Die Ärztin Reese Little rettet einem Schwerverletzten das Leben, doch der Mann verschwindet spurlos. In Reese keimt ein grausiger Verdacht, als ihr eine junge Patientin, die nur knapp dem gesuchten Chatroom-Mörder entkommen ist, Details anvertraut. Der Polizei helfen die Informationen nicht weiter, und so recherchiert Reese auf eigene Faust und gerät in das Fadenkreuz des Serienkillers. Wie nah sie vor dessen Linse steht, ahnt sie nicht, weil ihre Aufmerksamkeit durch den geheimnisvollen Narsimha abgelenkt wird. Zwischen dem Mitglied der G.E.N. Bloods und ihr sprühen Funken, doch Narsimha zieht sich zurück und gibt sich unnahbar. Für Reese steht fest: Nur dieser und kein anderer! Als sie den Rest des Teams kennenlernt und erfährt, dass Narsimha bei einem Einsatz in Indien vermisst wird, besteht sie darauf, sich dem Rettungsteam anzuschließen. Ihre Unterstützung fordert einen hohen Preis, doch nicht nur Reese kämpft gegen Windmühlen.

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ISBN: 978-9963-53-475-3

Seiten: 445

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Kathy Felsing

Kathy Felsing
Kathy Felsing wurde 1964 in Nordrhein-Westfalen geboren. Nach der Fachoberschulreife jobbte sie zunächst für zwei Jahre als Redaktionsassistentin bei einer Wochenzeitung. Später absolvierte sie eine Ausbildung als Datenverarbeitungskauffrau und arbeitete viele Jahre als Programmiererin, Werbekauffrau und Web-Designerin. Bevor sie mit dem Schreiben anfing, war sie zuletzt in leitender Stellung als Ausbilderin für Fachinformatiker tätig. Ende 2006 wanderte sie mit ihrer Familie in die Republik Zypern aus. Sie lebt und arbeitet mit ihrem Mann, zwei Katzen und einem Hund in einem kleinen Bergdorf. 

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog
Freitag, 9. September

Maggie versuchte vergeblich, die verkrusteten Augenlider zu öffnen.
   Sie wusste, sie hatte stundenlang geweint, bis sie vor Erschöpfung eingeschlafen war. Aber warum? Vorsichtig ertastete sie den Stoff ihrer Decke. Er fühlte sich rau und kratzig an, nicht wie das plüschige Federbett mit dem Großformatdruck ihrer Lieblingssängerin Adele. Sie fror. Bei jedem Einatmen schien es, als wollte der Luftzug die feuchte Spur, die ihr bis an die Oberlippe lief, zu Eis verwandeln. Ihre Hände fühlten sich steif an. Als sie ihre Augenlider berührte, schrie sie auf. Die Fingerkuppen waren noch kälter als angenommen und der unerwartete Schmerz raste wie ein Nadelstich durch die Augäpfel in ihr Gehirn. Sie stöhnte, hörte den dumpfen Hall in dem winzigen Raum. Und plötzlich war alles wieder da.
   Ihre Augen füllten sich mit Tränen, die sich unter den geschlossenen Lidern hervorpressten und heiß ihre Wangen hinabrollten. Durst brannte in ihrer Kehle. Sie griff nach der Wasserflasche, wagte aber nicht, ihre knappe Ration anzubrechen. War es der sechste oder der siebte Tag, seit sie in diesem Verschlag aufgewacht war? Seither hatte sie nichts zu essen bekommen, doch Hunger spürte sie längst nicht mehr. Jeden Abend, wenn die Klapperschlange sie zitternd zurückließ, stellte er an der Tür eine kleine Plastikflasche ab, die nur zur Hälfte gefüllt war. Und ein neues Utensil.
   Sie tastete nach dem Schweizer Taschenmesser. Gestern war es eine Glasscherbe, vorgestern eine Hupe, mit einem Miniblasebalg – in Entenform –, wie man sie an Kinderfahrrädern befestigte. Was es davor war, fiel ihr nicht mehr ein.
   Zuerst hatte sie nicht begriffen, was sie mit den Gegenständen anfangen sollte. Zu groß war die Angst, er würde ihr wehtun, sie vergewaltigen; aber er betrat nicht einmal die Hütte, öffnete lediglich die Tür einen Spaltbreit. Seit er sie aufgefordert hatte, die Gegenstände am nächsten Abend an der gleichen Stelle zu platzieren, damit er sie austauschen konnte, hatte er kein Wort mehr mit ihr geredet. Er hielt sie zum Narren. Gab ihr Werkzeuge, die ihr die Hoffnung vermitteln sollten, sich befreien oder Hilfe herbeirufen zu können. Es war nur eine Illusion. Verarschung!
   Der Nebel in ihrem Geist lichtete sich. War es schon Tag? Sie rieb sich die Augen, zupfte an den Wimpern, bis sie es schaffte, die Lider zu heben. Fetzen der Erinnerung an ihren Lieblingssong zogen ihr durch den Kopf und sie ließ sich auf den tröstlichen Wogen von Adeles emotionsgeladener Stimme treiben.
   It was dark and I was over.*
   Es war dunkel und ich war am Ende.
   Erst glaubte sie, die Dunkelheit würde sich fortsetzen, sie in einen noch schlimmeren Albtraum ziehen, doch dann erkannte sie verschwommen den grauen Lichtschleier, der unter der Tür hereinfiel. Kalter Wind pfiff durch die Ritze. Während der Nacht hatte sie versucht, sich enger in die Decke zu wickeln, um den eisigen Klauen zu entgehen, die nach ihr griffen und an dem Stoff zerrten.
   Es würde noch einige Stunden dauern, bis die Mittagssonne einen Strahl durch das kleine Astloch im Brett über dem Türrahmen warf. Und dann bis zur Dämmerung, bis die Klapperschlange zurückkehrte.
   Maggie zitterte. Stöhnte. Musste dem Albtraum entfliehen.
   But there’s a side to you that I never knew, never knew.
   All the things you’d say, they were never true, never true.*
   Aber da ist eine Seite an dir, die ich nie kannte, nie kannte.
   All die Dinge, die du sagtest, waren niemals wahr, niemals wahr.
   Sie hörte ihn bereits jetzt um die Hütte schleichen. Sein Verharren vor der Tür, das Rascheln seiner Schritte. Alles Schreien und Toben, Weinen und Flehen hatte nichts gebracht. Er blieb stumm, als wäre er nicht da. Sie wusste es besser.
   Wie oft hatte sie gebetet, aufzuwachen, zu Mom ins Schlafzimmer zu flüchten und ihr von den furchtbaren Traumbildern und Empfindungen zu erzählen. Wie ihre Hände sanft über den Rücken streicheln würden, die beruhigende Stimme, die ihr flüsternd versprach, alles werde gut, nur ein böser Traum, der gleich vergessen sei, gleich vergessen. Aber das war so weit fort, dass sie beinahe mehr Angst hatte, die Erinnerung würde ihr entgleiten, als nie wieder aus diesem Martyrium aufzutauchen. Wenn dieser Kerl sie umbringen wollte, hätte er das doch längst getan, oder?
   Bestimmt suchte die Polizei mit Hochdruck nach ihr und ihre Eltern setzten alles daran, eine Lösegeldforderung zu erfüllen. Sie waren nicht reich, Dad verdiente nur mittelmäßig als Handelsvertreter. Zur Not war da Tante Anne. Eine Schwester von Moms Großmutter, so alt wie vermögend und meist nicht mehr ganz beisammen.
   Eine Panikwelle raubte Maggie den Atem. Was, wenn Tante Anne die Lage nicht begriff und Mom und Dad das Geld nicht auftrieben? Noch mehr Angst drehte ihr den Magen um, als sie daran dachte, dass sie gar nicht entführt worden war.
   And the games you’d play, you would always win, always win.*
   Und die Spiele, die du spielst, gewinnst du immer, immer.
   Sie hatte sich freiwillig mit dem Mann getroffen, fühlte sich wie eine Prinzessin von ihm hofiert, hatte sein Lachen anziehend gefunden, die Art, wie er sprach, und was er zu erzählen hatte. Wochenlang hatten sie nur gechattet, dann ließ sie sich darauf ein, ihm ein Foto zu schicken und von da an war er noch netter geworden und in ihrem Bauch flatterten immer mehr Schmetterlinge. Es hatte ihr nichts ausgemacht, dass er mit seinen siebenundzwanzig um elf Jahre älter war als sie, auch wenn sie später bei der ersten Begegnung den Eindruck bekam, dass er ein paar Jährchen verschwiegen hatte. Vielleicht war er Mitte dreißig.
   But I set fire to the rain.*
   Aber ich setze den Regen in Brand.
   Ein erstickter Laut presste sich aus ihrer Kehle. Wie hatte sie nur so blöd sein können, in seinen Wagen zu steigen? Ans Meer wollten sie fahren. Lachend hatte sie ihre Tasche mit dem Schwimmzeug auf den Rücksitz geworfen, sich bereits mit ihm auf einer Strandmatte inmitten einsamer Dünen liegen sehen und die Sonne auf halb nackter Haut gespürt. Ein Beben unter der Haut bei dem Gedanken an ihren ersten richtigen Kuss – von einem echten Mann. Sie schluckte.
   Nach einer Weile drückte sie auf ein Knöpfchen ihrer Armbanduhr. Der grünliche Schimmer, den sie immer als gespenstisch empfunden hatte, wandelte sich zu einem tröstlichen Schein. Sie streckte die Arme aus, starrte auf das Licht und stellte es sich als das Ende eines Tunnels vor, den sie nur noch wenige Schritte entlanggehen musste, ehe der Tag sie mit einer wärmenden Umarmung in Sicherheit empfing. Umso härter traf sie die Erkenntnis, dass sie begann, irren Hirngespinsten nachzugehen. Wenn sie verrückt würde, rettete sie das auch nicht.
   Sie raffte sich auf und versuchte, die Anzeige zu entziffern. 05:17:23, 24, 25, 26 … – das Datum unter der Uhrzeit bestätigte den siebten Tag ihrer Gefangenschaft. Ob sie es heute schaffen würde, zu fliehen? Sie tastete erneut nach dem Taschenmesser. Wie am Abend zuvor begann sie, ihre Umgebung gleich neben der modrigen Matratze zu erkunden. Die Wand bestand aus Holz und Maggie musste vorsichtig sein, um sich nicht wieder Splitter in die Haut zu jagen. Was erhoffte sie, heute anderes zu finden? Sie stellte sich auf, streckte sich, bis sie glaubte, ihre Zehen würden abbrechen. Akribisch fuhr sie mit den Handflächen jedes Paneel entlang. Bis ganz an die Decke reichte sie nicht. Sie schob die Messerklinge jeden Spalt entlang, ritzte, bohrte und drückte vergeblich. Keines der Bretter bewegte sich. Ein Fenster gab es nicht. Die Tür war von außen mehrfach gesichert, sie erinnerte sich nur zu gut an das Quietschen des Riegels und das Rasseln einer Kette. Sie bearbeitete mit dem Messer die eisernen Türangeln, doch sie bewegten sich um keinen halben Fingerbreit. Unmöglich, die Tür einfach auszuhebeln.
   Die Hütte musste sich irgendwo im Angeles National Forest inmitten der San Gabriel Mountains befinden, sonst dürfte es nachts nicht so kalt sein. Welche Chancen hatte sie, wenn es ihr gelingen sollte, zu fliehen? Sie würde sich rettungslos verirren, von wilden Tieren angefallen werden, ehe ein Ranger sie fände. Womöglich erst, wenn sie zum Skelett abgenagt dalag. Sie schüttelte die grausige Vorstellung wogender Insektenmassen ab. Ihr letzter Rest Verstand durfte nicht schwinden.
   Cause I knew that that was the last time. The last time, oh, oh no.*
   Denn ich wusste, es war das letzte Mal, das letzte Mal!
   Nachdem sie die Wände sorgsam untersucht hatte, versuchte sie es mit dem Fußboden. Das Holz der Dielen rieb noch rauer an ihrer Haut, und auch hier wackelte nichts. Der Raum blieb leer bis auf die modrige Matratze, einen Plastikeimer ohne Henkel und eine L. A. Times vom Tag ihres Treffens, die er ihr vor die Füße geworfen hatte, damit sie sich mit dem Papier abwischen konnte. Maggie schob sich vorwärts, bis sie gegen ihr Lager stieß. Enttäuscht zog sie sich auf den Schaumstoff. Sie musste Kraft sammeln, um sich neben der Tür auf die Lauer zu stellen und zu warten, bis er kam. Sobald er öffnete, würde sie ihm die Messerklinge in den Arm stoßen, die Tür aufreißen und losrennen. Wenn sie nur nicht so müde wäre, so müde. Sie zog die Decke um die Schultern und starrte Stunden an die Decke. Gleich würde er wiederkommen. Gleich!
   Let it burn, oh. Let it burn. Let it burn.*
   Sie tastete in ihrer leeren Jeanstasche. Hätte sie bloß ein Feuerzeug. Was sollte sie mit einem Messer? Sich umbringen, wo er bereits ihre Seele geraubt hatte? Der letzte Hauch erhob sich in imaginäre Lüfte und flog davon.
   Lass es brennen. Lass es brennen. Lass es brennen.

Abends in Los Angeles, Kalifornien

19:12:45 Crotalus: *klopfklopf*
19:12:54 Nat: greetz!
19:13:05 Crotalus: weißt du, was ich an dir mag?
19:13:08 Nat: wie bitte? nein!
19:13:13 Crotalus: ich trau mich nicht, es dir zu sagen
19:13:17 Nat: bist du zu schüchtern?
19:13:19 Crotalus: manchmal
19:13:24 Nat: warum manchmal?
19:13:52 Crotalus: …
19:13:58 Nat: was heißt das?
19:14:07 Crotalus: ich finde keine worte
19:14:12 Nat: hmm
19:14:16 Crotalus: du offenbar auch nicht
19:14:23 Nat: ich weiß halt nicht, wer du bist und worauf du hinauswillst
19:14:30 Crotalus: dann müssen wir uns besser kennenlernen
19:14:05 Nat: wer sagt, dass ich das will?
19:14:15 Crotalus: das ist es, was ich an dir mag
19:14:22 Nat: hä?
19:14:24 Crotalus: du bist ehrlich und direkt, nimmst kein blatt vor den mund
19:14:32 Nat: und woher willst du das so genau wissen?
19:14:40 Crotalus: das geht schon aus deinem profil hervor, und wie du im öffentlichen chat schreibst
19:14:55 Nat: hast du dein alter geändert? eben stand da noch 19
19:15:25 Crotalus: ja *redface*
19:15:32 Nat: albern. ich wünsch dir was, bye
19:15:34 Crotalus: halt!
19:15:37 Nat: was?
19:15:39 Crotalus: ich würde wirklich gern …
19:15:44 Nat: WAS? komm zur sache!
19:15:50 Crotalus: … dich näher kennenlernen
19:15:55 Nat: keine chance, du bist mir zu alt
19:16:25 Crotalus: schade
19:16:27 Nat: bye!

19:33:13 Crotalus: du bist ja noch da …
19:33:16 Nat: willst du, dass ich dich auf ignore setze?
19:33:21 Crotalus: natürlich nicht!
19:33:24 Nat: dann lass mich bitte in ruhe
19:33:26 Crotalus: blöde schlampe!
19:33:27 Nat: >>> User ignored! <<<

»Hi Natana.« Reese schloss die Haustür, schlüpfte aus den Schuhen und schob sie mit der Fußspitze an die Wand unter der Garderobe.
   Ihre Nichte drehte den Kopf und winkte durch die offen stehende Wohnzimmertür in den Flur.
   Reese musste lachen. »Kannst du keine Sekunde lang die Finger von den Tasten lassen?«
   »Sofort. Will nur eben Tschüss sagen.«
   Reese ging zu ihr und legte ihr eine Hand auf die Schulter. »So war das nicht gemeint. Ich fand’s nur witzig, wie du blind in diesem Affentempo auf den Tasten rumhackst.« Sie stützte sich auf die Lehne des Chefsessels, hob ihren Fuß und knetete die Sohle. »Machst du wieder die Jungs verrückt?«
   »Mach ich nie.« Nat grinste breit. »Wenn die verrückt sind, sorgen sie selbst dafür.«
   Der rote Text in einem der vielen kleinen Dialogfenster fiel Reese ins Auge. »Du ignorierst sie?«
   »Spinner, ja.«
   »Sorry, ich wollte deinen Chat nicht lesen, das stach nur so hervor.«
   »Solchen Bescheuerten begegnet man häufiger. Man kann sie nur ignorieren.«
   »Darf ich?« Sie war wie immer viel zu neugierig. Nat saß zwar an Reeses Computer, aber wenn sie selbst das Gerät benutzte, dann nicht zum Chatten.
   »Klar.« Nat scrollte zum Beginn des Dialogs.
   »Und den Typen kennst du nicht?«
   »Nein. Hat mich das erste Mal angeschrieben.«
   »Ich hoffe, du triffst auf diesem Weg keine Verabredungen.«
   »In der Schule hängen seit Ewigkeiten Warnungen am Schwarzen Brett.«
   Reese schob sich an dem Sessel vorbei und setzte sich mit angezogenen Knien auf die Couch. »Dieser Killer hat zwei Menschen auf dem Gewissen. Vielleicht noch mehr. Er schnappt sich seine Opfer aus Chatrooms. Nicht irgendwo auf der Welt, weit weg, sondern jetzt und hier. Bei uns in L. A.!«
   »Ich bin vorsichtig, versprochen.« Nat verdrehte die Augen.
   Reese musste seufzen. Wäre Natana ihre Tochter, hätte sie ihr strikt untersagt, sich mit Chatbekanntschaften zu treffen. Im gleichen Moment, als ihr der Gedanke durch den Kopf zog, korrigierte sie sich auch schon. Verbote reizten die Teenies erst recht und nutzten herzlich wenig. Nur was sollte man den jungen Leuten mit auf den Weg geben, das ihnen nicht bereits zu den Ohren heraushing, weil man es dutzendfach gesagt hatte? Dass man vorsichtig sein musste? Dass man jedem Menschen nur vor den Kopf sah? Dass im Internet Gefahren lauerten, derer man sich nicht bewusst war? Das wussten sie alles und es stoppte nicht ihren jugendlichen Erlebnishunger. Treffen dieser Art ließen sich nicht unterbinden. Es gab Dutzende Argumente und Gegenargumente und letztlich wusste man auch im realen Leben nicht, wem man in einem Pub, beim Skaten oder in der Mensa begegnete. »Wenn du dich wirklich mal mit jemandem triffst, dann geh nicht allein zu den ersten Dates. Nimm eine Freundin mit. Sagt euren Moms, wo ihr seid. Lasst euch hinbringen und abholen.«
   »Ich weiß. Mom hat mir das tausendmal gepredigt.«
   »Nat, das ist kein Predigen. Nimm das bitte ernst.«
   »Tu ich ja.«
   »Okay. Wo ist Alana eigentlich?«
   »Noch mit einem Makler unterwegs.«
   Reeses Zwillingsschwester Alana suchte seit Wochen nach einer bezahlbaren Wohnung. Seit sie sich von ihrer Jugendliebe Nate getrennt hatte, wohnte sie mit Natana in Reeses kleinem Apartment. Das Wohnzimmer glich einem Durchgangslager und selbst im Schlafzimmer stapelten sich die Umzugskartons rund um das Bett bis zur Decke.
   »Und wie war dein Tag?« Natana hüpfte zu ihr aufs Sofa.
   »Ach, wie immer.« Sie lehnte sich zurück und genoss die Fußmassage der Kleinen. Reese schloss die Augen. So klein war Nat gar nicht mehr. Nächstes Jahr wurde sie volljährig. Als Alana in Natanas Alter war, feierte das Mädchen bereits seinen dritten Geburtstag. Seit dem dreizehnten Lebensjahr war Alana mit Nate zusammen gewesen und jetzt trat ein, was die Lass-dir-einen-guten-Rat-geben-Spezialisten damals prophezeit hatten. Es geht niemals gut, wenn Kinder Kinder kriegen. Eure Wege werden sich über kurz oder lang trennen. Nun, dafür hatte die Beziehung verdammt lang gehalten, auch ohne Eheringe. Immerhin knapp über achtzehn Jahre.
   Reese glich Alana zwar aufs Haar, doch charakterlich unterschieden sie sich gravierend. Dass Alana so jung Mutter wurde, hatte Reese veranlasst, sich erst recht zurückzuhalten. Dafür saß sie mit einunddreißig noch immer auf dem Trockenen und sah sich weit davon entfernt, unter die Haube zu kommen. Das lag keineswegs an mangelnden Gelegenheiten und es knabberte auch nicht an ihrem Selbstbewusstsein. Vielleicht sollte sie weniger an ihren Träumen festhalten, an ihrem Glauben, dass es nur eine einzige wahre Liebe im Leben eines Menschen geben konnte. Dieses Gefühl hatte sie bislang bei keinem Mann verspürt und ihr Interesse an näheren Beziehungen war daher immer schnell abgeflaut. Schraubte sie in Wahrheit einfach ihre Anforderungen zu hoch?
   Natana schaltete den Fernseher ein und Reese fielen die Augen zu.
   Als sie erwachte, war es dunkel. Sie gähnte und schlich durch den Flur, um einen Blick ins Schlafzimmer zu werfen. Alana hatte sie nicht geweckt, als sie nach Hause gekommen war, und schnarchte leise neben ihrer Tochter. Reese zog sich ins Bad zurück und wusch sich. Lieber hätte sie eine heiße Dusche genommen, doch sie wollte die beiden nicht wecken. In der Küche suchte sie vergeblich nach einer Nachricht von ihrer Schwester. Damit hatte das Maklertreffen also wieder kein Ergebnis gebracht. Sie ging ins Wohnzimmer und setzte sich an den Computer. Das Chatprogramm war noch geöffnet, allerdings hatte sich Nat abgemeldet.
   Bist du neu bei uns? Klick hier!
   Drei Minuten später starrte sie auf die beinahe unüberschaubare Anzahl der Chaträume und bekam den Mund nicht zu. Sie klickte neugierig auf Erotik. Neue Unterkategorien öffneten sich: Er sucht sie; Sie sucht ihn; Paar sucht ihn; Paar sucht sie; Fußfetisch; Soft-SM; Bondage; 40 +; Notgeil. Es nahm kein Ende. Sie beherrschte sich, nicht laut loszuprusten. Notgeil, wie abgefahren war das denn? Reese klickte sich zur Hauptauswahl zurück, suchte weiter und landete … im Channel #L. A. City Hausfrauenchat.

23:29:17 Alida: ich wünsche euch allen eine gute nacht, ihr lieben 23:30:22 Ozelot: byebye, gute n8!
23:30:24 dOOb: ich bleib noch ein wenig
23:30:33 Little: Hallo.

Zurückgelehnt wartete sie; gespannt, ob jemand auf ihre Begrüßung reagierte.





»Leben ist nicht genug, sagte der Schmetterling.
Sonnenschein, Freiheit und eine kleine Blume gehören auch dazu.«

(Hans Christian Anderson)






Montag, 12. September
Los Angeles

Reese starrte auf den breiten Rücken des Mannes, der das Krankenzimmer verließ. Er drehte sich nicht um, wie sie gehofft hatte. Erst, als sich die Tür schloss, holte sie wieder Luft. Heiliger! Das nannte sie eine Begegnung der dritten Art.
   Obwohl ihr wahrscheinlich viel zu deutliches Interesse gnadenlos an ihm abgeprallt und der Traum ihrer schlaflosen Nächte unerkannt und unwiederbringlich ins Nirwana entschlüpft war, schaffte sie es nicht, die Gedanken an ihn aus dem Kopf zu bannen.
   Woher mochte er stammen? Sein dichtes schwarzes Haar besaß einen hauchzarten bläulichen Schimmer, seine Augen glichen dem Blick in eine Tasse heißen Cappuccino. Braunschwarz, warm und verheißungsvoll. Fast glaubte sie, das herb-würzige Kaffeearoma auf der Zunge zu schmecken. Sie malte sich den Riesen als dunklen Fürsten in schillernder Robe aus Tausendundeiner Nacht mit einem langen Säbel am Rock aus. Oder als Prinz der Wüste, umhüllt von einem weißen Gewand und mit der Kopfbedeckung eines Scheichs. Nur zu gern hätte sie die Gelegenheit erhalten, diesen rätselhaften Mann näher kennenzulernen, um ihm einige seiner Geheimnisse zu entlocken.
   Die Patientin im Bett stöhnte leise, und sofort verflogen alle Tagträume. Reese stellte das Tablett auf dem Nachtschränkchen ab und griff nach dem Handgelenk der jungen Frau. Mikayla Costello, eine Maskenbildnerin aus Los Angeles. Reese hatte sie operiert, ihr Haut von den Innenseiten des Oberschenkels auf die von Fesseln verursachten Verletzungen an ihren Handgelenken transplantiert. Nur so ließ sich eine breite Narbenbildung an den bis auf die Knochen geschundenen Wundflächen verhindern. Mikayla war von einem Psychopathen verschleppt worden, der ihre Künste für seine schändlichen Zwecke erzwungen hatte. Das ganze Krankenhaus sprach seit über zwei Wochen fast über nichts anderes. Auch ein Arzt aus dem General Hospital war in das Verbrechen hineingezogen und entführt worden.
   Die Hand der Patientin lag kühl und trocken zwischen ihren Fingern. Reese suchte neben dem Verband nach dem Puls, blickte auf ihre Armbanduhr und trug das Ergebnis auf ein Blatt in ihrem Klemmbrett ein. »Ms. Costello.« Sie strich ihr über den Arm. »Ich muss Ihnen etwas Blut abnehmen. Glauben Sie, Sie können ein paar Tropfen entbehren?«
   Mikayla öffnete die Augen. Wie seit ihrer Einlieferung wirkten sie matt und teilnahmslos. Trotzdem versuchte Reese täglich, Ms. Costello mit einem Späßchen aufzuheitern. Sie nahm sich grundsätzlich die Zeit, persönlich nach ihren Patienten zu schauen, obwohl das zahlreiche unbezahlte Überstunden bedeutete.
   »Sie haben Ihren Besuch verschlafen, Ihre Bodyguards sind gerade rausspaziert«, erzählte sie munter drauflos, während sie Desinfektionsspray auf Mikaylas Armbeuge sprühte und mit einem Tupfer trocknete.
   Eine rote Locke fiel Mikayla in die Stirn. »Bodyguards?«
   Das war das erste Wort, das sie seit Beginn der Behandlung sprach. Hatte Reese sie erschreckt mit ihrer unbedachten Plapperei? Sie versuchte, die Kuh vom Eis zu holen und beugte sich ein wenig vor. »Einer der beiden hat Ihnen das Leben gerettet. Sie werden bald wieder völlig wohlauf sein, Ms. Costello.« Vorsichtig stach sie zu, traf auf Anhieb die Vene und wartete, bis die Spritze volllief. Sie legte Mikaylas Finger auf die Einstichstelle und knickte den Arm der Patientin ein. »Schön fest pressen.«
   Reese sortierte die Utensilien auf dem Tablett und kontrollierte noch einmal den Einstich. Als Mikayla nichts weiter sagte, wünschte sie ihr Gute Nacht und tat, als wäre soeben nichts Besonderes passiert. Man durfte Patienten niemals Verwunderung spüren lassen. Mikayla Costello befand sich auf dem Weg der Besserung, sie hatte es geschafft, den Panzer um sich herum zu sprengen. Jetzt konnte die Arbeit der Psychiater beginnen, die Mikayla auf dem weiten Weg der Genesung begleiten würden.
   Vor dem Krankenzimmer blieb Reese einen Moment stehen und schloss die Augen. Sofort malte sich die breitschultrige Silhouette des Fremden mit seinem abweisenden Blick an die Innenseiten ihrer Lider. Sie sollte sich diese Schwärmerei aus dem Kopf schlagen. Vielleicht war er gebunden und einer dieser Männer, für die es keine andere gab. Das machte ihn umso sympathischer. Frauen gleich welchen Aussehens oder Charmes weckten in solchen Männern einfach kein Begehren, da konnte man sich auf den Kopf stellen und mit den Beinen Hurra rufen. Und überhaupt: Einen gebundenen Mann wollte sie nicht, würde sie auch niemals wissentlich anbaggern. Sie dachte an die Affären, die unter den männlichen Vertretern ihres Berufsstandes und dem weiblichen Pflegepersonal stattfanden. In einer Heimlichkeit, die so offenkundig durch das Kollegium waberte, dass es unter den geschlossenen Augen aller passierte, aber niemand etwas wissen wollte. Wie oft hatte sie zwei Schwestern tuscheln sehen, eine davon mit rot geweinten Augen, weil der smarte Herr Doktor sein Versprechen, sich von Frau und Kind zu trennen, im Lebtag nicht einzuhalten gedachte. Ihr als Ärztin blieben solche Avancen weitestgehend erspart, da verhielten sich die Kollegen lieber zurückhaltend. Es störte Reese nicht im Geringsten, im Gegenteil.
   Sie meldete sich bei der Stationsleiterin ab, eilte ins Labor, um die Blutprobe abzugeben und ein Schwätzchen mit den Kollegen zu halten und ging anschließend in den Personalbereich. Während des Umziehens dachte sie an den langen Feierabend, der vor ihr lag. Als Alana und Natana noch in ihrem Apartment hausten, hatte sie täglich gewünscht, ihre Schwester würde endlich eine eigene Bleibe finden. Ein Vierteljahr lang, und erst das Treffen mit dem Makler am Freitag war erfolgreich gewesen. Am Samstagmorgen hatte Alana es ihr beim Frühstück freudestrahlend mitgeteilt und gegen Mittag bereits den Wagen vollgepackt. Kaum waren Nat und Alana zwei Tage fort, vermisste Reese die beiden und fühlte sich einsamer denn je zuvor, obwohl sie das Singledasein bisher immer genossen hatte. Sie musste dringend etwas an diesem Zustand ändern – lange hielt sie ihre Unzufriedenheit nicht mehr aus, ohne zu einer launischen Giftspritze zu mutieren.
   Ob sie doch mal in diesen Adult-Chatrooms herumstöbern sollte? Ihre Schwester hätte da wenig Scheu gezeigt. Zumindest, solange es anonym blieb.
   Sie wühlte in der Hosentasche nach dem Autoschlüssel.
   Vor ihrem inneren Auge sah sie die süße, quirlige Alana, der seit jeher alle Männerherzen zu Füßen lagen, obwohl sie nur Augen für Nate gehabt hatte. Nate und Alana ergab Natana, Alanas innigstes Glück und ihr ganzer Stolz. Alana war nicht sehr groß, reichte einem Durchschnittsmann gerade bis an die Schultern. Die fehlende Länge glich ihre Schwester mit einer Energie aus, die Reese so manches Mal Schwindel bereitete. Alanas grüne Augen leuchteten dann und wirkten, als sprühten sie elektrische Funken. Ihr von Natur aus straßenköterblondes Haar trugen sie beide seit ihrer Jugend in einem hellen Blond, an das Reese sich so gewöhnt hatte, dass sie sich gar nicht mehr anders kannte. Obwohl rein vom Äußerlichen niemand außer Mom es schaffte, sie auseinanderzuhalten, hielt sich Reese immer für eine graue Maus im Schatten ihrer zwei Minuten älteren Zwillingsschwester. Das Los der Zweitgeborenen.
   »Gehn wir zu dir oder zu mir?«
   Was? Die tiefe, melodische Stimme vibrierte in ihrem Inneren. Schmetterlinge stoben aufgeregt umher, ehe ihr der Sinn der Worte überhaupt richtig zu Bewusstsein kam. Ihr schoss Hitze in den Kopf und dann antwortete ein Teufelchen: »Zu mir!«
   Hatte sie das etwa laut gesagt? Oh mein Gott!
   Reese blickte sich um und sandte ein Dankgebet in den Himmel. Sie war allein auf dem Parkplatz, niemand hatte ihre Tagträumerei mitbekommen und ihre anrüchig angehauchte Stimme gehört.
   Die Sirene eines Polizeiwagens erstarb in der Krankenhauszufahrt und eine Ambulanz kündigte sich mit schnell näher kommendem Alarmgeräusch an. Reese verabschiedete sich von ihrem Feierabend und trabte postwendend Richtung Notaufnahme. Noch während sie auf den Eingang zulief, mischte sich eine weitere Sirene in die unheilvolle Ankündigung und dann eine dritte. Hoffentlich bedeutete das nicht wieder eine Massenkarambolage auf dem Freeway. Das hatten sie erst vor wenigen Monaten hinter sich gebracht und beinahe dreißig Verletzte gleichzeitig versorgt. In den umliegenden Krankenhäusern waren weitere Beteiligte behandelt worden. Neunzig Verletzte und drei Tote lautete die Bilanz des verheerenden Unglücks, das musste sich nicht wiederholen. Sie beschleunigte die letzten Schritte ihres Laufes zu einem Sprint.
   Ein Pfleger sah sie kommen und hielt ihr die breite Schwingtür auf. »Behandlungsraum drei, Dr. Little.«
   Sie flitzte den Gang entlang. Ihre Schuhe quietschten auf dem linoleumbehafteten Boden und das Geräusch verursachte ein Ziehen in den Zähnen. An der Tür stieß sie beinahe mit Dr. Mills zusammen. Seite an Seite betraten sie den Raum. Noch während Reese in den von einer Schwester bereitgehaltenen Kittel schlüpfte, versuchte sie, die Situation auf dem Behandlungstisch hinter einem halb zugezogenen Vorhang zu erfassen. Sie sah einen blutverkrusteten Schopf, hörte die Instrumente klimpern, die aus sterilen Behältern auf einem Rollwagen angeordnet wurden. Jemand schob einen Infusionsständer herbei, an dem Beutel mit Ringerlösung baumelten. Ein anderer zog den Vorhang zu und Reese beobachtete die darauf tanzenden Schatten. Das Wackeln der Schläuche verriet, dass man dem Patienten bereits einen venösen Zugang gelegt hatte und die Infusion nun anschloss.
   »Was ist passiert?«
   »Ein Brand in einer Vorratshütte oben im Angeles Forest. Wanderer haben es bemerkt und einen Wagen gestoppt. Der Fahrer hat geholfen, eine Ausreißerin zu retten, die sich in der Hütte aufhielt. Er wurde in bewusstlosem Zustand geborgen. Kopfwunde mit hohem Blutverlust. Die beiden Wanderer sind ebenfalls verletzt.«
   »Stehen Null Negativ und Plasma bereit?«
   »Müssten jeden Augenblick eintreffen.«
   Sie streckte die Arme aus und ließ sich Handschuhe überstreifen. Mit dem Ellbogen voran schob sie sich durch einen Spalt im Vorhang. Dr. Mills würde assistieren und begann sofort mit der Erstuntersuchung. Die Geräusche um Reese verschwammen, hinterließen den Eindruck, als bewegte sie sich viel zu langsam wie in einer zähen Melasse. In Wahrheit war es ihre Art, heikle Situationen zu erfassen. Was sie sich als ein Abspulen in Zeitlupe vorstellte und ihr dieses wattige Gefühl vermittelte, half, sich später genauestens an Details zu erinnern, die von Bedeutung sein konnten.
   Sie wusste sofort, dass jede Sekunde zählte. Der provisorisch angelegte Kopfverband des Mannes zeigte sich bedenklich rot. Ihr Blick flog über die Kleidung. Keine weiteren offensichtlichen Wunden.
   »Abdecken.«
   Eine Schwester entfernte den blutdurchtränkten Mull und legte sterile Tücher um die Kopfwunde. Reese hatte die Schwellung unter dem dichten Haar bereits erkannt. Die Beule hob sich wie ein Horn vom Schädelknochen ab. Sie fuhr mit dem Rasierapparat zunächst um das Zentrum der Verletzung und entfernte so viel Haar wie möglich, um freie Sicht zu bekommen. Blut rann permanent aus der Wunde. Möglich, dass sie es mit einem Bluter zu tun hatten. Die Bewusstlosigkeit des Mannes bereitete ihr ebenso große Sorgen. Auf den ersten Blick schien keine Schädelfraktur vorzuliegen, doch Erkenntnis würden erst die weiteren Untersuchungen zeigen. »Wie lange ist er bewusstlos?«
   »Etwa drei Stunden. Die Feuerwehr musste einen herabgekrachten Balken wegsägen, um ihn zu befreien.«
   »Was ist mit dem Mädchen?«
   »Wurde sofort in den OP gebracht. Mehr weiß ich leider nicht.«
   Reese wandte sich wieder dem Patienten zu. Bei einer Gehirnprellung hielt eine Bewusstlosigkeit meist länger als fünf Stunden an. Auch eine Quetschung des Organs konnte sie nicht ausschließen, der Mann würde in diesem Fall vielleicht mehrere Tage ohne Bewusstsein bleiben und eine Amnesie davontragen. Sie tastete über den Wundrand. Die Schwellung verkomplizierte das Setzen der Naht, doch nach wenigen Minuten versiegte die Blutung. Reese blickte erleichtert auf. Die Gesichter der Anwesenden glänzten schweißbedeckt. Sie legte Mull auf die Wunde und nickte den beiden Schwestern zu, die sich eilig daranmachten, die rußgeschwärzte Kleidung des Mannes zu entfernen. Außer ein paar Abschürfungen und Hämatomen sowie einigen leichten Verbrennungen fand sich auch jetzt keine äußerliche Verletzung.
   »MRT«, ordnete sie an, warf einen Blick auf den soeben angeschlossenen Plasmabeutel und beobachtete die Instrumente. Blutdruck und Herzfrequenz lagen im normalen Bereich.
   Eine knappe Stunde später lag der Patient unter ihrem Messer. Die Befürchtung einer Gehirnquetschung mit subduralem Bluterguss hatte sich bestätigt. Sie mussten operieren, unter die harte Hirnhaut vordringen, für eine Druckentlastung des Gehirns sorgen und die Blutungsquelle veröden.

Erst weit nach Mitternacht fiel sie erschöpft ins Bett. Ihr letzter klarer Gedanke vor dem Einschlafen galt dem operierten Patienten mit der seltsamsten Tätowierung, die sie jemals gesehen hatte. Eine dünne Klapperschlange, deren gespaltene Zunge um das linke Ohrläppchen nach vorn züngelte. Ihr Körper wand sich mit gelblichen Rücken- und Flankenschuppen und einer Reihe dunkleren, ovalen Flecken unter dem Haaransatz entlang bis in den Nacken und von dort zum rechten Ohr, wo eine Schwanzrassel ebenfalls am Ohrläppchen endete.
   Reese schauderte und fragte sich, wieso. Der Mann war ein Held. Er hatte ein Leben gerettet. Sie zog die Decke bis ans Kinn. Ihr Bauchgefühl sagte etwas ganz anderes.

Freitag, 23. September
Santa Rosa Island (Kalifornien) & Los Angeles

Simba wälzte sich auf seinem Lager. Wenn er nur etwas ausruhen könnte. Seine Gedanken fuhren Achterbahn, schlugen Kapriolen, wühlten Erinnerungen auf, die er längst begraben glaubte. Schmerzhafte und verdrängte Bilder, von denen er gehofft hatte, sie nie wieder zu sehen. Sie rissen keine Narben auf – stattdessen kratzten sie kaum verheilten Schorf von den Wunden seiner Seele. Zum ersten Mal, seit er zu seinen Brüdern, den G.E.N. Bloods, gestoßen war, zerrte der Schmerz ihn nieder und machte ihn zu dem, was er bis vor wenigen Monaten gewesen war: eine ausgebrannte Hülle, ein elendes Häufchen Mensch, das am Sinn seiner Existenz zweifelte. Nur für wenige Sekunden, dann fing er sich wieder. Das alles lag so weit hinter ihm wie ein früheres Leben, dennoch wollten ihn die Bilder der Vergangenheit nicht aus dem Griff lassen.
   »Ich nenne dich Narsimha, mein kleiner Freund.« Die knochige Hand einer alten Frau fuhr über sein Haar. »Narsimha Mishra.« Sie hatte viel Kraft und hob ihn mit Leichtigkeit auf den Arm. »Hab keine Angst.«
   Er hatte tatsächlich keine Furcht mehr, obwohl er noch Sekunden zuvor beinahe seine Hosen nass gemacht hätte. Die Stille im Wald wollte ihn erdrücken, nachdem Maa Jaisi und Pitâji ihn zurückgelassen hatten.
   »Weißt du«, sie bahnte sich mit ihm einen Weg durch das Dickicht, »Narsimha bedeutet Löwe zwischen Männern, und Mishra heißt vermischt. Ich weiß, was du bist, kleiner Löwe. Ich kenne dich schon dein Leben lang, fast vier Jahre. Und ich habe keine Angst vor dir, so wenig, wie du Angst vor mir haben musst.«
   Sein Herz klopfte wild. Er presste die Wange an die Schulter der Frau. Sie roch nach Moos und nach Pilzen. Die Lider hielt er geschlossen. Würde sie ihn in sein Dorf zurückbringen? Er wollte dort nicht mehr hin.
   Sie ließ ihn auf den Boden sinken, glitt geschmeidig in den Schneidersitz und zog ihn mit. »Das ist unser Heim.«
   Er folgte mit dem Blick der ausholenden Bewegung ihrer Arme und sah fast nichts als Papayastauden, die ihre langen Wedel hoch an ihren Stämmen in den Himmel streckten. Eine winzige Lichtung. Ein geflochtenes Blätterdach, unter dem er im Schatten einen verbeulten Kochtopf und einen Strohsack erkannte. Ob sie dort schlief und er ebenfalls unterkriechen durfte, wenn der Monsun kam?
   »Nenn mich …«
   »Nani-ji«, flüsterte er. Seine Kehle fühlte sich wund an.
   Ein Schrei zerriss die Nacht und holte ihn abrupt in die Gegenwart. Schüsse donnerten durch die Schlucht. Simba warf sich herum, rollte hinter einen Felsbrocken und strampelte sich aus dem Schlafsack. Er hörte lautes Stöhnen. »Bhenchod!« Ein weiterer Kugelhagel verschluckte das Schimpfwort. Er hätte sich lynchen können. Wie konnte es sein, dass ihr Lager angegriffen wurde? Erst vor einer Viertelstunde hatte er seinen Wachposten an Wade übergeben und bis dahin war alles ruhig gewesen. Wade hätte es sofort riechen müssen, wenn sich Fremde ihrem Lager näherten. Nicht umsonst verfügte er über einen Geruchssinn wie ein Aal, besser als jeder Wolf. Hatte sich Wade zu viel zugemutet?
   Simba riss seine Heckler & Koch in Schussposition. Er kniff die Augen zu Schlitzen zusammen, suchte in der Schwärze nach Mündungsfeuer, erfasste ein schwaches Aufblitzen gegenüber dem Lager und schoss. Der Aufprall seiner Salve in dichtem Buschwerk mit knorrigen, trockenen Stämmen am anderen Ende der kleinen Talenge mischte sich mit einem Aufschrei. Sofort wechselte Simba die Position, setzte mit einem langen Sprung hinter das nächste Gebüsch und feuerte erneut. Die Gegner kämpften lautlos. Viel zu professionell, obwohl er dann eigentlich längst am Boden liegen müsste. Sie hatten das Überraschungsmoment auf ihrer Seite gehabt und ihr Ziel verfehlt. Für wenige Sekunden ließ er den Blick umherhuschen, suchte die Umgebung ab. Er fluchte innerlich, weil er sein Nachtsichtgerät nicht zur Hand hatte. Dennoch zählte er sieben fast unsichtbare Mündungsfeuer. Das durfte doch nicht wahr sein. Drei in seiner Nähe mussten Wade, Neil und Dix sein. Mit ihren MP5SDs waren sie in der Regel allen Gegnern überlegen, deren Waffen sie nicht nur durch die Lautstärke, sondern besonders nachts durch das Aufblitzen verrieten. Die anderen schienen in diesem Fall die gleichen Kanonen zu benutzen. Schall- und blitzgedämpft. Fuck!
   Er suchte besseren Schutz hinter einem mannshohen, aufrecht stehenden Stein und hängte sich die Maschinenpistole über die Schulter. Nachdem er sich seiner Stiefel entledigt hatte, streckte er die Zehen und Finger, bis sich die Kuppen verdickten. Seine Nägel hoben sich und darunter fuhren wie bei einer Katze lange Krallen hervor. In Bezug auf deren Größe hätte er sich kaum mit einem ausgewachsenen Raubtier messen können, dafür waren seine Krallen dank ausgiebiger Pflege schärfer. Einen weiteren Vorteil hatten ihm die Gene in die Wiege gelegt: Auf den geschwollenen Ballen seiner Füße konnte er ebenso gut schleichen wie jedes Samtpfötchen. Simba zog die Gesichtsmaske bis zum Hals hinunter und verengte die Lider, um sich nicht durch eine zufällige Lichtspiegelung in den Pupillen zu verraten. In gebückter Haltung huschte er von Deckung zu Deckung, verharrte einen Moment bewegungslos und lauschte. Ein winziges Knacken hier, ein Rascheln dort offenbarte ihm die Positionen verschiedener Personen. Er umrundete das Lager. Hier würde er am ehesten die Gegner aufspüren.
   Plötzlich hörte er jemanden und sah einen schwarzen Umriss, der sich undeutlich vom Boden abhob. Ein erneutes, leises Stöhnen während einer Feuerpause verriet einen Mann, der verletzt sein musste. Die dumpfen Geräusche der Maschinenpistolen klangen aus weiterer Entfernung. Mindestens dreißig Schritte lagen zwischen Simba und dem nächsten Schützen. Er setzte zu einem weiten Sprung an, kam präzise neben dem Verletzten auf und ging in die Hocke. Simba presste ein Knie auf dessen Oberkörper und unterband die schwache Gegenwehr. Die Pistole des Mannes drückte gegen Simbas Unterschenkel. Keine Gefahr, sie lag außerhalb der Reichweite des Verletzten. Außerdem war er viel zu schwach. Ein Röcheln ließ Simba innehalten. Er nahm sofort Gewicht von der Brust des Mannes. Tastend suchte er ihn nach weiteren Waffen ab, spürte eine große Bauchwunde, fand ein Messer und nahm es an sich, ebenso wie die Maschinenpistole. Der kahl geschorene Schädel des Kerls bestätigte, dass es sich um kein Mitglied seines Teams handelte. Dieser Typ würde nirgendwo hingehen, nicht schreien und auch keinen von ihnen weiter angreifen. Sein Röcheln ließ auf die letzten Atemzüge schließen. Simba musste dichter an die anderen heran, ehe seinen Brüdern oder ihm das gleiche Schicksal drohte.
   Er schlich gebückt weiter. Seine Augen waren gut an die Dunkelheit gewöhnt, dennoch erwies es sich als schwierig, Details zu erkennen. Der Mond versteckte sich immer wieder hinter dicken Wolken und auf dieser gottverdammten unbewohnten Insel erhellte nicht einmal der entfernte Schein einer Stadt den Horizont. Bäume, die Deckung boten, gab es nicht. Nur dichtes Strauchwerk, meist nicht einmal oberschenkelhoch. Hin und wieder ein größerer Felsbrocken.
   Die Gegner hatten das Feuer eingestellt. Mit wie vielen hatten sie es zu tun? Waren es mehr als die vier, die er gezählt hatte? Simba verharrte abrupt in der Bewegung. Vor ihm bewegte sich ein Schatten. Er konzentrierte sich und durchdrang die Schwärze mit eisiger Berechnung. Wenn sich nur die geringste Chance böte … da war sie. Kaum, dass er glaubte, auf die Silhouette eines Angreifers zu starren, stieß sich Simba ab und sprang dem Kerl auf den Rücken. Er zerfetzte mit einer Kralle den ledernen Riemen, an dem die Maschinenpistole hing, und schleuderte die Waffe fort. Gleichzeitig presste er seine Linke auf das Gesicht des Mannes. In einer geschmeidigen Bewegung rang er ihn zu Boden und verkeilte die Arme des Gegners mit seinem Gewicht unter den Knien. Eine Kralle drückte er dem Mann an die Kehle, sodass dieser das Gefühl haben musste, eine überdimensionale Rasierklinge schnitte ihm in die Haut. Simba atmete auf, dass er in der Dunkelheit nicht versehentlich einen seiner Freunde umgenietet hatte. »Wer bist du?«, raunte er. Er erwartete nicht, eine Antwort zu bekommen und genau so war es, obwohl er dem Kerl genug Luft zum Sprechen ließ. Mit einem Kabelbinder zurrte er die Hand- und Fußgelenke zusammen und mit weiteren verschnürte er die Hände im Rücken des Mannes an den Füßen.
   »Sagst du mir wenigstens die Adresse, wohin ich dich als Halloween-Päckchen schicken soll?« Als auch jetzt nichts kam, landete über den Lippen des Angreifers ein breiter Streifen Panzertape, den Simba so leicht abriss, als hätte er sanft mit dem Fingernagel über vertrocknetes Laub gestrichen. Er hob das Bündel Mensch hoch und verfrachtete es auf dem Rücken. Mittlerweile hatte er eine markante Felsformation zu seiner Rechten identifiziert. Wenige Schritte entfernt befand sich eine Höhle. Winzig, doch groß genug, um das Paket abzuliefern, sodass seine Verbündeten ihn nicht fanden und Simba später einige Informationen herauspressen konnte.
   Als er aus dem Unterschlupf hinauskroch, streifte ihn ein Luftzug. Simba ahnte, dass es nicht der Wind war.
   Im nächsten Augenblick legte sich Neils unsichtbare Pranke auf seine Schulter. »Es sind noch zwei. Sie ziehen sich gerade zurück. Sorry, ich bin ihnen beim Pinkeln über den Weg gestolpert und sie haben sofort angefangen, rumzuballern.«
   Ein Frösteln überzog Simbas Haut. Die Stimme aus dem Nichts klang einfach zu gruselig, er würde sich nie daran gewöhnen, dass sich Neil unsichtbar machen konnte.
   »Konntest du dich nicht vor dem Pinkeln in Luft auflösen?«
   Er erntete ein abfälliges Schnauben. »Witzbold!«
   Simba grinste. Schon blöd, wenn man sich erst nackt ausziehen musste, um seine Gabe anzuwenden. »Sind die anderen ihnen auf den Fersen?«
   »Klar, Mann.«
   »Welche Richtung?«
   »Wasser.«
   Zwischen ihnen und dem Meer lag eine schmale Anhöhe, ein Sprint von einer knappen Minute, dann endete jeder Weg an der Steilküste. Zu hoch für einen Sprung, außer, man hegte selbstmörderische Absichten. »Dann lass sie uns mal das Fliegen lehren.«
   Das Aufjaulen eines Bootsmotors durchschnitt die Stille. Vor ihnen flackerte das Licht starker Taschenlampen.
   »Sie sind an Seilen die Klippen runter«, sagte Dix, als Neil und Simba bei ihm ankamen, und lenkte den Strahl seiner Taschenlampe auf eine liegen gebliebene Seilklemme. »Wir sind nur Sekunden zu spät gekommen.«
   »Zurück!« Simba machte auf dem Absatz kehrt und schnellte voran. »Wir nehmen uns meinen Gefangenen vor«, rief er über die Schulter.
   Die Enttäuschung hieb ihm mit voller Wucht in den Magen, als er die Felsenöffnung ausleuchtete. Blut an den Wänden, auf dem Boden, doch von dem Mann keine Spur. Die dunkelroten, beinahe schwarzen Tropfen verloren sich nach wenigen Schritten außerhalb der Höhle. Er konnte sich bildhaft vorstellen, was der Kerl getan hatte. Das, was jeder Elitesoldat versucht hätte. Es kostete Mut und Überwindung, den Schmerz zu ertragen. Er hatte akrobatische Verrenkungen anstellen müssen, um die verdrehten Arme an den scharfen Kanten der Felsen zu reiben – so lange, bis das Plastik der Kabelbinder durchgescheuert war und er sich befreien konnte. Der Drecksack musste noch auf der Insel sein. Völlig ausgeschlossen, dass er es vor ihnen zu seinen flüchtenden Kumpanen und die Felswand hinab geschafft haben könnte.
   »In der Dunkelheit werden wir ihn nicht finden.«
   »Bei Tage sieht es auch nicht besser aus. Es gibt hier zu viele Unterschlupfmöglichkeiten«, erwiderte Dix.
   »Er kommt nicht weg, wenn ihn keiner abholt. Vielleicht hat er ein Funkgerät und versucht, sich mit den anderen in Verbindung zu setzen.«
   »Darüber könnte ich ihm auf die Schliche kommen.«
   Simba musste stets lachen, sobald er an Dix’ Erklärung dachte, wie er seine außergewöhnliche Fähigkeit zu beschreiben versuchte. Er verglich das Lesen von Funk-, Radio-, Fernseh- und Datenwellen mit dem Kämmen einer verfilzten Mähne mittels eines Läusekamms, bis man seidig glattes Haar vor sich hatte, um Nissen und Flöhe herauszupicken.
   Er sah Dix vor seinem inneren Auge in einem Cartoon, wie er umherhüpfend versuchte, die unsichtbaren Schwingungen mit einer Harke einzufangen, um anschließend auf einem imaginären Datenstreifen die Inhalte wie Brailleschrift zu entziffern. Nur dass Dix das Lesen von Sendefrequenzen aller Art in absoluter Starre und viel schneller beherrschte. Im Grunde hatten die Genforscher – auch wenn Ruhm und Ehre ihnen nie beschieden waren – ganze Arbeit geleistet. Wüssten bestimmte Leute oder Gruppierungen von der Andersartigkeit der G.E.N. Bloods, würde manch einer eine Hetzjagd beginnen und Untersuchungen anstellen, um dem Wirkungskomplex der Jahrzehnte zurückliegenden Experimente auf die Spur zu kommen. Eine Vorstellung, die ihm Bauchschmerzen bereitete.
   »Lasst uns zum Lager zurückgehen«, schlug Wade vor.
   »Hey Mann, warum hast du eigentlich nichts gerochen?« Simba wählte den Weg, der zu dem Toten führte. Jedenfalls war er fest überzeugt, dass der Mann seinen letzten Atemzug lange getan hatte.
   »Wenn ich das wüsste. Ich rieche auch jetzt nichts.«
   »Dann kannst du dich ja glücklich schätzen.« Neil hüstelte verhalten.
   Jeder wusste, wie Wade von seiner Gabe gequält wurde, und hätte um nichts in der Welt mit ihm getauscht.
   »Fuck, Alter. Dein frisch gewaschener Hintern stinkt trotzdem schlimmer als sechs Wochen alte Stinktierpisse auf einem Haufen fauler Eier.« Wade wich dem freundschaftlichen Hieb aus und lachte über das Loch, das Neil in die Luft boxte. Die gedämpfte Heiterkeit klang unecht.
   Sie erreichten die Stelle, an der Simba seine Stiefel ausgezogen hatte.
   »Seltsam.« Der Kerl, der in der Nähe liegen musste, war verschwunden. Lediglich einige platt gedrückte trockene Grashalme verrieten, wo er gelegen hatte. »Ich schwöre, der konnte nicht mehr auf allen vieren vorwärtskriechen.«
   »Dann muss ihn der andere mitgenommen haben.«
   »Wenn er ihn schleppt, kommen sie nicht weit.«
   »In eine der Dutzenden Höhlen reicht und wir finden sie nie. Außer du riechst sie.«
   »Wir werden das Morgengrauen nicht abwarten und sofort mit der Suche beginnen.« Simba schwankte zwischen der Entscheidung, ob das wirklich ein guter Vorschlag von ihm war oder ob sie sich auf ihren eigentlichen Einsatz konzentrieren sollten. Das eine schloss das andere aus.
   »Und die Schmuggler?« Neil wirkte ebenso unschlüssig.
   Es war ein gewinnträchtiger Auftrag, den Max an Land gezogen hatte. Erwischten sie die Ganoven, würde ihr Auftraggeber, ein kalifornischer Zigarettenhersteller, sie großzügig bezahlen. Ohne Erfolg lautete das Fazit: Außer Spesen nichts gewesen.
   »Daran dachte ich auch gerade.« Simba rieb sich den Arm. Erst jetzt spürte er einen leisen Schmerz. »Leuchte mal.« Er tippte Wade auf die Schulter und wartete, bis dieser den Lichtstrahl positioniert hatte. Ein handlanger und beinahe fingerbreiter Riss klaffte in Simbas rechtem Oberarm. Er erinnerte sich nicht, wo er sich diesen zugezogen hatte. Die Wunde blutete nicht mehr, aber sie musste trotzdem genäht werden.
   »Wir brechen ab und lassen uns den Hubschrauber schicken. Die Suche ist ohnehin zwecklos.« Dix beugte sich vor, um die Verletzung zu betrachten. »Deine Chance, Mann. Vielleicht begegnest du im Krankenhaus wieder der süßen Ms. Right.«
   »Vergiss es!«
   Trotz Simbas Protest saß er Minuten später im Lager, den Arm in einem festen Verband am Oberkörper fixiert und fühlte sich wie kastriert. Er würde gern den Dreckskerlen den Arsch aufreißen, die sie hinterrücks angegriffen hatten, andererseits wollte er den Auftrag nicht versauen, den Schwarzhändlern das Handwerk zu legen.
   »Das waren nicht die Schmuggler, ich hab’s im Urin.« Simba erntete zustimmendes Brummen.
   Wade drehte seinen wohl millionsten Kreis um die kleine Lagerstätte. »Ich frage mich nur, warum ich die Typen nicht gerochen habe.«
   »Ja, ich auch.« Die Antwort schoss Simba, Dix und Neil gleichzeitig aus der Kehle.
   »Und warum ich noch immer nichts rieche.«
   »Was?« Simba sprang auf. Wade benötigte vielleicht schneller einen Doktor als er. »Aber sonst ist alles okay oder bist du verletzt? Und seit wann ist dir das klar?« Eine ungute Vermutung bohrte sich wie ein Stachel in sein Fleisch. Schon zu Beginn des Gefechts hatte er sich gefragt, ob sich Wade vielleicht übernommen hatte. Immerhin war er erst vor einer Woche aus dem Krankenhaus entlassen worden und nun bereits wieder voll im Einsatz. »Glaubst du, das könnte mit deiner Blutvergiftung zusammenhängen?« Simba mochte sich nicht ausmalen, was es bedeuten würde, wenn das irgendeine Folgeerscheinung sein sollte.

*

Reese blinzelte ihre Betroffenheit aus den Augen und ließ den Blick über das Mädchen schweifen, das schlafend auf der Intensivstation lag. Welche Qual trieb eine junge Frau dazu, sich umbringen zu wollen? Welcher Wahnsinn einen Psychopathen, einen Mitmenschen zu diesem verzweifelten Schritt zu treiben?
   Ein Kloß bildete sich in ihrem Hals, als sie den abgemagerten Körper betrachtete. Unter der Decke zeichneten sich die Beckenknochen und die spitzen Knie der Sechzehnjährigen ab. Wie leicht hätte es ihre Nichte Natana sein können, die anstelle von Maggie Garner um ihr Leben kämpfte. Sie lag noch in künstlichem Koma. Neben einer Rauchvergiftung hatte sie Verbrennungen dritten Grades am linken Bein erlitten und ein paar weniger schlimme Blessuren. Den Brand in der Vorratshütte hatte sie selbst gelegt, nachdem sie tagelang darin eingesperrt und einem Irren ausgeliefert gewesen war. Entgegen der ersten Annahme handelte es sich nicht um eine Ausreißerin. Maggie Garner war vermutlich ein weiteres Opfer des Chatroom-Mörders. Auswertungen ihrer Computerdateien untermauerten den Verdacht. Nach Angaben der Polizei hatte Maggie mit dem Glas ihrer Armbanduhr unter einem Sonnenstrahl ihre Decke entfacht. Als das Feuer größer wurde, suchte sie Schutz hinter einer aufgestellten Matratze. In den vergangenen Tagen hatte Reese zwei Operationen durchgeführt, doch vor Maggie lag ein langer Weg mit Massagen, Krankengymnastik und einer Reihe weiterer Transplantationen. Irgendwann würde sie kaum noch Spuren der Verletzung sehen und spüren.
   Nicht körperlich, doch was war mit ihrer Seele? Selbst eine gestandene Frau wie Mikayla Costello, die weniger schlimme Wunden davongetragen hatte, geriet unerbittlich an ihre seelischen Grenzen.
   Reese strich Maggie über den Arm. »Kämpfe«, flüsterte sie. »Tu es für dich. Das Leben ist es wert. Du wirst siegen.«
   Maggie konnte sie nicht hören. In wenigen Tagen sollte sie aus dem Kunstschlaf geweckt werden und Reese würde dabei sein. Sie dachte an die blutunterlaufenen Augen der Mutter, den starren Blick des Vaters, in dem Wut und Rachsucht tobten. Im Grunde ihres Herzens würde sie es dem Verbrecher gönnen, fiele er dem Mann in die Hände, auch wenn ihr Glaube und ihre Menschlichkeit diese Denkweise vehement verboten. Sie zog sich langsam zurück, verließ die Intensivstation und suchte den Ruheraum für Ärzte auf.
   Die Nacht war ereignislos verlaufen. Keine Einsätze, keine Komplikationen. Noch eine Viertelstunde, dann kam der Schichtwechsel. Ein langes Wochenende lag vor ihr. Sie erinnerte sich kaum, wann sie das letzte Mal von freitags morgens bis einschließlich Sonntag am Stück dienstfrei gehabt hatte. Eine Gelegenheit, die Gedanken einmal von den Patienten freizubekommen und sich ein Verwöhnprogramm zu gönnen. Schlafen würde sie erst am Abend, denn ab Montag begann der Tagdienst wieder und sie musste bis dahin ihren Rhythmus umstellen.
   Sie legte die Hände hinter den Kopf und verfolgte durch das Fenster einen Wolkenberg, der gemächlich seine Form änderte. Die aufgehende Sonne färbte ihn von rechts in einem kräftigen Rosa, während sich die linke Seite mit scharfen Kanten vor einem babyblauen Himmel abzeichnete. Der Sieg des Tages über die Nacht ließ die Schatten immer weiter schmelzen und die Konturen verschwimmen.
   Plötzlich zerstörte ein Hubschrauber wie ein hässliches schwarzes Rieseninsekt das malerische Bild. Reese setzte sich auf. Der Helikopter steuerte den Landeplatz des Krankenhauses an, aber es handelte sich nicht um einen Rettungshubschrauber. Nur selten wurden Patienten mit einem Privathubschrauber hergebracht.
   Das Dröhnen der Rotoren drang schwach zu ihr. Sie beobachtete, wie sich die Tür öffnete und drei Männer auf die asphaltierte Fläche sprangen. Zuletzt kletterte ein Vierter heraus und sie erkannte einen Verband um seinen Oberkörper. Also dann, ans Werk. Reese beeilte sich, zur Notaufnahme zu laufen.
   »Können Sie mir Ihren Namen sagen, Sir?«
   Nicht nur der Pfleger, der die Frage an den Patienten gestellt hatte, sah auf, als sie den Behandlungsraum betrat. Der Blick aus diesem goldbraunen Augenpaar traf sie unvorbereitet und ihr Herz meldete jäh einen Streik an.
   »Narsimha Mishra.«
   »Guten Morgen, Mr. Mishra.« Reese streckte ihm die Rechte entgegen. »Ich bin Dr. Reese Little.« Sie betete, ihr möge keine Röte ins Gesicht schießen.
   Der Traum ihrer schlaflosen Nächte kauerte auf der Liege und maß sie mit einem Ausdruck in den Augen, in dem Schmerz und Ablehnung, ein sexy Funkeln und unverhohlene Flirtbereitschaft einen wilden Tanz aufführten. Sie spürte ihren Adrenalinspiegel steigen.
   Narsimha erwiderte zögernd ihren Händedruck mit der Linken. Seine Handfläche fühlte sich warm und ledern an, wie von einem Mann, der kräftig zupacken konnte. Genau das, was sie sich wünschte. Stärke, die man sah und spürte. Eine breite Schulter, an die sie sich anlehnen konnte.
   Etwas zu schnell zog er den Arm zurück, gerade so, um es nicht mehr als unhöflich bezeichnen zu können, jedoch deutlich zurückhaltend. Die Freude, ihn wiederzusehen, trübte sich. Zu offensichtlich gewann seine Zurückweisung die Oberhand und hinterließ die Begeisterung allein auf ihrer Seite.
   Sie zog sich einen Hocker heran, positionierte die Behandlungslampe und setzte sich. »Darf ich? Was ist passiert?« Sie wartete keine Erlaubnis ab, sondern begann, den Verband, der seinen rechten Arm am Oberkörper fixierte, zu entfernen. Als die Fleischwunde offen lag, sog sie langsam den Atem ein, um ein Aufstöhnen zu unterdrücken. Die Wundränder hatten sich bedenklich rot gefärbt. Der Pfleger reichte ihr Tupfer und hielt eine Schale mit Jodtinktur bereit.
   »Das wird etwas brennen«, warnte sie, wusste aber sogleich, dass ihm kein Ton entweichen würde. Die zusammengepressten Lippen verrieten stählerne Beherrschung.
   Sie versorgte die Wunde, gab sich bei der Naht besondere Mühe, damit später die Narbe möglichst unauffällig wirkte, und spritzte ihm ein Antibiotikum. Als der Pfleger die Aufgabe übernehmen wollte, einen neuen Verband anzulegen, winkte sie ab. »Ich mach das schon. Würden Sie sich bitte um die Rechnung kümmern?«
   Drei Minuten allein mit Narsimha Mishra.
   Was für ein seltsamer Name. Aus welchem Land mochte der Exot stammen? Seine Hautfarbe zeigte sich sogar im weißblauen Licht des Behandlungszimmers in einem warmen Bronzeton. Auf seinem unbehaarten Oberkörper und an den Oberarmen zeichneten sich kräftige Muskeln ab, liefen in einem Strang, den sie am liebsten mit dem Finger nachgezeichnet hätte, über seine Schultern und endeten in einem kräftigen Nacken. Kein Muskelprotz wie ein anabolikaschwangerer Bodybuilder, sondern maskulin markante Formen.
   Mit einem Mal wurde sie sich bewusst, dass ihre Fingerkuppen viel zu lange auf seiner Haut lagen. Sie griff hastig nach einer Mullbinde. Der Ausdruck in Narsimhas Augen verriet, wie sehr er ihre Verwirrung genoss. Ein winziges Zucken floss um seine Mundwinkel. Das Teufelchen in ihrem Kopf befahl, die liebkosende Behandlung fortzusetzen. Reese wusste nicht, welcher Dämon sie ritt. Von Sekunde zu Sekunde verdichtete sich die Spannung im Raum wie eine Ladung knisternder Elektrizität, die sich im nächsten Moment als gewaltiger Kugelblitz zu entladen drohte. Längst hoben sich ihre Bewegungen mehr als deutlich vom einfachen Anlegen eines Verbandes ab. Ihre Finger streiften seinen Arm, wann immer es möglich war. Reese fragte sich, ob sie überhaupt ihrem eigenen Willen folgte oder ob es der hypnotische Bann seines Blickes war, der den ihren gefangen hielt und in die Tiefe ihrer Seele tauchte. Ihr Innerstes brannte lichterloh, ihre Lippen wurden trocken. Sie traute sich nicht, sie zu befeuchten – aus Scham und Furcht, diese Geste könnte noch aufdringlicher und provokativer wirken. Obwohl sie den Anfang gemacht und sich danach gesehnt hatte, Narsimhas Körper zu berühren, wollte sie ihn jetzt loslassen und fand kein Ende. Ihr Atem beschleunigte sich und ein leichter Schwindel kündigte sich an.
   Der unwiderstehliche Zauber brach erst, als Narsimha abrupt den Kopf abwandte. Gleichzeitig hörte sie das Klappern der Tür und ihr Kollege betrat den Raum wieder.
   Reese stand auf. Sie schwankte und stützte eine Hand an die von der Decke herabhängende Behandlungslampe. »Bitte suchen Sie morgen einen Arzt zur Nachuntersuchung auf.« Wie schaffte sie es nur, ruhig und sachlich zu klingen? »Ich verschreibe Ihnen eine antibiotische Salbe und Schmerztabletten. Tragen Sie die Salbe drei Mal täglich auf und nehmen Sie die Tabletten nach Bedarf, maximal vier am Tag.« Je mehr sie sprach, desto einfacher fiel es, sich hinter einer Maske aus Routine zu verbergen.
   Der Pfleger blieb im Raum zurück, als sie Narsimha auf den Flur begleitete. Die drei Männer saßen in der Wartezone auf einer Bank und standen sofort auf, als sie sie erblickten. Einer zog seine Jacke aus und legte sie Narsimha um die nackten Schultern. Himmel! Was trugen die Kerle da? Das waren Uniformen! Dass auch Narsimha eine nicht gerade saubere schwarze Hose und feste Stiefel trug, die an die Kleidung eines Sondereinsatzkommandos erinnerten, fiel ihr erst jetzt auf. Sie vermisste den Schriftzug FBI auf den breiten Rücken. Alle vier waren außergewöhnlich groß und kräftig. Männer wie aus der Traumfabrik.
   »Halten Sie den Arm möglichst ruhig.« Erneut flüsterte das Teufelchen ihr Worte zu, die sie eigentlich nicht sagen wollte. »Keine War-Games während der nächsten vierzehn Tage und auch keine Befreiung gefangener Prinzessinnen aus ihren Gefängnistürmen.« Sie lächelte, als sie das Grinsen in den Gesichtern der Männer registrierte.
   »Jawohl, Ma’am!«
   Wie angewurzelt stand sie im Flur, während sich die vier entfernten. Erst als die Außentür der Notaufnahme hinter ihnen zuglitt, ging Reese auf ihre Station zurück.
   Dr. Mills hatte bereits seinen Dienst aufgenommen. Wenn keine Operationen anstanden, mussten auch die Chirurgen auf den Stationen Einsatz leisten – im Gegensatz zu den Nachtschichten nicht nur als Bereitschaft. Das Ergebnis strenger Sparmaßnahmen.
   Mills begrüßte sie gut gelaunt und sie erwiderte sein kollegiales Lächeln. »Müde? Oder mögen Sie noch die Runde mit mir gehen?« Er machte eine einladende Handbewegung.
   Reese wollte nicht sofort zum Parkplatz laufen. Was, wenn die Männer noch draußen weilten? Auf dem Weg zur Station hatte sie gesehen, dass der Hubschrauber nicht mehr auf dem Landeplatz stand. Möglicherweise warteten sie nun auf ein Taxi oder jemand anderen, der sie abholte.
   »Ich begleite Sie.«
   Zwei Schwestern schlossen sich an. Es war keine ausgiebige Visite, eher eine Art Kontrollgang am Morgen nach Dienstübernahme, um sich des Wohlbefindens aller Patienten zu vergewissern. Das Zimmer, in dem Mikayla Costello gelegen hatte, stand leer. Einen Raum weiter lag eine ältere Frau, die beim Putzen von der Leiter gestürzt war und sich einen komplizierten Schienbeinbruch zugezogen hatte, der operiert werden musste. Im dritten Krankenzimmer behandelten sie einen Patienten zum wiederholten Mal an seinem Bandscheibenvorfall. Nicht mehr lange, und der 60-Jährige zählte zum Inventar. Sein Bettnachbar war erst vorgestern von der Intensivstation verlegt worden, nachdem er vor drei Tagen erstmals seit seiner Einlieferung das Bewusstsein wiedererlangt hatte. Mit Erschaudern dachte Reese an das hässliche Schlangentattoo, das sich von Ohr zu Ohr wand. Generell hatte sie nichts gegen Tätowierungen, auch wenn sie manche zu übertrieben fand, andere dafür wirklich hübsch. Sich mit einer Klapperschlange zu verzieren, die dazu noch hauptsächlich vom Kopfhaar bedeckt wurde, rief allerdings keinen Anklang hervor.
   Der Mann weckte einfach nicht ihre Sympathien. Laut Auskunft der Polizei, die mehrfach da gewesen war, um ihn zu vernehmen, hieß er John Smith, was ihr ein gezwungenes Lächeln entlockte. Der typische Name für einen vermeintlichen Gangster, der unter falscher Identität seinen krummen Geschäften nachging. Irgendwie hatte sie kein gutes Gefühl. Er hatte keinerlei Papiere bei sich getragen und wie sie von einem der Officers wusste, war in dem Leihwagen, mit dem er im Forest unterwegs gewesen war, nur der Mietvertrag gefunden worden, ausgestellt auf den Namen John Smith. Da Smith bisher nicht vernehmungsfähig war und sich seit seinem Erwachen in Schweigen hüllte, kamen die Cops nicht weiter. Hätten die Wanderer nicht ausgesagt, dass sie den Wagen zufällig gestoppt hatten und sich Smith selbstlos an der Rettungsaktion beteiligte, hätte Reese eher darauf getippt, dass er etwas mit Maggies Entführung zu tun hatte. Vielleicht nahm das auch die Polizei an, doch sie hielten sich bedeckt. Wenn sie Indizien gefunden hätten, die diese Vermutung untermauerten, hätten sie Smith längst in ein Gefängniskrankenhaus überführen lassen. Also gab es offenbar keine Beweise, die für eine Verhaftung ausreichten.
   »Einen schönen guten Morgen, Mr. Hicks. Wie geht es uns denn heute?«
   Reese unterdrückte ein Schnauben. Sie hasste es wie die Pest, wenn die Schwestern mit den Patienten sprachen, als wären sie unmündige Kinder.
   »Wohlauf, wohlauf«, antwortete Mr. Hicks.
   Sie warf einen Blick auf das leere Bett. »Wo ist denn Mr. Smith?«
   »Auf’m Klo.«
   Sonderlich gesprächig zeigte sich Hicks heute nicht. Das wunderte sie, denn in der Regel steckte er alle mit seiner Fröhlichkeit an und hatte immer einen flotten Spruch oder einen kleinen Witz auf den Lippen. Sie wartete, bis eine der Schwestern das Kissen aufgeschüttelt und Dr. Mills sein Gespräch mit dem Patienten beendet hatte, ehe sie leise an die Badezimmertür klopfte. Als keine Reaktion erfolgte, pochte sie fester gegen das Holz. »Mr. Smith?«
   »Der ist schon seit ’ner halben Stunde da drin.«
   Merkwürdig. Reese zog den Schlüssel aus der Kitteltasche, mit dem sich jedes verschlossene Patientenbad von außen öffnen ließ. »Ich öffne die Tür, Mr. Smith. Brauchen Sie Hilfe?«
   Ein Schreck durchfuhr ihre Knochen, als sie in den leeren Raum starrte. Das Fenster stand auf, das Vögelchen war ausgeflogen. Das hatte sie noch nie erlebt. Es gab immer einmal Patienten, die – kaum dass sie wieder kriechen konnten – eine weitere Behandlung verwehrten und notfalls eine Entlassung auf eigene Verantwortung erwirkten, aber dass jemand auf diese Weise das Weite suchte, konnte nichts Gutes bedeuten.
   Reese ging ins Krankenzimmer zurück. Ihr schwante Böses. »Darf ich Ihren Schrank öffnen, Mr. Hicks?«
   »’türlich. Ich weiß, dass Klamotten fehlen.«
   Wie bitte? »Warum haben Sie niemanden informiert?« Sie sparte sich das Öffnen der Schranktür und trat zu dem Patienten ans Bett.
   »Ha’m se dem Kerl mal in die Augen geschaut? So was von kalt und abgebrüht – der hätt mich glatt abgemurkst, tät ich den Mund aufgemacht haben.«
   »Was hat er Ihnen entwendet?«
   »Kleidung, Schuhe und Geldbeutel. Heut Nacht. Ich hab getan, als schlaf ich.«
   »Warum haben Sie nicht vorhin nach einer Schwester geklingelt?«
   »Hab ich g’wusst, ob der Kerl noch da drin ist?« Er nickte in Richtung Badezimmer. »Ne ne, mein Leben is mir lieb und teuer. Verdammt mehr als ein paar Klamotten und dreißig Dollar. Als Taxifahrer lernt man das. Das könn’se mir mal glaub’n, Ma’am.«
   »Schon gut.« Reese strich dem Patienten beruhigend über den Arm. »Sie haben nichts verkehrt gemacht.« Wenn jemand auf eine solche Art und Weise sang- und klanglos aus dem Krankenhaus verschwand, war das sicher ein Grund, die Polizei zu benachrichtigen und in diesem Fall erst recht.
   Sie beeilte sich, das Stationszimmer aufzusuchen und besprach sich mit Doktor Mills, dann rief sie das Revier an. Die zuständigen Detectives erreichte sie nicht, darum hinterließ sie ihre Mobilfunknummer.
   Als sie endlich in das lange Wochenende startete, war es beinahe elf Uhr. Sie hielt an einer Bäckerei und kaufte einen noch dampfenden Bagel und einen Donut. Zu Hause würde sie sich eine Tasse starken Kaffee brühen, sich genüsslich in die Wanne legen, und währenddessen ihr Frühstück vertilgen. Damit sie nicht einschliefe, wollte sie Alana anrufen. Das fröhliche Geplapper ließe ihr keine Sekunde Zeit, die Augen zu schließen und mit den Gedanken abzudriften. Nicht einmal zu Narsimha Mishra.
   Wie dringend das vonnöten war, bemerkte sie, als hinter ihr Gehupe einsetzte und sie erschreckt das Gaspedal durchtrat, um nicht noch länger vor der mittlerweile grünen Ampel zu stehen. Sie sollte sich besser konzentrieren, wollte sie nicht in Windeseile unfreiwillig an ihren Arbeitsplatz zurück.
   Das Thema, an das sie ersatzweise dachte, behagte ihr noch weniger. Sie sah immer wieder das Klapperschlangen-Tattoo. Warum assoziierte man eigentlich mit einer Schlange automatisch das Böse? Immerhin konnte das arme Tier im Paradies damals nichts dafür, vom Teufel als Sprachrohr benutzt worden zu sein. Doch der Anblick des Tattoos war nicht der Grund, warum sie John Smith nicht mochte. Er strahlte irgendetwas aus, sogar in bewusstlosem Zustand, dass ihr das Blut in den Adern gefror. Sie hatte ihn nur zwei Mal wach gesehen. Wortlos hatte er die Untersuchung über sich ergehen lassen, ihre Blicke nicht erwidert, keine Frage beantwortet, sondern sich demonstrativ abgewandt. Obwohl er noch sehr mitgenommen wirkte, glaubte sie nicht, dass er unter Amnesie oder anderen durch die Gehirnquetschung verursachten Folgen litt. Der Mann hatte etwas zu verbergen und wusste genau, dass er nur durch Schweigen Nachfragen entging. Weil die Polizei keine Handhabe gegen ihn hatte, konnte man ihn schlecht einfach verhaften. Außerdem hätte ein von seinem Verteidiger eingeschalteter Mediziner sofort Zetermordio geschrien, der Patient sei auf keinen Fall vernehmungsfähig. In jedem anderen Fall hätte sie das bedenkenlos unterstützt.
   Als sie den Wagen in Richtung Tiefgarage ihres Apartmenthauses steuerte, fiel ihr ein Streifenwagen auf, der neben der Zufahrt parkte. Zwei Polizisten winkten ihr zu. Garantiert waren das die beiden Officers, die mehrfach auf der Station gewesen waren, um sich nach dem Befinden von John Smith zu erkundigen und ihn zu vernehmen. Hatte man sie nach ihrem Anruf also informiert und sie hielten ihre Aussage für bedeutsamer, als Reese dem gelangweilten Ton des Beamten am Telefon entnommen hatte? Sie fuhr mit dem Aufzug ins Foyer und ging hinaus auf die Straße. Die Polizisten sahen sie und kamen auf sie zu.
   »Guten Morgen, Dr. Little.«
   Sie erinnerte sich an den Namen des Mannes. »Hi Detective McGee.« Den anderen kannte sie doch nicht und nickte ihm nur zu.
   »Mein Kollege Detective Vega.«
   Reese ging den Männern voran in die Halle zurück und steuerte den Lift an. Die Polizei schien mittlerweile doch härtere Geschütze aufzufahren. »Ich nehme an, Sie möchten Details zum Verschwinden von John Smith hören?«
   »Ja.«
   »Ich kann Ihnen alles auf dem Weg in mein Apartment erzählen, weil es bedauerlicherweise nicht viel zu sagen gibt.« Sie drückte auf die Fünf.
   »Legen Sie los.«
   »Als ich heute früh mit Dr. Mills die Runde machte, berichtete Smiths Bettnachbar Hicks, der Mann sei seit einer halben Stunde auf der Toilette. Als wir nachschauten, fanden wir das Bad leer vor, das Fenster geöffnet. In der Nacht hat Smith ihm Kleidung und den Geldbeutel entwendet. Hicks hat aus Furcht vor Smith geschwiegen.«
   »Das ist alles?«
   »Ja.«
   »Hat sich Smith seit unserem letzten Besuch zu irgendetwas geäußert?«
   »Nein, er war stumm wie ein Fisch.«
   »Sind Ihnen Besonderheiten aufgefallen?«
   »In welcher Form?«
   »Narben, besondere Kennzeichen. Irgendetwas, das uns bei der Fahndung helfen kann.«
   »Liegt mittlerweile ein Vorwurf an?« Hatte sie es doch gewusst. »Bringen Sie ihn mit dem Chatroom-Killer in Verbindung?«
   »Wir dürfen zum Stand der Ermittlungen keine Aussagen treffen.«
   »Nun«, Reese trat aus der Fahrstuhlkabine und ging den Flur zu ihrem Apartment entlang, »John Smith hat eine außergewöhnliche Tätowierung. Sie werden sie jedoch kaum bemerken, wenn sie dem Mann gegenüberstehen.« Sie beschrieb die gespaltene Zunge und die Rassel, die sich von hinten um die Ohrläppchen wanden. »Die Farben sind nicht gerade blass, aber man muss genau hinschauen, um die filigranen Linien vorn an den Ohrläppchen zu erkennen. Smiths Haare dürften zudem in der Regel darüberfallen.« Reese rieb sich die Arme, als sie sich die Zeichnung der Schlange aus dem Gedächtnis rief. »Die Klapperschlange sieht gruselig echt aus, hat gelbliche Rücken- und Flankenschuppen, dazwischen dunkle Flecken. Das Tattoo beginnt am linken Ohr, läuft unter dem Haaransatz entlang durch den Nacken zum rechten Ohr.«
   Vega machte eifrig Notizen, während McGee das Gespräch fortführte.
   »Die Zunge ist also links?«
   »Ja.«
   »Meinen Sie das linke Ohr, wenn man Smith ansieht oder das linke Ohr aus seiner Sicht?«
   »Immer aus der Sicht des Patienten. Das sollten Sie eigentlich wissen. Wenn Sie ihn ansehen, ist die Zunge rechts.«
   »Ich wollte nur sichergehen. Gibt es sonst noch etwas?«
   Blöder Kerl. Sichergehen? Bei einer Ärztin? »Nein, nichts, was mir aufgefallen wäre.«
   »Narben?«
   »Keine. Der Blinddarm ist noch drin.«
   »Weitere Tattoos?«
   Er fing an zu nerven. Nicht, dass sie nicht alles tun wollte, um der Polizei bei ihren Ermittlungen zu helfen, doch dann sollte McGee wenigstens nicht ständig dasselbe fragen. Sie hatte es doch bereits bestätigt. Es gab keine weiteren Merkmale. Polizisten sollten einige Semester Medizin studieren, dann würden sie lernen, präzise zu arbeiten. Eine Erwiderung schluckte sie lieber und bedachte McGee stattdessen mit einem genervten Blick.
   »Rufen Sie an, wenn Ihnen noch etwas einfällt.« Der Detective drückte ihr eine Visitenkarte in die Hand.
   In ihrer Wohnung ließ sich Reese für einen Moment an die geschlossene Eingangstür sacken. Drei Mal tief durchatmen – und dann die Gedanken einfach an der Garderobe ablegen und sich nur noch aufs Wochenende freuen. Sie schleuderte die Schuhe von den Füßen und ließ sie achtlos mitten im Flur liegen. Ihr Magen knurrte vernehmlich und sie fischte den Donut aus der Tüte.
   Im Wohnzimmer glitt sie in den Bürostuhl und schaltete den Monitor ein. Ihr Computer lief rund um die Uhr – ein Freund, der vorgab, sich mit der Technik auszukennen, hatte behauptet, ihrem altersschwachen Schätzchen bekäme es besser, ihn nicht ständig ein- und auszuschalten, sondern ihn nur in den Ruhezustand zu versetzen, wenn sie nicht an dem Gerät arbeitete. Dennoch würde nicht nur das Netzteil, das immer häufiger pfeifende Geräusche von sich gab, bald den Geist aufgeben. Sie hatte keine Lust, ein neues Gerät zu kaufen und ihre über Jahre angesammelten Programme und Daten neu zu sortieren, kopieren, installieren, organisieren, konfigurieren, adaptieren … ein Exfreund vor Jahren war ein absoluter Nerd gewesen, der keine anderen Wörter kannte, und bei den Treffen in ihrer Bude delegieren, logieren, dinieren und kopulieren wollte.
   Am Ende wollte sie ihn exportieren. Auf den Mond deplantieren. Oder lädieren, flambieren, sezieren, filetieren, kastrieren.
   Gott, sie war gemeingefährlich!
   Sie legte einen Ordner auf der Festplatte an. Chatroom-Killer. Dann öffnete sie ein neues Dokument und starrte auf die weiße Fläche auf dem Bildschirm. Hatte sie der Polizei alles erzählt, was sie wusste? Gab es Details, die sie vergessen hatte und die sie eventuell nachreichen könnte? Nach einigen Sekunden tippte sie: John Smith. Echter Name? Sie fügte eine Beschreibung hinzu.
   Körpergröße: ca. 6 Fuß
   Gewicht: ca. 175 Pound
   Augenfarbe: graublau
   Haarfarbe: dunkelblond
   Haarlänge: bis über die Ohren, leicht wellig
   bes. Kennzeichen: Tattoo einer Klapperschlange
   Es folgte eine detaillierte Beschreibung, dann stützte sie ihre Ellbogen auf die Tischplatte und legte die Stirn auf die Handflächen. Welche Informationen könnten noch dienlich sein? Der Versuch, sich den Ablauf der Behandlung minutiös durch den Kopf gehen zu lassen, brachte keine bahnbrechenden Erkenntnisse.
   Kleidung: Bluejeans, Marke Levis, T-Shirt, darüber ein Sweatshirt
   Alter: Anfang bis Mitte dreißig
   John Smith musste zumindest über ein mittleres Einkommen verfügen, für einen sozial Schwachen waren Markenklamotten zu teuer. Obwohl die Kleidungsstücke rußverdreckt gewesen waren, hatten sie nicht alt gewirkt. An die Schuhe erinnerte sie sich nicht. Sie versuchte, weitere Details aus dem Gedächtnis zu schälen. Schmuck … nein, da war nichts. Weder trug Smith eine Kette noch einen Ring.
   Einkommen: vermutlich nicht unterdurchschnittlich
   Schmuck: keiner
   Familienstand: ledig?
   Sie hatte am Krankenbett seine Hand gehalten. Die Innenseite und die Finger fühlten sich glatt an, nicht rau oder schwielig. Also eher kein Mann, der körperlich schweren Tätigkeiten nachging, obwohl sein Brustkorb und die Arme muskulös wirkten. Und einen Ring hatte er auch nicht getragen.
   Körperbau: schlank, muskulöser Oberkörper, kräftige Arme
   Beruf: wahrscheinlich kein Bauarbeiter o. ä.
   Was könnte er sein? Sie traute ihm durchaus Intelligenz zu. Wenn sie ihr Gefühl bedachte, dass er sich der Handlungsweise vollkommen bewusst war, durch Schweigen Nachfragen zu entgehen und Zeit zu schinden, dann sollte sie ihm sicher eine hohe Intelligenz attestieren.
   Intelligenz: überdurchschnittlich?
   Maggie Garner war mutmaßlich sein drittes Opfer. Reeses Eingaben erlahmten auf der Tastatur während des Schreibens, weil ihre Finger so schwer wurden wie ihr Herz, als sie daran dachte, welchen Preis Maggie für ihre Freiheit gezahlt hatte.
   Opfer: 1. junger Mann, eingesperrt mit einem rostigen Nagel in eine Regentonne, Fundort: Riverside
   2. junge Frau, gefangen mit einer Zange in einer laubbedeckten hölzernen Kiste, Fundort: San Clemente
   3. Maggie Garner, eingesperrt in eine Vorratshütte im Angeles Forest
   Gab es Zusammenhänge zwischen den Opfern? Gemeinsamkeiten? Alle drei waren sehr jung gewesen. Obwohl ihr Details zu den beiden ersten Fällen fehlten, wusste sie, dass die jungen Leute alle unter zwanzig gewesen waren. Der Nagel und die Zange gaben ihr Rätsel auf.
   Ein Gähnen drängte sich mit Gewalt tief aus ihrer Brust. Wahrscheinlich ergab es nicht den geringsten Sinn, hier zu sitzen und Profiler zu spielen. Bis jetzt hatte sie keine Anhaltspunkte notiert, die der Polizei unbekannt waren. Sie lehnte sich zurück und versuchte, die Gedanken freizubekommen, doch es gelang ihr nicht.
   Hundertprozentig hatten die beiden Opfer nicht zufällig diese Dinge bei sich getragen, ehe sie in die Fänge des Killers geraten waren. Gab es eine andere Schlussfolgerung, als dass er selbst ihnen die Werkzeuge an die Hand gegeben hatte? Sie sah keine. Wollte er ihnen etwa die Chance einräumen, sich aus ihrer Lage zu befreien? Die Detectives hatten nichts darüber erwähnt, ob auch Maggie einen Gegenstand bei sich hatte oder in der Hütte etwas gefunden worden war. Außer vielleicht, wenn man ihre Armbanduhr dazuzählte. Reese legte die Finger wieder auf die Tastatur.
   Gemeinsamkeiten: Opfer zwischen 16 und 19
   Täter knüpfte die Kontakte in Chatrooms, Fundorte Großraum Los Angeles, Opfer hatten Werkzeuge zur Verfügung Sie steuerte den Cursor zurück zwischen die Wörter hatten und Werkzeuge und ergänzte: (unnütze). Der Täter musste damit etwas bezweckt haben. Viele Serienmörder hinterließen an den Tatorten eine Visitenkarte oder nahmen etwas von den Opfern an sich – ein Andenken. Manchmal fehlten sogar Körperteile.
   Was waren Serienmörder für Menschen? Reese hatte sich während ihres Studiums knapp zwei Semester lang mit Psychologie beschäftigt, ehe ihr aufging, dass ihre Kunst in ihren Händen lag und sie sich weit mehr zur Chirurgie hingezogen fühlte als zum menschlichen Geist. Dennoch hatte sie einiges aus den Vorlesungen mitgenommen. Einem Menschen, der zu solchen Taten fähig war, musste es vollkommen an Empathie fehlen. Eine typische Eigenschaft eines Psychopathen – das Nichtvorhandensein von sozialer Verantwortung, Gewissen und der Fähigkeit, Gedanken und Gefühle eines anderen Menschen zu erkennen. Kam die Eigenschaft hinzu, dass die Person nicht oder nur eingeschränkt fähig war, Mitgefühl zu empfinden, sprach man auch von einem Soziopathen.
   Charakter: Psychopath/Soziopath?, unfähig, sich in andere hineinzuversetzen, kein Schuldbewusstsein, mitleidslos, Missachtung sozialer Regeln und Verpflichtungen Sie hätte ihre Liste noch um einige Punkte verlängern können. Psychopathen zeigten meist frühe Verhaltensauffälligkeiten, machten häufig in der Jugend erste Erfahrungen in Erziehungsanstalten oder Jugendgefängnissen. Impulsivität, unzureichende Beurteilungsfähigkeit ihrer Verhaltensweisen und die Unfähigkeit, sich zu kontrollieren, zählten ebenfalls zu den typischen Charaktereigenschaften. Ihrer Umwelt konnten sie durchaus als sprachgewandte Blender entgegentreten. Sie stammten aus allen Gesellschaftsschichten, es war sogar keineswegs unüblich, dass sich hinter Serienkillern hochintelligente Menschen verbargen, die Vertrauensstellungen in der Gesellschaft besetzten. Ärzte, Lehrer, Polizisten – man konnte ihre Herkunft nicht auf niedrigere Berufsstände reduzieren und den Kreis verkleinern. Vielfach verfügten Psychopathen auch über ein erheblich übersteigertes Selbstwertgefühl, hingegen mangelte es ihnen an der Fähigkeit, echte Gefühle aufzubringen.
   Frustriert speicherte und schloss Reese das Dokument. Diese Fakten hatte sicher ein Profiler bereits zusammengetragen. Sie konnte den Ermittlern nichts Neues erzählen. Wie sollten ihre Überlegungen sie auch weiterbringen als die Spezialisten? Sie sollte sich weniger Gedanken um den Killer machen und stattdessen versuchen, zur Ruhe zu kommen. Immerhin hatte sie sich vorgenommen, dieses Wochenende zu entspannen und die Patienten einmal zurückzustellen. Sie stand auf, schaltete den CD-Spieler ein und ging ins Badezimmer.

*

Simba trat neben Dix an die Küchentheke und schob ihn mit der Schulter beiseite. »Lass mal, ich kann mir selbst einen Kaffee machen.« Dass das mit einer Hand nicht so einfach war, wie er dachte, verbiss er sich. Normalerweise trank er ihn mit Milch und Zucker, doch die Milchtüte war noch nicht angebrochen und so schlürfte er einfach an dem pechschwarzen Gebräu, als wäre es das Normalste der Welt.
   Das Bild dieser Ärztin verfolgte ihn. Als er sie das erste Mal gesehen hatte, schaffte er es noch, es zu verdrängen, doch jetzt schien sich ihr Anblick in sein Innerstes gebrannt zu haben. Schlimmer, er glaubte, noch immer ihre Fingerspitzen auf der Haut zu spüren und das Verdammte daran war: Es hatte sich gut angefühlt. Viel zu gut. Er stöhnte leise.
   Sofort klebten alle Blicke an ihm. Fuck! Er wollte nicht im Mittelpunkt stehen, schon gar nicht als verletzter, sterbender Schwan. Und das wegen eines Kratzers.
   Es gab viel Wichtigeres zu besprechen. Er setzte sich an den langen Holztisch inmitten des Raumes. »Wo sind Wades Stiefel?«
   »Wieso?«, fragte Max.
   Old Daddy schien nicht ganz bei der Sache. Normalerweise gelang es selten, Max aufs Glatteis zu führen, um ihn nach der Pointe eines Witzes dem Gelächter auszusetzen und sei es nur, dass er es war, der die obligatorische dumme Nachfrage gestellt hatte. Der Boss durchschaute so etwas immer, nur jetzt nicht.
   »Wir sollten sie ihm unter die Nase halten, um zu prüfen, ob sein Geruchssinn zurückgekehrt ist. Wenn nicht damit, womit sonst?«
   Das Gelächter fiel schwach aus. Die Angelegenheit hatte logischerweise nichts Spaßiges an sich. Wenn einer von ihnen seine Fähigkeiten einbüßte, müsste ein neues Wort für Katastrophe erfunden werden. Sollten sie hingegen auch noch ihren Humor verlieren … darüber durfte er nicht nachdenken. Er spürte, das würde das Scheitern ihres jungen Teams einläuten.
   »Ich habe mich ein wenig schlaugemacht, während ihr im Krankenhaus wart«, sagte Max.
   Allein die Erwähnung des Krankenhauses jagte einen sinnlichen Schauder über seine Haut. Wie Reese ihn angeblickt hatte, als sie den Verband anlegte. Er hatte den Kopf abwenden müssen, um nicht in diesen grünen Seen zu ertrinken. Viel zu deutlich hatte er gespürt, wie sich sein Herzschlag beschleunigte und Gefühle sein Innerstes fluteten, die er sich strikt verboten hatte. Jahrelang war ihm dies geglückt, egal, welcher attraktiven Frau er gegenübergestanden hatte. Er war überzeugt, sich unter Kontrolle zu haben; gewappnet, nie wieder Gefühle an sich heranzulassen. Dann kam so ein zierliches Persönchen und rannte mit einem einzigen Augenaufschlag und fünf Fingerkuppen seine mühsam aufgebauten Barrikaden über den Haufen. Unglaublich! Simba ballte die Hände zu Fäusten. Erschreckend, dass er sogar mit dem Gedanken gespielt hatte, sie um ein Wiedersehen zu bitten. Auf keinen Fall durfte er sich solche Gedanken erlauben, erst recht nicht die Sehnsucht, die dadurch aufwallte.
   »Es gibt verschiedene Diagnosen. Teilweiser, verfälschter oder völliger Verlust der Riechfähigkeit. Keiner der medizinischen Gründe wird bei Wade zutreffend sein, ich hege einen anderen Verdacht.« Max stand auf.
   Sicherlich sammelte er seine Gedanken. Es lag nicht in seiner Absicht, sie auf die Folter zu spannen. Dennoch zog sich die Sprechpause zu einer Ewigkeit. Man hätte das Fallen einer Stecknadel hören können.
   Simba sah eine ganz andere Nadel vor sich und die Frau, die sie in der Hand hielt.
   »Drogen oder Reizgase können ebenfalls Auslöser sein.«
   Er schüttelte mit Gewalt die Erinnerung ab. »Müssten wir bei Reizgas nicht alle gleichermaßen betroffen sein?«
   »Das habe ich mich auch gefragt.«
   »Und außerdem hätte ich die Kerle aus meilenweiter Entfernung gerochen, lange bevor die mich in irgendeiner Form hätten beeinflussen können«, warf Wade ein.
   »Denkt nach«, forderte Max. »Habt ihr auf dem Weg nach Santa Rosa Island irgendwo haltgemacht, etwas gegessen oder getrunken?«
   Sie hatten. Der Hubschrauberpilot hatte während des Flugs eine Runde Schokoriegel geschmissen, aber das machte er bei jedem Flug, und sie hatten nie gekotzt.
   »Sonst noch etwas?«
   »Nein.«
   Das konnte nicht sein. Joseph hatte sie bereits mehrfach an diverse Ziele geflogen und er war ihnen loyal gesinnt. Sein Einmannunternehmen war zudem auf sie angewiesen. Das Geschäft florierte sogar erst, nachdem er die regelmäßigen Einnahmen aus ihren Taschen verbuchen konnte.
   »Wir müssen ihn uns vorknöpfen.«
   »Bin schon auf dem Weg.« Wade sprang auf.
   »Nicht so schnell«, sagte Max beschwichtigend. »Ich werde das übernehmen.«
   Was auf jeden Fall besser war. Der hitzköpfige Wade würde dem armen Joseph wahrscheinlich schneller den Hals umdrehen, als dieser Piep sagen konnte.
   »Ihr solltet erst mal ausschlafen.« Ehe Protest aufkam, war Max aus der Tür hinaus.
   Simba zog sich in sein Zimmer zurück. Er teilte es noch immer mit Wade, doch der war mit Jay-Eff, Virgin und Seth in die Sporthalle gegangen, offenbar, um seine Wut an Punchingbällen auszulassen.
   Sie hatten alle Hershey’s Skor gegessen. Wäre die Schokolade mit irgendeiner Droge versetzt gewesen, müssten Neil, Dix und er auch etwas spüren, oder? Simba setzte sich aufs Bett und klappte sein Notebook auf dem Schoß auf. Eine Weile surfte er vergebens im Internet, dann stieß er auf einen Artikel, der ihn aufmerksam werden ließ.
   Als Auslöser von Riechstörungen wurden unter anderem verschiedene Medikamente genannt, darunter Antibiotika, Chemotherapeutika und eine Reihe von Schmerzmitteln. Konnte das die Ursache sein? Wenn Wades Empfindsamkeit in gleichem Maße gesteigert war wie sein Geruchssinn, reagierte er auf bestimmte Substanzen vielleicht sensibler als andere. Simba sprang auf und rannte in die Sporthalle.
   »Wade!« Neben ein paar Gummimatten blieb er stehen und wartete, bis sich Wade abgerollt hatte. »Hey, Wade.« Lange Wimpern beschatteten jadegrüne Augen, in denen Wut wie ein Gewitter in den Pupillen tobte. »Ich hab was rausgefunden.«
   »Was denn?«
   »Hast du jemals eine Medikamentenallergie bei dir festgestellt? Oder besonders stark auf irgendwelche Mittel reagiert?«
   »Nein. Ich musste nie welche einnehmen, außer bei der Blutvergiftung.«
   Das hatte Simba geahnt. »Warst du jemals krank?«
   »Nein.«
   »Ich auch nicht.«
   Virgin, Seth und Jay-Eff traten näher heran. »Ich hatte auch noch nie was, nicht mal eine Kinderkrankheit«, sagte Virgin und blickte Jay-Eff und Seth nacheinander an. »Was ist mit euch?«
   Die beiden schüttelten die Köpfe. »Nichts.«
   Simba ließ sich auf eine Bank am Rand des Sportfeldes sacken. Sie hätten schon lange viel mehr miteinander reden sollen. Jeder hielt sich in Bezug auf seine Vergangenheit bedeckt, weil sie alle schmerzliche Erfahrungen gemacht hatten und es zu früh war, sie mit anderen zu teilen. Außerdem hatten sie das Zusammengehörigkeitsgefühl erst lernen müssen. Hin und wieder taten sie sich damit noch schwer. Weniger bei ihren Einsätzen, dort hatte sich Vertrauen gebildet – blindes Vertrauen, um es genau zu sagen – doch das bezog sich nicht auf den Privatbereich. Manchmal kam es ihm vor, als ständen sie sich noch immer als Fremde gegenüber. »Denkt ihr, Wade könnte auf ein Medikament empfindsamer reagieren als wir? Möglicherweise nur speziell in Bezug auf seine Riechfähigkeit.«
   »Kann schon sein«, brummte Seth. »Ich habe bei…«
   »Was?« Simba verabscheute es, wenn jemand Andeutungen machte und dann nicht mit der Sprache herausrückte.
   »Nichts. Spielt keine Rolle.«
   »Komm schon, Mann. Vielleicht bringt uns der Gedanke weiter.«
   »Lasst uns warten, bis Max zurück ist.«
   »Warum? Wir können unsere Köpfe bis dahin ruhig anstrengen. Also hast du nun einen Ansatz oder nicht?«
   »Nein.«
   Virgin räusperte sich. »Dix hat erzählt, du und diese Ärztin … also, ich meine … er sagt, sie fährt voll auf dich ab.«
   »Und?« Simba schob die Hände in die Hosentaschen und ballte sie zu Fäusten. Ein Ziehen ging durch seinen Brustkorb.
   »Vielleicht könntest du ein Date klarmachen und ihr ein paar Infos aus den Rippen kitzeln.«
   »Quatsch. Erstens ist sie Chirurgin, keine HNO-Spezialistin. Zweitens weiß ich nicht, was ich sie fragen soll. Etwa: Glauben Sie, Remifentanil oder ein anderes Schmerzmittel könnte bei einem Menschen, der die Riechfähigkeit eines Aals besitzt, zu einer Beeinträchtigung des Riechvermögens führen, während es bei normalen Menschen keine derartige Wirkung hervorruft? Und drittens will ich sie nicht treffen.« Er ärgerte sich, dass die Aufmerksamkeit von Seths Bemerkung abgefallen war. Es hieß, der dunkelblonde Muskelprotz sei beim Militär rausgeflogen. Wer hatte das Gerücht eigentlich in die Welt gesetzt? Sie mussten alle zusammen mit besoffenen Köpfen Spekulationen angestellt und über Seth gelästert haben. Diese Zeiten waren lange vorbei. Aus dem Haufen chaotischer Scheißkerle, wie General Powell sie zu nennen pflegte, war längst ein einigermaßen gesittetes Team geworden, auch wenn es hier und dort immer noch Spannungen gab. Diese wurden jedoch immer geringer. Zwei Wochen lang hatte Powell sie in seinen Fängen gehabt und sie im wahrsten Sinne des Wortes durch die Hölle gejagt. Nicht umsonst nannten sie den Aufenthalt in der verlassenen Goldgräberstadt am Rande von Idaho die Hell Weeks – nach dem gleichnamigen Ausbildungspart ihrer Vorbilder, den Navy SEALs. Bereits in drei Tagen erwartete sie eine weitere Trainingswoche und trotz der zu erwartenden Anstrengungen freute sich Simba darauf. Der pensionierte Ex-SEALs-Trainer Powell hatte ihnen während ihrer ersten Trainingsphase mehr beigebracht, als sie bislang in ihrem ganzen Leben gelernt hatten. Nicht nur in Bezug auf Kampftechniken, in denen besonders Jay-Eff eine bunte Mischung diverser Künste aufzuweisen hatte, die er seinen Zeiten als Street Fighter in New York verdankte. Powell hatte neben Kampftraining besonders den Teamgeist poliert. Max sorgte mit dem Beibringen von gesellschaftlicher Etikette und dem speziellen Schulen ihrer durch Genmanipulation hervorgerufenen Fähigkeiten für den letzten Schliff. »Ich versuche, weitere Informationen im Internet zu finden.« Simba wandte sich zum Gehen. »Sagt ihr mir Bescheid, sobald Old Daddy wieder da ist?«
   In seinem Zimmer schnappte er sich sofort wieder das Notebook. Eigentlich hatte er keine Idee, wonach er noch suchen sollte. Da Menschen nicht über Riechfähigkeiten wie Aale verfügten und Aale keine Schmerzmittel verabreicht bekamen, konnte er schlecht nach Erfahrungsberichten Betroffener suchen. Foren, in denen er Selbsthilfegruppen zu Anosmie fand, der medizinischen Bezeichnung für den Verlust des Geruchssinns, halfen nicht weiter. Interessant fand er allerdings einige Parallelen zwischen Mensch und Tier, die er nur laienhaft kombinieren konnte. So verfügten beispielsweise Wale über einen Nerv mit der Bezeichnung Trigeminus, der ihre Sinneszellen mit dem Gehirn verband. In einem anderen Artikel fand er diesen Nerv auch beim Menschen. Um eine Riechprüfung vorzunehmen, reizte man ihn mit Essigsäure.
   Der arme Wade. Hoffentlich erwies sich seine Riechstörung nicht als andauernd.
   Ob sie die Schokoriegel bereits komplett verdaut hatten? Gab es noch Rückstände in ihren Körpern? Sie sollten sich schleunigst untersuchen und darauf testen lassen, ob man Spuren eines Medikaments in ihrem Blut fand. Möglicherweise hatte Max Beziehungen. Ein verschwiegenes Labor, das die Untersuchungen vornehmen könnte, dann müsste er nicht auf Virgins Vorschlag eingehen, Dr. Reese Little erneut zu treffen. Eigentlich war es idiotisch. Er sollte seine Gefühle im Griff haben, nach allem, was er durchgemacht und sich geschworen hatte. Seit wann scheute er sich vor einer Herausforderung?

»Auf keinen Fall!«, polterte Old Daddy, als Simba seinen Vorschlag anbrachte. »Ihr habt zwar nie selbst die Erfahrung gemacht, aber ich für meinen Teil lehne es strikt ab, meinen Fuß je im Leben wieder in ein Labor zu setzen. Erst recht nicht in ein dubioses. Solche Kontakte pflege ich nicht.«
   »Schon gut, war ja nur ein dummer Gedanke.«
   »So dumm war der nicht. Aber dieser Weg bleibt uns verschlossen, und offiziell zu einem Arzt zu gehen, bringt uns in Erklärungsnot. Setzt euch.«
   »Was hast du aus Joseph herausbekommen?« Simba sah Max zu, wie er sich Kaffee in einen Becher goss.
   »Er hat die Schokoriegel kurz vor dem Abflug bei einem Mann gekauft, der mit einem Bauchladen auf dem Parkplatz am Flughafen herumlief. Joseph sagt, das macht er vor jedem Flug mit euch, nur diesmal war es ein anderer Verkäufer. Er hat sich nichts dabei gedacht.«
   »Wie sollte er auch. Die Dinger könnten also durchaus vergiftet gewesen sein.«
   »Nun«, Max grinste, auch wenn es schief ausfiel, »ihr lebt immerhin noch.«
   »Jemand muss es auf uns oder einen von uns abgesehen haben.«
   »Ich hoffe, diese Vermutung bestätigt sich nicht, aber ja – das könnte man folgern.«
   »Was werden wir unternehmen?«, fragte Dix.
   »Vorsichtig die Fühler ausstrecken, ohne uns etwas anmerken zu lassen. Falls es sich bei den Gegnern nicht um die Schmuggler handelt, die euch zufällig entdeckt haben, dürfen wir sie auf keinen Fall merken lassen, dass wir nach ihnen suchen. Ihr werdet hereinkommende Einsätze ganz normal abarbeiten und ich treffe entsprechende Vorkehrungen.«
   Max würde sich nicht weiter darüber auslassen. Simba vertraute darauf, dass er die richtigen Entscheidungen traf.
   »Den Schmugglerauftrag brechen wir wegen des Vorfalls ab und eine Anfrage des LAPD, die auf Wades Unterstützung bei der Suche nach einem Serienkiller hier in L. A. bauen, muss ich leider auch absagen.«
   »Wissen nicht bereits viel zu viele Leute von unseren Fähigkeiten?« Diese Sorge quälte Simba seit geraumer Weile.
   Max nickte. »Wenn ihr zum Einsatz kommt, weitet sich der Kreis derjenigen aus, die zumindest eine Ahnung über eure Andersartigkeit erlangen. Das lässt sich nur schwer verhindern.«
   So wie bei einem von Dix’ Einsätzen, bei denen er Funkwellen gelesen und die Position eines gesuchten Mörders bestimmt hatte, woraufhin das FBI zuschlagen konnte.
   »Wir sollten in Zukunft dem FBI und anderen Institutionen nur noch vermummt zu Hilfe kommen.«
   »Ja«, bestätigte Max. »Das habe ich mit meinem Kontaktmann bereits vereinbart. Wir müssen die Mitwisser absolut gering halten.«
   »Hoffentlich ist das noch nicht zu spät.«
   »Wir kriegen das hin, Jungs. Außer bei den FBI-Einsätzen hat kein Außenstehender eine Fähigkeit definitiv mitbekommen, nicht mal bei der Jones-Entführung.«
   Das stimmte. Vielleicht hatte Max recht. Verfolger, die einmal Blut gerochen hatten, gaben niemals Ruhe. Man konnte sich ihnen nur entziehen, indem man sie ausschaltete. Der Gedanke schürte das Brennen der Schuld in seinem Inneren. Wegen seines verdammten Versagens hatte Nani-ji sterben müssen. Nur, weil er es nicht fertiggebracht hatte, zu töten. Damals nicht. Das sollte ihm nie wieder passieren. Und nie wieder würde er einen geliebten Menschen verlieren, weil er Gefühle dieser Art tief in seiner Seele vergraben und einbetoniert hatte. Wenn er nicht liebte, gab es nichts zu verlieren. Aber durfte er einen Vorteil ausschlagen, wenn es eine Möglichkeit bedeutete, Wade helfen zu können? Reese zeigte Interesse an ihm, das hatte er nicht übersehen. Viel schlimmer fand er, dass ihn sein Interesse an ihr aus bislang geregelten Gefühlsbahnen zu reißen drohte. Wäre er fähig und stark genug, dem zu widerstehen? Er musste! Vielleicht konnte sie mit ihrem Wissen zu einer Lösung beisteuern – möglicherweise durch Beziehungen. Virgin hatte recht. Ihm blieb keine Wahl, er musste Dr. Reese Little treffen. Seine Gefühle hatten hintenanzustehen, das Wohl der Truppe stand über allem und er hatte zur Hölle noch mal seine Hormone im Griff zu halten.
   »Übrigens«, sagte Max gedehnt und Simba horchte auf, »ich habe den Termin für eure Trainingswoche mit General Powell wegen dieser Sache hier auf unbestimmte Zeit verschoben.«

*

Reese ließ Badewasser einlaufen. Sie balancierte eine zu voll gegossene Tasse Kaffee ins Bad und stellte sie auf dem Wannenrand ab. Beim Hineingleiten in das duftende Wasser entfuhr ihr ein wohliger Seufzer. Sie schloss die Augen und genoss die Mischung aus Kaffeearoma und Orangen-Sanddorn-Badeöl. In Kombination mit den aus dem Wohnzimmer herüberschallenden Sambarhythmen konnte sie sich vorstellen, Urlaub auf einer brasilianischen Hazienda zu machen. Sie würde entspannt in einem Whirlpool liegen, dem Gesang der Arbeiter auf den nahen Feldern lauschen, den Duft frisch gerösteter Kaffeebohnen in der Nase. Andere träumten von den Malediven, von Sonne und Meer, einsamen Stränden mit weißem Sand und Kokospalmen. Sie hingegen hatte schon immer das Andersartige bevorzugt.
   Wahrscheinlich, weil sie bereits sehr früh begonnen hatte, ihre Individualität zu suchen und zu untermauern. Sie zählte zu den Zwillingskindern, die sich schwer damit taten. Seit Kindergartentagen war es ihr beispielsweise ein Gräuel, in den gleichen Klamotten herumzulaufen wie Alana. Bis Mom es schaffte, sich gegen Dad durchzusetzen, der seine Prinzessinnen am liebsten als Susi und Hedy aus The Parent Trap sehen wollte, waren unzählige Tränen geflossen.
   Mom gehörte in den ersten Jahren ihrer Ehe zu den Frauen, die das Wort Emanzipation noch nicht in den Mund zu nehmen wagten. Gott sei Dank änderte sich das, noch bevor Alana und Reese eingeschult wurden und irgendwann begriff auch Dad, dass er zwei Töchter hatte.
   Sanfter Wind trug eine vertraute Stimme an ihre Ohren. Haben Sie noch einen Wunsch, Senhorita? Sie ließ sich Zeit mit der Antwort und betrachtete den braun gebrannten Exoten unter halb geöffneten Lidern. Eine schneeweiße Hose und ein weißes Kurzarmhemd unterstrichen seine Hautfarbe und assoziierten eine Milchschnitte. Eine Sahneschnitte hätte Alana gesagt. Reese grinste. Milchschaum auf heißem Cappuccino.
   Narsimha Mishra. Ein Brasilianer war er sicher nicht. Sie war noch keinem begegnet, dem nicht ein portugiesischer Akzent anhaftete. Das war natürlich kein Ausschlusskriterium, aber … irgendwie waren es seine Augen, die nicht zu einem feurigen Hispanoamerikaner passten. Er war kein Latin Lover. Das machte ihn nicht weniger interessant, im Gegenteil. Wenn sie gewusst hätte, wo er sich in seiner Freizeit so herumtrieb, hätte sie arg dagegen ankämpfen müssen, zur Cheerleaderin oder zu einer Boxenbraut zu werden, um ihrem Star zuzujubeln. Wäre es nicht so verflixt eigensüchtig, hätte sie sogar in Betracht gezogen, Mikayla Costello zu besuchen und sie nach ihren Bodyguards auszufragen. Natürlich war das in Anbetracht der Vorgeschichte völlig unmöglich, aber träumen durfte man doch wenigstens.
   Die braunen Augen hielten sie fest in ihrem Bann, wiederholten das Feuerwerk der Emotionen, das sich darin gespiegelt hatte. Deutlich genug hatte sie Begehren aufflammen sehen und gleich darauf Ablehnung. Einen heftigen Widerstreit, den Narsimha nicht zu vertuschen schaffte. Reese liebte Menschen, in deren Augen man lesen konnte, erst recht sehnte sie sich nach einem Partner, der es schaffte, auch ihr die Wünsche von den Augen abzulesen. Stumme Kommunikation, ein Verstehen ohne Worte – das bedeutete Nähe, Vertrauen und Zartgefühl. Breite Schultern waren kein Muss, aber wenn sie zum Anlehnen aufforderten, würde sie die Einladung nur zu gern annehmen. Narsimha Mishra bot auf den ersten Blick alles, was sie sich von einem Mann erträumte und sie hätte nichts dagegen gehabt, einen zweiten Hinschauer zu riskieren. Und einen dritten. Im Gegensatz zu ihrem Beruf, in dem sie täglich ihren Mann stand, hätte sie keine Einwände, im Privatleben aller Emanzipation zum Trotz hin und wieder in die Rolle des weichen, schutzbedürftigen Weibchens zu schlüpfen und sich vertrauensvoll in starke Arme fallen zu lassen. Narsimha hatte den Eindruck erweckt, dass er mit diesem Rollenspiel zurechtkommen könnte und eine starke Frau mit einer weichen Kehrseite zu schätzen wüsste. Allein wegen seiner Ausstrahlung malte sie sich aus, dass eine Frau – seine Frau – bei ihm in der Lage wäre, den Titel Göttin zu erlangen. Gleichzeitig ließ sein Charisma keinen Zweifel, wer dennoch der unbestrittene Herrscher blieb. Einen normalsterblichen Amerikaner hätte Reese Macho genannt. Dieser Exot hingegen verkörperte die Rolle in Perfektion und gab dabei das bewundernswerte Bild eines sagenumwobenen, heldenhaften Kriegers ab.
   Heiliger! Sie verlor sich in Götzenanbetung. Allmählich verfiel sie in einen Narsimha-Wahn. Besser, sie vergaß die Begegnungen und kehrte in die Realität zurück.
   Unweigerlich bedeutete das die Erinnerung an John Smith. Und an Maggie Garner. Obwohl es sie außer aus ärztlicher Sicht nichts anging, verfolgte das Schicksal des Mädchens sie in ihr Privatleben und Reese verspürte einen unbändigen Drang, mehr über Maggie zu erfahren. Jeder Uni-Professor predigte, sich eine harte Schale zuzulegen und spätestens nach dem Studium lernte man, dem Ratschlag Folge zu leisten, um nicht unter der Last vieler tragischer Schicksale zu zerbrechen. Dennoch fand Reese es richtig, sich von ihren Gefühlen leiten zu lassen, davon wollte sie nicht abrücken.
   In Gedanken vertieft, zuckte sie heftig zusammen, als es an der Tür klingelte. Mit der Schulter stieß sie gegen die Kaffeetasse, die klirrend auf den Fliesen zerbrach. Dazu schwappte eine Ladung Wasser über den Wannenrand. Elender Mist, jetzt durfte sie eine gehörige Sauerei beseitigen und ihr Lieblingskaffeebecher hatte es auch hinter sich. Der Gong übertönte erneut die noch immer spielende Musik.
   Reese trat vorsichtig aus der Wanne und wickelte sich in ein Badetuch. Ob Detective McGee und sein Kollege noch etwas von ihr wollten? Der Name fiel ihr schon wieder nicht mehr ein. Nat und Alana waren noch zu beschäftigt damit, ihr neues Zuhause einzurichten, als dass sie vorbeikämen. Außerdem hatten sie beide einen Schlüssel und würden allenfalls an der Tür klopfen.
   Reese nahm die Gegensprechanlage ab und drückte auf einen Knopf. »Wer ist da?«
   »Narsimha Mishra.«
   Ihr fiel der Hörer aus der Hand.
   Mit einem Krachen schlug er gegen die Wand und Reese verhedderte sich beinahe in dem langen Kabel, während sie ihn hastig zurückangelte. Ihre Finger zitterten, als sie die Hörmuschel wieder ans Ohr drückte. »Einen Moment, ich … ähm, ich brauche eine Viertelstunde«, stammelte sie. In diesem Aufzug konnte sie ihm unmöglich die Tür öffnen. Zumindest musste sie sich anziehen und das Haar bürsten. Die Sauerei im Bad wegwischen – was sollte er denken, falls er zur Toilette musste?
   »Bitte machen Sie sich keine Umstände. Es ist eilig. Und sehr dringend.« Narsimhas Stimme klang beschwörend.
   Ihr Finger zuckte wie von allein auf den Türdrücker. »Kommen Sie rauf. Fünfter Stock, Apartment 54 b.« Sie wartete keine Erwiderung ab, sondern raste ins Bad, riss sich das Badetuch vom Leib und ging in die Knie. Woher wusste er, wo sie wohnte? In fliegender Hast wischte sie Wasser, Kaffee und Scherben zusammen, knüllte sie im Frottee ein und stopfte das Bündel in die Wäschetruhe. Wäre es ein Kinofilm, der Saal hätte vor Lachen auf dem Boden gelegen, als sie sich beinahe über der Kante des Bettvorlegers lang machte und sich ohne Unterwäsche in eine Jogginghose strampelte. Ein T-Shirt über ihre noch feuchte Haut und auf die Schnelle die Joggingjacke drüber, das musste reichen, damit er nicht sah, dass sie keinen BH trug. Sie eilte flugs zurück und bürstete ihr Haar, da klopfte es auch schon.
   »Ich komme«, rief sie und zog sich auf dem Weg über den Flur auf jeweils einem Bein hüpfend Socken an. Ihre liegen gelassenen Schuhe stieß sie mit einem Tritt beiseite. Wahrscheinlich sah sie aus, als käme sie gerade vom Joggen, als sie die Tür öffnete. Zerzaust und völlig erledigt. Gott!
   »Hallo«, sagte er schlicht und hielt ihr seine Linke entgegen. Der rechte Arm steckte wie heute früh angeordnet im Verband und lag vor seiner Brust. »Darf ich reinkommen?«, setzte er hinzu, als sie nach Sekunden noch keinen Ton hervorgebracht hatte.
   Sie erwiderte seinen kurzen Händedruck. »Natürlich.«
   Sein Ausdruck ernüchterte sie. Er kam nicht, um sie um ein Date zu bitten. Das schmeckte bitter. Sie hätte sich über ihr Aussehen keinen Kopf zu machen brauchen, er registrierte es augenscheinlich gar nicht. Stattdessen traf sie ein offener Blick, in dem sich ein Ruf um Hilfe und tiefgründige Einsamkeit die Hand gaben. Sie führte Narsimha in ihre kleine Küche.
   »Trinken Sie eine Tasse Kaffee?«
   »Gern.«
   Während sie an der Kaffeemaschine hantierte, hörte sie, wie er einen der Klappstühle unter dem Tisch hervorzog und seine breite Statur daraufschob. Das Holz knirschte leise unter seinem Gewicht.
   »Milch? Zucker?«
   »Beides.«
   Sie rührte viel zu lange in der Tasse herum und bemerkte es erst, als sie spürte, wie er seinen Arm von hinten um sie schob und nach dem Kaffeebecher griff.
   »Danke.« Sein Atem streifte ihr Ohr und ein heißer Schauder rollte über ihren Nacken die Wirbelsäule hinab.
   Langsam drehte sie sich um, wagte kaum, zu atmen.
   Narsimha wich nicht zurück. Er stand nur einen halben Schritt entfernt, seine Nähe raubte ihr den Verstand. Wenn sie sich etwas zurücklehnte und auf die Zehenspitzen stellte, brauchte er nur den Kopf zu beugen, und ihre Lippen wären gerade eine Handbreit voneinander entfernt. Sie fragte sich, wie sein Kuss schmecken würde.
   Noch immer brachte er keinen Abstand zwischen sie, und als er den Arm hob und die Kaffeetasse zum Mund führte, hielt sie die Luft an, damit ihre Brust ihn beim Einatmen nicht streifte. Die knisternde Spannung funkelte in seinen Pupillen. Er spürte es so deutlich wie sie. Sein Blick sprach Bände, einen Wimpernschlag lang, dann legte sich Bedauern in seine Züge und Ernsthaftigkeit eroberte den Ausdruck zurück. Dennoch fühlte sich Reese wie beschwipst.
   »Ich habe ein dringliches Anliegen.« Er blickte ihr fest in die Augen. »Es ist nicht gerade illegal, aber sagen wir mal: inoffiziell.«
   Was? Sie würde sich trotz seines fantastischen Aussehens, seiner unwiderstehlichen Anziehungskraft und seines verführerischen Duftes nicht in dubiose Geschichten verwickeln lassen. Reese holte tief Luft und versuchte, auf Abstand zu gehen.
   »Es geht um ein paar Blutproben und eine Auswertung im Labor. Es ist wirklich nichts Kriminelles.«
   Sie stieß den Atem langsam wieder aus. Bisher konnte sie sich keinen Reim auf sein Anliegen machen. Nicht, dass sie es mit Attentätern zu tun hatte. Ihre Uniformen, der ungewöhnliche gleichzeitige Auftritt von vier Prachtexemplaren der Gattung Mann. So etwas mussten Kämpfer sein. Soldaten. Söldner. Terroristen. Vielleicht planten sie einen Bio-Angriff und hatten sich mit den Viren selbst angesteckt?
   Großer Gott! Ihre Fantasie spann idiotische Vorstellungen. Aber war die Befürchtung in Zeiten von al-Qaida und der ständigen Bedrohung der Vereinigten Staaten durch Terrornetzwerke tatsächlich zu bizarr? Und immerhin hatte er noch immer keine Erklärung geliefert, wie er überhaupt hier auftauchen konnte.
   »Ich kann in deinen Augen lesen, was du denkst«, sagte er. Sein warmer Bariton strich wie eine Liebkosung über ihre Haut. Er legte einen Finger unter ihr Kinn und zwang sie, ihn anzublicken. »Wir sind keine Verbrecher. Unser Team gehört zu den Guten. Okay, deine Adresse stammt aus dem Krankenhauscomputer, der nicht wirklich Nein zu unserer Anfrage sagen konnte. Das ist aber das einzig Illegale.« Narsimha trat einen Schritt zurück, gab ihr Zeit, zu reagieren.
   Reese streckte die Schultern und erwiderte seinen Blick. Noch wollte sie ihm Gelegenheit geben, sein Anliegen zu präzisieren, ehe sie eine Entscheidung traf.
   »Wir sind ein privater Security Service und hegen den Verdacht, jemand könnte es auf uns abgesehen haben. Drei der Jungs und ich wurden vielleicht unfreiwillig einer Medikamentendosis oder Drogen ausgesetzt. Das müssen wir schnellstens testen.«
   Warum geht ihr nicht einfach in eine Klinik oder zu einem Arzt?, wollte sie fragen, doch er kam ihr zuvor.
   »Wir können es uns nicht leisten, Aufmerksamkeit auf uns zu lenken. Nur Personen, denen wir vertrauen, dürfen involviert sein, um nicht zu riskieren, dass unsere Gegner in die Flucht geschlagen werden.«
   Er zählte sie zu den Personen, denen er Vertrauen schenkte? Sie kannten sich doch überhaupt nicht. So ganz konnte Reese ihm noch immer nicht folgen, aber seine besonnene und offene Art wirkte beruhigend und erstickte die Vorstellung von Terrorzellen. Dazu trug maßgeblich bei, was die Presse berichtet hatte. Mikayla Costello, Dr. Aldrich und eine weitere junge Frau verdankten zwei Angestellten eines Security Services ihr Leben.
   »Du arbeitest also für die …« Ihr wollte der Name der Agentur nicht einfallen. Irgendeine Abkürzung mit drei oder vier Buchstaben.
   »G. E. N. B. Agency”, sagte Narsimha und kam sofort wieder auf sein Anliegen zu sprechen. »Es eilt. Hast du eine Möglichkeit, eine Laboruntersuchung durchzuführen? Und wärst du überhaupt bereit, uns zu helfen, Reese?«
   Das waren nur zwei einfache Fragen, aber sie war unschlüssig, was sie antworten sollte. Dass sich die Distanz zwischen ihnen durch die vertraute Anrede weiter verringert hatte, vereinfachte die Entscheidung nicht. Sie hatte einen guten Draht zum Krankenhauslabor, brachte häufig die Proben selbst hin und wartete gleich auf die Analyse. Hin und wieder ließ sie eine kleine Aufmerksamkeit springen, weil ihre Proben schneller bearbeitet wurden. Wenn sie Chris Carter mit einer Eintrittskarte für das nächste Spiel der Dodgers köderte, täte er ihr sicher den Gefallen. Aber wollte sie das? Sie setzte ihre Karriere aufs Spiel, wenn sie Beihilfe zu krummen Machenschaften leistete.
   »Wie lang liegt die mögliche Einnahme des Mittels zurück und auf welche Weise wurde es verabreicht?« Sie musste Zeit gewinnen. Und Raum. Er stand ihr noch immer atemberaubend nahe.
   »Vermutlich gestern am späten Nachmittag. Wir haben Schokoriegel gegessen, die mit etwas versetzt gewesen sein könnten.«
   Oh Gott, was sollte sie bloß tun? Ein Lebensmittel dieser Art unmerklich mit einem Medikament zu versehen, zählte wohl schon zu professionellen Praktiken. In welches Verhängnis würde sie hineingezogen und wie sollte sie das abwenden? Dabei kannte sie die Antwort bereits, seit er sie berührt hatte. Sie würde Ja sagen. Zu was auch immer. Sie wusste nur nicht, was sie gegen den Irrsinn tun sollte, auf den sie sich einließ.
   Verdammt, sie riskierte alles!

*

Simba wartete in der Küche und hegte Fluchtgedanken, während sich Reese umzog.
   Was war er für ein Idiot!
   Diese Frau himmelte ihn an und er schürte ihre Gefühle und nutzte sie gnadenlos für seine Zwecke aus. Er sollte auf der Stelle verschwinden und den Schaden nicht noch größer machen. Im Grunde wollte er ihr nicht wehtun, ihr keine falschen Hoffnungen bereiten. Niemals wieder wäre er fähig, Gefühle für eine Frau zuzulassen. Seine Füße sahen das anders und schlugen Wurzeln in den Boden. In Wahrheit wollte er sich die verlangenden, zehrenden Empfindungen, die bei Reeses Anblick durch seinen Körper rasten, nicht eingestehen. Dass die zärtlichen Berührungen Sehnsüchte weckten, die er sich verbot. Er schaffte es nicht, die Stimme seines Herzens abzuschalten, die ihm all das vor Augen führte.
   Nani-ji hatte die Liebe zu ihm mit dem Leben bezahlt.
   Sie war zwar nicht seine Partnerin gewesen, aber die einzige Liebe, die er je kennengelernt hatte. Er wäre im Wald gestorben, nachdem seine Eltern ihn ausgesetzt hatten. Nani-ji war selbst eine Verstoßene. Eine weise Frau, deren seherische Fähigkeiten dem Dorfältesten nicht in den Kram passten. Er hatte eine Hetzjagd auf sie eröffnet, die sie zu einem Leben in der Wildnis verdammte. Nani-ji wusste, Narsimha würde folgen. Seine Eltern und die Dorfgemeinschaft waren überfordert mit einem Kind, dem Tigerkrallen wuchsen. Man hielt ihn für eine Ausgeburt des Teufels. Zwar verstand er im Grunde die Verzweiflungstat seiner Eltern, die einfache und ungebildete Leute waren, doch verzeihen konnte er es ihnen nicht. Er hatte heimlich am Sterbebett gesessen, als sie kurz nacheinander von dieser Welt gingen und die Tränen in den Augen seiner Mutter gesehen. Sie hatte ihn erkannt und ihn dennoch fortgestoßen. Es waren keine Tränen der Freude, ihn wohlbehalten zu sehen, es waren Spuren der Furcht.
   »Wir können los.« Simba registrierte Reeses Stimme, aber sie holte ihn nicht aus seiner Gedankenwelt.
   Er wuchs in den Wäldern Indiens rund um sein Heimatdorf Nimtalai auf und begleitete Nani-ji auf Schritt und Tritt. Obwohl sie geächtet wurde, nahmen die Menschen Nani-jis Dienste heimlich in Anspruch und sie ließ sich das Mitteilen ihrer Visionen gut bezahlen. Sie lebten unter Blätterdächern, tranken Quellwasser und aßen die Früchte des Waldes. Nani-ji bezahlte über Jahre einen Dorfschullehrer, der ihm heimlich während langer Abende am Lagerfeuer Lesen, Schreiben und Rechnen beibrachte. Darüber hinaus besorgte sie unzählige Bücher aus der Stadt, in denen sich Simba in eine andere Welt träumte. Als er fast erwachsen war, schickte sie ihn nach Mumbai zum Studium. Wie sie es schaffte, ihn zu den Privilegierten aufsteigen zu lassen, blieb ihm bis heute ein Rätsel. Sie bezahlte das winzige Zimmer, das er sich mit drei Kommilitonen teilte, seinen Lebensunterhalt und die Studiengebühren.
   Als er nach Abschluss seines Maschinenbaustudiums in die Wälder zurückkehrte, um eine Zeit lang bei ihr zu bleiben, war die Katastrophe über ihn hereingebrochen.
   »Narsimha?«
   »Simba«, flüsterte er rau, »nenn mich wie meine Freunde Simba.« Er verspürte das dringende Bedürfnis, sich augenblicklich bei einem Freund oder einer Freundin anzulehnen und zog Reese spontan in den Arm. Sein Gesicht drückte er in ihr weiches, duftendes Haar. Für einen Augenblick stand die Welt still, dann spürte er Reeses Zittern unter seiner Hand in ihrem Rücken. Er ließ sie abrupt los. »Verzeih.«
   Ihr Blick bohrte sich in seine Seele, ihre Finger lagen noch für einen Atemzug auf seiner Schulter und hinterließen eine Hitze, als hätten Brandeisen seine Haut gekennzeichnet.
   Reese klimperte mit einem Schlüsselbund. »Ich weiß nicht, wie du hergekommen bist, aber wir fahren mit meinem Wagen.«
   Er nickte. Wade hatte ihn auf seiner Hayabusa hergebracht und wartete mit Dix und Neil bei Starbucks auf seinen Anruf. Max sollte es nicht mitbekommen. Es reichte, wenn sie ihn später in Kenntnis setzten und nur dann, wenn sie ein brauchbares Ergebnis erzielten.
   »Ich besorge jetzt eine Eintrittskarte für eines der nächsten Dodgers-Spiele und dann fahren wir zum Hospital. Du kannst deine Freunde schon herbeirufen.«
   »Und dein Kollege wird nicht misstrauisch werden?«
   »Ich bringe öfter Blutproben ins Labor und warte gleich auf die Ergebnisse. Er wird nicht einmal dazu kommen, einen Blick darauf zu werfen.«
   Reese spielte ihm in die Karten, als hätte sie den Plan mit ihm gemeinsam ersonnen. Er lehnte sich in den Beifahrersitz zurück und schloss die Augen. Ihre Gesellschaft erwies sich als wohltuend, weil sie sich nicht als Quasselstrippe entpuppte und das Schweigen zwischen ihnen nichts Peinliches besaß. Sie erwartete keine Unterhaltung und ließ ihm ausreichend Raum zur Entfaltung, schien zu spüren, wie verhaftet er noch immer in Gedanken war. Dafür dankte er ihr im Stillen. Ihre Nähe tat gut.
   Die letzten Ereignisse in Indien, bevor er Max begegnet war, zogen vor seinem geistigen Auge vorüber.
   Als er Nani-ji in den Wäldern um sein Heimatdorf nicht fand, hatte er den Dorfältesten aufgesucht. Der Greis spielte ein falsches Spiel und verheimlichte etwas. Damit, wie lukrativ die krummen Geschäfte sein mussten, hielt er allerdings nicht hinter dem Berg. Seine neu gebaute Villa spiegelte ungeniert den krassen Gegensatz zwischen arm und reich, wie man es in Indien häufig sah. Doch nicht nur der plötzliche Wohlstand hatte Simba aufmerksam werden lassen, das ganze Dorf erstarrte in Angst, als sie ihn sahen. Sie hatten sich schon immer vor ihm zurückgezogen, nur niemals derart panisch.
   Das Ausfahren der Krallen hatte ausgereicht, den kreischenden Alten zum Sprechen zu bewegen. Er hatte Informationen an Rebellen verkauft. Zeichnungen und Berichte der Dorfbewohner über Simbas Andersartigkeit. Die Aufständischen sahen in ihm eine Bereicherung ihrer Truppe und hatten Nani-ji in ihre Gewalt gebracht, um Simba zu erpressen und ihn zu zwingen, sich ihnen anzuschließen. Die Drohung hatte ihn nicht mehr erreicht, nur einen seiner Kommilitonen. Das erfuhr Simba aber erst viel später, weil er zu diesem Zeitpunkt schon auf dem Weg von Mumbai zu Nani-ji gewesen war. Zwischen ihm und den Rebellen entbrannte ein Kampf, der sich über Wochen in den Wäldern abspielte und endete, als er Nani-jis verkohlte Leiche in der Asche der ausgebrannten Lichtung fand, wo ihre letzte Wohnstätte gelegen hatte.
   Blind vor Wut und Tränen kehrte er in das Dorf zurück mit der Absicht, zu morden und zu brandschatzen und furchtbare Rache zu nehmen. Er brachte es nicht über sich, stattdessen wollte er sich das Leben nehmen. Da tauchte Max im Dorf auf.
   Der Wagen hielt mit einem Ruck, die Bilder verschwanden wie beim Zuschlagen einer Klappe.
   Reese suchte seinen Blick. »Ich brauche fünf Minuten, um mit Chris zu reden. Warte hier«, wies sie ihn an.
   Erst jetzt realisierte er, dass sie bereits am Krankenhaus angekommen waren. »Was ist mit der Dodgers-Karte?«
   Reese wedelte mit einem Stück Papier. »Schon besorgt.« Sie winkte ihm zu.
   Ein wohlbekanntes Flattern – beinahe schon vertraut – zog durch seine Brust, weit über den Punkt hinaus, da Reese seinem Blickfeld entschwand. Er lehnte den Kopf zurück und schloss die Augen. Wäre es ein anderes Leben, eine andere Gelegenheit, er wüsste, dass er hier und jetzt zugreifen müsste, um das Glück nicht durch die Finger rinnen zu lassen. Aber er steckte in diesem Leben fest, daran änderte niemand etwas.

Montag, 26. September
Los Angeles

»Ihr habt was getan?« Max schnappte nach Luft und ließ sich auf seinen abgewetzten Bürostuhl fallen. Die Luft in dem kleinen Büroraum, in den sie sich zu acht quetschten, schien sich um einige Grad aufzuheizen. »Seid ihr des Teufels?« Sein Gesicht nahm eine aschgraue Farbe an. Er stützte die Ellbogen auf die Schreibtischplatte und raufte sich das Haar.
   Mucksmäuschenstille herrschte. Seth, Virgin und Jay-Eff blickten betreten zur Seite. Sie wussten wie Max erst seit wenigen Minuten von den Bluttests.
   »Aber …« Simba kam sich nicht wie zweiunddreißig vor, sondern wie ein kleiner Junge, der vor seinem Lehrer steht und einen Widerspruch anbringen will. Er fühlte sich lächerlich und verstummte.
   »Es ist meine Schuld. Ich hätte euch einweihen sollen. Es gibt einen Grund, warum ich nicht wollte, dass ihr zu einem Arzt geht.« Max stand auf und wanderte von seinem Schreibtisch bis ans Bücherregal und zurück. Diesen kurzen Parcours nahm er immer auf, wenn sein Gehirn schneller arbeitete, als er sprechen konnte. »Ihr habt alle die Blutgruppe AB negativ, die ihr euch mit etwa einem Prozent der Weltbevölkerung teilt. Glaubt ihr nicht, es fällt auf, wenn sich vier Männer gleichzeitig untersuchen lassen und diese seltene Blutgruppe haben? Wir können keine Neugierigen gebrauchen! In jedem ambitionierten Arzt und in jeder Laborratte steckt ein Wissenschaftler. Es wird ihnen auf der Seele brennen, ein Rätsel zu finden und es zu lüften, verdammt!«
   »Warum haben wir alle die gleiche Blutgruppe?« Es waren Hunderte Männer und Frauen aus aller Herren Länder und aller Rassen gewesen, an denen die Genpfuscher während des Zweiten Weltkriegs herumexperimentiert hatten. An seinen Großeltern mütterlicherseits, zumindest einem von ihnen. Die Mutation wirkte sich erst in der zweiten Generation der Nachfahren aus. An keinem Elternteil war eine Veränderung aufgetreten, auch nicht bei den Eltern der anderen Jungs. Deshalb hatte Max auch keine Gabe. Er war ein Kind direkt Betroffener, eine Generation älter als sie und hätte fast ihr Vater sein können.
   »Eure Blutgruppe ist durch normale Vererbung entstanden. Allerdings treten die Mutationen nur bei Nachkommen mit dieser Blutgruppe auf. Warum, weiß kein Mensch. Eine Laune der Natur, die sich ihrer Freiheit beraubt fühlt? Eine Genkombination, die sich erst auf den Nachwuchs auswirkt, wenn ein Paar zusammenkommt, dessen Antigene die Vererbung von AB negativ bedingen?«
   »Warum hast du es uns nicht gesagt? Wär ja nicht so tragisch gewesen«, sagte Simba.
   Max wurde noch eine Spur blasser. »Es gibt noch mehr Eigenschaften, die anhand eures Blutes festgestellt werden können. Ich weiß es selbst erst seit Kurzem.«
   »Was?« Simba hatte diese simple Frage ebenfalls auf der Zunge gelegen, doch einer der anderen war ihm zuvorgekommen.
   »Ihr werdet niemals ernsthaft mit Krankheiten zu kämpfen haben, so etwas Banales wie Schnupfen nicht einmal bekommen, weil eure Körper im Nu Antikörper aller Art produzieren. Ernstere Erkrankungen heilen schneller, vielleicht sogar solche, die im Normalfall als unheilbar gelten.«
   »Ein Grund zum Jubeln, oder?« Gern hätte Simba seiner Stimme einen sarkastischen Ton gegeben, stattdessen klang sie nur bitter. Warum hatte Max ihnen das nicht sofort erzählt? Hatte er kein Vertrauen?
   »Kein Krebs, kein Alzheimer, kein HIV – ihr werdet wahrscheinlich steinalt und seid immer noch kerngesund.«
   »Und was ist mit Wades Blutvergiftung?«
   »Das war ernst. Es hätte jemandem mit einem weniger stabilen Immunsystem wahrscheinlich das Leben gekostet. Ich brauche euch nicht an die Worte der Ärzte zu erinnern, die sich die schnelle Genesung nicht erklären konnten, oder?«
   »Die haben also bei meinen Blutuntersuchungen nichts gemerkt?«, fragte Wade.
   »Nein. Es erfordert aufwendige Tests, die nicht einfach so in einem Krankenhauslabor durchgeführt werden. Aber bei der Untersuchung, die ihr habt durchführen lassen, hätte die Übereinstimmung der seltenen Blutgruppe bei vier Männern vielleicht auffallen können.«
   »Du klingst besorgt über unsere Eigenschaften. Wo ist der Haken?« Simba erkannte ihn beim besten Willen nicht.
   Max schüttelte langsam den Kopf. »So gesehen gibt es keinen, jedenfalls nicht, soweit mir bekannt wäre.«
   »Aber irgendwo muss der Hase im Pfeffer liegen, sonst wärst du früher mit der Sprache herausgerückt.«
   Plötzlich stand Seth an Max’ Seite. »Ich werde es ihnen sagen.«
   Was sollte das denn jetzt? Simba trat einen Schritt zurück, damit ihn das Sonnenlicht nicht blendete, das schräg durch das Fenster stach und die Staubkörnchen in der Luft flimmern ließ. Er fixierte Seth.
   »Nein!«, widersprach Max energisch.
   »Doch!«
   Max sackte in seinen Bürostuhl und ließ den Oberkörper nach vorn fallen. So mitgenommen hatte Simba ihn nie erlebt. Er musste an einem schweren Problem knacken, anderenfalls hätte er nicht seine souveräne Beherrschung, sein klares Kalkül, mit dem er jede Situation meisterte, eingebüßt.
   Seth holte tief Luft. »Ich habe Max am Freitag in Kenntnis gesetzt, während ihr im Krankenhaus wart.«
   »Worüber, zur Hölle? Sprich oder scheiß Buchstaben.« Dix stand Wut ins Gesicht geschrieben.
   Simba wusste es nicht als Einziger; gerade Dix stieß häufiger mit Seth zusammen und brachte ihm mehr als eine Spur Misstrauen entgegen.
   »Es gibt eine Gruppe, die vor einigen Jahren im Auftrag der Regierung die Forschungen wieder aufgenommen hat. Sie tarnen sich als Spezialeinheit des Militärs und haben etliche Mutanten aus aller Welt gekidnappt.«
   Dix schoss auf Seth zu, packte ihn am Kragen und warf ihn gegen die Wand. »Und du gehörst dazu? Ich wusste es. Man darf dir nicht trauen, Arschloch!«
   Ehe er Seth erneut zu packen bekam, ging Max dazwischen. »Beruhige dich, Dixon!« Seine Stimme hatte den gewohnten Befehlston zurückgewonnen. Er quetschte seinen massigen Körper zwischen die Streithähne und drängte sie auseinander.
   »Nicht mehr.« Seth schob unwirsch Max’ Arm beiseite. »Ich bin vor über einem halben Jahr geflohen. Seitdem sind sie hinter mir her und wahrscheinlich ist es meine Schuld, dass sie euch nun gefunden haben.«
   »Drecksack!«, zischte Dix.
   »Komm runter, Mann«, zischte Max zurück. »Seth war einer der Entführten.«
   »Kann er ja wohl kaum … oder woher hat er seine Militärausbildung?« Dix’ Nasenflügel bebten.
   »Die Entführten wurden einer Gehirnwäsche unterzogen und zu Kampfmaschinen ausgebildet«, konterte Max. »Sei froh, dass sie euch nicht auch erwischt haben.«
   »Ja, und warum sind wir nicht gefangen worden?« Diesmal war es Wade, der Dix zu beruhigen versuchte, indem er ihn am Arm packte und ihn neben sich zog.
   »Darüber kann ich nur Vermutungen anstellen«, sagte Max. »Offenbar verfügen sie über die gleichen Listen wie ich. Die Betroffenen haben nicht alle eine Kindheit hinter sich wie ihr. Manche wurden zur Adoption freigegeben, wuchsen in normalen Familien auf. Andere hatten in den Heimen mehr Glück. Nicht in jedem Kinderheim macht man so schlimme Erfahrungen wie Dix. Und erinnert ihr euch an meinen Trip in die Türkei? Der junge Mann, nach dem ich suchte, war spurlos verschwunden.«
   »Du meinst also, sie haben uns nicht aufgetrieben, weil unsere Aufenthaltsorte zu unstet waren?«
   »Genau. Ihr habt alle mehr oder weniger auf der Straße gelebt, keinen festen Job gehabt und seid von Ort zu Ort gezogen.«
   »Klingt plausibel. Damit war es schwerer, uns zu finden.« Simba rieb sich das Kinn. »Weißt du, wie viele Betroffene es gibt?«
   »Die Truppe hatte zuletzt eine Stärke von dreißig Mann. Und die Suche nach weiteren Mutanten war noch nicht abgeschlossen«, sagte Seth.
   Dreißig Kerle von ihrem Schlag und alle mit außergewöhnlichen Fähigkeiten? Arme Welt, wenn die als Kampfmaschinen losgelassen wurden.
   »Und damit ihr die ganze Wahrheit wisst: Ich war einer der Privilegierten, die dazu ausgebildet wurden, andere Betroffene zu finden und zu überwältigen. Dabei begegnete ich Max. Ich nahm die Chance wahr, zu … desertieren!«
   »Und warum hast du nicht von Anfang an die Wahrheit gesagt?« Dix schnaubte.
   »Ich wollte zur Ruhe kommen. Den Scheiß vergessen, Mann!« Seths Gesicht färbte sich bedenklich rot. »Glaubst du, es hat mir Spaß gemacht? Weißt du, wie viel Blut an meinen Händen klebt? Ich brauchte die Zeit, um meinen Kopf zu befreien, meine Gedanken unter Kontrolle zu bekommen!«
   »Fuck!« Simba fühlte mit Seth. Er trat auf ihn zu und legte ihm den unverletzten Arm um die Schultern. »Willkommen in der Hölle, Mann!«
   Die Spannung legte sich spürbar. Sogar Dix ging auf Seth zu und reichte ihm die Hand. »Tut mir leid.«
   »Schon gut.« Seth holte tief Luft und wischte sich Schweiß von der Stirn. »Damit wisst ihr jetzt, wer die Arschlöcher auf Santa Rosa Island waren.«
   Max legte Simba kurz eine Hand auf die Schulter und setzte sich wieder. »Ihr habt irres Glück gehabt. Wäre Wade nicht einem von ihnen zufällig über den Weg gestolpert und hätte der nicht über einen nervösen Finger verfügt, würdet ihr jetzt nicht hier stehen.«
   »Du hältst es also für ausgeschlossen, dass es diese Schmuggler waren?« Eigentlich stellte es keine Frage dar, sondern eine laut gedachte Feststellung als Bestätigung seiner Vermutung. Allerdings hatte er diese wiederholt angezweifelt, weil es ihm unsinnig erschienen war, dass jemand hinter ihnen her sein sollte. Simba trat von einem Fuß auf den anderen. Seine Zehen waren eingeschlafen und kribbelten.
   »Ich war mit Seth gestern auf der Insel. Wir haben eine Höhle in Wasserhöhe gefunden, die nicht von Land aus zugänglich ist. Das ist das Schmugglernest. Unser Auftraggeber hat die Polizei informiert, die werden sich um die Bande kümmern. Alle anderen Spuren an Land sind professionell beseitigt worden. Es wird sich also in der Tat um ein CT-Kommando gehandelt haben.«
   »CT?«
   »Catch them.«
   Eine Gänsehaut überrollte Simba. Zu sehr erinnerte ihn all das an die Zeit, während der er in Indien gejagt worden war. Seine Krallen brachen unkontrolliert aus und das Geräusch des reißenden Leders seiner Schuhe durchbrach die atemlose Anspannung.
   Wade war der Erste, der in schallendes Gelächter ausbrach und es dauerte nur Sekunden, da prusteten auch die anderen los.
   »Hey Tigerkralle, du sprengst unser Budget, wenn du das öfter machst.«
   Seth hieb ihm auf die Schulter. »Ich hab noch ein Paar Socken übrig, falls du welche brauchst … garantiert ohne Mief und Löcher.«
   Simba überspielte den Vorfall und grub die Hände in die Hosentaschen. Scheißegal, wenn er jetzt auch noch neue Jeans brauchte oder ein paar Nähte im Oberschenkel. Wenigstens konnte er sich dann einbilden, dass Reese ihm die Kratzer zugefügt hatte, ohne seine festgeschweißte Grenze überschritten zu haben, indem er ihr real nahekam. »Was unternehmen wir?«
   »Genau darüber habe ich am Wochenende nachgedacht und mich mit General Powell beraten, ehe ich euch in Kenntnis setzen wollte. Die Black Boys sind seit Samstag in L. A. und halten sich stets in eurer Nähe auf. Ich wollte nicht, dass ihr es wisst, damit ihr euch nicht auffällig benehmt.«
   »Gott, Bodyguards! Wir können selbst auf uns aufpassen.«
   »Sicher. Aber man merkt es euch an, wenn ihr angespannt eure Umgebung beobachtet oder plötzlich nicht mehr allein zum Bäcker geht.«
   »Okay. Ich vermute also, wir gehen weiter unseren Aufträgen nach, so, wie du es bereits gesagt hast?« Simba rieb die Fingerspitzen vorsichtig in den Hosentaschen am Stoff. Allmählich zogen sich die Krallen zurück.
   »Der Zigarettenhersteller zahlt diese Woche seine Rechnung. Die LAPD-Anfrage habe ich bis jetzt vor mir hergeschoben, ansonsten sieht es momentan mau aus mit Aufträgen.«
   »Also konzentrieren wir uns auf den Umbau.« Neil seufzte. Er hasste die Arbeiten. Umbau und Renovierung waren ihm ein Gräuel.
   »Wir können nur abwarten, bis das CT-Kommando erneut versucht, zuzuschlagen. Bis dahin bleiben wir auf der Hut. Gleichzeitig werde ich mit General Powell Seths Informationen auswerten und überlegen, ob wir einen Gegenschlag planen können. Das steht aber noch auf wackligen Beinen.«
   »Wär ja mal nett, wenn wir ebenfalls alles erfahren würden, was Seth weiß«, mokierte sich Dix.
   »Du hast recht, Dixon. Werdet ihr auch, aber erst muss ich mir selbst einen Überblick verschaffen, meine Fühler ausstrecken und sehen, was ich noch alles in Erfahrung bringen kann.«
   Max’ Wort war Gesetz und er hatte recht. Es brachte nichts, wenn sie anfingen, zu spekulieren oder weitere Alleingänge unternahmen.
   »Ich verspreche, ich informiere euch über alles, was ich herausfinde. Aber tut mir den Gefallen und macht Seth nicht noch mehr fertig, als er ist. Es bringt im Moment nichts, wenn er euch Details erzählt.«
   »Schon okay.« Neil trat einen Schritt auf den Schreibtisch zu. »Was ist mit dieser LAPD-Anfrage?«
   »Ein Opfer ist offenbar dem Chatroom-Killer entkommen. Mein Kontaktmann dachte, Wade könne eventuell Spuren seines Geruchs aufnehmen und ihm auf einfache und schnelle Weise das Handwerk legen.«
   »Die stecken also fest. Gibt es keinen anderen Weg, wie wir helfen können?« Neil fixierte Max’ Blick.
   »Nichts, was mir im Moment einfällt und zu einer prompten Lösung des Problems führen könnte. Das Mädchen – Maggie Garner – liegt im Krankenhaus. Diese Woche soll sie aus ihrem künstlichen Koma aufgeweckt werden und die Polizei hofft, sie bald vernehmen zu können. Maggie wird von Dr. Reese Little mitbehandelt.« Max begab sich wieder auf seinen Parcours. »Womit wir beim Ursprungsthema wären. Wie lautet das Ergebnis der Blutuntersuchung?«
   »Dr. Little hat die Proben auf Medikamenten- und Drogenrückstände untersuchen lassen und bei allen Spuren eines Antibiotikums gefunden.«
   »Die Kerle müssen gewusst haben, dass das Mittel Wades Geruchssinn beeinflusst. Wahrscheinlich haben sie Mutanten mit gleicher oder ähnlicher Fähigkeit in ihrer Gewalt, an denen sie das getestet haben.«
   »Wenn sie Wades Gabe kennen, wissen sie auch, was wir anderen können.«
   »Davon gehe ich aus, Simba«, erwiderte Max und blieb endlich vor dem Fenster stehen. »Die werden sich vermutlich für den Moment zurückhalten.«
   Das Herumgerenne machte Simba verrückt. Erst recht, weil ihn das Licht blendete und dann wieder Max’ Silhouette Schatten warf. Es erinnerte ihn an die Wälder, in denen er aufgewachsen war. Wie er auf dem moosigen Boden lag und zwischen den Papayastauden hindurch die Wolken beobachtete. Der Wind spielte mit den langen Blättern. Sonne und Schatten fielen abwechselnd auf sein Gesicht. Sonne – Schatten, Sonne – Schatten. Es hatte ihm damals geholfen, sich in Meditation zu versetzen, doch das gehörte in eine geschlossene Gedankenschublade. Genau wie die Lehren des Buddhismus, die Nani-ji ihm beigebracht hatte. Es gab nichts und niemanden, der hinter allem Sein steckte. Keinen endlosen Kreislauf von Geburt und Wiedergeburt. Nur grausame und brutale Wirklichkeit im Hier und Jetzt. Menschen, die sich gegenseitig ihre Gräber schaufelten, von der Steinzeit bis heute.
   »Simba?«
   Er schreckte auf. Hatte Max etwas zu ihm gesagt?
   »Wie ist dein Verhältnis zu Dr. Reese Little? Wäre eine Zusammenarbeit möglich? Oder wecken wir schlafende Hunde, weil sie zu viel über euch mitbekommen hat?«
   Nein! Eine Zusammenarbeit war unmöglich. Er wusste nicht, wie lange sein Panzer dem Beschuss standhielt, der Sinnlichkeit aus Reeses Augen als Dauerfeuer abschoss.
   Dix kam ihm zu Hilfe. »Sie hat uns die Laborunterlagen ausgehändigt. Angeblich wurden die Blutproben in ihrem Beisein vernichtet. Eigentlich kann sie weiter nichts Ungewöhnliches herausgefunden haben.«
   »Ist so etwas nicht unüblich?« Max rieb sich die Stirn und blickte Simba, Dix, Wade und Neil der Reihe nach an.
   »Keine Ahnung, aber wir haben im Vorfeld darum gebeten und sie hat einen Freund im Labor … na ja, bestochen, würde ich sagen.«
   »Euer Wort in Gottes Ohren.«
   »Ich werde noch einmal vorsichtig nachhaken.« Innerlich verkrampfte sich Simba bei diesen Worten. Es fiel ihm zunehmend schwerer, die Beherrschung zu wahren und das unterdrückte Toben seiner Gefühlswelt im Zaum zu halten.
   Klar wollte er nicht auf Befriedigung seiner Bedürfnisse verzichten, auf Spaß, auf Sex. Das hatte er noch nie getan. Nur Emotionen mussten dabei tief vergraben bleiben. Er konnte es sich nicht erlauben, Frauen zu begegnen, die einen Vulkanausbruch wie bei einer tektonischen Plattenverschiebung auslösten. Erst recht durfte er sich nicht wissentlich dieser Gefahr aussetzen, die seit Tagen einen Namen bekommen hatte, der unaufhörlich seine Gedanken durchzog.
   »Gut. Ich werde dem LAPD vorerst nicht mitteilen, dass wir jemanden auf den Chatroom-Killer angesetzt haben, damit sie nicht mitbekommen, wer unser Mann ist. Du darfst dich ab sofort Undercover-Agent nennen, Simba. Und was das CT-Kommando betrifft, hänge ich mich dahinter und wir entscheiden in Kürze, wie wir vorgehen. Alles klar, Jungs?«
   Das Gebrumm als Zustimmung zu bezeichnen, erforderte Fantasie. Dennoch erhob niemand Widerspruch.

*

Es ist dunkel um ihn. Und kalt. Ben hat die Augen geöffnet und starrt in die Schwärze. Die Zimmerdecke kann er nicht ausmachen, und wenn er den Kopf in Richtung Fenster dreht, sieht er nur bedrohliche Schatten, die draußen vor dem Glas wippen. Es sind keine Monster, keine Gespenster, und es ist auch nicht der schwarze Mann. All das weiß er, doch er verkriecht sich lieber noch weiter unter der Bettdecke. Schatten können ihm nichts tun, hat Sally versprochen, da war er acht. Seither ist ein Jahr vergangen, aber er fürchtet sich mehr als zuvor. Schon lange ist seine große Schwester nicht mehr zu ihm ins Bett gekrabbelt und hat ihn an sich gedrückt. Ihm den Rücken gestreichelt, bis er wieder einschlafen konnte. Manchmal ist es auch Dakota gewesen. Sie ist zwei Jahre älter als Sally, aber sie hat ihn noch nie so lieb gehabt. Seit sie vierzehn geworden ist, schminkt sie sich, und als Ben einmal vor ihr stand und meinte, sie sähe aus wie eine Nutte, hat sie ihm eine gescheuert. Er ist mit dem Kopf gegen die Wand geknallt. Dabei wollte er ihr nur ein richtig schönes Kompliment machen.
   In der Schule tuscheln die Jungs ständig über Nutten. Eine heißt Farrah und geht in seine Klasse. Sie ist die tollste der Nutten, alle himmeln sie an. »Die Nutte würde ich gern mal knutschen.« Oder: »Die Nutte sieht einfach nur geil aus. Wag es nicht, der Nutte anzubieten, ihre Tasche nach Hause zu tragen, das mache ich.« Ben kennt keinen Jungen, der Farrah nicht klasse findet. Meist steht er nur am Rande ihrer Gruppe und ist froh, wenn sie ihn nicht davonjagen. Er kann noch nicht mitsprechen und von seinem ersten Kuss erzählen wie die meisten anderen. Sie ignorieren seine Anwesenheit, dafür kommen sie an, wenn sie ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben. Auf dem Klo oder im Schulbus geht seine Arbeit von Hand zu Hand und sie kritzeln die Matheaufgaben in ihre Hefte.
   Dakota spricht seit der Ohrfeige kaum mehr mit ihm. Schon viel zu lange will auch Sally nichts mehr von ihm wissen. Erst gestern Nacht hat er geweint, weil die Balken im Dunkeln so geknarrt haben und der Wind draußen heulte. Eine Spinne ist über seine Bettdecke gerannt, beinahe über seinen nackten Arm. Er hat kurz geschrien, und dann geweint. Licht darf er nicht anmachen, das kostet zu viel Geld. Dad hat verboten, das Lämpchen auf dem Nachttisch die ganze Nacht brennen zu lassen. Irgendwann hat Sally ihn gehört. Sie ist in sein Zimmer gekommen und hat ihn angeschnauzt.
   »Hör endlich auf zu flennen und spiel kein Baby. Kannst du nicht endlich erwachsen werden?« Sie ist sofort wieder hinausgerauscht.
   »Sally«, hat er ihr hinterhergerufen, aber sie hat es nicht beachtet. Und dann, ganz leise. »Mommy?« Er weiß, sie hört ihn nicht. Das Elternschlafzimmer liegt auf der anderen Seite des Bungalows und außerdem schläft sie immer mit diesen Ohrstöpseln. Weil Dad schnarcht.
   Ben überlegt, ob er zu Tami gehen soll. Sie hat das kleinste Zimmer, aber sie ist auch die Jüngste. Tami ist erst sieben. Erst seit diesem Jahr geht sie mit ihm zur Schule, im letzten wollte man sie noch nicht nehmen, weil sie so zart war und noch einen Sprachfehler hatte. Tami mag ihn. Sie gehen oft zusammen raus und rennen in den Wald. Sie hat keine Freundin – so, wie sich Ben nicht mit anderen Jungs trifft. Tami und er sind ein Team. Sie bauen gern kleine Dämme in dem Bach, der hinter ihrem Haus entlangfließt. Auf einer Lichtung haben sie eine Mulde entdeckt. Ein umgestürzter Baumstamm liegt wie eine Brücke darüber, und auf dem moosigen Grund lässt sich wunderbar liegen. Sie halten sich bei den Händen und er bringt ihr richtiges Sprechen bei. Die Kinder in der Schule sollen sie nicht hänseln. Sie soll auch eine Nutte sein.

*

»Du weißt, was zwischen uns beiden passieren wird, nicht wahr?«
   Reese zuckte zusammen und wirbelte herum. Hinter einem Lieferwagen trat Narsimha hervor. Ihr fiel der Schlüsselbund aus der Hand, und ehe sie sich bücken konnte, stand Simba neben ihr und hielt ihn ihr entgegen. Heiliger! »Tu das nie wieder, ja?«
   »Was?«
   Jetzt schaute er auch noch so scheinheilig, als könnte ihn kein Wässerchen trüben.
   »Mich so zu erschrecken.« Sie keuchte leise. »Der Vormittag war anstrengend genug.«
   »Es tut mir leid.« Es streckte einen Arm aus und schob ihr eine Haarsträhne hinter das rechte Ohr. »Ich musste dich sehen.«
   Ein warmes Gefühl rieselte durch ihr Inneres und durchlöcherte die Sorgen und Gedanken, die sich in ihr stauten. Nicht nur heute. Das gesamte Wochenende hindurch hatten sich die Zweifel immer tiefer in ihr Gewissen gefressen und sie nicht zur Ruhe kommen lassen. Gott! Einerseits glaubte sie, nichts Schlimmes getan zu haben. Es war nur ein harmloser Bluttest. Andererseits gab es keine offiziellen Behandlungsunterlagen, und wenn sie eine Gruppe von Terroristen oder sonstige Kriminelle unterstützte, würde sie sich das nie verzeihen. Ganz abgesehen von den Folgen, die ihre Karriere zu erleiden hätte.
   »Hörst du? Ich musste dich sehen.«
   »Ja«, erwiderte sie nur mit belegter Stimme. Sie wusste, wohin ihr Weg unweigerlich führen würde, wenn sie keinen Riegel vorschob. Früher oder später würde er in ihren Wagen steigen und sie nach Hause begleiten. Bereits im Aufzug würden die ersten Kleidungsstücke fallen. Bis ins Bett schafften sie es garantiert nicht. Hitze flutete ihren Unterleib. Wollte sie das? Einen One-Night-Stand, nur um das Begehren, die Funken, die unbestreitbar zwischen ihnen knisterten, zur Explosion zu bringen?
   Ja!, schrie eine Stimme in ihren Gedanken. »Nein!«, hörte sie sich sagen.
   Narsimha trat einen Schritt weiter auf sie zu. »Lass es uns langsam angehen«, sagte er mit einer Stimme wie Samt. Nur eine winzige Bewegung, ein Atemhauch, und sie läge an seiner breiten Brust, würde das Galoppieren seines Herzens spüren und wie es sich mit ihrem vereinte. »Darf ich dich zum Mittagessen einladen?« Endlich brachte er einen Höflichkeitsabstand zwischen sie.
   Reese atmete tief durch. Der Blick aus seinen Cappuccino-Augen lag wie eine Liebkosung auf ihrem Gesicht. Wie könnte sie ablehnen? Sie drückte die Fernbedienung an dem Wagenschlüssel, und das Geräusch der sich öffnenden Zentralverriegelung durchbrach den Zauber. Sie wies mit einer knappen Geste auf die Beifahrertür und beeilte sich, um den Wagen zu gehen und einzusteigen.
   Kaum saß er neben ihr, fühlte sie sich wie in ein zu enges Korsett gequetscht. Das Atmen fiel schwer, der Blutdruck schien zu steigen.
   Reese fuhr nur um den nächsten Häuserblock zu einem beliebten Diner. Auf dem Parkplatz merkte sie, wie weich ihre Knie waren. Narsimha stieg aus und öffnete ihr die Fahrertür. Beim Aussteigen hielt er ihr den Arm hin und die Berührung kribbelte bis in die Zehenspitzen. Sie schwebte an seiner Seite in das Restaurant. Sämtliche Zweifel verflüchtigten sich während der wenigen Schritte. Seine Gegenwart fühlte sich richtig an. Dieser Mann – und sonst keiner – würde ihr Herz im Sturm erobern. Hatte es wohl längst getan.
   Sie bestellten Fish & Chips, und als ihre Pepsi kam, trank Reese in einem Zug fast das ganze Glas leer. Ihre Kehle wäre sonst versteinert.
   »Du knabberst noch immer daran, uns geholfen zu haben, nicht wahr?«
   »Wer seid ihr?«
   »Ich arbeite für eine Security Agency. Wir sind zu acht und wohnen auch zusammen in einer Anlage, die ehemals ein Fitnesscenter war.«
   »Und was macht ihr genau?«
   »Meist Aufträge von Privatleuten. Wachdienste, Personenschutz, Veranstaltungsschutz. In der Hauptsache Sicherheitsdienste, aber auch die Polizei oder das FBI fordern hin und wieder unsere Hilfe an.« Er rieb sich die Stirn. »Inoffiziell.«
   Inoffiziell! Sie wusste, dass etwas faul war. »Warum wohnt ihr zusammen? Habt ihr keine Familien?«
   »Die Gruppe ist unsere Familie. Max, unser Chef, ist wie ein Vater für uns. Und Dix wohnt seit Kurzem mit seiner Frau und deren jüngerer Schwester bei uns.«
   »Und ihr habt Platz für so viele Leute? Fehlt euch nicht die Privatsphäre?« Himmel, sie dachte an die beengte Situation in ihrem Apartment, während Alana und Nat bei ihr gehaust hatten. Konnte ein Fitnesscenter ausreichend Räumlichkeiten für zehn Menschen bieten?
   »Na ja, es wird langsam ein bisschen eng. Wir sind am Umbauen und Renovieren, und wenn wir fertig sind, wird jeder zumindest einen Raum für sich allein haben.«
   »Was sagen eure Eltern oder Geschwister dazu?«
   Narsimha schüttelte langsam den Kopf. »Keiner von uns hat noch nähere Angehörige.« Er senkte den Blick.
   »Das tut mir leid.« Seltsam fand sie acht Männer ohne Verwandtschaft dennoch. Waren es überhaupt alles Männer? »Deine Kollegen sind alle männlich?«
   »Ja. Drei hast du bereits kennengelernt.«
   Und die sahen samt und sonders aus wie Kerle aus der Traumfabrik. Irgendetwas war an dieser Geschichte nicht koscher, da konnte er ihr erzählen, was er wollte. Sein warmherziger Ausdruck in den Cappuccino-Augen wirkte allerdings ehrlich und offen.
   »Erzähl mir etwas von dir«, bat er und legte die Kuppe seines Zeigefingers auf dem Tisch an ihre Fingerspitze.
   Pulsierende Energie schien durch die Berührung zu strömen. Wärme. Geborgenheit. Wie ein inneres Band, das sie verknüpfte und sich als Relikt uralter Zeiten aus den Tiefen ihrer Seelen hervorschälte. Reese hatte das Gefühl, als gehörten sie seit ewigen Zeiten zusammen. Das hatte sie noch bei keinem Mann verspürt. Gab es doch so etwas wie Liebe auf den ersten Blick, oder war es nur sexuelle Anziehungskraft, die zwischen ihnen tobte? Das konnte es eigentlich nicht sein, sonst würde sie der Mensch, der sich hinter diesem unwiderstehlichen Äußeren verbarg, nicht interessieren. Sie musterte seine dichten, dunkeln Brauen, die langen Wimpern, die seine Augen beschatteten. Seinen sinnlichen Mund mit den viel zu vollen Lippen. Ungewöhnlich für einen Mann, doch die Vorstellung, diese wunderbar weichen Lippen würden ihren Körper berühren … sie durfte den Gedanken nicht weiterspinnen.
   »Du bist Ärztin, dazu eine sehr gute«, sagte Narsimha und tippte auf seinen rechten Oberarm. »Du hast die grünsten Augen, die ich jemals gesehen habe. Sie sprühen Funken, wenn du deine Empfindungen zeigst, weißt du das? Dazu duftet dein Haar wie das eines Engels. Was bist du bereit, mir noch über dich zu verraten, Dr. Reese Little?«
   Sie lachte. »Dass mein Name mir auf den Leib zugeschnitten ist?«
   »Sieht man.« Er stimmte in ihr Lachen ein und schob seine Hand über ihre Finger.
   Reese ließ es zu, genoss das Prickeln.
   »Und weiter? Wie alt bist du? Wo kommst du her? Hast du eine Familie?«
   »Einunddreißig«, murmelte sie und musste schlucken. Eine Frau in ihrem Alter sollte kein Single mehr sein. »Ledig, mit einer Zwillingsschwester und einer süßen siebzehnjährigen Nichte.«
   »Dich gibt’s doppelt?«
   »Nein. Ich bin nur eine Mogelpackung. Die wahrlich faszinierende Persönlichkeit ist meine Schwester Alana.«
   »Nie und nimmer«, widersprach Narsimha. »Sie kann dir garantiert nicht das Wasser reichen.«
   Reese seufzte. »Wenn du wüsstest … Die Männer liegen ihr seit Teenagertagen zu Füßen.«
   »Und an dich traut sich keiner heran, weil du eine Göttin bist.« Narsimha beugte den Oberkörper über den Tisch und fixierte ihren Blick. »Lass deine Zweifel los, Reese. Vertrau mir.«
   Konnte er derart in ihrer Seele lesen? Noch immer schmeckte sie einen schalen Geschmack auf der Zunge, wenn sie daran dachte, auf was sie sich eingelassen hatte.
   »Ich meine nicht den Gefallen, den du uns getan hast.« Der Druck seiner Hand verstärkte sich. »Ich spreche von deinen Selbstzweifeln. Warum lässt du deinen Gefühlen nicht einfach freien Lauf? Das Schicksal hat dir einen Platz zugedacht und du weigerst dich, den vorbestimmten Weg zu gehen.«
   Sicher! Der führte schnurstracks in die Federn, unbestreitbar mit Narsimha Mishra.
   Er schüttelte langsam den Kopf und sie kam sich vor, als würde er ihre Gedanken lesen. »Du bist viel zu wertvoll für ein schnelles Abenteuer. Ich werde dich nicht bedrängen, Reese.«
   Ihr Name klang aus seinem Mund erst recht wie eine Verheißung und verringerte die geistige Nähe zwischen ihnen um keinen Deut. Im Gegenteil. Eine heiße Flut überrollte ihren Nacken und breitete sich in ihrem Körper aus. Würde sich die Mittagspause nicht langsam dem Ende neigen, sie wüsste nicht, wie lange sie diesem Blick noch widerstehen könnte.
   Er lehnte sich zurück und musterte sie mit einem winzigen Ausdruck eines spöttischen Lächelns um die Mundwinkel. »Erzähl mir von deiner Arbeit. Vielleicht fällt es uns leichter, uns auf dieser Ebene anzunähern.«
   Reese blickte auf ihre Armbanduhr. Eine Viertelstunde konnte sie noch bleiben. Eigentlich eine halbe – aber sie reizte ihre Pausen nie bis zur letzten Minute aus und beeilte sich stets, ihren Dienst überpünktlich wieder anzutreten. Heute erst recht, denn Maggie Garners Eltern erwarteten sie zu einem Gespräch auf der Intensivstation. Anschließend wollten ihre Kollegen das Ende des künstlichen Komas einleiten und Reese würde bei der Patientin bleiben, bis sie aufwachte. Zumindest vorbeischauen, so oft es während des Dienstes ging. Das konnte einige Stunden dauern.
   »Ich bin mit Leib und Seele Ärztin.« Sollte sie ihm erzählen, wie es zu dem Berufswunsch gekommen war? Eigentlich war das viel zu privat. Andererseits stellte es auch nicht unbedingt ein Geheimnis dar. Die Erinnerung ließ ihren Puls heftig in den Schläfen pochen. Oder war es wegen seiner Hand, mit der er ihre wieder umschloss? Reese fühlte sich unfähig, die Empfindungen auseinanderzuhalten. »Meine Schwester wurde sehr jung schwanger. Sie war erst vierzehn, als Natana zur Welt kam.« Sie schluckte. All die Bilder stiegen auf. Alanas totenbleiches Gesicht, als man sie im Eiltempo aus dem Kreißsaal in den OP transportierte. Mom und sie wollten bei der Entbindung anwesend sein, Nate und Dad warteten draußen. Als Komplikationen auftraten, umklammerten sie sich wie Ertrinkende und warteten gemeinsam vor den Operationssälen. »Sie bekam starke Blutungen und konnte nicht auf normalem Weg entbinden. Während des Kaiserschnitts ist sie fast gestorben.«
   Erst jetzt bemerkte Reese Narsimhas Finger, die sanft ihren Unterarm streichelten.
   »Das hat dich arg mitgenommen, nicht wahr? Zwillinge haben eine besondere Verbindung zueinander.«
   »Es war, als würde ich selbst verbluten. Zu diesem Zeitpunkt wurde mir klar, dass ich mich nicht auf andere verlassen, sondern selbst Leben retten wollte.«
   »Der Beruf passt zu dir.«
   Wieder warf sie einen Blick auf die Uhr. »Es wird Zeit. Ich muss los.«
   »Ich weiß.«
   »Soll ich dich mitnehmen?«
   »Nein, ich komme klar.« Narsimha rollte einige Dollarnoten zusammen und steckte sie in das Gläschen, das die Kellnerin mit der Rechnung auf den Tisch gestellt hatte. Auf dem Weg zum Wagen fasste er ihren Ellbogen und öffnete galant die Tür. »Darf ich dich heute Abend abholen? Kino? Candle-Light-Dinner? Oder einfach nur ein Strandspaziergang, bis der Mond untergeht?«
   »Ich werde heute Überstunden machen. Eine Patientin wird nachher aus dem Kunstschlaf geweckt.«
   »Willst du mich anrufen, egal, wie spät es ist?« Seine Stimme klang sanft wie ein Windhauch.
   Reese blieb neben der Fahrertür stehen und lehnte sich ans Blech. Narsimha stand ihr so nahe, sie müsste nur die Hände auf seine Brust legen und den Kopf ein wenig in den Nacken legen, dann würde er sich herabbeugen und sie küssen. Sie sah es an seinem Blick, am Zucken seiner Mundwinkel. Schmetterlinge tanzten in ihrem Bauch. Die Nacht würde ohnehin kurz werden. Kam es da auf weitere zwei, drei Stunden an? Sie zückte ihr Mobiltelefon. »Gib mir deine Nummer.«
   Der Abschied hinterließ Leere.
   Reese starrte Narsimha hinterher, wie er seine schlanke, aber dennoch beeindruckend muskulöse Figur zwischen den Fahrzeugen hindurchschob, bis er ihrem Blickfeld entschwand. Wenn sie gehofft hatte, er würde sich noch einmal umdrehen, sah sie sich enttäuscht. Ein Mann wie er blickte niemals zurück.
   Sämtliche Gedanken an ihn erstarben, als sie die Intensivstation betrat. Mrs. und Mr. Garner erwarteten sie bereits. Ihr Kollege Dr. Mills würde später anwesend sein, um mit einem Anästhesisten das Ende von Maggies Kunstschlaf einzuleiten.
   »Guten Tag, Mrs. Garner. Mr. Garner.«
   Sie hatten sich nicht verändert. Mrs. Garners Augen waren noch ebenso rot geädert, wie die Wut aus den Pupillen ihres Mannes schoss.
   »Wird mein Baby gesund werden?«
   Eine Sechzehnjährige als Baby zu bezeichnen, ließ vermuten, dass noch kein Abnabelungsprozess zwischen Mutter und Tochter stattgefunden hatte. Fand der jemals wirklich statt? Obwohl sie kein leibliches Kind hatte, konnte Reese es sich nicht vorstellen, wenn sie an Natana dachte.
   Maggies Mutter war weder eine Schauspielerin noch eine Glucke. Die Sorge um ihr Kind entsprang ihrem tiefsten Herzen, das spürte Reese, und es bereitete Gänsehaut. »Sie ist auf einem guten Weg«, antwortete sie. Dass sich das zunächst nur auf die physische Situation bezog, hielt sie lieber zurück. Wusste Gott, was dem Mädchen widerfahren war und wie seine Psyche es verkraften würde.
   Reese erläuterte den Eltern erneut die medizinischen Maßnahmen, die bereits ergriffen worden waren, und schilderte den Behandlungsplan für die nächsten Wochen. Aus einem Päckchen in ihrer Kitteltasche fischte sie ein Papiertaschentuch und reichte es Mrs. Garner.
   »Danke, Frau Doktor.« Mrs. Garner ergriff ihre Hand und drückte mit erstaunlicher Kraft zu. »Für alles.«
   »Es ist mein Beruf und meine Berufung.«
   »Wenn das die Polizei auch mal von sich sagen würde.« Mr. Garners Worte klangen bitter.
   »Gibt es bereits neue Erkenntnisse?«
   »Nein. Nichts.« Maggies Mutter schnäuzte sich leise. »Und mittlerweile wimmeln sie uns ab.«
   Das wunderte sie nicht. Wenn die Eltern täglich die zuständigen Detectives anriefen, würden die sich in ihrer Arbeit gestört fühlen. Andererseits verstand sie die Sorge der Garners. Immerhin lief Maggies Entführer noch frei herum und er hatte sie nicht freiwillig entkommen lassen. Der Chatroom-Killer. Natürlich beruhten die bisherigen Vermutungen nur auf der Untersuchung von Maggies Computer und der Auswertung ihrer Chatprotokolle. Sie hatte über Wochen eine virtuelle Bekanntschaft gepflegt und sich kürzlich auf ein Treffen eingelassen. In den Medien kursierten wilde Spekulationen. Echte und sogenannte Fachgrößen versuchten in Talkshows, die Psyche des Täters zu entschlüsseln. Sie dröselten die wenigen Informationen, die von der Pressestelle der Polizei bekannt gegeben worden waren, bis ins winzigste Detail auf und legten ihre Interpretationen hinein. Wie die Footballexperten, die nach einem Spiel stundenlang jede Ballbewegung auseinandernahmen. Sie waren sich einig, dass der Chatroom-Killer in Maggie ein neues Opfer gefunden hatte. Wenigstens warnten sie pausenlos vor Treffen mit Unbekannten.
   In den beiden vorhergehenden Fällen, die man dem Chatroom-Killer zuordnete, hatte er ebenfalls Bekanntschaften über das Internet geknüpft. Auch in den Fällen des sechzehnjährigen Jungen und bei dem neunzehnjährigen Mädchen verrieten die Spuren auf ihren Computern, dass sie mutmaßlich dem gleichen Killer in die Fänge geraten waren, doch dieser konnte nur bis zu öffentlichen Internet-Terminals zurückverfolgt werden. Die Leiche des Jungen war in einer Regentonne gefunden worden, die Zeitungen hatten in reißerischen Zeilen berichtet, dass der junge Mann zwei oder drei Tage lang darin eingesperrt gewesen sein musste, ehe er starb. Er hatte einen langen rostigen Nagel in der Faust gehalten, mit dem er sich mühsam mehrere Luftlöcher ins Blech gebohrt hatte, doch die Atemluft hatte dennoch nicht gereicht. In seiner eingezwängten Position mussten ihm die Gliedmaßen eingeschlafen sein und vielleicht hatte eine Bewusstlosigkeit ihm die Schmerzen genommen.
   Die junge Frau hingegen fand ein Spaziergänger in einem Waldstück nahe San Clemente, etwa in der Mitte zwischen Los Angeles und San Diego gelegen. Inmitten dichten Laubs sah er eine Hand hervorragen. Er rief sofort die Polizei, doch für die junge Frau kam jede Hilfe zu spät. Sie war Stunden zuvor gestorben. Verblutet an den zahlreichen kleinen Verletzungen, die ihr die Waldtiere zugefügt hatten. Die Kiste, in der sie lag, war nur locker mit Blättern bedeckt gewesen. Es handelte sich nicht um ein geschlossenes Behältnis, sondern glich einer überdimensionalen Obstkiste, bei der jede zweite Latte fehlte. Es war der jungen Frau dennoch unmöglich gewesen, ihrem Gefängnis zu entkommen, obwohl eine Zange neben ihrem Körper gefunden wurde, mit der sie ein fußballgroßes Loch in das Holz gekniffen hatte. Nur noch ein bisschen mehr … »Ich bin sicher, die Sonderkommission arbeitet mit Hochdruck an dem Fall.« Reese war in der Tat von ihrer Aussage überzeugt, doch leider wusste sie auch, dass die Beamten trotz des Drucks, unter dem sie standen, über wenig Anhaltspunkte verfügten. Hoffentlich trafen wenigstens die Warnungen der Polizei und der Talkshowgäste nicht auf taube Ohren. Zwei davon würden reichen, um einen weiteren Menschen zu viel in die Gewalt des Mörders geraten zu lassen.
   Dr. Mills öffnete die Stationstür und kam auf sie zu. Hinter ihm fiel die Tür, durch einen Schließmechanismus gebremst, langsam zu. Reese erhaschte einen Blick auf das Profil eines Mannes, der mit dem Rücken an der Flurwand lehnte. Ihr war, als träfe sie der Schlag.
   »Einen Moment, bitte«, stieß sie aus und rannte an ihrem Kollegen vorbei zum Ausgang der Intensivstation. Die Tür schloss sich vor ihrer Nase. Sie riss an dem Griff, doch als sie auf den Gang trat, erntete sie nur verwunderte Blicke. Eine junge Frau mit einem Baby auf dem Arm war aus einem der Behandlungsräume getreten und der Mann, der an der Flurwand gelehnt hatte, legte fürsorglich einen Arm um ihre Schultern. Herrje. Reese warf dem Pärchen ein entschuldigendes Nicken zu und kam sich reichlich exzentrisch vor. Ihr Unterbewusstsein musste während des Gesprächs mit den Garners ihren personifizierten Albtraum in ihre Gedanken projiziert haben. John Smith! Das Profil des Mannes hätte sie ihm zugeordnet.
   Mit langsamen Schritten ging sie zurück auf die Intensivstation. »Entschuldigen Sie bitte«, sagte sie zu den Garners und Dr. Mills, ohne eine Erklärung hinzuzusetzen. Dafür nahm sie Mrs. Garners Hand und drückte sie. Was hätte sie auch sagen sollen? Dass sie sich mal eben auf Verbrecherfang begeben wollte? Dass sie anfing, Gespenster zu sehen? Sie schalt sich im Stillen eine Närrin.
   Warum zog sie sich eigentlich nicht aufs Land zurück? Verwirklichte ihren Traum, eine kleine Praxis zu eröffnen. Sie würde zwar wahrscheinlich eher die Seelsorgerin für vereinsamte Landfrauen spielen als interessante Operationen durchführen, dafür wäre ihr Seelenfrieden gerettet. Keine Verbrechen, jedenfalls kaum welche dieser Art, mit denen sie in letzter Zeit ständig in Berührung kam. Keine Psychopathen! Und keine Versuchungen wie Narsimha Mishra. Keine Gefahr, durch einen Mann ins Verhängnis gerissen zu werden.
   An der Schwelle zu Maggies Behandlungsraum wurde sie ruhig. Das Ehepaar Garner war im Besucherbereich zurückgeblieben. Man würde sie holen, sobald die wichtigsten medizinischen Schritte abgeschlossen waren und Maggie ansprechbar war.
   Kurz nach Dr. Mills und Reese trafen der Anästhesist und der diensthabende Stationsarzt ein. Maggies Entwöhnungsprozess konnte beginnen.
   Reese kontrollierte automatisch die Atmung, beobachtete den Herzschlag und den Blutdruck auf dem Überwachungsmonitor. Die stark narkotisierenden Schmerzmittel, die Maggie im Tiefschlaf hielten, wurden gegen leichtere Medikamente ausgetauscht. Langsam setzte Maggies eigenständige Atmung ein.
   »Maggie? Können Sie mich hören?« Noch reagierte das Mädchen nicht. Reese setzte das Stethoskop an Maggies Brustkorb an und redete unaufhörlich mit beruhigender Stimme. »Ihre Eltern warten draußen und würden Sie gern in die Arme nehmen, Maggie.« Sie schob ihr eine Klingel in die Hand. »Spüren Sie das? Drücken Sie auf den Knopf, wenn Sie Schmerzen haben.« Sie bemerkte die ersten Schluckreflexe und nickte ihrem Kollegen zu. Dr. Mills entfernte den Beatmungsschlauch aus Maggies Hals.
   »Geht es Ihnen gut? Sagen Sie mir Ihren Namen.«
   »Mag…«
   »Haben Sie Schmerzen, Maggie?«
   »Nein.«
   Das Mädchen schlummerte weg. Reese beobachtete abwechselnd die Anzeigen der Monitore und die junge Patientin. Atmung und Kreislauf blieben stabil. Sie atmete leise durch. Noch einige Stunden, in denen Maggie immer wieder aus dem Schlaf aufwachen, aber schnell wieder wegdösen würde. Zwar würde sie in dieser Zeit ansprechbar sein, sich aber wahrscheinlich später nicht erinnern. Dieser Zustand der Aufwachphase glich dem Stadium eines schweren Alkoholrauschs. Reese wartete noch einige Minuten, dann trat sie von dem Bett zurück. Maggies Eltern durften sich jetzt zu ihrer Tochter setzen und die Pfleger der Station würden die Überwachung der Instrumente übernehmen.
   »Schlaf gut, Maggie. Bis bald.«

*

Dakota weint. Ben hört sie leise in ihrem Zimmer schluchzen. Mehrmals ist er aufgestanden und hat sich über den Flur bis an ihre Tür geschlichen. Er traut sich auch jetzt nicht, den Knauf zu berühren. Wenn Dad ihn erwischt, wird er sich eine Tracht Prügel vom Feinsten einfangen.
   Erst vor wenigen Tagen hat sein Lehrer ihn nach dem Unterricht beiseitegenommen und ihn nach dem Veilchen ausgefragt, das sein linkes Auge verunstaltet. Ben hat sich lange vorher eine Ausrede ausgedacht, ihm stammelnd von einer Schlägerei mit Jungen aus dem Nachbarviertel erzählt. Mr. Oatman hat ihn gehen lassen, aber ob er ihm geglaubt hat, steht auf einem anderen Blatt. Gott sei Dank haben am nächsten Tag die Ferien begonnen. Mommy ist mit Tami und Sally zu Grandma und Grandpa gefahren.
   »Jemand muss sich um den Haushalt kümmern und Essen für Dad kochen, wenn er von der Arbeit kommt«, hat Mommy erklärt. »Dakota ist alt genug, sie kann das für ein paar Tage übernehmen und du wirst ihr helfen, hörst du, Ben?«
   Er zittert. Seine nackten Füße brennen vor Kälte und seine Schritte sind ganz steif, als er in sein Zimmer zurückschleicht.
   »Zu Ostern sind wir zurück.«
   Mommy hat gelogen. Heute ist Ostersonntag und sie hat sich nicht ein Mal gemeldet.
   »Dakota«, hat er am Nachmittag gesagt und seinen liebsten Blick aufgesetzt, »wollen wir nicht bei Granny anrufen?«
   Sie ist seinem Blick ausgewichen und hat nur abfällig ein »Baby!« ausgestoßen. Okay, er ist zwölf und sie fast siebzehn, aber sie braucht ihn nicht immer so zurückzustoßen. Immerhin hat er sich für sie ins Zeug gelegt. Weder sein Veilchen noch der riesige Bluterguss am Bauch gleich unter den Rippen stammen von ungefähr.
   »Hol mir ein Bier!«, hört er erneut Dads Befehl von heute Nachmittag und Dakota schnauzt aus der Küche zurück: »Hol’s dir selbst.«
   Das Poltern, das daraufhin aus dem Wohnzimmer herüberschallte, hat Ben vom Küchenstuhl aufspringen lassen. In der Tür versuchte er, sich Dad entgegenzustellen. Nicht zum ersten Mal, wenn Dakota Gefahr läuft, sich Schläge einzuhandeln. Es hat nicht geholfen. Dads Faust traf ihn und schleuderte ihn zu Boden. Er hat sich zusammengekrümmt, nach Luft gerungen. Er glaubte, zu ersticken und hat nur noch Sterne gesehen. Sein Versuch, aufzustehen, scheiterte, weil er vor Schmerz und Schwindel gleich wieder umkippte. Zitternd hat er beobachtet, wie Dakota ein Messer aus der Schublade gerissen hat und sich breitbeinig vor Dad stellte.
   »Wag es nicht!«, hat sie voller Hass gebrüllt. Dad ist auf sie zugetaumelt und sie hat die Klinge nach vorn gestoßen. Getroffen hat sie ihn nicht. Er hat sie einfach ignoriert und sich gleich drei Dosen aus dem Kühlschrank genommen. Das Zischen vom Öffnen der ersten klingt noch in Bens Ohren nach. Er hat sich aus dem Türbereich gerobbt, damit Dad nicht gegen ihn tritt. Dafür hat ihn die fast leer getrunkene Bierdose mit Wucht an der Schulter getroffen. Dakota stand noch einen Moment reglos, dann hat sie ihn aufgefordert, aufzustehen und die Sauerei wegzumachen. Er hat es nicht geschafft, ist immer wieder umgefallen. Schließlich befahl sie ihm, abzuhauen. Mit Mühe hat er sich in sein Zimmer geschleppt, Stunden gebraucht, bis er wieder richtig atmen konnte.
   Im Haus ist es endlich still, als er in die Küche schleicht. Dakota hat alles sauber gemacht. Zu essen gibt es nichts, auch der Kühlschrank ist leer bis auf ein Sixpack Bier. Ben knurrt der Magen, doch er weiß nicht, ob er überhaupt essen könnte, selbst wenn etwas da wäre. Er reibt sich den Bauch und die Schulter. Die Schmerzen sind halbwegs zurückgegangen, er kann sie ignorieren. Darin ist er geübt.
   »Die Polizei«, flüstert er. »Ruf die Polizei.«
   Er hält den Atem an, lauscht. Greift zum Telefonhörer an der Wand. Ihm ist, als erhielte er einen weiteren Boxhieb. Die Leitung ist tot.

*

Bhenchod! Er war so ein Idiot!
   Statt sich einen Weg zu erarbeiten, wie er Informationen aus Reese herausbekommen könnte und auf eine vertrauensvolle Zusammenarbeit hinzusteuern, hatte er ausschließlich seinen Gefühlen den Vorrang gegeben, die gnadenlos jedes andere Motiv in den Boden stampften. Nicht ein Mal hatte er an sein Vorhaben gedacht, obwohl er sich vollkommen darüber im Klaren gewesen war, wohin ihn das brachte. In eine emotionale Situation, der er sich nicht gewachsen fühlte.
   »Qujaka wunkaiki waki mokanga sowaki hukirijaki.« Nani-jis Worte schlichen durch seinen Geist. Was du suchst, ist nicht das, was du willst. Was du willst, ist eigentlich das, was du suchst. Empfinde, was du willst und was du suchst.
   Was suchte er? Was empfand er? Was wollte er? Simba fand auf keine dieser Fragen eine Antwort. Er wollte keine Gefühle, keine Liebe. Die Weisheit drehte den Gedanken um. Du willst keine Gefühle? Also suchst du danach! Er suchte die Abgeschlossenheit seines Herzens, den Schutz, der ihn davor bewahrte, verletzlich zu sein. Was du suchst, ist nicht das, was du willst.
   Seine Gedanken drehten sich im Kreis. Immer wieder blickte er auf die Uhr, doch die Zeiger wollten nicht vorankriechen. Würde Reese ihn anrufen? Er glaubte nicht daran. Es würde spät werden, hatte sie gesagt. Völliger Blödsinn, sich in der Nacht noch zu treffen, denn sie musste am Morgen ihren Dienst wieder frisch und ausgeschlafen antreten.
   Wade trampelte in den Raum. »Hey, hast du Lust auf eine Spritztour? Ich muss hier mal raus!« Er schnappte sich seine Lederkombi und stieg hinein.
   »Ich warte auf einen Anruf.«
   »Von ihr?«
   »Von meiner Großmutter.«
   »Schlechte Laune? Komm, der Fahrtwind wird dir das Gehirn frei pusten.«
   »Wo willst du denn hin?«
   »Nur ’ne Runde drehen. Vielleicht noch kurz in den Pub. Dix, Jamie, Neil und Virgin sind auf einen Drink losgezogen.«
   »Ich bleibe.«
   »Komm schon, Mann. Seid ihr noch verabredet? Ich könnte dich hinbringen.«
   »Ich weiß nicht mal, ob sie sich meldet.«
   »Dann stell dein Telefon auf Vibrationsalarm, und wenn sie es nicht tut, klingel ich durch und verschaff dir ein Kribbeln an den Eiern.«
   »Penner!«
   »Hier!« Wade packte Simbas Lederhose vom Stuhl und warf sie in seine Richtung. »Damit dir die Knicker nicht einfrieren.«
   Simba gab den Widerstand auf. Wenn er hier herumlag, würde die Zeit auch nicht schneller vorbeigehen. Vielleicht brachte ihn die nächtliche Tour auf andere Gedanken. Er zog sich um und griff nach dem Helm, den Wade ihm reichte.
   Während der ersten Minuten scherte er sich nicht drum, wohin sie fuhren. Er verschmolz mit Wades Rücken und schloss die Augen, ließ sich treiben, lauschte dem Brausen des Fahrtwindes und begann, den Rausch der Geschwindigkeit durch seine Adern fließen zu lassen. Er fühlte sich plötzlich frei wie ein Vogel, der die Schwingen ausbreitete und sich von der Luft tragen ließ, wohin ihn das Schicksal wehte.
   Als das Motorrad stoppte, Lachen und fröhliche Stimmen in sein Bewusstsein drangen, brauchte er einige Sekunden, um sich zu orientieren. Wade hatte am El Prado gestoppt, einer beliebten Bar auf dem Sunset Boulevard. Noch bevor sie von dem Bike stiegen, gesellte sich eine Gruppe junger Frauen zu ihnen und bestaunte das Motorrad.
   »Geile Kiste«, sagte eine und wagte sich einen Schritt nach vorn, strich mit den Fingerspitzen über den Tank.
   Blitzschnell fasste Wade zu und umspannte das Handgelenk der Kleinen. Sie schnappte erschrocken nach Luft.
   »Hey!« Wade beugte sich zu ihr vor, seine Augen funkelten und sprühten Blitze durch das geöffnete Visier. Die dumpfe Stimme klang scharf wie Chili. »Besser, du behältst deine Finger bei dir.«
   Simba stieg vom Motorrad und setzte den Helm ab. Er trat vorsichtshalber näher an die beiden heran, um Wade im Notfall eine Hand auf die Schulter zu legen und ihn mit einer Kralle daran zu hindern, die junge Frau zu grob anzufahren. Immerhin durfte man Wade eher an den Sack gehen als an sein Bike. Simbas Fingerspitzen kribbelten.
   Die Kleine zeigte keine Spur Angst. Ihre Augen funkelten mindestens wie Wades. Neben ihrem linken Auge saß ein winziger Leberfleck wie ein Sternchen neben zwei glühenden, goldbraunen Sonnen. Sie strich sich eine Haarsträhne zurück, lächelte und zeigte weiße ebenmäßige Zähne. Ihr Gesicht nahm einen kecken Ausdruck an. »Ich hab gehört, mit dir zu fahren sei ziemlich gefährlich«, sagte sie mit schnurrender Stimme. »Hin und wieder soll dir ein Sozius verloren gehen.«
   »Und wer behauptet das?«
   Sie ließ seinen Blick nicht los und wies mit der freien Hand blind in eine Richtung. »Die dort drüben haben sich über euch unterhalten, als ihr wie die Irren angebraust kamt.«
   Simba sah Dix und Neil neben dem Eingang zum Pub stehen. Sie grinsten, und er konnte sich lebhaft vorstellen, welche Lästereien sie von sich gegeben hatten.
   »Schade, wenn man so eine geile Kiste hat und nicht fahren kann.«
   Simba hielt die Luft an. Die Kleine musste lebensmüde sein.
   »Wie heißt du?« Wade ließ ihr Handgelenk noch immer nicht los, doch sie machte auch keine Anstalten, sich aus seinem Griff zu befreien.
   »Ka.«
   »Du bist ziemlich mutig. Oder übermütig?«
   Ihr Grinsen wurde noch breiter.
   »Dann zeig mal, wie viel Mut du wirklich besitzt. Spring auf!«
   Sie griff sich frech Simbas Helm und versank darin. Fünf Sekunden später blickte er ungläubig hinter Wade und Ka her. Ihr aschblondes Haar lugte weit unter dem Helm hervor und flatterte auf ihrem zierlichen Rücken wie eine Leuchtspur, die sie hinter sich herzogen. Sie entschwanden seiner Sicht, doch das Jaulen der Hayabusa dröhnte durch die Nacht. Hoffentlich schmolz nicht der Asphalt unter den beiden, so, wie das Feuer zwischen ihnen ihm die Härchen am Leib versengt hatte.
   Er winkte den übrigen Frauen zu, die sich lachend und tuschelnd ein paar Schritte zurückgezogen hatten, und gesellte sich zu Dix und Neil. Tastend fuhr er mit der Hand über sein Telefon in der Hosentasche. Hatte er wirklich keinen Anruf verpasst?
   Jamie kam mit drei Gläsern Bier an, die sie mit beiden Händen umklammerte. Sie winkte sie mit einer Kopfbewegung in den Eingangsbereich und lachte ihn an. »Greif zu, ich hol mir ein neues.«
   Simba ließ sich nicht zwei Mal bitten. In einem Zug kippte er das Getränk hinunter.
   »Willst du meins noch?« Neil hielt ihm sein Glas entgegen.
   »Nein, danke«, sagte er. »Aber da rein will ich auch nicht unbedingt. Hat einer von euch Lust auf einen kleinen Spaziergang?«
   »Gern«, antwortete Neil. Er trank sein Bier und drückte das Glas einer Kellnerin in die Hand.
   Das El Prado lag an einer Straßenecke, von der eine weniger befahrene Nebenstraße abzweigte. Sie gingen seitlich am Gebäude der Bar vorbei, passierten einen Parkplatz und liefen an einer hohen Mauer entlang, die unter Bougainvilleen und anderem Gestrüpp versank. Ein stehen gelassener Einkaufswagen vereinsamte auf dem Bürgersteig – von jemandem aus dem Supermarkt entführt, der zu faul war, seine Einkäufe nach Hause zu tragen.
   »Stopp mal«, sagte Simba und ging ein paar Schritte zurück. Er hatte keine Lust, zwischen drögen Betonmauern und parkenden Autos umherzuwandern. Kurz vor der Mauer hatte wild wachsendes Strauchwerk einen nicht allzu hohen Drahtzaun überwuchert. Er fuhr seine Fingerkrallen aus und kletterte die Böschung hinauf.
   »Na prima!« Neil versenkte die Hände in den Hosentaschen. Im Schein der Straßenlaterne funkelte sein Blick. »Und wie soll ich da hochkommen?«
   Simba ging in die Knie, beugte sich vornüber und streckte ihm einen Arm entgegen.
   Als Neil neben ihm stand, sahen sie sich um. Wahrscheinlich gehörte die dicht von Bäumen bestandene Fläche zu dem Nachbarhaus, vielleicht war es auch nur ein unbebautes Grundstück. Zumindest bot es Sichtschutz und vermittelte das Gefühl, mitten in der Metropole durchatmen zu können und allein zu sein. Na ja, von dem gedämpften Straßenlärm und vereinzelt herüberschallendem Gelächter einmal abgesehen.
   Vor einem dicken Baumstamm setzte sich Simba auf den Boden und lehnte sich an. Neil erwischte eine kleinere Birke ihm gegenüber, aber der Stamm wirkte eher wie ein Schaschlikspieß, der durch Neils breiten Rücken stach. Simba grinste vor sich hin.
   »Geht was?«, fragte Neil.
   Verdammt! Er wollte seine Gedanken an Reese unterbinden, nicht auch noch darüber reden, ob sein widerwärtiges Verhalten Erfolg zeigte.
   »Komm schon«, drängte Neil. »Dir juckt doch der Schwanz, sie flachzulegen.«
   »Glaubst du!« Vielleicht hatte er tatsächlich für eine Sekunde mit dem Gedanken gespielt, als er Reese das erste Mal im Krankenzimmer von Mikayla Costello gesehen hatte. Doch dann schnappte sein Schutzmechanismus zu und er verbot sich, dieser Frau auch nur den geringsten Raum in seinen Gedanken zuzustehen. Loser!
   »Es ist was Ernstes. Sie berührt dein Herz.«
   »Armleuchter. Wo nimmst du diese weicheirige Weisheit her?«
   »Du kannst es abstreiten, soviel du willst. Mann, es quillt aus dir raus wie aus einem überschäumenden Gulli. Sie bedeutet dir was.«
   »Blödsinn.« Simba sprang auf. Auf dieses Pseudopsychogequatsche hatte er keinen Bock. Er wandte Neil den Rücken zu, damit er im Mondlicht, das durch die Baumkronen schien, seinen Gesichtsausdruck nicht sah. Im Moment fühlte er sich nicht in der Lage, seine Emotionen zu kontrollieren.
   Als er sich wieder umdrehte, saß Neil nicht mehr vor dem Baum. Simba dachte sich nichts dabei und ging ein paar Schritte über das verwilderte Grundstück.
   »Neil?«
   Hatte sich der Mistkerl wieder unsichtbar gemacht? Blödsinn. Der zog sich doch nicht einfach aus.
   Simba lauschte. Der Wind säuselte durch die Blätter, aber kein Rascheln verriet Schritte auf dem teils knöchelhoch mit Laub bedeckten Boden.
   Eine leichte Unruhe machte sich breit. Auch nach weiteren Rufen gab Neil keine Antwort. Abrupt versteifte sich Simbas Körper.
   Ein scharfer Schmerz stach in seinen verletzten Oberarm, ließ ihn schwanken, dann warf er sich zur Seite. Seine Krallen durchbrachen die letzten unbeschädigten Schuhe. Es waren ohnehin nur zwei Paar gewesen, die er besaß. Simba schleuderte sie von den Füßen, horchte angestrengt in die Stille. Etwas hatte ihn gestreift; verletzt, der Wärme nach zu urteilen, die an seinem Arm hinabfloss. Kein Schuss, jedenfalls kein herkömmlicher. Hatte ihn ein Pfeil mit Betäubungsmittel verfehlt? Zumindest wäre das eine Erklärung, warum Neil …
   Ein Luftzug streifte ihn von rechts, ein weiterer von links. Er wirbelte herum.
   »Neil, bist du das?«
   Die Antwort konnte er sich selbst geben. Unsichtbare Hände legten sich von zwei Seiten wie Stahlschellen um seine Arme, doch niemand stand neben ihm. Mutanten!
   »Bhenchod!«
   Er trat mit Wucht zur Seite aus, spürte, wie seine Krallen durch weiches Fleisch schnitten. Ein Schrei gellte auf, der Druck um seinen linken Arm ließ nach. Dafür packte der andere umso fester zu. Simba hieb mit einer Faust ins Nichts neben sich. Ein dumpfer Ton quittierte seinen Treffer. Sofort schlug er erneut zu und riss sich gleichzeitig in einer Drehung von dem unsichtbaren Gegner los. Zwei Schatten hechteten aus einem Gebüsch. Simba ließ sich fallen und rollte zur Seite, fing sich ab und wollte sich in einem Satz auf den Vorderen werfen, da sah er die Schatten mit der Luft boxen. Er brauchte nur eine Sekunde, um in den Stereogrammblick zu wechseln. Eine Methode, wie man Neil erfassen konnte. So, wie ein Stereogramm in illusorischer Tiefe ein dreidimensionales Objekt aus einem Bild hervorschälte, erlaubte das getrennte Steuern der Augen, Neils Unsichtbarkeit zu enttarnen. Jetzt erkannte er sie. Zwei Nackte, die mit zwei von General Powells Männern kämpften.
   Fast hätte er laut gelacht. Arschkarte, Männer. Nur nackt konnte sich Neil unsichtbar machen und die anderen Mutanten offensichtlich auch, indem sie ihre Hautschuppen verschoben oder so etwas. Eine Illusion hervorrufen, die er ihnen austreiben würde.
   Er sprang mit einem kräftigen Satz nach vorn und grub die Krallen ins Fleisch eines Gegners. Der Schwung schleuderte diesen auf den Boden.
   Simba setzte nach. Der Black Boy konzentrierte sich sofort auf den zweiten Kerl und kam seinem Partner zu Hilfe. Der Kampf endete rasch. Powells Männer hielten den einen in Schach, Simba hatte seine Krallen um den Hals des anderen gelegt, der kaum zu atmen wagte. Besser war das, wollte er nicht seinen Kopf unterm Arm nach Hause tragen.
   Auf einen Wink hin folgte er mit seinem Gefangenen den Black Boys, die den anderen die Böschung hinabtrieben und einige Schritte den Bürgersteig hinunter in einen Lieferwagen stießen. Zwei weitere Männer aus General Powells Einheit nahmen die Nackten in Empfang und legten sie in Fesseln.
   »Wo ist Neil?«
   »Vermutlich sind zwei Mutanten mit ihm weg. Wir haben ihn an der Straßenecke aus den Augen verloren, nachdem unsichtbare Flossen deinem Kumpel die Klamotten vom Leib gerissen haben und er sich ebenfalls in Luft auflöste«, sagte einer aus dem Wagen.
   Simba schlug mit der flachen Hand auf das Blech.
   »Beruhig dich, Kumpel.«
   Er schnellte herum.
   »Ich habe ihm den Arsch aufgerissen. War nur einer!«
   »Wo …« Simba brauchte den Stereogrammblick nicht erneut zu proben, aus dem Nichts pellten sich zwei Gestalten. Wade stieß einen Mann in das Fahrzeug.
   »Kann mir einer ’ne Jeans und ein T-Shirt borgen, Jungs?«
   An Simbas Oberschenkel vibrierte es.

*

Ein Geruch nach Eisen steigt Ben in die Nase, reißt ihn aus dem Schlaf. Er schlägt die Bettdecke zurück, tastet über das Oberteil seines Schlafanzugs. Es ist trocken. Zu oft hat er sein Blut gerochen. Ist er diesmal K. O. gegangen und hat sich auf die Matte gelegt? Blutet er am Kopf? An den Beinen? Ihm tut kaum etwas weh, ihm ist nicht einmal mehr kalt. Er schielt zur Seite. Der Wecker auf seinem Nachtschränkchen wirft ein diffuses rotes Licht in den Raum. Es ist noch keine fünf, er hat höchstens zwei Stunden geschlafen. Die Luft ist zum Schneiden dick, der ekelhafte Gestank scheint sich immer weiter zu verdichten. Als Ben die Beine aus dem Bett schwingt, schießt ihm ein scharfer Schmerz unter die Rippen. Er presst die Hände auf den Bauch, unterdrückt einen Aufschrei. Auf keinen Fall will er Dad wecken. Und Dakota schon gar nicht. Sie weint nicht mehr, also wird sie endlich eingeschlafen sein. Er wünscht ihr einen traumlosen Schlaf.
   Gestern in der Küche hat er sich für die Nutte entschuldigen wollen.
   Was ist er blöd gewesen. Langsam löst Wut auf sich die Scham ab, die ihn seit Monaten immer wieder am liebsten im Boden versinken lassen will. Seit er weiß, was das Wort Nutte tatsächlich bedeutet, nimmt er Dakota die Ohrfeige nicht mehr übel. Wie blöd. Er ist mal wieder der Letzte, der es kapiert hat, und es hat beinahe drei Jahre gedauert. Das war es, was er ihr sagen wollte.
   Er hat so sehr gehofft, sie möge ihn anhören und ihm verzeihen. Dass sich das Verhältnis zu Sally wieder bessert, denn die Mädchen hängen aneinander wie Kletten. Selbst Tami zeigt ihm die kalte Schulter. »Jungs sind doof.«
   Er ist ein guter Beobachter. Die Klassenkameradinnen fangen kurz nach der Primary School an, sich zurückzuziehen. Wenn sie dann dreizehn, vierzehn sind, beginnen sie, sich für die älteren Jungs zu interessieren. Sie starren zu ihnen hinüber. Heimlich versteht sich – sie tun ganz unbeteiligt. Die Jungs-sind-doof-Phase nimmt er Tami nicht krumm. Irgendwann wird er wieder ihr toller großer Bruder sein.
   Erneut starrt Ben auf die Uhr. Die Ziffern der Digitalanzeige wollen sich nicht verändern. Der Mief auch nicht. Er lauscht.
   Es ist totenstill.
   Irgendwann gibt er sich einen Ruck und steht auf. Barfuß schleicht er in den Flur, verharrt an Dakotas Tür, lauscht. Er hört sie nicht – nicht einmal ein Rascheln ihrer Decke.
   Ben schleicht weiter in die Küche. Nichts hat sich verändert, seit er vor Stunden nach etwas Essbarem gesucht hat. Doch. Er tritt um die Kochinsel herum. Die Schublade mit den Messern steht offen. Er versucht, sich zu entsinnen und ist ganz sicher: Vorhin war sie geschlossen. Ihm wird schlecht, kaum schafft er es, seinen Brechreiz zu unterdrücken. Er stürzt ans Fenster und reißt es auf.
   Die Nacht weht frische Luft in den Raum, und doch dreht sich sein Magen. Der metallische Gestank wird aufgewirbelt.
   »Dakota!«
   Tränen fließen ihm über das Gesicht, verschleiern seinen Blick. Etwas stimmt nicht. Ganz und gar nicht. Es ist viel zu still im Haus, und alles riecht nach Blut. Er hätte sofort aufspringen sollen.
   Plötzlich steht er in der Tür zum Schlafzimmer. Er wagt kaum, zu atmen. Seine Finger zittern, er muss sich am Türrahmen festhalten, um nicht zu schwanken. Irgendwann findet er den Lichtschalter.
   Er kippt den Hebel. Schreit!
   Sein Blickfeld verschwimmt. Er will nicht sehen, was die Bilder ihm vorgaukeln.

*

»Komm Ben, ich helfe dir beim Baden.«
   Er starrt die Frau an, die ihren Arm um seine Schultern gelegt hat, und versucht, sich aus ihrem Griff zu winden. Er muss aus dem Fenster blicken, wissen, was drüben bei ihm zu Hause vor sich geht. Blaue und rote Lichtreflexe rotieren im Zimmer. Es ist noch nicht ganz hell. »Dakota«, wispert er. »Sally. Tami. Mommy.«
   »Sie kommen nachher. Ganz bestimmt«, hört er wieder die Stimme der Nachbarin. »Ich habe mit deiner Granny telefoniert. Sie sind alle auf dem Weg.«
   Er weiß das, hat es gehört. Genau wie das Gespräch mit der Polizistin. Sie hat Mrs. Flythe erlaubt, ihn zu waschen. Jemand von der Fürsorge ist auch unterwegs. Er glaubt nicht, dass Mommy und Sally kommen werden. Heute nicht. Morgen vielleicht. Wenn irgendwer Dad und Dakota weggebracht hat. Wer wird das Haus putzen?
   Ben behält seine Füße fest im Blick. Sie sind mittlerweile braun. Der Matsch, der an seinen nackten Sohlen kleben geblieben ist, als er über die Wiese hergerannt ist, ist nur äußerlich. Darunter brennt das Blut seines Vaters.
   Ben sieht die Lache vor sich, die von Dads halb aus dem Bett hängendem Oberkörper auf den Boden getropft ist, und in der er gestanden hat, um zu Dakota hochzuklettern.
   Er hat auf nichts geachtet, nur das Messer geschnappt, das auf dem Boden lag, um sie loszuschneiden. Ihre Füße sind ständig gegen seine Knie gewippt, während er versucht hat, das Seil um ihren Hals zu lösen. Als das nicht geklappt hat, hat er es über ihrem Kopf vom Deckenventilator abgeschnitten.
   Dakota ist auf den Boden gestürzt.
   »Atme!«, hat er gebrüllt. »Atme!« Und dann mit den Fäusten auf ihren Brustkorb getrommelt. Immer wieder.
   Mrs. Flythe stellt seinen Fuß in die Wanne und braust ihn ab. Anschließend den anderen. Seine Hände. Er wehrt sich nicht, als sie ihm den Schlafanzug auszieht.
   Das Rauschen des Wassers tost wie ein brausender Fluss durch seine Ohren. Er will sich hineinziehen lassen, mit dem Strom im Abfluss verschwinden und die Welt hinter sich lassen. Als er in der Wanne sitzt, tastet er mit dem Zeh nach der Kette, die an dem Stöpsel hängt.
   Ob Es aus Stephen Kings Roman kommt und ihn mitnimmt? Er hat die Neuerscheinung gerade erst ausgelesen. Ein Tauschgeschäft gegen ein Erdkunde-Referat. Ben zieht den Stöpsel.
   Wo bleibt der Clown Pennywise?

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Viel Spaß beim Weiterlesen.