Nach dem Tod ihres Mannes muss sich Jessalyn Ryan zurück ins Leben kämpfen. Als sie kurz vor dem Durchbruch als gefeierte Künstlerin steht, taucht nicht nur ihr tot geglaubter Mann auf, sondern auch die mexikanische Drogenmafia. Sie fliehen Hals über Kopf. Um den Verfolgern zu entkommen, setzt ihr Mann sie mit einem Koffer voller Geld in den Wäldern Oregons aus. Er flieht allein, wird jedoch in einen Unfall verwickelt, wobei die brennenden Autos den Wald in Flammen setzen. Jessalyn entrinnt dem Feuer und der Mafia, doch nicht ihrer Vergangenheit. Baxter Rockwood gehört zur Eliteeinheit der Feuerwehr. Er ist ein Smoke Jumper, der sein Leben riskiert, wenn ganze Landstriche niederbrennen und Menschen evakuiert werden müssen. Als er mit Löschflugzeug zu einem Einsatz gerufen wird, findet er eine wunderschöne Frau mit einem Geldkoffer und jede Menge Geheimnisse. Es dauert nicht lang und heiße Leidenschaft lässt sein Herz verglühen.

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Zeichen: 369.322

Printausgabe: 10,99 €

ISBN: 978-9963-53-557-6

Seiten: 223

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Moni Kaspers

Moni Kaspers
Moni Kaspers schreibt Romane, die ans Herz gehen und zum Nachdenken anregen. Durch ihre Gabe, plastisch zu beschreiben, fühlt sich der Leser mittendrin. Ihre großartigen Bewertungen und zwei Bestseller auf Amazon unterstreichen ihren Erfolg. Sie lebt zurückgezogen mit ihrem Mann, vier Katzen und zwei Hunden im schönen Rheinberg am Niederrhein. In der Weite der Natur und der Ruhe findet sie die Inspiration zu ihren Romanen.  

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog
Steven stand im Dunkel der Nacht und abseits im Schatten seines eigenen Lebens. Der Geruch, der aus den Mülltonnen waberte, die ihm Deckung verschafften, verursachte ihm tiefen Ekel. Er zog die Jacke enger um den Körper, als könnte er so den Gestank von sich fernhalten, und suchte die dunklen Nischen ab. Ratten konnte er jetzt überhaupt nicht gebrauchen. Er hasste Ratten und da war er sicherlich keine Ausnahme.    Gegenüber, in der hell erleuchteten Galerie, dort, wo das Leben pulsierte, machte seine Ehefrau wahrscheinlich gerade das Geschäft ihres Lebens, nicht ahnend, dass ihr tot geglaubter Mann an der Hauswand lehnte, um sie für ein paar gestohlene Minuten beobachten zu können. Verbotene Minuten. Genau genommen waren es selbstmörderische Minuten. Steven sah unter dem Schirm seiner tief ins Gesicht gezogenen Baseballkappe immer wieder prüfend zwischen der geladenen Gesellschaft, die Jessalyns kunstvolle Skulpturen betrachtete, und dem Parkplatz, ganz besonders dem Parkplatz, hin und her. Bisher war niemand Verdächtiges aufgetaucht.    Jessalyn hielt nun eine kleine Ansprache. Das dürfte ihr wenig gefallen, lächelte er in sich hinein, denn sie war im Grunde sehr schüchtern. Als plötzlich der Beifall ihrer betuchten Gäste aufbrandete, durchzuckte ihn bei dem Geräusch kurz der Schreck, doch er hatte sich schnell wieder im Griff. Sein Blick lag gebannt auf ihr. Wie wunderschön sie war. Ihr langes, seidiges Haar, das bronzefarben in weichen Locken bis zu ihren schmalen Hüften fiel. Ihre schlanke Figur, das geschmackvolle dunkelgrüne Kostüm, das so wunderbar zu ihren Katzenaugen passte. Sie trug hohe Schuhe, das hatte sie früher nie getan, doch sie hätte es tun sollen, denn sie war atemberaubend sexy. Zu seinem Bedauern gehörte sie nicht zu den Frauen, die schöne Schuhe sammelten. Sie trug lieber Turnschuhe oder Boots. Er hatte sie dann und wann gebeten, etwas Hochhackiges zu tragen, nur für ihn, doch sie hatte gelacht und sich nicht dafür erwärmen können. Nun stand sie in ihrer eigenen Ausstellung, mitten in Fair Oaks, hob ein Glas Champagner in die Höhe und strahlte, wie er sie lange nicht gesehen hatte.    Über die Ausstellung hatte er gelesen, rein zufällig war eines der Kunstmagazine in seine Hände gefallen. Jessy war für ihre Werke bereits bekannt und konnte mittlerweile sicher ganz gut davon leben. Wenn sie nur wüsste, wie stolz er auf sie war. Auf das, was sie geschafft hatte, auch ohne ihn. Wie abgöttisch er sie immer noch liebte und immer lieben würde. Ein paarmal hatte er nachts vor ihrer, nein, vor seiner Haustür gestanden. Es fühlte sich noch immer an, als gehörte dieses Haus ihm und das tat es ja auch. Sie trug noch seinen Namen und seinen Ring an ihrem Finger. Einen anderen Kerl hatte er nicht bei ihr entdecken können und das rechnete er ihr hoch an. Nach seinem vorgetäuschten Tod vor einem Jahr hätte er es ihr nicht einmal übel nehmen können, doch sie war allein geblieben. Dafür liebte er sie umso mehr. Sie war so rein. So edel. So unbeschmutzt. Warum er sich auf die dubiosen Geschäfte eingelassen hatte, wusste er nicht. Nein, im Grunde war das eine beschissene Lüge, die er sich immer wieder vorbetete. Er wusste es genau. Er hatte alles haben wollen. Alles! Eine Wahnsinnsfrau, ein hübsches Häuschen in einem gehobenen Vorstadtviertel mit einem Garten, in dem man mit guten Freunden Feste feierte und vielleicht irgendwann einmal seine ungeborenen Kinder spielen würden … Nun ja, das alles hatte er bereits besessen, doch er wollte mehr. Eine Villa am Meer, ein rasantes Auto, ach was, eins, mehrere und einen Swimmingpool mit beleuchtetem Wasserfall. Ein Boot natürlich und reisen, wohin man wollte.    Darum hatte er zugestimmt, als er heiße Ware von Mexiko über die Grenze bringen sollte. Kein Job für zarte Nerven, doch ständig hatte er vor Augen, wie seine schöne Jessalyn im knappen Nichts vor dem beleuchteten Wasserfall posierte und er sie in seinem riesigen Pool leidenschaftlich liebte. Er verdiente dabei sehr gut. Schmutziges Geld für eine Saubermann-Strand-Villa. Jessy log er vor, er hätte sich hochgearbeitet, wäre befördert worden, seine langen, einsamen Nächte an der Grenze, bis der Wachwechsel stattfand, schob er als Geschäftsreisen vor. Mit jedem Mal wurde es einfacher, mit jedem Mal wurden die Grenzpolizisten nachlässiger, grüßten ihn bereits von Weitem und mit jedem Mal wurden die Päckchen größer. Der Handlanger des Drogenbarons klopfte ihm anerkennend auf die Schulter, mit seinem Goldzahngrinsen und anderen Bodyguards im Hintergrund. Eine ganze Zeit lang scheffelte er viel Geld für Drogen, die womöglich an der Schule seiner Nachbarkinder wieder in Umlauf kamen, doch das schob er weit von sich. Nicht diese Schule, nicht diese Kinder. So etwas passierte nur woanders. Wenn er genug angehäuft hätte, brauchten seine Kinder nicht in Schulen gehen, wo Drogen verkauft wurden. Er könnte sie privat unterrichten lassen oder auf auserwählte Internate schicken, damit sie etwas aus ihrem Leben machen konnten.    So hatte er gedacht, bevor sein gottverdammter Karren kurz hinter der Mexikanischen Grenze den Geist aufgab und die Highway Police ihn aufgriff. Er war nervös geworden, sie hatten es bemerkt, und noch bevor er sich versah, lag er mit dem Gesicht im Dreck der Straße und der Officer drückte ihm sein Knie in den Nacken. Sie wussten genau, wonach sie suchen mussten und es dauerte nicht lange, bis sie einen Teil der Drogen fanden. Hektisch hatten sie ihn in den Polizeiwagen gepackt und Verstärkung angefordert. Die Drogenbosse ließen ihre Kuriere überwachen, damit sie die Polizisten notfalls beseitigen konnten. Je wertvoller die Fracht, desto wertloser war ein Leben. Die Cops hatten ihn mit Schweißperlen auf der Stirn angeschrien und einer drückte seine Waffe an Stevens Schläfe. Er gestand ihnen sofort, wo sie den Rest der Drogen fanden. Er war nun mal kein Held. Im Eiltempo durchforsteten sie seinen Wagen, dann fuhren sie mit durchdrehenden Rädern mit ihm davon. Stundenlang hatte er auf der Wache sitzen müssen, bis einer der Beamten ihn endlich in einen Verhörraum brachte.    »Mister Ryan, das ist ein ziemlicher Schlamassel, in dem Sie stecken«, hatte der Inspektor ihn empfangen. Der fette Kerl schwitzte stark und tupfte sich ständig mit einem Tuch die Schweißtropfen von der Stirn.    »Man hat mir die Drogen untergejubelt.«    »Sicher, darum wussten Sie ja auch sofort, wo sie versteckt waren. Reden wir nicht lange drum herum, Sie sind erledigt, das wissen Sie. Wenn wir Sie gehen lassen, werden Sie die andere Straßenseite nicht erreichen, ohne dass man aus irgendwelchen dunklen Ecken Blei in Ihre Brust jagt.«    »Warum sollte man? Von mir erfahren Sie nichts.«    »Mister Ryan, ich will Ihnen Ihre Illusionen nicht nehmen, aber Ihr Auftraggeber wird nicht an das Gute in Ihnen glauben. Ob Sie nun den Mund aufmachen oder nicht, Sie sind ein toter Mann. Ich kenne keinen Kurier, der einen Aufgriff durch die Polizei lange überlebt hat, nachdem man ihn freiließ.«    Während in ihm ein Sturm der Angst tobte, lehnte sich der Inspektor zurück, fummelte eine Zigarette aus der Packung und bot sie ihm an. Steven hatte vor Jahren aufgehört, doch jetzt war ein verdammt guter Zeitpunkt, wieder anzufangen.    »Sie können schweigen, das ist Ihr gutes Recht, aber Sie sind nur ein kleines Licht, ein Glühwürmchen. Wir aber wollen die Kronleuchter, verstehen Sie?«    Das Feuerzeug schnippte vor seinem Gesicht. Steven nickte, inhalierte den Rauch und es war besser, als er erwartet hatte. Langsam stieß er den Qualm wieder hinaus. Wie beruhigend. Warum nur hatte er aufgehört zu rauchen?    »Haben Sie mich verstanden, Ryan?«    »Ja, sicher.«    »Ich biete Ihnen einen Deal.«    »Ich weiß, wie das läuft. Am Ende haben Sie die Namen und ich bin entweder tot oder verrotte im Gefängnis. Vergessen Sie’s.«    Der Inspektor schüttelte den Kopf, zog an seiner Zigarette, ließ sie im Mundwinkel hängen und blätterte in seinen Unterlagen. »Ihre Frau Jessalyn hat soeben ihren dreißigsten Geburtstag gefeiert.« Er zog ein Bild von ihr aus den Papieren und ließ es über den Tisch gleiten.    Steven nahm es in die Hand und war geschockt. Es zeigte sie während ihrer Feier im Garten. Sie hatten ein Barbecue gemacht, Freunde eingeladen, ein wunderbarer Abend. Auf weiteren Bildern sah man Jessy in ihrer Galerie, vor ihrem Auto, sie zusammen beim Einkaufen.    »Sie ist wunderschön, Sie haben eine sehr schöne Frau. Ja, Mister Ryan, da werden Sie blass und wissen Sie was?«    Steven schluckte und schüttelte den Kopf.    »Wissen Sie nicht? Dann werde ich es Ihnen sagen. Genau diese Informationen besitzt mit Sicherheit auch Ihr Boss, das ist die bittere Wahrheit, Ryan.«    »Woher wollen Sie das wissen?«    »Ich mache diesen verfluchten Job nicht erst seit heute. In den letzten Jahren habe ich viele unschuldige Opfer sterben sehen. Kinder, die an Drogen krepieren, weil skrupellose Menschen wie Sie nur ihre Profitgier befriedigen wollen. Junge Frauen und Männer, die ihre Körper verkaufen, um an diesen Dreck zu kommen, der sie für ein paar Stunden ihr Elend ertragen lässt. Ein Teufelskreis. Und Familien der Kuriere, die überraschend bei Autounfällen oder Überfällen starben, obwohl sie nicht die geringste Ahnung vom Treiben ihrer Familienmitglieder hatten. Das alles, Ryan, das alles nur für diesen Stoff.«    Die Worte des Inspektors schnürten ihm die Kehle zu. Ein schreckliches Gefühl breitete sich in ihm aus. Sein Gewissen. Er hatte doch nur das Beste für sie und sich gewollt. Ein sorgenfreies Leben. Doch nun musste er um Jessys Leben fürchten. In seinem Kopf rotierte es.    »Sie fragen sich gerade, ‚Mensch, Steven, was machst du jetzt‘, habe ich recht?«    Steven zuckte mit den Schultern, sog tief an seiner Zigarette und vermied es, seinem Gegenüber in die Augen zu sehen.    »Ich verrate Ihnen noch etwas. Sie sind aufgeflogen, längst weiß Ihr Boss Bescheid. Er fürchtet um sein Geld. Bei der Menge an Stoff macht er gerade einen Riesenverlust und glauben Sie mir, er wird heute verdammt schlechte Laune haben. Doch er will sein Geld zurück und Sie haben eine schöne Frau. Er wird über kurz oder lang jemanden bei Jessalyn vorbeischicken.«    Der Schreck ließ Steven aufblicken, geradewegs in die wässrigen Augen des Inspektors. »Was soll das bedeuten? Sie hat nicht den blassesten Schimmer …«    »Das weiß ich. Er wird das auch wissen, doch er wird sie sich holen wollen, damit sie Ihre Schulden abarbeitet, Steven, so läuft das nun mal. Geben sie uns Namen, Ryan, damit wir diese Rattenplage ausrotten und Ihre Frau beschützen können.«    »Abarbeitet? Was meinen Sie damit? Verdammt, was zur Hölle …?« Ihm wurde die Tragweite seines Handelns mehr und mehr bewusst und die kalte Angst klammerte sich in seinen Nacken. Vor seinem inneren Auge sah er Jess nackt und gedemütigt vor diesem Schwein kniend und sämtliche Haare seines Körpers stellten sich auf. »Sie müssen sie beschützen, Inspektor!«    »Ja, wir sind verpflichtet, das zu tun, und das werden wir auch, aber dafür müssen Sie sterben, Ryan.«    Das hatte er dann auch getan. Aufgrund seiner Aussage konnten sie den größten Teil der Organisation einbuchten, bis auf den Drogenbaron natürlich. So war es leider immer, dass der Kopf der Bande unberührt blieb. Er selbst starb einen Unfalltod, damit er am Leben blieb, doch tatsächlich war er mehr scheintot als lebendig. Er hatte vorher nicht bedacht, wie grausam seine Schattenexistenz sein würde. Er schaffte es einfach nicht, mit seinem Leben, das er einst so stolz geführt hatte, abzuschließen. Sein Name war jetzt Benjamin Stark, er fand ihn furchtbar, und er lebte vierhundert Meilen von seinem alten Leben entfernt. Noch stand er unter Beobachtung, hätte theoretisch keinen Fuß vor die Tür setzen dürfen, aber er stahl sich immer wieder heimlich zu ihr, wie in diesem besonderen Moment ihrer neuesten Ausstellung. So konnte er bei ihr sein, teilhaben an ihrem Leben, das aufregend und bunt für sie weiterging. Sie hatte es verdient. Steven wollte gerade sein Versteck hinter den Mülltonnen verlassen, als eine dunkle Limousine mit getönten Scheiben vor der Galerie hielt. Steven wusste sofort, wer das war. Der Mann, der dem Luxuswagen entstieg, war Sebastián José de Zosa, genannt El Enano, der Zwerg. Der kleinste Mann Mexikos, dessen Geld in einem Aktenkoffer auf Stevens Rückbank lag und der jetzt, sein Seidentuch um den Hals zurechtzupfend, Jessalyns Galerie betrat.    Stevens Plan konnte beginnen.

Kapitel 1


Was für ein gelungener Abend. Jess ließ die Haustür hinter sich ins Schloss fallen, zog die hohen Schuhe aus und massierte ihre schmerzenden Zehen. Nie hätte sie gedacht, dass ihre Werke solch einen Anklang finden würden. Ein glückliches Gefühl durchströmte sie und Jessy konnte nicht verhindern, dass sich ihr Mund ständig zu einem glücklichen Lächeln verzog. Seit Stevens tragischem Tod hatte sie um ihre Existenz kämpfen müssen, doch mit dem heutigen Abend war das offensichtlich vorbei. Sie war glücklich. Ja, nach langer Zeit verspürte sie endlich wieder so etwas wie Glück.    Sie hatte einen grandiosen Auftrag mit einem Museumsleiter abschließen können und sollte in den nächsten Wochen zu ihm ins Büro kommen, um Verträge zu unterschreiben. Dann war da noch dieser Mexikaner, der gleich mehrere kleine Skulpturen gekauft hatte. Sogar die Presse hatte sich eingefunden, und wenn sie es tatsächlich in das noble Art Magazine schaffte, war das wie ein Ritterschlag und sie würde noch bekannter.    Jess ging unter die Dusche und streifte ihre Wohlfühlsachen über. Jogginghose und XXL-T-Shirt standen im krassen Gegensatz zu ihrem frisch erworbenen, sündhaft teuren Designerkostüm und waren auch viel bequemer, machten sich aber leider bei offiziellen Anlässen nicht so gut. Sie würde es ausprobieren, wenn sie reich und berühmt war, kicherte sie in sich hinein, dann würde man der schrulligen Künstlerin die Kleiderwahl sicher verzeihen. Wenn man Geld hatte, war einfach alles möglich. Ein Glas Wein zur Feier des Tages, danach würde sie sehr gut schlafen.    Sie war in solch einer glücklichen Stimmung, dass sie für einen Moment darüber nachdachte, Franks Einladung zum Abendessen anzunehmen. Es wäre das erste Mal, dass sie sich auf eine Verabredung einließ. Schon seit geraumer Zeit machte er ihr schöne Augen und seine steten Annäherungsversuche ließen sie nicht kalt. Außerdem musste sie ihm dankbar sein, denn die Kontakte zum Museumsleiter hatte er geknüpft. Frank sah zudem blendend aus. Braun gebrannt, blondes, dichtes Haar, seine Statur groß und athletisch. Heute Abend hatte er in seinem Anzug umwerfend sexy ausgesehen. Er war nicht unvermögend, hatte hervorragende Kontakte und war einer der wenigen Männer, die weder verheiratet noch homosexuell waren. Eine Seltenheit im Künstlergewerbe. Doch würde das ausreichen? Keine Schmetterlinge, kein Prickeln, das über die Haut rieselte, wenn er ihr in die Augen sah? Vielleicht war sie schon zu alt für Schmetterlinge, vielleicht erlebte man das nur in jungen Jahren. Bei der ersten großen Liebe. Dieses alles durcheinanderwirbelnde Gefühl, das einen stürmisch auf Wolke sieben katapultierte, hatte sie auch bei Steven nie gehabt. Dennoch, sie hatte ihn geliebt. Jess konnte nicht sagen, ob sie Steven noch immer liebte, nein, vermutlich war das vorbei. Es gab ein Gefühl nach der Liebe. Ein ebenso tiefes, verbundenes Gefühl, nachdem man einen Menschen verloren hatte, doch das hatte nichts mehr mit der Liebe gemeinsam, die man empfand, wenn man zusammen die Zukunft plante. Nach der Zeit der Trauer begann man, mit dem Herzen zu denken, aber nicht mehr zu fühlen. Jess nahm einen weiteren Schluck aus dem Glas und betrachtete beim Absetzen nachdenklich die blutrote Flüssigkeit, als läge dort die Antwort auf alle Fragen. Steven hatte Wein leider nie gemocht.    Sie stellte das Getränk beiseite und nahm ihr Telefon in die Hand. Eine Weile starrte sie auf die Texteingabe, dann ließ sie es tatenlos sinken. Kein Abendessen mit Frank. Es war besser so. Davon abgesehen gab es kein Restaurant, in dem sie nicht bereits mit Steven gewesen war. Es gab auch keinen Ort, an dem sie nicht mit ihm gewesen war. Keine Erinnerung an Vergangenes, ohne sein Gesicht. Mit Verwunderung stellte sie jedoch immer öfter fest, dass sie begann, sich nach jemandem zu sehnen. Jess lehnte sich zurück und schloss die Augen. Wunderbare Bilder spielten sich dahinter ab wie in einem romantischen Liebesfilm. Ein Mann, der sie aus den Angeln hob, der ihren Atem stocken ließ, der sie zum Lachen brachte. O ja, der Nächste musste sie zum Lachen bringen, unbedingt. Steven war stets so ernst gewesen, in dem Jahr vor seinem Tod sogar oft fahrig, nervös und manchmal nahezu aggressiv. Der nächste Mann in ihrem Leben musste zwar kein Komiker sein, aber er sollte Humor besitzen. Ein genaues Bild hatte sie nicht, doch darauf kam es auch nicht an. Er musste nicht äußerlich zu ihr passen, sondern innerlich.    Jess erhob sich müde, schaltete das Licht aus und wandte sich gerade der Treppe zu, als sie ein Geräusch vor der Haustür vernahm, das sie aufhorchen ließ. Ihr Kopf wirbelte herum und ihr Herz klopfte vor Schreck. Das war kein Tier, das an der Tür kratzte, da war etwas anderes. Sie hielt den Atem an, kniff die Augen zu Sehschlitzen zusammen, in der Hoffnung, besser durch die Dunkelheit zu dringen. Vorsichtig und bemüht leise schlich sie zur Haustür. Ein Zettel lag auf dem Boden. Jemand hatte um diese Uhrzeit etwas durch den Türschlitz geworfen. Ihr Blick wanderte von dem Zettel aus den Boden entlang, die Tür hinauf, bis zum Drehknopf. Bewegte der sich etwa? Nein. Sicher nur eine optische Täuschung in der Dunkelheit. Jessy hockte sich und griff mit zitternden Fingern nach dem Fetzen Papier. Eine eilig herausgerissene Seite aus einem Notizblock. Der Stift hatte wohl versagt, denn manche Buchstaben waren kaum zu entziffern. Sie würde das Licht einschalten müssen. Warum sie solche Angst hatte, vermochte sie nicht zu sagen, aber das alles beunruhigte sie in höchstem Maße. Jess entfernte sich, indem sie rückwärtsging und die Tür gebannt im Auge behielt. Sie erreichte die Gästetoilette, schloss sich darin ein und knipste aufgeregt das Licht an. Als ihre Augen die Schrift wahrnahmen, zitterte sie plötzlich so sehr, dass sie den Zettel ablegen musste, um das Geschriebene lesen zu können.    Jess, du bist in großer Gefahr. Ich kann alles erklären. Ich stehe vor der Tür, bitte lass mich rein. Es geht um dein Leben. Steven.    Steven … Steven? Jess wurde es plötzlich so schlecht, dass sie fürchtete, sich übergeben zu müssen. Ein Ring aus Feuer legte sich um ihren Hals und ließ sie nach Luft schnappen. War das ein Scherz? Steven? Aber, das war doch nicht möglich. Sie war kaum in der Lage, zu begreifen. Innerlich aufgewühlt und doch wie gelähmt. Das war ein Scherz, oder? Die Schrift. Sie kannte seine Schrift. Erinnerungen an kleine, liebevolle Notizen auf dem Küchentisch, Merkblättchen an den Spiegel geheftet: ‚Denk daran, dass …‘ oder ‚Vergiss bitte nicht …‘ und oft genug: ‚Ich liebe dich …‘.    Jess setzte sich auf den Toilettendeckel, hielt den Zettel in beiden Händen und las, was sie nicht verstehen konnte. War er tatsächlich dort draußen? Wenn ihr Leben in Gefahr war, war es dann klug, die Tür zu öffnen? Sollte sie nicht besser die Polizei rufen? Als ihre Beine wieder gehorchten, erhob sie sich, schaltete das Licht aus, entriegelte die Tür und starrte den Flur hinab. Steven …, das konnte nur ein Scherz sein. Ein verdammt schlechter dazu.    Sie horchte in die Dunkelheit. Nichts regte sich. Mit hämmerndem Herzen und wackligen Knien wagte sie sich zum Fenster neben der Tür, schob mit dem Zeigefinger die Gardine einen Zentimeter zur Seite und spähte hinaus. Ihr Herz klopfte bis zum Hals, sie spürte Schweißperlen auf der Stirn und wischte sie mit dem Handrücken beiseite. Der Hauch ihres Atems vernebelte die Scheibe und nahm ihr die Sicht. Jess rückte ein Stück weiter und starrte nach draußen. Die Nachbarhäuser lagen in tiefem Dunkel, die Straßenlaternen taten ihren Dienst, doch sie konnte nichts Ungewöhnliches in ihrem bläulich kalten Lichtkegel erkennen. Jess zuckte zurück. Und wenn Steven, oder wer auch immer, direkt vor ihrer Tür stand? Dann war sie nur durch ein paar Zentimeter Holz von einem Geist oder womöglich von einem Mörder oder Entführer entfernt. Hätte der Abend nicht einfach so enden können, wie er begonnen hatte? Ihr Sarkasmus funktionierte offensichtlich noch. Was tun? Die Tür öffnen? Sie würde doch im Leben nicht diese Tür öffnen. Ihr Telefon klingelte urplötzlich. Jessy erschrak zu Tode. Verdammt! Das Handy lag auf dem Tisch neben der Couch. Den ganzen Tag schleppte man das Ding mit sich herum, in solchen Situationen natürlich nicht. Es klingelte nachhaltig. Jess rannte zurück ins Wohnzimmer. Die Nummer war ihr fremd.    »Hallo?«    »Jess.«    Sie hörte ihren eigenen Atem stoßweise im Telefon. Das konnte alles nicht wahr sein. Ein Albtraum. Ein grausamer Albtraum. »Du kannst es nicht sein.«    »Doch, Jess. Wir haben nicht viel Zeit, bitte leg nicht auf.«    »Du bist tot.«    »Ein Zeugenschutzprogramm. Jess, du bist in großer Gefahr. Bitte glaube mir.«    »Du bist tot.« Ihr Verstand setzte aus. Sie versuchte, sich zu beruhigen. Irgendwie musste sie versuchen, sich zu beruhigen.    »Jessy, hör bitte zu. Der kleine Mexikaner, der heute in deiner Galerie war, er ist der Grund, warum ich sterben musste.«    »Also bist du doch tot.«    »Ich werde jetzt die Tür aufschließen, hörst du? Beruhige dich. Ich weiß, es ist übermenschlich viel verlangt, aber bitte beruhige dich. Ich bin hier, um dich zu retten.«    »Du hast keinen Schlüssel. Deine Habseligkeiten hat man mir übergeben.«    »Du hast den Ersatzschlüssel noch immer an unserem heimlichen Platz deponiert.«    Er lebte! Steven lebte!    »Ich komme rein, Jess, in Ordnung?«    »Einen Moment …, bitte, gib mir … einen Moment.«    »Sicher.«    Jessy atmete tief durch und legte auf. Wenige Augenblicke später hörte sie den Schlüssel im Schloss und Schritte im Flur. Sie war nicht fähig, sich zu bewegen, war vor Angst wie erstarrt. Warum nur hatte sie keine Waffe? Warum nur hatte sie Waffenbesitz immer kritisiert? Sie hätte jetzt verdammt gern einen geladenen Colt in den Händen. Jemand langte trotz Dunkelheit zielsicher an den Lichtschalter und Jess war nicht mehr Herr über ihre Beine. Sie sackte zusammen und sank auf das Sofa hinter sich. Steven stürzte auf sie zu, doch Jess sprang sofort wieder auf.    »Bleib, wo du bist!« Sie streckte abwehrend die Hände vor sich.    »Jess …«    »Nein! Fass mich bloß nicht an.«    Fassungslos starrte sie in sein Gesicht. Er war schmaler geworden, doch ansonsten war er ohne Zweifel der Mann, dessen Ring sie noch immer an ihrem Finger trug.    »Ich kann dir alles erklären, aber wir müssen hier weg.«    »Ich gehe nirgendwo hin.«    »Hör zu, ich habe damals großen Mist gebaut, und um dich zu schützen, musste ich offiziell sterben. Doch El Enano hat dich gefunden und er wird sein Geld wiederhaben wollen.«    »El wer?«    »Der Mann, dem ich viel Geld schulde.«    »Dann gib ihm sein Geld.«    »Was glaubst du denn? Ich gebe es ihm, er bedankt sich höflich und wünscht uns einen schönen Tag? Wir würden trotzdem sterben. Bitte, Jess, nimm deine Sachen und lass uns verschwinden.«    »Ich höre immer Uns. Was zum Teufel habe ich damit zu tun?«    »Ich erkläre es dir später, keine Zeit jetzt. Komm. Bitte!«    Er streckte ihr die Hand entgegen und Jess starrte auf sie hinab. Ein Sturm tobte in ihr, ihm die Hand zu reichen. Das war falsch, das konnte nicht sein. Wie in Trance streckte sie ihre Finger aus und es durchzuckte sie, als sie sich berührten. Seine Hand war warm und fest, kein Geist also, kein Geist. »Wo willst du hin, Ste… Steven?« Es fiel ihr schwer, seinen Namen auszusprechen, noch schwerer fiel es ihrem Verstand, eine Antwort von einer Leiche zu erwarten.    »Weit weg, Jessy, so verdammt weit weg wie nur möglich.«    »Was hast du nur getan?«    »Ich erzähle dir alles im Auto, bitte komm.«    Tatsächlich setzte sie sich in Bewegung und folgte ihm. Mit klarem Verstand hätte sie bestimmt anders reagiert, doch die Situation war so bizarr, dass Jessy nur funktionierte und keinen klaren Gedanken fassen konnte. Sie bestieg sein Auto, legte schlafwandlerisch den Sicherheitsgurt an und starrte abwechselnd auf Steven oder die Straße. Er war nervös, kaute am Fingernagel seines Zeigefingers. Eine Geste, die ihm so eigen gewesen war, die sie so gut kannte, und erst jetzt, wo er leibhaftig neben ihr saß, erst jetzt bemerkte sie, wie sehr sie seine kleinen Gesten vermisst hatte. Bis sich der Nebel in ihrem Kopf und die Watte in ihren Adern verflüchtigten, hatten sie die Stadt längst hinter sich gelassen und befanden sich auf dem Highway Nummer eins.    »Ich weiß, was ich dir angetan habe, ist unverz…«, begann er, als ahnte er ihre Gedanken.    »Du hast keine blasse Ahnung davon, was du mir angetan hast!« Sie wandte ruckartig den Kopf und spürte, wie Trauer und Verzweiflung des letzten Jahres schlagartig in Empörung und Zorn umschlugen. Sie musste wirklich an sich halten, damit sie noch eine Erklärung bekam, bevor sie ihn tatsächlich umbrachte. »Steven, du hast keine Ahnung. Als die Cops an meiner Tür klingelten und der Referend mir schonend klarmachte, dass du einen Autounfall hattest, war ich in den ersten Wochen nicht mal fähig, zu atmen, wirklich, ich konnte kaum atmen, nicht essen, nicht trinken. Jede Bewegung hat mir körperlichen Schmerz verursacht. Die Trauer um dich hat mich beinah aufgefressen, wir hatten so viele Pläne, hatten noch so viel vor. Doch einfach im Bett liegen bleiben und versuchen zu sterben, um dir nah zu sein, nein, das ging natürlich nicht. Unerledigte Rechnungen, eine Beerdigung ohne Leiche, damit deine Eltern und Freunde Abschied nehmen konnten, nicht zahlen wollende Versicherungen, weil deine sterblichen Überreste nicht gefunden wurden …«    Jessy entfuhr ein bitteres Lachen. »Bis endlich die Behörde die Gewissheit herausbrachte, dich in einem ausgetrockneten Flussbett gefunden zu haben, in dem du schon so lange gelegen hast, dass eine Identifizierung nur schwer möglich war. Jetzt verstehe ich erst, warum! Deine untröstlichen Eltern, die …, o mein Gott, was ist mit deinen Eltern? Wissen sie, dass du lebst?«    Er schüttelte mit zusammengekniffenen Lippen den Kopf.    »Verdammt, Steven, was hast du nur getan?«    Stockend begann er zu erzählen, und Jess bemühte sich, ihm zuzuhören, klar, sachlich und nüchtern, doch mit jedem weiteren Wort von Geld, Reichtum und leichtem Leben ging ihre Beherrschung bis an ihre Grenzen. »Hör auf!«, stoppte sie ihn, als er zum wiederholten Mal sagte, dass er es nur für sie getan hätte. »Das bedeutet also, wenn dieser El Dingens mich oder dich in die Finger bekommt …«    »… dann war’s das«, schloss er, schnalzte dabei mit der Zunge und passierte zeitgleich die Staatsgrenze von Kalifornien nach Oregon.    »Ich bin noch nie in Hausschuhen über die Grenze gefahren«, fiel Jessy auf, und ob sie wollte oder nicht, sie lächelte Steven an und er lächelte zaghaft zurück. »War diese Hast wirklich nötig? Wie lange werde ich weg sein? Ich hätte gern etwas eingepackt. Na ja, für ein paar Tage müsste es gehen …« Der Blick in sein Gesicht beantwortete ihr nicht nur ihre Fragen, er ließ sie auch langsam das ganze Ausmaß begreifen.    »Steven?«    »Jessy, es tut mir leid, du kannst nicht zurück. Zumindest nicht sofort. Aber ich habe Geld, viel Geld. Damit können wir woanders neu anfangen.«    »Ich will nicht woanders neu anfangen! Verdammt! Ich habe neu angefangen, als du gestorben bist und jetzt läuft es gerade gut für mich. Ich will …«    »… leben, oder?«    »Lass uns zur Polizei fahren. Sie können uns sicher helfen.«    »Ja, natürlich«, spottete er, »und weil die Polizei so clever ist und solch eine Macht besitzt, passieren auch keine Morde. Sie sollten dich beschützen, doch tatsächlich bin ich es, der dich beschützt. Keine verdammten Cops waren zu sehen, als der Zwerg in deinen Laden ging. Kein einziger, verdammter Cop. Nur ich! Vergiss es, Jessy. Noch bevor sie das Blaulicht eingeschaltet haben, pumpt man uns voll Blei.«    »O mein Gott! Dieser Mann, der meine Skulpturen kaufen wollte, ist ein Drogenboss?«    »Nicht nur das. Er ist ein Mörder, Jessy, ein eiskalter Mörder.«    Die Gefühle, die in ihr tobten, konnte sie kaum noch bewältigen.    »Warum ich? Warum sollte er mich ermorden wollen?«    »Vielleicht würde er dich nicht sofort umbringen, aber sie benutzen Frauen als eine Art Wiedergutmachung. Du müsstest für ihn anschaffen, Jess, er würde dich in eines seiner Bordelle stecken. So sieht es aus.«    »Wie bitte?«    Eine weitere Antwort blieb er ihr schuldig und sie verfielen eine lange Zeit in tiefes Schweigen. Wie sollte sie das alles auch auf die Schnelle verarbeiten? Sie hatte das Gefühl, sie saß in einem führerlosen Zug und niemand war in der Lage, dieses rasende Ding zu stoppen. Urplötzlich riss Steven das Steuer herum und bog nach rechts auf einen Abzweig in die Berge. Jess konnte sich gerade noch festhalten, sonst wäre sie zu ihm hinübergekippt.    »Steven, was …?«    Er starrte in den Rückspiegel und kaute auf seinem Fingernagel. Dann nahm er Tempo auf. Jessy bekam es mit der Angst zu tun. Sie spürte ein kaltes Kribbeln in ihrem Nacken, warf einen schnellen Blick in den Außenspiegel und sah die Lichter eines folgenden Wagens.    »Er verfolgt uns schon eine ganze Weile und er macht sich nicht mal mehr die Mühe, dabei unbemerkt zu bleiben. Sicher wartet er nur auf die Gelegenheit. Wie eine Spinne im Netz, wohl wissend, dass ihr Opfer nicht entkommen kann.«    »O Gott, ich habe Angst, Steven, tu doch etwas. Ich rufe die Polizei.« Sie fummelte mit zitternden Händen ihr Telefon aus der Trainingshose, musste aber feststellen, dass sie in den Bergen keinen Empfang hatte. Jessy spähte über die Kopfstütze nach hinten, doch der Wagen blieb in gleichmäßigem Abstand hinter ihnen.    »Vielleicht täuschst du dich?«    »Dachte ich zuerst auch, wir sind ja nicht die Einzigen auf dem Highway, aber als ich es wissen wollte und abbog, folgte er uns. Zufall? Ich glaube nicht. Nicht hier in der Einöde.«    »Und nun? Herrgott, sag, was wir tun sollen. Können wir ihn abhängen? Denkst du, er kann uns überholen?«    »Wozu auf den kurvenreichen Bergstraßen auf waghalsige Manöver bestehen? Irgendwann, so denkt der bestimmt, werden wir anhalten, doch den Gefallen tun wir ihm nicht.«    Jess zog die Unterlippe zwischen die Zähne und biss vor Angst so fest darauf, dass es schmerzte. Immer höher schraubte sich die Passstraße, immer schneller nahm Steven die engen Kurven. Sie wagte kaum, zu atmen, ihr Herz hämmerte und konnte sich nicht entscheiden, ob es wegen des Wagens hinter ihr, der drohenden Schlucht neben ihr oder den Rücklichtern eines Lkws vor ihr war.    »O Gott, wir sterben jetzt. Warum konnte ich nicht einfach zu Hause bleiben?«, jammerte sie und in Anbetracht der Situation fand sie, stand ihr das auch zu, feige zu sein.    Damit es noch schlimmer kam, setzte der riesige, lange Truck einer Baumholzfirma den Blinker. Steven würde halten müssen, ausweichen war nicht möglich, doch plötzlich drückte er das Gaspedal durch. Der Wagen verschluckte sich kurz, dann griff der Turbo und Jessy wurde in den Sitz gedrückt. Sie hörte ihren Schrei, kurz bevor Steven an der gewaltigen Ramme des Trucks vorbeiflog. Jessys Fenster zerbarst, der Außenspiegel flog davon, Blech kreischte von vorn bis hinten, als Steven den Wagen durch das Nadelöhr jagte. Reflexartig hatte sie die Arme vor das Gesicht gerissen, und während sie vor lauter Panik nach Luft schnappte, packte Steven das durchdrehende Lenkrad und bekam den schleudernden Wagen wieder in seine Gewalt. Jessys Blick flog nach hinten. Der vollgeladene Truck war noch einen Meter vorgeruckt, bevor die Bremsen packten und er die Straße versperrte. Die Verfolger waren für den Moment abgeschüttelt, doch sie würden nicht lange brauchen. Zu verräterisch waren die Scheinwerfer in der Einsamkeit, zu gut die Übersicht in der zunehmend kargeren Berglandschaft.    Jessy starrte Steven an und ihre Atmung ging so ruckartig, dass sie Seitenstechen bekam. »O mein Gott«, konnte sie nur flüstern.    Seine Stirnadern pulsierten, Schweißperlen glitten über seine Schläfe. Fahrig wischte er sie beiseite und stoppte urplötzlich am Straßenrand. »Steig aus!«    »Wa…«    »Steig aus«, schrie er sie an.    Jess versuchte mit zitternden Händen, die eingebeulte Tür zu öffnen, schaffte es mit ohrenbetäubendem Knarren und stieg so schnell aus, wie es ihre gefühllosen Beine zuließen. Steven drehte sich zur Rückbank, griff etwas, schleuderte es vor ihre Füße und traf empfindlich heftig ihr Schienbein.    »Der Zahlencode ist sieben, sieben, drei, eins. Es sind achthunderttausend Dollar. Dein Schmerzensgeld für meine Fehler. Verschwinde, Jessy, und halte dich die ersten Monate bedeckt. Vielleicht erwischt man das Schwein bald, dann kannst du sorgenfrei leben.«    »Steven!«    »Trau niemandem, versteck dich und pass auf dich auf.«    Mit quietschenden Reifen raste er los, als sie auch schon den heranjagenden Wagen ihrer Verfolger hörte. Mehr instinktiv warf sie sich in das nächste Gebüsch, Sekunden später flogen die Verbrecher an ihr vorbei. Jessys Arme suchten im Dornengebüsch Halt, doch sie rutschte den steilen Abhang hinab, überschlug sich, stieß sich an einem Baumstumpf den Kopf, bis ihr Fuß an einer Wurzel hängen blieb und verdächtig knackte. Ihr kurzer Schmerzenslaut wurde von den beiden Wagen übertönt, die sich eine Jagd den Berg hinauf lieferten. Sie näherten sich einer Steilkurve, bremsten hart, die Motoren wurden leiser, dann wurde die Drehzahl erneut nach oben gejagt. So ging es immer weiter. Bis zu dem Moment, an dem Bremsen quietschten, ein ohrenbetäubender Knall die Nacht zerriss und Jessy aufschreien ließ. O Gott, Steven. Als der Schock langsam dem Verstand wich, griff sie in die Jackentasche, fand ihr Handy, doch es war sichtlich kaputt. Sie konnte es nicht mehr einschalten und die Scheibe war zerbrochen. Jessy sah hoch zur Unfallstelle, als es plötzlich eine Explosion gab, ein Feuerball in den Himmel stieg und kurz die Dunkelheit um sie herum erleuchtete. Sie legte die Hand vor den Mund und hielt ihren geschockten Schrei fest.    Sofort fing das ausgetrocknete Buschwerk Feuer und der Wald stand in Flammen. Im Dreck kniend, fassungslos und völlig schockiert betrachtete sie beinah eine Ewigkeit das orangefarbene lodernde, schnell um sich fressende Feuer. Dort oben konnte sie niemandem mehr helfen, sie musste zusehen, dass sie schleunigst hier verschwand, bevor die Flammen in ihre Richtung drehten oder der Wind es schlecht mit ihr meinte und glühende Funken über sie herabregnen ließ. In diesen unvorstellbar riesigen Waldgebieten kämpfte man im Sommer ständig mit allem vernichtenden Waldbränden. Erst jetzt, als sie sich aufrichten wollte, nahm sie den stechenden Schmerz in ihrem Fußgelenk erneut wahr.    »Verdammte Scheiße«, fluchte sie und ihre Hand umschloss ihre Fessel. Es half nichts, sie musste sich zusammenreißen.    Jessy richtete sich auf, wobei sie leicht stöhnte, dann krabbelte sie den Abhang hinauf, sammelte ihren Hausschuh ein und wollte sich gerade an den weiteren Aufstieg machen, als ihr der Koffer einfiel. Tatsächlich hätte sie ihn am liebsten dort liegen lassen. Das Geschwür allen Übels. Aber sollte dieser Mexikaner sie finden, hätte sie zumindest die Möglichkeit, ihm sein Geld zu überreichen. Das Feuer oben am Berghang hatte sich in Sekunden weiter ausgebreitet, sie konnte es bereits riechen. Bei all dem, was in den letzten Stunden geschehen war, hoffte sie, dass es nicht Steven war, der da oben womöglich verletzt im Auto saß und jämmerlich verbrannte. Bevor ihre Fantasie weiter mit ihr durchging, beschloss sie, daran zu glauben, dass er nicht tot war. Dass er es geschafft hatte. Er hatte es schon einmal geschafft, warum nicht wieder? Vielleicht gäbe dieser mexikanische Drogenfürst Ruhe, wenn er glaubte, dass Steven tatsächlich tot war. Unglaublich, dass er sympathisch und herzlich lächelnd in ihrer Galerie gestanden hatte. Jessy mühte sich, den Koffer aus dem Dornengebüsch zu ziehen, zog sich weitere Schrammen zu und fluchte wie schon lange nicht mehr. Als sie endlich die Straße erreicht hatte, warf sie noch einmal einen Blick zur Unfallstelle. Steven. Er hat es sicher geschafft, versuchte sie sich einzureden. Mit dem silbernen Koffer in der Hand machte sich Jess humpelnd davon. Unterdessen kreisten ihre Gedanken, ob der Weg die Straße hinunter eine gute Wahl war. Was, wenn noch mehr Verfolger unterwegs waren?    »Verdammt, ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich denken soll«, murmelte sie vor sich hin. ‚Trau niemandem, versteck dich‘, zuckten seine letzten Worte durch ihre Gedanken. Ihr Leben war innerhalb weniger Stunden zu einem Albtraum geworden und so wirklich konnte sie das alles noch nicht fassen, doch der brennende Wald hinter ihr, der Koffer in ihrer Hand und die blutenden Kratzer an ihren Armen sagten etwas anderes. Sie sah Scheinwerfer mehrerer Fahrzeuge, die aus dem Tal schnell in ihre Richtung fuhren. Jess musste schleunigst die Straße verlassen und, was noch wichtiger war, dem Feuer entkommen. Das Knistern und Fauchen wurde lauter, der Geruch nach verbranntem Holz und glühender Erde intensiver. Jessy entschied sich, trotz Hausschlappen die Straße zu verlassen und einen schmalen Weg zu nehmen, der in den Wald hineinführte. Sie meinte sich zu erinnern, einige Meilen zuvor einen See gesehen zu haben, dort wäre sie vor dem Feuer halbwegs sicher. Leider endete der vielversprechende Weg schon bald in beinah undurchdringlichem Dickicht, doch sie musste sich durchkämpfen. Das Feuer und die Angst ließen ihr keine andere Wahl. Sie brauchte beinah eine Stunde, dann erreichte sie völlig erschöpft und mit weiteren Schrammen den See und fand dort eine verlassene Fischerhütte vor. Was für ein Glück. Genau das Richtige, um sich auszuruhen, ihren Knöchel zu kühlen und ihre Wunden zu waschen. Nötigenfalls auch vor dem Feuer ins Wasser zu entfliehen. In den Bergen waren solche Hütten meist nicht verschlossen, falls jemand Schutz vor Bären oder anderen Wildtieren suchte. Sie behielt recht, die Tür ließ sich öffnen. Ein Flugzeug näherte sich dem See und Jess sah zu, dass sie unbemerkt im Inneren des Blockhauses verschwand. Die Nacht hauchte ihren letzten Atem aus und fern am Horizont brach sich das erste Licht des Tages.

Kapitel 2

Sein Telefon vibrierte irgendwo in diesem Zimmer. Baxter war von dem Brummen aufgeweckt worden, fand sich aber in dem fremden Raum nicht sofort zurecht. Sein amouröses Abenteuer von letzter Nacht lag neben ihm und schlief. Sie schien das Geräusch nicht zu stören. Er tastete sich vorwärts, dann endlich fand er es.    »Baxter Rockwood.«    »Mensch, Bax, wo bist du?«    »Rod, ich, … ähm.« Baxters Blick glitt über die Frau im Bett, die sich nun leicht seufzend rekelte, wobei die Decke verrutschte. Bax zog sie wieder hoch und bedeckte ihren Körper. Rod war sein bester Freund, doch er hatte kein Verständnis für wechselnde Liebschaften, darum verschwieg er ihm lieber, wo er sich gerade befand.    »Ich versuche die ganze Zeit, dich zu Hause zu erreichen. Es brennt oben am Cabbert Pass. Wir rücken aus, der Captain hat angeordnet, dass du fliegen sollst und sicherheitshalber eine Ladung ablässt. Das Feuer ist gefräßig und verbreitet sich schnell.«    »Ich bin sofort da.« Jetzt war er hellwach. Er legte auf, störte sich nicht an ihrem verschlafenen Grummeln, sprang in seine Hose, seine Stiefel und rannte, seine restlichen Sachen überstreifend, zu seinem Pick-up.

Zwanzig eilige Minuten später erreichte er das Löschflugzeug, das im See dümpelte und zusammen mit seinen Kollegen auf den Einsatz wartete. Baxter konnte das Feuer bereits vom Anlieger aus sehen. Nach den notwendigen Sicherheitschecks startete er die Propeller, wendete das Flugzeug auf den offenen See und nahm Tempo auf. Die beiden Rotoren machten einen Höllenlärm, doch Bax liebte dieses Geräusch.    »Weiß jemand, wodurch das Feuer ausbrach?«, erkundigte er sich über das Mikro.    »Ja, es war ein Unfall. Ein Auto ist vor dem Tunnel explodiert, genaueres weiß ich nicht, aber die Kollegen sind vor Ort«, gab Rodney zurück.    »Rockwood«, meldete sich der Captain über Funk, »die Flammen fressen sich oberhalb des Tunnels in Richtung Tal. Die Jungs konnten einen Teil davon eindämmen, aber du musst dort löschen, wo sie das Feuer nicht mehr erreichen. Das Gelände ist unwegsam und das Gebiet knochentrocken. Der Wind frischt auf, wir müssen uns also beeilen, bevor wir es nicht mehr unter Kontrolle bekommen.«    »Geht in Ordnung, Captain.«    Er zog eine Schleife, näherte sich dem Brandherd und Rodney öffnete auf Kommando die Klappen der Tanks. Er musste höllisch aufpassen, der dichte Rauch veränderte die Thermik, doch sie hatten einen satten Treffer gelandet. Weiße dicke Qualmwolken stiegen auf.    »Bax, du bist der beste Flieger«, klopfte Rod ihm auf die Schulter.    »Rockwood«, meldete sich Captain Beason, »flieg rüber zum Too much Bear Lake, er ist näher als unser See und hol noch ein oder zwei Ladungen, aber sei vorsichtig.«    »Roger«, gab Baxter zurück und zog eine Schleife zum nahe gelegenen See. Der Too much Bear Lake war nicht groß, darum musste er die Nase des Flugzeugs gleich hinter den Baumwipfeln runterdrücken, dennoch sanft aufsetzen, die Tanks füllen und die Maschine so schnell wie möglich mit ihrem vollen Gewicht hochziehen, sonst würden sie eine feine Schneise durch den Wald schlagen und daran hatte er nun wirklich kein Interesse. Bax konzentrierte sich, senkte die Maschine und setzte auf der spiegelglatten Oberfläche auf. Er brauchte nur zwölf Sekunden, dann waren die Tanks voll. Mit ein wenig Anstrengung zog er die Nase kurz vorm Ufer wieder hoch und überflog dabei die Fischerhütte. Da war doch was!    »Rod, hast du das gesehen?«    »Ja, ich glaube, da ist wer in der Hütte.«    »Ob jemand vor dem Feuer Schutz sucht? Eine ziemlich schlechte Idee.«    »Lass es uns erst mal löschen. Kümmern wir uns später um den Eindringling.«    Bax überflog zum zweiten Mal den Brandherd, öffnete die Tanks und wieder trafen sie ins Schwarze. Rod jubelte, als hätte er beim Rodeo gewonnen und Baxter musste lachen.    »Gut gemacht, Rockwood, erstklassige Zielführung. Feuer aus«, vernahm er ein klein wenig stolz über seine Kopfhörer.    »Danke, Captain.«    Feuer aus. Diese beiden Worte bedeuteten so viel und ließen jeden noch so harten Firefighter in Jubel ausbrechen. Feuer aus! Menschen und Tiere in Sicherheit. Das war das Wichtigste für ihn. Das war sein Leben.    »Ihr könnt zurückfliegen, den Rest erledigen wir vor Ort.«    »Roger!«    Rodney klopfte ihm wieder auf die Schulter. »Ich glaube, es gibt keinen Zweiten, der dieses Baby so gut beherrscht, Bax. Was ist mit dem Besucher in der Hütte? Denkst du, es könnte ein Wanderer sein?«    »Anders könnte man sie nicht erreichen. Nur mit dem Boot oder zu Fuß. Aber einen Wanderweg gibt es dort nicht und ein Boot habe ich nicht gesehen. Selbst zu Pferd ist es dort viel zu undurchdringlich und verwachsen. Denkst du, es könnte jemand sein, der mit dem Unfall zu tun hatte?«    »Vielleicht ist er verletzt?«    Bax zog die Unterlippe zwischen die Zähne und kaute leicht darauf herum. »Vielleicht sollte ich nachsehen.«    »Nicht mit diesem Flieger. Der Chief reißt dir den Kopf ab. Er ist so stolz auf dieses brandneue Baby. Nimm deine eigene Maschine.«    Bax nickte und bereits eine halbe Stunde später saß er in seinem Wasserflugzeug, das er unter anderem als Taxi jeder Art benutzte. Der Job beim Forest Service war nur einer von vielen. Jeder, der in der Kleinstadt Ronville lebte, hatte zwei oder drei Jobs oder ehrenamtliche Aufgaben. Rodney, zum Beispiel, führte mit seinem Bruder Gary eine Autowerkstatt. Captain Beason war nicht nur Leiter der Waldbehörde und der Feuerwehr, sondern auch Direktor der Primary School. Jeder kannte jeden, denn jeder war für jeden äußerst wichtig. Manchmal war das erdrückend, doch Baxter hätte es nie anders gewollt. Ein namenloses Leben in einer seelenlosen Großstadt würde ihn sicherlich umbringen.    Noch während er in seine Gedanken vertieft war, tauchte der Too much Bear Lake in seinem Sichtfeld auf und er trug seinen Namen nicht ohne Grund. Es hatte bereits Sommer gegeben, an denen es ratsam war, einen Riesenbogen um das Gewässer und seine große Anzahl an Schwarzbär-Familien zu machen. Bax senkte die Maschine, gab ihr Schub, setzte sie auf die Oberfläche des Sees und ließ sie zum Bootsanlieger gleiten. Bevor er ausstieg, griff er zu seinem Colt und klemmte ihn am Rücken in den Gürtel. Er war gern hilfsbereit, aber er war auch kein Idiot. Schnell sprang er aus der Einstiegsluke, griff nach dem Tau und befestigte die Maschine. Er sah dabei hinüber zur Hütte, doch nichts regte sich. Bax schnappte sich das zweite Seil und zurrte die Maschine am Heck fest. Vorsichtig und wachsam bewegte er sich auf das Blockhaus zu. Hatte er sich etwa geirrt? Doch Rod hatte ebenfalls gesehen, dass jemand hastig die Tür verschloss, als sie darüber hinweggeflogen waren. Hatten sie sich getäuscht? Eine Reflexion? Oder war nur jemand vor den Flammen geflohen und nun weitergezogen?    »Hallo?«, rief er verhalten und erreichte die Tür. Er stupste leicht mit der Hand dagegen, doch sie war verriegelt. Jemand war dort drinnen. Das war nun sicher. Die Tür ließ sich nur von innen durch einen schweren Holzriegel verschließen. Dasselbe galt für die Fensterläden. Es war sicherer, sie von innen verriegeln zu können, denn Bären waren mitunter sehr geschickt und verdammt clever.    »Hallo, ist da jemand?«    Keine Antwort, doch Baxter hörte ein leises Knacken hinter der Tür. Jemand stand genau dahinter. Er zog es vor, einen Schritt zur Seite zu gehen. Man konnte nie wissen, ob sich nicht ein Irrer auf der Rückseite der Tür befand, durch sie hindurchballerte und dann womöglich sein Flugzeug klaute.    »Hören Sie, ich weiß, dass jemand in der Hütte ist. Kann ich Ihnen helfen? Sind sie verletzt?«    Stille. Keine Regung.    »Mein Name ist Baxter Rockwood«, sprach er weiter, »ich bin Lieutenant des Ronville Forstservice Fire Department. Benötigen Sie Hilfe?«    Wieder war es eine ganze Weile still und Bax wusste sich keinen Rat. Sollte er die Tür eintreten? Falls dahinter eine hilflose Person lag, war es wohl das Beste. Wenn dahinter ein Irrer mit einem Colt wartete, eher nicht.    »Bitte, gehen Sie weg.«    Baxter hob überrascht den Kopf. Eine Frau. Eine sehr leise Stimme von einer Frau.    »Ma’am? Brauchen Sie Hilfe?«    Keine Antwort.    »Hatten Sie etwas mit dem Unfall zu tun? Sind sie verletzt?«    »Es ist okay. Bitte gehen Sie wieder.«    »Sind Sie allein?«    Keine Antwort.    »Hören Sie«, er konnte ihre Angst beinah fühlen, »Sie brauchen keine Angst zu haben. Was immer Ihnen passiert ist, ich …«    Er vernahm das knarrende Geräusch eines sich drehenden Riegels, dann öffnete sich die Tür einen kleinen Spalt. Weit genug, um ihn bis in den letzten Winkel seines Herzens zu treffen. Sie sah furchtbar mitgenommen aus und doch war sie das Schönste, was er in seinem ganzen Leben zu Gesicht bekommen hatte. Seine Kehle wurde plötzlich trocken und er musste sich räuspern.    »Das war sehr vernünftig, Ma’am. Sie sind verletzt.« Er deutete auf ihre zerkratzten und blutverkrusteten Arme. Außerdem zierte eine dicke Beule ihre Stirn. »Sind Sie allein?«    »Ja … ja, ich bin allein.«    Ihre umwerfenden Augen brachten seine Eingeweide sofort zum Kochen. »Wir sollten uns um Ihre Verletzungen kümmern. Werden Sie das zulassen?«    Sie zitterte, er konnte es sogar sehen, als sie mit bebender Hand eine Strähne ihrer Haare aus dem Gesicht strich. Immer wieder flog ihr Blick an ihm vorbei. Sie hatte offensichtlich eine Scheißangst. »Ich bin allein, Ma’am. Sie müssen keine Angst haben. Niemand kann hierherkommen.«    »Doch, ich konnte.«    Sie lächelte zaghaft und jetzt war es völlig um ihn geschehen. Dieses Lächeln brannte sich gerade in sein Hirn.    »Sogar in Hausschuhen.« Er lächelte zurück und hoffte, sein Lächeln wäre mindestens genauso gewinnend wie ihres. Dass sie ihn mochte, das war ihm gerade verdammt wichtig.    Sie sah hinunter auf ihre Füße, doch als sie den Kopf hob, war ihr Lächeln leider verschwunden.    »Also gut«, nahm er das Wort schnell wieder auf, bevor sie es sich anders überlegte. »Im Flieger habe ich Verbandszeug und Desinfektionsmittel, erlauben Sie mir, dass ich Sie verarzte?« Sie stimmte mit leichtem Nicken zu und er war erleichtert, dass sie sich von ihm helfen ließ. Bax eilte zurück zur Maschine, holte ein Erste-Hilfe-Pack und war Sekunden später wieder bei ihr. Sie stand noch immer in der Tür, wich jedoch zur Seite und ließ ihn hinein.    »Setzen Sie sich bitte, ich werde zuerst Ihre Wunden desinfizieren. Was ist mit Ihrem Bein? Sie hinken ein wenig.«    »Ich bin nur umgeknickt, es ist nicht weiter schlimm. Geben Sie mir das Desinfektionsmittel und etwas Watte, das reicht, den Rest mache ich selbst.«    »Darf ich mir das bitte ansehen?«, fragte er jetzt nachdrücklicher. Er sah ihr dabei fest in die Augen und sie erwiderte stumm seinen Blick. Sekundenlang, sogar einige Sekunden zu lang, tauchte er in diese moosgrünen Augen mit unglaublich langen Wimpern. Ein Prickeln lief über seinen Rücken und er war wie gebannt. Glücklicherweise half ihm seine Professionalität dabei, sich zusammenzureißen.    »Ich kann das selbst, glauben Sie mir …«    »Also, darf ich?«    »Sie sind offensichtlich wild entschlossen.« Sie seufzte ergeben und setzte sich auf einen der harten Stühle. Schon wieder brachte sie ihn zum Lächeln. Einfach so. Er sah sich ihre Wunden an, sie waren nicht sehr schlimm, aber sicher schmerzhaft. Bax säuberte sie vorsichtig und beinah zärtlich verband er ihren Arm. Als er ihre Hand hielt, weil er einen heftigen, langen Kratzer desinfizieren wollte, sah er ihren Ehering und es versetzte ihm einen Stich. Es war wohl Pech, dass ausgerechnet die Frau, die ihn interessieren könnte, offensichtlich verheiratet war. Ob es ihr Mann gewesen war, der dort oben im Auto verbrannt war? Wurde sie aus dem Auto geschleudert? Waren daher ihre Verletzungen? Hatten sie vielleicht Streit gehabt und er hatte sie rausgeworfen, kurz bevor der Unfall passierte? Hatte sie überhaupt etwas damit zu tun? Doch wo sonst kam sie auf einmal her? Er hatte tausend Fragen.    »Was machen Sie allein in dieser Hütte, Misses …?«    »Ich habe sie gemietet.«    Okay, sie log und wollte ihm anscheinend auch ihren Namen nicht verraten. »Tatsächlich … gemietet?«, wiederholte er lahm, während sein Blick auf einen silbernen Aktenkoffer fiel, der ebenfalls etwas ramponiert aussah. Er konnte aus den Augenwinkeln beobachten, wie sie seinem Blick folgte, um dann hastig den Koffer mit dem Fuß unter das Bett zu schieben. Hoppla, das schien interessant zu werden. »Ist das Ihr einziges Gepäckstück?«    »Sie sind sehr neugierig.«    »Sie haben recht, es geht mich nichts an.« Rückzug war manchmal die bessere Taktik. Er schwieg und kümmerte sich nun um ihren geschwollenen Knöchel. Dabei kniete er vor ihr, stellte ihren Fuß auf sein Bein und umfasste sanft ihren Unterschenkel. Das hatte etwas sehr Intimes und er hörte, dass auch sie leicht die Luft einsog. Während seine rechte Hand das Schmerzgel auftrug, umfasste seine linke ihre Wade. Er konnte sich nur knapp zurückhalten, sie nicht zu streicheln. Schnell verband er ihre schlanke Fessel, bevor er völlig den Verstand verlor. Junge, diese Frau war wunderschön.    »Ich wollte nicht unhöflich zu Ihnen sein, es tut mir leid«, begann sie plötzlich.    Seine Taktik der beleidigten Mimose ging auf. Er zuckte wie teilnahmslos mit den Schultern.    »Sie machen das wirklich sehr gut«, fügte sie sanft hinzu.    »Danke«, gab er knapp zurück. »Sehen wir uns Ihre Kopfverletzung an. Sie sollten besser zu einem Arzt, Misses …«    »Jessalyn. Die meisten nennen mich Jess, oder Jessy … ganz, wie Sie möchten.«    »Baxter Rock…«    »Das sagten Sie bereits.« Sie lächelte scheu und wieder sahen sie sich viel zu lange in die Augen. Im Ernst, am liebsten hätte er dem Impuls nachgegeben und sie in seine Arme gezogen, um diesen wunderbaren Mund zu küssen. Sie schmeckte sicherlich umwerfend, ihre Zunge in seinem Mund, diese reizvolle Figur unter seinen Händen bebend, wenn sie um ihre schmalen Hüften glitten … Stopp!, schimpfte er innerlich mit sich.    »Ich könnte Sie zu einem Arzt fliegen.« Bax musste sich kurz räuspern, seine erotischen Fantasien hatten seine Stimme belegt. »Es dauert nicht lang, doch ist es sicher ratsam, wenn …«    »Nein, das ist nicht nötig, es geht mir schon besser. Vielen Dank.«    »Sie müssen es wissen.«    Er machte einen Schritt auf sie zu, doch sie erhob sich prompt und stolperte einen kleinen Schritt zurück. Es wirkte abwehrend, doch er wollte sich unbedingt die Kopfwunde ansehen. Beschwichtigend langsam hob Bax die Hände und deutete auf ihre Stirn. Sie verstand, entspannte sich sichtlich und ließ ihn gewähren. Baxter legte behutsam Strähne für Strähne ihrer seidigen Mähne beiseite. Er konnte sich nur schwer beherrschen, seine Nase nicht hineinzudrücken und ihren Duft aufzunehmen. Wow, was war nur los mit ihm? Er tupfte sorgsam um die Wunde herum den Schmutz fort und desinfizierte sie. Die Beule war nicht so schlimm, wie er gedacht hatte.    »So, das war’s.« Er sah ihr in die Augen und ihre Gesichter waren sich jetzt so nah, verdammt nah, viel zu nah. Kein Feuer konnte so heiß sein wie das, das plötzlich in seinem Innersten brannte. Dennoch verwarf er die Idee, in den See zu springen und sich abzukühlen. »Sie haben also diese Hütte gemietet?«    »Ja.«    »Ziemlich einsam hier oben. Wie kommt eine Frau wie Sie dazu, die Einsamkeit zu buchen?«    »Ich bin Schriftstellerin. In der Einsamkeit bin ich am kreativsten«, stieß sie hervor und schob dabei das Kinn nach vorn. Sie log, schon wieder und offenbar tat sie das nicht oft, denn sie war nicht sonderlich geübt darin.    »Braucht man dazu nicht so etwas wie eine Schreibmaschine?«    »Sie werden hier draußen noch nicht davon gehört haben, Mister Rockwood, aber es gibt heutzutage so etwas wie Notebooks.«     »Ah, nun ja. Wir hier draußen können zwar Flugzeuge fliegen, aber das ist mehr so wie Indiana Jones. Notebooks dagegen sind Enterprise.«    Sie lachte laut, warf den Kopf in den Nacken und es war so mitreißend, dass ihm nichts anderes übrig blieb, als mit einzustimmen. Sie war umwerfend. Er hätte noch ewig bleiben und sie zum Lachen bringen können, doch ihm fiel plötzlich ein, dass Mary in ihrem kleinen Laden dringend auf die bestellten Lieferungen wartete. Er hielt sich schon viel zu lange auf.    »Nun, Jess, ich muss mich leider verabschieden, aber vorher gebe ich Ihnen etwas.« Er rückte das Bettgestell beiseite, schob den Koffer achtlos weg und löste unter ihrem erstaunten Blick eine der Holzplanken unter dem Bett. Dort befanden sich ein geladenes Gewehr und Patronen. Er nahm die Sachen heraus, brachte alles zurück an seine Position, schob sogar, wie sie zuvor, den Koffer mit dem Fuß zurück unter das Bett und richtete sich unter ihrem ratlosen Blick wieder auf. »Hier, nehmen Sie.« Er übergab ihr das Gewehr und sie nahm es zögernd entgegen. »Zu Ihrer Beruhigung und zu Ihrer Sicherheit. Aber bitte nicht auf Feuerwehrmänner schießen und am besten auch nicht auf Bären. Als ungeübter Schütze verletzt man sie höchstens und wir wollen weder einen angeschossenen, wütenden Bären noch einen Feuerwehrhintern voll Schrot.«    Sie lachte leicht, klang aber überrascht.    »Sollten Sie Besuch von Wildtieren bekommen, reicht es aus, in die Luft zu schießen. Die wissen verdammt genau, was ihnen blüht, wenn sie ihre pelzigen Ärsche nicht von der Veranda schwingen.«    Sie kicherte, oh, das war süß, verdammt!    »Woher wussten Sie von dem Gewehr?«    »Es ist meine Hütte.«

*
Jess sah ihm hinterher und konnte kaum glauben, was in der letzten halben Stunde mit ihr passiert war. Von dem Augenblick, an dem er aus dem Flugzeug gestiegen war, war es um sie geschehen. Unglaublich! Und das in ihrer Situation. War sie denn völlig verrückt geworden? Sie hatte durch die Ritzen der Holztür gespäht, als er das Flugzeug am Steg vertäute. Nicht, dass sie keine Angst vor dem Colt gehabt hätte, der in seiner Hose steckte. Es war auch nicht seine liebevolle Stimme, die sie dazu bewog, dennoch die Tür zu öffnen. Nein, das war es nicht. Allein sein Äußeres hatte sie einfach umgehauen. Auch wenn er etwas jünger war als sie, vielleicht zwei, drei Jahre, war es genau diese Mischung aus jungenhaftem Charme in einem perfekten männlichen Körper. Eine lässig umgedrehte Baseballkappe auf dunkelbraunen Locken und einem Gesicht, das Reife, Verantwortung und Ruhe ausstrahlte. Gerade Augenbrauen ohne Schwung, die seinem Gesicht Ernsthaftigkeit verliehen, unter denen jedoch karibikblaue Augen vor lauter Unsinn im Kopf schalkhaft blitzten. Unter seinem engen T-Shirt hatten sich einladend und verrucht seine Muskeln abgezeichnet und tätowierte, starke Arme versprachen Halt und Schutz. Jess war hingerissen und das Schönste war, er hatte sie zum Lachen gebracht. In ihrer verzwickten Lage hatte er es geschafft, einfach so, sie zum Lachen zu bringen.    Nun stand sie in der geöffneten Tür und starrte, innerlich etwas peinlich berührt, auf seine ebenso attraktive Rückansicht. Sogar in dieser weiten Feuerwehrhose ahnte man seinen knackigen Hintern. Sie beobachtete ihn dabei, wie er sein Flugzeug bestieg, und sie hoffte, er würde noch einmal zurückkehren. Baxter Rockwood. Ein Name, der sich wie Medizin in ihr Blut setzte und sich in ihrem ganzen Körper verteilte. Ihr Kopf hatte offenbar weitaus mehr abbekommen bei dem Sturz, denn er ließ ihr Herz vibrieren wie noch nie.    Der Propeller seiner Maschine startete und machte nicht nur einen Höllenlärm, es stank auch penetrant nach Flugbenzin. Jess schloss die Tür und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Da musste man erst dem toten Exmann begegnen, eine Verfolgungsjagd hinter sich bringen und verletzt in einer Fischerhütte landen, um solch einem Exemplar von Mann zu begegnen. Vergiss es, Jessy, der ist nix für dich und schon gar nicht jetzt, schoss es ihr durch den Kopf. Dabei fiel ihr Blick auf das schmale Bett. Der Koffer!    Jess lauschte dem sich entfernenden Geräusch des davonfliegenden Flugzeugs hinterher, verriegelte die Tür und humpelte hinüber zur Pritsche. Sie zog den Koffer darunter hervor, legte ihn auf den Tisch und setzte sich. Sieben, Sieben, Drei, Eins. Die Schlösser schnappten auf und Jessy hob aufgeregt den Deckel an. Minutenlang starrte sie wie gebannt auf die vielen Geldbündel. Achthunderttausend Dollar. Ihr Schmerzensgeld für seine Fehler, hatte Steven gesagt. Für einen Moment war sie überwältigt von den vielen Scheinen. Es hatte etwas Magisches. Durch ihre Gedanken zogen all die Träume, die sie sich damit erfüllen könnte. Was sollte sie tun? Ewig konnte sie nicht in dieser Hütte bleiben, zumal es weder Essen noch Trinken gab. Dass Steven nicht übertrieb, als er sagte, er fürchte um ihr Leben, brauchte sicherlich keine Beweise mehr. Sie atmete tief ein und aus. So viel Geld. Warum hatte Steven so viel Geld besessen? War das alles aus dem Verkauf von Drogen? Oder hatte er den Mexikaner hereingelegt? Natürlich gehörte es ihr nicht, auch wenn Steven es als ihr Schmerzensgeld betitelt hatte. Andererseits sollte sie vorerst eigene Kontobewegungen vermeiden. Zu leicht ließ sich ein eingelöster Scheck nachverfolgen. Sie würde sich etwas von dem Geld des Drogenbarons borgen, den Rest besser vergraben, beschloss sie nach einiger Überlegung. Jess nahm ein paar der Bündel aus dem Koffer und verstaute sie unter dem Kopfkissen. Dann durchsuchte sie die Hütte und fand in einer Ecke des spartanisch eingerichteten Raums eine ungebrauchte Mülltüte. Sie nahm sie in die eine Hand, den Koffer in die andere und verließ die Hütte. Bemüht, ihren Fuß nicht allzu sehr zu belasten, humpelte sie in den Wald und sah sich nach einem geeigneten Platz um. Sie war dankbar, dass sie nicht lange suchen musste, denn sie fand ein Wurzelloch keine zehn Minuten von der Hütte entfernt. Die Erde war weich, ließ sich gut mit bloßen Händen aushöhlen. Jess legte die Bündel aus dem Koffer in die Plastiktüte, packte diese in das Loch und verteilte die Erde darauf. Zum guten Schluss schob sie unter schwerster Kraftanstrengung den größten Stein darauf, den sie auf das Versteck zerren konnte. Mit den furchtbar gebeutelten Hausschuhen verwischte sie die Schleifspuren des Steins und mittlerweile fühlte sie sich wie die Hauptdarstellerin in einem Thriller. Hätte ihr jemand noch vor wenigen Stunden gesagt, als sie in ihrem schicken Kostüm und hohen Schuhen in einer Galerie in Sacramento Champagner trank, dass sie hier landen würde, erschöpft, gerädert und ziemlich abgerissen, sie hätte lauthals gelacht. Natürlich hätte sie das. Jetzt war nichts mehr zum Lachen. Außer mit Baxter, aber der war nun auch fort. Ein kurzes Licht, ein wärmender Funke in ihrem persönlichen Albtraum, der bereits seit Stunden währte und offensichtlich kein schnelles Ende finden würde.    Sie nahm den leeren Koffer und hinkte zurück zur Hütte. Theoretisch brauchte sie das schwere Ding nicht mehr, aber sollte Rockwood noch einmal vorbeikommen, wäre es schwer zu erklären, warum sie ihn nicht mehr besaß. Bevor sie darüber nachdenken würde, wie es mit ihr weiterging, beschloss sie, ein wenig zu schlafen. Sie war fix und fertig. Jess verriegelte die Tür und klappte die Fensterläden ein. Trotz des hellen Tageslichtes war es in der Hütte nun beinah völlig abgedunkelt. Sie tastete sich zum Bett, legte sich auf die filzige Decke und versuchte, an etwas Schönes zu denken und den Knall der Explosion zu verdrängen. Jene Bilder, die sie zwangsläufig in ihrem Kopf zusammensponn, wenn sie an den Unfall dachte und an Steven, wie er verletzt schreiend, ohne Aussicht auf Hilfe in seinem Wagen verbrannte. Nein, sie wischte das schnell beiseite. Etwas Gutes musste her, etwas Schönes. So schön wie Baxters strahlend weißes Lächeln, seine warmen, zartfühlenden Hände, als er sie verarztete. Dunkelheit umhüllte sie und Jessy schlief erschöpft ein. Bereits wenige Minuten später fand sie sich in einem völlig verrückten Traum wieder. Sie rannte nackt durch einen Wald und während ihrer panischen Flucht sah sie sich immer wieder um, doch obwohl sie spürte, dass jemand hinter ihr her war und sie vor Angst kaum noch atmen konnte, sah sie niemanden zwischen den Bäumen. Nicht mal einen Schatten. Plötzlich hörte sie Geräusche und rannte erneut davon. Sie verlor ihre Hausschuhe, und als sie sich umdrehte, um sie zu holen, rannte ein Bär an ihr vorbei. Abrupt wechselte die Szene in ihre Galerie. Sie trug das schicke Kostüm und stand lächelnd vor ihren Skulpturen. Eine von ihnen stellte einen Bären dar, der urplötzlich in Flammen aufging. Baxter rannte herein und löschte ihn mit Champagner. Er lachte sie dabei so hinreißend an, dass sie sich in seine Arme schmiegte und ihn gerade küssen wollte, als Steven hinter ihm auftauchte.    »Der ist nix für dich«, keifte er und zog sie von Baxter fort.    Der versuchte sie festzuhalten, doch plötzlich donnerte es. Das Geräusch war so laut und so intensiv, dass sich Jessy die Ohren zuhielt. Alles vibrierte und aus lauter Panik schlug sie schnell die Augen auf und schnappte nach Luft. Obwohl sie bei Bewusstsein war und alle Sinne beisammenhatte, hörte das Dröhnen nicht auf. Das war ein Motorengeräusch. Ein Flugzeug. Baxter? Jess sprang auf, ihr Knöchel beschwerte sich sofort, doch ihr Magen drehte freudige Purzelbäume. Sie hastete, so schnell sie konnte, zur Tür und spähte durch die Ritzen. Tatsächlich, er war’s! Ein sprudelndes Glücksgefühl schoss durch ihre Venen und ließ sie lächeln. Sie öffnete die Tür, trat einige Schritte hinaus und hoffte, er würde ihr die Freude über sein Erscheinen nicht allzu sehr ansehen.    Er schlenderte bereits den Steg hinauf und trug, verschmitzt lächelnd, einen Karton auf seinen Armen. Wieder hatte er diese Baseballkappe an, die ihm so hervorragend stand. Sein Shirt war einem Kapuzenpulli gewichen und statt seiner weiten Feuerwehrhose trug er eine Jeans, die an ihm ziemlich sexy aussah. Ihre Eingeweide hüpften von ihren angestammten Plätzen.    »Hi Jess. Ich habe Ihnen etwas mitgebracht.«    Er ging an ihr vorbei in die Hütte und der Duft seines Aftershaves ließ Jessy für einen Moment die Augen schließen. Es passte hervorragend zu ihm, roch wie erdiger Waldboden nach einem Sommergewitter. So mussten Wolken riechen, die der Regenbogen färbte. Jess schüttelte innerlich den Kopf über sich und rief sich zur Ordnung. Bis jetzt hatte sie noch kein Wort herausgebracht, doch glücklicherweise sprach er weiter, während er den Karton auspackte.    »Da es meine Hütte ist und Sie sie gemietet haben, wie wir jetzt wissen«, er zwinkerte ihr zu und Jessy musste lächeln, bemühte sich aber, es sich zu verkneifen und vergrub das Kinn auf der Brust, »möchte ich mich als Vermieter nicht lumpen lassen. Ich will keine schlechte Bewertung auf der internationalen Hotelliste riskieren.«    Nun musste sie doch lachen und sah an ihm vorbei in den Karton.    »Als da wären, einige Lebensmittel, ich hoffe, Sie mögen meine Auswahl.«    Jessy knurrte bei dem Anblick der appetitlichen Dinge bereits der Magen. Sie griff sofort nach einem Pfirsich und biss ausgehungert hinein.    »Außerdem hätten wir da noch Kaffee, löslichen leider nur, Sie hatten keinen Fünf-Sterne-Service gebucht. Natürlich einen Wasserkocher und ein paar Getränke.«    Jess konnte ein Kichern nicht unterdrücken, er war unglaublich.    »Kaffee … wie herrlich, aber es gibt keinen Strom.« Jessys Blut begann zu brodeln. Sie standen dicht beieinander, lächelten sich zu wie langjährige Freunde. Dass er nicht weiter bohrte und sogar ihre aufgedeckte Lüge mit der gemieteten Hütte ohne Kommentar überging, rechnete sie ihm hoch an. Sie zusätzlich mit den nötigsten Lebensmitteln zu versorgen, machte ihn in ihren Augen zu einem besonderen Menschen und das völlig unabhängig davon, wie er aussah. Er war offensichtlich nicht nur außen sehr hübsch, sondern auch innen wunderschön.    »Strom kommt sofort, junge Frau. Auf der Rückseite der Hütte befindet sich ein Sicherungskasten. In einer Minute sollte hier das Licht angehen. Okay, er funktioniert nicht immer, aber einen Versuch ist es wert.« Baxter zog seinen Pullover aus, warf ihn achtlos über die Stuhllehne, zwinkerte ihr zu und verließ den Raum.    Neugierig linste sie derweil in den Karton und was sie sah, brachte sie einerseits zum Lachen, andererseits schossen ihr beinah die Tränen der Rührung in die Augen. Unter anderem fand sie Kleidung. Eine Jeans, einige T-Shirts und Turnschuhe. Tatsächlich hatte er Turnschuhe für sie eingepackt und sie hatten, bis auf eine Nummer, sogar die richtige Größe. Eine Welle der Dankbarkeit und Zuneigung durchströmte sie.    Es klackte, dann schaltete sich tatsächlich das Licht ein. Der kleine Kühlschrank erzitterte und schnurrte dann vor sich hin. Kurz darauf erschien Baxter wieder in der Tür.    »Verzeihung, daran hätte ich wirklich heute Morgen schon denken können.«    »Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll.« Ihre Stimme klang belegt und sie räusperte sich schnell, um den Kloß in ihrem Hals zu entfernen. »Ich hoffe, die Anziehsachen werden nicht vermisst.«    »Ich wusste nicht, ob es Ihnen recht ist, aber ich sah kein Gepäck und …«    Kurz vertiefte sich sein Blick in ihre Augen und wanderte von dort aus unaufhaltsam in Jessys Seele. Ihr Herz setzte für ein paar Takte aus.    »Die Sachen gehören meiner Schwester. Sie hat sie eingelagert, bis sie wieder hineinpasst.« Er lächelte verschmitzt und dieses Lächeln haute sie beinah aus den ramponierten Hausschuhen. »Zumindest hat sie das gesagt, bevor sie mit ihrem zweiten Kind schwanger wurde, doch sie hat vergessen, dass sie vor dem ersten schon nicht mehr gepasst haben.«    Jessy musste lachen und bekam sofort ein schlechtes Gewissen. »Sie sind gemein, Baxter Rockwood. Frauen sind eben so.«    »Ich bin nicht gemein, Frauen sind verrückt.«    Sie tauchte in die karibikblauen Augen, die nur für sie so herrlich zu lächeln schienen. »Und die Turnschuhe? Die sind neu.«    Er schnalzte mit der Zunge. »Tja, die waren ursprünglich als Spielzeug gedacht.«    »Spielzeug?« Er verwirrte sie, mehr als sie zugeben wollte.    »Mögen Sie Hunde?«    »Ich liebe Hunde.«    Ohne weitere Worte ging er ein weiteres Mal hinaus. Jessy folgte ihm und hörte schon von Weitem das tiefe und ziemlich beeindruckende Wuff aus dem Flugzeug. Er half einem riesigen braunschwarzen Hund auf den Steg, der nichts anderes zu tun hatte, als mit freudigen Galoppsprüngen auf sie zuzustürzen.    »Vorsi…«, rief Baxter noch, dann saß sie auch schon auf ihrem Hintern und das Ungetüm mit langem Fell schleckte ihr Gesicht ab.    Bax eilte zu ihr und schob das riesige, pelzige Ding beiseite. Jess musste so sehr lachen. Herrgott schon wieder, wie schön das war. Baxter kniete vor sie und erneut verschlangen sich ihre Blicke.    »Alles in Ordnung?«    »Ja, es ist nichts passiert.«    »Er mag Sie.«    »Interessanter Standpunkt.«    »Wenn Sie mögen, leihe ich Ihnen dieses Fellbündel«, plauderte er, und weil er keine Anstalten machte, ihr aufzuhelfen blieb sie sitzen und genoss es, dass er so nah vor ihr kniete.    »Wirklich?« Die Aussicht, nicht allein sein zu müssen, flutete sie mit einem dankbaren Wohlgefühl.    »Für heute Nacht kann ich durchaus auf Bruce verzichten. Er ist, wie Sie bereits feststellen konnten, ein Kampfschmuser und macht sich sehr gut als lebendiger Bettvorleger. Nun ja, wenn man nicht aufpasst, ist man selbst der Bettvorleger. Aber er nimmt die Funktionen eines Wachhundes immerhin sehr ernst.«    Jetzt richtete er sich auf und reichte Jess die Hand. Sie legte ihre hinein und ein glühend heißer Pfeil schoss durch ihre Eingeweide. Baxter Rockwood löste mit seinem Grübchenlachen und seinem göttlichen Körper ein rasendes Verlangen in ihr aus. Etwas, das sie so noch nie zuvor gespürt hatte, in ihrer Lage völlig absurd war und das sie ihre Selbstsicherheit verlieren ließ.    »Das ist sehr großzügig von Ihnen.«    »Ich habe zwar keine Ahnung, wie lange Sie das Rockwood Inn bewohnen möchten, aber glauben Sie mir, ich brauche Bruce bald zurück. Ein Tag ohne Sabber oder kaputter Einrichtung ist ein verlorener Tag. Es ist merkwürdig, doch das Einzige, das er nicht zerfetzt, sind Turnschuhe. Jedenfalls bis jetzt nicht.« Er zuckte mit den Schultern und strahlte sie dabei an.    Sie hätte ihn am liebsten geküsst. »Ein paar Tage müsste ich schon noch bleiben«, antwortete Jess. Tatsächlich sollte sie sich endlich darüber Gedanken machen, was sie tun wollte.    »Also gut, das freut mich«, gab er fröhlich zurück und seine Antwort machte sie glücklich. »Ich muss leider zurück, würden Sie mir jedoch nur eine einzige Frage ehrlich beantworten?«    Jessy wurde es schlagartig siedend heiß. Sie hatte ihn bereits mehrfach belogen, aber hätte das nicht jeder in ihrer Situation getan? Woher hätte sie denn wissen sollen, dass er so war, wie er war? Und wer wusste, ob er wirklich so war, wie es den Anschein hatte? Außerdem musste sie bislang nie um ihr Leben fürchten, das machte ein wenig sensibel. »Sicher.«    »Wo ist Ihr Mann?« Er deutete mit dem Finger auf ihren Ehering.    Jessy atmete tief ein. Es war ein seltsames Gefühl, das durch ihr Inneres kroch. Steven. Er war nicht mehr da. Nicht mehr in ihr. Sie hob die Hand und zog dabei langsam ihren Ring ab. Es war schon so lange vorbei, warum sie den Ring noch immer trug, war ihr plötzlich ein Rätsel. Wenn sie ehrlich war, nicht nur zu Baxter, sondern auch zu sich selbst, war Steven tot. Und das nicht erst seit ein paar Stunden, sondern seit dem Tag, an dem sie im Wohnzimmer bei seiner Todesnachricht zusammengebrochen war.    »Er ist gestorben.« Jess ging zum Ende des Stegs, sah über den See, öffnete die Hand und senkte sie, bis der Ring langsam von ihrer Handfläche glitt und ins Wasser fiel. Mit einem kaum hörbaren, glucksenden Geräusch versanken die Verpflichtungen, die sie an den Ring geknüpft hatte. Seltsamerweise löste das nichts in ihr aus. Sie war längst frei. Als sie sich umdrehte, beobachtete Baxter sie mit unbewegter Miene. Kurz sah sie ein Flackern in seinen Augen, aber vielleicht täuschte sie sich auch.    »Also bis morgen«, sagte sie leise.    »Also bis morgen.«    Sie ging mit dem Hund zurück zur Hütte und kurz darauf verschwand die gelb-rote Maschine im strahlendblauen Himmel. Jessy sah ihr lächelnd hinterher und streichelte dabei den Kopf von Bruce.

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