Jülich, im Jahre 1608.

„Schwach im Geiste“ betiteln die Fürsten den Herzog von Jülich-Kleve-Berg und streiten um sein Erbe. In der Schlossküche zu Jülich bekommt die junge Köchin Mia von all dem nichts mit. Mit Eifer erfindet sie neue Rezepte, um den Gaumen des Herzogs zu verwöhnen. Als ein Giftanschlag auf ihn verübt wird, muss Mia fliehen, denn sie steht an erster Stelle der Verdächtigen. Ihr Weg führt sie in die Unterwelt der Stadt Köln. Unter den Dieben, Bettlern und Huren lernt sie Adrian kennen und verliebt sich in ihn. Adrian jedoch verbirgt ein schwerwiegendes Geheimnis und schon bald muss Mia wieder vor mächtigen Feinden flüchten, die ihr dicht auf den Fersen sind. Ist Adrians Liebe tief genug, um ihr auch über die Grenzen der Stadt hinweg beizustehen?

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ISBN: 978-9963-52-169-2

Seiten: 409

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Gabriele Breuer

Gabriele Breuer
Geboren am 25.04.1970 in Hürth-Hermühlheim, lebt Gabriele Breuer mit ihrem Mann und Sohn in Köln. Sie arbeitet als Verwaltungsangestellte in einem Seniorenzentrum. Seit ihr Sohn den Kinderschuhen entwachsen ist, widmet sie sich in ihrer Freizeit ausgiebig der Schriftstellerei. Dabei ist sie neben Historischen Romanen auch in anderen Genres unterwegs.

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Gefüllten Magen vom Hammel zurichten

Wasch den Hammelmagen fein sauber aus und reib ihn mit Salz ein. Nimm rohen Speck und Zwiebeln, schneid’s fein breit, gib es in zerlassene Butter und sieh, dass du es nicht verbrennen lässt. Gib danach ein Ei oder drei oder vier darunter. Schlage es durcheinander, gib dazu grüne Kräuter und rühr sie mit ein. Misch alles durcheinander. Wenn du die Füllung anmachen willst, nimm Safran, Pfeffer, Salz und drei oder vier Eidotter, so wird es gut. Füll den Magen damit und schließe ihn mit einem hölzernen Spießlein. Setz ihn in Wasser auf und lass ihn gar sieden. Wenn’s gesotten ist, nimm ihn aus dem Wasser, säubere ihn außen, gib ihn in einen verzinkten Fischkessel und gieße eine wohlschmeckende Rindfleischbrühe darüber. Brenn ein wenig Mehl ein und lasse Petersilienwurzel und Muskatblüten darin sieden. Ist es gekocht, so wirf ein wenig zerlassene Butter, die ungesalzen ist, darein und lasse sie mit sieden. Du magst die selbige Brühe weiß lassen oder gelb machen, denn die Füllung im Magen ist gelb, dass es sich vergleichen lässt mit der Farbe.

Marx Rumpolt, Ein new Kochbuch,
Frankfurt am Main 1581
(Übersetzung)

1. Kapitel

Mia starrte die Rosenköhlchen auf der Arbeitsplatte an, als erwartete sie jeden Augenblick eine Antwort von ihnen. Hinter ihr klapperte Geschirr, untermalt von vertrautem Gemurmel, was sie jedoch nur unterschwellig wahrnahm. Sie griff nach einer Muskatnuss und rollte sie zwischen Daumen und Fingerspitzen. Die erste Zutat ihrer Gewürzkomposition stand schon einmal fest. Vielleicht sollte sie noch Thymian dazugeben. Aus den Augenwinkeln sah Mia, dass Walther sie beobachtete. Über seine Lippen huschte ein Lächeln, bevor er das Messer zur Seite legte und sich neben Mia stellte. So sehr sie auch die Herausforderung liebte, die Speisen selbst kreieren zu dürfen, war sie zu jeder Zeit froh, wenn der Küchenmeister ihr mit Rat und Tat zur Seite stand.
   Er reichte ihr die Haube, die sie achtlos auf der Arbeitsplatte abgelegt hatte. »Du solltest sie überziehen, meine Liebe. Der Herzog wird verärgert sein, wenn er eines deiner Haare aus den Zähnen ziehen muss.«
   Ohne den Blick von dem Gemüse zu wenden, stülpte Mia die weiße Haube über ihr Haar. Sie mochte es nicht, ihre dunkelbraunen Locken damit zu bändigen, denn sie fand es schön, wenn das Haar in Kringeln von ihrem Kopf abstand und ihr Gesicht umrahmte. Deshalb stutzte sie auch regelmäßig ihr Haar bis kurz über die Schultern, damit sich die Locken nicht aushingen. Eine Strähne löste sich aus der Haube und federte auf ihre Stirn. Mia pustete sie aus den Augen und griff nach einem Ei. Durch die Küche der Jülicher Zitadelle zog der Duft von kross gebratenen Wachteln, die im Ofen vor sich hin schmorten. In den Kesseln auf dem Herd brodelte und köchelte es. Dampfschwaden stiegen auf und reicherten die Luft mit Feuchtigkeit an.
   »Deine Augen sind so schwarz wie der Nachthimmel, wenn du kochst. Weißt du das?« Walther ließ nicht locker, sie aus ihren Gedanken zu holen.
   Mia wandte sich dem Küchenmeister zu und sah ihm in die Augen, über die sich buschige Brauen zogen. Sein dichtes Haar bildete eine Einheit mit dem grau melierten Bart, der sein halbes Gesicht bedeckte. »Wirklich? Ich habe mich beim Kochen noch nie im Spiegel betrachtet. Vielleicht sollte ich das einmal tun«, sagte sie und lachte.
   Walther wollte etwas erwidern, doch seine Worte gingen in einem Scheppern unter. Über die Tonfliesen der Schlossküche rollten Kupferkessel in allen erdenklichen Größen. Der kleinste von ihnen vollführte eine schwungvolle Pirouette, bis Walthers Fuß ihn zum Stillstand brachte. Ännchen eilte herbei und bückte sich nach dem Kochgeschirr. Dabei versuchte die Magd, mit ihrem fülligen Leib zu verhindern, dass Walthers Blick auf den Küchenknecht fiel. In der letzten Zeit passierte dem armen Kerl ein Malheur nach dem anderen, sehr zum Unmut von Walther. Rutgers abstehende Ohren glühten in den Strahlen der Dezembersonne, die durch die hohen, gebogenen Fenster fielen. Aus seinem Gesicht allerdings war jegliche Farbe gewichen, und seine Augen waren vor Schreck geweitet. Er kratzte sich an der rechten Wange, als spürte er, was sich als Nächstes zutragen sollte. Entgegen der Gewohnheit ihn zu ohrfeigen, griff der Küchenmeister nach einer verzinkten Suppenkelle. Ännchen runzelte die Stirn und hob die Arme, um sich schützend vor Rutger zu stellen, aber Walther stieß sie zur Seite. Einen Wimpernschlag später drosch er mit dem Küchengerät auf den Jungen ein. Obwohl die Schläge nur seine Arme trafen, die er sich über den Kopf hielt, heulte Rutger wie ein Wolf bei Vollmond.
   Mia konnte das nicht mit ansehen. Sie atmete tief durch und öffnete die weiß getünchte Tür zum Gemüsegarten. Der Frost hatte die letzten Blätter der Kräuter schrumpeln lassen. Die Rosenköhlchen, die Mia zubereitete, waren der Rest für diesen Winter. Sprütchen, nannte Herzog Johann Wilhelm von Jülich den kleinen Kohl liebevoll. Vor drei Jahren, im November 1605, hatte ihm sein Vetter die grüngelben Röschen aus Flandern mitgebracht. Immer, wenn Mia die Sprütchen sah, musste sie an damals denken. Sie war zu dieser Zeit sechzehn Jahre alt gewesen und hatte dem Küchenmeister Walther bei der Zubereitung zugesehen. Anschließend hatte sie zum ersten Mal den einzigartigen Geschmack des Gemüses gekostet. Von diesem Augenblick an träumte Mia davon, Speisen zuzubereiten und zu erfinden. Nachdem sie Walther ihren Wunsch offenbart hatte, ließ er sie Tag für Tag an die Kessel und brachte ihr bei, was ein guter Koch wissen musste. Oft schenkte er ihr mehr Aufmerksamkeit als den jungen Lehrlingen, was sie manches Mal beschämte.
   Mia rieb sich über die Arme und warf einen Blick über ihre Schulter. Das Geschrei in der Küche war mittlerweile verstummt. Rutger sammelte schweigend die Kessel von den Fliesen und stapelte sie ineinander, die anderen Köche widmeten sich wieder ihrer Arbeit und schnippelten und hackten, was das Zeug hielt. Ännchen hatte sich an den Spülstein begeben, um weiter das Geschirr abzuwaschen. Mia wusste genau, wie schwer ihr das Herz nach diesem Vorfall war. Die Magd war eine Seele von Mensch. Sie hatte ihrer Schwester auf dem Sterbebett versprochen, sich um den jungen Rutger zu kümmern. Als er nach dem Vater auch die Mutter verloren hatte, holte Ännchen ihn in die Schlossküche. Ein Seufzer entwich Mias Lippen. Sie liebte Ännchen wie eine Tochter ihre Mutter. Auch sie hatte es ihr zu verdanken, hier in der Schlossküche sein zu dürfen. Mia trat wieder zurück in die Wärme, die sie einhüllte und ihr einen wohligen Schauder bereitete. Jede der Schaum- und Schöpfkellen, die sorgfältig aneinandergereiht an einer Eisenstange über dem Herd hingen, waren ihr vertraut, jede Beule in den Kesseln auf den Holzregalen bekannt. Die Schlossküche war ihr Heim, seit sie denken konnte, und die gemauerten Rundbögen die schützenden Hände Gottes, die sie behüteten. Hier hatte sie laufen, sprechen und später kochen gelernt.
   Mia sah zu Walther, der den Spieß mit den Wachteln aus dem Ofen zog. Sein Gesichtsausdruck spiegelte seinen Unmut wider. Sie ging zu ihm und lächelte ihn an. Seine Mundwinkel zuckten leicht nach oben. Mia war sich sicher, dass sich sein Gram bald verflüchtigen würde.
   Nachdem er die Vögel vom Spieß gelöst hatte, wischte er seine Hände an einem Tuch ab und ging zu Mia, um ihr bei der Zubereitung der Rosenköhlchen zuzusehen.
   »Ihr solltet Euch nicht so aufregen. Das ist nicht gut für Euer Wohlergehen.« Mia legte die Hand auf den Unterarm des Küchenmeisters. Unter ihren Fingerkuppen kitzelte der Pelz seiner grauen Haare.
   Walther nickte und atmete tief aus. Er nahm zwei Eier, schlug sie in eine hölzerne Schüssel auf, verrührte sie mit Dinkelmehl und knetete einen festen Teig daraus.
   »Ihr habt das Salz vergessen.« Mia reichte ihm den Tiegel.
   »Stimmt, danke. Dieser Küchenjunge raubt mir noch den Verstand.« Er warf einen bösen Blick in Rutgers Richtung.
   Der Küchenjunge schälte mit gesenktem Blick einen Berg Rüben, aus denen ein Eintopf für die Bediensteten gekocht werden sollte. Dabei presste er die Lippen aufeinander, als kämpfte er mit den Tränen.
   »Seht es ihm nach, er ist noch jung! Und er hat vor nicht allzu langer Zeit seine Eltern verloren. Deswegen ist er bestimmt nicht richtig mit den Gedanken bei der Arbeit«, versuchte Mia, Walther zu beschwichtigen.
   »In all den Jahren, in denen ich am Jülicher Schloss bin, ist mir so ein Tölpel noch nicht untergekommen.« Walther schüttelte verständnislos den Kopf. »Ich sehe mir das nicht mehr lange an, dann schmeiß ich ihn aus der Küche.« Die Kiefermuskeln des Küchenmeisters zuckten.
   Ännchen, die gerade die Teller ins Regal räumte, drehte sich zu Walther. »Wo soll er denn hin? Wollt Ihr, dass er als Bettler endet? Ihr wisst doch, was ich meiner Schwester versprochen habe.« Ihre vollen Wangen röteten sich vor Entsetzen.
   »Wenn es so kommt, hat er sich das selbst zuzuschreiben. Irgendwann ist meine Geduld zu Ende«, knurrte Walther.
   »Ich glaube, ich gebe statt der Muskatnuss etwas Thymian an die Rosenköhlchen.« Mia wollte den Küchenmeister auf andere Gedanken bringen.
   »Versuche es lieber mit Koriander«, wandte Walther ein. »Der Herzog leidet zurzeit unter einer Verstopfung. Das Gewürz wird sein Gedärm wieder auf Trab bringen.«
   Mia sah ihn erstaunt an. »Koriander? Meint Ihr, das harmoniert mit dem Geschmack des Rosenkohls?«
   »Gewiss, lass es uns ausprobieren.« Walthers Stimme war wieder sanfter geworden.
   Erneut hatte Mia etwas gelernt, was sie sich unbedingt merken musste. »Dann wollen wir den Därmen des Herzogs mal helfen, damit wieder Platz für neue Speisen ist.« Mit einem Lächeln auf den Lippen viertelte sie die Röschen und dünstete sie in Schmalz. Anschließend vermengte sie das Gemüse mit zwei Eiern, würzte es mit dem Koriander und probierte von der Masse. Walther hatte recht, es schmeckte vorzüglich. Wenn sie weiterhin so viel von ihm lernte, würde sie es gewiss schaffen, irgendwann einmal am französischen Hof für den König zu kochen. Die Tatsache, dass ihr dies als Frau unmöglich sein dürfte, verdrängte sie aus ihrem Kopf und hing stattdessen wieder einmal einem Tagtraum nach. Hektisches Klappern von Geschirr hallte durch die Küche am französischen Hof. Sie stand mitten zwischen den Köchen und kreierte in aller Seelenruhe die Speisen für das königliche Bankett, schnitzte Röschen aus Karotten und überzog sie mit Kristallzucker, der wie Raureif aussah. Sie schmeckte die Füllung einer Pastete ab und rührte gleichzeitig ein Gelee aus Aprikosen, Mandeln und Erdbeeren an. Herrscher aus aller Welt lobten ihre Gerichte, die sie mit Herz und Liebe zubereitete. Mia dachte an die Schauessen, von denen Walther berichtet hatte. Als sie vor ihrem inneren Auge die Zwerge aus den Pasteten springen sah, konnte sie sich einen sehnsüchtigen Seufzer nicht verkneifen. Es musste ein grandioser Anblick sein, wenn die gebratenen Pfauen wieder mit ihrem Federkleid geschmückt wurden, aus Eisbrunnen Wein floss und ganze Städte aus Zucker die Tafel zierten.
   »Träumst du schon wieder, Mädchen?« Ännchen blickte sie verständnislos an.
   »Ach Ännchen, warum veranstaltet unser Herzog eigentlich keine Schauessen?«
   »Der hat genügend andere Sorgen«, winkte die Küchenmagd ab. »Außerdem können wir froh sein, dass ihn in der Beziehung noch nicht die Verschwendungssucht überfallen hat. Stell dir nur vor, was wir in der Küche dafür schuften müssten!« Ännchens Blick schweifte wieder zu Rutger. Wahrscheinlich wollte sie sich überzeugen, dass er keine weiteren Dummheiten anstellte. Doch der Küchenjunge trocknete mit einem Tuch brav das Geschirr, das Ännchen zuvor gespült hatte.
   »Aber bedenke, welche Kunstwerke wir schaffen könnten.« Mia ließ nicht locker. »Das Auge isst bekanntlich mit.«
   »Kunstwerke, die anschließend den Bettlern vorgeworfen werden. Ach Kind, träum nicht immerfort davon! Schließlich kannst du froh sein, dass Walther dich an die Kessel lässt.«
   Mia presste die Lippen aufeinander. Ännchen hatte recht. Es stand ihr nicht zu, vom französischen Hof zu träumen. Eigentlich hätte sie nur die Hände ins Spülwasser stecken oder die Abfälle hinaustragen dürfen.

*

Noch atemlos von der Anstrengung des Beischlafs zog der Herzog seine Kniebundhose hoch und verschloss die Schnüre. Vor ihm lag seine Gemahlin Antonie zwischen hoch aufgetürmten Kissen. Ihr Blick glich dem eines Rindviehs vor der Schlachtbank.
   »Glotzt nicht so tumb«, raunzte Johann und drehte sich von ihr ab. Glaubte dieses dumme Weibsbild etwa, ihm hätte der Akt Freude bereitet? Eine lästige Pflichtübung, mehr war es für ihn nicht gewesen. Diesen unförmigen Körper mit den hängenden Brüsten bestieg er nur, um einen Nachkommen zu zeugen. Doch langsam schwand seine Hoffnung, sein alterndes Weib würde ihm noch einen Sohn gebären. Er rückte sein Gemächt zurecht und warf Antonie ihr Kleid aus smaragdfarbener Seide zu. »Zieht Euch an, Euer Anblick verdirbt mir noch den Appetit.«
   Antonie erhob sich schluchzend aus dem Bett. Ohne ein Wort zu verlieren, zog sie das Kleid an und rief nach ihrer Kammerzofe, die sie wieder herrichten sollte. Johann warf noch einen Blick auf ihr mit Walnussschalen gefärbtes Haar, doch selbst diese Bemühungen machten sie nicht schöner. Das fiel besonders auf, wenn sie neben ihm stand. Obwohl der Herzog bereits sechsundvierzig Lenze zählte, war er ein schöner Mann mit vollem, schwarzem Haar und ebenmäßigen Gesichtszügen. In Gedanken verfluchte er den Mörder seiner ersten Gemahlin. Sie hatte ihm zwar auch keine Nachkommen geschenkt, war aber weitaus ansehnlicher gewesen als dieses Weib. Er verfluchte die Landstände, die sie auf dem Gewissen hatten und ihn anschließend zur Ehe mit Antonie zwangen. Trauer legte sich wie ein schwarzes Tuch auf seine Seele, als er an seine geliebte Jacobe dachte. Johann war sich sicher, der Mörder musste aus den Parteien der Landstände gekommen sein. Doch er war machtlos gegen die Mitregenten, die die ständige Kontrolle über ihn hatten. Johann presste die Lippen aufeinander, verließ das Gemach seiner Gemahlin und stieg die Stufen hinab in den Speisesaal.
   Ein Diener hatte bereits die Platte mit den gebratenen Wachteln zu der Tafel getragen, die Platz für drei Dutzend Schlossbewohner bot. Über ihm brannten die Kerzen an dem zwölfarmigen Kronleuchter aus dunkel gebeiztem Holz nur für ihn, denn für den heutigen Tag hatte er angeordnet, allein zu speisen. Zum letzten Mal gab es seine geliebten Sprütchen. Danach musste er wieder bis zur Ernte im nächsten Jahr warten. Mit großem Bedauern dachte er daran, wie viele Monde er auf diese Köstlichkeit verzichten musste.
   Ein Diener zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor, und der Herzog ließ sich auf dem rubinroten Samt der Sitzfläche nieder. Er drückte seinen schmerzenden Rücken gegen die eingeschnitzten Ornamente der Stuhllehne und griff nach dem Kelch. Als der Bedienstete endlich den Deckel von der Platte lüftete, verströmten kross gebratene Wachteln einen herrlichen Duft. Es war an der Zeit, sich den wahren Lüsten zu widmen und die dunklen Gedanken beiseitezuschieben. Ein Ziehen fuhr durch seinen Leib und bereitete ihm einen wohligen Schauder. Nichts konnte seine Sinne mehr verzaubern als die Kompositionen der Gewürze, die sich mit jedem Bissen an seinem Gaumen entfalteten. Die Begierde danach steigerte sich fast schmerzhaft und ließ ihn aufstöhnen. Nachdem der Diener ihm eine Scheibe der Pastete neben die Wachtel auf den Teller gelegt hatte, lief Johann das Wasser im Munde zusammen. Er schloss die Augen und sog den Duft der Speisen ein. Schon stieg das Bedauern in ihm auf, dass die Speise allzu rasch in seinem Magen und der Teller geleert sein würde. Er nahm einen kräftigen Schluck von dem roten Wein und ließ ihn seine Zunge umspielen, bevor er ihn hinunterschluckte. Bedächtig schnitt er ein Stück der Pastete ab und führte es zum Mund. Auf seiner Zunge breitete sich das Aroma der Sprütchen und des Korianders aus. Eine Komposition, die ihn beinahe in einen Rausch versetzte. Er schloss die Augen, und unter seinen Lidern sammelten sich Tränen der Verzückung. Nachdem er den Bissen geschluckt hatte, wischte er sich mit dem Hemdsärmel die Nässe von den Wangen. Johann hob die Lider, schnitt ein Stück von der Wachtel und schob es sich zwischen die Zähne. Er aß nicht, er zelebrierte das Mahl. Verzückte Laute von sich gebend, schaukelte er sich über Stunden hinweg in dem Rausch seiner Begierde.
   Als die Platten später bis zum letzten Bissen geleert waren, glaubte Johann, zu platzen. Arme und Beine fühlten sich an, als fließe Blei hindurch. Er sehnte sich nur noch nach den Kissen seines herzoglichen Bettes, in denen er versinken konnte.
   Schwerfällig erhob er sich von dem Stuhl, verließ den Speisesaal und zog sich am vergoldeten Treppengeländer hoch. In seinem Gemach ließ sich Johann rücklings auf sein Bett fallen. Die Gedanken an das bevorstehende Weihnachtsfest überfielen ihn. So sehr er sich auf die Speisen freute, grauste es ihm vor der Anwesenheit seiner Verwandtschaft. Tasso, sein Jagdhund, leckte ihm die Finger. »Ach, mein treuer Gefährte. All die Herren mit ihren Gemahlinnen, die sich an Weihnachten auf meine Kosten die Leiber vollschlagen werden, sind so falsch wie die Schlange im Paradies! Glaube mir, sie zünden Kerzen in ihren Kirchen an und beten, damit ich ohne Nachfolger ablebe. Diesen Gefallen erweise ich ihnen nicht. Ich werde alles daransetzen, einen Sohn zu zeugen. Darauf kannst du dich verlassen.« Johann griff nach Tassos Ohr und ließ seine Finger mit dem weichen Fell spielen. »Mir bleibt nicht viel Zeit. Wenn der Allmächtige mich noch nicht zu sich rufen will, werden sie gewiss nachhelfen wie bei Jacobe damals.« Ein tiefer Seufzer entfuhr Johann. »Dieser Marschall Bretzen … In meinen Augen ein vollkommen unfähiger Mann. Die spanischen und niederländischen Truppen toben sich in unserem Land aus als wäre es ihr eigenes. Das wundert einen nicht, wenn ihnen niemand Einhalt gebietet. Dieser Bretzen müsste unserem Kaiser täglich davon berichten und Hilfe erbitten, damit Rudolf endlich mal aus seinem Prag rauskommt. Aber was macht dieser Landrat? Nichts, einfach nichts! Schleicht mit seiner falkenhaften Gestalt zwischen Düsseldorf und Jülich umher, steckt überall seine spitze Nase hinein, aber mal etwas zu unternehmen. Pah, dazu ist er nicht in der Lage.«
   Tasso gab ein leises Knurren von sich.
   »Ja, ganz recht, mein Lieber.« Johann tätschelte dem Jagdhund den Kopf. »Selbst gegen die Protestanten unter den Landständen wettert Bretzen nicht. Steckt wahrscheinlich sogar mit ihnen unter einer Decke.« Johanns Gedanken kehrten zurück zu seiner Verwandtschaft, den Brandenburgern und den Pfalz-Neuburgern, die in die Familie eingeheiratet hatten, um in der Erbfolge um das Jülicher Land ganz oben zu stehen. Johanns Lider wurden immer schwerer. Der rostfarbene Baldachin über ihm verschwamm vor seinen Augen, ehe er in den Schlaf sank. In seinen Albträumen sah Johann, wie Anna, die Tochter seiner verstorbenen Schwester, mit ihrem Gemahl Sigismund von Brandenburg in die Schlosszitadelle zog. Ihr ganzes Hab und Gut wurde auf Wagen angefahren. Mit eiserner Hand wies seine Nichte die Diener an, den bisherigen Hausstand des Schlosses auf dem Innenhof verbrennen zu lassen.
   Als Johann erwachte, rannen heiße Tränen über seine Wangen. Sein Kampfgeist keimte in ihm auf. Nie und nimmer würde er dieses Volk die Herrschaft übernehmen lassen.

*

Der Schein des Feuers spendete ein warmes Licht und ließ Adrians Schatten an den Tuffsteinblöcken tanzen. Um ihn schloss sich kreisrund das Mauerwerk aus Sandstein. In den Hohlraum unter dem Rathaus der freien Reichsstadt Köln mündeten unterirdische Gänge, von denen fast niemand wusste, wozu sie vor langer Zeit gebaut worden waren.
   Auf einem der herumliegenden Steinquader schlief Adrians Freund Will im Sitzen den Schlaf der Gerechten. Die Arme vor der Brust verschränkt und den Kopf nach vorn gebeugt, gab Adrians Kumpan ein leises Grunzen von sich. Seit fast zehn Jahren lebten sie gemeinsam in diesem Gemäuer. Adrian musste ungefähr fünfzehn Jahre alt gewesen sein, als er den Hohlraum bei einem ihrer Streifzüge durch die Unterwelt entdeckt hatte. Von da an hatten sie einen Platz, den sie ihr Heim nennen konnten. In den alten Gängen, die zu ihrem Lager führten, versteckte sich auch das Gesindel der freien Reichsstadt. Hier suchten die Bettler und Diebe Schutz vor dem Regen und der Kälte in den Kölner Gassen. Niemand von ihnen ahnte, was Adrian und Will in ihrem Versteck trieben, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Ein ungeschriebenes Gesetz verwehrte es ihnen, Will und ihm hinterherzuschnüffeln. Ohne Ausnahme hielten sich die ehrlosen Bewohner der Unterwelt daran.
   Adrian tippte Will mit dem Zeigefinger auf die Schulter. Sein Freund riss die Augen auf, schüttelte den Kopf mit den strohblonden Locken, um wach zu werden, und rieb sich mit den Handballen den Schlaf aus den Augen.
   »Was ist los? Warum weckst du mich?« Seine Augen glichen denen eines Eichhörnchens.
   »Ich wollte dir nur sagen, dass ich nach Jülich aufbreche.« Adrian griff nach seinem schwarzen Mantel, zog ihn über und befreite sein haselnussfarbenes Haar aus dem Kragen.
   Sein Kumpan sah ihn verdutzt an. »Willst du allein reisen?«
   »Es ist nicht gut, wenn wir zusammen im Schloss aufkreuzen. Halt du lieber hier die Stellung. Glaube mir, ich schaffe es schon, Heinrich von Lothringen zu überzeugen, dass er uns den Auftrag geben muss.«
   »Woher willst du wissen, dass er schon auf Schloss Jülich ist?«
   »Ich habe meine Quellen«, sagte Adrian und zwinkerte.
   »Sind die verlässlich?«
   Adrian hob eine Augenbraue. »Ich denke schon. Die Herzogin weiß bestimmt, wann ihr Bruder eintrifft.«
   Will pfiff anerkennend durch die Zähne. »Heinrich hat also seine Schwester eingeweiht.«
   »Wird wohl so sein. Wenn sie als Mittelmann fungiert, kann uns das viel Zeit ersparen.«
   »Sieh zu, dass du dich gut mit ihr hältst.« Will erhob sich und räumte die Steine aus dem Zugang zu ihrem Versteck beiseite.
   Adrian klopfte ihm zum Abschied auf die Schulter. Er kroch durch die halbrunde Öffnung zu dem Gang, in dem er aufrecht gehen konnte. Staub bedeckte seinen Mantel, als er sich hinter dem geheimen Zugang auf die Füße stellte und die Fackel in seiner Hand an einem der ewigen Lichter der Unterwelt entfachte. Zwei Handbreit über ihm bog sich das Gemäuer aus Tuffsteinblöcken. Bevor er den Gang erreichte, in dem die Bettler und Diebe herumlungerten, klopfte er sich den Staub von seinem Mantel. Zu dieser Tageszeit war nicht sehr viel los, nur die Schwachen und Kranken suchten Schutz. Die meisten der Bewohner bettelten zur Mittagszeit in den Gassen rund um den Aldemarkt oder bestahlen die Leute auf dem Fischmarkt. Erst, wenn die Sonne hinter dem Kran auf der großen Kathedrale verschwunden war, krochen sie zurück in die unterirdischen Gänge.
   Ein Bein stellte sich Adrian in den Weg. Im letzten Augenblick blieb er stehen, um nicht darüber zu stolpern. Er blickte auf einen Bettler, der ihn mit einem zahnlosen Mund angrinste. Sein Mantel wies mehr Löcher auf als der niederländische Käse, der auf dem Aldemarkt angeboten wurde.
   »Wohin des Weges, edler Herr?«
   Adrian stieg über das Bein. »Das geht dich nichts an, Matthis, das weißt du.«
   »Irgendwann wird einer von uns das Nichts finden, aus dem du immer auftauchst. Verlass dich darauf«, brummelte der Bettler zwinkernd.
   Adrian wusste, Matthis meinte es nicht ernst. Er schenkte ihm ein Lächeln und kletterte die Holzleiter hinauf, die durch eine Öffnung zu einer Gasse in der Nähe des Aldemarkts führte.

*

Auch am nächsten Tag herrschte in der Schlossküche eine Stimmung, die den tief hängenden Wolken am Himmel gleichkam. Schweigend knetete Mia aus Mehl, einem Ei, Schmalz und Wasser einen Mürbeteig für das heutige Gericht. Die Hände im Teig vergraben, blickte sie zu Walther, dessen Laune wieder einmal zu wünschen übrig ließ. Mit einem mürrischen Ausdruck im Gesicht rührte er in einem großen Kessel, der auf dem Herd stand. Es fiel Mia schwer, zu glauben, Rutger sei der einzige Grund für seinen Unmut.
   Während der Teig ruhte, drehte Mia das Ochsenfleisch durch den Wolf und kochte es in Wasser. Danach gab sie es in ein Sieb zum Abtropfen und würfelte die Äpfel, den Speck sowie die Zwiebeln und den Knoblauch. Sie versuchte, sich voll und ganz auf die Zubereitung der Speisen zu konzentrieren, doch ihre Gedanken schweiften immer wieder zurück zu Walther. Ännchen hatte seit dem letzten Vorfall kein Wort mehr mit dem Küchenmeister gesprochen. Mia konnte es nicht ertragen, wenn sie sich stritten. Mit schwerem Herzen hackte sie den Liebstöckel und vermischte die Zutaten mit dem abgetropften Hackfleisch und den Eiern. Die Fleischmasse gab sie auf den ausgerollten Teig und umschloss sie damit. Nachdem sie den Heidnischen Kuchen in den Ofen geschoben hatte, beschloss sie, mit Walther zu reden. Sie wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab und begab sich an den Herd.
   »Rutger ist noch jung, und Ännchen hat ihrer Schwester versprochen, sich um ihn zu kümmern. Warum verzeiht Ihr ihm nicht einfach das kleine Malheur? Es ist doch nichts zu Bruch gegangen.« Mia legte die Hand auf Walthers Unterarm.
   »Noch nicht, aber es wird nicht mehr lange dauern. Glaube mir, dieser Tölpel zerstört mir irgendwann die ganze Küche«, murrte Walther, ohne von der Suppe aufzublicken.
   »Nun übertreibt Ihr aber. Dafür müsste er schon auf einem Pferd hier durchgaloppieren.« Mia versuchte Walther mit einem Lächeln aufzumuntern, doch dieser schnaubte nur verächtlich. Sie kämpfte mit der Versuchung, ihn am Bart zu kitzeln, aber dann sah sie zu Ännchen. Der Blick ihrer Ziehmutter verriet ihr, sie möge den Küchenmeister besser in Ruhe lassen. Mia seufzte, wandte sich von Walther ab und beschloss, sich ein wenig im Schlosshof die Beine zu vertreten. Sie nahm ihren Umhang vom Haken an der Wand und verließ wortlos die Küche. In ihrem Rücken spürte sie Walthers Blick, dann fiel die Tür ins Schloss.
   Die Beete um die Reiterstatue in der Mitte des Hofes wirkten trostlos ohne die Blumen des Sommers. Der erste Schnee war schon wieder geschmolzen, und die Nässe, die er hinterlassen hatte, färbte die Pflastersteine dunkel. Mia blickte zum Nordturm, dem größten der vier Ecktürme des Schlosses, der sogar von Weitem zu erkennen war. Die Binnenhofloggia erinnerte an einen italienischen Palazzo, wie Walther immer sagte. Der Hof ließ nicht erahnen, welche Festung ihn umgab. Die vierzackige Wallanlage schützte das Schloss vor Eindringlingen. Der Herzog rühmte seine Bastion als eine der sichersten nördlich der Alpen, Mia interessierte dies nicht sonderlich. Die Küche war der Platz, an den sie gehörte, ob mit oder ohne Wall. Sie senkte den Kopf, stieß mit ihrer Schuhspitze einen Stein vor sich her und dachte an das Weihnachtsfest. Das Menü, das aufgetragen werden sollte, musste diesmal besonders fein sein, weil viele Gäste auf dem Schloss erwartet wurden. Acht lange Tage dauerte es noch, bis es endlich so weit war. In Mias Bauch kribbelte bereits die Vorfreude auf die Zubereitung der Speisen. In Gedanken atmete sie den Duft des Gänsebratens ein. Das Gefühl von Geborgenheit breitete sich in ihrem Leib aus und ließ sie die schlechte Stimmung in der Küche vergessen.
   »Du solltest aufpassen, wo du hinläufst.«
   Eine Männerstimme riss Mia aus ihren Gedanken. Die Hände auf ihren Schultern hinderten sie daran, weiterzugehen. Sie hob erschrocken den Kopf und blickte in die samtbraunen Augen eines jungen Mannes, der sie freundlich ansah. Diesen Fremden, der in einen schwarzen Mantel gehüllt war, hatte sie noch nie gesehen. Sein Blick hielt sie für einen Augenblick gefangen, bevor er die Hände von ihren Schultern nahm.
   »Verzeiht, ich war in Gedanken«, stammelte Mia.
   Ein Lächeln umspielte seine Lippen. »Verrätst du sie mir?«
   In Mias Nacken breitete sich eine Hitze aus, die bis zu ihren Ohren hinaufkroch. Verlegen wandte sie den Blick ab. »Ach, es war nichts Besonderes. Ich dachte nur über die Speisen für die Weihnachtstage nach.« Es fiel ihr schwer, diesem Mann in die Augen zu blicken. Etwas Geheimnisvolles umhüllte ihn, das ihr einen Schauder über den Rücken jagte.
   »Das hört sich gut an. Arbeitest du auf dem Schloss als Küchenmagd?«
   Mia überlegte kurz. Sie hatte sich noch nie die Frage gestellt, ob sie nun eine Küchenmagd war oder nicht. »Ich denke eher, ich bin eine Köchin«, antwortete sie stolz.
   »Oh, eine Köchin.« Der junge Mann hob anerkennend die Augenbrauen.
   »Glaubt Ihr mir etwa nicht?«
   »Natürlich glaube ich dir. Warum auch nicht? Schließlich sind in der Stadt, aus der ich komme, die Frauen in fast allen Berufen vertreten.«
    »Wirklich?« Mia riss die Augen auf. »Von woher kommt Ihr denn?«
   »Mein Name ist Adrian Thurn, und ich komme aus Köln. Dort bilden die Frauen sogar Zünfte und das seit über zweihundert Jahren.«
   Mia sah ihn ungläubig an. Sie fand es unbegreiflich, was der Mann ihr da erzählte. In diesem Augenblick stellte sie fest, wie wenig sie von der Welt hinter dem Wall wusste. Eigentlich fast nichts. Sie kannte nur die Küche, das Schloss und dessen Bewohner. Ihr Wunsch, nach Frankreich zu gehen, um dort am königlichen Hof zu kochen, kam ihr mit einem Mal töricht vor.
   »Verrätst du mir auch deinen Namen?« Adrians Worte rissen sie aus den Gedanken.
   »Entschuldigt meine Unhöflichkeit. Mein Name ist Mia. Mia Weyer.«
   »Mia, die Köchin des Herzogs von Jülich. Das passt gut«, sagte er zwinkernd.
   »Und Ihr? Wer seid Ihr und was führt Euch hierher?«
   Von seinen Lippen verschwand das Lächeln. Er senkte den Blick. »Ich bin Kaufmann und auf dem Weg zur Herzogin«, sprach er mit gedämpfter Stimme.
   »Mit welchen Waren handelt Ihr denn?«
   Adrian zögerte für einen Augenblick mit der Antwort. »Ich handle mit feinen Stoffen aus dem Orient.«
   »Oh, wie schön. Ich beneide die Herzogin um ihre Kleider.« Mia sah zu den Fenstern der Küche. Sie musste sich wieder um ihren Heidnischen Kuchen kümmern. »Entschuldigt mich, aber die Pflicht ruft. Sonst verbrennt mir noch die Speise.«
   »Was gibt es denn Gutes?« Auf Adrians Lippen war das Lächeln zurückgekehrt.
   »Habt Ihr Hunger?« Ein hungriger Gast war ihr immer willkommen.
   »Hunger habe ich, aber die Herzogin erwartet mich.«
   »Kommt mit mir. Für eine kleine Stärkung wird wohl Zeit sein.« Mia griff nach seiner Hand und zog ihn zur Tür der Schlossküche.
   Auf der Schwelle hielt sie abrupt inne. Walther zerteilte mit einem Beil gerade eine Schweinehälfte. Als er Mia bemerkte, blickte er mürrisch auf. Mit zusammengezogenen Augenbrauen musterte er den Fremden. Mia ließ die Hand des Mannes los, als hätte sie sich verbrannt, und biss sich auf die Unterlippe. Erst in diesem Augenblick wurde ihr bewusst, was sie getan hatte. Auf ihren Wangen brannte die Schamröte, doch sie versuchte, die Unsicherheit beiseitezuschieben und ein Lächeln aufzusetzen, dem Walther bisher noch nie hatte widerstehen können. Dieses Mal wies er sie in schroffem Ton an, in ihre Kammer zu gehen, um dort über ihr schamloses Verhalten nachzudenken.
   Bedauernd hob Adrian die Augenbrauen. Ohne ein Wort des Abschiedes verließ er die Schlossküche und trat hinaus auf den Schlosshof.
   Am späten Nachmittag durfte Mia ihre Kammer wieder verlassen, um die Küche auf Hochglanz zu bringen. Mit einer Bürste scheuerte sie die Fliesen vor dem Ofen und musste die ganze Zeit an den fremden Mann denken. Dass er ein Kaufmann sein sollte, konnte sie sich beim besten Willen nicht vorstellen. In seinem schwarzen Mantel wirkte er geheimnisvoll und mystisch wie ein Maleficus. Obwohl sie die Zauberer nur aus den Erzählungen der Mägde kannte, hatte sich ihr Bild seit Adrians Erscheinen in ihr gefestigt. Ihre Gedanken schweiften hinter die Mauern der Zitadelle, hinweg über das Jülicher Land bis hin zu der Stadt Köln, wo die Frauen den Zünften angehörten und ihre Berufe ausüben konnten.
   Ännchen entzündete die Dochte der tönernen Öllampen und winkte Mia zu sich an den Küchentisch. »Lass gut sein für heute, Mädchen. Komm und setze dich zu mir.« Sie stellte einen Holzteller mit Käse und Apfelstückchen vor sie und dazu goss sie etwas Milch in zwei Becher.
   Mia erhob sich von ihren Knien und bog den Rücken durch. Sie und Ännchen waren allein. Der Küchenmeister sowie Rutger und die anderen Bediensteten hatten sich bereits zur Nacht verabschiedet. Erleichtert ließ sich Mia auf dem Schemel neben Ännchen nieder.
   »Ich mache mir Sorgen um Rutger. Es dauert nicht mehr lange, und Walther wirft ihn aus der Schlossküche, wenn er ihn nicht vorher totgeschlagen hat.« Ännchen nahm die Haube vom Kopf und kämmte mit den Fingern ihr mausgraues Haar.
   »Ach, Ännchen.« Mia griff nach ihrer Hand. »Das wird schon nicht geschehen und wenn, werden wir Walther wieder umstimmen.«
   Ännchen zuckte mit den Schultern. Ihr Blick haftete auf dem glühenden Docht der Öllampe. »Ich bin froh, dass er nicht auch mit dir so umgeht, mein Kind.« Ein zögerliches Lächeln legte sich auf ihre Lippen.
   »Na ja. Besonders freundlich war er heute auch nicht zu mir.« Mia zerkrümelte den Käse zwischen ihren Fingern.
   »Das kann ich ihm allerdings nicht verdenken. Es geziemt sich nicht für eine junge Frau, einen fremden Mann einfach hinter sich herzuziehen.«
   »Ich weiß, doch ich habe mir nichts dabei gedacht. Wirklich nicht.« Die Erinnerung daran, wie warm sich Adrians Hand angefühlt hatte, kehrte in Mias Gedanken zurück. In ihrer Bauchhöhle breitete sich ein wohliges Ziehen aus, das sie noch nie zuvor gespürt hatte.
   Ännchen erhob sich, band die Küchenschürze ab und legte sie über die Stuhllehne.
   In der Hoffnung, das Gespräch sei beendet, streckte Mia gähnend die Hände von sich, doch die Küchenmagd ließ sich wieder am Tisch nieder.
   »Weißt du, ich bin sehr froh, dass er mich damals nicht fortgeschickt hat, als ich nach deiner Geburt mit dir vor ihm stand und ihn bat, dich hier großziehen zu dürfen.«
   »Was hättest du dann getan, Ännchen?«
   »Ich weiß es nicht. Allein gelassen hätte ich dich nie. Ich habe Pauline versprochen, mich um dich zu kümmern. Deine Mutter hatte in ihrer letzten Stunde nach deiner Geburt nur Sorge um dich.« In Ännchens Augen schimmerten Tränen.
   »Sie hat dir wirklich nie verraten, wer mein Vater ist?« Auch wenn Mia Ännchen diese Frage schon hunderte Male gestellt hatte, hoffte sie immer noch, ihre Ziehmutter wüsste vielleicht etwas über ihren Vater.
   »Nein, mein Kind. Wirklich nicht. Glaube mir.« Das Bedauern in Ännchens Augen verriet, dass ihre Worte der Wahrheit entsprachen.
   Seufzend nahm Mia ein Stück Apfel und betrachtete es eingehend. »Vielleicht ist er ein edler Kaufmann oder ein Adliger, der zu Besuch auf dem Schloss war.«
   Nun huschte ein Lächeln über Ännchens Lippen. »Oder ein armer Spielmann auf dem Weg nach Köln. Wer weiß das schon? Von daher kannst du es dir aussuchen.«
   Mia schürzte die Lippen und sah ihre Ziehmutter belustigt an. »Na, wenn ich die Wahl habe, will ich ein Kind von Adel sein. Apropos Adel, glaubst du, die Rosenkohlpastete hat dem Herzog geschmeckt?«
   »Mia, daran wirst du doch nicht zweifeln.« Ännchen knuffte sie mit dem Ellbogen in die Rippen.
   »In der Küche bekommen wir davon aber nichts mit.«
   »O doch, meine Liebe. Sieh, wenn es dem Herzog nicht munden würde, wäre Walther nicht mehr Küchenmeister. Es gibt genug Köche, die sich um den Posten reißen.«
   Mia nickte. »Da hast du recht. Übrigens, ich habe vorhin die Herzogin gesehen. Ich glaube, es geht ihr nicht gut, sie sah sehr schlecht aus. Ihre Augen waren rot geweint und ihre Miene war leichenbitterblass.«
   »Herzog Johann behandelt sie nicht gut. Das hat mir ihre Kammerzofe erzählt«, sprach Ännchen hinter vorgehaltener Hand. »Doch bitte, kein Wort zu irgendjemandem. Sie hat es mir anvertraut, nachdem ich ihr Verschwiegenheit geschworen hatte.« Endlich reckte sich Ännchen und erhob sich von dem Stuhl. »Lass uns die Lichter löschen, mein Kind. Meine alten Knochen sind müde.«
   Mia drückte der Älteren einen Kuss auf die Stirn und verabschiedete sich von ihr. Nachdem sie die Küche verlassen hatte, stieg sie die Stufen hinauf, die zu den Unterkünften der Bediensteten führten. Ein Bett, einen Nachttisch und eine Frisierkommode aus dunklem Eichenholz nannte Mia ihr Eigen. Ihre Kammer war schlicht eingerichtet, wie es einem Küchenmädchen entsprach. Erstaunt nahm sie wahr, dass sich auf dem Nachttisch ein Buch befand, das jemand heimlich dort hingelegt haben musste. Mia ahnte, dass es Walther gewesen war. Erleichterung breitete sich in ihrem Herzen aus, denn dies zeigte ihr, dass er ihr die Unschicklichkeit verziehen hatte. Sie nahm das Buch in die Hand, strich mit den Fingerspitzen über die rote Schrift und drückte einen Kuss darauf, der Walther gelten sollte. Endlich ergab es einen Sinn, das Lesen von ihm gelernt zu haben. Ihr Herzschlag beschleunigte sich. »Ein new Kochbuch von Marx Rumpolt«, zitierte sie leise den Titel und begann in dem Buch zu blättern. Schon bald war sie von den Rezepten so gebannt, dass sie vergaß, sich zu waschen und das Nachtgewand überzuziehen. Bis weit nach Mitternacht saß sie auf der Bettkante und las von einem Abendessen aus Ochsenfüßen, von Salmwürsten und Knödeln aus Gänsefleisch. Als sie in den frühen Morgenstunden in den Schlaf fiel, träumte sie davon, ein eigenes Kochbuch zu schreiben. Ein anderes Bild schob sich in ihren Traum: Adrian stand vor ihr und griff nach ihren Händen. Ein Lächeln umspielte seine Lippen.

*

Schneeregen verwandelte den Domhof in einen Schlammacker. Der Kran, der schon seit über zweihundert Jahren auf die Fertigstellung des Südturmes wartete, war nur schemenhaft im Flockenwirbel zu erkennen. Die Bürger der freien Reichsstadt Köln eilten um die Pfützen und suchten den Weg an den heimischen Herd. Doch Lisbeth zog die Aufmerksamkeit der Leute auf sich und ließ sie vor dem Dom innehalten. Sie krümmte sich vor Schmerz im Schlamm, und ihr wollener Umhang hatte sich mit dem Wasser aus den Schlaglöchern vollgesogen. Lis verdrehte absichtlich die Augen, stöhnte und jaulte, als wäre der Teufel persönlich in ihren Leib gefahren. Ein Herr, gekleidet in einen lindgrünen Überrock und Kragen aus feinster Spitze, blieb vor ihr stehen und hielt Maulaffen feil. Von dem Rand seines Filzhutes rannen Tropfen, und die Federn neigten sich traurig zu seiner Stirn. Er starrte Lis an, als wäre sie ein wildes Tier. Seine Gemahlin, ein hageres, hochgewachsenes Weib, stieß ihn mit dem Ellbogen in die Rippen.
   »Jakob, lass uns weitergehen. Ich bin bis auf die Knochen durchnässt. Am Ende hat dieses Weib noch eine Seuche, mit der sie uns ansteckt.« Sie rümpfte angewidert ihre spitze Nase.
   »Aber, aber, meine Teure, ist es nicht unsere christliche Pflicht, sie in das Leprosenhaus zu bringen?« Der Herr presste die Lippen aufeinander, als kämpfte er mit seinem Gewissen.
   Lis setzte sich mit dem Hintern in eine Pfütze und riss die wässrigblauen Augen auf. »Nicht ins Siechenhaus«, heulte sie. »Es sind die Adern in meinem Bein, sie zeigen es wieder an!« Ihr Schluchzen ging im Rauschen des Regens unter, der sich mittlerweile gegen die Schneeflocken durchgesetzt hatte. Sie nahm die fleckige Haube vom Kopf, knüllte sie und presste sie sich gegen den Mund. Die Zotteln ihres grauen Haares waren vor Nässe schwer. Schlotternd sah sie abwechselnd von dem Herrn zu seiner Gemahlin.
   »Was zeigen sie an?«, fragte der Herr erstaunt und fuchtelte mit seinem Gehstock vor ihren Beinen herum.
   Lis’ Worte hatten ihre Wirkung nicht verfehlt, die Neugierde des Herrn war geschürt und in der Zwischenzeit hatte sich eine Menschentraube um sie herum gebildet. Alle Augen waren auf ihre Beine gerichtet.
   »Was nun? Sprich endlich Weib!« Der Herr richtete die Spitze seines Gehstocks auf ihre Nase.
   »Die Stelle, an der …« Lis’ Stimme nahm einen geheimnisvollen Unterton an. Sie blickte zwischen den Menschen umher und rieb sich über das rechte Bein. Auf dem Platz vor dem Dom herrschte eine angespannte Stille. Der Regen hatte nachgelassen, als hielten auch die dunklen Wolken am Himmel den Atem an. Ein Sonnenstrahl bahnte sich plötzlich einen Weg und schien auf ihr Bein. Durch die Menge ging ein Raunen.
   »Der Herrgott hat ein Zeichen geschickt. Es muss etwas mit ihrem Bein sein.« Ein Marktweib ließ den Korb fallen. Halb verfaulte Äpfel kullerten in den Schlamm.
   »Ja, ja …« Der Bucklige neben ihr nickte und starrte Lis’ Bein an wie ein Götzenbild.
   Sie entfaltete ihre Haube und streckte sie den Leuten entgegen. »Von der Erkenntnis des Herrn, dass sich in meinem Bein ein Wunder verbirgt, kann ich nicht leben. Was ist, ihr Bürger von Köln? Ein paar Münzen wird es euch wohl wert sein?«
   Ein junger Mann, der die anderen Gaffenden um eine Haupteslänge überragte, trat einen Schritt vor. »Die Pfennige klimpern erst, wenn du uns verrätst, um welches Wunder es sich handelt.«
   »Junger Bursche, ich will dir mal etwas sagen. Wenn du nicht bereit bist, zu zahlen, geh deines Weges und halt dich nicht mit mir auf.« Sie spie auf den Boden.
   »Wir sollten dich lieber nach Sankt Revillen ins Tollhaus bringen, dort kümmert man sich um Leute, die wie du schwach im Geiste sind.« Der junge Mann warf ihr einen angewiderten Blick zu.
   »Also, mich interessiert es schon.« Der Herr mit dem Gehstock nestelte an seinem Gürtel und holte drei Pfennige aus seinem Münzbeutel. Er beugte sich ein wenig vor und warf sie in die Haube.
   Lis winkte ihn mit ihrem Gicht befallenen Zeigefinger näher zu sich. Er hielt sein Ohr an ihre Lippen und kniff die Augenbrauen zusammen. »Edler Herr, meine Adern verraten die Orte, an denen sich Kohle in Gold verwandelt«, flüsterte sie hinter vorgehaltener Hand.
   Der junge Bursche, der eben noch den Mund weit aufgerissen hatte, reckte seinen ohnehin schon langen Hals, um wenigstens ein Wort zu verstehen.
   Um ein Geheimnis reicher, riss der Herr mit dem Gehstock die Augen auf. »Du meinst …«
   »Schscht …«, unterbrach Lis ihn und legte den Zeigefinger auf ihre Lippen. »Oder wollt Ihr etwa, dass die anderen Euch den Platz wegschnappen, an dem das reine Gold glänzen wird?«
   Der Herr schüttelte so heftig mit dem Kopf, dass ihm der Hut über die Ohren rutschte. »Nein, nein! Wir sollten Stillschweigen bewahren.« Er griff unter ihren Arm und zog sie hoch.
   Nachdem Lis sicher auf den Beinen stand, strich sie die geflickten Röcke glatt und beäugte die Umstehenden argwöhnisch. »Lasst uns in Euer Haus gehen, dort werde ich Euch erzählen, wie Ihr weiter vorzugehen habt.«

Als sich Lis auf dem cremefarbenen Polster niederließ, rümpfte Jakobs Gattin die Nase. Es war ein feines Haus im Severinsviertel, in das der Herr sie geführt hatte. Sie sah sich in dem Wohnraum um, in dem ein Fünfplattenofen in der Wand für wohlige Wärme sorgte. Goldfarbene Vorhänge aus schwerem Brokat verdeckten die hohen Fenster. Ein Gemälde, das die Zerstörung von Deutz im truchsessischen Krieg zeigte, hielt Lis’ Blick gefangen und weckte in ihr Erinnerungen an die schreckliche Zeit. Sie faltete die Hände auf der dunkel gebeizten Tischplatte. Jakob wies eine Dienstmagd an, Wein sowie etwas Brot und Braten vom Vortag zu bringen. Von Lis’ Umhang perlte das Wasser auf die Holzdielen und bildete eine kleine Pfütze neben ihrem Stuhl.
   »So, nun erzählst du mir aber, was ich anstellen muss, um Kohle in Gold zu verwandeln.« Jakob hatte sich zu ihr gesetzt und trommelte ungeduldig mit den Fingern auf der Tischplatte.
   »Nicht so voreilig, edler Herr.« Sie griff nach einer Scheibe Braten und biss herzhaft hinein. Das Fett rann an ihren Fingern hinunter. Lis wischte es an ihren Röcken ab und spülte den Bissen mit Wein hinunter. »Meine Adern werden Euch zu noch größerem Reichtum verhelfen, als ihr ohnehin schon besitzt. Von daher fände ich es mehr als gerecht, wenn Ihr mich großzügig belohnt.« Ihr Blick fiel auf den Überbauschrank. Er musste ein Hochzeitsgeschenk gewesen sein, denn auf den oberen Schranktüren waren zwischen den Blumenornamenten Buchstaben eingeschnitzt. Lis vermutete, sie bildeten die Namen der Eheleute.
   »Sicher, das mache ich. Sobald sich die Kohle in Gold verwandelt hat.« Jakob sah sie mit großen Augen an.
   »Nein, nein, mein Herr. Darauf kann ich nicht warten. Es kann Tage dauern. Oder wollt Ihr mich so lange beherbergen?« Lis riss sich einen Kanten Brot ab.
   »Gott bewahre.« Jakobs Gemahlin fächerte sich mit einem Spitzentuch Luft zu. Ihr Gesichtsausdruck verriet, dass sie kurz vor einer Ohnmacht stand.
   »Was verlangst du, Weib?« Jakob rieb sich über den Bart.
   »Zwanzig kölnische Mark.«
   Jakobs Gattin schnappte nach Luft. »Das Weib ist von Sinnen.« Ihre dunklen Augen funkelten Lis an. »Wenn deine Adern wirklich wissen, wie man Kohlen in Gold verwandeln kann, frage ich mich, warum du noch keinen Gebrauch davon gemacht hast!«
   Lis kniff die Augen zusammen. »Weil es erst das zweite Mal ist, dass mein Bein es mir gezeigt hat. Soll ich Euch etwas sagen? Beim ersten Mal wusste ich nicht, was es bedeutete. Ich war als Dienstmagd im Haushalt eines Pfaffen im Bergischen Land angestellt. In seiner Küche bekam ich diesen Krampf im Bein. Ein paar Tage später hat mich der Pfaffe hinausgeschmissen. Er sagte, ich hätte den Teufel ins Haus gebracht, weil sich die Kohlen in dem Eimer neben dem Ofen in pures Gold verwandelt hatten.« Lis atmete tief ein. »Gegeben hat mir dieser falsche Hund nichts davon. Verratet mir bitte, wovon ich Kohlen kaufen sollte, wenn mein Bein ausschlägt? Ich lebe von der Hand in den Mund. Seht mich an.«
   Jakob und seine Gemahlin hingen an ihren Lippen. Plötzlich ließ sich Lis von dem Stuhl fallen, krümmte sich auf den Holzdielen und jaulte wie ein kranker Hund.
   Jakob sprang auf und kniete sich neben sie. »Was ist? Was ist mit dir?«, rief er aufgeregt, wobei er sie an den Schultern rüttelte.
   »Hier ist auch eine Stelle. In Eurem Haus«, sagte Lis und keuchte, als läge sie in den letzten Atemzügen.

Das Säckchen mit den Münzen wog schwer unter ihren Röcken. Die grauen Wolken vom Vormittag hatten sich verzogen und ein malvenfarbener Himmel kündigte eine frostige Nacht an. Lis bog in die Botengasse ein, wo sich hinter den zweistöckigen Häusern der Zugang zu ihrem Unterschlupf befand. Auf ihren Lippen lag ein glückseliges Lächeln. Fast wäre sie gegen den jungen Mann in dem schwarzen Mantel gestoßen, wenn dieser sie nicht an den Schultern gefasst und zurückgehalten hätte.
   Lis sah verdattert auf. Vor ihr stand Adrian, der zurückhaltende Bursche aus der Unterwelt.
   »Dass die Frauen mich immer umrennen wollen«, sagte er. »Was ist los, Lis? Du grinst, als hättest du ein fettes Huhn gefangen.«
   »Besser, Junge.« Lis griff unter ihren Rock und zog das Säckchen hervor. »Du kannst mir glauben, mit der Dummheit der Menschen lässt sich das meiste Geld verdienen«, sagte sie und lachte.
   »Irgendwann hängen sie dich auf Melaten. Das kannst du mir glauben.« Adrian hob eine Augenbraue. Seine dunklen Augen verrieten nicht, ob er sich wirklich sorgte, oder sich eher über sie lustig machte.
   Obwohl Lis jedes Mal die Vision hatte, sie würde Christus begegnen, wenn sie auf Adrian stieß, wusste sie, er hatte nicht weniger Dreck am Stecken als sie. »Junge, sorg dich nicht um mich. Auf dich wartet eine viel größere Strafe, wenn sie dich erwischen. Was du tust, ist ein Sonderverbrechen. Wenn du nicht aufpasst, werden sie dich auf Melaten rädern wie damals die Entführer des Bäcker Ecks.« Sie verzog bedauernd die Mundwinkel bei dem Gedanken. »Das wäre schade. Wirklich schade.« Lis betrachtete versonnen seine breiten Schultern. In diesem Augenblick wünschte sie, sie wäre vierzig Jahre jünger.

2. Kapitel

Mia hackte die Maronen, mit denen sie die Gänse füllen wollte. Für diesen Morgen hatte der Herzog zusätzlich ein Dutzend Köche auf das Schloss zitiert, die das Weihnachtsmenü für den nächsten Tag zusammenstellen sollten. Das Klappern von Geschirr und das Scheppern der Kessel, die aneinanderschlugen, übertönten die hastigen Anweisungen der Köche, die sie den Mägden zuriefen. Ihre Kittel waren mit unzähligen Flecken von Fett und Soßen übersät. Mia bedauerte es, nicht genügend Zeit zu haben, um alle Speisen selbst kochen zu können. Dem Pastetenkoch rann der Schweiß in Rinnsalen von der Stirn, und der Suppenkoch verschwand in den Schwaden der Zwiebelsuppe. Um die Zubereitung des Ochsens und des Wilds kümmerten sich zwei Fleischköche. Mia dachte an das Gericht mit den Ochsenfüßen in dem Kochbuch. Wie gern hätte sie es gleich heute ausprobiert. Aber nachdem sie sich heute Morgen bei Walther für das Geschenk bedankt hatte, wurde sie von ihm für die Zubereitung der Füllung eingeteilt. Er hatte einfach so getan, als hätte er sie überhört. Mia schien es, als wollte er nicht, dass jemand etwas von dem Geschenk mitbekam. Im nächsten Augenblick schalt sie sich für ihre Ungeduld, denn es gab noch genügend Möglichkeiten, Rumpolts Rezepte auszuprobieren. Wenn nach den Feiertagen erst die fremden Köche wieder aus dem Schloss verschwunden waren, blieb ihr genügend Zeit und Platz dafür. Liebevoll betrachtete sie die zerkleinerten Maronen. Sie gab diese in die Kupferpfanne zu den Innereien, Apfelstückchen, Brotwürfeln und Zwiebeln, die bereits darin schmorten. Sie beugte sich darüber und sog den Duft ein. Fast hätte sie die Petersilie vergessen, wenn Walther ihr nicht von hinten auf die Schulter getippt und diese fertig gehackt gereicht hätte. Sie lächelte ihn dankbar an, gab sie dazu und verrührte alle Zutaten mit Sahne.
   Walther nickte zufrieden und hob anerkennend die Augenbrauen. »Wenn die Gänse gefüllt sind, darfst du dich um die Nachspeise kümmern. Einer der Zuckerbäcker ist nicht gekommen«, sagte er.
   Mias Herzschlag beschleunigte sich. Die Süßspeisen waren ihr besonderes Steckenpferd. Sie liebte die Zubereitung und vor allem das Naschen. Während sie die Gänse zunähte, war sie in Gedanken schon bei den kandierten Früchten auf Spießen und den Apfel-Zimtkuchen, die sie backen wollte.
   Rutger saß am Ofen und drehte den Spieß mit dem halben Ochsen. Auf seiner Stirn glänzten Schweißperlen. Er hatte an diesem Tag wohl die schwerste Arbeit zu verrichten. Hoffentlich passierte dem armen Kerl heute nicht schon wieder ein Missgeschick, dachte Mia, denn es stach ihr ins Herz, wenn er dafür Prügel einstecken musste. Sie schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln, woraufhin er beschämt zu Boden blickte. Seine Ohren glühten. Um ihn nicht noch mehr in Verlegenheit zu bringen, wandte Mia den Blick ab und hielt Ausschau nach Ännchen, die ihr unbedingt bei der Zubereitung der Süßspeisen helfen sollte. Mit hochgekrempelten Ärmeln reinigte ihre Ziehmutter die Gerätschaften, die die Köche benutzt hatten. Der Berg von schmutzigen Schüsseln und Rührlöffeln in dem Spülstein nahm nicht ab. Das schien Ännchen nicht zur Verzweiflung zu bringen. Unermüdlich reinigte sie diese und brachte sie zurück an ihren Platz, bevor sie wieder mit den Armen im Spülwasser versank.
   Mia begab sich zu ihr und reichte ihr ein Tuch, damit sie sich die Hände daran abtrocknen konnte. »Kann nicht eine andere Magd die Arbeit verrichten? Ich brauche dich nämlich bei der Zubereitung der Nachspeisen.« Sie sah sich in der Küche um. Alle Bediensteten werkelten mit Eifer, um das Festmahl vorzubereiten.
   Ännchen folgte ihrem Blick. »Siehst du nicht, wie beschäftigt alle sind? Die Anzahl der Mägde reicht an solch einem Feiertag bei Weitem nicht aus.«
   Die Tür zum Schlossinnenhof öffnete sich. Begleitet von einem milden Windstoß betrat die kleine Josefine die Schlossküche. Sie hatte gerade die Abfälle hinausgetragen und sah sich nun um, wo sie helfen konnte. Mia eilte auf sie zu, um sie an den Spülstein zu schicken. Das Mädchen nickte und schob die Ärmel hoch.
   Bald darauf arbeiteten Mia und Ännchen Hand in Hand. Während Mia Quark, Eier, Zucker und Zimt verrührte, viertelte Ännchen die Äpfel. Anschließend mischte Mia diese unter die eingekochten Kirschen und die gehackten Walnüsse. Ännchen rollte den Teig aus, auf den Mia anschließend die Fruchtmasse gab und mit Quark bedeckte. Vorsichtig rollte Mia den Teig auf und schnitt ihn in fingerdicke Scheiben, die sie in eine runde Form platzierte, bis sie wie ein Strauß Rosen aussahen.
   Auf diese Weise stellten Ännchen und sie bis zum späten Nachmittag fünfzehn dieser Kuchen her. Als die ersten im Ofen buken, wusch Mia die getrockneten Datteln, die Walther am Tag zuvor auf dem Jülicher Markt erstanden hatte. Abwechselnd steckte sie diese mit eingekochten Stachelbeeren auf einen Holzspieß. Da Ännchen sich um die Kuchen kümmerte, konnte sie sich voll und ganz auf das Kandieren der Früchte konzentrieren. Die Zeit hatte sie längst vergessen.
   Spät am Abend, als die fertigen Kuchen vor ihr in einer Reihe auf dem Bohlentisch standen, spürte Mia ihr schmerzendes Rückgrat. Der Anblick des Backwerks, das wie Rosen aussah, entschädigte sie dafür. Sie sog das Aroma von Zimt und Äpfeln ein. Rutger drängte sich mit erhobenen Armen an ihr vorbei, um das Abwaschwasser aus der Küche zu tragen. Mia beachtete ihn nicht, sondern sah zu Walther, der ihr ein anerkennendes Lächeln schenkte. Gleich darauf ließen ein Platschen und Ännchens anschließender Aufschrei Mia zusammenschrecken. Sie richtete den Blick wieder auf den Tisch vor sich, und unvermittelt füllten sich ihre Augen mit Tränen. Es musste ein schlechter Traum sein, den sie erlebte. Fassungslos starrte sie auf die Kuchen, die bereits im Abwaschwasser aufweichten. Seifenschaum und Speisereste breiteten sich auf den Rosen aus. In der Küche hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Mias Blick schnellte zu Rutger, der ebenfalls mit weit aufgerissenen Augen auf das Gebäck starrte. Sein Gesicht hatte die Farbe von Klatschmohn angenommen. Der Holzeimer rollte zur Tischkante, fiel hinab und landete krachend auf den Fliesen. In Mias Ohren rauschte das Blut. All die Arbeit des Tages war hinüber, zerstört von diesem Tollpatsch! Die Augen aller Bediensteten richteten sich auf sie. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Mia stieß einen Schrei aus und schnappte sich die Teigrolle. Bevor sie damit auf Rutger losgehen konnte, riss Walther ihn bereits am Ohr aus der Küche. Draußen hallten die jämmerlichen Schreie des Küchenjungen über den Schlosshof. Mia ließ sich auf einen Schemel fallen, und der Kloß in ihrem Hals löste sich. Tränen rannen unaufhörlich über ihre Wangen. Mit den Kuchen hatte sie den Herzog beeindrucken wollen – und nicht nur ihn. Auch der Bruder der Herzogin, Heinrich von Lothringen, wollte das Weihnachtsfest auf dem Schloss verbringen. Mia hatte sich erhofft, dass ihre Kochkünste durch ihn bis zum Hofe des französischen Königs vordrangen. Ihr wurde es schwarz vor Augen.
   Als Mia wieder zu sich kam, blickte sie in Walthers Gesicht, der sie besorgt ansah. Sie schmiegte sich in seinen Arm und atmete den Duft von Speck und Zwiebeln ein, der in dem Linnen seines Hemdes haftete. Aus der Dunkelheit kehrten die jüngsten Geschehnisse in ihre Erinnerung zurück. Mia löste sich aus Walthers Griff und richtete sich auf. Auf wackligen Beinen stehend sah sie, wie Ännchen die Überreste der Kuchen wegschaffte.
   »Ich werde neue backen, und wenn ich dafür die ganze Nacht aufbleiben muss«, stieß Mia fest entschlossen hervor.
   »Ich helfe dir, mein Kind.« Walthers Hand legte sich auf ihre Schulter. »Der Küchenjunge hat seine gerechte Strafe bekommen.« Seine Stimme bebte vor Zorn. »Für die nächste Zeit wird er nicht mehr laufen können, so sehr wird ihn das Hinterteil schmerzen.«

*

Obwohl sein Bauch drohte, von dem herrlichen Festtagsmahl an diesem Weihnachtstag zu zerplatzen, weiteten sich die Augen des Herzogs bei dem Anblick der Rosenkuchen. Als er den Duft von Äpfeln und Zimt einatmete, füllte sich seine Mundhöhle abermals mit Speichel. Nicht nur Johann, auch die anderen Anwesenden am Tisch bestaunten das Gebäck. Sie klatschten vergnügt in die Hände, während die Diener gut ein Dutzend der Kuchen auf der Festtafel platzierten. An den silbernen Kerzenleuchtern tropfte das Wachs der brennenden Kerzen hinab.
   »Noch nie in meinem Leben habe ich so gut gespeist.« Der Bruder seiner Gemahlin, der zu Johanns Rechten saß, tupfte sich mit einem Tuch die Lippen ab. Auch er konnte den Blick nicht von den Rosenkuchen wenden.
   Johann stellte fest, dass Heinrich von Lothringen die gleichen Glotzaugen wie seine Schwester hatte. Er war ebenfalls unbeschreiblich hässlich. Selbst das wallende Haar, das sein aufgedunsenes Gesicht umgab, konnte dies nicht verbergen. »Das liegt wohl daran, dass ich nichts von Schauessen halte. Was habe ich von Feuer speienden Fasanen, wenn ich sie nicht genießen kann, weil sie nach Schwefel schmecken? Oder von Pasteten, aus denen schwitzende Zwerge springen?« Johann schüttelte sich kurz und richtete den Blick wieder auf die Rosenkuchen.
   »Das könnt Ihr so nicht behaupten«, wandte Heinrich ein. »Ich habe am französischen Hof an solch einem Mahl teilnehmen dürfen. Die Speisen waren durchaus schmackhaft. Wie sagt man so schön? Das Auge isst mit.«
   Johann hasste es, wenn Heinrich mit seinen Besuchen am französischen Hof prahlte. Die Zeiten, an denen sein Großvater und sein Onkel mütterlicherseits dort als Könige regierten, waren vorbei, das Geschlecht der Valois in männlicher Linie ausgestorben. Wegen der Hugenottenkriege war Heinrich nicht einmal in den Genuss der Erziehung am französischen Hof gekommen. Was bildete sich dieser Kerl eigentlich ein? Johann verzog abfällig die Mundwinkel »Pah, das Auge! Wenn ich das schon höre. Es ist ein Sinnesorgan, das man beim Genießen der Speisen ausschalten sollte. Hier …«, er zeigte mit dem Finger in seinen Mund, »spielt sich der Genuss ab. Aber was versteht Ihr davon, wenn Ihr Euch lieber von fadem Zuckerzeug beeindrucken lasst.«
   Was Heinrich daraufhin erwiderte, nahm Johann nicht mehr wahr. Vor ihm lag ein Stück Kuchen auf dem Teller, das seine ganze Aufmerksamkeit auf sich zog. Er führte den silbernen Löffel zu seinen Lippen und kostete. Das Gebäck verschmolz mit der Fruchtfüllung auf seiner Zunge, und das Aroma von Zimt kitzelte seinen Gaumen. Er umspielte den Bissen eine Zeit lang mit seiner Zunge, bis er ihn endlich mit spitzen Lippen aussog und seiner Würze beraubte. In Johanns Leib bebte die Lust und ließ ihn erzittern. Gleich darauf überfiel ihn eine Begierde, die ihm schier den Verstand raubte. Er brauchte mehr von dem Gaumenzauber, um seine Sinne zu befriedigen. Viel mehr! In seinen Adern rauschte das Blut und ein wohliger Schauder jagte über seinen Rücken. Mit geschlossenen Augen verspeiste der Herzog noch drei weitere Stücke Kuchen. Wenn er nicht das Gefühl gehabt hätte, sein Magen wäre bis zum Hals hin gefüllt, hätte er immer noch nicht innegehalten. Diese Süßspeise war die beste, die er jemals zu sich genommen hatte. Er schloss die Augen und lehnte den Kopf gegen die Stuhllehne. Die Ruhe hielt nicht lange an, denn am Ende der Tafel entfleuchte geräuschvoll ein Furz aus einem Gedärm. Johann öffnete die Lider und hob die Augenbrauen. Sigismund von Brandenburg verfiel in schallendes Gelächter. Das Doppelkinn bebte auf seiner Halskrause, dann verstummte er, setzte den Weinpokal an die Lippen und nahm einen tiefen Schluck, ohne Johann aus den Augen zu lassen. Nachdem er das Glas geleert hatte, knallte er es auf die Tafel, rülpste genussvoll und verschränkte die Hände vor seinem Wanst. »Meinen Furz riecht man bis nach Rom. Genau wie den von Luther«, grölte er in die Runde und grapschte seiner jungen Schwägerin an die Brust.
   Ein Teller flog über die Tafel und traf ihn mit voller Wucht am Kopf. Seine Gemahlin hatte ihn geworfen. Das Gesicht hochrot vor Zorn, griff sie nach einem Weinkelch. »Du Trunkenbold, lass die Finger von meiner Schwester!« Da Sigismund gerade noch rechtzeitig ausweichen konnte, streifte der Kelch nur haarscharf sein Ohr. Klirrend zerschellte er an der Holzvertäfelung hinter ihm.
   Der Gescholtene blinzelte erschrocken und tastete über die Platzwunde an seiner Stirn. »Was ist bloß in dich gefahren, Anna? Bist du schon genauso krank im Geiste wie dein Onkel Herzog Johann?«, brummelte er kleinlaut in seinen Kinnbart.
   Johann hatte genug, das musste er sich nicht bieten lassen. Nicht von diesem Lutheraner, diesem elenden Erbschleicher. Mit einem Satz sprang er von seinem Stuhl auf und sah in die Tafelrunde. Sollten die anderen ohne ihn das Weihnachtsfest weiterfeiern. Er war heute in den Genuss gekommen, den er sich erträumt hatte. Das sollte ihm dieser Rüpel nicht verderben. In der Abgeschiedenheit seines Gemaches würden die Speisen in Gedanken noch einmal seinen Gaumen verzaubern. Der Lautenspieler verstummte mitten in der Melodie. Die Blicke der Anwesenden hafteten auf Johann, doch das interessierte ihn nicht. Marschall Gernot Bretzen senkte betreten die Lider, als Johann an ihm vorbeischritt. Mit dem Messer stocherte der Marschall in der Maronenfüllung auf seinem Teller. Wieder einmal saß dieser Jammerlappen Bretzen zwischen den Stühlen. Wie sollte es bei seinem geringen Durchsetzungsvermögen anders sein?
   Auch wenn es sich nicht gehörte, als Gastgeber das Fest als Erster zu verlassen, hätte Johann keinen weiteren Augenblick zwischen diesem Volk sitzen bleiben können. Philipp Ludwig von Pfalz-Neuburg erhob sich, um ihn zu verabschieden. Johann würdigte seinen Schwager keines Blickes. Auch er war ein falscher Zeitgenosse. Wie all die anderen hatte er es ebenfalls nur auf die Jülich-Klevische Herrschaft abgesehen. In Gedanken sah er sie schon nach seinem Tod Kriege um das Erbe führen.
   Als Johann sein Gemach betrat, begrüßte Tasso ihn schwanzwedelnd. Der Herzog strich über das schwarz-weiß gefleckte Fell seines einzigen ehrlichen Vertrauten. Der treue Blick aus Tassos blutunterlaufenen Augen wärmte sein Herz.
   Er kniete sich vor den Hund, griff nach seinem Ohr und ließ es durch seine Handfläche gleiten. »Ach Tasso, das ganze falsche Volk da unten hat dafür gesorgt, dass der Zauber der Speisen nicht lange wirken konnte. Sie sollen sehen, wie sie ohne mich zurechtkommen.« Mit bleiernen Gliedern begab sich Johann zu einem Fenster und blickte auf die Mauern der Zitadelle. Diener schleppten eimerweise die Reste des Festtagsmahls zu dem Tor, vor dem die Bettler lungerten und darauf warteten, sich an diesem Abend die Bäuche vollschlagen zu können. Weihnachten, das Fest der Liebe. Johann lachte hämisch auf.

*

Nachdem Mia den ersten Weihnachtstag verschlafen hatte, fühlte sie sich wieder den Anforderungen in der Küche gewachsen. Auch an diesem zweiten Tag, an dem Christi Geburt gefeiert wurde, wollten der Herzog und seine Gäste mit köstlichsten Speisen verwöhnt werden. Das neue Kochbuch unter den Arm geklemmt, lief Mia die Stufen hinab. Ob nun die Köche noch da waren oder nicht, sie konnte es nicht erwarten, die Knödel aus dem Fleisch der Gänsebrust herzustellen. Sie würden wunderbar zu dem Abendmahl passen. Während sie die Tür zur Schlossküche öffnete, ging Mia in Gedanken noch einmal die Zutaten durch. Trotz der frühen Morgenstunde herrschte bereits reges Treiben. Die Mägde plapperten aufgeregt durcheinander. Mia warf Walther, der in einem großen Suppenkessel rührte, einen fragenden Blick zu. Er wischte sich die Hände an einem Tuch ab, das er sich in seinen Hosenbund geklemmt hatte, und kam auf sie zu. Auf seinen Lippen lag ein verschwörerisches Lächeln.
   »Dem Herzog hat das Festtagsmahl so gut gemundet, dass er heute in der Küche seinen Dank aussprechen will.« Walther vermochte seinen Stolz nicht zu verbergen. Das breite Grinsen erreichte fast seine Ohren.
   Mias Herzschlag beschleunigte sich. »Ihr meint, der Herzog persönlich?« Sie konnte nicht glauben, was sie gerade gehört hatte. Noch nie war der Herzog in der Küche gewesen, um die Speisen zu loben.
   Mia wusste später nicht, wie oft sie bei der Zubereitung der Gänseknödel zur Tür gesehen hatte. Als die Knödel schließlich in einem großen Kupferkessel köchelten, erreichte ihre Aufregung den Höhepunkt.
   Endlich öffnete sich die Tür zur Schlossküche. Zwei Diener stellten sich zum Spalier auf und kündigten den Besuch des Herzogs an. Mias Hände zitterten und ihr Herzschlag wollte sich nicht mehr beruhigen. Gebannt starrte sie auf die Tür. Ännchen stieß sie mit dem Ellbogen in die Rippen, um sie an die höfliche Begrüßung zu erinnern. In majestätischer Haltung betrat der Herzog die Küche. Sein rabenschwarzes Haar glänzte in den einfallenden Sonnenstrahlen, und der Blick aus seinen dunklen Augen wanderte zwischen den Bediensteten hin und her. Er trug die Mode, die vom französischen Hof her im Jülicher Land Einzug gehalten hatte: Kniebundhosen und ein schwarzes Wams, dessen goldene Knopfleiste unter einem Mühlsteinkragen endete. Sein schlanker Leib verriet nicht die Liebe zu den Speisen, die er hegte. Mia hielt den Atem an, als er sein Wort an die Bediensteten richtete.
   »Ich wünsche den Bediensteten in der Küche meiner Zitadelle ein gesegnetes Weihnachtsfest«, begann er. »Mein Weg führt mich an diesem Tag zu euch, weil sich in der letzten Zeit eine ganz besondere Handschrift bei der Kreation der Speisen hervorhebt.« Mia verschränkte ihre Hände hinter dem Rücken, um das Zittern zu unterbinden.
   »Zu genießen war diese besonders gestern bei dem Rosenkuchen.«
   Sie vergaß, zu atmen.
   »Der Himmel muss den Koch geschickt haben, der diesen Kuchen gebacken hat.«
   Johanns Blick wanderte zu Walther, der daraufhin einen Schritt vortrat.
   »Mit Verlaub, Eure Hoheit, auch wenn der Kuchen nicht von meiner Hand entstanden ist, erfüllt mich Euer Lob mit großem Stolz.«
   Mia schnappte geräuschvoll nach Luft. Nicht nur die Augen der Bediensteten richteten sich auf sie, auch der Herzog schenkte ihr nun seine Aufmerksamkeit. Walther trat auf sie zu, fasste sie von hinten an den Schultern und schob sie vor den Herzog.
   »Das ist Mia, mein Küchenmädchen. Der Kuchen ist ihre Kreation.«
   Mias Ohren wurden heiß. Verlegen knetete sie ihre feuchten Hände.
   Der Herzog hob das Kinn. »Eine Bereicherung für die Schlossküche, kann ich da nur sagen. Ich erwarte dich am Neujahrstag in meinem Arbeitszimmer, um eine Unterredung mit dir zu führen.«
   Mias Lippen bebten. Unfähig, eine Antwort zu geben, nickte sie. Der Herzog drehte sich um und verließ die Küche, gefolgt von seinen Dienern.
   Nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, löste sich jegliche Anspannung von Mia. Sie wirbelte herum und fiel Walther um den Hals. »Der Herzog hat mich zu einem Gespräch eingeladen«, jubilierte sie.
   Walther kniff die Augen zusammen und schob sie von sich. »Äußerst ungewöhnlich. Seit wann werden die Bediensteten zu einer Unterhaltung gerufen? Sieh dich bloß vor, Mädchen.« Seine Stimme nahm einen besorgten Ton an.
   Mia senkte die Lider. »Ach Walther, macht Euch keine Sorgen. Was soll schon geschehen? Nun müsst Ihr mich erst recht in die großen Geheimnisse der Kochkunst einweisen. Werdet Ihr das?«
   »Sicher, Mädchen. Trotzdem werde ich ein Auge auf dich haben.«
   Mia strich über den Pelz auf seinem Arm, und die Falten auf Walthers Stirn glätteten sich ein wenig.
   Kurz darauf richteten sich die Blicke der Anwesenden erneut auf die Küchentür, in der plötzlich die Kurfürstin Anna von Brandenburg stand. Sie schenkte Walther ein Lächeln und schritt auf ihn zu. Mia knickste und wunderte sich. Warum suchte ein Gast die Küche auf? Das war ungewöhnlich. Wollte die Kurfürstin sich etwa in die Speisenfolge einmischen?
   Nachdem sich der Küchenmeister von seiner Verbeugung aufgerichtet hatte, nannte Anna von Brandenburg ihm verschiedene Gebäcksorten, die er am letzten Tag des Jahres zubereiten sollte. Ohne weiteren Kommentar verließ sie die Schlossküche.
   Kopfschüttelnd sah Mia zu Walther. Dieser runzelte die Stirn. »Pfeffergebäck? Safranbrötchen? Habe ich noch nie gehört. Was soll das sein? Haben die Gäste auf Schloss Jülich das Sagen darüber, was aufgetragen werden soll? Das ist die Höhe! Ist der Herzog nicht mehr in der Lage, sie wissen zu lassen, wer der Herr im Hause ist?« Walther presste die Lippen aufeinander und drehte sich zu einem der Bäcker um, dessen Hände in einem Klumpen Brotteig steckten. »He, du! Was ist mit dir? Kennst du die Gebäcksorten?«
   Der Bäcker nickte. »Ja, gewiss. Ich war eine Zeit lang im schwedischen Königreich auf Wanderschaft. Wenn Ihr wollt, werde ich das Gebäck herstellen.«
   »Sieh zu, dass du bis dahin alle Zutaten zur Hand hast. Ich verlasse mich auf dich.« Walther wandte sich wieder an Mia. »Noch einmal Glück gehabt. So können wir nämlich unsere Aufmerksamkeit wieder dem eigentlichen Festtagsschmaus widmen.«

*

Der letzte Tag des Jahres neigte sich dem Ende zu. Dunkelheit legte sich über die Kölner Gassen, in denen sich die spitzgiebligen Häuser eng aneinanderreihten. Die Diebe und Bettler flüchteten wie Ratten in die Gänge unter dem Aldemarkt, um dort Schutz vor der Kälte der Nacht zu suchen. Dem milden Weihnachtswetter war der Frost gefolgt, der die Wogen des Rheins langsam zu Eis erstarren ließ.
   Joist hauchte sich in die Hände und rieb sie dann aneinander. Es war an der Zeit, bei dem Gesindel nach dem Rechten zu sehen. Er zwängte seinen fülligen Leib die Holzleiter hinab. Die Pechfackeln an den Wänden tauchten die Gänge in ein warmes Licht, und seine Schritte hallten an den Steinquadern wider. Seine Stiefel, ein Überbleibsel aus dem truchsessischen Krieg, zierten getrocknete Schlammspritzer. Mit dem Zeigefinger tastete er unter die Klappe, die seine leere Augenhöhle verdeckte, und rieb über sein Lid.
   Gedämpfte Stimmen drangen durch den Gang, in dem nur zwei Männer nebeneinander hergehen konnten. Joist spie in eine Pfütze. Nach einer Biegung traf er auf drei Bettler, die, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, auf dem Boden saßen und vor sich hindösten. Um ihn vorbeizulassen, zogen sie die Beine an. Ihren Blick hielten sie gesenkt, in der Hoffnung, nicht von ihm angesprochen zu werden. Doch dem König der Unterwelt entging niemand. Weder die Verschämten mit ihren Marken, die im Hospital »Zur weiten Tür« keinen Platz mehr gefunden hatten, noch jene, die zu müßig waren, einer Arbeit nachzugehen, und von den Klocken gejagt wurden. All die Diebe, Bettler und Huren, die hier unten herumlungerten, hatten eine Abgabe zu leisten, damit Joist ihnen Schutz bot. Den Bubenkönig, der im Auftrag des Rates für Recht, Ordnung und Abgaben bei den Mulenstössern gesorgt hatte, gab es nicht mehr. Deshalb hatte er diese Aufgabe übernommen, aber die Zustimmung der Ratsherren brauchte er dazu nicht.
   Er hockte sich vor die drei Männer. Der Bettler in der Mitte hob den Blick aus müden Augen. Sein Gesicht überzog eine Kruste aus Dreck und durch die Löcher seines Filzhutes bahnte sich das Haar wie Gestrüpp seinen Weg.
   »Der Tag war kalt. Die wenigen Bürger, denen ich begegnete, hatten einen Igel in der Tasche. Seht es mir nach, wenn ich Euch heute nichts geben kann.«
   Joists Hand schnellte vor, packte den Bettler Etzenzeller am Kragen und zog ihn zu sich. Der faulige Atem des Bettlers beschleunigte sich. »Pass gut auf, mein Freund, so nicht! Du weißt, was dir blüht, wenn du die Abgabe nicht leistest. Das nächste Mal komme ich mit dem Bader vorbei.« Er schleuderte Etzenzellers Kopf gegen das Gemäuer. Dieser sackte stöhnend zusammen.
   Die anderen zwei hatten bereits aus den löchrigen Geldbeuteln die Pfennige hervorgekramt und hielten sie ihm auf ihren schmutzigen Handflächen entgegen. Joist grinste zufrieden. Er nahm die Münzen und drückte die Finger der Bettler zusammen, bis die Knochen krachten.
   Etwa fünfzig Schritte weiter stieß der König der Unterwelt auf die Huren. Seine Täubchen, wie er sie nannte. Sie brachten ihm das meiste Geld. Er achtete mit größter Sorgfalt darauf, dass sie ihrem Gewerbe regelmäßig nachgingen und auf keine Kupplerin hereinfielen, die reichlich mitkassierte. Seit das Frauenhaus auf dem Berlich geschlossen worden war, hatten die Huren es in dieser Stadt schwer, weil der Rat sie nicht mehr auf öffentlichen Plätzen duldete. Für ein Stelldichein mussten sie sich entweder in den Stützbögen der Stadtmauer verstecken oder die Wiesen bei Poll aufsuchen.
   Über einer kleinen Feuerstelle kochten die Frauen in einem verbeulten Kessel eine Suppe aus altem Brot. Die grell geschminkten Lippen waren verschmiert und die Röcke schmutzig von dem Boden, auf dem sie gelegen hatten, um ihre Freier zu bedienen. Joist hatten sie noch nicht bemerkt. Unbeirrt hielten sie weiter ihre Schwätzchen. Lästerten über ihre Freier und deren erbärmlichen Gestank. Ein junges Mädchen stach mit seiner Schönheit hervor. In den schwarzen Augen loderte ein Feuer, das jedem Mann die schönste Sünde auf Erden versprach. Die ebenholzfarbenen Locken schmiegten sich seidig um die Hüften der jungen Frau. Sie rühmte sich, an diesem Tag einen besonders guten Fang gemacht zu haben.
   Eine Wohltat für sein Gehör. Er näherte sich ihr und legte seine Hand auf ihren Po. »Meine liebe Helene, habe ich richtig verstanden? Du hast heute einem reichen Kaufmann die letzten Stunden des alten Jahres versüßt?«
   Helene sah ihn erschrocken an. »Ja, aber er konnte nicht zahlen«, stammelte sie.
   Joist drehte ihr den Arm auf den Rücken. Das Mädchen stöhnte auf und wand sich in seinem Griff.
   »Du verdammtes Weibsstück! Glaubst du wirklich, du kannst mich an der Nase herumführen?«
   »Ich gebe dir alles, was ich habe. Nur bitte, brich mir nicht den Arm«, wimmerte Helene.
   Er löste seinen Griff. Mit einem bösen Lächeln auf den Lippen beobachtete er, wie sie aus ihrem Mieder drei Taler hervorzog. Ihre zarten Finger zitterten, als sie diese in seine Handfläche legte. Nachdem er die Münzen in seinen Geldbeutel verstaut hatte, zuckten die Muskeln seines kantigen Kiefers. »Versuche nicht noch einmal, mich zu hintergehen, du Miststück«, raunte er und versetzte Helene mit voller Wucht einen Faustschlag in die Rippen. Ein schmerzerfüllter Schrei brach aus ihr hervor. Kurz darauf sackte die junge Frau benommen zusammen.

*

Antonie glaubte, zu träumen. Was in Gottes Namen veranstaltete Anna hier in den letzten Stunden des Jahres? Sie saßen in vollkommener Dunkelheit. Alle Fackeln im Festsaal waren auf Annas Anweisung gelöscht worden. Stimmen drangen durch die Finsternis, die Gäste harrten entspannt der Dinge, die da kommen würden. Plötzlich öffnete sich die zweiflüglige Tür, und gut ein Dutzend junger Mädchen trat ein. Ihre Köpfe schmückten Kränze mit Kerzen. Weiße Gewänder ließen ihre knospenden Brüste durchscheinen. Auf nackten Füßen schritten sie durch den Saal, vorbei an den Gästen, die kaum zu atmen wagten, um ihren leisen Gesang nicht zu stören. Aus den Augenwinkeln sah Antonie, wie sich Kurfürst Sigismund von Brandenburg mit der Zunge über die wulstigen Lippen fuhr. Seine Gemahlin Anna bemerkte das nicht. Viel zu sehr schien sie in ihrer derzeitigen Euphorie für das Königreich Schweden zu schwelgen. Antonie war zu Ohren gekommen, die Kurfürstin von Brandenburg sei Mitte des Monats dort gewesen, um politische Verbindungen zu knüpfen. Antonie neidete Anna ihren Ehrgeiz, verspürte sogar eine gewisse Furcht davor, denn die junge Frau behielt nicht nur die Oberhand über ihren Gatten, sondern auch über die regierenden Herzöge und Fürsten des Landes. Sie war unermüdlich in den vergangenen Monaten im Heiligen Römischen Reich umhergereist, machte sich überall beliebt und achtete darauf, welche Verbindungen ihr den Nutzen brachten, das Territorium der Brandenburger zu erweitern. Antonie spielte gedankenverloren mit dem Löffel vor ihr auf dem Tisch. Ein Stich fuhr durch ihr Herz, als sie an Annas Fruchtbarkeit dachte. Bereits sechs Kinder hatte sie geboren und trug erneut eins unter dem Herzen, obwohl gerade erst ihr Jüngster einjährig verstorben war.
   Herzog Johann, der zu Antonies Rechten saß, trommelte unwirsch mit den Fingerspitzen auf der Tischplatte. »Wann werden denn nun die Speisen aufgetragen?«, murrte er.
   Der Duft von geschmolzenem Kerzenwachs zog durch den Festsaal. Antonie hob den Blick und sah, wie die jungen Mädchen durch die zweiflüglige Tür wieder entschwanden. Kurz darauf erschienen sie mit silbernen Platten in der Hand. Der Flötenspieler stimmte eine fröhliche Melodie an.
   »Was soll das nun?« Johann schob die Unterlippe vor.
   »Das müsst Ihr Eure Nichte fragen. Was weiß ich?« Antonie zuckte mit den Schultern. »Da kommt sie. Seht Ihr?« Sie deutete mit einem Nicken in Annas Richtung. Johann blickte nur stumm auf die Tischplatte.
   Die kobaltblaue Seide von Annas Röcken raschelte bei jedem Schritt. Ihr rotblondes Haar trug die Kurfürstin von Brandenburg hochgesteckt und mit Perlen verziert. »Die Mädchen haben ihre Aufgabe gut gemeistert, findet Ihr nicht? Ich habe in der Küche aufgetragen, es mögen Pfeffergebäck und Safranbrötchen gebacken werden.«
   »Ihr habt was?« Johann erwachte aus seiner Starre und fuhr zu seiner Nichte herum, die mittlerweile hinter ihm stand. »Ihr gebt Anweisungen an meine Köche? Das steht Euch nicht zu«, raunzte er.
   »Ach Johann, seid nicht so. Wie Ihr wisst, war ich zum Fest der heiligen Lucia in Schweden. Ich wollte Euch ein wenig daran teilhaben lassen.«
   »Das Fest wird heute nicht gefeiert. Es ist immerhin der letzte Tag des Jahres. Außerdem, was haben wir mit dieser Lichtgestalt zu schaffen?«, entgegnete Johann schroff. »Ich hoffe für Euch, dieses Gebäck ist nicht die einzige Speise, die an diesem Abend aufgetragen wird.«
   »Nein, nein, keine Sorge«, sagte Anna und lachte, unbeeindruckt von Johanns unwirscher Art.
   »Was hat Euch nach Schweden gezogen?« Antonie nahm sich eines der Safranbrötchen und biss hinein.
   »Eine Audienz beim König. Wir haben ein sehr aufschlussreiches Gespräch geführt.«
   »Pah, die Verfechter der Reformation unter sich«, murmelte Johann, den Blick missbilligend auf das Gebäck gerichtet.
   »Sein ältester Sohn Gustav Adolf ist ein bemerkenswerter Junge. So wortgewandt und klug! Ein wirklich ehrwürdiger Thronfolger.« Anna suchte mit dem Blick den Festsaal ab. Als sie ihre Tochter Marie Eleonore entdeckte, erschien ein verschwörerisches Lächeln in ihrem Gesicht.
   »Warum nehmt Ihr nichts zu Euch, Johann?« Antonie legte die Hand auf den Arm ihres Gemahls.
   »Weil ich auf eine anständige Mahlzeit warte. Eine, die die Köchin Mia zubereitet hat. Dieses Zeugs hat sie nie und nimmer gebacken«, sagte Johann böse.
   Anna warf Antonie einen mitleidigen Blick zu. »Sein Leiden flammt wohl wieder auf«, flüsterte sie.
   »Sorgt Euch nicht, es gibt keinen Anlass dazu«, zischte Antonie. Doch ihre Worte waren eine Lüge. Es war unverkennbar, dass Johanns Geisteskrankheit wieder aufkeimte. Antonie wollte nicht daran denken, was ihr bevorstand, wenn er abermals in den Wahn verfiel.
   Anna hob die Augenbrauen. »Sein Leibarzt wird es wohl beizeiten feststellen.«
   »Haltet Euch aus unseren Angelegenheiten heraus. Johanns Geisteszustand geht Euch nichts an. Warum gesellt Ihr Euch nicht zu Eurem Gemahl? Wie ich sehe, amüsiert er sich gerade mit den jungen Lichtermädchen.« Antonie richtete den Blick auf das andere Ende der Tafel, wo Sigismund von Brandenburg in jedem Arm ein weiß gekleidetes Mädchen hielt.
   Anna presste die Lippen aufeinander und wandte sich ab. Mit angehobenen Röcken schritt sie um die Tafel auf ihren Gemahl zu. Als dieser sie sah, schob er die Mädchen eilig von sich. Das nutzte nichts mehr. Anna griff nach einem Krug Bier und schüttete ihm den Inhalt über den Kopf.
   »Sie zieht ihre Fäden im Reich«, brummelte Johann, »vorsorglich, für die Zeit nach meinem Ableben. Die Protestanten wollen das Reich an sich reißen.«
   »Anna ist nur die Tochter Eurer ältesten Schwester, vergesst das nicht, Johann.« Antonie griff beschwichtigend nach der Hand ihres Gemahls.
   »Gott möge meine Schwester in sein Himmelreich aufgenommen und ihr die Abtrünnigkeit verziehen haben.« Ein Seufzer entfuhr Johanns Brust. »Die Gefahr geht nicht allein von meiner Nichte aus. Auch der Gemahl meiner zweiten Schwester lechzt nach der Herrschaft im Herzogtum. Noch schlimmer ist sein Sohn. Die Machtgier sieht man Wolfgang von Pfalz-Neuburg an der Nasenspitze an. Seht Ihr das nicht?« Johann wandte den Blick zu seinem Neffen auf der anderen Seite der Tafel und verengte die Lider. »Er würde mit einem Heer um das Erbe streiten«, raunte er.
   Wolfgang prostete ihm mit seinem Kelch zu. Auf seinen Lippen lag ein Lächeln, das Antonie nicht zu deuten vermochte. Sein alternder Vater neben ihm hatte den Kopf in den Nacken gelegt und hielt ein Schläfchen. Antonie schloss die Augen und sog tief die Luft durch ihre Nasenflügel. Sie wünschte den Tag nach den Feierlichkeiten herbei, an dem die Erbanwärter das Schloss wieder verließen. Ihre Anwesenheit und die Sticheleien trugen nur dazu bei, Johanns Drang nach einem Nachfolger wieder aufkeimen zu lassen. Die schwere Bürde, die auf Antonies Herzen lastete, verwandelte sich in Angst. Sie griff nach der Bibel, die vor ihr auf dem Tisch lag. Wie es der Brauch am letzten Tag des Jahres war, schlug sie unwillkürlich eine Seite auf, um sich die Ereignisse im neuen Jahr prophezeien zu lassen. Ihr Blick schweifte über das elfte Kapitel aus dem ersten Buch Mose: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche …
   Auf Antonies Stirn vertieften sich die Falten.

*

Die Intarsien der dunklen Holzvertäfelung an den Wänden zeigten Märtyrer aus allen Zeiten bei ihren Heldentaten. Goldfarbene Brokatvorhänge verdeckten die Fenster, hinter denen ein eiskalter Wind um das Schloss pfiff. Da der Herzog Mia gestattet hatte, sich zu setzen, ließ sie sich auf einem der Lehnstühle nieder. Das Polster umgab sie weich. Im Kamin prasselte ein Feuer, dessen Wärme an Mias Füßen heraufkroch. Auf dem Schreibpult des Herzogs stapelten sich Schriften und Einbände. Ein gespitzter Federkiel lag vor einem Tintenfass, als wartete er darauf, wichtige Dokumente zu verfassen.
   Der Herzog griff nach der Weinkaraffe auf dem Beistelltisch und goss roten Wein in zwei Glaspokale. Er reichte Mia einen davon, blieb vor ihr stehen und starrte sie an.
   Mias Herzschlag wollte sich nicht mehr beruhigen. In der letzten Nacht des Jahres hatte sie kein Auge zugetan, viel zu groß war die Aufregung gewesen. Noch nie war jemand der Bediensteten zum Herzog gerufen worden. Nun saß sie in seinem Arbeitszimmer und versuchte, ihre Hände ruhig zu halten, damit der Wein nicht über den Rand des Pokals schwappte und ihre weißen Röcke besudelte. Der Blick des Herzogs haftete weiterhin auf ihr. Verlegen wich sie ihm aus und sah zu dem Hund, der unter dem Schreibtisch lag. Die Schnauze auf die Vorderpfoten gelegt, döste er vor sich hin.
   »Das ist Tasso, mein engster Verbündeter.« Der Herzog schritt zum Schreibtisch und stellte seinen Pokal darauf ab. Er bückte sich und klopfte dem Jagdhund auf die Hinterläufe, woraufhin dieser erwachte. »Sieh mal Tasso, wir haben Besuch. Willst du Mia nicht begrüßen?«
   Der Hund erhob sich, trottete zu ihr und beschnüffelte ausgiebig ihre Röcke. Mia zögerte kurz, dann tätschelte sie seinen Kopf. Tasso blickte sie kurz an und begab sich wieder zurück unter den Schreibtisch.
   Der Herzog zog sein Wams gerade und setzte sich in den Lehnstuhl neben Mia. »Nicht jeder mag Tasso anfassen. Selbst meine Gemahlin hat eine unbändige Angst vor ihm und wagt sich nicht in seine Nähe. Dabei ist er sehr brav.«
   »Ja, gewiss. Er beißt bestimmt nur das Jagdwild.« Mia spürte eine Beklommenheit in der Brust, die sie sich nicht erklären konnte. Sie hoffte, der Herzog würde sie bald nach ihren Kochkünsten fragen. Doch dieser betrachtete versonnen seinen Hund. »Mit ihm kann ich über alles reden, weißt du? Er hat immer ein offenes Ohr.«
   Warum hatte er sie zu sich kommen lassen, wenn er mit ihr keine Silbe über die Speisen sprach?
   Der Herzog bekam unvermittelt einen verträumten Gesichtsausdruck und blickte zu den Balken über ihm. »Die Kuchen waren die Krönung des Mahls. Abgesehen von der Maronenfüllung in den Gänsen.«
   Mias Ohren glühten vor Stolz, endlich hatte er zum Thema gefunden. »Es ist mir eine große Freude, dass Euch die Speisen gemundet haben.«
   Johann beugte sich vor und griff nach ihrer Hand. »Du bist eine Perle in der Küche, mein Mädchen. Deine Hände wissen, wie sie ein Mahl zubereiten müssen, das mir mehr Genuss verschafft als alles andere auf der Welt.«
   Mia senkte verlegen den Blick. »Ich bin noch nicht am Ende meiner Künste. Es gibt noch viel zu lernen und auszuprobieren! Mein Traum ist es, irgendwann nach Frankreich zu gehen und dort am Hofe von Henri zu kochen.«
   Der Herzog ließ abrupt ihre Hand los und sprang auf. »Du glaubst doch nicht im Ernst, ich lasse dich gehen? Schlag dir das gleich aus dem Kopf«, zischte er. Seine schwarzen Augen funkelten bedrohlich.
   Auch Tasso war aus seiner Lethargie erwacht. Er hob den Kopf, fletschte die Zähne und knurrte in ihre Richtung.
   Mias Herz raste. Ihr wurde bewusst, wie unbedarft ihre Wortwahl gewesen war. »Ich bin eine Frau, es wird mir ohnehin unmöglich sein, allein an den französischen Hof zu ziehen.«
   Der Herzog kniff die Augen zusammen. »Du hast recht. Es wird dir unmöglich sein, und zwar, mich zu verlassen. Glaube mir!« Er setzte sich wieder hin, griff erneut nach ihrer Hand und malte mit dem Zeigefinger eine ihrer Adern nach. »Reicht es dir nicht, an meinem Hofe zu kochen, muss es unbedingt bei einem König sein?«, flüsterte er plötzlich mit honigsüßer Stimme.
   Mia lief bei diesen Worten ein eiskalter Schauder den Rücken hinunter. Sie senkte den Blick und schüttelte den Kopf. »Ich werde so lange bei Euch bleiben, wie es Euch nach meinen Speisen verlangt.«
   Der Herzog ließ ihre Hand los und erhob sich abermals. »Das wird wohl bis an mein Lebensende sein. Begib dich zurück in die Küche. Meinem Gaumen gelüstet es nach deinen Speisen.« Er drehte ihr den Rücken zu und ließ den Blick aus dem Fenster schweifen.

*

Der Nachtwächter entzündete die Leuchte am Rathaus, die den Aldemarkt erhellte. Adrian eilte an ihm vorbei und lief die Mühlengasse hinunter zum Rhein. Dem Wachmann, der wie jede Nacht vor dem Tor am Fischmarkt patrouillierte, warf er augenzwinkernd einen Albus zu. Er kannte sie alle, die Männer, die des Nachts die Tore verschlossen, damit kein fremdes Volk in die Stadt gelangte. Das machte es für ihn möglich, in der Dunkelheit die Stadt zu verlassen oder wieder heimzukehren.
   Festgefroren verharrten die Aaken vor dem Rheinufer. Adrian klappte den Kragen seines Mantels hoch und lief den Treidelpfad nach Süden entlang, vorbei an St. Maria in Lyskirchen. Hinter einem der Wehrtürme trat eine Gestalt aus dem Schatten eines Radkranes und winkte ihn mit einer Fackel zu sich.
   »Entschuldigt meine Verspätung, Herzog.« Adrian verbeugte sich vor Heinrich von Lothringen.
   Dieser schob sich die breite Krempe aus der Stirn. »Einen Augenaufschlag länger, und ich hätte meine Reise in die Bretagne angetreten, ohne das Geschäft mit dir abgeschlossen zu haben. Bedauerlicherweise übrigens.«
   »Ihr meint, ich habe den Auftrag?« Adrian versuchte, ruhig zu bleiben, was ihm angesichts seiner Geldnot ziemlich schwerfiel. Er hatte das Schloss mit einem mulmigen Gefühl verlassen, das auch in den vergangenen vier Wochen nicht gewichen war. Einen Monat hatte sich der Herzog von Lothringen als Bedenkzeit eingeräumt. Nun war diese Zeit des Bangens endlich vorbei.
   »Beim nächsten Vollmond werdet Ihr Euch mit meinem Boten treffen, um ihm die Ware zu übergeben. Weitere Anweisungen erfolgen durch ihn.« Heinrich von Lothringen reichte Adrian ein Bündel mit Talern, verschloss den Kragen seiner Fellschärpe und eilte ohne ein Wort des Abschieds zum Bayenturm.
   Während Adrian ihm nachblickte, atmete er erleichtert aus. Er verstaute das Bündel unter seinem Mantel und lief den Treidelpfad zurück, bis er in Höhe des Heumarktes durch das Tor trat. Erst dort vernahm er die Schritte, die ihm folgten.
   »He, du!«, rief ein Mann, dessen Kleidung ihn kaum von der Schwärze der Nacht unterschied. »Bleib stehen. Was hast du mit dem feinen Herrn zu schaffen gehabt?«
   Adrian drehte sich um und sah in Joist Bölingers Gesicht, das unter einer Kapuze hervorlugte. »Ich wüsste nicht, was dich das angeht.« Er wandte sich ab, um weiter seines Weges zu gehen, doch Bölinger hielt ihn an der Schulter zurück.
   »Und ob mich das etwas angeht! Hab ich dich nicht neulich noch in den unterirdischen Gängen gesehen?«
   Adrian drehte sich erneut zu ihm hin. »Mich? In der Unterwelt? Kann schon sein. Was hat das mit dir zu tun?« Er wusste genau, worauf Bölinger hinauswollte. Er wollte wissen, ob er zu dem Gesindel gehörte, damit er von ihm ein Schutzgeld erpressen konnte.
   »Sehr viel, Freundchen. Du hast mir eine Abgabe zu leisten, damit dir dort unten kein Unheil widerfährt.«
   Adrian zog die Augenbrauen hoch. »Du bist der König der Buben und nicht der Kaufleute, vergiss das nicht. Wenn ich dort unten war, dann nur, weil sich einer deiner Schützlinge an meinem Hab und Gut vergriffen hat. Du solltest besser auf deine Schäfchen aufpassen.«
   Bölinger zog den Schnodder durch die Nase und rotzte ihn vor Adrians Füße. »Ich hab dich im Auge, denk daran. Immer und überall.«
   »Es ist kalt, geh nach Hause.« Diesmal wandte sich Adrian endgültig zum Gehen. Er konnte unmöglich zurück in sein Versteck, denn Bölinger würde ihn in dieser Nacht garantiert auf Schritt und Tritt verfolgen. Unter Groß St. Martin kehrte Adrian deshalb in eine Schenke ein, um dort in einer schäbigen Kammer die nächsten Stunden zu verbringen, hoffend, Bölinger möge das Interesse an ihm bis zum nächsten Morgen verloren haben. Ansonsten hatten er und Will ein Problem.

*

»Sie wird mit uns speisen?« Antonie sah ihn ungläubig an.
   »Ihr habt schon richtig gehört. Ich will kein Wort mehr darüber verlieren.« Johann legte die Hermelinschärpe über sein spitzenbesetztes Hemd, prüfte sein Antlitz und sah im Spiegelbild seine Gemahlin mit offenem Mund hinter sich stehen. »Ihr könntet Euch auch ruhig etwas angemessener kleiden.« Er drehte sich zu ihr hin und blickte missbilligend an den schwarzen Röcken hinab. »Oder tragt Ihr etwa Trauer? Sagt nicht, Euer Bruder …«
   Antonie schüttelte den Kopf. Sie kämpfte mit den Tränen, doch das rührte ihn nicht. »Nein, eine gute Freundin. Sie ist an der Pest gestorben.«
   Der Herzog setzte sich auf die Bettkante, streifte die Lederschuhe über und rückte die Rosette auf der Schnalle zurecht. »Schade für sie. Eurem Bruder hätte ich es eher gegönnt.«
   Seine Gemahlin schluchzte auf. »Ihr seid so unbarmherzig! Was hat mein Bruder Euch denn getan?«
   »Ich kann diesen eitlen Kerl nicht ausstehen, das ist alles. Zieht Euch um, wir gehen schließlich nicht zu der Trauerfeier Eurer Freundin.«

*

Der Speisesaal des Schlosses strahlte in neuem Glanz. Achtarmige Kerzenleuchter aus reinem Silber erhellten die blank gescheuerte Tafel. Die durchgesessenen Stoffe der Stühle waren durch saphirblaue Samtbezüge ersetzt worden. Ein zufriedenes Lächeln huschte über die Lippen des Herzogs. Mia sollte sehen, Schloss Jülich stand dem Hof in Paris in nichts nach. Sie durfte nie, aber auch niemals die Zitadelle verlassen. Nicht, solange er lebte. Nie zuvor hatte er so gut gespeist wie zu dieser Zeit. Mia wusste, wie sie seinen Gaumen zu verwöhnen hatte. Voller Erwartung starrte er auf die zweiflüglige Tür. Seine Gemahlin wollte zu seiner Rechten Platz nehmen, doch er stellte sich schützend vor den Stuhl. »Dort sitzt Mia«, raunte er mit finsterer Miene.
   »Ihr macht Euch lächerlich, und das wegen einer Bediensteten. So etwas habe ich noch nicht erlebt. Was hat sie denn schon geleistet? Sie kocht, das ist alles.« Antonie setzte sich auf den Stuhl zu seiner Linken.
   »Weib, schweigt. Was wisst Ihr von wahrer Lust? Glaubt Ihr, die finde ich, wenn Ihr Eure welken Schenkel öffnet? Mia ist die Frau, die weiß, wie sie mir die Freuden des Lebens schenken kann. Sie weiß, wie sie mich von meinem Kummer ablenkt.« Johanns Gesichtsausdruck erhellte sich, denn Mia betrat den Speisesaal. Unsicher sah sie sich um. Johann schritt ihr entgegen und küsste ihre Hand. Er geleitete sie zu ihrem Platz und zog den Stuhl hervor, als wäre er ihr Diener.
   Bevor Mia sich setzte, begrüßte sie seine Gemahlin mit einem Hofknicks. »Es ist mir eine Ehre, mit Euch speisen zu dürfen, Eure Hoheit.«
   Johann drängte sich dazwischen. »Ach was, es ist mir eine Ehre, mit dir speisen zu dürfen.« Er drückte Mia an den Schultern auf ihren Stuhl.
   Antonies Gesicht nahm die Farbe einer Blutkirsche an. Sie starrte auf Johann, als hätte sie Satan persönlich vor sich stehen. Mit ihrem Blick feuerte sie Giftpfeile auf ihn, die jedoch an ihm abprallten. Unbeirrt nahm er zwischen seiner Gemahlin und Mia Platz. Die Diener trugen die Platten auf.
   »Verrätst du mir, was meinen Gaumen heute erfreuen wird?«
   Ein gequältes Lächeln umspielte Mias Lippen. »Ich habe Eierteigstäbchen zubereitet. Dazu wird gebratene Spanferkelkeule mit Semmeltorte gereicht. Zu guter Letzt runden Bratäpfel, gedünstet in Rotwein, das Mahl ab.«
   Johann schloss die Augen und genoss das Vorspiel. Mias liebliche Stimme steigerte seine Lust noch. Ein Seufzer entfuhr seiner Kehle. Er öffnete die Augen und sah Mia mit einem verklärten Blick an. Goldgelb lagen die Eierstäbchen vor ihm. Er blickte auf Mias Hände. Sie musste ihm genau erklären, wie sie diese zubereitet hatte. Er schob sich eines der Stäbchen zwischen die Lippen und ließ das Aroma des Safrans seinen Gaumen kitzeln. Dabei genoss er Mias Beschreibung der Zubereitung, als lauschte er einem Musikspiel.
   Während er die Hauptspeise zu sich nahm, konnte er seine Lust kaum noch zügeln. Verzückte Laute entwichen seiner Kehle. Er blickte in Mias Augen und fand sich im Himmel zwischen musizierenden Engeln wieder. Ein Ziehen fuhr durch seinen Leib, das sein Verlangen nach dem Höhepunkt ins Unermessliche steigerte. Als der Duft der Bratäpfel seine Nasenflügel umspielte, zitterte er am ganzen Körper. Er führte den Löffel zum Mund, ertastete mit der Zunge das Fruchtfleisch und saugte ihm den Saft aus. Er schob sich einen weiteren Löffel zwischen die Lippen. Johann konnte nicht genug bekommen von dem Rausch. Er schloss die Lider.
   Nachdem das letzte Stück der Paradiesfrucht durch seine Kehle gewandert war, lehnte er sich schwer atmend zurück und ließ die Lust ausklingen. Dabei hielt er Mias Hand fest umklammert. In seinen Augen brannten Tränen. »Du darfst niemals das Schloss verlassen. Verstehst du nun, warum?«
   Seine Gemahlin warf ihren Löffel auf den Tisch und sprang von ihrem Platz auf. Die Lehne des Stuhls landete krachend auf den Fliesen. »Ihr seid von Sinnen«, rief sie, raffte ihre Röcke und lief aus dem Speisesaal.
   Johann sah ihr mit erhobenen Augenbrauen nach. Er berührte Mias Hand mit den Lippen. »Ich danke dir.« Seine Worte verschmolzen mit einem gehauchten Kuss.

3. Kapitel

Spät am Abend verschränkte Mia auf ihrem Bett die Hände hinter dem Kopf und starrte an die Decke ihrer Kammer. Durch das Fenster fiel das fahle Mondlicht und erhellte die gegenüberliegende Wand. Sie lauschte der Stille, die im Schlossinnenhof herrschte, und musste immerzu an das Verhalten des Herzogs denken. Wie seltsam er gespeist, und wie demütigend er seine Gemahlin behandelt hatte! Mia plagte ein schlechtes Gewissen gegenüber der Herzogin. Nie hatte sie den Platz an seiner Rechten gewollt. Was hätte sie tun sollen? Die Bediensteten durften dem Herzog niemals widersprechen. Dazu hatte Walther sie unzählige Male ermahnt, weil er ihr loses Mundwerk kannte, wie er behauptete.
   Das beklemmende Gefühl in ihrer Brust wollte nicht weichen. Es klopfte an der Tür und Ännchen betrat mit einem Öllicht die Kammer.
   »Hast du schon geschlafen?«
    Mia richtete sich auf, schüttelte den Kopf und strich über die Bettkante.
   Ihre Ziehmutter atmete tief durch und setzte sich neben sie. »Ich bin so neugierig, weißt du? Ich muss unbedingt wissen, wie es war. Erzähle!«
   Mia stieß einen tiefen Seufzer aus, senkte den Blick und knetete das Linnen ihres Nachtgewandes in den Händen. »Es war seltsam. Der Herzog hat seine Gemahlin schlecht behandelt. Mich hat er umschmeichelt, und sie war nur Luft für ihn. Du glaubst nicht, wie unangenehm mir das war!«
   Ännchen stellte das Öllicht auf den Nachttisch und strich ihr über die Locken. »Aber Kind, das ist nicht deine Schuld. Die Welt der Herrschaften ist eben nicht unsere. Nimm dir das nicht zu Herzen. Was zwischen dem Herzog und seiner Gemahlin geschieht, geht uns nichts an. Glaube mir, du bist bestimmt nicht der Grund dafür. Ich denke eher, er hegt ihr gegenüber einen Groll, weil sie ihm keinen Sohn schenkt.«
   Mia lehnte den Kopf gegen die Schulter ihrer Ziehmutter. »Ich hoffe, du hast recht. Ich könnte es nicht ertragen, wenn es meinetwegen wäre.«
   »Du solltest dich geehrt fühlen, überhaupt mit ihm speisen zu dürfen. Bitte störe dich niemals an seinem Verhalten.«
   Mia hob den Kopf. »Du hättest sehen sollen, wie er die Speisen zu sich genommen hat! Ännchen, so habe ich noch niemals jemanden essen gesehen.« Die Erinnerung ließ sie erschaudern.
   Nachdem sie Ännchen alle Einzelheiten des Abends erzählt hatte, drückte diese ihre Hand. »Ich weiß nicht, wohin das mit unserem Herzog noch führt. Ich habe von anderen Bediensteten gehört, wie merkwürdig er sich wieder benimmt. Dabei hieß es, der Arzt aus England hätte ihn damals geheilt.« Ännchen zuckte mit den Schultern. »Zum Glück haben die Landstände ihn im Auge.« Sie erhob sich, zog Mia hoch und schlug für sie die Bettdecke zurück. »Du solltest dich schlafen legen, mein Kind. Es ist spät, und morgen müssen wir wieder zeitig in der Küche sein.«
   In der Nacht träumte Mia von dem Herzog. Er hatte sich in einen Werwolf verwandelt und zerfleischte die Schlossbewohner. Sie erwachte schweißgebadet und starrte zur Tür. Ihr Herz schlug heftig in ihrer Brust. Bei dem Gedanken an ein weiteres Zusammentreffen mit dem Herzog krampfte sich ihr Magen zusammen.

*

Adrian glaubte, seinen Augen nicht zu trauen, als er Lis aus dem Zugang zu seinem Versteck krabbeln sah. Staub bedeckte ihre gelb-blau gestreifte Haube sowie ihren Umhang. Adrian half ihr auf die Beine. In den Augen der alten Frau schimmerten Tränen.
   »Du musst kommen, schnell! Bölinger bringt sie um.« Sie schnappte nach Luft.
   »Wen und wo?« Adrian konnte ihren Worten nicht folgen.
   »Helene«, japste Lis. »Bölinger – er schlägt sie tot!«
   Adrian fasste sie an den Schultern. »Wo ist sie?«
   »Bei den Huren, du brauchst nur dem Geschrei zu folgen.«
   Er kroch durch den Zugang und lief, so schnell er konnte, durch die Gänge. In dem Gemäuer hallten die Schreie der Huren wider. Plötzlich blieb er abrupt stehen.
   Ein letzter Tritt in die Rippen, und Bölinger wandte sich von Helene ab. Über die Leiter verschwand er aus der Unterwelt. Das Mädchen lag regungslos zwischen den Mauern. Adrian wollte hinter Bölinger her, doch Will hielt ihn am Mantel fest. Dass sein Freund ihm gefolgt war, bemerkte er erst in diesem Augenblick.
   »Lass mich los! Dieser miese Hund darf nicht ungeschoren davonkommen!« Adrian riss an seinem Mantel.
   »Komm zur Vernunft, Adrian. Wenn Bölinger von unserem Versteck weiß, ist es aus für uns. Dann kannst du alles vergessen.«
   Will hatte recht. Bölinger durfte keinen Wind von dem bekommen, was sie trieben. Adrian biss sich auf die Lippen und ballte die Faust. »Ich schwöre dir, wenn ich ihn irgendwo in den Gassen allein antreffe, bringe ich ihn um.«
   Die Huren beugten sich über Helene. Die pummlige Beele schob Lumpen unter ihren Kopf und tätschelte ihre Wange. Adrian kniete sich zu dem Mädchen. Ihre aufgerissenen Augen starrten ins Leere. Aus ihren Mundwinkeln und den Ohren sickerte das Blut.
   Außer Atem erreichte nun auch Lis das Lager der Huren. Sie holte einen Krug Wasser und hielt ihn an Helenes Lippen.
   »Vergiss es, sie ist tot.« Adrian nahm der Alten das Gefäß aus den Händen und stellte es auf den Boden.
   Die Huren brachen in Wehgeschrei aus, fielen neben Helene auf die Knie und schworen Rache.
   Adrian schloss die Lider des Mädchens und wischte mit einem Tuch das Blut aus ihrem Gesicht. Helenes Anblick versetzte ihm einen Stich ins Herz. Es fiel ihm schwer, zu begreifen, wie ein Mann in der Lage sein konnte, solch ein junges Mädchen zu töten. »Wir müssen sie begraben.« Er zog seinen Mantel aus, bedeckte Helenes Leib und hob sie hoch. Ihr zarter Körper wog nur wenig. »Kommt, wir bringen sie aus der Stadt.«
    Schweigend zog er mit Will, Lis und den Huren im Schutz der Dunkelheit durch die Gassen. Sie ließen die Stadt durch die Kahlenhausener Pforte hinter sich und blieben schließlich auf einem gerodeten Acker stehen. Adrian legte Helenes Leichnam auf die gefrorene Erde. »Wir können sie nur unter altem Laub und Reisig begraben. Der Boden ist zu hart.«
   »Dann holen sie bald die Wölfe«, sagte Lis und schluchzte.
   Adrian sog tief den Atem ein. »Du hast recht. Also verbrennen wir ihren Leichnam.«
   Die Rattenfengersche, die älteste der Huren, heulte auf. »Sie ist doch keine Hexe!«
   Adrian presste die Lippen aufeinander und starrte auf Helenes Leichnam. »Sind wir nicht alle Sünder auf Erden? So wird wenigstens ihre Seele gereinigt.«
   »Du sprichst wie ein Pfaffe.« Die Rattenfengersche spie durch ihre Zahnlücke auf den Boden.
   »Pfaffe hin, Gott her. Verdammt, was wollt ihr denn? Dass die Wölfe ihr das Fleisch von den Knochen reißen?« Adrian hätte die Huren am liebsten stehen gelassen und wäre in die Unterwelt zurückgekehrt. Die Kälte war ihm mittlerweile in alle Glieder gekrochen und ließ sie steif werden. Er nahm seinen Mantel von Helenes Leichnam und zog ihn an.
   Lis legte die Hand auf seinen Arm. »Lass dich nicht von ihnen beirren und verbrenne ihren Leib. Bitte.«

Über dem Acker stiegen die Rauchwolken in den mondlosen Himmel. Der Geruch von verbranntem Fleisch wehte mit dem eisigen Wind davon. Adrian warf noch einen Blick zurück, dann passierte er gemeinsam mit Lis und Will die Stadtmauer. Die Huren wollten noch dortbleiben, bis der Leichnam vollständig verbrannt war.
   »Ich könnte diesen Bölinger in der Luft zerreißen!« Adrian zog den Mantel enger um seinen Leib.
   »Sie hat versucht, ihre Einnahmen zu unterschlagen, und das nicht zum ersten Mal. Bölinger hatte ihr zur Warnung schon die Rippen gebrochen. Das scheint das Mädchen nicht beeindruckt zu haben. Sie war noch jung und töricht …« Lis hatte Mühe, mit den Männern Schritt zu halten.
   »Lis, verrate niemanden in der Unterwelt unser Versteck.« Will hatte seinen Schritt verlangsamt.
   »Nein, macht euch keine Sorgen. Nur versprecht mir, dass ihr euch von Bölinger fernhaltet. Keine Rache für den Tod des Mädchens.«
   Die Gelenke von Adrians Finger knackten, als er sie ineinander verschränkte. Lis hatte recht. Rache würde die Hure auch nicht wieder lebendig machen, wohl aber ihn und Will in Gefahr bringen.
   Kurz darauf verabschiedeten sich Will und Adrian vor der Paffenpforte von der alten Lis. Sie bogen in die Trankgasse Richtung Rhein ein, um dort in einer Schenke ihren Unmut mit einem Krug Bier zu ertränken.

*

Der Diener grinste bis über beide Ohren, als er die Küche betrat. In Mias Bauchhöhle breitete sich ein unangenehmes Ziehen aus. Sie versuchte, sich auf die Hammelkeule zu konzentrieren und den Diener des Herzogs, der in seinem schwarzen Wams und den weißen Seidenstrümpfen vor ihr stand, nicht zu beachten.
   »Mia, der Herzog erwartet dich nach Sonnenuntergang zu einem Umtrunk.«
   Walther setzte den Kessel auf dem Ofen ab und kam zu ihr herüber. Er bemerkte ihren entsetzten Gesichtsausdruck. »Was ist los, mein Mädchen? Gefallen dir die Besuche beim Herzog nicht?«
   Mia schüttelte den Kopf. »Lasst gut sein, Walther. Er will sich sicher nur für die Speise bedanken.«
   Sie mochte nicht darüber nachdenken, was sie an diesem Abend erwartete. Niemand, der den Herzog in den vergangenen Tagen persönlich getroffen hatte, konnte sein Verhalten nachvollziehen.
   »Geh nur, du willst dich bestimmt noch ein wenig frisch machen. Ich kümmere mich um die Hammelkeule.« Walther nahm ihr das Messer aus der Hand.
   Mia versuchte, sich ihren Unmut nicht anmerken zu lassen, quälte sich ein Lächeln ab und verließ die Küche.

Der Herzog erhob sich aus seinem Lehnstuhl und bot ihr einen Platz vor dem Kamin an. »Meine liebe Mia, wie schön dich zu sehen.« Sie sah sich in seinem Arbeitszimmer um. Ihre Hoffnung, dass Herzogin Antonie anwesend war, zerplatzte. Der Gedanke, mit dem Herzog allein zu sein, bereitete ihr Bauchschmerzen. Sie setzte sich in den Lehnstuhl und nahm den Weinpokal entgegen, den er ihr reichte. Der Herzog rückte seinen Sessel zu ihr und ließ sich darauf nieder. Die Falten auf seiner Stirn verrieten seine Sorgen. Davon wollte Mia nichts hören. Sie betete, er möge sich mit ihr nur über die Speisen unterhalten. Ihr Mund wurde trocken, und sie nahm einen kräftigen Schluck Rotwein, um ihn zu befeuchten. An den Wänden brannten nur zwei Fackeln und tauchten das Arbeitszimmer in ein unheimliches Licht. Der Schatten des Herzogs flackerte an dem Gemäuer. Ihr schauderte es.
   »Die Zeit läuft mir davon.«
   Die Stimme des Herzogs ließ sie zusammenzucken.
   »Mein Leibarzt hat mich auf Empfehlen der Landstände aufgesucht. Ich weiß nicht warum, denn mich plagt kein Leiden. Irgendetwas führen sie im Schilde, diese Herren in Düsseldorf. Sie haben mein Vermögen beschlagnahmt. Die Truhen mit meinen Juwelen und dem Gold mit Ketten verhangen und nach Düsseldorf gebracht.« Der Herzog hob den Blick aus blutunterlaufenen Augen.
   Mia wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Die politische Situation im Lande war ihr nicht vertraut. Hoffentlich glaubte der Herzog nicht, sie sei unhöflich, weil sie schwieg.
   »Vielleicht muss ich mich noch stärker gegen die Protestanten stellen. Doch das ist schwer, sehr schwer. Selbst im Landstand sind sie vertreten.« Der Herzog erhob sich. Die Hände auf dem Rücken verschränkt, durchmaß er das Arbeitszimmer mit großen Schritten. Augenscheinlich hatte er neuen Mut gefasst. Er kniete sich vor Mia und legte plötzlich den Kopf in ihren Schoß. Mia hielt den Atem an. Für einen kurzen Augenblick verspürte sie den Drang, dem Herzog über das Haar zu streichen. Doch dann überkam sie das Gefühl der Abscheu. Der Jülich-Klevische Herrscher lag mit dem Kopf auf ihrem Oberschenkel wie ein kleiner Junge, der den Trost seiner Mutter suchte. Sein heißer Atem drang durch ihre Röcke.
   »Ich brauche einen Nachfolger.« Er keuchte. »Doch meine Gemahlin schenkt mir keinen.« Sein Kopf fuhr hoch. In seinen Augen blitzte ein bösartiges Funkeln. Er sprang auf und umkreiste Mia wie eine Raubkatze ihre Beute. Erneut kniete er sich vor sie und legte seinen Kopf in ihren Schoß. Sein Wimmern durchbrach die Stille des Gemaches.
   Mia schnürte es den Hals zu. Sie glaubte, nicht mehr atmen zu können. Hilflos blickte sie zur Tür, in der Hoffnung, jemand würde sie aus dieser misslichen Lage befreien. Als hätte der Herrgott ihr Flehen erhört, flog die Tür auf. Umgeben vom Licht des Flures, wirkte die Silhouette der eintretenden Gestalt wie ein Engel. Das Schnauben, das sie von sich gab, hatte mit einem Abgesandten des Himmels nichts gemeinsam.
   Antonie trat in das Arbeitszimmer und stellte sich vor sie. Den Blick fest auf den Schopf des Herzogs gerichtet, kniff sie die Augen zusammen. »Seit Stunden warte ich in meinem Bett auf Euch. Was macht Ihr? Ihr vergnügt Euch mit dem Küchenmädchen. Ihr seid wirklich von Sinnen. Euer Leibarzt hat recht«, zischte sie.
   »Was fällt Euch ein, unaufgefordert einzudringen?« Mit einem Sprung stand der Herzog vor seiner Gemahlin. »Ihr seid hässlicher als eine Nebelkrähe. Warum sollte es mich in Euer Bett ziehen?«
   Mia nutzte den ehelichen Streit, um sich lautlos davonzustehlen. Was geschah hier bloß? Ihr Herz krampfte sich zusammen. Das durfte nicht sein, niemals! Antonie von Jülich durfte sie nicht verdächtigen, des Herzogs Geliebte zu sein. Oder war sie vielleicht schuld daran? Sie hätte die Aufmerksamkeit des Herzogs nicht auf sich lenken dürfen. Nun war es zu spät. In ihren Augen brannten heiße Tränen der Scham. Nicht einmal Ännchen konnte sie sich anvertrauen. Mia spürte, wie ihr die Kraft aus den Beinen wich, und ließ sich auf der Stiege nieder. Durch die geschlossene Tür des herzoglichen Gemaches drang Antonies Gekeife. Mia hielt sich die Ohren zu, um die ungerechten Worte nicht zu hören. Es half nichts. »Hure!«, hallte es durch ihren Kopf. Sie sprang auf und eilte in ihre Kammer.
   Die frostige Luft, die durch das geöffnete Fenster drang, verhalf Mia dazu, ungehindert atmen zu können. Sie streifte sich die Kleider vom Leib und zog ihr Nachtgewand über. In ihr schwelte die Angst vor der Herzogin und dem Herzog. Sie musste sich etwas einfallen lassen, um ihm fortan aus dem Weg zu gehen. Wer wusste schon, welche kranken Gedanken ihn noch überfielen?

*

Die Augen ihres Gemahls starrten durch sie hindurch. Der glasige Blick ließ erkennen, dass sich die Gedanken des Herzogs nicht in der Wirklichkeit befanden. Antonies Brustkorb zog sich zusammen. Sie atmete tief ein und versuchte sich an ihm vorbeizuzwängen, doch er stellte sich ihr in den Weg.
   »Bleibt hier, ich habe mit Euch zu reden!«
   Sie konnte seine Lobeshymnen über diese Mia nicht mehr hören, denen stets unvermittelt Beleidigungen gegen sie folgten. Seit sie ihn mit Mia in seinem Arbeitszimmer angetroffen hatte, verglich er sie nur noch mit ihr. Sie mochte nicht mehr in den Spiegel sehen, hasste ihren Leib, der keine Frucht heranreifen ließ. In ihren Augen brannten Tränen, die sie jedoch mit aller Macht zurückhielt.
   Sein Atem drang an Antonies Ohr und ließ Abscheu in ihr aufkeimen. Das Küchenmädchen hatte ihren Gemahl mit ihren Speisen verführt, so, wie Eva damals Adam im Paradies mit der verbotenen Frucht verführt hatte.
   »Lasst mich gehen, Johann.«
   Der Herzog überhörte ihre Bitte, fasste sie an den Schultern und schob sie zu dem Bett, über dem sich ein rostroter Baldachin spannte. »Setzt Euch, und wagt es nicht noch einmal, mir zu widersprechen.«
   In seinem Blick lag immer noch der Irrsinn, doch nun sah er sie an, nicht durch sie hindurch. Das beunruhigte Antonie noch mehr. Sie versteckte die zitternden Hände in ihrem Schoß. Johann schritt vor ihr auf und ab wie ein Wachmann vor einem Tor. In dem Gemach knisterte die Luft vor Anspannung.
   »Mia soll mir einen Sohn gebären.« Johann ließ sich neben Antonie nieder und griff nach ihrer Hand. »Denkt nur, ein wunderhübscher Junge mit Mias Zügen, meinem Sinn für Gerechtigkeit und meiner Gabe, das Volk zu lenken. Welch ein Herrscher für das Jülich-Klevisch-Bergische Land! Und das aus meinem Blut.«
   Antonie schloss die Augen. Das konnte er nicht ernst meinen! Er konnte nicht von ihr verlangen, dies gutzuheißen. Ihr Hals schnürte sich zu, als hätte sich ein Strick darum gezogen. Sie glaubte, zu ersticken, fasste sich an den Hals und rang nach Luft.
   »Antonie, Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie sehr ich mich auf meinen Nachfolger freue.« Das Lächeln des Geisteskranken lag auf seinen Lippen. »Auch Euch müsste es warm ums Herz werden bei dem Gedanken. Oder freut Ihr Euch nicht darauf, ein Kindlein im Arm zu halten?« Ohne eine Antwort zu erwarten, sprang Johann auf und riss die Hände hoch. »Allmächtiger, ich danke Dir, dass Du mir dieses Mädchen über den Weg hast laufen lassen!« Er beugte sich zu Antonie. »Eine göttliche Eingebung überfiel mich im Gebet, die mir sagte, Mia soll die Mutter meines Sohnes sein.« Johanns Augen schwammen in Tränen.
   »Das könnt Ihr nicht von mir verlangen.« Antonie versuchte, ihrer Stimme Festigkeit zu verleihen. »Verlangt nicht von mir, das Kind einer Bediensteten mein Eigen zu nennen und es aufzuziehen.«
   »Das werdet Ihr wohl müssen.« Johann zog die Schultern hoch und sah sie fast mitleidig an. »Ihr habt Eure Pflicht nicht erfüllt. Was soll ich tun? Solange Ihr nicht das Zeitliche segnet, darf ich mich nicht neu verheiraten. Ich könnte nachhelfen, aber da ist meine Angst vor dem Fegefeuer zu groß.«
   »Das, was Ihr vorhabt, ist Ehebruch! Gott wird das nicht billigen«, stieß Antonie mit letzter Kraft aus. Sie starrte auf ihre Hände. All dies musste ein schrecklicher Traum sein. Bestimmt würde sie gleich erwachen. Sie schloss die Augen und kniff sich in die Handfläche. Als sie die Lider wieder hob, stand ihr Gemahl immer noch vor ihr.
   »Lasst es uns bitte noch einmal versuchen. Ich bin noch nicht zu alt, Johann. Bitte, noch einmal, ich werde alles tun, was Ihr von mir verlangt. Wenn es sein muss, suche ich eine Heilerin auf. Nehme das, was sie mir zusammenbraut. Doch bitte schwängert nicht diese Frau. Ich könnte es nicht ertragen.«
   Johann kniff die Augen zusammen. »Eine Heilerin? Ihr meint wohl eine Hexe?« Er schnappte nach Luft. »Niemals!« Seine Faust fuhr drohend durch die Luft. »Mein Sohn soll das Werk des Teufels sein? Das ist nicht Euer Ernst!« Schwer atmend strich er sich eine Strähne aus der Stirn.
   Antonie schloss die Augen. Ihr wurde bewusst, wie unüberlegt ihr Vorschlag gewesen war. Wie konnte sie diesem Mann, der versuchte, die Ketzer und Protestanten im Land auszurotten, solch einen Handel vorschlagen? »Verzeiht, dieser Vorschlag war töricht«, wisperte sie mit tränenerstickter Stimme.
   »Der Teufel spricht durch Eure Zunge. Anders kann ich es mir nicht erklären. Das wird wohl auch der Grund sein, warum Ihr kein Kind empfangt. Er will es verhindern. Satan hat Euren Leib in Besitz genommen. Es gibt keine Zweifel.«
   Antonie sprang von der Bettkante auf. »Wie könnt Ihr so etwas behaupten? Ich bin eine fromme Frau, trage Gott in meinem Herzen, nicht den Teufel im Leib.« Die Beine gaben unter ihr nach. Sie taumelte zu dem Lehnsessel und ließ sich in das Polster fallen. Ein Weinkrampf überfiel sie. Wie konnte ihr Gemahl nur so grausam sein?
   »Eure Mutter hat neun Kinder geboren. Warum nicht Ihr?« Johann schüttelte den Kopf und zog die Stirn kraus. »Aber es gibt Wege, den Teufel aus Eurem Leib zu verbannen.« Die Muskeln in Johanns Kiefer zuckten und in seinen Augen loderte Kampfeslust.
   Antonie konnte seinen Anblick nicht mehr ertragen. Sie wischte sich die Tränen von den Wangen und eilte an ihm vorbei aus dem Gemach. Auf den Stiegen begegnete sie Marschall Bretzen, der sie besorgt ansah.
   »Eure Hoheit, geht es Euch nicht gut?« Er fasste nach ihrem Arm und führte sie die Stufen hinab.
   Widerstandslos begleitete Antonie ihn in die Bibliothek. Ihre Füße trugen sie fast wie von selbst, bevor sie sich von Bretzen in einen Lehnsessel drücken ließ. Kraftlos blickte sie den Marschall an. »Ihr könnt Euch nicht vorstellen, was mein Gemahl von mir verlangt.« Sie erzählte Bretzen von Johanns ungeheuerlichem Vorhaben, sie exorzieren lassen zu wollen.
   Der Marschall schüttelte ungläubig den Kopf. »Es ist seine Geisteskrankheit, die wieder aufgekeimt ist. Wir sollten den Kaiser in Kenntnis setzen und einen Befehl erwirken, damit wir Johann inhaftieren können.«
   Antonie wurde bewusst, dass es womöglich ein Fehler gewesen war, sich dem Marschall anzuvertrauen. »Bitte nicht, Marschall! Das wird nicht nötig sein. Ich werde Johann schon umstimmen. Bisher ist mir das immer gelungen.« Sie mochte sich nicht ausmalen, wie die Erbstreiter nach und nach auf dem Schloss einkehrten, um dieses in Beschlag zu nehmen. Lieber kämpfte sie gegen die Geisteskrankheit ihres Gemahls, als dieses streitende Volk in Jülich zu wissen, das ihr die Regentschaft erschwerte.
   »Antonie, ich verstehe Euch nicht.« Bretzen legte die Hand auf ihre Schulter. »Ihr habt eine schwere Bürde zu tragen. Ich befürchte, Ihr zerbrecht daran. Ihr könntet wieder auf Schloss Düsseldorf residieren. Die Unterstützung der Landstände wäre Euch gewiss.«
   »Nein, ich bin stark, Marschall. Ich werde das durchstehen. Eher dies, als die Streitereien unter Johanns Schwestern. Auf Schloss Düsseldorf, wo Jacobe mit ihrem Geist ihr Unwesen treibt, will ich nicht wohnen.« Antonie schauderte es bei dem Gedanken daran.
   Bretzen seufzte schwer. »Die Sorge um Euch wird mich jede Minute am Tag begleiten. Bitte setzt mich in Kenntnis, wenn die Krankheit Eures Gemahls zu unerträglich für Euch wird.«
   Antonie nickte. Sie wusste, all dies würde sie eher bis zum bitteren Ende ertragen, als nach Düsseldorf zurückzugehen.

*

In der Unterwelt herrschte eine friedliche Stimmung. Auf einer Flöte aus Seeadlerknochen spielte Lis eine leise Melodie. Die Bettler und Diebe dösten in ihre löchrigen Mäntel gehüllt vor sich hin. Über der Feuerstelle bereiteten die Huren einen Grießbrei zu, dessen Duft durch die Gänge zog. Es sah aus, als hätte Bölinger seine Abgaben kassiert und wäre, ohne weiteren Schaden anzurichten, wieder von dannen gezogen. Erleichtert verschwand Adrian mit Will hinter der Biegung, die zu seinem Versteck führte. Gerade als er die Basaltsteine wegräumte, die den halbhohen Gang verbargen, brach hinter ihnen ein Tumult aus. Geschrei hallte von den Mauern wider, als wäre der Wolf in einen Hühnerstall eingedrungen. Adrian erstarrte am ganzen Leib. Er ließ einen der Steine fallen, der daraufhin in zwei Teile zerbrach.
   »Bitte nicht schon wieder«, flüsterte er.
   »Lass gut sein, Adrian. Wir sollten uns nicht daran stören, was Bölinger mit den Buben treibt. Lass uns lieber sehen, dass wir in unserem Versteck verschwinden.«
   »Ich kann mich nicht einfach verstecken. Ich muss wissen, was da los ist.« Adrian wand sich aus Wills Griff.
   Er lief den Gang entlang, bis er ungehinderte Sicht auf das Lager der Bettler hatte.
   Will war ihm gefolgt und zog ihn an der Schulter zurück. »Er darf uns hier unten nicht sehen! Bitte Adrian, halte dich zurück. Denke an unser Überleben.«
   Das Blut rauschte in Adrians Ohren. Er starrte auf das Geschehen und konnte nicht glauben, was er sah. Bölinger war aufgetaucht, und zwar nicht allein. Der Bader begleitete ihn. Das Blatt einer Säge blitzte im Schein der Fackeln auf. Lautes Gekreische scholl durch die Gänge. Bölinger zog Matthis an den Armen hoch und verschränkte sie ihm auf dem Rücken, woraufhin der Bettler in die Knie sank. Der Bader griff nach seinem Fuß und verdrehte sein Bein, bis dieses ausgestreckt neben ihm lag. Adrian vermochte den Blick nicht abzuwenden. Es wäre ein Leichtes für ihn gewesen, sich von Will loszureißen. Doch er verharrte in einer Starre, unfähig nur einen Schritt zu gehen. Der Bader band das Bein unter dem Schritt mit einem fleckigen Stofffetzen ab und setzte die Säge an. Ein markerschütternder Schrei drang durch die Unterwelt. Will zerrte Adrian am Arm hinter die nächste Biegung. Bölingers Lachen verfolgte sie.
   Adrian erwachte aus seiner Starre. In seinem Leib brannte das Feuer des Hasses. Nach Luft ringend riss er die Augen auf. »Ich halte das nicht mehr aus«, sagte er. Er keuchte und schlug gegen das Mauerwerk. »Nur um seine Einnahmen zu verdoppeln, macht dieser miese Hund die Männer zu Krüppeln.«
   »Bitte Adrian, reiß dich zusammen.« Will zerrte ihn am Mantel weiter.
   Wie aus dem Nichts stand Lis plötzlich vor ihnen. »Jung, du kannst es nicht ändern. Wir müssen uns Bölingers Gesetzen beugen. Es bringt nichts, wenn du ihn tötest. Der Nächste seiner Art steht schon in den Löchern und wartet darauf, das große Geschäft zu machen.«
   Adrian ließ sich von ihr und Will in die Mitte nehmen. Er fühlte sich, als wäre das Blut nicht aus Matthis’ Bein, sondern aus seinem Leib gewichen. Kraftlos setzte er einen Fuß vor den anderen. Mit zittrigen Händen räumte er die restlichen Steine aus dem Zugang und kroch, gefolgt von Will, zu seiner Unterkunft.
   Will entfachte das Feuer. Mit der Schulter an das Gemäuer gelehnt, starrte Adrian auf sein Lager. In diesem Augenblick sehnte er sich danach, den weichen Körper einer Frau in den Armen zu halten. Sehnte sich nach Geborgenheit, die ihn unter den Felldecken einhüllte und von dem Elend in der Unterwelt ablenkte. Doch welcher Frau konnte er dieses verdammte Leben zumuten?

*

»Zum Teufel, warum habe ich mich von den Weibsbildern in der Küche überreden lassen, diesen Tunichtgut zu behalten?« Walther stierte Rutger an, als wollte er ihm jeden Augenblick den Kessel mit der kochenden Suppe entgegenschleudern. Glasscherben übersäten den Boden. Daneben lag das Tablett, auf dem Rutger die Weinpokale aus venezianischem Glas dem Diener übergeben sollte. Die Hände immer noch ausgestreckt, starrte dieser stumm auf das Fiasko, das der Küchenjunge angerichtet hatte.
   »Mach, dass du hier rauskommst. Aber ganz schnell!« Walther rang um Selbstbeherrschung. »Ich will dich nie wieder sehen«, zischte er.
   Mia hielt den Atem an. Rutger lief an ihr vorbei, hinaus aus der Küche, als wäre der Teufel hinter ihm her.
   Mit gesenktem Kopf hielt der Küchenmeister inne. »Ich habe keine Kraft mehr, diesem Nichtsnutz eine Abreibung zu verpassen. Ich will nur eins: dass er verschwindet.« Seine Augen, die er auf Ännchen richtete, glühten vor Zorn. »Selbst, wenn du mich auf Knien anflehst, du wirst mich kein weiteres Mal überreden.« Er drehte sich um und rührte zähneknirschend in dem Gersteneintopf.
   Ännchen kämpfte mit den Tränen. Sie raffte ihre Röcke und lief ebenfalls aus der Küche. Mia sog tief den Atem ein. Dass der arme Rutger vom Schloss gejagt wurde, brach Ännchen bestimmt das Herz. Nach diesem erneuten Missgeschick war es wohl nicht mehr zu ändern. Mia musste sich erst einmal sammeln. Im Augenblick war es wohl besser, Walther nicht anzusprechen. Außerdem hatte sie ihre eigenen Sorgen, über die sie bisher mit niemandem geredet hatte. Sie setzte das Messer an, um die Karotten in dünne Scheiben zu schneiden, die sie anschließend in Butter und Zucker glasieren wollte. Seit die Landstände den Herzog in Geldnot hielten, waren erlesene Zutaten in der Schlossküche eine Seltenheit geworden. Mia musste zusehen, wie sie dennoch die Speisen besonders schmackhaft zubereitete. Auf Wild, Trüffel und Fasan, ganz zu schweigen von Safran und Muskatnuss, musste der Herzog verzichten. Stattdessen wurden die Hühner des Schlosses, die bisher meist für den Bestand der Eier gesorgt hatten, eines nach dem anderen geschlachtet. Neben ihr knirschte Walther weiterhin mit den Zähnen. Dieses Geräusch konnte Mia auf den Tod nicht ausstehen. Sie legte das Messer zur Seite, wischte sich die Hände an der Schürze ab und trat durch die Tür nach draußen.
   Im Schlosshof saßen Ännchen und Rutger mit dem Rücken zu ihr auf einer Steinbank. Sie bemerkten nicht, dass sich Mia ihnen näherte.
   Rutger legte den Kopf auf Ännchens Schulter. »Schuld daran ist nur Mia. Der Küchenmeister würdigt mich nie eines Blickes.«
   Mia hielt in ihrem Schritt inne, um dem Gespräch zu lauschen.
   »Immer lobt er nur sie. Mich sieht er lediglich, wenn mir wieder ein Missgeschick passiert ist.« Er zog die Nase hoch.
   Ännchen reichte ihm ein Tuch, in das er sich schnäuzen konnte. »Sag so etwas nicht. Mia kann nichts dafür, glaube mir. Sie hat nichts gegen dich.«
   »Ach ja? Hat sie auch nur einmal ein Wort mit mir gesprochen? Weiß sie überhaupt, dass es mich gibt?«
   »Das klingt, als wärest du eifersüchtig oder in sie verliebt.«
   »Bin ich nicht. Doch es gibt etwas, was ich weiß.« Seine Ohren, die zwischen dem struppigen Haar herausragten, leuchteten feuerrot.
   Mia trat rasch vor ihn. »Was weißt du? Und wie kannst du behaupten, ich würde dich nicht beachten? Das stimmt nicht.« Sie hatte die Hände in die Hüften gestemmt und blickte den Küchenjungen wütend an.
   Rutger schreckte auf. Als er sie sah, sprang er von der Bank und rannte durch das Nordtor des Innenhofes.
   »Nun ist er weg«, sagte Ännchen, seufzte und zog die Schultern hoch. »Noch einmal werde ich Walther wohl nicht überreden können, ihn wieder in der Küche arbeiten zu lassen. Ich habe das Versprechen gegenüber meiner Schwester gebrochen. Wo soll der arme Kerl denn hin? Ich mochte ihn, ob du es glaubst oder nicht.«
   »Ach Ännchen, gibt es überhaupt jemanden, den du nicht magst?« Mia griff nach ihrer Hand.
   »Mir fällt gerade niemand ein.« Ännchen schürzte die Lippen. »Nein, wirklich nicht«, fügte sie gequält lächelnd hinzu.
   »Rutgers Behauptungen sind absurd.« Mia nahm die Haube vom Kopf und lockerte mit den Fingern ihre Haare. »Ich würde zu gern wissen, was in seinem Kopf vorgeht. Was hat es mit dieser Andeutung auf sich, er wüsste etwas?«
   »Nimm es dir nicht zu Herzen. Der arme Kerl ist verstört. Ihm sitzt noch der Schreck in den Knochen.«
   Mia nickte und starrte geistesabwesend zum Nordtor. Sie hatte genug Kummer. Ihr fehlte die Kraft, sich noch um Rutgers Verbleib zu sorgen.
   »Ich werde sehen, ob ich eine andere Anstellung für ihn finde.« Ännchen presste die Lippen aufeinander. Sie sah Mia mit einem fragenden Blick an. »Irgendetwas bedrückt dich, mein Kind. Das merke ich schon seit Tagen. Willst du mir nicht erzählen, was es ist?«
   Mia kämpfte mit den Tränen. Ihr größter Traum hatte sich erfüllt. Der Herzog hatte sie zu seiner Leibköchin ernannt, doch sie konnte sich nicht daran erfreuen. Wenn sie an den Schlossherrn dachte, krampfte sich ihr Leib zusammen.
   »Was ist los? Sag mir, was dich bedrückt.«
   Mia atmete tief ein. »Der Herzog macht mir Angst. Er benimmt sich mir gegenüber merkwürdig.«
   »Was heißt merkwürdig?«
   »Er hat mir seine Sorgen und Nöte anvertraut, als würde er mich seit Ewigkeiten kennen. Er hat sogar …«
   »Was hat er?« Ännchens Miene verfinsterte sich.
   Obwohl Mia ihrer Ziehmutter alles anvertrauen konnte, fiel es ihr schwer, darüber zu sprechen. Sie schämte sich.
   »Nun lass dir die Wörter nicht aus der Nase ziehen und rede!«
   »Er hat seinen Kopf in meinen Schoß gelegt.« Mia grub die Fingernägel in Ännchens Arm.
   »O Gott, Kind, das darfst du nicht zulassen! Er darf dir nicht zu nahekommen.« Ännchen schnappte nach Luft. »Was ist dann geschehen?«
   »Seine Gemahlin stand auf einmal in der Tür. Sie hegt bestimmt den Verdacht, ich sei seine Geliebte. Ännchen, ich würde doch niemals …«
   »Das auch noch.« Ihre Ziehmutter verzog die Lippen, bis sie ganz schmal waren.
   Mia hielt inne. Das Herz hämmerte wild in ihrer Brust. »Er macht mir Angst.«
   »Kind, du musst dich von ihm fernhalten.«
   »Wie denn, Ännchen? Was soll ich beim nächsten Mal tun, wenn er mich zu sich einlädt? Sag es mir.«
   »Beim nächsten Mal lasse ich dich entschuldigen. Du bist einfach krank. Danach werden wir weitersehen. Es wird sich schon regeln, glaube mir.«
   Mia hoffte inständig, Ännchen würde recht behalten. Sie wusste einfach nicht, wie sie sich dem Herzog gegenüber verhalten sollte. Wies sie ihn ab, würde er sie bestimmt aus dem Schloss werfen. Sie hatte sich so sehr gewünscht, die Leibköchin des Herzogs zu sein. Ein Schatten legte sich über ihren Traum.

*

Bretzen passierte gerade das Tor, als ihm der Junge mit tränenüberströmtem Gesicht in die Arme lief. Den Flecken auf seiner Kleidung nach musste er ein Küchengehilfe sein. Bretzen fasst ihn an der Schulter und sah in seine verschreckten Augen.
   »Na, was haben wir ausgefressen, dass wir so schnell vom Schloss verschwinden müssen?«
   »Nichts, nichts …«, stammelte der Junge und wischte sich mit dem Ärmel den Rotz von der Nase.
   »So sieht es aber nicht aus.« Bretzen holte ein Stückchen Marzipan aus seiner Tasche und reichte es dem Jungen. »Verrätst du mir deinen Namen?«
   Der Junge stierte auf die Leckerei in Bretzens Handfläche. »Rutger ist mein Name. Der Küchenmeister hat mich des Schlosses verwiesen.«
   »So? Was hast du denn verbrochen?« Bretzen zog Rutger hinter ein Gebüsch, wo er sich unbeobachtet mit dem Küchenjungen unterhalten konnte. Er wusste, die Bediensteten waren die sichersten Quellen, wenn es darum ging, zu erfahren, was sich auf dem Schloss zutrug. Das Vertrauen des Jungen hatte Bretzen schnell gewonnen. Dieser erzählte ihm, was er über Mia und den Herzog wusste. »Wie bist du an dein Wissen gekommen?« Bretzen sah Rutger erstaunt an.
   »Der Vorkoster des Herzogs teilt seine Kammer mit mir. Doch Ihr könnt mir glauben, diese Mia schmeißt sich dem Herzog an den Hals.«
   »So, so«, grummelte Bretzen und rieb sich mit dem Finger über seine Hakennase, bevor er den Küchenjungen fortschickte.

*

Der Herzog blickte zufrieden auf seinen Teller. Auch wenn kein Geld mehr für auserlesene Speisen zur Verfügung stand, wusste seine Mia, wie man aus alltäglichen Zutaten einen Gaumenschmaus zubereiten konnte. Der Hofstaat hatte sich inzwischen um die Hälfte verringert. Die Verbliebenen saßen mit langen Gesichtern an der Tafel. Die Damen rümpften die Nasen und die Herren blickten missmutig auf die Hühnerschlegel. Das kümmerte den Herzog nicht. Er griff beherzt zu und genoss die Würze der Speisen, von Mia zusammengestellt. Neben ihm blickte Antonie auf ihre Hände, die sie im Schoß gefaltet hatte. Sie sah ein wenig blass aus. Das würde sich bald ändern. Es würde ihr wieder besser gehen, wenn erst einmal der Teufel aus ihrem Leib gewichen war. Wenn nicht, war es ihm auch recht, dann konnte er ohne schlechtes Gewissen mit Mia einen Sohn zeugen. Bei dem Gedanken daran spürte er eine Regung zwischen seinen Lenden, begleitet von einem wohligen Ziehen in der Bauchhöhle. Vielleicht sollte er versuchen, den Priester zu bestechen? Nein, das war undenkbar, denn der Herrgott würde ihn dafür strafen. Gedankenverloren knabberte er an dem Hühnerbein und schob sich anschließend einen Löffel voll Erbsenpüree zwischen die Lippen. Er liebte das Aroma der Kresse, das sich auf seiner Zunge entfaltete. Mia hatte wieder einmal seinen Geschmack getroffen und ein weiteres Stück seines Herzens erobert. Johann schloss die Augen und dachte bei jedem Bissen an ihre engelhafte Gestalt. Gott musste sie ihm geschickt haben, um ihm zu zeigen, wie es im Paradies sein würde.

Zufrieden und gesättigt lehnte er sich zurück, verschränkte die Hände vor dem Bauch und pulte mit der Zunge die Reste vom Hühnerfleisch aus seinen Zähnen. Das Stimmengewirr um ihn herum versetzte ihn in einen Dämmerzustand. Bevor er gänzlich einnickte, erhob er sich von seinem Platz und begab sich in sein Gemach, um ein Mittagsschläfchen zu halten.

Eingerollt, mit der Schnauze auf dem Schwanz, lag Tasso vor dem Kamin. Die Holzscheite knisterten in den Flammen. Johann entledigte sich seiner Kleider und zog den Morgenrock über. Mit einem Seufzer setzte er sich in seinen Lehnstuhl, griff nach seiner Pfeife auf dem Beistelltisch und zündete sie an. Nachdem er ein paar Mal daran gezogen hatte, sah er dem blauweißen Rauch nach, der seinen Mund verließ. Tasso erhob sich langsam und verließ sein warmes Plätzchen, um sich neben seinem Herrn niederzulassen.
   Johann tätschelte ihm den Kopf. »Du hättest die Gesichter an der Tafel sehen müssen.« Ein kurzes Lachen entfuhr seiner Kehle. »Diese angewiderten Blicke, weil ihnen nicht mehr die erlesensten Speisen serviert und die edelsten Weine kredenzt werden. Weißt du, mein guter Tasso, mir macht es nichts aus, mal Hühnerfleisch zu essen, solange es von Mia zubereitet wird. Glaube mir, sie könnte sogar eine Brotsuppe schmackhaft kochen.« Johann zog an seiner Pfeife. »Lange werden die Landstände mich nicht mehr so knapp halten. Bald werde ich einen Sohn zeugen. Dann zerplatzen die Träume der Fürsten im Reich, Jülich-Kleve-Berg an sich reißen zu können. Sie alle warten auf mein Ableben ohne Nachfolger. Wie Wölfe um ihre Beute schleichen sie um mein Land. Sie wissen nicht, dass die eigentlichen Herrscher die Spanier sind. Diese haben die Niederländer bereits fest im Griff. Sie belagern mein Territorium, wie es ihnen gefällt. Du kannst mir glauben, mein Sohn wird es ihnen zeigen. Verlass dich darauf, Tasso, er wird sie aus dem Jülicher Land vertreiben. Nicht mehr zulassen, wie sie weiter unsere Ländereien für ihre Feldzüge nutzen und sie schändlich verwüsten.« Johann erhob sich aus seinem Lehnsessel und streckte gähnend die Arme von sich. »Zeit für ein Schläfchen, mein Guter.«
   Er versank in den Kissen, drehte sich auf die Seite und zog die Wolldecke über seine Schultern. Bevor Johann in das Land der Träume gleiten konnte, verspürte er ein leichtes Ziehen in seinen Gedärmen. Die Übelkeit, die diesem folgte, ließ ihn aufspringen. Er riss den Vorhang seines Bettes zur Seite und beugte den Kopf vor. Gleich darauf verteilte sich der Inhalt seines Magens auf den Holzdielen. Seine Gedärme krampften sich zusammen, sie rumorten, als säße ein knurrender Wolf darin. Johann sprang aus dem Bett und musste aufpassen, nicht auf dem Erbrochenen auszurutschen. Er zog seinen Nachttopf unter dem Bett hervor und erleichterte sich. Selbst nachdem sein Körper die gesamte Mahlzeit hergegeben hatte, fühlte er sich nicht besser. Schüttelfrost überfiel ihn, und seine Kräfte schwanden. Plötzlich hatte er das Gefühl, als würde sich das Gemach um ihn drehen. Er ließ sich auf sein Bett fallen und zog die Beine an, um den Krämpfen in seinem Leib entgegenzuwirken. Jemand musste ihm Gift unter die Speisen gerührt haben! Die Brokatvorhänge verschwammen vor seinen Augen und es wurde dunkel um ihn herum.