvolle Hand auf der Schulter, ließ zu, dass sie in stillem Einvernehmen an die Frauen dachten, die sie verloren hatten.
   »Noch einen Schluck?« Vater hielt ihm die Flasche entgegen. »Für dreißig Spielzeugdollar sollten wir sie nicht in den Ausguss schütten.«
   »Neunundzwanzigfünfzig«, korrigierte er müde und schüttelte den Kopf. »Ich hatte genug. Für mich wird’s Zeit für’s Bett.« Er nahm sein leeres Glas mit. »Gute Nacht, Dad.«
   »Gute Nacht, mein Junge.«
   Er wollte bereits die Fliegentür hinter sich zuziehen, als Vater mit gedämpfter Stimme seinen Namen rief. »Du machst einen guten Job, Junge«, hörte er ihn sagen. »Einen verdammt guten Job. Auf der ganzen Linie.«
   »Gute Nacht, Dad«, wiederholte er dankbar. Dann rastete die Tür mit einem Klicken ins Schloss ein.

6. Kapitel

Schutt und Asche waren beseitigt. Seither zeigte die klaffende Wunde inmitten der Weinstöcke das wahre Ausmaß der Zerstörung. Eine breite Schneise zog sich, einem Highway gleich, durch die Erde und endete an einem durch die Explosion der Cessna verursachten Krater. Als hätte ein Riese vom Himmel herab seine mächtige Faust in die Erde gerammt und anschließend die Lust an seinem verheerenden Spiel verloren. Es war mehr als matschiger Lehm, tote Pflanzen und zerstörtes Material. Jeder verbrannten Rebe war Herzblut gefolgt. Es war allerhöchste Zeit, dem Leben auf Sonoma Creek eine neue Chance zu geben.
   Seit den frühen Morgenstunden herrschte emsige Betriebsamkeit auf dem frisch gepflügten Areal. Gemeinsam mit Ramon markierte Angus in regelmäßigen Abständen, wo Pflanzlöcher auszuheben waren. Es musste alles vorbereitet sein, wenn die Setzlinge eintrafen. War der Heilige Cyriacus, der Schutzpatron der Winzer, ihnen hold, würden sie in vier Jahren zum ersten Mal Trauben hervorbringen, deren Most am Ende des Reifeprozesses das stolze Label des Dudelsack spielenden Schotten auf die Flaschen gepresst bekam.
   Noch früher als erwartet stellte Colin seinen Land Rover am Straßenrand ab und zog seine Lederhandschuhe über. Angus beobachtete ihn mit einem wissenden Schmunzeln. Der Schulbus musste Kylie abgeholt haben, für die Arbeiten in der Kellerei hatte er seine Assistentin. Er mochte eine Laborratte sein, aber seit er alt genug war, eine Schaufel zu halten, schlug auf Scott’s Hill keine neue Rebe Wurzeln, bei deren Aufzucht er nicht selbst Hand angelegt hatte.
   Colin hob die Hand zum stummen Gruß, während er über das Feld stapfte. Im Vorübergehen hob er eine bereitliegende Drahtrolle auf. Mit ausholenden Schritten trat er über eine Reihe Erdwälle hinweg, bis er zwei Männer erreichte, die Stützpfähle für das Rebenerziehungssystem in den Boden trieben. Umgehend begann er, Drähte zu spannen und festzuzurren.

Mexikanisches Stimmengewirr erfüllte die Luft. Die Arbeiter hatten es sich am Feldrand bequem gemacht und fielen über Lunchpakete und Kühlboxen her. Colin und er saßen auf zwei umgedrehten Kisten und ließen sich Eiersandwiches, kalte Hähnchenschenkel und Chips schmecken.
   »Na, wie macht sich unser Neuzugang im Labor?«, fragte er zwischen zwei Bissen. »Seid ihr immer noch in erster Linie mit dem Trauma eures pubertären Sexuallebens beschäftigt oder fangt ihr langsam mit der Arbeit an?«
   Trotz des köstlichen Hähnchens, auf dem er kaute, verzog Colin das Gesicht. »Sie ist ein überhebliches, freches Großmaul«, knurrte er undeutlich.
   »Gut. Dann geht es zukünftig in unserem Keller wenigstens unterhaltsamer als bisher zu, wenn sie auf meinen arroganten, muffeligen, maulfaulen Sohn trifft.« Er wischte sich die fettigen Finger an der dreckigen Arbeitshose ab, ehe er nach der Thermoskanne neben seinen Füßen griff und Kaffee in zwei Emaillebecher füllte. »Ist zwar kein edler Tropfen, aber lass uns trotzdem auf unsere neue Weinmacherin anstoßen.«
   »Assistierende Weinmacherin«, zwängte Colin am Eiersalat im Mund vorbei. Er nahm den Becher entgegen.
   »Nenn sie, wie du willst. Hauptsache, ihr sorgt dafür, dass wir in absehbarer Zeit was Frisches auf den Markt bekommen. Ich will nicht bis in alle Ewigkeit auf Russian River Gold, Velvet Noir und den Vintage Zin reduziert werden.«
   »Sie ist nur hier, um sich einen Teil von Scott’s Hill unter den Nagel zu reißen.«
   »Warum sonst? Alles andere wäre einer McTavish unwürdig. Du würdest nicht anders handeln, wenn ich unseren Anteil an Elliott verscherbelt hätte. Aber nur, weil sie etwas haben will, heißt es nicht, dass sie es am Ende bekommt. Was uns nicht daran hindert, ihr Wissen für unsere Zwecke zu nutzen.« Er tauchte in die Tiefen der Kühlbox ab. Als er sich mit einer Dose in der Hand wieder aufrichtete, lief ihm das Wasser wie nach einem Dammbruch im Mund zusammen. »Eines Tages spanne ich Ramon die Frau aus«, murmelte er. »Elena weiß, wie man einen Mann schwachmacht. Bei der geht Liebe ehrlich durch den Magen.«
   Colin reckte den Hals, um einen Blick auf den Inhalt der Tupperdose zu werfen.
   Angus seufzte. Wie es aussah, hatte Colin seine Assistentin gerade vergessen und passte auf, dass er, Angus, nicht seinen Anteil am Kuchen in sich selbst hineinstopfte.

*

»Du gehst da rein, zum Kuckuck noch mal!« Mit aller Kraft hämmerte Lisha auf einen widerspenstigen Nagel an der Rückseite ihrer neuen Regalwand ein.
   »Hab Erbarmen, das ist nicht das Brett vor dem Holzkopf deines Chefs«, bremste Dwayne ihren nächsten Schlag, bevor sich der Eisenstift in einen Angelhaken verwandeln konnte. Er nahm ihr den Hammer aus der Hand und versenkte den Nagel mit einem gezielten Hieb.
   »Ich kann das selbst«, giftete sie ihn an, als er den nächsten Nagel aus der Dose fischte.
   »Das bezweifle ich nicht. Aber so, wie du drauf bist, zerschlägst du alles, bevor du es zusammenbaust.«
   »Klar! Ich bin ja nur eine dusselige Frau, die nichts weiter kann, als dir ihre Titten unter die Nase zu reiben.« Mit einem wütenden Ruck entriss sie ihm das Werkzeug. »Dass du überhaupt noch an Tischbeine denken kannst, wo ich dich mit meinem Wackelarsch permanent von der Arbeit abhalte.«
   »Du darfst mir liebend gern alle möglichen Bestandteile deines Körpers unter die Nase reiben, Darling.« Er verteilte verheißungsvolle Küsse oberhalb ihres Schlüsselbeins. »Dummerweise wird dein Bett leider erst morgen geliefert.« Er zog mit der Fingerspitze den Rand ihrer Oberlippe nach. »Aber Hotelbettwäsche hat mich immer schon verrückt gemacht.«
   Sie versetzte ihm einen Stoß, der ihn einen Schritt rückwärtsmachen ließ. »Ihr Kerle seid alle gleich!« Lisha schleuderte ihm ein Knäuel Holzwolle ins Gesicht. »Der eine lässt mich nur dämliche Wetterberichte notieren, weil er glaubt, seine Leute hätten bisher auf dem Planeten der Affen gelebt. Und du hast nichts anderes im Kopf, als mich ins Bett zu kriegen.«
   »Ich bekenne mich schuldig im Sinne der Anklage.« Mit einem frechen Grinsen hob er die Hände. »Zu meiner Verteidigung muss ich allerdings anmerken, dass du verdammt heiß aussiehst. Vor allem, wenn du derart auf hundertachtzig bist wie im Moment.«
   Dieses Mal konnte er das fliegende Verpackungsmaterial rechtzeitig abwehren. Ein aufgerissener Karton bekam ihre Stiefelspitze zu spüren.
   »Wenn ich den Krempel allein zusammenbauen könnte, ohne deswegen die nächsten sechs Wochen in einem beschissenen Highway-Motel pennen zu müssen, würde ich dich mit McNamara zusammen in einen Sack stecken und draufhauen.« Sie zerrte ein weiteres Brett aus einer Kiste hervor. »Garantiert jeder Schlag ein Treffer.«
   »Lass uns lieber den Krempel aufbauen und ausprobieren, ob dein Sofa breit genug für zwei ist.« Seine Arme von hinten um ihre Taille gelegt, schickte er seine Lippen unterhalb ihres Ohrläppchens auf Entdeckungsreise. »Autsch!« Ihr Ellenbogen in seinen Rippen sorgte für ein schnelles Ende seines Ablenkungsmanövers. »Das war ein tätlicher Angriff auf einen Polizisten! Ich könnte dir Handschellen anlegen und bei einer ausgiebigen Leibesvisitation nachsehen, welche Gefahren sich unter diesem Shirt für die Moral der Arbeiter auf Scott’s Hill verbergen.«
   »Du kannst mich mal kreuzweise, Deputy.«
   Das Brett landete mit einem Rumms auf den Querstreben des Regals. Als sie nach dem Hammer greifen wollte, packte er ihre Handgelenke und zog sie an sich. Sie wehrte sich erfolglos gegen seine Hände, gegen seinen Mund. Ihr Widerstand schmolz dahin, als er mit seinen Zähnen an ihrer Unterlippe nagte und sich seine Zungenspitze Stück für Stück den Weg zwischen ihre Lippen bahnte. Hitzig wandelte sich ihr Zorn in Leidenschaft, mit der sie seinen Kuss beantwortete. Er ging das Risiko ein, ihre Arme loszulassen, und schob seine Hände unter ihr loses Shirt. Ihr entfuhr ein kehliger Laut, als er über ihren flachen Bauch strich, dann in nördlicher Richtung nach Hügeln suchte, die nichts mit Weinbergen zu tun hatten. Die Augen geschlossen ließ sie zu, dass seine Finger an der zarten Spitze ihres BHs entlangfuhren. Als er sich an dessen Verschluss zu schaffen machte, umfasste sie seine Arme und stoppte ihn. »Du bist im Dienst, Dwayne«, sagte sie mit rauer Stimme.
   »Bereitschaft«, murmelte er, vollauf mit der niedlichen Kuhle zwischen Hals und Schulter beschäftigt. »Und glaub mir, ich bin total bereit.«
   Sie erschauderte, wich ihm aber dennoch aus. »Ich habe keine Lust, mittendrin aufhören zu müssen, weil du zu einem Einsatz gerufen wirst.«
   »Wir sind in Sonoma, Baby, nicht in San Francisco. Hier passiert nichts.« Mit deutlichem Unwillen ließ er von ihr ab.
   Ihr Atem ging schnell, ihr Herz pochte. Sie spürte die Hitze auf ihren vom Kuss geschwollenen Lippen ebenso wie auf ihrer Haut. Jeder Nerv in ihr kribbelte, verlangte nach seiner Aufmerksamkeit. Sie schob sich eine Haarsträhne aus dem verschwitzten Gesicht. Ein Blick durch den Raum, der wie ein Möbellager nach einem Erdbeben aussah, genügte. Der Moment war dahin.
   »In dem Fall wärst du arbeitslos, Bulle«, stellte sie rigoros fest und drückte ihm einen Schraubenzieher in die Hand. »Arbeitslose Männer haben nichts als Flausen im Kopf. Also tu was, während ich uns was zu essen mache. Wir könnten Stühle gebrauchen.«
   Er ächzte nur und wandte sich wieder dem Tisch zu, an dem er vor dem vielversprechenden Intermezzo gearbeitet hatte.

»Was war denn heute wieder los?«, fragte er eine Weile später, als er ihr auf einem der nagelneuen Stühle gegenübersaß. Sämtliches Geschirr verbarg sich in einer Umzugskiste, weshalb sie auf Pappteller und Plastikbesteck zurückgreifen mussten.
   »Was schon?« Der Gedanke an Colin verlieh dem Kartoffelsalat einen bitteren Beigeschmack. »Ich hätte auch gern Maulwurf gespielt. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, wenn du diese zarten Pflänzchen eigenhändig verbuddelt hast und eines Tages aus ihren Trauben den ersten Wein kelterst.« Sie verteilte Senf auf einer Wurst und biss ein Stück ab. »Aber dieser chauvinistische Scheißkerl schiebt mich mit dämlichen Hilfswilli-Jobs ab. Als wenn ich einen Weißwein nicht von Apfelsaft unterscheiden könnte. Er hat mich heute abkommandiert, einen Tank zu reinigen!« Ihr blieb nur die Wurst, an der sie ihren Frust auslassen konnte, also knallte diese mit solcher Wucht auf den Teller, dass die Haut aufplatzte. »Weißt du, was es für eine Scheißarbeit ist, einen Tank zu reinigen?«
   »Nein, zum Glück nicht.« Er stellte seine Cola ab. »Doch du wirst es mir bestimmt gleich sagen.«
   »Das ist die größte Scheißarbeit, die es gibt! Vor allem, wenn Maische drin ist. Eine Riesensauerei! Hinterher kannst du dir den Schweiß gallonenweise aus den Stiefeln kippen. Aber weil alle wichtigen Leute, – also alle, außer mir – auf Sonoma Creek ranmüssen, darf ich die Drecksarbeit machen.« Eine schwere Schaufel voll zermatschtem Fruchtmus vor Augen, rammte sie die Plastikgabel ins Würstchen. »Ich bin die teuerste Putzfrau von Sonoma.«
   »Ich hab dich gewarnt, dass du graue Haare bekommst, wenn du für ihn arbeitest.«
   »Gegen graue Haare gibt’s Färbemittel«, nuschelte sie. »Schade nur, dass Safeway keine Pillen führt, die hoffnungslos von sich überzeugte Hornochsen dazu bringt, zur Abwechslung mal die Vorschläge anderer zu überdenken. Nein, Colin McNamara hat wahrscheinlich neun Monate lang in Chardonnay statt Fruchtwasser geplanscht. Der glaubt, Bacchus hätte ihm bei der Geburt persönlich seinen Atem eingehaucht. Dabei bin ich mir sicher, dass er vor seinem ersten Schrei von der gleichen Hebamme eins auf den Hintern bekommen hat wie ich. Hör auf zu lachen, sonst denke ich das nächste Mal an dich, wenn ich meine Voodoo-Nägel einschlage.«
   »Was zwischen dir und dem Traubenpapst abgeht, könnte man als Daily Soap ans Fernsehen verkaufen und ein Vermögen machen.«
   »Es macht bestimmt Spaß, an Voodoo zu denken, während man mit dem Akkuschrauber spielt.« Sie bohrte das Messer mit der Spitze in ihren Kartoffelsalat. »Ich wüsste da eine Stelle … Brmmm, brmmm …«
   »Okay, okay. Keine Daily Soap. Dir ist klar, dass ich dich als Hauptverdächtige verhaften müsste, falls dem Traubenpapst jemals Böses widerfahren sollte?«
   »Dem widerfährt täglich Böses, sobald ich meinen Fuß in die Kellerei setze!«
   Er stützte die Ellenbogen zu beiden Seiten seines mit Senf und Mayonnaise beschmierten Tellers auf und legte das Kinn auf seine Hände. »Ich kann zwar Weißwein nur aufgrund des Preises von Apfelsaft unterscheiden, aber nach allem, was ich gehört habe, hast du einen verdammt guten Ruf als Winemaker.«
   Einen Schluck Cola im Mund, nickte sie. »Und im Umkreis einer Autostunde gibt es, grob geschätzt, circa fünfhundert Weingüter, die alle mindestens einen Winemaker beschäftigen.«
   Sie wusste genau, worauf er hinauswollte. Um seinem Polizistenblick auszuweichen, trug sie den Rest Salat in den Kühlschrank.
   »Warum lässt du dich von McNamara herumkommandieren, statt woanders hinzugehen?«
   Als wäre es das Chaos einer Fremden, betrachtete sie das Durcheinander aus halb zusammengebauten Möbeln, aufgerissenen Plastikbeuteln und Werkzeug. Der Kloß in ihrer Kehle ließ sich nicht hinunterschlucken. »Weil bisher auch noch niemand eine Medizin gegen grenzenloses Heimweh nach Scott’s Hill erfunden hat …«, gestand sie leise mit belegter Stimme.

*

Das Fernsehen zeigte ein Formel-1-Rennen. Angus saß in seinem angestammten Sessel, die Beine auf einen Hocker gelegt, ein Kreuzworträtsel in der Hand. Neben ihm stand ein Glas Rotwein. Er nickte Colin zu, als der ins Wohnzimmer trat, wandte seine Aufmerksamkeit aber umgehend wieder den Rennwagen zu. Chocolate schlug ein Auge auf und erhob sich mit der Gemächlichkeit eines vollgefressenen Grizzlys von ihrem Platz. Die Hinterpfoten bis zur Staatsgrenze Kaliforniens ausgestreckt, reckte sie sich, gab ein wohliges Grunzen von sich, dann trottete sie ihm entgegen und stieß mit der Schnauze gegen sein Bein. Er blieb stehen, um sie zu kraulen. »Wenn Mercedes keine Fehler macht, kann Ferrari in dieser Saison einpacken«, merkte er mit Blick auf den Fernseher an. »So stark waren die Silberpfeile schon ewig nicht mehr.«
   »Dieses Mal haben sie das Red Bull-Team ordentlich am Auspuff schnuppern lassen. Hab gleich gesagt, die sollen sich um ihre Motoren kümmern, statt Energydrinks in sich hineinzukippen.«
   »Das Zeug verleiht wohl doch keine Flügel. Zumindest nicht ihren Fahrern.«
   Eine Werbepause folgte. Zeit, sich römischen Göttern mit fünf Buchstaben zu widmen. Angus hörte, wie Colin in die Küche ging. Mit einer Colaflasche in der Hand kehrte er zurück, setzte sich aufs Sofa und streckte die Beine aus. Chocolate parkte ihre Schnauze auf seinem Oberschenkel, woraufhin er gehorsam ihre Schlappohren massierte.
   Im Fernsehen spielte eine Horde Schuljungen auf einer vom Regen aufgeweichten Wiese Football. Prompt jubelten zweiundzwanzig Mütter, weil sie die verdreckten Klamotten ihrer Söhne waschen durften.
   »Wäre schön, wenn unser Rosinchen mal so aussähe und dabei glücklich lachen würde, was?«
   Der leise Seufzer von der Couch war ihm nicht entgangen. »Schläft sie?«
   »Ja.« Über den Hund hinweg angelte Colin nach der TV-Zeitung und blätterte durch das Programm. »Ich frage mich, wo der Junge steckt«, sagte er nach einer geraumen Weile aus heiterem Himmel.
   »Was, unser Rosinchen hat einen Freund?« Er glaubte, sich verhört zu haben. »Seit wann das denn?«
   »Nicht Kylie. Lisha!« Colin verdrehte die Augen. »Olivia hat immer gejammert, dass ihr Enkel so weit weg ist. Aber das ist typisch. Sie hat nur ihr Zigeunerleben im Kopf.«
   »Meinst du nicht, das ist eine Sache, die nur sie allein etwas angeht?«
   »Man wird sich wohl mal Gedanken machen dürfen.«
   Nicht nur er bemerkte Colins wachsende Unruhe. Chocolate murrte, als sein Kraulen zu hektischem Getrommel auf ihrem Kopf mutierte. Sie schob ihren Unterkiefer über sein Bein, bis seine Finger wieder ihr Ohr kneteten.
   »Ich jedenfalls würde Kylie niemals irgendwo zurücklassen. Nicht für eine Minute.«
   »Das bezweifelt niemand«, gab Angus zurück. »Aber Lisha ist hier, um dir einen Teil der Arbeit abzunehmen, damit du mehr Zeit für unser Rosinchen hast. Ihr Privatleben geht uns nichts an.«
   »Wie kann jemand verantwortungsbewusst arbeiten, der schon als Mutter versagt?«
   »Gegenfrage: Wieso ist ein weltoffener Mann wie ich mit einem Sohn gestraft, der ein engstirniger Esel ist? Solange Jessica da war …«
   Die Colaflasche in der Hand sprang Colin auf. Chocolate zuckte zurück, knurrte enttäuscht und verzog sich auf ihre Decke.
   »Das hier hat absolut nichts mit Jessy zu tun«, sagte er barsch.
   »Du irrst, mein Junge.« Angus schüttelte den Kopf. »Sie war das Beste, was dir je passieren konnte. Als Jessy kam, musstest zum ersten Mal im Leben um etwas wirklich kämpfen. Du hast sie bekommen, musstest sie aber stets mit dem Berg teilen.« Er nahm die Brille ab und legte sie auf den Tisch. »Du bist ausgebrannt wie Sonoma Creek. Wir werden das Feuer nie vergessen. Trotzdem haben wir damit begonnen, neue Pflanzen zu setzen. Und genau so wird es Zeit für dich, wieder nach vorn zu sehen.«
   »Mach dir mal keine Sorgen. Die nächste Lese wird …«
   »Ich rede nicht von der nächsten Lese, sondern von dir.«
   »Und ich würde sagen, mein Privatleben geht dich ebenfalls nichts an.« Er machte zwei Schritte, dann wandte er sich um. »Ich werde deine Erwartungen, was den neuen Wein angeht, erfüllen«, sagte er mit einer Stimme, die seine unterdrückte Wut nur mühsam verbarg. »Alles andere ist meine Sache. Gute Nacht, Vater.« Damit stiefelte er die Treppe hinauf.
   »Verbockter Rebstock!«, grummelte er ihm hinterher. Seufzend hob er das Glas an seine Lippen und sah zu einem der Fotos auf dem Kaminsims hinüber. »Ach, Bridget. Warum hast du mich mit diesem Esel allein gelassen? Du wüsstest, wie man ihm die Augen öffnet.«
   Die elegante Lady mit der Dauerwelle gab ihm keine Antwort.

*

Der Grundriss des oberen Stockwerks unterschied sich kaum von dem des Erdgeschosses. Ein großzügig gestalteter Wohn-/Essbereich nahm den Löwenanteil ein. Warme Farben und klare Linien dominierten. Zu einem Sofa aus unempfindlichen Velours gruppierten sich zwei mit geometrischen Mustern bedruckte Sessel. Dicke Kissen luden zum Faulenzen ein, eine ordentlich gefaltete, flauschige Decke lag bereit, falls es kühl wurde. Über dem Kamin hing eine auf Leinwand gezogene Fotografie, auf der sich eine mit letzten Schneefeldern bedeckte Felswand im Licht der aufgehenden Sonne in einem See spiegelte.
   Eine Anbauwand aus espressofarbenem Holz wurde von einem kastenförmigen Couchtisch und passenden Beistellmöbeln ergänzt. Die Wildblumen in der hohen Glasvase tauschte Elena regelmäßig gegen einen frischen Strauß aus.
   Am Esstisch hatte schon lange niemand mehr gesessen. Ebenso, wie niemand in der zum Wohnraum hin offenen Küche gekocht hatte. Einzig der Kühlschrank enthielt Saft, Wasser und Cola, und die benutzte Tasse in der Spüle bewies, dass zumindest die Kaffeemaschine hin und wieder benutzt wurde.
   Anfangs hatte er versucht, Kylie zuliebe die gewohnte Routine aufrechtzuerhalten. Als seine Versuche, ihr bei den gemeinsamen Mahlzeiten ein paar Worte zu entlocken, kläglich scheiterten, gab er auf. Seit sie an Angus’ Tisch gezogen waren, musste Elena nicht länger zwei Haushalte versorgen. Dadurch musste er, Colin, nicht bei jedem Bissen daran denken, wie Jessy ein Kind gefüttert und zugleich seine Hand gestreichelt hatte.
   Er durchquerte den Raum und verschwendete keinen Blick an das Sofa, auf dem sie ihren Sohn produziert hatten, weil der Weg ins Bett zu weit gewesen war.
   Die Tür stand eine Handbreit offen. Die Nachtlampe ließ ihn Kylies gestreckten Körper unter der Susi & Strolch-Decke erkennen. Sie würde sich bis morgen früh nicht bewegen, wenn die Träume Erbarmen hatten. Vanilla hob den Kopf. Er hob einen Finger an seine Lippen. Die Hündin legte sich wieder hin, ohne die Augen zu schließen. Leise ging er in den an sein Schlafzimmer angrenzenden Raum.
   Wie jedes Mal, wenn er das Zimmer betrat, verdrängte er den Gedanken, dass es Juniors Kinderstube hätte werden sollen. Stattdessen war es sein Rückzugsort, wenn er selbst Vaters Nähe nicht mehr ertrug. Der Raum hatte kein erkennbares System. Ein lederbezogener Schwingsessel vor dem Fernseher strahlte männliche Funktionalität aus. Auf einer zum Beistelltisch umfunktionierten Holzkiste stapelten sich Magazine mit Weinflaschen oder Fässern auf dem Cover. Ein in verschiedenen Brauntönen gemusterter Nepalteppich versuchte vergeblich, etwas Gemütlichkeit zu verbreiten. Im Rack neben der hochwertigen Hi-Fi-Anlage stapelten sich mindestens dreihundert CDs. Eine davon legte er in den Player und setzte die Kopfhörer auf. Die Tür stand offen. Sollte Kylie aufwachen, würde Vanilla ihn holen.
   Er lehnte sich im Sessel zurück, streckte die Füße auf der Kiste aus und startete mit der Fernbedienung die Musik. Seine Finger trommelten auf seinen Oberschenkel, während die Stimme von Gregory Porter ihn von den Ereignissen des Tages ablenkte.
   Als eine feuchte Schnauze an seinen Arm stupste, fuhr er erschrocken auf. Aber es war Chocolate. Sie hockte sich neben ihn und legte ihren Kopf in seinen Schoß. Dieses Mal vergrub er beide Hände in ihrem warmen Fell.

7. Kapitel

Lisha beschlich nicht zum ersten Mal das Gefühl, beobachtet zu werden. Aber es gab keinen Grund dafür. Es war niemand da. Seit sie vergangene Woche in das kühle Steinhaus gezogen war, überkam sie fast jeden Nachmittag dieses merkwürdige Kribbeln, das sie nach draußen gehen und sich umschauen ließ, während sie sich zugleich einen Narren schalt. Jedes Mal hatte die Sonne sie ausgelacht, wenn sie ungebetene Besucher in den Schatten zu vermuten glaubte. Als wäre sie ein City Slicker, der vor einer balzenden Vogelspinne Reißaus nimmt.
   Hatte Colin geglaubt, ihr eins auswischen zu können, indem er ihr das Cottage überließ, wäre er bestimmt enttäuscht, nun ein derart behagliches Nest vorzufinden. Sie liebte den schützenden Kokon aus dicken Mauern, wenn sie sich mit einem Buch auf das Sofa kuschelte oder nachts aus ihren Albträumen aufschreckte. Dank der Büsche, Bäume und Reben, die eine natürliche Grenze zu den Nachbarn zogen, ähnelte das Häuschen einer einsamen Insel, die ihr Zuflucht gewährte. Ihre Arbeit in der Kellerei war eine Sache, die Stunden mit Dwayne eine andere. Anschließend kehrte sie dankbar in die Abgeschiedenheit ihres neuen Refugiums zurück. Dorthin, wo ihre Rastlosigkeit keinen Zutritt hatte und sie spürte, wie erste zarte Wurzeln in ihr den steinigen Boden nach Halt absuchten.
   Es tat gut, vom Zwitschern der Vögel geweckt zu werden. Sie hatte es in keiner Stadt lange ausgehalten. Allen Versuchen, zwischen hohen Häusern und mehrspurigen Straßen Fuß zu fassen, ihrem Leben einen anderen Weg aufzuzwingen, war am Ende die Flucht auf ein neues Weingut gefolgt. Den Job als Sommelier in einem Restaurant in Sydney hing sie nach sechs Wochen an den Nagel. Auf einem Road Trip quer über den Kontinent verschlug es sie ins Yarra Valley unweit von Melbourne, wo sie ihr Können verschwieg und als einfache Pflückerin dem Ruf der Trauben folgte. Damals wollte sie allein sein, allein mit sich und den Reben. Als ihr Australien zu eng wurde und sie nichts in ihre amerikanische Heimat zurückzog, lockten die alten Traditionen Europas sie nach Frankreich und Spanien. Am Ende stellte sie ihren Koffer in der Toskana ab. Dort, wo das McTavish-Wappen neben der italienischen Flagge wehte und Dad ihr Asyl gewährt hatte, ohne Fragen zu stellen.
   Sie konnte selbst kaum fassen, dass sie gerade vor einem Cottage Wäsche aufhing, das die gleiche Ruhe ausstrahlte, die sie zum ersten Mal seit Langem auch in sich verspürte. Trotzdem blieb das Gefühl, ein verstecktes Augenpaar auf sich gerichtet zu wissen. Da war doch eine Bewegung unterhalb der mächtigen Eiche! Die Bluse fiel zurück in den Wäschekorb. Tatsächlich lugte ein blonder Zopf hinter dem Stamm hervor. Am Boden saß ein Golden Retriever.
   Ihr Gesicht war verschlossen, ihre Neugier hinter dem unsichtbaren Panzer verborgen, der sie wie eine Glasglocke umgab. Eine Hand auf den Kopf des Goldies gelegt, starrte sie Lisha ebenso bewegungslos an wie der Hund.
   »Hallo Kylie, was machst du denn hier?«
   Sie verzog keine Miene. Automatisch suchte Lisha die Gegend nach Colin und dem Labrador ab. Einmal hatte sie die Kleine aus der Ferne mit Ramons etwa gleichaltriger Tochter spielen sehen, ansonsten nur im Beisein ihres Vaters. Zu ihrem Erstaunen drückten sich nur Kylie und der Retriever an den knorrigen Baumstamm. Ihre starre Haltung irritierte sie, deshalb trat Lisha auf sie zu. Sofort zog der Hund eine Lefze nach oben und knurrte. Friedliche Goldies hin, keine Angst vor Hunden her – rund fünfunddreißig Kilo donnergrollendes Fell mit schneeweißen Vampirzähnen in der Schnauze rieten ihr, lieber stehen zu bleiben.
   »Hey, ist ja gut.« Sie hielt die Handflächen abwehrend vor sich, während sie auf den Hund einredete. »Friss mich nicht gleich.« Sie lächelte Kylie an. »Als ich so alt war wie du, hatte ich auch einen Hund. Sie hieß Molly.« Unbewusst sah sie zu der schiefen Hütte an der Hauswand hinüber. Erst das Hecheln des Hundes lenkte ihre Aufmerksamkeit zurück auf die beiden im Schatten. »Und wie heißt dein Hund?«
   Wider Erwarten erhielt sie keine Antwort. Dafür kam es ihr vor, als würde der Scanner an der Sicherheitskontrolle eines internationalen Flughafens über sie gleiten. Der Hund hielt sie nicht minder scharf im Visier. Unbehaglich schob sie die Hände in die Hosentaschen.
   »Ich wollte mir gerade einen Kakao machen«, bemühte sie sich um einen lockeren Plauderton. »Magst du auch einen?«
   Sie erwartete, dass Kylie davonrannte. Stattdessen spürte sie geradezu, wie sie jeden ihrer Gedanken abtastete. Gefühlte drei Stunden später nickte sie und strich ihrem Hund über den Hals. Der Goldie erhob sich und kam friedlich neben Kylie näher.
   »Wo ist denn dein anderer Hund?« Lisha unterdrückte einen Stoßseufzer, als sie keine Antwort erhielt. Das konnte ein anstrengender Besuch werden.
   Sie öffnete den Kühlschrank, da fiel ihr auf, dass sie allein im Cottage war. Kylie stand auf der Türschwelle, der Hund eng daneben. Mit deutlicher Scheu blickte sie sich um.
   »Komm ruhig rein.«
   Das Kopfschütteln anstelle einer Antwort überraschte sie nicht einmal mehr. Sie erhitzte Kakao in der Mikrowelle. Eine Tasse in jeder Hand drehte sie sich um. Sofort huschte Kylie zur Seite.
   »Gut, dann gehen wir nach draußen in die Sonne. Setz dich doch.« Sie stellte die Tassen auf den Tisch, ging zurück ins Haus und holte eine Wasserschüssel. »Hier, Goldlocke. Du hast bestimmt Durst, oder?«
   Der Hund rührte sich nicht. Erst, als Kylie schnippte, tauchte sie ihre Zunge in das kühle Nass. Geräuschvolles Schlabbern folgte.
   »Na, das nenne ich mal einen gut erzogenen Hund!« Lisha machte es sich auf der Holzbank gemütlich. Die Sonne wärmte bereits angenehm, und die überall knospenden Frühlingsboten malten bunte Flecken ins Grün. »Erzähl mal, was machst du hier so allein am Samstagnachmittag?« Verdutzt stellte sie fest, dass Kylie ihren Kakao bislang nicht angerührt hatte. »Hat dein Daddy keine Zeit? Oder deine Freundin?«
   Suchende Blicke über den Tisch und die Fensterbank dahinter waren die Antwort. Kylie stand auf. Sofort folgte ihr der Hund mit tropfender Zunge. Erneut blieben beide auf der Türschwelle stehen.
   »Wenn du die Toilette suchst, die Tür hinten links.«
   Überaus sorgfältig rubbelte sie ihre Schuhe über die Fußmatte. Dann gab sie ihrem Hund ein Zeichen. Der ließ sein Hinterteil auf die Matte plumpsen. Auf Zehenspitzen tapste Kylie ins Haus. Lisha nippte nachdenklich an ihrer Tasse.
   Viel zu schnell, um auf der Toilette gewesen zu sein, kehrte Kylie an den Tisch zurück, zog zwei Blätter Küchenrolle aus der Hosentasche und reichte ihr eins hinüber.
   »Oh, hab ich einen Schokobart?« Irritiert nahm sie das Papiertuch entgegen. »Danke.«
   Endlich trank auch Kylie einen Schluck, stellte die Tasse ab und wischte sich umgehend den Mund ab. Dann starrte sie geradeaus. Mit wachsendem Unbehagen versuchte Lisha, ein Gespräch in Gang zu bringen. »Magst du Kakao auch so gern wie ich?«
   Kylie nickte. Ein weiterer Schluck, erneutes Wischen.
   »Ich bin richtig süchtig danach. Nur morgens werde ich ohne Kaffee nicht munter. Ich glaube, alle Erwachsenen kommen ohne Kaffee nicht in die Gänge. Oder ist dein Daddy eine Ausnahme?« Sie rechnete mittlerweile nicht mehr mit einer Antwort, sondern plauderte einfach weiter, um sich von den bohrenden Blicken abzulenken. »Wenn ich es mir gemütlich mache, dann trinke ich am liebsten Kakao. Mit Sahne wäre er klasse. Muss ich unbedingt wieder mitbringen, wenn ich einkaufen fahre.«
   Das Schweigen war anstrengend. Als die Tasse leer war, blieb ihr nichts mehr, womit sie sich beschäftigen konnte, während sie zuschaute, wie Kylie in gleichbleibendem Rhythmus schwieg, trank und sich den Mund abwischte. Dennoch verspürte sie wider Erwarten nicht die geringste Erleichterung, als sie aufstand, ihr artig die Hand reichte und ihren Hund mit einem Nicken anwies, zu gehen. Plötzlich wollte sie, dass sie blieb. Etwas in diesen Augen grub sich in ihr Herz, sagte ihr, dass Kylie weder ungewöhnlich schüchtern noch verbockt oder stumm war. Die Erkenntnis traf sie wie ein Dolchstoß, ließ sie eine Hand auf ihren Magen pressen, der mit einem Mal gegen den Kakao rebellierte. Sie schluckte, presste die Zähne aufeinander, zwang die Tränen zurück, die sich aus dem Nichts heraus ihren Weg zu bahnen versuchten. Was sich hinter diesen Augen von der Farbe des kalifornischen Himmels auf der Kinderseele widerspiegelte, war der gleiche Schmerz, der sich wie das Ungeheuer von Loch Ness hinter Colins harter Schale verbarg. Es war das gleiche Monster, das sie selbst von Neuseeland aus kreuz und quer durch die Welt getrieben hatte und vor dem es kein Entrinnen gab.
   Erschüttert beobachtete sie, wie Kylie mit ihrem Hund davonging. Sie war bereits einige Schritte entfernt, als sie stehen blieb und sich langsam umdrehte. »Vanilla.«
   Zuerst glaubte Lisha, den Namen nur in ihrem Kopf, nicht aber mit den Ohren gehört zu haben. »Was hast du gesagt?«, fragte sie mit rauer Stimme.
   Kylie sah auf, schaute ihr in die Augen. Zum ersten Mal spiegelte sich darin keine ängstliche Prüfung, sondern Vertrauen wider. Ihre Hand strich über den Kopf des Retrievers. »Mein Hund«, sagte sie. »Sie heißt Vanilla.« Dann drehte sie sich um und ging zielstrebig, aber ohne jede Hast, davon.

8. Kapitel

In allen Kellereien, die Lisha kannte, tönte Musik aus dem Radio, man sprach über das vergangene Wochenende oder den anstehenden Zwangsbesuch bei den Schwiegereltern. Colin dagegen entpuppte sich als äußerst stiller Vertreter, sobald er von Glaskolben und Listen mit Verschnittwerten umgeben war. Im Labor von Scott’s Hill beschränkten sich die Geräusche auf das leise Ping der Reagenzgläser, wenn sie gegen das Holz des Ständers klickten, dem Klackern der Computertastatur und dem Klong-Klong ihrer Stiefel auf dem gefliesten Fußboden. Mittlerweile war sie dankbar für jedes Poltern, jeden spanischen Wortfetzen, der ihr bestätigte, nicht in einer Gruft zu arbeiten.
   Monotones Surren der Pumpen begleitete das Umwälzen des gärenden Weins von einem Tank in einen anderen. Gerumpel im Hintergrund verriet, dass an der Laderampe ein Gabelstapler einen Lkw belud. Sie hörte Colin telefonieren. Er weigerte sich beharrlich, ihr wichtige Dinge wie die Bestellung neuer Fässer zu überlassen. Stattdessen durfte sie Merlot-Proben analysieren.
   Sie richtete sich von ihrer Tabelle auf, rieb sich das Kreuz und verfolgte, wie er einen mit einer goldenen Flüssigkeit gefüllten Kolben zum Kontrast gegen die weiße Wand hielt. Mit zusammengeschobenen Brauen und einer steilen Falte auf seiner Stirn betrachtete er dessen Inhalt.
   »Ist das der Liquid Gold Reserve, den du vorhin abgezapft hast?« Fasziniert von der satten Honigfarbe des Weins trat sie näher.
   Ohne ein Wort füllte er etwas davon in ein Glas und reichte es ihr. Sie schwenkte den Inhalt mit ruhiger Hand. Der Alkohol hinterließ leicht ölige Schlieren auf dem Glas. Dann schnüffelte sie ausgiebig, ehe sie von der Probe kostete. »Mit der Reserve und dem Velvet Noir hast du spürbar an den Verkaufszahlen der Konkurrenz gekratzt. Und der da«, sie wies mit einem Nicken auf den Kolben, »wird ebenfalls manchen Winzer nervös machen.«
   »Sagen wir mal, der Chardonnay und die Rhone-Blends haben für schmerzhafte Dellen in den Verkaufsstatistiken der Konkurrenz gesorgt«, entgegnete er mit ungewohnter Bescheidenheit. »Vor allem die Nachfrage an der Ostküste übertraf sämtliche Prognosen.«
   »Es muss nicht jeder gleich den Weltmarkt überschwemmen. Trotzdem sind die Medaillen und positiven Artikel im Wine Spectator nicht zu verachten.« Sie lehnte sich gegen die Arbeitsplatte, die Hände auf die Kante gestützt. »Andererseits muss ich gestehen: Dein Sauvignon Blanc überzeugt mich nicht. Duartes Verkaufstalent in Ehren, aber ich bezweifle, dass er damit die Sommeliers in San Francisco gewinnen kann.«
   Colin zog den einzigen Stuhl heran. Er saß kaum, schon begann sein rechtes Bein, hektisch zu vibrieren. Sein Stiefelabsatz hämmerte im gleichen Takt auf den Boden.
   »Meinst du, das wüsste ich nicht?«, gab er offen zu. »Russian River Gold ist ein guter Wein, der sich anständig verkauft. Vor allem der 2012er läuft bestens. Aber die Neuerfindung des Rads sieht anders aus. Wir halten die Qualität und produzieren anständige Mengen. Damit läuft der Laden, selbst wenn es Ernteeinbußen gibt.«
   »Weil dir beispielsweise ein Flugzeug in die Reben fällt.«
   »So viel Pech kann man nicht haben.« Er kippelte auf den Stuhlbeinen vor und zurück. »Konnte der Scheiß-Flieger nicht ein Stückchen weiter in die Berge krachen? Nein, der muss ausgerechnet mitten in meinem Pinot explodieren.«
   »Hättest du geahnt, dass Emile Devereaux dermaßen scharf darauf war, wäre es einfacher gewesen, ihm eine Kiste davon mit einem Toast auf gute Nachbarschaft zu schicken.«
   Anstelle einer Antwort verzog er missmutig das Gesicht.
   »Wie steht’s mit dem Alexander Valley Cabernet? Der läuft gut, wenn man Alechandros Berichten und Howards Zahlen glauben darf.«
   »Darf man. Duarte macht sich zwar ungern seine italienischen Treter schmutzig, aber er weiß, wie man Wein verkauft. Und Howard lebt und atmet seine Statistiken.« Er zuckte mit den Achseln. »Ist das Gleiche wie mit dem Sauvignon. Qualitativ hochwertig, trotzdem fehlt ihm das gewisse Etwas. Da hole ich einfach nicht alles raus, was wirklich drinsteckt. Entweder zieht dir das Tannin den letzten Sabber aus der Zunge, oder die Trauben geben nicht alle Nuancen preis.« Er ging zum PC, rief eine Liste auf. »Du hast wahrscheinlich gesehen, dass ich mehrere Versuchsreihen laufen habe. Bisher leider ohne durchschlagenden Erfolg.«
   »Hast du mal versucht, den Cabernet mit zwei oder drei Prozent Syrah zu assemblieren?«
   »Die Aussies spielen gern mit Syrah, stimmt’s?«
   »Nicht ohne Erfolg.« Sie deutete auf eine Zahlenreihe am Ende der Kolonnen. »Was ist mit dem Malbec? Baust du die Lage wirklich nur für den Verschnitt mit Carneros Merlot an?«
   »Warum nicht? Zumindest, bis mir ein besserer Verwendungszweck dafür einfällt. Du weißt doch: Kleine Jungs brauchen was zu spielen und matschen gern.«
   »Kein Thema«, bestätigte sie, wurde jedoch umgehend ernst. »Über den Malbec müssen wir uns mal in Ruhe unterhalten. Die Argentinier sind da führend. Ich persönlich finde Syrah und Petit-Syrah interessanter. Sollte ich mich etwa doch mit dem Kängurufieber angesteckt haben?«
   »Erst vergleichst du uns mit französischen Standards, jetzt soll ich bei den Aussies abgucken?« Er wies mit dem Daumen zum Fenster. »Das da ist Kalifornien. Falls du es nicht mehr weißt: In Kalifornien baut man kalifornische Weine an.«
   »Denen es sicher nicht schadet, wenn man ihnen die besten Ideen aus anderen Weingebieten dieser Erde beimischt.«
   Sein erwarteter Protest blieb aus, was sie umgehend zu einem weiteren Vorstoß ermutigte. Sie legte die Fingerspitzen gegeneinander. »Wenn du einfach nur Simsalabim zu sagen bräuchtest, wie sähe dein perfekter Sauvignon Blanc aus?«
   Wie zuvor grub sich die steile Denkerfalte in seine Stirn. Dann stand er auf und tigerte die wenigen Meter des Labors auf und ab. Als würde er kleine Wolken vor sich her pusten, begleitete leises Schnaufen seine Überlegungen.
   »Er sollte so grün und knackig sein, als würdest du in einen frisch gepflückten Granny Smith beißen. Herb-würzig wie eine Paprikaschote. Grasig und mit einer ausgeprägten Note von grünem Pfeffer. Im Vordergrund exotische Aromen von Passionsfrucht, Kiwi und Limette, dazu Anklänge von Vanille und Gewürznelke. Kalt und crisp wie ein nebliger Dezembermorgen, mit einem Sonnenstrahl, den man mehr erahnen als sehen kann.«
   Er blieb am Fenster stehen, drehte sich um und verschränkte die Arme. »Und? Was denkst du?«
   »Dass wir uns besser an die Arbeit machen.« Sie angelte nach dem Stuhl, den er nicht länger benötigte. »Könnte sein, dass dieses Wunder etwas länger dauert, aber wenn wir das Tröpfchen abgefüllt haben, müssen sich nicht nur hier im Tal ein paar Winzer verdammt warm anziehen!«

Den Spaziergang durch die Zinfandel-Reben empfand sie zu jeder Tageszeit als ein Geschenk, das ständig neue Facetten seiner Schönheit zeigte. Wenn sie in der Frühe aus der wohligen Wärme ihres Hauses trat, ließ sie sich von den gespenstisch wabernden Schleiern umarmen. Morgens bestand die Welt aus einer milchigen Suppe, deren Dunst sich in die Haut fraß und die Reben mit Feuchtigkeit einlullte. Die Nebelschwaden hingen Rauchwolken gleich zwischen den Gebirgsketten, an denen sie später emporzogen, um das Tal freizugeben. Welch ein Kontrast zu den warmen Sonnenstrahlen, die Stunden später über das Land tanzten …
   Der Nachmittag war perfekt, noch brannte die Sonne nicht mit der Kraft, die sie im Juli und August entwickeln würde. Sie schlenderte über den Feldweg, in Gedanken an die Ursprünge dieses Terroirs versunken. Hier wurzelte der Anbeginn von Scott’s Hill. In Isobel’s Garden, nach Angus’ Mutter benannt, gruben sich seit einhundertzehn Jahren unglaublich zähe Zinfandel-Rebstöcke tief ins Erdreich. Der sandige Boden schützte sie vor Phylloxera, der gefürchteten Reblausseuche, und mächtige Eukalyptusbäume boten ihnen einen natürlichen Schutz vor den kalten Winden aus dem Westen. Ihre wenigen Beeren brachten einen Wein von tiefdunkler Farbe mit intensiven Kaffee-Aromen hervor. In der Ferne konnte sie das angrenzende Areal von Sgian Dubh erkennen, weiter östlich rollten die Hänge von Old Stonehedge sanft über das Land. Die schottischen Namen der Lagen standen Pate für die Gründerzeit von Scott’s Hill, mochte sich das Gut inzwischen auch in weit verstreute Landesteile erstrecken. Ein Feuer wie auf Sonoma Creek riss tiefe Wunden ins Land und herbe Einschnitte in die Bilanzen, doch das Herz von Scott’s Hill konnte es nicht zerstören.
   Ein fetter Regenwurm wand sich über den Weg. Ein Schritt über ihn hinweg hätte genügt, aber sie blieb stehen und beobachtete gebannt, wie er sich durch den Staub ringelte, bis er auf der anderen Seite im Erdreich verschwand.
   Ein leises »Wuff« ließ sie aufsehen. Schon rannte ihr ein schwarzer Labrador entgegen. Auf der Bank vor dem Cottage saß Kylie, neben ihr wechselte Vanilla aus ihrer Siesta in Habachtmodus.
   »Na, das ist aber eine nette Überraschung! Hey, Sabbernase, komm her.«
   Sofort drängte sich der Labrador schwanzwedelnd an ihre Beine und hechelte warmen Atem gegen ihre nackten Unterarme. Einen Block und Buntstifte vor sich blickte Kylie sie an. Die bange Anspannung auf ihrem Gesicht wich einer furchtlosen Miene, als sie Lishas ehrliche Freude registrierte.
   »Das ist Chocolate«, sagte sie anstelle einer Begrüßung. Eine Hand um einen Stift gekrallt, lag die andere auf Vanillas Kopf. Beide hielten das Geschehen im Blick.
   »Deine Hunde heißen wirklich Vanilla und Chocolate? Klasse, das gefällt mir.« Ihre Tasche landete auf der Bank, sie brauchte beide Hände, um Chocolate zu kraulen. »Du hast sogar einen Sahneklecks auf der Nase.« Tatsächlich leuchtete ein weißer Fleck von der Größe einer Vierteldollarmünze auf der schwarzen Schnauze.
   »Und Sahne am Bein.« Kylie wies auf einen ähnlichen Fleck unterhalb des rechten Knies. »Gib Pfote, Chocolate.« Prompt klatschte ihr Hinterteil auf die Wiese, und sie hob die rechte Vorderpfote ladylike in die Höhe.
   »Ich bin beeindruckt.« Lisha ging in die Hocke, um die Pfote zu ergreifen, was ihr gleichzeitig einen feuchten Nasenstüber einbrachte. »Ja, ich hab dich auch lieb.« Sie lachte, brachte sich aber vor weiteren Liebesbekundungen in Sicherheit, indem sie sich aufrichtete. Mit dem Handrücken wischte sie sich den Schmatz von der Wange. »Die Gute ist etwas stürmischer als dein blonder Bodyguard.«
   »Chocolate kann man nicht erziehen«, erwiderte Kylie sachlich. »Da ist Hopfen und Malz verloren, sagt Grandpa.«
   »Na, dein Grandpa muss es wissen. Was malst du da? Darf ich mal gucken?«
   Kylie drehte das Blatt um neunzig Grad. Sie war nicht gerade eine begnadete Künstlerin, stellte Lisha insgeheim fest. Das Cottage inmitten an Magersucht leidender Büsche hatte nur mit Mühe dem letzten Erdbeben standgehalten. Seine Mauern waren schief, der Dachfirst eingedrückt und die Fenster nichts als leere Höhlen. Dennoch handelte es sich eindeutig um ihr Haus.
   »Soll ich Blumen vor die Fenster malen?«
   »Au ja, mach das.« Sie sah zum Küchenfenster. »Gut, dass du mich daran erinnerst. Ich muss unbedingt Blumen pflanzen. Bis jetzt hatte ich noch keine Zeit dazu, aber du hast recht. Da fehlt was.« Längst überraschte es sie nicht mehr, dass sie keine Antwort erhielt. Einen roten Stift in der Hand war Kylie damit beschäftigt, Kringel vor die Fenster zu malen.
   »Was hältst du von einem Kakao?«
   Sie nickte und malte weiter.
   »Okay, bin gleich zurück.« Ihre Tasche unter dem Arm öffnete sie die Tür. Sie staunte, als Chocolate ihr nicht folgte, sondern an der Schwelle zurückblieb.

»Heute habe ich sogar an die Servietten gedacht. Jetzt machen wir es uns so richtig gem… Kylie?« Ein Tablett mit zwei Tassen und einem Teller mit Blaubeer-Muffins in den Händen, starrte Lisha auf die leere Bank. Nur die Kinderzeichnung, von zwei Steinen vor dem Davonfliegen gesichert, bewies, dass sie sich den Besuch nicht eingebildet hatte. Irritiert sah sie sich um. Im letzten Moment sah sie einen schwarzen Schwanz hinter den Bäumen verschwinden. Sie stellte das Tablett achtlos auf den Tisch und rannte los. »Kylie! Kylie, warte!«
   Gute fünfzig Fuß vor ihr blieb das Mädchen stehen. Beide Hunde pressten sich an sie, ihre Hände krallten sich in deren Fell. Sie blickte starr auf ihre Schuhe. Lisha bremste ab. Langsam, als wollte sie eine Selbstmörderin vom Sprung in die Tiefe abhalten, trat sie Schritt für Schritt näher.
   »Bitte, Kylie. Bleib. Bitte geh nicht weg.« Sie hatte das Kind auf Armlänge erreicht. Wider Erwarten kam Chocolate ihr nicht entgegen. Kylie hielt den Blick gesenkt, war völlig erstarrt. Sie bezweifelte, dass die Kleine den leisesten Atemzug tat. »Lauf nicht weg, Süße.« Sie hockte sich hin, damit Kylie nicht zu ihr aufsehen musste. »Bitte, ich hab mich so über deinen Besuch gefreut. Du hast mir das schöne Bild gemalt. Jetzt lauf nicht weg.«
   Sie schluckte. Mit einem Mal wusste sie, dass sie ihr nicht aus Sorge nachgelaufen war. Sie wollte nicht, dass Kylie ging. Sie wollte mit diesem verstörten Kind in der Sonne sitzen, Kakao trinken und Muffins essen. Vorsichtig streckte sie die Hand aus, ohne Kylie zu berühren. Vanilla knurrte. Unbeirrt hielt sie ihr die Hand entgegen. Die Zeit verstrich. Nach einer gefühlten Ewigkeit spürte sie weiche Kinderfinger auf ihrer Haut, hörte ein Schnippen, das den Hund verstummen ließ. Bedächtig richtete sie sich auf. Als sie mit Kylie an der Hand wortlos den Heimweg antrat, spürte sie Chocolate, die ihr verspielt um die Beine strich.
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