Für Alexandra Summers bricht eine Welt zusammen, als sie innerhalb eines Tages ihren Job verliert und ihren Verlobten mit ihrer besten Freundin im Bett erwischt. Hals über Kopf verlässt sie San Francisco und strandet in einer Blockhütte in dem beschaulichen Bergstädtchen Lake Anna. Ehe sie sich versieht, wird aus der Flucht eine Chance, ihrem Leben einen neuen Sinn zu geben. Wäre da nicht ihr starrsinniger Nachbar Josh Bennett. Jedes Mal, wenn sie und der mürrische Tierarzt aufeinandertreffen, fliegen die Fetzen. Warum nur fühlt sie sich trotzdem so zu ihm hingezogen? Wird sie am Ende nicht nur sich, sondern auch die große Liebe finden?

Alle Titel der Reihe!

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ISBN: 978-9963-52-232-3

Seiten: 285

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Joanne St. Lucas

Joanne St. Lucas
Joanne St. Lucas ist das Pseudonym, unter dem Jane Luc ihre romantischen Romane veröffentlicht. Es gibt nicht viele Garantien im Leben ... aber bei Joanne ist zumindest ein Happy End garantiert. Immer.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

»Summers! Alexandra Summers!«
   Die barsche Stimme kratzte an Alex’ Nerven wie ein rostiger Nagel.
   »Summers! Aufstehen!«
   Mit geschlossenen Augen hob sie die Hand vorsichtig an die Schläfe. Sie hatte Kopfschmerzen. Unerträgliche Kopfschmerzen. Unter ihrem Körper, der sich anfühlte, als wäre ein Truck darübergerollt, spürte sie eine harte Pritsche. Wo war sie? Was war passiert?
   Noch bevor sie ihre Situation analysieren oder wenigstens die Augen öffnen konnte, griffen grobe Hände nach ihr und zogen sie auf die Beine. Der Nagel in ihrem Kopf kratzte unbeirrt weiter und ihr wurde übel. Durch die halb geöffneten Lider erhaschte sie einen Blick auf die große, grobknochige Frau, die sie unsanft hochgezogen hatte. Sie trug eine Uniform. Uniform?
   Erschrocken riss Alex die Augen auf, was eine neue Welle der Übelkeit über ihr zusammenschlagen ließ.
   Gitter? Betonboden? Metallpritsche? Noch bevor die Erkenntnis durch den dichten Nebel in ihr Gehirn drang, zerrte die uniformierte Frau sie aus der Zelle. Oh, verdammt. Alex stöhnte auf. Was war nur passiert? Sie war in einer Zelle aufgewacht, konnte sich aber nicht daran erinnern, wie sie dort gelandet war.
   Alex musste ihre gesamte Energie darauf verwenden, einen Fuß vor den anderen zu setzen und sich nicht zu übergeben. Langsam schwankte sie hinter dem Officer her. Schwarze Flecken schwammen vor ihren Augen. Die Hand der Frau, die ihren Arm wie eine eiserne Schraubzwinge umklammert hielt, war unerbittlich. Fast war Alex froh darüber. Wenn die Polizistin sie nicht festhalten würde, würde sie wahrscheinlich auf dem schmutzigen Beton landen.
   Sie wurde aus dem Zellentrakt in einen lauten hellen Raum geführt. Es roch hier weniger nach ungewaschenen Körpern und Schweiß, eher nach abgestandenem Kaffee und scharfen Putzmitteln. Eine Polizeiwache.
   Da stand er. Robert McKellen, ihr Verlobter. Seinen großen, schlanken Körper lässig an den Tresen gelehnt, flirtete er mit einer jungen Polizistin, die errötend die Lider niederschlug und ihn unter getuschten Wimpern hervor anhimmelte.
   Einen Augenblick blieb Alex stehen und verfolgte die Szene, bis die Beamtin sie vorwärts zog, immer weiter auf ihn zu. Sie konnte sich noch immer nicht daran erinnern, was eigentlich passiert war. Wie sie hier gelandet war. Sie wusste instinktiv nur eines, sie wollte nicht zu Robert. Lieber schmorte sie weiter in der Zelle. Sie verstand sich selbst nicht mehr.
   Die uniformierte Frau ließ ihren Arm erst los, als sie am Tresen stand und sich daran festklammern konnte. Sie schob ihr ein Formular über das zerkratzte, fleckige Holz, das Alex nur verschwommen wahrnahm. Ihr wurde ein Kugelschreiber in die Hand gedrückt und ihr Zeigefinger an die Stelle gelegt, an der sie offensichtlich ihren Namen schreiben sollte.
   »Hier unterschreiben«, teilte die barsche Stimme der Uniformierten mit. »Dann können Sie gehen.«
   »Aber was …«, krächzte Alex.
   Die Frau wies nur noch einmal nachdrücklich auf das Formular und wandte sich ihrem Papierkram zu.
   Verwirrt blickte sie auf das Blatt und setzte mit zittriger Hand ihre Unterschrift an die Stelle, die mit einem Kreuz gekennzeichnet war. Aus den Augenwinkeln nahm sie eine Bewegung wahr. Eine große, gepflegte Hand mit einem silbernen Siegelring am kleinen Finger schob ihr einen Styroporbecher neben das Formular. Kaffee. Dankbar, dass Robert ihr ein so elementares Lebensmittel gebracht hatte, nahm sie einen tiefen Schluck.
   Fast hätte sie den Inhalt auf den Tresen gespuckt. Nur mit äußerster Mühe gelang es ihr, den Milchkaffee hinunterzuschlucken. Sie hasste Milchkaffee. Sie hasste ihn vor allem deshalb, weil sie Milch hasste. Was Robert eigentlich wissen sollte. Wahrscheinlich war er beim Bestellen des Kaffees mit seinen Gedanken wieder einmal woanders gewesen.
   Langsam hob sie den Blick und sah in die graublauen Augen ihres Verlobten, die unter für einen Mann fast unnatürlich schön geschwungenen Brauen lagen. Er blickte sie mit einer Mischung aus Sorge und Verärgerung an. Plötzlich begann ihr Gehirn, wieder zu arbeiten. Bruchstücke des vergangenen Tages tauchten auf, versuchten, sich zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen.
   Robert ließ ihr keine Zeit, alles zu rekonstruieren. »Verdammt, Alexandra«, fuhr er sie leise an. »Was hast du dir nur gedacht? Wir haben dich die ganze Nacht gesucht.«
   »Wir?« Sie wollte die Antwort auf ihre Frage nicht hören, das wurde ihr plötzlich bewusst.
   »Ja, verdammt«, fluchte er noch einmal. »Mandy und ich haben die halbe Stadt auf den Kopf gestellt. Bis mir die Polizei mitteilte, man habe dich zum Ausnüchtern in eine Zelle gesteckt und ich könne dich abholen, wenn ich die Geldbuße wegen Trunkenheit zahle.«
   »Mandy?«, krächzte sie, immer noch nicht fähig, ihre Gedanken zu ordnen. Vielleicht wollte sie auch einfach nicht. Blockierte den Gedankenfluss. Dass sie sich betrunken hatte, schien zu stimmen. Zumindest erklärte das ihren hämmernden Kopf, die Übelkeit, die in ihrem Magen schwappte, und den pelzigen Geschmack in ihrem Mund, den der Milchkaffee noch verstärkte.
   »Hör mal, Darling. Fang jetzt nicht an, mir Vorwürfe zu machen. Du weißt, dass ich heute mit der Hockeymannschaft fliege. Ich bin eigentlich schon viel zu spät dran, weil ich noch hier vorbeikommen musste. Nimm dir ein Taxi, fahr nach Hause und melde dich für heute krank.« Er musterte sie mit einem tadelnden Blick. »So kannst du nicht zur Arbeit gehen.«
   Alex runzelte die Stirn. In ihrem Kopf schrillte eine Alarmglocke. Irgendetwas stimmte nicht mit ihrem Job, aber sie kam nicht darauf, was es war.
   Robert faselte ununterbrochen weiter. »Wir reden, wenn ich zurück bin.«
   »Wenn du zurück bist? Aber du …«
   »In zehn Tagen. Solange die Serie der Auswärtsspiele dauert, bin ich bei der Mannschaft.« Seufzend verdrehte er die Augen. »Das weißt du doch ganz genau.«
   »Ja, klar. Sicher.« Alex rieb sich die pochenden Schläfen, als könnte sie so den Schleier vor ihrem Gesicht wegwischen. Plötzlich war alles wieder da. Mit erschreckender Klarheit wurde ihr bewusst, warum sie vorhin am liebsten in die Zelle zurückgekehrt wäre, anstatt sich in Roberts Arme zu werfen. Sie sah ihren Verlobten wieder vor sich, nackt, auf dem Rücken. In ihrem gemeinsamen Bett. Und auf ihm, ekstatisch wippend, ihre beste Freundin Mandy. O Gott. »Robert, du kannst jetzt nicht gehen. Du und Mandy, ihr …«
   »Das war nicht so, wie du denkst. Ich muss jetzt wirklich los, sonst verpasse ich meinen Flug«, schnitt er ihr das Wort ab. Gönnerhaft tätschelte er ihre Wange und wandte sich zur Tür.
   »Es war nicht so, wie ich denke?«, sprach sie mit seinem Rücken. Sie spürte, wie ihre Gesichtsfarbe langsam von Weiß zu Rot wechselte. »Du kannst nicht einfach gehen. Du hast mich betrogen!« Vor Empörung kletterte ihre Stimme um eine Oktave nach oben. Die junge Polizistin mit den dick getuschten Wimpern warf ihnen einen neugierigen Blick zu.
   Robert drehte sich wieder um, packte ihren Oberarm mit einem schmerzhaften Griff und zog sie so weit zu sich heran, dass sich ihre Nasen fast berührten. Alex roch seine Zahnpasta und sein Aftershave. Seine Augenbrauen zogen sich zornig zusammen.
   »Hör mir gut zu, Alexandra«, zischte er. »Wage es ja nicht, hier eine Szene heraufzubeschwören. Es war schlimm genug, dich in aller Öffentlichkeit zu betrinken und in einer Ausnüchterungszelle zu landen. Was für ein gefundenes Fressen für die Boulevardpresse.« Sein Gesicht kam einen weiteren bedrohlichen Zentimeter näher. »Du bist diejenige, die sich unmöglich benommen hat. Wenn du dich nicht schleunigst wieder in den Griff bekommst, sage ich die Hochzeit ab. Hast du das verstanden?« Er ließ sie abrupt los und ging. »Ich ruf dich an, wenn ich im Hotel bin. Versprochen«, rief er ihr über die Schulter zu.
   Das war nicht so, wie sie dachte. Sprachlos starrte Alex ihm hinterher. Sie klammerte sich immer noch an den Tresen. Durch die zufallende Tür sah sie, wie Robert die Hand hob, ein Taxi herbeiwinkte, einstieg und verschwand.
   Das war nicht so, wie sie dachte. Was, zum Teufel, war es denn dann gewesen?
   Sie stand da wie versteinert und blickte auf die Tür, durch die Robert gerade verschwunden war. Etwas raschelte hinter ihr. Erst nach einer Weile drehte sie sich um. Jemand hatte einen Plastiksack mit ihren Sachen auf den Tresen gestellt. Sie nahm die Tüte und verließ die Wache ohne ein weiteres Wort. Den Milchkaffee ließ sie stehen.
   Draußen traf sie die kühle, feuchte Morgenluft, die vom Pazifik herüberwehte wie eine Faust. Vorsichtig sog sie den Atem ein und stellte fest, dass die frische Luft ihr guttat. Sie ließ sich auf die Treppe vor der Wache sinken und atmete noch ein paar Mal tief durch, bevor sie die Sachen durchsah, die in der Plastiktüte lagen. Ihre Geldbörse samt Kreditkarten war noch da. Ihre silberne Kette und ihre Armbanduhr befanden sich ebenfalls in dem Beutel. Und ihr Verlobungsring.
   Sie führte die Bestandsaufnahme an ihrem Körper fort. Ihre Gucci-Pumps waren zerkratzt, ihre Strumpfhose zerrissen und ihr Kostüm würde sie auch entsorgen müssen. Es war nicht nur zerknittert, sondern ihr Rock wies am Saum auch noch einen Riss auf und es roch wie ein Penneroutfit. Es war nicht mehr zu retten. Ihre Augen fühlten sich verquollen an, aber ihr Blick klärte sich zunehmend. Dafür hing ihr Haar, das sich zum größten Teil aus dem strengen Knoten gelöst hatte, wild um ihren Kopf. Sie zog die letzten Haarnadeln hinaus und ließ sie in die Plastiktüte fallen.
   »Ma’am. Sie dürfen hier nicht sitzen bleiben«, forderte sie die Stimme eines freundlichen, aber bestimmten Officers auf. »Gehen Sie bitte weiter.«
   Alex zog sich am Geländer hoch und überquerte mit unsicheren Schritten die Straße, den Blick fest auf den Starbucks-Laden gerichtet, den es immer in unmittelbarer Nähe einer Polizeidienststelle zu geben schien. Vermutlich, weil Cops die besten Kunden waren. Sie bestellte einen starken schwarzen Kaffee – ohne auch nur einen Tropfen Milch – und blieb mit dem Becher vor einem Zeitungskiosk stehen, um den ersten Schluck des Lebenselixiers zu trinken, nach dem sie süchtig war.
   Die Schlagzeile der San Francisco Times ließ sie erstarren.
   Fabrikationshalle abgebrannt!
   Millionenschaden weitet sich zu Versicherungsskandal aus.
   Verdammt. Jetzt fiel ihr alles wieder ein. Es hatte bereits am vergangenen Morgen begonnen. Sie hatte den Fernseher eingeschaltet und das brennende Fabrikgebäude auf dem Hafengelände gesehen.
   Ohne nachzudenken, hielt Alex ein Taxi an und ließ sich zum Hafen fahren. Als sie vor den schwarzen verkohlten Resten der Halle stand und die feuchte, nach Rauch und Ruß stinkende Luft einatmete, wäre sie fast in Tränen ausgebrochen.
   Langsam ließ sie sich auf die Bordsteinkante sinken. Auf ihre Kleidung musste sie keine Rücksicht mehr nehmen. Sie starrte zu der Ruine hinüber, aus der hin und wieder kleine, völlig harmlos wirkende, Rauchwölkchen aufstiegen. Starrte die verkohlten Reste der Mauern an, als ob die Steine ihr sagen könnten, was sie nun tun sollte.

Kapitel 1
Am Tag zuvor

Alexandras Wecker klingelte, wie jeden Morgen, um halb sechs. Ihre Hand schnellte, ebenfalls wie jeden Tag, bereits nach dem zweiten Klingeln zielsicher auf den Nachttisch und schaltete ihn aus. Sie hatte schon immer zu den Menschen gehört, die aufstanden, sobald der Wecker klingelte. Sie sah keinen Sinn darin, liegen zu bleiben und mit dem neuen Tag zu hadern. Schließlich musste man aus dem Bett, ob man nun wollte oder nicht. Also konnte man es auch gleich hinter sich bringen. Seit sie vor zwei Wochen mit ihrem Verlobten zusammengezogen war, hatte sich ihr Weckerausschalt-Instinkt sogar noch verbessert. Robert lag leise atmend neben ihr und stand in der Regel frühestens zwei Stunden nach ihr auf. Sein Tagesablauf war völlig anders aufgebaut als ihrer, und so wollte sie ihn morgens nicht wecken, wenn sie sich aus dem Bett stahl.
   Ohne das Licht einzuschalten, tappte sie ins Bad, duschte und zog das schwarze Nadelstreifenkostüm mit der weißen Bluse an. Sie suchte immer am Abend die Kleidung für den nächsten Tag heraus. So konnte sie sichergehen, dass am Morgen alles bereitlag und sie nicht versehentlich Kleidungsstücke anzog, die nicht zueinanderpassten.
   Sie ging in die Küche, nahm einen Kaffeebecher aus dem Schrank und goss sich eine Tasse des rabenschwarzen starken Gebräus ein, das sie ebenfalls am Vorabend vorbereitet hatte und das dank des Timers der Kaffeemaschine genau in der richtigen Minute fertig wurde. Während sie ihren Kaffee trank, schaltete sie den Fernseher ein und brachte sich mit den Frühnachrichten auf den neuesten Stand. Sie musste morgens immer wissen, was in der Welt los war. Wenn sie ihr Büro betrat, musste sie auf alles vorbereitet sein. Der Boss stellte gern Fragen oder wollte eine Meinung hören. Seit gestern war nicht viel passiert. Kein Krieg war ausgebrochen, die Börsennachrichten waren okay und der Wetterbericht machte Hoffnung auf ein paar Sommertage mehr, obwohl es bereits Ende September war. Die einzige interessante Nachricht handelte von einer abgebrannten Fabrikhalle am Hafen. Es wurden Bilder von einem lichterloh brennenden Gebäude eingeblendet und der Kampf der Feuerwehr gegen das Flammenmeer in dramatischen Worten geschildert. Soweit der Reporter das zum jetzigen Zeitpunkt sagen konnte, waren in dem Gebäude keine Menschen zu Schaden gekommen.
   Wenigstens das. Der Gedanke, von einem Feuer umschlossen zu werden, gefangen zu sein, ließ sie schaudern.
   Sie schaltete den Fernseher aus, steckte ihr Haar zu einem festen Knoten auf, schlüpfte in ihre Gucci-Pumps, griff nach ihrer Aktentasche und zog – pünktlich um halb sieben – die Tür hinter sich ins Schloss.
   Mit ihrem Mini würde sie genau so lange brauchen, dass sie inklusive Einparken in der Tiefgarage und der Aufzugfahrt in den dreizehnten Stock, um Punkt sieben Uhr mit einer weiteren Tasse Kaffee hinter ihrem Schreibtisch in der Anwaltskanzlei Silverman & Partner sitzen würde. Wenn sie Partner werden wollte – und das wollte Alex mehr als alles andere – war es unabdingbar, sich um diese Uhrzeit hier einzufinden und sofort mit der Arbeit zu beginnen.
   Alex war die aussichtsreichste Kandidatin auf den Posten eines Partners, der demnächst vergeben werden sollte. Sie hatte ihr großes Ziel so gut wie erreicht. Das war selbst ihr, die die Welt eher aus pessimistischen Augen betrachtete, klar. Sie würde ernannt werden und all die Mühe und harte Arbeit, die sie in den vergangenen Jahren in die Kanzlei investiert hatte, hätten sich gelohnt. Silverman & Partner war eine Kanzlei, die sich auf Wirtschaftsrecht, Vertragsabschlüsse und Versicherungsverhandlungen für große Firmen spezialisiert hatte und in dieser Hinsicht die exklusivste Adresse in San Francisco war. Wirtschaftsrecht war während ihres Studiums nicht ihr Traum gewesen. Damals wollte sie noch Anwältin werden, die sich mit den kleinen und großen Problemen der Menschen auseinandersetzte. Sie wollte die Menschen vertreten, denen Unrecht getan worden war, wollte für Gerechtigkeit sorgen. Robert hatte ihr gezeigt, wie viel besser Wirtschaftsrecht zu ihr passte. Sie hatte diesen Weg eingeschlagen und ihr Bestes gegeben. Bald würde sie dafür belohnt werden.
   Sie summte leise vor sich hin und fuhr mit dem Fahrstuhl in den dreizehnten Stock des Gebäudes. Über den stillen, mit dicken Teppichen ausgelegten Gang, lief sie in ihr Büro.
   Alex öffnete die Tür und blieb erstaunt stehen. Mr. Silverman saß hinter ihrem Schreibtisch. Sein zerfurchtes Gesicht war zu einer besorgten Maske verzogen und zeigte deutliche Spuren einer schlaflosen Nacht. Alex’ Blick glitt in die kleine Sitzecke, in der sie normalerweise ihre Klienten in einer gemütlichen Atmosphäre empfing. Dort saßen drei der Seniorpartner. Ihre Körperhaltung war steif, ihre Gesichter ernst und abweisend. Sie schluckte. Auch wenn sie nicht wusste, was los war, so musste doch irgendetwas Schlimmes passiert sein. Und es musste mit ihr zu tun haben. Sonst wäre nicht die Chefetage in ihrem Büro versammelt. Langsam schluckte sie den Kloß in ihrem Hals hinunter, zwang sich zu einem freundlichen Lächeln und begrüßte die Männer.
   Wie ein Schulkind, das zum Direktor zitiert wurde, stand sie vor ihrem Schreibtisch. Silverman lehnte sich in ihrem Sessel zurück, ohne sie aus den Augen zu lassen.
   »Sie haben die Verhandlungen für Davenport Industries geführt, Miss Summers«, stellte er mit leiser, aber scharfer Stimme fest.
   »Ja, Sir«, begann sie. »Das heißt, eigentlich nein, Sir.« Alex fuhr sich über die Stirn. »Ihr Neffe führte die Verhandlungen. Ich habe ihn dabei lediglich unterstützt.«
   »Mein Neffe?«, fragte der alte Mann und legte nachdenklich die gefalteten Hände unter sein Kinn. Er ließ sie noch immer nicht aus den Augen.
   »Ja, Sir.« Silvermans Neffe, Lucas Silverman, war das, was man gemeinhin als Versager auf der ganzen Linie bezeichnete. Keiner wusste, wie er es überhaupt geschafft hatte, einen Studienabschluss zu erreichen, geschweige denn, in die Anwaltskammer von Kalifornien aufgenommen zu werden. Er war faul und dumm, dafür aber umso großspuriger. Wenn man den Gerüchten Glauben schenken wollte, die in der Kanzlei kursierten, hatte Silverman ordentlich nachhelfen und an den richtigen Stellen Druck machen müssen, damit sein Neffe sein Studium überhaupt bestand und Anwalt werden konnte. Aber all das spielte keine Rolle. Er war der Neffe des Bosses. Silverman hatte keine Kinder, also würde Lucas die Kanzlei wohl irgendwann übernehmen.
   Und Alex wollte Partnerin werden. Deshalb hatte sie sich bereit erklärt, Lucas unter die Arme zu greifen und ihn einzulernen. Demzufolge erledigte sie einen Großteil seiner Arbeit zusätzlich zu ihrer eigenen und bügelte eine Reihe seiner Fehler aus. So, wie ihre Bosse sie gerade ansahen, schien sie einen seiner großen Fehler übersehen zu haben. Sie würde wohl dafür geradestehen müssen.
   »Sie sind verantwortlich für die Arbeit meines Neffen, nicht wahr, Miss Summers?«, stellte Silverman die rhetorische Frage.
   »Ja, Sir«, antwortete Alex abermals.
   »Wo befinden sich die Akten?«
   »In Lucas’ Büro.«
   »Gut, dann wollen wir sie uns einmal ansehen.« Silverman erhob sich etwas schwerfällig, und die Seniorpartner taten es ihm nach. »Nach Ihnen, Miss Summers.« Der alte Herr hielt ihr die Tür auf und folgte ihr in das Büro seines Neffen. Lucas war um diese Uhrzeit noch nicht im Haus. Er erschien in der Regel erst, wenn es die Party, die er in der Nacht zuvor besucht hatte, zuließ. Alex kannte sich in seinem Büro genauso gut aus wie in ihrem. Mit einem Handgriff zog sie den richtigen Ordner aus dem Regal und legte ihn auf den Schreibtisch. Nun beschlich sie Angst, was sie erwarten würde, wenn sie ihn öffnete. Der Kloß, den sie zuvor in ihrem Hals gespürt hatte, wuchs in ihrem Magen zu einem riesigen Klumpen an. Was konnte sie übersehen haben?
   Silverman zog den Ordner zu sich heran und öffnete ihn. Obenauf war der Vertrag abgeheftet, der eigentlich bei der Versicherung sein sollte. Der ausgehandelte Termin war längst verstrichen. Davenport Industries genoss keinen Versicherungsschutz. Das bedeutete, wenn etwas passierte, zum Beispiel eine Überschwemmung oder ein Feuer …
   Hastig zog Alex den Ordner zu sich und blätterte durch die Seiten, um die Bestätigung für das zu finden, was sie gerade begriffen hatte.
   Und da stand es. Schwarz auf weiß.
   Die Fabrikationsanlagen von Davenport Industries befanden sich im Hafen. Das brennende Gebäude, das sie vor einer Stunde in den Nachrichten gesehen hatte … Der Name der Firma war nicht genannt worden, aber die ernsten Gesichter, die sie ansahen, sagten ihr alles, was sie wissen musste. Davenport Industries war abgebrannt und die Versicherungsgesellschaft würde nicht zahlen, weil die Police nicht fristgerecht eingereicht worden war. Nun gut, das wäre eigentlich Lucas’ Aufgabe gewesen. Zu anspruchsvoll war es sicherlich nicht, seine Sekretärin zu bitten, das zu veranlassen. Aber sie war für Lucas verantwortlich und hätte es überprüfen müssen.
   Mit einem erstickten Laut ließ sie sich auf den Bürosessel fallen und blickte zu den Seniorpartnern auf, die stumm und drohend auf sie herabblickten. Warum nur hatte Lucas die Police nicht abgeschickt? Wie hatte er so etwas vergessen können? Wie, um die Frage zu beantworten, stürmte er ins Büro. Er war völlig zerzaust, seine Krawatte hing schief und sein Hemd war falsch geknöpft. Er sah aus, als käme er direkt aus einem Bett, und zwar nicht aus seinem eigenen.
   »Was ist los, Onkel Henry? Ich bin nach deinem Anruf sofort losgefahren.« Er klang mürrisch und genervt.
   »Du hast die Versicherungsverhandlungen für Davenport Industries geführt«, setzte Silverman an.
   »Ja, sicher.« Irritiert blickte Lucas seinen Onkel an. Sein Blick schweifte durch den Raum. Plötzlich schien er die sonderbare Stimmung zu erkennen, begriff, dass etwas passiert sein musste.
   »Das Fabrikationsgebäude brennt«, führte Silverman weiter aus.
   »Und?« Lucas zuckte betont lässig die Schultern.
   »Und?«, fuhr der ältere Mann ihn an. »Die Versicherungspolice liegt auf deinem Schreibtisch.«
   Lucas erbleichte. Er öffnete den Mund, schloss ihn aber wieder. Sein Blick wanderte wieder durch den Raum und blieb an Alex hängen. Sie sah die Berechnung, die plötzlich in seinem Gesicht aufleuchtete. Sie hatte sie schon oft genug gesehen, um sie auf Anhieb zu erkennen. Lucas straffte die Schultern und drehte sich mit einem entschuldigenden Lächeln zu den älteren Männern um. »Meine Herren, das zu hören tut mir ehrlich leid. Ich weiß nicht, wie ein so unverzeihlicher Fehler passieren konnte. Ich hatte Miss Summers ausdrücklich darum gebeten, die Police fristgerecht abzuschicken.« Langsam drehte er sich wieder zu ihr herum. »Vielleicht können Sie uns erklären, wieso Sie das nicht getan haben. Solche Anfängerfehler sind doch sonst nicht Ihre Art, Miss.«
   Die Blicke der Männer ruhten auf ihr. Alex erstarrte. Sie presste die Lippen zusammen, um ein Zittern zu unterdrücken. Das hier lief falsch. Völlig falsch. Was sollte sie sagen? Dass der künftige Boss ein Lügner war, faul und dumm? »Mr. Silverman, bitte glauben Sie mir. Ich wusste nichts von dieser Verzögerung«, versuchte sie, sich vorsichtig zu verteidigen, ohne Lucas vor den anderen zu beleidigen.
   Silverman straffte die Schultern und sah sie mit seinem unergründlichen Blick an. »Gehen Sie in Ihr Büro und warten Sie dort, bis ich mich bei Ihnen melde.« Er drehte sich um und verließ den Raum, gefolgt von den Seniorpartnern. Sein Neffe folgte ihm ebenfalls.
   Zitternd stand Alex auf und schlich in ihr Büro, um das Urteil abzuwarten. Nun, sie würde wohl keine Partnerin in dieser Kanzlei werden. Wenn Lucas nicht doch noch sagte, was tatsächlich passiert war, hätte sie vermutlich heute Abend nicht einmal mehr einen Job. Sie konnte nur hoffen, dass er einmal das Richtige tat und sie rettete.

Die Entscheidung über ihre berufliche Karriere fiel genau zwei Stunden später. Silverman betrat, abermals begleitet von den Seniorpartnern, die sie bereits am Morgen getroffen hatte, ihr Büro. Sein Gesicht war sehr ernst. Er klärte Alex über die riesige Klage auf, die auf die Kanzlei zukam. Davenport Industries würde eine Millionensumme im zweistelligen – wenn nicht gar im dreistelligen – Bereich einfordern. Genau den Betrag, den die Versicherung zahlen müsste, wenn sie es nicht vermasselt hätte. Außerdem musste die Firma aufgrund ihres Verhaltens einen enormen Imageverlust hinnehmen. Bereits zu dieser frühen Stunde hatte sich das Desaster herumgesprochen, diverse Klienten hatten nachgefragt, ob mit ihren Verträgen alles in Ordnung sei. So sehr man die Zusammenarbeit mit ihr auch geschätzt habe, unter diesen Umständen sei es unerlässlich, sich von ihr zu trennen. Sie wurde angehalten, ihren Schreibtisch bis spätestens zwölf Uhr zu räumen, ihre Codekarte für den Eingang und ihren Parkausweis abzugeben. Da man bis zum heutigen Tag mit ihrer Arbeit sehr zufrieden gewesen sei, habe man sich entschieden, ihr eine großzügige Abfindung zukommen zu lassen.
   Alex saß starr auf ihrem Schreibtischsessel und hörte dem alten Mann zu. Sie hatte so große Hoffnungen auf eine gute Position in seiner Firma gesetzt. Jetzt warf er sie wegen der Unfähigkeit seines Neffen hinaus. Die Zeit, die sie allein in ihrem Büro verbracht hatte, hatte sie dazu genutzt, sich die Davenport-Akte noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Sie erinnerte sich genau daran, wie sie Lucas dazu angehalten hatte, die Police abzuliefern und ihm sogar anbot, sich selbst darum zu kümmern, weil sie seine Unzuverlässigkeit kannte. Er hatte sie mit einem herablassenden Lächeln gemustert. »Schätzchen, das werde ich ja wohl hinkriegen, oder?« Er hatte sie aus seinem Büro komplimentiert, weil irgendeine heiße Blondine, wahlweise Brünette oder Rothaarige anrief.
   Leider hatte es keinen Sinn, ihrem Boss die Fakten an den Kopf zu werfen. Er würde ihr kein Wort glauben und sie höchstens noch als schlechte Verliererin betrachten. Also senkte sie die Wimpern und versuchte, vor den Augen der Partner nicht in Tränen auszubrechen. Versuchte, sich nicht vor den Menschen, zu denen sie gern gehören wollte, zu demütigen. Sie hielt den Blick auf den Fußboden gerichtet und wartete, bis die Männer ihr Büro verlassen hatten.
   Alex stand schwerfällig auf und suchte sich in der Teeküche einen alten Karton, in den sie ihre Habseligkeiten packte. Sie war erstaunt, wie wenig Privates seinen Weg in ihr Büro gefunden hatte, obwohl sie doch die meiste Zeit der sieben Wochentage hier verbracht hatte. Nun, das würde sich jetzt wahrscheinlich ändern. Sie würde sieben Tage die Woche Zeit haben. Alex seufzte und packte den Briefbeschwerer ein, den letzten persönlichen Gegenstand in diesem Büro.
   Als Schritte erklangen, blickte sie auf. Lucas Silverman lehnte lässig im Türrahmen und grinste sie an.
   »Gibt es noch etwas, Lucas?«, fragte sie betont gleichmütig. Vor ihm würde sie ihre Fassade nicht verlieren, ganz gleich, wie sehr sie innerlich zitterte.
   »Alex, Schätzchen. Ich wollte mich nur vergewissern, dass Sie nichts mitnehmen, was der Kanzlei gehört. Diebstahl macht sich in der Akte einer Anwältin nicht besonders gut.«
   »War’s das?«, gab sie gedehnt zurück.
   »Nein.« Wie ein großes Raubtier kam er näher und baute sich vor ihr auf. »Damit wir uns verstehen – sollten Sie meinem Onkel gegenüber auch nur andeuten, ich hätte den Deal mit Davenport verbockt, werde ich Sie persönlich vernichten. Sie werden in dieser Stadt als Anwältin keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen. Verstanden?« Mit einem überheblichen Lächeln beugte er sich über ihren Schreibtisch – ihren ehemaligen Schreibtisch – und musterte sie von oben bis unten.
   »Ach, Lucas.« Es gelang ihr, eine nachsichtige Miene aufzusetzen, während sie ihren Karton unter den Arm klemmte und an ihm vorbeiging. An der Tür drehte sie sich um und sah ihn eindringlich an. »Lucas, Sie sind so dumm, wie Ihre Anzüge teuer sind. Jetzt, wo wir nicht mehr zusammenarbeiten, freut es mich, Ihnen das einmal sagen zu dürfen. An Ihrer Drohung kann man sehen, wie dämlich Sie sind. Sie können mich nicht vernichten. Das hat Ihr Onkel bereits getan. Oder glauben Sie tatsächlich, ich werde nach diesem Skandal noch von irgendjemandem in San Francisco eingestellt?« Sie schüttelte den Kopf. »Mein Gott, Lucas. Sie sind so blöd, dass es zum Himmel stinkt.« Mit diesen Worten drehte sie sich um und marschierte hoch erhobenen Hauptes zum Fahrstuhl. Sie würde nicht weinen.
   Sie würde nicht weinen.
   Sobald sich die Türen des Aufzugs hinter ihr schlossen, stieß sie einen zittrigen Seufzer aus und presste die Lippen aufeinander. Sie würden sie nicht einmal auf der Überwachungskamera weinen sehen.

*

Henry Silverman stand in der Kaffeeküche und blickte Alex nach, bis sie im Aufzug verschwunden war. Unbeabsichtigt war er Zeuge des Gesprächs zwischen ihr und seinem idiotischen Neffen geworden. Alex hatte keinen Fehler gemacht. Das war ihm zuvor schon klar gewesen. Alexandra Summers machte keine Fehler. Nicht umsonst hatte er sie gebeten, seinen Neffen unter ihre Fittiche zu nehmen. Aber Blut war nun mal dicker als Wasser. Daran konnte er nichts ändern. Er hatte seiner Schwester versprochen, sich um Lucas zu kümmern. Dieses Versprechen war unumstößlich.
   Alex würde ihm fehlen. Sie war eine der besten Anwältinnen, mit denen er je zu tun gehabt hatte. Ihr Fehlen würde die Kanzlei hart treffen. Vor allem musste er sich überlegen, welchem ahnungslosen Opfer er seinen Neffen jetzt aufs Auge drückte. Er ertrug ihn keine zwei Stunden am Stück.
   Henry dachte über das nach, was Alex zum Abschied zu Lucas gesagt hatte. Er besaß kein besonders ausgeprägtes Gewissen, aber die junge Frau hatte recht. Mit ihrer Entlassung beendete er ihre Karriere als Anwältin in San Francisco – eine Karriere, die unglaublich vielversprechend begonnen hatte. Jeder würde von ihrer Entlassung im Zusammenhang mit dem Davenport-Skandal erfahren. Niemand würde mehr mit ihr zusammenarbeiten wollen. Niemand. Nachdenklich strich er sich über das Kinn. Vielleicht konnte er mal mit ein paar Bekannten in anderen großen Städten telefonieren. Besonders große Hoffnungen machte er sich allerdings nicht.

*

Alex saß in der Tiefgarage in ihrem Wagen und hielt sich am Lenkrad fest. Sie wartete, bis ihre Hände aufhörten zu zittern, damit sie den Schlüssel ins Zündschloss stecken konnte. Sie startete den Motor und kehrte ihrer Kanzlei endgültig den Rücken zu. Kurz überlegte sie, ihre Freundin Mandy anzurufen, um sich mit ihr zu treffen. Vielleicht könnte sie sie trösten. Doch ihr fiel ein, dass Robert heute zu Hause war, weil er am nächsten Tag mit einem Eishockeyteam zu einer Auswärtsserie fliegen und erst in zehn Tagen zurückkehren würde. Den letzten Tag vor einem längeren Trip nahm er sich immer frei, um all seine Termine zu regeln und anschließend einen schönen Abend mit ihr zu verbringen.
   Nun, heute würde er sich um sie kümmern und ihr helfen müssen, diesen Tiefschlag zu verarbeiten. Er würde ihr Ratschläge geben, sie im Arm halten, ihr Tee kochen. All das, was ein Verlobter in so einem Fall tat.
   Aber genau das tat ihr Verlobter nicht, wie sie feststellen musste. Ihren Pappkarton in der Hand betrat sie die gemeinsame Wohnung und wäre fast über einen Stiletto-Pumps gestolpert. Zwei Meter weiter lag der zweite. Alex registrierte das leuchtend rote Leder der Schuhe. Solche mörderischen Absätze trug nur Mandy. Also war sie hier. Sie hatte ihren Besuch zwar nicht angekündigt, aber umso besser. Wenn die zwei Menschen, die ihr außer ihrem Bruder am wichtigsten waren, hier waren, würde es schnell wieder aufwärts mit ihr gehen.
   Sie verstaute den Karton im Garderobenschrank und ging ins Wohnzimmer. Dort war niemand, aber eine breite Spur aus Kleidern, Damen- und Herrenbekleidung, zog sich durch die halb geschlossene Tür bis ins Schlafzimmer. Die Geräusche waren an Eindeutigkeit nicht zu überbieten.
   Alex’ Herz krampfte sich zusammen. Sie befand sich in einem Albtraum, und es war höchste Zeit aufzuwachen. Dennoch schaffte sie es nicht, sich abzuwenden und zu gehen. Wie in Trance steuerte sie auf die Tür zu und schob sie ganz auf. Als ob sie diesen Verrat nur glauben könnte, wenn sie ihn mit eigenen Augen sah. Sie betrachtete Mandy, wie sie verzückt, mit wild hüpfenden Brüsten und einer ungebändigten roten Lockenmähne, ihren Verlobten vögelte – in dem Bett, das sie mit ihm teilte. Alex konnte es nicht glauben.
   Der Stress.
   Die Entlassung.
   Sie bildete sich Dinge ein. Davon war sie überzeugt.
   Roberts Blick traf sie. Er blinzelte kurz, riss die Augen auf und wurde blass. »Alex«, keuchte er.
   »Süßer, wenn du mich noch mal so nennst, hast du heute zum letzten Mal deinen Spaß gehabt.« Mit einem kehligen Lachen stützte Mandy ihre Hände auf seiner Brust ab und beugte sich hinunter. Sie küsste ihn.
   »Alex«, sagte Robert noch einmal. Jetzt schien auch Mandy zu verstehen, dass er nicht sie meinte. Die kreisenden Bewegungen ihres Beckens wurden langsamer, und sie folgte Roberts Blick, bis auch sie ihre Freundin sah. War das ein triumphierendes Lächeln in Mandys Augen? Aber gleich darauf verschwand der Ausdruck, und Mandy zog das Laken über sich.
   »Scheiße«, murmelte sie.
   Seit Alex die Tür geöffnet und die beiden entdeckt hatte, hatte sie sich nicht mehr gerührt. Stumm hatte sie die Szene beobachtet. Jetzt erwachte sie langsam aus ihrer Starre. Ohne ein Wort drehte sie sich um und ging. Als sie die Wohnungstür hinter sich zuzog, hörte sie Robert nach ihr rufen. Sie reagierte nicht darauf.

Alex hielt vor dem Haus ein Taxi an. Sie ließ sich in Richtung Stadt fahren und stieg an der Promenade aus. Der erste Weg führte sie in ein überfülltes Touristencafé. Hier waren viele Menschen, die zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren, um sie wahrzunehmen. Sie ließ sich an dem kleinen Bartresen auf den letzten Platz in der Ecke fallen und lehnte den Oberkörper gegen die Wand. Sie wollte einen Kaffee bestellen, doch dann entschied sie sich anders und orderte ein Glas Wein. Es war erst elf Uhr morgens. Sie hatte um diese Uhrzeit noch nie Alkohol getrunken, nicht einmal zu Studentenzeiten. Aber was soll’s, als arbeitslose Anwältin, die von ihrem Verlobten betrogen wird, war es in Ordnung, sich ein Gläschen zu genehmigen. Was war als Nächstes zu tun? Doch bevor sie sich darüber Gedanken machen konnte, würde sie diesen Schmerz, der ihre Brust zerriss, betäuben. Sie stürzte den Wein hinunter und bestellte ein zweites Glas.
   Irgendwann entschied der Kellner, dass sie genug hatte. Wie viele Gläser hatte sie schon getrunken? Sie unterschrieb mit unsicherer Schrift ihren Kreditkartenbeleg, rutschte vorsichtig vom Barhocker und taumelte aus dem Café.
   Mittlerweile war es später Nachmittag. Alex ließ sich auf eine Bank fallen und wartete auf den Sonnenuntergang über dem Pazifik. Still saß sie da und versuchte, nicht zu denken. Versuchte, den vergangenen Morgen einfach auszublenden. Nachdem die Sonne untergegangen war, hatte die Wirkung des Alkohols etwas nachgelassen, und Alex fror in der kühlen Brise, die vom Meer herüberwehte.
   Sie würde auf keinen Fall in Roberts Wohnung zurückkehren, schon gar nicht, um in ihrem Bett zu schlafen. Wenn sie doch nur ihre alte Wohnung noch hätte, aber die hatte sie vor zwei Wochen aufgegeben, um mit Robert zusammenzuziehen. Sie könnte in ein Hotel gehen, aber wahrscheinlich würde die Einsamkeit sie umbringen.
   Sie stand auf und schlenderte über die Promenade. Als sie einen kleinen Schnapsladen entdeckte, entschied sie, den schlimmsten Tag ihres Lebens lieber noch eine Weile auszublenden. Sie kaufte eine Flasche Wodka. Mit dem Wein hatte es schließlich auch gut geklappt. Sie kehrte mit der Flasche, die in einer hübschen braunen Papiertüte verpackt war, zu der Bank zurück, von der aus sie zuvor den Sonnenuntergang beobachtet hatte. Alex trank von dem Wodka, bis sich eine friedliche Dunkelheit einstellte.

*

Von der Polizeistreife, die sie auf der Bank liegend, nicht ansprechbar und mit einer halb leeren Wodkaflasche in der Hand, fand, bekam sie nichts mit. Sie wurde in den Streifenwagen geschubst und zum Ausnüchtern in eine Zelle gesperrt. Die Beamten fanden Roberts Handynummer in ihrer Geldbörse und riefen ihn an, damit der das Bußgeld zahlte und sie auf dem Revier abholte.

Kapitel 2

Auf der Bordsteinkante vor der Brandruine, die einmal Davenport Industries gewesen war, wurde sich Alex einiger der Konsequenzen bewusst, die die Geschehnisse vom Vortag nach sich ziehen würden. Sie wollte im Moment nicht darüber nachgrübeln, wie sie ihr Leben wieder unter Kontrolle bekäme. Ihr war alles recht, was sie vom Denken abhielt. Sie beobachtete die Feuerwehrleute, die vorsichtig nach Brandnestern und vermutlich auch nach der Brandursache suchten. Zwei Feuerwehrmänner standen vor dem Gebäude und unterhielten sich gestikulierend, drei weitere kletterten in den Trümmern herum. Hinter der Ecke des Gebäudes, oder was noch davon übrig war, kam ein struppiger, schmutziger Hund angetrottet. Er schlich unter dem Absperrband hindurch und kam auf ihre Straßenseite. Einen Meter neben Alex drehte er sich zu der Ruine um, ließ sich nieder und betrachtete den Ort der Verwüstung. Er stank nach Rauch und nach Hund. Sein Fell war voller Ruß, und seine Augen blickten traurig.
   Ein junger Mann löste sich aus der kleinen Menge der Schaulustigen und kraulte den Hund hinter den Ohren.
   »Na, Angelo. Blöde Sache, was? Jetzt wird dich niemand mehr durchfüttern«, flüsterte er dem Hund zu. Der blickte flehend zu ihm auf. »Ja, ich weiß«, redete der Mann weiter beruhigend auf den Hund ein. »Aber du wirst jemand anderen finden, der sich um dich kümmert.«
   Alex lief es eiskalt den Rücken hinunter. »Hat der Hund jemandem gehört, der …« Sie traute sich nicht, den Satz zu vollenden. Es hatte am vergangenen Morgen in den Nachrichten geheißen, dass niemand zu Schaden gekommen war. Ihr fehlten mittlerweile allerdings die Informationen eines ganzen Tages. Der Hund schien in Verbindung zur Davenport-Fabrikationshalle zu stehen.
   »Nicht direkt.« Der junge Mann musterte ihr derangiertes Outfit und ließ seinen Blick ungeniert über ihren Körper gleiten. »Er ist ein Streuner. Irgendwann hat ihn jemand gefüttert, nachdem er tagelang um die Firma geschlichen ist. Seitdem sind wir ihn nicht mehr losgeworden, haben ihn Angelo getauft und als unser Maskottchen betrachtet. Er hat in der Fabrikhalle geschlafen, und irgendjemand hat ihm immer den Bauch gekrault.« Der Mann richtete sich auf und trat zurück. »Aber Maskottchen hin oder her. Er hat uns kein Glück gebracht. Jetzt wird er wieder zu seinen Streunerfreunden zurückkehren müssen. Denn so wie es aussieht, haben wir erst mal keine Arbeit mehr. Wenn es stimmt, was die Zeitungen sagen, zahlt die Versicherung nicht. Also ist Davenport pleite«, ergänzte er in resigniertem Ton. Er verschwand wieder in der Menge.
   Alex schluckte. Sie war also für die Arbeitslosigkeit vieler Menschen und das Schicksal eines Hundes namens Angelo verantwortlich. Sie versuchte, die Tränen zurückzudrängen. Wahrscheinlich hatten der Alkohol und der Rauch an diesem Brandort ihre Augen überreizt. Denn so schnell war ihr sonst nicht zum Heulen zumute. Sie blickte weiter starr auf die Ruine und wartete, bis sie ihre Emotionen wieder etwas besser im Griff hatte.
   Gegen Mittag waren auch die letzten Schaulustigen verschwunden. Nur Alex und Angelo hockten noch auf der Bordsteinkante. Der Hund warf ihr ein paar – vermutlich aus seiner Sicht unauffällige – Seitenblicke zu, bevor er langsam näher rutschte. Mit seiner kühlen Schnauze stieß er gegen ihre Hand. Alex, die sich eigentlich nichts aus Tieren machte, legte ihre Finger in sein drahtiges Fell und begann, ihn hinter den Ohren zu kraulen. Das schien sie beide zu beruhigen, und Alex begriff langsam, dass sie anfangen musste, etwas zu tun. Es wurde höchste Zeit, damit zu beginnen, die Bruchstücke ihres Lebens zu retten. Robert würde zehn Tage weg sein. Bis zu seiner Rückkehr musste sie alle wichtigen Entscheidungen getroffen haben.
   Sie rief von ihrem Handy aus ein Taxi, das kurze Zeit später um die Ecke bog. Beim Öffnen der Autotür hörte sie ein Winseln hinter sich. Sie drehte sich um, und ihr Blick blieb an Angelos verzweifeltem Gesichtsausdruck hängen. Zumindest kam es ihr so vor, als ob er sie flehentlich ansah. Sie war für seine Obdachlosigkeit verantwortlich.
   Wenigstens den Hund konnte sie retten. Mit einer Handbewegung forderte sie ihn auf, ins Taxi zu springen, was ihr angesichts des stinkenden, schmutzigen Tieres einen bitterbösen Blick des Fahrers einbrachte.
   »Wenn das Vieh in den Wagen macht, übernehmen Sie die Kosten, Lady«, brummte er.
   Alex nickte. Sie würde ihm ein gutes Trinkgeld geben. Der Blick des Mannes war berechtigt. Angelo musste dringend gesäubert werden. Und sie selbst hatte ein Bad ebenso nötig. Also nannte sie dem Taxifahrer die einzige Adresse, zu der sie im Moment gehen konnte. Das Haus ihrer Mutter.

Alex schrubbte Angelo in der Dusche mit dem teuren Shampoo ihrer Mutter das Fell, zündete im Kamin ein Feuer an und platzierte den Hund auf dem Läufer davor, damit er wieder trocknete. Endlich gönnte sie sich selbst ein Bad.
   Ein paar ihrer Lebensgeister kehrten zurück, und sie taute ein Pfund Hackfleisch auf, das sie in der Kühltruhe fand. Sie selbst hatte keinerlei Hunger. Ihr genügten eine Tasse starken schwarzen Kaffees und ein Keks. Aber Angelo hatte nach den Aufregungen der letzten beiden Tage sicher einen Mordshunger. Sobald das Fleisch aufgetaut war, legte Alex es in eine Schüssel und stellte es dem Hund vor den Kamin. Er verschlang es mit wenigen Bissen, schleckte sich die Schnauze und sah sichtlich erwartungsvoll zu ihr auf.
   »Hundefutter kommt wohl ganz oben auf die Liste.« Sie strich dem Hund noch einmal über das mittlerweile glänzende Fell. Sie räumte die Schüssel weg, nahm ihren Kaffee und einen Notizblock und ließ sich neben Angelo auf den Teppich fallen. Sofort legte er seinen Kopf vertrauensselig auf ihren Oberschenkel, womit er Alex ein kleines Lächeln entlockte. »Du bist wirklich ein lieber Kerl«, sagte sie und kraulte ihn. Wenn ihre Mutter wüsste, dass vor ihrem Kamin ein Hund lag, würde sie wahrscheinlich ausflippen.
   Nach ein paar weiteren Streicheleinheiten für ihren neuen Freund widmete sie sich der Liste, die sie erstellen wollte. Sie musste einen neuen Job zu finden. Wie sie das anstellen sollte, konnte sie sich im Moment nicht vorstellen. In San Francisco würde sie wohl niemand mehr einstellen. Sie könnte Silverman fragen, ob er jemanden kannte, der sie nehmen würde. Nein. Das würde sie auf keinen Fall tun. Mit Silverman hatte sie abgeschlossen. Andererseits war sie nun an keinen Ort mehr gebunden, sie konnte überall hingehen. Sogar an die Ostküste, wie ihr Bruder. Doch diese Entscheidung hatte noch Zeit. Also schrieb sie auf die erste Zeile des Blattes nur ‚Neuer Job‘.
   Darunter schrieb sie ‚Hochzeit absagen‘. Sollte sie das wirklich tun? Sie war sich nicht sicher. Schließlich war sie mit Robert seit dem Studium liiert, und sie waren schon eine ganze Weile verlobt. In drei Wochen war ihr Hochzeitstermin, den sie nach vielen Jahren endlich festgemacht hatten. Die Einladungen waren verschickt worden, alle Vorbereitungen liefen auf Hochtouren. Vielleicht sollte sie sich doch erst anhören, was Robert zu seiner Entschuldigung zu sagen hatte. Sie konnte all die Jahre, die sie zusammen gewesen waren, nicht einfach wegwerfen. Vielleicht war es nur ein einmaliger Ausrutscher gewesen. Schließlich hatte sie in den vergangenen Wochen nicht gerade viel Zeit für ihren Verlobten gehabt. Andererseits ließ die Art, wie Robert und Mandy miteinander umgegangen waren, eher auf das Gegenteil eines Ausrutschers schließen.
   Robert hatte ihr auf der Polizeiwache gedroht, die Verlobung zu lösen, wenn sie ihm eine Szene machte. Er hatte ihr gedroht. Der Kaffee, den sie trank, verwandelte sich in ihrem Magen in einen Eisklumpen.
   Ein Klopfen an der Haustür riss sie aus ihren Gedanken. Erschrocken fuhr sie hoch. Angelo stieß ein alarmiertes Knurren aus.
   »Ist gut, Süßer.« Alex strich ihm beruhigend über den Kopf und stand auf. Ihr Herz raste. Hatte Robert es sich doch anders überlegt und war zurückgekommen, um mit ihr zu reden. Niemand außer ihm würde sie hier suchen. Außer vielleicht … »Mandy«, stellte sie resigniert fest, als sie die Tür öffnete.
   »Hab ich es mir doch gedacht. Hier versteckst du dich also.« Die Rothaarige wollte an ihr vorbei ins Haus gehen. Doch Alex hielt die Tür so, dass Mandy nicht eintreten konnte.
   »Was willst du?«, fragte sie und versuchte, ihr Unbehagen möglichst nicht zu zeigen und kühl und gelassen zu klingen. Mandy sah wie immer atemberaubend aus. Perfektes Make-up, fantastisch gestylte rote Lockenmähne, schicker Hosenanzug. Einfach hinreißend von oben bis unten. In der umgeschlagenen Jogginghose ihres Bruders, dem alten ausgeleierten T-Shirt und dem Handtuch, das sie sich nach dem Haarewaschen um den Kopf geschlungen hatte, fühlte sie sich neben dieser Frau geradezu schäbig. Das schien Mandy ebenfalls bewusst zu sein, so ungeniert, wie sie Alex von oben bis unten musterte.
   »Willst du mich nicht hereinbitten?«, fragte sie schließlich.
   »Nein. Sag mir, was du hier willst und geh.«
   Mit einem Seufzen ließ sich Mandy auf der Treppe vor der Tür nieder. Mit unschuldigem Blick sah sie Alex an. Selbst in dieser Position wirkte sie noch überlegen.
   »Robert hat mich gebeten, nach dir zu sehen.«
   »Gut. Das hast du ja hiermit getan.« Alex wollte die Tür schließen, doch Mandy hielt sie mit einer Handbewegung zurück. Sie setzte einen ernsten Blick auf.
   »Was hast du erwartet, Alexandra? Dass ein Typ wie Robert dir ein Leben lang treu sein kann? Mein Gott, er sieht wahnsinnig gut aus, ist witzig und charmant. Er berichtet über sportliche Ereignisse, hängt mit den Teams rum und hat den gleichen Zugriff auf die Groupies wie die Sportler.« Sie lachte boshaft. »Glaubst du denn, er hat dich noch nie betrogen? Ich rede hier von Klassefrauen, schillernden Persönlichkeiten, nicht von solchen grauen Mäusen wie dir, die jeden Morgen ins Büro gehen, um bis Mitternacht zu arbeiten. Robert will Spaß. Er will sein Leben genießen. Das ist doch mit jemandem wie dir nicht möglich. Du bist nur das, was seine Eltern für ihn wollen.«
   Wieder war dieses Glitzern in Mandys Augen, das Alex schon bemerkt hatte, als sie sie mit Robert im Bett erwischt hatte. Wenn sie sich nicht am Türrahmen festgehalten hätte, wäre sie bei so viel Gemeinheit wohl zurückgetaumelt. Der Eisklumpen in ihrem Magen begann zu wachsen. Sie bemühte sich jedoch um Selbstbeherrschung. Robert hatte Mandy wahrscheinlich wirklich zu ihr geschickt. Aber sicherlich, um sie zu beruhigen und nicht, um sie noch mehr auf die Palme zu bringen.
   Mandy hatte sich schon immer genommen, was sie wollte. Ohne Rücksicht auf andere. Aber Alex hatte nie darüber nachgedacht, wie weit sie bei ihr gehen würde, weil sie Freundinnen waren. Stimmte das, was Mandy gesagt hatte? War sie für Robert nur die langweilige graue Maus? Lachten sie hinter ihrem Rücken über sie? Sie schloss die Augen und rieb ihren schmerzenden Magen.
   »Du bist kein Sportlergroupie. Aber du hast trotzdem mit ihm geschlafen«, stellte sie leise fest.
   Mandy lachte. »Sei froh, dass ich es war. Ich habe wenigstens keine ansteckenden Krankheiten.«
   »Das war nicht das erste Mal, oder?« Alex konnte sich die Frage nicht verkneifen.
   »Was glaubst du denn?«, fragte Mandy sichtlich amüsiert zurück.
   »Wie lange geht das schon?«
   »Hm.« Lässig zuckte sie die Schultern. »Kann mich nicht erinnern. Robert und ich kennen uns schließlich schon eine Ewigkeit. Aber mein Gott, sieh es nicht so verbissen.« Sie machte mit der Hand eine wegwerfende Geste. »Ich habe meinen Spaß mit ihm und du hast den Mann, der jeden Abend zu dir nach Hause kommt. Das ist doch das, was du willst. Ein Ehemännchen in guten wie in schlechten Zeiten. Ein Typ, der Kohle hat. Du musst dir nie wieder über irgendetwas Gedanken machen. Wenn du ihn heiratest, kommt er endlich an den Treuhandfonds heran, auf den er schon so lange wartet. Vermassle es nicht jetzt, so kurz vor der Hochzeit. Setz einen Ehevertrag auf, der dir im Falle einer Scheidung etwas bringt, und du hast ausgesorgt.«
   Die Frau, die vor ihr auf der Treppe saß, war eine Fremde. Ein kaltes, egoistisches Miststück. Die lebenslustige, fröhliche Person schien wie eine Maske von ihr abgefallen zu sein. Hinterlassen hatte sie nur eine hässliche Fratze, die Alex noch nie zuvor gesehen hatte. »Leb wohl, Mandy«, sagte sie und schloss leise die Tür, obwohl sie sie am liebsten ins Schloss geknallt hätte.
   Ruhig bleiben. Nur nicht wie gestern durchdrehen. Sie schüttete ihren mittlerweile kalten Kaffee in den Ausguss, schenkte sich eine neue Tasse ein, legte noch ein paar Holzscheite auf das Kaminfeuer und gesellte sich wieder zu Angelo auf den Teppich. Der Kaffee wärmte ihren zitternden Körper und besänftigte sie ein wenig. Sie musste jetzt einen klaren Kopf behalten. Also atmete sie tief durch und nahm den Notizblock wieder zur Hand.
   Hochzeit absagen? ‚JA‘, schrieb sie mit zwei fetten Großbuchstaben dahinter.
   Der nächste Punkt war die Wohnung. Bis vor zwei Wochen hatte sie ein eigenes kleines Apartment gehabt. Robert hatte darauf bestanden, seine Wohnung zu behalten, auch nachdem sie sich verlobt hatten. Nun war ihr klar, warum. Er wollte sie offensichtlich nicht in seinen Räumen haben, damit sie nicht herausfand, was er trieb – und mit wem.
   Erst vor zwei Wochen, also fünf Wochen vor ihrer Hochzeit, hatte sie ihre Wohnung aufgegeben und war bei ihm eingezogen. Die meisten ihrer Sachen hatte sie bislang nicht einmal ausgepackt. Die Kartons standen noch in seinem Gästezimmer.
   Sie würde bei ihm ausziehen, bevor er zurückkam. Verdammt. Hätte sie doch nur ihre Wohnung noch. Jetzt war sie arbeits- und obdachlos. Wie hoch durfte die Miete für ein neues Apartment ausfallen? Wie lange würde sie mit ihrem Ersparten durchhalten, wenn sie nicht möglichst bald einen neuen Job fand? In welchen Stadtteil sollte sie ziehen, damit sie Robert und seinen Freunden nicht mehr über den Weg lief?
   Sie seufzte, trank einen Schluck Kaffee und sah sich im Wohnzimmer ihrer Mutter um. Hierher konnte sie auf keinen Fall zurück. Sie würde nicht mit Olivia Summers unter einem Dach leben. Sie war nur hierher geflüchtet, weil sie wusste, dass ihre Mutter sich auf einer Kreuzfahrt befand. Wäre ihre Mutter in der Stadt gewesen, wäre Alex eher in ein Hotel gegangen, als ihren alten Hausschlüssel zu benutzen. Aber zum Glück schipperte Olivia noch bis kurz vor Alex’ Hochzeit – die nicht stattfinden würde – mit dem Notar der Erbschaftsangelegenheit durch die Karibik.
   Die Erbschaft!
   Abrupt richtete sich Alex auf. Das war die Lösung.
   Sie sprang auf und stürmte ins Arbeitszimmer ihrer Mutter. Das Einzige, was die beiden Frauen in dieser Familie gemeinsam hatten, war ihre saubere Aktenablage. Mit wenigen Handgriffen hatte sie den Ordner gefunden, in dem sich das Testament ihres Großonkels Edward Spencer befand. Das Testament, das besagte, dass sie und ihr Bruder Bradley eine Blockhütte in den Bergen geerbt hatten. Sie hatte diesen Edward Spencer, den Onkel ihrer Mutter, überhaupt nicht gekannt und sich mit Brad über die Erbschaft amüsiert. Sie besaßen jetzt eine Hütte in den Bergen und konnten jagen und angeln gehen. Sie war bis jetzt nicht dazu gekommen, jemandem von der Hütte zu erzählen. Also wussten nur ihre Mutter, die die kleine Ranch des Onkels in Oregon geerbt und sofort zu Geld gemacht hatte, und ihr Bruder davon. Viel stand nicht in dem Testament. Es handelte sich um ein kleines Holzhaus in einem Ort namens Lake Anna. Es lag an einem See, der genauso hieß. Zum Inventar gehörten ein Anlegesteg und ein eigenes Boot.
   Das war perfekt. Wenn sie die Hochzeit absagen würde, und das würde sie definitiv tun, könnte sie sich in dieser Hütte verstecken und Robert mit den Fragen und Erklärungen allein lassen. Das schien ihr eine angemessene Strafe. Vor allem, wenn seine Verwandten wie Hyänen über ihn herfallen würden, weil sie ihn bereits seit Jahren drängten, Alex zu heiraten. In der Berghütte konnte sie sich so lange verstecken, bis sie ihre Wunden geleckt und sich neue Ziele für ihr Leben gesteckt hatte. Die Idee klang fabelhaft. Nun musste sie nur noch ihr altes Leben innerhalb von neun Tagen hinter sich lassen. Denn das Einzige, was sie auf keinen Fall wollte, war, Robert noch einmal über den Weg zu laufen.
   Sie musste mit der Arbeit beginnen. Als Erstes brauchte sie ihren Laptop. Er lag noch in ihrem Wagen, den sie gestern auf der Straße vor Roberts Haus geparkt hatte.
   Alex stellte Angelo einen Napf mit Wasser hin und bestellte sich ein Taxi. Endlich konnte sie etwas tun. Endlich würde sie aufhören, tatenlos herumzusitzen.
   Vorsichtig öffnete sie die Haustür, nur um sicherzugehen, dass Mandy sich nicht mehr draußen herumtrieb. Sie war weg und Alex atmete auf. In Gedanken setzte sie einen neuen Punkt auf die Liste für ihr künftiges Leben: keine falschen Freundinnen mehr. Es ging aufwärts.

*

Josh Bennett legte den Telefonhörer auf und griff nach seiner Getränkedose. Das Bier war bereits schal geworden, denn das Gespräch hatte zu lange gedauert. Mit einem Seufzer schüttete er es in den Ausguss und nahm eine neue kalte Dose aus dem Kühlschrank. Er öffnete sie und trat an das Wohnzimmerfenster. Es war bereits nach dreiundzwanzig Uhr, und das Bostoner Nachtleben nahm auf der Straße unter ihm unbeeindruckt seinen Lauf. In den letzten zwei Tagen hatte er insgesamt fünf Mal mit seinen Brüdern Max und Ryan telefoniert, und mittlerweile nahm keiner von ihnen mehr Rücksicht auf die Zeitverschiebung zwischen Boston und Lake Anna in Montana. Sie hatten sich gestritten, sich angebrüllt und gegenseitig verflucht. Aber sie hatten sich geeinigt und schließlich die einzig richtige Entscheidung getroffen.
   Nun war es an der Zeit, Boston den Rücken zuzukehren und nach Hause zu gehen. Er hatte nie vorgehabt, für immer an der Ostküste zu bleiben. Doch eigentlich wollte er erst zurückkehren, wenn er in der Lage wäre, eine eigene Praxis zu eröffnen und zu beweisen, dass er kein nutzloser Tagedieb war, wie sein Vater immer behauptet hatte. Seit Jahren legte er jeden Cent den er entbehren konnte zur Seite, um diesem Ziel näher zu kommen. Das Apartment, in dem er lebte, war klein, alt und billig. Die Möbel gehörten seinem Vermieter. Nein, Josh hatte sein Geld nie zum Fenster hinausgeworfen. Aber nun würde er nach Lake Anna fahren, ohne wirklich etwas vorweisen zu können. So sehr er sich nach seinem Zuhause sehnte, so schmerzlich empfand er dieses Versagen.
   Er trank einen Schluck von seinem Bier und fischte das Handy aus der Tasche seiner Jeans. Er scrollte im Telefonverzeichnis bis zum Buchstaben B und wählte die Nummer seines Chefs.
   »Barrington«, ließ sich eine barsche Stimme am anderen Ende der Leitung vernehmen. So wie es klang, hatte sein Boss bereits geschlafen.
   »Bennett. Entschuldigen Sie die Störung, Dr. Barrington.«
   »Ich hoffe für Sie, dass es wichtig genug ist«, knurrte der ältere Mann. Er war in seinem Metier unschlagbar, aber mit Menschen konnte er nicht besonders umgehen. Es war nicht gerade einfach, unter ihm zu arbeiten. Aber da Josh mit einem Vater aufgewachsen war, der einen ähnlichen Charakter besaß, kam er meistens ganz gut mit den Launen und cholerischen Ausbrüchen des Mannes zurecht.
   »Ich muss in einer familiären Angelegenheit dringend nach Montana fliegen und wollte Sie bitten, mir Urlaub zu gewähren. Es ist kurzfristig, ich weiß. Ich würde Sie nicht darum bitten, wenn es anders ginge. Aber ich muss bereits morgen fliegen.«
   Barrington knurrte. »Hm. Und wie lange gedenken Sie, der Arbeit fernzubleiben?«
   »Drei Wochen werde ich sicherlich brauchen.«
   »Drei Wochen?« Josh nahm den Hörer vom Ohr weg, um das Platzen seines Trommelfells zu verhindern. »Sind Sie noch ganz bei Trost, Bennett? Ich kann Ihnen keine drei Wochen Urlaub geben. Auf keinen Fall.«
   »Okay, geben Sie mir zwei Wochen und ich versuche, bis dahin alles erledigt zu haben.«
   »Zwei Wochen und keinen Tag länger.« Barrington legte grußlos auf, wie er es immer tat.
   Zwei Wochen. Vielleicht würde er danach nie mehr nach Boston zurückkehren. Er schaltete sein Laptop ein und buchte im Internet einen Flug nach Chicago für den nächsten Morgen. Abflug sechs Uhr fünfzehn. Er packte seine Reisetasche und einen Koffer. Wenn er tatsächlich in Lake Anna blieb, konnte sein Vermieter ihm seine restlichen Sachen nachschicken.

Kapitel 3

Alex stand in Roberts Wohnzimmer. Das Umzugsunternehmen, das sie beauftragt hatte, war gerade abgefahren. Sie würde die Sachen im Keller ihrer Mutter, der sowieso nicht genutzt wurde, einlagern, bis sie wusste, was sie tun wollte. Ihr Umzug in die Berghütte war beschlossene Sache. Aber dorthin würde sie ihren Hausstand nicht mitnehmen können. Insbesondere, weil sie nicht vorhatte, länger als ein paar Wochen zu bleiben. Wenn sich die Wellen nach der abgesagten Hochzeit wieder gelegt hätten, würde sie zurückkommen und ihr Leben wieder aufnehmen. Der Ausflug in die Berge würde ihr helfen, einen klaren Kopf zu bekommen und die notwendigen Entscheidungen zu treffen.
   Seit sie den Entschluss gefasst hatte, ihre Verlobung zu lösen, hatte sie keine ruhige Minute mehr gehabt, geschweige denn, mehr als ein paar unruhige Stunden am Stück geschlafen.
   In der vergangenen Nacht hatte sie Schreiben an alle Lieferanten und die Hochzeitsplanerin aufgesetzt. Sie hatte das Aufgebot abbestellt und die Unternehmen aufgefordert, die bereits angefallenen Kosten Robert in Rechnung zu stellen. Anfangs hatte sie gezögert, ob sie ihn mit den Kosten alleinlassen konnte. Als sie endlich einen Termin für die Hochzeit festgesetzt hatten, hatte Robert darauf bestanden, die Rechnungen zu teilen. Zumindest den Teil, den seine Eltern nicht übernehmen wollten. Interessanterweise waren die horrenden Rechnungen nicht zustande gekommen, weil Alex wie eine Prinzessin heiraten wollte – obwohl die Leute das sicher glaubten. Ihr hätte eine schlichte standesamtliche Zeremonie ohne großartiges Aufsehen völlig gereicht. Robert war derjenige, der es pompös wollte, der alle anderen Celebrity-Hochzeiten des Jahres in den Schatten stellen wollte.
   Immerhin befand sich Robert in der glücklichen Lage, bald über einen enorm dicken Treuhandfonds zu verfügen, während sie selbst eine arbeitslose Anwältin war. Sie konnte es sich auf keinen Fall leisten, auch nur einen Cent zum Fenster hinauszuwerfen. Es war nur gerecht, ihn die Kosten tragen zu lassen. Schließlich sagte sie die Hochzeit wegen seiner Untreue ab.
   Langsam ging sie noch einmal durch die Zimmer der Wohnung, in der sie sich noch nicht heimisch gefühlt hatte. Sie wollte sich davon überzeugen, dass sie nichts vergessen hatte, und fand in Roberts Arbeitszimmer noch einen ihrer Bücherkartons. Sie schleppte ihn zum Wagen. Aus dem Tresor nahm sie ihre Schmuckschatulle. Robert hatte ihr oft teuren Schmuck geschenkt. Sie würde nie wieder eines dieser Stücke tragen, das war sicher. Ohne schlechtes Gewissen hatte sie einen Termin mit einem Juwelier vereinbart. Sie würde die Diamanten und das Gold verkaufen. Der Preis würde mit Sicherheit nur einen Bruchteil des wahren Wertes ausmachen, aber das interessierte sie nicht. Mit dem Erlös und ihrem Ersparten würde sie einige Monate länger durchhalten, falls sie keine Arbeit finden würde. Bevor sie die Wohnungstür schloss, fischte sie Roberts Hausschlüssel aus ihrer Handtasche und legte sie gemeinsam mit dem Verlobungsring, den sie als einziges Schmuckstück nicht verkaufen würde, auf das Tischchen im Flur.
   In der Stadt verkaufte sie die Wertsachen, ohne etwas dabei zu empfinden.
   Auf dem Weg zum Haus ihrer Mutter besorgte sie eine große Tüte Hundefutter sowie einen Fress- und einen Trinknapf für Angelo. Sie konnte ihn nicht länger Olivias Porzellangeschirr benutzen lassen. An der Kasse legte sie noch ein grünes Halsband und eine Hundeleine dazu. Wer wusste schon, ob man Hunde in Montana anleinen musste. Sie packte alles in den Kofferraum ihres kleinen Wagens. Wenn sie eine Reisetasche, ihren Laptop und den Hund dazupacken würde, wäre das Auto voll bis unter das Dach und sie könnte starten.
   In Olivias Haus suchte sie ihre Sachen zusammen und schrieb einen kurzen Brief an ihre Mutter. Sie sollte zumindest wissen, was passiert war, wenn sie von ihrer Kreuzfahrt zurückkehrte. Auf dem Laptop verfasste sie ein Schreiben an alle geladenen Gäste und sagte die Hochzeit offiziell ab. Sie schrieb, dass Robert und sie festgestellt hätten, dass ihre Gefühle füreinander nicht ausreichten, um ein Leben lang glücklich miteinander zu sein und dass sie sich in beiderseitigem Einvernehmen und Freundschaft getrennt hätten.
   Der erste Teil war die Wahrheit. Robert liebte sie offensichtlich nicht genug, um die notwendige Achtung vor ihr aufzubringen. Nach dem, was Alex von Mandy erfahren hatte, konnte und würde sie nicht den Rest ihres Lebens mit ihm verbringen. Sie war sich ihrer eigenen Gefühle nicht mehr sicher.
   Der zweite Teil der Mail an die Hochzeitsgäste hingegen war glatt gelogen. Trotz ihres gebrochenen Herzens würde Alex das Fremdgehen ihres Verlobten nicht offiziell machen. Das würde sie Robert nicht antun – und ihrem eigenen Stolz ebenfalls nicht.
   Sie speicherte das Scheiben ab und druckte es für alle aus, die nicht in ihrem E-Mail-Verzeichnis aufgeführt waren. Sie unterschrieb die Briefe, versah die Umschläge mit den Adressen und legte sie neben ihre Reisetasche. Den Rufton ihres Handys stellte sie auf stumm und schaltete die Mailbox aus. Wenn sie diese E-Mail abschickte, würde ihr Handy innerhalb von Minuten Sturm klingeln. Und sie wollte mit niemandem sprechen.
   Alex brachte Angelo und ihre Reisetasche zum Auto, legte die Briefe aufs Armaturenbrett und ging zurück, um die E-Mail an die Hochzeitsgäste abzuschicken. Sie nahm den Laptop, schloss die Tür hinter sich ab und fuhr los. Beim Postamt hielt sie kurz an und warf die Briefe ein. Endlich begann ihre Reise in Richtung Norden. So mechanisch, wie sie ihr Leben in San Francisco aufgelöst und ihre Zelte in der Stadt abgebrochen hatte, folgte sie der Wegbeschreibung nach Montana. Angelo schien begeistert von dem großen Abenteuer, mit dem Auto quer durch das halbe Land zu reisen. Ihm machte die Fahrt sichtlich Spaß.
   Doch Alex hatte in den letzten drei Tagen so gut wie nichts gegessen und kaum geschlafen. Sie war erschöpft. Trotzdem war sie sich sicher, den richtigen Schritt getan zu haben. Ihre Flucht war kein Fehler. Alexandra Summers war aus ihrem Leben ausgestiegen. Eine Tatsache, die sich eigentlich gut anfühlen müsste. Doch da war nur eine taube Leere, über die sie nicht nachdenken wollte.

*

Das Treffen mit der Sachbearbeiterin des Jugendamtes von Chicago war auf dreizehn Uhr terminiert. Josh blieb genug Zeit, im Hotel einzuchecken, etwas zu essen und sich umzuziehen. Was war notwendig, um bei einer Sozialarbeiterin einen guten Eindruck zu hinterlassen? Auch darüber hatte er mit seinen Brüdern gestritten. Ein Anzug war ihrer Meinung nach unumgänglich. Er hatte sich der Anweisung gebeugt und stand jetzt vor dem Spiegel des Hotelzimmers, um die Krawatte zu binden.
   Mit dem Taxi fuhr er zum Jugendamt und meldete sich am Empfang. Miss Keller warte bereits auf ihn, wurde ihm versichert. Die Empfangsdame führte ihn in ein kleines, vollgestopftes Büro, in dem eine winzige Frau mit einer schwarz gerahmten Brille und wilden Dreadlocks saß. Sie sah ihn freundlich an und bat ihn, Platz zu nehmen.
   »Ihr Bruder hat bereits heute Morgen mit mir telefoniert und mich von Ihrer Entscheidung in Kenntnis gesetzt«, erzählte Miss Keller. »Ich freue mich sehr, dass Sie sich so entschieden haben. Es wird sicher für alle das Beste sein. Besonders für Shane.« Sie musterte ihn ausführlich. Wahrscheinlich spürte sie, wie unwohl er sich in seinem Anzug fühlte. Lächelnd blickte sie ihm in die Augen. »Es wird Sie umhauen, Dr. Bennett. Shane ist Ihnen wie aus dem Gesicht geschnitten.«
   »Wann wird er …«
   »Gleich«, beantwortete sie seine Frage, bevor er sie überhaupt ausgesprochen hatte. Wie zur Bestätigung klopfte es an der Tür. Joshs Herz schlug wie verrückt. Plötzlich war es höllisch heiß in dem kleinen Büro. Seine Krawatte schnürte ihm die Luft ab.
   »Herein«, rief Miss Keller, und die Tür öffnete sich langsam. Josh schnappte nach Luft. Vor ihm stand ein Junge, der wirklich ein Klon seiner selbst oder seiner Brüder hätte sein können. Wilde blonde Locken, von weißblonden Strähnen durchzogen. Er war für seine zehn Lebensjahre groß und schlaksig, hatte die gleichen Gesichtszüge und dieselben dunkelbraunen Augen, die sie alle von ihrer Mutter geerbt hatten. Nur blickten seine leer und gleichgültig, was Josh einen Stich mitten ins Herz versetzte.
   »Komm rein, Shane. Darf ich vorstellen, dein Onkel Josh Bennett.« Miss Keller ging auf Shane zu und zog ihn sanft ins Büro. »Ich lasse euch eine halbe Stunde allein, damit ihr euch ein bisschen kennenlernen könnt. Ihr habt euch sicher viel zu erzählen.« Leise schloss sie die Tür hinter sich.
   Shane schien nichts sagen zu wollen, was die Stille durchbrach. Und Josh, der sich das Treffen schon so oft ausgemalt hatte, seitdem seine Brüder ihn von der neuen Familiensituation in Kenntnis gesetzt hatten, merkte plötzlich, wie wenig er auf diese überwältigende Situation vorbereitet war. »Hi«, sagte er.
   »Hi«, antwortete Shane. Mehr nicht.
   »Wie geht’s dir?« Etwas Besseres fiel ihm nicht ein.
   »Gut.«
   Josh fuhr sich durch das Haar. Er hatte sich lange überlegt, wie er dem Jungen die veränderte Situation schonend erklären sollte. Nun, da er vor ihm stand, hatte er den Eindruck, dass es am besten war, einfach mit der Wahrheit herauszurücken.
   »Hör zu, Shane«, sagte er. »Wie du schon weißt, bin ich der ältere Bruder deiner Mom. Ich bin Josh. Deine Mom hatte noch zwei Brüder. Meinen Zwillingsbruder Ryan und unseren älteren Bruder Max. Wir haben eine Ranch in Montana in einem Ort namens Lake Anna. Dort züchtet Max Rinder und Pferde. Ryan ist Sheriff.« Josh wartete einen Moment ab, ob von seinem Neffen irgendeine Reaktion kam. Nichts.
   »Kannst du reiten, Shane?«
   »Nein.« Der Junge blickte ihn mit seinen gleichgültigen, undurchdringlichen Augen an.
   »Nun, dann werden wir es dir beibringen. Deine Onkel und ich würden uns freuen, wenn du von nun an bei uns lebst. Was hältst du davon?«
   »Okay.« Shane zuckte mit den Schultern.
   Langsam atmete Josh aus. Okay? War das gut oder schlecht? Immerhin machte der Junge ihm keine Szene und schrie irgendetwas nach dem Motto: ‚Ihr bekommt mich nur über meine Leiche in diese verdammten Berge!‘ Für den Jungen war es wahrscheinlich sowieso ein riesiger Schock, als Zehnjähriger von drei Familienangehörigen zu erfahren, von denen er bislang nichts gewusst hatte.
   »Ich sage dir, wie wir es machen. Ich werde den ganzen Papierkram erledigen, der noch ansteht. Du packst inzwischen deine Sachen zusammen und verabschiedest dich von deinen Freunden. Heute Abend schläfst du bei mir im Hotel, und morgen Mittag fliegen wir nach Westen.«
   »Okay.« Fast hätte Josh lachen müssen über die stoische Haltung seines Neffen. Er würde auftauen. Dessen war er sich sicher. Wenn er erst mal auf der Ranch war und die Pferde und Rinder sah. Welcher kleine Junge konnte da schon widerstehen? Keiner. Mit einem Mal packte ihn selbst mit aller Macht die Sehnsucht nach seinem Zuhause, und er sehnte den nächsten Tag herbei, um endlich wieder bei seiner Familie und auf seinem Land zu sein.
   Er lächelte Shane an und bat Miss Keller wieder herein. Sie fragte den Jungen, ob er bei seinen Verwandten leben wollte. Er antwortete mit einem Schulterzucken, das sie als ‚Ja‘ interpretierte und gewissenhaft notierte. Sie ließ Shane von seinem Betreuer in sein Heim zurückbringen.
   Josh sah ihm hinterher. Als er sich wieder umdrehte, bemerkte er, dass die Sozialarbeiterin ihn beobachtete.
   »Angst?«, fragte sie.
   »Nein«, log er. »Es ist nur schon eine Weile her, seit ich ein zehnjähriger Junge war. Ich glaube, weder ich noch meine Brüder waren so einsilbig.«
   »Shane ist kein normaler Zehnjähriger. Er hat schon viel durchgemacht. Eines kann ich Ihnen versichern«, fügte sie mit sanfter Stimme hinzu. »Shane hat Angst, riesige Angst. Aber er ist noch jung. Wenn Sie und Ihre Brüder ihm die Liebe geben, die er braucht, wird er all das überwinden können. Und darauf hoffe ich.« Sie drückte mit ihren winzigen Fingern aufmunternd Joshs Hand. Er lächelte sie an. Sie holte alle notwendigen Formulare heraus, ging sie mit ihm durch und ließ ihn unterschreiben.
   Endlich waren alle Punkte geklärt, und Josh streckte sich auf dem unbequemen kleinen Besucherstuhl.
   »Vielen Dank, Miss Keller. Meine Brüder und ich wissen zu schätzen, was Sie für Shane getan haben. Das geht weit über die normale Aufgabe eines Sozialarbeiters hinaus. Uns ist das völlig klar, und wir werden es Ihnen nie vergessen.« Ernsthaft dankbar drückte er ihre Hand.
   »Es war mir ein Vergnügen. Ich hoffe, Sie und Ihr Neffe finden zueinander. Vielleicht lassen Sie mich einmal wissen, wie es ihm geht.«
   »Das werde ich sicher.« Er zögerte einen Moment. »Möchten Sie vielleicht heute mit uns zu Abend essen?«
   Ein wissendes Lächeln umspielte die Lippen der kleinen Frau und Josh war klar, dass sie ihn durchschaute. Sie spürte offensichtlich seine Angst, den Abend mit seinem Neffen allein verbringen zu müssen.
   »Vielen Dank für das Angebot«, sagte sie höflich. »Aber sicher wollen Sie und Shane ab jetzt so viel Zeit wie möglich allein miteinander verbringen und sich besser kennenlernen.« Sie zog eine Schreibtischschublade auf und nahm zwei große verschlossene Umschläge heraus. »Das sind Kopien von Shanes Akte und von der Akte Ihrer Schwester, Dr. Bennett. Es sind sowohl die Unterlagen des Sozialamtes als auch die medizinischen Berichte, soweit wir sie zusammentragen konnten. Ich möchte sie Ihnen und Ihren Brüdern geben, obwohl das eigentlich nicht üblich ist. Lesen Sie sie. Vielleicht hilft es Ihnen, Shane besser zu verstehen.«
   »Ich weiß nicht, was Sie meinen.«
   »Wenn es so weit ist, werden Sie es wissen.«
   Unschlüssig legte er die Umschläge zu den anderen Unterlagen in seine Mappe und erhob sich. Miss Keller gab ihm zum Abschied die Hand. In der Tür drehte er sich noch einmal um. »Eine Frage habe ich noch. Wo finde ich das Grab meiner Schwester?«

*

Shane packte seine Sachen. Das dauerte nicht wirklich lange. Was glaubte dieser Typ – sein Onkel Josh – denn, wie viele Sachen ein zehnjähriger Junge, der in einem Kinderheim lebte, besaß? Er schob die Tasche unter sein Bett und schlich sich hinaus. Mit der Hochbahn fuhr er zu dem Friedhof, auf dem seine Mutter lag. Vor ihrem Grab kniete eine große Gestalt. Er blieb in einiger Entfernung stehen und beobachtete den Mann. Er sah aus wie auf dem Foto, das er besaß, nur älter. Als er ihn heute zum ersten Mal gesehen hatte, hatte er ihn sofort erkannt. Er hatte schon vermutet, dass er und einer der anderen beiden Männer Zwillinge waren, weil sie sich so ähnlich sahen. Auf dem Foto standen sie links und rechts von dem dritten Mann, der ihnen ebenfalls ähnelte. Die Brüder seiner Mutter. Josh, Max und Ryan. Alle drei hielten seine Mom fest, die sie quer vor sich hochgehoben hatten, und die auf dem Bild strahlend lachte. Seine Mom war wunderschön auf diesem Foto. Genau so und nicht anders wollte er sie in Erinnerung behalten.
   Er konzentrierte sich wieder auf seinen Onkel. Er trug jetzt keinen Anzug mehr, sondern Jeans, einen Parka und Stiefel. Und er schien wirklich traurig zu sein, wie er dort vor dem Grab seiner Mutter hockte. Shane wusste nicht, was ihn in Montana erwartete. Viel hatte er nicht über das Land gelernt. Na ja, vielleicht hatte das Thema an einem der vielen Tage, die er geschwänzt hatte, auf dem Lehrplan gestanden. Er wusste jedenfalls nicht viel darüber. Es gab Cowboys, Rinder und Berge. Im Winter wurde es saumäßig kalt. Wahrscheinlich war es der gottverlassenste, langweiligste Fleck auf der Erde.
   Wie lange würden seine Onkel ihn ertragen, bevor sie ihn wieder wegschickten? Er war noch nie lange bei jemandem geblieben. Sie hatten ihn immer wieder weggeschickt. Jetzt war er schon seit einer Weile im Heim. Dort hielt er es nicht aus. Sicher wäre er bei der nächsten Gelegenheit, die sich ihm geboten hätte, abgehauen, wenn nicht sein Onkel gekommen wäre, um ihn mitzunehmen. Shane hatte gelernt, sich nicht darauf zu verlassen, dass alles gut werden würde. Aber er hatte auch gelernt, eine Chance zu nutzen, wenn sich eine bot. Sein Onkel war eine Chance, aus dieser verhassten Stadt herauszukommen. Und die würde er nutzen. Wenn sie ihn in Montana nicht mehr haben wollten, konnte er dort immer noch abhauen.
   Sein Onkel hatte sich inzwischen erhoben und ihn entdeckt. Einen Moment stand er da und sah unschlüssig aus. Er kam langsam auf ihn zu. In seinen Augen erkannte Shane eine wirklich tiefe Traurigkeit, die er von sich selbst kannte. Josh legte ihm eine Hand auf die Schulter.
   »Hi, Shane. Ich habe deine Mom besucht.«
   Mit einem Kloß im Hals nickte er.
   »Wenn du willst, warte ich am Tor auf dich. Dann können wir deine Sachen holen und ins Hotel fahren. Lass dir Zeit.« Wieder nickte er bloß. Er wartete, bis sein Onkel sich umdrehte und zum Ausgang lief.
   Als er sich sicher war, allein zu sein, ging er langsam über den trockenen Rasen zum Grab seiner Mutter, um sich zu verabschieden.

*

Josh konnte nicht schlafen. Er stand im Dunkeln am Fenster der Hotelsuite und starrte auf die Stadt. Leise klirrte das Eis in seinem Whiskeyglas, als er es an die Lippen führte. Der Drink floss warm und seidig durch seine Kehle, bis er den Magen erreichte und das flaue Gefühl darin etwas dämpfte. Ein Whiskey war etwas Vertrautes. Josh konnte damit umgehen. Er wusste, wie er schmeckte, wie er wirkte. Womit er nicht umzugehen wusste, waren die Dinge, die er heute erlebt hatte. Er hatte seinen wortkargen zehnjährigen Neffen kennengelernt. Und er hatte am Grab seiner Schwester gestanden. In den hässlichen grauen Grabstein waren lediglich der Name Victoria Bennett und ihr Geburts- und Sterbedatum eingemeißelt. Das Grab lag neben einer Vielzahl anderer Gräber. Gräber, die von der Stadt bezahlt wurden, weil es sonst niemand tat. Sie waren nicht auf Schönheit, sondern Effizienz ausgelegt.
   Shane war sicher oft an dem Grab gewesen. So wie heute Nachmittag auch. Der Kleine war lange vor dem Stein hocken geblieben. Stumm und reglos. Als ob er in Gedanken Zwiesprache mit seiner Mutter hielt. Dann war er langsam aufgestanden und zu ihm zurückgekehrt. Sie hatten seine Sachen aus einem tristen Heim geholt und ins Hotel gefahren. Josh hatte Shane das Essen aussuchen lassen und es aufs Zimmer bestellt. Außer seinem Essenswunsch hatte sein Neffe fast kein Wort gesprochen. Also hatten sie sich einen Film angesehen, bevor Josh ihn in eines der beiden Schlafzimmer schickte. Jetzt schlief er tief und fest. Im Schlaf wirkte das Gesicht des Jungen entspannt und friedlich, fast freundlich. Die Härte und die abwehrende Haltung fehlten. Er sah unschuldig und schutzbedürftig aus. Josh, der noch nie über Kinder nachgedacht hatte, der noch nicht einmal eine Beziehung lange genug führen konnte, um über das Zusammenziehen mit einer Frau nachzudenken, war jetzt mit einem Zehnjährigen konfrontiert, der alle seine Lebenspläne über den Haufen warf.
   Seine Schwester hätte gewollt, dass sich ihre Brüder um ihn kümmerten, oder? Hatte sie das tatsächlich? Warum um alles in der Welt hatte sie ihre Familie so verleugnet? Warum hatte sie nie zu einem von ihnen Kontakt aufgenommen, um Hilfe gebeten? Josh trank noch einen Schluck Whiskey. Er dachte wieder an das Grab, vor dem er an diesem Nachmittag gestanden hatte. Seine Schwester war vor vier Jahren gestorben. Vier lange Jahre, in denen er nichts von dem Kind gewusst hatte, um das sich niemand gekümmert hatte. Vor drei Tagen hatte er von ihrem Tod erfahren. Aber erst heute, an diesem grauen Stein, hatte er es begriffen. Vicky war tot. Seine wunderschöne kleine Schwester mit den langen blonden Locken, den dunklen Bennett-Augen und dem wundervollen Lächeln war gestorben. Mit gerade einmal achtzehn Jahren war sie nach einem Streit mit ihrem Vater von zu Hause abgehauen, um angeblich in Hollywood Karriere zu machen. Josh hatte zu diesem Zeitpunkt in Los Angeles gelebt und studiert. Er hatte sie überall gesucht, aber nie wieder etwas von ihr gehört. Sie hatte sich nie wieder bei ihrer Familie gemeldet.
   Auf dem Tisch lagen die braunen Umschläge mit den Akten seiner Schwester und seines Neffen. Vorsichtig, als wäre der Inhalt explosiv, strich er mit den Fingern über die grobe Pappe. Er war noch nicht so weit, sie zu öffnen.
   Noch einmal blickte Josh durch die angelehnte Tür nach dem schlafenden Shane. Er würde sich um ihn kümmern. Der Kleine sollte auf der Ranch ein Zuhause haben, wie es sich für ein Kind in seinem Alter gehörte. So schwierig würde es nicht werden. Seine Brüder und er waren schließlich umgänglich und locker. Und Kindererziehung hatten schon ganz andere hinbekommen.
   Er trank den Whiskey aus und ging ins Bett. Morgen würde er nach Hause fliegen.

Kapitel 4

Shane war sehr aufgeregt, als Josh ihn am Morgen weckte. Er war noch nie mit einem Flugzeug geflogen. Dennoch bemühte er sich, seinen mürrischen Gesichtsausdruck und seine abweisende Haltung beizubehalten. Auch wenn Josh ernst machte und ihn wirklich mitnahm, musste das noch lange nicht bedeuten, dass er und seine anderen Onkel ihn für immer behalten wollten. Er würde auch weiterhin damit rechnen müssen, irgendwann weggeschickt zu werden.
   Der Flughafen war unglaublich groß. Die verschiedenen Eindrücke stürzten schnell auf ihn ein, er wusste kaum, wo er zuerst hinsehen sollte. Als er im Flugzeug am Fenster saß und die Maschine startete, konnte er sich ein breites Grinsen nicht mehr verkneifen. Er sah seinen Onkel nicht an, aber er spürte seine Blicke. Mit Sicherheit entging Josh sein Gesichtsausdruck, der sich im Fenster spiegelte, nicht.
   Den ganzen Flug über blieb er wach und betrachtete die Welt von oben. Als die Boeing in den Landeanflug überging und auf die Lichter des Flughafens in Missoula zuhielt, war es bereits dunkel.
   Josh führte ihn zur Gepäckausgabe, nahm ihre Sachen vom Band und reichte Shane seine kleine Reisetasche. Er hatte darauf bestanden, seine Sachen selbst durch die Terminals zu schleppen. Er war froh, etwas in der Hand zu haben. Josh hängte sich seine Reisetasche über die Schulter und zog seinen Koffer hinter sich her. Langsam gingen sie zum Ausgang.
   Da waren sie. Shanes Herz setzte für einen Schlag aus, bevor es wild zu galoppieren begann. Er erkannte sie sofort. Der eine, Ryan, war der Zwillingsbruder. Er sah wirklich genau so aus wie Josh. Nur seine Haare waren viel kürzer, sodass man seine Locken kaum sah. Der andere musste also Max sein, der ältere Bruder. Er war ein bisschen kleiner als Ryan. Beide Männer lächelten sie an.
   »Mann, Shane. Das ist echt spitze von dir, unseren Bruder hier vorbeizubringen. Der Kerl ist schon vor Jahren ausgebüchst. Wie hast du ihn überreden können, dich zu begleiten?« Shane hatte Mühe, ein Grinsen zu unterdrücken. Ryan streckte ihm die Hand hin. »Hallo. Ich bin dein Onkel Ryan, und das ist Max.«
   Er erwiderte den Händedruck der beiden Männer.
   Sie wandten sich an ihren Bruder. »Josh, Mann. Schön, dich zu sehen«, sagte Max. Beide umarmten Josh fest und herzlich. Shane wünschte sich, sie hätten auch ihn so begrüßt. »Lasst uns erst einmal was essen gehen, bevor wir fahren«, schlug Max vor. »Bis nach Lake Anna sind es noch einmal zweieinhalb Stunden mit dem Wagen«, wandte er sich erklärend an Shane. »Was willst du essen? Pommes und Burger?«
   Es war nicht zu fassen. Schon wieder durfte er das Essen wählen. Josh hatte ihm gestern auch schon die Entscheidung überlassen. »Vielleicht Pizza?«, fragte er vorsichtig.
   »Pizza klingt super«, pflichtete Ryan ihm bei und schlug Max mit seiner großen Hand auf den Rücken. »Los Mann, du hast es gehört. Fahr uns zu einer Pizzeria.«
   Während des Essens verfiel Shane wieder in Schweigen, wie es seine Art war. Er beobachtete seine Onkel und hörte ihnen bei ihren Gesprächen über die Ranch und über Leute, die er nicht kannte, zu. Sie waren gut gelaunte, umgängliche Typen. Aber meist waren Männer daran schuld gewesen, wenn etwas in seinem Leben nicht funktioniert hatte. Es war also auf jeden Fall besser, auch weiterhin vorsichtig zu sein.
   Das Einzige, was an der Fahrt nach Lake Anna interessant war, war der Pick-up, mit dem sie fuhren. Es war ein uralter hellblauer Ford F-150. Max schien ihn zu lieben, obwohl Ryan die ganze Zeit herumjammerte, dass es eine lahme alte Karre sei. Das Fahrzeug schlängelte sich durch dunkle, schmale Bergstraßen. Mit der Zeit ermüdeten die Eindrücke der Reise Shane so sehr, dass sein Kopf gegen Ryans Schulter sank. Auch die Männer wurden stiller. Und ehe er es sich versah, war er eingeschlafen und verpasste seine Ankunft in Lake Anna.

*

Als Josh am nächsten Morgen in dem Bett erwachte, in dem er in seiner Jugend geschlafen hatte, in dem Zimmer, in dem er aufgewachsen war, streckte er sich seufzend. Er war glücklich, wieder zu Hause zu sein. In der vergangenen Nacht hatte er begriffen, wie sehr er seine Brüder vermisst hatte und wie groß sein Heimweh gewesen war. Er ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Neben dem Ferrariposter grinste ihm Pamela Anderson in ihrem Baywatch-Outfit entgegen. Lächelnd ließ er den Blick über seinen alten Kleiderschrank zum Fenster gleiten. Draußen dämmerte es. Wenn er nicht nach Boston zurückkehrte, würde er einige Dinge an seinem Zimmer ändern müssen. Pamela würde wohl seinem mittlerweile deutlich weniger pubertären Geschmack zum Opfer fallen. Ebenso das Bett, das für seine jetzige Körpergröße sowohl zu kurz als auch zu schmal war.
   Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr, die auf dem Nachttisch lag. Es war noch sehr früh. Aber auf einer Ranch begann der Alltag um diese Zeit. Zumindest ließen die leisen Geräusche und der Kaffeeduft aus dem Erdgeschoss darauf schließen.
   Eigentlich war er kein Frühaufsteher, aber der Schlaf der vergangenen Nacht war tief und erholsam gewesen. Josh fühlte sich frisch und ausgeruht und war bereit, sich dem neuen Tag – und Shane – zu stellen. Er schwang sich aus dem Bett, schlüpfte in seine Jeans und tappte barfuß in die Küche.
   Er schenkte sich einen Kaffee ein und verließ das Haus. Max saß in einem der Schaukelstühle auf der Veranda und blickte über den See. Josh folgte seinem Blick. Das Bild, das sich ihm bot, war fest in sein Gehirn eingebrannt. Er hätte es niemals vergessen können. Doch hier, in der kalten Luft des jungen Morgens, war es noch einmal anders. Sein Magen zog sich zusammen, er lehnte sich gegen den Verandapfosten und nippte an seinem Kaffee.
   Über dem See, der später in der Sonne glitzern würde wie ein Diamantfeld, lag Nebel, wie es im Herbst so gut wie jeden Morgen der Fall war. Eingefasst war das Gewässer von den hohen Bergen, die das Tal überschatteten und deren Spitzen auch im Sommer nie schneefrei waren. Das Rauschen des Wasserfalls am anderen Ende des Sees klang wie ein leises Murmeln durch den Nebel. Hinter den hohen Felsen färbte sich der Himmel bereits in einem Farbenmeer, in dem sämtliche Rosa- und Lilatöne zu verschwimmen schienen. Die Sonne würde sich bald über dem Gebirge blicken lassen.
   Auf der anderen Seite des Tals, wo der See in den Thunder Creek mündete, lag Lake Anna. Josh konnte den Ort im Nebel nicht ausmachen, aber er hatte schon so oft über den See geblickt, dass er genau wusste, welches Haus wo lag.
   Tief atmete er den Duft des Morgens ein, genoss das Plätschern des Wassers am Ufer mit geschlossenen Augen. In Boston hatte er nicht oft an Lake Anna gedacht. Aber jetzt, hier, erinnerte er sich nicht mehr, wie er es jemals woanders hatte aushalten können. Er würde nicht mehr wegwollen. Das wurde ihm schlagartig klar. Die Frage war nur, wie er sich hier eine Existenz aufbauen sollte. Aber er hatte noch eineinhalb Wochen Zeit, bis er eine Entscheidung treffen musste. Er schob den Gedanken zur Seite und blickte zu seinem Bruder, der mit Flanellhemd, alten Jeans und Stiefeln wie der Inbegriff eines Ranchers aussah.
   »Immer noch schön, nicht wahr?«, fragte Max, ohne seinen Blick vom See zu wenden.
   »Ja. Ich weiß nicht, wie ich es ohne die Ranch ausgehalten habe.« Er seufzte. In der Ferne entdeckte er eine Gestalt, die halb im Nebel verschwand. »Ist das Ryan?«
   »Yep. Er trainiert gerade wieder für irgendeinen irren Marathon.« Sein Bruder stand auf und stellte sich neben ihn. »Hör mal, Josh. Wir müssen noch über ein paar Sachen reden, die Shane betreffen.«
   »Was gibt es denn?«
   »Wir werden morgen anfangen, die Herden in den Bergen zusammenzutreiben und ins Tal zu bringen. Du weißt, was das bedeutet. Ich werde fast eine Woche lang weg sein.«
   »Ja klar. Kein Problem.« Josh trank einen großen Schluck von seinem Kaffee.
   »Und zwei von Ryans Hilfssheriffs hatten einen Unfall. Harry hat sich den Arm gebrochen, und Jim hat zwei gebrochene Rippen.«
   »Unfall, ja?« Joshs konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Klingt mir eher nach einer ausgewachsenen Schlägerei. Ist es im Dienst passiert?«
   Auch Max lächelte. »Nein, in einer Tabledance-Bar in Missoula. Ryan hatte alle Hände voll zu tun, um zu verhindern, dass die beiden zum Ausnüchtern in den Knast gewandert sind. Er hat geflucht wie ein Hinterwäldler. Aber du kennst ihn ja. Er würde sie deswegen nie feuern. Auf jeden Fall musste er ihre Schichten auf die anderen verteilen und selbst auch einige zusätzliche Dienste übernehmen. Also wird auch er nicht viel Zeit haben. Du wirst mit Shane erst mal ziemlich auf dich allein gestellt sein. Ist das okay?«
   Ein flaues Gefühl in der Magengegend überkam Josh. So hatte er sich das nicht vorgestellt. Er war vor allen Dingen deshalb nach Lake Anna zurückgekehrt, damit er sich die Erziehungsarbeit mit seinen Brüdern teilen konnte. »Ja, kein Problem«, sagte er trotzdem.
   »Sicher?«
   »Ja, klar.«
   »Du musst ihn in der Schule anmelden.«
   »Ja.«
   »Essen kochen.«
   »Ja.«
   »Wäsche waschen.«
   »Ja, verdammt.«
   »Ich sag’s ja nur.«
   »Verdammt, Max. Als ob du Ahnung von zehnjährigen Jungen hättest«, knurrte Josh.
   »Hab ich nicht, stimmt.« Max strich sich über das unrasierte Kinn und sah nachdenklich aus. »Ich möchte nur nichts falsch machen. Der Kleine soll hier glücklich sein. In seinen Augen … ich weiß nicht, da war etwas. Er hat Angst und ist unglücklich. Um ganz ehrlich zu sein, ich kann noch nicht fassen, dass Vicky wirklich tot ist.«
   »Ich weiß, was du meinst«, stimmte Josh ihm leise zu und senkte den Blick in seinen Kaffeebecher. »Ich habe es erst begriffen, als ich vor ihrem Grabstein stand.«
   Max schlug ihm auf die Schulter. »Wir kriegen das hin. Shane wird bei uns glücklich sein.« Er stellte seinen Becher auf die Verandabrüstung. »Und jetzt komm mit, Doc, damit ich dir zeigen kann, was sich verändert hat, seit du das letzte Mal hier warst.«

*

Alex war erschöpft. Sie hatte den größten Teil der Strecke von San Francisco nach Lake Anna hinter sich gebracht. Gehalten hatte sie nur zum Tanken und, um Angelo sein Geschäft erledigen zu lassen. Wenn sie ihre Augen vor Müdigkeit nicht mehr offen halten konnte, öffnete sie eine Dose Red Bull oder holte sich einen Kaffee und fuhr weiter. Solange sie fuhr, konnte sie nicht nachdenken. Solange sie sich auf den Verkehr konzentrieren musste, konnte sie nicht überlegen, ob es ein Fehler gewesen war, einfach abzuhauen. Mit jeder Meile, die sie zwischen sich und die Westküste brachte, wurde sie einsamer. Von Zeit zu Zeit brannten Tränen in ihren Augen, aber sie schaffte es immer, sie zurückzudrängen. Sie war stark, und sie würde nicht weinen. Sie würde in der Berghütte wieder zu sich finden. Sie würde einen neuen Start in ein Leben ohne Robert und Mandy wagen. Wenn sie nur genug Zeit hätte, würde das nagende Gefühl, einen Fehler gemacht zu haben, verblassen. Besonders Roberts Eltern gegenüber, die immer höflich, wenn auch nicht herzlich, zu ihr gewesen waren, hatte sie ein schlechtes Gewissen. Sie verdienten eine Erklärung. Aber sie hatte es nicht über sich gebracht, mit ihnen zu sprechen. Robert würde sich ihnen gegenüber verantworten müssen.
   Sie hatte auf ihrem Handy mittlerweile weit über einhundert Anrufe registriert. Beantwortet hatte sie keinen einzigen. Jeder, der sich gemeldet hatte, wollte wissen, warum die Hochzeit abgesagt worden war. Dessen war sie sich sicher. Aber sie wollten es nicht wissen, weil sie besorgte Freunde waren, die in einer schweren Zeit für sie da sein wollten, sondern aus reiner Neugier. Die meisten der Leute, die zu ihrer Hochzeit eingeladen worden waren, kannte sie nicht einmal persönlich, allerhöchstens flüchtig. Sie waren Freunde von Robert oder seiner Eltern. Menschen, die man unbedingt einladen musste, wenn man sich standesgemäß trauen wollte. Ihr sollten sie eigentlich egal sein. Trotzdem machte sie sich Gedanken darüber, was diese Menschen nun von ihr hielten. Hatte sich bereits herumgesprochen, dass sie ihren Job verloren hatte? Dachten alle, sie wäre durchgedreht?
   Der einzige Mensch, dem sie jetzt noch traute, war ihr Bruder Bradley. Doch er lebte an der Ostküste, und Alex war noch nicht bereit, ihm ihr Scheitern einzugestehen. Sie wollte es sich ja noch nicht einmal selbst eingestehen – wie sollte sie es dann Brad erklären? Er hatte Robert schon immer mit eher skeptischem Blick betrachtet. Sie hatte ihn auf Drängen ihres Verlobten sogar mehrfach auffordern müssen, höflicher zu sein. Trotzdem hatte Brad ihre Entscheidung, ihr Leben mit Robert zu verbringen, nie infrage gestellt. Wenn sie ihn darum bitten würde, wäre er mit dem nächsten Flieger, den er erwischen würde, bei ihr. Das wusste sie. Und doch wollte und konnte sie ihm nicht gegenübertreten. Noch nicht.
   Laut dem letzten Wegweiser waren es nur noch ein paar Meilen bis Lake Anna. Es war dunkel und eisig kalt. Der Regen prasselte schon seit Stunden heftig gegen die Windschutzscheibe. Die Scheibenwischer versagten fast ihren Dienst. Alex’ Kopf schmerzte. Ihre Augen waren vor Überanstrengung trocken und brannten. Nur mit größter Mühe konnte sie sich noch wach halten. Aber jetzt würde sie keine Pause mehr einlegen. Sie war fast da.
   Wie aus dem Nichts tauchten plötzlich die ersten Umrisse der Stadt vor ihr auf. Sie fuhr rechts ran und las im Schein der Innenbeleuchtung des Wagens noch einmal die Wegbeschreibung. Sie durchquerte den kleinen Ort, von dem sie in der Dunkelheit und wegen des strömenden Regens so gut wie nichts erkennen konnte, und folgte einer winzigen, kurvigen Straße weitere drei Meilen. Zuerst übersah sie den kleinen Weg, der zur Hütte führte. Erst, als sie vor einem Tor hielt, das den dahinter liegenden Besitz als Bennett Ranch auswies, drehte sie um und fuhr im Schritttempo zurück. Sie fand den Weg und bog ab. Nur drei Meter weiter hatte sie ihren Mini im Schlamm des aufgeweichten Bodens festgefahren.
   Sie probierte mehrmals, den Wagen wieder freizubekommen, hatte aber das Gefühl, ihn nur noch tiefer in den Matsch zu manövrieren. Hilflos sah sie Angelo an. Er blickte mit schief gelegtem Kopf zurück.
   »Hey, es kann nicht weit sein.« Sie versuchte, dem Hund und sich selbst Mut zu machen. »Höchstens hundert Meter oder so. Wir rennen einfach zur Hütte. Um das Auto kümmern wir uns, wenn dieser verdammte Regen endlich aufhört.«
   Entschlossen öffnete sie die Tür und ließ Angelo hinaus. Sie rannte los. Als sie das kleine Blockhaus erreichte, war sie völlig durchnässt und im Schlamm zwei Mal ausgerutscht und gestürzt. Beim zweiten Mal war sie mit dem Gesicht über einen Baumstamm geschrammt, der am Wegrand lag und einen brennenden Kratzer auf ihrer Wange hinterlassen hatte. Als sie endlich mit bebenden Fingern die Tür aufschloss, zitterte sie am ganzen Körper, vor Kälte, vor Erschöpfung, vor Schmerz – und vor Einsamkeit.
   Ihre Hand tastete nach dem Licht und fand den Schalter. Bitte, lass Strom da sein. Sie hatte zwar vor ihrer Abfahrt beim Elektrizitätswerk angerufen, war sich aber nicht sicher, ob es tatsächlich funktioniert hatte. Die Glühbirne, die von der Decke baumelte, flackerte kurz, hielt zum Glück durch und tauchte die Hütte in ein trübes gelbes Licht.
   Sie ließ ihren Blick über den großen Raum schweifen, der wohl der Wohnbereich war. Er war spärlich eingerichtet. Ein Sofa, ein Sessel und eine Kochnische. Mehr war da nicht. Eine Tür führte in ein kleines Bad mit einer alten Badewanne mit Klauenfüßen. An einer Wand des Wohnraumes befand sich ein Kamin, der sie jedoch kalt und schwarz anstarrte. Die Luft roch feucht und abgestanden. Alles war mit einer dicken, schmutzigen Staubschicht überdeckt, abweisend und unbehaglich.
   Alex schluckte schwer und schloss die Tür hinter sich und Angelo. Für eine Nacht würde es gehen, redete sie sich ein. Morgen würde sie putzen. Natürlich war ihre neue Bleibe wesentlich spartanischer, als sie es sich vorgestellt hatte, aber schließlich brauchte sie keinen Luxus. Sie würde ins Bett fallen und schlafen. Und wenn sie aufwachte, wäre ein neuer Morgen angebrochen und alles würde freundlicher aussehen.
   Sie stieg die schmale Holztreppe, die an der Wand entlangführte, hinauf. Unter dem Dach lag das Schlafzimmer, das nur mit zwei altersschwachen Kommoden, einem alten Schrank und einer offensichtlich noch älteren Liege ausgestattet war. Die Staubschicht aus dem Wohnbereich setzte sich auch hier auf den Möbeln und dem Boden fort. Angelo schnüffelte interessiert an den muffigen Möbelstücken herum. Egal. Morgen wird alles besser aussehen. Sie müsste einfach nur schlafen, endlich schlafen.
   Natürlich hatte sie nicht daran gedacht, Bettwäsche oder eine Decke mitzunehmen, also suchte sie in den klemmenden Schubladen nach einer Decke, die sie benutzen konnte und die sie gegen Kälte und Feuchtigkeit schützen würde. Alles, was sie fand, war ein alter, klammer Schlafsack, der äußerst fragwürdig roch. Aber da er das Einzige war, was einer Decke auch nur ähnelte, rollte sie ihn auf der Liege aus und legte sich hin, nur um den Bruchteil einer Sekunde später schmerzhaft auf dem Boden zu landen. Die morsche Liege, die nicht viel bequemer gewesen war als die in der Ausnüchterungszelle vor ein paar Tagen, war unter ihr zusammengebrochen. Vermutlich aus Altersschwäche.
   Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Sie schleppte sich mit dem Schlafsack wieder in den Wohnraum hinunter und breitete ihn auf der alten, aber wesentlich stabileren Ledercouch aus. Sie brachte nicht mehr die Energie dafür auf, sich auszuziehen. Also krabbelte sie, so wie sie war, in ihr provisorisches Bett und starrte die flackernde, schwache Glühbirne über sich an. Einen Moment lang überlegte sie, das Licht auszuschalten. Doch auch dazu brachte sie nicht die Energie auf. Außerdem war es ihr nicht geheuer, allein in der Dunkelheit zu liegen. Sie schloss einfach nur ihre brennenden Augen und einige Sekunden später war sie bereits in einen erschöpften Tiefschlaf gefallen.

»Es ist schön, dass ihr das mit der Hochzeit doch noch hinbekommen habt, Kinder. Diese Streiterei hat mich ganz nervös gemacht.« Theatralisch wie immer fächelte sich Alex’ Mutter mit einem Spitzentaschentuch Luft zu. »Aber jetzt ist ja alles gut.« Flüchtig küsste sie Alex und Mandy auf die Wange, schritt den Gang zum Altar hinunter und setzte sich in die erste Bankreihe.
   Die Kirche sah wundervoll aus. Genau wie Alex es geplant hatte. Vor dem Altar stand ihr wunderschöner Bräutigam mit einem Frack bekleidet und grinste ihr entgegen. Die ersten Töne des Hochzeitsmarsches erklangen, und Alex und Mandy setzten sich in Bewegung. Gemeinsam schritten sie den Mittelgang der Kirche entlang, vorbei an den voll besetzten Bankreihen, den Menschen, die sie neugierig betrachteten und ihnen mit ihren Blicken folgten.
   Genau in dem Moment, in dem sie vor den Altar traten, endete der Hochzeitsmarsch und Stille trat ein. Robert stand neben ihr, den Blick jedoch nicht glücklich und erwartungsvoll wie sie selbst. Er runzelte verwirrt die Stirn. Irritiert blickte er zwischen ihr und Mandy hin und her und warf schließlich dem Priester einen Hilfe suchenden Blick zu. Das Schweigen begann, sich unangenehm auszudehnen. Alex spürte alle Blicke auf sich gerichtet, doch sie sah nur Robert an, den Mann den sie liebte.
   Mit einem kleinen Hüsteln räusperte sich der Priester schließlich. Alex wandte sich zu ihm um. Ihm schien die Situation ebenfalls sehr unangenehm zu sein.
   »Miss Summers«, flüsterte er. »Die Brautjungfer sollte links neben der Braut und nicht zwischen Braut und Bräutigam stehen.« Nachsichtig lächelte er sie an.
   »Was?« Jetzt war es an Alex, verwirrt zu blinzeln. Sie blickte an sich hinunter. Sie trug das hellblaue Brautjungfernkleid, das sie für Mandy ausgesucht hatte. Das würde ja bedeuten … Sie drehte sich zu Mandy um, und tatsächlich, ihre Freundin trug ihr Brautkleid.
   Verschmitzt zwinkerte ihre beste Freundin ihr zu und brach in schallendes Gelächter aus. Sie drehte sich zu den Hochzeitsgästen im Kirchenschiff um. »Ist das nicht süß?«, brüllte sie vor Lachen. »Die Kleine glaubt immer noch, dass Robert eine so langweilige und farblose Frau heiraten will. O Alexandra.« Sie drehte sich wieder zum Altar. »Du wirst ihn niemals bekommen. Du bist doch nicht in der Lage, einen Mann wirklich glücklich zu machen. Mein Gott, du bist ja noch nicht mal in der Lage, einen Job zu behalten.« Ihr Lachen wurde immer lauter und ohrenbetäubender. Schockiert drehte sich Alex ebenfalls zu der Hochzeitsgesellschaft um und blickte in die Gesichter ihrer Mutter und ihrer ehemaligen Arbeitskollegen. Nach und nach begannen alle, in Mandys Lachen einzustimmen. Der Lärm schloss sich um sie und begann, ihr die Kehle zuzudrücken. Obwohl sie stand und den harten Boden der Kirche unter ihren Schuhsohlen spüren konnte, begann sie zu fallen. Sie fiel und fiel und fiel – in die Unendlichkeit.

Keuchend kam Alex zu sich. Sie zitterte und schnappte nach Luft, sog gierig den kalten, feuchten Sauerstoff, der sie umgab, in die Lungen.
   Langsam wurde ihr bewusst, dass sie einen Albtraum gehabt hatte. Aber sie war aufgewacht. Es war also alles in Ordnung.
   Nichts war in Ordnung.
   Sie blickte sich im Zimmer um. Es war ein dunkler, schmutziger Raum, von einer einsamen Glühbirne erhellt. Jetzt erinnerte sie sich wieder. Sie war in die Hütte ihres Großonkels Eddie geflohen. Ein Ort, der alles noch schlimmer machte, als es sowieso schon war. Sie dachte an die Designermöbel in Roberts Wohnung, in der Wohnung, die jetzt auch ihre wäre, wenn das mit ihm und Mandy nicht passiert wäre. Oder, wenn sie es nicht herausgefunden hätte. Im Moment wäre Alex sogar dazu bereit, über den Seitensprung hinwegzusehen. Mühsam schob sie den Gedanken beiseite und sah Angelo an, der erwartungsvoll vor ihr hockte und mit dem Schwanz wedelte.
   »Du hast Hunger, was?«, murmelte sie mit heiserer Stimme. Quälend langsam wie eine alte Frau stand sie vom Sofa auf. Ihre Kleider waren immer noch feucht und ihr Körper steif und verkrampft.
   Sie trat aus dem Haus, um Angelo sein Geschäft erledigen zu lassen – und landete direkt in einer dicken Nebelwand, die das Zwielicht des anbrechenden Tages gespenstig wirken ließ. Der strömende Regen war einem kalten, unangenehmen Nieseln gewichen. Vorsichtig folgte sie dem Weg zu ihrem Auto. Ihre schmerzende Wange erinnerte sie an den Sturz in der Nacht, den sie nicht noch einmal wiederholen wollte.
   Ihr Gepäck lag noch im Wagen. Sollte sie das jetzt wirklich alles ausladen und in die Hütte schleppen? Sie entschied sich, nur den Sack mit dem Hundefutter und die zwei Fressschalen mitzunehmen. Den Rest würde sie später holen.
   Sie kam zitternd vor Anstrengung und nach Luft keuchend zurück zu dem kleinen Blockhaus. Sie fütterte Angelo und ließ sich mit letzter Kraft wieder auf die Couch fallen. Ihr war schwindlig, und ihre nassen, kalten Kleider ließen sie frieren. Sollte sie ein Feuer im Kamin machen? Sie verwarf den Gedanken. Dazu würde ihre Kraft nicht reichen.
   Heute war Sonntag. Würde sie noch arbeiten, wäre sie mit zwei Arbeitskollegen zum Brunch verabredet gewesen, um einen gemeinsamen Fall zu besprechen. Sicher würden die beiden nachher trotzdem in das schicke, angesagte Restaurant gehen. Für sie gab es in der Firma bestimmt auch schon einen Ersatz. Vielleicht Lucas.
   Ihr Herz schnürte sich zusammen. Plötzlich kamen ihr die Tränen. Sie hatte nicht geweint, als man sie feuerte. Sie hatte es geschafft, nicht zu weinen, als sie Robert und Mandy erwischte. Und sie war sogar stark geblieben, als sie morgens in einer Ausnüchterungszelle zu sich gekommen war und als Mandy ihr die Wahrheit über ihre Beziehung an den Kopf geworfen hatte. Doch jetzt, in dieser schäbigen Hütte, stiegen die Tränen in ihre Augen und ließen sich plötzlich nicht mehr zurückdrängen. Langsam rollte der erste Tropfen über die Wimpern und prallte auf ihre Wange. Von dort rollte er weiter hinab, über den Hals, bis er im Kragen ihrer feuchten Bluse verschwand. Eine zweite Träne folgte, und Alex wurde von einem schmerzhaften Schluchzen geschüttelt. Sie weinte. Zusammengerollt auf dem Sofa. Weinte, bis sie keine Tränen mehr hatte.