Um der erzwungenen Ehe mit dem Drogenboss Ricardo Garcia zu entgehen, flieht die Millionärstochter Stella Korres von den Bahamas. Sie gerät in Seenot und wird von dem attraktiven Coast Guard Tyler Hanson gerettet. In ihrer Verzweiflung vertraut sie sich ihm an. Tyler, dem die sinnliche Frau unter die Haut gegangen ist, versteckt sie in seinem abgelegenen Strandhaus auf der Bahamasinsel Cat Island. Die beiden verlieben sich Hals über Kopf ineinander und verbringen wundervolle Tage in dem Inselparadies. Doch Ricardo Garcia lässt sich so einfach nicht abspeisen. Rasend vor Wut greift er zu drastischen Mitteln, um Tyler aus dem Weg zu räumen und Stella trotz ihres Widerstandes zu heiraten. Die idyllische Zweisamkeit findet ein jähes Ende, als Stella entführt wird und Tyler dabei nur knapp dem Tod entrinnt. Wird es Tyler gelingen, Stella aus den Fängen seines übermächtigen Gegners zu befreien? Band 1 der romantischen Bahamas Heartbeat-Reihe.

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ISBN: 978-9963-53-673-3

Seiten: 161

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Romina Gold

Romina Gold
Romina Gold fand bereits als Jugendliche ihre selbst erschaffene Fantasiewelt spannender als das reale Leben. Damals begann sie, ihre Lieblingsgeschichten aufzuschreiben. Ihre Träume hat sie sich bis heute ebenso bewahrt wie die Leidenschaft fürs Schreiben. Rominas Bücher sind eine Mischung aus Romantik und Abenteuer, mit denen sie ihren Lesern eine unterhaltsame Auszeit schenken möchte. Ihre schriftstellerische Bandbreite reicht von rasanten Thrillern über dramatische Beziehungsromane bis hin zu zauberhafter Fantasy, jedoch immer garniert mit einer wundervollen Liebesgeschichte. Die freiberufliche Autorin und Lektorin lebt mit Mann und Hund im sonnigen Südwesten Deutschlands. Ihr Erlebnishunger sowie ihr Faible für fremde Länder finden sich in ihren Romanen ebenso wieder wie ihr Glaube an die wahre Liebe.

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Leseprobe

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Kapitel 1
Grand Bahama, Freeport

»Das ist ja der reinste Viehmarkt«, brauste Stella auf und schoss aus ihrem Sessel hoch.
   »Sei nicht so frech«, fuhr ihr Vater sie an. »Du wirst Ricardo heiraten.«
   »Diesen Kotzbrocken? Niemals!«
   Ihr Vater sprang ebenfalls auf. »Ich sage es zum letzten Mal. Du heiratest ihn«, brüllte er. Sein ausgestreckter Arm wies zu Ricardo Garcia, der in einem Sessel lümmelte, den Rotwein im Glas schwenkte und den Streit ungerührt verfolgte.
   Stella warf ihrem Gast einen flüchtigen Blick zu und der Wunsch, ihm den Wein in sein hässliches Gesicht zu schütten, wurde übermächtig.
   »Reg dich nicht auf, Korres«, vernahm sie seine Stimme und der überhebliche Tonfall kratzte an ihren Nerven. »Sie wird sich an den Gedanken, meine Frau zu sein, schon noch gewöhnen.«
   »Nein!« Sie funkelte ihren Vater an. »Du kannst mich nicht zwingen.«
   Die hervortretenden Adern an seinem Hals und die zu Schlitzen zusammengekniffenen Augen hätten sie warnen müssen. Wutentbrannt riss er die Hand hoch. Er ohrfeigte sie auf beide Wangen, sein Siegelring traf ihr Jochbein und der Schmerz explodierte. Stella schossen Tränen in die Augen. Sie schrie, hob schützend die Arme über den Kopf und taumelte aus seiner Reichweite.
   Fassungslos starrte sie ihn an. Er hatte sie noch nie geschlagen! Durch den Tränenschleier nahm sie seine unerbittliche Miene wahr und Panik griff nach ihr. Er meinte diese absurde Forderung tatsächlich ernst. Stella fühlte sich wie ein in die Enge getriebenes Tier. Sie bemerkte Ricardos boshaftes Grinsen und das Glitzern in seinem Blick. Dem Mistkerl gefiel es, dass ihr Vater ihr seinen Willen aufzwingen wollte.
   Sie betastete die pochende Wange, spürte warme Nässe und nahm den Blutgeruch wahr. Erschüttert starrte sie auf die roten Spuren an ihren Fingern, ihr Blick suchte den ihres Vaters. Anstatt der erhofften Reue fand sie darin nur kalte Erbarmungslosigkeit.
   Schluchzend wirbelte Stella herum, rannte durch die offenstehende Schiebetür auf die Terrasse und folgte dem geschwungenen Weg, der bis zum Bootsanleger führte. Der beleuchtete Pool inmitten der gepflegten Rasenfläche schimmerte einladend, der warme Wind trug exotische Blütendüfte und Meeresrauschen mit sich. Doch Stella nahm die Schönheit dieser Tropennacht kaum wahr. Sie wollte nur fort von hier.
   In ihr Entsetzen über Vaters Brutalität mischte sich Zorn. Er hatte sie gedemütigt und geschlagen. Vor Garcia. Wegen Geld! War er total durchgeknallt?
   Am Ende des Grundstücks streifte sie die Sandaletten ab, betrat den Bootssteg und sprang an Bord der Midnight Star. Keuchend lehnte sie sich gegen die Reling und wischte sich die Tränen von den Wangen. Ihre Wut ließ ein wenig nach, stattdessen stieg Verzweiflung in ihr auf. Nie zuvor hatte sie ihren Vater so erlebt. Erst seit er mit Garcia verkehrte, benahm er sich herrisch und aggressiv.
   Ricardo Garcia war CEO einer Investmentfirma mit Sitz in Nassau, doch Stella argwöhnte, dass hinter der seriösen Fassade zwielichtige Aktionen abliefen. Geldwäsche gehörte mit zu den einträglichsten Geschäften auf den Bahamas, wenn auch niemand öffentlich darüber sprach.
   Ihr Vater hatte sich an der Börse verspekuliert, er schuldete Garcia einen Betrag in Millionenhöhe und Stella sollte sein Problem lösen, indem sie Ricardo heiratete, der dafür im Gegenzug Korres die Schulden erlassen wollte.
   Erneut kochte die Wut in ihr hoch. Da hatten sich die beiden Helden ja einen schönen Plan zusammengesponnen. Glaubten die tatsächlich, sie würde diesem Handel zustimmen? Sich verschachern lassen wie eine Zuchtstute, um Dads Fehler auszubaden?
   Stella hatte sich anfangs nichts dabei gedacht, als Garcia immer öfter in ihrer Familienresidenz in Freeport aufgetaucht war. Ihr Vater gefiel sich in der Rolle des großzügigen Gastgebers und lud häufig Geschäftspartner ein.
   Sie fand Ricardo abstoßend, ging ihm nach Möglichkeit aus dem Weg und versuchte, sein dreistes Starren zu ignorieren. Stella kannte diese Blicke. Mit ihrer Stundenglasfigur, den glänzenden zobelbraunen Locken und ihrer natürlichen Sinnlichkeit wirkte sie auf viele Männer anziehend. Sie kokettierte gern mit ihren Reizen und war einem Flirt nicht abgeneigt, aber sie hatte Garcia niemals ermuntert, sich ihr zu nähern. Allein die Vorstellung, dass er sie anfassen könnte, löste Brechreiz bei ihr aus.
   Vom Haus schallten Stimmen herüber und rissen sie aus der Grübelei. In den aufgeregten Wortschwall ihres Vaters mischte sich Yannis’ beruhigender Bass. Offensichtlich suchte man nach ihr. Sie erkannte die massive Silhouette ihres Bodyguards Yannis Galanis, der soeben durch die Terrassentür trat, und traf eine Entscheidung.
   Als die Flutlichtanlage aufflammte und das parkähnliche Grundstück taghell erleuchte, löste sie die Leinen, startete den Motor und steuerte hinaus aufs offene Meer. Falls Yannis sie gehört hatte, würde er sie nicht verraten. Er war ihr einziger Vertrauter.

Die Motorjacht jagte über die wogende See. Der Wind blies Stella ins Gesicht und kühlte ihre brennenden Wangen, während ihre Gefühle zwischen Verzweiflung, Unverständnis und Zorn schwankten. Ungehalten schob sie den Gashebel bis zum Anschlag nach vorn. Sollte ihr Dad doch sehen, wie er aus der Nummer wieder herauskam.
   Je weiter sie sich von zu Hause entfernte, desto ruhiger wurde sie. Ihre Gedanken schweiften zu dem Streit zurück und kreisten um das veränderte Verhalten ihres Vaters. Seit einigen Wochen wirkte er rastlos und geistesabwesend. Vorhin, beim Dinner, hatte sie den Grund dafür erfahren: Er war hoch verschuldet. Bei Garcia. Der auch gleich eine Lösung für das Problem aus dem Ärmel zog, nämlich seine widerliche Person als ihr Ehemann.
   Die Böen wurden heftiger und zerrten an dem Cocktailkleid aus rotem Organza. Schaudernd rieb sich Stella die bloßen Arme. Sie überlegte, eine Jacke zu holen, doch in diesem Moment krachte die Midnight Star in ein Wellental. Stella verlor das Gleichgewicht und prallte gegen das Ruder. Panisch packte sie nach einem Halt, bevor sie die Geschwindigkeit drosselte.
   Das Licht der Scheinwerfer tanzte über die Wasseroberfläche und fing sich in den schaumgekrönten Wellen, die sich in rascher Folge türmten. Vorboten eines Sturms! Sie verfluchte ihre Unaufmerksamkeit. Anstatt zu grübeln, hätte sie gescheiter den Seefunk abhören und sich auf die Route konzentrieren sollen. Wie eine Anfängerin war sie in eine Schlechtwetterzone hineingefahren.
   Stella drängte die aufsteigende Angst zurück und besann sich auf ihre Erfahrung als Skipper.
   Zuerst drehte sie die Jacht in den Wind, damit diese nicht quer zu den Wellen kam und Gefahr lief, zu sinken. Danach aktivierte sie den Autopiloten, holte eine Schwimmweste aus dem Fach im Steuerstand und legte sie an. Sie wollte gerade wieder das Ruder übernehmen, als sie eine Wasserwand auf sich zukommen sah. Ihr Herz setzte einen Schlag aus, instinktiv tastete sie nach der Notfunkbake. Die riesige Woge schob sich unter den Bug und riss sie von den Füßen. Ihr Kopf prallte gegen eine Kante, dann versank sie in Dunkelheit.

*

Die Tür zum Aufenthaltsraum flog auf.
   »Schiff in Not! Vor Grand Bahama«, rief Mike Conlin, der Leiter der Seenotrettungsstelle.
   Tyler und Brad warfen die Spielkarten auf den Tisch und sprangen auf. Tyler seufzte, denn er hatte gehofft, die letzte Stunde der Schicht in Ruhe verbringen zu können.
   Sie rannten zum Helikopter, der bereits mit laufenden Rotoren auf sie wartete. Tyler spürte das Adrenalin durch seinen Körper pulsieren, wie immer bei einem Einsatz. Die Müdigkeit war verflogen.
   Der Hubschrauber stieg auf, flog eine Kurve und steuerte aufs offene Meer zu. Kaum hatten sie die Küstenlinie hinter sich gelassen, wurden sie von den Ausläufern des Tropensturms gebeutelt.
   Während die Rettungsschwimmer in ihre Neoprenanzüge schlüpften, versorgte Mike sie mit Details. »Das Boot scheint manövrierunfähig zu sein. Es sendet den automatischen Notruf, aber niemand antwortet auf unsere Funksprüche.«
   Brad und Tyler wechselten einen Blick. Das klang übel. Der Skipper konnte verletzt und handlungsunfähig sein. Bei dem hohen Seegang war es allerdings auch nicht auszuschließen, dass er über Bord gespült worden war.
   Der Suchscheinwerfer fing sich in dem weißen Anstrich der Jacht, und der Helikopter ging tiefer. Ein Lichtreflex erregte Mikes Aufmerksamkeit.
   »Da! Jemand mit Rettungsweste. Hanson!«
   Tyler hing bereits fertig zum Abseilen im Gurt. Der Hubschrauber schwebte über dem schwankenden Deck und der Pilot benötigte sein ganzes Geschick, um die Position trotz der Böen zu halten.
   Geübt federte Tyler die Landung auf den glitschigen Planken ab und hangelte sich an der Reling entlang bis zu der reglosen Person. Neben ihr sank er auf die Knie. Der Scheinwerfer erfasste eine junge Frau. Bewusstlos. Oder tot. Vorsichtig strich er das nasse Haar aus ihrem Gesicht und offenbarte eine Platzwunde an der Stirn. Er tastete nach dem Puls und bemerkte dabei, dass sie sich mit einem Rettungsgurt festgehakt hatte. Zum Glück! Ansonsten wäre sie bei dem Wellengang und in ihrem hilflosen Zustand womöglich über Bord gegangen.

Kapitel 2

Stella schlug die Augen auf und starrte an eine weiße Wand … nein, Zimmerdecke. Langsam drehte sie den Kopf und sah sich um. Ihre verspannten Halsmuskeln knirschten.
   Wo war sie? Und warum? Sie bemerkte den Infusionsständer neben dem Bett und die Kanüle in ihrem Handrücken. Krankenhaus! Sie wollte sich aufsetzen, doch eine Schmerzattacke zwang sie in die Kissen zurück. Mit geschlossenen Augen verharrte sie, bis das pulsierende Kopfweh, der Schwindel und die Übelkeit ein wenig nachließen, dann bewegte sie vorsichtig Arme und Beine. Ihre verkrampften Muskeln protestierten mit einer neuen Schmerzwelle.
   Sie stöhnte und tastete nach dem Rufknopf.
   Kurz darauf betrat eine hochgewachsene Frau mit einem wilden blonden Lockenkopf den Raum. Stella schätzte sie auf Anfang dreißig.
   »Hallo, ich bin Dr. Mia Hanson«, stellte sie sich vor. »Wie geht es Ihnen?« Ihr Lächeln wirkte vertrauenerweckend.
   »Was ist passiert?«, krächzte Stella. Ihr Hals fühlte sich rau und wund an, in ihrem Mund klebte ekliger Salzwassergeschmack.
   Dr. Hanson griff nach der Karaffe auf dem Nachttisch und goss Wasser in ein Glas, das sie ihr reichte. »Sie wurden von den Ausläufern des Hurrikans getroffen. Haben Sie die Warnungen denn nicht gehört?«
   Stella trank gierig, setzte das leere Glas ab und starrte die Ärztin an. »Ich … kann mich nicht erinnern.«
   »Die Coast Guard hat Sie von einer Jacht geborgen. Sie waren bewusstlos.« Dr. Hanson machte eine Geste zu Stellas Kopf. »Sie haben eine Platzwunde an der Stirn und eine Beule am Hinterkopf. Das CT war unauffällig. Keine Schädelverletzung, nur eine Gehirnerschütterung.« Sie zog eine Pupillenleuchte aus ihrer Kitteltasche und überprüfte die Reaktion beider Augen. »Alles normal. Sie brauchen ein paar Tage Ruhe, dann sind Sie wieder wie neu.«
   Stella reagierte nicht auf die aufmunternde Worte. Langsam hob sie die Hand und betastete ihren Kopf. Sie fühlte die Schwellung. Bewusstlos, hatte die Ärztin gesagt. Sie hätte ertrinken können. Die Erinnerung an den vergangenen Abend stieg in ihr hoch. Wegen Garcia lag sie hier, verletzt und mit Schmerzen. »Wo bin ich?«, fragte sie.
   »In Miami.«
   Florida! Also erst mal außer Reichweite ihres Vaters und Ricardos. Erleichtert atmete sie auf.
   »Eine Schwester bringt Ihnen gleich etwas zum Essen und nimmt die persönlichen Daten auf.« Dr. Hanson nickte ihr zu und verließ das Zimmer.
   Stella schloss seufzend die Augen, ihre Gedanken jagten sich. Wie lange würde es dauern, bis Dad oder Ricardo hier auftauchten? Die Coast Guard hatte ihren Vater gewiss schon informiert. Die Midnight Star war auf ihn registriert. Sie musste verschwinden, bevor jemand kam, um sie abzuholen. Stella schlug die Bettdecke zurück und starrte frustriert auf das Krankenhaushemd. Wo war ihr Kleid? Sie schaute sich um, ihr Blick fiel auf den Spind in der Ecke. Mit neuer Energie schwang sie die Beine über die Bettkante und stand auf. Der Raum begann, sich um sie zu drehen, sie schwankte, packte nach dem Beistelltisch und riss im Fallen Glas und Wasserkaraffe mit. Der Aufprall jagte heftige Schmerzen durch ihren Körper und ihr Kopf protestierte wild hämmernd gegen die grobe Behandlung.
   Das Getöse alarmierte das Personal. Zwei Schwestern stürzten ins Zimmer, hoben sie auf und halfen ihr ins Bett. Sekunden später rauschte Dr. Hanson herein.
   »Was machen Sie denn für Sachen? Sie sollen doch liegen bleiben. Zum Glück haben Sie die Kanüle nicht herausgerissen.« Sie verbarg ihre Besorgnis hinter dem Geschimpfe.
   Stella starrte die Ärztin an. Diese legte ihr beruhigend eine Hand auf den Unterarm.
   »Haben Sie sich wehgetan?«
   »Nein.« Stella biss auf die Unterlippe, Tränen schossen ihr in die Augen und liefen über ihre Wangen.
   »Alles okay, Miss …? Wie heißen Sie überhaupt?«
   Nein, nichts war okay. »Stella Korres«, stammelte sie.
   »Also, Stella. Was ist denn los? Warum turnen Sie herum in Ihrem Zustand?«
   Sie fasste nach Dr. Hansons Hand. »Bitte, helfen Sie mir«, flehte sie. »Ich muss sofort weg von hier. Mein Vater …, er darf mich nicht finden.«
   »Keine Sorge. Wir haben Ihre Patientenakte noch nicht ausfüllen können. Niemand kennt Ihren Namen.«
   »Die Jacht gehört ihm. Er wird erfahren, wo ich bin.«
   Dr. Hanson sah sie ungläubig an. »Verstehe ich das richtig? Sie sind geflohen? Trotz Sturm und hohem Seegang?«
   Stella nickte.
   »Wissen Sie nicht, wie gefährlich das ist?«
   »Doch, aber ich hatte keine andere Wahl. Es ging um mein Leben.« Sie klammerte sich an den Arm der Ärztin. »Bitte, Dr. Hanson. Ich kann unmöglich zu ihm zurück!«
   »Beruhigen Sie sich erst mal. Hier sind Sie in Sicherheit.« Dr. Hanson verlieh ihrer Stimme einen besänftigenden Ton und zog die Hand aus Stellas Griff. »Ich rufe meinen Bruder an, er ist bei der Coast Guard.«
   Stella schluchzte. »Nein! Verraten Sie mich nicht!«
   »Wieso sollte ich das tun? Tyler hat Sie gerettet. Ich will ihm nur sagen, dass er keine Auskunft über Sie geben soll.«

*

Mia trat ans Fenster, holte ihr Smartphone hervor und schaltete es ein. Während sie dem Rufton lauschte, betrachtete sie Stella, die erschöpft in den Kissen lag. Sie musste herausfinden, was vorgefallen war. Wenn die Frau tatsächlich um ihr Leben gelaufen war, bestand Handlungsbedarf. Eventuell benötigte sie Polizeischutz.
   »Hi, Tyler.«
   »Hey.« Er klang verschlafen.
   »Ich habe gute Nachrichten. Die Schiffbrüchige, die du heute Nacht gerettet hast, ist zu sich gekommen.«
   Er stieß erleichtert den Atem aus. »Wie geht es ihr?«
   »Soweit ist sie okay. Keine ernsthaften Verletzungen. Eine leichte Gehirnerschütterung, Prellungen und eine Platzwunde an der Stirn.«
   »Da hat sie aber Glück gehabt. Die Kopfwunde sah böse aus.«
   »Hm …« Mia zögerte. »Was ist aus der Jacht geworden?«
   »Die sollte in die Marina gebracht werden. Genaues weiß ich nicht, da ich nach dem Einsatz Schluss hatte.«
   »Sie ist nicht gesunken?«
   »Nein, sie lief auf Autopilot und war nur minimal beschädigt. Warum interessiert dich das?«
   »Weil die Patientin behauptet, sie wäre geflohen.«
   »Okay«, sagte er gedehnt. »Ich habe sie für einen Partygast gehalten. Dachte, sie wäre betrunken. Kein Mensch, der klar im Kopf ist, fährt in einen Hurrikan hinein. Absolut …«
   Bevor er sich weiter in seine Tirade hineinsteigerte, fiel ihm Mia ins Wort. »Kann die Küstenwache den Halter feststellen?«
   »Die Jacht ist auf die Firma meines Vaters registriert«, mischte sich Stella ein. »Reederei Korres.«
   Mia nickte ihr kurz zu und wich ihrem furchtsamen Blick aus, indem sie auf den Parkplatz hinunterstarrte. »Hast du das gehört? Die Jacht ist registriert«, gab sie Stellas Worte an ihren Bruder weiter. »Bedeutet das, die Coast Guard informiert den Eigentümer, in welcher Marina das Boot liegt? Und in dem Zusammenhang erfährt er, wo seine Tochter zu finden ist?«
   »Ja, richtig.«
   »Kannst du das verhindern?«
   »Und wie soll ich das begründen? Wenn die Frau bedroht wird, schalte die Polizei ein.«
   »Tyler, der Typ hat sie geschlagen! Die Wunden stammen nicht alle von dem Unfall.«
   Er zögerte. »Tut mir leid, aber das ist der offizielle Weg. Ich kann da nichts vertuschen, der Rettungseinsatz ist dokumentiert.«
   »Verdammt«, platzte sie heraus. »Es muss doch eine Möglichkeit geben, sie zu schützen.«
   »Mia, was ist los? Warum regt dich das so auf?«, fragte er besorgt.
   »Miss Korres sagt, es geht um ihr Leben.«
   Tyler schwieg einen Moment. »Ich hab eine Idee …, ich melde mich gleich noch mal bei dir.« Er drückte das Gespräch weg.
   Langsam trat Mia ans Bett.
   »Ihr Bruder wird meinem Dad sagen, wo ich zu finden bin.« Resignation schwang in Stellas Stimme mit.
   »Nein. Tyler hat mir nur bestätigt, dass die Jacht nicht gesunken ist und in die Marina gebracht wird, wo Ihr Vater sie abholen kann.«
   Stellas Schultern sackten nach vorn. »Das kommt aufs Gleiche raus«, murmelte sie.
   Der Pager in Mias Kitteltasche meldete sich, sie zog ihn heraus und warf einen Blick darauf. »Ich muss los. Ich schaue nachher noch einmal vorbei«, versprach sie Stella.

Tyler rief eine halbe Stunde später zurück. »Die Midnight Star gehört einem Alexandros Korres«, berichtete er. »Der Mann ist Inhaber einer kleinen Reederei, ein millionenschwerer Typ … mit ein paar dunklen Flecken auf der weißen Weste.«
   Mia staunte. »Wie hast du das alles so schnell herausgefunden? Und was soll das bedeuten mit den dunklen Flecken?«
   »Ich habe mich ein wenig umgehört, im Internet recherchiert und mit Dan gesprochen.«
   Daniel Hanson, Tylers und Mias Cousin, arbeitete für das FBI.
   »Im Zusammenhang mit Korres ist der Name Ricardo Garcia gefallen«, fuhr Tyler fort. »Offiziell ist er CEO einer Investmentfirma in Nassau, das FBI hat ihn aber schon länger auf dem Radar. Dan durfte mir keine Details nennen, er hat mich allerdings vor dem Kerl gewarnt. Ich behaupte mal, es geht um Drogen oder Waffen. Garcia stammt ursprünglich aus Kolumbien. Er hat sich vor einigen Jahren in Florida niedergelassen und kurz darauf das Unternehmen in Nassau gegründet.«
   Mia rieselte es eisig den Rücken hinunter. Garcia gehörte vermutlich einem Drogenkartell an. Und Stellas Vater steckte mit ihm unter einer Decke. »Du hast recht. Es wäre wirklich besser, die Polizei einzuschalten. Danke für die Infos, Tyler.« Sie beendete das Gespräch, überquerte den Flur und betrat Stella Korres’ Zimmer.
   Diese saß aufrecht im Bett. Ein unberührtes Tablett mit Essen stand auf dem Nachttisch.
   »Mein Bruder hat sich gemeldet«, sagte sie. »Kennen Sie einen Ricardo Garcia?«
   Stella zuckte zusammen. Pures Entsetzen trat in ihren Blick. »Woher …?« Sie verstummte und schlug die Hände vors Gesicht. »Mein Vater wollte mich zwingen, ihn zu heiraten, und als ich mich geweigert habe, hat er mich geschlagen und bedroht«, brach es aus ihr heraus.
   Daher kam das blaue Auge! Erschrocken sah Mia das weinende Häufchen Elend an, Ärger wallte in ihr auf. Wie herzlos musste ein Vater sein, der seine Tochter mit Prügeln zu einer Ehe zwang? Sie so sehr drangsalierte, dass sie ihre einzige Chance in einer lebensgefährlichen Flucht sah. Mia dachte an die Geborgenheit ihres Elternhauses, an ihren Dad, bei dem sie sich selbst heute noch, mit zweiunddreißig Jahren, jederzeit Rat holte. In dessen Arme sie sich kuschelte, wenn sie Kummer hatte. »Ich rufe die Polizei.«
   »Nein!« Stella schaute auf. »Dann erfährt mein Vater, wo ich zu finden bin.«
   »Die Beamten werden Sie vor ihm schützen.«
   »Und was soll ich denen erzählen? Ich habe keine Beweise.« Sie zog deprimiert die Mundwinkel nach unten. »Die Verletzungen könnten von dem Bootsunfall stammen. Mein Vater ist ein einflussreicher Mann mit einem tadellosen Ruf. Niemand würde mir glauben, wenn ich ihn als Schläger hinstelle. Und Ricardo wird nie zu meinen Gunsten aussagen.« Stella schüttelte den Kopf. »Nein. Mit einer Anzeige würde ich alles nur noch schlimmer machen. Und ich will so weit auch nicht gehen.«
   Mia nickte verständnisvoll. Sie konnte die Bedenken ihrer Patientin nachvollziehen.
   »Ricardo Garcia ist eine Bestie«, fuhr Stella fort und verzog angeekelt das Gesicht. »Er wird sich an mir rächen, sollte ich ihn anschwärzen. Er ist gemein … und böse.« Sie begann erneut zu weinen.
   Ihre Verzweiflung und offensichtliche Panik gingen Mia unter die Haut. Diese beiden Dreckskerle durften Stella niemals wieder in die Hände bekommen. Spontan traf sie eine Entscheidung. »Bitte, beruhigen Sie sich, die Aufregung ist nicht gut für Ihren Kopf. Wir werden eine Lösung finden.«
   Sie tätschelte tröstend Stellas Arm und diese schniefte.
   »Aber keine Polizei, versprechen Sie mir das, Dr. Hanson.«
   »Okay. Keine Polizei. Großes Indianerehrenwort.« Mia hob die Hand zum Schwur. »Ich muss noch nach einigen Patienten sehen. Danach habe ich Dienstschluss und komme wieder zu Ihnen. Sie bleiben solange im Bett.« Mia drückte erneut ihren Arm. »Ich hole Sie hier raus.«
   Stellas jadegrüne Augen weiteten sich erstaunt. »Warum?«, hauchte sie.
   »Weil kein Mensch das Recht hat, über einen anderen zu verfügen.«

*

Die Minuten dehnten sich und Stellas Erleichterung wich beginnender Nervosität. Würde Dr. Hanson wiederkommen oder waren das alles nur leere Worte gewesen? Vielleicht holte sie ja doch die Polizei, trotz ihres Versprechens.
   Stella rief sich die Ereignisse der vergangenen Nacht ins Gedächtnis, damit sie die Details parat hatte, falls plötzlich ein Polizist im Zimmer auftauchen sollte. Sie musste plausibel und sortiert klingen, sonst würde man sie für verrückt halten. War es klug, Ricardo Garcia zu erwähnen? Sie wollte unter keinen Umständen mit diesem Halunken in Verbindung gebracht werden. Außerdem hatte sie Angst vor einer neuen Konfrontation. Das Thema Heirat stand immer noch im Raum. Mit ihrer kopflosen Flucht hatte sie sich nur etwas Zeit verschafft.
   Ihre Gedanken drifteten von dem Streit zu ihrem Vater. Bis gestern war er für sie die engste Bezugsperson gewesen, ihr Fels in der Brandung. Im wahrsten Sinne des Wortes war sie schlagartig auf sich allein gestellt, kam sich verraten und verkauft vor. Ein hitziger Disput, zwei Ohrfeigen und ihr Leben lag in Scherben.
   Stella zuckte zusammen, als sich die Zimmertür öffnete. Bei Dr. Hansons Anblick atmete sie erleichtert auf. Die Ärztin hielt ihr Wort! Sie schob einen Rollstuhl neben das Bett und arretierte die Bremsen.
   »Hier, ich habe Ihnen etwas zum Anziehen mitgebracht.« Sie legte ein Shirt und eine Jogginghose auf die Bettdecke. »Warten Sie, ich helfe Ihnen beim Umziehen. Danach werde ich Ihren Kopf verbinden und Sie rausbringen. Am besten stellen Sie sich schlafend.«
   Dr. Hanson zog den Schlauch der Infusionslösung von der Kanüle ab, entfernte die Nadel aus dem Handrücken und versorgte die Einstichstelle. Anschließend schlüpfte Stella in die mitgebrachte Kleidung.
   Sobald sie im Stuhl saß, hüllte die Ärztin sie in eine Decke. Zusammen mit dem Kopfverband, der fast die Hälfte ihres Gesichts bedeckte, würde die Maskerade hoffentlich genügen, um das Krankenhaus unbehelligt verlassen zu können.

*

Der lange Flur lag vor ihnen. Mia spähte nach allen Seiten, bevor sie den Rollstuhl aus dem Zimmer holte und geschäftig den Gang entlanghastete. Eine Schwester kam ihnen entgegen, nickte ihr kurz zu, nahm jedoch keine Notiz von der Patientin.
   Sie hatten fast die Aufzüge erreicht, als sie hörte, wie Stella erschrocken die Luft einsog. »Was ist los?«, fragte sie.
   »Da vorn ist Yannis, mein Bodyguard«, flüsterte Stella.
   An der Anmeldung stand ein riesiger Kerl in einem dunklen Anzug. Schon von Weitem war er Mia ins Auge gefallen. Ruhig schob sie den Rollstuhl am Empfang vorbei und wollte gerade die Ruftaste berühren, da hörte sie ihren Namen.
   »Das ist Dr. Hanson! Sie hat die Frau behandelt.«
   Mia verkniff sich einen Fluch. Luzie mit ihrer lauten Stimme und dem Plappermaul! Schnell drehte sie sich um und sah dem Mann entgegen, der auf sie zusteuerte, während sie versuchte, ihm die Sicht auf Stella zu versperren. In diesem Moment war sie froh über ihre Körpergröße.
   »Dr. Hanson?«
   »Ja, bitte?«, antwortete sie kurz angebunden.
   »Man sagte mir, Sie hätten Stella Korres behandelt.«
   Sie musterte ihn. »Gehören Sie zur Familie?«
   »Mehr oder weniger. Ich bin Miss Korres’ Bodyguard. Yannis Galanis.«
   »Tut mir leid, Mr. Galanis. Ich darf nur Familienangehörigen Auskunft geben.«
   Sekundenlang starrten seine dunkelbraunen Augen in ihre. »Tun Sie das lieber nicht«, sagte er dann leise.
   »Was soll das heißen?«, fragte sie forscher, als ihr zumute war.
   Er schwieg einen Moment. »Falls sich ein Ricardo Garcia nach Stella erkundigen sollte, berufen Sie sich bitte auf Ihre Schweigepflicht. Vermutlich wird er sich als ihr Verlobter ausgeben. Aber das ist gelogen.«
   Mia nickte knapp. »In Ordnung. War das alles, Mr. Galanis? Ich habe zu tun.«
   Er presste ärgerlich die Lippen aufeinander.
   »Können Sie mir nicht wenigstens sagen, wie es Stella geht? Ist sie schwer verletzt?«, versuchte er es erneut.
   Mia lag auf der Zunge, ihn in die HNO-Abteilung im vierten Stock zu schicken, da er offensichtlich schwerhörig war. »Ich habe meine Anweisungen. Miss Korres’ Angehörige sollen vorbeikommen, mit denen werde ich sprechen«, erwiderte sie stattdessen.
   Galanis verzog frustriert das Gesicht. »Dann will ich Sie nicht länger aufhalten«, sagte er betont freundlich. »Grüßen Sie Stella von mir.« Er machte kehrt und stieß die Tür zum Treppenhaus auf, die den Aufzügen gegenüberlag.
   Mia atmete langsam aus.
   »Yannis wird mich nicht verraten«, murmelte Stella.
   »Er hat Sie verdammt schnell gefunden.«
   Ein mulmiges Gefühl erfasste Mia. Sie ließ sich selten von besorgten oder aufgeregten Angehörigen einschüchtern, aber vor diesem Hünen mit seinem durchdringenden Blick wäre sie fast eingeknickt.
   Sie brachte Stella in ihre Wohnung, die in der Nähe der Klinik lag, und half ihr, sich auf der Couch auszustrecken. Der Schwindel hatte sich während der Fahrt verstärkt und Stella war froh, als sie die Augen schließen konnte. »Danke, Dr. Hanson.« Ihre Stimme klang matt.
   »Ich finde, wir sollten die Förmlichkeiten lassen. Ich bin Mia.«
   Stella schaute sie an und lächelte.
   Mia betrachtete ihre Patientin sorgenvoll. Aus ärztlicher Sicht hätte sie das Krankenhaus nicht verlassen dürfen. Sie brauchten Hilfe. Kurz entschlossen wählte sie Tylers Nummer.
   »Du hast was?«, explodierte er.
   »Tyler, die Frau ist von ihrem Vater verprügelt worden, damit sie einen Kriminellen heiratet.«
   »Ach, und du legst dich seit Neuestem mit Verbrechern an? Dieser Garcia ist kein kleiner Betrüger. Der Typ hat richtig Dreck am Stecken, sonst wäre das FBI nicht an ihm interessiert.«
   »Jetzt komm wieder runter. Noch weiß niemand, dass ich Stella geholfen habe.« Sie verdrängte den Gedanken an Yannis Galanis, der ihr Täuschungsmanöver garantiert durchschaut hatte. »Sie braucht ein sicheres Versteck. Wenn man ihr Verschwinden bemerkt, wird man zuerst mich fragen. In ihrem Zustand hätte sie das Krankenhaus nicht allein verlassen können.«
   »Na super!« Tyler schnaubte. »Musst du dich in alles einmischen? Ich hab dir doch gesagt, ruf die Polizei. Warum hast du nicht wenigstens erst mit mir geredet?«
   »Wozu? Um mit dir herumzudiskutieren?«
   »Es ist immer das Gleiche mit dir. Du machst spontan irgendwas und bringst dich in die blödesten Situationen.«
   »Verdammt, Tyler, seit wann bist du so ein Luschi?«
   Stella brach in Gelächter aus und Mia warf ihr einen irritierten Blick zu.
   »Was ist das?«, hörte sie ihren Bruder.
   »Stella lacht. Ihr gefällt wohl der Luschi.« Stella nickte, Mia musste grinsen und da drang auch schon Tylers amüsiertes Glucksen an ihr Ohr.
   »Okay, Schwesterchen, ich bin gleich bei euch und dann überlegen wir uns was.«

*

Minuten später betrat Tyler Hanson die Wohnung.
   »Hallo«, begrüßte er Stella. »Was macht der Kopf?«
   »Der tut weh und mir ist schwindlig.« Sie lächelte verlegen, weil sie wusste, dass der Bluterguss unter ihrem Auge violett leuchtete und sie sicher keinen angenehmen Anblick bot. »Sie haben mir das Leben gerettet. Danke, Mr. Hanson.«
   »Mr. Hanson ist mein Dad. Nenn mich Tyler. Oder Luschi.«
   Er grinste sie jungenhaft an und Stella schmolz. Trotz ihrer Schmerzen und dem Druck, unter dem sie stand, reagierten ihre Sinne auf ihn. Mit seinem frechen Feixen, den strahlenden meerblauen Augen und dem blonden Haar, das sich bis auf seine breiten Schultern wellte, raubte er ihr den Atem.
   »Was machen wir nun?«, fragte Mia. »Hast du eine Idee?«
   Tyler riss den Blick von Stellas Gesicht los. »Ist sie transportfähig?«
   »Ja. Warum?«
   »Großvaters Haus wäre ein ideales Versteck.«
   »Diese Bruchbude?«
   »Hör nicht auf sie«, sagte Tyler zu Stella. »Die Bruchbude ist frisch renoviert. Während meine Schwester dachte, ich würde nur faulenzen und tauchen, war ich am Schuften.«
   Mia zuckte mit den Schultern. »Das Strandhaus unserer Großeltern gehört zu Tylers Erbe«, erklärte sie. »Ich habe mich nie sonderlich dafür interessiert. Mein Lebensmittelpunkt befindet sich in Miami. Aber er hat recht. Niemand würde vermuten, dass du dich dort versteckst.«
   »Kennst du Cat Island?«, fragte Tyler.
   Stella zuckte mit den Schultern. »Nur dem Namen nach. Ich war noch nie dort.«
   »Die Insel gehört zu den Out Islands. Dort ist nichts los. Die Einheimischen sind mit sich selbst beschäftigt und es gibt nur wenige Touristen. Im Übrigen liegt das Strandhaus sehr abgelegen.«
   »Wie willst du hinkommen? Doch nicht etwa mit der Blue Horizon? Denk an Stellas Verletzungen«, warf Mia ein, bevor Stella ihre Zweifel äußern konnte.
   »Wir fliegen. Über Nassau und dann weiter.«
   Mia wandte sich an ihre Patientin. »Sind deine Papiere auf der Jacht?«
   »Nein, ich bin einfach weggelaufen. Ohne nachzudenken. Führerschein, Pass, Geld … alles liegt zu Hause.«
   Die Geschwister wechselten einen Blick. »Mir scheint, wir haben ein Problem.« Mia seufzte. »Außerdem braucht Stella weiterhin medizinische Betreuung. Mein Notdienst beginnt heute Abend, ich kann die nächsten Tage nicht freinehmen, sonst würde ich mitkommen und bei ihr bleiben.«
   »Ich mach das schon«, äußerte Tyler. »Mir steht noch Urlaub zu und meine Überstunden muss ich auch mal abfeiern. Auf Cat Island ist sie fürs Erste in Sicherheit und wir können uns in Ruhe etwas überlegen.« Er wandte sich an Stella. »Ich habe eine Ausbildung zum Rettungssanitäter, du bist bei mir also in guten Händen.«
   Sein Lächeln sollte beruhigend wirken, verursachte bei ihr aber den gegenteiligen Effekt. Ihr kamen spontan einige Möglichkeiten in den Sinn, was er mit seinen Händen bei ihr anstellen könnte. Schnell verdrängte sie diese Fantasien. Sie hatte im Moment wirklich andere Sorgen. »Das kann ich nicht annehmen. Deine Schwester hat schon genug riskiert, um mich aus dem Krankenhaus zu schmuggeln«, lehnte sie ab.
   Tyler sah ernst auf sie hinunter. »Kennst du einen sicheren Platz? Dann bringe ich dich hin.«
   Stella überlegte. Sie konnte weder zu ihren Freundinnen noch zur Großmutter, die in Ontario lebte. Dort würde ihr Vater zuerst nach ihr suchen. Und ohne Geld und Papiere kam sie ohnehin nicht weit. »Nein«, murmelte sie resigniert.
   Tyler rieb sich das Kinn. »Ich rufe Mike an. Er wird uns helfen.«
   »Willst du ihn da mit reinziehen?«, warf Mia ein.
   »Er braucht ja keine Details zu wissen, er soll uns nur nach Cat Island fliegen.«
   »Nur fliegen? Klar. Du weißt, wie neugierig er ist.«
   »Schlimmer als jede Frau. Keine Sorge, damit habe ich Erfahrung.« Er zwinkerte ihr zu und sie rollte mit den Augen.
   »Stella, ich packe ein paar Sachen für dich«, wechselte sie das Thema. »Meine Kleidung dürfte dir passen.«
   »Ich … Danke, das ist nett von dir.«
   Mia nickte ihr zu und verschwand im Schlafzimmer.
   Nach dem Telefonat mit Mike Conlin trat Tyler an die Couch und berührte Stellas Arm. »Das wird schon alles.«
   Sie sah mit Tränen in den Augen zu ihm hoch. »Warum seid ihr so freundlich zu mir?«, brach es aus ihr heraus. »Ihr bringt euch dadurch nur in Schwierigkeiten.«
   »Du bist in einer Notlage und wir wollen dir helfen.«
   »Kaum jemand würde das tun. Ihr kennt mich nicht. Ich hätte mir diese Geschichte auch ausdenken können. Vielleicht bin ich ja gar nicht Korres’ Tochter.«
   Tyler zog die Brauen hoch. »Dann wolltest du seine Jacht klauen?«
   Irritiert sah sie ihn an und bemerkte seinen verschmitzten Gesichtsausdruck. »Du nimmst wohl nie etwas ernst.«
   »Selten. Das Leben ist hart genug.« Sein Lächeln wurde breiter.
   »Eure Unterstützung ist alles andere als selbstverständlich«, fuhr Stella fort. »Und ich kann momentan nur Danke sagen. Ich revanchiere mich irgendwann. Sobald ich diesen Mist hinter mir habe. Das verspreche ich.«
   Tyler wurde ernst. »Du bist uns nichts schuldig. Wir helfen dir gern.«
   Stella spürte, wie sich eine Träne aus ihren Wimpern löste, und senkte den Kopf. Fang jetzt bloß nicht an zu heulen!
   »Ich schau mal, wie weit Mia ist. Wir müssen los, unser Pilot wartet.« Tyler wandte sich ab, und sie dankte ihm im Stillen für sein Feingefühl.

Kapitel 3

Eine Stunde später stoppte Tylers schwarzer Jeep Cherokee neben einem Flugzeughangar. Es hatte ihn seine ganze Überredungskunst und eine Kiste Jack Daniels Silver Select gekostet, Mike Conlin den Flug nach Cat Island abzuschwatzen. Mike war begeisterter Hobbypilot und besaß eine Cessna.
   Nun half Tyler Stella an Bord. Sie stöhnte vor Schmerz und er spürte Ärger auf ihren Vater in sich aufsteigen. Ihre Verzweiflung und ihr elendes Aussehen weckten seinen Beschützerinstinkt. Am liebsten hätte er sie tröstend in die Arme genommen. Stattdessen lud er die beiden Reisetaschen ein, die Mia gepackt hatte.
   Diese drückte ihm eine Tüte mit Medikamenten in die Hand und gab ihm letzte Instruktionen. »Ruf mich an, sobald ihr gelandet seid. Ich will wissen, wie sie den Flug überstanden hat.«
   »Mach ich.« Er zog seine Schwester in eine rasche Umarmung, bevor er die Cessna bestieg.
   Mike hielt zum Glück den Mund. Er hatte Stella kurz gemustert, beim Anblick ihres verletzten Gesichts die Stirn gerunzelt und sie aufmunternd angelächelt.
   Tylers Gedanken schweiften zu den vor ihm liegenden Tagen, die er mit Stella in dem abgelegenen Strandhaus verbringen würde. Sie musste äußerst verzweifelt sein, wenn sie in ihrem Zustand diese Strapazen auf sich nahm. Erneut kochte Zorn auf ihren Vater in ihm hoch und er fragte sich, was für ein Mensch dieser Alexandros Korres war, dass er seine Tochter so behandelte. Mias Worte, Stella hätte Korres’ Geschäftspartner heiraten sollen, kamen ihm in den Sinn. Was waren das nur für Leute?

*

Sie landeten auf dem Arthur’s Town Airport. Tyler verabschiedete sich mit einem Handschlag von Mike.
   »Denk dran, ich habe Urlaub«, erinnerte er seinen Vorgesetzten.
   »Schon verstanden.« Er zwinkerte vielsagend, bevor er Stella anschaute. »Erholen Sie sich gut, Miss.«
   »Danke fürs Herbringen«, sagte sie gepresst. Der Flug war eine Tortur gewesen, trotz der perfekten Wetterlage. Sie spürte jeden verspannten Muskel, ihr Kopf dröhnte und die Prellung am Hinterkopf pulsierte, obwohl Mia ihr starke Schmerzmittel verabreicht hatte.
   Ein Taxi brachte sie zum Haus. Stella schwankte beim Aussteigen und Tyler fing sie auf. Dankbar klammerte sie sich an seinen Arm.
   »Mir ist schwindlig. Alles dreht sich.«
   »Halte dich an mir fest. Ich trage dich.«
   »Es geht schon.«
   »Keine Widerrede!«
   Sein hübsches Lächeln milderte den Kommandoton. Mit einem ergebenen Gesichtsausdruck schlang sie ihm die Arme um den Nacken. Er hob sie hoch und sie schmiegte sich an ihn.
   Tyler trug sie am Haupteingang vorbei zur Rückseite des Strandhauses und betrat mit ihr die Veranda. Langsam stellte er sie auf die Füße und legte die Hände stützend auf ihre Taille. »Alles okay?«
   »Ja.« Sie sank auf die nostalgische Schaukelbank aus Teakholz, die an den Balken des Balkons befestigt war. Die Kettenglieder klirrten bei dieser Bewegung. Stella stieß ein Seufzen aus. Für ihren Geschmack hätte der Pfad noch ein ganzes Stück länger sein können. Tylers starke Arme zu spüren, sich an seine breite Brust zu lehnen, seinen Duft einzuatmen … Sie hatte jede Sekunde davon genossen. Obwohl es irrational war, was sie empfand, fühlte sie sich bei ihm geborgen und beschützt. Dabei war er doch ein Fremder für sie. »Danke für deine Hilfe, ich bin total daneben«, sagte sie.
   »Das kann von den Medikamenten kommen.« Er schaute besorgt auf sie herunter. »Ich zahle nur schnell das Taxi, bin gleich wieder da. Bleib schön sitzen.«
   Er polterte die Verandatreppe hinab und Stella sah ihm hinterher, bis er um die Ecke verschwand. Ihr Blick schweifte über den pudrig-weißen Strand, der direkt am Haus begann und nach circa vierzig Metern in azurblaues Wasser überging. Am Ende des Bootsstegs dümpelte ein Segelkatamaran. Kaskarillabäume, Pinien und niedriges Gestrüpp säumten den sanft geschwungenen Bogen der Bucht. Filigrane Palmwedel wiegten sich in der Brise und kleine Wellen brachen sich schäumend und rauschten an den Strand. Stella spürte, wie die Anspannung ein wenig von ihr abfiel. Der gleichmäßige Rhythmus des Meeres wirkte beruhigend.

Tyler kam mit zwei Gläsern Eistee zurück. Eines reichte er ihr und lehnte sich an einen der Pfosten, die den umlaufenden Balkon trugen.
   »Immer noch schwindlig?«, erkundigte er sich.
   Stella hörte die Besorgnis in seinen Worten mitschwingen. »Es ist etwas besser.«
   Sie kämpfte gegen die Tränen, die plötzlich hinter ihren Lidern brannten. Ihr ganzes Leben stand Kopf. Der Mensch, dem sie am meisten vertraute, hatte sie verraten. Und nun kümmerte sich ein Fremder um sie. Erneut stiegen Zweifel in ihr auf. Das Verstecken verschaffte ihr nur eine kleine Verschnaufpause. Irgendwann musste sie sich Dad, Ricardo und dieser absurden Heiratsgeschichte stellen.
   Stella liebte ihren Vater sehr, doch sie hatte auch Respekt vor ihm. Er war eine dominante Persönlichkeit und erwartete, dass man seine Anweisungen befolgte. Sie wusste, ihr trotziges Verhalten und ihr Weglaufen hatten seine Wut geschürt. Zu Hause würde sie ein Donnerwetter erwarten. »Du wohnst wunderschön. So idyllisch«, lenkte sie von ihrem Befinden ab.
   Tyler ging auf den Themenwechsel ein. »Der nächste Nachbar lebt ein Stück entfernt. Zum Glück. Ich mag die Ruhe. Hier kann ich abschalten und habe den Strand meistens für mich allein.« Er trank sein Glas zur Hälfte leer. »Ich hoffe, es ist dir nicht zu einsam.«
   »Momentan bin ich froh, wenn ich niemandem begegne. Mein Vater hat mich garantiert schon als vermisst gemeldet und Ricardo wird die Medien einschalten. Er liebt dramatische Auftritte, da kommt ihm mein Verschwinden gerade recht.« Ein Schatten legte sich über ihre bedrückte Miene.
   »Was ist denn genau passiert?«, hakte Tyler nach. »Mia sagte, dein Vater wollte dich zur Heirat zwingen. Wieso?«
   »Dad schuldet Ricardo eine hohe Summe. Bei seinen Spekulationen an der Börse ist etwas schiefgegangen. Ich kenne mich damit nicht aus, aber ich behaupte, Garcia hat das alles geplant und Dad bewusst reingelegt. Von wegen, todsichere Börsentipps.« Sie seufzte. »Ricardo bot meinem Vater an, ihm die Schulden zu erlassen, wenn ich ihn heirate.«
   Ungläubig starrte er sie an. »Das ist ja wie im Mittelalter!«
   Stella senkte den Kopf. Eine Träne lief ihr über die Wange und sie wischte sie hastig weg. Nie zuvor war sie sich so verloren vorgekommen.
   »Wie alt bist du?«, fragte er.
   »Achtundzwanzig.«
   »Na also. Dann kann dich niemand zu etwas zwingen.«
   »Aber Dad ist ruiniert, wenn ich auf Garcias Forderung nicht eingehe.«
   »Ist das dein Problem? Hast du ihm gesagt, er soll sein Geld verzocken?«
   »Er ist mein Vater!«
   »Tut mir leid«, murmelte er, doch Stella bemerkte das ärgerliche Funkeln in seinen Augen. »Ich wollte nicht grob sein. Das Thema regt mich nur total auf. Es muss doch eine andere Lösung geben, um Garcia zufriedenzustellen.«
   Stella schwieg. Sie kannte ihn zu wenig, um ihm alle Details anzuvertrauen. Hier ging es nicht nur ums Geld. Ricardo stellte ihr nach, seit ihr Vater mit ihm Geschäfte machte. Sie hatte seine Annäherungsversuche immer abgeblockt und ihm deutlich zu verstehen gegeben, was sie von ihm hielt, doch ihr sprödes Verhalten schien ihn noch mehr anzustacheln.
   Stella fand Garcia abstoßend. Mit seinem spitzen Gesicht und den tückischen Knopfaugen, denen nichts entging, erinnerte er sie an eine Ratte. Die Boshaftigkeit drang ihm aus jeder Pore, und sie hatte nie verstanden, warum ihr Vater mit ihm verkehrte.

*

Tyler betrachtete die Frau, die trotz Schmerzen und Kummer versuchte, Haltung zu bewahren. Unter den Blutergüssen und Schwellungen, die ihre ebenmäßigen Züge entstellten, erkannte er ihre Schönheit. Die hellgrünen Augen bildeten einen faszinierenden Kontrast zu ihren dunklen Haaren und der gebräunten Haut, und Mias Shirtkleid, das sich um ihre kurvige Figur schmiegte, ließ keinen Spielraum für Spekulationen. Seine Gedanken drifteten in eine gefährliche Richtung. Tylers letzte Beziehung lag eine Weile zurück und allein die Vorstellung, sich mit dieser sinnlichen Frau das Haus zu teilen, brachte sein Blut zum Kochen. Energisch rief er sich zur Ordnung. Er wollte ihr helfen, sie beschützen. Alles andere kam nicht infrage. »Ich richte uns etwas zu essen und dann solltest du schlafen. Anweisung von Mia.«
   Sie zauberte für ihn ein Lächeln auf ihr erschöpftes Gesicht. »Kann ich mich irgendwie nützlich machen?«, bot sie an.
   Er zog die Brauen hoch. »Ernsthaft? In deinem Zustand? Du bleibst hier sitzen und rührst dich nicht.«
   »Okay, hab’s verstanden, Sir!«
   Nach einem letzten forschenden Blick verschwand er im Haus.

*

Stella lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Traumkulisse aus Strand, Meer und den mit weißen Wölkchen getupften Himmel. Während sie dem Katamaran bei seinem gemächlichen Tanz auf den Wellen zusah, dachte sie an Tyler. Er hatte ihr vom ersten Moment an gefallen, optisch entsprach er ihrem bevorzugten Typ. Und er schien ein netter Kerl zu sein. Er sorgte sich um sie, war hilfsbereit und aufmerksam. Stella fühlte sich wohl in seiner Nähe. Ein Prickeln stieg in ihr auf bei dem Gedanken, dass sie die kommenden Tage mit ihm allein verbringen würde.
   
   

Kapitel 4

Ein vorwitziger Sonnenstrahl küsste Stella wach. Träge öffnete sie die Augen und blinzelte in das Morgenlicht, das durch einen Spalt zwischen den bunt geblümten Vorhängen fiel. Meeresrauschen klang an ihr Ohr und erinnerte sie an den gestrigen Abend. Tyler hatte sich als wunderbarer Gastgeber entpuppt. Aus den dürftigen Zutaten, die er in den Küchenschränken aufgestöbert hatte, wusste er eine schmackhafte Mahlzeit zu zaubern.
   Stellas Appetit, der ihr seit dem Streit mit ihrem Vater vergangen war, kehrte zurück. Einen Großteil trug Tylers Geplauder dazu bei, dass sie ihre Sorgen für eine Weile vergaß. Er erzählte ihr, wie die Renovierungsarbeiten am Haus ihn in schöner Regelmäßigkeit zur Verzweiflung getrieben hatten, sprach von der idyllischen Insel und seiner Leidenschaft fürs Segeln und Tauchen.
   »Immer wenn ich ein paar freie Tage habe, bin ich hier. Miami ist mir zu voll und zu laut.«
   »Das geht mir mit Nassau ebenso«, stimmte Stella zu.
   »Du lebst in Nassau?«
   »Nur unter der Woche. Die Wochenenden verbringe ich bei meinem Vater auf Grand Bahama.« Bei dem Gedanken an ihr Zuhause, das keines mehr war, spürte sie erneuten Kummer in sich aufsteigen.
   Tyler bemerkte ihren Stimmungswechsel. »Soll ich dir das Haus zeigen? Bisher hat noch niemand meine Arbeit gelobt.« Eifrig sprang er auf und streckte ihr die Hand hin. »Na, komm schon.«
   Stella ließ sich von seiner jungenhaften Begeisterung anstecken und erhob sich. Die Bewegung löste erneuten Schwindel aus. Sie schwankte und Tyler fing sie auf. Dankbar lehnte sie sich gegen ihn.
   »Ist vielleicht doch keine so gute Idee.« Seine Stimme klang rau.
   »Es geht schon.« Stella rückte ein wenig von ihm ab. »War nur ein Moment. Ich kann ja nicht ständig wie eine Besoffene rumtorkeln.« Sie lächelte gezwungen.
   »In ein paar Tagen ist das vorbei und du bist wie neu«, munterte er sie auf.
   »Wenn du das sagst.« Sie schob eine Hand in seine Armbeuge und ließ sich von ihm das Erdgeschoss zeigen.
   Tyler hatte den ursprünglichen Charakter des Hauses erhalten: Natursteinböden, weiß gestrichene Wände und dunkles Holz, und dies mit modernen Möbeln kombiniert. Im Wohnzimmer lud eine Sitzgruppe aus cremefarbenem Leder zum Entspannen ein. Die Glasschiebewand, durch die mildes Abendlicht flutete, gab den Blick aufs Meer frei. Eine geräumige Wellnessdusche bildete den Mittelpunkt im Bad. Die Küche wirkte mit ihren hellen Hochglanz-Lackfronten, den Arbeitsplatten aus grauem Granit und der Kochinsel mitten im Raum sehr elegant. Stella fühlte sich sofort heimisch. Die exklusive Einrichtung erinnerte sie an ihr Penthouse in Nassau.
   Der Rundgang endete in Tylers Schlafzimmer. Auch hier sah man dank der bodentiefen Glasfront den Ozean, an dessen Horizont gerade die Sonne versank. Die Silhouetten der Kokospalmen erhoben sich wie Scherenschnitte vor dem in Rot- und Orangetönen glühenden Himmel, und das wogende Meer schien zu brennen.
   »Die Lage ist einmalig«, murmelte Stella. Ihr war nur zu bewusst, dass sich Tylers Bett in ihrem Rücken befand.
   Scheinbar spürte auch er die verlockende Intimität seines Schlafzimmers. »Wir können uns raussetzen, falls du nicht zu müde bist.«
   Stella wurde vom Geräusch eines sich nähernden Autos aus ihren Träumereien gerissen. Sie stand auf und spähte durch den Vorhangspalt nach unten. Ein Pick-up hielt neben dem Eingang, der Motor erstarb und sie beobachtete, wie Tyler ausstieg und mehrere Einkaufstüten vom Beifahrersitz hob. Sie hörte die Fliegentür zuklappen. Bald darauf zog aromatischer Kaffeeduft in ihr Zimmer. Mit neuer Energie stieß sie die Tür zum angrenzenden Bad auf und schlüpfte aus dem Sleepshirt. Ernüchtert starrte sie wenig später auf Mias Kleidung, die sie gestern in den Schrank sortiert hatte. Nicht einmal etwas Eigenes zum Anziehen besaß sie. Sie dachte an ihr überquellendes Ankleidezimmer in der Villa in Freeport, an die unzähligen Paar Schuhe und Accessoires. Zu gern wäre sie in eines ihrer Sommerkleider und in hochhackige Sandaletten geschlüpft, bevor sie Tyler gegenübertrat, doch an der aktuellen Situation ließ sich nichts ändern. Sie konnte froh sein, dass die Hansons ihr halfen.
   Stella hoffte, dass ihr Vater die Absurdität seiner Forderung einsehen würde, sobald er sich beruhigt hatte. Die Sorge um sie würde ihn milde stimmen und bis dahin wollte sie sich verborgen halten. Er war ein dickschädeliger, alter Choleriker, der selten einen Fehler zugab. Der Gedanke an ihn trieb ihr erneut Tränen in die Augen.
   Mias und Tylers Ratschlag, die Polizei einzuschalten, kam ihr in den Sinn, doch sie hätte es nie fertiggebracht, ihren Dad anzuzeigen. Dafür liebte sie ihn zu sehr. Trotz der Ohrfeigen …, die sie nur wegen Garcia kassiert hatte. Dieser hinterhältige Mistkerl! Bevor der Zorn auf ihn ihr den Morgen verdarb, griff sie in den Kleiderschrank und zog ein Oberteil heraus.

*

Tyler blieb kurz die Luft weg, als Stella die Küche betrat. Sie trug ein hellblaues Top über weißen Shorts. Mias Kleidung war ihr einen Hauch zu eng, sie saß wie eine zweite Haut.
   »Guten Morgen!« Ihre Stimme klang fröhlich und die jadegrünen Augen funkelten. »Der Kaffeeduft hat mich aus dem Bett gelockt.«
   Während er den Gruß erwiderte, nahm er einen Henkelbecher aus dem Schrank und goss ein. »Schwarz?«, fragte er.
   »Mit allem.«
   »Okay. Einmal das ganze Paket.« Er warf ihr über die Schulter einen vergnügten Blick zu, stellte den Becher auf die Frühstückstheke und holte Kaffeesahne und Zucker. »Wie fühlst du dich?«
   »Viel besser. Ich glaube, der Schwindel kommt tatsächlich von den Medikamenten.«
   »Wie ich’s gesagt habe. Dann lass sie weg, wenn du die Schmerzen ertragen kannst.«
   Tyler nahm Platz und Stella setzte sich auf den Barhocker ihm gegenüber. »Du warst schon unterwegs?«
   »Einkaufen. Ich habe frische Sachen geholt. Bevor wir wieder Dosenfutter essen müssen.« Er strahlte sie an und sie lächelte zurück.
   »Du kochst wohl gern?«
   »Hab’s mir angewöhnt. Als Single bleibt einem ja nichts anderes übrig.«
   »Du Armer«, neckte sie ihn. »Dann können wir heute Abend gemeinsam etwas zubereiten.«
   »Willst du meine Fähigkeiten als Sanitäter testen?«, zog er sie auf.
   »Warum? Kochst du so schlecht?«
   »Nein. Aber jemand wie du kann doch bestimmt kein Gemüse schneiden, ohne sich zu verletzen.«
   »Jemand wie ich?«, fragte Stella ernst.
   Tyler erkannte an ihrem Tonfall, dass er in ein Fettnäpfchen getreten war. »Ich meine nur … Du machst doch sicher nichts im Haushalt«, druckste er herum.
   »Ach so. Du denkst, weil mein Vater reich ist, bin ich mir zu fein für alles?«
   »Nein, das habe ich nicht gesagt.« Er bereute seine unbedachten Worte bereits. Stellas bedrückte Miene verriet ihm, dass er sie gekränkt hatte. »Tut mir leid, ich wollte dir nicht zu nahe treten.«
   »Ist schon okay. Es gibt noch andere, die so über mich denken.« Sie strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn und richtete ihren Blick auf ihn. »Aber nicht alle griechischen Reeder sind Multimillionäre. Mein Dad hat sein Unternehmen in jahrelanger harter Arbeit aufgebaut. Die Reederei ist sein Lebenswerk. Dass es uns – mir – heute so gut geht, ist seinem Fleiß zu verdanken …«
   »Du musst mir nichts erklären.« Tyler verspürte den Wunsch, sie zu berühren, seine Hand tröstend auf die ihre zu legen, doch er unterließ es. »Vergiss, was ich gesagt habe. Ich bin ein Idiot!«
   Die Andeutung eines Lächelns erschien in ihren Mundwinkeln und er hielt ihren Blick für einen Moment fest.
   »Eigentlich hätte ich Widerspruch erwartet«, neckte er sie.
   »Wieso?«
   »Um mein angeknackstes Selbstvertrauen wieder aufzubauen?«, schlug er vor.
   Ihr Lächeln wurde breiter. »Ich glaube kaum, dass man da viel aufbauen muss.«
   »Mist, du hast mich durchschaut. Ich wollte eigentlich ein paar Streicheleinheiten abstauben.«
   In einer koketten Geste legte sie den Kopf schief, und Tyler wurde es plötzlich heiß unter ihrem Blick.
   »Wenn es dir besser geht, möchte ich etwas mit dir unternehmen«, wechselte er das Thema. »Ich kann dir die Insel zeigen oder wir machen einen Segeltörn mit dem Katamaran.«
   »Ich würde gern mehr von Cat Island sehen. Bestimmt geht’s mir bald besser, dann könnten wir doch eine Rundfahrt machen?« Stella rutschte von dem Hocker, griff nach ihrer leeren Tasse und umrundete die Theke. Hinter Tyler blieb sie stehen, zog die Kaffeekanne von der Wärmeplatte und goss sich ein.
   Gleichzeitig drehten sie sich um. Seine Brust war nur wenige Zentimeter von ihrer Nase entfernt. Stella bog den Kopf in den Nacken und sah ihn an. Ihre Körperhaltung lud ihn regelrecht dazu ein, sie zu küssen. Sein Blick klebte an ihren Lippen und mit einem sehnsüchtigen Laut zog er sie an sich. Ihr langes Haar strich über seinen bloßen Arm, ihr Duft stieg ihm in die Nase und die Berührung mit ihrer weichen Haut versetzte ihn in Flammen. Sie schloss die Lider und sank gegen ihn. Sekundenlang hielt er sie fest, genoss es, sie zu spüren, bevor ihn der Körperkontakt wieder zur Besinnung brachte. Es war falsch, was er tat.
   Bei einer anderen Frau wäre er auf die Einladung eingegangen, doch er hatte Stella nicht hierher gebracht, um sie zu verführen. Er hatte ihr Hilfe angeboten und den Schutz seines Hauses. Ohne Hintergedanken. Nur weil er sie attraktiv fand, durfte er seine ehrenwerten Absichten nicht vergessen. Sanft schob er sie von sich.
   »Nach dem Frühstück wechseln wir deinen Verband«, bestimmte er, froh darüber, dass ihm der sachliche Ton gelang.

*

Stella zog sich anschließend auf die Veranda zurück und streckte sich auf der Loungeliege aus. Trotz der erholsamen Nacht fühlte sie sich bereits wieder erschöpft. Ihre Gedanken kreisten um ihren Vater und sie fragte sich, ob er noch wütend auf sie war. Nie zuvor hatte sie ihn so aggressiv erlebt. Sie war immer sein größter Schatz gewesen. Er hatte sie verwöhnt, umhegt und versucht, ihr die Mutter zu ersetzen, die sie viel zu früh verloren hatte. Dann kam Ricardo Garcia mit dieser absurden Forderung und ihr Dad behandelte sie plötzlich wie eines seiner Investments. Stella fühlte sich verraten und verkauft. Tyler betrat die Veranda und riss sie aus den trüben Gedanken. Er stellte eine Karaffe mit gekühlter Zitronenlimonade sowie ein Glas auf den Tisch in ihrer Nähe.
   »Brauchst du noch was?«
   »Nein, danke. Ich versuche, ein wenig zu entspannen. Wie Mia es mir geraten hat.«
   »Tu das. So erholst du dich am schnellsten.«
   »Und was machst du, während ich den Tag verschlafe?« Sie lächelte zu ihm hoch.
   »Ich habe an der Solitaire zu arbeiten. Dem Katamaran«, ergänzte er, als sie ihn fragend anschaute, und wies in Richtung Bootssteg.
   »Na dann, viel Spaß.«
   Besorgt sah er auf sie herunter. »Ich kann dich doch allein lassen?«
   »Klar. Das Schlimmste, was mir passieren könnte, ist, dass ich von der Liege kippe.« Sie grinste.
   »Das lässt du mal schön bleiben. Sonst muss ich dich festbinden.«
   »Fesselspiele?«, raunte sie mit einem frivolen Unterton. »Wow. Hier bekomme ich etwas geboten.«
   Tyler schenkte ihr ein Lächeln und ihr Herz übersprang einen Takt. Seine charmanten Grübchen gaben ihr den Rest.
   »Tja, wie im Grand Hotel. Alles inklusive. Service und Animation rund um die Uhr.« Er verbeugte sich übertrieben, zwinkerte ihr zu und verschwand im Haus.
   Als er kurz darauf wieder erschien, trug er nur eine Badeshorts und einen Werkzeugkoffer. Mit langen Schritten überquerte er den Strand, nahm die Stufen zum Steg mit einem Sprung und steuerte auf den Katamaran zu. Stella ließ ihn nicht aus den Augen. Sein geschmeidiger Gang und die goldbraune Haut, die sich über straffen Muskeln spannte, erinnerten sie an ein Raubtier.
   Sie seufzte. Was für eine Sahneschnitte!

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