Vor fünf Jahren flüchtete Prinzessin Latifa aus Dubai vor den Plänen ihres Vaters, sie zu verheiraten. Unter neuer Identität glaubt sie sich in Los Angeles in Sicherheit. Als ihre Mutter ihr über einen Privatdetektiv einen Brief übermitteln lässt, fliegt Latifa von Sehnsucht getrieben in die Heimat, doch ehe sie ihr Ziel erreicht, wird das Flugzeug gekapert. An Bord befinden sich auch Virgin und Dix, zwei Mitglieder der G.E.N. Bloods, die sich auf der Reise zu einem Einsatz nach Indien wähnen. Stattdessen finden sie sich inmitten eines Geiseldramas, in dem das Leben von fast 200 Passagieren auf dem Spiel steht. Virgin fühlt sich zu der geheimnisvollen Fremden auf dem Platz neben ihm besonders hingezogen und ihre blitzenden braunen Augen sprechen eine eindeutige Sprache, aber erst, als die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten ist, kommt er ihr näher … und alles scheint zu spät, als das Flugzeug bei der Landung in Kuba havariert.

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ISBN: 978-9963-53-471-5

Seiten: 437

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Kathy Felsing

Kathy Felsing
Kathy Felsing wurde 1964 in Nordrhein-Westfalen geboren. Nach der Fachoberschulreife jobbte sie zunächst für zwei Jahre als Redaktionsassistentin bei einer Wochenzeitung. Später absolvierte sie eine Ausbildung als Datenverarbeitungskauffrau und arbeitete viele Jahre als Programmiererin, Werbekauffrau und Web-Designerin. Bevor sie mit dem Schreiben anfing, war sie zuletzt in leitender Stellung als Ausbilderin für Fachinformatiker tätig. Ende 2006 wanderte sie mit ihrer Familie in die Republik Zypern aus. Sie lebt und arbeitet mit ihrem Mann, zwei Katzen und einem Hund in einem kleinen Bergdorf. 

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Prolog
Dubai, Anwesen des Sheikhs Rashad Antun Sa’ada

»Höher! Heb endlich deinen Schleier!«
   Der Befehl stach Latifa zum zweiten Mal wie ein Dolchstoß ins Herz. Ihr Blick verschwamm, Tränen liefen über ihre Wangen.
   Sie hatte versucht, ihr Make-up allein so hinzubekommen, wie es die alte Hira all die Jahre geschafft hatte. Die breite, wulstige Narbe von der Schläfe bis in den rechten Mundwinkel zu formen, die hässlichen Male um die Nase und unter dem Augenlid aufzutragen. Doch Hira war tot.
   Latifas Knie fühlten sich an wie weiche Butter. Ihre Finger zitterten, dennoch stand sie kerzengerade, hielt nur den Kopf gesenkt. Jede andere Haltung wäre beschämend.
   Eine Brise wehte aus Richtung der Gärten durch die offen stehenden Flügeltüren in den Wohnraum des Sheikhs und ließ den hauchzarten Stoff ihres Gewandes um ihre Knöchel streichen. Die Furcht aus ihrem Herzen vertrieb der Luftzug nicht.
   Vaters Schritte näherten sich.
   Mutter und einige der anderen Frauen aus dem Harem hatten ihr beim Schminken helfen wollen, doch keine bekam die Maske mit Vollendung hin. Außerdem musste es eine Verräterin geben. Der Sheikh hätte Latifa niemals in seine privaten Räume holen lassen, um sich durch ihren Anblick erniedrigen zu lassen. Er war froh, sie nie zu Gesicht zu bekommen, denn er umgab sich nur mit atemberaubender Schönheit.
   »Ja, Vater«, murmelte sie und zögerte noch immer, die Hände zu bewegen und den Schleier vollends über den Kopf zu streifen. Als sie die Bewegung in den Augenwinkeln bemerkte, war es zu spät, um zurückzuschnellen. Ein scharfer Schmerz zog durch ihre Kopfhaut. Der Eunuch, der sie herbegleitet hatte, riss das Tuch mitsamt den Haarklammern an sich. Latifa senkte den Kopf noch tiefer.
   »Sieh mich gefälligst an.«
   Sie schluckte. Zorn wallte auf, eine Regung, die sie unterdrücken musste, nicht empfinden durfte, sonst würde es ihr noch schlechter ergehen. Der Sheikh umfasste ihr Kinn und zwang sie, seinen Blick zu erwidern. Dann stieß er sie von sich. Sie wäre gestürzt, hätte der Eunuch sie nicht aufgefangen.
   »Wasch ihr das Gesicht.«
   Ein nasser, kalter Lappen klatschte gegen ihre Wange. Währenddessen fühlte sie sich taxiert wie ein Kamel auf dem Großmarkt. Sie spürte die Gier in den Blicken ihres Vaters und ihres Bruders Fadi wie Feuerzungen, die über ihre Haut leckten.
   »Die Kandidaten werden Schlange stehen.«
   Oh, wie sie ihren Vater verabscheute. Was Mutter und Hira seit Jahren verhindern wollten, würde nun grausame Wirklichkeit. Der Sheikh würde sie gegen ihren Willen verheiraten und versuchen, das bestmögliche Geschäft daraus zu machen. Als wenn er es nötig hätte, seinen Reichtum noch zu vermehren.
   Wulstige Finger eines alten Kerls würden sie begrapschen, steife, papiertrockene Lippen sie zu Küssen zwingen. Sie hasste dieses Leben.
   »Wer ist für die billige Täuschung verantwortlich?« Prinz Fadi trat mit verzerrter Miene auf sie zu, packte ihr am Hinterkopf ins Haar und zwang ihren Kopf in den Nacken.
   Sie starrte ihn an und schwieg. Ihr Bruder war erst vierzehn, aber bereits jetzt kam sie gegen seine Kraft nicht mehr an, obwohl sie fast vier Jahre älter war. Sein Ausdruck strahlte Herrschsucht und Erbarmungslosigkeit aus wie das Gesicht des Sheikhs, nur wirkte es bei dem Prinzen noch lächerlich. Ganz im Gegensatz zu ihrem Vater. Er schwieg, doch sein Blick bohrte sich in ihr Innerstes.
   »Hat Mutter es veranlasst? Bestimmt war sie es.« Fadis Augen blitzten abfällig.
   »Sie weiß nichts davon«, stieß Latifa aus und versuchte, sich aus dem groben Griff zu befreien.
   »Wer dann?« Der Sheikh hob gebieterisch eine Hand, und Fadi ließ von ihr ab.
   Latifa senkte sofort wieder den Kopf, wie es sich gehörte. »Hira«, antwortete sie leise. Ihr konnten sie nichts mehr antun, und Vater würde es nicht wagen, anstelle der alten Ziehfrau ihrer Mutter ein Haar zu krümmen. Als erste Ehefrau des Sheikhs genoss zumindest sie Vorrechte, die ihr ein gefahrloses Dasein innerhalb des Harems sicherten, und die Familie ihrer Mutter würde es nicht dulden, wenn sie von Repressalien berichtete. Allerdings konnten auch sie mit all ihrem Geld und ihrem Einfluss nicht verhindern, dass der Sheikh Latifa nach altem Brauch verschacherte. Noch dazu, wo sie als Einzige seiner Nachkömmlinge den Titel Prinzessin trug, weil sie das Kind der ersten Ehefrau war. Die Halbgeschwister standen in der Rangfolge weit unter Fadi und ihr. Latifa hasste dieses selbst ernannte Patriarchat. Sie hasste diese Familie, diese erbärmliche Dekadenz. Sie hasste die Gefühle, die sie nicht empfinden wollte.
   »Ich werde morgen einen Empfang geben.«
   Ohne sie. Ehe sie sich vorführen ließe, würde sie ihrem Dasein ein Ende bereiten. Niemals sollte es dem Sheikh gelingen, sie zu verheiraten.
   Entgegen allen Regeln ihrer Erziehung straffte sie die Schultern und sah ihm ungeheißen ins Gesicht. »Ich werde nicht heiraten!«
   Herausfordernd erwiderte sie den Blick des Sheikhs, starrte in seine fast schwarzen Augen unter den dichten Brauen, erfasste die Verärgerung darin, und das gefährlich anmutende Zucken um seine Mundwinkel. Sie sollte froh sein, dass er sie nicht in seinen Harem integrierte, denn das kam vor, auch wenn Derartiges niemals an die Öffentlichkeit gelangte. Manche Mädchen wurden schon mit zehn oder zwölf die Huren ihrer Väter und Brüder, wenn nicht eher.
   Nur der Brand, den Hira vor vielen Jahren in Latifas Schlafraum gelegt hatte und die darauf vorgespielte Entstellung ihres Gesichts hatte sie bislang vor einem vielleicht ähnlich erbärmlichen Schicksal bewahrt. Sie wollte nicht wissen, was ihr durch Vaters Wut nun an Schlimmerem bevorstand.
   »Bring sie fort«, wies er den Eunuchen an. Seine Stimme klang wie geschliffener Stahl und kalt wie Eis.
   An der Tür riss sie sich los, und der Moment, ehe der Eunuch ihren Oberarm einfing, reichte, um einen weiteren zornigen Blick in Richtung des Sheikhs zu werfen. Niemals würde er sie brechen, niemals würde sie sich seinem Willen beugen.
   Latifa erhielt einen Stoß in den Rücken und stolperte voran. Sie hörte noch, wie ihr Vater Fadi anwies, nach ihrer Mutter rufen zu lassen.

Fünf Jahre später
Dienstag, 27. September, Los Angeles

Virgin zog mit dem Nassrasierer die letzte Spur Rasierschaum aus seinem Gesicht und schüttelte die Klinge im warmen Wasser des Waschbeckens aus.
   »Brauchst du noch lange?«, knurrte Wade, der mit angelehnter Schulter den Türrahmen zum Bad ausfüllte.
   Virge trocknete sich das Gesicht, knüllte das feuchte Handtuch zusammen und warf es mit Schwung nach seinem Freund. »Bin schon weg.«
   Er schob sich an Wade vorbei.
   Die Luft in seinem Wohn- und Schlafraum roch noch nach Farbe und frischem Holz. Sein Zimmer war das Erste, das fertig renoviert worden war; einschließlich des Bades, weshalb es kein Wunder war, dass jeder aus ihrer Gruppe morgens angetrabt kam und bei ihm duschen wollte, statt ihre eigenen, heruntergekommenen Bäder zu benutzen. Er stoppte abrupt, drehte sich um und ging ins Bad zurück.
   »Hey …« Wade, nackt wie ein junger Gott und gerade auf dem Weg in die Duschkabine, fraß ihn mit seinen Blicken.
   »Kipp dir kaltes Wasser ins Gesicht, Mann. Ich will dir nicht an die Eier.« Virgin nahm sich den Zahnputzbecher, spülte ihn aus und füllte ihn mit kaltem Wasser. Im Vorbeigehen klatschte er Wade auf den nackten Hintern. »Aber dein Knackarsch lässt mich arg in Versuchung geraten.« Er lachte und wich Wades vorschnellender Faust aus.
   Natürlich stand er nicht auf Kerle, doch es machte ihm Spaß, Wade zu foppen. Immerhin war er es sonst häufig, der den Spott der anderen ertragen musste, nur weil er nicht mit Frauengeschichten prahlte. Wobei es in der Tat nicht viel zu prahlen gab, aber das war eine andere Geschichte.
   Vor der ausladenden Palme im Wohnraum ging er in die Knie und goss das Wasser in den Blumentopf.
   »Nur so weit, dass der Strich an der Wasserstandsanzeige nicht über max. geht, sonst ertränkst du sie«, hatte Jamie ihm erklärt, nachdem sie ihm das Grünzeug zur Einweihung des Raumes geschenkt hatte.
   Es klopfte, und noch ehe sich Virge wieder aufgerichtet hatte, streckte Seth den Kopf zur Tür herein.
   »Wade ist noch drin.« Hier ging es zu wie im Taubenschlag. »Komm rein und stell dich an. Ich hab schon überlegt, an der Tür einen Nummernspender anzubringen.« Er grinste, drückte Seth den Becher mit dem restlichen Wasser in die Hand und trat hinaus auf den Innenhof.
   In dessen Mitte stapelte sich das Gerümpel, das beim Umbauen der fünf Baracken angefallen war. Die flachen Gebäude umgrenzten den Hof in U-Form und schlossen auf einer Seite an das zur Straße hin liegende, größte Gebäude der Anlage an. Auf der anderen Seite befand sich eine Durchfahrt mit einem großen Stahltor. Davor saß der Streunerkater, den sie seit einigen Monaten durchfütterten, und starrte ihn vorwurfsvoll an.
   »Hey, Tiger. Willst du auswandern? Soll ich dir das Tor öffnen?«
   Das Tier hätte sich durch den Spalt zwischen Tor und Boden drücken können, aber der Kater verließ das Gelände nie. Offenbar war er sauer, dass sie ihm gestern seinen Lieblingsplatz auf dem Hof geraubt und die verrottete Hollywoodschaukel entsorgt hatten.
   Sträflich maunzend kam der Kater einige Schritte auf ihn zu, hielt sich aber in sicherer Entfernung. Näher kam er nie – und er ließ sich auch von niemandem anfassen.
   »Na gut, komm. Erst mal ein saftiges Frühstück, danach kannst du es dir noch immer überlegen. Alles klar, Kumpel?«
   Virge kassierte einen weiteren hoheitsvoll strafenden Blick.
   Er öffnete die Tür zur Gemeinschaftsküche, trat ein und lauschte. Es drangen noch keine Geräusche aus der Trainingshalle über den langen Flur. Offenbar war er der Erste heute Morgen.
   Er stellte die Kaffeemaschine an und gab anschließend Mr. Majestic das versprochene Futter. Der dankte es ihm mit einem Fauchen, doch als Virge rückwärts zurück in die Küche trat, näherte sich der Kater der Futterschale, als wäre es plötzlich uninteressant, dass der Feind ihn beobachtete.
   Grinsend wandte sich Virge ab.
   Seinem allmorgendlichen Ritual folgend ging er durch den langen Flur, vorbei an den Scheiben, die den Blick in die Trainingshalle freigaben, an mehreren Türen, die zu kleinen, ungenutzten Räumen führte. Er warf einen Blick durch die offen stehende Tür in Max’ kleines Büro. Auch ihr Teamleiter glänzte noch durch Abwesenheit.
   Dafür steckte wenigstens die Tageszeitung wie jeden Morgen pünktlich und zuverlässig in dem Briefschlitz der Eingangstür. Virge zog sie heraus.
   Ein Briefumschlag flatterte auf den Boden.
   Er hob das braune Kuvert auf und betrachtete es von beiden Seiten. Kein Absender, kein Empfänger, keine Briefmarken. Und ohnehin würde der Postbote erst in ein paar Stunden kommen.
   Statt den Brief in Max’ Büro auf den Schreibtisch zu legen, nahm er ihn mit zurück in die Küche und warf ihn mit der Zeitung auf den langen Tisch in der Raummitte.
   Die Kaffeemaschine gab ein letztes Gluckern und Zischen von sich. Der aromatische Geruch war bereits bis in den Flur gezogen, und Virges Gaumen sehnte sich nach dem ersten Schluck des schwarzen heißen Gebräus. Und süß musste es sein.
   Er schaufelte fünf Teelöffel Zucker in einen Becher und goss ihn randvoll.
   Am Tisch ließ er sich auf einen Stuhl fallen und zog die Tageszeitung und den Umschlag heran.
   Er befühlte den Inhalt des Kuverts, aber ihm fiel nichts Ungewöhnliches auf. Mit dem Zeigefinger fuhr er unter die lose angeklebte Lasche und öffnete sie. Er zog ein zusammengefaltetes Blatt Papier und eine Fotografie heraus.
   Der Spucke blieb ihm weg.
   Abgemagert, dreckverkrustet und nackt lag eine alte Frau in einem schmutzigen Raum auf einer stählernen Liege. Ihre Beine und Arme waren gefesselt, ihr Haar hing in dicken Strähnen über den Rand hinab. Blaue Flecke in unterschiedlichen Stadien übersäten ihren dürren Körper.
   Hastig faltete er den Papierbogen auseinander und las. Sein Herzschlag geriet für einen Atemzug lang aus dem Rhythmus.
   Virgin sprang auf. Die anderen mussten sofort herkommen, und wenn sie nackt aus der Dusche sprangen.

Cindy und Jamie waren die beiden Letzten, die in die Küche traten.
   »Wo brennt’s denn?«, meinte Cindy und schob sich auf einen freien Stuhl an Virgins Seite.
   Max reichte Dix zu seiner Linken den Brief und das Foto.
   Seine Gesichtszüge verfinsterten sich. »Holy cow!« Er reichte die Unterlagen weiter.
   Stumm vor Entsetzen schwiegen sie alle, während Zettel und Foto von Hand zu Hand wanderten. Max, ihr Anführer, knetete seine Finger, Dix und Seth starrten auf die Tischplatte. Neil und Wade saßen mit zusammengezogenen Brauen nebeneinander und warteten darauf, dass sie ebenfalls ins Bild gesetzt wurden. Jamie stiegen Tränen in die Augen, und Cindy schluckte mehrmals hörbar. Jay-Eff starrte mit zurückgelehntem Kopf an die Decke.
   Als sie die Eingangstür ins Schloss fallen hörten, zuckten sie reihum zusammen.
   Narsimha – kurz Simba genannt – kam nach Hause.
   Virgin fixierte die Küchentür.
   Als der breitschultrige Inder den Raum betrat, blieb er überrascht im Türrahmen stehen.
   Sein Blick schweifte von einem zum anderen.
   Die Überraschung, die gesamte Truppe am frühen Morgen in der Küche versammelt zu sehen, zeichnete sich in seinem Gesichtsausdruck ab.
   Noch mehr musste ihn verwundern, dass sie alle stumm wie die Fische blieben.
   »Hallo«, sagte Simba.
   »Hey«, murmelte Virge, und auch ein paar andere begrüßten ihn leise.
   Virgin glaubte, das Grauen, das ihnen allen vorschwebte, aus jedem einzelnen Ton zu hören.
   »Was ist denn los?«
   Max antwortete. »Die drei Gefangenen sind verschwunden.«
   »Wie bitte?« Simba setzte sich. »Sie waren gefesselt im Wagen der Black Boys.«
   »Nachdem sie ausgestiegen sind und sich auf den Weg zum Helikopter gemacht haben, sind sie erneut unsichtbar geworden.«
   »Aber Powells Männer kennen doch den Trick mit dem Stereogrammblick.« Simbas Miene drückte Unglaube und Unverständnis aus.
   »Sie sind trotzdem vor ihren Augen verschwunden. Wie es aussieht, beherrschen sie nicht nur Neils, sondern eine weitere Art, sich unsichtbar zu machen.«
   »Fuck!«, stieß er hervor, und Virgin stimmte ihm im Stillen zu.
   Gott, wenn Simba das Foto sah, würde er durchdrehen. Die Luft in der Küche war zum Schneiden dick.
   Virge war froh, dass ihr Teamleiter den armen Kerl behutsam an das Unvermeidliche heranführte.
   Max stand auf und schritt zwischen der Küchenzeile und seinem Stuhl hin und her. Auch seine Nerven waren offensichtlich gespannt. »Sie haben uns eine Falle gestellt.«
   »Inwiefern?«, hakte Simba nach.
   »Der Überfall war eine Farce. Sie wollten uns mit dem Verschwinden zeigen, dass sie mehr draufhaben als wir.«
   »Ja, aber wozu das Ganze?«
   Max nahm das Blatt von Wade entgegen und reichte es Simba, während er ihm eine Hand auf die Schulter legte. »Bitte bleib ruhig, Junge.«
   Simba faltete den Bogen auseinander. Er zuckte zusammen, als sein Blick auf das Foto fiel.
   Die Vermutung, die Virge an die anderen herangetragen hatte, bestätigte sich. Allem Anschein nach war die Frau Simbas Ziehmutter, von der er eines Abends leise und wehmütig gesprochen hatte.
   Wie zu Stein erstarrt, fixierte Simba das Bild. Seine hart arbeitenden Kiefermuskeln verrieten die Qual, die er litt. Nichts hielt ihn mehr auf dem Stuhl, doch ehe er stand, drückten Max und Seth ihn mit Gewalt zurück auf die Sitzfläche.
   »Bitte, Narsimha«, sagte Max extrem ruhig.
   Simbas Augen schimmerten feucht, und sein Blick irrte gepeinigt von einem Gesicht zum anderen. In diesem Moment erkannte Virgin den wahren Schmerz, der im Inneren seines Kollegen tobte und der einen Mann wie ihn, einen Kerl wie ein Baum, samt Wurzeln aus dem Boden riss.
   Die Qual wirkte nicht minder erschreckend als der Anblick der alten Frau auf dem Bild, und plötzlich wandelte sich Simbas Ausdruck zu beinahe der gleichen Unnachgiebigkeit, mit der die Greisin in die Kamera gestarrt hatte.
   Obwohl Virgin wusste, dass es sich nicht um Narsimhas leibliche Mutter handelte, glichen sich ihre Augen in diesem Moment.
   »Lies den Text unter dem Foto«, bat Max.
   Simba schob den Zettel auf dem Tisch ein Stück zurück. Noch während er las, verwandelte sich sein Gesichtsausdruck von Schmerz in Wut.
   Virgin beugte sich vor.
   Narsimha Mishra Seal Beach, am Ende des Piers
   Max Diaz Metro Station Garfield/Mendy
   Montague Dixon Redeemed Christian Church, Hawthorne Boulevard
   Neil Cepeda Bell Resort, Atlantic Avenue
   Wade Hallock Moonlight Rollerway, Glendale
   Seth Bane Golden Gate Storage, Santa Fe Springs
   Kit Legrand Kindred Community Church, Anaheim
   Zero Gilligan Fine Arts International, Irvine
   Cindy McForest Fit Kids Gymnastics Center, Torrance
   Jamie Dixon Compton Courthouse, West Compton Boulevard
   Patricia Dannell Miss Kitty’s Topless Entertainment, Valley Boulevard
   Simba blickte auf und musterte erst Jay-Eff, dann Virge. »Wer von euch heißt Kit Legrand?«
   Warum auch immer, es war Virgin lieber gewesen, dass niemand seinen richtigen Namen kannte, als könnte er damit verbergen, was er eigentlich war. Ihm fiel es nach wie vor schwer, seine Andersartigkeit zu akzeptieren, und er nahm dafür in Kauf, dass die Jungs ihm einen recht … peinlichen Spitznamen verpasst hatten. Er senkte den Kopf.
   Simba wandte sich an Jay-Eff. »Ich dachte, du heißt John F. – John Fox?«, sprach Simba ihn an, vielleicht, weil er trotz seines innerlichen Durcheinanders Virgins Verlegenheit gespürt hatte und nicht weiter auf ihm oder seinem Namen herumtrampeln wollte. Auch Jay-Eff hatte seinen wahren Namen bislang nicht genannt, und das Team hatte ihn Jay-Eff getauft, weil seine Stimme nach J. F. Kennedy klang.
   Jay-Eff schnaubte. »Glaubst du, ich hab Spaß dran, Null zu heißen?«
   Zero und Kit. Manche Vornamen sollten echt verboten werden.
   »Patricia Dannell – Trisha. Tasha«, stieß Simba mit deutlicher Verwunderung darüber aus, dass auch die Frau, die in Jamies nur kurz zurückliegende Stalkergeschichte verstrickt war, auf dem Zettel stand.
   »Ja«, sagte Max. »Letzteres nur, wenn sie ihrem Job nachging.«
   »Ist sie noch bei ihrer Mutter?« Mühsame Beherrschung stand Simba ins Gesicht geschrieben.
   »Mir ist nichts anderes bekannt«, antwortete Max.
   »Und was soll das Ganze?«
   »Lies weiter.«
   Auch Virgin beugte sich wieder vor, als Simba das Blatt hob. Seine Hände zitterten.
   Dienstag, 27. September, 16:00 Uhr! Jeder kommt allein. Fehlt einer, wird die Frau dafür büßen.
   »Aber …« Simbas Adamsapfel hüpfte auf und ab. »Sie lebt!« Er versuchte erneut, aufzuspringen, doch Max und Seth hielten ihn unnachgiebig fest.
   »Du weißt nicht, von wann das Foto ist. Vielleicht ist es nur eine leere Drohung und das Bild ist alt«, hielt ihm Max die kalte Wahrheit vor Augen.
   »Und wenn nicht?« Simba stieß Max und Seth zur Seite. »Die wollen uns gleichzeitig an weit verstreuten Orten im Großraum L. A. einkassie­ren. Jeden einzeln. Aber warum auch die Frauen?«
   »Sie wissen zu viel.«
   »Trisha doch nicht.« Simba fuhr sich über den Nacken. »Bhenchod! Reese! Ich muss sofort zu ihr. Sie weiß Bescheid.« Dieses Mal hielten Wade und Dix ihn fest, bevor er auch nur dazu kam, sich zur Tür zu drehen.
   Max zog sein Handy aus der Tasche. »Ich werde General Powell beauftragen, seine Männer zu ihr zu schicken und sie zu uns zu bringen. Wo ist sie?«
   »Im Krankenhaus. Aber ich will selbst …«
   »Nein, verdammt!« Max donnerte die Faust auf die Küchentheke, sodass Virge zusammenzuckte. »Wir werden zusammenbleiben und entscheiden, wie wir vorgehen.«
   Betroffen schwiegen alle und lauschten dem Gespräch.
   Die Black Boys sollten Reese herbringen. Es war Simba überdeutlich anzusehen, dass er an den Jungs zweifelte. Virgin stimmte Max im Stillen zu. Es gab keinen besseren Weg, die Ärztin sicher zu ihnen zu geleiten. Simba war viel zu aufgebracht, um klar denken, geschweige denn, präzise und sicher handeln zu können. Trotzdem hielt er sich bemerkenswert unter Kontrolle und schien sich zur Ordnung zu rufen.
   »Woher habt ihr diesen Zettel?«, fragte Simba fast ruhig, wäre da nicht ein ungewohnter, beinahe gefährlich klingender Unterton in seiner Stimme.
   »Virgin hat ihn vor einer halben Stunde gefunden, als er die Zeitung reinholen wollte.«
   Simba starrte erneut auf das Bild, hielt es sich nah vor das Gesicht, als suchte er nach Anhaltspunkten. Doch auf diesem Foto war nichts außer der geschändeten alten Frau, der Wand, der Liege und dem dreckigen Boden. Simba marschierte unruhig von einer Wand zur anderen und stöhnte auf.
   »Ich glaube, ich kann mir zusammenreimen, was damals passiert ist.« Max legte ihm eine Hand auf die Schulter und zwang ihn, stehen zu bleiben.
   »Und was?«
   »Das CT-Kommando war auf der Suche nach dir und ist mitten in deinen Kampf mit den Rebellen hineingeplatzt. Erinnerst du dich, als du erzählt hast, dass du plötzlich keinen Gegner mehr finden konntest, nachdem du glaubtest, Nani-jis Leiche auf der Lichtung gefunden zu haben?«
   »Ja.«
   »Ich vermute, das CT-Kommando hat sie beseitigt und sich Nani-ji geschnappt. Die Leiche, die du gefunden hast, war jemand anderes. Vielleicht einer der Rebellen.«
   »Sie war bis zur Unkenntlichkeit verbrannt.« Simba räusperte sich, brachte aber kein weiteres Wort heraus.
   »Ehe sie dich überwältigen konnten, bin ich aufgekreuzt.«
   »Der Flug nach L. A. wird ihnen nicht entgangen sein«, erwiderte Simba.
   »Und meine Spur hat ebenfalls nach L. A. geführt«, warf Seth ein. »Da brauchten sie ihre Suche nur noch auf diese Stadt zu konzentrieren.«
   »Und dafür haben sie Monate benötigt?«
   »L. A. ist groß. Und mich suchen sie auch erst seit einem halben Jahr.«
   »Warum erst der Überfall auf Santa Rosa Island und dann am El Prado?«
   Seth überlegte nur einen Augenblick. »Sie haben ihre Taktik geändert, nachdem sie das auf der Insel voll verkackt haben. Wahrscheinlich haben sie auch mitbekommen, dass die Black Boys uns zu Hilfe gekommen sind. Jetzt spielen sie ihren Trumpf aus.«
   Das klang ziemlich logisch. Auch Virge hielt sich seit zehn Monaten hauptsächlich in L. A. auf. Alle Fäden liefen hier zusammen und hatten die Gegner zu ihnen geführt. Er biss die Zähne zusammen. Sie saßen ganz schön in der Tinte.
    Simba ließ die Schultern nach vorn fallen. »Nani-ji«, stöhnte er heiser.
   »Wir können unmöglich auf die Forderung eingehen«, sagte Max eindringlich.
   »Ja, verdammt!«
   »Stillgestanden, ihr Fettsäcke!«
   Virgin schnellte zur Tür herum, und mit einem Ruck zollte er dem pensionierten SEALs-Trainer Respekt und salutierte. Auch die Frauen hatten sich erhoben. Max begrüßte den General.
   »Da steckt ihr einigermaßen tief im Dreck«, sagte Powell. »Wie lauten die Details?«
   Max und Seth berichteten ihm, was vorgefallen war, und eine hitzige Diskussion entstand, darüber, was sie nun unternehmen könnten. Virgin fiel mitten im Gespräch auf, dass Simba still auf einem Stuhl saß und immer noch das Foto betrachtete. Er setzte sich zu ihm, und als hätte Simba auf ihn gewartet, stieß er ihn an, ohne vom Bild aufzublicken.
   »Holst du mir eine Lupe aus Max’ Büro?«
   Virge nickte und erhob sich wieder. Alle waren ins Gespräch mit General Powell vertieft, so sprintete er bis in Max’ kleines Heiligtum. Er fand das Vergrößerungsglas in der dritten Schreibtischschublade neben einer Packung Kekse und eilte zurück zur Küche. Das Hin und Her drang bis weit in den Flur.
   »Hier.«
   »Danke«, murmelte Simba, hatte sich aber schon wie abwesend erhoben und hielt das Foto unter die Dunstabzugshaube. Er knipste das kleine Licht an und untersuchte das Bild mit der Lupe.
   Virgin trat neben ihn. Ganz langsam suchte Simba den Fußboden ab, auf dem eine Menge Müll herumlag. Immer wieder hob er das Glas zur Seite, schob es wieder davor, und plötzlich huschte ein triumphierender Ausdruck über sein Gesicht.
   »Ich vermute, Nani-ji wird in Indien festgehalten«, platzte Simba laut heraus und unterbrach die hitzige Diskussion. Er reichte Virgin Foto und Lupe. »Fünf Paise, unten links auf dem Boden. Ich weiß nicht, was ihr beschlossen habt, aber ich für meinen Teil werde mich umgehend auf den Weg zum Flughafen machen.«
   Virgin registrierte überrascht, dass Max nickte. »Wir werden uns mit General Powell und seinen Männern in ihre Unterkunft in der Goldgräberstadt zurückziehen. Dort sind alle zunächst in Sicherheit. Auch Dr. Little werden wir bitten, uns zu begleiten.«
   »Ich …«, sagte Simba, doch Max unterbrach ihn.
   »Wir haben gerade in Betracht gezogen, an einem der geforderten Orte aufzutauchen und zu versuchen, die Kerle, die dort warten, zu überwältigen, um ihnen Nani-jis Aufenthaltsort aus den Rippen zu prügeln. Aber wir waren uneinig, ob uns das etwas bringt. Wenn wir die Verantwortlichen reizen, lassen sie Nani-ji vielleicht umgehend töten. Wenn sie nicht wissen, was wir vorhaben und wir einfach verschwinden, reagieren sie vielleicht irritiert.«
   Simba schwankte, und Virgin stellte sich neben ihn. Simba war viel breiter als er, aber kaum zwei Fingerbreit größer. Beruhigend legte Virge ihm eine Hand auf die Schulter. Er hatte das Gefühl, dass Simba ihn überhaupt nicht wahrnahm.
   »Sie könnten Nani-ji foltern oder umbringen«, stieß er hervor.
   »Daran ändert sich nichts, egal, was wir tun, oder? Außer, wir stellen uns. Und selbst dann ist Nani-jis Schicksal ungewiss.«
   »Nein! Verdammt, ich meine ja. Du hast recht.«
   »Du wirst nicht allein aufbrechen. Virgin, Neil und Dix begleiten dich. General Po­well leitet bereits ein Täuschungsmanöver in die Wege, das sowohl euch als auch uns Übrigen eventuelle Verfolger von der Pelle halten soll. Ihr werdet nicht von L. A. flie­gen, sondern von San Diego.«
   Virgin nickte Max zu. Alles passierte unter argem Zeitdruck. Es blieb nur zu hoffen, dass sie die alte Frau da irgendwie lebend herausholen konnten.
   »Wenn alles gut geht, werdet ihr in etwa dreißig Stunden in Mumbai eintreffen. Wir brechen sofort auf. Dix, Virgin, Neil und du fahrt mit General Powells Männern. Sie werden gleich eintreffen. Packt eure Klamotten.« Max trat Simba und ihm in den Weg, als sie gleichzeitig aus der Küche eilen wollten. »Hals und Beinbruch, Jungs. Ihr wisst, wie wir in Kontakt bleiben.«
   »Danke.« Simbas Stimme klang gequält.
   »Es ist ungewiss, ob sich Nani-ji in Indien aufhält. Ob sie überhaupt noch lebt.«
   Simba nickte.
   »Ich drücke dir die Daumen, Junge. Euch!«
   »Max?«
   »Ja.«
   »Pass bitte auf Reese auf.«
   Max schüttelte Simbas Hand. »Verlass dich drauf!«
   Virge fing den ernsten Blick des Teamleiters auf, der ihm stumm vermittelte, seinerseits auf Simba achtzugeben. Virgin deutete ein Nicken an.
   Eine Bewegung ließ ihn in den Flur blicken.
   »Nein!«, sagte Max zu Simba, der im Begriff war, zu telefonieren, »Du darfst sie auf keinen Fall anrufen. Niemand benutzt ab jetzt noch sein Mobiltelefon.«
   Simbas Gesichtszüge entgleisten für einen Atemzug lang, dann fing er sich. »Informier mich irgendwie, sobald Reese in Sicherheit ist. Ich halte das sonst nicht aus«, sagte er tonlos.
   »Wir halten euch über Powells Männer auf dem Laufenden.«
   Simba setzte sich in Bewegung.
   Virge folgte ihm still im Laufschritt. Es gab nichts weiter zu sagen. Sie hatten eine Aufgabe zu erfüllen.

Vier Tage zuvor
Freitag, 23. September, Los Angeles

Ohne mit den Wimpern zu zucken, nahm er das Telefongespräch an. Er ahnte, wer sein Gesprächspartner sein würde, auch wenn keine Rufnummer übertragen wurde.
   »Haben Sie es endlich geschafft, die Prinzessin zu finden?« Das Wort Prinzessin klang wie ausgespuckt.
   Er hörte den Mann, von dem er nur die Stimme kannte, durch das Telefon rasselnd Atem holen und an einer Zigarette ziehen.
   »Ich bin mir fast sicher.«
   Ein höhnisches Lachen dröhnte an sein Ohr, gefolgt von einem bellenden Hustenanfall, sodass er eine Handbreit Abstand zwischen Handy und Kopf brachte.
   »Ihnen ist klar, dass fast bedeutet, dass Sie fast tot sind?«
   »Die Frist ist noch nicht abgelaufen.«
   »Was ist schon noch eine Woche?«
   Verdruss ließ seine Muskeln verkrampfen. Sieben Tage bedeuteten in anderen Fällen quasi eine halbe Ewigkeit, doch mit der Gewissheit, anschließend tot zu sein, schrumpfte die Dauer zu einem Wimpernschlag.
   »Mehr als genug«, erwiderte er mit bemüht ruhiger Stimme.
   »In Anbetracht dessen, wie lange Sie bereits auf der Suche sind und noch kein Ergebnis geliefert haben, rinnen die verbleibenden Tage wie Sand durch Ihre Finger.«
   »Mir fehlt nur der letzte Beweis.«
   »Sie kennen die Anweisung, falls die Prinzessin keine Jungfrau mehr ist.«
   Das war sein größtes Problem. Wie zur Hölle sollte er das testen? Täte er dies, wäre sie danach keine mehr. Dass er nicht mal die Zielperson verbindlich bestimmen konnte, verschwieg er lieber.
   Er hätte diesen verfluchten Auftrag niemals annehmen dürfen. Vielleicht sollte er mit beiden Frauen schlafen, dann hätte sein Tod wenigstens einen süßen Beigeschmack. Er gab sich gleichmütig. »Die Prinzessin und ihre Freundin werden pünktlich nach Dubai fliegen. So oder so erfülle ich damit meinen Auftrag.«
   »Nur nicht zu hundert Prozent. Der Sheikh duldet keine halben Sachen.«
   Natürlich nicht. Scheich Rashad ibn Schalal ibn Antun Sa’ada würde sich mit Sicherheit nicht persönlich die Finger dreckig machen. Es war schwierig gewesen, Erkundigungen über den Mann einzuziehen, aber das, was er herausgefunden hatte, bestätigte den Eindruck eines unverschämt reichen, ichbezogenen Tyrannen, der glaubte, ihm gehöre die Welt – Lebewesen, vor allem Frauen, eingeschlossen.
   »Bis zum vereinbarten Zeitpunkt werde ich schon herausfinden, ob seine Tochter noch Jungfrau ist.« Er knirschte mit den Zähnen.
   »Beten Sie zu Ihrem Gott.« Es knackte in der Leitung.
   Verdammt, war er ein verlauster Straßenköter?
   Nicht einmal wert, eine höfliche Unterhaltung zu führen und ohne Grußwort abserviert zu werden? Er war kein abgebrühter Auftragskiller, sondern Privatdetektiv. Er hatte es von Anfang an gewusst. Er hätte die Finger davonlassen sollen. Zumindest von dem zweiten Auftrag, doch was tat man nicht alles für das beschissene Geld? Für verdammt viel Geld aus Kreisen, die er sich in den kühnsten Träumen nicht auszumalen vermochte.
   Langsam ließ er das Telefon sinken. Er hätte auf das mulmige Gefühl hören sollen, als der erste Auftraggeber in Gestalt eines geschniegelten Anwalts vor sechs Monaten sein Büro betrat. Jetzt wünschte er, die Begegnung hätte niemals stattgefunden und der darauffolgende Kontakt mit dem zweiten Auftraggeber erst recht nicht.
   »Es geht um eine heikle und vertrauliche Angelegenheit«, eröffnete der Yuppie damals das Gespräch und in diesem Moment hatte er sich noch lächelnd in seinem Chefsessel zurückgelehnt und den Besucher gelassen betrachtet. Wann ging es in seinem Job einmal nicht um heikle Angelegenheiten? Dann hörte er von Minute zu Minute gespannter zu und empfand ein Prickeln, das einem nicht alle Tage widerfuhr, weil ein Auftrag derart geheimnisvoll und aufregend klang.
   »Meine Mandantin ist eine von vier Ehefrauen eines dubaianischen Sheikhs. Sie stammt aus einer sehr wohlhabenden Familie, die weitaus westlicher eingestellt ist als ihr Ehemann. Sie hat eine Tochter, der sie das Schicksal ersparen wollte, in einem Harem zu landen.«
   Er hatte einige Fragen gestellt, zum Beispiel, warum die Frau ihren Mann nicht einfach mit der Tochter verlasse, doch der Anwalt hatte abgewunken. »Das steht nicht zur Debatte und ist auch nicht ganz so einfach, wie Sie sich das vielleicht vorstellen. Fakt ist, dass meine Mandantin Unterstützung von ihrer Familie hat und ihre Tochter bereits vor fünf Jahren im Alter von achtzehn aus dem Land geschafft wurde. Die Prinzessin ist knapp vierundzwanzig und lebt wahrscheinlich in L. A.«
   »Und ich soll sie finden?«
   »Genau.«
   »Warum weiß ihre Mutter nicht, wo sie ist?«
   »Aus Sicherheitsgründen. Allein ihr Bruder war informiert, doch der ist kürzlich bei einem Unfall ums Leben gekommen.«
   »Welche Anhaltspunkte habe ich?«
   »Latifa hat eine Begleitung. Eine gleichaltrige junge Frau, die der Prinzessin im Babyalter als Leibeigene zur Verfügung gestellt und mit ihr, als ihre Beschützerin, aus Dubai hinausgeschleust wurde. Wahrscheinlich leben die beiden zusammen.«
   »Halten sie Verbindung zu Verwandten?«
   »Nur der Bruder meiner Mandantin hat sie regelmäßig kontaktiert, allerdings nie persönlich, um keine Spuren zu legen.«
   »Sondern?«
   »Er hat mit ihr telefoniert. Jedes Mal mit einer Prepaidtelefonkarte, die er gleich darauf vernichtet hat.«
   »Wovon bestreiten die Frauen ihren Lebensunterhalt?«
   »Latifas Onkel hat ihr jährlich eine Apanage zukommen lassen. Mal ist das Geld durch einen Boten in bar geflossen, mal getarnt als Gewinn einer ausländischen Lotterie. In jedem Fall auf nicht nachvollziehbaren Wegen.«
   »Um welchen Betrag handelt es sich?«
   »Das ist nicht bekannt.«
   »Und woher wissen Sie, dass sich die Damen in Los Angeles aufhalten?«
   »Der Bruder meiner Mandantin ist zu Beginn dieses Jahres nach L. A. gereist. Vermutlich hat er den Besuch genutzt, um Latifa das Geld zukommen zu lassen. Es ist der einzige Anhaltspunkt, den wir haben. Der Sheikh ist sonst nie nach Amerika geflogen.«
   »Anfang nächsten Jahres wird die Prinzessin also leer ausgehen.«
   »Das ist eine der Ängste, warum meine Mandantin den Auftrag erteilt, aber die Familie ist in ebenso großer Sorge und will einen anderen Onkel mit Latifas Schutz beauftragen. Ihre Mutter möchte sie außerdem gern sehen.«
   »Ich brauche irgendeinen Anhaltspunkt, etwas, wo ich ansetzen kann.«
   Der Anwalt hatte ein Foto über den Schreibtisch geschoben, das Porträt einer jungen Frau. »Das ist die letzte Aufnahme von ihr. Die Familie geht jedoch davon aus, dass sie ihr Aussehen erheblich verändert hat.« Ein zweites Bild hatte den Besitzer gewechselt. »Das Gleiche gilt für Fatma Masaad.«
   Er hatte sich in seinem Sessel gewunden und sich im Stillen die Finger nach diesem Auftrag geleckt, doch er war kein Mensch, der andere über den Tisch zog.
   Damals nicht.
   Ohne greifbare Hinweise schien es ihm unmöglich, die Frauen in der Metropole L. A. zu finden. »Es tut mir leid, ich kann den Auftrag nicht annehmen, weil ich keine Möglichkeit sehe, wo ich ansetzen könnte.«
   »Ändert vielleicht das Honorar etwas an Ihrer Meinung? Eine Million Dollar, hunderttausend als Anzahlung. Ziehen Sie hinzu, wen oder was immer Sie benötigen. Es steht ein monatliches Budget in Höhe der Anzahlung für laufende Kosten bereit.«
   Sein Blut hatte so laut in den Ohren gerauscht, dass er die Stimme des Anwalts beinahe nicht mehr verstand.
   Und dann saß er allein in seinem Büro und konnte noch immer nicht fassen, was er gerade erlebt hatte. Seine Sekretärin hatte irgendwann einen Anrufer gemeldet und er erwiderte, dass er nicht gestört werden wolle. Gab ihr gleichzeitig den Auftrag, sämtliche laufenden Ermittlungen an befreundete Detekteien abzugeben und ihm den Rest des Jahres Freiraum zu verschaffen, dabei war es erst März. Da klingelte das Telefon erneut. Seine Sekretärin teilte mit, dass es sich um denselben Anrufer handele, und versuchte auf seine Anweisung hin vergeblich, ihn noch einmal abzuwimmeln. Mit bleierner Stimme stellte sie das Gespräch durch.
   »Sie sollten sich später um Ihre Sekretärin kümmern und ihr ausrichten, dass meine Morddrohung nicht ernst gemeint war.« Das bellende Lachen des Anrufers hatte ihm einen noch größeren Schauder über die Haut gejagt als die Worte. »Zumindest dann nicht, wenn Sie meinen Auftrag annehmen, so wie Sie sich vorhin auf das Geschäft mit dem Anwalt eingelassen haben. Und wagen Sie es nicht, einfach aufzulegen.«
   Das hatte er in der Tat vorgehabt, aber dass der Kerl von dem Gespräch in seinem Büro wusste, wo der Stuhl, auf dem sein Auftraggeber gesessen hatte, noch nicht kalt sein konnte, hatte ihn innehalten lassen. Er hatte bis heute nicht herausgefunden, woher die Informationen des Anrufers stammten. Der Anwalt musste eine Wanze am Körper getragen haben, ohne es zu ahnen. Das erschien im Nachhinein das einzig Logische.
   »Mein Auftraggeber zahlt Ihnen ein Honorar von zehn Millionen Dollar. Nennen Sie uns eine Bankverbindung und Sie erhalten zwanzig Prozent Anzahlung. Kassieren Sie doppelt. Und fühlen Sie sich geehrt, vom Sheikh beauftragt zu werden, er könnte ganz andere Kaliber einsetzen.«
   Sein Hals war binnen eines Atemzuges ausgetrocknet. Er schaffte es nicht, eine Erwiderung hervorzubringen.
   »Sparen Sie sich Ihre Worte. Wir erwarten, dass Sie den Auftrag innerhalb eines hal­ben Jahres erledigen. Die Frist endet am 30. September. Sobald sie Latifa und Fatma finden, sorgen Sie dafür, dass die Prinzessin dem Wunsch Ihrer Mutter folgt und nach Dubai fliegt. Das dürfte mit den Unterlagen, die der Anwalt Ihnen ausgehändigt hat, kein Problem sein. Sie werden uns aktuelle Fotos übermitteln und uns die Flugverbindung und die neuen Namen der Frauen mitteilen.«
   Noch immer hatte er es nicht fertiggebracht, etwas zu sagen, doch das war auch nicht nötig gewesen, der Kerl fühlte sich bestens als Alleinunterhalter.
   »Ein winziges Detail gibt es zu beachten: Mein Auftraggeber besteht darauf, dass die Prinzessin noch Jungfrau ist. Sollte sich das nicht bestätigen, dann beseitigen Sie die Frau. Erfüllen Sie den Auftrag nicht zu hundert Prozent, werden Sie sich am ersten Oktober die Radieschen von unten betrachten.«
   Elf Millionen Dollar. Elf Millionen Dollar. Das war das Einzige, was noch Raum in seinem Schädel fand. Er fühlte sich wie Dagobert Duck, der einen Blick in seinen Schatzbunker wirft.
   »Ich nehme an, Sie sind mit unserem Angebot einverstanden. Verbinden Sie mich zurück zu Ihrer Sekretärin und geben Sie ihr die Anweisung, Ihre Kontodaten durchzugeben.«
   Wie von allein war seine Hand zum Telefon geglitten und hatte das Gespräch zurückgestellt. Dann vergingen zwei Tage, in denen er stündlich sein Konto per Onlinebanking prüfte, bis es den atemberaubenden Betrag von 2.103.413,12 Dollar aufgewiesen hatte. Die Anzahlungen beider Auftraggeber waren erfolgt.
   Er hatte seine Sekretärin entlassen, ihr einen halben Jahreslohn gezahlt, das Büro geschlossen und sich auf die Suche begeben.
   Ein Ruck durchfuhr seinen Körper und er beugte sich nach vorn.
   Herumzusitzen und die Vergangenheit Revue passieren zu lassen, brachte ihn nicht weiter. Er betrachtete die auf dem Tisch ausgebreiteten Fotografien.
   »Wer bist du, Prinzessin?«, murmelte er und zog eine Aufnahme näher heran.
   Keine der Frauen wies eine Ähnlichkeit mit den Bildern auf, die der Anwalt ihm gegeben hatte, dennoch war er sicher, Prinzessin Latifa Maron Memduha Antun Sa’ada und Fatma Masaad vor sich zu sehen. Sie bewohnten eine Studentenbude, gingen allerdings nicht miteinander um wie eine Prinzessin und ihre Untergebene, sondern unterschieden sich nicht von amerikanischen Studentinnen und nannten sich Vanita Blankenship und Quinn Kirby.
   Er betrachtete Vanita, seine Favoritin. Ihr hüftlanges, goldblondes Haar mochte gefärbt sein, doch es tat der Wirkung eines Engels keinen Abbruch. Ein schmales Gesicht mit hohen Wangenknochen, eine zierliche Nase, braune Augen wie karamellisierter Zucker. Quinn hingegen wirkte mit ihrem herzförmigen Gesicht frecher. Ihr blauschwarzer Schopf unterstrich diesen Eindruck mit einer fransigen Kurzhaarfrisur. Das Schönste an ihr waren die riesigen, unschuldig dreinblickenden Augen, die kohlrabenschwarzen Iriden von unglaublich dichten, langen Wimpern beschattet.
   Zur Hölle! Er würde diesen verdammten Jackpot knacken!
   Fast fünf Monate lang waren seine Ermittlungen ins Leere gelaufen, trotz der Unterstützung eines engen Freundes beim LAPD und einer Armee von Schnüfflern, die er aus dem ganzen Land angeheuert hatte. Sie hatten Dutzende Computer zum Qualmen gebracht, meilenlange Namenslisten von der Einwanderungsbehörde, des Departments of Motor Vehicles, sämtlichen Bibliotheken im County und diversen anderen Quellen ausgewertet und Frauen des entsprechenden Alters aussortiert, die von einer weiteren Armee beschattet worden waren, bis die Liste immer kürzer wurde.
   Vor knapp fünf Wochen hätte er am liebsten Bingo geschrien, als er aus den letzten dreiundsechzig infrage kommenden Adressen bei der Beschattung von Vanita Blan­ken­ship und Quinn Kirby angelangt war. Sein zunächst wichtigstes Augenmerk galt der Überprüfung ihrer Bankkonten – wie in allen Fällen zuvor – und hier landete er erstmals einen Treffer.
   Er öffnete seine Schreibtischschublade und zog die beiden alten Fotos hervor, legte sie neben die neuen Aufnahmen. Das Alter passte, die Augenfarbe stimmte nur bei Quinn, aber Vanita konnte durchaus farbige Kontaktlinsen tragen. Ansonsten gab es weder eine Übereinstimmung der Haarfarben oder Frisuren noch der Formen von Kinn, Nase oder Wangenknochen. Das hieß, er befand sich entweder gewaltig auf dem Holzweg oder ein Chirurg hatte hervorragende Arbeit geleistet. Nicht einmal anhand Quinn Kirbys markanter Augenform schaffte er es, eines der neuen Fotos zuzuordnen.
   Die beiden Frauen studierten an der UCLA, gingen keinen Jobs nach wie viele der anderen observierten Kandidatinnen. Sein einziger Hinweis bestand in der Tatsache, dass das Konto von Quinn Kirby monatlich mit einer Überweisung von Vanita Blanken­ship gefüttert wurde und auf deren Konto zu Beginn des Jahres eine Bareinzah­lung in Höhe von 90.000 Dollar erfolgt war. Ein minimaler Betrag für die Tochter einer Milliardärsfamilie – allerdings auch eine hervorragende Tarnung.
   Der Hacker, der die Auskunft lieferte, hatte an den bisherigen Anfragen dreimal so viel verdient. Die Prinzessin musste sich als armes Mäuschen fühlen, dabei hatte sie wahrscheinlich nicht die geringste Ahnung, was Armsein tatsächlich bedeutete.
   Er hätte nicht gleich den Anwalt informieren sollen.
   Dadurch hatte er sich selbst in den Finger geschnitten und sich wertvoller Zeit beraubt, denn nun hielt er bereits die Flugtickets für Dienstag in der Hand, einen Brief für die Frauen und einen Ohrring, der die Echtheit des Schriftstücks bestätigen sollte. Er hätte sich auch noch Zeit gelassen, wenn er nicht darauf gebaut hätte, von dem Anwalt nach der Übermittlung der aktuellen Fotos einen Hinweis zu erhalten, wer von den beiden zur Hölle die Prinzessin war. Vergebens.
   Er griff erneut in die Schublade, zog ein Kuvert heraus und trommelte mit den Fingerspitzen auf das Papier. Spätestens am Montag würde er Mister Keuchhusten unterrichten müssen und Dienstag lief seine Frist ein für alle Mal ab. Ihm blieben vier Tage, um herauszufinden, wer von beiden Latifa und ob sie noch Jungfrau war. Und wenn nicht? Er trank einen Schluck Bourbon und lehnte sich zurück. Eigentlich könnte das die Lösung seines Problems sein.
   Schon nach Sekunden kamen ihm Zweifel. Wenn er behauptete, die Prinzessin sei keine Jungfrau und sie ins Jenseits beförderte, was sollte ihn davor retten, nicht trotzdem von den Schergen des Scheichs gleich hinterhergeschickt zu werden? Wahrscheinlich ließe man ihn allenfalls dann in Frieden ziehen, wenn er die Jungfräulichkeit handfest beweisen konnte und die Frauen in Dubai ankamen. Noch wahrscheinlicher würde der Scheich ihn als Mitwisser in jedem Fall loswerden wollen. So oder so – er hatte sich gehörig in die Scheiße geritten.
   Wem zur Hölle floss das verdammte blaue Blut durch die Adern? Verflucht, er konnte gleich seine Grabplatte bestellen. Er war tot! Er war tot, wenn ihm nicht bald eine Idee kam.

Eine Stunde später parkte er seinen Wagen auf dem Parkplatz des Campus und schlenderte auf dem Unigelände herum auf der Suche nach irgendeiner Kommilitonin von Vanita oder Quinn, der seine Menschenkenntnis die Eigenschaft zusprach, auf sein Angebot einzugehen. Sein beinahe fotografisches Gedächtnis verhalf ihm wenige Minuten später zu einem Erfolg. Er lief einer jungen Frau hinterher und holte sie kurz vor dem Eingang des Hauptgebäudes ein.
   »Verzeihen Sie, Lady.«
   Sie blieb stehen und drehte sich ihm zu.
   »Ich suche Professor Dorsey. Können Sie mir sagen, wo ich ihn um diese Zeit finde?« Dorsey gehörte zu den Dozenten von Vanita, Quinn und dieser Kommilitonin und würde gleich eine Vorlesung halten. Die junge Frau musste auf dem Weg in den Hörsaal sein. Er ging neben ihr her und betrat das Gebäude.
   »Der Prof hält eine Vorlesung. Er wird sich garantiert vorher nicht stören lassen, aber Sie können ja vor der Tür warten oder mit reingehen und ihn gleich danach abpassen.«
   Er wartete, bis er das Ende des Ganges und die geöffnete Tür zu einem Vorlesungssaal erkannte, und blieb stehen. »Warten Sie, bitte.« Jetzt kam es drauf an. Er zog ein zusammengeklapptes Bündel Dollarnoten aus der Hosentasche und hielt es ihr halb verdeckt hin, sodass sie die Banderole mit der Zahl 1.000 noch sehen konnte. Bevor sie Luft holen und der Empörung, die sich auf ihrem Gesicht abzuzeichnen begann, Ausdruck geben konnte, sprach er schnell weiter. »Ich brauche eine Auskunft. Es ist wirklich nicht schwierig.« Er erkannte Ablehnung und gleichzeitig Neugierde. »Ich will wissen, zu welchen Frauenärzten Vanita Blankenship und Quinn Kirby gehen.«
   »Verschwinden Sie, Sie Perverser«, stieß die Blonde aus und eilte weiter. Er lief neben ihr her.
   »Tausend Dollar! Cash! Sie brauchen die beiden doch nur zu fragen, wen sie Ihnen empfehlen würden. Garantiert nennen die Ihnen ihren eigenen Arzt.«
   »Hauen Sie ab oder ich schreie das ganze Gebäude zusammen«, zischte sie.
   »Fünftausend«, sagte er und blieb vorsichtshalber etwas hinter ihr zurück. Sie eilte weiter, ohne den Schritt zu verlangsamen.
   Er trabte hinterher und holte sie ein. »Zehntausend.«
   Jäh blieb sie stehen. »Das ist nicht Ihr Ernst, oder?«
   »Doch«, er griff in die Tasche, »fünftausend jetzt, den Rest, nachdem ich die Information habe. Ich gehe mit in die Vorlesung und warte anschließend irgendwo in der Nähe, bis Sie mit den beiden gesprochen haben.«
   »Und wenn sie es mir nicht sagen?«
   »Dann gehören Ihnen die fünftausend und ich gehe.«
   Sie schwankte nicht mehr, sie tat nur noch so, als würde sie zögern. Dann kam ein geflüstertes »Okay« über ihre Lippen.
   Seite an Seite betraten sie den Lesungssaal.

Zurück in seinem Wagen griff er zum Telefon und wählte einen der angeheuerten Pri­vatdetektive an. Höflichkeitsfloskeln sparte er sich. Er erläuterte seinen Auftrag und fragte gleich darauf: »Schaffen Sie es, mir die Unterlagen noch heute zu besorgen?«
   »Ich lege los, sobald die Praxis schließt.«
   »Das dürfte am Freitagnachmittag nicht allzu spät sein.«
   »Gewiss. Ich melde mich.«
   Er fuhr in seine Wohnung. Obwohl das Geld längst ausgereicht hätte, eine luxuriösere Bleibe zu beziehen, wohnte er noch immer in seinem Zweizimmerapartment. Die Suche nach der Prinzessin hatte sein Leben bestimmt. Ab nächster Woche würde er nie mehr arbeiten müssen. Er würde reisen und die Welt entdecken.
   Der Pragmatiker in ihm forderte, die Gedanken zurückzuschieben, bis der Auftrag vollends abgeschlossen und das Geld auf seinem Konto eingegangen sei, doch er gönnte sich auf das Glücksgefühl hin noch einen Whiskey. Lächelnd sank er auf das Sofa im Wohnzimmer und lehnte sich zurück. Elf Millionen Dollar. Er hatte von der Anzahlung noch keinen Cent ausgegeben, sondern allein von den Zinsen seine laufenden Kosten bestritten und sogar noch Geld übrig behalten. Zum ersten Mal begann er zu träumen, rechnete sich den Gewinn aus, den er mit dem Gesamtbetrag erzielen würde. Irgendwann zwischen Luftschlössern und Schlummern hörte er, wie das Faxgerät, das er aus dem Büro mit nach Hause genommen hatte, zu surren begann.
   Er sprang auf, ging zum Schreibtisch und fing das erste Blatt auf. Sein Herz pochte bis in die Schläfen. Medical Report, las er die fett gedruckte Überschrift. Er überflog die Angaben, bis er die Information erfasste, die ihn zu einem Luftsprung bis an die Zimmerdecke verleiten wollte. Hymen: intakt. Mit bebenden Fingern griff er nach dem zweiten Bericht, suchte die gleiche Auskunft und so hoch die Gefühle ihn gerade gen Himmel geschleudert hatten, so hart prallte er auf den Boden der Tatsachen zurück. Die Spalte neben Hymen war leer. Er stolperte zur Couch zurück und goss das Whiskeyglas randvoll.
   Er war tot!

*

Quinn speicherte rasch ihre Word-Datei und drehte die Musikanlage leiser, als das Telefon klingelte. Sie nahm ab.
   »Ha…hallo«, hörte sie eine Männerstimme. »Entschu…schuldige bi…bitte. I…ich h…habe deine Te…Telefon…nu…nummer von der Um…Um…Umfrageliste.«
   Zu ihrem Lehramtsstudium zählte auch Psychologie, aber viel mehr als an den erlernten Verhaltensweisen lag es an ihrer Achtung vor jedem Menschen, die sie geduldig zuhören ließ. Kein Grinsen schob sich in ihr Gesicht, nicht einmal ein Zucken. Es gehörte sich nicht, Stotterer oder andere Menschen mit Einschränkungen aufgrund ihrer Behinderung zu belächeln, anzugaffen oder auszugrenzen, obwohl dieses Stottern im Grunde niedlich klang und sie allein aus diesem Grund den Sprecher in natura gern angelächelt hätte.
   »Was kann ich für dich tun?« An der Uni hatten bestimmte Arbeitsgruppen Listen erstellt, unter anderem von Kommilitonen, die bereit waren, demoskopische Untersuchungen verschiedenster Art und Erhebungen zu bestimmten Studienzwecken zu unterstützen. Sie bekam öfter Anrufe dieser Art. Aufmerksam hörte sie dem Stotterer zu und versuchte, die Unregelmäßigkeiten seiner Aussprache zu ignorieren.
   »Es ist eine sehr persönliche Umfrage mit zwei, drei intimen Fragen. Wärst du dennoch bereit, mir Auskunft zu geben? Natürlich bleibt die Auswertung anonym.«
   Er hatte eine Weile gebraucht, diese Sätze zusammenzubekommen, aber ihre Geduld vertrug einiges. Allerdings hatte sie keine Lust, eine Diskussion darüber mit ihm zu beginnen, dass die Umfrage letztlich nicht wirklich als anonym bezeichnet werden konnte, auch wenn die Liste keine Namen enthielt, sondern nur die Angabe von Geschlecht und Alter. Dennoch besaß keiner der Studenten eine zusätzliche Nummer für diesen Zweck, und wenn sich der Angerufene mit Namen meldete, war es vorbei mit der Anonymität. So viel dazu, aber die meisten meldeten sich sowieso nur mit »Hallo«.
   »Nun, wenn es nicht zu persönlich wird … schieß mal los«, ermunterte sie ihn.
   »Es geht um eine Umfrage zum Thema Hygieneverhalten.«
   »Okay.«
   »Wie oft duschst oder badest du?«
   Jetzt musste sie doch lächeln. »Täglich. Manchmal auch mehrfach. Morgens und nach dem Sport.«
   »Duschen oder baden?«
   »Duschen. Ich habe keine Badewanne.«
   »Wäschst du jedes Mal dein Haar? Manche Menschen benutzen Duschhauben.«
   »Ich nicht. Ich wasche es immer.«
   »Wie sieht es mit der Zahnpflege aus? Wie oft putzt du deine Zähne?«
   »Morgens, abends und nach jedem Essen.«
   »Auch wenn du unterwegs bist?«
   »Ich hab eine Reisezahnbürste dabei.«
   »Benutzt du immer die gleichen Pflegeprodukte?«
   »Nein, ich wechsele hin und wieder.«
   »Kannst du mir die Marken nennen?«
   Puh, das konnte sie eigentlich nicht.
   Sie kaufte, was ihr ins Auge sprang. Nur bei wenigen Artikeln griff sie stets auf die gleiche Marke zurück. »Dazu müsste ich ins Bad gehen. Beim Shampoo benutze ich immer das Gleiche.« Sie nannte es ihm.
   Sein Stottern verschlimmerte sich bei der nächsten Frage. »Benutzt du ein bestimmtes Produkt zur Intimpflege?«
   »Nein.«
   »Duschst du gleich nach dem Sex?«
   Sie lachte. Diese Frage konnte sie unmöglich beantworten. Der Gedanke, Sex zu haben, brachte zum einen die Vorstellung mit sich, danach in die starken Arme ihres Partners gekuschelt einzuschlafen, zum anderen, bei einer gemeinsamen Dusche zärtlich den Schweiß von der Haut des anderen zu streicheln.
   »Entschuldige«, stotterte ihr Gesprächspartner. »Diese Frage war mir unangenehm.«
   »Hast du noch weitere?«
   »Nur, ob du einen Unterschied benennen kannst zwischen Billigartikeln und Markenprodukten zur Körperhygiene.«
   »Nein, kann ich nicht.«
   »Lebst du in einer WG oder so?«
   Bestimmt gehörte diese Frage nicht mehr zu seiner Umfrage. Jetzt war er nur noch neugierig. Aber sie auch.
   »So ähnlich. Wieso?«
   »Na ja, ich brauche noch ein paar Interviewpartner. Könntest du mal nachfragen, ob jemand bereit ist, mich zu unterstützen?«
   Da musste sie ihn enttäuschen. Vanita war erstens nicht da und zweitens hätte sie diese Fragen niemals beantwortet, dazu lastete die Erziehung noch immer viel zu schwer auf ihr.
   »Sorry, dabei kann ich dir leider nicht helfen. Es ist niemand da.«
   »Na dann … v-v-viiielen Dank für deine Hilfe.«
   »Keine Ursache. Bye bye.«

*

Er war tot!

*

Quinn widmete sich erneut ihrer schriftlichen Arbeit.
   Für dieses Wochenende hatte sie ein volles Programm und sie wollte alles erledigt wis­sen, was es vor Montag zu tun galt. Selten schob sie Aufgaben vor sich her, nicht einmal unangenehme. Davon gab es zwar nicht häufig welche, aber je schneller sie diese im Falle eines Falles hinter sich brachte, desto besser. Außerdem wartete Profes­sor Dorsey auf ihre Arbeit. Sie war gerade fertig, als sie hörte, wie ein Schlüssel in die Wohnungstür gesteckt wur­de. Einen Moment später klang Vanitas glockenhelle Stimme durch den Flur.
   »Ich hab sie bekommen.«
   Quinn ging ihr entgegen. »Klasse. Ich freue mich.« Sie hatte sowieso fest damit ge­rechnet, dass ihre Freundin die Karten für die Samstagabendvorstellung von Abduction ergattern würde, immerhin würde der größte Anstrum heute bei der Filmpremiere sein. Vanita mit ihrer übergroßen Besorgnis hatte sich nicht auf Quinns Überzeugung ver­lassen wollen, die Karten locker auch morgen an der Abendkasse zu erhalten. Quinn wäre es egal gewesen. Wenn nicht, wären sie eben in eine andere Vorstellung gegangen. Actionthriller waren ohnehin nicht ihr Ding, sie hätte lieber Dolphin Tale gesehen, doch Vanita war an der Reihe, den Film zu bestimmen.
   »Ich habe Sally und Tom getroffen. Sie haben ebenfalls Karten gekauft und lassen fragen, ob wir Lust haben, nach dem Film mit ins Circus zu gehen.«
   Die Circus Disco Arena galt als angesagter Club, immer gut besucht und bot ein attrak­tives Rahmenprogramm. Freitags traten die Machoman Dancers auf, eine heiße Truppe von Latin Go-go-Boys.
   »Da waren wir schon eine Weile nicht mehr. Also klar, warum nicht?«
   »Super!« Van hauchte ihr einen Kuss auf die Wange.
   Vanitas Spontanität wunderte sie und Quinn verkniff sich ein Grinsen. Sie gingen nicht jedes Wochenende auf die Piste, eigentlich nur einmal im Monat, und während Vanita das am liebsten für ein halbes Jahr im Voraus geplant hätte, war es Quinn lieber, aus dem Bauch heraus zu entscheiden, wozu sie Lust hatte. Sie hatten sich auf ein Mittel­ding geeinigt. Dennoch ging die Arbeit vor. Quinn ging zurück an ihren Computer.
   »Viel Spaß mit deinen Enten«, rief Vanita ihr hinterher.

Im Circus schäumte die Stimmung, als sie am späten Abend eintrafen. Einige Bekannte winkten ihnen aus der tanzenden Menge zu und an den Mundbewegungen las Quinn fröhliche »Hallos« ab. Sie lächelte, winkte zurück und bahnte sich hinter Vanita einen Weg an die Bar.
   »Einen Tequila Sunrise«, rief sie dem Barkeeper über die Theke hinweg zu und war­tete, bis er ihr den Longdrink zuschob. Sie zog den Strohhalm halb aus dem Glas und nippte erst einmal nur an dem oben schwimmenden Orangensaft.
   »Die Show geht gleich los, wir sind gerade zur rechten Zeit gekommen.«
   Quinn folgte der Richtung von Vanitas ausgestrecktem Zeigefinger und be­trach­tete die acht Jungs, die breit lächelnd nacheinander auf die Bühne tänzelten. Ihre Zähne leuchteten im flackernden Laserlicht. Spotlights hoben die gebräunte Haut ihrer muskel­bepackten Oberkörper hervor.
   »Was hältst du von dem mit dem kurzen Haar? Der dritte von rechts.«
   Quinn betrachtete das Model, einer Skulptur aus Meisterhand gleich. Er war ihr zu schön. Zu ebenmäßig, zu perfekt. Nicht nur die Gesichtszüge wirkten wie gemeißelt, auch jede seiner Muskelfasern, die sich unter der glänzenden Haut abzeichneten, wirkte künstlich. Das würde sie Vanita aber nicht sagen. Immerhin war sie – was ihre Handlungen betraf, und nicht die Gespräche unter ihnen beiden – eines der schüchternsten Mädchen, das sie kannte. Was ihre Freundin allerdings nicht daran hinderte, Quinn gegenüber in den höchsten Tönen von Männern zu schwärmen. In deren Gegenwart versank sie dann jedoch im Boden, als täte sich jedes Mal von allein ein abgrundtiefes Loch unter ihren Füßen auf, das sie verschluckte und für jeden potenziellen Kandidaten, den kennenzulernen es sich vielleicht lohnte, unsichtbar machte.
   »Ganz nett«, erwiderte sie vage und fing sich einen Knuff in die Seite ein.
   »Sei ehrlich. Adonis wäre gegen ihn ein runzliger Hutzelzwerg.«
   Quinn lachte. »Was hast du davon, die Männer anzuhimmeln, wenn du ohnehin jedem Näherkommen aus dem Weg gehst?«
   »Es war eben noch nicht mein Märchenprinz dabei.«
   »Noch märchenhafter als dieses Wunderwerk der Natur?«
   »Biest! Du willst mich auf den Arm nehmen. Außerdem …«, Vanita zupfte ihr am Ärmel, »musst gerade du die Klappe aufreißen. Ich habe gehört, manche munkeln bereits, wir beide wären …«
   »Lesbisch!«, vollendete Quinn den Satz für Vanita, der dieses Wort niemals über die Lippen gekommen wäre.
   »Komm!« Vanita zog sie mit zur Tanzfläche.
   Obwohl ihre Freundin die Schüchternere von ihnen war, fühlte sie sich wohl in der Schar der Tanzenden. Vans Augen glänzten und sie ließ sich vom Sog der Musik, den hüpfen­den Lichtern und der sprudelnden Begeisterung der Menge einfangen. Quinn brauchte etwas länger, um sich von dem Zauber gefangen nehmen zu lassen. Sie bewegte sich verhaltener und bekam dafür jedenfalls mehr von der Eins-A-Vorstellung der Machoman Dancers mit. Der Discjockey heizte die Stimmung weiter an.
   »Wollt ihr mehr?«
   »Ja«, überschallte die geschlossene Antwort das Dröhnen der Bässe.
   »Die Jungs brauchen eine kurze Pause. Wollt ihr in der Zeit einen Joke?«
   »Ja!«
   Die Spots richteten sich auf den Diskjockey. Er wies nach links. »Jung­frauen dort hinüber, die anderen nach rechts.« Aus den Lautsprechern brauste ein Trom­melwirbel. Lachend und gackernd gingen einige Frauen nach links, andere nach rechts.
   Quinn ließ sich einfach treiben.
   »Und wer von euch ist Lehrerin oder studiert Lehramt? Zu mir, bitte!«
   Zwei Frauen traten vor das Schaltpult des DJs.
   »Kommt die 14-jährige Tochter aus der Schule und sagt: Mami, wir sind heute unter­sucht worden. Nur eine ist noch Jungfrau.«
   Die Menge gröhlte, als der DJ Gelächter unter den Trommelwirbel mischte.
   »Sagt die Mutter: Und das bist du, mein Kind.«
   »Hey, hey, hey«, stimmten einige Typen einen Sprechchor an und klatschten im Takt.
   Der DJ hob eine Hand. »Sagt die Tochter: Nein, Mami. Das war unsere Lehrerin.«
   Jetzt war Quinn froh, auf die rechte Seite geraten zu sein, denn die plötzlich auf­flammenden Lichter ließen die hochrot angelaufenen Gesichter der Frauen vor dem Pult erkennen, die sich des Gelächters der versammelten Menge sicher sein durften.
   Quinn lachte ebenfalls und suchte nach ihrer Freundin, sah sie an der Bar stehen und bahnte sich einen Weg dorthin zurück.

*

Er war tot!

Samstag, 24. September, Los Angeles & Dubai

»Ergib dich nicht deiner Faulheit, sondern beweg dich endlich.« Vanita gab ein­fach keine Ruhe und drängte zum wiederholten Mal.
   Quinn war noch viel zu müde. Sie hätte lieber ein Vormittagsschläfchen gehalten, aber Vanita würde nicht aufgeben, also schob Quinn die leere Kaffeetasse von sich und folgte der Aufforderung. Im Flur schulterte sie ihre Inliner, die in einer faltbaren Nylontasche steckten. Im Grunde musste sie ihrer Freun­din recht geben. Restalkohol schwitzte man am besten aus und die frische Luft würde ihr guttun. Viel zu selten kam sie sonst von ihren Büchern weg.
   Es war um diese Jah­reszeit noch herrlich warm, nicht mehr zu heiß. Genau richtig zum Inlinern.
   Sie fuhren mit der Straßenbahn und schlenderten zu Fuß das letzte Stück zum Strand. Kurz vor Beginn des breiten, asphaltierten Wegs, der durch den Santa Monica State Beach Park führte, machten sie ein paar Lockerungsübungen, um die Muskeln aufzuwärmen. Nach einigen Minuten zogen sie die Turnschuhe aus und stiegen in ihre Inliner, lieferten sich auf den ersten hundert Yards wie immer ein Wettrennen, ehe sie es gemächlicher angehen ließen. Vanita kassierte den Sieg und lächelte so hinreißend, dass Quinn das Herz überfloss. Das Leben konnte fast nicht schöner sein.
   Sie nahm einen gleichmäßigen Rhythmus an. Rechtes Bein nach vorn, einatmen, lin­kes Bein, ausatmen. Es tat gut, die Muskeln im Gleichklang mit der Atmung zu bewe­gen, und dabei die Freiheit des weiten Meeres vor Augen zu haben.
   Weit wie die Entfernung zu ihrer Heimat.
   Der weiße Sand des breiten Strandes hätte ihr die Vorstellung der dubaianischen Wüste vorgaukeln können, aber das ewige Rau­schen des Meeres legte einen energischen Einspruch ein. Es hörte sich ganz anders an als am Strand von Dubai. Natürlich klang das lächerlich.
   Trotzdem war es für sie nicht das Gleiche.
   Ließe sie sich einfach fallen, würde sie zudem spüren, dass es nicht der gleiche Sand war, der ihr durch die Fin­ger glitt. Das alles war gut so und machte ihr bewusst, in Kalifornien zu sein. In einem Land, in dem Frauen Rechte besaßen, sich aussuchen durften, mit wem sie ihr Leben ver­bringen würden. Hier war die Zeit der Sklavenhaltung vor mehr als anderthalb Jahrhun­derten zu Ende gegangen, auch wenn es bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts als Fortset­zung der Sklaverei noch ein Zwangsarbeitssystem in Ala­bama gegeben hatte. In der westlichen Welt durften Frauen eine Ausbildung absolvie­ren, beliebigen Berufen nach­gehen, Karriere machen, statt dem Manne zu Diensten zu stehen.
   Immer wieder erschien ihr das wie eine Vergünstigung anstatt wie eine Selbstverständ­lichkeit.
   Auch wenn Dubai-Stadt vor der Welt fortschrittlich erscheinen mochte mit seinen Wolkenkratzern, der Business Bay, den berühmten Twin Towers, mit Jebel Ali, dem bedeutendsten Seehafen am Persischen Golf und mit dem rasanten Wachstum des Emi­rats – das Bild täuschte mit seinem modernen Antlitz darüber hinweg, wie traditio­nell es weiterhin in vielen zurückgezogen lebenden Familien der Emiratis zuging; vor allem bei den zahllosen Mitgliedern der patriarchischen Führungsfamilien in den Ver­einigten Ara­bischen Emiraten. Sie konnten nur dankbar sein, diesem Leben ent­kom­men zu sein.
   Quinn stolperte beinahe über Vanita, die einige Schritte voraus stehen geblieben war.
   »Hey, träumst du?«
   Vanita lachte.
   Eine Brise wehte Quinn das lange, blonde Haar ihrer Freundin ins Gesicht. Es verfing sich an ihren Lippen und kitzelte, doch ehe sie es beiseitestreifen konnte, bückte sich Van und hantierte am Verschluss ihrer Inliner.
   »Warum bleibst du einfach stehen?« Quinn beugte sich eben­falls hinab.
   »Schau aufs Wasser. Unauffällig«, forderte Vanita leise und beherrscht.
   Quinn blinzelte über den Rand ihrer Brille dem Sonnenlicht entgegen, das sich auf dem Wasser spiegelte.
   Nahe der Küste zog eine wunderschöne weiße Jacht vorbei. Kein seltenes Ereignis in Santa Monica, aber sie wusste sofort, was Vanita meinte. Am Fah­nenmast flatterten eine rote Flagge mit einem schmalen, senkrechten weißen Streifen und eine weitere mit einem roten senkrechten Streifen sowie drei waagerech­ten in grün, weiß und schwarz. Die Nationalflagge von Dubai und die Flagge der Ver­einigten Arabischen Emirate begegneten ihr dann doch nicht so häufig.
   Sie zögerte keine Sekunde und richtete sich wieder auf. Dabei reichte sie Vanita die Hand und lachte.
   »Alles wieder okay? Komm, weiter gehts.« Sich nicht das Geringste anmerken zu las­sen und zu tun, als wäre nichts Besonderes, hatten sie monatelang in allen möglichen Situationen geprobt. Anfangs ängstlich und verhalten, doch mittlerweile würde sie die Hand dafür ins Feuer legen, dass nicht die winzigste Regung durch ihre Gesichter zuckte und jeder, der sie beobachtete, nur zwei fröhliche junge Frauen sah, die ihrem Hobby frönten.
   Sie liefen weiter in die Richtung, in die sie unterwegs gewesen waren. Umzukehren hätte irgendwer als ein verräterisches Zeichen werten können. Als sie an einer Strand­bar vorbeikamen, steuerten sie gleichzeitig darauf zu und warfen sich lässig in die Plastik­stühle, drehten sich dem Wasser und der Sonne zu und taten, als hielten sie die Gesichter den wärmenden Strahlen entgegen. Unter ihrer Sonnenbrille hindurch beob­achtete Quinn die Jacht, die bereits einige Yards an ihnen vorübergezogen war. An Deck sah sie keine Personen, aber hinter den glänzenden, schwarz getönten Scheiben konnte jemand stehen und mit einem Fernglas wahrscheinlich jede Unebenheit auf ihrer Haut betrach­ten. Dennoch gab sie sich gelassen. Nicht das Gesicht verstecken.
   »Deine Nase hat eine neue Form, das Kinn ist runder, die Wangenpartie geändert, die Augenform korrigiert. Sogar ein Gesichtsscanner wird das Gesicht deiner Vergangenheit nicht mit dir in Überein­stimmung bringen. Hab keine Angst.«
   Die Worte des Chirurgen zogen durch ihren Kopf, als stände er gleich neben ihr, dabei war es fast fünf Jahre her, dass Vanita und sie in der Klinik in Frankreich behandelt wor­den waren. Von dort waren sie nach Italien gereist, hatten ein halbes Jahr eine Sprach­schule besucht, in der sie nicht Italienisch, sondern Englisch lernten und danach folgte ein weiteres halbes Jahr Ausbildung in einem Camp in Norwegen. Sie hatte gefroren wie nie in ihrem Leben, aber gleichzeitig auch mehr Blut und Wasser geschwitzt, als sie im Körper zu haben geglaubt hatte.
   Erst danach siedelten sie nach L. A. um.
   Ich habe keine Angst, sagte sie sich und lächelte die Kellnerin an, die ihnen die be­stellten Gläser mit frisch gepresstem Orangensaft brachte.
   Quinn schenkte der Jacht genau wie Vanita keine Beachtung mehr. Als sie eine Viertel­stunde später gingen, widerstand sie ohne Probleme der Versuchung, sich um­zudrehen. Ihr Verhaltens-Coach in Norwegen, ein Mann, dessen Broterwerb darin be­stand, Agen­ten auszubilden, hatte ihnen damals etliche psychologische Muster verdeut­licht, immer und immer wieder, bis sie es schafften, diese instinktiv gesteuerten Ver­hal­tensweisen abzulegen.
   Kurz bevor sie den Parkplatz des Beach Parks erreichten, trug der Wind eine kräftige Stimme herüber, die Quinn neugierig den Kopf in die Richtung wenden ließ.
   »… eine Hure und eine Entehrte sollen sie nicht zum Weibe nehmen, und ein von ihrem Manne verstoßenes Weib sollen sie nicht nehmen; denn heilig ist er seinem Gott.«
   Quinn musterte den Mann auf seinem hölzernen Podest aus drei übereinander­ge­sta­pelten Paletten. Er wirkte wie eine Art Wanderprediger, ein Möchtegernguru. Eine Kitschfigur wie aus Klischee geschustert. Langes, grauweißes Haar fiel ihm verzottelt über die Schultern, ein grauer Bart bis zum Brustansatz. Der hagere Körper steckte in einer fadenscheinigen braunen Kutte, die nackten Füße in Jesuslatschen.
   Eine kleine Gruppe von Leuten bildete sein Publikum, doch ihren Gesten war anzusehen, was sie von dem Vogel hielten.
   »Und wenn die Tochter eines Priesters sich durch Hurerei entweiht, so entweiht sie ihren Vater: Sie soll mit Feuer verbrannt werden.«
   Vanita schüttelte den Kopf. »Komm, das ist ein Irrer. Mich wundert, dass ihn noch keiner von seinem Podest geschubst hat.«
   Sie rollten weiter. Am Ausgang des Parks kamen sie nah an der behelfsmäßigen Bühne vorbei. Quinn sah eine eckige Bewegung des Gurus in den Augenwinkeln.
   »Du!«, brüllte er, stieß den Zeigefinger nach vorn und deutete auf sie.
   Sie ließ ihn links liegen und rollte weiter, sah allerdings, wie zwei Mädchen, vielleicht sechzehn oder siebzehn, unter der Gewalt seiner Stimme zusammenzuckten und zurückwichen. Besser war das. Solchen Leuten sollte niemand zuhören und sie auch noch in ihrer eingebildeten Wichtigkeit unterstützen.
   Quinn ließ sich nicht beeindrucken. Auch Vanita missachtete den Schreihals.
   »Du!«, brüllte er erneut, dieses Mal noch lauter und sein ausgestreckter Arm wies geradewegs auf sie. »Trittst du rein in den heiligen Stand der Ehe? Oder bist du eine Hure unter den Augen des Herrn?«
   Sie schüttelte sich innerlich und war froh, als sie den Parkplatz erreichten und den kaputten Irren hinter sich ließen.
   »Eine Witwe und eine Verstoßene und eine Entehrte …«
   Wie der Wind seine Stimme herangetragen hatte, so entfernte er sie jetzt. Der Kerl hatte sie in keiner Form geängstigt, aber eines hatte er erreicht: Ihre Laune war hinüber.
   »So ein Spinner«, machte sie ihrem Verdruss Luft, während sie die Inliner gegen ihre Turnschuhe tauschte.
   Vanita nickte. »Vergiss es einfach.«

*

Er war tot!
   Es wurde zu gefährlich, ständig Begebenheiten herbeizuführen, in denen es um Sex oder Jungfräulichkeit ging. Irgendwann würden die Frauen zu recht anfangen, sich zu wun­dern. Überhaupt konnte er von Glück reden, wenn sie nicht bereits durch das Auftau­chen dieser Jacht misstrauisch genug waren, um Fluchtgedanken zu hegen. Er hatte bereits vor Tagen den Eigner überprüfen lassen, weil er nicht an Zufälle glaubte. Wahrscheinlich taten Latifa und Fatma das ebenso wenig.
   Der Anwalt hatte ihm erzählt, dass die Frauen eine Ausbildung absolviert hatten, wäh­rend der ihnen eingeschärft worden war, beim geringsten Anzeichen von Gefahr zu ver­schwinden. Er zweifelte nicht eine Sekunde an der Fähigkeit der beiden, sich in nullkommanichts sprichwörtlich in Luft aufzulösen.
   Ihm blieb keine Wahl.
   Er konnte nicht länger abwarten, bevor er den Brief übergab. Wenn er Pech hatte, verdufteten sie vor seinen Augen.
   Er folgte Vanita und Quinn zu ihrem Apartment und klingelte, kaum dass sie die Wohnungstür hinter sich geschlossen hatten. Quinn öffnete.
   »Latifa?« Anspannung ließ seinen Magen verkrampfen. Keine Regung im Gesicht der jungen Frau verriet etwas anderes als Verwunderung.
   »Bitte?«
   Sie tat sogar, als hätte er in einer fremden Sprache gesprochen und wüsste nicht, dass es sich um einen weiblichen Vornamen handelte. Eine Erklärung konnte er sich spa­ren. Das Überraschungsmoment hatte nicht funktioniert. Trotzdem hielt er eisern an seiner Chance fest. Wenn er herausfand, wer von den beiden die Prinzessin war, bestand zu fünfzig Prozent die Wahrscheinlichkeit, dass es ihr Medical Report war, auf dem die Auskunft Hymen: intakt stand. Der Bericht war noch keine zwei Wochen alt und sollte als Beweis für seinen Auftraggeber reichen.
   Wenn er also schon nicht ermitteln konnte, ob sie beide Jungfrauen waren, dann zu­mindest, welche von ihnen die Prinzessin war. Dazu sollte die Zeit bis zum Flug am Dienstag reichen – er hatte noch eine Ewigkeit zu leben.
   Wortlos streckte er den Arm aus, drehte die geschlossene Faust nach oben und öffnete sie, sodass er ihr den Ohrring auf der Handfläche darbot.
   Sie nahm ihn mit ruhigen Fingern entgegen. Wenn er gedacht hatte, spätestens jetzt würden ihre Glieder zu schlottern beginnen, ein Weinkrampf sie zusammenbrechen lassen, ein entsetzter Aufschrei ihre Kehle verlassen, so sah er sich erneut getäuscht. Sie brauchte nur wenige Sekunden, um ihre Prüfung abzuschließen, dann öffnete sie die Tür und winkte ihn hinein.
   »Ich nehme an, Sie haben einen Brief für uns?«
   Dieses Vorgehen musste irgendwann besprochen worden sein, doch das coole Verhal­ten, das Vanita und Quinn gezeigt hatten, als die Jacht am Strand vorbeigezogen war, lehrte ihn, seinen Rückschlüssen besser nicht mehr blind zu vertrauen und auf ein Ent­gleisen von Gesichtszügen oder ähnliche körperliche Reaktionen zu hoffen.
   Obwohl nichts die Vermutung bestätigte, dass die beiden die Jacht überhaupt wahr­ge­nommen hatten, glaubte er nicht daran. Ihr Auftreten hatte nichts anderes vermuten lassen, als dass ihr Blick vielleicht zufällig über das Boot gestrichen war, ohne besonde­re Aufmerksamkeit zu wecken, aber der Eindruck konnte täuschen. Alles an diesen beiden Frauen täuschte, irgendwie verstärkte sich das Gefühl von Mal zu Mal.
   Vanita als Favoritin zu streichen und zu glauben, dass Quinn die Prinzessin war, nur aufgrund der Annahme, dass sie das Schmuckstück ihrer Mutter erkannte und die­ses Vorwissen ihm die Tür geöffnet hatte, wäre Blödsinn – denn natürlich würde dies auch Fatma wissen. Die Schlussfolgerung ließ ihn nicht wie einen brillanten Privatde­tektiv wir­ken, sondern wie eine Karikatur. Genau wie seine jämmerlichen Versuche, die Jungfräu­lichkeit herauszufinden. Und das alles, um zumindest eine nachweisbare, wenn auch stümperhafte Spur für seinen Bericht zu legen, es wenigstens versucht zu haben.
   Shit! Er hätte es problemlos hinbekommen, dem Scheich eine Liste der abgeblitzten Verehrer seit Tag eins in L. A. zusammenzustellen, er hätte ihm auflisten können, wann und was die Frauen aßen, ihren Verdauungsplan aufstellen, den Dreck unter ihren Fingernägeln ein­sammeln. Aber wie zur Hölle sollte er herausfinden, ob sie verdammte Jung­frauen waren? Gut, bei einer hatte es funktioniert. Bei der anderen vermutete er es, denn sie trafen sich beide nicht mit Männern, jedenfalls kein einziges Mal in den fünf Wochen, die er sie beschattete und seine Nachforschungen hatten auch aus der Zeit davor nichts anderes ergeben. Aber das stellte keinen zuverlässigen Beweis dar. Er war nicht einmal sicher, ob der Medical Report einen solchen lieferte und konnte daher nur um zwei Dinge beten: Gott, lass es ausreichend sein und Gott, lass den Bericht zu der Prinzessin gehören.
   Er folgte Quinn in ein kleines Wohnzimmer. Vanita saß auf einem Sessel und stand auf, als er den Raum betrat. Wortlos zeigte Quinn ihr den Ohrring.
   »Wo ist der Brief für uns?«, fragte Vanita.
   Er zog ihn aus der Innentasche seines Trenchcoats und reichte ihn ihr.
   »Danke. Würden Sie bitte einen Moment im Flur warten?«
   Die Sekunden der Wartezeit tropften wie der Rest seines Lebens an ihm vorüber.

*

Sadia hob den Kopf und lauschte. Sie irrte sich nicht. Jemand näherte sich dem Rosengarten. Sie legte ihr Buch auf der Bank neben sich ab. Ihre Hände wurden feucht und sie wischte vorsichtig über die glatte Seide ihres Kleides.
   Mit gesenktem Kopf wartete sie. Seit Tagen hoffte sie auf Neuigkeiten ihres Bruders Ziad, doch sie wusste, wie schwierig es für ihn war, seinen Vertrauten Majid im Palazzo zu erreichen. Majid wiederum musste tief in die Trickkiste greifen, um ihr die Informationen zu übermitteln. Jedes Mal, wenn die Hoffnung blühte, eine Nachricht über Latifa würde eintreffen, klopfte ihr Herz so heftig, dass es wehtat.
   Das Geräusch eines Schiffhorns wehte aus der Ferne herüber. Sadia schloss die Augen und träumte sich wie so oft für Sekunden auf eines der riesigen Kreuzfahrtschiffe. Das war die hübsche Variante, doch sie hätte auch mit der hintersten Ecke im verdreckten Laderaum einer der Frachtkähne vorliebgenommen, um Dubai zu verlassen und Richtung Amerika aufzubrechen. Wie sehr bereute sie es, die Gelegenheit, die sie damals gehabt hatte, ausgeschlagen und ihre Tochter allein in die Fremde geschickt zu haben.
   Allein Latifas kleiner Bruder Prinz Fadi hatte den Ausschlag gegeben; die Hoffnung, den weltoffen und gescheit geglaubten Jungen davor beschützen zu können, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Das Gegenteil war eingetreten, so, wie Ziad und alle anderen Verwandten es vorhergesagt hatten. Fadi rannte seinem Vater Sheikh Rashad in Siebenmeilenstiefeln hinterher und würde nicht mehr lange brauchen, um die Gemeinheiten und die Schamlosigkeit des Scheichs zu übertreffen.
   Langsam stieß Sadia den Atem aus und wandte sich in Richtung Torbogen. Die Erwartung, Majid würde sie aufsuchen, hatte sich gleich nach dem ersten Hoffnungsfunken verflüchtigt. Das Rascheln klang zu leise, die Schritte zu leicht.
   Das Mädchen, das schüchtern durch die kunstvoll an den Bogen drapierte Rosenflut trat, hatte Sadia nie zuvor gesehen. Der Anblick fühlte sich an wie ein Stich mitten ins Herz. Die Kleine mochte kaum achtzehn, neunzehn sein und strahlte noch die reine, unbefleckte Schönheit eines unberührten Kindes aus. Nur wenige Tage, und in ihr liebliches Antlitz würden sich Traurigkeit und Schmerz eingraben. Viel zu viele dieser gebrochenen Veil­chenaugen hatte Sadia kommen und gehen sehen. Ihr Leib verkrampfte innerlich.
   Das Mädchen senkte den Kopf. »Prinz Fadi wünscht, Sie zu sehen.«
   Ihre bezaubernde Stimme, rein und süß, ihre englische Aussprache mit einem italienischen Akzent untermalt – so viel Mädchenhaftigkeit und Charme ließen Sadia sogar in Anbetracht der unzähligen Male zuvor, die eine Neue ihr Leben für eine Zeit lang mit dem Harem geteilt hatte, einen Schauder über die Haut rinnen.
   »Wie heißt du, Kleine?«, gab sie ebenso sanft zurück.
   Das Mädchen antwortete, ohne den Kopf zu heben. »Alessa.«
   Sadia betrachtete Alessas schlichtes weißes Leinenkleid. Unter dem Stoff zeichneten sich feste, kleine Brüste ab, von keinem Büstenhalter gebändigt. Der sackähnliche Fetzen Stoff betonte die Mädchenhaftigkeit ihrer Figur, fiel locker über ihre schmalen Hüften, und obwohl er keineswegs figurbetont auf ihrer Haut lag, gab er dem wohlgeformten Körper der Kleinen einen anmutigen Zauber. Der Saum endete eine Handbreit oberhalb der Mitte ihrer Oberschenkel. Die Muskeln ihrer langen, gebräunten Beine zitterten leicht. Ihre zierlichen Füße steckten in einfachen weißen Sandalen, die Zehennägel glitzerten in mädchenhaftem Rosé.
   »Bitte«, sagte Alessa, »Prinz Fadi ist sehr ungeduldig.«
   Wer sollte das besser wissen als sie? Sadia nickte.
   Sie sah sich noch einmal zu der Bank und ihrem Buch um und beschloss, es liegen zu lassen, um später wieder hierher zurückzukehren. Mit dem Buch in der Hand brauchte sie ihrem Sohn nicht gegenüberzutreten. Er würde sie nur anfahren, warum sie Zeit für dieses unnütze Zeug verschwende und ihr auftragen, sich anderen Aufgaben zu widmen, die er für sinnvoller hielt. Bildung gehörte für ihn nicht zu den Fertigkeiten einer Frau, doch für sich hielt er sie auch nicht unbedingt für angebracht.
   Erst vor zwei Wochen war er aus Rom zurückgekehrt, wo er sein BWL-Studium nach nur zwei Semestern abgebrochen hatte. Im Grunde glaubte sie nicht einmal, dass er überhaupt übermäßig viele Stunden an der Sapienza, der Università di Roma, verbracht hatte, denn er hatte es nicht eilig gehabt, überhaupt mit dem Studium zu beginnen.
   Zwar teilte er die Vorliebe seines Vaters für alles, was auch nur entfernt an Italien erinnerte, doch begrenzte sich sein Aufnahmevermögen neben einigen derben italienischen Ausdrücken allein auf Ferrari, Lamborghini und Maserati. Vielleicht noch ein Haarbreit auf die Aktienwerte an der Mailänder Börse, den Carraramarmor in seiner privaten Luxusbadelandschaft oder die Ausstattung seiner zweihundert Quadratmeter großen Ankleideflucht.
   Die exklusive Herrenmode darin reichte zur Einrichtung einer Edelboutique mit den angesagtesten Kollektionen eines jeden Nobeldesigners mit Rang und Namen. Allein seine guardaroba di piedi, natürlich in einem klimatisierten, abgetrennten Nebenraum der Ankleideflucht gelegen, umfasste sicher tausend Paar edelster Designerschuhe. Die Übersetzung seines mangelhaften Italienischs ergab wahrscheinlich ein Kauderwelsch, bei dem sich die Fußnägel eines Muttersprachlers aufrollten, doch das war ihm völlig egal.
   Sadia ging Alessa voran. Zwei Schatten begleiteten ihren eigenen und bewegten sich in einem gemeinsamen Takt wie ein dunkles Omen lang gestreckt vor ihren Füßen. Bei jedem Schritt löste sich ihr Schuh von dem siamesischen Zwilling am Boden, um beim nächsten Auftreten ebenso unlösbar daran festzukleben, wie sie in ihrem Leben feststeckte.
   Sie wartete, bis der Leibwächter ihr beim Einsteigen in den Golfwagen half. Alessa kletterte selbstständig hinein.
   Zum Palazzo zu laufen hätte in der Hitze zu lange gedauert. Sie hob ihr Gesicht den feinen Wassertröpfchen entgegen, die für einen viel zu kurzen Moment ihre Haut benetzten, als sie an einem prachtvollen Springbrunnen vorbeifuhren. Zur Linken lag die Golfanlage, zur Rechten fingen die hell getünchten Fassaden von sechs großen Gästehäusern die Glut der untergehenden Sonne ein.
   Das Haupthaus des Sheikhs war von hier aus noch nicht zu sehen. Er hatte es vor fünfundzwanzig Jahren im Stil eines italienischen Palastes errichten lassen und Sadia hatte noch nie jeden der insgesamt neunzig Räume betreten.
   Damals lebten ihre Träume noch.
   Rashad hatte ihr als seiner ersten Ehefrau ein Heim bauen wollen – obwohl sie dem italienischen Flair nichts abgewinnen konnte, doch das hatte sie ihm nie gesagt. Sie hatte geglaubt, das Leben gemeinsam mit ihm fortzuführen, in dem sie sich kennengelernt hatten: Er ein Absolvent des Pariser Universitätszentrums Varenne-Saint-Hilaire, wo er gerade sein Studium in Wirtschaftswissenschaften abgeschlossen hatte; sie stand kurz vor ihrem Studienabschluss der Schauspielkunst an der Sorbonne Nouvell. Sie liebte Frankreich und hätte sich für den Rest ihres Lebens einen dauerhaften Aufenthalt während der Sommermonate vorstellen können.
   Monatelang hatte sie geglaubt, in Rashad einen ihrer Familie gleichgesinnten, modernen und gebildeten Zeitgenossen zu sehen und erst nach ihrer Hochzeit offenbarte sich nach und nach seine wahre Persönlichkeit, doch da war es längst zu spät gewesen. Sie war schwanger und fand sich angekettet im goldenen Käfig.
   Latifa kam zur Welt, und weil Sadia Rashad keinen Sohn geschenkt hatte, nahm er sich eine zweite Ehefrau.
   Schon bald folgten Nummer drei und vier, die ihm im Laufe der Jahre etliche Söhne gebaren und auch eine Reihe Töchter. Im vierten Jahr ihrer Ehe war Sadia wieder schwanger geworden und Prinz Fadi kam zur Welt. Als Sohn der ersten Ehefrau nahm er den Rang des Kronprinzen ein und sie zog sich die Feindschaft der Nebenfrauen zu, deren ältere Söhne nun den Kürzeren zogen. Aufgrund der Spitzfindigkeiten der Frauen gesellte sich die Ablehnung des kompletten Harems hinzu, dass sich Rashad mit bis heute anhaltender Wachstumstendenz unterhielt.
   Das einzig Positive bestand darin, dass sie seit Fadis Geburt nie wieder Rashads Bett hatte teilen müssen. Es kam ihr nicht ungelegen – denn neben der Abneigung, ihn mit anderen Frauen teilen zu müssen, konnte sie auch mit seiner Dark-Room-Vorliebe, wie er es nannte, nichts anfangen. Sie verstand nicht, warum er nur noch in tiefster Dunkelheit »auf Touren kam«. Sie hingegen hatte die Liebe bei Licht und mit all ihren Schatten viel mehr genossen, als dieser merkwürdige Fetisch es ihr je geben konnte.
   Das glanzvolle Portal kam näher, während der Leibwächter schweigend die gewundenen Wege des vor Jahrzehnten angelegten Hügels zum Palazzo hinaufsteuerte. Nur Rashad und Fadi wohnten dort und Sadia fragte sich, ob sich Vater und Sohn in der Weite des Gebäudes überhaupt jemals begegneten. Andererseits mussten sie eine enge Bindung zueinander haben, denn Fadi hatte immer mehr von Rashads Zügen angenommen. Etwas, woran sie nie hatte glauben wollen.
   Tränen stiegen ihr in die Augen, als sie an den wohlerzogenen und beinahe schüchternen kleinen Jungen dachte, der sich so gern an ihre Hüften schmiegte und mit ihr den Sonnenuntergang beobachtete. Bis Rashad ihn mit zwölf Jahren zu sich in den Palazzo holte. Mit der Zeit sah sie ihn immer seltener. Ihre eigenen Räumlichkeiten lagen einen Kilometer hinter dem Haupthaus im Harem, der in seiner Komplexität einem kleinen Stadtteil glich. Er lag hermetisch abgeschirmt von der geschäftigen Metropole und weder für die weiteren Ehefrauen des Sheikhs, die Huren im Harem noch für die Eunuchen gab es einen ungehinderten Weg herein oder hinaus. Für einen Fremden war ein Einblick gänzlich unmöglich.
   Fadis Besuche waren immer seltener geworden und hörten irgendwann auf. Damals war er vierzehn und Latifa gerade achtzehn geworden. Sadia hatte nicht glauben wol­len, was ihre Brüder Said und Ziad seit Jahren predigten. Blind und taub hatte sie sich gestellt, doch sie dankte Allah, wenigstens die Vernunft aufgebracht zu haben, Said zuzustimmen, und Latifa heimlich aus dem Land bringen zu lassen.
   Jetzt konnte sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Erschrocken zwang sie sich zur Beherrschung und wischte die Feuchtigkeit mit dem Handrücken fort. Fadi durfte auf keinen Fall sehen, dass sie geweint hatte.
   Der Golfwagen stoppte und Gibril, ihr Leibwächter, half ihr beim Aussteigen.
   »Prinz Fadi wartet im Roten Salon«, gab Alessa Auskunft.
   Das Mädchen wich nicht von ihrer Seite, aber Sadia fand sich nicht in der Position, nach dem Warum zu fragen, oder Alessa eine Anweisung zu geben. Nicht, solange die junge Frau nicht dem Harem zugehörte und somit unter ihrer Führung stand.
   Sie nahm die Stufen der doppelläufigen Marmortreppe mit äußerlich mehr Schwung, als ihre wunde Seele jemals geschafft hätte, aufzubringen. Seit dem schrecklichen Tod ihres Zwillingsbruders Said fühlte sie sich wie eine wandelnde Leiche. Niemand außer ihm hatte eine Ahnung, wo Latifa abgeblieben war.
   Die Geheimhaltung war gut und richtig gewesen, denn Rashad hatte vor Zorn geschäumt, als er damals von Latifas Verschwinden erfuhr. Dass Sadia überhaupt noch lebte, schrieb sie allein dem Umstand zu, dass ohne sie jedes Band zwischen Rashad und ihrer Familie zerrissen wäre und er damit die letzte Chance verspielt hätte, etwas über Latifas Verbleib zu erfahren. Auch geschäftlich konnte er sich ein Zerwürfnis nicht leisten, die Anteile an den Firmenimperien waren unauflöslich miteinander verwebt.
   Rashad würde allerdings aus ihrem Munde niemals ein Wort über Latifas Verbleib hören, nicht einmal dann, wenn sie überhaupt wüsste, wo ihre Tochter zu finden war und Rashad sie zu Tode foltern würde.
   Sie lachte innerlich bitter auf.
   Diese Einstellung entsprach leider nur ihrem Wunschdenken. In Wirklichkeit würde sie keinen furchtbaren Qualen standhalten. Von daher hatte ihre Familie zweifellos recht. Schon eine Person, die Bescheid wusste, war zu viel.
   Jetzt allerdings, wo es niemanden mehr gab … sie schluckte mühsam.
   Vielleicht, fragte sie sich zum ersten Mal, wäre es sogar besser, Ziad würde den Auftrag zurückziehen, Latifa zu finden. Auch wenn Latifa von einem Tag auf den anderen finanziell auf sich gestellt wäre, sie würde ihren Weg finden und das war vielleicht das Beste, was ihr passieren konnte.
   Sehnsucht presste die Luft aus ihren Lungen und sie musste einen Moment stehen bleiben. Sie keuchte leise.
   »Kann ich Ihnen helfen?« Echte Besorgnis stand im Ausdruck des Mädchens, eine Gefühlsregung, die unter den Frauen im Harem selten war.
   »Danke, es geht schon. Die Hitze …«, erwiderte Sadia und wischte sich Schweißperlen von den Schläfen. Sie eilte weiter.
   Vor dem Roten Salon blieb sie stehen und richtete ihr Haar. Alessa klopfte und Gibril blieb im Flur zurück, als Sadia den Raum betrat.
   Die schräg stehende Sonne sandte ihre Strahlen durch die roten Vorhänge, tauchte Gold- und Silberrahmen an den gegenüberliegenden Wänden in dunkles Rot. Der betörende Duft von Orchideen erschwerte das Atmen.
   Fadi stand lässig an eine mehr als hüfthohe Löwenstatue aus Gold gelehnt und strich abwesend über einen fast tischtennisballgroßen Rubin, den das Tier in der Schnauze hielt. Als Fadi sie sah, drückte er den Edelstein tiefer in das Maul und eine Klappe auf dem Rücken der Statue öffnete sich.
   »Mutter«, sagte er und suchte ihren Blick, »schön, dich zu sehen.« Er griff nach einer Champagnerflasche aus dem gekühlten Löweninneren und öffnete sie gekonnt.
   Bis Alessa und Sadia bei ihm angelangt waren, hatte er drei Gläser gefüllt.
   Automatisch griff sie nach dem Kelch, den er ihr entgegenhielt. Sie teilte seine Vorliebe für Alkohol nicht und missbilligte zudem die Tatsache, dass sich Vater und Sohn einerseits auf die Seite der Muslime stellten, die den Koran derart auslegten, Vielweiberei nach dem Gesetz der Religion betreiben zu dürfen und andererseits das Alkoholverbot ignorierten. Jedoch ließ sich Rashad, der sich mit Stolz auf seine Ahnentafel berief, die einen Zweig zur Nachkommenschaft der Dynastie der arabischen Könige bildete, von niemandem etwas sagen – am wenigsten von ihr. Aufgrund seiner Vorfahren verlieh er sich eigenständig den inoffiziellen Titel Prinz, obwohl der Verwandtschaftsgrad so weit entfernt lag, dass wahrscheinlich niemals ein Tropfen königliches Blut in den Adern seiner direkten Vorfahren geflossen war, weil die Linien sich vor dem Entstehen der Dynastie der Saud gekreuzt hatten. Wer allerdings würde es wagen, dem Multimilliardär einen Ton des Widerspruchs entgegenzubringen? Sollte er sich und seine Kinder eigenständig adeln, Hauptsache, den einträglichen Geschäften mit seinem Öl stand nichts im Wege.
   Ihr Blick huschte zu dem Porträt über dem Kamin. Beinahe in jedem Raum hing ein Gemälde von Abd al-Aziz ibn Abd ar-Rahman ibn Faisal Al Saud. Der erste König des modernen Saudi-Arabiens, in dessen Harem Schätzungen zufolge über dreitausend Frauen gelebt haben sollten, stellte das auf einen meterhohen Sockel emporgehobene Idol von Rashad dar.
   »Warum hast du mich rufen lassen, Fadi?« Sie vermisste einen zärtlichen Ausdruck auf seinem Gesicht, eine sanfte Berührung, wenigstens einen Händedruck.
   »Ich wollte dir meine Verlobte vorstellen.« Er hob sein Glas und prostete ihnen zu. Nachdem er einen Schluck getrunken hatte, legte Fadi einen Arm um Alessas Schultern und zog sie zu sich heran.
   Sadia glaubte, der Boden würde ihr unter den Füßen weggerissen. Sie wollte schreien, ein lang gezogenes Nein ausstoßen, doch sie blieb stumm.
   Ihr Sohn küsste Alessa auf die Stirn. »Lässt du uns bitte einen Moment allein?«
   Alessa nickte und entfernte sich.
   Nichts wollte die Starre aufweichen, in der sich Sadia gefangen fühlte. Fadi wartete, bis sich die Tür hinter Alessa schloss.
   Er trat auf sie zu. Der große, schlanke Mann, der ihr gegenüberstand, wollte nicht mit dem Bild ihres geliebten Sohnes übereinstimmen und sie fragte sich, wie es möglich war, sich als Mutter derart zerrissen zu fühlen. Sie schloss die Augen und drängte mit Gewalt aufsteigende Tränen zurück.
   »Vater hat im Nordwesten des Areals einige neue Gebäude errichten lassen.« Fadi schob einen Arm um ihre Schultern und zog sie an sich.
   Der Boden schwankte. Die Luft im Raum wandelte sich in ein Vakuum. Ein Wechselbad der Gefühle flutete Sadias Innerstes, rieb sie auf, rauschte als pures Glück durch sie hindurch, um im Moment darauf durch Angst erstickt zu werden. Zu lange hatte sie ihren Sohn nicht mehr berührt, seine Nähe gespürt, seine Zuneigung genossen. Die plötzliche Wende kam zu überraschend, warf zu viel Hoffnung auf, als dass sie sich traute, daran zu glauben.
   »Mutter«, sagte Fadi und seine Stimme klang zärtlich, »möchtest du dich setzen?« Sanft schob er sie zu einem Sofa und hielt ihre Hand, bis sie Platz genommen hatte. Er glitt neben sie und legte beinahe schüchtern einen Arm um ihre Schultern. Fadi wiederholte, was er gerade gesagt hatte, ohne dass sie die Worte in einen Sinn umwandeln konnte.
   Sie fühlte sich weiterhin gelähmt unter der ungewohnten Nähe, obwohl sie seit Jahren nichts sehnlicher herbeiwünschte, als ihren Sohn und ihre Tochter in den Armen zu halten oder umarmt zu werden.
   Trotz ihrer jahrelang eingeübten Zurückhaltung und der Beherrschung ihrer Gefühle gelang es Sadia nicht, ihre Tränen zurückzuhalten. Sie flossen über ihre Wangen, ehe sie es schaffte, die Hände vor die Augen zu drücken.
   Fadi zog sie näher an sich, griff in seine Hosentasche und holte ein blütenweißes Taschentuch hervor. »Bitte beruhige dich. Rashad ist aus dem Haus, aber uns bleibt nicht viel Zeit.«
   Ihr Herz wollte aus der Brust springen. Was redete Fadi da? Er hatte dieses Treffen eingerichtet, ohne dass der Sheikh etwas davon mitbekommen sollte? Sie tupfte sich die Tränen ab und presste das Taschentuch an die Nase. Ein wohliger Schauder überlief ihre Haut, als Fadis Finger zärtlich über ihren Arm strichen.
   »Ich weiß, es kommt überraschend. Irgendwann werden wir Gelegenheit haben, über alles zu sprechen, Mutter. Im Moment bitte ich dich nur um eines: Vertrau mir.«
   Sie schaffte es noch immer nicht, ihn anzusehen. Ihre Augen schwammen in Tränen und der Fluss würde erneut beginnen und nicht mehr aufhören, wenn sie tatsächlich einen Funken Zuneigung in seinem Ausdruck erkennen sollte. Ihr Herz wollte es so sehr, aber ihr Körper reagierte weiterhin mit Starre.
   »Ich muss mich kurzfassen, Mutter. Ich werde in Kürze Alessa heiraten und will mit ihr und dir die neuen Gebäude im Nordwestteil beziehen.«
   Sadia schnappte nach Luft. Ihr schwindelte und das Gefühl einer nahenden Ohnmacht trieb schwarze Flecken vor ihre Augen.
   Fadi drückte sie fester. »Nicht«, meinte er nur leise und strich ihr erneut sanft über den Arm. »Ich werde zwar einen Harem anlegen, weil Rashad es wünscht, aber die Damen werden nicht das Bett mit mir teilen. Ich liebe allein Alessa und dabei wird es bleiben. Nur muss ich Vaters Wunsch folgen, damit er nicht anfängt, mir zu misstrauen.«
   Sadia versuchte, die Worte in ihre aufgewühlte Gedankenwelt einzuordnen. Unglaube, Überraschung und der Wunsch, endlich den wahren Fadi wiedergefunden zu haben, tobten in ihrem Innersten. Sie brachte keinen Ton über die Lippen, doch endlich gelang es ihr, Fadis Blick zu erwidern. Sein Lächeln erreichte das dunkle Braun seiner Iriden und ließ Goldfünkchen darin tanzen.
   Sadia schnappte nach Luft. Das war ihr Fadi. Wann hatte sie diesen Blick zuletzt gesehen? Ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Diesen Tag hatte sie erträumt, so lange, und nun endlich war er gekommen.
   Alessa musste das Wunder vollbracht haben. Sie schloss das Mädchen tief in ihr Herz. Ein Leben lang würde sie ihr dankbar sein.
   »Du wirst es gut bei uns haben, Mutter. Und nicht nur du.«
   Sadia presste sich das Taschentuch vor die Augen. Wenn sie verheult aus dem Palazzo käme und irgendwelche Angestellten sie sahen, würde sich Fadi unangenehmen Fragen des Sheikhs stellen müssen. Das durfte auf keinen Fall geschehen.
   Ihr Blick hing an seinen Lippen, als er weitersprach.
   »Latifa kann jederzeit nach Hause zurückkehren. Ihr wird nichts passieren, dafür werde ich ebenfalls sorgen, denn ich weiß, wie sehr dich ihr Verlust quält.«
   Dieses Mal war es ein Schrei, den Sadia nicht unterdrücken konnte. Mit rauer Gewalt pressten sich die Tränen aus ihren Augen, unaufhaltbar, ein Strom viel zu lange unterdrückter Gefühle.
   Sie barg ihr Gesicht an Fadis Brust, verstand nicht die Worte, die er beruhigend murmelte. Die Zärtlichkeit half nach einer Weile, sich zu beruhigen, erst recht, als Fadi sie leise, doch mit sanftem Nachdruck an Rashads baldige Rückkehr erinnerte.
   »Ich habe einen Anwalt mit der Suche nach Latifa beauftragt. Es wird alles gut werden, glaub mir.« Fadi stand auf, ergriff ihre Hände und zog Sadia in den Stand.
   Seine starken Arme schlossen sich um ihren Oberkörper. Er zog sie an sich, legte seine Hand auf ihren Hinterkopf und drückte ihn sanft an seine Brust.
   Sadia atmete tief durch. Nur noch einen Moment seine Nähe genießen, sich an seinen Körper anlehnen, das Glücksgefühl auskosten, ihren Sohn in den Armen zu halten.
   »Latifas und Fatmas Flug geht am Dienstag«, sagte Fadi.
   Sadia war, als risse der Boden ihr die Füße weg. Hätte Fadi sie nicht festgehalten, wäre sie zusammengeklappt.
   »Es wird alles gut«, flüsterte er nah an ihrem Ohr. »Ich weiß, wie sehr du aus der Fassung bist, aber bitte glaub mir. Latifa wird in Sicherheit sein. Ich werde dafür sorgen, dass ihr niemals etwas zustößt. Der Sheikh wird sie nicht gegen ihren Willen verheiraten.«
   Die Gedanken in Sadias Kopf verworren sich zu einem wirren Knäuel. Sie schaffte es nicht mehr, einen klaren Gedanken zu fassen.
   »Es tut mir leid, Mutter. Du musst jetzt gehen.« Fadis Lippen strichen zärtlich über ihre Stirn. Langsam ließ er sie los.
   Er blieb zurück, während sie wie in Trance auf die Tür zuging. Sadia drehte sich nicht um, sie wusste, würde sie Fadi einen letzten Blick zuwerfen, wäre es um ihre mühsam beherrschte Fassung geschehen.
   Zum ersten Mal in ihrem Leben bedauerte sie, keinen Schleier zu tragen. Wenigstens hätte sie dahinter den Aufruhr ihrer Gefühle verbergen können und müsste nicht gewaltsam jede Regung ihrer Gesichtsmuskeln in eine eiserne Maske pressen.
   Während sie durch den langen Flur in Richtung Ausgang des Palazzos eilte, hätte sie beinahe die Stimme ihres Vertrauten Majid überhört. Aufgewühlt hielt sie inne.
   Der Bedienstete verneigte sich, fasste nach ihrer Hand, drückte sie und ließ sie gleich wieder los.
   Sie wünschte, er hätte ihre Finger länger festgehalten. Menschliche Wärme vermisste sie am meisten und gerade jetzt brauchte sie dringend jemanden, der ihr Halt gab.
   »Es tut mir leid, es gibt noch keine Neuigkeiten von Ihrem Bruder«, informierte Majid sie leise.

Dienstag, 27. September, Los Angeles

Hilfe! Ausgerechnet der Song Harem von Sarah Brightman lief im Radio, als Quinn mit Vanita und dem Privatdetektiv am frühen Morgen in ein Taxi stieg, das sie nach Orange County zum John Wayne International Airport fuhr. Obwohl sie geschworen hatte, sich durch nichts ängstigen zu lassen, lief ihr eine Gänsehaut über den Körper. Wenn etwas ein schlechtes Omen ausdrückte, dann wohl der Text Welcome to my Harem ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt.
   Ihr Blick suchte den ihrer Freundin. Vanita glich einem Gespenst. Ihre Lippen formten lautlos den Satz: »Lass uns umkehren.«
   Ausgerechnet das gab ihr Mut. So ein ausgemachter Blödsinn. Gerade noch hatte sie den Privatdetektiv bitten wollen, dem Fahrer zu sagen, er möge den Radiosender wechseln, da überkam sie ein Anflug von Übermut. Sie sang den Refrain mit und wischte das ungute Gefühl kurzerhand beiseite. Dummer Aberglaube. Sie würde sich weder beeinflussen noch verunsichern lassen. Saids Familie würde entsprechende Vorkehrungen getroffen haben, die Vanitas und ihre Sicherheit besser garantierten, als es bei einem Staatsbesuch von Barack Obama der Fall gewesen wäre.
   Der Privatdetektiv grinste breit. Seit Samstagnachmittag war er nicht mehr von ihren Seiten gewichen, doch ihre Wege würden sich in wenigen Minuten trennen.
   Nachdem auch Vanita sich nach dem Auftauchen des Mannes von der Echtheit des Ohrrings überzeugt hatte, war ihnen beiden klar gewesen, wie sie sich zu verhalten hatten. Damals, nach ihrer Flucht aus Dubai, war alles genau abgesprochen worden. Sollte irgendwann eine Rückkehr nötig sein, würde ein Vertrauter geschickt werden, der sich mit dem Schmuckstück auswies und alle erforderlichen Schritte einleitete. Der Grund würde sich aus einem Brief ergeben. Dass Sheikh Said bei einem Unfall ums Leben gekommen war, schmerzte, doch sie hatten gewusst, eines Tages würde es nur einen traurigen Grund für dieses Szenario geben.
   Eine Gefahr für Vanita und sie musste sich aber nicht zwangsläufig ergeben. Sie hätten sich auch ohne die finanzielle Unterstützung durchgeschlagen, nur war es auf dem bisherigen Weg ungleich einfacher und bequemer. Wenngleich sie das hinnahm und – zugegebenermaßen – auskostete, hätte es ihr nichts ausgemacht, auf die Zuwendung zu verzichten.
   Kein Geld der Welt konnte ihre Freiheit aufwiegen.
   Und außerdem war sie nicht für ein Leben in Reichtum geboren. Erst recht nicht in grenzenlosem Pomp und widerwärtiger Verschwendungssucht. Dass sie in ihrem neuen Leben zumindest davon weit entfernt waren, machte die Situation erträglich. Außerdem kam das Geld nicht von Sheikh Rashad und auch andere gut situierte Familien finanzierten ihren Sprösslingen das Studium. Damit gehörten Vanita und sie zwar immer noch zu einer Gruppe von Privilegierten, doch ganz so klein war diese nicht, wenn man mal hinter die Kulissen blickte. Wie oft hatten sie darüber diskutiert, welche Studenten schamloser waren? Diejenigen, die das Geld ihrer Eltern nahmen, denen es nichts ausmachte, die Summen aufzubringen, oder jene, deren Eltern oder Großeltern ihre Häuser oder Grundstücke verkauften, die Werke ihres Lebens, um den Sprösslingen die Zukunft zu finanzieren? Viele der Ersteren würden ihre Sonderstellung nicht mal zu schätzen wissen.
   Vanita und sie verbrauchten nur so viel Geld, um über die Runden zu kommen und unterstützten darüber hinaus soziale und gemeinnützige Projekte. Zumindest das verschaffte ihr etwas Erleichterung, wenn sie an den maßlosen Reichtum des Sheikhs dachte. Manche Menschen glaubten, man könne niemals zu viel Geld besitzen. Quinn war da anderer Meinung. Egal, von was man zu viel hatte – irgendwann hing es einem zu den Ohren raus und Geld machte keine Ausnahme.
   Im Gegenteil. Sie hatte zu lange nicht nur in einem goldenen, sondern in einem diamantenen Käfig gesessen und anschließend das echte Leben kennengelernt. Niemals wieder würde sie tauschen, obwohl wahrscheinlich die meisten Menschen sie für verrückt erklären würden. Aber die kannten eben auch nicht die andere Seite, eine, bei der Geld nicht mehr nur ein angenehmes Leben sicherte, sondern sich in unermesslicher Dekadenz verlor.
   Quinn vernahm nun doch mit einiger Erleichterung den Ausklang des Songs. Ihre Gedanken kehrten zu Samstagnachmittag zurück.
   Ihre Reisetaschen hatten für eine schnelle Flucht gepackt in den Schränken gestanden, und so waren sie Minuten nach Hiobs Erscheinen aufgebrochen, hatten die Nacht zu Sonntag in einem Hotel in Long Beach verbracht und die beiden darauf folgenden in jeweils anderen Unterkünften.
   Sie fühlte sich ruhiger als Vanita, die immer wieder nach Quinns Fingern tastete, um sich durch einen Händedruck beruhigen zu lassen.
   Der Taxifahrer öffnete die Tür und warme Luft flutete den Innenraum des Wagens. Quinn nahm ihre Handtasche und rutschte über die Sitzbank.
   Vanita hielt sie am Arm fest. »Es ist die letzte Möglichkeit, uns anders zu entscheiden«, sagte sie eindringlich. »Denkst du wirklich, wir tun das Richtige?«
   Zumindest wollte Quinn das glauben. »Wir werden unter den Touristen in Dubai nicht auffallen«, versicherte sie der Freundin zum wiederholten Mal. Ihr Herzklopfen igno­rierte sie, denn im Grunde benötigte sie selbst die stetige Wiederho­lung der Beteuerung, dass ihre amerikanischen Papiere echt waren, ihre Gesichter auf keinen Fall Fatma Masaad und Latifa Maron Memduha Antun Sa’ada erkennen ließen und in Dubai zu Hundert Prozent alle Vorkehrungen getroffen worden waren, um ihrer beider Sicherheit zu gewährleisten. Der Sheikh würde keine Bedrohung darstellen. Jedenfalls sagte das ihr Herz – denn das pochte seit Samstag lauter und energischer, machte sich bei jedem Gedanken bemerkbar und meldete sich zu allen Fragen mit einer einzigen Erwiderung: einem Gefühlscocktail aus Liebe, Zärtlichkeit und brennender Sehnsucht. Die Wirkung versetzte sie in einen Rausch.
   Es gab keine andere Entscheidung, keine Wahl. Sie musste nach Dubai.
   Endlich ließ Vanita sie los und Quinn stieg aus. Der Privatdetektiv blieb an ihrer Seite wie ein Freund, der gute Bekannte zum Flughafen begleitete. Er bezahlte den Fahrer, organisierte einen Gepäckwagen und begleitete sie zum Check-in.
   Früher war dies eine Prozedur, die sie nie mitmachen mussten. Wenn die Familie des Sheikhs irgendwohin flog und Frau oder Kinder und Personal ihn begleiteten, fuhr die Limousine direkt zum Rollfeld bis vor die Treppe des Privatjets. Von Gepäckkon­trollen, Sicherheitschecks und Schlangestehen vor einem Schalter hatten sie nie etwas mitbe­kommen, aber unbekannt war ihnen dies längst nicht mehr. Vanita und sie wa­ren mitt­lerweile mehrfach mit Linienflügen geflogen und selbst wenn sie es sich hät­ten leisten können, Business oder First Class zu buchen, um schneller abgefertigt zu werden, hät­ten sie sich jedes Mal freiwillig für die Standardvariante entschieden. Niemals wieder woll­ten sie sich von normalen Bürgern unterscheiden.
   Das Leben, das sie führen durf­ten, war das schönste, das sie sich vorstellen konnten.
   Für einen Moment zuckte der erschreckende Gedanke durch ihren Kopf, ob sie sich gerade davon verabschiedeten. Würden sie jemals nach Amerika zurückkehren? Waren ihre Ängste berechtigt und angebracht? Niemand wäre dumm genug, sich mit offenen Augen ins Verderben zu stürzen. Oder doch? Nein, es hieß korrekt, blind in sein Ver­derben zu rennen. Das tat sie nicht. Sie hatte sich ausreichend Gedanken um die Gefahren und Konsequenzen gemacht. Sie musste darauf vertrauen, dass es genug Sicherheit bot, mit ihrer geänderten Identität und ihrem neuen Aussehen als Touristin nach Dubai zu reisen. Immerhin gab es auch dort eine amerikanische Botschaft. Und sie war Ameri­kanerin. Nichts anderes. Prinzessin Latifa Maron Memduha Antun Sa’ada und Fatma Masaad gab es nicht mehr.
   Ließ sich Sehnsucht aufhalten und schaltete das Gefühl den Verstand aus?
   Vielleicht. Auf diese Fragen fand sie keine Antwort, die nicht mit einem schmerzhaf­ten Ziehen in der Brust verbunden war. Vielleicht redete sie sich all die beruhigenden Argu­mente nur ein.
   Ähm. Hieß es nicht doch: Mit offenen Augen ins Unglück rennen? Blind ins Ver­der­ben? Wie denn nun?
   Irgendwie verlor sie nach und nach die Fähigkeit, klar zu denken. Das konnte nur an der wachsenden Aufregung liegen, die sie sich bisher nicht hatte eingestehen wollen. Dieses Mal war sie es, die nach Vanitas Fingern tastete und sie umklammerte.
   In der Warteschlange am Check-in-Schalter ging es nur schleppend voran. Die Frau vor ihr, eine Mutter von zwei Teenagern neben einem gleichmütigen Ehemann ließ – zum wievielten Mal? – ein ohrenbetäubend schrilles Lachen erklingen, bei dem ihre Kinder beschämt versuchten, sich zur Seite zu drücken, um zu demonstrieren, nicht zu dieser Frau zu gehören.

*

Virge trat der Not gehorchend einen Schritt beiseite, doch das rettete ihn nicht vor dem schrillen Gezeter hinter ihm. Die Frau musste sich bei der Vergabe der Stimmen noch weiter hinten angestellt haben als in dieser Schlange. Genervt blickte er über die Köpfe der wartenden Passagiere hinweg. Gab es auf diesem verdammten Flughafen nirgendwo eine Wanduhr? Seine Teamkollegen und er waren so überstürzt aufgebrochen, sodass er kaum Zeit gefunden hatte, eine Reise­tasche zu packen. Und natürlich hatte er seine Arm­band­uhr im Bad auf dem Waschbecken liegen gelassen. Er würde sich in Indien eine neue kaufen und seinen Errungenschaften hinzufügen, die auf diese unfreiwillige Weise bereits fünfzehn oder sogar zwanzig Uhren zählten.
   Andere spotteten über die berühmt-berüchtigte Briefmarkensammlung, aber er konnte zumindest Uhren vorweisen. Wenn sich das nicht mal als einfallsreiche Masche heraus­stellen würde …
   Er drehte sich zur Seite und suchte im hinteren Bereich des Terminals nach einer Uhr. Resigniert gab er auf. Offenbar wollten die Flughafenbetreiber nicht, dass die Passagiere sich allzu leicht über Verspätungen oder lange Wartezeiten an den Schaltern mokieren konnten.
   Sein Blick steifte einen blauschwarzen Haarschopf mit einer frechen Kurzhaar­frisur. Die junge Frau hob den Kopf, als hätte sie sein Interesse gespürt. Kohlrabenschwarze Augen musterten ihn nicht weniger unverhohlen. Beinahe glaubte Virge, ein spöttisches Aufblitzen gesehen zu haben, bevor sich die Schönheit wieder ihrer Freundin zuwandte. »Du verpasst etwas«, sagte er aus dem Bauch heraus, ohne die Lippen zu bewegen und wusste nicht, ob er sich damit meinte oder die Schwarzhaarige. Als hätte sie ihn gehört, wirbelte ihr Kopf nochmals in seine Richtung und ein undurch­sichtiger Blick unter zusammengezogenen Augenbrauen traf ihn. Unmöglich! Sie konnte ihn nicht gehört haben. Seine Gabe, so leise zu sprechen, dass ein Gesprächs­partner in unmittelbarer Nähe glaubte, einen kleinen Mann im Ohr sitzen zu haben, der ihm eigene Gedanken einflüsterte, hatte er dank der Kombination mit seiner Bauchredner­kunst perfektioniert. Dennoch schoss ihm ein heißer Schauder über die Haut. Auf diese Entfernung war es unmöglich, seine Stimme zu vernehmen, die Schöne stand zu weit entfernt.
   Bevor sich Virgin weitere Gedanken machen konnte, brach in der Nähe des Ausgangs Unruhe aus. Einige Frauen stießen spitze Schreie aus, jemand rief um Hilfe, ein anderer forderte lautstark einen Notarzt. Für einen Moment verebbte das allgegenwärtige Gemurmel, sämtliche Blicke richteten sich auf die Menschen­traube. Mehrere Männer beugten sich hinab, knieten offensichtlich neben einer Person am Boden.
   Ein paar Schritte weiter zückten zwei Zivilbeamte ihre Polizeimarken und hielten sie zwei Männern unter die Nase. Wie aus dem Nichts umringten plötzlich weiteren Polizis­ten die kleine Gruppe und versperrten Virge den Blick auf die Handlung. Kurz darauf wurden die beiden Männer in Handschellen abgeführt. Virge sah ihnen nach, doch plötzlich erweckte etwas anderes seine Auf­merksamkeit.
   Am Rand der Menge stand ein Mann, der seine Rechte vor dem Jackett in der Waagerechten hielt und einen Mantel über den Unterarm gelegt trug. Diese Geste wirkte zu aufgesetzt, um zufällig zu sein. Eher, als würde sich der Kerl verge­wissern, ob er seinen Auftrag erfüllt hatte. Er verschmolz mit den Gaffern, damit er nicht auffiel. Die Hand nahe an der Waffe, um sie verschwinden zu lassen oder im Falle einer notwendigen Flucht sofort ziehen zu können. Der kaltschnäuzige Blick signalisierte die Selbstsicherheit des Killers. Er war überzeugt, seine Tat sauber ausgeführt zu haben und nicht beob­achtet worden zu sein. Virge hätte sein rechtes Ei verwettet, dass am Boden ein Opfer lag, das wahrscheinlich eine töd­liche Schussver­letzung aufwies. Die Polizisten hatten die falschen Männer verhaf­tet. Der echte Killer würde ihnen durch die Lappen gehen.
   Die Flughafenpolizei trieb mittlerweile die Schaulustigen fort und Mr. Ich-wars-Nicht ließ sich ebenso missmutig wie einige andere mit lang gestrecktem Hals und halb seit­wärts, halb rückwärts gehend, von den Ordnungskräften in Richtung einer Warte­lounge lenken. Der Ablauf war naheliegend. Die Beamten würden die Perso­nalien aufnehmen, nach Zeugen suchen und niemanden finden, der etwas zu dem Geschehen sagen konnte. Vielleicht ein oder zwei Wichtigtuer, die etwas gesehen haben wollten, das nur Ermittlungen aufwarf, die Zeit und Geld koste­ten, aber ins Leere liefen. Und der Mörder würde in Kürze unbehelligt aus dem Flughafen mar­schie­ren. Niemand würde ihm je auf die Schliche kommen.
   Wären sie nicht zu einem Einsatz unterwegs, der keinen Aufschub duldete, hätte er Dix und Nash, die nicht minder interessiert die Szene beobachteten, darüber informiert, was er gesehen hatte. Der Kerl wäre keine zehn Schritte von der Stelle ge­kommen, dann hätten sie ihn trotz Waffe überwältigt und der Polizei übergeben. Doch sie konnten sich keinen Zeitverlust erlauben. Simbas tot geglaubte Zieh­mutter befand sich in Indien möglicherweise in Gewalt von Erpressern, die Virges Team in ihre Gewalt bringen wollten. Den anderen G.E.N. Bloods und ihm blieb keine Mög­lichkeit, als die Konfrontation zu suchen, wollten sie sich nicht kampflos ihren Gegnern ausliefern. Bereits am vergange­nen Freitag hatten sie einen Angriff abge­wehrt. Virgin war nicht mit im Einsatz gewesen, nur Simba, Neil, Wade und Dix. Kurz vor ihrem Auftrag, ein Schmugglernest auf Rosa Island auszuheben, hatte das gegnerische CT-Team – die Abkürzung für »Catch them«, wie ihr Anführer Max sie getauft hatte – dem Einsatzteam der G.E.N. Bloods über Schokoriegel ein Medikament untergejubelt, das Wades Riechvermögen außer Kraft gesetzt hatte. Nur dadurch war es ihnen gelungen, Simba, Neil, Wade und Dix auf der Insel zu überraschen und sie anzugreifen. Dennoch schafften es die G.E.N. Bloods, die Gegner in die Flucht zu treiben. Nachdem deren Plan gründ­lich schiefgegangen war, folgte gestern Abend ein weiterer erfolgloser Angriff und heute in aller Frühe hatte er diese verhängnisvolle Nachricht des CT-Teams im Briefschlitz gefunden.
   »Hey, träumst du?«
   Virge bekam einen Stups in den Rücken und drehte sich um. Auto­matisch rückte er in der Schlange auf. Als er die Schwarzhaarige hinter sich erblickte, schwand seine Empö­rung und er legte ein Grin­sen auf sein Gesicht.
   »Nur von dir.«
   »Lügner!«
   Er zwinkerte ihr zu und wandte sich wieder um. Leises Bedauern grummelte in seinem Inneren, doch für einen weitergehenden Flirt war nun wirklich nicht die passende Gelegenheit.
   Er sah erneut Richtung Ausgang. Die Menschenmenge hatte sich mittler­weile aufgelöst und übrig blieb ein mit Flatterband abgesperrter Bereich, hinter dem paraventähnliche Abschir­mungen aufge­baut worden waren. Dahinter hockte ver­mutlich bereits ein Spuren­sicherungs­team und ging seiner Arbeit nach.
   In Gedanken sah sich Virge mitten unter ihnen. Es hätte nicht viel gefehlt und er hätte vor einigen Jahren eine Karriere bei der Polizei gestartet. Na ja, Karriere war übertrieben, er hätte erst mal eine entsprechende Ausbildung absolvieren müssen. Seit er ein kleiner Jun­ge war, hatte er diesen Traum verfolgt. Wären seine Eltern nicht auf mysteriöse Weise gestorben – verschwunden – hätte er heute sein Ziel erreicht haben können.
   Mit halbem Ohr lauschte er der Unterhaltung zwischen Dix und dem Black Boy Nash Rayo. Nash hatte Dix und ihn erst am Flughafen über seine Begleitung infor­miert. Gleichzeitig war ein weiterer Black Boy mit Simba und Neil auf dem Weg zum Flug­hafen in San Diego, von wo aus sie mit einer Zwischen­landung in New York nach Mumbai fliegen würden, während Dix, Nash und er über Dubai nach Indien reisten. Trotz der unterschiedlichen Routen würden sie fast gleichzeitig eintreffen.
   Lügner!
   Wie recht sie damit hatte. Mittlerweile konnte er das Kribbeln im Nacken nicht mehr ignorieren. Wahrscheinlich bildete er sich ihren Blick nur ein, der dennoch prickelnde Schauder über seine Haut jagte.
   »Virge?«
   Er schreckte auf. »Was?«
   »Deinen Pass.« Dix maß ihn vorwurfsvoll und erst jetzt fiel Virgin auf, dass sie bereits am Schalter standen und die Frau dahinter wartend die Hand ausstreckte.

Die Sitzplätze in der Economyclass teilten sich in zwei Dreier­reihen außen und eine Viererreihe in der Mitte. Ihre Nummern lagen in der vordersten Viererreihe gleich hinter einer der Bordküchen. Wenigstens konnten sie hier die Beine aus­strecken, wenn schon keiner von ihnen am Fenster saß.
   Virgin quetschte sich zwischen Dix und Nash, der Platz neben dem Black Boy blieb leer. Obwohl seine Körperlänge Virge erneut den Vorteil brachte, bequem über die Sitz­reihen hinwegblicken zu können, entdeckte er den schwarzen Kurzhaar­schopf nicht. Dabei verrenkte er sich beinahe den Hals. Entweder versank sie tief in ihrem Polster, oder sie saß weiter vorn im nächsten Abschnitt des Fliegers, den er durch die Unter­teilung nicht einsehen konnte. In der Business oder First Class vermutete er sie nicht, dann hätte sie nicht mit der Holzklasse in der Schlange angestanden. Sich jedoch weiter­hin suchend nach ihr umzudrehen, kam nicht infrage. Außerdem forderte der Black Boy seine Aufmerksamkeit. Dass es damit nicht weit her war und Nash ihm einen mahnenden Blick zuwarf, wurmte ihn. Er sollte sich besser im Griff haben und sich nicht durch eine harmlose Begegnung derart aus der Bahn werfen lassen.
   »Eure Reaktion vorhin im Terminal war ausgezeichnet«, sagte Nash.
   Wie hatte Virge nur annehmen können, er sei der Einzige gewesen, der den Killer unter den Schaulustigen entdeckt hatte? Es hätte ihm klar sein müssen, dass dem Black Boy – der über eine gute Portion mehr Erfahrung verfügte als alle G.E.N. Bloods zusam­men – nichts entgangen sein konnte. Auch Dix’ Gesichts­ausdruck verriet, dass er genau wusste, worum es ging.
   »Du träumst zu viel.« Nash klappte die Ablage aus seiner Armlehne und legte sein Smartphone darauf. »Lasst uns besprechen, wie wir in Indien vorgehen.«
   Virge zwang sich, dem Black Boy aufmerksam zuzuhören und die Bilder auf dem Display zu betrachten. In Mumbai würden sie einen Kontaktmann treffen, der sie mit Waffen ausstattete. Sie besprachen die Lage im Zielgebiet, das Wetter, die geogra­fischen Gegebenheiten und welches Teammitglied welche Rolle einnehmen würde. Dix mit sei­ner Gabe, Funkwellen zu orten und abzu­hören, würde zur Spitze des Teams gehören, Virgin übernahm mit Nash die Rücken­deckung.
   »Wir sollten versuchen, jetzt zu schlafen«, meinte Dix, nachdem sie alles Wichtige bespro­chen hatten.
   Unweigerlich hob Virgin den Arm, um auf die Uhr zu sehen. Fuck! Gefühlt mussten sie seit etwa zwei Stunden unterwegs sein. Lagen also noch rund zwölf Stunden Flugzeit bis zum Umsteigen vor ihnen. Er stellte seine Rückenlehne zurück und schloss die Augen. Mit Schlafen hatte er nie ein Problem, obwohl es erst auf den frühen Nachmittag zuging. In der Regel brauchte er nur die Augen zu schließen, einen angenehmen Gedanken zu verfolgen, und schon fand er sich in seinen Träumen wieder. Nur dieses Mal wollte es nicht gelingen.
   Die Schwarzhaarige entsprach keinem Wunschdenken oder einer Erin­nerung, son­dern saß in greifbarer Nähe. Diese Gewissheit hielt ihn eher wach als dafür zu sorgen, dass er mit schmutzigen Gedanken wegnicken konnte.
   Er versuchte, sich eine andere Frau hinter die Lider zu zaubern. Vorzugsweise zwi­schen zwanzig und dreißig, sportlich, dunkelhaarig, intelligent; mit großen, pech­schwar­zen Augen und einem frechen Glitzern darin. Eine niedliche Stupsnase, ein voller, roter Mund mit einem perfekt geschwungenen Amorbogen. Ein Grübchen am Kinn, wenn sie lächelte. Schatten von den langen Wimpern auf den Wangen, sobald sie die Lider senkte. Herr im Himmel! Fiel ihm nichts anderes ein?
   Ruhelos knetete er seine Finger. Unmöglich, einzuschlafen. Er löste seinen Gurt und stand auf.
   Als er über Dix’ lang ausgestreckte Beine stieg, öffnete dieser ein Auge, knickte träge seinen rechten Arm ein und wies mit dem Daumen nach hinten. »Ich würde die hinteren Klos nehmen.« Er zwinkerte. »Natürlich nur, damit du nicht schon wieder Schlange stehen musst.«
   »Was tut man nur ohne wahre Freunde?« Er betrachtete die Wartenden mürrisch und ignorierte Dix’ dreckiges Grinsen, als er sich Richtung Heck wandte.
   Die meisten Passagiere schlie­fen, lasen oder starrten auf die in der Rückenlehne des Vordersitzes eingelassenen Bordmonitore und verfolgten das Inflight-Programm oder spielten Video-Games.
   Und da war sie! Mit geschlossenen Augen saß sie in der vorletzten Reihe, wo sich der Rumpf des Flugzeugs verengte und nur noch Zweierreihen an den Fensterseiten ange­bracht waren.
   Ihre Freundin schien zu schlafen, denn ihr Mund klaffte leicht auf und ihr Kopf hing zur Seite. Nicht so die Schwarzhaarige. Obwohl es durchaus sein konnte, dass auch sie schlief, spürte er ihre Aufmerksamkeit genau. Ein ungewöhnliches Gefühl breitete sich in seinem Kopf aus, erinnerte ihn an den Auf­enthalt im Terminal, nur dass er das Kribbeln dort auf ihren Blick in seinem Nacken zurückgeführt hatte. Nur Hexen konnten durch geschlossene Lider hindurchsehen, oder?
   Verflucht! Ihm schwindelte. Unwillkürlich fuhr sein Arm nach oben und er stützte sich beim Laufen an den Gepäckfächern ab, ging an der Schwarzhaarigen vorbei, ohne dass sie sich regte oder er den Schritt verlangsamte. Sobald er ihr den Rücken kehrte, ließ das Gefühl nach. Es verschwand nicht völlig, aber es sorgte wenigstens nicht mehr für Gleich­gewichtsstörungen. Heiliger!
   Was sollte das gewesen sein? Etwas Gleichartiges war ihm nie zuvor passiert.
   Erleichtert zog er die schmale Kabinentür hinter sich zu und lehnte sich mit dem Rücken an. Das Kribbeln ließ nicht nach, obwohl ihn die Bordwand von der Frau trennte. Sich nur wenige Schritte von ihr entfernt zu befinden, schien auszu­reichen, um seine Hormone derart durcheinanderzuwirbeln, dass es ihm körper­liche Unruhe berei­tete. Sein Puls pochte in den Schläfen und wollte sich nur wider­strebend beruhigen. Lagen diese merkwürdigen Empfindungen tatsächlich an ihr? Niemals zu­vor hatten Frauen solche Gefühle ausgelöst, egal, wie attraktiv oder charmant sie waren. Manch­mal hatte er schon befürchtet, schwul zu sein – aber Männer lösten noch weniger Reaktionen bei ihm aus. Um genau zu sein: Gar keine!
   Virgin drehte sich zum Waschbecken. Die Enge des Raumes wirkte plötzlich erdrü­ckend. Er wusch sich die Hände und legte die feuchten Handflächen auf seine Wangen. Sie glühten. Er musste sich unbedingt beruhigen, wollte er nicht mit hoch­rotem Kopf den Rückweg zu seinem Sitzplatz antreten. Virge betrachtete sich im Spiegel. Die Hitze kam nur von innen, seine Hautfarbe hatte sich nicht verändert. Ein leises Grollen zwängte sich aus seiner Kehle. Wenigstens würde er nicht ihrem Blick begegnen, sofern sie sich nicht zu ihm umdrehte. Oder er sich zu ihr – doch dieses Verlangen würde er tunlichst unterdrücken.
   Schweißperlen rollten ihm über den Nacken, als er sich wieder auf seinen Sitz schob.
   Mittlerweile war er vollkommen überzeugt: Diese Frau wirkte auf ihn wie eine Droge, versetzte ihn in einen Rausch. Je näher er ihr kam, desto heftiger schlug sein Herz, desto schnel­ler musste er atmen und ein Kribbeln legte sich wie eine Membran um seinen Körper.
   Waren das die Auswirkungen, wenn man sich verliebte?
   Soweit er sich erinnerte, war er niemals richtig verliebt gewesen. Eine Zeit lang während und nach der Pubertät hatte er sich gefragt, was mit ihm nicht stimmen mochte. Virge fühlte sich nicht andersartig und pflegte ein gutes Verhältnis zu Frauen und Männern. Er gehörte wohl zu der altmodi­schen Sorte, stellte er eines Tages fest. Natürlich hatte er es gegen­über seinen Freun­den niemals zugegeben, welche romantischen Vorstellungen ihm vor­schwebten. Es würde ausar­ten, wenn er sich ausführliche Gedanken darum machte. Im Mondlicht spazieren gehen, gemeinsam am Strand liegen und den Wellen lauschen, im tiefen Gras Hand in Hand dem Wind zuhören; das waren nur einige der Szenarien, die er sich mit einer Part­nerin ersehnte. Schneller Sex, One-Night-Stands, offene Bezie­hun­gen, Wett­eifern, wer es schaffte, die meisten Frauen flachzulegen – all das hatte ihn nie gereizt und die Frage, ob er deshalb unnormal war, hatte er irgend­wann tatsächlich mit Ja beantwortet. Nur mit dem guten Gefühl, in dieser Beziehung sehr gern unnormal zu sein und zu bleiben.
   Die eine, die große, einzig­artige, alles umwerfende Liebe, seine zweite Seelen­hälfte, würde ihm eines Tages begegnen – oder auch nicht. Wenn ihm dieses Glück verwehrt bleiben sollte, dann nahm er es eben hin. Mit weni­ger würde er sich jedenfalls niemals zufriedengeben und nicht glücklich sein. Da war es einfacher, auf eine Beziehung zu verzichten und sich wenigstens keinen Stress anzutun.
   Seine damaligen Freunde hätten ihn ausgelacht und verspottet. Auch bei den G.E.N. Bloods gab es bisher niemanden, dem er sich nahe genug fühlte, um sein Innerstes nach außen zu kehren. Aber zumindest keimte da ein positives Gefühl. Freundschaften muss­ten reifen, und ihre kleine Gruppe befand sich auf einem guten Weg. Dix hätte er sich als Freund vorstellen können, auch Wade, Neil oder Jay-Eff. Max nicht zu ver­gessen. Seth war nicht unsympathisch … eher undurchsichtig und Simba sehr ver­schlos­sen. Der kam noch weniger als Virge aus seinem Schneckenhaus hervor.
   Seine Lider wurden schwer. Er lehnte den Kopf zurück und versuchte, seine Gedan­ken einzuschläfern.

*

War ja klar. Quinn sah in den Augenwinkeln, wie sich weiter vorn ein Passagier er­hob. Sofort spürte sie es, sie wusste es. Der Typ aus dem Terminal kam durch den Gang auf sie zu. Sie schloss die Augen und lauschte auf sich nähernde Schritte, die sie erst vernahm, als er ihr bereits sehr nahe sein musste. Mit aller Willenskraft zwang sie sich zur Ruhe, unterdrückte das Zittern ihrer Lider.
   Irgendetwas stimmte mit diesem Mann nicht. Nicht nur, dass sich sein Herannahen mit geschlossenen Augen wie das Heranpirschen eines Raubtieres anfühlte, das man nicht sah, von dem man aber wusste, dass es sich nicht unweit irgendwo in der Dunkelheit verbarg; in der Nähe dieses Mannes hatte sie plötzlich geglaubt, einen Kobold im Ohr sitzen zu haben, dabei hörte sie sonst nie Stimmen im Kopf. All ihre Entscheidungen, ihre Über­legungen, selbst das Für und Wider, wenn sie mit unterschiedlichen Gesichtspunkten eine Ent­scheidung zu treffen versuchte, entsprangen ihrer einzigen, eigenen und nüch­ternen Stimme. Sie hatte noch nie das Gefühl gehabt, jemand anders flüsterte ihr einen Gedan­ken ein.
   »Du verpasst etwas!«
   Sie hatte diesen Kommentar im Terminal genau gehört und war überzeugt, er konnte nur von ihm stammen. Es verwirrte sie, dass sich seine Lippen nicht bewegt hatten und auch Vanita hatte nichts gehört. Dabei hätte er schon mit erhobener Stimme spre­chen müs­sen, um ihn über die – wenn auch geringere – Entfernung und den Lärm­pegel hin­weg ver­stehen zu können. Sie hatte Vanita auf dem Weg ins Flugzeug das merk­würdige Gefühl geschildert, das sie bei der Begeg­nung seines Blickes gespürt hatte. Van und sie sprachen über alles, was ihnen auf den Seelen lag. Nur hatte auch Van diesmal keine Erklärung finden können. Das muss über­sinnlich sein, hatte ihre Freundin vermutet – doch an so etwas glaubte Quinn nicht. Eine andere Erklärung wollte ihr jedoch ebenfalls nicht einfallen und auch nicht dafür, erneut seine Stimme zu hören, als er an ihr vorbeiging.
   Du schaffst das, Junge. Nur ruhig Blut. Nicht hinschauen.
   Sie fröstelte und der plötzliche Kälteschauder rief sie zur Ordnung. Ihre Fantasie brannte mit ihr durch. Sie traute sich zwar nicht, die Augen zu öffnen und dem Riesen ins Gesicht zu sehen, aber das konnte er unmöglich gesagt haben. Blieb also nur die Fähigkeit, seine Gedanken zu lesen. Eine hübsche Vorstel­lung, die ihr umso besser gefiel, je länger sie darüber nachdachte. Eine solche Gabe hätte unzwei­felhaft einige Vorteile. Sie könnte sicher sein, dass der Mann, dem sie vertraute, ihre Gefühle aus tiefstem Herzen erwiderte. Oder auch nicht. Sie würde wissen, was ihm auf der Zunge brannte, ohne es auszusprechen, und sie könnte ihm nicht nur Wünsche von den Augen ablesen, sondern seine geheimsten Träume ergründen. Dazu wüsste sie, ob er offen und ehrlich auf sie ein­ginge, ob er ihr zuhörte, mit ihr fühlte, wenn sie sich ihm anvertraute – oder ob er nur so tat, als wäre er ein Frauenversteher und in Wahrheit langweilte er sich zu Tode.
   Ganz nett, das alles zu wissen, doch ob es auf Dauer angenehm blieb? Selbst in einer perfekten Beziehung würde sie vielleicht früher oder später lieber nicht mehr ständig die Gedanken des anderen lesen wollen. Könnte man überhaupt noch abschalten? Ohne Beeinflussung seine eigenen Überlegungen verfolgen? Manche Menschen würde das wahrscheinlich nicht stören. Doch wenn sie daran dachte, dass es ihr unmöglich war, konzentriert zu arbeiten, wenn ein Fernseher im Hintergrund lief, dann würden ständig präsente fremde Gedanken­gänge sie auch stören. Sie verstand nicht, wie andere es schafften, vor einer Kulisse von Hintergrundgeräuschen ihre Arbeit zu verrichten. Bewundernswert. Musik störte Quinn nicht, aber Gequassel konnte sie nicht vertragen.
   Dreh dich nicht um. Geh einfach ganz locker weiter.
   Das durfte doch nicht wahr sein! Gänsehaut kroch ihr vom Nacken den Rücken hinab. Dieses Mal hatte sie ihn nicht gesehen oder kom­men gehört, nur ein leichter Luftzug verriet den dezenten Duft seines Rasierwassers. Nur, dass sie es erst roch, nachdem sie bereits diese Eingebung gehabt hatte.
   Sie wartete einen Moment, während dem sie sich nicht traute, Luft zu holen. Dann öffnete sie die Lider einen Spalt weit, sodass es aus der Entfernung betrachtet noch im­mer aussehen musste, als hielte sie die Augen geschlossen. Besser war besser, sollte er sich zu ihr umdrehen. Zwischen den Wimpern hindurch starrte sie auf seinen brei­ten Rücken. Hoffentlich tat er es nicht wirklich und warf ihr einen Blick über die Schulter zu. Sie würde wahrscheinlich nach Luft schnappen wie ein Fisch auf dem Trockenen.
   Sein Kopf reichte beinahe bis an die Decke des Flugzeugs. Mit seinen schmalen Hüften schob er sich durch den engen Gang, ohne an den Sitzen anzuecken. Wenn er an Reihen vorbeikam, in denen Passagiere saßen, deren Schul­tern in den Gang reich­ten, drehte er sich zur Seite, um sie nicht anzustoßen. Diese geschmeidigen Bewegun­gen bereiteten ihr eine prickelnde Gänsehaut. Als Mann war er schon eine Attraktion, das musste sie zugeben. Schon seine überdurch­schnitt­liche Größe bewun­derte sie. Ob­wohl er sehr schlank war, beinahe dürr, wirkte er nicht schlaksig oder ungelenk. Außerdem hatte er dieses gewisse Etwas, das ihn zu einem verführerisch attraktiven Mann machte, aber nicht zu einem Schönling. Seine langen Beine wirkten kraftvoll, aber nicht übertrieben athletisch. Seine Jeans verbarg nicht einen offenbar knackigen Hintern. Andere Männer bewegten sich betont lässig, um männlich zu wirken, ihm jedoch schienen die geschmeidigen Bewegungen angeboren zu sein, ohne dass sie aufgesetzt und machohaft wirkten. Unter seinem T-Shirt erahnte Quinn kraftvolle Muskeln, ohne dass diese anabolikageschwängert antrainiert wirkten. Es besaß von allem eine Portion Vollkommenheit, und doch fehlte es immer an einem Quäntchen Perfektion, die ihm das Aussehen eines dieser Machoman Dancers verliehen hätte. Ein Mann, wie sie sich ihn in ihren Träumen ausmalen würde. Hätte sie denn solche.
   Sein kantiges Gesicht hatte sich dafür nach nur zweimaligem Ansehen bereits in ihrem Gedächtnis verankert. Das Blau seiner Augen beeindruckte sie am meisten. Wie ein strah­lender Sommerhimmel. Tief und klar. Er hatte sich heute nur flüch­tig rasiert, denn als sie im Terminal hinter ihm stand und er sich zu ihr umdrehte, hatte sie einen kleinen Schnitt an seinem Hals entdeckt. Die Rasur wirkte überhastet, dennoch stand ihm der Bartschat­ten gut. Mit glatt rasier­tem Gesicht würde er wahrscheinlich uner­fahren und bübchenhaft wirken, so jedoch betonten die dunklen Bartstoppel seine Gesichtsform, sein Kinn und die Wangenpartie, und legten interessante Konturen auf seine Kieferknochen. Er wirkte dadurch älter. Ende zwan­zig vielleicht? Genauso gut konnte er einige Jahre jünger sein, und wahr­scheinlich würde er mit Mitte vierzig und noch weit in die Fünfziger hinaus seine Attrak­tivität beibehalten, ohne einen Bauch anzusetzen, die Haare zu ver­lieren oder teigige, schlaffe Gesichts­haut zu bekommen, womit viele ab einem gewissen Alter zu kämpfen hatten. Er hin­gegen müsste wahrscheinlich tonnen­weise Feuch­tigkeitscreme benutzen, damit ihm die Haut nicht wie gegerbtes Leder über die Knochen spannte.
   Sie lachte innerlich.
   Endlich platzte so etwas wie ein Kno­ten in ihrem Gehirn und jetzt grinste sie vor sich hin, weil sie es schaffte, ihre einge­bildeten Merkwürdigkeiten als das abzutun, was sie schließlich waren: Fantaste­reien. Sie hatte weder eine Stimme gehört noch Ge­danken gelesen, sondern war ein­fach nur mit ihrer Fantasie ein gutes Stück übers Ziel hinaus­geschossen.
   Der Geruch nach Essen zog ihr in die Nase und von hinten hörte sie Klappern. Sie warf einen Blick über die Schulter, obwohl ihr klar war, was sie sehen würde. Zwei Flugbegleiterinnen begannen, Essen und Getränke zu verteilen.
   Bisher hatte sie das Knurren ihres Magens mit Erfolg unterdrückt, doch jetzt mel­dete sich der Hunger mit Nachdruck. Auf Reisen, selbst auf kurzen Strecken mit der Straßenbahn, bekam sie ständig einen unbändigen Appetit, während Vanita vermutlich wie immer be­reits nach zwei Bissen ihre Portion von sich schieben würde.
   Es roch aber auch verlo­ckend. Säße sie weiter vorn und müsste noch eine halbe Stunde auf das Essen warten, obwohl der Geruch ihr schon das Wasser im Mund zusammentrieb, würde sie garantiert eines furchtbaren Todes sterben – nicht, weil sie verhungerte, son­dern wegen der Folter.
   Sanft stupste sie Vanita an. »Süße? Bist du wach?«
   »Hmm«, brummte ihre Freundin nur und stopfte ihre Strickjacke zwischen Kopf und Bordwand, um sich bequemer anzulehnen. Also kein gesteigertes Interesse, auch gut. Als die Stewardess jedoch fragte, was sie trinken wolle, meldete sich Van als Erste.
   »Wasser! Und wenns geht, gleich zwei Becher, bitte.«
   Vanitas Wunsch wurde erfüllt. Quinn bestellte Tomatensaft, was sonst? Sie sah den Flugbegleiterinnen hinterher, wie sie die nächsten drei Sitzreihen bedien­ten und ver­suchte, verstohlen an ihnen vorbei nach vorn zu sehen. Vergebens, das hätte ihr klar sein müssen.
   Dennoch hätte sie gern gewusst, ob er sich vielleicht zwi­schendurch zu ihr umdrehte und ob sich ihre Blicke treffen würden.

Ein Ruck weckte Quinn.
   Verwirrt richtete sie sich auf und sah zum Fenster hinaus. Als sie erkannte, dass sie gerade gelandet waren, überfluteten sie widersprüchliche Gefühle. Vorfreude ließ ihr Herz schneller pochen und eine undefinierbare Angst trieb ihr Schweiß auf die Haut.
   Sonnen­strahlen blendeten sie und kitzelten ihre Nase. Sie sah auf ihre Armband­uhr, die sie bereits vor Stunden auf die lokale Zeit in Dubai umgestellt hatte. Die Glut der frühen Nachmittagshitze würde sie gleich beim Aussteigen aus dem klimati­sierten Flugzeug wie mit einem Hammerschlag vor den Kopf begrüßen. Obwohl es gefühlt Nacht sein müsste, spürte Quinn keine Erschöpfung. Vielleicht würde sie dem Jetlag einfach ein Schnippchen schlagen.
   Ihr Körper kribbelte vor gespannter Erwartung. Ob jemand Vanita und sie abholte? Ihre Familien würden sie nicht mal erkennen.
   Planmäßig hätte der Flug um 14:40 Uhr landen sollen, sie waren eine halbe Stunde zu früh dran.
   Das Terminalgebäude zog draußen an ihnen vorbei. Eigentlich hatte Quinn erwartet, das Flugzeug würde unverzüglich einen der Landestege ansteuern, doch sie ließen den Komplex hinter sich. Sie beugte sich zu Vanita, die noch schlaf­trunken vor sich hinstarrte.
   »Lass mich mal genauer raussehen, bitte.«
   Van drückte sich gegen die Bordwand, sodass Quinn mehr Raum blieb, um dichter an das Fenster heranzurutschen. Das Anschnallzeichen war noch nicht erloschen, doch einige Passagiere standen bereits in den Gängen und öffneten die Gepäckfächer. Eine Tasche fiel hinunter und streifte Quinns Bein.
   Ihr entfuhr ein erschreckter Laut. Der Treffer tat zum Glück nicht weh; und weil sie unbedingt erfassen wollte, warum sich das Flugzeug immer weiter vom Ter­minal ent­fernte, warf sie nur einen kurzen Blick über die Schulter, nickte der Frau zu, die eine Entschuldigung stammelte, und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder nach draußen.
   Sie fuhren in Richtung der Han­gars.
   Gleich dahinter lag der Bereich, den der Chauffeur des Sheikhs stets an­gesteuert hatte, um sie zu dem Privatjet zu bringen. Sie stöhnte leise.
   »Van, sieh mal hinaus«, forderte sie ihre Freundin auf, doch die hatte noch immer den Schlaf in den Augen stehen. »Mist! Mach schon, irgendwas stimmt hier nicht.« Jäh stieg ihr Hitze in den Kopf, Schweißperlen bildeten sich in ihrem Nacken.
   »Was denn?«, nörgelte Vanita und bequemte sich endlich, hinauszu­blicken.
   »Siehst du es? Wir sind längst am Ankunftsterminal vorbei.«
   Vanita nahm ihr die Sicht und drückte ihre Nase an die Scheibe.
   »Du hast recht«, murmelte sie.
   »Mist!« Ein ungutes Gefühl bereitete ihr Schwindel. Quinn ließ sich in den Sitz zurück­sacken. Mittlerweile waren auch andere Passagiere aufmerksam geworden und das bunte Stimmengewirr verschiedener Sprachen schwoll an.
   Bei dem Gong, der durch die Lautsprecher plärrte, trat schlagartig Stille ein.
   Eine Flugbegleiterin bat darum, die Plätze erneut einzunehmen. Der Ausstieg werde sich um einige Minuten verzögern.
   »Na toll.« Quinn verstand nicht, wieso, und ärgerte sich, dass die Stewardess die Pas­sagiere im Dunklen ließ. Die mussten doch schließlich wissen, wo die Problematik lag.
   Tief in ihrem Inneren kannte sie die beiden Gründe beim Vornamen und wollte es nicht wahrhaben.
   Das Flugzeug stoppte auf einer Freifläche weitab der nächsten Gebäude. Wieder starrte Quinn aus dem Fenster. Dunst lag über der Stadt, der Himmel wirkte weiß statt blau, obwohl es keine Wolken waren, die dem Hochsommer sein kräftiges Lapislazuli raubten.
   Die Turbinen gaben ihr schrilles Geheul auf und verstummten.
   Auch die Passagiere wurden leiser. Wo zunächst noch aufgeregtes Geschnatter herrschte, breitete sich mehr und mehr Verständnislosigkeit aus. Viele pressten die Gesichter an die Bordfenster, andere machten merkwürdige Bewegungen mit den Armen.
   Moment! Quinn verengte die Augen, um im Halbdunkel der Kabine besser sehen zu können. Dann erkannte sie es. Der Mann drei Reihen vor ihr schüttelte sein Handy, als wollte er es zum Leben erwecken. Sie schob sich in ihrem Sitz höher. Auch seitlich von ihr und weiter hinten hiel­ten Leute Mobiltelefone in den Fingern, allerdings telefonierte niemand.
   Sie zupfte am Kragen ihres T-Shirts und fächelte sich Luft zu.
   »Du weißt, was das bedeutet?«, flüsterte Vanita beinahe tonlos.
   Quinn nickte und schluckte. »Vielleicht ist es nicht das, was wir fürchten.« Sie wollte die Hoffnung nicht aufgeben, dass es doch nichts mit ihnen zu tun hatte.
   Vanita straffte die Schultern und Quinn sah die Gänsehaut, die ihrer Freundin über die Arme lief.
   »Es ist Zeit, unsere Rollen einzunehmen.« Als hätte sich ein Fallbeil gelöst, veränder­ten sich Vanitas Gesichtszüge. Wo bis gerade noch der verschlafene Ausdruck einer unbe­schwerten jungen Frau stand, wandelte sich das Antlitz in eine bewegungs­lose Maske gekünstelten, majestätischen Hochmuts. Selbst Vanitas Bewegungen wirk­ten anders: geziert, dünkelhaft, einstu­diert.
   Allerdings sah nur Quinn das so. Beinahe jeder andere Mensch würde Attribute wie süß, niedlich, kindlich oder attraktiv nennen. Van hatte ihr langes Haar im Nacken um ihre Hand gewunden. Mithilfe einiger Haarklammern steckte sie die Mähne zu einer kunst­vollen Hochsteckfrisur auf, für die mancher Friseur sie bewundern würde. Ihr Kopf wirkte dadurch größer, die Stirn höher, das Gesicht rundlicher.
   »Halt mal, bitte.« Van drückte ihr einen winzigen Taschenspiegel in die Finger und ver­wandelte ihre Augen mit wenigen geschickten Schminktricks in große, dunkle Seen, denen nicht viel an Ähnlichkeit zu den riesigen Augen einer Mangafigur fehlte. Quinn wusste, worauf all das hinauslief. Das Kindchenschema. Bestimmte Schlüsselreize lösten sowohl in der Tier- als auch in der Menschenwelt gezielte Reaktionen aus: Für­sorge, Hilfsbereitschaft, Kümmerungsverhalten.
   Ein hilfebedürftiges Mädchen, eine niedliche, süße Prinzessin.
   Eine Zielscheibe für jeden, der sie suchte und nicht wusste, nach wem er Ausschau zu halten hatte.
   »Zieh nicht so ein Gesicht.« Vans Tonfall passte nicht zu ihrem Aussehen. »Strike!« Die Schärfe in dem Befehl, der nicht nur »Treffer« bedeutete, sondern auch »Angriff«, löste eine eingeimpfte Reaktion in Quinn aus.
   Sie übernahm ihre Rolle als Beschützerin und Untergebene.
   »Wie lange stehen wir jetzt in dieser Warteposition?«, fragte Vanita.
   »Zwanzig Minuten«, antwortete Quinn und sah erst danach auf ihre Uhr. Das Gefühl hatte sie nicht getrogen.
   Wie gelassen die meisten Passagiere auf die unerklärliche Verzögerung reagierten. Wurde es nicht Zeit, dass jemand die Flugbegleiter aufforderte, nähere Informa­tionen zu erteilen?
   »Ob ich mal zu einem der Flugbegleiter gehen soll?«
   »Nein«, meinte Van. »Wir werden uns vollkommen zurückhalten.«
   Quinn rückte dicht an ihre Freundin heran. »Glaubst du, was ich glaube?«
   »Der Sheikh?«
   Sie nickte.
   Vanita erwiderte nichts, ließ sie nicht an ihren Gedanken teilhaben, aber was brachte es auch, herumzuspekulieren? Darin war Vanita ihr schon immer weit voraus gewesen. Ihre Freundin ließ sich selten bis nie dazu hinreißen, aus einer Situation mögliche Fol­gen zu konstruieren oder Vermutungen anzustellen, was wäre, wenn … Sie verließ sich nur auf Fakten. Stand etwas unwiderlegbar fest, war es ihrer Meinung nach früh genug, sich um die Konsequenzen Gedanken zu machen. Diese Charaktereigenschaft fügte sich in Vans sonstige Art: ruhig, überlegt, zurückhaltend, schüchtern, niemals laut oder aufdringlich, manchmal sogar eher nüchtern, majestätisch beherrscht – eigentlich so, wie man es von einer Prinzessin erwartete, oder?
   Quinn hingegen würde in Bezug auf sich sofort die Wesenszüge impulsiv und eilfertig unterschreiben. Manchmal. Nein, sie ging zu hart mit sich ins Gericht. Sie traf nur ihre Entscheidungen schneller, aber trotzdem nicht unüberlegt. Dass ihr das Nachteile gegen­über Vanita einbrachte, die drei oder vier Mal so viel Zeit benötigte, um nach­zudenken, hatte sie in all den Jahren niemals festgestellt.
    »Hallo?«
   Quinn schrak auf.
   Ihr Sitznachbar auf der anderen Gangseite ließ dem Ausruf mehr­fach ein »Miss? … Miss! … Miss?« folgen und sein Tonfall gewann mit jedem Mal an Lautstärke.
   »Moment bitte, Sir«, antwortete eine der Flugbegleiterinnen über das Mikrofon.
   Ein Baby begann zu weinen, erst leise und wimmernd, dann krähte es mit zuneh­mender Lautstärke, bis der Ausbruch einem Wutanfall glich. Der Grund der Aufregung zog mit süßlich-markanter Schärfe durch die Reihen. Bei zunehmendem Ausmaß wür­de sich eine Metanglocke über die Passagiere stülpen und sie ersticken, sodass sich Quinn um den Grund der Verzögerung keine Gedanken mehr zu machen brauchte. Sie kramte nach einem Taschentuch und wischte sich über die Stirn. Seit die Trieb­werke des Flugzeugs verstummt waren und die Klimaanlage nicht mehr lief, musste es um gefühlte zehn Grad wärmer geworden sein. Die Sonne stach nun seitlich durch die Bordfenster der gegenüberliegenden Seite. Einige Fluggäste hatten bereits die Klappen an den Fenstern geschlos­sen.
   »Sir«, sprach Quinn den Mann in der Sitzreihe neben sich an, und hoffte, er würde keinen Anlass darin sehen, sie in ein Gespräch zu verwickeln, »wären Sie so nett, den Passagier am Fenster zu bitten, die Klappe zu schließen – beziehungsweise, meine Bitte weiterzugeben?« Sie blinzelte gegen die Sonnen­strahlen.
   »Mach mal«, sagte er und stieß mit der Schulter einen vielleicht fünfzehnjährigen Jun­gen an. Dieser drehte den Kopf und sagte: »Mom?« Die Ange­spro­chene folgte der Aufforderung und flüsterte einem jungen Mädchen neben ihr ins Ohr. Die Kleine saß am Gang und beugte sich zu der Frau hinüber, die in der Fenster­reihe außen saß, diese wiederum sagte etwas zu dem Mann neben ihr, der daraufhin die Klappe hinunterschob. Das war doch mal eine Stille Post, die funktioniert hatte. Wäre die Situation eine andere, hätte Quinn über den Dominoeffekt ihrer Bitte herzlich lachen müssen. Sie bedankte sich und drehte sich rasch um.
   »Liebe Fluggäste«, tönte es aus den Lautsprechern, »hier spricht Mike Sullivan. Sie erinnern sich? Ich bin Ihr Kapitän.«
   Vereinzelt ertönte leises Lachen. Quinn fand es unmöglich und sich nicht in der Lage, die Heiterkeit zu teilen.
   »Die Flughafenkontrolle bittet um Geduld. Offenbar sind einige Flugdaten durch­ein­andergeraten. Folglich wurde uns zwar die Landung gestattet, nicht jedoch die Ein­reise der Passagiere. Alle erforderlichen und möglichen Schritte seitens der Fluggesell­schaft sind einge­leitet und wir können zurzeit nichts anderes tun, als zu warten.« Sulli­van legte eine Pause ein. Jetzt lachte niemand mehr, aber die Sprachlosigkeit währte nur einen Atemzug, dann setzte gedämpftes, jedoch deutlich aufgeregtes Gerede ein.
   »Bitte bleiben Sie ruhig, liebe Fluggäste. Die Situation wird sich in kürzester Zeit klären. Unsere Flugbegleiterinnen verteilen jetzt kostenlose Getränke und mein Team und ich halten Sie auf dem Laufenden.«
   »Wer zahlt mir meinen Verlust, weil ich meinen Anschlussflug verpasse?«, rief ein Mann.
   »Mein Glückshotel-Zimmer ist nur bis 16 Uhr reserviert und wenn ich bis dahin nicht einchecke, kann es anderweitig vergeben werden«, klagte eine Frau zwei Reihen vor Quinn. »So steht es in meiner Reisebestätigung, sehen Sie hier.« Sie wedelte mit einem Blatt Papier in der Luft.
   »Wir brauchen eine frische Windel für unser Baby.« Ein junger Mann stand auf und wandte sich nach vorn. »Hat jemand einen Vorrat?«
   Sie grinste. Einen Babyvorrat?
   »Wisch ihm die Kacke doch einfach um die Ohren«, fauchte der Mann neben ihr.
   Quinn schnappte nach Luft. »Also …«, entfuhr es ihr, »dieser Kommentar war wirk­lich unmöglich und absolut überflüssig.«
   Vanita stieß ihr mit dem Ellbogen in die Seite. »Halt dich da raus!«
   Mehrere Passagiere nestelten an den Gepäckfächern. Quinn fiel ihr Mobiltelefon wie­der ein. Sie zog es aus ihrer Handtasche und schaltete es ein. Es dauerte ihr viel zu lange, bis das Gerät hochfuhr und sie den PIN-Code eingeben konnte.
   »Wir haben keinen Empfang.«
   »Wenn es das ist, was ich glaube«, sagte Vanita ruhig, »dann stehen wir auf einem Flugfeld, auf dem sämtliche Funkwellen blockiert werden.«
   Quinn schob das Gerät in ihre Jeans. »Du glaubst, das können die so einfach machen?«
   »Nicht die … wen immer du meinst. Sieh mal raus.«
   Sie schob sich mit dem Oberkörper an Van vorbei und drückte die Nase ans Fenster. Wie von einer Tarantel gestochen schnellte sie zurück.
   »Was …!«
   »Militär. Erst waren es nur zwei Fahrzeuge, mittlerweile sind es sieben. Und sieh mal dort.« Vanita zeigte hinaus.
   Quinn erfasste sofort, was sie meinte. Eine ganze Kavallerie schob sich mit schweren Fahrzeugen auf das Flugfeld zu.
   »Shit!«
   »Das ist noch nicht alles. Das da …«, wieder zeigte Vanita auf eine Stelle, »ist viel schlimmer.«
   Sprachlos betrachtete Quinn die schwarze Limousine mit den flatternden Fähnchen auf der Motorhaube, die auf das Flugzeug zurollte. Ihr Blut schien mit einem Mal wie heißes Öl durch ihre Adern zu rinnen. Ihre Kehle wurde eng. Unwillkürlich legte sie beide Hände an den Hals, dann auf ihre glühenden Wangen.
   »Das ist ein Wagen des Sheikhs.«
   Vanita nickte nur, doch sie schob ihre Finger um Quinns mittlerweile zur Faust geball­te Hand. Auch andere Passagiere waren aufmerksam geworden.
   »Ich will auf der Stelle wissen, was da draußen los ist«, donnerte eine Männerstimme durch das Flugzeug. »Lassen Sie mich durch!«
   Eine Frau schrie auf, wie auf Kommando fingen zwei oder drei Kleinkinder an zu weinen. Das mitleiderregende Plärren zerrte an Quinns Nerven. Am liebsten hätte sie eingestimmt, erst recht, weil all diese Menschen nur wegen Vanita und ihr in dieser Klemme steckten. Sie presste die Hände auf ihren Magen.
   »Shit! Shit! Shit!« Es gab kein Entkommen. Keine Möglichkeit zur Flucht.
   Hartes Gepolter ließ sie aufschnellen. Der Mann, der gerade energisch Informa­tionen gefordert hatte, hämmerte mit einer Faust gegen die Bordwand, an der ihm zwei Crew-Mitglieder den Durchgang versperrten.
   »Sullivan! Mister«, brüllte er. »Sie schulden uns eine Erklärung.«
   Die Flugbegleiterinnen redeten auf den Mann ein, was sie sagten, verstand Quinn auf diese Entfernung nicht. Noch dazu näherte sich der allgemeine Lärmpegel einem uner­träglichen Niveau.
   »Ruhe, bitte«, donnerte eine neue Stimme durch die Kabine. »Bitte bewahren Sie alle Ruhe und begeben Sie sich auf Ihre Plätze.« Der Mann, der sprach, schien seinem Befehlston nach zu urteilen Übung darin zu haben, eine aufgebrachte Menschenmenge zu beruhigen. Sein Tonfall strahlte nicht nur Autorität aus, sondern auch eine gewisse Beruhigung. Etwas, das Sicherheit verhieß und das unausgesprochene Versprechen: Ich kümmere mich um das Problem.
   Quinns Blick huschte zwischen dem Gang und dem Fenster hin und her. Mit­zu­bekommen, was im Flugzeug vor sich ging, verlor jedoch schlagartig an Bedeutung. Die Limousine stoppte wenige Schritte von der Tragfläche des Flugzeugs entfernt. Mit angehaltenem Atem wartete Quinn auf das Öffnen der Türen, doch nichts rührte sich.
   »Glaubst du, er ist es?«
   »Der Sheikh begibt sich niemals in Person hierher«, flüsterte Vanita so leise, dass Quinn sie beinahe nicht verstand. Das wunderte sie nicht.
   Würden die anderen Passagiere auch nur ahnen, wer für dieses Malheur verant­wortlich war, würden Van und sie wahrscheinlich gelyncht werden. Noch wahrscheinlicher würde man sie an Armen und Beinen packen und aus dem Flugzeug stoßen, direkt in den Rachen des unten wartenden Monsters.
   Seit wann vertrat sie so eine schlechte Meinung über andere Menschen? Quinn schüt­telte sich innerlich und rief sich zur Ordnung. Doch dann überwog wieder die negative Auffassung. Von einem Haufen Fremder durften sie keinen Zusammenhalt erwar­ten. Jeder war sich selbst der Nächste, wenn es um die eigene Haut ging.
   Wie konnte sie nur so denken?
   Sie fixierte wieder den Durchgang zum nächsten Abteil. Der Mann lamentierte noch immer mit den Flugbegleiterinnen, aber sie ließen ihn nicht passieren.
   »Ich halte das nicht aus«, stieß Quinn hervor. »Ich … ich muss hier raus.«
   Wie ein Schraubstock schlossen sich Vanitas Finger um ihr Handgelenk.
   »Lehn den Kopf zurück und schließ die Augen. Atme tief ein und aus.«
   Hitze stieg Quinn in den Kopf, Tränen brannten in ihren Augen. Raus! Nur raus!
   »Quinn! Beherrsch dich! Los jetzt. Atme!«
   Sie versuchte, ihre Panik niederzuringen. Wenn sie durchdrehte, half sie weder sich noch jemand anderem. Bilder längst vergessen geglaubter Zeiten tobten vor ihren ge­schlossenen Lidern, das klaustrophobische Gefühl, in einer Zwangsjacke zu stecken, schnürte ihr weiterhin die Brust ein. Sie dachte an das Leben im Harem, die Enge, obwohl der Komplex nahezu einem kleinen Stadtteil glich. Sie würde lieber an Ort und Stelle ersticken, als in die Fänge des Sheikhs zu geraten und das Leben zu führen, das er ihr zugedachte.
   Vanitas Fingernägel bohrten sich schmerzhaft in ihre Haut.
   Unendlich langsam gelang Quinn ein tiefes Durchatmen.

*

Virgin schob sich durch den Gang nach hinten. Dieses Mal hatte er die linke Reihe gewählt, um sich nicht ablenken zu lassen. Die meisten Passagiere wichen vor ihm aus und setzten sich freiwillig auf ihre Sitze. Einige musste er höflich bitten, und nur zwei oder drei bedurften einer etwas nachdrücklicheren Aufforderung. Die Flugbegleiter hatten schnell erkannt, was Dix, Nash und er taten und dass ihr autoritäres Auftreten Wir­kung zeigte. Sie ließen sie gewähren, allerdings nicht, ohne sie aus den Augen zu ver­lieren und ihrerseits durch die Reihen zu gehen und die Passagiere um Beherr­schung zu bitten. Dix ging im rechten Gang nach hinten, Nash hatte sich nach vorn in Richtung des aufrüh­rigen Kerls bege­ben. Es dauerte nur wenige Minuten, bis die Passagiere alle wieder auf ihren Plätzen saßen.
   »Sir«, sprach eine der Flugbegleiterinnen Virge vor den hinteren Toiletten an. »Vielen Dank für Ihre Hilfe und die Ihrer Kollegen, aber würden auch Sie jetzt bitte wieder Ihre Plätze einneh…«
   Eine Detonation ließ den Boden des Flugzeugs erzittern. Panische Schreie ver­schluck­ten den dumpfen Knall.
   Virge wirbelte herum. »Sitzen bleiben!«, befahl er. Sein Blick raste durch die Kabine bis zur Unterteilung. Kein Feuer. Kein Rauch. »Ist jemand verletzt?«
   Niemand in seinem Umfeld reagierte. Er hastete nach vorn und traf auf Nash. Ein Kopfschütteln genügte. Auch in seinem Bereich war offenbar nichts passiert.
   Aus der gegenüberliegenden Gangreihe schloss Dix auf. »Die Kabine in diesem Bereich ist sauber. Die Explosion könnte im Frachtraum gewesen sein.«
   »Bitte bewahren Sie Ruhe«, knisterte die Lautsprecher­stimme des Kapitäns.
   »Verdammt, sparen Sie sich die dämlichen Floskeln und sorgen Sie dafür, dass wir hier rauskommen«, brüllte ein Mann. »Ehe wir hier alle in die L…«
   Virge war bei ihm, bevor er den Satz zu Ende brachte. Er legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Bitte, Sir«, sagte er eindringlich, »schüren Sie keine Panik.« Oder du bist der Erste, den es erwischt, fügte er im Flüstermodus hinzu. Besser, du duckst dich tief in deinen Sitz und kraulst deine Eier – vielleicht zum letzten Mal in deinem Leben.
   Der Mann krächzte, brachte aber kein Wort mehr über die Lippen. Virge wusste, er packte den Kerl zu hart an, doch Typen wie er brauchten harsche Worte, um zum Schweigen gebracht zu werden. Eine Panik, die der Mann anderenfalls vielleicht auslöste, war das Letzte, was sie gebrauchen konnten.
   »Im Laderaum hat es offenbar eine Explosion gegeben«, informierte Sullivan. »Die Bordcomputer melden keine relevanten Zerstörungen, bitte bewahren Sie Ruhe. Wir hal­ten Sie auf dem Laufenden … einen Moment, bitte.«
   Virge drückte die Schulter des Mannes ein letztes Mal und ging rasch zu Dix und Nash zurück. Hast du schon versucht, Funkwellen abzuhören?
   Dix schob ihn einige Schritte voran bis hinter die nächste Zwischenwand. »Vorhin bereits, aber es scheinen Störsender aktiv zu sein«, sagte er sehr leise.
   Hast du dennoch etwas mitbekommen können?
   »Nein. Ich müsste mich tiefer in Trance versetzen, dann vielleicht …«
   Was glaubst du, wie schwerwiegend es ist?
   »Ein harmloser Sprengsatz, kaum mehr als ein paar Chinaböller.«
   Die Lautsprecher knarzten, dann erklang wieder die Stimme des Piloten. »Es tut mir sehr leid. Soeben erhielten wir Informationen über die Drohung eines Erpressers. Kein Passagier darf das Flug­zeug verlassen, sonst werden weitere Sprengsätze gezündet.«
   Damned! Woher hatte der Kapitän diese Informationen? Wenn der Funkverkehr ge­stört …
   »Die Fluggesellschaft nimmt Verhandlungen auf. Es werden die bestmöglichen Sicher­heitsvorkehrungen getroffen.«
   Na klar! Wenn hier alles hochging, halfen auch nicht die Rettungswagen, die sich drau­ßen in zweiter und dritter Reihe formiert hatten. Und woher bezog der Kapitän diese Informationen? Konnte es sein, dass nur gezielte Informationen durch­gelassen wurden? Warum blockierte man den übrigen Funkverkehr, sodass nicht mal Handys funktionier­ten?
   Einige Frauen und Kinder weinten. Mehrere Flugbegleiterinnen eilten zwischen den Sitzen hin und her und versuchten, sie zu beruhigen.
   Ein Mann kam auf Dix, Nash und Virgin zu.
   »Buck Taylor. Ich bin der leitende Flugbegleiter. Sie wollten mich sprechen?« Sein Blick wanderte zwischen ihren Gesichtern hin und her und blieb an Nash hängen.
   »Richtig.« Der Black Boy zog einen Ausweis aus der Tasche. »FBI. Es sind über­wiegend amerikanische Staatsbürger an Bord. Im Interesse unserer Landsleute überneh­men wir die Ermittlungen.« Er steckte den Ausweis wieder ein.
   Der Flight-Attendant nickte. »Ich werde den Kapitän unterrichten. Ein Teil der Crew ist gerade dabei, die First Class und die Business Class zu räumen.«
   »Wie viele Passagiere sind an Bord?«
   Taylor las von einem Klemmbrett ab. »First Class: zwei Personen; Business Class: dreiundzwanzig; Economy: hunderteinundsiebzig. Plus fünfzehn Crew-Mit­glieder.«
   Machte zweihundertelf Menschen an Bord.
   »Haben der oder die Erpresser bereits eine Forderung gestellt?«
   Taylor schüttelte den Kopf. »Nur, dass die Ausstiege nicht geöffnet werden dürfen.«
   »Und zur Untermauerung seiner Drohung haben sie ein kleines Feuer­werk im Fracht­raum veranstaltet. Wie ist es heutzutage noch möglich, Sprengsätze in ein Flug­zeug zu schmuggeln?« Virge zeigte dem Mann mit einer Grimasse, was er von den Sicherheitsvorkehrungen hielt, obwohl der arme Kerl nichts dafürkonnte.
   Taylor zuckte hilflos mit den Schultern.
   Er hatte ohnehin keine Ant­wort erwartet und selbst wenn er eine bekom­men hätte, änderte das nichts an ihrer Situation.
   Er musterte Nash und trat einen Schritt näher an ihn heran. FBI, he?
   Taylor ergriff wieder das Wort. »Das Flugzeug unterteilt sich in vier Abschnitte. Hinter dem Cockpit liegen zwei Toiletten und eine Bordküche, daran schließt sich die First Class an. Dahinter folgt die Business Class und wieder eine Bordküche und zwei Toiletten. Die Economyclass ist in zwei Abschnitte geteilt und verfügt über eine Bordküche und zwei Toiletten jeweils in der Mitte und am Ende.« Er schlug ein Blatt auf seinem Klemmbrett um und zeigte ihnen eine Sitzplatzlegende. »Mein Team besteht aus zwölf Flight-Attendant. Es sind ausreichend Plätze frei, um die Passagiere aus First und Business in Economy umzusetzen. Jeweils sechs Flight-Attendants werden die beiden Economy Abteile betreu­en.«
   »Sind Sky Marshals an Bord?«
   »Ja. Zwei.«
   »Können Sie die Männer für uns identifizieren?«
   Der Flugbegleiter tippte auf seine Skizze. »17 C und 32 H.«
   »Lassen Sie den Herren die Information zukommen, dass wir an Bord sind und dass sie sich weiterhin bedeckt halten sollen.«
   »Ja, Sir.«
   »Wir werden uns in die Business Class zurückziehen. Erteilen Sie Ihren Leuten sämt­liche erforderlichen Anweisungen und folgen Sie uns dann.«

»FBI, ja?« Virge sprach leise, aber nicht in seinem Flüstermodus.
   »Was immer du willst.« Nash grinste breit. »CIA, FBI, NSA, Navy SEALs, DIA …«
   »Defense Intelligence Agency? Der Geheimdienst des Pentagons?”
   »General Powells Beziehungen reichen weit. Er wird das hier klären, sobald es ausge­standen ist.«
   Darauf würde er wetten. Die weitreichenden Beziehungen hatte Max bereits mehr­fach erwähnt und soweit Virge wusste, profitierte ihr Teamführer auch davon. Wenn sie heil aus dieser Sache herauskamen, wurde es Zeit, dass Max endlich ein­mal ein paar Ein­blicke in diverse Themen offenbarte.
   Buck Taylor betrat die Business Class. »Ich habe bereits den Kapitän informiert.« Er griff zur Bordwand und reichte einen Telefonhörer in ihre Richtung. »Wer von Ihnen will mit Mr. Sullivan spre­chen?«
   Dix hatte sich mit geschlosse­nen Lidern in seinem Sitz zurückgelehnt.
   Nash nahm den Hörer entgegen. »Nash Rayo. FBI. – Danke, das hoffe ich auch. – Bitte schildern Sie mir das Gesche­hen seit dem Landeanflug.«
   Virge rückte dichter an Nash heran, um die Notizen lesen zu können, die der Black Boy in einer großen, steilen Handschrift auf einen Block kritzelte.
   13:58 Anflug eine halbe Stunde zu früh
   14:00 Landeerlaubnis ohne Probleme
   14:17 Unmittelbar nach der Landung erste Information, dass sich der Ausstieg verzögere
   14:24 Vorübergehende Unterbrechung des Funkverkehrs, Ausfall aller Signale
   14:27 Mitteilung, dass die Einreise verweigert wird
   14:33 Detonation
   14:37 Mitteilung der Erpresser-Drohung, seither kein Kontakt (möglich)
   Der Pilot war tatsächlich nicht schlauer als die Passagiere.
   »Welche Beschädigungen liegen vor?«
   »Die Bordelektronik zeigt keine Ausfälle«, wiederholte Nash Sullivans Aussage.
   Für die offenbar geringe Schadenshöhe vermutete Virge zwei gute Gründe: Der oder die Erpresser wollten das Flugzeug nicht fluguntauglich beschädigen und es sollte nie­mand verletzt werden. Ein Warnschuss, sozusagen. Aber warum stellte er keine wei­tere Forderung? Allein, dass kein Passagier die Maschine verlassen durfte, konnte nicht sein Ziel sein. Was bezweckte der Erpresser? Geld. Darum ging es doch in den meis­ten Fäl­len. Wenn es sich auch jetzt so verhielt, dann war eine entsprechende Forderung viel­leicht noch nicht gestellt worden, oder Air-Emirates hatte sie noch nicht weitergegeben. Aber was sollte der Militäraufmarsch draußen? Es gab keinen Grund, das Flugzeug zu stürmen. Irgendetwas passte nicht zusammen. Dieser Aufmarsch war viel zu schnell vonstatten gegangen, beinahe, als wäre das Flugzeug erwartet worden.
   Nash bedankte sich bei Sullivan und reichte den Hörer an Taylor zurück.
   Eine Flug­begleiterin betrat die Business Class und wandte sich an ihren Kollegen. »Die Sky Marshals sind informiert. Sie beobachten die Lage und halten sich erst mal zurück.«
   »Danke«, sagte Taylor. »Sonst noch etwas?«
   »Da ist eine junge Frau, die darum bittet, zu den drei Herren zu dürfen.«
   Virge stockte der Atem.
   »Sie klang sehr eindringlich.«
   »Ist es eine zierliche Schwarzhaarige mit Kurzhaarfrisur?«, fragte er.
   »Ja.«
   Er stand auf. »Ich gehe zu ihr und frage, was sie will.«

»Nichts! Es dringt kein einziges Wort aus irgendeinem verdammten Sende…« Dix un­terbrach sich abrupt, als Virge die Schwarzhaarige und ihre Freundin vor sich her in den Bereich der Business Class schob.
   »Das sind Quinn Kirby und Vanita Blankenship«, stellte Virgin die Frauen vor. »Mrs. Kirby hat uns etwas Wichtiges zu sagen.«
   »Nein«, fuhr die Blonde auf und schob sich vor ihre Freundin. »Es tut mir leid, es han­delt sich um ein Missverständnis.« Sie ergriff Quinns Handgelenk. »Komm, wir gehen wie­der.«
   »Nicht so schnell!« Virgin verstellte ihr den Weg in dem schmalen Gang. »Diese Diskussion hatten wir doch gerade schon.«
   Die Blonde ließ ihre Freundin nicht los. »Muss ich dich wirklich daran erinnern, wer das Sagen hat?, fragte sie in einem Ton, der nach einer Mischung aus Chili und Kapuzinerkresse schmeckte.
   Quinn hob trotzig den Kopf. »Das weiß ich, Durchlaucht. Ich kann trotzdem nicht anders.« Sie entzog ihrer Freundin den Arm mit einem Ruck. »Dieser Auflauf dort drau­ßen gilt uns.«
   Vanita ließ sich aufstöhnend in einen freien Sitz sinken und schlug die Hände vor ihr Puppengesicht.
   »Was veranlasst Sie zu dieser Annahme?«
   Wenn Virge geglaubt hatte, in Nashs Stimme würden Spott oder Unglaube liegen, weil er die Frauen als Aufschneiderinnen einschätzte, sah er sich getäuscht. Der Gesichtsausdruck des Black Boys zeigte Interesse und Sorge. Genau das, was Virge empfand. Gerade, weil sich die Freundinnen uneinig waren, ob sie nun plaudern sollten oder nicht, glaubte er, dass sie etwas Wichtiges zu berichten haben könnten.
   Er legte eine Hand auf Quinns Arm und widerstand dem Impuls, zurückzu­zucken, ob­wohl er das Gefühl hatte, als jagten Stromstöße durch seinen Körper. »Bitte setz dich, Quinn.«
   Sie glitt in einen der breiten Polstersitze. Virge reichte jeder der beiden Frauen eine Dose Coke und nickte Quinn auf­munternd zu. Ihre Freundin brütete mit einem feindlich gesinnten Gesichts­aus­druck vor sich hin. Wahrscheinlich wollte sie noch immer nicht, dass Quinn redete, wusste aber nicht, wie sie das verhindern sollte.
   »Also, wie kommst du zu dieser Ansicht?«
   »Ich bin Prinzessin Latifa Maron Memduha Antun Sa’ada«, ergriff unerwartet Vanita das Wort. »Meine Begleiterin ist meine Leibeigene, Fatma Masaad. Diese schwarze Limousine draußen gehört meinem Vater, Sheikh Rashad ibn Schalal ibn Antun Sa’ada. Vor fünf Jahren sind Fatma und ich mithilfe der Familie meiner Mutter aus Dubai geflohen, weil ich gegen meinen Willen verheiratet werden sollte. Offenbar sind wir einer Intrige aufgesessen, die uns zur Rückkehr bewogen hat. Und jetzt wartet die Kavallerie draußen auf uns.«
   »Moment«, sagte Virgin. »Angenommen, deine Aussage stimmt, weshalb gibt es eine Forderung, dass kein Passagier die Maschine verlassen darf?«
   »Dieser Wagen gehört definitiv dem Sheikh«, warf Quinn ein und führte erneut ihre Hand zum Mund, um weiter an ihrem Fingerknöchel zu nagen. Die Haut rötete sich bereits.
   Bist du ein Piranha?
   Sie zuckte zusammen und ihr Arm schoss nach unten. Ihr Mund öffnete und schloss sich, ohne dass ihr ein Ton entwich.
   »Ich habe darüber bereits nachgedacht«, meinte Vanita und beendete den für eine Sekunde verstörenden Moment zwischen Quinn und ihm, von dem außer ihnen beiden offenbar niemand etwas mitbekommen hatte. »Möglicherweise hat die Familie meiner Mutter von den Plänen des Sheikhs erfahren und versucht zu verhindern, dass wir in seine Hände fallen.«
   »Und die einzige Möglichkeit dazu ist, ein Flugzeug auf dem Rollfeld zu kapern und den Ausstieg der Passagiere zu verhindern? Wie können dazu im Vorfeld ein oder mehrere Sprengsätze platziert worden sein?« Virge schob die Hände tief in seine Hosentaschen und betrachtete die Blonde skeptisch.
   Vanita zuckte hilflos die Schultern. »Es wäre aber das einzig Logische.«
   »Ein Kräftezehren zweier Parteien«, sagte Nash. »Zumindest würde das erklären, warum sich die Sache hinzieht, ohne dass konkrete Forderungen gestellt werden, aber …«
   Die Prinzessin nickte heftig. »Außerdem besitzt der Sheikh weite Anteile an der Flughafengesellschaft. Es wäre ein Leichtes für ihn, Einfluss zu nehmen, auch auf das Militär. Der Familie meiner Mutter unterliegt ebenfalls ein großer Teil der Befehlsmacht innerhalb des Regionalkommandos der Streitkräfte.« Sie rutschte auf den Nachbarsitz ans Fenster. »Die Soldaten und Fahrzeuge dort gehören zur Dubai Defence Force«, sagte sie und zeigte hinaus auf einen Punkt, den Virgin nicht verfolgen konnte. »Die meisten Führungskräfte stammen aus dem weiten Kreis der Familie meiner Mutter.«
   »… aber ich glaube nicht, dass …«
   »Moment!«, unterbrach Vanita den Black Boy zum zweiten Mal. »Das hier ist wichtig und ich bin noch nicht fertig.« Sie wies erneut nach draußen. »Die andere Hälfte des Militärauflaufs zählt zur Abu Dhabi Defence Force. Auf dieses Regionalkommando hat Sheikh Rashad großen Einfluss. Das gesamte Militär der Vereinigten Arabischen Emirate ist geprägt durch Rivalitäten zwischen den Emiraten und dem Offizierskorps, vorrangig aufgrund der familiären Bindungen zwischen den herrschenden Familien.« Vanita rückte vom Fenster ab. Ein Ausdruck von Eigensinn beherrschte nun ihr Gesicht.
   Für einen Moment flackerte Virgin das Bild eines mittelalterlichen Scheiterhaufens vor Augen. Eine Hexe wurde zu den bereits züngelnden Flammen an den Holzscheiten geführt. Langes blondes Haar umspielte ihre Figur bis an die Hüften. Wilde Entschlossenheit, sich nicht gehen zu lassen, prägte ihr Antlitz. Stolz, Unnachgiebigkeit und der eiserne Wille, sich selbst treu zu bleiben und nicht vor den Schergen der Inquisition zusammenzubrechen.
   Nash lächelte. Er stand auf und trat auf Vanita zu. »Ich wollte sagen, ich glaube nicht, dass eine der beiden Familien dafür gesorgt hat, dass Sprengsätze im Flugzeug angebracht wurden. Wenn sie so großen Wert darauf legen, Sie in die Hände zu bekommen, Prinzessin, dann würden sie doch nicht riskieren, dass Ihnen etwas zustößt, oder?«
   Zögerlich schüttelte Vanita den Kopf.
   »Also könnte eine dritte Partei im Spiel sein, die den beiden anderen ins Handwerk pfuscht.« Er beugte sich hinab und sah aus dem Fenster. »Sie haben recht, Prinzessin.« Seine Stimme klang so samtweich, wie Virgin sie nie zuvor gehört hatte. Ob der blonde Hüne Gefallen an dem Puppengesicht fand? »Es sind tatsächlich zwei unterschiedliche Gruppen dort draußen. Die Militärfahrzeuge unterscheiden sich in ihren Tarnfarben und den Formen der Tarnflecken, wenn man genau hinsieht.«
   Warum war das wieder mal etwas, das ihm entgangen war? Er versuchte, Nashs Gedankengänge nachzuvollziehen. Die beiden Frauen waren vor fünf Jahren aus Dubai geflohen, um den Plänen des Scheichs zu entkommen. Dabei erhielten sie Unterstützung seitens der Familie von Vanitas Mutter. Die Prinzessin hatte von einer Intrige gesprochen, die sie dazu gebracht hatte, zurückzukehren. Initiiert von welcher der Familien? Eigentlich spielte das keine Rolle. Die andere musste davon erfahren haben und versuchte nun, zu verhindern, dass Vanita in die Hände der Gegenseite fiel.
   So weit klar.
   Der Sprengsatz im Laderaum hatte keinen größeren Schaden angerichtet. Auf jeden Fall mit so geringer Wirkung, dass kein Passagier gefährdet worden war. Nur … wenn der Anschlag tatsächlich einer der beiden Familien zuzuschreiben wäre, warum hatten sie dann nicht gleich verhindert, dass Vanita und Quinn den Flug überhaupt angetreten hatten? Gab es tatsächlich eine dritte Partei, die den Flug ebenfalls nicht hatte verhindern können oder wollen und die jetzt darauf aus war, beiden Familien einen Strich durch die Rechnung zu machen?
   »Wer auch dahintersteckt: Es wird sich um eine Geldforderung gegen eine oder beide Familien handeln«, sprach er seine Gedanken aus. »Sobald diese erfüllt ist, wird es dem Erpresser egal sein, was mit Vanita und Quinn passiert und er wird gestatten, dass die Passagiere das Flugzeug verlassen.«
   Quinn begann leise zu weinen.
   Fuck! Er hatte den Frauen nicht noch mehr Angst einjagen wollen. Dass sie sich in Anbetracht der ganzen Überlegungen, die sie bereits im Vorfeld angestellt haben mussten, überhaupt so couragiert verhielten, wunderte ihn und nötigte ihm eine stattliche Portion Respekt ab.
   »Entschuldige«, sagte er und strich Quinn über den Arm. »Wir werden alles tun, um zu verhindern, dass der Plan gelingt.«
   »Ich informiere Mr. Sullivan«, sagte Buck Taylor.
   Den Flight-Attendant hatte Virgin beinahe vergessen. Er lehnte totenbleich an der Wand zur Bordküche und griff nach dem Telefonhörer. Während er den Kapitän auf den neusten Stand brachte, sagte niemand ein Wort.
   Die Pause tat gut, die Gedanken mussten sacken. Wie kamen sie aus dieser bescheidenen Situation hinaus? Er musste dringend mit Dix und Nash allein sprechen.
   »Hat einer von euch im Moment noch Fragen?« Er suchte Nashs Blick. Dix reagierte nicht, er befand sich zu tief in seiner Trance. Nur gut, dass Quinn und Vanita ihn nicht sahen, sonst würden sie wahrscheinlich einen guten Teil ihres Vertrauens verlieren. Immerhin würden sie keine Erklärung dafür finden, wie man angesichts dieser Lage seelenruhig schlafen konnte. Er fragte sich, was wohl Taylor darüber dachte, doch der Mann ließ sich nichts anmerken.
   »Nein. Wir sollten uns kurz beratschlagen.« Nash wandte sich an Vanita. »Würdet ihr für ein paar Minuten die Annehmlichkeiten der First Class in Anspruch nehmen?« Er reichte ihr seine Hand.
   Sie schlug sie aus und stand ohne die Hilfe des Black Boys auf. »Was immer Sie besprechen wollen, ich wünsche, über das Ergebnis informiert und stets auf den aktuellen Stand gebracht zu werden.«
   Heiliger! Die Stimme hätte aus den tiefsten Eishöhlen der Arktis stammen können.
   »Es tut mir sehr leid. Wir können Sie nicht zurück zu Ihren Sitzen gehen lassen.« Nash rang sich ein Lächeln ab, aber Virgin erkannte, wie schwer es ihm fiel. Verbarg er Enttäuschung für den Korb, den er kassiert hatte oder Wut über die diktatorische Forderung der jungen Frau? So sehr konnte Virgin den Black Boy nicht einschätzen, dazu kannten sie sich nicht gut genug nach den wenigen Stunden, seit er überhaupt Nashs Namen zum ersten Mal gehört hatte. Ihre einzige vorherige Begegnung hatte in der verlassenen Goldgräberstadt stattgefunden, als die G.E.N. Bloods ein zweiwöchiges Training unter der Leitung des ehemaligen SEALs-Ausbilders General Powell absolviert hatten. Die Black Boys waren ihnen in dieser Zeit bis auf den Abschied nur maskiert und von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet begegnet. Daher stammte der Name Black Boys. Und so lang lagen die Hell Weeks auch noch nicht zurück.
   Er tippte auf den Korb und grinste.
   Quinn schlug seine dargebotene Hand nicht aus. Virge half ihr aus dem Sitz.
   Es wird alles gut, das verspreche ich dir.
   Sie sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Er tat, als bemerkte er ihre Maske aus Furcht nicht. Der Ausdruck galt nicht den Worten, die sie gehört hatte und nicht zuzuordnen wusste, sondern der gesamten Situation. In ihrer Gegenwart sollte er vorsichtig sein mit seinem Flüstermodus. Er spürte, dass sie keinen kleinen Mann im Ohr in Betracht zog, sondern ahnte, dass er mit ihr gesprochen hatte. Quinns Verhalten signalisierte deutlich genug Verwunderung neben den nachvollziehbaren anderen Emotionen. Am liebsten hätte er sie in die Arme gezogen und sie fest an sich gedrückt. Ein warmes Gefühl floss bei dem Gedanken durch seine Adern.
   Niemals hätte er gedacht, dass allein ein Blick ihn derart in Unruhe versetzen könnte. Er fühlte sich verpflichtet, diese fremde Frau zu beschützen, und sei es mit seinem Leben. Das klang unglaublich, und doch fühlte es sich richtig an.
   Er begleitete Quinn und Vanita in die First Class und wartete, bis sich Quinn in eine der unbenutzt wirkenden Suiten gesetzt hatte.
   »Soll ich die Türen schließen?« Diese Kabinen hätten ihn in den Wahnsinn getrieben. An Klaustrophobie durfte man hier wirklich nicht leiden.
   Quinn schüttelte nur matt den Kopf.
   Auch sie fühlte sich in dem Sitz nicht wohl, das sah er ihr an. Sie betrachtete die breite Ablage vor ihr, den großflächigen Monitor und die private Bordbar zu ihrer Linken.
   »Oder möchtest du lieber den Sitz in ein Bett umgewandelt haben?«
   »Auch das nicht, danke.« Sie drückte auf einen Knopf und die Trennwand zu der Suite neben ihr fuhr hinab. Vanitas blonder Schopf tauchte auf.
   »Dem Himmel sei Dank. Ich dachte schon, er steckt uns isoliert in diese Zellen.«
   Virgin grinste. »Vielleicht solltet ihr versuchen, ein wenig zu schlafen«, sagte er und wusste, es würde ihnen so lange unmöglich sein, bis ihre Körper revoltierten und sie die Augen nicht mehr offen halten konnten.
   »Keine Chance! Du spinnst wohl!«, fauchte Vanita.
   Er ließ sich mit halbem Hintern auf Quinns gegenüberliegenden Sitzplatz auf der anderen Gangseite gleiten und stemmte die Füße in den schmalen Fußraum. »Okay. Dann füttert mich mit weiteren Informationen.«
   »Und was? Wir haben alles gesagt!«, fuhr das Blondchen ihn an.
   Er fixierte ihren Blick wie den einer Giftschlange und ließ ihn nicht los, bis sie freiwillig den Kopf senkte. Währenddessen verhielt sich Quinn wie ein verschrecktes Kaninchen, das den Eingang zu seinem schützenden Bau verpasst hatte und nun starr vor Angst inmitten eines kargen Busches kauerte und hoffte, dass die wenigen Blätter es vor der Entdeckung durch den Fuchs schützen würden.
   Etwas stimmte an der Geschichte der beiden nicht, das Gefühl setzte sich immer energischer durch, auch wenn die Gesichtsausdrücke der Frauen ihn glauben machen wollten, dass allein die Aussichtslosigkeit der Situation ihre Züge so deprimiert aussehen ließ. Sie verbargen etwas vor ihm. Äußerst geschickt, und wenn es ihm nicht sein Gespür sagen würde, so wie ein Aal auf Kilometer hinweg winzigste Gerüche im Wasser wahrnehmen konnte; so wie sein Teamkollege Wade die stinkenden Socken von einem der Black Boys von Utah bis Kalifornien riechen würde, dann hätten sie ihm wie allen anderen weismachen können, dass sie nichts als die Wahrheit sagten.
   »Meine Kollegen und ich müssen zunächst davon ausgehen, dass eure Vermutungen richtig sind. Vielleicht gilt der Auflauf da draußen tatsächlich euch, und …«
   »Da kannst du drauf wetten!«
   Virgin sprach weiter, ohne auf Vanitas Kommentar einzugehen. »… und wir müssen so viel wie möglich über die Hintergründe erfahren. Möglicherweise gibt es Informationen, die euch nicht wichtig erscheinen, die aber einem Außenstehenden die Möglichkeit geben, die Sache von anderen Gesichtspunkten aus zu betrachten. Vielleicht können wir das Ziel der Erpresser herausfinden, oder ihre nächsten Schritte abschätzen.«
   »Ihr seid die Schlausten, schon klar!«
   Virgin fuhr ungewollt aus der Haut. »Weib! Mach mal halblang. Ich werde dir jetzt nicht erklären, wer wir sind und über welche Erfahrungswerte wir verfügen oder nicht. Wenn du im Moment einen anderen Weg siehst, deinen Allerwertesten zu retten, nur zu! Aber lass die Zickerei. Hier geht’s nicht nur um dich. Es sind zweihundertelf Menschen an Bord, ist dir das klar?«
   Quinn griff über den Gang hinweg und legte ihre Hand auf sein Knie.
   Sofort verpuffte Virgins Ärger wie die aus einem geplatzten Luftballon austretende Luft. Hitze strömte durch ihn hindurch, und ein Prickeln, das ihm vom Knie in die Lenden schoss und ihm das Gefühl gab, gleichzeitig gelähmt zu sein und zu verglühen. Er atmete tief durch.
   Zum Glück zog Quinn ihre Finger rasch zurück. »Vanita hat nur Angst, bitte nimm ihr die Art und Weise, wie sie es rüberbringt, nicht krumm.«
   Die Zickenhexe schob per Hand die Trennwand zwischen ihrer und Quinns Kabine hoch, sodass es laut knallte. Erstaunlicherweise blieb das ihre einzige Reaktion, obwohl Virgin eher einen verbalen Wutausbruch erwartet hätte, zumindest, dass sie Quinn gehörig über den Mund fuhr. Doch hinter der Trennwand drang kein Mucks hervor.
   »Ist okay«, sagte er. Er widerstand dem Impuls, sich näher zu Quinn hinüberzubeugen. Ihre Nähe, eine winzige Berührung, entlockte seinem Körper ungewohnte und kaum zu beherrschende Reaktionen. Im Grunde verfluchte er sich, dass er angesichts ihrer Lage überhaupt den Nerv hatte, über Quinns Wirkung auf ihn nachzudenken. Erst recht, dass er keine Kontrolle über seinen Körper besaß.
   Er dachte für einen Moment an Dix und Jamie. Wie sich Dix’ Gesichtsausdruck veränderte, wenn er seine Frau ansah. Hatte es bei den beiden ebenso schnell gefunkt wie bei Quinn und ihm?
   Halt!, rief er sich zur Ordnung. Bei ihm hatte es gefunkt, doch bei Quinn? Ihrem von Angst umwölkten Ausdruck konnte er beim besten Willen keine Antwort auf die brennende Frage entlocken, ob er ähnlich auf sie wirkte. Er sah ihr in die pechschwarzen Augen und suchte vergeblich nach einem Hinweis.
   Vielleicht – er räusperte sich, weil sich seine Kehle anfühlte, als hätte er eine Handvoll Sand geschluckt – hatte sie ihre Finger so schnell zurückgezogen, weil sie die Hitze ebenfalls gespürt hatte. Vielleicht war es ihr aber auch unangenehm, ihn zu berühren und sie empfand sein Starren wie das Gebaren eines unreifen Jünglings und einfach nur nervig. Oder sie empfing die Signale überhaupt nicht, weil sie viel zu tief in ihrer Furcht feststeckte, um überhaupt etwas anderes zu empfinden. Er sollte ebenfalls schnellstens zurück auf den Teppich kommen.
   Virgin dachte an ihren eigentlichen Auftrag. Wie es aussah, musste sich das andere Team allein auf die Suche nach Nani-ji machen. Sie würden niemals zeitgleich in Mumbai eintreffen. Obwohl es abgesprochen war, dass jedes Team auch unabhängig voneinander operieren würde, wünschte sich Virge, dass es nicht so weit kommen würde. Ein ungutes Gefühl warnte ihn, sich auf Schlimmes gefasst zu machen.

*

Quinn hatte Virgins Zucken gespürt, als sie ihre Hand auf sein Knie gelegt hatte, und auch das Anspannen seiner Oberschenkelmuskeln. Die Berührung war keineswegs unangenehm, obwohl ihr nach allem anderen der Sinn stand, als über ein seltsames Prickeln nachzudenken, das offenbar einen Bienenkorb in ihren Inneren freigesetzt hatte. Dessen Bewohner summten seitdem unaufhörlich in ihrem Bauch umher. Keine Schmetterlinge. Dafür waren Virgin und sie weder am richtigen Ort noch geschah das Zusammentreffen mit diesem Mann zur richtigen Zeit.
   Das Kribbeln konnte sie dennoch nicht unterdrücken. Es durchfloss sie, so sehr sie sich auch dagegen zu wehren und ihre Gedanken auf ihre Situation zu konzentrieren versuchte. Nicht zu schnell, um ihre Reaktion auf die Berührung nicht zu verraten, aber doch sehr rasch, hatte sie den Arm zurückgezogen. Was sollte der Blödsinn? Sie hatte nichts anderes im Sinn gehabt, als Virgins berechtigte Verärgerung über Vanitas Zickerei zu dämpfen.
   Sein intensiver und forschender Blick zog sie in einen Bann und sie fühlte sich außerstande, sich dem Einfluss zu entziehen. Als gehorchte sie wie unter Zwang einer unkontrollierbaren Macht, erwiderte sie den Augenkontakt, unfähig, der wie Magie knisternden Spannung auszuweichen.
   Virgins Augenfarbe wirkte im matten Licht der Kabine wie eine Mischung aus Sturmfarben. Grau in allen Schattierungen düsterer Gewitterwolken, aufgewühlt wie von einem Orkan, und in der Mitte seiner Iriden ein tiefes Schwarz, in das sie sich wie ein Stern im Weltall in ein Schwarzes Loch hineingesaugt fühlte.
   Er sagte etwas, das sie nur anhand der Bewegung seiner Lippen wahrnahm. Seine Stimme erfasst sie nicht, es rauschte in ihren Ohren. War das ihr Blut? Ihr viel zu schneller Puls? Noch niemals hatte ein Mann eine auch nur annähernd vergleichbare Wirkung auf sie ausgeübt. Im Gegenteil. Jeder ihrer Kommilitonen erweckte eher den Eindruck eines Neutrums – oder, in Fällen, in den sich jemand als Verehrer entpuppte, zog sich Quinn schleunigst zurück, noch ehe derjenige überhaupt eine richtige Chance bekam, den Kontakt zu vertiefen. Natürlich machte sie sich hin und wieder Gedanken, ob und wann sie sich dafür öffnen sollte, dass sie dem Einen begegnete. So manches Mal hatte sie geglaubt, dass sie ohnehin keinen Einfluss darauf hätte. Entweder, es passierte, oder es passierte eben nicht. Andererseits war ihr klar, dass dieses Ereignis bestimmt nicht eintreffen würde, solange sie sich demgegenüber sperrte, und bislang hatte sie das getan. Der Abschluss ihres Studiums und der Aufbau eines eigenständigen Lebens genossen absoluten Vorrang. Auf keinen Fall wollte sie die finanzielle Unterstützung länger als unbedingt nötig in Anspruch nehmen. Sie hatte mit dem Leben eines überaus privilegierten Goldvögelchens schon lange abgeschlossen und war mehr als froh darüber.
   Aber jetzt? In dieser aussichtslosen Situation begann ihr Herz, aus dem Rhythmus zu geraten, nur weil ein Blick sich tief in ihre Seele bohrte. Eine winzige, vollkommen harmlos gemeinte Geste brachte ihr inneres Gleichgewicht durcheinander und ein Augenpaar, dem sie vielleicht niemals nähere Betrachtung geschenkt hätte, sog sie in einen Wirbel an Gefühlen, die sie nicht einzuordnen wusste. Sie versuchte, die Lider zu schließen, den Kopf zu senken, doch nach wie vor gehorchte ihr Körper nicht.
   Erst, als sie fröstelte, und sich Worte in ihren wirren Gedanken formten, deren Herkunft ihr ein Rätsel aufgab, schaffte sie es, den Kopf zur Seite zu neigen. Es fühlte sich an, als bewegte sie sich in Zeitlupe, gegen den Widerstand einer zähflüssigen Masse, die ihren Kopf anstelle von Luft umgab.
   Wir werden eine Chance bekommen!
   Verwirrt schüttelte sie den Kopf.
   »Bitte erzähl mir mehr über euch, damit ich verstehe, was vielleicht zu dieser Situation geführt hat.«
   Quinn hielt die Lider gesenkt. Sie verschränkte die Finger im Schoß, um zu verhindern, dass sie nervös am Saum ihrer Bluse herumknetete.
   »Ich dachte, Leibeigene gibt es seit Jahrzehnten nicht mehr. Was hat es damit auf sich?«
   »In den Familien vieler Emiratis herrschen eigene Gesetze, nicht die des Staates und schon gar nicht die der westlichen Welt«, murmelte Quinn. Allmählich gewann sie die Selbstkontrolle zurück.
   »Du meinst, sie pflegen Traditionen?«
   »Schon. Aber sie leben auch nach Regeln, die Jahrhunderte alt sind und nicht mehr in die heutige Zeit passen. Das sind für mich keine Traditionen, das ist antiquiert und dumm.«
   »Vanitas Vater ist ein Scheich. Öl?«
   »Ja. Die Familie gehört zu den Reichsten des Landes.«
   »Erzähl mir mehr.«
   »Innerhalb der Familie gibt es sehr unterschiedliche Einstellungen und …« Sie dachte an die Geschichten, die Van und sie als Kinder oft erzählt bekommen hatten. Von Paris, vom Leben außerhalb des Harems. Von Freiheit und Liebe, die in den engen Grenzen des Brauchtums erstickt waren. »… unterschiedliche Einstellungen und Fronten«, beendete sie ihren Satz. »Vanitas Eltern lernten sich in Frankreich während des Studiums kennen. Ihre Mutter dachte, dass ihr Vater ein zukunftsorientierter, aufgeschlossener Mann sei, der ihre und die Ansichten ihrer Familie teilte und mit dem sie ein Leben in einer Mischform aus Tradition und Moderne führen könne, so wie es einige dubaianische Familien tun. Aber nach der Hochzeit musste sie feststellen, dass sie sich geirrt hatte.«
   »Mit Fronten meinst du unter anderem die beiden Militärs, die vom Scheich und Vanitas Familie mütterlicherseits gelenkt werden?«
   Quinn nickte und starrte noch immer auf ihre im Schoß verschränkten Finger. »In etwa. Das ist nur das, was nach außen hin sichtbar wird. Die Konflikte währen beinahe seit einem Vierteljahrhundert. Vanitas Vater nahm sich nach seiner ersten Ehefrau, Vans Mutter, drei Nebenfrauen und gründete zudem einen Harem. Es gibt nicht mehr viele Emiratis, die sich einen Harem halten. Er aber wollte auf sein altherkömmliches Recht nicht verzichten.«
   »Worauf begründet sich dieses … Recht?«
   »Muslimische Würdenträger und Familienoberhäupter berufen sich auf den Koran und legen ihn derart aus, dass ein Mann, der es sich leisten kann, vier Frauen ehelichen und sich dazu so viele Konkubinen halten darf, wie er vermag.«
   »Verstehe. Und wie verhält es sich mit Leibeigenen?«
   Quinn bezweifelte, dass er wirklich verstand. Was sie erzählte, war nicht einmal die Spitze des Eisbergs. Ein Nicht-Muslim, ein westlicher Mann, jemand, der die Kultur nicht kannte und der darüber hinaus den Reichtum nicht einmal annähernd einzuschätzen wusste, konnte nicht verstehen, was sich hinter den Kulissen der Familie eines Sheikhs abspielte.
   »Offiziell gibt es keine Leibeigenen, aber innerhalb einer Sheikh-Familie herrscht ein eigenes Universum, eine Welt, die mit der Realität wenig vergleichbar ist. Jedenfalls verhält sich das in der Familie Antun Sa’ada so. Schon vor meiner Geburt stand fest, dass ich der Prinzessin dienen würde«, sagte Quinn und strich sich müde durch das Gesicht.
   »Und wenn du ein Junge geworden wärst?«
   Sie sah ihn nicht an, aber sie hörte sein Grinsen, und dass er es schaffte, in ihrer Lage zu scherzen, lockerte den Knoten, der ihren Magen zusammenschnürte.
   »Dann wäre ich wohl Prinz Fadis Leibwächter geworden oder ein Eunuch.«
   »Gott sei Dank bist du das nicht.«
   Sie lachte freudlos.
   »Zu Beginn der Ehe war also erst mal alles in Ordnung und erst nach und nach erkannte Vanitas Mutter das wahre Gesicht des Scheichs. Kam es zu einem offenen Konflikt zwischen den Familien?«
   »Nein. Vans Mutter hätte ihre Brüder um Hilfe bitten können, aber sie wollte keine Schwierigkeiten. Sie hat im Gegenteil ihre Familie darum gebeten, sich zurückzuhalten.«
   »Und wie hat sich die schwelende Spannung über die Jahre hinweg geäußert?«
   »Kaum merklich. Beide Familien stehen durch ihre gemeinsamen Ölgeschäfte in einer engen Abhängigkeit zueinander. Sheikh Rashad und Sheikha Sadia sind Cousin und Cousine. Ihre Großväter besaßen gemeinsam drei der größten Ölfelder und haben den Grundstein zu den Familienimperien gesetzt. Ein offenes Zerwürfnis zwischen den Familien hat es nie gegeben. Sheikha Sadias Familie ist dem modernen westlichen Leben gegenüber aufgeschlossen. Ihre Brüder besitzen Häuser in Europa und pendeln zwischen Dubai und Paris oder anderswo hin und her. Sie leben nur zeitweise in Dubai. Sie haben Sadia immer wieder angeboten, ihr eine eigene Existenz aufzubauen, doch Sadia hat abgelehnt. Obwohl sie unglücklich ist, hat sie nie in Erwägung gezogen, ihr Leben im Harem aufzugeben. Als jedoch Sheikh Rashad Vanita traditionell verheiraten wollte, ist sie aktiv geworden und hat mithilfe ihrer Familie dafür gesorgt, dass Van und ich Dubai verließen.«
   »Und wie es danach in Dubai weiterging, darüber wisst ihr nichts.«
   »Nein.« Quinn hatte das Gefühl, an dem Kloß in ihrem Hals zu ersticken. Seit fünf Jahren hatte sie kein Wort über ihre Mutter gehört. Said hatte nicht mehr Kontakt zu Van und ihr gehalten, als dass ihnen auf verschlungenen Wegen einmal im Jahr Geld zugeflossen war. Nur ein einziges Mal zu Beginn dieses Jahres hatte sie ihn persönlich getroffen. An der Uni. Said hatte sich ihr auf dem Campus gezeigt und sie angesprochen, nachdem er sich überzeugt hatte, dass sie ihre Reaktion unter Kontrolle hatte. Wahrscheinlich wäre er wie ein Geist verschwunden, hätte sie auch nur ein Zucken von sich gegeben.
   Wie zwei befreundete Kommilitonen waren sie auf eine Tasse Kaffee in die Mensa gegangen. Ein persönliches Gespräch war nicht nur aufgrund der Betriebsamkeit so gut wie unmöglich, Said hatte das Treffen auch auf ein Minimum an Zeit begrenzt, die er ausschließlich dazu nutzte, von ihr zu erfahren, wie es ihr ging. Nach nur wenigen Minuten verabschiedete er sich, ohne dass sie auch nur eine Gelegenheit bekommen hatte, nach ihrer Mutter zu fragen.
   Quinn hatte geglaubt, damit umgehen zu können.
   Der Kloß in ihrem Hals wuchs und Tränen drängten sich tief aus ihrem Inneren. Sie hatte sich geirrt und das Bewusstsein überflutete sie mit jäher Traurigkeit.
   Vielleicht war es doch ein Fehler gewesen, ein Leben in Freiheit führen zu wollen. Egoistisch. Rücksichtslos. Zwar hatte Sheikha Sadia Van und Quinn all die Jahre nichts anderes gelehrt, als dass Freiheit das höchste Gut eines Menschen darstellte, doch hatte sie dabei vergessen zu erwähnen, wie schmerzhaft der Verlust geliebter Menschen sein würde, wenn der Tag kam, an dem sich die Freiheit realisierte. Sie schaffte es nicht länger, die Beherrschung zu wahren und erfasste kaum, dass Vanita plötzlich neben ihr stand und sie in die Arme schloss.

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