Sommer, Sonne, Strand – die Zutaten eines jeden Traumurlaubs. Es sei denn, man gehört wie Anne in die Kategorie Hauttyp Eins und läuft bereits bei minimaler Sonneneinstrahlung Gefahr, sich eine ausgemachte Sommersprossenplage heranzuzüchten. Was aber tut man nicht alles für die allerbeste Freundin? Und so lässt sie sich Corinna zuliebe auf das Abenteuer Inselurlaub ein. Hätte sie jedoch gewusst, dass die Sonne ihr geringstes Problem sein würde, wäre sie zu Hause geblieben. Denn plötzlich sieht sie sich mit Raphael Fitz konfrontiert, dem Albtraum ihrer Pubertät, und egal, wie eifrig Anne ihm ihre Geringschätzung kommuniziert, er lässt sich nicht abwimmeln. Zu allem Überfluss scheint sich zwischen Corinna und Raphael etwas anzubahnen. Und als wäre dies nicht schlimm genug, muss sich Anne bald eingestehen, dass sein Lächeln sie auch heute noch vollkommen aus dem Konzept bringt. Aber sie kämpft tapfer, weil sie eines unter keinen Umständen möchte: dass ihr Herz am Ende erneut in Scherben vor ihm auf dem Boden liegt.

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Nadine Ring

Nadine Ring
Nadine Ring hegt eine große Schwäche für schöne, tiefgreifende, taschentuchdezimierende Liebesgeschichten - sei es in Verbindung mit fantastischen Elementen oder im Kontext der Realität. Daher fühlt sie sich in den Genres Romantasy, Contemporary- und New-Adult-Romance sowie Romantic-Thrill ganz besonders gut aufgehoben. Im Dezember 1987 in Berlin geboren und aufgewachsen, hegt sie eigentlich den Wunsch vom Häuschen im Grünen. Nach einer vernünftigen Ausbildung folgte Nadine Ring ihrem Herzen und studierte ganz unvernünftig Germanistik und Publizistik.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“



Kapitel 1
Gockel trifft Hummer

Anne lief gegen eine Wand. Es fühlte sich zumindest danach an, was sicher kein Wunder war, wenn man über Stunden in einem wohltemperierten Flugzeug gesessen hatte.
   Es war stickig und schwül, die Hitze allgegenwärtig. Anne gehörte nicht unbedingt zu den Sonnenanbetern, was sie ihrem Überlebensinstinkt zuschrieb, denn in ihrem Genpool schienen Pigmente eine Ausnahmeerscheinung zu sein. Das hatte sie ihrer Mutter zu verdanken, der wandelnden Milchschnitte.
   Corinna hingegen sprühte geradezu vor Euphorie und quietschte wie eine Badewannenente. »Wow! Sieh dir das an! Was für eine Wahnsinnskulisse.«
   Anne blinzelte, konnte sich kaum auf die Umgebung konzentrieren, da ihr Blick an dem Kerl haften blieb, der vor ihnen wie ein schnaufendes Nilpferd die Bordtreppe hinabstieg. Sein schillerndes Hawaiihemd war mit Sicherheit vier Nummern zu klein und verbarg die wuchernde Rückenbehaarung nur sehr unzureichend. Was hatte Corinna noch mal von braun gebrannten Strandadonissen in knappen Shorts und mit gestählten Waschbrettbäuchen gefaselt?
   Ein kleiner Shuttlebus hielt vor dem Flieger und brachte sie zum Flughafengebäude, in dem es noch um einiges stickiger war. Nach der Passkontrolle stellten sie sich an das Gepäckband. Anne zupfte an ihrem Shirt, das ihr an der feuchten Haut klebte, und strich sich die nassen Strähnen aus dem Gesicht, die sich aus ihrem Haargummi gelöst hatten.
   »Das geht ganz schnell, ehrlich. Ich hatte bisher immer Glück«, versicherte Cori.
   Stimmt, Corinnas schweinchenrosafarbener Hartschalenkoffer war einer der ersten, die das Band entlangschipperten. Ihr schwarzer Rollkoffer hingegen ließ auf sich warten. Einige Male dachte sie, ihn zu entdecken, was sich jedoch als Irrtum herausstellte. Die sahen aber auch alle gleich aus. Hmpf. Eines stand fest: Für die nächste Reise würde sie es wie Corinna handhaben und sich ein pinkfarbenes Exemplar zulegen.
   Nach geschlagenen siebenundzwanzig Minuten ließ sich die Extrawurst von Koffer endlich blicken. Nachdem Anne ihn vom Gepäckband gefischt hatte, begaben sie sich auf direktem Weg nach draußen, um sich ein Taxi zu ordern. Nun hatten sie mehr Glück und mussten nicht lange warten.
   Während sie ihre Habseligkeiten im Kofferraum verstauten, saß der Fahrer teilnahmslos hinterm Steuer und stierte Löcher durch die Windschutzscheibe.
   »Ein wenig Unterstützung wäre wohl nicht zu viel verlangt«, ächzte Anne, als sie gemeinsam mit Cori deren Fünfundzwanzig-Kilo-Ungetüm hochhievte.
   »Vielleicht hat er ein Rückenleiden?«
   Sie seufzte. Eigentlich war Cori sehr gescheit, aber oftmals stand ihr ihre Gutgläubigkeit im Weg. Zwar schätzte sie diesen reizenden Charakterzug ungemein, nur erweckte es stets das Bedürfnis in Anne, Cori vor alles und jeden zu beschützen.
   Nachdem das Gepäck eingeladen war, stiegen sie hinten ein. Cori fischte die Buchungsbestätigung aus ihrer Tasche, lehnte sich vor und zeigte dem Fahrer die Adresse des Hotels. Nach einem eifrigen Nicken fuhr er los.
   In den nächsten Minuten kam Cori nicht mehr aus dem Schwärmen heraus. Immer wieder betonte sie die unzähligen Vorteile eines Sommerurlaubes und dass sie eine Menge Spaß haben würden. Zwar freute sich Anne auf die gemeinsame Zeit mit Cori, dennoch blieb sie der Sonne und dem Strand gegenüber skeptisch. Jemandem, der in die Kategorie Hauttyp Eins fiel und einen Schuss Extrasommersprossen abbekommen hatte, konnten die Klimabedingungen zum Verhängnis werden. Corinna hingegen, mit ihrem dunklen Haar und der natürlichen Bräune, würde nach fünf Minuten ohne Lichtschutzfaktor fünfzig plus nicht aussehen wie ein gekochter Hummer. Anne wusste, wovon sie sprach.
   Nach einer guten Viertelstunde erreichten sie das Hotel, checkten am Empfang ein, ließen sich die Schlüssel zu ihrem Doppelbettzimmer geben und von einem netten Hotelpagen beim Koffertransport helfen. Ein Page mit Knackpo, wie Cori ihr zwinkernd ins Ohr flüsterte.
   Anne verdrehte schmunzelnd die Augen. Sie war unmöglich in ihrem Verkupplungswahn. Nur, weil sie bald heiraten würde, musste sie es sich nicht zur Aufgabe machen, Anne ebenso unter die Haube zu bringen. Momentan verspürte sie nicht das Bedürfnis, sich zu verlieben, war sie doch viel zu eingespannt mit ihrem Studienabschluss und der Jobsuche. Ablenkung konnte sie da weiß Gott nicht gebrauchen.
   Gemeinsam nahmen sie den Lift, wobei Anne auf die Anzeigentafel starrte und Coris unverschämt breites Grinsen ignorierte. Keine Ablenkung. Punkt.
   Im Zimmer angekommen stellte Mister Knackpo die Koffer ab.
   »Moment«, bat Cori und kramte in ihrer Handtasche herum. »Stimmt so.« Sie lächelte. »Vielleicht sieht man sich noch mal.«
   Er erwiderte ihr Lächeln, nicht minder umwerfend. »Es wäre mir ein Vergnügen.« Seine Stimme war purer Sex, rauchig und tief. Sein Blick ebenso.
   Als er sich umdrehte und das Zimmer verließ, wandte sich Corinna an sie und streckte die Daumen in die Höhe.
   Das war noch so eine Sache, für die sie Cori schätzte, die es jedoch nicht unbedingt leichter machte, auf sie aufzupassen. Ihre unglaubliche Ausstrahlung und die Tatsache, dass sie keinen blassen Dunst hatte, wie sie auf andere wirkte. Hinzu kam noch, dass sie optisch in die Kategorie Schulhofschönheit gehörte, dabei aber weder abgehoben noch eingebildet, sondern herrlich natürlich, umgänglich und nahbar war. Und das war eine teuflisch fatale Kombination, denn es zog die Männer wie das Licht die Motten an. Oder Rotkäppchen den hungrigen, lüsternen Wolf.
   Die Szenerie eben war das beste Beispiel. Der Typ hatte sie kaum eines Blickes gewürdigt, sondern seine gesamte Aufmerksamkeit Cori gewidmet. Sie hatte davon jedoch überhaupt nichts mitbekommen, versuchte sogar noch, an ihrem Verkupplungsplan festzuhalten. Nichts anderes steckte hinter ihren einladenden Worten. Sie war wahrlich blind, wenn es um sie selbst und ihre Wirkung ging, und deshalb behielt Anne die Umgebung und ihre testosterongesteuerten Gefahren stets im Blick. Nicht zuletzt, weil sie es ihrem Verlobten vor dem Urlaub versprochen hatte.
   Anne, pass mir gut auf meine Cori auf, ja?
   Das hätte er ihr aber nicht erst sagen müssen, schließlich achtete sie schon auf sie, seit sie gemeinsam im Sandkasten Burgen gebaut hatten und der fiese Benny ihr die Buddelformen geklaut hatte. Irgendwann hatte Anne ihm die Formen um die Ohren geknallt, und dann war Ruhe im Karton gewesen. Beziehungsweise im Kasten.
   Die nächste halbe Stunde verbrachten sie damit, ihre Koffer auszupacken und die Sachen in den bereitgestellten Schränken zu verstauen. Nun, eigentlich benötigte Anne nur zehn Minuten, die restlichen zwanzig half sie Cori.
   »Sag mal, hast du deinen kompletten Kleiderschrank eingepackt? Du hast aber schon bedacht, dass wir nur eine Woche hier sind?«, bemerkte Anne und überließ Cori noch zwei Fächer ihrer Schrankseite.
   »Nein und ja«, erwiderte sie lapidar.
   Nachdem alles wohlgeordnet einsortiert war, gingen sie nach unten, um eine Kleinigkeit zu essen. Zumindest Anne blieb bei der Kleinigkeit, denn die Hitze schlug ihr unmittelbar auf den Magen. Cori hingegen langte ordentlich zu.
   »Das nächste Mal geht es dann in die Berge. Wandern. Einverstanden?«, neckte Anne, wusste sie doch, dass Cori alles, was zu weit über den Meeresspiegel aufragte, nicht ausstehen konnte.
   Cori erwiderte nichts, starrte sie nur an. Sie hatte den Mund zu voll. Sie aß nicht sonderlich ladylike, was vorkommen konnte, wenn sie großen Hunger hatte. Dass sie dabei noch immer eine gute Figur machte, war ziemlich unfair. Würde sich Anne beim Essen derart gehen lassen, würde man sie wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses zweifelsohne aus dem Speisesaal werfen.
   Sie machte sich derweil über ihren Magerquark mit roter Grütze her. Der schmeckte etwas fad, war aber zumindest schön kühl und erfrischend. Während sie sich einen weiteren Löffel in den Mund schob, blickte sie sich flüchtig im Saal um. Überall fröhliche und ausgelassene Gemüter. Gerade, als sie begann, sich zu entspannen, streifte ihr Blick ein bekanntes Gesicht. Sie riss die Augen auf und sah genauer hin. Eindeutig bekannt. Und verhasst. Abgrundtief.
   Nein! Das … war unmöglich. Ein Irrtum, genau. Der Typ auf der anderen Seite des Saals war niemals nicht Raphael Fitz – Tyrann ihrer Jugend und auf ewig geschworener Erzfeind alias größter Blödmann des Universums. Das war bloß irgendein Kerl, der ihm auf perfide Weise ähnelte. Jawohl!
   Als sich auf dem verhassten Gesicht jedoch ein spöttisch-amüsiertes Lächeln bildete, war Anne klar, dass sie sich nicht geirrt hatte. Das dahinten war zweifellos der Albtraum ihrer Pubertät.
   Unter diesen Umständen war es ihr nicht möglich, den Quark bei sich zu behalten. Sie spuckte ihn geradewegs über den halben Tisch. Auweia. Hektisch senkte sie den Blick, schnappte sich eine Serviette und widmete sich der Ferkelei, die sie veranstaltet hatte, in der Hoffnung, ihre schlimmste Befürchtung würde nicht Realität werden. Einfach nicht beachten, vielleicht würde er den Wink richtig deuten.
   »Sag mal, spinnst du?«, wollte Corinna wissen und wies auf die Kleckerei.
   Sie blieb ihr eine Antwort schuldig, da eben genannte schlimmste Befürchtung gleich darauf eintrat. Also eintraf. Er hatte die Botschaft offensichtlich nicht verstanden. Oder schlichtweg ignoriert, was ihm durchaus zuzutrauen war. In puncto Ignoranz konnte ihm schon damals kaum jemand das Wasser reichen.
   »Na so was, das nenne ich einen netten Zufall«, säuselte er.
   Nett? Anne wusste nicht, was daran nett sein sollte.
   Cori schaute auf – und erkannte ihn sofort. Natürlich. Freudig sprang sie ihm in die Arme. »Raphael! Du auch hier? Das ist ja eine Überraschung. Wie klein die Welt ist.«
   Anne blieb stoisch sitzen und betrachtete die Dekoration der Hotelcafeteria. Vielleicht hätte sie Glück und er würde von allein wieder verschwinden. Oder sie würde gleich aufwachen und feststellen, dass all das nur ein fieser Traum war. Sie schickte ein Stoßgebet gen Himmel.
   »Komm, setz dich zu uns«, bot Cori an.
   »Gern.«
   Leider wurden ihre Gebete nicht erhört, stattdessen machte sich der ehemalige Schulschönling an ihrem Tisch breit. Hilfe! Wer hätte ahnen können, dass das Schicksal einen derart üblen Sinn für Humor besaß?
   »Hallo Anne.«
   Verdammt. Das war kein gutes Zeichen. Damals, in der Schule, hatte er sie die erste Zeit nie beachtet, doch irgendwann war er auf sie aufmerksam geworden und hatte sie permanent gepiesackt. Sicher, das war bereits gute fünf Jahre her, und auch er sollte sein unreifes Verhalten mittlerweile hinter sich gelassen haben. Aber Anne konnte nicht so tun, als wären sie alte Freunde, wo sie einen Haufen unschöner Erinnerungen mit ihm verband.
   »Hi«, bemühte sie ihre Höflichkeit, obwohl es ihr widerstrebte. Sie war eben nachtragend, und irgendwie konnte sie nicht recht glauben, dass er tatsächlich erwachsen geworden war. Sie wartete nur darauf, dass er ihr einen gemeinen Spruch um die Ohren schmiss. Dieses Mal würde sie aber nicht daheim in ihre Kissen heulen. Nein.
   Glücklicherweise verschonte er sie und beschäftigte sich eingehend mit Cori. Ein altbekanntes Verhaltensmuster. Sie konnte sich erinnern, dass er sich schon früher gern mit Cori unterhalten und Interesse an ihr gezeigt hatte. Das hatte Anne getroffen und für die ein oder andere Auseinandersetzung zwischen Cori und ihr gesorgt, weil sie sich hintergangen gefühlt hatte. Nun war sie froh über Coris Redseligkeit, denn Anne hätte ohnehin nicht gewusst, was sie sagen sollte, zumal sie alles andere als scharf darauf war, mit ihm über die guten, alten Zeiten zu plaudern. Nichtsdestotrotz lauschte sie der Unterhaltung und war ein wenig schadenfroh, als Corinna ihm stolz ihren Verlobungsring präsentierte.
   Anne beobachtete ihn genau, um sich an seiner Enttäuschung zu laben.
   »Wow, Corinna, das ist einfach großartig! Herzlichen Glückwunsch.«
   Großartig? Ach bitte. An jenem Tag, als Cori Joshis Verlobte wurde, hätte Anne schwören können, unzählige Männerherzen brechen zu hören. Selbst sie hatte mit einem Anflug von Panik gerungen, immerhin würde sie Cori nun teilen müssen.
   Plötzlich sah Raphael sie an. Anne erschrak. Zu viel Aufmerksamkeit. Innerlich machte sie sich auf das Schlimmste gefasst.
   Er … lächelte. Ehrlich, offen, ohne Spott.
   Huch? Hatte sie etwas verpasst?
   »Und Anne, wie läufts bei dir?«
   Aha! Da war die fiese, kleine Spitze, die ein Außenstehender wohl nicht bemerken würde. Anne aber wusste genau, worauf er anspielte. Sie hatte noch keinen Ring am Finger. War es das, was er hören wollte? »Hervorragend.« Sie lächelte ebenfalls, jedoch nicht halb so freundlich wie er. Es war ihr Du-kannst-mich-mal-sonst-wo-Lächeln. Sie hatte es damals unzählige Stunden vor dem Spiegel geprobt.
   Nicht, dass ihn das abzuschrecken schien. Im Gegenteil. Sein Grinsen wurde unverschämt breit. »Du hast da noch etwas …« Er deutete auf ihren Mundwinkel.
   Blöder Magerquark. Warum musste sie bei allem, was sie tat, eine solch erbärmliche Figur abgeben? Anne wandte das Gesicht und rieb sich mit der Serviette über die Lippen.
   »Kommst du nachher mit zum Strand, Raphael?«
   Anne schnappte nach Luft und reagierte, ohne nachzudenken. Sie trat zu. Kräftiger als beabsichtigt, weil die Panik ihr im Nacken saß.
   »Verdammte Scheiße!« Raphael stieß sich samt Stuhl vom Tisch ab und hielt sich das Bein.
   Himmel, da hatte er verdammt recht! So war das nicht geplant gewesen. Sie hatte Corinna lediglich leicht gegens Schienbein stupsen wollen. Mehr nicht. Anne spürte förmlich, wie ihr jegliche Farbe aus dem Gesicht wich.
   »Was ist los?«, rief Cori und lehnte sich zu ihm.
   »Entschuldigung … da … war ein Käfer«, krächzte sie. Ein Käfer? Ehrlich?
   Cori warf ihr einen mahnenden Blick zu. Schon klar, sie glaubte ihr kein Wort. Aber wie konnte sie ihr das auch antun? Ihn einladen, obwohl dies ihr Junggesellinnenabschiedsurlaub war. Und wo sie doch wusste, wie viel Zeit es benötigt hatte, ehe sie mit der Vergangenheit hatte abschließen können. Das war lange her, gewiss, aber manche Dinge ließen sich nicht einfach vergessen. Nicht, wenn die Erinnerung in der Gegenwart noch schmerzte.
   »Ich komm gern mit zum Strand«, antwortete Raphael und funkelte sie an. Das war eine Kampfansage. Eindeutig.
   Sie seufzte. Alles, was sie wollte und worauf sie sich seit Wochen gefreut hatte, war, einen entspannten Urlaub mit ihrer allerbesten Freundin zu verbringen. Es war ihr deshalb so wichtig, weil sie das Gefühl hatte, dies zu benötigen, um Cori an Josh freizugeben. Es war eine Art Abschied, und wenn sie dabei eines nicht gebrauchen konnte, dann war das die Gesellschaft von Raphael Fitz.

Drei Stunden später war Anne damit beschäftigt, sich einzucremen. Ausgiebig. Mit Lichtschutzfaktor fünfzig plus versteht sich. Sie wollte eben auf Nummer sicher gehen. Nun, sie musste, wenn sie in den nächsten Minuten nicht in Rauch aufgehen wollte. Vermaledeites Milchschnittengen.
   »Man kann es auch übertreiben.« Corinna verdrehte die Augen und wischte ein paar Sandkörner von ihrer Seite der Decke.
   Anne ignorierte diesen Kommentar. Sie hatte gut reden mit ihrem im Sonnenlicht beneidenswert goldglänzenden Teint.
   Die erste halbe Stunde genoss sie die traute Zweisamkeit mit Cori. Es befand sich kein Raphael weit und breit. Vielleicht hatte er sich in dem Gewühl aus Strandbesuchern verlaufen? Welch herrliche Aussichten. Der Tag war gerettet.
   Oder doch nicht, denn bedauerlicherweise stieß er kurz darauf zu ihnen. Selbstgerecht grinsend stand er vor ihrer Decke, nur mit Badeshorts bekleidet, Shirt und Handtuch locker um die Schulter gelegt. Anne widmete ihm nur einen flüchtigen Blick. Leider lange genug, um zu bemerken, dass er körperlich noch immer in geradezu unverschämter Bestform war. In ihren gehässigen Vorstellungen hatte sie sich ihn oftmals mit Megawampe und schütterem Haar ausgemalt. Aber sie war nicht oberflächlich, deshalb ließ sie dieses Bild vollkommen kalt. Ihr wurde nur heiß, weil die Sonne erbarmungslos auf sie niederbrannte.
   »Hey! Schön, dass du da bist. Setz dich zu uns, ist ja genug Platz«, bot Corinna ihm an.
   Anne öffnete den Mund, um zu protestieren – immerhin hätte er sich eine eigene Decke mitbringen können –, da hatte er es sich schon wie selbstverständlich bequem gemacht. Direkt zwischen ihnen! So nahe, dass sich seine und Annes Schultern berührten.
   Reflexartig rutschte sie zur Seite, weg von ihm, auch wenn sie sich eingestehen musste, dass sie sich absolut kindisch benahm. Egal. Sie hatte schwerwiegende Gründe.
   Er schien sich nicht an ihrer Ablehnung zu stören. Lächelnd starrte er sie an. »Keine Sorge, ich werde dich nicht beißen.«
   Himmel! Merkte er nicht, dass er unerwünscht war? »Aha«, schnaubte sie. Von einer derart ausgelutschten Phrase würde sie sich bestimmt nicht aus dem Konzept bringen lassen.
   »Obwohl …«, raunte er und lehnte sich näher zu ihr.
   Entsetzt riss sie die Augen auf. Was, bitte, sollte das werden? Erst glaubte sie, er wollte sie anflirten, dann besann sie sich eines Besseren. Raphael Fitz flirtete nicht mit ihr. Er machte sich lustig. Das war ein Naturgesetz.
   Dieser …
   Ihr Verteidigungsreflex übernahm die Oberhand. Gesunder Menschenverstand und normales Sozialverhalten ade. Mit den Fingern tastete sie durch den Sand, bis sie fand, wonach sie suchte. Hektisch riss sie den Arm nach vorn, ihren Badelatschen in der Hand, und klatschte ihm diesen vor die Stirn.
   »Anne!«, fauchte Cori.
   Als sie den Latschen sinken ließ, erkannte sie, dass ihm das breite Lächeln von den Lippen gerutscht war. Gut so. Sie würde sich nichts mehr von diesem Gockel gefallen lassen.
   »Lass mich raten«, knurrte er. »Ein Käfer?«
   »Ja«, murmelte sie. »Ganz fettes Ding, echt hässlich.«
   Corinna sprang auf und stellte sich mit in den Hüften gestemmten Händen vor sie. Anne blinzelte zu ihr auf. Stumme Mahnungen flogen ihr um die Ohren. Na schön, vielleicht war sie zu weit gegangen, aber das passierte eben, wenn man sie in die Ecke drängte. Oder an den Rand ihrer Stranddecke. Besäße Raphael einen Funken Anstand und nicht die Unverfrorenheit, sich über sie lustig zu machen, wäre es überhaupt nicht so weit gekommen. Es war nicht fair, dass Cori ihr die alleinige Schuld gab.
   Sie kräuselte ihr hübsches Stupsnäschen. »Was ist nun? Wollen wir ins Wasser?«
   Anne nickte. »Nur zu. Ich bleibe hier und passe auf.«
   »Nein, geht nur. Ich übernehme die erste Wache«, lenkte Raphael ein.
   Sie wollte widersprechen, schon aus Prinzip, aber sie kam nicht dazu, da sich Corinna zu ihr herunterbeugte, sie am Handgelenk packte und hochzerrte. »Aber ich habe mich erst eingecremt«, murrte sie, während sie ihr über den Strand folgte.
   »Die Sonnenmilch ist wasserdicht, du Frosch.«
   Das sollte sie mal ihren Sommersprossen verklickern. Die planten bereits ihren nächsten Eroberungszug und würden es sofort ausnutzen, sollte sie nachlässig mit dem Eincremen werden. Nicht zu vergessen die Rauchschwaden.
   »Was ist eigentlich los mit dir?«, fragte Cori, als sie bereits mit den Füßen durchs Meer wateten.
   »Was meinst du?«
   »Du benimmst dich unmöglich.«
   »Wie bitte?«
   »Na, du zickst Raphael die ganze Zeit an, findest du das gut?«
   Anne blieb abrupt stehen, starrte Cori an, die sich soeben die Arme befeuchtete. Das Wasser reichte ihnen mittlerweile bis zu den Hüften. »Ob ich …? Ist das dein Ernst?«
   »Sicher. Du bist absolut ätzend zu ihm.«
   »Und hast du vergessen, wie ätzend er damals zu mir war?«
   »Du bringst es auf den Punkt. Damals, Anne, damals. Falls es dir entgangen sein sollte – eure pubertären Streitigkeiten liegen fünf Jahre zurück, Raphael ist inzwischen erwachsen geworden, was man von dir nicht gerade behaupten kann.«
   Pubertäre Streitigkeiten? Das hatte gesessen. Eine Welle der Enttäuschung schwappte über sie hinweg, weil Cori keinerlei Verständnis für ihren Standpunkt übrig hatte und sie die Sache derart banalisierte. Sie spürte, wie ihr die Kränkung Worte auf die Zunge legte, die sie eigentlich nicht äußern wollte. »Vielleicht solltest du deinen Urlaub dann lieber mit ihm anstatt mit deiner besten Freundin verbringen. Ist ja nicht so, als hätten wir wochenlang Pläne geschmiedet und uns auf eine reine Mädelstour gefreut.« Mist, aber sie hinunterzuschlucken war keine Option gewesen. Sie schüttelte den Kopf, ob über sich oder Cori war ihr nicht klar, wandte sich ab und schwamm davon.
   »Ja, wirklich sehr erwachsen, Anne!«

Kapitel 2
Von Zombies und Kokosküsschen

Zwischen Cori und ihr herrschte die nächsten Stunden Eiszeit. Anne war nach ihrem ausgiebigen Bad im Meer kurz zur Decke zurückgekehrt, um sich ihre Sachen zu schnappen. Auf Raphaels Frage hin, ob alles in Ordnung sei, hatte sie nur ein mürrisches Alles Bestens vor sich hin gebrummt, ehe sie davonmarschiert war und die beiden allein gelassen hatte.
   Und auch jetzt, am frühen Abend, schwiegen Cori und sie um die Wette. Anne hatte es sich auf dem Bett mit einem Buch bequem gemacht, als Corinna frisch geduscht aus dem Badezimmer trat. Für einen Moment begegneten sich ihre Blicke, ehe sie sich wieder ihrer Lektüre zuwandte.
   Gut, vielleicht benahm sie sich kindisch, aber dafür fiel Cori ihr eiskalt in den Rücken. Und das alles nur wegen dieses Mannes. Sie hatte am Nachmittag viel Zeit zum Nachdenken gehabt und war zu dem Schluss gekommen, dass Raphael es genau so geplant haben musste. Er wollte Anne loswerden, um allein Zeit mit Corinna zu verbringen. Wenn sie ehrlich war, konnte sie es ihm nicht mal verübeln, denn Cori war einer der besten Menschen auf diesem Planeten. Er war demnach nicht der Erste, der sein Glück bei ihr versuchte, trotz des Wissens um ihren Beziehungsstand. Es gab eine lange Schlange unglückseliger Verehrer. Fast hätte sie Mitleid für ihn empfunden, wäre da nicht der kleine, aber entscheidende Umstand, dass er Raphael Fitz hieß und ihr die Pubertät zur Hölle gemacht hatte. Wie dem auch sei, er würde keinen Erfolg haben, denn die Liebe zwischen Cori und Josh war innig und stark. Eine Gewissheit, die sie ungemein beruhigte. Was ihr aber bitter aufstieß, war die Tatsache, dass sich Corinna derart blenden ließ. Sollten beste Freundinnen und Seelenschwestern nicht zusammenhalten? Vor allem, da sich Anne früher in schöner Regelmäßigkeit die Augen bei Cori wegen dieses Kerls ausgeheult hatte.
   Anne schrak aus ihren Überlegungen auf, als sie etwas am Kopf traf. Sie blinzelte und bemerkte, dass es sich um ein Kissen handelte. Schnaubend sah sie zu Corinna, die mit übereinandergeschlagenen Beinen auf ihrem Bett saß und ungeduldig mit dem Fuß auf und ab wippte.
   »Was soll das?«, murmelte Anne.
   »Ich habe dir eine Frage gestellt.«
   »Was denn?«
   »Möchtest du uns begleiten oder weiter schmollend im Zimmer hocken?«
   Uns? Sie wurde hellhörig. »Begleiten? Wohin?«
   »Raphael und ich wollen einen Strandspaziergang entlang der Klippen machen.«
   Soso … einen romantischen Abendspaziergang entlang der Klippen. Sie seufzte. Gewiss, sie liebte und schätze Cori für ihre Gutgläubigkeit, doch es war erschreckend, wie blind sie zeitweilig durch die Weltgeschichte marschierte. Sie schien tatsächlich keinen blassen Schimmer zu haben, was Raphael beabsichtigte. Eigentlich war Anne nicht sonderlich erpicht auf einen Spaziergang, jedenfalls nicht zu dritt, doch der Gedanke, Cori allein mit ihm ziehen zu lassen, ließ all ihre Alarmglocken schrillen. O nein, so leicht würde er sie nicht loswerden.
   Sie legte das Buch auf den Nachttischschrank und erhob sich. »Klar, warum nicht?«
   Corinna betrachtete sie skeptisch. »Aber benimm dich.«
   Anne lächelte. »Sowieso.«
   Sie verließen das Zimmer und nahmen den Fahrstuhl nach unten. Eine hypnotisierend sonore Stimme verkündete, dass sie das Erdgeschoss erreicht hatten, bevor die Türen beiseiteglitten. Sie brauchten nicht lange Ausschau zu halten, denn Raphaels imposante Erscheinung – obwohl nur in typisch lockerer Urlaubsbekleidung – wartete bereits im Empfangsbereich. Er lehnte an der Rezeption. Als er sie entdeckte, hob er die Hand und lächelte.
   Anne nahm sich vor, nicht genau hinzusehen. Bedauerlicherweise blieb ihr Blick an ihm haften, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte. Und das nur, weil er sie ansah. Sie und nicht Corinna. Anne schluckte und kämpfte mit einem Anflug von Nervosität.
   Er hatte schon damals diese Wirkung auf sie gehabt, aus diesem Grund war es ihr ja so schwer gefallen, ihn aus ihren Gedanken zu tilgen.
   Seine Augen besaßen dieselbe dunkelbraune Farbe wie sein Haar. Es war ein eindringlicher Ton, der eine Tiefe besaß, in der man sich verlieren konnte, wenn man nicht aufpasste. Anne aber hatte aus ihrer Vergangenheit gelernt. Der kurze Hieb, der ihr durch die Brust fuhr, rief sie zur Besinnung, half ihr, sich wiederzufinden, sich des Schmerzes zu erinnern, den Raphael ihrem naiven Herzen vor all den Jahren zugefügt hatte. Mit jedem gemeinen Wort, jedem spöttischen Lächeln. Natürlich, sie war selbst schuld gewesen. Man verliebte sich auch nicht unsterblich in einen Jungen, der einem nichts als Spott und Geringschätzung entgegenbrachte.
   »Hey, hast du lange gewartet?«, fragte Corinna, als sie ihn erreichten.
   Anne betrachtete die Umgebung, schaute überall hin, nur nicht zu ihm. Sein blödes Womanizer-Lächeln ging ihr gehörig auf den Wecker. Am liebsten hätte sie ihm erneut ihren Latschen vor die Stirn geknallt, nur damit er endlich aufhörte, den Strahlemann vom Dienst zu mimen. Er hatte es nicht verdient, so gut drauf zu sein, und eigentlich war Anne fest davon ausgegangen, dass ihr Anblick ihm die Laune ordentlich vermiesen würde. Immerhin würde er nun auf den romantischen Strandspaziergang mit Corinna in seliger Zweisamkeit verzichten müssen. Zu früh gefreut. Er wirkte, als hätte er im Lotto gewonnen. Eines musste man ihm lassen – er war ein überaus fantastischer Blender.
   »Nein, überhaupt nicht«, antwortete er.
   »Fein. Dann mal los.« Cori ging voraus.
   Raphael hingegen blieb stehen, und als Anne einen vorsichtigen Seitenblick riskierte, bemerkte sie, dass er sie anstarrte. Was hatte er für ein Problem? Hatte sie etwas im Gesicht? Vielleicht noch einen Klecks Magerquark?
   Sie reckte das Kinn und folgte Corinna. Raphael gesellte sich an Annes Seite. Der hatte vielleicht Nerven. Ihr war klar, was er bezweckte, immerhin war sie nicht von gestern. Den Feind studieren, um seine Schwachstellen ausfindig zu machen. Aber nicht mit ihr. Sie strafte ihn gekonnt mit Nichtachtung.
   »Corinna hat mir erzählt, dass du bald mit deinem Studium fertig bist.«
   Wirklich? Small Talk? Bessere Geschütze hatte er nicht zu bieten? Sie war enttäuscht. Und was fiel Cori, dieser Klatschbase, überhaupt ein, mit Raphael hinter ihrem Rücken über sie zu reden? »Ja.«
   »Literaturwissenschaft und Philosophie, richtig?«
   »Ja.«
   »Da wird die anschließende Jobsuche sicherlich zur Herausforderung.«
   »Ich liebe Herausforderungen!«
   Raphaels brummiges Lachen schwirrte um sie herum. »Ich auch, Anne, ich auch …«
   Anne funkelte ihn an. »Prima!« Sie hatte die Botschaft verstanden. Er wollte kämpfen? Nur zu, sie war bereit.
   Als sie den Strand erreichten, zerrte sie sich die Schlappen von den Füßen und lief barfuß durch den feuchten Sand. Cori und Raphael folgten ihrem Beispiel, während erstere begann, über die Schönheit der Umgebung zu sinnieren. Anne hörte nur mit halbem Ohr zu, weil die Steine und Muscheln, die von den Wellen angespült worden waren, ihre Aufmerksamkeit bannten. Ab und zu bückte sie sich, wenn sie ein besonders schönes Exemplar entdeckte.
   Raphael hatte indessen zu Cori aufgeschlossen. Anne war extra langsam gelaufen, um ihn loszuwerden, auch wenn das gegen den eigentlichen Plan, ihm keine freie Minute mit Cori allein zu gewähren, verstieß. Gerade war die Sehnsucht nach Ruhe und Frieden größer, und entgegen ihrer Erwartungen genoss sie diesen Spaziergang, fühlte sich besänftigt und versöhnt. Der Strand konnte wunderschön sein, wenn er nicht total überfüllt war oder die Sonne erbarmungslos auf ihn niederbrannte. Zwar schien sie noch immer, aber um einiges milder und rücksichtsvoller.
   Eine ganze Weile schlenderten sie friedlich am Meer entlang, bis sie schließlich die Klippen erreichten und sich entschieden, oben weiterzulaufen.
   »Die Aussicht ist mit Sicherheit umwerfend«, schwärmte Cori.
   Sie behielt recht. Es war grandios, und Anne verschlug es schier den Atem, als sie den weitläufigen Horizont erblickte, der sich vor ihnen im Dämmerschein der allmählich untergehenden Sonne erstreckte. Da waren keine Grenzen, keine Schranken – nur Freiheit, glitzernd und schimmernd in der Abendsonne. Anne blinzelte, fühlte sich wie hypnotisiert, konnte den Blick nicht lösen. Dieser Moment – hier, jetzt, mit einem Bild vor Augen, das sie an die wunderschönen Gemälde erinnerte, die in der nostalgisch anmutenden Altbauwohnung ihrer Großmutter hingen, und von denen sie immer geglaubt hatte, dass sie ihren Zauber einzig und allein dem Maler und nicht der Realität zu verdanken hatten – besaß etwas geradezu Magisches.
   »Hey, wo bleibst du denn?«, holte Cori sie aus ihrer Trance.
   Anne riss sich los und wandte den Kopf, bemerkte, dass Cori und Raphael etliche Meter weiter vorn auf sie warteten. Beide sahen sie an, doch nur bei einem verspürte sie ein nervöses Zucken im Magen. Rasch schaute sie weg und schloss den Abstand.
   Einige Zeit liefen sie die Klippen entlang. Anne mochte den sanften Wind, der nach Salz und Wärme roch, und ließ die Aussicht auf sich wirken, ehe sie wieder hinabstiegen.
   »Schaut mal, dort drüben.« Cori wies auf eine Strandbar, die vor ihnen lag und den Charme von lebendiger Heiterkeit versprühte. »Wie wärs mit einem kleinen Absacker?«
   Raphael nickte. »Warum nicht.«
   Anne zuckte die Schultern. »Von mir aus.« Nicht, dass sie große Lust hatte, denn über schlechte Gesellschaft konnte nicht mal der stärkste Cocktail hinwegtrösten, aber sie würde sich hüten, die beiden nun allein zu lassen und sich aufs Zimmer zurückzuziehen. Zu gefährlich. Sie konnte nicht einschätzen, wie weit Raphael gehen würde, und Cori vertrug doch nichts. Wer wusste schon, ob er sich diesen Umstand zunutze machen würde. Okay, für derart mies hielt sie ihn nicht, aber man konnte nie vorsichtig genug sein.
   Sie betraten die Bar, in der bereits reges Treiben herrschte. Aus den Lautsprechern in den Ecken der Decke drangen karibische Klänge, die hervorragend zum restlichen Ambiente passten.
   Sie ließen sich an einem Tisch nahe des Tresens nieder, da die schönen Plätze mit direkter Sicht auf den Strand besetzt waren. Obwohl es noch früh am Abend war, schienen die Gäste schon gut bei der Sache zu sein. Anne nahm sich das zum Vorbild und bestellte einen Zombie.
   »Bist du sicher? Du verträgst doch nichts«, mischte sich Cori ein.
   Anne kräuselte die Nase. »Das sagt die Richtige.«
   »Deshalb habe ich einen alkoholfreien Coconut Kiss bestellt.«
   Fein. Sie hatte auch keinen Grund, sich die Situation angenehm zu trinken.
   Kurz darauf bekamen sie ihre Getränke, und nachdem Anne ihren Cocktail binnen weniger Minuten geleert hatte, dabei Raphaels Blick und Coris weiteren Kommentar geflissentlich ignorierte, bestellte sie sich ein Mineralwasser. Ihr Kopf schwirrte, aber das würde sie den anderen nicht auf die Nase binden.
   Cori tippte in nerviger Oberlehrermanier auf den Tisch. »Hab ich es nicht gesagt?«
   Kommentar Nummer drei. Hätte Cori nicht beschlossen, ihren gemeinsamen Urlaub zu ruinieren und Raphael munter zu allen Aktivitäten einzuladen, wäre Anne nicht in diese Lage geraten. Sie zuckte die Schultern und lächelte. »Weiß nicht, hab zu viel getrunken, kann mich nicht erinnern.«
   Cori verdrehte die Augen und nippte an ihrem mit Sicherheit viel zu süßen Kokosnussküsschen. Ein Milchbart blieb zurück, und Anne verkniff sich ein Stöhnen, als Raphael charmant lächelnd darauf aufmerksam machte. Fehlte nur noch, dass er Cori mit dem Daumen über die Oberlippe strich. Dem Himmel sei Dank tat er nichts dergleichen. Anne hätte ihm persönlich in die Hand gebissen, und es wäre ihr egal gewesen, ob er sie für bekloppt gehalten hätte.

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