Das Leben ist nicht fair, muss Patsy wieder einmal feststellen. Kein Job, kein Mann und keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Zum Glück nimmt ihre Schwester Amy sie kurzerhand als Babysitter mit auf eine Kreuzfahrt in die Karibik. Während Amy und Magier Miguel Fuérte zwischen Wiedersehensfreude und ehelicher Gewitterfront pendeln, genießt Patsy das süße Leben an Bord. Beim Spielen mit ihrer kleinen Nichte bleibt keine Zeit für trübe Gedanken. Allerdings grübelt sie schon bald darüber nach, was sie von ihrem Kabinennachbarn halten soll. Will Donovan Alexander nur mit ihr flirten, oder ist er auch an ihren inneren Werten interessiert? Und warum klebt seine Tochter wie eine Klette an ihm? Mit einem Mal hat Pat ganz andere Probleme, als eine Horde übereifriger Verehrer abzuwimmeln …

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ISBN: 978-9925-33-075-1

Seiten: 309

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Susan Florya

Susan Florya
Susan Florya wurde 1969 während einer Urlaubsreise in Istanbul/Türkei als Bäckerstochter geboren. Aufgewachsen ist sie in Dortmund und mitten im Rheinland. Nach dem Abitur folgte eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau, heute verdient sie ihre Brötchen als kaufmännische Angestellte eines großen Unternehmens in Düsseldorf. Schon als Kind hat sie stets Geschichten erfunden und aufgeschrieben. Bis heute ist ein Leben ohne Bücher für sie undenkbar. Ihre zweite große Leidenschaft - das Reisen - wurde ihr praktisch mit der Geburt in die Wiege gelegt. Ihre beiden liebsten Hobbys verbindet sie nun, indem sie ihre gefühlvollen Geschichten in fernen Ländern ansiedelt und ihre Leser/-innen auf diese Art an einige der interessantesten Orte der Welt entführt.

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1. Kapitel

Zu alt! Dabei würde Mr. Ich-bin-der-Boss-und-deshalb-wichtig sämtliche Jacketkronen in seinem Diamantfunkelgrinsen hergeben, wenn er dafür erneut in ihrem Alter durchstarten dürfte! Patsys Schnauben verpuffte im penetranten Dröhnen der Triebwerke. Ihre Sitznachbarn hätten es sowieso nicht gehört. Durchzockte Nächte in Las Vegas verwandelten jeden Jet ebenso schnell in einen fliegenden Schlafwagen wie Siegfried & Roy einen Tiger in einen Elefanten. Sie löste den Sicherheitsgurt und stand auf. Ein Blick über die Reihen genügte. Da lohnte sich nicht einmal ein Popowackeln, wenn man durch die Kabine schritt. Schnarchnasen!
   Der Flugbegleiter war süß. Bestimmt schwul, also nicht wert, Mutters Erbstücke unter der Bluse in Szene zu setzen. Nach zwölf Dienstjahren als Saftschubse machte ihr keiner etwas vor. Hey, ja, sie war gern Saftschubse! Allerdings nicht bei Luftomnibussen wie dieser Flieg-eng-und-Billig-Airline, die sie gerade nach San Diego brachte. Patsy servierte in dreißigtausend Fuß Höhe ausschließlich Schampus und Kaviar statt Hühnchen und Pasta. Dabei erfuhr sie aus nächster Nähe, welcher Hollywoodstar am liebsten Sushi speiste, während er seine Assistentin im Ledersessel vernaschte. Bei manchem Wirtschaftsboss musste sie endlos nachschenken, damit er seine panische Flugangst in eiskaltem Dom Perignon ertränken konnte. Hin und wieder erzählte einer Storys, um sich von den Turbulenzen abzuhalten. Halleluja! Traten die Typen in den TV-Nachrichten auf, glaubte man, ihnen gehörte die Welt. Aber kaum in der Luft ließen sie sich das Patschhändchen halten, sobald eine Windböe den Knabbermix durchschüttelte. Das sollte jetzt echt alles vorbei sein? Einfach so? Weil ein arroganter Kotzbrocken mit poliertem Namensschild an der Bürotür sie für zu alt befand? Sie gab dem Gedanken einen saftigen Tritt, der ihn in ihrem Hirn in die Abteilung Kümmern-wir-uns-später-drum beförderte. Lieber einen niedlichen Hintern vor Augen als ätzende Sprüche von oberbeknackten Ex-Bossen im mentalen MP3-Player.
   Warum waren die fliegenden Hintern fast immer vom anderen Stern? Der Süße in Dunkelblau lehnte als Musterexemplar der Gattung Ein-schöner-Rücken-kann-auch-entzücken im Durchgang. Bestimmt gab er seiner Kollegin Tipps gegen Augenringe und trockene Haut. Manchmal überlegte Patsy, ob fürsorgliches Getätschel gepaart mit Kosmetiktipps bei den männlichen Kollegen zur Stellenbeschreibung gehörte. Blöd nur, dass sie echt die besten Tricks kannten. Den einen oder anderen Tipp für die Brünette in der Uniformpelle hätte sie auch parat. Etwas weniger Hüftgold wären ein guter Anfang. Abgesehen von ihrer fülligen Gestalt hatte sie von Schnuckiboys Kollegin bislang nicht viel gesehen. Nach dem Sicherheitsballett und einer Express-Verkaufsfahrt mit dem Getränketrolley war sie in der Galley verschollen. Seither hielt Schnucki die Wandverkleidung fest, damit die nicht aus Versehen in den Gang kippte.
   Im vorderen Teil des Fliegers war noch weniger los. Die Purserin zählte zu der Sorte, die redete, als steckte ihr eine Wäscheklammer auf der Nase. Zwei Minuten nach dem Start hatte sie den Trennvorhang zugezogen und in ihrer Durchsage das biedere Volk ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sich die Waschräume der Economy Class im Heck befanden. Dämliche Sumpfkuh! Dabei saß in Reihe eins bis fünf erfahrungsgemäß am ehesten eine gut gebaute Charmeoffensive im Hugo-Boss-Outfit. Andererseits war nur die übliche Mischung aus verlorenen Existenzen, Hangover geplagten Junggesellenverabschiedern und vereinzelten Touris eingestiegen. Die zwei, drei Anzugträger mit den Porsche Design-Aktentaschen waren so alt, dass sie garantiert rote Maseratis fuhren, um ihre Midlife Crisis zu kompensieren. Alt … Schon wieder! Wo, zum Teufel, hatte dieses beschissene Scheißwort noch Platz in ihrem Gepäck gefunden?
   »Hey, Honey, der linke Waschraum ist frei.« Schnuckiboy machte eine Vierteldrehung und deutete mit seinen langen, schlanken Fingern auf die Tür. Patsy seufzte, schenkte ihm aber ein routiniertes Lächeln. Immerhin hielt er ihr die Tür auf. Er hätte Potenzial zum knackigen Snack zwischendurch, wenn keine Schokolade mehr im Kühlschrank lag. Vor allem mit dem, was sich bei jeder Bewegung unter seinem weißen Hemd abzeichnete. Aber … Anderer Stern halt. Nebenbei bemerkt: Schnucki jobbte als Economy Class-Flugbegleiter bei Konservendosen-Airlines! Der verdiente so wenig, dass er seinen Gehaltsscheck mit dem Bus nach Hause bringen musste, weil die Kohle nicht für einen Flitzer reichte. Sorry, keine Knete hatte sie selbst genug.
   Sie trat in den Waschraum und verriegelte die Tür, wodurch sich das schummrige Halbdunkel in graugrünes Dämmerlicht verwandelte. Bei der Beleuchtung käme sogar ein frisch geschlüpftes Baby wie ein verhutzelter Waldschrat rüber! Die Hände auf die Kante des Waschbeckens gestützt, beugte sie sich vor, um trotz Gelbsuchtfunzel eine Bestandsaufnahme zu wagen. Verdammt, so schlecht sah das Bild im Spiegel wirklich nicht aus! Große kornblumenblaue Augen blickten ihr entgegen. Natürlich von langen, dichten Wimpern und akkurat gezupften Brauen in Szene gesetzt. Die niedliche Stupsnase – okay, das Näschen hatte einen kleinen Schubs vom Doc gebraucht, um in die richtige Richtung zu zeigen. Ihr Mund dagegen … Na, da war sie von Mutter Natur reich beschenkt worden. Genau wie mit den Augen. Sie unternahm eine Pirschfahrt durch ihre Handtasche. Haarbürste, Handy, Sonnenbrille und ein Scrunchie flogen auf die Ablage. Zuunterst kramte sie ihren geliebten Coco Chanel-Stylo hervor und zog das Pink auf ihren perfekt geschwungenen Lippen nach. Das Gesicht entsprach definitiv Handelsklasse A, da war nicht viel Verputz nötig, um die Fassade aufzupolieren. Sie zupfte ihren dichten Pony zurecht und fuhr mit einer Hand durch die blonde Wuschelmähne. Blubberte bei den Lackaffen in der Kommandozentrale von Bluebird Air Kerosin im Kopf? Zu alt? Sie? Abgesehen von ein paar Lachfältchen keine schrumpelige Stelle in Sicht. Der Hals glatt wie der Popo ihrer Nichte, die sie gleich mit Riesengeschrei empfangen würde. Gracie … Der einzige kleine Racker, der ihr ins Dekolleté sabbern durfte. Das Dekolleté konnte sich übrigens sehen lassen. Jedenfalls hatte sie bislang keine Beschwerden über das vernommen, was aus dem luftigen Ausschnitt lugte. Laut Alan-du-kannst-mich-Mal Scheißkerl-vom-Dienst-Ashbury konnte er einer BH-Verkäuferin die Größe mangels numerischer Genauigkeit mal wie ‚zwei saftig-reife Orangen‘ beschreiben. Das Ergebnis passte wie der dazugehörige String zwischen ihre straffen Pobacken. Die schwarzen Böser-Bube-Spielsachen lagen nach wie vor zu Hause im Schrank, nur Ashbury spielte schon lange nicht mehr damit. Der Dreckskerl mit den vier goldenen Streifen auf der Uniform hatte damals kurz vor der Hochzeit mit einem Tomatensaft servierenden Doppelpack von der Konkurrenz ausgiebig seinen Steuerknüppel getestet. Patsy gab dieser Erinnerung ebenfalls einen saftigen Tritt mit den hohen Keilabsätzen unter ihren Sandaletten. Ashbury war es nicht wert, in der mentalen Abstellkammer gelagert zu werden. Der war Geschichte. Zurück zum Spiegel.
   Was ihr da entgegensah, entsprach Miss California in Bestform. Ja, sie kam aus Nevada, Klugscheißer! Man konnte auch päpstlicher als der Papst sein! Sie flog ständig durch die Gegend, welche Rolle spielte es da, ob sie in Nevada, Kalifornien oder Alaska geboren war? Gott sei Dank, hatte Mum ihr Alaska erspart!
   »Alles okay da drin, Honey?« Ein diskretes Klopfen und Schnuckiboys Stimme drangen durch die Waschraumtür.
   Patsy verzog einen Mundwinkel in Richtung Erde und blies die Luft aus. Sie schaute die Tür an. Nein! Nein, es ist absolut überhaupt nichts in Ordnung, Süßer. Mein Boss hat mich gefeuert, weil ich letzte Woche dreiunddreißig geworden bin. Verstehst du? Ich hab’ mein Verfallsdatum überschritten und bin aussortiert worden wie ’ne abgelaufene Milchtüte aus dem Kühlregal. Ich hab’ keinen Job und keinen Kerl, der meine Miete, meine Pizza und meine Manolo Blahniks finanziert. Weil der letzte Scheißkerl zwar ein Pilot mit dickem Bankkonto und diversen brauchbaren Attributen war, ich ihm allein allerdings nicht ausgereicht habe. Jetzt brummt mir der Schädel, weil ich zu lange den Gestank vom Desinfektionszeug eingeatmet habe. Ich hocke in einem Billigflieger und warte darauf, dass der Typ im Cockpit die Kiste auf die Landebahn schmeißt, damit ich mich bei meiner großen Schwester ausheulen kann. Wehe, sie hat keine Familienpackung Double Choc Eiscreme im Haus, dann heul’ ich deswegen auch noch! Jetzt hau’ ab vor der Tür, bevor ich dir ein zweites Grübchen ins Kinn haue, wenn ich hier rauskomme. Capito, Schnuckiboy?
   »Ma’am, ist bei Ihnen alles in Ordnung? Brauchen Sie Hilfe?«
   Shit, shit, shit, inzwischen war sie nicht einmal mehr Honey, sondern schon Ma’am! Sie musste hier raus, die Gelbsuchtfunzel machte wirklich alt!
   »Nein, bin sofort fertig. Danke.« Wahllos stopfte sie ihren Krempel in ihre Tasche zurück und drückte die Spülung, damit er glaubte, dass sie wegen Durchfalls seit einer halben Stunde auf dem Lokus hockte. Sie wusch sich die Hände und wuselte ein letztes Mal durch ihre Haare. Zu alt! Pah!
   »Tut mir leid, Darling.« Sie bedachte ihn mit einem Augenaufschlag, der erfahrungsgemäß schon anderen Kalibern jeden vernünftigen Gedanken aus dem Hirn gewedelt hatte. »Hat ein bisschen länger gedauert. Ist furchtbar eng da drin.« Sie schickte dem Augenklimpern ein Zuckergusslächeln hinterher. »Bekomme ich noch einen Tomatensaft?«
   »Selbstverständlich, Honey. Kommt sofort.«
   »Ich sitze auf achtundzwanzig C.« Sie blinzelte ihm kokett zu. Verdammt, wenn sonst nichts Süßes im Umlauf war, dann eben ein schneller Flirt mit Schnucki. Hauptsache, er nannte sie wieder Honey. Sie quetschte sich in die Nische, die zu ihrer Bordkarte gehörte und bearbeitete ihre Tasche mit Händen und Füßen, bis diese unter den Vordersitz passte. Das Pärchen neben ihr kuschelte mit geschlossenen Augen. Seine Finger, die über ihren Oberschenkel streichelten, verriet, dass zumindest er nicht schlief. Der Ehering strahlte dermaßen hell, dass Patsy überlegte, ihre Sonnenbrille aufzusetzen. Der schnelle Trip nach Vegas. Im Cadillac zur Little White Chapel. Plastikblumen und ein gefakter Elvis, der Love me tender hauchte, während man Jawort und Kuss tauschte. Das Forever-in-love-Package mit Sofortrabatt bei Online-Buchung, ein Brautkleid von eBay und Prickelwasser aus dem Schnapsladen um die Ecke. Patsy wollte nicht darüber nachdenken, wie die Honeymoonsuite aussah, wenn das frisch vermählte Paar an Bord von Spar-dich-Reich-Air in die gemeinsame Zukunft düste.

»Tante Pattie, Tante Pattie!«
   Patsy schob den Kofferkuli durch die Automatiktüren, schon stürmte ihr Grace entgegen. Sie fing sie auf und hob sie in die Luft. Graces Ärmchen schlangen sich um ihren Hals, dann landete ein Sabberschmatz erster Klasse auf Patsys Mund.
   »Hey, Cupcake!« Sie drückte das Bündel Liebe an sich. »Wie geht’s meinem süßen Papagei?«
   »Dut! Gacie Papadei! Mummy, Tante Pattie da!«
   »Ich sehe es, mein Schatz. Hi, Kleine.« Amy hatte den Kampf mit dem Kinderwagen gegen eine entgegenkommende Reisegruppe gewonnen und umarmte beide zusammen. »Bin ich froh, dass du sofort gekommen bist.«
   »Ich auch. Mann, hab’ ich gerade dermaßen die Schn…«, sie stoppte sich im letzten Moment. »Nase voll von Vegas.« Sie fuhr über Graces Lippen. »Du hast meinen Lippenstift abgeknutscht, Cupcake. Auf Lippenstiftklauen steht doppeltes Doppelknutschen, stimmt’s?«
   Sofort betastete Grace ihren Mund und kicherte, als sie einen rosaroten Abdruck auf ihrem Finger entdeckte. »Gacie auch rosa Mund. Mehr!« Beim Doppelschmatz sorgte Patsy dafür, dass der Lippenstift ordentlich abfärbte. Begeistert fühlte die Kleine erneut nach. »Mummy, Gacie rosa Mund. Tante Pattie und Gacie rosa Mund!«
   »Wenn du groß bist, kaufen wir zusammen die Lippenstiftabteilung leer, okay?« Sie setzt Gracie auf ihre Hüfte und hielt ihr die Hand zum High Five entgegen. Umgehend schlug Grace ein. »’kay!«
   Dann fiel ihr auf, wie Amy sie musterte. Da war er, dieser typisch schwesterliche Samariterausdruck. »Hey, guck mich nicht mit dem Besorgte-Mummy-Blick an«, wehrte sie leicht verlegen ab. »Ich bin okay. Na ja, halb okay. Wird schon wieder, was, Cupcake?« Sie gab Grace ein weiteres Küsschen, um sich von Amys Röntgendiagnose abzulenken.
   »’kay wieder«, bestätigte Gracie. »Tante Pattie mit Hause.«
   »Klar fahre ich mich euch nach Hause. Dafür bin ich doch hergekommen. Los, ich habe Hunger. Du auch, Gracie?«
   »Mummy Kuchen macht.«
   »Mummy hat Kuchen gebacken? Extra für uns?«
   Sie nickte, dass ihr Kopf wie ein Flummi auf und ab hüpfte. »Buberry-Muffins.«
   »Dann verrate mir mal, warum wir noch auf dem ollen Flughafen herumstehen. Los, ab mit uns, die Muffins warten!« Schwungvoll verfrachtete sie Grace in den Buggy. Amy schnallte sie fest, während Patsy ihr Gepäck holte, das seit geraumer Zeit jedem im Weg stand, der durch die Tür kam.
   »Du weißt schon, dass wir übermorgen nach New York fliegen?« Amys Blick sprach Bände. Sis stellte sich wieder an wegen der paar Sachen … War doch nicht Patsys Schuld, dass die blöden Koffer gleich hochschwanger aussahen, sobald man drei Kleinigkeiten reinstopfte. Außerdem konnte der Shopper notfalls als Schlafsack für Gracie herhalten, sollten sie auf der Coronado Bridge in eine Vollsperrung geraten.
   »Deshalb bin ich extra mit wenig Gepäck angereist«, betonte sie und ignorierte das schwesterliche Augenrollen. Sie strich Grace durchs Haar. »Ach Schätzchen, schade, dass ich nicht mit euch fliegen kann.«
   »Dada Nu Ork. Sssiff.«
   »Ob sie jemals Daddy sagt?« Momentan kam es ihr vor, als wären ihre Sorgen am Gepäckband zurückgeblieben. Sie schob den Kofferkuli neben dem Kinderwagen her. Amy zuckte mit den Schultern. »Sieht nicht so aus. Langsam bilde ich mir ein, dass sie weiß, wie sehr er darauf wartet. Ich schätze, sie nennt ihn noch Dada, wenn wir alle alt und grau sind.«
   »Nicht dieses Wort, Amy!«
   »’Tschuldigung. Ich gelobe Besserung. Da ’rüber.« Amy deutete zum Parkhaus. »Sobald die Maus ihren Mittagsschlaf macht, kannst du mir alles in Ruhe erzählen.«
   Grace hielt eine dunkelhäutige Stoffpuppe mit Hularock und Blumenkränzen in Händen. Das Frettchen hieß Moma und bekam in munterem Gebrabbel sämtliche Neuigkeiten berichtet. Patsy verstand nur Moma, Tante Pattie, Nu Ork und Dada, doch es genügte, um Las Vegas vorerst ans äußerste Ende der Kümmer-ich-mich-später-drum-Schublade zu verdrängen.

»Zu alt!« Viel zu schnell hatte die Realität sie eingeholt. An eine Kommode gelehnt sah Patsy zu, wie Amy frisch gebügelte Kinderkleidung in den Koffer auf ihrem Bett legte. Die dominierende Farbe war Rosa in allen Schattierungen. Mit Bärchen, mit Blümchen, mit Schmetterlingen. Ab und zu blitzte etwas Gelbes oder Zartgrünes hervor. Der Schriftzug Hawaii erfreute sich ebenfalls größter Beliebtheit.
   »Bei denen flackern doch nicht mehr alle Lämpchen im Cockpit«, maulte sie und angelte nach einem Nickituch mit Winnie-Pooh-Druck, damit ihre Finger etwas zerknautschen konnten. »Die können mich nicht einfach in den Hangar schieben und verrotten lassen.«
   »Sie haben dir immerhin einen anderen Job angeboten«, warf Amy ein. »Das ist doch ein Anfang. Ich meine …«
   »Callcenter!« Patsy stemmte die Fäuste in die Hüften. »Die haben mir einen Job im Callcenter angeboten! Na, denen hab’ ich gezeigt, wo sie sich ihr Callcenter hinstecken können! Ich bin Flugbegleiterin und keine Telefontussi.«
   »Okay, ja, Callcenter ist Mist.« Mit der Genauigkeit eines Stubenkontrolleurs der US-Army sortierte Amy den Stapel Shirts in den Koffer. »Aber bis du was Besseres gefunden hast … Mal ehrlich: Aus heiterem Himmel kam das Ganze nicht. Schließlich hat Bluebird …«
   »Wie bitte? Nicht aus heiterem Himmel?« Patsy knüllte das Tuch zu einem Ball zusammen und schleuderte es aufs Bett. »Gestern bringe ich den Vogel routinemäßig zurück in den heimischen Stall, da zitiert mich der Hausdrache aus der Chefabteilung nach oben. Und ’ne halbe Stunde später steh’ ich ohne Job auf dem Vegas Strip. Sorry, für mich kam das schon ein bisschen überraschend!«
   »Patsy! Es ging seit Wochen durch die Medien, dass Bluebird Air in finanziellen Schwierigkeiten steckt. Klar, dass zuerst die Mitarbeiter gefeuert werden. Reichst du mir mal die Windelkiste rüber?«
   »Ich stecke permanent in finanziellen Schwierigkeiten, aber darüber schreibt kein Schwein!« Das Baby auf dem Pappkarton lachte sie sorglos an. Baby müsste man sein! »Verdammt, ich bin vier Jahre für die geflogen, da können sie mich nicht von heute auf morgen ins Callcenter schicken. Erstens zerdrück’ ich mir nicht die Frisur mit ’nem beschissenen Headset, und zweitens verdient man da nichts.«
   »Weshalb sie dich aus der Luft abziehen und gegen was Jüngeres – ’Tschuldigung, ich meinte gegen was Billigeres – eintauschen.«
   »Sag’s ruhig. Ist doch so.« Niedergeschlagen plumpste Patsy auf die Bettkante. »Die Snobs wollen Frischfleisch sehen, wenn sie mit ihren Assistentinnen rummachen oder die Welt regieren. Vielleicht bin ich wirklich zu alt.« Sie fuhr seufzend durch ihre Mähne. »Was soll ich nur machen, Sis?«
   Amy legte das Kleid, das sie gerade faltete, beiseite und setzte sich neben sie. »Versuch’ doch, wieder bei United einzusteigen. Ich habe da viele Stewardessen gesehen, die …«
   »… nach dem dritten Kind den alten Job machen, ich weiß. Danke, verzichte. Meinst du, ich will bis zur Rente ‚Kaffee oder Tee? Tee oder Kaffee?’ aufsagen?«
   »Manchmal fragen sie auch Fisch oder Vegetarisch?«
   »Und manchmal hat man ’ne große Schwester, bei der man sich fragt, ob sie schon doof geboren wurde oder der Umgang mit mir im Laufe der Zeit abgefärbt hat.«
   »Ach, Kleines …« Sie legte den Arm um ihre Schultern. Dankbar kuschelte sich Pat hinein. Amy war kaum zwei Jahre älter, dennoch fühlte sie sich im Moment in ihrer Nähe so geborgen, wie es sonst nur Mum hinbekam. Mum hütete von Juni bis September rotznäsige Pfadfinder, die vorübergehend Playstation und fließend Warmwasser gegen das Leben in freier Wildnis eintauschten. Patsy schüttelte sich. Eher fing sie im Callcenter an, als im Wohnzimmer von Bären, Büffeln und Kojoten zu zelten. Mum liebte diese Zeit, wenn sie dem Alltag im Klassenzimmer entrinnen und den Kids spielerisch die Natur näherbringen konnte. In Sachen Männer hatte sie ebenso ins Klo gegriffen wie ihre Jüngste, doch zumindest nahm ihr niemand den Job weg. Außerdem hatte sie zwei Töchter in die Welt gesetzt, die zwar unterschiedlicher kaum sein konnten, aber wie Pech und Schwefel zusammenhielten. Sie drückte sich eine Spur enger in die tröstliche Umarmung. Amy ähnelte den Wasserflugzeugen, die bei Wind und Wetter für eine funktionierende Infrastruktur im rauen Hinterland sorgten. Ihr Mann badete im Beifall seines begeisterten Publikums, während sie Windeln wechselte und Pflaster auf blutende Knie klebte. Zugegeben, Schwesterherz hatte verdammt beschissene Jahre hinter sich. Kaum verheiratet, war ihr Mann im Knast gelandet. Doch Amy wäre nicht Amy, wenn sie mit fliegenden Fahnen das Weite gesucht hätte. Nein. Amy besuchte ihn artig und gab sich mit dem Stündchen zufrieden, das sie unter den Augen der Wärter mit ihrem Mann verbringen durfte. Zum Dank war er drei Wochen nach seiner Entlassung bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Oder auch nicht. Jedenfalls mochte Patsy mit diesen sieben Jahren in Amys Lebenslauf noch weniger tauschen als mit dem Zelt zwischen Bisonkacke und Mückengeschwader.
   Amy … Mäuschen hin, Hausfrauenmodus her, letztendlich konnte der Prototyp aus der Mauerblümchenabteilung den Jackpot knacken. Na gut, der Jackpot kehrte nicht täglich nach Feierabend brav ins gemeinsame Nest zurück, sondern zauberte sich an Bord der großen Kreuzfahrtschiffe über die Weltmeere. Sobald das Ehepaar allerdings aufeinandertraf … Patsys Schwager war das krasse Gegenteil des Mäuschens. Der spielte in der Liga von Zorro und dem Gestiefelten Kater. Miguel Fuérte stand das Sexy auf die Stirn tätowiert. Dazu genügte ein Blick aus dem Fenster, um zu beweisen, dass ein Schiffsmagier zwar nicht die Millionen der Konkurrenz am Las Vegas Boulevard scheffelte, dennoch aber ansehnliche Sümmchen aufs heimische Bankkonto überwies. Was er Amy angetan hatte, würde Patsy ihm niemals wirklich verzeihen. Trotzdem hatte sie ordentlich geschubst, damit die beiden zusammenkamen, als es nicht mehr danach aussah. Amy würde sie ebenfalls in die richtige Richtung schubsen. Wenn es denn etwas zu schubsen gäbe …
   Kein Mann, kein Job, keine rosige Zukunft. Verdammt, sie ging als Model durch, hatten die Wichser von Bluebird keine Augen im Kopf? Es waren Typen an Bord gewesen, die sie zu Fotoshootings überreden wollten. Natürlich kassierten sie die Rechnung in Form von Naturalien. So viel zum unerfüllten Traum von der großen Laufstegkarriere.
   Überhaupt: Träume … Die erledigten sich von allein, wenn man mit dreiunddreißig nichts auf der Wunschliste des Lebens erfolgreich abhaken konnte. Job? Gerade zum Teufel. Hochzeit mit Mr. Right? Vergiss es! Seit dem Reinfall mit Scheißkerl-Ashbury war kein passender Anwärter für den Posten des angetrauten Bettgenossen mehr aufgetaucht. Ehrlich gesagt bezweifelte sie mittlerweile, dass sie die andere Hälfte ihrer Matratze dauerhaft vermieten wollte. Männer. Chefs. Väter. Alles Mistkerle. Amy war wirklich die Einzige, die ein absolut treues Musterexemplar an Land gezogen hatte.
   Patsy seufzte abgrundtief. War das eine Scheiße, wenn man feststellen musste, dass alle Kleinmädchenträume wie Seifenblasen zerplatzt waren. Und wenn ihr nicht bald eine vernünftige Idee kam, würden ihre Schecks das gleiche Schicksal wie ihre Träume nehmen!

*

Amy räumte herumliegende Duplosteine in eine Plastikbox, legte die Einzelteile eines Holzpuzzles zusammen und packte es ins Regal. Das Bobbycar parkte unter dem Tisch. Untermalt wurde ihr Tun von Patsys Stimme, die inbrünstig vorlas, wie die Tiere auf Noahs Arche in die Badewanne hüpften, bevor sie ins Bett gingen. Elefantendame Elli suchte ihren Pyjama, und Moffy, die Maus, putzte ihre Zähne. Amy konnte die Geschichten auswendig rauf und runter beten, schließlich fahndete die schusslige Elli jeden Abend nach ihrem Schlafanzug, während Moffy ihre Kauwerkzeuge polierte. Heute hatte Grace darauf bestanden, dass Tante Pattie ihr die Geschichte vorlas. Sie schmunzelte leise in sich hinein. Patsy machte keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegen Kinder. Dabei merkte sie nicht, wie Gracie sie vom ersten Moment an um jeden einzelnen manikürten Finger gewickelt hatte.
   »Schläft wie ein Stein.« Zufrieden klappte Patsy das Buch zu, küsste die Kleine auf die Stirn und zog die Bettdecke zurecht.
   Amy gab ihr ebenfalls einen Gutenachtkuss. Gracie schlief. Endlich Feierabend! Sie schaltete das Babyfon ein und zog die Tür bis auf einen Spalt zu.
   »Bekomme ich jetzt ein Glas Wein?«, fragte Patsy auf dem Weg ins Erdgeschoss. »Es dürfen auch zwei sein. Oder drei.«
   »Davon, dass du dich betrinkst, geben sie dir deinen Job auch nicht zurück.«
   »Nein. Aber nach zwei Flaschen Merlot vergesse ich für ’ne Weile, dass ich arbeitslos bin.« Sie blieb mitten im Flur stehen und warf sich Amy an den Hals. »Ich bin zu alt! Mich nimmt niemand mehr! ’n Kerl hab’ ich auch nicht! Scheiße! Ich kann mich doch nicht auf dem Flugzeugfriedhof parken und warten, bis ich verroste!« Ein herzzerreißendes Schniefen folgte.
   Amy tätschelte ihr den Rücken, wie sie es bei Grace tat, wenn Hochwasseralarm angesagt war. »Pflanz dich auf die Couch, ich hole den Wein und dann überlegen wir. Wir haben schon andere Krisen gemeistert. Denk dran, Heulen macht dicke Augen und ein aufgedunsenes Schwabbelgesicht.«
   »Danke, genau das brauche ich.« Mit einem Schmollen richtete sich Patsy auf und schob die Tränen mit den Fingerspitzen beiseite, wie es TV-Moderatorinnen taten, um das Make-up nicht zu ruinieren. Ihr Schniefen folgte Amy in die Küche. Immerhin besann sie sich angesichts des entsprechenden Handwerkszeugs ihrer Fähigkeiten als Sommelière der Lüfte. »Gib her.« Sie nahm ihr die Flasche aus der Hand. Gekonnt entfernte sie den oberen Teil der Kapsel, ehe sie den Korkenzieher ansetzte. Das charakteristische Plopp folgte. Die Folie und der Korken landeten auf der Arbeitsplatte, dann ging sie mit dem Wein und zwei Gläsern bewaffnet ins Wohnzimmer. Amy füllte Chips in eine Glasschüssel, warf Patsys Hinterlassenschaften in den Müll und folgte ihr.
   »Wie lange arbeitest du noch für Bluebird? Bis zum Monatsende?«, fragte sie.
   »Bist du bekloppt?« Glücklicherweise hielt Patsy in ihrem Tun, die Gläser zu füllen, inne, sonst wäre der Merlot auf der Tischdecke gelandet. »Die haben mich rausgeschmissen!«
   »Aber doch nicht fristlos, oder?«
   »Ich flieg für niemanden, der mich als Greis abstempelt. Sollen sie sehen, wer meine Routen übernimmt. Von mir aus können sie da oben Selbstbedienung einführen, wenn ihnen die Kellnerin zu alt ist. Pass auf, dann satteln Leo di Caprio und Bruno Mars ratzfatz auf andere Airlines um.«
   Amy knautschte ein Kissen in ihrem Rücken zurecht. »Was dir allerdings nicht dabei hilft, die Miete zu bezahlen.« Sie legte den Kopf schief. »Brauchst du Geld?«
   »Logisch brauch’ ich Geld. Ich brauch’ Geld, einen Job, einen Kerl … Am besten einen mit Geld, dann hat sich das mit dem Job erledigt. Prost!« Sie griff nach ihrem Glas und stürzte den halben Inhalt in einem Schluck hinunter. Erst danach plumpste sie in den Sessel. »In Sachen Kerl herrscht komplett tote Hose. Wenn du mit spätestens Dreißig keinen Ring am Finger hast, war’s das. Mit etwas Glück und ’nem Haufen Make-up taugst du noch für ’ne kurze Affäre mit einem geilen Macker auf Businesstrip. Ansonsten …« Sie schnaubte abfällig. »Die Prinzen sind vergeben und die Gebrauchtware wartet auf ihre Scheidung. Der Rest sind Frösche, die vor zehn Jahren schon keine wollte. Das junge Gemüse kannst du ebenfalls vergessen. Nur Muttersöhnchen auf der Suche nach einer Waschfrau mit Bettqualitäten.« Sie rümpfte die Nase. »Hätte nie gedacht, dass ich das sage, aber du hast echt den Richtigen aussortiert. Obwohl er zwischendurch … Ach, vergiss es.«
   »Wir haben das Zwischendurch überlebt. Zumindest eine von uns.« Amy sah zu einem Foto an der Wand. Mitch mit einer winzigen Gracie in den Armen. Abgesehen von seinem strengen Zopf wies der Mann auf dem Bild keinerlei Ähnlichkeit mit dem schillernden Showstar im Rahmen daneben auf. Den strahlenden Sonnyboy, der vor lauter Vaterstolz beinahe platzte, bekam sein Publikum höchst selten zu sehen. »Zwei Tage noch.« Sie seufzte selig. »Die Hawaiiroute hat uns verwöhnt. Ich muss mich erst wieder daran gewöhnen, dass er nicht mehr wöchentlich für einen Tag nach Hause kommt.«
   »Und für eine Nacht«, warf Patsy mit einem Zwinkern ein.
   »Und für eine Nacht.« Amy hob ihr das Glas zum Toast entgegen. »Auf dich, Sis. Wir kriegen dich wieder hin. Irgendwie.«
   »Ja.« Die Gläser klickten gegeneinander. »Irgendwie.«
   Ihr Lächeln konnte nicht über die Hoffnungslosigkeit in ihrer Stimme hinwegtäuschen. Viel zu schnell kippte sie den Wein in sich hinein und füllte umgehend das Glas wieder auf. Amy stellte ihres ab, ohne daraus getrunken zu haben. Zum Glück war Patsy dermaßen mit ihrem eigenen Kummer beschäftigt, dass sie es nicht bemerkte. Sie folgte ihrem Blick durch das Zimmer. Der Raum spiegelte wider, was Sis als Musterbeispiel biederer Nestbauidylle bezeichnete. Harmonisch aufeinander abgestimmte Farben, warme Hölzer, weiche Teppiche. Familienfotos an den Wänden, blühende Pflanzen auf den Fensterbänken. Eine Hello-Kitty-Decke lag auf dem Fußboden, darauf wartete ein Plastikzoo auf Gracies Rückkehr ins Kinderparadies. Der briefmarkengroße Garten endete am klassisch spießigen Lattenzaun. Jenseits davon raubte einem die Aussicht auf die Skyline San Diegos den Atem. In der Garage parkte ein allradbetriebener Familienpanzer, auf der Terrasse luden hellblaue Deckchairs zum Verweilen ein. Jedes Detail entsprach dem, was sich Amy und Mitch immer erträumt hatten. Zugegeben, in ihren Träumen kam er täglich zum Feierabend nach Hause. Man konnte nicht alles haben. Dennoch lebten sie trotz harter Kompromisse ziemlich nahe am Idealzustand.
   »New York wär’ jetzt geil«, holte Patsy sie mit einem sehnsuchtsvollen Stöhnen aus ihrer Bestandsaufnahme. »Du hast es gut. Shoppen im Big Apple, ein Familientrip in die Karibik … Mit Gracie auf den Bahamas planschen macht mehr Spaß, als vor dem PC durch sämtliche Jobbörsen zu surfen. Dabei weiß ich gar nicht, wonach ich suchen soll. Ich kann doch bloß kellnern. Nee, guck nicht so!« Entsetzt hob sie eine Hand. »Ich will weder im Nobelfressbunker Hummer und Steaks servieren, noch stöckel’ ich mit dem Cocktailtablett durchs Bellagio. Vielleicht mach’ ich ja ’ne kleine Boutique auf. Mode kann ich wenigstens.«
   »Du als Verkäuferin?« Amy prustete vor Lachen. »Das will ich sehen! Früher hast du mich immer als minderbemittelt abgestempelt, weil ich im Laden gearbeitet habe.«
   »Du hast Bücher verkauft, Amy.« Bei ihr klang das, als hätte sie Tupperpartys ausgerichtet. »Ich rede nicht von Diätratgebern und Erotikschnulzen für betagte Hausfrauen, sondern von Mode. M.O.D.E. Kennst du nicht. Das sind diese Sachen aus Stoff und Leder, an denen Etiketten mit Aufschriften wie Dolce & Gabbana oder Moschino hängen.«
   »Doch, kommt mir bekannt vor. Auf den Zetteln neben dem Namensschildchen stehen furchtbar hässliche Zahlen drauf.«
   »Du hast keine Ahnung von Mode.« Gelassen winkte sie ab. »Bei mir bekommst du Rabatt, damit endlich was Anständiges in deinem Kleiderschrank hängt.« Das unternehmungslustige Funkeln in ihren blauen Augen verlosch. Traurig verzog sie die Mundwinkel. »Boutiquen in Vegas … Davon gibt’s genau so viele wie Einarmige Banditen im Four Queens.«
   Unauffällig musterte Amy sie. Patsy hatte die nackten Füße auf der Sofakante geparkt und die Arme um die Knie geschlungen. In den Händen hielt sie Gracies Plüschaffen und ließ ihn auf ihren bonbonfarben lackierten Zehennägeln steppen. Das zweite Glas Wein stand unberührt auf dem Tisch, die Chipskrümel auf dem Teppich waren kaum der Rede wert. Eine vorab telefonisch georderte Gallone Eiscreme fror im Gefrierschrank vor sich hin. Den Muffin hatte sie bestimmt nur vernichtet, weil Gracie sie hingebungsvoll gefüttert hatte, und zum Abendessen war sie von einer halben Pizza satt gewesen. Schwesterherz hatte keinen Appetit! Das war definitiv ein Grund, sich ernsthaft Sorgen zu machen. Amy schaute auf die Uhr und überschlug gewohnheitsmäßig die Zeitverschiebung. Zwei Seetage vor der amerikanischen Ostküste ging es auf achtzehn Uhr zu. Noch eineinhalb Stunden bis zur ersten Show. Genau der richtige Moment, um Mitch per SMS mitzuteilen, dass er Skype anwerfen musste.
   »Bin gleich wieder da.« Vom Flur aus warf sie einen Blick zurück. Der Fernseher schwieg, die Fernbedienung lag unberührt auf dem Tisch. Patsy ließ den Kopf hängen. Ihre Haare verdeckten ihr Gesicht. Nur das Äffchen hopste auf ihren Füßen.

2. Kapitel

»Ich fasse es immer noch nicht, wir sind in New York!« Was interessierte Patsy die hektische Meute, die durch Newark Airport hetzte. Sie flog Amy mitten im Lauf um den Hals und verpasste ihr einen dicken Schmatz auf die Wange. »Du bist die Größte, Sis.«
   »Lass gut sein, Kleine.« Amy rief dem Anzugträger, der um Haaresbreite über den abrupt gestoppten Kinderwagen gestolpert wäre, eine Entschuldigung hinterher. »Wenn du so weitermachst, bekomme ich Kopfschmerzen, weil mein Heiligenschein drückt. Wir hatten einfach Glück, dass auf der Magic noch Kabinen frei sind.«
   »Was nützt mir ’ne freie Kabine, wenn sie niemand sponsert?« Eilig stakste sie neben Amy her, die zielstrebig den Schildern zur Gepäckausgabe folgte. »Das werde ich unserem Zauberer nie vergessen. Mann, und das, obwohl ich ihm damals am liebsten meine Manolos um die Ohren gehauen hätte.«
   »Vielleicht sagst du dieses Mal einfach Danke, statt deine Fingerabdrücke auf seinem Gesicht zu hinterlassen? Über die Ohrfeigen jammert er heute noch.«
   »Weichei.« Sie zog den Kopf ein, als vernichtende Blicke auf sie zurasten. »Darf ich ihm ein Küsschen geben?«
   »Willst du dich bedanken oder ihn dafür bestrafen, dass er dir die Kreuzfahrt schenkt?«
   »Gacie auch Küsschen!« Grace versuchte, sich in ihrem Buggy umzudrehen, wurde aber vom Gurt daran gehindert.
   Pat gab ihr ungebremst einen Kuss auf den Scheitel. Am liebsten hätte sie mit dem Zwerg einen Happy Dance quer durch den Flughafen veranstaltet. Allerdings verteilte Grace bei derartigen Aktionen gern großzügige Spenden ihres Mageninhalts auf den Klamotten ihrer Tanzpartner. Pancakes und Kakao machten sich nicht sonderlich gut auf einem Stella McCartney-Top, weshalb Patsy auf das gemeinsame Tänzchen verzichtete.
   Sie drehte total am Rad! Wie gut, dass sie selbst für einen Kurztrip grundsätzlich zwei oder drei Klamotten mehr einpackte. War das eine Überraschung gewesen, als Amy ihr zu Marmeladentoast und Käse-Schinken-Omelett ein Flugticket samt Kabinenvoucher servierte! Eben noch heulendes Elend an der Kaffeetasse, und dann – Whou, zwei Wochen Kreuzfahrt! Tschüss Probleme, für euch ist kein Platz im Koffer. Scheiß auf den verlorenen Job, wenn vierzehn Tage – und Nächte – Karibik auf dem Programm standen. Es fehlte allerdings noch das eine oder andere sexy Outfit für die heißen Nächte. Wie erwartet trat Sis in einen Generalstreik, kaum dass Patsy laut über Shopping in der einzig halbwegs brauchbaren Mall von San Diego nachzudenken begann. Egal, die Boutiquen auf St. Thomas wollten auch was verdienen. Ihr Gepäck im Schlepptau, tänzelte sie um den Buggy herum. »Wir gehen auf Kreuzfahrt, Cupcake.« Sie verabreichte ihr den nächsten Schmatz und bekam vor Begeisterung die Puppe ins Gesicht gedrückt. Amy fluchte verhalten, weil sie erneut eine Notbremsung einlegen musste. Na und? Sis besaß von Geburt an grandioses Talent zur Spaßbremse.
   »Gacie Dada! Will Dada Sssiff!« Die Puppe vollführte einen Hula in der Luft, gefolgt von einem Salto in Richtung Erde. Millimeter vor der Landung fing Amy sie auf und reichte sie ihr zurück. »Moma mit Sssiff. Gacie und Moma Dada Sssiff.«
   »Ja, mein Herzchen. Noch einmal schlafen, dann holt uns Daddy mit seinem nagelneuen Riesenschiff ab.« Amy gähnte verhalten. »Bin schon gespannt auf den Pott. Die Bilder waren der Hammer. Grace, halt Moma fest oder sie kommt in die Tasche.« Ohne ihr Tempo zu verringern, hob sie die Puppe zum x-ten Mal auf.
   »Moma hopst.« Zum Beweis ließ Grace Moma auf ihren Knien auf und ab springen. »Moma ’lücklich.«
   »Ist mir egal, ob Moma hopst, weil sie glücklich ist. Halt sie fest oder Moma geht schlafen.«
   »Moma nich heia.« Oh weh, der Schmollmund verhieß nichts Gutes. Sie presste die Puppe an sich. »Moma pssst«, flüsterte sie dem Spielzeug deutlich hörbar ins Ohr. »Mummy böse. Moma nich hops machen.« Zum Glück lenkte ein mit gelbem Blinklicht und lautstarkem Hupen vorbeiratterndes Elektromobil sie ab. Sie winkte den Senioren auf dem Wagen mit Moma hinterher.
   »Schade, dass wir nicht früher fliegen konnten. Dann wäre noch Zeit für eine Shoppingtour geblieben.«
   »Danke, verzichte. Patsy und offene Geschäfte in New York … Gut, dass es dafür heute Abend zu spät ist. Morgen gehen wir an Bord, bevor die Läden aufmachen und … Ach du Grüne Neune!«
   Einhundertfünfzig Passagiere drängten in lückenlosem Chaos um das Band, über dem ein Monitor die Ankunft der Maschine aus San Diego verkündete. Allgemeines Telefonieren und wildes Tippen auf Smartphone-Displays zeigte, dass an der Kofferausgabe noch keine Action zu erwarten war.
   »Ich hole einen Kuli.« Davon unbeeindruckt steuerte Patsy tänzelnd die Reihe ineinandergeschobener Gepäckwagen an. Vor ihr steckten zwei Meter Singletraum mit breiten Schultern und schmalen Hüften im grauen Jackett zu perfekt sitzenden Diesel-Jeans die goldene Visa in den Automaten. Dunkelblonde Haare, die garantiert nicht der Azubi im Schnipp-Schnapp-Salon schnitt. Sie fuhr mit der Zungenspitze über ihre Lippen und zupfte an ihrer Bluse, damit die obersten Knöpfe nicht umsonst offen standen. Es klackte, die Sperre gab den Kofferkuli frei. Mit einem energischen Ruck zog Singletraum den Karren heraus und wendete ihn derart schwungvoll, dass Patsy einen Satz rückwärts machen musste. Das Vorderrad rollte unmittelbar an ihren Zehenspitzen vorbei. Ohne sie eines Blickes zu würden, stürmte er davon. Sie hob in Gedanken den Mittelfinger. Vollpfosten!
   Seit sie gezwungenermaßen Linie flog, war sowieso nur noch Ausschussware unterwegs. Im Flieger hatten ausschließlich angeschimmelte Workaholics gesessen. Die Anzugträger in der Businessclass waren alles andere als begeistert gewesen, als zwei Weiber mit Kleinkind die Lederpolster in der dritten Reihe belegten. Dabei hatte sich Gracie wie ein Engel benommen.
   Sie lenkte ihren Kuli durch die Menge entgegenkommender Passagiere. Unnachgiebig verteidigte Amy mit quergestelltem Kinderwagen ihr Terrain am Band und bespaßte Grace gleichzeitig. Sie waren ein seltsames Trio, musste Patsy zugeben. Niemand vermutete, dass Amy ihre Schwester war. Blonder Pferdeschwanz zu einem hübschen Gesicht, das erst seit wenigen Jahren wieder lachen konnte. Hartnäckige Spuren der Schwangerschaft sorgten für Kleidergröße acht, wo bei Patsy maximal eine Zwei prangte. Jeans, T-Shirt und Sneakers trugen keine teuren Label, obwohl das Magiergehalt bestimmt nicht nur für die Sonderangebote von Macys reichte. Typisch Amy. Wenn sie Geld ausgab, dann für ihre geliebten Bücher und natürlich für Gracie. Wie die Süße da im Hello-Kitty-Express hockte …
   Patsy spürte den üblichen Guss Liebe, der sie stets überschüttete wie ein warmer Sommerregen, sobald sie ihren kleinen Cupcake anschaute. Miss Hulaprinzessin persönlich. Wie lange es wohl noch dauerte, bis sie aus den im Laufe eines Jahres auf Maui angesammelten Klamotten hinauswuchs? Die innig geliebte Comickatze surfte über ihr Shirt, Stoffblumen zierten ihr Handgelenk und Hibiskusblüten hielten ihre rabenschwarzen Rattenschwänze zusammen. Mit großen Augen verfolgte sie das aufregende Treiben um sich herum und zeigte sämtliche Milchzähne, als Amy sie in der Taille kitzelte. Rein äußerlich hatten Daddys Gene ganze Arbeit geleistet. Okay, das war ein mega Plus für die Maus. Die Jungs, denen Grace eines Tages den Kopf verdrehen würde, taten Patsy jetzt schon ein klitzekleines bisschen leid.
   Sie hatte den Stau am Band erreicht und warf einen Blick auf die Gegenfahrbahn. Nichts als heimkehrende Touris in Tijuana-Shirt und Surfershorts. Obwohl … Sie stupste Amy an. »Guck mal, der Typ mit der Ray Ban in den Haaren.« Sie deutete auf einen Kerl vom Kaliber Wohnt-in-der-Muckibude. »Ohne die Schlabberhose könnte der richtig gut aussehen.«
   »Kannst du vielleicht mal fünf Minuten lang an etwas anderes als Typen ohne Hose denken?«
   Oh, oh, Sis war angepisst. Na ja, fünfeinhalb Flugstunden mit einem Quirl auf dem Schoß waren echt kein Zuckerschlecken. Obwohl Tante Pattie durchaus ihren Part in Sachen Bordunterhaltung übernommen hatte. Schließlich tat sie so ziemlich alles für einen Sabberschmatz von ihrem süßen Cupcake und …
   »Da kommt dein Container.« Ein hellblauer Koffer verkeilte kurzfristig den Engpass an der Ausgabe, bevor er von nachfolgenden Taschen auf das Transportband geschubst wurde.
   »Mein Container sieht anders aus. Das ist der kleine Koffer.« Trotzdem brauchte sie ordentlich Muskelkraft, um ihn auf den Gepäckwagen zu wuchten. »Gracie, hast du da heimlich Momas Sachen reingepackt?«
   »Moma Hulatock.« Sie streckte ihr Moma entgegen und wedelte damit, dass deren Blätterrock wirbelte.
   »Eben, das Taillengestrüpp reicht für Moma. Die braucht keine Kleider. Lass mich durch, da kommen unsere Sachen.«
   Natürlich gleichzeitig, wie immer. Amy schnappte sich den Koffer, Pat zog die Reisetasche vom Band. Zu zweit stapelten sie alles auf und machten mit dem Gepäckberg dem Empire State Building Konkurrenz.
   »Taxi. Hotel. Essen. Duschen. Bett. Was hältst du von dieser Reihenfolge?«
   »Schade, dass kein Platz für Shopping bleibt. Mit dem Rest bin ich einverstanden.«
   Warum konnten sie nicht einen Tag früher anreisen?, murrte die Fashionqueen in ihr. Weil Amy hergeflogen ist, um aufs Schiff zu gehen, und du froh sein kannst, nicht daheim zu versauern!, erwiderte das vernünftige Drittel in der Einliegerwohnung in ihrem Schädel. Schade, dass das Drittel als Sieger hervorging. Allein deshalb, weil es inzwischen auf Mitternacht zuging und selbst die Boutiquen in New York eine Siesta einlegten. Von wegen: Die Stadt, die niemals schlief …
   Dafür schlief Grace ein, kaum dass sie im Taxi saßen. Die Straßenlaternen, Reklametafeln und der dichte Verkehr von Manhattan spendeten genügend Licht, um ihr engelsgleiches Gesicht zu beleuchten. Patsy legte ihre Hand auf Gracies Schienbeine und streichelte zärtlich über die weiche Kinderhaut. Wovon die Maus wohl gerade träumte, so süß, wie sie lächelte?
   Erst im Hotelzimmer fiel ihr auf, dass sie versäumt hatte, sämtliche Ampelstopps für den schnellen Blick in die Schaufenster entlang der 7th Street zu nutzen.

Am nächsten Morgen brachte sie ein weiteres Taxi zum Hafen.
   »Whaou, das nenne ich Schiff!« Ehrfürchtig sah Patsy durch die verkratzte Scheibe, die den Gehweg von der Hafenkante trennte. Auf der anderen Seite ragte ein nachtblauer Schiffsbug auf, der über und über mit Sternen, magischen Wolkenmotiven und fantastischen Polarlichtern bemalt war. Mitten hindurch zog sich in schwungvoller Schrift die Signatur von Miguel Fuérte. Sie legte den Kopf in den Nacken, doch es gelang ihr nicht, die wahre Höhe des Ozeangiganten zu erkennen. »Dagegen war die Illusion ein Beiboot.« Die Illusion. Das Schiff, auf dem Patsy ihre Flitterwochen verbringen sollte und stattdessen Amy die Liebe ihres Lebens wiederfand. Warum konnte nicht auch für sie mal ein Prinz an Bord sein?
   Mit leiser Wehmut sah sie zu, wie Amy Grace in den Buggy setzte. Gracie wand sich wie ein Aal und überhäufte Moma mit der nächsten Flut ihrer unendlichen Geschichte. Seit sie aufgewacht war, plapperte sie ohne Unterlass auf alles und jeden ein. Vom Hotelpagen bis zum Taxifahrer wusste inzwischen halb New York, dass ihr Dada auf dem großen, neuen Sssiff arbeitete und sie auf dem Weg zu ihm war.
   »Kannst du nicht mal eine Minute still sitzen?« Wieder glitt Amy der Gurt aus der Hand. »So kommen wir nie zu Daddy.«
   »Dada Sssiff! Soll kommen! Kommt immer!« In ihrem Gesichtchen braute sich ein Gewitter zusammen. »Dada nich da …« Schon ergoss sich eine Springflut aus ihren gerade noch strahlenden Augen. »Dada! Dada kommen!« Herzzerreißendes Schluchzen untermalte ihre Worte.
   Patsy ging neben ihr in die Hocke. »Er ist da, Liebling. Daddy ist da. Er kann nur noch nicht kommen, weil die vielen Leute im Weg stehen. Schau mal, er kommt doch gar nicht durch.«
   »Dada immer da.« Gracies Ärmchen würgten sie. »Dada …«
   »Er ist da, Schätzchen, keine Angst. Er steht bestimmt da oben auf dem Schiff und sucht uns.« Mit einem Seufzer rastete Amy die Schnallen ein und streichelte ihr zärtlich über die Haare. »Auf Maui kam er immer direkt nach dem Anlegen auf den Pier«, erklärte sie. »Dort war es einfacher, weil es keinen Gästewechsel gab. Hier dagegen …« Sie sah sich im Getümmel aus an- und abfahrenden Fahrzeugen, hektischen Passagieren und immensen Gepäckstapeln um. »Herzchen, wenn du so weitermachst, geht unser Schiff in deinen Tränen unter. Schau, da kommt ein netter, junger Mann, der nimmt uns unsere Sachen ab. Dann müssen wir nur noch kurz an den Schalter und schon können wir zu Daddy gehen.« Sichtlich erleichtert übergab sie ihre Habseligkeiten dem herbeigeeilten Gepäckträger.
   Grace ließ sich nicht beruhigen. Sie schluchzte, schniefte und hickste, während sie ununterbrochen nach Dada jammerte. Patsy hielt es nicht länger aus. Sie löste den Gurt und hob sie auf den Arm.
   »Gleich wird alles gut, Cupcake.« Sie küsste ihr die Tränchen von den Wangen. »Nicht weinen. Guck lieber, ob du Daddy siehst. Vielleicht zaubert er sich ja hinter einer Säule hervor.«
   »Dada saubert! Soll hier saubern.«
   »Patsy! Ich hatte den Gurt endlich zu! Warum …?«
   »Weil ich sie trage. Schmeiß meine Tasche in den Buggy, die heult nicht.«
   »Das ist ein Kinderwagen und kein Gabelstapler.«
   »Mein Täschchen wird er überleben.« Mit der freien Hand wuchtete sie ihr Handgepäck auf die Sitzfläche. »Das Ding hält doch angeblich auch ein dickes Kind aus!«
   »Du verwöhnst sie zu sehr«, murrte Amy.
   »Dafür sind Tanten da. Komm schon, mein Cupcake will zu Daddy.« Sie stieß Amy den Ellenbogen in die Rippen. »Sei froh, dass ich die beste Tante der Welt bin. Sonst würde es schwierig mit der Willkommensparty im Ehebett.«
   »Halt die Klappe und geh.«
   Patsy grinste Grace an und räumte den Weg für Amy frei.

»Gracie! Amy!«
   Sie waren kaum von der Gangway auf die Schiffsplanken getreten, da hallte Mitchs Stimme über das Promenadendeck.
   »Dada!«
   Er rannte ihnen entgegen und riss Amy und Grace an sich. Beide Arme um seine Familie geschlungen, verschmolzen sie zu einem unentwirrbaren Knäuel der Liebe. Wehmütig verfolgte Patsy das Wiedersehen, das nach dem ersten Freudenschrei in stille Glückseligkeit überging. Kleine, unschuldige Küsse, seliges Tuscheln und Gracies glückliches »Dada« drangen gedämpft hervor. Patsy fühlte sich wie ein Voyeur. Vielleicht war die Idee, mit auf Kreuzfahrt zu gehen, doch nicht so toll? Sie gönnte Amy ihr Glück von ganzem Herzen, wirklich! Doch der Gedanke, tagelang mit ansehen zu müssen, was ihr selbst einfach nicht vergönnt war, löste ein schmerzliches Ziehen in ihrem Herzen aus. War es zu viel verlangt, ebenfalls ein wenig Glück zu wollen?
   »Hi Patsy. Willkommen an Bord.« Grace auf seiner Hüfte, ihr Gesichtchen in seiner Halsbeuge, nahm Mitch sie mit überraschender Herzlichkeit in den Arm.
   »Hallo Mit…« Sein warnender Blick stoppte sie. Natürlich, man wusste nie, wie weit die Vorübergehenden die Lauscher ausgefahren hatten. »Miguel«, korrigierte sie sich hastig. »Danke. Danke für alles.«
   Er winkte ab. »So kann ich mich endlich dafür revanchieren, dass du Amy damals nach Seattle gescheucht hast.«
   »Mich musste niemand scheuchen! Ich war …«
   »… schon fast mit dem Koffer in der Hand auf dem Weg zum Flughafen, als ich bei dir eingelaufen bin, um dir den Marsch zu blasen, ich weiß.« Dankbar für die Ablenkung von ihren trüben Gedanken grinste sie mit Mitch um die Wette. Ohne ihren deutlichen Schubs säße Amy immer noch inmitten ihres Tränenozeans in Las Vegas. »Hey, Zauberer, cooler Pott.« Sie nickte anerkennend. »Sogar mit deinem Autogramm im Lack.«
   »Ja, war ’ne tolle Idee unserer Marketingabteilung.« Seine Grimasse spiegelte wenig Begeisterung über seinen Künstlernamen am Bug wider. »Bedeutet, dass ich mich noch öfter als bisher in der Öffentlichkeit zeigen und für jedes Selfie den Affen machen muss. Hast du ’ne Ahnung, wie viele Fotos ich seit der Abfahrt aus Hamburg unterschrieben habe? Sobald die neuen Passagiere einlaufen, darf ich zur Begrüßung an der Gangway stehen.«
   Er rieb Grace über den Rücken. So wie die Kleine an ihm klebte, würde sie in Kürze mit ihm verschmelzen. Kein Mucks kam über ihre Lippen. Patsy überlegte ernsthaft, welchen Zaubertrick er nutzte, um angesichts ihres Würgegriffs überhaupt noch zu atmen.
   »Erinnert mich stark an meine Anfangszeiten als wandelnder Tanzbär im Plüschkostüm«, fuhr er in verärgertem Ton fort. »Wenn mein Boss allerdings glaubt, dass ich rund um die Uhr werbewirksam über die Planken schwebe, während meine Familie an Bord ist, hat er sich getäuscht.« Er umfasste Amys Taille. »Ich hole Zeit für uns raus, da kann sich das gesamte Headquarter von Mermaid meinetwegen auf den Kopf stellen. Versprochen!«
   Amy lächelte still. Es war nicht zu übersehen, wie sie sich nach seinem Kuss verzehrte, doch Zärtlichkeiten mussten warten, bis die Kabinentür hinter ihnen ins Schloss fiel. Verließ Mitch die Katakomben des Schiffes, war er im Dienst, obwohl sich der Theatervorhang erst am Abend öffnete.
   »Deine Kabine ist leider erst in einer guten Stunde bezugsfertig, Patsy. Dein Vormieter konnte sich partout nicht trennen und ist erst vorhin an Land gegangen. Wenn die Putzkolonne durch ist, kannst du rein. Imade?« Er winkte einen Asiaten in türkisblauem Poloshirt zu schwarzer Hose heran.
   Ehrfürchtig trat der junge Mann näher. »Ma’am? Sir?«, grüßte er scheu.
   »Bringst du bitte Miss Patsys Gepäck in die 11104? … Nein, nur die Tasche und den Trolley. Um den Kinderwagen und den roten Koffer kümmere ich mich selbst.«
   »Nicht nötig, Sir, ich kann …«
   »Ich bin kein Sir, wie oft soll ich dir das noch sagen, Imade? Sirs sind die Leute mit den goldenen Streifen an den Jackenärmeln.«
   »Sehr wohl, Sir.«
   Amy und Pat sahen sich an und unterdrückten ein Kichern. Mitch verdrehte die Augen. Einen Augenblick lang schien er etwas erwidern zu wollen, dann schüttelte er mit einem deutlich hörbaren Seufzer den Kopf. »Kabine 11104. Sei vorsichtig, der Krempel gehört meiner Schwägerin. Vermutlich wiegt allein die Tasche drei Tonnen.«
   Imade nickte, wuchtete besagte Tasche auf seine magere Schulter und zerrte den Trolley hinter sich her. Sein »Ma’am. Sir. Angenehmen Aufenthalt an Bord« klang unter der Last reichlich gepresst.
   »Der küsst dir die Füße und wandelt nach Feierabend heimlich in den Abdrücken deiner Schuhe übers Deck«, giggelte Patsy, kaum dass Imade im Schiffsinneren verschwunden war.
   »Leider.« Mitch ächzte gequält. »Er und seine Kollegen machen mich wahnsinnig mit ihrer Heldenverehrung. Waren das schöne Zeiten, als ich auf der Illusion und der Aloha hinter den Kulissen noch ein stinknormales Crewmitglied sein durfte. Hier drehen alle am Rad, weil mein Gekritzel den Rumpf verunstaltet.« Er hob Gracie hoch und wedelte sie flugzeugartig hin und her, bis sie vor Vergnügen quietschte. »Höchste Zeit, dass dein Onkel Flip einläuft. Der rückt der Bande den Kopf zurecht, bevor ich sie alle aus Verzweiflung ins Nirwana zaubere.«
   »O-o Flip? Wo O-o Flip?« Aus ihrer luftigen Perspektive sah sich Grace nach allen Seiten um und zog eine Schnute, weil sie ihren geliebten Patenonkel nirgends entdecken konnte. »Kein O-o Flip. O-o Flip kommen. Mit Gacie pielen.«
   »Onkel Flip ist nicht da. Er macht Urlaub mit Savvy.«
   »Sssade … Gacie O-o Flip und Savvy lieb!« Sie schlang erneut ihre Arme um seinen Hals. »Gacie Dada ganz doll lieb!«
   »Daddy hat Gracie noch viel, viel mehr lieb.« Ein satter Schmatzeraustausch folgte. »So, jetzt zeig ich dir und Mummy eure Kabine, okay?«
   »’kay!«
   »Patsy?« Immerhin bemerkte Amy noch, dass sie komplett überflüssig in der Gegend herumstand. »Magst du dir das Schiff ansehen, bis deine Kabine fertig ist?«
   »Ja, klar.« Was blieb ihr anderes übrig? Sie streichelte Gracie über die Wange. »Wir sehen uns später, Cupcake.«
   »Sehn uns päter! Tüss, Tante Pattie.«
   Sie zwang sich zu einem Lächeln und winkte. Über Mitchs Schulter hinweg schickte ihr Gracie reihenweise Luftküsschen. Er hielt Amy im Arm, sie schob den Kinderwagen. Selbst beim Anblick ihrer Rücken ahnte Patsy, mit welch strahlenden Mienen sie um die Ecke bogen.
   Niedergeschlagen schlenderte sie über das Deck. Sie befand sich auf dem neuesten und modernsten Kreuzfahrtschiff der Welt, einem der größten Giganten der Passagierschifffahrt. Doch die Begeisterung, die sie noch vorhin bei der Ankunft im Terminal empfunden hatte, musste unbemerkt ins Hafenbecken geplumpst sein. In ihr herrschte die gleiche Leere, die sie stets deprimierte, wenn sie nach einem langen Arbeitstag in der Luft in die Flughafenhalle trat. Auf jeden Ankömmling warteten Angehörige oder wenigstens ein Chauffeur mit einem Namensschild in Händen. Für Patsy gab es entweder den Crewbus zu einem sterilen Airporthotel, oder sie fuhr in ihre Wohnung in North Las Vegas. Dort stopfte sie ihre Klamotten in die Waschmaschine und räumte ihre Pumps in den Schuhschrank. Manchmal rüschte sie sich auf, um sich ins Nachtleben zu stürzen. Doch Designerfummel und eine heiße Partynacht samt Nachspiel ersetzten keinen liebevollen Partner, der länger als bis zum nächsten Frühstück blieb.

Der Anblick vereinsamter Sonnenliegen spiegelte ihre Gemütslage so deutlich wider, dass sie den Bereich glatt mit Patsys Feelings betiteln könnte. Sehnsüchtig darauf wartend, von jemandem gebraucht zu werden. Noch war das Schiff nicht für die Neuankömmlinge freigegeben. Wer seit Hamburg an Bord war und nach der Transatlantiküberfahrt mit in die Karibik reiste, nutzte den Stopp, um New York zu entdecken. Auf einem höher gelegenen Deck angelangt genügte ein Blick über die Reling, um von der beeindruckenden Skyline Manhattans geradezu erschlagen zu werden. Gestern wäre Patsy irre gern zwischen 5th Avenue und Broadway herumgeflitzt. Heute trottete sie desinteressiert weiter.
   Hochflorige Teppiche mit gigantischen Seesternen in allen erdenklichen Farben verschluckten ihre Schritte, als sie aus der Mittagshitze in den unterkühlten Innenbereich trat. Fröstelnd rieb sie sich über die nackten Arme.
   Ein Schiff ohne Passagiere stellte einen merkwürdigen Mikrokosmos dar. Obwohl rund zweitausend Menschen ihrer Arbeit nachgingen, wirkte alles trist und verlassen. Patsy kannte jedes große Casino ihrer Heimatstadt, dennoch war sie noch nie das einzig menschliche Wesen zwischen Einarmigen Banditen und Roulettetischen gewesen. Wo nach dem Auslaufen aus dem Hafen Jetons in Minutenschnelle den Besitzer wechselten, war ein Pokertisch derzeit nur ein Stück Holz mit einer Filzdecke. Staub wischende Verkäuferinnen grüßten, sobald sie sie vor den zur Hälfte herabgelassenen Rollgittern am Eingang ihrer Shops bemerkten. Alle paar Minuten fragte ein dienstbarer Geist, ob sie nach ihrer Kabine suchte oder Hilfe benötigte. Ihr konnte niemand helfen. Sie war das menschliche Pendant zu diesem Schiff: Imposant anzusehen, hübsch bemalt und mit allen technischen Raffinessen ausgestattet – aber stumm darauf wartend, dass jemand an Bord kam, der sie zum Leben erweckte. Am besten jemand, der nicht nach zwei Wochen wieder abreiste, sondern ein Kapitän, der dauerhaft mit ihr gemeinsam in die Zukunft schipperte. Andererseits blieben selbst Kapitäne nicht bis in alle Ewigkeit auf ein und demselben Spaßdampfer. Sie mochten der Flotte treu sein und tauschten dennoch regelmäßig ihre weiße Lady gegen eine andere, meistens jüngere, ein.
   Im Treppenhaus begegnete Patsy einem der zahlreichen Werbeaufsteller von Miguel Fuérte. Ihr Schwager als lebensgroße Pappfigur. Halleluja, das Ding sollte sich Gracie ins Kinderzimmer stellen! Nee, besser nicht. Wer dem Magier im Halbdunkel der Disney-Princess-Steckdosenlampe begegnete, machte vorläufig kein Auge mehr zu. Arrogante Miene, die schwarzen Haare straff nach hinten gebunden und die Wangenknochen derart scharf konturiert, dass sie die olivgetönte Haut darüber aufzuschlitzen drohten. Das Hemd fast bis zum Bund der Lederhose geöffnet. Freie Sicht auf den oberen Teil des ansehnlichen Sixpacks. Die Hände in die schmalen Hüften gestemmt, den stummen Befehl »Komm her, Baby! Ich will es. Jetzt. Sofort!« auf den sinnlichen Lippen. Auf sämtlichen Plakaten umgab ihn das Charisma des heißblütigen Latin Lovers. Dagegen veranstaltete die lebendige Version des Pappkameraden wahrscheinlich gerade eine lautstarke Minikissenschlacht mit Gracie und hoffte, dass das über alles geliebte Töchterchen schnellstens ins Erschöpfungskoma fiel, damit er mit Amy … Scheiße, das heißeste Gerät auf diesem verdammten Pott war ausgerechnet Patsys Schwager! Unterdessen lehnte sie an einer Wand aus Mahagonifurnier statt im Arm eines schnuckeligen Kerls mit Ambitionen zum potenziellen Diamantringkäufer. Sie verpasste sich einen mentalen Tritt in den Hintern. Höchste Zeit, diesem Spaßdampfer eine ordentliche Portion Spaß abzugewinnen!

3. Kapitel

Was die Kabine anging, hatte sich Mitch nicht lumpen lassen. Kein Vergleich zu der grandiosen Suite, die Patsy mit Amy auf der Illusion bewohnt hatte, nachdem der Honeymoon zum Schwesternurlaub mutiert war, doch für ein schwimmendes Hotelzimmer durchaus megaklasse. Das Doppelbett vor den raumhohen Scheiben stellte eine geniale Spielwiese dar. Vorausgesetzt, man verfügte über einen Spielgefährten. Nun gut. Unter viertausend Passagieren, etwa die Hälfte davon männlich, sollte sich ein Co-Pilot für die eine oder andere Testfahrt finden lassen.
   Der Balkon bot eine fantastische Aussicht auf aktuell sehr viel Wasser. Also höchstens als Frischluftspender und natürliche Kabinenbeleuchtung geeignet, doch zum eigenbrötlerischen Versauern hätte sie daheimbleiben können. Sie dachte überhaupt nicht daran, allein im stillen Kämmerlein oder auf dem dazugehörigen Freisitz abzuhängen.
   Das Sofa wäre perfekt, um mit Pizza und einer Flasche Shiraz vor dem Flachbildfernseher herumzulümmeln, vorausgesetzt, es lag nicht zu viel Krempel drauf. Welche Frau kam mit einem zweitürigen Kleiderschrank aus? Wie bitte? Der war für das Gepäck von zwei Passagieren gedacht? Wie sollte das denn funktionieren? Dann lieber solo durchs Leben als ohne Klamotten auf Kreuzfahrt.
   Sie ging ins Bad, das glücklicherweise über Lampen verfügte, die den Teint nicht drastisch altern ließen. Ein dreifaches Halleluja an die Elektroabteilung von Mermaid Cruises!
   Die gedeckten Töne der Kabineneinrichtung waren wohl dem gehobenen Durchschnittsalter der Gäste geschuldet, Patsy hätte den Innenarchitekten von etwas mehr Farbe überzeugt. Egal, sie plante nicht, ihre Zehen öfter als nötig im kakaobraunen Teppichstrand einzugraben.
   Seit dem Passieren der Freiheitsstatue tobte das wahre Leben zwischen Pooldeck und Karaoke-Lounge, also schüttelte sie ihre Frisur in Form, schnappte sich ihre Clutch und öffnete die Tür. Ein Mädchen stand im Gang, den Blick auf einen E-Book-Reader gerichtet. Dunkelblonde Haare, denen ein peppiger Schnitt fehlte, hingen wie Vorhänge zu beiden Seiten ihres Gesichts hinab. Die benachbarte Kabinentür fiel zu, dann schlurfte die Leseratte neben einem hochgewachsenen Mann in Richtung Aufzüge. Patsy folgte ihnen und erfreute sich am Anblick ansehnlich breiter Schultern in einem Sakko, dessen Farbe sie an den Winterhimmel in den Rocky Mountains erinnerte. Belustigt beobachtete sie, wie er den Teenager am Ellenbogen um die Ecke bugsierte.
   »Könntest du dich wenigstens beim Essen vorübergehend von dem Ding trennen?«
   »Nein.«
   »Vielleicht möchte ich mich zur Abwechslung mit dir unterhalten, statt immer nur auf deinen Scheitel zu gucken.«
   »Nimm dir was zu lesen mit, wenn du Unterhaltung willst. Oder lies die Speisekarte.«
   Da lebte aber jemand seine Pubertät in vollen Zügen aus! Hinter den Rücken der beiden zog Patsy eine Grimasse. Hoffentlich wuchs Grace nicht zu solch einer Zicke heran!
   Leise Musik aus versteckten Lautsprechern mischte sich mit dem melodischen Ping, als sich eine Fahrstuhltür öffnete. Der Mann berührte den Sensor der Sechs und sah fragend zu Patsy herüber. Sie nickte. Leseratte lehnte an der Wand, vollauf in das Geschreibsel auf dem Display vertieft. Jeans, Chucks und ein hellgraues Shirt mit New York-Print. Patsy schätzte sie auf dreizehn oder vierzehn. Keine lackierten Fingernägel, kein glitzernder Modeschmuck und am Handgelenk nur eine einfache Armbanduhr. Kein Smartphone, das ihre Hosentasche ausbeulte. Aus welchem Provinznest war das Mauerblümchen denn aufs Schiff gehüpft?
   Dagegen hielt die Vorderseite des offenen Jacketts, was der Rücken zuvor versprochen hatte. Unter dem schwarzen T-Shirt ließen sich sportlich gestählte Muskeln erahnen, eine sommerliche Stoffhose umhüllte lange, schlanke Beine. Ein dezenter Gürtel betonte schmale Hüften. Weiter oben begutachteten stahlblaue Augen ausgiebig Patsys Dekolleté.
   »Suchen Sie etwas Bestimmtes oder wollen Sie sich nur umschauen?«, fragte sie spitz. Nichts gegen heiße Blicke von rattenscharfen Typen, doch wenn schon mittelalter Nachwuchs danebenstand …
   »Warum legen Sie alles offen aus, wenn man nicht hingucken soll?«, konterte er, ohne die Miene zu verziehen.
   Blödmann! Na, was konnte man von einem Kerl erwarten, der lesende Trantüten produzierte. E-Book-Wurm hatte echt die A…-Karte gezogen und nicht viel von Daddys Genen abbekommen. Dumm gelaufen, sonst wäre ’ne heiße Schnitte aus ihr geworden. Außerdem kannte Dad einen wesentlich besseren Friseur. Aus der Stirn nach hinten gekämmt, reichten ihm die dunkelblonden Strähnen bis knapp über die Ohrmuschel. Im Nacken endeten die dichten Wellen oberhalb des Hemdkragens. Seinem Gesicht könnte ein Lächeln nicht schaden. Von der ernsten Miene abgesehen, nahm er einen Spitzenplatz im Männerranking ein. Eine gerade Nase, ein markantes Kinn und ein Mund, der Mama Trantüte bestimmt manchen Höhenflug bescherte. Seine gebräunte Haut verriet, dass er viel Zeit im Freien verbrachte, während Trantütes Milchteint eher auf zahllose Stunden in der Büchergrotte schließen ließ.
   »Mein Ausschnitt ist ja wohl meine Sache«, maulte Patsy. Sollte er doch das Holz vor der Hütte seiner Frau begaffen. Treulose Kerle konnte sie so was von gar nicht ab!
   »Und es ist meine Sache, wo ich meine Blicke parke, wenn mir alles entgegenspringt«, gab er mit einem amüsierten Unterton zurück. Er ließ ihr den Vortritt, als die Aufzugtüren zur Seite glitten. »Sie sind da.«
   »Oh, vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Das hätte ich ohne Ihren Hinweis bestimmt nicht bemerkt!« Hoch erhobenen Hauptes stöckelte sie aus dem Lift.
   »Kommst du, Jazmine?«, hörte sie ihn hinter sich sagen.
   »Jazzy, Dad. Ich heiße Jazzy.«
   Bravo, Stielaugendaddy wusste nicht einmal den Namen seiner hausgemachten Trantüte. Kein Wunder! Die Göre war dermaßen unscheinbar, die konnte man nur vergessen.
   Die beiden überholten. Belustigt verfolgte Patsy, wie er seine Hand auf Leserattes Schulter legte und sie durch die Menge navigierte. Schnell ging das seltsame Pärchen im Gedränge unter. Lange Schlangen vor den Hauptrestaurants sorgten für einen Geräuschpegel wie auf einem Jahrmarkt. Wo Patsy vorbeirauschte, drehten sich die Köpfe der Männer nach ihr um. Meist stand eine pikiert guckende Frau daneben. Allerdings mangelte es nicht an einsam herumschlendernden Herren. Ein Zwinkern hier, ein anerkennendes Nicken dort …
   Zufrieden mit dem ersten Eindruck das Testosteron gesteuerten Angebots an Bord schwenkte sie zum Culinaria und spazierte an der Reihe der Wartenden vorbei. Sekunden später öffnete ihr der magische Satz »Mein Name ist Patsy, ich sitze am Tisch von Miguel Fuérte« nonstop die Pforten zum Delikatessentempel.
   Obwohl in dem weitläufigen Restaurant über fünfhundert Gäste Platz fanden, vermittelte es den Eindruck eines klassisch amerikanischen Klubs der Fünfzigerjahre. Schwarzer Lack, glänzende Hölzer und klare Linien dominierten. Mit riesigen Tabletts beladene Kellner eilten über die großzügige Tanzfläche in der Mitte, dennoch sorgte eine Combo mit argentinischen Tangos für Atmosphäre. Patsy folgte der Hostess zu einem Tisch in einer Ecke abseits des Trubels, wo Amy und Grace sie bereits erwarteten.
   »Tante Pattie!« Grace reckte ihr aus ihrem Hochstuhl die Ärmchen entgegen. »Lekka Padetti essen!«
   »O ja, das sehe ich.«
   Gracie hatte mehr Tomatensoße im Gesicht als auf dem Teller. Eifrig half sie mit den Händen nach, ein widerspenstiges Hackbällchen dauerhaft im Mund unterzubringen. »Das Küsschen verschieben wir, Cupcake. Du färbst sonst ab wie mein Lippenstift.«
   »Padetti mit Pudeln.«
   »Ja, Schatz, du isst Spaghetti. Komm, noch einen Löffel.«
   »Mit Pudel!«
   »Mit Pudel?« Patsy grinste und beugte sich zu Amy hinunter. »Ich dachte, das Chinarestaurant läge im Heck.«
   »Mit Ku-gel«, betonte Amy und häufte neue Nudelstückchen samt Soße und halbiertem Bällchen zusammen. »Unser Herzchen hatte solchen Hunger, da sind wir ein bisschen früher losgegangen.«
   »Kein Problem. Lass mal sehen, was der Küchenchef außer gelockten Schoßhündchen zu bieten hat. Die Dauerwelle kratzt immer im Hals. Aua!« Sie rieb sich das Schienbein. »Man tritt nicht nach seiner kleinen Schwester!«
   »Hättest ja früher auf die Welt kommen können, dann dürfte ich nach meiner großen Schwester treten.«
   »Tante Pattie auch Pudeln!«
   »Nein, Sweetheart, heute nicht. Ich hätte eher Appetit auf was mit Flossen.«
   »Mit Fossen!«
   »Mitch sagt, für das Lachstatar auf Rösti würde er den Koch am liebsten adoptieren.«
   »Dann höre ich ausnahmsweise auf ihn. Wenn’s nicht schmeckt, haue ich ihm meine Louboutins um die Ohren.«
   »Schon wieder?«
   Im Hintergrund wartete die Kellnerin diskret ab, bis das Gelächter verstummt war, ehe sie die Bestellung aufnahm.

»Du kannst ihm ausrichten, dass sein Gesicht Glück hat. Das Lachstatar war himmlisch.« Patsy stieß einen genüsslichen Seufzer aus. »Übrigens könnte das Himbeerparfait mein Grundnahrungsmittel für die nächsten Wochen werden.«
   Amy zog feuchte Waschlappen hervor und sorgte dafür, dass Gracie nicht länger wie das Opfer einer Messerattacke aussah.
   »Warum konnte ich nichts von deinen Vielfraßgenen abbekommen?«, grummelte sie. »Es ist nicht fair, dass du kein Gramm zunimmst, obwohl du ganze Süßwarenlager vernichtest, während bei mir allein vom Anblick der Speisekarte der Hosenbund kneift.«
   »Nimm’s gelassen, Sis. Du hast den sexy Magier und ich trotz Schokoeiscontainern Größe Zero.« Es sollte ein Scherz sein, doch die leise Wehmut in ihrer Stimme klang durch. Schnell wandte sie sich Grace zu, die hingebungsvoll den zum Espresso servierten Keks mit Moma teilte. »Bist du startklar, Cupcake? Wir gehen auf Mädelstour und machen alle Jungs an Bord verrückt.«
   »Bums farüt machen?«
   »Jau, Cupcake, Bums …« Sie gab ihr einen Nasenstüber. »Damit wartest du besser noch dreizehn oder vierzehn Jahre, sonst wird dein Daddy zum Tier.«
   »Das wird er auch in dreißig oder vierzig Jahren noch. Wir können nur hoffen, dass er vor Neuseeland herumschippert, sobald der erste Verehrer vor der Tür steht.«
   »Daddy zersägt ihn, bevor er ihn mit einem Simsalabim und Abrakadabra zum Heiligen Merlin befördert. Dann geht’s dir wie mir und du bekommst nie einen Typen ab. Egal. Jetzt gehen wir spielen, okay?«
   »’kay!«
   Sie hob Grace in den Buggy, während Amy ihre Sachen zusammenräumte und jedes einzelne Teil im entsprechenden Fach der Babytasche verstaute. »Ist es wirklich in Ordnung, dass ich euch allein lasse?« Zuletzt schob sie den Stuhl zurück an den Tisch, den Patsy mitten im Raum hatte stehen lassen.
   »Natürlich ist es das. Du guckst dir seine Show an, und wir machen das Schiff unsicher. Null problemo.«
   »Mummy Dada Schoh.«
   »Eben, Mummy lässt sich von Daddy verzaubern, und wir gehen auf den Spielplatz. So lange alle futtern, haben wir den bestimmt für uns allein.«
   »Ich kann den Babysitterservice nutzen, wenn du …«
   »Hör auf, Sis. Mach lieber hin, sonst hat unser Magier Feierabend, bevor du im Theater bist.«
   »Schön wär’s, aber das dauert noch eine Weile. Okay, lasst uns gehen.«

*

Nach einem ebenso kurzen wie heftigen Regenguss am Nachmittag zeigte sich das Ende des ersten Seetages von seiner schönsten Seite. Der Fahrtwind verwandelte Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit in angenehme Temperaturen, die allmählich untergehende Sonne malte pastellfarbene Kunstwerke an den Horizont. Goldene und roséfarbene Wolken vor dem kraftvollen Blau des Himmels erinnerten Don an die barocken Deckenfresken in den Kirchen von Rom und Florenz. Fast wartete er auf das Erscheinen pausbäckiger Engel, die mit glänzenden Trompeten Il Silenzio anstimmten. Er hatte sein Jackett auf einer Sonnenliege abgelegt und lehnte oberhalb des Pooldecks an der Reling. Jazmine hockte auf dem Rand der Liege, wie immer in ein Buch vertieft. Allmählich hasste er den Kindle, der sie wie ein siamesischer Zwilling begleitete. Das Entertainmentprogramm an Bord stellte manchen Vergnügungspark in den Schatten, und andere Teenager hätten für eine Reise wie diese sogar freiwillig ihr Smartphone aus der Hand gelegt. Inzwischen wäre er froh, wenn sie das nagelneue iPhone einschalten würde, um wenigstens per WhatsApp ein Gespräch mit ihm zu führen.
   Die extra gebuchte WLAN-Flat schlummerte vor sich hin, weil Jazzy weder mit Freundinnen chattete noch per Facebook mit der Welt kommunizierte. Sie knipste keine Fotos und ließ sich nicht zur Teilnahme am Jugendprogramm überreden. Stattdessen folgte sie ihm auf Schritt und Tritt. Dabei klebte sie an ihrem Elektrobuch, als hinge ihr nächster Atemzug davon ab. Dass sie ihn mit Argusaugen überwachte, konnte sie trotz des permanent zum Bildschirm gesenkten Kopf nicht verbergen.
   Rund um Aquapark und Poolbar war Ruhe eingekehrt. Vereinzelt schlenderten Pärchen vorüber, ein paar Unentwegte nutzten aus, dass sie die Whirlpools für sich hatten.
   Ein munteres Krähen lenkte Dons Aufmerksamkeit auf die bunten Spielfiguren am Fuß der Treppe. Ein kleines Mädchen rollte eine rote Kugel, die ihr bis zum Bauch reichte, vor sich her. Ein Stückchen entfernt hockte … Sieh an! Wenn das nicht die blonde Granate war, die zwar ihr Schaufenster fachgerecht dekorierte, gleichzeitig aber explodierte, weil man die Auslage betrachtete. Sie fing die Kugel auf und quietschte vor Begeisterung mit dem Zwerg um die Wette. Man gab sich einen Kuss, dessen Schmatzen er bis hier oben zu hören glaubte, dann flitzte die Kleine zurück zum Plastikclown. Blondie zog eine Show ab wie Dirk Nowitzki vor dem entscheidenden Rebound, stöckelte samt Ball im Zickzack um sämtliche Spielgeräte und rollte Zwergie die Kugel schließlich zielgenau vor die Füße. Don nickte anerkennend. High Heels und ein kurzer Fummel, der Oberschenkel und Hintern umspannte, stellten als Sportbekleidung sicherlich eine Herausforderung dar. Die Blondie allerdings mit Bravour meisterte! Der Po war mindestens so viele Blicke wert wie das Dekolleté und diese Beine … Blieb zu hoffen, dass sie nicht nach oben sah und ihn entdeckte, sonst kassierte er die nächste Abreibung.
   Sie als Mutter zu sehen, überraschte ihn. Nicht, weil er während der gemeinsamen Fahrt im Lift keinen Ehering an ihrem Finger gesehen hatte. Wer war heute noch verheiratet? An seiner Hand funkelte längst kein Gold mehr, trotzdem saß Jazmine hinter ihm.
   Blondie war allein aus der Kabine gekommen. War Daddy mit dem Zwerg unterwegs gewesen, weil Mum Zeit vor dem Spiegel brauchte? Oder gab es keinen Daddy, sondern sie hatte die Kleine vorübergehend im Kiddieklub geparkt? Das könnte er mal im Auge behalten. Er hatte schließlich sonst nicht allzu viel zu tun.
   Der nächste Treffer führte Kind und Kugel in Mummys ausgebreitete Arme. Der saftige Schmatz gehörte anscheinend zu den Spielregeln. Was für ein Anblick, wenn sich die rabenschwarzen Rattenschwänze mit ihrem Weizenfeld mischten. Sah nach einem Tango Extreme aus, den Blondie da getanzt hatte. Jedenfalls entstammte die Kleine eindeutig lateinamerikanischen Wurzeln und zeigte absolut keine Ähnlichkeit mit ihrer Mum. Don warf einen Blick zurück. Die gleiche Haarfarbe, mehr hatte er Jazzys Optik nicht mit auf den Weg geben können. Dafür trug sie leider sein Wesen in sich, sonst würde sie in der Teeniedisco abrocken, statt den Abend mit Harry Potter zu verbringen.
   Auf dem Spielplatz ersetzte eine High Five den Schlusspfiff. Zwergie drehte eine Ehrenrunde und verabschiedete sich mit tollpatschigen Streicheleinheiten von Clown, Flipper und Brotbob, dann hob Blondie sie hoch – Kompliment, wie sie das mit dem Outfit hinbekam! – und setzte sie in den Hello-Kitty-Buggy. Sie sagte dem Zwerg etwas ins Ohr, was kindlich unbeschwertes Kichern auslöste. Ein liebevoller Nasenstüber folgte. Ein letzter Slalom um Rutsche und Planschpool, damit verschwanden die beiden aus seinem Blickfeld.
   Enttäuscht widmete sich Don wieder dem Sonnenuntergang, doch der feurige Showdown am Horizont hatte keine Chance mehr gegen die Bilder in seinem Kopf. Seine Kabinennachbarin mochte eine Zicke sein, wie sie allerdings mit ihrem Schätzchen umging, deutete auf eine überaus liebenswerte Seite hin. Außerdem hatte sie eindeutige Attribute vorzuweisen, die ihn über das Prädikat Zicke hinwegsehen lassen könnten. Ihre Beine und das, was sich unter dem korallfarbenen Stückchen Stoff abgezeichnet hatte … Sie irrte, wenn sie glaubte, er hätte nur die süßen Früchte im Wasserfallausschnitt ihres Kleids gesehen. Ihm schwebte ihr mädchenhaftes Gesicht mit unvergesslich eindrucksvollen blauen Augen vor. Dazu dieser niedliche Schmollmund und die Stupsnase … War Jazmine eigentlich schon alt genug, um für die Dauer eines Tango Extreme Babysitter zu spielen?
   »Kannst du das Teil bitte mal weglegen?«
   Widerwillig sah Jazzy auf. »Warum?«
   »Damit wir uns Gedanken über den weiteren Verlauf des Abends machen können.« Geduld, Don, Geduld, mahnte er sich. Man kittete keine Scherben innerhalb von drei Tagen, die seit vier Jahren wie ein zusammengefegter Müllhaufen vor sich hinstaubten. »Worauf hast du Lust?«
   »Aufs Lesen.«
   »Dann mach es dir auf dem Balkon gemütlich.«
   »Kommst du mit?«
   »Nein. Guck mich nicht an, als wolltest du mich fressen. Ich mache keine Kreuzfahrt, um mich abends mit einem Buch in der Kabine zu verschanzen. Das kann ich zu Hause. Hey …« Er tätschelte ihren Arm. »Lass uns gemeinsam etwas unternehmen. Dazu hatten wir lange genug keine Gelegenheit.«
   »Kann ich nichts für, dass wir keine Gelegenheit«, sie betonte das Wort, als wäre es eine ansteckende Krankheit, »hatten.«
   »Ich weiß, Liebes. Deshalb würde ich diesen Zustand gern ändern, aber dazu müsstest du mir eine Chance geben. So lange du dich hinter dem Ding«, er deutete auf den Kindle, »versteckst, bin ich machtlos.«
   Sie drückte den Reader mit beiden Händen gegen ihre Brust und schaute ihn von unten herauf vorwurfsvoll an. Er seufzte leise. Warum war sie nicht mehr so alt wie Blondies Zwerg? Ein bunter Ball, ein Lutscher und fröhliches Gehopse auf Daddys Schultern, schon herrschte Friede-Freude-Eierkuchen im Schnullerparadies. Er seufzte erneut und sah auf den inzwischen fast schwarz schimmernden Ozean. Es war nicht Jazmines Schuld, dass er ihre heile Kleinmädchenwelt in Schutt und Asche gewalzt hatte. Wer mit Erfolg und dem Druck, der daraus entstand, nicht umgehen konnte, sollte sich einen Allerweltsjob suchen oder auf eine einsame Insel auswandern, bevor er andere mit ins Verderben riss.
   Er betrachtete seine gepflegten Hände, deren größte Herausforderung in der Umstellung vom klobigen C64-Keyboard auf eine moderne Laptoptastatur bestanden hatte. Früher betete man, dass das kostbare Manuskript auf dem Postweg nicht verloren ging. Heute bestätigte der Agent in Sekundenschnelle den Erhalt einer gemailten Datei. Statt dicker Wälzer nahm man einen Lesecomputer mit auf Reisen.
   Er wandte sich zu Jazmine um, die in Harry Potters Welt zurückgekehrt war. Verdammt noch mal, ja, sie lebten von Büchern. Von den Büchern, die er schrieb. Doch musste er sich deshalb von Büchern die kostbare Zeit mit seiner Tochter ruinieren lassen, nachdem er dank seines Erfolgs schon sein Familienglück vor die Wand gefahren hatte?
   »Komm, Jazzy. Wir suchen diesen Pott von vorn bis hinten und von oben bis unten ab, bis wir etwas finden, was uns beiden Spaß macht. Was hältst du davon?«
   Ihre enthusiastische Antwort bestand aus einem gelangweilten Schulterzucken samt tief hängender Mundwinkel. Immerhin klappte sie die Schutzhülle zu, auf der ein grimmig guckendes Wesen davor warnte, ihren Kindle anzufassen. Mürrisch trottete sie mit ihm zu den Aufzügen.

»Da?« Skeptisch scannte sie die weitläufige Lounge, die sich reger Beliebtheit erfreute.
   »Klar, warum nicht?« Eine Hand in ihrem Kreuz schob er sie vorwärts. »Hier findet gleich ein Quiz statt. Da räumen wir ab, wir wissen alles!« Ungeachtet ihres Zögerns peilte er einen freien Tisch an. Die Beine ausgestreckt, sah er sich um. Stylische Sessel und halbmondförmige Sofas in sonnigem Orange gruppierten sich um ovale Tischchen. Glänzende Hölzer bildeten einen eleganten Kontrast zum tiefseeblauen Teppichboden. Ein Gewirr aus Scheinwerfern und farbigen Röhren unter der Decke erinnerte ihn an Nächte in vermeintlich angesagten Klubs, verwaiste Instrumente auf der kleinen Bühne deuteten darauf hin, dass später heiße Beats auf dem Programm standen. Jazzy hockte sich auf die Kante eines Sessels. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen suchte sie krampfhaft nach einem Argument, ihn zur Rückkehr aufs Pooldeck zu überreden. Mit Daumen und Zeigefinger ihre Unterlippe knetend verfolgte sie, wie die Kellner im Laufschritt Cocktails, Bier und Wein servierten. Hinter einem überbreiten Tresen jonglierten die Barkeeper mit Shakern und Flaschen, pausenlos klackerten Eiswürfel in bereitstehende Gläser. Aus den Lautsprechern dudelten Sommerhits, die im allgemeinen Stimmengewirr gnadenlos untergingen.
   Don wandte sich der Tanzfläche zu, auf der ein Animateur mit unverkennbar skandinavischen Genen versuchte, die Anzeige auf seinem Laptop auf die Monitore hinter ihm zu übertragen. Seine mit üppigen Kurven und temperamentvoll schwingenden Hüften gesegnete Assistentin legte Blöcke und Stifte aus.
   Ein Kellner trat an den Tisch und stellte eine Schale mit Knabberzeug ab. »Hi, willkommen in der Black Magic-Lounge. Was darf ich Ihnen zu trinken bringen?«
   »Nichts.«
   »Jazmine!« Don schickte eine visuelle Ohrfeige nach links, gefolgt von einem entschuldigenden Lächeln nach rechts. »Wir nehmen zwei Pepsis, bitte.« Er reichte dem Mann die Codekarte.
   »Zwei Pepsis. Kommen sofort.« Der Kellner eilte davon.
   »Musste das sein?«, fauchte Don verhalten.
   Jazzy zuckte mit der Schulter. »Ich wollte nicht her.«
   »Aber ich, also wirst du dich benehmen! Die Leute machen ihren Job und haben es nicht nötig, von dir angeblafft zu werden.«
   »Wir hätten ja in die Kabine gehen können.«
   »Du kannst jederzeit in die Kabine gehen, wenn dir das lieber ist.«
   Anstelle einer Antwort wandte sie ihm den Rücken zu. Na bravo, so stellte man sich seinen Urlaub vor! Er griff in die Schale und warf eine Handvoll Salzbrezeln ein. Wehmütig verfolgte er das Geschehen an den Nachbartischen. Schmusende Pärchen, lauthals lachende Twens, distinguierte Senioren. Eine Clique Bier trinkender Cowboys, die jede Unterdreißigjährige taxierten, als wären sie auf einem texanischen Viehmarkt. Alle schienen sich köstlich zu amüsieren, während ihm die gute Laune wie einem Leprakranken weiträumig aus dem Weg ging.
   Der Kellner brachte die Getränke. Dankbar nahm Don die Cola entgegen und fuhr mit dem Rand des Glases an seiner Lippe entlang, ohne einen Schluck zu trinken. Verdammt, warum konnte er nicht einer von denen sein, die sorglos genießen durften, durch die karibische Nacht zu schaukeln?
   Immerhin hielt Jazmine inzwischen einen Bleistift in der Hand und kritzelte Tower Bridge, London und Eiffelturm, Paris auf ihren Zettel. Sie gab sich keine Mühe zu verbergen, dass sie es nicht freiwillig tat. Er ignorierte ihre abweisende Haltung. Zumindest gewährte ihm die Gameshow eine halbe Stunde lang die Illusion eines vergnüglichen Abends mit seiner Tochter.
   »Okay, Leute, bisher war es einfach. Sind die Gehirnzellen warmgelaufen? Oder müsst ihr mit einer Margarita dafür sorgen, dass es keinen Kurzschluss im Denkapparat gibt? Winkt das Erste-Hilfe-Team in den Hawaiihemden heran, wenn Ihr Eiswürfel mit Geschmack braucht. Hier kommt das nächste Wahrzeichen.« Der Animateur versprühte Stimmung wie ein Jahrmarktschreier am vierten Juli. »Wo steht dieser merkwürdige Berg?«
   Auf den Monitoren erschien das Bild eines steil aufragenden, glockenförmigen Felsmassivs.
   »Zuckerhut, Rio.« Noch während Don es aussprach, schrieb Jazmine bereits. Das nächste Bild folgte.
   »Chicago, die Maiskolbenhäuser.«
   Sie schüttelte den Kopf. »Nee, die stehen in Miami.«
   »Irrtum, die stehen direkt am Ufer des Chicago Rivers.«
   »Sie stehen in Miami am Hafen«, beharrte sie und schrieb Maiskolbenhäuser, Miami auf. Ehe sie ihre Diskussion fortsetzen konnten, klickte der Animateur zum nächsten Foto. Dann würden sie das eben am Ende des Spiels korrigieren.
   Das Burh Al Arab in Dubai kannte sie, für den Petersdom in Rom brauchte sie seine Hilfe. Er lehnte sich entspannt zurück, als ein Foto der Harbor Bridge aufleuchtete. Kinderkram!
   Bis er sah, wie sie Melbourne in die entsprechende Zeile schrieb. Er schoss vor. »Falscher Film, Kleines! Die steht in Sydney. Bin ich schon drüber gelaufen.«
   »Psst«, zischte sie anstelle einer Antwort. Irritiert verfolgte er, wie sie die letzten beiden Lösungen korrekt aufschrieb, aufsprang und den Zettel im Eilschritt in die Sammelbox warf, ehe er sie davon abhalten konnte. Zurück am Tisch widmete sie ihre gesamte Aufmerksamkeit ihrer Cola.
   »Wie kommst du auf Melbourne? Das war eindeutig die Harbor Bridge in Sydney.«
   Sie zuckte mit einer Schulter und spielte mit dem Strohhalm.
   »Außerdem stehen die Maiskolbenhäuser immer noch in Chicago.«
   »Na und? Dann hab’ ich mich eben vertan.«
   »Ich habe dir die richtigen Lösungen gesagt. Warum hast du was Falsches aufgeschrieben?«
   »Damit wir nicht gewinnen.«
   »Damit wir … Wie bitte?« Er musste sich verhört haben. »Sag das noch mal.«
   »Ich wollte nicht, dass wir gewinnen.«
   Positiv betrachtet litt er zumindest nicht an einem Hörsturz. In seinem Team gab es einfach nur einen bockigen Teenager, der keine Handyhüllen oder Frisbeescheiben mit dem Logo der Reederei brauchte. Die brauchte niemand! Dennoch war es lustig, am Ende eines Quiz etwas zu gewinnen. Vielleicht hätte sich der Zwerg aus der Nachbarkabine über ein faltbares Frisbee gefreut.
   »Trommelwirbel, Leute!« Der überdrehte Animateur lenkte Dons Gedanken zurück in die Lounge. »Wir haben drei Sieger. Da kommt auch schon unsere liebe Alexa mit den Gewinnen. Die erste Flasche Prosecco bekommt das Team …«
   Don ließ den Kopf hängen. Mit zusammengekniffenen Augen konzentrierte er sich auf seine Atemzüge und unterdrückte das Verlangen, ein geräuschvolles Stöhnen in die Menge zu pusten. Hitze durchfuhr ihn, presste ihm den Schweiß aus jeder Pore. Was um ihn herum geschah, rückte in weite Ferne. Die Worte des Animateurs, die Jauchzer der Gewinner und die einsetzende Musik nahm er nur noch am Rande wahr. Obwohl ihn mit Sicherheit niemand beachtete, fühlte er sich wie von zahllosen Augen angestarrt und jeder vermeintliche Gaffer achtete peinlich genau darauf, die unsichtbare Bannmeile nicht zu durchbrechen.
   Es dauerte eine geraume Weile, bis sich sein Puls normalisierte und Luft in seine Lungen gelangte, ohne dass er dem Sauerstoff mit stummen Kommandos den Weg ans Ziel wies. Betreten legte er eine Hand auf Jazmines Schulter. Sie sah nicht auf, sondern war längst wieder in ihren Kindle vertieft.

4. Kapitel

Don musste sich das Lachen verkneifen, als ihm auffiel, welch absurder Beschäftigung er derzeit nachging. Er hockte auf einem unbequemen Plastiksitz auf einem schmalen Balken und ruderte wie ein Bekloppter auf der Stelle, obwohl sich vor seinen Augen der Ozean ausdehnte. Sein Shirt triefte vor Nässe, doch das Salzwasser im Baumwollstoff entstammte lediglich dem Schweiß, der ihm aus allen Poren rann. Statt Meeresrauschen und Möwengeschrei röhrte Tina Turner in seinen Ohren und während jenseits der Panoramascheiben schwüle Hitze waberte, pustete ihm die Klimaanlage kühle Luft in den Nacken. Zwei optimistische Runden auf dem Joggingparcours hatten ihn schnell davon überzeugt, dass er die Sterilität des Fitnessstudios der extremen Luftfeuchtigkeit im Freien vorzog.
   Seit geraumer Zeit beobachtete er ein Containerschiff. Stück für Stück holte die Magic auf, bis beide Schiffe auf gleicher Höhe lagen. Dann verlor der Frachter das Rennen. In der Ferne entdeckte Don einen Tanker. Gebannt verfolgt er, wie sich das Spiel wiederholte. Gegen den Ozeanliner kamen die schwer beladenen Handelsschiffe nicht an.
   Trotz der relativ frühen Stunde tummelten sich überraschend viele Frühaufsteher auf den Laufbändern und Ergometern. Don blendete alles um sich herum aus. Beim stupiden Vor und Zurück auf der Rudermaschine konnte er seinen Gedanken freien Lauf lassen. Er hatte nicht erwartet, dass die Reise ein Zuckerschlecken würde. Vier Jahre, in denen ihn mehr von Jazzy trennte als hundert Meilen zwischen Long Beach und San Diego, blieben nicht einfach am Ufer zurück, sobald ein Leichtmatrose die Taue kappte.
   Er verdrängte die Erinnerung an die schreckliche Zeit, als Megan jeglichen Kontakt mit Jazzy unterbunden hatte. Seither wusste er jede Stunde zu schätzen, die sie miteinander verbringen durften. Erst in den vergangenen zwölf Monaten war hier und da ein gemeinsames Wochenende hinzugekommen. Zwei Tage Zelten im Joshua Tree Nationalpark. Reiten auf einer Ranch in den Tehachapi Mountains. Der vergebliche Versuch, ihr in Disneyland ein Stückchen unbeschwerte Kindheit zurückzugeben.
   So sehr er den Kerl hasste, dessen Namen Megan neuerdings trug, verdankte er ihm immerhin zwei Wochen Urlaub mit Jazzy. Lief alles nach Plan, könnte ein ganzer Sommer daraus werden. Ausnahmsweise deckten sich Megans Bedingungen mit seinen eigenen Vorsätzen. Einigkeit mit der Ex. Halleluja, darauf musste er einen Schluck trinken!
   Er stoppte und wischte sich mit dem Handtuch den Schweiß vom Gesicht, bevor er nach seiner Wasserflasche griff. Der Tanker war mittlerweile zu einem winzigen Punkt in der Ferne geworden. An seiner Stelle kamen neue Frachter in Sicht. Zur Abwechslung fuhren zwei Containerschiffe in Richtung Norden. Der Vordere sah aus wie einer dieser Megaliner, die Autos aus Fernost in die USA brachten. Der Andere war kleiner, möglicherweise ein Bananendampfer auf dem Weg nach … Don vergaß seine Überlegungen, als ihm jemand ins Kreuz fiel und ihn um Haaresbreite vom Rudergerät stieß.
   »Jazzy!« Er zog sich die Ohrstöpsel heraus. »Was ist passiert?«
   Sie plumpste neben ihm auf die Knie und schlang ihre Arme um seinen Hals. »Du warst nicht da!«, stieß sie zwischen atemlosen Schluchzern hervor. Sie zitterte und bebte und ihre Tränen mischten sich mit dem Schweiß auf seiner Haut. »Ich bin … aufgewacht und … und du warst nicht da.«
   »Jazzy. Jazzy, beruhige dich.« Er wollte sie ein Stück von sich schieben, um sie auf lebensbedrohliche Verletzungen abzusuchen, doch sie gab ihm keine Chance. Hilflos hielt er sie fest und streichelte über ihren Hinterkopf. »Ich bin hier. Es ist alles gut, ich bin hier.«
   »Du … Du warst nicht da.«
   »Ich hab’ dir doch einen Zettel auf den Nachttisch gelegt, dass ich beim Sport bin.«
   »Du warst nicht da. Ich bin aufgewacht und …«
   »Schscht, Kleines, es ist alles gut. Ganz ruhig, es ist alles in Ordnung, ich bin hier.«
   Allmählich ging ihr Schluchzen in Schniefen über. Sie nahm ihm das Handtuch weg und wischte sich die Tränen ab. Anschließend benutzte sie es als Taschentuch. Er stand auf und zog sie mit sich auf die Füße. Die neugierigen Blicke der übrigen Sportler ignorierend, strich er ihr tränennasse Haarsträhnen aus dem verquollenen Gesicht. Dabei fiel ihm auf, wie zerzaust sie aussah. Als wäre sie direkt aus dem Bett vor seine Füße gekullert. Kunterbunt durcheinander purzelnde Yorkshire Terrier auf Shirt und Hose bestätigten, dass sie im Pyjama durch das Schiff gelaufen war. Weiße Punkte zierten ihre dunkelblauen Slipper.
   »Okay, Schatz, wir besorgen dir erst einmal etwas zum Überziehen. Komm.«
   Die Arme um seine Taille geklammert, klebte sie an seiner Seite, als würde er sich in Luft auflösen, sobald er den nächsten Atemzug tat. Ein Crewmitglied flitzte herbei.
   »Sir? Kann ich Ihnen helfen?«
   »Wenn sie vielleicht einen Bademantel hätten? Meine Tochter hat offensichtlich vergessen, dass wir nicht zu Hause sind.«
   »Selbstverständlich. Einen Moment, bitte.«
   »Ich … Ich hab’ nur … Du warst nicht da und …«
   »Das macht nichts, Liebes. Du ziehst das hier über«, er nickte dem Trainer dankend zu, als der ihm einen Frotteemantel reichte, half Jazz hinein und knotete den Gürtel zu. Anschließend zog er das Vorderteil möglichst weit zusammen. »So, Schaden behoben. Jetzt siehst du aus wie eine der schicken Ladys aus dem Spa. Fehlt nur noch die Gurkenmaske im Gesicht.« Es hätte ihn verblüfft, wenn sie auf seinen Scherz eingegangen wäre. »Ich springe eben unter die Dusche, danach frühstücken wir in aller Ruhe, einverstanden? Wir lassen uns vom Zimmerservice nach Strich und Faden verwöhnen. Geh schon mal zurück und such dir auf der Karte aus, was du haben möchtest, ich bin …«
   »Nein!« Hektisch schüttelte sie den Kopf. »Ich warte hier.«
   »Jazzy, ich will nur duschen.«
   »Ich warte.«
   Also parkte er sie auf einem Hocker an der Rezeption und bestellte ihr einen Orangensaft. Er spürte ihre Blicke in seinem Rücken, bis die Tür zur Umkleide hinter ihm zuschlug.

*

Seetage wie diese waren dafür geschaffen, dem süßen Nichtstun zu frönen, während die Magic Kurs auf St. Thomas nahm. Schneeweiße Schönwetterwölkchen segelten über den azurblauen Himmel und schufen eine perfekte Postkartenidylle am Horizont. Die Sonne strahlte mit aller Kraft, die ihr zur Verfügung stand, kaum ein Lüftchen regte sich. Selbst den Wellen war es offenbar zu anstrengend, sich in der Hitze aufzutürmen. Wo der Bug normalerweise fotogene Gischt in die Höhe spritzen ließ, breiteten sich lediglich keilförmige Linien auf dem Wasser aus, die aussahen, als wäre eine Entenfamilie vorneweg gepaddelt. Sonnenliegen waren Mangelware, und im Pool gab es nur noch Stehplätze.
   »Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, weil sich mein armer Mann seit Stunden durch seine Proben quält, während ich faulenze und die Kellner an der Arbeit halte?« Amy nahm einen Schluck Eistee aus dem frisch angelieferten Glas und gab einen überaus zufriedenen Laut von sich.
   Patsy schüttelte den Kopf. »Du siehst das falsch, Sis. Wir müssen hier in brütender Hitze einen Sonnenbrand riskieren. Unterdessen darf er im klimatisierten Theater mit halb nackten Mädels Salsa tanzen.« Ein Schwimmflügel flog ihr an den Kopf.
   »Er tanzt streng dienstlich mit den halb nackten Mädels«, stellte Amy klar. Sie zog das leichte Tuch über Gracies Beinchen zurecht, kaum dass die Sonne um die Ecke des schattenspendenden Deckaufbaus über ihnen blinzelte.
   »Und wenn sie lästig werden, schnippt er sie ins Nirwana, ich weiß.« Patsy schob ihre Sonnenbrille in die Haare und sah sich um. »Hätte nichts dagegen, wenn bei mir mal einer lästig würde. Kann es sein, dass nur verpennte Schnarchnasen an Bord sind?«
   »Musstest du gestern Abend etwa allein in der Lounge sitzen und dem Rollatorgeschwader beim Häkeln zuschauen?«
   »Hallo? Wie alt bin ich?«
   »Sag ich nicht, sonst wirfst du mir was Härteres als einen Schwimmflügel an den Kopf. Nein, nicht das Sonnenspray! Ich warne dich! Das tut weh und gibt blaue Flecken!«
   »Nächstes Mal bist du fällig! Du … Hey, wo kommt ihr denn her?« Patsy legte das Wurfgeschoss in die Tasche zurück und strahlte die zwei Männer an, die neben ihrer Liege stoppten.
   »Gleich findet der erste Bohnensackweitwurfwettkampf statt. An jedem Seetag gibt’s ein Match, bis am Ende der Reise das beste Team den Sieg einstreicht. Wir brauchen noch Verstärkung. Lil ist schon oben.«
   »Hmm …« Es juckte ihr in den Fingern. Kyle war Ende Zwanzig, mit braunen Wuschellocken und der knackigen Figur eines Rennradfahrers. Ein Typ, mit dem sie nicht nur Bohnensackweitwurf spielen wollte. Keine Ahnung, warum er mit einem Langweiler wie Leo abhing. Zu schwabbelig, dazu mit einer Matte auf dem Kopf, die nach einem Friseurbesuch lechzte. Außerdem ein Computernerd. Sollte sich Lil mit ihm vergnügen.
   »Geh ruhig.« Amy nickte ihr zu.
   Patsy zögerte. »Du wolltest dir nachher Miguels Close-up-Show ansehen.«
   »Kann ich ein anderes Mal auch noch. Geh schon.«
   Kyle schenkte Patsy sein strahlendes Sonnyboygrinsen. Neben ihr schubste Gracie im Schlaf Moma von der Liege. Automatisch beugte sich Patsy hinunter, hob die Puppe auf und legte sie in Gracies Armbeuge zurück. Sie schüttelte den Kopf. »Heute nicht, Jungs. Sorry, aber … Es ist einfach zu heiß, um sich zu bewegen.«
   »Schade. Na ja, falls du es dir anders überlegst, weißt du, wo du uns findest.« Damit gingen Kyle und Leo davon. Sie sah ihnen nach. Kyles Knackarsch in roten Surfershorts war ein echter Hingucker. Ob das Prachtexemplar in Natura hielt, was die Verpackung versprach?
   »Na, geh schon. Du willst doch mitspielen.« Amys Hand auf ihrer Schulter lenkte sie von seiner Rückenansicht ab.
   »Nein, will ich nicht. Ihr habt so wenig Zeit füreinander. Du siehst dir die Show an, und ich passe auf unser Mäuschen auf. Den Süßen kann ich nach dem Karaoke immer noch vernaschen.«
   »Du wirst mir unheimlich, Sis! Seit wann ziehst du Windelnwechseln einem knackigen Kerl vor?«
   Die Frage stellte sich Patsy ebenfalls, doch das ging Amy nichts an.

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